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dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

25. Februar 1999

03

NATO

DAS NEUE STRATEGISCHE VERTEIDIGUNGSKONZEPT
Rede von Verteidigungsminister Cohen

EINE STABILE ESVI WIRD EUROPA UND DIE
NATO STÄRKEN
Rede von Botschafter Alexander Vershbow

WIRTSCHAFT

RUBIN SIEHT NOTWENDIGKEIT FÜR
POLITISCHEN WILLEN
Rede von Finanzminister Rubin

UMWELT

KONFERENZ VON BUENOS AIRES ERREICHT
DIE WICHTIGSTEN DIPLOMATISCHEN ZIELE
Eine Übersicht

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�NATO

24. Februar 1999

Das neue strategische Verteidigungskonzept
Rede von Verteidigungsminister Cohen
München - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister William S. Cohen bei der
Wehrkundetagung in München vom 6. Februar 1999.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist ein Jahrzehnt
vergangen. Meiner Ansicht nach liegt die Herausforderung für die Vereinigten Staaten und für alle
unsere europäischen Bündnispartner und Freunde
darin, sich vollständig der Welt anzupassen, in der wir
leben. Wir dürfen sie nicht sehen, wie sie einmal war,
sondern wie sie wirklich ist. Wir müssen uns vorstellen, wie sie sein könnte und versuchen, sie unseren Interessen gemäß vorteilhaft zu gestalten.
Als Vaclav Havel vor einer gemeinsamen Sitzung des
Kongresses sprach, begann er mit der Feststellung,
die Dinge entwickelten sich so schnell, daß er wenig
Zeit habe, erstaunt zu sein. Ich würde gerne darlegen,
was in der kurzen Zeitspanne seit vorigem Jahr
geschehen ist. Als wir uns in diesem Hotel zu ungefähr dieser Zeit trafen, richtete sich die Aufmerksamkeit
der Welt auf Saddam Hussein, der ganz offenkundig
versuchte, die UN-Waffeninspektoren durch Verdunkelungs- und Behinderungsmanöver zu besiegen.
Dieses Verhaltensmuster führte schließlich zu Angriffen der Vereinigten Staaten. Mit Hilfe unserer
britischen Freunde und Bündnispartner in der Region
konnten die Fähigkeiten Iraks begrenzt werden,
Massenvernichtungswaffen zu liefern und seine
Nachbarn zu bedrohen.
Aber nur wenige Wochen nach unserem letzten
Treffen marschierten serbische Truppen tatsächlich in
den Kosovo ein. Sie lösten eine Flut der Gewalt aus,
was zu Vorbereitungen der NATO auf einen Luftangriff
führte. Luftangriffe - möchte ich hinzufügen, und
Generalsekretär Solana ist hier, um es zu bestätigen bleiben auch heute noch eine Option. Sollte Serbien
einer Beilegung der Krise nicht zustimmen, werden sie
durchgeführt.

AMERIKA DIENST 03

Seit wir uns das letzte Mal trafen, erlebten wir Nuklearexplosionen in Indien und Pakistan, die die Welt
schockierten. Wir erlebten, wie Terroristen in der
Nähe unserer Botschaften in Afrika Hunderte niedermetzelten und Tausende verwundeten, meist Afrikaner
und viele von ihnen Muslime. Sie planten weitere
Anschläge auf unsere Botschaften, was zielgerichtete
Aktionen der Selbstverteidigung unsererseits auslöste.
Ebenfalls seit unserem letzten Treffen verblüffte
Nordkorea die Welt durch den Abschuß einer Taepo
Dong 1-Langstreckenrakete über Japan in den Pazifik.
Die Zukunft kommt also mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf uns zu, und wir verschließen die Augen vor der
Gegenwart auf eigene Gefahr.
Ich würde gerne kurz auf die Zukunft zu sprechen
kommen. In weniger als drei Monaten werden wir am
Washingtoner Gipfel teilnehmen. Die NATO wird dann
an den entscheidenden Moment vor etwa 50 Jahren
erinnern, als sich unsere Vorgänger ansahen und sich
dann zum Aufbau einer gemeinsamen Verteidigung
einander zuwandten. Wir werden den drei neuen
NATO-Mitgliedern Polen, der Tschechischen Republik
und Ungarn sowie allen unseren Partnerstaaten von
Albanien bis Aserbaidschan die Hand reichen.
Während des Gipfels werden wir beschließen, daß wir
eine neue NATO für ein neues Zeitalter brauchen. Ich
weiß, Worte bemänteln nur den nackten Gedanken,
und ich möchte auf ähnliche Gedanken noch zu
sprechen kommen, aber zunächst einmal einige Worte
ins Gedächtnis rufen, die unser Kollege George
Robertson zu schätzen wüßte.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sagte Churchill:
"Wenn Soldaten eine Situation bewältigen sollen,
schreiben sie für gewöhnlich über ihre Anweisungen
'strategisches Konzept'. Was also", fragte er rhetorisch, "ist das strategische Konzept, dem wir uns heute

Seite 1

�verschreiben sollen?" Und er beantwortete seine
Frage: "Nichts Geringeres als unsere Sicherheit, unser
Wohlstand, unsere Freiheit und unser Fortschritt."
Dies sind wiederum alles sehr bedeutungsvolle Worte,
aber wir müssen nun herausfinden, was hinter den
Worten und unseren nackten Gedanken steht.
Das Strategische Konzept, das wir während des
Washingtoner Gipfels vorstellen werden, wird die von
Churchill erwähnten beständigen Wahrheiten erneut
bestätigen und die neuen Realitäten anerkennen: Daß
die NATO vor allem ein militärisches Bündnis ist,
dessen wichtigster Auftrag die kollektive Verteidigung
seiner Nachbarn bleibt; daß die NATO immer auf der
Grundlage des Konsenses handeln wird, und daß die
NATO immer im Geist der Prinzipien der Vereinten
Nationen handeln wird.
Unsere bedeutendste und ich würde sagen alles
überragende Herausforderung beim Aufbau einer
neuen NATO ist die Anpassung und Umgestaltung des
Bündnisses zur Bewältigung der neuen Herausforderungen und zum Schutz der gemeinsamen
Interessen. Die NATO muß ihre Truppen vorbereiten.
Wir müssen sie darauf vorbereiten, den Streß und die
Anspannung von Einsätzen wie in Bosnien auszuhalten. Es gab keine bereits bestehenden Kommunikationsverbindungen, keine bereits bestehende Logistik,
kein Hauptquartier oder sonstige Infrastruktur. Deshalb entwickeln wir diese Initiative zur Umgestaltung
der Verteidigungsfähigkeit unseres Bündnisses.
Aus den Sprüchen Salomons wissen wir natürlich: "Wo
keine Vision ist, wird das Volk zügellos", und deshalb
brauchen wir eine gemeinsame Vision. Wir müssen
die Verteidigungsfähigkeit der NATO umgestalten,
indem wir uns auf vier Kernfähigkeiten konzentrieren.
Es handelt sich hier um grundlegende Dinge, bei
denen wir wohl alle einer Meinung sind. Wir müssen
die nötige Mobilität für eine schnelle Verlegung unserer
Truppen gewährleisten. Wir müssen effektiv handeln,
indem wir richtig reagieren, mit einem humanitären
oder einem Kampfeinsatz, wann und wo er nötig ist, im
richtigen Umfang, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit.
Wir müssen unser Durchhaltevermögen durch eine
besser zugeschnittene und effizientere Logistik zur
Unterstützung unserer Truppen verbessern.
Und
natürlich müssen wir die Überlebensfähigkeit unserer
Truppen verstärken, indem wir sie vor terroristischen,
chemischen, biologischen und sogar vor Cyberangriffen schützen.
Jeder von uns unternimmt eigene Schritte zur Bekämpfung derartiger Bedrohungen, zur Abwendung
der auf unsere Achillesferse gerichteten chemischen
und biologischen Pfeile. Aber ich denke, gemeinsam
können wir mehr tun, um die Hoffnungen derjenigen zu
zerschlagen, die uns Furcht und eine Hand voll Staub
zeigen, wenn ich Auden etwas abwandeln darf.
Deshalb haben wir eine Initiative zu Massenver-

nichtungswaffen vorgeschlagen, mit einem zentralen
Clearinghaus für gesteigerten Informationsaustausch
und verbesserten Programmen zum Schutz unseres
Militärs und unserer Zivilbevölkerung. Wir haben über
Schutz vor Terrorismus gesprochen. Das bedeutet
mehr nachrichtendienstliche Informationen.
Wir
müssen mehr Informationen sammeln und diese
Informationen auf kollektiver Basis austauschen, wenn
wir wirklich in der Lage sein wollen, diejenigen zu
besiegen, die große Opfer unter unserer Bevölkerung
fordern. Diese Bestrebungen werden die im Bündnis
bereits begonnene Arbeit untermauern, nicht überschatten.
Ich sollte auch meine feste Überzeugung hervorheben,
daß die beste Aussicht auf Schutz vor Angriffen mit
Massenvernichtungswaffen - seien sie nuklearer,
biologischer oder chemischer Natur - das Recht ist, auf
solche Angriffe mit allen uns zur Verfügung stehenden
Mitteln zu reagieren. Jegliche Infragestellung dieser
Politik unterminiert unsere Abschreckungsfähigkeit.
Ich denke, wir müssen dies gegenüber allen, die einen
Angriff des Bündnisses mit Massenvernichtungswaffen
in Betracht ziehen, sehr deutlich zum Ausdruck
bringen.
Unsere Truppen auf die Zukunft vorzubereiten,
bedeutet auch Vorbereitung auf die Möglichkeit
terroristischer Anschläge auf NATO-Truppen und
Einrichtungen.
Jeder von uns ergreift wiederum
eigene Gegenmaßnahmen, aber gemeinsam müssen
wir mehr gegen diese terroristische Bedrohung tun,
und ich meine, der Washingtoner Gipfel wird uns die
Möglichkeit bieten, eine wirkliche Grundlage für die
Bewältigung dieser Bedrohung als Bündnis und nicht
im Alleingang zu schaffen. Wenn unsere Truppen
dazu bestimmt, ausgerüstet und vorbereitet sein
sollen, sich den Bedrohungen von morgen zu stellen,
müssen wir heute umsichtigere und klügere Investitionen tätigen. Voriges Jahr fiel mir die Kluft zwischen
den Ausgaben der Vereinigten Staaten und des
Bündnisses für Forschung, Entwicklung und Beschaffung auf. Ich argumentierte damals, sollte der Verteidigungshaushalt des Bündnisses auf der Suche nach
Friedensdividenden weiterhin zurückgehen, wäre der
Frieden und nicht die Dividende in Gefahr.
Dieses Jahr kann ich berichten, daß wir auf unsere
Worte Taten haben folgen lassen. In dem erst vor
einigen Tagen dem Kongreß vorgelegten Haushaltsentwurf Präsident Clintons sind für die nächsten sechs
Jahre zusätzliche 112 Milliarden Dollar für Verteidigungsressourcen vorgesehen. Das ist die größte
kontinuierliche Aufstockung der Verteidigungsausgaben in den letzten 15 Jahren. Um die Einsatzbereitschaft heute zu garantieren sieht unser Haushalt den
größten Zuwachs an Löhnen, Gehältern und sonstigen
Vergütungen für das Militär innerhalb einer Generation
vor. Um die Einsatzbereitschaft morgen zu garantieren
- General Clark (Oberster Allierter Befehlshaber

AMERIKA DIENST 03

�Europa) nickt zustimmend - sind in unserem Haushalt
für das nächste Haushaltsjahr 53 Milliarden Dollar für
Beschaffung ausgewiesen, die im Jahr 2001 auf 60
Milliarden Dollar und danach noch viel höher steigen
werden. Diese neuen Ressourcen ermöglichen es
uns, die Streitkräfte mit den erforderlichen Schiffen,
Flugzeugen und Waffen auszustatten, um diese
Revolution gemäß operativen Konzepten durchzuführen, die unsere Kampfstrategie verändern
werden.
Unser Haushalt ist nicht nur ein Spiegel der Welt, wie
sie ist, sondern wie sie vielleicht sein wird. Wir werden
weiterhin Mittel für Forschung, Entwicklung und
Entsendung von Luft- und Raketenabwehr für die
Verteidigung amerikanischer Truppen im Ausland
sowie unserer Freunde und Bündnispartner zur
Verfügung stellen. Unser Haushalt enthält ebenfalls
einen bedeutenden Mittelzuwachs für ein Nationales
Raketenabwehrprogramm (National Missile Defense
Program - NMD).
Ich sehe den ehemaligen amerikanischen Verteidigungsminister, Don Rumsfeld, heute im Publikum. Ich
möchte ihn und den zur Analyse dieser Situation
eingesetzten Ausschuß besonders beglückwünschen.
Dank des Rumsfeld-Ausschusses haben wir unsere
Ansicht über die Geschwindigkeit, mit der unser Volk
und unser Land der Bedrohung durch einen Angriff mit
ballistischen Flugkörpern ausgesetzt sein könnte,
wirklich geändert. Wir haben deshalb in unserem
Haushalt Mittel für die Vorbereitungen zum Schutz des
amerikanischen Heimatlandes gegen sich abzeichnende Bedrohungen durch strategische ballistische
Flugkörper verbrecherischer Länder vorgesehen. Wie
ich in den letzten Tagen mehrmals hervorgehoben
habe, wird Präsident Clinton bis Juni 2000 keine
Entscheidung über die Stationierung von Truppen
treffen. In der Zwischenzeit führen die Vereinigten
Staaten allerdings lebhafte Diskussionen mit unseren
russischen Freunden über die Art der möglicherweise
erforderlichen Änderungen des ABM-Vertrags; Änderungen, die unsere beiderseitigen strategischen
Anliegen berücksichtigen und gleichzeitig unserem
Volk Schutz vor einem begrenzten Angriff mit ballistischen Flugkörpern bieten.
Es ist vielleicht nicht allen Mitgliedern des Bündnisses
möglich, den Verteidigungshaushalt wesentlich
aufzustocken; aber wenn das Bündnis in Wort und Tat,
im Kampfvermögen und politischer Attraktivität bestehen soll, dürfen die Verteidigungshaushalte unserer
Ansicht nach nicht weiter reduziert werden. Die
Schwierigkeiten und Gefahren der Welt lassen dies
einfach nicht zu.
Ich möchte nur kurz noch einige weitere Bemerkungen
machen. Der vorbereitete Text meiner Rede steht
Ihnen, glaube ich, allen zur Verfügung und ich werde
versuchen, ihn kurz zusammenzufassen. Die sich uns

AMERIKA DIENST 03

stellenden Gefahren und die im Zusammenhang mit
dem Aufbau dieser neuen NATO für das nächste
Jahrhundert auf uns zukommenden Veränderungen
bringen den Aufbau noch stärkerer Partnerschaften mit
unseren europäischen Freunden im Rahmen des
Programms Partnerschaft für den Frieden mit sich.
Bob Hunter, ich sehe Sie am Gang sitzen - ich werde
allen hier sagen, daß ich dem Programm Partnerschaft
für den Frieden bei seiner ursprünglichen Gründung
sehr skeptisch gegenüber stand. Aufgrund seiner
wirklich heldenhaften Bemühungen, es funktionsfähig
zu machen, bin ich nun von dem großen Erfolg des
Programms Partnerschaft für den Frieden überzeugt.
Wir beabsichtigen, das Programm Partnerschaft für
den Frieden (PfP - Partnership for Peace) so zu
nutzen, daß immer mehr Nationen die Tür zur NATO
geöffnet werden kann. Aber wie bereits erwähnt, sollte
das Partnerschaftsprogramm Selbstzweck für diejenigen Staaten sein, die der NATO nicht beitreten
möchten.
Den der PfP-Mitgliedschaft eigenen Wert zu steigern,
ist die treibende Kraft für unsere Bemühungen auf
verschiedenen Gebieten. Wir werden dieses Programm stärken. Wir werden die Militärausbildung
durch ein Konsortium von Verteidigungsakademien
verbessern. Wir werden Übungen durch ein Computersimulationsnetzwerk ausbauen. Wir werden durch
spezialisierte Ausbildungszentren in unseren Partnerstaaten einen Wissensaustausch betreiben. Wir
beabsichtigen dem Ausbau des PfP-Programms viel
Energie zu widmen.
Schließlich möchte ich noch erwähnen, für wie außerordentlich wichtig wir das amerikanische Verhältnis zu
Rußland und die Beziehungen der NATO zu Rußland
erachten. Wir sind der Meinung, daß jedes Treffen des
Ständigen Gemeinsamen Rats mit unseren russischen
Freunden zur Stabilisierung unserer Beziehungen auf
dem ganzen europäischen und eurasischen Kontinent
beiträgt. Ebenso sehr glauben wir an die Charta mit
der Ukraine. Wir beabsichtigen, weiterhin mit Rußland
und der Ukraine zusammenzuarbeiten, in der Annahme, daß es ohne ein stabiles Rußland und eine
stabile und wohlhabende Ukraine keine Stabilität auf
dem Kontinent geben wird.
Liebe Kollegen, ich werde hier innehalten und freue
mich nicht nur auf ihre Beiträge heute Nachmittag,
sondern auch auf ihre Teilnahme am Washingtoner
Gipfel. Ich denke, wir blicken zurück auf unsere
Vorgänger und danken ihnen für ihre Vision und ihren
Weitblick, als sie sich über die Zyniker und Deterministen hinwegsetzten, die glaubten, es wäre uns bestimmt, einfach im Kielwasser des historischen
Konflikts zu treiben. Unsere Vorgänger sagten, wir
hätten die Chance, in die Zukunft zu blicken und für die
nächsten 50 Jahre eine noch stärkere und dauerhaftere Beziehung aufzubauen. Ich freue mich darauf, Sie
alle bei dem Gipfel wiederzusehen.

Seite 3

�Ich möchte feststellen, daß die WEU mit ihren unterschiedlichen Arten des Status für Nichtverbündete der
EU, nicht der NATO angehörende EU-Mitglieder sowie
die zentral- und osteuropäischen Partner einen
bewundernswert integrativen Ansatz verfolgt. Abweichungen bei der Mitgliedschaft in der NATO und der
EU werden mit dem Beitritt von Polen, Ungarn und der
Tschechischen Republik zum Bündnis zunehmen und
sich angesichts des langsamen Tempos der EUErweiterung weiter verstärken.
Wenn die ESVI daher eher eine Angelegenheit der EU
als eine der WEU wird, ist Innovation beim weiteren
Engagement der nicht der EU angehörenden Europäer erforderlich - vielleicht durch die Öffnung der GASP
für die an der Teilnahme an Maßnahmen zur Umsetzung der GASP-Entscheidungen interessierten nicht
der EU angehörenden Länder. Sonst könnte die
Verfügbarkeit von Mitteln und Unterstützung der
NATO gefährdet werden - nicht durch ein "amerikanisches Veto", sondern die Ressentiments der von
den Aktionen ausgeschlossenen Verbündeten. (In der
Tat hören wir bereits Beschwerden, daß die Debatte in
Gefolge von St. Malo vornehmlich in der EU stattfindet, nicht in der NATO und nicht einmal in der
WEU.)
Die institutionellen Aspekte müssen daher mit Vorsicht
behandelt werden. W e ich bereits betont habe, sollten
institutionelle Fragen jedoch zweitrangig hinter dem
grundlegenden Thema der Fähigkeiten sein. Sobald
die Grundlage der ESVI durch Verbesserungen bei
der Kräfteprojektion und den nachhaltigen Fähigkeiten
der europäischen Verbündeten unter einem soliden
transatlantischen "Dach" gestärkt ist, sind die spezifischen institutionellen Arrangements leichter auszuarbeiten.
Angesichts der Bedeutung von Verbesserungen der
Fähigkeiten freuen wir uns, daß Deutschland als
WEU-Präsident die Aufgabe übernommen hat, eine
Bestandsaufnahme der für von Europäern angeführten
Einsätzen verfügbaren Mittel vorzunehmen, und wir
sehen den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen.
Diese Bestrebungen könnten jedoch auch im Rahmen
der NATO erfolgen.
Die Vereinigten Staaten haben eine - von der NATO
aufgegriffene - Initiative zu Verteidigungsfähigkeiten
vorgeschlagen, die auf der Tagesordnung des Washingtoner NATO-Gipfels stehen wird.
Unseres
Erachtens wird dadurch die nach St. Malo aufgenommene Arbeit zur Weiterentwicklung der ESVI sehr gut

*

AMERIKA DIENST 03

*

ergänzt. Die Initiative der NATO zielt auf die Stärkung
der Fähigkeiten des Bündnisses für Krisenmanagementoperationen außerhalb des Bündnisgebiets ab wo größere Mobilität, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit und Interoperabilität unerläßlich sind.
Unsere in Bosnien gemachten Erfahrungen waren in
humanitärer und geopolitischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg, haben aber auch gezeigt, daß die
Umgestaltung der NATO von der Konzentration auf
eine statische Verteidigung aus Stellungen heraus zu
einer flexibleren, mobilen Verteidigung unvollständig
ist - insbesondere, wenn man die Streitkräfte der
europäischen Verbündeten betrachtet. Zusammen mit
der in der WEU eingeleiteten Arbeit sollten die
europäischen Verbündeten auf die Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit als Instrument zur Unterstützung der in St. Malo geforderten Umstrukturierung der
Streitkräfte zurückgreifen.
Eine weitere Lehre, die wir aus Bosnien und in
jüngster Zeit aus dem Kosovo ziehen können, ist, daß
die Vereinigten Staaten und Europa sich bei der
Durchführung von Einsätzen gegenseitig brauchen,
wenn unsere gemeinsamen Interessen auf dem Spiel
stehen. Die ESVI ist nicht nur eine "West-WestDiskussion". Wie sich die ESVI entwickelt, wird
direkten Einfluß darauf haben, wie die Vereinigten
Staaten und Europa künftige Krisen im Osten und
anderen Gebieten an der Peripherie Europas bewältigen können.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Gründung der
NATO möchten wir natürlich die Leistungen des
Bündnisses im ersten halben Jahrhundert seines
Bestehens feiern. Unserer Ansicht nach sind sie
wirklich außergewöhnlich. W r sehen der Begrüßung
aller Staats- und Regierungschefs in Washington
erwartungsvoll entgegen, insbesondere derjenigen,
die zum ersten Mal als NATO-Mitglieder teilnehmen.
Wir dürfen unsere Verpflichtung nicht aus dem Blick
verlieren, das Bündnis auf die Bewältigung der
Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert
vorzubereiten.
Wir können unsere historischen
Leistungen des letzten halben Jahrhunderts am
besten durch Zusammenarbeit bei der Gestaltung
einer ebenso ehrgeizigen, ebenso fortschrittlichen und
ausgewogeneren
transatlantischen
Sicherheitspartnerschaft für die nächsten 50 Jahre würdigen.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 3

�NATO

24. Februar 1999

Eine stabile ESVI wird Europa und die NATO stärken
Rede von Botschafter Vershbow

Paris - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Ständigen Vertreters der Vereinigten Staaten beim
Nordatlantikrat, Botschafter Alexander Vershbow, am Institut für Sicherheitsstudien der Westeuropäischen Union
in Paris vom 28. Januar 1999.

Ich möchte dem Institut für Sicherheitsstudien der
WEU für die Gelegenheit danken, an diesem sehr
aktuellen Seminar teilnehmen zu dürfen. Es ist mir
eine große Freude, heute mit Ihnen hier zu sein, um
über die ESVI (Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität) aus amerikanischer Sichtweise zu
sprechen - etwas, woran ich einen Großteil dieses
Jahrzehnts bei der NATO und in Washington gearbeitet habe.

der ESVI für den Aufbau Europas und die Vertiefung
der Integration der EU nicht herab. Aber eine nicht
auf den wirklichen Fähigkeiten und Verpflichtungen
beruhende Diskussion über die ESVI wäre lediglich
eine Schriftübung. Diese Punkte standen im Mittelpunkt des Aufrufs des britischen Premierministers
Tony Blair zu einem erneuerten europäischen Dialog
über die ESVI, und wir begrüßen diesen neuen
Schwerpunkt auf den Fähigkeiten.

Die Frage der Entwicklung und Nutzung der ESVI ist
natürlich nicht neu. Führende europäische Politiker
haben schon lange vor St. Malo nach Wegen zur
Stärkung des "europäischen Pfeilers" innerhalb des
Bündnisses gesucht, und einige befürworten eine
Sicherheitsrolle für die EU und schließlich eine
"freundliche Übernahme" der WEU durch die Europäische Union. Doch die jüngsten Diskussionen in St.
Malo haben erhöhte Aufmerksamkeit auf dieses
Thema gerichtet. Es kann mit Recht als neuer
Vorschlag für eine neue Zeit bezeichnet werden,
aufbauend auf dem "acquis" der letzten fünf Jahre besonders den bahnbrechenden Entscheidungen des
Ministertreffens des Nordatlantikrats 1996 in Berlin.

Lassen Sie mich hinzufügen, daß die französischen
Bestrebungen unserer Ansicht nach eine positive
Entwicklung darstellen. Mit der Zeit können gesteigerte Bemühungen zur Koordinierung von Verbesserungen der Fähigkeiten - wenn dies wirklich eine der
Folgen von St. Malo ist - zu größerer Interoperabilität
zwischen französischen und anderen verbündeten
Truppen führen. Größeres französisches Engagement in den Militärstrukturen der NATO - insbesondere bei einer französischen Entscheidung zur vollwertigen Teilnahme - wird die ESVI in der NATO
angesichts der herausragenden von Frankreich
eingebrachten Fähigkeiten stärken.

Ich muß auch mein persönliches Interesse an der
Erklärung von St. Malo gestehen. Seit ich vor einem
Jahr bei der NATO ankam, sage ich, Europa müsse
seine Fähigkeit zur Kräfteprojektion und Nachhaltigkeit verbessern, wenn die ESVI mehr als nur ein
Slogan sein soll. Ich freue mich feststellen zu können,
daß Europa sich dieser Herausforderung stellt.
In der Vergangenheit ging es bei europäischen
Diskussionen über die ESVI fast ausschließlich um
institutionelle Arrangements. Solche Arrangements
sind sicherlich wichtig, und ich setze die Bedeutung

AMERIKA DIENST 03

Die allgemeine Richtungsweisung von St. Malo ist
unseres Erachtens positiv, und wir freuen uns alle auf
einen fruchtbaren Gedankenaustausch über die ESVI
in den kommenden Monaten. Wie Außenministerin
Albright sagte, begrüßen die Vereinigten Staaten
einen leistungsfähigeren europäischen Partner mit
modernen, flexiblen Streitkräften, die fähig sind,
Brandherde in Europas Hinterhof zu löschen und
durch das Bündnis zur Verteidigung unserer gemeinsamen Interessen mit uns zusammenzuarbeiten.
Wir sind fest davon überzeugt, daß eine stärkere ESVI
nicht nur von einer Stärkung der europäischen

Seite 1

�Strukturen der Entscheidungsfindung und dem
gemeinsamen politischen Willen abhängt, sondern
auch von der Fähigkeit Europas, der ESVI durch
Verbesserungen der europäischen militärischen
Fähigkeiten Rückhalt zu geben.
Gleichzeitig sind wir der Meinung, der Rahmen der
transatlantischen Kooperation und die Berliner
Entscheidungen von 1996 sind positive, bei der
Weiterentwicklung der ESVI zu berücksichtigende
Faktoren. Verbesserungen der militärischen Fähigkeiten können zur Untermauerung des "Fundaments"
der Struktur der ESVI beitragen, aber wir müssen
auch darauf achten, das in Berlin geschaffene transatlantische "Dach" der ESVI zu erhalten.
Unser Kongreß und die Öffentlichkeit wünschen eine
gerechtere Verteilung der Verantwortlichkeiten im
Bündnis. Eine stabile, die transatlantische Dimension
bewahrende ESVI wird Europa und die NATO stärken
und ist entscheidend für die kontinuierliche amerikanische Unterstützung für das Bündnis als Ganzes.
Die aus der "Reflektion" Europas über eine Fortentwicklung der ESVI entstandenen potentiellen
Probleme bilden einen Schwerpunkt dieses Seminars.
Gerne würde ich Ihnen meine Überlegungen hinsichtlich einiger zu beantwortender Fragen und zu vermeidender Fallstricke mitteilen.
Erstens müssen wir der Beendigung der verbleibenden Arbeit von Berlin über den Aufbau der ESVI
innerhalb der NATO hohe Priorität einräumen. Wir
sollten diese wichtige, unserer Auffassung nach sehr
vielversprechende Aufgabe nicht aus den Augen
verlieren. Wir befinden uns mit unserer Arbeit schon
fast an der "Ziellinie", aber die Zeit läuft uns davon,
und wir müssen weitermachen und die Aufgaben bis
zum Washingtoner Gipfel erledigen.
Nach Washington und Aufstellung der Rahmenvorgaben besteht ein Spielraum für die Weiterführung
des Prozesses: Die Übernahme mehrerer Funktionen
auf verschiedenen Ebenen der Planungs- und Befehlsstruktur wird die WEU und die EU in die Lage
versetzen, Petersberg-Missionen vorzubereiten und
auszuführen, ohne die Notwendigkeit, Strukturen zu
verdoppeln, was sowohl kostenintensiv wäre als auch
politische Uneinigkeit stiften würde.

Zweitens, die Vereinigten Staaten sind - wie Großbritannien - offen für von den Europäern eventuell
gewünschte institutionelle Arrangements für ihre
zukünftige Sicherheits- und Verteidigungsidentität.
Aufgrund unserer Unterstützung einer starken ESVI
und erfolgreicher Beziehungen zwischen der NATO
und der WEU haben wir trotz allem ein starkes
Interesse an der institutionellen Seite der ESVI, falls

Seite 2

die Regierungen sich entschließen sollten, der
Europäischen Union eine Verteidigungsdimension zu
geben.
Unser Hauptanliegen bei der Suche nach Wegen, das
Verhältnis zwischen NATO und WEU in einen
möglichen NATO-EU-Rahmen zu übertragen, ist die
Sicherstellung, daß die neuen Beziehungen die
gleichen in Berlin so sorgfältig erarbeiteten Prinzipien
verkörpern und bewahren.
Ein besonders wichtiger im Berliner Kommunique
verankerter Punkt war der Grundsatz, wo immer
möglich gemeinsam (durch die NATO) zu handeln.
Das ist die beste Methode, Solidarität und Effektivität
zu garantieren. In einigen wenigen Fällen könnten die
Vereinigten Staaten beschließen, nicht an einem
Einsatz teilzunehmen, aber die Entscheidung, ob die
NATO oder die WEU (oder die EU) einen Einsatz
leitet, sollte gemeinsam getroffen werden.
Wir
brauchen ein einheitliches Ziel, auch wenn sich einige
Bündnispartner entschließen, an einem bestimmten
Einsatz nicht teilzunehmen.
Dies ist keine Frage des "Arbeitsablaufs" im buchstäblichen Sinne: Bei Entstehung und Entfaltung ei ner
Krise werden Konsultationen in zahlreichen Foren und
Formen abgehalten; der Schlüssel liegt in einer
gewissenhaften transatlantischen Diskussion vor der
Entscheidung, wer am besten in der Lage ist, die
Führung zu übernehmen, wenn militärische Aktionen
erforderlich sind. Das ist wichtig, weil Sicherheitsangelegenheiten sich von Wirtschafts- und Außenpolitik unterscheiden. Außer bei Kleinsteinsätzen
besteht immer die Gefahr der Eskalation einer Situation, sogar bis zu einem Artikel V-Risiko, und eventuell
könnte zusätzliche militärische Unterstützung (der
NATO, also der USA) benötigt werden. Deshalb sind
vollständige Konsultationen durch die NATO sinnvoll
für den Ablauf und entscheidend für die Wahrung von
Solidarität - das Markenzeichen des Bündnisses.
(Das meint Außenministerin Albright mit "keine
Entkoppelung".)
Im Übrigen müssen wir den Grundsatz von "trennbaren aber nicht getrennten" Truppen aufrechterhalten, statt vorhandene Fähigkeiten und Strukturen
zu verdoppeln. Bei stagnierenden oder rückläufigen
Vertreidigungsbudgets in fast ganz Europa wären
redundante Strukturen besonders unklug.
Wir müssen außerdem dem unterschiedlichen Mitgliedschaftstatus der Länder Rechnung tragen, um
Diskriminierung und neue Trennlinien zu vermeiden.
Einbindung muß der Grundsatz sein. Ein europäischer Einsatz hat die größte Aussicht auf Erfolg, wenn
er die politische und praktische Unterstützung der
nicht der EU angehörenden Bündnispartner - und
nicht zuletzt der Türkei - hat.
AMERIKA DIENST 03

�Ich möchte feststellen, daß die WEU mit ihren unterschiedlichen Arten des Status für Nichtverbündete der
EU, nicht der NATO angehörende EU-Mitglieder sowie
die zentral- und osteuropäischen Partner einen
bewundernswert integrativen Ansatz verfolgt. Abweichungen bei der Mitgliedschaft in der NATO und der
EU werden mit dem Beitritt von Polen, Ungarn und der
Tschechischen Republik zum Bündnis zunehmen und
sich angesichts des langsamen Tempos der EUErweiterung weiter verstärken.
Wenn die ESVI daher eher eine Angelegenheit der EU
als eine der WEU wird, ist Innovation beim weiteren
Engagement der nicht der EU angehörenden Europäer erforderlich - vielleicht durch die Öffnung der GASP
für die an der Teilnahme an Maßnahmen zur Umsetzung der GASP-Entscheidungen interessierten nicht
der EU angehörenden Länder. Sonst könnte die
Verfügbarkeit von Mitteln und Unterstützung der
NATO gefährdet werden - nicht durch ein "amerikanisches Veto", sondern die Ressentiments der von
den Aktionen ausgeschlossenen Verbündeten. (In der
Tat hören wir bereits Beschwerden, daß die Debatte in
Gefolge von St. Malo vornehmlich in der EU stattfindet, nicht in der NATO und nicht einmal in der
WEU.)
Die institutionellen Aspekte müssen daher mit Vorsicht
behandelt werden. Wie ich bereits betont habe, sollten
institutionelle Fragen jedoch zweitrangig hinter dem
grundlegenden Thema der Fähigkeiten sein. Sobald

die Grundlage der ESVI durch Verbesserungen bei
der Kräfteprojektion und den nachhaltigen Fähigkeiten
der europäischen Verbündeten unter einem soliden
transatlantischen "Dach" gestärkt ist, sind die spezifischen institutionellen Arrangements leichter auszuarbeiten.
Angesichts der Bedeutung von Verbesserungen der
Fähigkeiten freuen wir uns, daß Deutschland als
WEU-Präsident die Aufgabe übernommen hat, eine
Bestandsaufnahme der für von Europäern angeführten
Einsätzen verfügbaren Mittel vorzunehmen, und wir
sehen den Ergebnissen erwartungsvoll entgegen.
Diese Bestrebungen könnten jedoch auch im Rahmen
der NATO erfolgen.
Die Vereinigten Staaten haben eine - von der NATO
aufgegriffene - Initiative zu Verteidigungsfähigkeiten
vorgeschlagen, die auf der Tagesordnung des Washingtoner NATO-Gipfels stehen wird.
Unseres
Erachtens wird dadurch die nach St. Malo aufgenommene Arbeit zur Weiterentwicklung der ESVI sehr gut

* *

AMERIKA DIENST 03

ergänzt. Die Initiative der NATO zielt auf die Stärkung
der Fähigkeiten des Bündnisses für Krisenmanagementoperationen außerhalb des Bündnisgebiets ab wo größere Mobilität, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit und Interoperabilität unerläßlich sind.
Unsere in Bosnien gemachten Erfahrungen waren in
humanitärer und geopolitischer Hinsicht ein beträchtlicher Erfolg, haben aber auch gezeigt, daß die
Umgestaltung der NATO von der Konzentration auf
eine statische Verteidigung aus Stellungen heraus zu
einer flexibleren, mobilen Verteidigung unvollständig
ist - insbesondere, wenn man die Streitkräfte der
europäischen Verbündeten betrachtet. Zusammen mit
der in der WEU eingeleiteten Arbeit sollten die
europäischen Verbündeten auf die Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit als Instrument zur Unterstützung der in St. Malo geforderten Umstrukturierung der
Streitkräfte zurückgreifen.
Eine weitere Lehre, die wir aus Bosnien und in
jüngster Zeit aus dem Kosovo ziehen können, ist, daß
die Vereinigten Staaten und Europa sich bei der
Durchführung von Einsätzen gegenseitig brauchen,
wenn unsere gemeinsamen Interessen auf dem Spiel
stehen. Die ESVI ist nicht nur eine "West-WestDiskussion". Wie sich die ESVI entwickelt, wird
direkten Einfluß darauf haben, wie die Vereinigten
Staaten und Europa künftige Krisen im Osten und
anderen Gebieten an der Peripherie Europas bewältigen können.
Am Vorabend des 50. Jahrestages der Gründung der
NATO möchten wir natürlich die Leistungen des
Bündnisses im ersten halben Jahrhundert seines
Bestehens feiern. Unserer Ansicht nach sind sie
wirklich außergewöhnlich. Wir sehen der Begrüßung
aller Staats- und Regierungschefs in Washington
erwartungsvoll entgegen, insbesondere derjenigen,
die zum ersten Mal als NATO-Mitglieder teilnehmen.
Wir dürfen unsere Verpflichtung nicht aus dem Blick
verlieren, das Bündnis auf die Bewältigung der
Sicherheitsherausforderungen im 21. Jahrhundert
vorzubereiten.
Wir können unsere historischen
Leistungen des letzten halben Jahrhunderts am
besten durch Zusammenarbeit bei der Gestaltung
einer ebenso ehrgeizigen, ebenso fortschrittlichen und
ausgewogeneren
transatlantischen
Sicherheitspartnerschaft für die nächsten 50 Jahre würdigen.
Ich danke Ihnen.

* *

*

Seite 3

�WIRTSCHAFT

24.Februar 1999

Rubin sieht Notwendigkeit für politischen Willen
Rede von Finanzminister Rubin

Washington - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Finanzminister Robert Rubin bei der
Weltwirtschaftskonferenz in Davos vom 30. Januar 1999.

Heute Morgen möchte ich mich einen Augenblick lang
mit etwas beschäftigen, das viele - auch ich - für die
ernsthafteste Finanzkrise der letzten 50 Jahre halten.
Zunächst würde ich gerne einige Bemerkungen über
diese Krise und dann über die Stärkung des marktorientierten Wirtschaftssystems machen, das meiner
Ansicht nach die besten Perspektiven für zunehmenden wirtschaftlichen Wohlstand der Völker unseres
Planeten bietet.
Wie Sie alle wissen, befindet sich die Weltwirtschaft
mittlerweile im Jahr zwei einer zunächst im Juli 1997
in Thailand ausgebrochenen Finanzkrise, die seitdem
tiefgreifende Auswirkungen auf der ganzen Welt hatte.
Wachstumsmärkte von Asien über Europa bis Lateinamerika sind ernsthaft betroffen und sogar viele der
stärksten Volkswirtschaften in den Industrieländern,
einschließlich der Vereinigten Staaten, mußten in
einigen Sektoren starke Einbußen hinnehmen. Es ist
wahrscheinlich nicht übertrieben zu sagen, daß
insgesamt Milliarden von Menschen betroffen sind.
Diese Krise wurde von vielschichtigen und in vieler
Hinsicht beispiellosen über viele Jahre angewachsenen Problemen in Industrie- und Entwicklungsländern
hervorgerufen, und die Welt wird sich mit der Zeit mit
diesen Problemen auseinandersetzen müssen.
Meiner Meinung nach hat die internationale Gemeinschaft einschließlich des IWF im Großen und Ganzen
vernünftige Entscheidungen zur Bewältigung dieser
komplexen Situation getroffen und ihre Bewertungen
wo angebracht angepaßt. Indem wir unsere Erfahrungen mit dieser Krise immer wieder unvoreingenommen begutachten, können wir uns besser auf in die
Zukunft gerichtete Entscheidungen vorbereiten, und
ich halte es für wahrscheinlich, daß sich bei der
Wahrung oder Wiederherstellung der finanziellen
Stabilität in den kommenden Jahren viel ändern wird.

AMERIKA DIENST 03

Eines ist allerdings klar: Es gibt keine einfachen
Antworten und keine Wundermittel, und jeder von uns
muß seinen Teil leisten.
Kommen wir zurück zur Gegenwart. In den letzten
sechs Monaten in etwa gab es viele wichtige positive
Entwicklungen, einschließlich Maßnahmen zur
Förderung des Wachstums in vielen Industrieländern
und Fortschritte in Korea und Thailand, aber es stehen
uns auch viele ernsthafte Herausforderungen und
Risiken bevor.
Wenn wir auf unsere Erfahrung mit dieser Krise
zurückblicken, sehen wir, der absolute Schlüssel zu
Finanzstabilität und Wirtschaftswachstum geht mit der
Einhaltung einer starken makroökonomischen und
Strukturpolitik einher. Wenn in einem Land Probleme
auftreten, ist es für dieses Land wichtig, ein solides
politisches Reformprogramm für seine besonderen
Umstände aufzustellen und daß, wo angemessen,
externe Finanzierung zur Verfügung gestellt wird.
Aber der kritische Faktor - ob in auf eine Krise reagierenden Ländern oder Ländern, die eine Krise abzuwenden versuchen - ist politischer Wlle. Nur
Staaten, die sich eine gute Politik zu eigen machen
und sie durchweg verfolgen, können ihre Glaubwürdigkeit und das Vertrauen der Märkte wahren. Und
hier möchte ich hinzufügen, es ist eine der schwierigsten politischen Herausforderungen, gegen die
weitverbreitete Korruption anzugehen, die in zu vielen
Ländern ein Haupthindernis für wirtschaftliche Entwicklung - und auch ein enormes soziales Problem ist. Auch die Industrieländer spielen eine wichtige
Rolle bei der Erreichung dieses Ziels, wie die jüngsten
Maßnahmen der OECD zeigen.
Während also die Wirtschafts- und Finanzpolitik - das
Fachgebiet der Ökonomen und der internationalen

Seite 1

�Finanzwelt - stimmen muß, was sicherlich nicht
einfach ist, bin ich zu der Überzeugung gelangt, der
Schlüssel ist letztlich nicht die Wirtschaft oder die
Finanzen, sondern die Politik - die Kunst, Unterstützung für eine starke Politik zu entwickeln, besonders
für die harten Entscheidungen, die mit Opfern heute
für Vorteile morgen einher gehen.
Präsident Clinton hat wiederholt über die Schwierigkeit und die Bedeutung von überzeugender Kommunikation über schwierige wirtschaftspolitische Entscheidungen und die Entwicklung von Unterstützung
hierfür gesprochen. In allen Ländern, aber besonders
in Ländern mit schwierigen Anpassungprozessen,
geht es dabei nicht nur darum, die Menschen davon
zu überzeugen, schwierige politische Entscheidungen
führten zu allgemeinen wirtschaftlichen Vorteilen in
der Zukunft, sondern auch darum, eine breitgefächerte
Verteilung der wirtschaftlichen Vorteile des Reformprogramms sicherzustellen - und daß dies auch
erkannt wird.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, in
denen ich auf die eine oder andere Art mit dem
globalen Finanzsystem zu tun hatte, glaube ich, die
wachsende Bewegung hin zu einer marktorientierten
Wrtschaftsstrategie und zu weltweiter wirtschaftlicher
Integration war für Milliarden von Menschen auf der
ganzen Welt - trotz der negativen Auswirkungen der
jüngsten Finanzkrise - von Vorteil. Wegen der
Wirtschaftskrise und ihrer Auswirkungen auf alle
unsere Länder erheben sich jedoch zunehmend
Stimmen gegen eine marktorientierte Wirtschaftspolitik und die globale Integration. Die Antwort liegt
nicht in der Aufgabe des marktorientierten Systems,
sondern in der Verfolgung einer Politik der Anpassung
an die für den wirtschaftlichen Erfolg so wesentliche
kontinuierliche dynamische Veränderung und in der
Ergreifung von Maßnahmen zur Reduzierung der
Systemrisiken.
Zur Erreichung dieser Ziele müssen wir uns einer
ganzen Reihe von Herausforderungen stellen, aber
heute möchte ich mich auf zwei konzentrieren. Zuerst
müssen wir die mit Offenheit für Veränderungen
einhergehende wirtschaftliche Entwurzelung ansprechen. Zweitens müssen wir den Aufbau des
internationalen Finanzsystems reformieren, um seine
Anfälligkeit für Krisen zu verringern und unsere
Reaktion auf Krisen zu verbessern.
Erstens, Offenheit für Veränderungen - durch Technologie, offene Märkte und flexible Arbeits- und Kapitalmärkte - ist absolut wesentlich für allgemeinen
Fortschritt bei der Schaffung von Arbeitsplätzen und
eines erhöhten Lebensstandards. Aber Offenheit für
Veränderungen bringt auch zunehmend Entwurzelung
mit sich. Das ist die nicht zu vermeidende harte
Realität von Wandel und Fortschritt. Die konstruktive

Seite 2

Reaktion auf diese Realität ist, starke Programme zur
Ausstattung und Befähigung für den Erfolg der
Menschen in der Weltwirtschaft anzubieten - mit
Schwerpunkt auf den von Entwurzelung betroffenen und wo erforderlich, ein soziales Sicherungsnetz zur
Verfügung zu stellen. Politisch gesehen ist das kein
einfacher Weg, ganz im Gegenteil. Aber es ist der
unumgängliche Weg für dauerhaftes Wachstum und
eine starke Wirtschaft.
Studien habe immer wieder gezeigt, daß offenere
Wirtschaftssysteme stärkeres Wachstum erfahren.
Erwähnenswert ist, daß die Vereinigten Staaten - die
für Handel und Veränderungen im Allgemeinen wohl
offenste große Volkswirtschaft der Welt - bei der
Schaffung von Arbeitsplätzen eine starke Leistung
verzeichnen können und in den letzten Jahren ein
Rekordtief bei der Arbeitslosigkeit erreicht haben nebenbei gesagt, müssen auch wir uns in Zukunft
sicherlich wichtigen eigenen Fragen stellen.
Die destruktive Reaktion auf diese harte Realität wäre,
entweder das Problem der Entwurzelung zu ignorieren
- was zugleich wirtschaftliche Verschwendung und
politische Unvernunft bedeutete - oder sich durch
Begrenzung der technologischen Entwicklung,
Abschottung von Märkten oder Verringerung der
Flexibilität der Arbeits- und Kapitalmärkte gegen
Veränderungen zu entscheiden. Bestenfalls ist dies
der Weg zu wirtschaftlicher Stagnation und immer
weiterem Zurückfallen in der Weltwirtschaft.
Ein in letzter Zeit zunehmend unterstützter Vorschlag
ist die Auferlegung von Kontrollen für Kapitalabfluß.
Diese Art der Kapitalkontrollen mag kurzfristig von
Vorteil sein, aber überwiegend zeigt die Erfahrung,
daß sie das Wachstum mit der Zeit verlangsamen,
Investitionen aus dem Ausland abschrecken, immer
reduzierter anzuwenden sind und oft als Ersatz für
Reformen genutzt werden. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung für die ihre Wirtschaft den
globalen Kapitalflüssen öffnenden Länder, die angemessene makroökonomische Politik zu verfolgen
und die Finanz- und Rechtssysteme sowie die anderen Grundlagen einer marktgestützten Wirtschaft
einzurichten. Diese beiden Dinge müssen Hand in
Hand gehen.
Der Druck, die Marktöffnung für Handel zu verringern,
ist sogar noch größer und gefährlicher für das wirtschaftliche Wohlergehen der Weltwirtschaft. Man
muß nur an die Auswirkungen des Smoot-Hawley
Gesetzes und den Abwertungswettlauf in den dreißiger Jahren denken.
Es besteht heute fast weltweit die Tendenz, die
Vorteile von Exporten in den Himmel zu loben und die
Vorzüge von Importen zu ignorieren oder sie sogar
herabzusetzen. Und das führt zu einer verzerrten

AMERIKA DIENST 03

�Handelspolitik.
Für den Verbraucher bedeuten
orientierten Wirtschaftssystems zu stellen haben - der
Importe niedrigere Preise und mehr Auswahl; für den
Reform der internationalen Finanzarchitektur. Die
Hersteller bedeuten sie niedrigere Preise und mehr
internationale Gemeinschaft hat sich in den letzten 18
Auswahl, was zur Schaffung von mehr Arbeitsplatzen
Monaten stark darauf konzentriert, wie die Anfälligkeit
und höheren Löhnen, mehr Wettbewerb und Produktides marktgestützten Wirtschaftssystems für finanzielle
vität, und aus all diesen Gründen zu niedrigerer
Instabilität verringert und die Reaktion auf eventuelle
Inflation und niedrigeren Marktzinsen führen sollte. Im
Krisen verbessert werden kann. Diese HerausÜbrigen ist Handel kein Nullsummenspiel, sondern forderung stellt uns vor sehr komplexe Fragen, und
von gegenseitigem Vorteil. Die erhöhte Effizienz
wie schon bei der Bewältigung der momentanen Krise
aufgrund der Spezialisierung eines Landes, wo es den gibt es keine Wundermittel oder einfache Antworten.
größten komparativen Vorteil hat, erhöht den LebensWir müssen diese Angelegenheit mit großer analytistandard für alle.
scher Strenge und zweckgerichteter Ernsthaftigkeit
angehen und den vollen Umfang der Auswirkungen
eines
jeden zu prüfenden Vorschlags sondieren.
Zur weltweiten Maximierung der wirtschaftlichen
Vieldiskutierte
Reformen, die oberflächlich attraktiv
Vorteile des Handels und zum Erhalt der politischen
erscheinen,
werfen
bei sorgfältiger Prüfung oft
Unterstützung für offene Märkte müssen die Länder
ernsthafte
Fragen
auf,
für die es momentan keine
sich fairen Handelspraktiken unterwerfen. In den
guten
Antworten
gibt.
Vereinigten Staaten haben wir uns offenen Märkten
verschrieben, aber wir bestehen auch auf der Durchsetzung unserer Handelsgesetze, nicht nur zu unseBeispielsweise wurde vorgeschlagen, Länder, die
rem eigenen Vorteil, sondern auch zur Förderung des
bestimmte politische Kriterien erfüllen, schon vorher
effizientesten Welthandelssystems.
für internationale Unterstützung im Fall einer Krise
auszuwählen. Oberflächlich gesehen scheint diese
Idee als Motivation für eine starke Politik ex ante sehr
Während Importe genau wie Exporte zu wirtschaftliattraktiv, und es scheint durchaus lohnenswert, nach
chem Wohlstand beitragen, besteht die eigenständige
einer funktionierenden Variante zu suchen, aber
doch sachverwandte Frage der Handelsungleichgezunächst müssen eine Reihe von schwierigen Problewichte. Die Vereinigten Staaten haben ein großes
men gelöst werden, nämlich: Identifizierung von
und wachsendes Handelsbilanzdefizit, während
Qualifikationskriterien mit ausreichend verläßlicher
Europa und Japan große und stabile oder wachsende
Vorhersagbarkeit; Ansprechen der Frage des moral
Handelsbilanzüberschüsse verzeichnen. Die relativen
hazard oder was zu tun ist, sollte sich ein Land nicht
Wachstumsraten haben sicherlich etwas damit zu tun,
mehr qualifizieren und der Umgang mit Ländern, die
aber es ist fast unmöglich, sich der Schlußfolgerung
sich nicht im Voraus qualifizieren, in denen jedoch
zu entziehen, die Vereinigten Staaten hätten sich der
finanzielle Probleme mit Risiken für das System
Aufnahme von Exporten aus Ländern, die versuchen,
entstehen.
sich von der Wirtschaftskrise zu erholen, einfach mehr
geöffnet. Das internationale System kann das durch
Ebenso könnte es reizvoll sein, wie einige vorgeschlaUnterschiede in Wachstum und Öffnung entstandene
gen haben, ein Frühwarnsystem für die glaubwürdige
große Ungleichgewicht zwischen den Vereinigten
und verläßliche Reduzierung oder Verhütung von
Staaten und seinen Haupthandelspartnern in den
Krisen durch vorherige Warnung zu entwickeln.
Industrieländern nicht auf Dauer tragen. Wir können
Nichts in meinen 26 Jahren an der Wall Street oder
durch weitere Stärkung unserer Grundsätze und durch
meinen sechs Jahren in der Regierung weist auf eine
die Erhöhung unserer viel zu niedrigen Sparrate zum
für ein solches System auch nur entfernt ausreichend
Ausgleich beitragen. Was wir nicht tun werden, ist,
verläßliche Fähigkeit zur Vorhersage hin. Außerdem
unsere Währung als handelspolitisches Instrument
könnte die Frühwarnung selbst genau die Instabilität
mißbrauchen.
und sogar die Panik hervorrufen, die ein solches
System verhindern soll.
Die anderen Industrieländer können behilflich sein,
indem sie durch den Abbau formeller und informeller
Ich nehme an, wir sind uns alle über die UnannehmHandelsbarrieren Maßnahmen für eine höhere Rate
barkeit des Status quo und die Notwendigkeit wesentBinnennachfrage gesteuerten Wachstums ergreifen.
licher Veränderungen einig. Meiner Ansicht nach
Wenn jedes Industrieland seinen Beitrag leistet, würde
sollten sich diese Veränderungen auf die fünf folgendas Ungleichgewicht in den Leistungsbilanzen der
Industrieländer verringert, die Aufnahme von Exporten den Gebiete konzentrieren.
aus den nach Gesundung strebenden Entwicklungsländern angemessener verteilt und der Wohlstand
Erstens ist der vielleicht wichtigste Faktor für Entwickweltweit gestärkt werden.
lungsländer bei der Krisenprävention die Entwicklung
und Verfolgung einer soliden Politik. Dies könnte
vielleicht durch die Ausarbeitung eines Kodex internaIch komme nun zur zweiten großen Herausforderung,
tional bewährter Praktiken für Finanzpolitik, Finanzder wir uns zur Bewahrung und Stärkung des markt-

AMERIKA DIENST 03

Seite 3

�Sektorenpolitik, Transparenz und andere wichtige
Gebiete des Wirtschaftsmanagements unterstützt
werden. Aber die vielleicht sogar größere Herausforderung ist die Schaffung von Anreizen zur Annahme dieser Praktiken durch die Länder. Offenlegung und Marktdisziplin sind wahrscheinlich die
wirkungsvollsten Kräfte - wenn die Märkte sich selbst
diszipliniert verhalten - aber es gibt vielleicht noch
andere Möglichkeiten, Länder zu einer soliden Politik
zu ermutigen. Hierzu gehören die internationale
Überwachung der nationalen Regulatoren, höhere
Kapitalstandards für Bankkredite an Länder mit einer
weniger soliden Politik und höhere Kapitalanforderungen für Länder mit weniger soliden Banksystemen.
Im Übrigen glaube ich zwar an die Fähigkeit der
internationalen Gemeinschaft, allgemeine Kriterien für
eine erfolgreiche Volkswirtschaft identifizieren und in
einigen Fällen sogar kodifizieren zu können; dies muß
jedoch mit Feingefühl für die Unterschiede zwischen
Staaten und in der Erkenntnis getan werden, daß
verschiedene Länder die gleichen Grundsätze unterschiedlich umsetzen. Wir müssen unsere Heterogenität respektieren.
Zweitens müssen wir mit Blick auf die Kapitalgeber
Maßnahmen zur Reduzierung der Unbeständigkeit
von Kapitalflüssen entwickeln. Als die Situation in
Korea Ende 1997 das Ausmaß einer Krise annahm,
war ich entsetzt, nicht aber überrascht zu erfahren,
wie wenig einige Gläubiger über das Land und seine
Banken, denen sie so viel Geld geliehen hatten, zu
wissen schienen. Und genau das Gleiche geschah
den Gläubigern im Debakel um die LTCM-Risikofonds.
Aufgrund meiner eigenen Erfahrung - und viele unter
Ihnen haben ähnliche Erfahrungen gemacht - glaube
ich, es liegt in der Natur der Märkte - und letztlich
wahrscheinlich in der menschlichen Natur, da Märkte
zumindest kurz- und mittelfristig von menschlicher
Psychologie gesteuert werden - in anhaltend guten
Zeiten immer unvorsichtiger bei der angemessenen
Analyse und Abwägung von Risiken zu werden. Dies
wird manchmal Ertragsstreben genannt. Das führt zu
Exzessen und genau das geschah den Interbankgläubigern und Investoren im Zusammenhang mit
Entwicklungsländern. Es war diese Wechselwirkung
zwischen Exzessen und makroökonomischen sowie
Strukturproblemen in den Entwicklungsländern, die zu
einer so schweren Krise führte.
Ich könnte noch hinzufügen, daß seit Ausbruch der
Krise wahrscheinlich das Gegenteil geschieht - eine
Überbewertung des Risikos durch Gläubiger und
Schuldner und ein unangebrachter Rückzug des
Kapitals aus Entwicklungsländern. Wir brauchen
Mechanismen, die zu einer angemessenen Risikobewertung in guten Zeiten führen; die Verringerung von
Exzessen in Boomjahren wird aller Wahrscheinlichkeit

Seite 4

nach das Ausmaß einer Rezession reduzieren. Die
momentan bekannten Möglichkeiten beinhalten
verbesserte Regulierungsinstrumente für das Risikomanagement, Änderungen der Kapitalstandards der
Banken für eine akkuratere Einschätzung der eingegangenen Risiken und eine verbesserte Offenlegung
der Risiken von Gläubigern aus Industrieländern und
Investoren für eine größere Marktdisziplin ihrer
eigenen Kapitalquellen. Wir müssen auch weiterhin
nach zusätzlichen Maßnahmen in diesem Bereich
suchen.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang kurz auf
die Disproportionalität zu sprechen kommen. Die
Disproportionalität ist in den letzten Monaten innerhalb
des internationalen Finanzsystems beträchtlich
zurückgegangen, und das macht das Finanzsystem
heute wahrscheinlich sicherer als vorigen Sommer.
Ohne etwas im Voraus verurteilen zu wollen - es
scheint mir angebracht, diese ganze Sache der
Disproportionalität noch näher zu untersuchen. Ein
ähnliches Thema sind die Risikofonds. Ich glaube
nicht, daß sie ein wesentlicher Faktor in der Finanzkrise waren, ihre Aktivitäten können jedoch durchaus
in einigen Fällen eine Zeitlang zur Verstärkung der
Marktbewegungen beigetragen haben. Ich bin der
Meinung, man muß die Frage der Risikofonds ansprechen - aber als Teil einer umfassenderen Prüfung
der Finanzinstitutionen im Allgemeinen im Zusammenhang mit der Disproportionalität, dem angemessenen
Ausmaß vorbeugender Bestimmungen, Risikomanagement und Offenlegung.
Drittens brauchen wir wirkungsvollere Mittel für die
Bewältigung von Krisen, wenn sie entstehen. Die
internationale Finanzgemeinschaft hat eine Reihe von
begrenzten aber nützlichen Schritten zur besseren
Ausstattung des IWF für die Krisenbewältigung
unternommen, einschließlich der von der G-7 vorgeschlagenen Sicherungsfazilität und der bereits
bestehenden Fazilität für zusätzliche Rücklagen.
Viele schlagen ein Vorgehen über diese Schritte
hinaus vor zur Schaffung einer letzten Refinanzierungsmöglichkeit durch den IWF, verschiedene
öffentliche und private Versicherungsmechanismen
oder eine Art Vorqualifizierungsverfahren, wie ich es
bereits erwähnte. Letzten Endes werden sicherlich in
einigen dieser Bereiche Mechanismen entwickelt
werden, aber aus den bereits von mir in Zusammenhang mit der Vorqualifizierung genannten Gründen
scheint bisher kein Vorschlag die aufgeworfenen
Fragen annähernd zu beantworten.
Der Privatsektor muß aus zwei Gründen einen
angemessenen Teil der Krisenlast tragen, aufgrund
der Bedenken bezüglich des moral hazard - die
Ansicht, daß Gläubiger die Konsequenzen der von
ihnen eingegangen Risiken tragen sollten, wenn die
Kapitalmärkte effektiv funktionieren sollen - und weil

AMERIKA DIENST 03

�es nie genügend öffentliche Mittel für die Bewältigung
der Krisen der riesigen Märkte von heute geben wird.
Die Frage, wie dies zu erreichen sei, ist allerdings
außerordentlich schwierig, einschließlich der Frage,
wie man die Gefahr der Auslösung eines antizipatorischen Kapitalrückzugs aus einem Krisenland und
allgemeiner aus Wachstumsmärkten möglichst gering
halten kann. Außerdem muß jeder Vorschlag das
Prinzip, daß Kreditgeber des Privatsektors für die
Konsequenzen ihrer Handlungen verantwortlich sind
mit dem Prinzip in Einklang bringen, daß Kreditnehmer verantwortlich für das Zahlen ihrer Schulden sind,
sollen die Gläubiger auch in Zukunft zur Kreditvergabe
bereit sein. Die Weitfinanzmärkte werden Kapital zu
weniger als Strafraten nur innerhalb eines Systems
mit strengen Auflagen zur Einhaltung der Verpflichtungen und hohen Strafen für deren Nichteinhaltung zur
Verfügung stellen.
Viertens ist da die Frage vernünftiger Wechselkurssysteme. Für die wichtigsten Währungen bedeutet
dies meiner Ansicht nach die Freigabe der Wechselkurse mit Unterstützung einer soliden Politik. Zielvorgaben und ähnliche Maßnahmen sind kein Ersatz
für ein solides politisches Grundgerüst und leiden
unter dem Mangel, eher zyklisch als antizyklisch zu
sein und dadurch negative wirtschaftliche Entwicklungen eher noch zu verstärken als ihnen entgegenzuwirken. Um Winston Churchills berühmte Äußerung
über Demokratie zu paraphrasieren: Das System

verdienen unsere volle Unterstützung. Ebensowenig
glaube ich an die Tragfähigkeit eines marktorientierten
Wirtschaftssystems und einer gesun-

den Weltwirtschaft ohne entschiedene Schritte
gegen die sich auf der ganzen Welt offenbarenden
gewaltigen Einkommensunterschiede innerhalb und
zwischen Nationen.
Zur Erreichung aller dieser Gestaltungsziele - bei der
Definition wie auch der Umsetzung von Politik müssen wir effektive Maßnahmen für eine Annäherung der Volkswirtschaften von Industrie- und
Entwicklungsländern finden.
Abschließend möchte ich anmerken, daß ich 26 Jahre
in der Welt des Handels verbracht und, wie viele von
Ihnen auch, die Entwicklung der heutigen globalen
Finanzmärkte und der Weltwirtschaft erlebt habe. Die
letzten sechs Jahre habe ich in der Regierung verbracht, zunächst im Weißen Haus und dann im
Finanzministerium der Vereinigten Staaten, in enger
Zusammenarbeit mit anderen amerikanischen Regierungsstellen und Kollegen auf der ganzen Welt bei
den schwierigen politischen Fragen der Weltwirtschaft

Ich glaube, ein marktorientiertes Wirtschaftssystem
und weltweite wirtschaftliche Integration sind fraglos
am vielversprechendsten für die Menschen dieser
Welt und den Alternativen deutlich vorzuziehen.
freigegebener Wechselkurse ist das schlimmste
Ebenfalls fraglos ist meiner Ansicht nach allerdings,
mögliche System, mit Ausnahme aller anderen. Für
daß unbehinderte Märkte ihrem Wesen nach nicht die
die Entwicklungsländer ist das Problem sehr viel
beste Lösung für alle Anforderungen sein können und
komplizierter; Systeme mit festen oder freien Wechdaß uns, wenn wir ein sein Potential erfüllendes
selkursen waren in verschiedenen Ländern untermarktgestütztes System wollen, enorme Herausschiedlich erfolgreich, und ich nehme an, es wird in
forderungen bevorstehen. Wir müssen diese Aufgabe
den nächsten Jahren viele Debatten und innovative
mit großer Ernsthaftigkeit hinsichtlich der Zielsetzung
Erkenntnisse zu dieser Thematik geben.
Aber
und mit der der Vielschichtigkeit der Herausforderunungeachtet des Systems ist letzten Endes wieder das
gen
angemessenen umfassenden Analyse angehen.
solide politische Grundgerüst der Schlüssel.
Was jetzt getan werden kann, müssen wir so schnell
Fünftens müssen wir unsere Bürger besser befähigen, wie möglich umsetzen und bei den großen vor uns
liegenden Themen weiterhin zusammenarbeiten.
an dem Wachstum und Wohlstand der Weltwirtschaft
Dies wird zweifellos uns alle - im Privatsektor und in
teilzuhaben. Das bedeutet nicht nur eine Stärkung der
der
Regierung, in den Entwicklungs- und den Indusozialen Sicherung für die Bedürftigsten und die
strieländern
- eine ganze Zeitlang beschäftigen.
Förderung von Mindestarbeitsnormen auf der ganzen
Wenn
wir
uns
all diesen großen Herausforderungen
Welt, sondern auch eine beachtliche Steigerung von
stellen,
können
wir uns zu einer starken Weltwirtschaft
Investitionen in Bildung und Gesundheitswesen, um
mit
sehr
viel
weniger
Instabilität und einer breitgefäallen unseren Bürgern die Mittel für wirtschaftlichen
cherten
Aufteilung
der
Vorteile entwickeln.
Erfolg an die Hand zu geben. Die Weltbank und die
anderen multilateralen Entwicklungsbanken sind bei
der Verfolgung dieser Ziele stark engagiert und Vielen Dank.

* *

AMERIKA DIENST 03

* *

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Seite 5

�UMWELT

24.Februar 1999

Konferenz von Buenos Aires erreicht
die wichtigsten diplomatischen Ziele
Eine Übersicht

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Übersicht des Außenministeriums über die
Klimakonferenz in Buenos Aires vom Dezember 1998.

Überblick
Bei einer vom 2.-13. November 1998 in Buenos Aires
(Argentinien) abgehaltenen Konferenz vereinbarten
die Parteien der Rahmenkonvention der Vereinten
Nationen über den Klimawandel einen zweijährigen
Aktionsplan, um die in dem historischen KyotoProtokoll festgelegte ehrgeizige Tagesordnung
voranzubringen. Das Protokoll verpflichtet Industrienationen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen, die den meisten Wissenschaftlern zufolge für die
Erderwärmung verantwortlich sind und sieht innovative, marktgestützte Instrumente für die Erlangung
dieser Reduzierungen vor.
Die Konferenz von Buenos Aires (auch bekannt als
die "Vierte Sitzung der Konferenz der Parteien" oder
"COP-4) erzielte auch einen Durchbruch bei der Frage
der Beteiligung von Entwicklungsländern an internationalen Bestrebungen zur Bewältigung des Klimawandels. Argentinien gab als erstes Entwicklungsland
seine Absicht bekannt, ein bindendes Emissionsziel
für die Zeit von 2008-2012 festzusetzen. Kasachstan
erklärte, daß es das ebenfalls beabsichtige.
Während der Konferenz von Buenos Aires unterzeichneten die Vereinigten Staaten am 12. November 1998
das Kyoto-Protokoll bei den Vereinten Nationen in
New York. Die Unterzeichnung bekräftigt die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zur Zusammenarbeit mit anderen Nationen, um die ehrgeizigen
Umweltziele des Protokolls zu erreichen und gewährleistet eine andauernde starke Rolle der Vereinigten
Staaten bei in Kyoto nicht gelösten Fragen. Die
Unterzeichnung erlegt den Vereinigten Staaten keine

AMERIKA DIENST 03

Verpflichtung zur Umsetzung des Kyoto-Protokolls
auf. (Das Protokoll kann ohne die Genehmigung des
US-Senats für die Vereinigten Staaten nicht bindend
werden.) Der Präsident wird das Protokoll dem USSenat zur Genehmigung nicht ohne wesentliche
Beteiligung der wichtigsten Entwicklungsländer an den
Bestrebungen zur Bewältigung des Klimawandels
vorlegen.

Hintergrund
Im Dezember 1997 erzielten rund 160 Länder in Kyoto
ein historisches Abkommen zur Reduzierung der
Treibhausgasemissionen in dem Bestreben, die
Erderwärmung zu bekämpfen - eine der größten
umweltpolitischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts.
Das Kyoto-Protokoll enthält bindende Emissionsziele
für Industrienationen - 8 Prozent unter den Emissionsobergrenzen von 1990 für die Europäische Union, 7
Prozent für die Vereinigten Staaten und 6 Prozent für
Japan - sowie amerikanische Vorschläge für flexible,
marktgestützte Maßnahmen zur Sicherstellung, daß
diese Ziele kostengünstig erreicht werden können.
Die wichtigsten marktgestützten Bestimmungen sind:
Internationaler Handel mit Emissionszertifikaten zwischen Nationen mit Emissionszielen. Im Rahmen eines Emissionshandelsregimes können Länder oder Unternehmen, die eine Reduzierung der Emissionen relativ teuer finden, zusätzliche Emissionseinheiten von den Verursachern mit
mehr Einheiten als sie benötigen kaufen, (weil

Seite 1

�sie bereits ihre Ziele erreicht und Einheiten
übrig haben). Der Emissionshandel ermutigt
Reduzierungen, wo sie zu den geringsten
Kosten erzielt werden können, wodurch die
Welt für jeden verfügbaren Dollar, Euro oder
Yen die höchsten Treibhausgasreduzierungen
bekommt.
Der Mechanismus für saubere Entwicklung
(Clean Development Mechanism - CDM).
Die Industrienationen können Zertifikate für
Emissionsreduzierungen aus Projekten in
Entwicklungsländern nutzen, die zur Einhaltung der Reduzierungsziele für Treibhausgase beitragen.
Gemeinsame Umsetzung in den Industrienationen. Länder mit Emissionszielen können durch gemeinsame projektbezogene
Emissionsreduzierungen in anderen solchen
Ländern einen Bonus für ihre Emissionsziele
erhalten. Das Protokoll enthält zusätzliche
Elemente der Flexibilität:
Emissionsziele müssen über einen fünfjährigen Verpflichtungszeitraum erreicht
werden. Der erste Verpflichtungszeitraum ist
2008-2012. Die durchschnittliche Verteilung
der Emissionen über einen Verpflichtungszeitraum trägt dazu bei, kurzfristige Fluktuationen aufgrund von Wirtschaftsleistung oder
Wetter auszugleichen. Da den Unternehmen
ein Jahrzehnt vor dem Beginn des bindenden
Zeitraums zur Verfügung steht, haben sie
mehr Zeit für den Übergang zu größerer
Energieeffizienz und/oder besseren Kohletechnologien.
Emissionsziele beziehen die sechs wichtigsten Treibhausgase ein. Dies bietet
einen umfassenderen Umweltschutz sowie
zusätzliche Flexibilität für Staaten und Unternehmen zur Erreichung ihrer Ziele.
Kohlenstoff absorbierende Tätigkeiten, wie
beispielsweise das Pflanzen von Bäumen,
können als Ausgleich für die Emission von
Treibhausgasen genutzt werden. Diese
sogenannten "Kohlenstoffsenken" fördern
Aktivitäten wie Aufforstung, Wiederaufforstung und verbesserte Praktiken zum Schutz
des Forstes und der Landwirtschaft.
Zusammenfassung des Erreichten
Aktionsplan von Buenos Aires
Indem sie einen Aktionsplan mit einer Frist für die
Entwicklung von Schlüsselaspekten des Arbeits-

Seite 2

rahmens des Kyoto-Protokolls erwirkten, erreichten
die Vereinigten Staaten in Buenos Aires eines ihrer
vorrangigsten diplomatischen Ziele.
Die Parteien beschlossen mit dem Aktionsplan von
Buenos Aires bis zum Ende des Jahres 2000 Entscheidungen über eine Reihe von Schlüsselfragen zu
treffen, darunter:
•

Regeln und Leitlinien für die marktgestützten
Mechanismen von Kyoto (z.B. Handel mit
Emmissionszertifikaten, gemeinsame Umsetzung und der Mechanismus für saubere
Entwicklung);

•

Regeln und Verfahren für die Einhaltung,
einschließlich Konsequenzen bei Nichteinhaltung;
Entwicklung und Weitergabe von saubereren,
umweltfreundlichen Technologien und

•

Berücksichtigung der negativen Auswirkungen des Klimawandels und Gegenmaßnahmen.

Der Aktionsplan für die Umsetzung der marktgestützten Mechanismen von Kyoto beinhaltet eine Liste von
den Parteien aufgeworfener kritischer funktioneller
Fragen, nämlich:
•

Transparenz bei der Überwachung
Transfers von Emissionseinheiten;

des

•

Risikozuweisung beim Handel mit Emissionszertifikaten und

•

Mess-, Berichts- und Überprüfungsfragen.

Die Parteien beschlossen, die Pilotphase der gemeinsamen Umsetzung der Aktivitäten zur Emissionsreduzierung und der Kohlenstoffsenken fortzuführen.
Dies bietet besonders den am wenigsten entwickelten
Ländern und den kleinen Inselstaaten zusätzliche
Möglichkeiten, Projekte zu entwickeln und Erfahrung
zu sammeln, um sich umfassender an dem Mechanismus zur sauberen Entwicklung des Protokolls
beteiligen zu können.
Kohlenstoffsenken
Zusätzlich zu dem Aktionsplan von Buenos Aires
einigten sich die Parteien darauf, ein Verfahren zur
Definition, Messung und Überprüfung verschiedener
Kategorien von Kohlenstoffsenken in Gang zu setzen
und beauftragten die zwischenstaatliche Sachverständigengruppe über Klimawandel (International
Panel on Climate Change - IPCC) - ein internationales
Gremium von über 2000 weltweit führenden Klimawis-

AMERIKA DIENST 03

�senschaftlern und Experten - mit einer umfassenden
Studie über Landnutzung, Veränderungen der Landnutzung und forstwirtschaftliche Aktivitäten.
Als Teil dieses Verfahrens akzeptierten die
Parteien das Angebot der Vereinigten Staaten
im Frühjahr 1999 einen Workshop über
zusätzliche Kategorien von Kohlenstoffspeichern auszurichten, wie beispielsweise
die durch verbesserten Schutz und Bewirtschaftung der Wälder, der landwirtschaftlichen Nutzfläche und des Weidelands entstandenen.
Nach Fertigstellung des IPCC-Berichts im
Frühjahr 2000 werden die Parteien in der
Lage sein, bei der nächsten Konferenz der
Parteien weitere Entscheidungen über Umfang und Nutzung der Kohlenstoffsenken, wie
im Protokoll vorgesehen, zu treffen.
Entwicklung der Länderbeteiligung
Argentinien gab am 11. November als erstes Entwicklungsland seine Absicht bekannt, ein bindendes
Emissionsziel für den Zeitraum 2008-2012 zu verabschieden. Kasachstan folgte am nächsten Tag mit
einer ähnlichen Verpflichtung. Die Frage der Beteiligung von Entwicklungsländern am Protokoll ist von
einer Lösung weit entfernt. Diese Ankündigungen
zeigen jedoch eine deutliche Verlagerung der Grundlagen der internationalen Debatte.
Die Ankündigungen Argentiniens und Kasachstans
stellen eine neue Herausforderung für die Parteien
dar. Das Protokoll sieht momentan keine freiwilligen

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AMERIKA DIENST 03

Verpflichtungen der Staaten bezüglich bindender
Emissionsziele vor. Bei zukünftigen Konferenzen
müssen daher im Protokoll Mittel und Wege zur
Vereinfachung der noch stärkeren Beteiligung von
Entwicklungsländern gefunden werden. Eine Möglichkeit wäre eine das Protokoll bei Inkrafttreten ändernde
Zusatzvereinbarung.
Auch auf anderen Gebieten konnte in Buenos Aires
ein vergrößertes Engagement der Entwicklungsländer
verzeichnet werden. Ein erwähnenswertes Beispiel
war das zunehmende Interesse der lateinamerikanischen und afrikanischen Länder an dem Mechanismus für saubere Entwicklung - eine der marktgestützten Vorkehrungen des Protokolls - welcher
Anreize für Investitionen in Projekte für saubere
Technologien vorsieht.
Der Klimawandel ist ein globales Problem, das eine
globale Lösung erfordert. Eine signifikante Beteiligung
wichtiger Entwicklungsländer bleibt deshalb ein
vorrangiges Anliegen der Vereinigten Staaten. Die
Regierung wird die Presse in diesem Bereich weiterhin auf diplomatischem Wege breitgefächert informieren.
Engagement des Privatsektors
Eine weitere ermutigende Entwicklung in Buenos
Aires war die aktive Beteiligung des Privatsektors.
Unternehmensvertreter nahmen an zwei Diskussionsrunden über Kyoto-Mechanismen und Technologietransfer teil. Vertreter des Privatsektors werden auch
künftig die Möglichkeit haben, an internationalen
Tagungen über Klimawandel teilzunehmen.

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