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V^ N ^

amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C

16. Dezember 1998

25

AMERIKA MÖCHTE, DASS SIE ERFOLG
HABEN

NAHER OSTEN

Ansprache von Präsident Clinton

HOLOCAUST-KONFERENZ

ALBRIGHT: WIR MÜSSEN DIE ARBEIT DER
WIEDERGUTMACHUNG BEENDEN
Rede der Außenministerin bei der
Holocaust-Konferenz

MENSCHENRECHTE

MENSCHENRECHTE UND AUSSENPOLITIK
Rede von Außenministerin Albright

NATO

DIE NATO - BEREIT FÜR DAS
21. JAHRHUNDERT
von Madeleine K. Albright

TECHNOLOGIE

EINE GLOBALE STRATEGIE ZUR LÖSUNG
DES JAHR 2000-PROBLEMS
von Jonathan Spalter

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�NAHER

OSTEN

16. Dezember 1998

Amerika möchte, daß Sie Erfolg haben
Ansprache von Präsident Clinton

GAZA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die Präsident Bill Clinton am 14. Dezember 1998
im Rahmen seiner Nahostreise bei einem Mittagessen in Gaza gehalten hat.

Herr Vorsitzender Arafat, Frau Arafat, verehrte
Mitglieder der palästinensischen Gemeinde, liebe
Kollegen und Freunde, im Namen meiner Familie und
unserer gesamten Delegation danke ich Ihnen für
Ihren herzlichen und wirklich denkwürdigen Empfang.
Herr Vorsitzender, wie in Wye River versprochen, bin
ich nach Gaza gekommen, um über die Vorteile des
Friedens auf der Grundlage gegenseitigen Respekts
zu sprechen. Ich weiß, daß die Umstände seit 1993
und der Unterzeichnung des Friedensabkommens für
Sie weiterhin schwierig sind, aber es gibt Grund zur
Hoffnung. Erstmals in der Geschichte der palästinensischen Bewegung haben das palästinensische Volk
und seine gewählten Vertreter jetzt die Chance, ihr
eigenes Schicksal auf ihrem eigenen Land zu bestimmen.
Ich bin stolz darauf, der erste amerikanische Präsident
zu sein, der bei der Gestaltung Ihrer Zukunft an der
Seite des palästinensischen Volkes steht. Ich möchte
unterstreichen, daß diese Zukunft wegen der von
Ihnen eingegangenen Verpflichtung möglich ist,
in Frieden und gegenseitiger Achtung Seite an Seite
mit Ihren Nachbarn zu leben.
All dies hätte man sich in den dunkelsten Jahren des
Kampfes kaum vorstellen können, als die meisten
Menschen davon ausgingen, der Nahe Osten würde
immer aus zwei bewaffneten und getrennten Lagern
bestehen. Manchmal erfordert es mehr Mut und
Stärke, Frieden zu schließen, als einen Krieg fortzusetzen. Ich danke dem Vorsitzenden Arafat, daß er
die Stärke, den Mut und die Weisheit bewiesen hat,
Frieden zu schließen und dann nicht vom Weg des
Friedens abzuweichen.

AMERIKA DIENST 25

Ich danke dem Vorsitzenden und allen Palästinensern,
die die Idee unterstützen, daß Palästinenser und
Israelis gemeinsam auf dem Land ihrer Väter leben
können. Ich danke Ihnen für Ihre Überzeugung, daß
das Land, das der Welt den Islam, das Judentum und
das Christentum gab, die Heimat aller Menschen sein
kann, die einen Gott lieben und jedes Menschenleben
respektieren, das der eine Gott geschaffen hat.
Amerika möchte, daß Sie Erfolg haben und will Ihnen
bei der Schaffung der Gesellschaft helfen, die Sie
verdienen - einer Gesellschaft auf der Grundlage der
Achtung der Menschenrechte, Menschenwürde und
Rechtsstaatlichkeit, einer Gesellschaft, die zu Toleranz erzieht, Bildung hohen Wert beimißt und endlich
die Chance bekommt, die kreativen Begabungen ihrer
Menschen gegen den destruktiven Sog von Hoffnungslosigkeit und Armut freizusetzen.
Ich denke an Sie zu diesem hoffnungsvollen Zeitpunkt
wie an eine Familie, die nach allzu vielen Jahren der
Zerrüttung und Verzweiflung wieder zusammenkommt, an eine Gemeinschaft von Gläubigen, die
beim Aufbau eines Nahen Ostens helfen, in dem die
Menschen aller Glaubensrichtungen in Sicherheit und
Frieden zusammenleben können, an ein Volk, das
ebenso wie der Olivenbaum weltweit wegen seiner
Bindung an dieses Land und jetzt an den Frieden
bekannt ist, an eine Gesellschaft, die von Ihnen
verlangt, was Sie zu Recht von anderen verlangen.
Der vor uns liegende Weg mag hart und unsicher sein,
aber der Weg, von dem Sie sich abgewandt haben, ist
voll selbstzerstörerischer Gewalt und damit voll
vernichtendem Haß. Daher haben wir keine Alternative zu dem vor uns liegenden Weg.

Seite 1

�Morgen werden meine Familie und ich gemeinsam mit
dem Vorsitzenden und Frau Arafat die Chance haben,
Bethlehem zu besuchen, den Weihnachtsbaum zu
Beginn der Weihnachtszeit anzuzünden, die für uns
Christen so wichtig ist. Das nächste Mal, wenn die
Menschen in Bethlehem Weihnachten feiern, werden
wir an der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend
stehen, das 2000 Jahre seit der Geburt des Christkinds markiert, welches den Christen als Prinz des
Friedens bekannt wurde, ein Jude war und vom Islam
anerkannt wird.
Wenn das alles möglich war, dann können wir doch
sicherlich eine Lösung für diese Probleme finden und
die Zukunft angehen.

Ich schließe mit den Worten des Dichters Hafez
Ibrahim: Menschen einer hoffnungsvollen Zukunft, wir
benötigen eine Führung, die aufbaut, und Menschen,
die die Aufbauarbeit leisten. Menschen einer hoffnungsvollen Zukunft, wir benötigen die Weisheit, die
berät, und eine Hand, die befreit. Menschen einer
hoffnungsvollen Zukunft, wir brauchen Sie - füllen Sie
die Lücke, machen Sie sich an die Arbeit. Menschen
einer hoffnungsvollen Zukunft, lassen Sie den morgigen Tag nicht wie den gestrigen in verstaubter
Existenz verstreichen. Menschen einer hoffnungsvollen Zukunft, Ihr Land fordert Sie dringend zum
Denken auf.
So Gott will, werden wir wie Einer denken, fühlen und
handeln.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

�HOLOCAUST-KONFERENZ

16. Dezember 1998

Albright: Wir müssen die Arbeit der
Wiedergutmachung beenden
Rede der Außenministerin bei der Holocaust-Konferenz

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt die Rede, die US-Außenministerin Madeleine Albright am 1. Dezember 1998 bei der Eröffnung der Holocaust-Konferenz in Washington
gehalten hat.

Ich freue mich, Sie im Namen von Präsident Clinton
und des amerikanischen Volkes bei dieser Konferenz
hier in Washington über im Holocaust geraubte
Vermögenswerte begrüßen zu dürfen. Zuerst möchte
ich Miles Lerman und dem amerikanischen Holocaust
Memorial Museum für ihre Mitwirkung an der Veranstaltung dieser Konferenz und ihre unermüdlichen
Bestrebungen danken, die Erinnerung an die grauenhaftesten Verbrechen der Geschichte lebendig zu
halten und daraus zu lernen.
W r sind hier, um den weiteren Weg zum Abschluß der
Arbeit zu planen, gestohlene Vermögenswerte an die
Überlebenden und Familien der Holocaust-Opfer
zurückzugeben oder sie dafür zu entschädigen. Diese
Aufgabe begann vor über fünf Jahrzehnten sogar noch
vor Beendigung des Kriegs, als in der Londoner
Erklärung von 1943 die Plünderungen durch die Nazis
verurteilt wurden.
In der frühen Nachkriegszeit unternahmen die Alliierten in gutem Glauben Entschädigungsbestrebungen,
die jedoch unvollständig blieben. Noch Jahrzehnte
später blieb die Arbeit unbeendet, blieben entscheidende Fragen unbeantwortet, wesentliche Dokumente
ungeprüft und kritische Probleme ungelöst.
Erst in den letzten Jahren, als die Überlebenden des
Holocaust immer älter wurden und sich das Jahrhundert dem Ende zuneigte, erhielt die Suche nach
Antworten neuen Auftrieb, was das Verdienst vieler
Menschen ist. Zweifelsohne hätte die Weltöffentlichkeit weiterhin die Augen vor diesem Thema verschlossen, wenn der World Jewish Congress sowie

AMERIKA DIENST 25

andere jüdische und öffentliche Interessengruppen
nicht bemerkenswerte Arbeit geleistet hätten. Angesichts beängstigender Hindernisse waren sie unermüdlich, kreativ und äußerst effektiv.
Wir stehen auch in der Schuld der zahlreichen hier
vertretenen Regierungen, die sich großzügig und
eingehend mit diesem Thema befaßt haben. Insbesondere möchte ich Außenminister Robin Cook und
der britischen Regierung für ihre aufschlußreichen
Veröffentlichungen und Erklärungen sowie für die
Veranstaltung der bahnbrechenden Konferenz über
Nazigold in London im vergangenen Jahr danken. Ich
bin auch sehr stolz auf Staatssekretär Stu Eizenstat
und sein Team, die in zwei Berichten an die USRegierung mit rigoroser Objektivität erschöpfend die
historische Entwicklung herausgearbeitet haben. Stu,
wir alle schulden Dir unglaublich viel.
Das alles ist wichtige und harte Arbeit. Sie verlangt,
qualvolle Erinnerungen aufzufrischen, einfachen
Ausflüchten zu begegnen, unbequeme Fragen zu
stellen und zu beantworten. Vor allem verlangt sie,
daß wir bei unserer Suche nach der Wahrheit trotz der
Tatsache nicht nachlassen, daß im Zusammenhang
mit dem Holocaust die grausame Wahrheit unbegreiflich ist.
In den letzten Jahren hat die Welt viel getan, um
Fakten über die heimliche Weitergabe und Aneignung
von geplündertem Nazigold aus der Versenkung zu
holen. Nicht weniger als 17 Historikerausschüsse
befassen sich aus der Perspektive ihres jeweiligen
Landes mit dem Thema. Die Tripartite Gold Com-

Seite 1

�mission hat ihre Arbeit beendet, und nahezu 60
Millionen Dollar wurden dem Hilfsfonds für die Opfer
der Verfolgung durch die Nazis zugesagt, der bei der
Londoner Konferenz ins Leben gerufen wurde.
Wir hoffen, daß Fortschritte beim Nazigold als Katalysator für ähnliche Fortschritte bei den Vermögenswerten dienen werden, auf die wir uns diese Woche
konzentrieren - Versicherungen, Kunstgegenstande
und Gemeinschaftseigentum.
Für jeden dieser
Bereiche sind Experten aus der ganzen Welt hierhergekommen - von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, Unternehmensvorständen und Universitäten. Wir sind hier, um unsere Ansichten zu
vergleichen und Wissen auszutauschen, Themenbereiche abzustecken und einen Konsens über ein
möglichst schnelles, gründliches und faires weiteres
Vorgehen zu erreichen.
Die historischen und rechtlichen Herausforderungen
variieren von Frage zu Frage, aber das moralische
Gebot bleibt das Gleiche, ob wir die Auszahlung von
Lebensversicherungen an die Familien der in den
Lagern Umgekommenen anstreben, die Kunstwerke
an den Wänden eines Museums in Warschau untersuchen oder die Entschädigung für eine bis auf die
Grundmauern niedergebrannte Synagoge in der
Tschechischen Republik festsetzen. Daher hoffe ich,
daß wir in einer von Bedrohungen freien Atmosphäre
konstruktiv zusammenarbeiten können, um spezifische Prinzipien zu entwickeln und die besten
Praktiken für den Umgang mit Kunstwerken, Versicherungspolicen und anderen Themen zu finden.
Ich hoffe auch, daß unsere Arbeit von bestimmten
übergeordneten Geboten geleitet wird. Das erste
lautet, daß unser Ziel Gerechtigkeit sein muß, obwohl
Gerechtigkeit in diesem Zusammenhang eine äußerst
relative Bezeichnung ist. Wir wissen sehr wohl um
unsere Unfähigkeit, den Holocaust-Opfern wahre
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. W r können
niemanden wieder zum Leben erwecken, und wir
können auch nicht die Geschichte neu schreiben.
Aber wir können ein größeres Gleichgewicht herstellen, indem wir unsere Zeit, Energie und Mittel
für die Suche nach Antworten, die Rückgabe von
Eigentum und die Begleichung gerechtfertigter
Ansprüche einsetzen.
Unser zweites Gebot muß Offenheit sein. Da der Lauf
der Zeit so viel verdunkelt hat, müssen wir nach der
Wahrheit suchen.
Das bedeutet, daß Forscher
Zugang zu alten Archiven bekommen müssen, und
damit meine ich nicht teilweisen, sporadischen oder
möglichen Zugang, sondern uneingeschränkten
Zugang - überall und sofort.

entsprechendem Handeln nicht die Last einiger,
sondern aller ist. Dies ist eine globale Aufgabe. Wie
die Vereinigten Staaten durch die Deklassifizierung
von Dokumenten und die Gründung ihres eigenen
Beratungsausschusses
des
Präsidenten
für
Holocaust-Vermögenswerte anerkannt haben, ist jede
Nation, jedes Unternehmen, jede Organisation, jeder
Einzelne dazu verpflichtet, zur vollständigen Aufdeckung der Geschichte beizutragen. Auf diesem
Gebiet ist keiner von uns ein bloßer Zuschauer,
niemand ist neutral. Was auch immer geschieht - wir
alle sind Schauspieler auf der Bühne der Geschichte.
Das vierte Gebot unserer Arbeit ist Dringlichkeit. Die
verbliebenen Überlebenden des Holocaust haben
bereits ein fortgeschrittenes Alter. Mehr als fünf
Jahrzehnte sind vergangen, seit die Nazis raubten und
mordeten. Während Dokumente verloren gehen und
die Erinnerung verblaßt, wird eine effektive Entschädigung immer schwieriger. Daher wollen wir
geloben, daß wir bis zum Beginn des neuen Jahrhunderts alles in unserer Macht Stehende unternehmen werden, um die unerledigten Geschäfte des alten
Jahrhunderts abzuschließen.
Schließlich dürfen wir nicht vergessen, daß unsere
hiesigen Bestebungen einem doppelten Zweck
dienen. Der erste besteht in der Suche nach einem
gemeinsamen Ansatz bei den noch verbleibenden
Fragen im Zusammenhang mit den Holocaust-Vermögenswerten. Der zweite besteht in verbesserter
Aufklärung über den Holocaust sowie in Erinnerung
und Forschung. Diese Aufgabe hat kein Ende. Sie
muß immer wieder erneuert werden wie sich die
menschliche Rasse erneuert - Generation um Generation, damit uns die Realität des Holocaust immer vor
Augen steht und nie aufhört, uns zu bedrücken.
Es ist ermutigend, daß in den Monaten vor dieser
Konferenz beträchtliche Fortschritte gemacht wurden.
Die amerikanische Vereinigung der Direktoren von
Kunstmuseen hat Grundsätze und Richtlinien für den
Umgang mit Kunstwerken aus der Zeit des Holocaust
formuliert. Es wurde eine internationale Kommission
unter Leitung des früheren US-Außenministers Larry
Eagleberger gebildet, die sich mit ausstehenden
Versicherungsleistungen befassen soll. An dieser
Kommission beteiligte Unternehmen haben der
Errichtung eines Fonds für humanitäre Hilfsleistungen
in Höhe von 90 Millionen Dollar und der Prüfung ihrer
Bücher zur Identifizierung ausstehender Forderungen
aus der Holocaust-Ära zugestimmt. Und auf Initiative
Schwedens wurden einzigartige zwischenstaatliche
Bestrebungen zur Förderung der weltweiten Aufklärung über den Holocaust eingeleitet. Wir hoffen,
daß sich alle Länder an diesen Bestrebungen beteiligen.

Unser drittes Gebot lautet zu verstehen, daß die
Verpflichtung zur Suche nach der Wahrheit und

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

�Der Kampf um die Aufdeckung der ganzen Wahrheit
über die Vermögenswerte aus dem Holocaust ist
heftig, aber heilsam. Nur durch einen aufgeklärten
und ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit können
wir in der Gegenwart Frieden und in der Zukunft
Vertrauen schaffen. Das gilt für Nationen und Institutionen gleichermaßen, und es gilt auch für die
Menschen.

Diese Lektion nicht zu vergessen - darum geht es bei
diesen Bestrebungen zur Erforschung und Wiedergutmachung im Zusammenhang mit den HolocaustVermögenswerten. Denn es geht um sehr viel mehr
als Gold, Kunstgegenstände und Versicherungspolicen. Es geht um die Erinnerung daran, daß das
Blut keines Menschen mehr oder weniger wert ist als
unser eigenes.

Ich kann diese Ausführungen nicht abschließen, ohne
kurz ein Thema anzusprechen, für das ich noch nicht
die richtigen Worte gefunden habe und wohl auch nie
finden werde. Es betrifft meine Großeltern, die - wie
ich erst kürzlich erfuhr - jüdischer Herkunft waren und
gemeinsam mit Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen im Holocaust starben.

Manche sagen, wir alle seien Gefangene der
Geschichte und die Menschheit sei dazu verdammt,
ihre schlimmsten Fehler immer wieder zu begehen.
Manche betrachten den Holocaust als unberechenbare Konsequenz eines einzigen gestörtes Geistes als einen Unfall der Geschichte, dessen Wiederholung
wir nicht befürchten müssen. Wieder andere weisen
auf die letzten Jahrzehnte hin und fragen, ob nicht die
Zeit gekommen ist, zu vergessen, weiterzumachen,
offene Fragen unbeantwortet und die restliche Wahrheit unbekannt zu lassen. Und es gibt auch immer
noch einige, die abstreiten, daß das alles überhaupt
geschehen ist.

Als ich jung war, dachte ich nicht oft an meine Großeltern. Ich wußte nur, daß ich keine hatte. Ich war ein
Säugling, als sie mich zum letzten Mal sahen. Jetzt
bin auch ich bereits Großmutter, und ich betrachte
meine Enkelkinder voller Liebe und mit großem Stolz.
Heute bin ich mir sicher, daß ich früher ebenfalls
Gegenstand solcher Zuneigung war - nicht nur von
Seiten meiner Eltern, sondern auch von deren Eltern.
Und wenn ich jetzt in meinem 62. Lebensjahr über
mein Leben nachdenke, denke ich auch an das Leben
meiner Großeltern in ihren letzten Jahren, Monaten
und Tagen.
Ich denke an die Gesichter im Holocaust Museum, an
Yad Vashem und die lange Namensliste an der Wand
der Pynkas-Synagoge in Prag, darunter die Namen
meiner Großeltern, Olga und Arnost Korbel und
Ruzene Spieglova. Ich denke an das Blut, das in den
Adern meiner Familie fließt. Spielt es eine Rolle, was
für Blut es ist? Das sollte es nicht, es ist weiter nichts
als Blut, das seine Aufgabe erfüllt. Aber für Hitler
spielte es eine Rolle, und das spielt für uns eine Rolle,
denn es ist der Grund für den Tod von sechs Millionen
Juden. Aus diesem Grund mußten so viele unschuldige, unersetzbare Menschen dieses Leiden
erdulden - Menschen, die liebten und das Leben
mit ihrer Wärme, ihrem Lächeln und ihren Umarmungen bereicherten; Menschen, deren Leben grausam
und viel zu früh endete; Menschen, deren Leben und
Leiden wir nie vergessen oder dem Vergessen
preisgeben dürfen, selbst wenn wir gelegentlich
absichtlich unser kollektives Gedächtnis aufrütteln
müssen.
Die Menschen auf der Welt unterscheiden sich durch
ihre Sprache, Kultur, Geschichte und Religion. Solche
Unterschiede bereichern das Leben und machen es
interessant. Aber der Holocaust schreit danach, daß
wir nie wieder zulassen dürfen, daß diese Unterschiede das Menschsein überdecken, das uns
verbindet. Wir dürfen nie zulassen, daß der Stolz auf
uns selbst zu Haß gegen sie wird.

AMERIKA DIENST 25

Als Antwort darauf müssen wir zugeben, daß wir nicht
alles wissen und auch nicht die Macht haben, den
Charakter des Menschen zu verändern oder Prophezeiungen anzustellen. Aber wir haben die Macht der
Erinnerung und können sicherstellen, daß die Toten
in unseren Herzen immer lebendig bleiben. Wir haben
die Macht der Vernunft und können das Richtige vom
Falschen unterscheiden. Wir haben die Macht der
Hoffnung und können für eine Zeit der "Wahrhaftigkeit,
aus der Erde wird sie sprossen, und Gerechtigkeit,
aus den Himmeln wird sie herunterblicken" - wie der
Psalm besagt - beten.
Und wir haben die Macht zu wählen. Wir können den
Holocaust mit Verzweiflung betrachten oder wir
können schwören, nie wieder zuzulassen, daß
Selbstgefälligkeit, Angst oder Verzweiflung Tatenlosigkeit entschuldigen.
W r kommen diese Woche hier nicht zusammen, um
Wunder zu bewirken, sondern um alles in unserer
Macht Stehende zu tun, Dunkelheit durch Licht,
Ungerechtigkeit durch Fairness, Streit durch Konsens
und Falschheit durch Wahrheit zu ersetzen. Das ist
das Äußerste, was wir tun können. Das ist das
Mindeste, was wir tun müssen. Das schulden wir der
Vergangenheit, das ist unsere Hoffnung für die
Zukunft und das ist - im weitesten Sinne - die Hoffnung für die Welt.
Gestatten Sie mir, Sie nochmals zu dieser Konferenz
zu begrüßen. Mögen unsere gemeinsamen Bestrebungen zum Erfolg führen. Vielen Dank.

Seite 3

�MENSCHENRECHTE
16. Dezember 1998

Menschenrechte und Außenpolitik
Rede von Außenministerin Albright

ATLANTA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir unwesentlich gekürzt den vorbereiteten Text der Rede von
Außenministerin Madeleine K. Albright bei der Rosalynn Carter-Vortragsreihe in der Emory University vom 3.
Dezember 1998.

Es ist mir eine große Freude, hier in Atlanta - der Stadt
der Olympischen Spiele - zu sein und Ihre berühmte
Universität und das Institute of Women's Studies
besuchen zu dürfen.
Wie Sie wissen, konnte ich aufgrund der Nahostgespräche in Wye nicht im Oktober kommen. Damals
sagte ich mir, die schlechte Nachricht ist, daß ich
absagen muß. Die gute Nachricht ist, daß niemand
besser versteht, wie sich Nahostverhandlungen
hinziehen können, als Präsident Carter und seine
Frau.
Und die wirklich gute Nachricht ist, daß wir tatsächlich
etwas erreicht haben. Der Friedensprozeß, der vor 20
Jahren in Camp David wirklich begann, ist endlich
wieder auf dem richtigen Weg.
Ich bin also sehr froh, jetzt hier zu sein. Ein weiterer
Grund, warum ich mich freue, hier zu sein, ist, daß mir
die akademische Welt gefällt. Vorträge mag ich
besonders gern. In Washington werde ich immer
ermahnt, mich kurz zu fassen. Bedauerlicherweise bin
ich eine ehemalige Dozentin und rede oft 50 Minuten
lang.
Ich verspreche, heute Nachmittag nicht ganz so lange
zu reden, aber ich möchte doch näher auf einThema
eingehen, das für einen Vortrag mit diesem Titel in
diesem Institut besonders angebracht ist. Das Thema
ist die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
grundlegende Menschenrechte, die Frauenrechte
beinhalten und untrennbar mit ihnen verbunden sind.
Da ich in meiner Dozierlaune bin, werde ich mit einer
kleinen Geschichte beginnen.

AMERIKA DIENST 25

In diesem Monat vor 50 Jahren kamen Vertreter von
Nationen der ganzen Welt unter der Führung einer
anderen großartigen amerikanischen First Lady,
Eleanor Roosevelt, zusammen, um die Allgemeine
Erklärung der Menschenrechte zu unterzeichnen.
Seit ihrer Unterzeichnung wurde diese Erklärung in
Dutzende nationaler Verfassungen aufgenommen oder
es wurde Bezug auf sie genommen, und sie wurde
viele Male bekräftigt. Sie ist das Kernstück des von
uns vorgebrachten Arguments, daß die Achtung der
Menschrechte die Verpflichtung nicht nur einiger
weniger, sondern jeder Regierung ist.
Die Einwohner von Atlanta sollten stolz darauf sein,
daß Präsident Jimmy Carter so viel getan hat um
sicherzustellen, daß die Prinzipien der Erklärung im
Mittelpunkt der Außenpolitik der Vereinigten Staaten
stehen.
Aus strategischen und persönlichen Gründen legte
Präsident Carter sehr viel größere Betonung auf die
Menschenrechte als seine Vorgänger. Und damit
stärkte er Amerikas Anspruch auf moralische Führung,
beschleunigte die globale Menschenrechtsbewegung,
befreite - direkt oder indirekt - viele politische Gefangene und rettete zahlreiche Leben.
Präsident Carters Entschlossenheit zur Förderung der
Menschenrechte trug dazu bei, eine bessere Welt zu
schaffen. Sie ist aber noch weit davon entfernt, eine
perfekte Welt zu sein.
Viele verweisen heute auf die Kluft zwischen den in der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte niedergelegten Idealen und den Menschenrechtsverletzungen,

Seite 1

�die 50 Jahre nach der Unterzeichnung dieses Dokuments noch stattfinden.

menschliche Ressource. Das soll nicht heißen, daß
Frauen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden.

Die Skeptiker gelangen zu der Schlußfolgerung, daß
wir genauso gut aufgeben könnten, daß es - egal, was
wir sagen oder tun - immer Unterdrückung und
Diskriminierung geben wird. Bei dieser Sichtweise ist
die Verletzung von Menschenrechten nur ein weiteres
trauriges Spiegelbild der Grenzen der menschlichen
Natur.

In vielen Gesellschaften leisten die Frauen zusätzlich
zur Austragung und Ernährung der Kinder den Großteil
der Arbeit, die nicht in Verbindung mit Kindern steht.
Dennoch wird den Frauen häufig der Besitz von Land
und ein Mitspracherecht in der Regierung verweigert,
während Mädchen von Schulen ausgeschlossen
werden und weniger Nahrung erhalten als Jungen.

Darauf würde ich antworten, wie Katherine Hepbum
Humphrey Bogart in dem Film "African Queen" antwortete: "Es war die Natur, Mr. Allnut, wegen der wir in
diese Welt gesetzt wurden - um uns darüber zu
erheben."

Unsere Diplomatie ist die Zusammenarbeit mit anderen, um das zu ändern, denn wir wissen aus Erfahrung, daß Gesellschaften die Fesseln der Armut
besser durchbrechen können, wenn Frauen die Macht
zu einer eigenen Entscheidung haben. Die Geburtenraten stabilisieren sich. Die Verbreitung von AIDS und
anderen sexuell übertragbaren Krankheiten verlangsamt sich. Das Umweltbewußtsein nimmt zu. Und
sozial konstruktive Werte werden eher an die Jüngeren weitergegeben.

Die Clinton-Administration vertritt die Auffassung, wenn
wir die Art von Zukunft aufbauen wollen, die wir
möchten, dann müssen wir darauf bestehen, daß
gravierende
Menschenrechtsverletzungen nichts
Unvermeidliches und vor allem nicht Natürliches sind.
Wir müssen darauf hinweisen, daß für den Folterer
Grausamkeit eine Entscheidung ist. Für den Menschenrechtsverletzer ist Gewalt eine Entscheidung.
Für den Bigotten ist Intoleranz eine Entscheidung.
Und wenn wir die Macht der Entscheidung haben,
haben wir die Macht zu Veränderungen.
Darüber hinaus ist die Unterstützung von Menschenrechten nicht nur eine Art von internationaler Sozialarbeit. Sie ist unerläßlich für unsere Sicherheit und für
unser Wohlergehen, denn Regierungen, die die
Rechte ihrer eigenen Bürger mißachten, werden
wahrscheinlich nicht die Rechte eines anderen
respektieren.
In diesem Jahrhundert wurde praktisch jeder größere
Akt internationaler Aggression von einem Regime
ausgeführt, das politische Rechte unterdrückte.
Solche Regime lösen wahrscheinlich auch eher
Unruhen aus, indem sie Minderheiten verfolgen,
Terroristen Unterschlupf gewähren, Drogen schmuggeln oder im Geheimen Massenvernichtungswaffen
bauen. Und sie sind nicht nur die Feinde von politischer Freiheit, sondern auch von sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung.
In jeder Gesellschaft werden Menschen, die frei sind,
ihre Gedanken auszusprechen, sich gewerkschaftlich
zu organisieren und ihr Kapital zu investieren, einen
sehr viel größeren Beitrag leisten als die durch Unterdrückung Verkümmerten. Das gilt für Männer, und es
gilt auch für Frauen.
In unserem Zeitalter ist es offensichtlich, daß kein Land
sein Potential ausschöpfen kann, wenn es sich selbst
den vollen Beitrag der Hälfte seiner Bevölkerung
versagt. Bedauerlicherweise sind Frauen heute in zu
vielen Ländern immer noch eine unterbewertete

Seite 2

Entsprechend sind unsere Auslandshilfeprogramme so
gestaltet, daß sie Frauen bei der Rechtsreform und
Zugang zu Bildung, Krediten und Gesundheitsfürsorge
behilflich sind.
Und dank der Führungsrolle und aktiven Beteiligung
einer anderen großartigen First Lady, Hillary Clinton,
haben wir die Initiative Vital Voices ins Leben gerufen.
Dieses Projekt bringt Frauen aus der ganzen Welt
zusammen, um öffentlich-private Partnerschaften
aufzubauen und ihnen dabei zu helfen, sich vollständig
am wirtschaftlichen und politischen Leben unserer
Nationen zu beteiligen.
In den vergangenen Jahren haben wir große Fortschritte erzielt. Aber dennoch finden in vielen Ländern
immer noch verabscheuungswürdige Menschenrechtsverletzungen an Frauen statt. Dazu zählen erzwungene Abtreibungen und Sterilisierungen, in die Prostitution verkaufte Kinder, rituelle Verstümmelungen,
Mitgiftmorde und häusliche Gewalt.
Einige sagen, das alles sei kulturell bedingt, und wir
könnten nichts dagegen tun. Ich sage, es ist ein
Verbrechen, und wir alle haben die Verantwortung,
dem Einhalt zu gebieten.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten ihre
Empörung über die Menschenrechtsverietzungen an
chinesischen Frauen in Indonesien während der
Aufstände im Mai zum Ausdruck gebracht.
Aus diesem Grund waren die Vereinigten Staaten der
stärkste Verfechter des internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda und den Balkan. Denn wir
sind entschlossen, daß die Verantwortlichen für
ethnische Säuberungen zur Rechenschaft gezogen
werden sollten, und diejenigen, die Vergewaltigung nur

AMERIKA DIENST 25

�als eine weitere Taktik des Krieges ansehen, für ihre
Verbrechen Rede und Antwort stehen müssen.
Aus diesem Grund haben wir wichtige diplomatische
und Strafverfolgungsinitiativen in die Wege geleitet, um
den Menschenhandel mit Frauen und Mädchen zu
stoppen. Und schließlich haben wir Null Toleranz für
diejenigen, die illegale Drogen verkaufen. Wir sollten
noch entschiedener dabei vorgehen, diejenigen, die
Menschen kaufen und verkaufen, aufzuspüren, sie
davon abzuhalten und ins Gefängnis zu bringen.
Und das ist der Grund, warum wir im Namen der
Frauen und Mädchen in Afghanistan sprechen, die
Opfer aller Fraktionen in dem erbitterten Bürgerkrieg
ihres Landes wurden. Die mächtigste dieser Fraktionen, die Taliban, scheinen entschlossen zu sein, die
afghanischen Frauen wieder aus dem anbrechenden
21. Jahrhundert ins 13. Jahrhundert zurückzuwerfen.
Die einzigen Frauenrechte, die sie anscheinend
anerkennen, sind die Rechte, still und unsichtbar,
ungebildet und arbeitslos zu bleiben.
Die afghanischen Frauen und Mädchen haben uns um
unsere Hilfe gebeten, und wir helfen ihnen. Wir haben
unsere Unterstützung für Bildung und Ausbildung
erhöht. Und wir haben klargestellt, daß die Anführer
jeder afghanischen Fraktion Frauen nicht als Sklavinnen, sondern als Menschen behandeln und die
Menschenrechte respektieren müssen, wenn sie
international akzeptiert werden wollen.
Eines der grundlegendsten Menschenrechte für
Frauen und Männer ist in Artikel 18 der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte niedergelegt, der
besagt:
"Jeder hat das Recht auf Gedanken-,
Gewissens- und Religionsfreiheit."
Von Anfang an haben die Amerikaner an dieses Recht
geglaubt. Es ist unsere Überzeugung und unsere
Erfahrung, daß Nationen stärker sind und das Leben
ihrer Bürger sehr viel mehr bereichert wird, wenn die
Menschen die Freiheit haben, sich für ihre Religion zu
entscheiden, sich dazu zu bekennen und sie auszuüben.
Unter Präsident Clinton haben wir die amerikanische
Verpflichtung zu religiöser Freiheit in unsere bilateralen
Beziehungen integriert.
Wir sprechen dieses Thema direkt in Gesprächen mit
ausländischen Politikern an.
Wir werfen in regionalen Organisationen und in den
Vereinten Nationen ein Schlaglicht darauf.
Wir berücksichtigen die Politik anderer Regierungen
gegenüber religiöser Freiheit, wenn wir die Entscheidung treffen, ob wir Hilfe oder andere Vergünstigungen zur Verfügung stellen.

AMERIKA DIENST 25

Und wir haben besondere Anstrengungen unternommen, um zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten in Regionen wie Nordirland, dem Nahen Osten und
dem Balkan beizutragen, wo sich religiöse Spaltungen
mit anderen Faktoren verbunden haben, um Gewalt
auszulösen oder den Frieden zu gefährden.
Wir tun dies alles, weil religiöse Freiheit grundlegend
für unsere eigene Identität ist; weil ihre Verweigerung
Angst, Flucht, Kämpfe oder sogar einen totalen Krieg
verursachen kann; und weil Intoleranz - wenn sie nicht
in einem Gebiet bekämpft wird - wachsen und sich
verbreiten kann, bis sie zu einer Wildnis des Hasses
wird.
Bei allem, was wir tun, betonen wir, daß unsere
Maßnahmen weder für noch gegen eine besondere
religiöse Überzeugung gerichtet sind. Im Verlauf der
Zeit wurden Menschen praktisch aller Glaubensrichtung an dem einen oder anderen Ort verfolgt.
Jedes Mal wurden wir dadurch weniger. Deshalb
haben wir alle ein Interesse daran, daß das kostbare
Recht der religiösen Freiheit für jeden, überall, an
jedem Tag geschützt wird.
Ein weiterer Bereich, den wir in unserer Menschenrechtspolitik betonen, ist die Redefreiheit.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte sieht
vor, daß jeder das Recht auf Meinungsfreiheit hat, und
Ideen über die Medien weitergeben und erhalten darf.
Die bloße Bedeutung dieses Rechts veranlaßt Diktatoren, es zu verweigern. Denn für einen Diktator ist die
Wahrheit oft unbequem - und manchmal eine tödliche
Bedrohung.
Aus diesem Grund versuchen die Staats- und Regierungschefs von Nationen wie Nordkorea, Libyen, Irak,
Kuba, Burma und Serbien, die Wahrheit zu fassen zu
bekommen, sie wie einen Hund zu prügeln, wie Brot zu
rationieren oder wie Ton zu formen. Ihr Ziel ist es, ihre
eigenen Mythen zu schaffen, ihre eigenen Fehler zu
vertuschen, Ressentiments umzudirigieren und in
ihrem Volk eine Furcht vor Wandel auszulösen.
Atlanta - die Heimat von CNN - ist die globale Informationshauptstadt. Die Übertragungen dieses Senders
haben viel dazu beigetragen, die Fähigkeit repressiver
Regierungen zur Kontrolle dessen zu verringern, was
ihre Bürger wissen und wann sie es wissen.
Die Fortschritte der Informationstechnologie tragen nur
zu unserer Überzeugung hier in den Vereinigten
Staaten bei, daß die Wahrheit sich letztlich als stärker
als jeder Diktator erweist. Aber das wird nicht geschehen, wenn diejenigen, die ihre eigenen Freiheiten zu
schätzen wissen, still bleiben, wenn anderen Freiheiten verweigert werden.

Seite 3

�In diesem Sinne lehnen wir Bestrebungen zur Unterdrückung unabhängiger Stimmen wie das jüngste
unentschuldbare Vorgehen des serbischen Präsidenten Milosevic gegen Journalisten in seinem Land
vehement ab.
Wir fördern auch unabhängige Sendungen über die
Voice of America und andere Medien. Wir unterstützen regionale Initiativen wie die Benennung eines
Sonderberichterstatters zur Überwachung von Drohungen gegen Reporter in dieser Hemisphäre. Und auf
der ganzen Welt unterstützen wir die Sache der
Redefreiheit sowohl diplomatisch als auch materiell.
In einer mit dem Informationsfluß in Zusammenhang
stehenden Angelegenheit führt die Clinton-Administration jetzt eine Überprüfung von Dokumenten durch, die
ein Licht auf Menschenrechtsverletzungen während
der Pinochet-Ära in Chile werfen können. Das USAußenministerium hat in diesem Bereich Dokumente
freigegeben und zur Verfügung gestellt, und ich bin
entschlossen, dies gemäß den Richtlinien der Administration weiterhin so schnell wie möglich zu tun.
Ein weiteres in der Allgemeinen Erklärung verankertes
Recht ist das Recht auf Beteiligung an der Regierung,
entweder direkt oder über frei gewählte Vertreter.

In Indonesien beispielsweise müssen die Politiker den
Wunsch ihres Volkes nach weitreichenden politischen
Reformen erfüllen, die ethnischen Teilungen überwinden, fair die Wünsche der Bewohner von Osttimor
und Iryan Java behandeln und weitere Verletzungen
der Menschenrechte verhindern.
In Kambodscha muß die neue Koalitionsregierung die
bisherige Gewohnheit von Konfrontation und Korruption ablegen und einen Weg finden, um auf der
Grundlage demokratischer Prinzipien zusammenzuarbeiten.
In unserer eigenen Hemisphäre ist der vielversprechende neue kolumbianische Präsident entschlossen,
die durch Drogenkartelle, Guerillas, paramilitärische
Einheiten und Armut entstandenen Gefahren zu
überwinden. Und wir sind entschlossen, zu helfen.
In Afrika besteht eine Chance zu historischen Fortschritten in Nigeria - der größten Nation des Kontinents. Während der vergangenen zwei Jahrzehnte
haben Militärregierungen die natürlichen Ressourcen
des Landes geplündert, ethnische Teilungen ausgenutzt und Menschenrechte brutal mißbraucht.

Für die Vereinigten Staaten ist dies ein grundlegendes
Recht. Und wir fühlen uns ermutigt, daß das Recht auf
demokratische Regierungsführung in den vergangenen Jahrzehnten weltweit wachsende Zustimmung als
Grundstein für den Schutz des gesamten Spektrums
der Menschenrechte erhalten hat.

Die neue Interimsführung hat einen echten Bruch mit
dieser traurigen Vergangenheit versprochen. In dieser
Woche werden Kommunalwahlen und im nächsten
Jahr Nationalwahlen abgehalten.
Unabhängige
politische Parteien wurden zugelassen. Politische
Gefangene wurden freigelassen. Bekannte im Exil
Lebende wie der Emroy University-Professor Wole
Soyinka sind nach Hause zurückgekehrt.

Natürlich wissen wir, daß jedes Land mit seiner
eigenen Geschwindigkeit und auf seinem eigenen Weg
zur Demokratie gelangen muß. Aber Länder, die
bereits solche Systeme eingeführt haben, können
helfen.

Die Vereinigten Staaten unterstützen diese Entwicklungen uneingeschränkt. Die Nigerianer verdienen es,
in Freiheit zu leben. Aber der vor uns liegende Weg
wird schwierig. Und die Nigerianer haben allzu oft
erlebt, daß Versprechen nicht eingehalten wurden.

Erstens durch die Verteidigung ihrer eigenen Freiheit
und der der gesamten demokratischen Gemeinschaft,
so daß keine in die Reihe der Demokratien eintretende
Nation durch Feinde von innen oder außen gezwungen ist, sie zu verlassen.

Der Kurs Nigerias wird - so wie es sein muß - von
seinem eigenen Volk bestimmt. Aber die internationale
Gemeinschaft muß alles in ihrer Macht Stehende tun,
um die Bewegung zu einem politischen System zu
unterstützen, an dem sich alle Nigerianer beteiligen
können und in dem die Rechte aller geschützt sind.
Das ist eine oberste Priorität der Administration und
auch für das Carter Center, das weiß ich.

Und zweitens, indem man den im Übergang befindlichen Nationen beim Aufbau dauerhafter demokratischer Institutionen behilflich ist.
Aus diesem Grund bilden amerikanische Regierungsbehörden und Nichtregierungsorganisationen heute
von Asien über Afrika bis zu den Anden Richter aus,
entwerfen Handelskodizes, helfen der Zivilgesellschaft
und tragen zur Konsolidierung der Freiheit bei.
In den kommenden Monaten können wir zahlreiche
wichtige Tests der Demokratie erwarten.

Seite 4

Während wir auf das neue Jahrhundert blicken,
können wir davon ausgehen, daß der vielleicht größte
Test für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit in China stattfindet, wo mehr als ein
Fünftel der Weltbevölkerung lebt.
Die Vereinigten Staaten haben ein vitales Interesse an
Nichtverbreitung, Sicherheit in Asien und der regionalen Wirtschaft, die von den Entscheidungen betroffen
sein wird, die China trifft. Deswegen führen wir einen

AMERIKA DIENST 25

�Dialog mit den chinesischen Politikern, um die Zusammenarbeit zu erweitem und uns bei Meinungsverschiedenheiten aneinander anzunähern.
Seit Beginn dieses Dialogs war das Thema Menschenrechte eines der schwierigsten. Die Bedeutung,
die wir ihm beimessen, tand ihren Niederschlag sowohl
in privaten Gesprächen als auch in allen von Präsident
Clinton während der jüngsten Gipfeltreffen in Washington und Peking gemachten öffentlichen Aussagen zur
Unterstützung demokratischer Werte.
Wir sind uns bewußt, daß das chinesische Volk jetzt
sehr viel mehr Freiheit zu wirtschaftlichen Entscheidungen, Freizügigkeit und zur Wahl der Dorfausschußpolitiker hat als die vorherige Generation.
Bedauerlicherweise haben wir beim Schlüsselthema
Menschenrechte immer noch große Bedenken. Wir
haben die Freilassung einiger Gefangener aus Gewissensgründen in den vergangenen Monaten begrüßt,
sind jedoch beunruhigt darüber, daß andere regelmäßig für das im Wesentlichen gleiche Vergehen
aufgegriffen werden. Es ist auch kein Schritt nach
vorne, wenn zwar einige Diskussionsmöglichkeiten
eröffnet, aber Einzelpersonen wie Xu Wenli und
andere wegen der Ausübung des Rechts auf organisierte politische Redefreiheit schikaniert, festgenommen und inhaftiert werden.
Insgesamt ist das Tempo der Fortschritte zur vollständigen Respektierung der Menschenrechte enttäuschend.
Dennoch erprobt die demokratische Bewegung Chinas
weiterhin die Grenzen des Möglichen. Das ist an sich
schon ein willkommenes Zeichen. Wir können hoffen,
daß sich das Ausmaß gestatteter Redefreiheit mit der
Zeit und mit dem offensichtlicher werdenden Zusammenhang zwischen politischer Offenheit und
wirtschaftlichem Wohlstand zum Nutzen von China
und der Welt gleichermaßen erweitert.
Obwohl sich die Einzelheiten unseres Ansatzes zur
Förderung von Demokratie von Land zu Land unterscheiden werden, sind die grundlegenden Ziele gleich.
Wir versuchen, wo immer wir können, die Entwicklung
freier Institutionen und Praktiken zu ermutigen. Einige
verwerfen diese Bestrebungen als unrealistisch wegen
der Annahme, daß Demokratie in weniger entwickelten
Nationen möglich ist. Andere argumentieren, wir seien
"hegemonistisch", indem wir versuchen, demokratische Werte aufzuzwingen.
In Wahrheit verstehen wir sehr gut, daß Demokratie
aus dem Wunsch des Einzelnen nach Beteiligung an
den Entscheidungen entstehen muß, die sein Leben
bestimmen. Aber wir sehen diesen Wunsch in allen
Ländern. Und es gibt für uns keinen besseren Weg,
Achtung für andere zu zeigen, als die Unterstützung

AMERIKA DIENST 25

ihres Rechts auf Gestaltung ihrer eigenen Zukunft und
die Wahl ihrer Politiker. Im Gegensatz zur Diktatur ist
Demokratie nie ein Zwang - sie ist per definitionem
immer eine Entscheidung.
Vor Jahren wurde sich nicht weit von hier entfernt ein
junges Schulmädchen der Welt dort draußen zum
ersten Mal voll bewußt, als ihre Lehrerin ihr sagte, in
Europa sei der Krieg ausgebrochen und es sei wichtig
für Amerikaner, darüber Bescheid zu wissen. Und
gleichzeitig verließ auf der anderen Seite des Ozeans
ein in die Arme seiner Eltern gekuscheltes Kleinkind
seine Heimat in der Tschechoslowakei, um Hitlers
Armee zu entfliehen.
Ich bin heute nur hier, weil Amerika wie das junge
Schulmädchen - Rosalynn Smith - in ihrem Klassenzimmer in Plains verstanden hat, daß die Freiheit und
Sicherheit der Vereinigten Staaten von der Freiheit und
Sicherheit der Freunde im Ausland abhängen.
Vor einem halben Jahrhundert rettete die amerikanische Führungsrolle Europa vor dem größten Übel,
das die Welt je erlebt hat. Im Verlauf dieses Jahrhunderts hat die amerikanische Führungsrolle einen
Unterschied bewirkt - nicht nur in meinem Leben,
sondern auch im Leben von Millionen anderen, die von
amerikanischen Soldaten beschützt, durch amerikanische Hilfe unterstützt oder von amerikanischen
Idealen inspiriert wurden.
Heute gilt ebenso wie während der Carter-Präsidentschaft, daß Amerika nicht jeden Konflikt beenden,
jedes Übel beheben oder jedes Problem lösen kann.
Auch andere müssen ihren Beitrag leisten. Letztlich
müssen die Menschen jedes Landes über ihr eigenes
Schicksal entscheiden.
Dennoch kommt den Vereinigten Staaten die Führungsrolle zu. Nicht wegen unserer militärischen
Macht, auch wenn diese wichtig ist, oder unserer
wirtschaftlichen Stärke, auch wenn diese eine Rolle
spielt - sondern wegen dem, für das wir in der Welt
eintreten.
Und das ist im Kern die einfache, aber ausschlaggebende Annahme, daß jeder Einzelne zählt.
Das ist die Philosophie Amerikas von seiner besten
Seite.
Das war die treibende Kraft hinter der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte.
Das ist die Überzeugung, die dieses Institut zur
Förderung des Studiums von Frauen anregt.
Das ist die Grundlage der Arbeit des Carter Center bei
der Unterstützung von Demokratie und Freiheit und
der Bekämpfung von Verbrechen und Krankheiten.

Seite 5

�Und das ist der Grund, warum Rosalynn Carter einen
Großteil ihres Lebens der Pflege von geistig Behinderten, der Betreuung von Flüchtlingen und der Verbreitung von Bildung gewidmet hat.
Man sagt, daß jede Arbeit, die etwas wert ist, in gutem
Glauben verrichtet wird. Heute Nachmittag wollen wir
alle geloben, den Glauben zu bewahren, daß jede
verhinderte Verletzung der Menschenrechte, jeder
freigelassene Gefangene aus Gewissensgründen, je-

des niedergerissene Hindernis für Gerechtigkeit und
jedes Land, das aus der Dunkelheit in das Licht der
Freiheit tritt, unser Leben bereichem, andere inspirieren und die Grenzen dessen, was auf dieser Welt
erreichbar ist, erweitem wird.
Ich verspreche Ihnen, dafür mein Bestes zu geben,
und bitte Sie respektvoll um Ihre Unterstützung.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 25

�NATO
16. Dezember 1998

Die NATO - bereit für das 21. Jahrhundert
von Madeleine K. Albright

WASHINGTON -(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Außenministerin Madeleine K. Albright,
der auf Deutsch erstmals in der Süddeutsche Zeitung vom 7. Dezember 1998 erschienen ist.

Morgen werden meine Amtskollegen in der NATO und
ich in Brüssel zusammentreffen und die Tagesordnung
für den im April 1999 anberaumten NATO-Gipfel in
Washington aufstellen, bei dem die führenden Vertreter des Bündnisses den 50. Jahrestag der Gründung der NATO feiern und die Staats- und Regierungschefs der Tschechischen Republik, Ungarns und
Polens erstmals als NATO-Mitglieder begrüßen
werden.
Wir sollten stolz auf das sein, was das Bündnis in
seinem ersten halben Jahrhundert erreicht hat. Aber
wir dürfen nicht selbstgefällig sein. Heute sind wir mit
anderen, aber nicht weniger schwierigen Themen
konfrontiert als unsere Vorgänger vor 50 Jahren.
Obwohl es laut Kalender nicht ganz richtig ist, wird der
Washingtoner Gipfel als das erste Gipfeltreffen des 21.
Jahrhunderts betrachtet. Es wird nicht nur die Vergangenheit feiern, sondern den Kurs der NATO für die
Zukunft planen.
In Brüssel werden wir unsere Bestrebungen fortsetzen,
eine NATO für das 21. Jahrhundert zu schaffen: Ein
größeres, flexibleres Bündnis, das der kollektiven
Verteidigung verpflichtet ist, einem breiten Spektrum
von Bedrohungen der gemeinsamen Interessen der
NATO begegnen und partnerschaftlich mit anderen
Nationen und Organisationen an der Förderung von
Sicherheit, Wohlstand und Demokratie im und für den
gesamten transatlantischen Raum zusammenarbeiten
kann.
Beim Washingtoner Gipfel werden unsere führenden
Politiker ein neues strategisches Konzept vorlegen einen Plan für die Zukunft des Bündnisses. Die NATO
des 21. Jahrhunderts muß den neuen strategischen
Gegebenheiten Rechnung tragen.
Obwohl der

AMERIKA DIENST 25

Großteil Europas mehr Sicherheit genießt als zu jedem
anderen Zeitpunkt in unserer Erinnerung, können das
Territorium und die Interessen des Bündnisses von
verschiedenen Gefahren aus mehreren Quellen
bedroht werden. Präsident Clinton erklärte im Mai in
Berlin: "In Zukunft muß das Bündnis unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor Bedrohungen
unserer Sicherheit schützen, die von jenseits der
Grenzen kommen: Der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, ethnischer Gewalt, regionalen
Konflikten."
Bosnien und der Kosovo sind die jüngsten Beispiele
dafür, daß die NATO handeln muß, wenn sich Konflikte
außerhalb ihrer unmittelbaren Grenzen auf die Interessen des Bündnisses auswirken. Das neue strategische Konzept des Bündnisses muß das richtige
Gleichgewicht zwischen der Bestätigung der zentralen
Stellung der kollektiven Verteidigungsmissionen der
NATO und der Reaktion auf solche Krisen finden.
Gemeinsam müssen wir sowohl unsere Flexibilität als
auch unsere Fähigkeit verbessern, das gesamte
Spektrum möglicher Bedrohungen der Interessen des
Bündnisses fernzuhalten, abzuschrecken und, falls
nötig, darauf zu reagieren.
Die Hauptaufgabe der NATO wird immer die Verteidigung vor Aggression bleiben. Das ist der Kern des
Washingtoner Vertrags. Aber die Gründerväter des
Bündnisses unterschieden auch zwischen dem, wozu
uns der Vertrag verpflichtet und dem, was er uns
erlaubt. Wenn je gemeinsame Militäraktionen zum
Schutz der vitalen Interessen des Bündnisses erforderlich sein sollten, ist es sinnvoll, die einheitliche
Militärsstruktur und die während der letzten 50 Jahre
aufgebaute Gewohnheit der Zusammenarbeit zu
nutzen.

Seite 1

�Neben dem Streben nach Übereinstimmung über eine
neue Vision für das 21. Jahrhundert wird die Aufgabe
des Washingtoner Gipfels darin bestehen sicherzustellen, daß die NATO über die Mittel zur Umsetzung
dieser Vision verfügt. Wir benötigen Streitkräfte, die
auf die Missionen des 21. Jahrhunderts ausgerichtet,
dafür ausgerüstet und darauf vorbereitet sind. Verteidigungsminister Cohen arbeitet eng mit den Verteidigungsministem der NATO-Mitgliedsländer an Vorschlägen zur Modernisierung der NATO-Streitkräfte
zusammen. Unser Ziel besteht darin, beim Washingtoner Gipfel Einigung über ein langfristiges Programm
zur Entwicklung der richtigen Fähigkeiten zu erlangen,
die sowohl die Selbstverteidigung als auch die Fähigkeit zur schnellen und effektiven Reaktion auf Krisen
gewährleisten.
Aus diesem Grund begrüßen wir es, daß der britische
Premierminister Blair die Europäer dazu aufgerufen
hat, Möglichkeiten für die Übernahme von Verantwortung für ihre eigene Sicherheit und Verteidigung zu
sondieren. Unsere Interessen sind klar: Wir wollen
ein handlungsfähiges Europa. Wir wollen ein Europa
mit modernen, flexiblen Streitkräften, die in der Lage
sind, Feuer im Hinterhof Europas zu löschen und mit
uns im Rahmen der NATO an der Verteidigung
unserer gemeinsamen Interessen zusammenzuarbeiten. Die europäischen Bestrebungen, mehr für die
Selbstverteidigung Europas zu tun, erschweren nicht
unser weiteres Engagement, sondern erleichtem es
vielmehr.
Wir werden alle Vorschläge zur europäischen Verteidigung und Sicherheit vor dem Hintergrund einer
einfachen Frage prüfen: Machen sie unsere Zusammenarbeit effektiver? Ebenso wie Premierminister
Blair sind wir der Ansicht, daß der Schwerpunkt auf der
Verbesserung der praktischen Fähigkeiten liegen
sollte, die Europa in das Bündnis einbringt.
Die Krise im Kosovo zeigt, wie die praktische europäische Verteidigungsfähigkeit zur Erfüllung der NATOMissionen beitragen kann. Dank der Initiative Frankreichs und der von Deutschen, Briten, Italienern und
anderen Verbündeten geleisteten Beiträge entsendet
die NATO eine gesamteuropäische Schutztruppe
("extraction force") für die OSZE-Beobachter, die in die
krisengeschüttelte Provinz geschickt werden. Die
Truppe untersteht dem Kommando der NATO und
basiert auf soliden europäischen Fähigkeiten. Sie stellt
unter Beweis, wie in der Realität europäische Streitkräfte innerhalb der NATO mit großem Erfolg zusammenarbeiten können. Wir begrüßen die Bereitschaft der Regierung der ehemaligen jugoslawischen
Republik Makedonien, diese Truppe aufzunehmen.
Der Kosovo lehrt noch eine andere Lektion: Politischer
Wille ist wichtiger als zusätzliche institutionelle Strukturen. Bevor wir gemeinsam handelten, bestand das
Kosovo-Problem nicht in einem Mangel an angemes-

Seite 2

senen Institutionen, sondern einem Mangel an Übereinstimmung über den Einsatz der vorhandenen
Institutionen.
Während die Europäer nach den besten Wegen
suchen, ihre außen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu organisieren, liegt der Schlüssel
darin sicherzustellen, daß jede institutionelle Veränderung im Einklang mit den Grundprinzipien steht,
die der atlantischen Partnerschaft seit 50 Jahren so gut
gedient haben. Das bedeutet die Vermeidung von
Abkopplung, Duplizität und Diskriminierung.
Erstens wollen wir Abkopplung vermeiden: Die NATO
ist Ausdruck der unerläßlichen transatlantischen
Verbindung. Sie sollte eine Organisation souveräner
Verbündeter bleiben, in der die europäische Entscheidungsfindung nicht von der übergeordneten
Entscheidungsfindung des Bündnisses abgekoppelt

Zweitens wollen wir Duplizität vermeiden: Die Verteidigungsmittel sind zu knapp, als daß die Verbündeten
Streitkräfteplanung, Einrichtung von Befehlsstrukturen
und Beschaffungsentscheidungen doppelt vornehmen
könnten - einmal innerhalb der NATO und erneut in der
Europäischen Union. Und drittens wollen wir jede
Diskriminierung von NATO-Mitgliedern vermeiden, die
nicht der EU angehören.
Das von Premierminister Blair dargelegte Ziel steht im
Einklang mit diesen Prinzipien. Wir sehen den Gesprächen mit allen europäischen Verbündeten und
Partnern über die Stärkung der europäischen Handlungsfähigkeit erwartungsvoll entgegen.
Der Washingtoner Gipfel muß sich insbesondere mit
der Herausforderung der sehr realen Bedrohung
unseres Volkes, Territoriums und unserer Streitkräfte
durch Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme befassen. Wir müssen die allgemeinen
Bestrebungen des Bündnisses verbessern, der
Weiterverbreitung Einhalt zu gebieten und solche
Angriffe abzuschrecken, zu verhindern und uns davor
zu schützen. Die Bestrebungen der NATO sollten
existierende Mechanismen und Anstrengungen zur
Kontrolle der Weiterverbreitung ergänzen und nicht
verdrängen.
Die von uns angestrebte NATO des 21. Jahrhunderts
wird der zentrale Pfeiler einer weitaus größeren
nordatlantischen Gemeinschaft geteilter Risiken und
Pflichten von Demokratien sein, die immer mehr
Sicherheit und Wohlstand genießen. Die Tür zur
NATO bleibt für beitrittswillige Länder offen, und das
Bündnis sollte sich noch aktiver darum bemühen,
ihnen beim Durchgang durch diese Tür zu helfen.
Die NATO-Erweiterung ist kein einmaliges Ereignis; die
ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten sein.

AMERIKA DIENST 25

�Aber der Washingtoner Gipfel sollte unsere Fähigkeit
verbessern, in Zusammenarbeit mit allen Partnemationen ungeachtet ihres Beitrittswillens Sicherheit und
Stabilität auf diese größere Gemeinschaft auszuweiten. Die besondere Partnerschaft der NATO mit
der Ukraine ist ein wichtiges Element dieser allgemeinen Bestrebungen.

*

Wir möchten, daß Rußland intensiv und aktiv an dieser
Partnerschaft des 21. Jahrhunderts teilnimmt. Meine
Amtskollegen und ich werden diese Woche mit dem
russischen Außenminister Iwanow im Ständigen
Gemeinsamen NATO-Rußland-Rat zusammentreffen,
wo wir unsere Bestrebungen zur Verbesserung der
Zusammenarbeit im Geiste der Grundakte zwischen
der NATO und Rußland fortsetzen werden, die im Juni
ihren zweiten Jahrestag feiern wird. Truppen des
Bündnisses und Rußlands sind in Bosnien weiterhin
Seite an Seite tätig. Gemeinsam arbeiten wir an einer
möglichen russischen Beteiligung am Luftverifizierungsregime im Kosovo. Wir planen die Einrichtung
eines militärischen Verbindungsbüros in Moskau.
Gemeinsam schulen wir ehemalige russische Offiziere
um, entwickeln kooperative Antworten auf zivile Not-

fälle sowie gemeinsame Ansätze zu Nichtverbreitung
und Umweltschutz - alles Anzeichen dafür, daß die
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
weitere Fortschritte machen.
Die Lektion dieses Jahrhunderts - des blutigsten
Jahrhunderts überhaupt - lautet, daß Europa und
Amerika durch Zusammenarbeit ihre Interessen und
Werte effektiver voranbringen können als im Alleingang. Wenn wir uns nicht einig sind, kann das in eine
Sackgasse und sogar zu Krisen führen. Wir möchten,
daß nachfolgende Generationen in 50 Jahren sagen,
daß wir unsere Lektion gelernt und auf die zahlreichen,
uns im neuen Jahrhundert konfrontierenden Herausforderungen richtig angewandt haben. Dieses neue
Jahrhundert wird heute durch unsere gemeinsame
Antwort auf die Instabilität im westlichen Balkan
gestaltet. Und es wird großenteils durch die Entscheidungen gestaltet, die wir kommende Woche und
in den nächsten Monaten treffen werden. Ich bin
zuversichtlich, daß dies die richtigen Entscheidungen
für die Zukunft unseres großartigen Bündnisses sein
werden.

* * *

AMERIKA DIENST 25

Seite 3

�TECHNOLOGIE

16. Dezember 1998

Eine globale Strategie zur Lösung
des Jahr 2000-Problems
von Jonathan Spalter

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Jonathan Spalter, der auf Deutsch
erstmals in der Berliner Zeitung vom 11. Dezember 1998 erschienen ist. Jonathan Spalter ist Vorsitzender der
Arbeitsgruppe internationale Öffentlichkeitsarbeit von Präsident Clintons Kommission für die Computerumstellung
auf das Jahr 2000. Er ist femer ein beigeordneter Direktor im US-Informationamt.

Der Schlüssel zur Bewältigung des Jahr 2000-Problems besteht darin, es nicht als rein technisches
anzusehen, sondern als eine diplomatische Herausforderung, die sorgfältige internationale Koordinierung
und eine integrierte Informationskampagne zur
Aufklärung der Weltöffentlichkeit erfordert.
Aus diesem Grund ist die Konferenz der Vereinten
Nationen über das Jahr 2000-Problem, die Ende
dieser Woche in New York stattfindet, so wichtig. Zum
ersten Mal werden die Leiter der nationalen Jahr 2000Programme zusammenkommen, um ein breites
Spektrum von Themen anzusprechen, darunter
internationale Zusammenarbeit und Eventualfallplanung.
Experten betonen, das "Jahrtausendproblem" - der
Programmierfehler, der im Jahr 2000 einen Zusammenbruch der Computer bewirken könnte - sei an sich
nicht schwer zu beheben. Aber in einem Zeitalter, in
dem Computerinteraktionen in Sekundenschnelle
Kontinente umspannen, könnte der Dominoeffekt eines
Systemzusammenbruchs in einem Land nahezu
unverzüglich ein Chaos in anderen Ländern verursachen. Die Größenordnung des Problems und
seine transnationalen Auswirkungen sind die Herausforderung. In unserer vernetzten Welt ist das System
nur so gut wie sein schwächstes Glied.
Ein Unternehmen in einem Land ist vielleicht auf das
Jahr 2000-Problem vorbereitet. Aber was ist mit
seinen Tochtergesellschaften, Lieferanten, Vertreibern
und Kunden - in Übersee und im Inland gleicherma-

AMERIKA DIENST 25

ßen? Und was ist mit dem Bank- und Finanzsystem,
auf das es sich verläßt, oder der Regierungsbehörde,
die eine Quelle unerläßlicher Informationen sein
könnte?
Zur Zeit gibt es große Unterschiede bei der Vorbereitung auf das Jahr 2000-Problem. In Rußland
ergab eine jüngste Studie, daß ein beträchtlicher
Prozentsatz größerer Unternehmen noch nicht einmal
davon gehört hatte. In China und Indonesien belegte
eine ähnliche Studie, daß bei den derzeitigen Fortschritten weniger als die Hälfte der Firmen bis Ende
nächsten Jahres für das Jahr 2000-Problem gerüstet
sein werden. In großen Teilen Lateinamerikas und
Afrikas ist das Problem noch gravierender.
Selbst in Westeuropa und Nordamerika bleibt noch viel
zu tun. Obwohl beispielsweise Unternehmen und
Regierungsbehörden in den Vereinigten Staaten
schnelle Fortschritte machen, sind sie weiterhin
anfällig, da Milliarden Codierungen noch geändert
werden müssen. Der geschätzte Preis für die Lösung
des Problems könnte über 75 Milliarden Dollar betragen.
Die Kosten für kleinere Länder mit weniger entwickelten Volkswirtschaften und rudimentärerer Infrastruktur
werden sehr viel niedriger sein, aber ein Computerproblem zu einer nationalen Priorität in Regionen der
Welt zu machen, in denen das Leben ein täglicher
Überlebenskampf ist, wird - gelinde gesagt - schwierig
sein. Eine koordinierte globale Strategie muß Hilfe für
die Nationen beinharten, die keine Mittel zur an-

Seite 1

�gemessenen Bewältigung des Problems haben. Das
ist nicht nur gute Politik - es ist aufgeklärtes Eigeninteresse.
Man muß jedoch betonen, daß das Jahr 2000-Problem
nicht nur ein technisches ist. Die Weltöffentlichkeit
muß nicht nur entsprechend über den Umfang und die
Bedeutung des Problems informiert werden, sondern
auch über seine Natur, so daß die unvermeidlichen
Störungen, die irgendwann irgendwo in den ersten
Tagen des Jahres 2000 auftreten, nicht weltweite
Angst oder sogar Panik auslösen.
Aus diesem Grund kommt Regierungen, die gemeinsam und im Rahmen der Vereinten Nationen handeln,
so eine wichtige Rolle dabei zu, die Welt sicher durch
dieses Problem zu steuern.
In den Vereinigten Staaten ist Präsident Clintons
Kommission für die Computerumstellung auf das Jahr
2000 Initiator für eine umfassende Aufklärungskampagne. Der US-Kongreß trägt das Seine dazu bei
und verabschiedet Maßnahmen wie die jüngste
Gesetzesvorlage zur Beschränkung der Haftung von

Unternehmen, die offen über ihre Vorbereitungen auf
die Computerumstellung sprechen.
Es muß jedoch noch viel getan werden, und die
Vereinigten Staaten können viel von Frankreich,
Großbritannien und anderen Ländern lernen, die
eigene Maßnahmen zur Bewältigung des Problems
verabschiedet haben. In der Tat ist einer der Vorzüge
einer globalen Strategie, daß wir alle voneinander
lernen und die besten Ansätze und Hilfsmittel übernehmen können. Was das Jahr 2000-Problem anbetrifft,
hat kein Land ein Monopol für die besten Ideen.
Internationale Organisationen wie die Weltbank und
regionale Gruppen wie die OAS und die OECD
arbeiten bereits hart am Austausch von Informationen
und der Hervorhebung des Problems. Die UN-Konferenz ist jedoch die erste Gelegenheit, um alle Regierungen in die Erarbeitung gemeinsamer Lösungen für
das Jahr 2000-Problem einzubeziehen. Wir müssen
sicherstellen, daß die erforderliche Vorarbeit geleistet
wird, um alle durch dieses Problem gestellten technischen und diplomatischen Herausforderungen zu
überwinden.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 25

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              <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Amerika möchte, dass sie Erfolg haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Präsident Clinton &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Holocaust-Konferenz&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Albright: Wir müssen die Arbeit der Wiedergutmachung beenden &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede der Außenministerin bei der Holocaust-Konferenz&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Menschenrechte&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Menschenrechte und Außenpolitik&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenministerin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. NATO&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Die NATO - bereit für das 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Madeleine K. Albright&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Technologie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine globale Strategie zur Lösung des Jahr 2000-Problems &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Jonathan Spalter&lt;/em&gt;</text>
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