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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

02

10. Februar 1999

TERRORISMUS

CLINTON: AMERIKA MUSS SICHER FÜR DAS
21. JAHRHUNDERT SEIN
Rede des Präsidenten

USA-EUROPA

DAS NEUE EUROPA UND DIE NEUE NATO
Rede von Strobe Talbott
DIE EUROATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
Rede von Staatssekretär Eizenstat

DER AUFBAU EINER TRANSATLANTISCHEN
PARTNERSCHAFT FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
von Thomas R. Pickering und Stuart E. Eizenstat

TECHNOLOGIE

DER STAND DER AMERIKANISCH-EUROPAISCHEN BEZIEHUNGEN BEIM DATENSCHUTZ:
VERBRAUCHERSCHUTZ UND ARBEITSPLATZSICHERUNG IN DER INFORMATIONSGESELLSCHAFT
Rede von Staatssekretär Aaron

Als zusätzlichen Service bieten wir ab sofort die Zustellung des Amerika Dienst per E-Mail
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Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�TERRORISMUS
10. Februar 1999

Clinton: Amerika muß sicher
für das 21. Jahrhundert sein
Rede des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede von Präsident Clinton vor
der National Academy of Sciences vom 22. Januar 1999.

Ich war so erleichtert, daß Dr. Lederberg vor nicht allzu
langer Zeit ein renommiertes Expertengremium zur
Diskussion der Bedrohung durch Bioterrorismus
zusammengebracht hat, denn damit hatte ich Experten, denen gegenüber ich meine Sorgen artikulieren
konnte, und niemand mußte denken, ich würde
spätabends nur zu viele Romane lesen.
Ich freue mich außerordentlich, hier dieses Thema
erörtern zu können. Etwas zurückhaltend stellte
Sandy Berger fest, daß Dr. Lederberg mit 33 Jahren
einen Nobelpreis erhalten hat und ich mit 33 Gouverneur war - daraus können Sie ersehen, daß ich in
Chemie und Biologie nicht sehr gut war.
Aber jede Demokratie ist erfüllt von der Verantwortung
der Bürger, die keine außerordentlichen Fachkenntnisse zur Bewältigung der Herausforderungen jedes
neuen Zeitalters besitzen. Und das ist es, was wir alle
zu tun versuchen. Unser Land hat stets die Herausforderung durch diejenigen gemeistert, die uns Schaden zufügen wollten. Ich habe immer geglaubt, daß
den Kern unserer nationalen Verteidigung unser
Versuch bildet, getreu unseren Werten - Demokratie,
Freiheit, Chancengleichheit - zu leben. Wir arbeiten
hart, um diese Werte im Inland umzusetzen. Und wir
arbeiten mit Nationen auf der ganzen Welt zusammen,
um sie zu fördern und ein neues Zeitalter der Interdependenzzu schaffen, in dem die Nationen zusammenarbeiten - nicht nur für Frieden und Sicherheit, sondern
auch für bessere Schulen und Gesundheitsfürsorge,
größeren Wohlstand, eine sauberere Umwelt und
größeres Engagement der Bürger überall bei der
Gestaltung ihrer Zukunft.

AMERIKA DIENST 02

In dem Kampf um die Verteidigung unseres Volkes,
unserer Werte und - wo immer möglich, ihre Förderung
- stellen wir uns diesen alten und neuen Bedrohungen:
Offene Grenzen und technologische Revolutionen
haben die Botschaft und die Geschenke der Freiheit
verbreitet, haben jedoch auch den Feinden der Freiheit
neue Chancen geboten. Wissenschaftliche Fortschritte haben die Möglichkeit eines längeren, besseren Lebens eröffnet.
Im August vergangenen Jahres trauerte ich in auf dem
Luftwaffenstützpunkt Andrews zusammen mit den
Familien der tapferen Amerikaner, die ihr Leben in
unserer Botschaft in Kenia verloren haben. Sie waren
in Afrika, um die Werte zu fördern, die Amerika mit den
Freunden der Freiheit überall auf der Welt teilt - und
dafür wurden sie von Terroristen umgebracht. Umgebracht wurden auch die Männer und Frauen in Oklahoma City, im World Trade Center, den Khobar Towers
und die Passagiere des Pan Am-Fluges 103.
Die Vereinigten Staaten haben aggressiv auf den
Terrorismus reagiert - die Sicherheit für unsere
Diplomaten, unsere Truppen, unsere Flugpassagiere
und unsere Fähigkeit verbessert, terroristische Aktivitäten aufzudecken, unsere Zusammenarbeit mit anderen
Ländern erweitert und die Sanktionen gegen Terrorismus unterstützende Nationen verschärft.
Seit 1993 haben wir die finanziellen Mittel für die
Terrorismusbekämpfungsbestrebungen
des
FBI
verdreifacht. Unsere Agenten und Strafverfolgungsbeamten leisten mit Unterstützung unserer Nachrichtendienste hervorragende Arbeit, die für Terroranschläge Verantwortlichen zu verfolgen und vor

Seite 1

�Gericht zu bringen. Und wie unsere Luftangriffe auf
Afghanistan - oder auf die Terroristencamps in Afghanistan - im Sommer letzten Jahres zeigten, sind wir
bereit, militärische Gewalt gegen Terroristen einzusetzen, die unseren Bürgern Schaden zufügen.
Aber Sie alle wissen, daß der Kampf gegen den
Terrorismus noch lange nicht beendet ist. Und jetzt
suchen die Terroristen neue Zerstörungswerkzeuge.
Letzen Mai, bei der Abschlußfeier der Naval Academy,
habe ich gesagt, daß Terroristen und geächtete
Staaten die Schlachtfelder der Welt vom physischen
Raum in den Cyberspace ausdehnen, von den
riesigen Wasservorkommen unserer Welt zur komplexen Funktionsweise unseres eigenen menschlichen
Körpers. Die Feinde des Friedens werden sich
bewußt, daß sie uns nicht mit traditionellen militärischen Mitteln besiegen können. Daher arbeiten sie an
zwei neuen Angriffsarten, von denen Sie heute gehört
haben: Cyberanschlägen auf unsere entscheidenden
Computersysteme und Angriffe mit Massenvernichtungswaffen - chemischen, biologischen, möglicherweise sogar Nuklearwaffen. Wir müssen bereit sein bereit, wenn unsere Gegner versuchen, unsere
Computer zu nutzen, um unsere Strom-, Bank-,
Kommunikations- und Verkehrsnetze, die Polizei,
Feuerwehr und Gesundheitsdienste - oder militärische
Anlagen - untauglich zu machen.
Diese entscheidenden Systeme werden immer mehr
von Computern gesteuert und durch sie verbunden,
was sie immer störanfälliger macht. Im Frühjahr
vergangenen Jahres erlebten wir die enormen Auswirkungen einer einzigen zusammengebrochenen
elektronischen Verbindung, als ein Satellit nicht richtig
funktionierte - und Piepser, Bankautomaten, Kreditkartensysteme und Femsehnetze auf der ganzen Welt
außer Betrieb setzte. Und wir erleben bereits die erste
Welle von vorsätzlichen Angriffen auf den Cyberspace
- Hacker brechen in Computer der Regierung und von
Unternehmen ein, stehlen und zerstören Informationen, plündern Bankkonten, belasten die Kreditkartenkonten, erpressen Geld mit der Drohung, Computerviren freizusetzen.
Das Schadenspotential ist klar. Anfang dieses Monats
legte ein Eissturm in dieser Gegend Stromnetze lahm,
versetzte ganze Gemeinden in Dunkelheit und störte
das tägliche Leben. Wir müssen darauf gefaßt sein,
daß unsere Gegner Angriffe starten, die Versorgungsund Dienstleistungsbetriebe in ganzen Regionen
lahmlegen könnten. Wir müssen auch bereit sein,
wenn Gegner versuchen, mit Massenvernichtungswaffen anzugreifen. Mit diesen Waffen ausgerüstet,
die kompakt und billig sein können, kann eine kleine
Gruppe von Terroristen unermeßlichen Schaden
anrichten.
Vor vier Jahren schreckte die Weit jedoch auf, als eine
Gruppe einen tödliche chemische Waffe - Nervengas -

Seite 2

in der Tokioter U-Bahn freisetzte. Wir müssen auf die
Möglichkeit vorbereitet sein, daß sich eine solche
Gruppe biologische Waffen verschafft. Wir müssen
darauf vorbereitet sein, einen biologischen Angriff
sofort auszumachen und zu bewältigen, bevor sich die
Krankheit verbreitet. Wenn wir uns auf diese sich
abzeichnenden Bedrohungen vorbereiten, werden wir
den Terroristen zeigen, daß Angriffe auf Amerika
nichts anderes erreichen als ihren eigenen Sturz.
Ich möchte zunächst sagen, was wir bisher zur
Bewältigung dieser Herausforderung getan haben. Wir
haben auf die Formulierung und Stärkung des Abkommens hingearbeitet, das die Nationen von der
Beschaffung von Massenvernichtungswaffen abhält,
denn damit können diese Waffen auch von Terroristen
femgehalten werden. Wir arbeiten an der Gewährleistung der effektiven Umsetzung der Chemiewaffenkonvention; dem Abschluß eines Abkommens, das die
Einhaltung der Konvention über biologische Waffen
stärkt, und der Einstellung der Produktion von nuklearwaffenfähigem Material. Wir müssen den Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot ratifizieren, um
Atomtests ein für alle Mal zu beenden.
Wie ich am Dienstag in meinem Bericht zur Lage der
Nation vorgeschlagen habe, sollten wir unsere Bestrebungen erheblich verstärken, zusammen mit Rußland
und den anderen Nationen der ehemaligen Sowjetunion zu verhindern, daß waffenfähiges Material und
Fachwissen in die Hände von Terroristen und geächteten Staaten fallen. Wir sollten dies vor allem durch die
Erweiterung unserer Zusammenarbeit mit den Tausenden russischer Wissenschaftler tun, die für die
Förderung des Weltfriedens, der Gesundheit und des
Wohlergehens eingesetzt werden können, die jedoch -

wenn sie nicht bezahlt werden - ein fruchtbarer Boden
für die Absichten von Terroristen bleiben.
Wir können uns jedoch nicht allein auf unsere Bestrebungen zur Nichtverbreitung verlassen. Wir müssen
bereit sein zu handeln, wenn Waffen verbreitet werden.
Im letzten Jahr habe ich vom Kongreß eine 39-prozentige Haushaltsaufstockung für die Einsatzbereitschaft
bei Notfällen mit chemischen und biologischen Waffen
erhalten. Diese Mittel tragen zur Beschleunigung
unserer andauernden Anstrengungen bei, die Feuerwehr, Polizei und Mitarbeiter der Gesundheitsämter im
ganzen Land für solche Notfälle auszubilden und
auszurüsten. Sie tragen dazu bei, unsere Streitkräfte
und Einheiten der Nationalgarde in jeder Region auf
die Bewältigung dieser Herausforderung vorzubereiten
und unsere Fähigkeit zu verbessern, den Ausbruch
von Krankheiten aufzudecken und Menschenleben zu
retten; zum ersten Mal in der Geschichte einen zivilen
Bestand an Medikamenten zu schaffen, um den
Gefahren durch biologische und chemische Waffen
ausgesetzte Menschen zu behandeln sowie die
Forschung und Entwicklung neuer Medikamente und

AMERIKA DIENST 02

�Impfstoffe zu verstärken, um die neuen Bedrohungen
zu bewältigen.
Unsere Verpflichtung, die Kommunen mit den erforderlichen Instrumenten auszurüsten, geht bereits
über Schriftstücke und Pläne hinaus. Genau vor
diesem Gebäude parkt beispielsweise ein neuartiger
Lastwagen, den wir der Feuerwehr von Arlington
(Virginia) zur Verfügung gestellt haben. Er kann
schnell eingesetzt werden und Schaden von Menschen abwenden, die Gefahren durch chemische und
biologische Waffen ausgesetzt sind.
Aber auch unser Engagement an der Cyberfront ist
stark. Wir haben spezielle Büros beim FBI und im
Wirtschaftsministerium eingerichtet, um entscheidende
Systeme gegen einen Cyberangriff zu schützen. Wir
gehen Partnerschaften mit dem Privatsektor ein, um
Anfälligkeiten aufzudecken und zu beheben, um die
Wamsysteme zu verbessern und eine schnelle
Erholung nach einem Angriff zu gewährleisten.
Richard Clark ist ein herausragender Mitarbeiter des
öffentlichen Dienstes, der diese Bestrebungen auf
allen Regierungsebenen koordiniert.
Heute möchte ich die neuen Initiativen bekanntgeben,
die wir in die Wege leiten werden, um uns auf die
nächste Ebene bei der Vorbereitung auf diese sich
abzeichnenden Bedrohungen zu bringen. In meiner
Haushaltsvorlage werde ich den Kongreß um 10
Milliarden Dollar zur Bekämpfung des Terrorismus und
seiner neuen Werkzeuge bitten. Dies beinhaltet
nahezu 1,4 Milliarden Dollar zum Schutz unserer
Bürger gegen chemische und biologische Terroranschläge - mehr als doppelt so viel, wie wir vor nur
zwei Jahren für solche Programme ausgegeben
haben.

steckender Krankheiten. Wir werden also davon
profitieren, selbst wenn wir bei der Abwehr dieser
Angriffe Erfolg haben.
Der Haushaltsentwurf enthält auch 1,46 Milliarden
Dollar zum Schutz entscheidender Systeme vor Cyberund anderen Angriffen. Das sind 40 Prozent mehr als
das, was wir vor zwei Jahren ausgegeben haben.
Unter anderem werden sie zur Finanzierung von vier
neuen Initiativen beitragen. Erstens intensiver Forschungsarbeit zum Aufspüren von Hackern, die
versuchen, in unsere wichtigsten Computersysteme
einzudringen. Zweitens Erfassungsnetze, zuerst für
unser Verteidigungsministerium, und später für andere
wichtige Behörden, so daß beim Eindringen in ein
entscheidendes Computersystem andere sofort
gewarnt werden. Und wir werden den Privatsektor
auffordern, ähnliche Strukturen zu schaffen.
Drittens die Einrichtung von Informationszentren im
Privatsektor, so daß unsere Industrien zusammen und
mit der Regierung an der Bewältigung von Bedrohungen des Cyberspace arbeiten können. Schließlich
werden wir um Finanzmittel zur Verstärkung der
äußerst qualifizierten Computerexperten der Regierung bitten - Menschen, die in der Lage sind, Computerkrisen zu verhindern und darauf zu reagieren.
Um diesen Vorschlag - das Cyber Korps-Programm umzusetzen, werden wir die Bundesbehörden auffordern, Computerspezialisten auszubilden und
umzuschulen und begabte junge Leute vom College
anzuwerben.

Wir werden unsere Bemühungen beschleunigen und
erweitern, neue Teams von Nothilfemedizinern
zusammenzustellen, vor Ort tragbares Erfassungsgerät von der Größe eines Schuhkartons einzusetzen,
um Gefahren schnell auszumachen, und Verbindungen zwischen regionalen Labors für die unverzügliche
Analyse biologischer Bedrohungen herstellen. Wir
werden die im Gesundheitsministerium konzentrierte
Forschung und Entwicklung nach neuen Impfstoffen,
Medikamenten und Diagnoseverfahren stark beschleunigen.

Bei all diesen Kämpfen werden wir aggressiv vorgehen. Gleichzeitig sollten Sie wissen, daß wir uns
weiterhin zum Schutz der Privatsphäre und anderer
verfassungsmäßiger Rechte sowie dem Schutz der
Eigentumsrechte
amerikanischer
Unternehmen
verpflichten. Es ist unerläßlich, daß wir nicht im
Namen der Freiheit die Freiheit unterminieren. Wir
können den Terrorismus überwinden, indem wir auf
das Beste in unserer freien Gesellschaft zurückgreifen
- die Qualität und den Mut unserer Truppen, das Genie
unserer Wissenschaftler und Ingenieure, die Stärke
unserer Fabrikarbeiter, die Entschlossenheit und die
Fähigkeiten unserer Mitarbeiter im öffentlichen Dienst,
die Vision unserer Führungskräfte in allen lebenswichtigen Bereichen.

Ich sollte an dieser Stelle sagen, ich weiß, daß jeder
hier es versteht, aber jeder in Amerika muß es verstehen: Die Regierung muß das finanzieren. Es gibt
keinen Markt für die Dinge, die wir entwickeln müssen;
und wenn wir erfolgreich sind, wird es niemals einen
Markt für sie geben. Aber wir müssen unser Bestes
tun, um sie zu entwickeln. Diese entscheidenden
Bestrebungen werden nicht nur die Bedrohung durch
Massenvernichtungswaffen meistern, sondern auch
die ebenso große sich abzeichnende Gefahr an-

Ich habe so gut ich konnte versucht, in Amerika die
richtige Einstellung zur Handhabung dieser Bedrohung
zu schaffen. Zu lange war das Problem, daß nicht
genug zur Erkenntnis der Bedrohung und ihrer Bewältigung getan wurde. Und wir in der Regierung waren offen gesagt - nicht so gut organisiert wie wir es seit
langem hätten sein sollen. Ich möchte nicht, daß das
Pendel jetzt in die andere Richtung schwingt und die
Leute glauben, jeder Unfall, über den sie in einem
Roman lesen, oder jeder Unfall, den sie in einem

AMERIKA DIENST 02

Seite 3

�spannenden Film sehen, würde ihnen in den nächsten
24 Stunden passieren.

Offensive und Verteidigung wenn möglich ganz
schließen. Das ist die Herausforderung.

Was wir hier sehen, ist - wie Ihnen jeder im Publikum
anwesende Angehörige des Militärs sagen kann nichts weiter als eine Neuautlage der Waffensysteme,
die auf den Anfang der Zeitrechnung zurückgehen.
Ein offensives Waffensystem wird entwickelt, und es
erfordert Zeit, die entsprechende Verteidigung zu
entwickeln. Und dann wird ein anderes offensives
Waffensystem entwickelt, das diese Verteidigung
überwindet, und dann wird eine weitere Verteidigung
aufgebaut - so sicher wie Burgen und Burggräben die
mit Speeren, Pfeil und Bogen und Pferden ausgerüsteten Belagerer abhielten und die Schleudermaschine
entwickelt wurde, um den Burggraben zu überwinden.

Wir tun alles in unserer Macht Stehende, in einer
Weise, die ich erörtern kann, und in einer Weise, die
ich nicht erörtern kann, um die Menschen, die chemische und biologische Fähigkeiten mißbrauchen
könnten, davon abzuhalten, diese Fähigkeiten zu
beschaffen. Das ist kein Grund zur Panik - es ist ein
Grund zur ernsthaften, bewußten, disziplinierten,
langfristigen Sorge. Und ich bin absolut überzeugt,
daß wir das überdauern werden, wenn wir weiterhin
unser klares Ziel vor Augen haben und unsere Willensstärke bewahren. Und dank so vieler von Ihnen in
diesem Publikum, Ihrer Kollegen überall in den Vereinigten Staaten und gleichgesinnter Menschen auf der
ganzen Welt haben wir eine mehr als gute Erfolgschance. Aber wir müssen bewußt vorgehen, und wir
müssen aggressiv sein.

Aber aufgrund des Tempos, in dem sich der Wandel in
unserer Gesellschaft vollzieht - in der Computertechnologie und insbesondere in den Biowissenschaften - müssen wir alles in unserer Macht Stehende
tun um sicherzustellen, daß wir die Kluft zwischen

Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10. Februar 1999

Das neue Europa und die neue Nato
Rede von Strobe Talbott

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott vor
der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik vom 4. Februar 1999, die auf Deutsch erstmals in der
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Februar 1999 erschienen ist.

Vielen Dank, Karl Kaiser, für die einführenden Worte
und die Gelegenheit, heute hier eine Rede zu halten.
In den vielen Jahren, die wir uns kennen, habe ich
Deine Führungsrolle in der Deutschen Gesellschaft für
Auswärtige Politik stets bewundert. Du bist einer der
eloquentesten Befürworter eines starken Europas als
unerläßlichem Baustein für eine starke atlantische
Gemeinschaft.
Heute Abend begleiten mich mehrere amerikanische
Kollegen, die an das gleiche Prinzip glauben: Botschafter John Komblum, den jeder hier gut kennt - und
der herausragende Germanist seiner Generation im
amerikanischen auswärtigen Dienst; Ron Asmus von
unserem Europäischen Büro im US-Außenministerium,
auf den sich Außenministerin Albright in hohem Maße
verläßt, und Tony Blinken, der gerade sein Amt als
Sonderberater des Präsidenten und Leitender Direktor
für europäische Angelegenheiten im Nationalen
Sicherheitsrat angetreten hat.
Ich möchte meine Ausführungen heute Abend mit einer
persönlichen Betrachtung beginnen. Ich bin zum
ersten Mal vor über 27 Jahren nach Bonn gekommen,
im November 1971. Meine Frau Brooke und ich waren
Journalisten auf dem Weg nach Belgrad, um über den
Balkan und Osteuropa zu berichten. Wir unterbrachen
unsere Reise hier, um uns ein Auto zu besorgen und
mit dem Bonner Büroleiter von TIME meinem
unmittelbaren Vorgesetzten - zu sprechen. (Einige von
Ihnen erinnern sich vielleicht an Bruce Nelan.) Sobald
wir uns in Belgrad eingerichtet hatten, unternahmen
Brooke und ich öfters Reisen nach München - ich gebe
zu, zur Erholung und Entspannung, aber auch zu
Informationsveranstaltungen bei Radio Free Europe,

AMERIKA DIENST 02

um zu erfahren, was hinter dem Eisernen Vorhang
geschah.
Mit anderen Worten, mein erster längerer Aufenthalt
auf diesem Kontinent erfolgte zu einer Zeit, in der
Deutschland geteilt und Jugoslawien geeint war. Das
dazwischen liegende Vierteljahrhundert erlebte zwei
Entwicklungen, die das Beste und das Schlechteste
des seit dem Ende des Kalten Krieges entstandenden
neuen Europas verkörpern.
Die Umgestaltung
Deutschlands von einem geteilten Staat zu einem
friedlich geeinten ist eines der dramatischsten Beispiele dessen, was wir in Europa als Ganzem zu
sehen hoffen.
Gleichzeitig stellt die gewaltsame
Auflösung des alten Jugoslawien - erst gefolgt von der
versuchten Aufteilung Bosniens und dann von einem
Circulus vitiosus brutaler Gewalt und Sezession in
Serbien - das unheilvollste Beispiel einer Gefahr dar,
die den Frieden in Europa und damit die vitalen
Interessen der Vereinigten Staaten bedroht.
Außenministerin Albright hat mich gebeten, diese
Woche nach Bonn zu kommen, um Konsultationen mit
Außenminister Fischer und meinen Freunden Wolfgang Ischinger und Walter Stuetzle, den Staatssekretären im Außen- und im Verteidigungsministerium, zu führen. Unsere Tagesordnung umfaßt das
breite Spektrum der uns konfrontierenden Herausforderungen - insbesondere auf dem Balkan - und
unsere Vorbereitungen auf das Gipfeltreffen anläßlich
des 50-jährigen Bestehens der NATO, das in weniger
als drei Monaten, vom 23. - 25. April, in Washington
stattfinden wird.

Seite 1

�Der amerikanische Ansatz zu diesem Ereignis gründet
auf drei generellen Vorschlägen, die ich Ihnen jetzt
unterbreiten möchte:
Erstens hängt im 21. Jahrhundert das Wohlergehen der Vereinigten Staaten ebenso wie
im 20. Jahrhundert in hohem Maße davon ab,
was in Europa geschieht. Mit anderen Worten, die euroatlantische Gemeinschaft ist
unteilbar, und die Sicherheitsverbindungen
über den Ozean hinweg sind untrennbar.
Zweitens sind sich die Vereinigten Staaten
bewußt, daß "Europa" sich neu definiert und
begrüßen diese Tatsache. Europa ist kein
statisches Phänomen, es entwickelt sich - in
seinen Institutionen, in seinem Ausmaß an
Integration und in seiner Identität an sich.
Drittens erkennen wir die Rolle der Bundesrepublik als Epizentrum dieser Prozesse Erweiterung und Expansion, Ausdehnung und
Vertiefung - an und begrüßen sie.
Unter seiner vorherigen Regierung etablierte sich
Deutschland als aktiver und bewußter Teilnehmer an
einem der großartigsten Konstruktionsprojekte der
Geschichte - der Erneuerung und Innovation der
Strukturen, die die euroatlantische Gemeinschaft
ausmachen. Es gibt Dutzende solcher Gremien, und
Deutschland ist in vielen von ihnen aktiver engagiert
als jeder andere Staat. In diesem Jahr erhält Deutschlands Beitrag unter Kanzler Schröder sowie mit der
Präsidentschaft der Europäischen Union und der
Gruppe der Acht neues Gewicht.

die Einigung Europas - zu verstehen, zu respektieren
und so weit wie möglich zu unterstützen.
Die offensichtlichste und unmittelbarste Chance für
Ihren Erfolg - und für unsere Unterstützung bei diesem
Erfolg - ist natürlich die EWWU. Die erfolgreiche
Einführung des Euro vor 35 Tagen hat zumindest im
Augenblick die Skeptiker zum Schweigen gebracht und
die Gelehrten nach vergleichbaren Durchbrüchen in
der europäischen Geschichte suchen lassen - vom
ersten Druck der Gutenberg-Bibel in Mainz vor
fünfeinhalb Jahrhunderten bis zum Wiener Kongreß im
Jahr 1814.
Die Einstellung der US-Regierung zur EWWU ist
einfach und positiv. Botschafter Kornblum äußerte
sich deutlich in einer kürzlich gehaltenen Rede: "Uns
Amerikanern ist gut gedient, wenn Europa wirtschaftlich prosperiert und auf die Öffnung seiner Märkte
sowie die Stärkung seiner Beziehungen zur Weltwirtschaft hinarbeitet. Europa wird Vorteile durch eine
Wirtschafts- und Währungsunion haben, die diese
Ziele unterstützt- und wenn Europa prosperiert, erhöht
das auch den Wohlstand in den Vereinigten Staaten."
Meine Damen und Herren, der Euro hatte in der Tat
einen so guten Start, daß ich ihn als Prüfstein für
mehrere Argumente bezüglich unserer Hoffnungen für
Europa im Allgemeinen und unserer Vision für die
NATO im Besonderen benutzen möchte. Während wir
uns auf der anderen Seite des Atlantiks fragen, was
den Euro so erfolgreich gemacht hat, sind mehrere
Faktoren offensichtlich:
Erstens ist der Plan ehrgeizig - er ist ein
Vorhaben, das in seiner Natur und in seinem
Ausmaß den sich bietenden Chancen entspricht.

Wir Amerikaner sind uns der komplexen und erschreckenden
Herausforderungen bewußt, die
Europäer und Deutsche bewältigen. Wir sind zuversichtlich, daß es mit Deutschland in seiner derzeitigen Rolle allen Grund zu der Annahme gibt, daß
Europa diese Herausforderungen erfolgreich meistert.

Zweitens gründet der Euro auf der Prämisse,
daß gemeinsame Interessen und gemeinsame
Herausforderungen gemeinsame Lösungen
erfordern - das heißt, kollektive und kooperative Aktionen.

Für uns ist der Maßstab für Erfolg einfach. Wir
möchten, daß Europa seine Sicherheit, seinen Wohlstand, seine Integration und seine Identität in einer
Weise definiert und anstrebt, die die Nordamerika mit
Europa verbindenden Bande nicht nur erhält, sondern
stärkt.
Wir sind uns wohl bewußt, daß wir in diesem Zusammenhang unsere eigenen Verpflichtungen haben.
Ich hoffe, dieses Gefühl gegenseitiger und gemeinsamer Verantwortung wird in der Art und Weise
deutlich, in der wir unseren Teil der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der EU gestalten, insbesondere, während wir uns auf unsere
Teilnahme am US-EU-Gipfel am 21. Juni in Köln
vorbereiten. Sie können darauf zählen, daß wir unser
Bestes tun werden, um Ihre großartige Aufbauarbeit -

Seite 2

Drittens erforderte die Einführung einer einheitlichen Währung für elf Länder von jedem
dieser Länder eine nationale Führungsrolle,
um harte politische Entscheidungen zu treffen,
insbesondere über Steuerdisziplin, und sich
mit harter politischer Arbeit zu befassen,
insbesondere bei der Mobilisierung der Unterstützung der Wähler.
0

Viertens muß sich der Euro in konkreter Form
beweisen - er muß sinnvoll sein, nicht nur in
der Theorie, sondern auch in der Praxis.

AMERIKA DIENST 02

�Bei diesen vier Kriterien hat die Einführung des Euro
viel mit der Arbeit gemeinsam, die wir zusammen bei
der Umgestaltung der NATO leisten müssen.
Auch bei diesem Projekt müssen wir ehrgeizig sein.
Die NATO wurde gegründet und entworfen, um sich
mit der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt
auseinanderzusetzen.
Dieser Staat und dieses
Bündnis sind Vergangenheit und ebenso die Bedrohung, die sie darstellten. Die Deutschen können
diese Veränderungen so sehr wie alle anderen sehen
und fühlen - in der Tat mehr als die meisten. Wenige
Amerikaner wissen viel über die Stadt Fulda, aber viele
wissen, daß die NATO während des Kalten Krieges
einen sowjetischen Panzerangriff durch den "Fulda
Gap" abwehren sollte. Botschafter Kornblum erzählt
mir, daß heute der einzige GAP in Fulda ein amerikanisches Bekleidungsgeschäft dieses Namens ist, das
Jeans verkauft, die durch einen Amerikaner bayerischer Herkunft, Levi Strauss, berühmt gemacht
wurden.
Das heißt nicht, daß die ursprüngliche Aufgabe der
NATO der kollektiven Verteidigung beendet ist oder
daß kollektive Verteidigung nicht länger das Kernstück
der Mission des Bündnisses bildet. Die NATO muß
ihre in Artikel V des Washingtoner Vertrags verankerte
Fähigkeit zur Abschreckung aufrechterhalten und falls
erforderlich den Sieg über das davontragen, was man
als klassische Aggression bezeichnen könnte. Eine
solche Bedrohung könnte in der Zukunft entstehen.
Aber sie wird weniger wahrscheinlich, wenn die NATO
stark und einsatzbereit bleibt.
Das ist jedoch nicht genug, wenn die NATO auf der
Höhe der Zeit bleiben will. Mit dem Ende des Kalten
Krieges sind neue, weniger spektakuläre, aber vielschichtigere Bedrohungen entstanden. Streitigkeiten
über ethnische Zugehörigkeit, Religion oder Territorien
können, wie wir bereits gesehen haben, bewaffnete
Konflikte auslösen, die wiederum zu die europäische
Sicherheit
gefährdender
grenzüberschreitender
politischer Instabilität, Flüchtlingsströmen und humanitären Krisen führen können.
Die NATO muß in der Lage sein, Bedrohungen wie
diese zu bewältigen und gleichzeitig ihre Kernfunktion
der kollektiven Verteidigung beizubehalten. Um zu
gewährleisten, daß die NATO diese beiden Aufgaben
ausführen kann, arbeiten Verteidigungsminister Cohen
und sein Amtskollege Scharping mit ihren Kollegen aus
den anderen Bündnisstaaten zusammen. Verteidigungsminister Cohen wird bei der Wehrkundetagung,
wo er seine neuesten Gedanken zur Modernisierung
der NATO darlegen wird, mehr zu diesem Thema
sagen.
Ein Thema, das sicherlich bei der Wehrkundetagung
angesprochen wird, ebenso wie es bei meinen gestrigen Gesprächen in Paris und heute hier in Bonn

AMERIKA DIENST 02

erörtert wurde, ist die Europäische Sicherheits- und
Verteidigungsidentität. Die ESVI ist von einem esoterischen Wort im Eurojargon zum Bestandteil des
amerikanischen Vokabulars beim Nachdenken und
Reden über die Zukunft der NATO geworden. Wir
befürworten die ESVI. Unsere Unterstützung des
Konzepts ist aufrichtig, aber nicht willkürlich. In einer
Hinsicht ähnelt die ESVI der EWWU: Um zu funktionieren, muß sie das Ziel der europäischen Identität und
Integration auf der einen Seite mit dem Gebot der
transatlantischen Solidarität auf der anderen verbinden; sie muß verstärken, nicht die Rolle des Bündnisses als Ganzes duplizieren oder verwässern - und
sicherlich darf sie nicht die Bande zwischen unserer
Verteidigung und Ihrer lockern.
Wenn es richtig gemacht wird, kann die ESVI Teil
dessen sein, was man als die Vertiefung der NATO
bezeichnen könnte. In dieser Hinsicht kann sie als
Ergänzung zur Erweiterung des Bündnisses dienen,
während die NATO ehemaligen Gegnern die Hand
reicht. Ein Wort zur Erweiterung - die ein unerläßlicher
Aspekt unseres gemeinsamen Konstruktionsprojekts in
der euroatlantischen Gemeinschaft ist. Drei Mitglieder
des ehemaligen Warschauer Pakts werden in den
nächsten acht Wochen offiziell dem Bündnis beitreten.
Ich bin sicher, daß es für Sie alle hier ein außergewöhnliches Ereignis werden wird und vor allem für
jemanden wie mich, der als Journalist Warschau, Prag
und Budapest besuchte, als sie Vorposten eines
bewaffneten Lagers mit Hauptquartier in Moskau
waren. Was Rußland anbetrifft, so ist es eine von 19
ehemaligen sowjetischen Republiken und eines der
Mitglieder des ehemaligen Warschauer Pakts, die jetzt
zum Euroatlantischen Partnerschaftsrat gehören;
russische Soldaten dienen Seite an Seite mit Amerikanern und Deutschen bei der Verteidigung des Friedens
im ehemaligen Jugoslawien. Dieses gemeinsame
Unternehmen ist nicht nur aus dem Augenblick heraus
entstanden: Rußland hat seine Zusammenarbeit mit
der NATO institutionalisiert - durch den Ständigen
Gemeinsamen NATO-Rußland-Rat.
Das bedeutet nicht, daß Rußland der NATO-Erweiterung zustimmt oder sie gutheißt. Natürlich nicht.
Dennoch ist Rußland noch immer bereit, mit der NATO
im Namen der Prinzipien und Ziele zusammenzuarbeiten, über die wir uns einig sind.
Die Mitgliedstaaten der NATO ihrerseits verpflichten
sich dazu beizutragen, ein demokratisches Rußland
vollständiger in Europa einzubinden, insbesondere auf
dem Gebiet der Sicherheit.
Ich bin mir bewußt, daß die Klugheit und sogar die
Durchführbarkeit dieser beiden miteinander einhergehenden Unterfangen - die Erweiterung der NATO
und die Partnerschaft zwischen der NATO und Rußland - nicht für jeden offensichtlich sind und noch der
Rechtfertigung bedürfen. Der Fortbestand der NATO

Seite 3

�selbst hat Kritik und Kontroversen hervorgerufen. Auf
beiden Seiten des Atlantiks gibt es die Meinung, das
Bündnis sei ein Relikt des Kalten Krieges und sollte
deshalb in den Ruhestand entlassen werden - eventuell mit Ehrenbezeugungen, abertrotz allem entlassen.
Meiner Ansicht nach ist die beste Erwiderung darauf
eine Abwandlung der Frage, der Voltaire in einem eher
theologischen Zusammenhang zu Berühmtheit
verholten hat: Existierte die NATO heute nicht, müßten
wir sie dann erfinden? Die Antwort ist ein entschiedenes Ja. Wenn wir die NATO 1999 aus dem Nichts
erschaffen müßten, würde sie sich wahrscheinlich von
dem Bündnis stark unterscheiden, das Harry Truman
und Konrad Adenauer vor fast einem halben Jahrhundert, während der frostigsten Tage des Kalten
Krieges, als nötig erachteten. Eine neu erfundene
NATO hätte mehr Mitglieder als die alte (daher:
Erweiterung); sie hätte kooperative Beziehungen zu
den ehemaligen Gegnern, die weder willens noch
bereit sind, die Mitgliedschaft zu beantragen (daher:
Partnerschaft für den Frieden); sie hätte eine umfassendere, vielschichtigere Aufgabenstellung, um den
neuen Herausforderungen für die europäische Sicherheit gerecht zu werden (daher: ein neues strategisches Konzept), und sie wäre flexibler und ausgewogener in ihrer Fähigkeit, Bedrohungen zu bewältigen,
die nicht unbedingt ein direktes Engagement der
Vereinigten Staaten vor Ort erfordern (daher: Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität oder
ESVI).
Kurz gefaßt ist dies die Agenda - die angemessen
ehrgeizige Agenda - des Washingtoner Gipfels.
An diesem Punkt sollte ich einräumen, daß es einige
Bedenken gibt - wiederum auf beiden Seiten des
Atlantiks - wir Amerikaner seien als Gastgeber des
Gipfels im April übermäßig ehrgeizig. Das denke ich
nicht. Ich bin der Meinung, wir sind angemessen
ehrgeizig. Es obliegt der NATO, bei ihrer eigenen
Umgestaltung die Evolution Europas und der transatlantischen Beziehungen in Wesen und Umfang
widerzuspiegeln.
Lassen sie mich erklären, was ich meine. Jahrzehntelang konzentrierten sich die Vereinigten Staaten
darauf, was sie für Europa tun könnten - durch den
Marshallplan, durch den Washingtoner Vertrag und die
Abschreckung der sowjetischen Bedrohung. Heute
denken die Vereinigten Staaten viel eher daran, was
sie mit Europa tun können - zur Förderung unserer
gemeinsamen Sicherheit, unseres Wohlstands und
unserer demokratischen Werte. Im Rahmen der
amerikanisch-europäischen Beziehungen haben wir
bereits gemeinsam einige bedeutende Schritte unternommen.
Gemeinsam bauen wir globale Wirtschaftsschranken ab.

Seite 4

Gemeinsam lindem wir die Armut und versuchen den Gedanken der Nichtverbreitung in
Südasien zu fördern, wo ich Anfang dieser
Woche war.
Gemeinsam arbeiten wir daran, Kinderpornographie im Internet auszumerzen, ein weltweites Frühwamsystem gegen ansteckende
Krankheiten zu entwickeln, den Hunger auf
der Welt zu bekämpfen und gegen Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler vorzugehen, wo auch immer sie sein mögen.
Was bedeutet das für die NATO? Lassen Sie mich
zunächst einmal feststellen, was es nicht bedeutet. Es
bedeutet nicht, daß es im Keller des Weißen Hauses,
des Außenministeriums oder des Pentagon irgendwo
einen Entwurf für eine "globale NATO" gibt. Ich
verbringe viel Zeit dort, und ich versichere ihnen, einen
solchen Plan gibt es nicht.
Genau wie Sie es in Europa mit der EWWU getan
haben, müssen wir als euroatlantische Bündnispartner
Ehrgeiz und Realismus in Einklang bringen. Und
genau wie Sie es auch bei der Einführung des Euro
getan haben, müssen wir bei der Neuerschaffung der
NATO harte politische Entscheidungen treffen und
unsere Wähler durch solide politische Argumente
überzeugen. Dies sind meiner Meinung nach die
Argumente für die neue Rolle und die neuen Aufgaben
der NATO: Beginnen sollte sie, wie ich bereits deutlich
zu machen versuchte, mit Artikel V des Washingtoner
Vertrags - unserer Verpflichtung zur kollektiven
Verteidigung. Aber wir müssen uns auch darüber im
Klaren sein, daß die aktuellsten und vorhersehbarsten
Herausforderungen für die europäische Sicherheit
Einsätze erfordern, die nicht unter Artikel V fallen;
deshalb müssen wir uns auch auf deren Bewältigung
besser vorbereiten.
In unserer zunehmend komplexen und interdependenten Welt sehen wir uns außerdem einem sehr viel
vielfältigeren und weitereichenden Spektrum an
Bedrohungen gegenüber als zur Zeit Trumans und
Adenauers. Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und die Geißel des Terrorismus lassen sich
nicht so leicht in unsere alten Schlagworte und Konzepte einfügen, wie "Die freie Welt", "Der Eiserne
Vorhang" oder alte geographische Vereinfachungen,
die überkommene geopolitische andeuteten, wie
"Osten gegen Westen". Mit anderen Worten, es gibt
viele Gefahren auf der Welt, denen man in der Innenstadt Bonns oder Kölns begegnen könnte ohne daß sie
jemals im "Fulda Gap" aufgetreten wären.
Das bedeutet, während wir unsere Fähigkeit zur
Verteidigung der territorialen Integrität aller NATOMitglieder aufrechterhalten, benötigen wir auch Kräfte,
Doktrinen und Kommunikationsmöglichkeiten, um falls
erforderlich die Herausforderungen durch ethnische

AMERIKA DIENST 02

�und regionale Konflikte bewältigen zu können, die
unsere Sicherheit direkt betreffen, aber außerhalb des
NATO-Gebiets liegen - wie wir es auf dem Balkan
getan haben und noch tun. Im Übrigen handelt es sich
um reine Vorsicht und gesunden Menschenverstand,
nicht um übermäßigen Ehrgeiz, wenn man nahelegt,
daß ein wirklich modernisiertes Bündnis in der Lage
sein sollte, die durch die Verbreitung von ballistischen
Raketen und Massenvernichtungswaffen entstehenden allzu modernen Herausforderungen zu meistern.
Einige Kommentatoren halten dagegen, diese Art
Anpassungen erforderten eine Revision des Nordatlantikvertrags oder glauben, dies sei unser Vorschlag. Das ist nicht richtig. Die Verfasser des
Washingtoner Vertrags achteten sorgfältig darauf, die
Möglichkeiten der NATO zur Verteidigung ihrer
Sicherheit nicht durch willkürliche funktionale oder
geographische Beschränkungen zu begrenzen.
Ich möchte es ganz deutlich machen: Ich sage nicht,
daß es keine Grenzen gibt für das, was die NATO tun
kann und sollte. Natürlich gibt es die. Bei der NATO
handelt es sich um eine auf Konsens basierende
Organisation, die ihre gemeinsamen Interessen
dementsprechend definiert. Wir würden als Bündnis
nirgendwo hingehen, wenn dies nicht im Sinne aller
unserer Mitglieder wäre. Kein Bündnispartner kann die
anderen dazu zwingen, einer NATO-Aktion zuzustimmen. Gemäß Artikel IV des Washingtoner Vertrags
beraten sich die NATO-Mitglieder im Fall einer Sicherheitsbedrohung und entscheiden gemeinsam über
die angemessene Reaktion.
Auch die militärischen Fähigkeiten der Bündnispartner
selbst sind implizit begrenzt. Niemand schlägt vor, daß
wir NATO-Truppen auf die Spratley Inseln entsenden.
Wir schlagen auch nicht vor, daß die NATO im Alleingang handelt, ohne die Vereinten Nationen oder die
OSZE - oder anmaßend der UN oder der OSZE die
Stirn bietend. Alle NATO-Bündnispartner sind Mitglieder dieser beiden Organisationen. Wir sind der
Ansicht, daß die Einsätze und Aufgaben der NATO
immer mit den Zielsetzungen und Prinzipien der
Vereinten Nationen und der OSZE übereinstimmen
müssen. Wir erwarten von der NATO und ihren
Mitgliedern, daß sie sich weiterhin von ihren Verpflichtungen im Rahmen der Charta der Vereinten
Nationen und der Schlußakte von Helsinki leiten
lassen.
Gleichzeitig müssen wir darauf achten, die NATO
keinem anderen internationalen Gremium unterzuordnen oder die Integrität ihrer Befehlsstruktur aufs
Spiel zu setzen. Wir werden uns bemühen, Hand in
Hand mit anderen Organisationen und unter Respektierung ihrer Prinzipien und Zielsetzungen zu arbeiten,
aber das Bündnis muß sich das Recht und die Freiheit

AMERIKA DIENST 02

vorbehalten, immer dann zu handeln, wenn seine
Mitglieder es im Konsens für notwendig erachten.
Ein letzter Punkt, meine Damen und Herren: Letzlich
wird der Aufstieg oder Fall unseres neuen Bündnisses,
wie auch Ihrer neuen Währung, sich durch ihr Bestehen in der Praxis entscheiden. Wie der Euro im
täglichen Leben als Währung in den Taschen der
Verbraucher, auf den Konten der Sparer und bei den
Transaktionen der Risikokapitalisten bestehen muß, so
muß sich die neue NATO täglich bei der Bewältigung
der Herausforderungen bewähren, die sich uns hier
und heute stellen.
Gemessen an diesem Standard kann die NATO auf
ihre Arbeit in Bosnien stolz sein. Obwohl ihre Arbeit
dort noch lange nicht abgeschlossen ist, sieht sich das
Bündnis im Kosovo nun mit einer weiteren, extrem
gefährlichen und dringlichen Bedrohung des Friedens
in Europa konfrontiert. Die NATO stellt sich auch
dieser Herausforderung. Im Oktober konnte durch die
glaubwürdige Androhung von Luftangriffen gegen
Serbien eine humanitäre Katastrophe abgewendet
sowie ein Strom von Flüchtlingen vermieden werden,
der eine Reihe von NATO-Staaten betroffen hätte insbesondere auch diesen. Am vergangenen Wochenende drohte das Bündnis erneut mit dem Einsatz
von Gewalt und machte Belgrad gegenüber deutlich,
daß es sich an die im Oktober getroffenen Vereinbarungen halten müsse.
Das Drama, die Spannung, die Schwierigkeiten und
die Gefahr im Kosovo bestehen noch während ich hier
spreche. Wir dürfen in unserer Entschlossenheit nicht
nachlassen und wir können den Erfolg unseres
Unternehmens nicht als selbstverständlich ansehen.
Aber ich glaube, es gibt bereits jetzt Grund zu der
Hoffnung, daß der Kosovo ein Fallbeispiel für den
Willen und die Fähigkeit der NATO sein wird, Hand in
Hand mit anderen Institutionen zu arbeiten und
zusammen mit ihnen unsere gemeinsamen Interessen
zu verteidigen. Wir haben diesen Prozeß institutioneller Zusammenarbeit in Bosnien begonnen und im
Kosovo darauf aufgebaut; wir konnten beobachten, wie
fünf Organisationen - die NATO, die EU, die OSZE, die
Vereinten Nationen und die Kontaktgruppe - einen
beispiellosen und vielversprechenden Grad an
Synergie entwickelt haben. Damit meine ich, daß
diese unterschiedlichen, sich jedoch überschneidenden Organisationen ihre Energien und Kräfte vereint
und in den Dienst einer drängenden gemeinsamen
Sache gestellt haben.
Wenn sich die Konfliktparteien zu einer Friedenskonferenz in Rambouillet treffen, wird dies eine direkte
Folge dieser Synergie sein: Die Vereinten Nationen
haben den Bemühungen im Kosovo-Konflikt ihre
politische und moralische Autorität durch eine Erklärung des Präsidenten verliehen; die OSZE bleibt im
Rahmen ihrer Verifizierungsmission vor Ort im Kosovo,

Seite 5

�um zur Beschwichtigung der Erregung beizutragen; die
EU war besonders durch die guten Dienste und die
staatsmännische Führung von Botschafter Petritsch
bei der Umsetzung der Bestimmungen einer Interimlösung behilflich und nicht zuletzt die NATO war von
kritischer und unerläßlicher Bedeutung im Luftgebiet
über dem Kosovo, am Boden nicht weit entfernt in
Mazedonien und zur See in der Adria. So übte sie
Druck aus und drohte mit Vergeltung - mit anderen
Worten, sie ließ die Muskeln spielen, was so oft den
entscheidenden Ausschlag gibt zwischen einem
diplomatischen Durchbruch und einem diplomatischen
Zusammenbruch. Im Übrigen ist es an der NATO,
gemeinsam mit diesen anderen Institutionen das
nötige Vertrauen und die Sicherheit für eine wie auch
immer geartete dauerhafte politische Lösung der
Parteien in Rambouillet zu bieten.

Aus all diesen Gründen, Karl, bin ich dankbar, heute
wieder einmal in Bonn sein zu dürfen, 27 Jahre nach
meinem ersten Besuch. Ich sage das nicht nur, weil
die guten Nachrichten in diesem Teil Europas gegenüber den schlechten Nachrichten auf dem Balkan
überwiegen, wo ich gelebt habe; ich sage es, weil das
Bündnis, das dazu beiträgt, die Vereinigten Staaten an
Deutschland zu binden, es auch den Kräften der
Integration und der Kooperation in dem neuen Europa
ermöglicht, über die der Spaltung und der Feindseligkeit zu siegen, die aus Europas Vergangenheit heraus
die Zukunft bedrohen. Wir Amerikaner sind stolz
darauf, gemeinsam mit Ihnen, den Deutschen und
Europäern, an dieser guten Sache zu arbeiten. Vielen
Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Meine Kollegen und ich
freuen sich jetzt auf eine lebhafte und fruchtbare
Diskussion.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10.Februar 1999

Die euroatlantische Partnerschaft
Rede von Staatssekretär Eizenstat

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart E. Eizenstat, vor dem Deutschen
Industrie- und Handelstag (DIHT), vom 27. Januar 1999.

Ich weiß die Gelegenheit zu schätzen, vor dieser
Handelskammer sprechen zu dürfen, die über drei
Millionen deutsche Unternehmer vertritt.
Heute möchte ich kurz über die euroatlantische
Partnerschaft und die uns in der Zukunft konfrontierenden Herausforderungen sprechen.
Es ist in keiner Weise übertrieben zu sagen, daß die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union die wichtigsten, einflußreichsten und prosperierendsten bilateralen Beziehungen
modemer Zeiten sind.
Das jährliche Handels- und Investitionsvolumen
zwischen Europa und Amerika beläuft sich auf mehr
als 2 Billionen Dollar. Und die Hälfte aller auf der Welt
produzierten Waren und Dienstleistungen werden in
den Vereinigten Staaten und Europa hergestellt.
Für uns ist unser Wohlstand untrennbar mit Europa
verbunden. Der Handels- und Investitionsfluß zwischen der Europäischen Union ist größer als unser
Handel mit Japan und Kanada zusammengenommen.
Europäische Unternehmen sind die größten ausländischen Investoren in 41 von 50 amerikanischen
Bundesstaaten. Jeder zwölfte Fabrikarbeiter ist in
einem Betrieb tätig, der in europäischer Hand ist. Und
amerikanische
Unternehmen beschäftigten
drei
Millionen Arbeitnehmer in Europa.
Aber unsere Beziehungen gehen natürlich weit über
reine Ökonomie hinaus. Millionen von Amerikanern
haben ihre Wurzeln und ihren kulturellen Ursprung in
der Heimat ihrer Vorfahren in Europa.

AMERIKA DIENST 02

Und unsere gemeinsamen Werte Demokratie und
Freiheit werden über den Atlantik hinweg getragen und
helfen, ein untrennbares Band zwischen unseren
Völkern zu schaffen.
Es waren diese gemeinsamen Werte, die in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Nationen
Westeuropas und die Vereinigten Staaten bei der
Eindämmung der Kräfte des Kommunismus zusammenbrachten.
Auch nach dem Fall der Berliner Mauer hat diese
Zusammenarbeit Bestand, während wir gemeinsam
auf die Integration eines vereinigten Deutschlands in
europäische Institutionen, die Einbindung eines
postsowjetischen Rußlands in das demokratische
Lager, die NATO-Erweiterung und schließlich die
Herbeiführung von Frieden für das bosnische Volk
hinarbeiten.
Der Kalte Krieg mag vorüber sein, aber die Notwendigkeit für eine stabile Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa ist lebenswichtiger als je zuvor.
Tatsache ist, daß Millionen Menschen auf der ganzen
Welt eine bessere Zukunft erwarten können, wenn
Europa und Amerika wohlhabend und stabil sind.
Und wenn die Vereinigten Staaten und die Europäische Union bei globalen Themen von Handel und
Umwelt über Verbrechen bis zu nuklearer Weiterverbreitung zusammenarbeiten, ist die Welt sicherer,
wohlhabender und friedlicher.
In den vergangenen Jahren haben die Vereinigten
Staaten und die Europäische Union wichtige multilate-

Seite 1

�rale Handelsabkommen über Telekommunikationsund Informationstechnologie im Wert von mehreren
Hundert Milliarden Dollar abgeschlossen. Zusammen
haben wir zur Einführung gemeinsamer Programme
beigetragen, um die nukleare Weiterverbreitung in
Nordkorea aufzuhalten, unsichere Kernreaktoren in
der Ukraine zu schließen, Atommüll in Rußland zu
entsorgen, Zuhälterringe in Osteuropa zu zerschlagen
und sogar Kinderpornographie im Internet auszumerzen.
90 Prozent aller humanitären Hilfsleistungen kommen
entweder aus der EU oder den Vereinigten Staaten.
Die EU leistet mit einem Hilfspaket in Höhe von 1,9
Milliarden Dollar für die Palästinenser einen maßgeblichen Beitrag zum Nahostfriedensprozeß. Darüber hinaus beläuft sich ihr Beitrag für Osteuropa einschließlich Bosniens - auf annährend 2 Milliarden
Dollar.
Unsere Zusammenarbeit muß fortgesetzt werden,
während wir uns mit dem als Globalisierung bekannten
beispiellosen weltweiten Fluß von Privatkapital, Ideen,
Technologie, Waren und Dienstleistungen befassen,
der nicht nur die internationale Wirtschaft verändert,
sondern auch die Welt, wie wir sie kennen. Jeden Tag
fließt Kapital in Höhe von weit über eine Billion Dollar
um die Welt und übersteigt den Handelsfluß um
60 zu 1.
Der Kampf um die Lenkung der Kräfte der Globalisierung wird für Europäer und Amerikaner gleichermaßen
eine der entscheidenden außenpolitischen Prioritäten
des kommenden Jahrhunderts sein.
Wir befassen uns bereits mit den Herausforderungen
der Globalisierung, während wir die globale finanzielle
und politische Krise bewältigen.
In der Tat sind wir die beiden Pfeiler der wirtschaftlichen Stärke, auf die sich eine instabile Weltwirtschaft
stützt. Heute tragen Europa und die Vereinigten
Staaten eine besondere Verantwortung zur Bewahrung
unseres Wachstums und offener Märkte, vor allem für
die Waren der in einer Krise befindlichen Länder, und
für die Sicherstellung, daß die Kräfte des Protektionismus im In- und Ausland nicht die Notwendigkeit für
eine weitere Liberalisierung zunichte machen.
Die Krise ist in der Tat die erste wirklich globale
Wirtschaftskrise des Zeitalters nach dem Kalten Krieg,
in der sich Politik und Wirtschaft vermischen. Die Krise
verschärfte sich, breitete sich nach Asien aus und
enthob Politiker in Thailand, Japan, Indonesien und
später Rußland ihres Amtes.
Noch schlimmer ist, daß die Krise die Ängste vor der
Globalisierung in den Entwicklungsländern schürt und
einen Rückschlag für die Grundprinzipien von offenen
Märkten, Liberalisierung und dem freien Kapitalfluß

Seite 2

verursachen könnte, die den Lebensstandard und die
Wirtschaftschancen weltweit erhöht haben.
In der Tat ist die optimistische Sichtweise von vor nur
zwei Jahren, daß die Welt die wirtschaftliche Liberalisierung als Entwicklungsmodell annimmt, in Frage
gestellt.
Nirgendwo stellt das ein größeres Risiko dar als in den
Entwicklungsländern, in denen die aufstrebende
Mittelschicht das Rückgrat der demokratischen
Bewegungen und von Wirtschaftsreformen bildet.
Wenn ihr Vertrauen in die wirtschaftliche Liberalisierung erschüttert wird, könnte das äußerst gefährliche
und destabilisierende Auswirkungen auf die globale
Wirtschaft des 21. Jahrhunderts haben - eine Wirtschaft, auf die alle Amerikaner und Europäer bauen.
Die Industrienationen waren nicht immun gegen diesen
Rückschlag. In den Vereinigten Staaten spiegeln das
Scheitern des Fast-track-Gesetzes im Jahr 1997 und
die Schwierigkeiten bei der Genehmigung der Mittel für
den Internationalen Währungsfonds zum Teil das
Unbehagen darüber wider, in welchem Maße die
Vereinigten Staaten dem Druck äußerer Wirtschaftskräfte ausgesetzt sind.
Darüber hinaus sind die Bestrebungen zur Aushandlung eines Multilateralen Abkommens über Investitionen (MAI) in der OECD aufgrund ungerechtfertigter
Befürchtungen - vor allem, aber nicht nur von Frankreich -, daß ein solches Abkommen Arbeits- und
Umweltnormen aufs Spiel setzen würde, in eine
Sackgasse geraten.
Im kommenden Jahr werden die schwierigen Gegebenheiten in vielen Entwicklungsländern nur dazu
beitragen, die Besorgnis über die Globalisierung zu
verstärken.
Die Welt darf weder auf protektionistische Maßnahmen
zurückgreifen in dem fruchtlosen Versuch, die Globalisierung aufzuhalten, noch sollten wir ihre unleugbaren
Herausforderungen ignorieren. In Zusammenarbeit mit
ihren Wirtschaftspartnern sucht die Clinton-Administration einen neutralen Standpunkt - einen, der wirtschaftliche Offenheit und Liberalisierung unterstützt
und gleichzeitig auf die Vorbereitung unserer Bürger
hinarbeitet, so daß die härtesten Auswirkungen
minimiert werden können.
Um diese Ziele zu erreichen, müssen Europäer und
Amerikaner zusammenarbeiten.
Wenn uns die
Geschichte des 21. Jahrhunderts irgend etwas gelehrt
hat, dann, daß es wenig gibt, das wir nicht erreichen
können, wenn die Länder auf beiden Seiten des
Atlantiks zusammenarbeiten.

AMERIKA DIENST 02

�Die besten Praktiken
Während wir uns mit der derzeitigen Krise befassen,
werden die Entwicklungsländer auf Amerika und
Europa für Orientierung blicken, wie sie sich nicht nur
aus der Krise herausarbeiten, sondern auch die
Grundlage für zukünftiges Wachstum legen können.
Beispiele der "besten Praktiken" von Amerika und
Europa sind aufschlußreich. In den vergangenen
Jahren erfreute sich die amerikanische Volkswirtschaft
starken Wachstums. Allein in den letzten sechs
Jahren wurden fast 18 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf
dem niedrigsten Stand seit nahezu 30 Jahren.
Die Wirtschaftsleistung der Vereinigten Staaten ist kein
Zufall. Unsere Arbeitnehmer sind gut ausgebildet und
anpassungsfähig, unsere Arbeitsmärkte flexibel,
unsere Unternehmen äußerst wettbewerbsfähig und
haben weltweiten Einfluß, unser Innovations- und
Unternehmergeist suchen ihresgleichen, und die
Vereinigten Staaten stehen weiterhin an vorderster
Front der globalen Wirtschaft von heute.
Meiner Ansicht nach sind diese Leistungen gute
Modelle nicht nur für die Industrienationen, sondern
auch für die Entwicklungsländer, in denen ebenfalls
wirtschaftliche Umbrüche stattfinden.
Die Welt, einschließlich der Vereinigten Staaten, kann
von Europa auch wichtige Lektionen lernen. Der
Gesellschaftsvertrag zwischen den europäischen
Regierungen und den Arbeitnehmern und seine
Konzentration auf eine nationale Krankenversicherung,
Ausbildung der Arbeitnehmer und sozialen Zusammenhalt bei gleichzeitiger Bewahrung einer freien
demokratischen Marktwirtschaft ist ein Beispiel für die
Entwicklungsländer.
Mit anderen Worten: Wir können viel voneinander
lernen, und wenn wir weiterhin Wachstumsmotoren für
die globale Wirtschaft sind, sollten wir keine Angst
haben, den Blick für Inspirationen über den Atlantik zu
richten.
Veränderungen in Europa
Unsere Effektivität bei der Bewältigung der Herausforderungen des 2 1 . Jahrhunderts wird durch die in
Europa stattfindenden historischen Veränderungen
beträchtlich verbessert.
In den vergangenen 50 Jahren war ein Grundsatz der
amerikanischen Außenpolitik die starke Unterstützung
der europäischen Integration. Die Ereignisse der
letzten Jahre bringen uns diesem Ziel näher.
Zusammengenommen fördern die NATO-Erweiterung,
die mögliche Erweiterung der Europäischen Union und

AMERIKA DIENST 02

unsere enger werdenden Partnerschaften mit Rußland
und der Ukraine größere Stabilität und Einheit unter
allen Nationen Europas - ein Ziel, das während eines
Großteils des 20. Jahrhunderts bedauerlicherweise
schwer greifbar war.
Der Integrationsprozeß wird einen wohlhabenden und
demokratischen Kontinent fördern, der nicht nur durch
die Macht der Waffen, sondern durch die Möglichkeiten
von Frieden und Wohlstand geeint ist.
Darüber hinaus können wir durch die Ausdehnung
unserer Ziele von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie nach Osten Konflikte in der östlichen Hälfte des
Kontinents so undenkbar machen, wie sie es im
Westen geworden sind.
Die Einführung des Euro durch die Europäische
Wirtschafts- und Währungsunion - oder EWWU - ist
ein historischer Schritt in dem Integrationsprozeß.
Eine von soliden makroökonomischen und strukturpolitischen Maßnahmen sowie offenen Märkten
unterstützte EWWU wird Wirtschaftswachstum und
Stabilität fördern und sicherstellen, daß die EU weiterhin ein entscheidender Wachstumsmotor für die
Weltwirtschaft bleibt.
Herausforderungen
Beziehungen

für

die

euroatlantischen

Bei der richtigen Bewältigung der derzeitige Finanzkrise und der Vorbereitung auf ein neues Jahrtausend
sieht sich die euroatlantische Partnerschaft mit vier
grundlegenden Herausforderungen konfrontiert.
Diese Herausforderungen wurden beim US-EU-Gipfel
im Dezember 1995 in Madrid aufgelistet, bei dem ein
neuer Rahmen für die Stärkung der amerikanischeuropäischen Beziehungen formuliert wurde - die
Neue Transatlantische Agenda (New Transatlantic
Agenda - NTA).
Die vier Ziele der NTA sind klar:
Zur Erweiterung des Welthandels und zu
engeren Wirtschaftsbeziehungen beizutragen.
Gemeinsam auf globale Herausforderungen
zu reagieren.
Frieden, Stabilität, Demokratie und Entwicklung auf der ganzen Welt zu fördern.
Stärkere Brücken über den Atlantik zu bauen.
Wie wir jedes einzelne dieser Ziele erreichen, wird
maßgeblich zu der Gewährleistung beitragen, daß das
nächste Jahrhundert ein Jahrhundert mit größerer

Seite 3

�Freiheit und größerem Wohlstand für Millionen Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks wird.
Erweiterung des Welthandels und engere Wirtschaftsbeziehungen
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind die beiden Pfeiler des Wohlstands für die Welt.
Zweifelsohne spielt Deutschland eine entscheidende
Rolle in diesem Prozeß und ist ein starker Wachstumsmotor nicht nur für Europa, sondern auch für die Welt.
25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Europäischen Union kommen aus Deutschland, das 1997 ein
BIP von über 2 Billionen Dollar hatte.
Wie unsere Volkswirtschaften funktionieren, so
funktioniert auch die Welt. Das erlegt sowohl Amerika
als auch Europa eine einzigartige Verantwortung und
Verpflichtung auf, zur Ankurbelung der globalen
Wirtschaft beizutragen, insbesondere in dieser Zeit
finanzieller Turbulenzen und Unsicherheiten.
Die Finanzkrise und die heftige öffentliche Reaktion auf
die Globalisierung bedrohen die in den vergangenen
Jahren erzielten enormen wirtschaftlichen und politischen Gewinne. Aus diesem Grund ist es so wichtig,
daß die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union den Prozeß der Offenheit und Liberalisierung
fortsetzen, der unsere Wirtschaftsbeziehungen im
letzten halben Jahrhundert charakterisiert hat.
Die 1998 beim US-EU-Gipfel ins Leben gerufene neue
Transatlantische Wirtschaftspartnerschaft (Transatlantic Economic Partnership - TEP) bietet uns einen
Rahmen für den weiteren Abbau von bilateralen und
multilateralen Hemmnissen für internationalen Handel
und Investitionen und die Ankurbelung von weiterem
Wirtschaftswachstum.
Die TEP bietet einen Rahmen für Amerikaner und
Europäer gleichermaßen zur Erweiterung der Zusammenarbeit in unseren heikelsten Handelsbereichen. Sie beinhaltet entscheidende Sektoren für
amerikanische Unternehmer und Verbraucher und
sucht außerdem nach gemeinsamen Ansätzen zu
handelsbezogenen Umwelt- und Arbeitsfragen.
Seit Mai vergangenen Jahres haben Unterhändler der
Vereinigten Staaten und der EU einen gemeinsamen
Aktionsplan fertiggestellt, der spezifische Initiativen
festlegt, die wir im Rahmen der Partnerschaft in die
Wege leiten werden.
Dazu zählen die Definition neuer Sektoren für die
gegenseitige Anerkennung von Normen und die
Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die versucht, die
Meinungsverschiedenheiten bei unseren Genehmigungsverfahren im Bereich der Biotechnologie auszuräumen.

Seite 4

Wir prüfen femer die Möglichkeit von Abkommen über
gegenseitige Anerkennung im Dienstleistungssektor
und haben die Prüfung gemeinsamer wettbewerbsfördernder Maßnahmen zum weiteren Abbau von
Hemmnissen in diesem wichtigen Bereich vereinbart.
Und natürlich werden wir weiterhin Maßnahmen
anstreben, die Wirtschaftswachstum und offene Märkte
fördern. Wir werden dieses Ziel sowohl bilateral über
die TEP als auch in künftigen Verhandlungen der
Welthandelsorganisation (WTO) verfolgen.
In der Tat ist es unumgänglich, daß Europa und
Amerika in der Welthandelsorganisation gemeinsam
vorgehen, um die globalen Handelsgespräche im
nächsten Jahr voranzubringen. In seinem Bericht zur
Lage der Nation forderte Präsident Clinton kürzlich "die
Welt auf, zusammen mit den Vereinigten Staaten in
eine neue Runde globaler Handelsgespräche einzutreten, um den Export von Dienstleistungen, Fertigwaren und landwirtschaftlichen Produkten zu erweitem".
In einer Zeit großer wirtschaftlicher Gefahren müssen
wir, die so viel von freiem Handel und wirtschaftlicher
Liberalisierung profitiert haben, uns weiterhin für
wirtschaftliche Offenheit und Reformen einsetzen. Es
ist unerläßlich, daß die EU ebenso wie Japan weiterhin
mehr tut, um Produkte von Ländern in wirtschaftlichen
Schwierigkeiten aufzunehmen.
Unsere Entschlossenheit wird als gutes Beispiel für die
Entwicklungsländer dienen - die wir auffordern,
entschiedene Schritte auf dem Weg zu Wirtschaftsreformen zu unternehmen -, daß die Vereinigten
Staaten und Europa nach wie vor die Absicht haben,
auf dem Kurs der wirtschaftlichen Liberalisierung zu
bleiben und als Pfeiler für Stabilität in der globalen
Wirtschaft zu dienen.
Das erlegt den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union eine besondere Last auf, ihre eigenen
Differenzen im Bereich des Handels beizulegen. In so
vielschichtigen und umfassenden Handelsbeziehungen wie den unseren entstehen gelegentlich Probleme.
Das war der Fall bei unseren jüngsten Handelsstreitigkeiten über Bananen und hormonbehandeltes Rindfleisch. Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese
zwar nicht unerheblichen Differenzen die zahlreichen
positiven Aspekte unserer Partnerschaft überschatten.
Wir müssen die langfristigen Auswirkungen von
Handelsstreitigkeiten in Betracht ziehen. Im Falle der
Bananen hatten die Vereinigten Staaten bereits drei
Mal prozessiert und gewonnen. Aber das Versagen
der EU, eine mit den jüngsten WTO-Entscheidungen
im Einklang stehende Marktordnung einzuführen,
riskiert die Effektivität und Integrität des Streitschlichtungsprozesses der WTO zu unterminieren.

AMERIKA DIENST 02

�Der umstrittene Weg, den wir im Falle der Bananen
gegangen sind, darf bei Rindfleisch von mit Hormonen
behandeltem Vieh nicht wiederholt werden.
Die Frist für die Umsetzung der WTO-Entscheidungen
zu hormonbehandeltem Rindfleisch rückt rasch näher,
aber wir wissen immer noch nicht, wie die EU die
WTO-Entscheidung umzusetzen gedenkt. Um eine
Eskalation dieses Disputs zu vermeiden, müssen wir
jetzt Gespräche über eine gegenseitig akzeptable und
im Einklang mit der WTO stehende Lösung finden.
Wenn wir uns einig in der Überzeugung sind, daß die
WTO bei der Sicherstellung von künftigem Wohlstand
durch offene Märkte und den Abbau von Handelshemmnissen eine entscheidende Rolle zu spielen hat,
dann verdient sie unsere uneingeschränkte und
bedingungslose Unterstützung.
Die Förderung von Frieden, Stabilität, Demokratie
und Entwicklung

müssen wir weiterhin nach gemeinsamem Terrain
suchen. Im Falle Kubas beispielsweise haben wir
unsere gemeinsamen Ziele im Hinblick auf Menschenrechte und den Übergang zu Demokratie
unterstrichen und eine Vereinbarung ausgehandelt, die
zur Beilegung der Meinungsverschiedenheiten über
die amerikanische Sanktionsgesetzgebung beitragen
soll. Bezüglich des Iran haben wir einen ähnlichen
Ansatz verfolgt und konzentrieren uns auf unsere
Ablehnung von Terrorismus, die Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen und die Ausarbeitung
eines Arrangements zur Überwindung der Meinungsverschiedenheiten über die Sanktionen. Die von uns
im vergangenen Jahr gegründete Transatlantische
Partnerschaft für Politische Zusammenarbeit (Transatlantic Partnership for Political Cooperation - TPPC)
bietet einen Mechanismus für Konsultationen zu
regionalen politischen Themen vor der Verhängung
unilateraler Sanktionen, um in Zukunft Differenzen
über diese Themen zu vermeiden.
Globale Herausforderungen

Unsere starke wirtschaftliche Zusammenarbeit wird
natürlich wenig Bedeutung haben, wenn es uns nicht
gelingt, die politische Partnerschaft zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU effektiver zu gestalten.
Zu oft in der Zeit nach dem Kalten Krieg haben wir zu
langsam auf humanitäre, politische und finanzielle
Krisen in Europa und auf der ganzen Welt reagiert.
Wir können es uns nicht länger leisten, auf Blutvergießen oder Instabilität zu warten, bevor wir
handeln.
Ich freue mich, bei einer Reihe von Problemen Fortschritte beobachten zu können. Vom Balkan und
Nordkorea bis zum Nahen Osten und der ehemaligen
Sowjetunion arbeiten wir effektiver zusammen, um den
Frieden zu bewahren und den Ausbruch von Kriegen
zu verhindern.
Über die NATO und die OSZE haben wir maßgebliche
Schritte unternommen, um in Bosnien Frieden zu
schaffen. Obwohl wir uns auf dem Balkan immer noch
mit ernsthaften Herausforderungen für den Frieden
und die Rechtsstaatlichkeit konfrontiert sehen, ist es
offensichtlich, daß die europäische Sicherheit auf dem
Fundament einer starken und engagierten Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und der EU
ruht.
Ich hoffe, daß das nächste Jahrhundert eine neue,
gleichberechtigtere Partnerschaft zwischen Europa
und Amerika einleitet, so daß wir auf der ganzen Welt
gemeinsam handeln können um zu verhindern, daß
regionale Krisen zu humanitären Katastrophen und
Bedrohungen der internationalen Sicherheit werden.
Wo wir verschiedener Meinung sind, wie die Situation
in bestimmten Ländern angesprochen werden sollte,

AMERIKA DIENST 02

Als Pfeiler für internationale Stabilität tragen die
Vereinigten Staaten und die Europäische Union
natürlich eine globale Verantwortung, die weit über den
Atlantik hinweg reicht.
Während sich neue internationale Bedrohungen von
organisiertem Verbrechen und Drogenhandel bis zu
Terrorismus und Pornographie abzeichnen, müssen
wir mehr tun, um diese Probleme gemeinsam anzugehen - nicht nur für unsere eigenen Bürger,
sondern für alle Menschen.
Wie erzielen bereits Fortschritte bei der Zerschlagung
von Zuhälterringen, die Tausende von Frauen aus
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion versklaven.
Und sobald die neuen europäischen Institutionen zur
Verbrechensbekämpfung ihren Betrieb aufnehmen,
können wir das internationale und organisierte Verbrechen effektiver bekämpfen. Da die EU einem
Sondergipfel zu diesem Thema im Jahr 1999 zugestimmt hat, muß dieses Thema Priorität haben und
in den nächsten Jahren angesprochen werden, damit
wir bei der Verbrechensbekämpfung praktischer und
fruchtbarer zusammenzuarbeiten.
Im Hinblick auf die Umwelt verfolgen die Vereinigten
Staaten und die EU ein gemeinsames Ziel, haben
jedoch manchmal Meinungsverschiedenheiten, wie die
Umwelt am besten geschützt werden kann.
Ein Beispiel sind die Verhandlungen über ein Protokoll
zu Biosicherheit im Februar, das die grenzüberschreitende Verbringung von gentechnisch veränderten Produkten abdeckt. Die Vereinigten Staaten
und Europa sind sich einig über das Ziel der Verhand-

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�lungen - den Schutz der globalen biologischen Vielfalt.
Wir vertreten jedoch die Auffassung, daß unsere
europäischen Handelspartner noch nicht genügend in
Betracht gezogen haben, daß der derzeitige Entwurf
für die Bestimmungen potentiell massive negative
wirtschaftliche Konsequenzen haben könnte, ohne die
Vorteile für die Umwelt zu erhöhen.
Der globale Klimawandel ist ein weiteres Schlüsselthema, bei dem wir auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.
Ich freue mich feststellen zu können, daß wir in
Buenos Aires einen praktischen Ansatz zur Umsetzung so genannter "Flexibilitätsmechanismen" gefunden haben, wie im Protokoll von Kyoto gefordert. Das
ist ein bedeutender Schritt auf dem Weg zur Sicherstellung einer saubereren und gesünderen Welt für die
nächste Generation.
Die größte uns zur Zeit konfrontierende Herausforderung ist die Bewältigung der derzeitigen Finanzkrise. Der bevorstehende G 8-Gipfel bietet Europa
und den Vereinigten Staaten große Chancen, die
Initiativen voranzubringen, die uns die Stabilisierung
der globalen Wirtschaft bei gleichzeitiger Ankurbelung
des Wachstums gestatten.
Zum Beispiel ist es unerläßlich, daß wir Wege zur
Verbesserung der globalen Finanzarchitektur sondieren, einschließlich des Internationalen Währungsfonds
- um ein Wiederauftreten dessen zu verhindern, was
Präsident Clinton als das "Auf und Ab des Konjunkturzyklus" bezeichnet hat.
Die Administration wird jede vernünftige Option bei der
Bewältigung der langfristigen Auswirkungen der Krise
prüfen. Es wird jedoch von entscheidender Bedeutung
sein, daß wir die Entwicklungsländer in die Erarbeitung
dieser internationalen Reformen einbeziehen, auch
durch den G 22-Prozeß. Sie müssen das gleiche
Interesse an den Reformen haben, die vorgenommen
werden könnten.
In diesem Frühjahr werden die Finanzminister und
Zentralbankvorsitzenden ein breites Spektrum von
Ländern konsultieren, um Vorschläge zur Finanzarchitektur für den G 8-Gipfel zu entwickeln und den
Prozeß zu erweitem, mehr Stimmen in die Debatte
einzubringen.

gewisses Vertrauen haben, daß das soziale Netz
ihnen hilft, die durch den globalen Wandel verursachten wirtschaftlichen Störungen zu überstehen und
seine Chancen zu ergreifen.
Die Förderung von universeller Grundschulbildung,
besserem Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen
über die globalen Märkte, kostengünstige öffentliche
Transportmittel und Versorgungsbetriebe, hohe
Arbeits- und Umweltnormen und ein starkes Engagement für die politische Entscheidungsfindung seitens
aller Sektoren der Gesellschaft sind nur einige der
Schritte, die unternommen werden müssen.
Insbesondere begrüßen wir die Unterstützung der
Weltbank und des IWF, den Ländern bei der besseren
Integration von Programmen für soziale Sicherheit und
finanzielle Stabilisierung behilflich zu sein, so daß
Krisen weniger wahrscheinlich und weniger schmerzhaft werden.
Initiativen zur Beschleunigung des Tempos unternehmerischer und finanzieller Umstrukturierungen,
Verbesserung der Entwicklungshilfe durch bilaterale
und multilaterale Institutionen und verbesserte
Handels- und Investitionschancen für Entwicklungsländer sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung
und müssen ganz oben auf der Tagesordnung der
internationalen Gemeinschaft stehen.
Ich begrüße die von der deutschen Bundesregierung
unterbreiteten Vorschläge, die das nächste G 8Gipfeltreffen veranstaltet.
Insbesondere begrüßen wir die jüngste Initiative zum
Schuldenabbau der Bundesregierung als konstruktiven
Vorschlag im derzeitigen Schuldenrahmen.
Die
Vereinigten Staaten befürworten seit langem viele
Schlüsselelemente der deutschen Initiative, darunter
größere Schuldenreduzierungen und den Nachlaß von
Schulden zu Vorzugskonditionen im Pariser Club
sowie erhöhte Flexibilität hoch verschuldeter armer
Länder. Wie sehen den Einzelheiten erwartungsvoll
entgegen.
Darüber hinaus müssen wir den Entwicklungsländern
mit technischer Hilfe zur Handhabung des raschen Zuund Abflusses von Kapital zur Seite stehen, der zu der
aktuelle Krise beigetragen hat.

Darüber hinaus müssen wir gemeinsam die andauernden Bestrebungen der Entwicklungsländer
unterstützen, in ihre Bürger zu investieren, so daß sie
die Früchte dieses Wachstums besser verteilen
können und ein offenes und rechenschaftspflichtiges
politisches System bewahren.

Viele der von der Krise am stärksten betroffenen
Länder hatten keine gut entwickelten Finanzsysteme
mit dem erforderlichen rechtlichen Rahmen und
Regelwerk um sicherzustellen, daß das Kapital zu
seinem produktivsten Nutzer floß.

Wir sollten die Schwierigkeiten nicht unberücksichtigt
lassen, denen sich junge Demokratien und Märkte
gegenübersehen. Um die wirtschaftliche Liberalisierung weiter zu unterstützen, müssen die Bürger ein

Übermäßig viele private kurzfristige Anleihen in
ausländischen Währungen erhöhten die Anfälligkeit
der Volkswirtschaften auf Gefühlsschwankungen.
Vetternwirtschaft, Korruption und ein Mangel an

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AMERIKA DIENST 02

�finanzieller Transparenz trugen zu einer Reihe
schlechter Investitionen und einer Schwächung der
Banken bei. Die Krise deckte Schwächen auf, veränderte die Einstellung zu künftigen Wachstumsaussichten und nährte die Unsicherheit und Panik der
Investoren, führte zu finanzieller Instabilität und
schließlich zu Rezession.
Zusammen mit einer geeigneten Steuer- und Geldpolitik liegt der Schlüssel für viele dieser Nationen in
der Verbesserung der klugen Regulierung und Überwachung der Finanzinstitutionen, erhöhter Transparenz, Offenlegung und Verbesserung der Unternehmensleitung, so daß umfangreiche Kapitalflüsse
produktiv genutzt werden können.
Wenn diese Programme richtig umgesetzt werden,
können sie maßgeblich zum Aufbau von Vertrauen
unter den internationalen Investoren beitragen und
gleichzeitig den Nationen helfen, mit dem enormen Zuund Abfluß von Kapital fertig zu werden, der ein so
unterläßliches Element der globalen Wirtschaft von
heute ist.
Darüber hinaus müssen wir eine globale Kampagne für
die Einhaltung international anerkannter Standards
guter Regierungsführung in die Wege leiten.
Dank der amerikanischen Führungsrolle hat die vor
kurzem ratifizierte OECD-Konvention zur Bekämpfung
von Bestechung bedeutende neue durchsetzbare
Standards eingeführt, um Bestechung für die Vergabe
internationaler Geschäfte unter Strafe zu stellen, das
heißt, die "Angebotsseite" transnationaler Bestechung.
Es ist auch entscheidend, daß vor allem in den
Entwicklungsländern Bestrebungen zur Inangriffnahme
der "Nachfrageseite" unternommen werden.
Die OAS-Konvention zur Bekämpfung von Korruption
sieht ferner eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung von Betrug und Korruption in Lateinamerika vor
und ist ein wichtiges Modell für die Entwicklungsländer.
Brücken bauen
Schließlich muß die euroatlantische Partnerschaft über
die Domäne der Regierung hinausgebracht und
direkter in das Leben der Europäer und Amerikaner
einbezogen werden. Aus diesem Grund arbeiten wir
auf die Einleitung eines persönlichen "Dialogs" über
Wirtschafts-, Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherfragen
hin.

europäischen und amerikanischen Unternehmer in
einer nie zuvor gesehenen Weise in die euroatlantische Regierungsebene einbezogen. Der TABD trägt
in zunehmendem Maße zur Gestaltung der transatlantischen Handels- und Investitionsagenda bei. Vor
allem der Generaldirektor von Daimler-Benz, Jürgen
Schrempp, hat eine starke Führungsrolle im TABD
übernommen.
Diese Partnerschaft trägt bereits Früchte. Im vergangenen Jahr erlebten wir die Unterzeichnung eines
Abkommens zwischen den Vereinigten Staaten und
der EU über gegenseitige Anerkennung, das sechs
Sektoren abdecken und jährlich schätzungsweise 1
Milliarde Dollar sparen wird.
In der WTO wurden Abkommen über Finanzdienstleistungen, Telekommunikations- und internationale
Technologie abgeschlossen.
Und wir haben auch die Aufschiebung europäischer
Richtlinien erreicht, die möglicherweise Störungen in
den amerikanisch-europäischen Handelsbeziehungen
verursacht hätten.
Die Vereinigten Staaten sind sich bewußt, daß es viele
andere "Unparteiische" in den transatlantischen
Beziehungen gibt. Aus diesem Grund versuchen wir,
im Rahmen der NTA Kontakte mit Vertretern der
Verbraucher-, Arbeitnehmer- und Umweltbewegungen
zu stärken und ihren Input zu erhalten.
Ich hatte das Vergnügen, im September bei der
Einführung des Transatlantischen Verbraucherdialogs
(Transatlantic Consumer Dialogue - TACD) dabei zu
sein und sehe der offiziellen Einführung des Transatlantischen Umweltdialogs (Transatlantic Environment
Dialogue - TAED) im Frühjahr hier in Deutschland
erwartungsvoll entgegen. Zusammen mit dem transatlantischen Arbeitsdialog (Transatlantic Labor Dialogue - TALD) arbeiten diese neuen Ergänzungen der
NTA-Familie bereits drauf hin, amerikanischen und
europäischen Entscheidungsträgem Input zu wichtigen
Themen zu geben, die das Leben der Menschen auf
beiden Seiten des Atlantiks beeinflussen. Diese
Gruppen sind uns bei der Einhaltung der Genfer
Verpflichtung des Präsidenten behilflich um sicherzustellen, daß "angeregter wirtschaftlicher Wettbewerb
zwischen Nationen nie in einer Abwärtsspirale beim
Umweltschutz, Verbraucherschutz und den Arbeitsnormen enden wird".
Schlußbemerkung

Ein solcher Dialog ist der Transatlantische Wirtschaftsdialog (Transatlantic Business Dialogue - TABD), der
Mitarbeiter amerikanischer und europäischer Unternehmen zusammenbringt, um einen Konsens für
Empfehlungen zu staatlichen Aktionen zu erlangen, die
zu einem transatlantischen Markt führen, der frei von
Handelshemmnissen ist. Dieser Dialog hat die besten

AMERIKA DIENST 02

Seit 50 Jahren reichen sich die Völker Europas und
Amerikas in einer historischen Partnerschaft die Hand.
Zusammen haben wir dazu beigetragen, daß dieser
Kontinent eine beständige Zukunft mit Freiheit, Demokratie und wirtschaftlichen Chancen hat. Der Erfolg
unserer Unternehmungen ist offensichtlich.

Seite 7

�Heute sehen wir uns einer völlig neuen Reihe von
Herausforderungen gegenüber. Und wieder einmal
sehen wir uns mit der furchteinflößenden Verantwortung konfrontiert, als Pfeiler der Stabilität für die
Völker der Welt zu dienen. Dies ist keine Zeit für
Amerika und Europa, sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen oder sich vor den vor ihnen liegenden Herausforderungen zu drücken.

Wir können und müssen sicherstellen, daß die euroatlantische Partnerschaft das Fundament der globalen
Bewegung zu größerer Freiheit und zunehmenden
Wirtschaftschancen bleibt. Wenn wir zusammenarbeiten, wie wir es in der Vergangenheit getan haben,
habe ich keine Zweifel, daß dieses Ziel im kommenden
Jahrhundert eine aufregende Realität wird.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 02

�USA-EUROPA
10. Februar 1999

Der Aufbau einer transatlantischen Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
von Thomas R. Pickering und Stuart E. Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Thomas R. Pickering ist Staatssekretär für politische Angelegenheiten und Stuart E.
Eizenstat Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium.

Europas einheitliche Währung - der Euro - wurde in
dieser Woche aus der Taufe gehoben. Mit 11 "Gründungsmitgliedern" ist die Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion (EWWU) eine historische Leistung,
die vor nur wenigen Jahren noch undenkbar war. Sie
verdient unsere Unterstützung, weil sie ein Symbol der
Stabilität zu einer Zeit globaler finanzieller Unsicherheit
sein kann. Sie ist auch bis heute das prominenteste
und konkreteste Beispiel, daß die europäische Integration vorankommt und die europäischen Partner
bereit sein könnten, auf ihrem Kontinent geschlossener
und auf der Weltbühne zusammen mit den Vereinigten
Staaten effektiver zu handeln.
Diese Aussicht untermauert die historische Einführung
des Euro, die wir begrüßen. Die Unterstützung der
europäischen Integration ist seit Jahrzehnten ein
Merkmal der amerikanischen Außenpolitik. Demokratische und republikanische Administrationen gleichermaßen vertreten die Auffassung, daß ein politisch und
wirtschaftlich geeintes Europa besser in der Lage sein
würde, unsere gegenseitige Sicherheit, unseren
Wohlstand und unsere demokratischen Werte zu
fördern. Eine einheitliche europäische Währung ist die
logische Vervollständigung eines gemeinsamen
europäischen Marktes. Und eine einheitliche europäische Währung, die die Aufmerksamkeit Europas auf
die Erlangung von Wirtschaftswachstum lenkt, zu
globaler Finanzstabilität beiträgt und einen offenen
kontinentalen Markt konsolidiert, kann gut für die
Vereinigten Staaten und gut für die Welt sein. Schon
die Aussicht auf die EWWU wirkt als wichtiger Anreiz
für Länder, ihr wirtschaftliches Haus in Ordnung zu
bringen - zum Vorteil Europas und der Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 02

Darüber hinaus sind die elf Länder, die jetzt die
Wirtschafts- und Währungsunion bilden, Teil eines
noch ehrgeizigeren Unternehmens.
Anfang des
nächsten Jahrhunderts wird die Europäische Union
wahrscheinlich eine Bevölkerung von einer halben
Milliarde mit einem Territorium vom Atlantik bis nach
Rußland und vom Schwarzen Meer und dem Mittelmeer bis zur Ostsee und der Arktis haben. Ihre
Volkswirtschaft wäre im Hinblick auf das Bruttoinlandsprodukt beträchtlich größer als unsere. Es liegt in
unserem Interesse, eng mit Europa zusammenzuarbeiten, während sich dieser umfassende Prozeß
der Integration und Erweiterung vollzieht, und auf
diesen Veränderungen aufzubauen, um eine Tagesordnung des 2 1 . Jahrhunderts für die transatlantische
Partnerschaft zu erarbeiten.
Wir haben bereits einen guten Anfang gemacht. Vor
drei Jahren antizipierten Präsident Clinton und die
Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union
diese Veränderungen durch die Einführung der Neuen
Transatlantischen Agenda (NTA). Die NTA ist ein
flexibler, nach vorne gerichteter Prozeß der Zusammenarbeit, der eine ehrgeizige Reihe gemeinsamer Aktionen zwischen Europäern und Amerikanern
voranbringt - in Europa, über den Atlantik hinweg, auf
der ganzen Welt, im Cyberspace und im Weltall.
Gemeinsam bauen wir globale Wirtschaftshemmnisse
ab und fördern Frieden auf dem westlichen Balkan, der
koreanischen Halbinsel und im Nahen Osten. Gemeinsam fördern wir die nukleare Sicherheit in der
Ukraine und Rußland, reagieren auf die Verwüstungen
durch Hurrikane in Mittelamerika, verhindern, daß
Zuhälterringe in Osteuropa mit Frauen handeln und

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�verteidigen die Menschenrechte in Kuba, Burma und
auf dem Balkan. Gemeinsam mildem wir die Armut in
Afrika, stoppen Kinderpornographie im Internet,
entwickeln ein globales Frühwarnsystem für übertragbare Krankheiten und erfüllen weltweit humanitäre
Bedürfnisse. Und gemeinsam verhindern wir die
nukleare Weiterverbreitung und bekämpfen Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler, wo immer sie
sein mögen.
Das neue Europa bringt reale Ressourcen in die
Außenpolitik ein und ermöglicht einige unserer wichtigsten Initiativen. Das vorgeschlagene neue Hilfspaket
der EU für die Palästinenser in Höhe von 1,9 Milliarden
Dollar ist für den Friedensprozeß von elementarer
Bedeutung. Die Hilfe der EU für Osteuropa - einschließlich Bosniens - ist in realen Dollarzahlen
ebenso hoch wie der Betrag, den wir Westeuropa
unter dem Marshallplan gegeben haben. 90 Prozent
der gesamten humanitären Hilfe auf der Welt entfallen
auf die Vereinigten Staaten und die EU zusammengenommen - und wir koordinieren unsere Bestrebungen, das Geld, das wir ausgeben, effektiver auszugeben.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben die umfassendsten Wirtschaftsbeziehungen der Welt - zusammengenommen beläuft sich unser Handels- und
Investitionsvolumen pro Jahr auf 2 Billionen Dollar.
Über 7 Millionen Amerikaner verdanken heute dem
transatlantischen Handel ihren Arbeitsplatz. Europa ist
der größte ausländische Investor in 41 der 50 Bundesstaaten; allein die europäischen Investitionen in Texas
übersteigen die amerikanischen Investitionen in Japan.
Über 60 Prozent aller durch internationale Investoren
in den Vereinigten Staaten geschaffenen Arbeitsplätze
sind auf die europäischen Investitionen zurückzuführen. Und die europäischen Investoren zahlen durchschnittlich 34 Prozent höhere Löhne und Gehälter als
ihre amerikanischen Kollegen. Jeder 12. amerikanische Fabrikarbeiter hat einen Arbeitsplatz in einem
Betrieb, der in europäischem Besitz ist.
Wir haben Handelsbeziehungen in Höhe von 300
Milliarden Dollar mit hohen Löhnen, hoher Beschäftigung und strengen Umweltsnormen sowie offenem,
nichtdiskriminierendem Zugang zum Markt des jeweils
anderen Landes. Die Beziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU waren entscheidend
für die jüngsten multilateralen Handelsabkommen über
Telekommunikations- und Informationstechnologie in
Höhe von rund 1 Billion Dollar. Gemeinsam haben wir
die Kosten der Regulierung für unsere Exporteure in
Sektoren gesenkt, die Handel in Höhe von 57 Milliarden Dollar jährlich abdecken.
Eine wachsende
Europäische Union bedeutet Chancen für amerikanische Unternehmen und Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer. In einer Zeit globaler finanzieller
Unsicherheit, steigender Handelsdefizite und Zweifeln

Seite 2

an Globalisierung und Handel sind dies Wirtschaftsbeziehungen, die funktionieren.
Aus diesem Grund sehen wir den Euro nicht als eine
Bedrohung, sondern als ein wichtiges Zeichen, daß
sich unsere europäischen Partner ihrer Verantwortung
bewußt sind, als Motoren für Wachstum, Finanzstabilität und offene Märkte mit uns zusammenzuarbeiten. Beim Gipfeltreffen vom 18. Dezember
verpflichteten sich Präsident Clinton und die Staatsund Regierungschefs der EU zur Zusammenarbeit, um
das multilaterale Handelssystem zu stärken und die
Ratifizierung des Abkommens über Finanzdienstleistungen der Welthandelsorganisation (WTO) durch
alle WTO-Mitglieder bis Ende dieses Monats anzustreben. Wir stimmten überein, gemeinsam die
Empfehlungen der G 7 vom 30. Oktober zur Stärkung
des internationalen Finanzsystems umzusetzen. Und
im Rahmen der Neuen Transatlantischen Partnerschaft haben wir eine ehrgeizige Reihe bilateraler
Verhandlungen zum Abbau von Handelshemmnissen
und zur Verbesserung der Zusammenarbeit bei
Regulierungsfragen in einem Dutzend Bereichen von
Biotechnologie, Dienstleistungen und Nahrungsmittelhygiene bis zu handelsbezogenen Arbeits- und
Umweltproblemen eingeleitet.
Unsere Handelsbeziehungen zu Europa sind insgesamt stark und positiv. Dennoch gibt es Probleme.
Eines davon sind Bananen. GATT- und WTO-Gremien
haben immer wieder Beschlüsse gegen die EU
erlassen, aber sie hat ihre Märkte für den Bananenhandel im Einklang mit ihren internationalen Verpflichtungen nicht geöffnet. Es geht jedoch um mehr
als Bananen - es geht um die Integrität und Effektivität
der WTO als einem Forum zur Schlichtung von
Handelsstreitigkeiten. Wir werden unsere Interessen
in dieser Angelegenheit weiterhin vertreten. Gleichzeitig werden wir mit Europa bei der Lösung anderer
Probleme und im umfassenderen Sinne bei Initiativen
zur Gestaltung der künftigen multilateralen Handelsliberaiisierung zusammenarbeiten.
Es bleibt dabei, daß unser Ansatz zur Weiterentwicklung der EWWU von zwei einfachen Prämissen geleitet
ist. Wir sind davon überzeugt, daß die Integration in
Europa - ebenso wie die Integration andernorts - den
betroffenen Ländern bei der Überwindung der traditionellen Grenzen von Gewohnheit und Geschichte,
Geografie und Kultur helfen sollte. Sie sollte nach
außen, nicht nach innen gerichtet sein. Natürlich
werden wir daran arbeiten sicherzustellen, daß die
Integration der neuen Mitgliedstaaten auf eine Weise
geschieht, die nicht den amerikanischen Wirtschaftsinteressen schadet. Unsere Strategie wird jedoch
darin bestehen, die Integration zu fördern. Wir arbeiten mit den Ländern zusammen, die eine EU-Mitgliedschaft anstreben, um fairen Marktzugang für amerikanische Firmen zu gewährleisten, selbst während sie
die Zollschranken zur EU abbauen. Die logische

AMERIKA DIENST 02

�Konsequenz ist, daß Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen und das umfassendere multilaterale System
stärken sollte. Dies ist das Leitprinzip der amerikanischen Bestrebungen in der NAFTA und im APEC
sowie unserer derzeitigen gemeinsamen Anstrengungen im Rahmen der Transatlantischen Wirtschaftspartnerschaft. Diese Betonung von Offenheit - offene
Einstellung und offener Zugang - stärkt unsere Hoffnungen für die Europäische Union und gelegentlich
auch unsere Sorge darüber.
Wir streben eine effektivere Partnerschaft mit einem
Europa an, das bei drängenden internationalen Fragen
umgehend handeln kann. Wir sehen der Zusammenarbeit mit der deutschen Präsidentschaft der EU in
diesem Frühjahr bei der Ausarbeitung von Wegen
erwartungsvoll entgegen, wie wir bei der Bewältigung
plötzlicher Krisen, Beilegung unserer Differenzen bevor sie unsere Fähigkeit zur Zusammenarbeit
beeinträchtigen - und Verbesserung unserer gemeinsamen Bestrebungen zur Abwehr entstehender
Bedrohungen und Lösung globaler Fragen besser zusammenarbeiten können. Wenn unsere Partnerschaft

gut funktioniert, können die Vereinigten Staaten und
Europa wirklich Wegbereiter für globalen Frieden und
Wohlstand sein.
Fazit: Unsere Partnerschaft mit Europa bewirkt reale
Dinge für reale Menschen. Sie schafft Arbeitsplätze.
Sie fördert Investitionen. Sie verringert die Bedrohungen durch Verbrechen, Terrorismus, Weiterverbreitung, Drogen und Krankheiten. Sie erhöht unsere
Sicherheit und verringert die Kosten der Wahrung
dieser Sicherheit für den amerikanischen Steuerzahler.
Wenn sie gut funktioniert, versetzt sie uns in die Lage,
Ziele zu erlangen, die wir alleine nicht erreicht hätten.
Funktioniert sie nicht, kann sie in eine Sackgasse und
eine daraus resultierende Krise führen. Das aktive
Engagement von Privatpersonen, der Wirtschaft und
philanthropischen Organisationen und die vom
Kongreß und den amerikanischen Bundesstaaten
übernommene Führungsrolle werden wesentlich für
den Aufbau einer transatlantischen Partnerschaft für
das 21. Jahrhundert sein, die sich derjenigen als
würdig erweist, die unser Bündnis vor einem halben
Jahrhundert ins Leben gerufen haben.

* * * * *

Originaltext: Building a transatlantic partnership for the 21 st Century

AMERIKA DIENST 02

Seite 3

�TECHNOLOGIE

10.Februar 1999

Der Stand der amerikanisch-europäischen Beziehungen
beim Datenschutz: Verbraucherschutz und Arbeitsplatzsicherung in der Informationsgesellschaft
Rede von Staatssekretär Aaron

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für internationalen
Handel im US- Wirtschaftministerium, David L. Aaron, am 28. Januar im Amerika Haus in Frankfurt gehalten hat.

Guten Morgen. Ich freue mich, heute hier zu sein und
über eines der grundlegendsten und wertvollsten
Rechte der freien Bürger auf beiden Seiten des
Atlantiks sprechen zu dürfen: Den Schutz der Privatsphäre.
Das Recht auf Privatsphäre hat zunehmend wirtschaftliche wie auch persönliche und gesellschaftliche
Bedeutung angenommen. Über diese neue Dimension möchte ich heute sprechen.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
suchen nun schon seit einiger Zeit nach einer transatlantischen Lösung für die unterschiedlichen Ansichten zum Schutz persönlicher Information. Ich bin
heute Morgen hier bei Ihnen, weil es an der Zeit
ist, Sie einzubeziehen.
Vor kurzem traf ich mich mit dem Geschäftsführer
einer großen europäischen Firma, die hohe Beträge in
den Vereinigten Staaten und Milliarden von Euros in
den Bereichen elektronischer Handel und Datenschutz
investiert hat. Er sagte mir, er sei sehr über die
Auswirkungen des Datenschutzrechts der EU auf
seine Geschäfte in den Vereinigten Staaten und in der
Europäischen Union besorgt. Als ich ihn fragte, was
er denn dagegen tue, antwortete er, er vertraue zur
Lösung seiner Probleme auf mich.
Ich fühle mich geschmeichelt. Aber ich kann natürlich
keinerlei Lösung finden, wenn nicht Sie und Menschen
wie Sie daran mitarbeiten. Und jetzt ist es an der Zeit
dafür.

AMERIKA DIENST 02

Ich bewundere die Tatkraft, mit der Europa sich des
Datenschutzes annimmt. Die Achtung der Privatsphäre ist auch in der amerikanischen Mentalität tief
verankert. Viele Europäer kamen eben deshalb nach
Nordamerika, weil sie sich von der Einmischung des
Staates befreien wollten. Und sie fanden diese
Freiheit auch. Während der ersten 300 Jahre der
Besiedelung durch Europäer konnte die absolute
Achtung der Privatsphäre ganz einfach erreicht
werden, indem man weiter in den unerschlossenen
Westen vordrang.
Daniel Boone, ein berühmter amerikanischer Pionier,
reiste noch bis er über 80 Jahre alt war ständig weiter
gen Westen. Er ließ sich nur dann nieder, wenn er,
wie er sagte, den Rauch aus einer anderen Hütte
über den Hügeln nicht mehr erkennen konnte.
Leider läßt sich Einsamkeit heute nicht mehr so leicht
finden. Aber die nationale Besessenheit der Amerikaner mit der Privatsphäre besteht weiterhin. Der
Schutz der Privatsphäre wird im Wesentlichen durch
den ersten und vierten Verfassungszusatz garantiert
und durch weitere, individuelle Rechte schaffende
Bestimmungen unterstützt. Das Prinzip ist in unseren
Gesetzen fest verankert und durch die Rechtsprechung bestätigt worden.
Der große amerikanische Jurist Louis Brandeis
schrieb: "Privatsphäre ist das Recht alleine zu sein das umfassendste aller Rechte, und das Recht, das
von zivilisierten Menschen am meisten geschätzt
wird."

Seite 1

�Aber die Privatsphäre kann nicht mehr allein durch
räumliche Trennung garantiert werden. Ein Jahrhundert des technologischen Fortschritts hat unseren
persönlichen Freiraum ständig verkleinert - wie die
Besiedelung einst unsere geographische Isolation
verringerte.

Es ist heute technisch möglich, fast alles über unsere
Nachbarn in Erfahrung zu bringen - und unsere
Nachbarschaft ist die Welt. Die Frage lautet nicht
mehr: Können wir die Information bekommen? Sie
lautet vielmehr: Sollte es erlaubt sein, jede technologisch erfaßbare Information zu sammeln? Und dann
weiter: Wie sollten wir die gesammelte Information
nutzen dürfen?
Diese Fragen sind, wie wir in den Vereinigten Staaten
sagen, zweischneidig. Einerseits drohen umfassende
moderne Datenbanken und der unkomplizierte
sofortige Zugriff den Schutz der Privatsphäre völlig zu
unterminieren. Andererseits ist genau diese Information der Schlüssel zur Umsetzung des riesigen
Potentials des elektronischen Handels. Die Zahl der
Nutzer des Internets verdoppelt sich alle 100 Tage.
Es geht hier nicht um Schutz der Privatsphäre einerseits oder elektronischen Handel andererseits.
Unsere Erfahrung hat bisher gezeigt, daß der Schutz
der Privatsphäre wesentlich für den Erfolg des
elektronischen Handels ist. Niemand wird persönliche
Informationen im Internet angeben, ohne eine gewisse
Garantie der Vertraulichkeit zu erhalten. Wenn wir
also die Vorteile des elektronischen Handels nutzen
wollen, müssen wir den Datenschutz sicherstellen.
Wir suchen
Kompromiß
simultanen
Schutz der
Information
bewahrt.

nicht nach einem Ausgleich oder einem
- es ähnelt mehr einer Lösung von zwei
Gleichungen - einer Lösung, die den
Privatsphäre garantiert und gleichzeitig
als die Währung des 21. Jahrhunderts

Die Europäische Union hat ihre Lösung gefunden - die
im Oktober in Kraft getretene Richtlinie zum Datenschutz.
Die Richtlinie ist ein umfassendes
Verwaltungs- und Regulierungsprogramm zur Kontrolle aller Aspekte der Erfassung und Verbreitung
persönlicher Daten. Aus globaler Sicht ist der wichtigste Teil das Verbot, persönliche Daten an Drittländer
weiterzugeben, die keinen "angemessenen" Datenschutz anbieten.

Teilweise hat man sich in der EU gefragt, ob der
Datenschutz der Vereinigten Staaten "angemessen"
sei - ob der Datentransfer über den Atlantik abgebrochen und der Handel damit unterbrochen werden
könnte.

Seite 2

Das wäre eine destruktive und absolut unnötige Folge
der EU-Datenschutzrichtlinie. Die Vereinigten Staaten
haben ebenfalls Bestimmungen zum Datenschutz, die
ihren Bürgern einen weitreichenden und effektiven
Schutz der Privatsphäre bieten. Sie unterscheiden
sich von denen der EU hauptsächlich in formaler
Hinsicht. Die EU- Richtlinie zum Datenschutz würde
ich eine von oben nach unten gerichtete Vorgehensweise nennen - einen Rechts- und Regulierungsrahmen, der von unabhängigen Datenschützern
unterstützt wird.
Im Gegensatz dazu wurde der amerikanische Datenschutz von unten herauf aufgebaut und auf konkrete
Situationen ausgerichtet. Er ist eine Mischung aus
Gesetzen, Regelungen und freiwilliger Selbstkontrolle
- unterstützt durch die nationale und staatliche
Betrugsgesetzgebung und den Ausschuß zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs. Er wird dem
technologischen Wachstum und dem steigenden
Potential für den Eingriff in die Privatsphäre ständig
angepaßt und erweitert.
Warum ein so dezentralisiertes und vielschichtiges
System? Offen gesagt ist es eine große amerikanische Tradition, der Regierung zu mißtrauen. Der
Gedanke eines umfassenden Regierungsplans,
ausgeführt von einem unabhängigen Datenschützer,
der über unsere Rechte entscheidet, wurde als
Eindringen in die Privatsphäre der Amerikaner
abgelehnt.
Im Übrigen sind wir der Auffassung, daß man den
Datenschutz gegen den Schutz des freien Informationsflusses abwägen muß - ebenfalls ein grundlegendes, durch unsere Verfassung garantiertes Recht
unserer Demokratie.
In einer Studie des US-Wirtschaftsministeriums von
1982 kamen wir zu dem Schluß, daß "die Gesetze,
die die Prinzipien des Datenschutzes in den Vereinigten Staaten umsetzen, sich auf verschiedenen
Ebenen der Gerichtsbarkeit herausgebildet haben, die
unser pragmatisches, pluralistisches System widerspiegeln. Ein Großteil der Gesetzgebung geht auf die
verfassungsmäßige Beschränkung der Regierungsbefugnisse sowie auf das ungeschriebene Recht des
Einzelnen "in Ruhe gelassen zu werden" zurück. Das
Endergebnis ist ein extrem vielschichtiges System,
welches trotz allem ein weitreichendes Netz für den
Schutz des Einzelnen bietet."
Dieses System beinhaltet Hunderte von Gesetzen
über bestimmte Bereiche der Privatsphäre, die
teilweise sogar über das Niveau des Datenschutzes in
einigen europäischen Ländern hinausgehen. Das
Gesetz zum Datenschutz bei elektronischer Kommunikation von 1986 zum Beispiel macht eine unabhängige Überprüfung und die Zustimmung eines Gerichts

AMERIKA DIENST 02

�erforderlich, bevor die Polizei in den Vereinigten
Staaten Zugriff auf Mitteilungen von Internetnutzern
erhält. In einigen europäischen Ländern benötigen die
Strafverfolgungsbehörden vor dem Zugang zu der
Information eine solche Zustimmung oder Überprüfung nicht. Erst letzte Woche äußerte sich Präsident Clinton in seinem Bericht zur Lage der Nation
besorgt über Belange des Datenschutzes und schlug
eine umfassende Gesetzgebungsinitiative vor mit dem
Ziel, die medizinischen Unterlagen aller amerikanischen Bürger zu schützen. Dies käme zu einer
Reihe von vor kurzem verabschiedeten Gesetzen
hinzu, wie beispielsweise:
•

Die Datenschutzbestimmungen des Gesetzes
über Kabelverbindungen von 1984
Das Gesetz über Computeranpassung und
das Datenschutzgesetz von 1988

•

Die Reform des Gesetzes über die Benachrichtigung über Verbraucherkredite von 1996
Das Gesetz zum Schutz der Daten von
Autofahrern von 1994

•

und das Gesetz zum Schutz der Daten von
Kindern im Internet von 1998

Ich könnte noch mindestens ein halbes Dutzend
weitere nennen. Alle haben zwei Dinge gemeinsam.
Jedes Gesetz benennt eine konkrete Situation und
jedes wurde als Reaktion auf die neue Bedrohung der
Privatsphäre durch den technologischen Fortschritt
verabschiedet. Unsere zielgerichtete Vorgehensweise
ermöglicht es uns, flexibel jeden neuen potentiellen
Eingriff zu verfolgen und dagegen vorzugehen. Der
technologische Fortschritt wird dadurch allerdings
nicht behindert - ebensowenig wie die damit einhergehenden wirtschaftlichen Vorteile.
Diese Gesetze werden noch untermauert von einer
starken und effektiven Tradition der Selbstkontrolle.
Einer Selbstkontrolle, die einigen unter Ihnen und das soll jetzt kein Witz sein - fremd sein mag, aber Verhaltenskodizes der Selbstkontrolle, die vor
allem von Handels- oder Berufsverbänden entwickelt
wurden, sind ein wichtiger Teil des amerikanischen
Datenschutzsystems. Diese Organisationen erteilen
Unternehmen, die sich zu dem Kodex bekennen, eine
Art "Qualitätssiegel".
Die Verbraucher orientieren sich an diesen Siegeln als
Merkmale für Qualität und Integrität. Sie schützen
Verbraucherinteressen in vielen Bereichen des
amerikanischen Lebens, von Produktionsstandards
über Versicherungen bis hin zu Gesichtspunkten der
Umweltverträglichkeit. Hier kennen Sie bestimmt das
CEC-Qualitätssiegel für Spielzeug. Diese "Qualitäts-

AMERIKA DIENST 02

siegel" werden im Rahmen des elektronischen
Handels von besonderer Bedeutung sein, da die
Verbraucher sich dort nicht auf die normalerweise
vorhandenen physischen Hinweise verlassen können,
mit denen man sonst die Verläßlichkeit eines Geschäftspartners einschätzt.
Wir begannen den Dialog mit der Europäischen
Kommission also letztes Jahr mit Vertrauen in die
Angemessenheit unseres Datenschutzes. Bereits zu
Beginn einigten wir uns auf zwei gemeinsame Ziele die Stärkung der Privatsphäre der Menschen auf
beiden Seiten des Atlantiks und die Aufrechterhaltung
des Datenflusses. Als ersten Schritt verglichen wir die
Richtlinie mit den Prinzipien, auf denen der Schutz der
Privatsphäre in den Vereinigten Staaten basiert. Wir
waren uns einig, daß unsere Ziele zu 90 Prozent
übereinstimmen.
Die Aufgabe besteht darin, die Unterschiede in
unseren Vorgehensweisen zu überbrücken. Ein
Durchbruch wurde mit der Anerkennung der Kommission und der Mitgliedstaaten erzielt, Selbstkontrolle
könne als effektiver Datenschutz dienen.
Die EU sah sich schwerwiegenden Fragen gegenüber.
Was sind die Regeln der freiwilligen Selbstkontrolle?
Welche Strafen gibt es bei Nichteinhaltung?
Seien Sie versichert, es gibt sie, die Regeln der
freiwilligen Selbstkontrolle. Erstens ist sich der private
Sektor bewußt, daß die Kodizes stark sein müssen,
denn sonst werden sie durch Gesetze oder Verordnungen ersetzt.
Zweitens:
Unsere Online-Datenschutzverbände
können und werden die "Siegel" bei Verstößen
aberkennen, die Betroffenen ausschließen oder
beides.
Drittens werden diese Programme zur
Durchsetzung der freiwilligen Selbstkontrolle durch die
Kompetenzen des Ausschusses zur Bekämpfung des
unlauteren Wettbewerbs verstärkt - und durch die
Justizminister der 50 Staaten und deren Verbraucherschutzgesetze.
Diese Gesetze ermöglichen die
strafrechtliche Verfolgung von Unternehmen wegen
irreführender Geschäftspraktiken, was Verstöße
gegen die freiwillige Selbstkontrolle mit einschließt.
Unternehmen können wegen Verstößen gegen die
freiwillige Selbstkontrolle mit schweren, sogar zum
Ruin führenden Strafen geahndet werden und wurden
es bereits.
Aufgrund der Fortschritte bei unseren Diskussionen
unterbreitete die Regierung der Vereinigten Staaten
einen Vorschlag, von dem wir glauben, daß er die
Unterschiede in unseren verschiedenen Systemen
überbrücken kann. Wir schlagen die Schaffung eines
sogenannten "sicheren Hafens" für amerikanische

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�Unternehmen vor, die sich an eine Reihe von gegenseitig annehmbaren Prinzipien halten.

des US-Wirtschaftsministeriums und, nicht zuletzt,
den Prinzipien der EU-Richtlinie selbst.

Bei jeder Organisation, die sich die Prinzipien des
sicheren Hafens zu eigen macht, würde man von
einem angemessenen Datenschutz ausgehen. Der
Datentransfer von der Europäischen Gemeinschaft zu
diesen Unternehmen könnte weiterhin stattfinden. Zur
Durchsetzung der Prinzipien gibt es ein Streitschlichtungsverfahren, unterstützt von harten rechtlichen
Sanktionen des Ausschusses zur Bekämpfung des
unlauteren Wettbewerbs gegen Amerikaner, die sich
eines Verstoßes schuldig machen.

Und wo befinden wir uns nun in unseren Diskussionen? Offen gesagt sind wir noch nicht dort, wo wir,
wie beide Seiten wissen, eigentlich sein müßten.

Duch die Grundsätze des sicheren Hafens werden
eine Reihe von Zielen erreicht. Sie stellen den Schutz
der Privatsphäre europäischer Bürger sicher. Sie
bieten einen berechenbaren und kostengünstigen
Rahmen für den Austausch von Daten zwischen den
Vereinigten Staaten und den privaten Sektoren in
Europa. Gleichzeitig wird jedoch genug Flexibilität
beibehalten, so daß weder der ungehinderte Fluß
wirtschaftlicher Informationen noch die Entwicklung
neuer Technologien behindert wird.
Die Prinzipien des sicheren Hafens decken sieben
grundlegende Elemente des Datenschutzes ab.
Lassen sie mich kurz auf die Schlüsselelemente
eingehen:
•

Erstens haben wir die "Benachrichtigung", die
es dem Einzelnen ermöglicht, sich darüber zu
informieren, welche Art von Informationen
über ihn gesammelt und wofür sie genutzt
werden.
Zweitens gibt es die "Wahlmöglichkeit" durch
die der Einzelne das Recht erhält zu entscheiden, ob Informationen herausgegeben
und wie persönliche Informationen genutzt
werden darf, einschließlich der Nutzung für
einen anderen als den ursprünglich vorgesehenen Zweck.

•

Drittens "Zugang": Hierdurch erhält der Einzelne angemessenen Zugriff auf über ihn
gesammelte Informationen mit der Möglichkeit, Fehler zu korrigieren.

•

Und schließlich die "Durchsetzung", die, wie
ich bereits erwähnte, auf der durch Sanktionen unterstützten Streitschlichtung beruht.

Diese Grundsätze basieren auf den Prinzipien der
OECD von 1980, den Kodizes der freiwilligen Selbstkontrolle der in den Vereinigten Staaten existierenden
Online-Datenschutzorganisationen, unserer Gesetzgebung, den Prinzipien des effektiven Datenschutzes

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Ein Teil des Problems besteht darin, daß nur wenige
EU-Staaten die Datenschutzrichtlinie bisher in nationale Gesetze und Verordnungen umgesetzt haben.
Beide Seiten haben mit der neuen Thematik Schwierigkeiten. Wie zum Beispiel gehen wir mit neuartigen
Informationsaufzeichnungen um wie "dick stream
data", den Informationsspuren, die durch jeden
Mausklick im Internet hinterlassen werden? Oder
"Cookies" - Daten, die entstehen, wenn ein Computernutzer eine Online-Webseite aufruft.
Die EU-Behörden möchten ebenfalls wissen, wer die
Überwachung der amerikanischen Unternehmen zur
Einhaltung der Prinzipien sicherstellen wird. Europa
allerdings hat eine solche Überwachungslast nicht.
Stellen unterschiedliche Maßstäbe bei der Überwachung eine Diskriminierung der amerikanischen
Firmen dar? Das wäre inakzeptabel.
Der Zugang des Einzelnen zu persönlichen Informationen ist ein weiterer Streitpunkt. In Europa wird der
Zugriff als uneingeschränktes Recht angesehen.
Allerdings erhalten europäische Unternehmen nur
wenige Verbraucheranfragen nach Information obwohl die Richtlinie dies bald ändern könnte.
In den Vereinigten Staaten sind wir der Auffassung,
daß der Zugang für den Schutz der Privatsphäre von
elementarer Bedeutung ist. Aber Amerikaner, vielleicht weil wir streitlustiger und bestimmter sind,
reichen viele Informationsanfragen ein. Wir mußten
also unseren Ansatz ändern. Wir schlagen einen
"vernünftigen Zugang" als Standard vor. Der Zugang
würde in den Fällen gewährt, in denen die Informationen für den Verbraucher wirtschaftlich oder persönlich
wichtig sind. Die Anfragen werden dann je nach
Bedeutung für den Einzelnen, der Einfachheit des
Wiederauffindens und den Kosten für das Unternehmen ausgewertet. Dies wäre zumindest teilweise ein
Schutz gegen Anfragen, die aus reiner Neugier - oder
auch aus Boshaftigkeit - eingereicht werden.
Ich bin der Meinung, daß unsere Differenzen, was den
Zugang angeht, nicht von grundlegender Bedeutung
sind - wir sind uns beide einig, daß der Zugriff auf
wichtige oder heikle Informationen für den Schutz der
Privatsphäre entscheidend ist. Dies ist ein weiterer
Bereich, in dem unsere Unterschiede offensichtlich
überbrückbar sind.

AMERIKA DIENST 02

�Der Schlüssel für weitere Fortschritte ist Flexibilität wie auch die volle Anerkennung, daß es das Ziel
beider Seiten ist, den Schutz der Privatsphäre zu
stärken. Wir und die Kommission sind diese Angelegenheit im Geiste eines gemeinsam zu regelnden
Problems angegangen, nicht wie einen Prozeß der
Konfrontation, wie beispielsweise die Beilegung eines
Handelsdisputs. Der Grund hierfür liegt in unserem
beiderseitigen enormen Interesse an einem positiven
Ausgang.
Das hohe Handelsvolumen zwischen den Vereinigten
Staaten und der EU und die Milliarden von Euros, die
unsere Unternehmen in die jeweils anderen Märkte
investiert haben, sind entscheidend auf einen ununterbrochenen Datenfluß angewiesen.
Eine Unterbrechung wäre nicht nur für die Wirtschaftsinteressen
der Vereinigten Staaten hier schädlich, sondern würde
auch die europäischen Firmen bei der Weitergabe der
für den Betrieb ihrer Unternehmen in den Vereinigten
Staaten nötigen Informationen behindern. Zu solchen
grundlegenden Funktionen gehören Buchhaltung,
Finanztransaktionen, und sogar persönliche Aktivitäten könnten sehr viel umständlicher, wenn nicht
sogar illegal werden.
Im Übrigen wäre, praktisch gesehen, ein Aufhalten
des Informationsflusses zwischen Millionen einzelner
Computer mit dem Versuch vergleichbar, eine digitale
Flutwelle zurückzuhalten. Es ist einfach unmöglich.
Wenn wir andererseits keine Lösung finden, könnten
die EU-Datenkommissare mit Beschwerden über
Verstöße überschüttet werden. Die Zivilgerichte
könnten mit Prozessen über Themen wie Einschränkung des Handels, diskriminierende Behandlung,
Schadenersatz für unbefugte Offenlegung und so
weiter lahmgelegt werden. Sollten wir keine Einigung
zum Schutz der Privatsphäre erzielen, wäre unsere
Fähigkeit zur Weiterführung des transatlantischen
Handels auf seinem momentanen Niveau ernsthaft
bedroht, ganz zu schweigen von einer Ausweitung.

* *

AMERIKA DIENST 02

Die Ausweitung des Handels ist eines der dynamischsten Elemente unserer beiden Volkswirtschaften - der
jährliche Handelszuwachs zwischen uns entspricht
der Entdeckung eines neuen Markts von der Größe
Taiwans. Die potentiellen negativen Auswirkungen
auf Investitionen und Beschäftigung sind enorm.
Shakespeare formulierte es, wie üblich, am besten - in
dem bekannten und oft zitierten Julius Caesar:
"Es gibt Gezeiten für der Menschen Treiben;
Nimmt man die Flut wahr, führt sie uns zum
Glück."
Die folgenden, weniger bekannten Zeilen warnen:
"Versäumt man sie, so muß die ganze Reise
Des Lebens sich durch Not und Klippen
winden."
Wir können diese Klippen umschiffen. Wir sollten
unseren Bedenken das nötige Gewicht verleihen, sie
aber nicht unnötig zu unproduktiver Rigidität verknöchern lassen. Lassen sie uns stattdessen die
nötige geistige Offenheit bewahren, um eine fast noch
nie dagewesene Chance zu ergreifen und zu genießen, was sie zu bieten hat.
Ich bin heute also hier, um an sie zu appellieren beteiligen Sie sich jetzt. Tragen sie dazu bei, die
Bedingungen der Vereinbarung zu definieren, die für
den Schutz unserer Privatsphäre nötige Flexibilität zu
schaffen und gleichzeitig unsere gemeinsamen
Wirtschaftsinteressen zu bewahren. Wenn wir es
gemeinsam tun, können wir einen neuen, höheren
Standard für die ganze Welt setzen.

Vielen Dank.

* *

*

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