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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

23

18. November 1998

IRAK

IRAK ZU KOOPERATION MIT DEN
UN-WAFFENINSPEKTOREN BEREIT
Erklärung von Präsident Clinton

AUSSENPOLITIK

DIE BEDEUTUNG DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE FÜR DIE WELT
Rede von Außenministerin Albright

USA-EUROPA

EINE MENSCHLICHE DIMENSION FÜR DIE
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter John C. Kornblum

WIRTSCHAFT

DER HANDEL MIT EMISSIONSZERTIFIKATEN
IST GUT FÜR DIE WELTWIRTSCHAFT UND DIE
UMWELT
von Carol Browner und Stuart Eizenstat

LANDWIRTSCHAFT

WIEDERAUFNAHME DER MULTILATERALEN
AGRARVERHANDLUNGEN
Rede von Botschafter Scher

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�IRAK

18. November 1998

Irak zu Kooperation mit den
UN-Waffeninspektoren bereit
Erklärung von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Präsident Clinton zum Einlenken des
Irak im Konflikt mit den Vereinten Nationen vom 15. November 1998.

Gestern Nacht hat der Irak zugestimmt, die Forderungen der internationalen Gemeinschaft nach uneingeschränkter'Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren der Vereinten Nationen zu erfüllen. Der Irak
verpflichtete sich zu bedingungsloser Einhaltung. Das
Land hob seine Entscheidungen vom August und
Oktober auf, die Zusammenarbeit mit den Inspektoren
einzustellen. Der Irak zog abzulehnende Bedingungen zurück. Mit anderen Worten: Der Irak akzeptierte
seine Verpflichtung, die Wiederaufnahme aller
Aktivitäten der Waffeninspektoren, der UNSCOM und
der IAEO im Einklang mit den entsprechenden
Resolutionen des UN-Sicherheitsrats zuzulassen.
Zusammen mit Großbritannien und mit der Unterstützung unserer Freunde und Verbündeten auf der
ganzen Welt waren die Vereinigten Staaten zu
militärischen Aktionen bereit, wenn der Irak seinen
Kurs nicht umgekehrt hätte. Unsere Bereitschaft zu
einem Angriff brachte zusammen mit dem überwältigenden Gewicht der Weltmeinung das von uns
gewünschte Ergebnis hervor: Saddam Hussein kehrt
seinen Kurs um und läßt die Inspektoren ihre Arbeit
ohne Einschränkungen oder Bedingungen wieder
aufnehmen.
Wie ich bereits seit Beginn dieser Krise gesagt habe,
ist die Rückkehr der Inspektoren, wenn sie ungehindert arbeiten können, das beste Ergebnis, weil sie das
effektivste Instrument sind und bleiben, Versuche des
Irak zum Wiederaufbau seiner Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme aufzudecken, zu
vereiteln und zu verhindern.

AMERIKA DIENST 23

Ich möchte mich klar ausdrücken: Der Irak hat eingelenkt, aber das ist nicht genug - jetzt muß der Irak
seine Verpflichtungen erfüllen. Der Irak hat sich zu
bedingungsloser Wiederaufnahme der Zusammenarbeit mit den Waffeninspektoren verpflichtet. Was
heißt das?
Erstens muß der Irak alle von der UNSCOM
und der IAEO aufgeworfenen ausstehenden
Fragen lösen.
Zweitens muß er den Inspektoren ungehinderten Zugang für die Inspektion und Überwachung aller Einrichtungen ihrer Wahl gewähren, ohne Restriktionen oder Einschränkungen im Einklang mit der Regierungsvereinbarung, die der Irak selbst im Februar mit
Generalsekretär Annan unterzeichnet hat.
Drittens muß er alle wichtigen Dokumente
übergeben.
Viertens muß er alle Resolutionen im Zusammenhang mit Massenvernichtungswaffen
akzeptieren.
Fünftens dürfen wir nicht in die Unabhängigkeit oder Fachkenntnis der Waffeninspektoren
eingreifen.
Gestern Abend habe ich mit UN-Generalsekretär Kofi
Annan nochmals abgeklärt, daß er diese Ansicht zu
den Verpflichtungen des Irak teilt. Durch die Verursachung dieser Krise hat sich der Irak von der
Weltmeinung und der in der Region herrschenden

Seite 1

�Meinung selbst mehr isoliert als zu jedem anderen
Zeitpunkt seit dem Golfkrieg. Der UN-Sicherheitsrat
stimmte mit 15 zu 0 dafür, von Saddam Hussein eine
Abkehr von seinem Kurs zu verlangen. Acht arabische Nationen - Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, fünf
weitere Golfstaaten - warnten Saddam, daß der Irak
die alleinige Verantwortung für die Konsequenzen der
Herausforderung der Vereinten Nationen trägt. Die
Welt sprach mit einer Stimme: Der Irak muß ein für
allemal akzeptieren, daß der einzige Weg die vollständige Erfüllung seiner Verpflichtungen gegenüber
der Welt ist. Bis das geschieht, bleiben wir wachsam,
werden den Druck aufrechterhalten und einsatzbereit
bleiben.
Diese Krise zeigt auch - bedauerlicherweise zum
wiederholten Male - daß Saddam Hussein ein Hindernis für das Wohlergehen seines Volkes und eine
Bedrohung für den Frieden in der Region und die
Sicherheit auf der Welt bleibt. Wir werden die Bedrohung, die er darstellt, weiterhin eindämmen, indem wir
uns für die Beseitigung der irakischen Fähigkeiten zur
Beschaffung und zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen im Rahmen der UNSCOM einsetzen, die
Sanktionen der Flugverbotszone durchsetzen und
energisch auf jegliche Provokationen des Irak reagieren. Langfristig führt jedoch der beste Weg zur
Bewältigung dieser Bedrohung über eine Regierung in
Bagdad - eine neue Regierung, die sich der Vertretung und Achtung ihres Volkes verpflichtet anstatt
dieses zu unterdrücken und die sich für den Frieden in
der Region engagiert.

*

Seite 2

Im vergangenen Jahr haben wir unser Engagement für
die Kräfte des Wandels im Irak verstärkt, die beiden
größten kurdischen Oppositionsgruppen versöhnt und
mit der Ausstrahlung von Radio Free Iraq im ganzen
Land begonnen. Wir werden diese Bestrebungen
verstärken, mit dem Kongreß an der Durchsetzung
des kürzlich verabschiedeten Gesetzes zur Befreiung
des Irak (Iraq Liberation Act) zusammenarbeiten und
unsere politische Unterstützung verstärken um
sicherzustellen, daß der Opposition ein Mitspracherecht bei die Bestrebungen des irakischen Volkes
betreffenden Fragen verliehen wird.
Ich möchte nochmals betonen: Wir wollen eine
irakische Regierung, die ihr Volk vertritt und achtet,
anstatt es zu unterdrücken, und die sich dazu verpflichtet, in Frieden mit ihren Nachbarn zu leben.
Dafür werden wir uns einsetzen.
Im zu Ende gehenden Jahrhundert hat Amerika oft
einen Unterschied zwischen Tyrannei und Freiheit,
zwischen Kasten und Gemeinschaft, zwischen Angst
und Hoffnung bewirkt. In diesem Fall kann Amerika wie schon so oft in der Vergangenheit - aufgrund
unseres Patriotismus und der Professionalität unseres
Militärs einen Unterschied bewirken. Erneut fördern
seine Stärke, Einsatzbereitschaft und Fähigkeiten die
amerikanischen Interessen in der Sache des Weltfriedens. Wir müssen wachsam, stark und einsatzbereit bleiben - hier und überall dort, wo unsere
Interessen und Werte auf dem Spiel stehen. Dank
unseres Militärs werden wir dazu in der Lage sein.

* * *

*

AMERIKA DIENST 23

�AUSSEN POLITIK

18. November 1998

Die Bedeutung der amerikanischen
Führungsrolle für die Welt
Rede von Außenministerin Albright

VANCOUVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Madeleine K. Albright
beim 10. jährlichen Vortrag zum Gedenken an den ehemaligen Außenminister George C. Marshall in Vancouver,
Washington, vom 30. Oktober 1998.

Es ist eine große Ehre, an einer der meines Erachtens
herausragendsten Vortragsreihen in den Vereinigten
Staaten teilnehmen zu dürfen.
Vor sieben Jahren wurde dieser Vortrag von Colin
Powell gehalten, der sagte, von allen militärischen
Führungspersönlichkeiten
der
amerikanischen
Geschichte sei General George Marshall allen
anderen weit überlegen gewesen.
Es ist eine erstaunliche Aussage über die Person, die
wir in dieser Vortragsreihe ehren, daß ich, als ich
Außenministerin wurde, als erstes ein Bild des
größten Diplomaten in der amerikanischen Geschichte, des ehemaligen Außenministers George Marshall,
in meinem Büro aufgehängt habe.
Winston Churchill nannte Marshall "einen großartigen
Amerikaner, aber mehr als das". Denn aufgrund
seiner Vision und Entscheidungsfähigkeit trug Marshall dazu bei, einen ganzen Kontinent aus den
Ruinen zu erheben.
In den vergangenen Jahren scheinen wir den 50.
Jahrestag von praktisch allem - vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gründung der Vereinten
Nationen - gefeiert zu haben.
Heute denke ich an einen anderen Jahrestag. Denn
es war im Jahr 1948, als der Kongreß den berühmten
Plan genehmigte, der George Marshalls Namen trägt.
Dieser Plan war der Rettungsanker in Form von
Milliarden Dollars an Unterstützung und technischer
Hilfe für ein vom Krieg zerstörtes Europa.

AMERIKA DIENST 23

Durch die Bereitstellung dieses Rettungsankers half
Amerika, den Westen Europas um demokratische
Prinzipien herum zu einigen, dämmte kommunistische
Übergriffe ein und säte die Saat einer transatlantischen Partnerschaft, deren Früchte wir immer noch
ernten.
Ebenso bedeutend war der Ausdruck der amerikanischen Führungsrolle, die der Marshallplan übermittelte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs harte
sich Amerika aus der Welt zurückgezogen, Verantwortung gescheut und Risiken vermieden. Andere
taten dasselbe.
Die Folge waren ungehinderte
Aggression in Asien und schreckliche Greueltaten im
Herzen Europas.
Nach dem Trauma des Zweiten Weltkriegs und dem
grausamen Horror des Holocaust war es nicht genug
zu sagen, daß der Feind besiegt war - daß das,
wogegen wir gekämpft hatten, gescheitert war.
Marshalls Generation war entschlossen, einen
dauerhaften Frieden zu schaffen. Und die Botschaft,
die diese Generation vom Weißen Haus, von beiden
Parteien auf dem Capitol Hill und von den Millionen
Amerikanern übermittelte, die für die Hilfslieferungen
spendeten, lautete, daß sich Amerika dieses Mal nicht
nach innen wenden würde; dieses Mal würde Amerika
die Führungsrolle übernehmen.
Heute, nahezu ein Jahrzehnt nach dem Ende des
Kalten Krieges, ist es nicht genug für uns zu sagen,
daß der Kommunismus gescheitert ist. Auch wir
müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen,

Seite 1

�Verantwortung für die Zukunft akzeptieren und die
Führungsrolle übernehmen.
Weil wir uns keiner rivalisierenden Supermacht
gegenübersehen, ist unsere Aufgabe eine andere als
zur Zeit Marshalls. Aber auch wenn sie weniger
dramatisch erscheinen mag, ist sie doch nicht weniger
wichtig. Denn die Entscheidungen, die wir treffen,
werden darüber bestimmen, ob die Welt das neue
Jahrhundert damit beginnt, in Krisen und Konflikten
auseinanderzubrechen oder ob sie um grundlegende
Prinzipien der politischen und wirtschaftlicher Freiheit,
Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu Frieden
zusammenkommt.

Im vergangenen Jahr hat die NATO die Tschechische
Republik, Polen und Ungarn zur Aufnahme in das
Bündnis für Freiheit eingeladen, das die Völker dieser
Länder im Geiste schon immer angenommen hatten.
Und über den Kontinent hinweg sind Truppen, deren
Gewehre einst gegeneinander gerichtet waren, jetzt
Seite an Seite beim Aufbau von Frieden in Bosnien
und der Planung der Sicherheit von Europas Zukunft
stationiert.
In Asien und am Pazifik sehen wir trotz der derzeitigen
Finanzprobleme eine Region von immenser Dynamik
und Optimismus.

Wenn wir klug und stark genug sind, werden unsere
Bürger von einer Weltwirtschaft profitieren, die ihren
Halt wiedergewonnen und breitgefächertes Wachstum
wiederaufgenommen hat. Wr werden es sicherer und
fruchtbarer finden, im Ausland zu studieren, Handel zu
treiben, zu reisen und zu investieren. Und unsere
Streitkräfte werden weniger häufig aufgerufen sein,
auf drängende und tödliche Bedrohungen zu reagieren.

Um Sicherheit aufzubauen, haben wir unsere militärische Zusammenarbeit mit unserem engen
Verbündeten Japan erweitert. Wir haben Nordkorea
aufgefordert, seine gefährliche und selbst auferlegte
Isolation zu beenden. Und wir sind in einem strategischen Dialog mit China engagiert, der auf die Erweiterung der Zusammenarbeit auf Bereichen abzielt,
in denen wir übereinstimmen, und Fortschritten bei
anderen wie Menschenrechten und Handel, in denen
wir nicht übereinstimmen.

In einer solchen Welt werden sich mehr Menschen in
mehr Nationen ihres Interesses an der Einhaltung
internationaler Regeln bewußt und achten darauf, daß
auch andere das tun. Die Nationen werden eher
zusammenarbeiten, um auf neue Gefahren zu reagieren, Konflikte zu verhindern und globale Probleme zu
lösen. Es wird einen wachsenden und von hohen
Grundsätzen geleiteten Konsens darüber geben, was
im Handel fair und unfair und was bei Menschenrechten richtig und falsch ist.

In Afrika haben Armut und Unordnung Millionen vom
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist
ein an menschlichen und natürlichen Ressourcen
reicher Kontinent. Seine besten Politiker sind sich der
Notwendigkeit bewußt, die verheerenden bürgerlichen
und grenzüberschreitenden Konflikte zu beenden, die
wirtschaftliche und soziale Fortschritte lähmen. Sie
sind sich auch der Notwendigkeit bewußt, Reformen
durchzuführen, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen behilflich sind, Fuß zu fassen.

Das Meiste, das wir in unserer Zeit erhoffen können,
ist, eine solide Grundlage für eine solche Welt zu
schaffen. Das ist jedoch eine schwere Aufgabe. Und
sie zu erfüllen, erfordert, daß wir als Regierungen wie
auch als Menschen einige harte Prüfungen bestehen.

Wie Präsident Clintons Besuch in der Region Anfang
dieses Jahres zeigt, fühlen wir uns verpflichtet, all
denen in Afrika zu helfen, die an menschliche Freiheit
glauben und bereit sind, das Erforderliche zu tun, um
sich selbst zu helfen.

Erstens und mehr allgemein gesprochen müssen wir
die Beziehungen stärken, die den Kern des internationalen Systems ausmachen, während wir gleichzeitig den Nationen behilflich sind, die schwach,
krisengeschüttelt oder im Übergang zu größerer Beteiligung sind.

In unserer Hemisphäre sind wir durch den gesamtamerikanischen Gipfel eine Verpflichtung zur Verteidigung der Demokratie, Erweiterung wirtschaftlicher
Verbindungen, Bekämpfung des Drogenhandels und
der Bewahrung des Friedens von Patagonien bis zur
Prudhoe Bay eingegangen. Es ist ermutigend, daß
der neue kolumbianische Präsident Pastrana, mit dem
Präsident Clinton und ich Anfang dieser Woche
zusammengekommen sind, entschlossen zu sein
scheint, sein seit langem von Krisen geschütteltes
Land in eine neue Ära von Stabilität und Rechtsstaatlichkeit zu führen.

Das ist die Aufgabe, die die tägliche Diplomatie der
Vereinigten Staaten dominiert.
In Europa streben wir beispielsweise die Verwirklichung der von Außenminister Marshall verkündeten
Vision an, die der Kalte Krieg jedoch verhinderte: Die
Vision eines ungeteilten und freien Europas, vereint,
wie Präsident Clinton erklärte, "nicht durch Waffengewalt, sondern die Möglichkeiten des Friedens".

Seite 2

Die Stärkung der Bande, die das internationale
System zusammenhalten, ist eine andauernde
Herausforderung. Eine zweite - neue und drängende -

AMERIKA DIENST 23

�Herausforderung ist die Reaktion auf die globale
Finanzkrise.

Korruption und der Einleitung schwieriger Wirtschaftsreformen reagiert haben.

In den vergangenen 25 Jahren hat die im Marshallplan
verkörperte Vision von erweitertem Handel und freien
Märkten dazu beigetragen, Wohlstand nicht nur in
Europa, sondern auf der ganzen Welt zu verbreiten.
Millionen von Menschen haben den Sprung aus der
Armut geschafft. Selbst angesichts der derzeitigen
Krise sind die Pro-Kopf-Einkommen in Korea und
Thailand 60 Prozent höher als vor einem Jahrzehnt.

Wenn wir nach vorne blicken, wissen wir, daß die
Gesundheit der globalen Wrtschaft von der Bewahrung und Erweiterung der Verpflichtung zu offenem
Handel, offenen Märkten und offenen Büchern
abhängt. Aber wir wissen auch, daß es Probleme
gibt, die Märkte allein nicht lösen können.

Das ist eine Lektion, die wir in unserem eigenen Land
gelernt haben, als wir Gesetze zur Gewährleistung der
n Integrität unserer Finanzsysteme verabschiedet und
Diese Maßnahmen haben hier im amerikanischen
Programme geschaffen haben, dank derer unsere
Nordwesten besonderes hohe Dividenden erbracht,
Bürger mit wirtschaftlichen Härten fertigwerden
wo die Wirtschaft vorwiegend im Export getätigt wird
können.
und der Boom im Handel mit Asien in allen Bereichen
von Computern über Versand bis zur Landwirtschaft
gute Arbeitsplätze geschaffen hat.
Die erforderlichen Veränderungen, um die globale
Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen, werden nicht
über Nacht stattfinden. Die am direktesten betroffeJetzt werden diese Maßnahmen jedoch auf die Probe
nen Volkswirtschaften müssen weiterhin die Medizin
gestellt. Die finanzielle Vertrauenskrise hat sich von
nehmen, die zu ihrer Gesundung beitragt. Unsere
Südostasien auf Ostasien und Rußland ausgeweitet
Verbündeten in Europa und Asien müssen das Ihre
und gefährdet jetzt die Volkswirtschaften in unserer
zur Wiederherstellung des Wachstums tun.
eigenen Hemisphäre.
Es besteht weiterhin das
Risiko, daß die Politiker einiger Nationen in Panik
geraten und auf den falschen Gott des ProtektioUnd unsere internationalen Finanzinstitutionen
nismus oder das unmögliche Ziel der Isolation in der
müssen mehr tun, um den Ländern bei der Bewältiglobalen Wirtschaft von heute zurückgreifen.
gung der durch die derzeitige Krise entstandenen
sozialen Härten behilflich zu sein und bessere Strategien zur Vermeidung künftiger Krisen entwickeln.
Die Administration ist entschlossen, den Zug des
Wohlstands wieder auf Kurs zu bringen.
Eine dritte große Herausforderung für das internaAus diesem Grund hat Präsident Clinton einen kühnen tionale System stellt sich durch den Konkurrenzkampf
Plan für die Wiederherstellung von Wachstum und die verschiedener Nationen und Völker um Land, Ressourcen und Macht.
Vermeidung einer weiteren Ausbreitung der finanziellen Vertrauenskrise dargelegt.
Diese Herausforderung ist so alt wie die Geschichte
selbst, aber im Verlauf der Jahre und mit dem weiteWir unternehmen alles in unserer Macht Stehende,
ren Technologiefortschritt wird sie immer drängender.
um amerikanischen Firmen zu helfen, in Asien
Heute sind moderne Waffen leichter verfügbar,
konkurrenzfähig zu bleiben.
todbringender, mobiler und weniger teuer als je zuvor.
Der Kongreß hat unseren Anteil der Mittel für den
Unsere Aufgabe besteht darin, alles zu tun, um einen
Internationalen Währungsfonds genehmigt.
solchen Konkurrenzkampf einzudämmen und zu
kanalisieren, damit Differenzen friedlich und unter
Der unabhängige Zentralbankrat hat die Zinssätze
Respektierung der legitimen Rechte aller gelöst
zweimal gesenkt.
werden können.
Und Japan unternimmt endlich die erforderlichen
Um dies zu tun, müssen wir den Menschen in krisenSchritte, um seine riesige Volkswirtschaft in die
geschüttelten Regionen helfen, ihre Hoffnungen auf
richtige Richtung zu lenken.
die Zukunft über die bitteren Erinnerungen der
Vergangenheit, Versöhnung über Rache zu stellen
Die beste Nachricht wäre jedoch, wenn der Schock
und alte Schlachtfelder in ein gemeinsames Terrain
über diese Krise in eine Verpflichtung zu solideren
gegenseitiger Sicherheit und des Strebens nach
und transparenteren Finanzpraktiken auf der ganzen
einem besseren Leben zu verwandeln.
Welt münden würde. Es ist ermutigend, daß einige
der am schlimmsten betroffenen Länder - insbesondere Thailand, Korea und Brasilien - mit einer stärkeren
Die Amerikaner können stolz sein, daß unser Land auf
Verpflichtung zu Demokratie, Bekämpfung der
der ganzen Welt Seite an Seite mit den Friedensstiftern gegen die Bombenleger steht; das Abkommen

AMERIKA DIENST 23

Seite 3

�vom Karfreitag in Nordirland unterstützt; versucht, den
Konflikt in Zentralafrika zu lösen; mit unseren Partnern
auf die Implementierung des Abkommens von Dayton
in Bosnien hinarbeitet; und - wie wir es in den vergangenen beiden Wochen dramatisch erlebt haben - die
Überwindung der Hindernisse für einen gerechten und
dauerhaften Frieden im Nahen Osten anstrebt.
Die in der letzten Woche von den Israelis und den
Palästinensern unterzeichnete Vereinbarung bekräftigt, daß Verhandlungen wirken. Sie demonstriert,
daß Israelis und Palästinenser unabhängig von ihren
Meinungsverschiedenheiten eine Alternative zu
andauernden Konflikten finden wollen und sich
bewußt sind, daß ein tragfähiger Verhandlungsprozeß
sie dorthin bringen kann.
Das Abkommen hat greifbare Vorteile für beide
Seiten.
Die palästinensische Zuständigkeit für
Gebiete im Westjordanland wird beträchtlich erhöht,
und es werden neue wirtschaftliche Chancen geschaffen. Israel wird von dem palästinensischen Engagement profitieren, einzigartige, systematische und
gezielte Bestrebungen zur Bekämpfung und Niederschlagung des Terrors zu unternehmen.
Es bleiben noch enorme Hindernisse bestehen, aber
durch die Schaffung von Bedingungen für die Einleitung von Verhandlungen über den endgültigen
Status erhalten beide Seiten die Chance, über die
Fragen zu sprechen, die einen echten israelischpalästinensischen Frieden definieren und herstellen
werden.
Die in Wye erzielten Vereinbarungen sind ein weiterer
Beweis dafür, daß der Friedensprozeß unverwüstlich
ist und schwere Rückschläge verkraften kann. Aber
er hat noch einen langen Weg vor sich. Letzte Woche
trafen führende israelische und palästinensische
Politiker die für ein Abkommen erforderlichen harten
Entscheidungen.
Jetzt müssen sie die harten
Entscheiungen treffen, die für die Umsetzung dieses
Abkommens und die Vorbereitung weiterer Fortschritte erforderlich sind.
Unsere Bestrebungen zur Schaffung von Frieden im
Nahen Osten und andernorts sind keine internationale
Sozialarbeit, wie manche behaupten.
Sie sind klug von Amerika, weil es uns besser geht,
wenn keine regionalen Konflikte entstehen, die unsere
Freunde bedrohen, wirtschaftliche Härten verursachen
und Flüchtlingsströme hervorbringen. Und es ist auch
richtig von Amerika, anderen bei der Vermeidung von
unnötigem Blutvergießen zu helfen und die Menschen
in die Lage zu versetzen, das zu genießen, was
Präsident Clinton als das stille Wunder eines normalen Lebens bezeichnet hat.

Seite 4

Eine vierte uns konfrontierende Herausforderung ist
die Notwendigkeit, Bedrohungen durch Regierungen
und Splittergruppen abzuwehren, die internationale
Standards von Gesetz und Menschenrechten verachten.
Unsere wichtigsten Bestrebungen hier bestehen darin,
die Ausbreitung von Nuklearwaffen und Giftgas zu
verhindern.
Manche weisen auf die südasiatischen Nukleartests
Anfang dieses Jahres und die Verbreitung von
Raketentechnologien hin und behaupten, Rüstungskontrolle sei zwecklos. Sie vertreten die Ansicht, weil
manchmal gegen Rüstungskontrollregeln verstoßen
werde, sollten wir eine Welt ohne solche Regeln
akzeptieren. Das ist gefährlicher Unsinn.
Zweifelsohne verlangt die Sicherheit der Amerikaner
mehr als Verträge.
Wir brauchen die beste Verteidigung, die wir entwikkeln, die besten Nachrichtendienste, die wir aufbauen
und die beste Eventualfallplanung, die wir vorbereiten
können. Wir benötigen aber auch den besten rechtlichen Rahmen für die Aufdeckung und Verringerung
dieser Bedrohungen und die Diskreditierung derjenigen, die sie entstehen lassen. Dadurch können wir
die Zahl der Waffen, mit denen wir möglicherweise
eines Tages konfrontiert sind, und die Wahrscheinlichkeit verringern, daß die tödlichsten Waffen in die
falschen Hände fallen.
Beispielsweise werden wir sicherer, wenn wir weiterhin mit Rußland am Abbau von Nuklearwaffenarsenalen und der Verhinderung des Schmuggels mit
Nuklearmaterial
zusammenarbeiten.
Wir sind
entschlossen zu verhindern, daß Nuklearwaffen
"herrenlos" werden.
Wir werden sicherer, wenn durch unsere Diplomatie
das gefährliche nordkoreanische Nuklearwaffenprogramm für immer eingestellt werden kann und wir
dieses Land überzeugen können, seine skrupellose
Entwicklung und den Verkauf von Raketentechnologie
zu beenden.
Wir werden sicherer, wenn wir der Konvention über
biologische Waffen durch ihre Umsetzung Biß verleihen und bei der Frage der Verteidigung mit ballistischen Raketen einen soliden überparteilichen
Ansatz entwickeln können.
Und wir werden sicherer, wenn wir den Vertrag über
ein umfassendes Atomtestverbot (CTB-Vertrag) in
Kraft setzen können. Sein Ziel besteht im Verbot von
Tests jeglicher Größenordnung mit nuklearen Explosivstoffen für jeden Zweck, an jedem Ort und zu

AMERIKA DIENST 23

�jeder Zeit. Der Zukunft könnte kein größeres Geschenk gemacht werden.
Zum Schutz unserer Sicherheit müssen wir auch den
Kampf gegen den internationalen Terrorismus führen
und gewinnen.
Wie die Bombenanschläge auf die amerikanischen
Botschaften in Afrika auf so tragische Weise zeigten,
haben mit guten Finanzmitteln ausgerüstete führende
Terroristen wie Osama bin Laden geschworen,
Amerikaner auf der ganzen Welt zu töten. Ihr Ziel
besteht darin, unser Land dazu zu veranlassen, seine
Freunde, Verbündeten und Pflichten im Stich zu
lassen. Dazu kann ich nur sagen, daß die Nation,
deren Besten die Flagge bei Iwo Jima hißten und am
Omaha Beach in die Hölle gingen, sich nicht einschüchtern läßt.
Unsere Flagge wird weiterhin dort wehen, wo wir
Interessen zu verteidigen haben. Der Präsident hat
Mittel angefordert, um unser Volk besser schützen zu
können, und diese wurden vom Kongreß auch
bewilligt. Wir werden den Kampf gegen den Terrorismus an allen Fronten auf allen Kontinenten mit allen
Mitteln Tag für Tag führen.
Im Kosovo ist infolge der Unterdrückung durch den
serbischen Präsidenten Milosevic eine weitere
Bedrohung der internationalen Stabilität entstanden.
In den letzten Tagen hat die Androhung von Gewalt
durch die NATO, falls sich dies zur Beendigung der
serbischen Greueltaten als erforderlich erweisen sollte, zum Rückzug der Truppen geführt und den durch
die Gewalt vertriebenen Zivilisten gestattet, die
Rückkehr in ihre Dörfer zu beginnen. Internationale
Beobachterwerden unterstützt durch NATO-Überflüge
sicherstellen, daß Präsident Milosevic die eingegangenen Versprechen erfüllt.
In der Zwischenzeit drängen wir die Parteien, eine
politische Lösung zu finden, die die Krise beenden
und den Menschen im Kosovo eine demokratische
Selbstverwaltung bringen würde.
Fünftens und letztens sehen wir uns mit der Herausforderung konfrontiert, weltweit Fortschritte zu Demokratie und der Achtung von Menschenrechten zu
unterstützen.
Manche klammern sich an das falsche Gefühl der
Ordnung, das entsteht, wenn politisch Andersdenkende unterdrückt werden und jeder seinen Platz kennt.
Sie führen die alten Klischees an und sagen: "Nun, die
Freiheit mag an einigen Orten funktionieren, aber die
Menschen in dem oder jenem Land sind noch nicht
bereit; sie wollen die Freiheit nicht wirklich, und sie
brauchen sie auch nicht wirklich."

AMERIKA DIENST 23

Das ist offen gesagt Unfug.
Keine Gesellschaft kann ihr Potential erreichen, wenn
ihre Menschen nicht frei ihre Politiker wählen, ihre
Gedanken veröffentlichen, ihren Gott anbeten und die
Verwirklichung ihrer Träume anstreben können.
Diese Lektion haben wir in diesem Jahrhundert immer
wieder gelernt - von Südafrika bis Südkorea und von
Zentraleuropa bis Zentralamerika. Es ist eine Lektion,
die hoffentlich jetzt in Kambodscha, Indonesien und
Nigeria Anwendung findet. In jedem Land haben die
neuen führenden Politiker eine historische Chance,
ihre Nation in den Schoß demokratischer Nationen
einzuführen. Wenn das ihre Entscheidung ist, werden
die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende
tun, um ihnen zu helfen.
Ferner müssen wir bereit sein, uns für Menschenrechte sowie Religions- und politische Freiheit auszusprechen, ob sie in einem kleinen Land wie Burma oder
einem großen wie China bedroht werden. Und wenn
man uns sagt, wir sollten uns um unsere eigenen
Angelegenheiten kümmern, müssen wir antworten,
daß Menschenrechte unsere eigene Angelegenheit
sind, weil - wie Martin Luther King einst sagte "Ungerechtigkeit, wo immer sie geschieht, überall eine
Bedrohung für die Gerechtigkeit darstellt".
Wir müssen auch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen auf der ganzen Welt anstreben. Ich
nehme an, wenn Sie eine Bluse oder ein Hemd
kaufen, wollen Sie - ebenso wie ich - wissen, ob sie
nicht von Menschen hergestellt wurden, die minderjährig oder Zwang ausgesetzt sind, im Gefängnis
sitzen oder denen das Grundrecht auf Zusammenschluß verweigert wird.
Wir Amerikaner können und werden keine Weltwirtschaft akzeptieren, die den niedrigsten Bieter ohne
Rücksicht auf Maßstäbe belohnt. Wir wollen eine
Zukunft, in der Gewinne aus Schweiß und Inspiration
stammen, nicht aus Ausbeutung.
Wir müssen auch alles in unserer Macht Stehende
tun, um den Status der Frau zu fördern, denn kein
Land kann stark und frei werden, dem die Begabungen der Hälfte seiner Bevölkerung vorenthalten
werden.
In den letzten Jahren haben wir enorme Fortschritte
gemacht. Aber auch heute werden immer noch
weltweit entsetzliche Verbrechen gegen Frauen
begangen. Dazu zählen häusliche Gewalt, Mitgiftmorde, Verstümmelung und erzwungene Prostitution.
Manche behaupten, das alles sei kulturell bedingt und
man könne nichts dagegen tun. Ich sage, es ist
kriminell und wir sind verpflichtet, dem Einhalt zu
gebieten.
Seite 5

�Last but not least müssen die Vereinigten Staaten
weiterhin eine weltweite Führungsrolle bei ihrer
Unterstützung des Internationalen Kriegsverbrechertribunals übernehmen, weil wir der Ansicht sind, daß
die des Völkermords und ethnischer Verbrechen
Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden sollten
und diejenigen, die Vergewaltigung als weitere Taktik
des Krieges betrachten, für ihre Verbrechen zahlen
müssen.
Vor einigen Jahrzehnten schrieb Walter Lippman
inmitten der Spannungen des Kalten Krieges über die
Realitäten seiner Zeit mit Worten, die uns als Warnung dienen mögen.
Trotz aller Gefahren und Sorgen, die sie mit sich
bringt,... könnte sich die Sowjetunion als Segen
erweisen, so Lippmann. Denn wenn unser Einfluß
unbestritten wäre, würden wir uns zweifelsohne
allmählich verschlechtern.
W r würden unsere
großartigen Energien verlieren, weil wir sie nicht
brauchen, und wir würden unseren Mut verlieren, weil
alles so bequem ist. Wir würden den Niedergang
erleben, der in so vielen Gesellschaften zu beobachten war, wenn sie dachten, es sei keine großartige
Arbeit mehr zu leisten. Dann wurde es Nacht um sie,
sie schliefen ein und fingen an zu sterben.
Obwohl Lippman während seiner Laufbahn oft Recht
hatte, bin ich überzeugt, daß er in diesem Punkt
Unrecht hatte.
Denn fast während meines ganzen Lebens hat
Amerika im internationalen System eine führende
Rolle gespielt. Und heute ist dieser Einfluß der
amerikanischen Führungsrolle von den Straßen Sara-

*

Seite 6

jevos bis zu den Dörfern im Nahen Osten, von den
Klassenzimmern Zentralamerikas bis zu den Gerichtssälen Den Haags spürbarer denn je.
Das ist nicht das Ergebnis irgendeiner außenpolitischen Theorie. Es ist ein Spiegelbild des amerikanischen Charakters.
Wir Amerikaner haben einen enormen Vorteil gegenüber vielen anderen Ländern, weil wir wissen, wer wir
sind und was wir glauben. Wir haben ein Ziel. Und
ebenso wie der Glaube des Farmers, daß die Saat
und der Regen das Getreide wachsen lassen, ist es
unser Glaube, daß wir Erfolg haben werden, wenn wir
unseren Prinzipien treu bleiben.
Wir wollen diesem Glauben Ehre erweisen. Während
wir unseren Weg durch eine Ära starker Turbulenzen
und neuer Gefahren suchen, wollen wir der Versuchung von Selbstgefälligkeit widerstehen und statt
dessen dem Beispiel folgen, das uns Außenminister
und General George C. Marshall gegeben hat.
Wir wollen Macher sein. Und indem wir dem Erbe
unserer Vergangenheit gerecht werden, wollen wir
gemeinsam das Versprechen unserer Zukunft erfüllen
- und frei und respektiert, wohlhabend und in Frieden
in das neue Jahrhundert eintreten.
Heute sichere ich Ihnen zu, für diese Aufgabe mein
Bestes zu geben, und bitte Sie respektvoll um Ihre
Unterstützung.
Und ich danke Ihnen nochmals für die Gelegenheit,
heute Nachmittag hier bei Ihnen zu sein.

*

AMERIKA DIENST 23

�USA-EUROPA

18. November 1998

Eine menschliche Dimension
für die transatlantischen Beziehungen
Rede von Botschafter John C. Kornblum

STUTTGART - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinig ten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 2. November 1998 in Stuttgart beim
Transatlantik-Forum gehalten hat.

Vielen Dank für die Einladung, diese Vortragsreihe zu
eröffnen. Es ist mir eine Ehre, der Erste in einer neuen
Tradition der Atlantik-Brücke zu sein.
Diese Veranstaltung heute Abend ist in vieler Hinsicht
ein Symbol unserer Zeit. Ich halte hier eine Rede als
Vertreter einer Regierung unter der Schirmherrschaft
einer Privatorganisation - der Atlantik-Brücke. Wir sind
eine internationale Versammlung. Und wir werden
sehr großzügig von der Bosch GmbH, insbesondere dem Vorsitzenden ihres Aufsichtsrats, Dr.
Marcus Bierich, unterstützt. Vor allem möchte ich den
Mitgliedern und Freunden der Atlantik-Brücke meinen
Dank aussprechen, die so viel unternehmen, um
unsere Gemeinschaft gesund zu erhalten.

nischen Antworten auf aktuelle Fragen vorzulegen.
Aber die Dinge ändern sich so schnell, daß man nie
sicher sein kann, ob meine Empfehlungen noch
gelten, wenn wir zu Hause ankommen.
Aus diesem Grund möchte ich heute Abend einen
umfassenderen Ansatz wählen. Ich möchte über
einige der interessanten neuen Charakteristika des
Zeitalters sprechen, in das wir eingetreten sind.
Insbesondere möchte ich die menschliche Dimension
internationaler Angelegenheiten in den kommenden
Jahrzehnten ansprechen.

Ein neues Zeitalter

Zuerst eine Definition. Was meinen wir mit menschlicher Dimension? Ich habe keine einfache Kategorie.
Sie beinhaltet natürlich die Menschenrechte. Wir
müssen auch dem internationalen humanitären
Gesetz zunehmende Aufmerksamkeit widmen - wie
der Einzelne von seiner Regierung in Zeiten des
Friedens und in Zeiten des Konflikts behandelt wird.
Meine Definition der menschlichen Dimension konzentriert sich jedoch auch auf den demokratischen
Konsens und die Außenpolitik.

Wie Sie wissen, haben sich in letzter Zeit weltweit
viele interessante Dinge ereignet. Das globale Finanzsystem ist in eine Zeit der Instabilität eingetreten. Es
gibt ständige Konflikte auf dem Balkan. Rußland steht
kurz vor dem Bankrott. Im Nahen Osten gibt es neue
Hoffnung für den Frieden. Und ich habe gehört, daß
Deutschland eine neue Regierung hat.

Mit anderen Worten: Wie stellen wir sicher, daß
internationales Verhalten denselben demokratischen
Erwägungen unterworfen ist wie die Innenpolitik? Und
noch wichtiger ist: Wie stellen wir sicher, daß unsere
Bürger sich eine informierte Meinung über die zahlreichen verwirrenden Themen bilden können, mit denen
sie tagtäglich konfrontiert werden?

Angesichts all dieser Neuigkeiten ist die Versuchung
groß, Ihnen eine Liste der bevorzugten amerika-

In der Vergangenheit wäre die Antwort einfach
gewesen. Diplomaten und Politiker hätten einen

Diese Elemente - ein von einer Nichtregierungsorganisation und der Industrie mit der Beteiligung der
Regierung unterstützter internationaler Dialog werden zunehmend zum Rezept für Erfolg in unserer
transatlantischen Welt.

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�politischen Ansatz entwickelt - beispielsweise bei
Rüstungskontrolle oder Handelspolitik. Sie hätten ihn
der Öffentlichkeit vorgelegt, um Unterstützung zu
erhalten. Und sie hatten ihn umgesetzt - egal was
geschehen wäre. Heute wird es immer schwieriger für
die Nationen, ohne Intervention ihrer Gesellschaften
am Anfang anstatt am Ende des Prozesses miteinander umzugehen. Die Außenpolitik hat den Elfenbeinturm verlassen.
Einige Beispiele:
Seit dem Ende des Kalten Krieges wird die
Welt mit zahlreichen Konflikten belastet.
Europa wird diese Belastung nicht erspart.
Wie gehen wir mit solchen blutigen Konflikten
um, insbesondere wenn sie innerhalb eines
Landes stattfinden? Namen wie Bosnien,
Kosovo, Ruanda oder Osttimor definieren
schnell die Größenordnung des Problems.
Das Informationszeitalter bringt zahllose neue
Chancen für den Austausch von Nachrichten,
die Geschäftstätigkeit und die Verbreitung von
Ideen hervor. Wie sollten wir mit Problemen
wie Regulierung, Besteuerung und Sicherheit
umgehen? Wer - wenn überhaupt - sollte die
neuen Instrumente wie das Internet kontrollieren?
Wissenschaft und Technologie tragen neue
Früchte. Die Biotechnologie, Telekommunikation und Genforschung verändern unser
Leben. Wer entscheidet, ob Tiere geklont
werden oder ob gentechnisch veränderte
Pflanzen dazu dienen sollen, die hungernden
Menschen auf der Welt zu ernähren?
Die Bevölkerung der westlichen Welt lebt
länger und wird immer älter. Renten- und
Gesundheitssysteme sehen sich dramatischen neuen Belastungen gegenüber. Einwanderung ist zu einem immer wichtigeren
Faktor im Leben aller Länder geworden.
Welche Auswirkungen hat das?
Jede dieser Fragen hat Auswirkungen, die über
nationale Grenzen hinausgehen. Sie werden durch die
Tatsache verbunden, daß Regierungen nur über
begrenzte Fähigkeiten zu ihrer Beeinflussung verfügen. Die klassische Diplomatie und militärische
Verteidigung sind nicht die entscheidenden Faktoren.
Wenn wir über die Beziehungen zwischen Völkern
sprechen, befassen wir uns zunehmend mit Fragen
von entscheidender sozialer und technologischer
Bedeutung. Wir sprechen über Kultur und die Hoffnungen und Ängste von Generationen. Der Entscheidungsprozeß muß an der Basis beginnen.

Seite 2

Diplomatie und Verteidigung sind immer noch wichtige
Instrumente. Aber offizielle Verträge und Bündnisse
definieren nicht länger die für unsere Gesellschaften
wichtigsten Fragen. Gruppen aus dem Privatsektor
und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) werden
für die Beziehungen zwischen den Völkern immer
wichtiger. Die für die Bewältigung dieser Fragen
erforderlichen Begabungen sind nicht mehr nur in der
Regierung zu finden. Und vor allem kann die Definition
der Probleme nicht länger den Planungsstäben von
Regierungen überlassen werden. Die Grundbedürfnisse unserer Bevölkerungen sind zunehmend
Gegenstand der Beziehungen zwischen Nationen und
Völkern. Das meine ich, wenn ich über die menschliche Dimension der transatlantischen Beziehungen
spreche.
Diese Betrachtungsweise ist vielleicht besonders
amerikanisch. Es gibt viele Menschen in Europa, auch
in Deutschland, die diese These vielleicht nicht so
teilen würden. Beispielsweise ist ein gemeinsames
Vorgehen der Europäer oft von Konsens in den
Ausschüssen der EU abhängig. Wir führen eine
interessante Debatte über den Atlantik hinweg, wie
man gerade die Sicherheit und den Wohlstand
unserer Gesellschaften unter diesen neuen Bedingungen gewährleistet. Die Europäer scheinen immer noch
größeres Gewicht auf die Rolle der Regierung und
den formalen Konsens anstatt einen pragmatischen,
lösungsorientierten Ansatz zu legen.
Über dieses Thema muß ein ständiger Dialog gepflegt
werden. Aus diesem Grund möchte ich die heutige
Veranstaltung dazu nutzen, einen persönlichen
Beitrag zu unseren Bestrebungen zur Definition eines
neuen Rahmens für unsere gegenseitigen Beziehungen zu machen. Wenn wir die von mir eben erwähnten
Probleme erfolgreich angehen wollen, müssen wir
Verständnis für die Beziehungen zwischen sogenannten internationalen Fragen und den grundlegenden
menschlichen Interessen unserer Völker wecken.
Die Ermutigung der Beteiligung der Öffentlichkeit
Langfristig wird "Außenpolitik" im traditionellen Sinne
nicht mehr die Unterstützung unserer Bevölkerungen
und Parlamente genießen, wenn sie nicht relevanter
für deren Anliegen wird. Außenministerin Albright
unterstrich diese Tatsache bei ihrem Amtsantritt. Sie
bezeichnete die Beteiligung der Öffentlichkeit an der
Außenpolitik als eines ihrer obersten Ziele.
Das gilt insbesondere für die transatlantischen
Beziehungen. Während der Kalte Krieg immer mehr
Geschichte wird, mache ich mir Sorgen über die
fortgesetzte Konzentration unserer Diskussionen auf
Fragen der Vergangenheit. Wir sprechen immer noch
über den Aufbau von Verständnis zwischen offiziellen
Institutionen zu einer Zeit, in der die Gesellschaften

AMERIKA DIENST 23

�schon viel weiter sind. Wir sprechen über den Erhalt
von Kontakten zwischen Europa und Amerika, als ob
wir eine Wahl hätten. Wir debattieren weiterhin über
verschiedene Ansätze gegenüber Drittländern in der
Diplomatensprache des 19. Jahrhunderts, anstatt die
Auswirkungen dieser Entscheidungen auf unsere
Völker zu prüfen. Wir bauen weiterhin diplomatische
Strukturen, die genau die Menschen ausschließen, die
drängende Problem angehen könnten.
Das heißt nicht, daß Dialog nicht wesentlich wäre.
Tatsächlich ist er noch wichtiger als vor zehn Jahren.
Das heißt auch nicht, daß es keine Unterschiede in
Bezug auf Geschichte, Größe und Bewußtsein von
Nationen und Völkern gibt. Aber die Linien, die diese
Unterschiede markieren, verlaufen nur sehr selten
durch den Atlantik hindurch. Die Unterschiede im
Ansatz der europäischen Nationen sind genauso groß
wie die zwischen Amerika und Europa. Mit anderen
Worten: Wir haben die sogenannten "auswärtigen
Beziehungen" bereits hinter uns gelassen. Wir sind
auf eine Art "atlantische Innenpolitik" übergegangen,
bei der spezifische soziale und wirtschaftliche Fragen
oft offizielle Grenzen und nationale Politik überschreiten.
Privatinitiativen sind jetzt der Motor der Beziehungen
zwischen einzelnen Völkern. Sie halten die atlantische
Gemeinschaft zusammen. Das heißt, die freie Bahn
der Kräfte und Ideen. Das heißt auch, eine Mischung
aus Regierungs- und Privatinitiativen. Diese neue
Synthese bietet die einzige Möglichkeit, zukünftigen
Entwicklungen gerecht zu werden.
Das gilt nicht nur für das Ende des Kalten Krieges,
sondern auch für die geradezu revolutionären Entwicklungen in Wirtschaft und Technologie, die weltweiten Kapitaltransfers, vielerlei moderne Einflüsse,
die explosionsartige Entwicklung der Kommunikation
und natürlich die rasche Unabhängigkeit so vieler
neuer Staaten und den Beitritt von zahlreichen
Staaten, Regionen und Völkern mit unterschiedlichen
Interessen und Zielen zur internationalen Staatengemeinschaft. Wir erleben die weltweite Öffnung.
Hier in Stuttgart sehen wir Beispiele der Art und
Weise, in der man in Zukunft die Dinge tun wird.
Amerikanische Firmen wie IBM und Hewlett Packard
sind Teil eines riesigen und wachsenden Spektrums
von Firmen mit eher globaler als regionaler Orientierung. Daimler-Chrysler ist ein Symbol einer neuen
Ära. Der Holzbrinck-Verlag demonstriert, daß kulturelle Differenzen kein Hindernis für globale Reichweite
sind.
Wir beobachten zunehmend, wie industrielle und
wirtschaftliche Inhalte an die Stelle der Politik treten.
Beispielsweise debattieren Politiker zwar über die
Identität Deutschlands nach dem Ende des Kalten

AMERIKA DIENST 23

Krieges, der Privatsektor befaßt sich jedoch zunehmend auf eine Weise mit Vertrauen und Verantwortung, die wir alle bewundern sollten.
Die Atlantik-Brücke hat letzten Monat ein ausgezeichnetes Beispiel für diese neue Art von Dialog gegeben.
Sie unterstützte eine Reise von Regierungsmitgliedern, Vertretern der Wirtschaft und des Bundestags in die Gebiete der Vereinigten Staaten, die für
deutsche Investitionen am wichtigsten sind. Sie
befaßten sich auf der Grundlage gemeinsamer
Interessen mit gemeinsamen Belangen. Das ist
atlantische Innenpolitik von ihrer besten Seite.
Öffentlich-private Partnerschaften rufen bei den
Menschen ein Gefühl des empowerment hervor. Sie
bewirken das Gefühl, man sei nicht nur ein passiver
Empfänger der Außen- oder Sicherheitspolitik ode rein
Objekt der internationalen Politik, sondern vielmehr
Teil dieses Prozesses, Politik zu machen. Und für die
Zukunft Europas kann ich nicht oft genug und stark
genug unterstreichen, wie wichtig dieses Gefühl von
empowerment sein wird.
Die jüngere Geschichte unterstreicht das. Wenn man
wie ich einige Jahre in Bosnien war, sieht man leider,
wie stark und wie zerstörend das Gefühl sein kann,
ein Opfer zu sein. Victimization nennen wir das auf
Englisch. Dieses Gefühl, daß man machtlos ist, daß
man seine eigene Zukunft nicht bestimmen kann, ist
leider im Moment eines der stärksten Gefühle in
gewissen Teilen der Welt.
Wenn wir in Zukunft eine stabile Gemeinschaft über
den Atlantik und auch über Europa hinweg aufbauen
wollen, dann müssen wir dieses Gefühl von empowerment ausweiten. Nicht nur Amerika oder Deutschland
oder England oder Frankreich sollten das Gefühl
verantwortlicher Beteiligung bekommen. Auch Menschen, Einzelpersonen in Teilen der Welt wie dem
Balkan oder dem Kaukasus oder Zentralasien können
ihre derzeitigen Konflikte lösen, wenn sie daran
glauben, daß sie ihr Schicksal selbst in die Hand
nehmen und konstruktiv etwas an ihrer Zukunft tun
können.
Das mag abstrakt klingen, aber dieses Verantwortungsgefühl ist mit uns umgebenden greifbaren
Dingen verbunden. Die wiederholten Forderungen
nach einer "gleichberechtigteren" atlantischen Partnerschaft zeigen, daß dieses Problem auch unter engen
Verbündeten existiert.
Hier in Deutschland passen sich die Vereinigten
Staaten an diese neue Situation an. Wir sprechen
selten über den Aufbau "guter Beziehungen" zu
Deutschland. Sie existieren bereits. Mißverständnisse
entstehen, wenn "Freundschaft" keine Ergebnisse zu
zeitigen scheint.

Seite 3

�Unser Ziel ist die Aufstellung einer gemeinsamen
Agenda, bei der sich jede Seite für den Schutz der
gemeinsamen Interessen verantwortlich fühlt. Unsere
Botschaft wird neu strukturiert, unsere Methoden
werden modernisiert.

Kommunikationszentren zu prüfen. Sie können Ihre
Kräfte bündeln, um Regierungen zu ermutigen,
bestimmte Themen schneller zu bearbeiten oder ihnen
überhaupt erst einmal Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Aufbau einer neuen Friedensdisziplin

Vor allem unternehmen wir Bestrebungen zur Entwicklung gemeinsamer Visionen und gegenseitiger
Lösungen. Eine Institution, die in den letzten 50
Jahren eine sehr wichtige, nicht zu unterschätzende
Rolle gespielt hat, sind die Amerika Häuser. Amerikanische Kulturzentren haben für die Entwicklung im
Nachkriegsdeutschland eine maßgebliche Rolle
gespielt. Aber in der modernen Zeit ist es nicht mehr
sinnvoll, daß Amerika Häuser über die amerikanische
Kultur informieren. Es ist nicht mehr notwendig, einem
vom Krieg zerrütteten Deutschland modernes Leben
und Demokratie beizubringen.
Was wir brauchen, sind Kommunikationszentren, in
denen Deutschland und Amerika Begegnungen
organisieren können. Kommunikationszentren, in
denen neue Ideen ausprobiert werden und Deutsche
und Amerikaner das Gefühl haben, daß sie etwas
Gemeinsames aufbauen. Das ist der Nutzen der
Zusammenkunft heute Abend. Das Byrnes Center in
Stuttgart war eines der ersten Beispiele für dieses
neue Modell. Amerika
Häuser werden in
deutsch-amerikanische Zentren umorganisiert.
Ich brauche nicht zu verhehlen, daß das natürlich
bedeutet, daß es nicht mehr so viele direkte amerikanische Regierungsgelder geben wird. Wir werden
sehen, ob diese Institutionen auf der Basis von
Privatinitiativen eine neue Rolle finden oder nicht.
Amerikaner sind der Auffassung, daß die bloße
Tatsache des Beitrags zu einer solchen Institution ein
Gefühl der Identität mit ihr aufbaut. Ich freue
mich, sagen zu können, daß dem Erfolg in Stuttgart
ähnliche positive Erfahrungen in München und
Hamburg gefolgt sind. Ich möchte alle hier Anwesenden auffordern, sich an der Arbeit dieser neuen
Institutionen zu beteiligen.
Initiativen wie das Transatlantik-Forum heute Abend
sind ein perfektes Beispiel für diese neue Art von
Dialog. Sie tragen dazu bei, eine Grundlage für das
Engagement von Einzelpersonen für die wichtigsten
transatlantischen Themen zu schaffen. Und wenn der
Privatsektor und Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten, passiert zweierlei: Menschen setzen
sich persönlich für die Ergebnisse ein. Im Verlauf des
Prozesses engagieren sie sich effektiv für den Aufbau
einer bestimmten Art von Gesellschaft, sei es innerhalb ihrer Länder oder untereinander.
Dieser Punkt verdient besondere Beachtung. Er bietet
eine Gelegenheit, die Chancen für Privatinitiativen und

Seite 4

Die Beteiligung an einem solchen Dialog unterstützt
eines der wichtigsten Ziele dieses neuen Zeitalters. Es
ist die Erweiterung der Wertegemeinschaft, die die
transatlantische Welt das letzte halbe Jahrhundert
zusammengehalten hat. Auf lange Sicht ist die
Entwicklung dieser Art von empowerment der einzige
Weg, um die Grundlage für einen dauerhaften Weltfrieden zu schaffen.
Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist der
Irak. Wir erleben einen sich wiederholenden Konflikt
mit einem Land, das moderne demokratische Werte
nicht akzeptieren möchte. Der Irak besitzt die Fähigkeit, Teile des Nahen Ostens bis hin zur Türkei oder
sogar Griechenland mit chemischen und biologischen
Waffen zu bedrohen. Anfang dieses Jahres gab es
eine Konfrontation, und es gab in der westlichen Welt
auch eine sehr heftige Diskussion, ob so genannte
diplomatische Mittel die einzig verfügbaren waren.
Die Vereinigten Staaten sprachen sich für eine
Kombination diplomatischer und militärischer Mittel
aus. Wir haben beträchtliche militärische Anstrengungen dafür unternommen. Bedauerlicherweise schienen viele unserer Verbündeten über den möglichen
Einsatz von Gewalt besorgter zu sein als über die
durch die Krise entstandene Gefahr. Unsere Bestrebungen, Frieden herbeizuführen, wurden durch unsere
Unfähigkeit geschwächt, unsere Ziele klar zu definieren.
Vor allem in so komplexen Krisen wie dieser ist es für
den normalen Bürger wichtig, in der Lage zu sein,
Vorgänge zu verstehen und sich eine Meinung zu
bilden. Wenn wir unsere Bestrebungen nicht mit
mündigen Bürgern durchführen, die ein Gefühl für
Werte haben, werden unsere Maßnahmen auf bloße
Bemühungen zur Vermeidung von Konflikten reduziert.
Um erfolgreich mit einem Saddam Hussein oder
einem Slobodan Milosevic umzugehen, müssen wir
wissen, wer wir sind und für was wir eintreten. Werte
sind kompliziert und häufig schwer zu definieren. Nur
mit konstanter Überprüfung durch demokratische
Völker und den Dialog unter ihnen können wir uns
über den vor uns liegenden Weg sicher sein.
Aber während wir die uns zur Verfügung stehenden
Mittel erwägen, sind wir mit einer Dichotomie konfrontiert. Einerseits haben unsere Nationen mehr
Chancen zum Aufbau dieser demokratischen Verfas-

AMERIKA DIENST 23

�sung für die Welt - eines demokratischen Friedens als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Andererseits scheint es, daß die neuen zahlreichen
Herausforderungen oft nicht zu bewältigen und
manchmal sogar nicht zu definieren sind.
Die Bedeutung von Versammlungen wie dieser wird
noch offensichtlicher, wenn man die Vielfalt der uns
konfrontierenden Fragen hört:
Wie gehen wir mit Konflikten oder den humanitären Konsequenzen von Krieg und Konfrontation um?
Welche Rolle haben die Konzepte von nationaler Souveränität oder militärischer Sicherheit, wenn nationale Grenzen immer
mehr an Bedeutung verlieren?
Wie legitim ist die Verteidigung der nationalen
Kultur oder Religion als Ursache für militärische Aktionen? Was sind die neuen Methoden für den Umgang mit internationalen
Konflikten?
Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges
müssen wir mit der Definition der Standards beginnen,
die uns bei der Suche nach Antworten auf diese
Fragen behilflich sein können. Wenn es uns mit dem
Aufbau einer demokratischen Basis für Frieden auf
der Welt ernst ist, müssen wir sicherstellen, daß die
Prinzipien der Demokratie gut verstanden werden. Wir
müssen Leitlinien definieren, die einem mündigen
internationalen Bürger behilflich sind, ebenso wie
unsere Gesetze und Verfassungen uns bei informierten Entscheidungen zur Unterstützung der Demokratie
im Inland behilflich sind.
Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Herausforderungen. W r sind am Beginn einer neuen Friedensdisziplin, die die Instrumente der traditionellen
Diplomatie mit Standards von Demokratie und freien
Marktwirtschaften kombiniert.
Eine solche Schlußfolgerung mag unrealistisch
klingen. Humanitäre Anliegen wurden gewöhnlich in
den Bereich der Gesundheitsfürsorge oder Katastrophenhilfe verwiesen. Aber seit einiger Zeit ändern sich
die Einstellungen. Vor 25 Jahren, als die Schlußakte
von Helsinki unterzeichnet wurde, weigerten sich viele
Länder, Menschenrechte als legitimes Thema der
internationalen Beziehungen anzuerkennen.
Jetzt steht die Frage der Werte häufig im Zentrum
unserer Sicherheitspolitik. Das ist eine sachliche,
realistische
Art,
Sicherheitsherausforderungen
anzugehen. Wie können wir beispielsweise ohne eine
Reihe von Standards entscheiden, wie wir auf eine
Krise wie die im Kosovo reagieren sollen? Serbische

AMERIKA DIENST 23

Militäraktionen sind zur Verteidigung der nationalen
Souveränität, der Menschen- und kulturellen Rechte
der serbischen Einwohner gerechtfertigt. Unsere
Werte sagen uns, daß Ziele, die durch Gewalt erlangt
werden müssen, den Test unserer Menschenrechte
nicht bestehen.
Das ist nicht nur eine abstrakte Erwägung. Erinnern
Sie sich an die Debatte, ob der Einsatz von Gewalt
durch die NATO auch ohne ein UN-Mandat rechtmäßig ist. Wenn einige Länder ein solches Mandat
verweigern möchten, müssen wir entscheiden,
welches der moralische Kurs ist, zuzulassen, daß
rechtliche Strategien uns blockieren, oder unsere
Stärke und Einheit zur Vermeidung einer humanitären
Tragödie zu nutzen? Letztlich hat die NATO die
richtige Entscheidung getroffen, aber die Debatte wird
andauern. Ich bin sicher, am Ende gelangen wir zu
der Schlußfolgerung, daß Freiheit nicht teilbar ist.
Eine Agenda für die Zukunft
Das Verständnis der neuen Dynamik der atlantischen
und internationalen Beziehungen ist nur der erste
Schritt. Die Analyse der Veränderungen muß in eine
Agenda für Aktionen umgesetzt werden. Herkömmliche Arten, Geschäfte zu tätigen, müssen sorgfältig
auf ihre Bedeutung für neue Betrachtungsweisen
überprüft werden. Vor allem wird es wichtig sein zu
entscheiden, welche Faktoren für die Zukunft wirklich
von Bedeutung sind.
Was die deutsch-amerikanischen Beziehungen
anbetrifft, müssen wir hart arbeiten, um neue Mittel zur
Definition der Gesundheit unserer Partnerschaft zu
finden. Häufig sind wir noch immer mit Konzepten der
Vergangenheit belastet. Die Deutschen fragen, ob die
Vereinigten Staaten Deutschland und Europa noch als
wichtig erachten, oder ob unser Interesse jetzt Asien
gilt.
Die Amerikaner wiederum fragen sich, ob Deutschland
die Vergangenheit ablegt und dem Einfluß gerecht
wird, den es gewonnen hat.
Jedes dieser Beispiele wirft die falsche Frage auf. Seit
langem fragen wir uns nicht mehr, ob wir füreinander
Bedeutung haben oder nicht. Unsere Interessen sind
so eng miteinander verbunden, daß wir nie daran
zweifeln, ob wir Teil der gleichen Gemeinschaft sind.
In den kommenden Jahren werden wir den Wert
unserer Gemeinschaft durch ihre Ergebnisse beweisen. Insbesondere durch ihre Fähigkeit, die durch
den demokratischen Prozeß definierten Bedürfnisse
unserer Bürger zu erfüllen. Das sind wiederum die
humanitären Anliegen der Außenpolitik. Ebenso wie
die großen Konfrontationen des 20. Jahrhunderts
Geschichte geworden sind, wird die Stärke der

Seite 5

�atlantischen Partnerschaft durch ihre Erfolge bei der
Bewältigung der Herausforderungen für den Frieden
und das Wohlergehen unserer Bürger bestimmt.

Charakter haben wie die Gesundheitsfürsorge,
berufliche Ausbildung oder die Rentenreform. Sie
beinhaltet aber auch Themen wie die globale Erwärmung, Telekommunikation, und sogar den Eisenbahnverkehr.

Und ebenso wird die so häufig auf beiden Seiten des
Atlantiks gestellte Frage der sogenannten "gleichberechtigten Partnerschaft" durch Taten bestimmt, nicht
durch Worte. Noch so viele Erklärungen werden kein
gemeinsames Verantwortungsgefühl hervorbringen,
wenn wir nicht bei der Bewältigung von Herausforderungen wie den durch das neue Informationszeitalter, die Biotechnologie oder die Krise im Kosovo
entstandenen Erfolg haben.

Die herkömmlich Art, Geschäfte zu erledigen, wäre,
offizielle Regierungspositionen in die Form diplomatischer Demarchen zu kleiden. Aber in vielen Fällen gibt
es keine offiziellen Positionen. Statt dessen besteht
die große Notwendigkeit auf beiden Seiten des
Atlantiks, zu verstehen und zu verdauen. Dabei
spielen unsere umgestalteten Informationszentren
eine Rolle. Die New Traditions-Konferenz und das
daraus hervorgegangene New Traditions Network in
Berlin sind von zentraler Bedeutung für unsere
Bestrebungen.

Wir müssen unsere Fähigkeit für den Umgang miteinander auf der Grundlage eines offenen Gebens und
Nehmens verbessern, das unsere Diskussionen im
Inland charakterisiert. Die Annahme eines solchen
offenen Dialogs macht das Wesen der atlantischen
Innenpolitik aus.

Mit anderen Worten ist unser Ziel nicht der Aufbau
transatlantischer Beziehungen, sondern die Verbesserung unserer Mittel, Geschäfte in dem bestehenden Rahmen zu tätigen. Wenn wir uns auf die Arbeit
statt auf die Strukturen konzentrieren, können wir nicht
scheitern. Die Menschen für einen gemeinsamen
Zweck zusammenzubringen, ist die wirkliche Substanz einer menschlichen Dimension für die transatlantischen Beziehungen.

Aber während sich unser Dialog verbessert, müssen
wir auch lernen, seinen Inhalt zu erweitern. Die USMission in Deutschland versucht, dies durch die
Definition einer Tagesordnung wichtiger Themen
zu tun, mit denen wir uns gemeinsam befassen
können. Dazu zählen Themen, die traditionell internen

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 23

�WIRTSCHAFT

18. November 1998

Der Handel mit Emissionszertifikaten ist gut
für die Weltwirtschaft und die Umwelt
von Carol Browner und Stuart Eizenstat

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel der Leiterin des US-Umweltschutzamts, Carol Browner, und
des Staatssekretärs für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium, Stuart Eizenstat. Der Artikel erschien erstmals in The Financial Times, London Edition, vom
28. Oktober 1998. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Financial Times.

Am 2. November 1998 werden sich die Vertragsparteien des im Dezember vergangenen Jahres in
Kyoto erzielten Abkommens über den globalen
Klimawandel in Buenos Aires versammeln, um die
harte Arbeit aufzunehmen, die leeren Stellen in
diesem historischen Abkommen zu füllen. Aber eine
Kontroverse über die Umsetzung der im vergangenen
Jahr ausgehandelten entscheidenden marktgestützten
Bestimmungen droht, die kontinuierlichen Fortschritte
zu stören, die jedermanns Ziel sein sollten.
Das Protokoll von Kyoto setzt ehrgeizige Ziele für
Industrienationen zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen fest, die der Ansicht zahlreicher
Wissenschaftler zufolge höhere Temperaturen
verursachen und die Klimamuster der Welt stören.
Der Erhalt eines stabilen und freundlichen Klimas
erfordert eine nachhaltige Verpflichtung zur allmählichen Verringerung der Emissionen. Aus diesem
Grund ist es so wichtig, sich gleich von Anfang an
darauf zu konzentrieren, wie die Länder mit möglichst
geringen Kosten ihre Ziele erreichen können.

sionszertifikaten erlaubt. Ohne diese Flexibilität wäre
es einfach nicht möglich gewesen, so ehrgeizige Ziele
wie die von uns in Kyoto vereinbarten aufzunehmen.
Bedauerlicherweise lehnen viele Länder und Organisationen, die sich am leidenschaftlichsten für die
Lösung des Klimaproblems einsetzen, unserer Ansicht
nach fälschlicherweise ein System handelbarer
Emissionszertifikate ab oder sind entschlossen, ihm
kontraproduktive Restriktionen aufzuerlegen. Wenn
diese Sichtweise Erfolg hat, werden sich die Kosten
für den Schutz unserer Umwelt dramatisch erhöhen
und die Fähigkeit vieler Länder gefährden, Fortschritte
mit dem Protokoll zu erzielen.

Der Emissionshandel ist der Schlüssel zu starken
Emissionszielen, weil er die umfassendsten Treibhausgasreduzierungen für jeden verfügbaren Dollar,
jede Mark, jedes Pfund, jeden Franc oder Yen ermöglicht. In dem Programm der Vereinigten Staaten
für den Handel mit Zertifikaten für sauren Regen muß
jeder Verursacher ein Zertifikat für jede Tonne Schwefeldioxid haben, die er ausstößt. Für einige VerDiese Verbindung zwischen Umweltzielen und ursacher sind die Kosten der Verringerung einer
Tonne von Emissionen sehr viel höher als für andere.
kostengünstiger Umsetzung war für den Erfolg der
Verhandlungen von Kyoto von entscheidender
Diejenigen, die den billigsten Weg zur Verringerung
Bedeutung. In dem Protokoll vereinbarten die Parder Emissionen finden, werden sichtbar belohnt, weil
teien, daß die Länder ihre Ziele durch eine Kombinasie jedes Zertifikat, das sie nicht benötigen, an andere
tion von nationalen und internationalen Aktionen
verkaufen können, die sich mit höheren Kosten
erreichen können, darunter den "Handel mit Emiskonfrontiert sehen.
sionszertifikaten". Das ist ein Marktmechanismus, der
kostengünstige Reduzierungen fördert, indem er den
Die Ergebnisse sprechen für sich. In den Vereinigten
Ländern oder Unternehmen den Handel mit EmisStaaten werden die sauren Regen verursachenden

AMERIKA DIENST 23

Seite 1

�Emissionen vorzeitig zu 50 Prozent der erwarteten
Kosten verringert und machen die Luft für Millionen
von Amerikanern sauberer.
Wirtschaftswissenschaftler jeglicher Couleur stimmen zu, daß die
Kosten der Verringerung von Treibhausgasemissionen
für alle Länder - nicht nur die Vereinigten Staaten - mit
einem effizienten System handelbarer Emissionszertifikate drastisch niedriger sein werden. Allein
innerhalb der Europäischen Union sind Analysten des
europäischen Privatsektors zufolge Messungen zur
Kontrolle der Treibhausgase in manchen Ländern bis
zu sechsmal teurer als in anderen. Diese Kostenunterschiede sind noch größer, wenn man sich alle
Industrienationen betrachtet, und sogar noch größer
zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Der
Handel bietet gute Anreize, indem er dort Reduzierungen ermutigt, wo sie mit den niedrigsten Kosten erzielt
werden können.
Natürlich ist der Handel mit Emissionszertifikaten kein
Ersatz für eine aggressive nationale Verpflichtung zur
Kontrolle von Treibhausgasen. Er stellt lediglich ein
Instrument für die Erfüllung einer solchen Verpflichtung dar. Die Vereinigten Staaten haben seit 1993 ein Jahr nachdem sie den ursprünglichen Vertrag über
Klimawandel unterzeichneten - nahezu 50 Programme
zur Reduzierung ihrer Emissionen und Verbesserung ihrer Energieeffizienz in die Wege geleitet. Im
Oktober vergangenen Jahres schlug Präsident Bill
Clinton maßgebliche weitere Schritte vor, darunter 6,3
Milliarden Dollar an Steueranreizen über 5 Jahre
sowie Forschungs- und Entwicklungsprogramme zur
Verringerung der Kohlendioxidemissionen durch
erhöhte Energieeffizienz und erneuerbare Energien
und zur Reduzierung der anderen Treibhausgase. In
der kürzlich beendeten Haushaltsdebatte garantierte
der Präsident eine 25-prozentige Aufstockung der
Investitionen in den Klimawandel gegenüber dem
letzten Jahr.
Die Vereinigten Staaten planen auch eine Umstrukturierung ihrer Elektroindustrie, um Marktanreize für
erneuerbare Energien und erhöhte Energieeffizienz zu
bieten. Vorgesehen sind ferner Konsultationen mit der
Industrie zur Entwicklung von Plänen für einzelne
Branchen zur Verringerung ihrer Emissionen, ein
aggressiver Plan zur Verbesserung der Energienutzung und -beschaffung durch die Bundesregierung
und schließlich nach der Ratifizierung des Protokolls
von Kyoto durch die Vereinigten Staaten ein Programm für den Handel mit Emissionszertifikaten auf
der Grundlage unserer Erfahrungen mit saurem
Regen.

*

Seite 2

*

Wir sind uns bewußt, daß viele Menschen sich fragen,
wie der Handel mit Emissionszertifikaten international
funktionieren könnte. Manche machen sich Sorgen
über die Schwächen nationaler und internationaler
Institutionen bei der Messung von Emissionen und der
Gewährleistung der Einhaltung der Bestimmungen.
Aus diesem Grund haben sich die Vereinigten Staaten
zum Aufbau eines internationalen Handelssystems
von höchster Integrität mit starken Anreizen zur
Einhaltung verpflichtet.
Tatsächlich arbeiten die
Vereinigten Staaten bereits mit mehreren Industrieund Entwicklungsländern zusammen, um deren
Fähigkeiten zur Messung von Emissionen und zur
Teilnahme an einem Emissionshandelssystem mit
hohen Standards zu verbessern.
Andere haben sich für Obergrenzen ausgesprochen,
wie viele der in Kyoto vereinbarten Ziele eine Nation
durch den internationalen Handel mit Emissionszertifikaten erreichen darf. Diese Idee hat große
Mängel. Beschränkungen des Handels würden die
administrativen Kosten stark erhöhen, wären schwierig umzusetzen und würden es allgemein viel teuerer
machen, den Klimawandel zu bekämpfen.
Tatsächlich wären die negativen Auswirkungen in
Europa noch größer als in den Vereinigten Staaten:
Die derzeit von einigen Regierungen vorgeschlagenen
Beschränkungen könnten den Preis für erlaubte
Kohlendioxidemissionen in den Vereinigten Staaten
verdoppeln und in der EU sogar verdreifachen - ohne
irgendwelche Verringerungen bei den weltweiten
Treibhausgasemissionen über die in Kyoto gesteckten
Ziele hinaus zu erreichen. Eine Beschränkung des
Handels mit Emissionszertifikaten wird dazu führen,
daß jegliche Emissionsverringerung mehr kostet. Es
ist wenig sinnvoll, Ressourcen in Zeiten unsicherer
Wachstumsaussichten in der Weltwirtschaft zu
verschwenden oder das Potential des Emissionshandels für die Ankurbelung von Investitionen und
Innovationen sowie die Schaffung von Arbeitsplätzen
zu beschränken.
Wir schulden es zukünftigen Generationen, sie vor
den schädlichen Auswirkungen des Klimawandels zu
schützen. Aus diesem Grund baut Buenos Aires auf
dem in Kyoto Erreichten auf. Der beste Weg zum
Schutz der Umwelt besteht darin, die richtigen wirtschaftlichen Anreize zu geben und dadurch möglichst
schnell einen möglichst einschneidenden Abbau zu
möglichst geringen Kosten zu erzielen. W r wollen
zusammenarbeiten, das Richtige tun und uns um
Umwelt und Weltwirtschaft gleichermaßen kümmern.

*

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AMERIKA DIENST 23

�LANDWIRTSCHAFT

18. November 1998

Wiederaufnahme der multilateralen
Agrarverhandlungen
Rede von Botschafter Scher

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Sonderbotschafter für
Landwirtschaft, Peter L. Scher, am 29. Oktober 1998 vor dem Bundesverband des deutschen Groß- und
Außenhandels gehalten hat.

Ich möchte die amerikanische Perspektive zur
Wiederaufnahme der multilateralen Agrarverhandlungen, die im nächsten Jahr erfolgt, und zu den
Bestrebungen Europas zur Reform seiner Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) - besser bekannt als
Agenda 2000 - darlegen. Das sind äußerst wichtige
Themen, insbesondere für Deutschland, dessen
bevorstehende EU-Präsidentschaft absolut entscheidend sein wird. Das erfolgreiche Ergebnis jeder
einzelnen dieser Bestrebungen hängt vom Erfolg der
jeweils anderen ab. Es ist sehr schwierig, sich ein
positives Ergebnis der Verhandlungsrunde 1999
vorzustellen ohne den Erfolg der Agenda 2000 und
vice versa.
Ich möchte mit einem Argument beginnen, das viele
schwer anzunehmen finden. Das Argument lautet,
daß die Landwirte in Europa und in den Vereinigten
Staaten gleichermaßen Interesse an weiteren Handelsreformen als Ergebnis der Verhandlungen im Jahr
1999 und an substantiellen Reformen der GAP im
Rahmen der Agenda 2000 haben.
Die Landwirte in den Vereinigten Staaten und in
Europa produzieren für etablierte Binnenmärkte mit
wenig Wachstumspotential.
Unsere jeweiligen
Bevölkerungen machen nur einen kleinen Teil der
Verbraucher weltweit aus. Beispielsweise leben 96
Prozent der Verbraucher weltweit außerhalb der
Vereinigten Staaten. Obwohl der Prozentsatz für
Verbraucher außerhalb der EU etwas geringer ist,
bleibt die Tatsache bestehen, daß über 90 Prozent der
landwirtschaftliche Produkte kaufenden Verbraucher

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für die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
ausländische Verbraucher sind.
Die Welt wächst immer noch und nimmt jedes Jahr um
weitere 100 Millionen Menschen zu, und die Macht der
aufsteigenden Mittelschichten, Verbraucher mit
höheren Einkommen und den Mitteln zur Verlagerung
ihrer Konsummuster sind zur entscheidenden Triebkraft für die Märkte geworden.
In Indien wird es beispielsweise bis zum Jahr 2005
115 Millionen neue Angehörige der Mittelschicht
geben. In China, der wahrscheinlich am schnellsten
wachsenden Volkwirtschaft der Welt, wird es bis zum
Jahr 2005 196 Millionen neue Angehörige der Mittelschicht geben. Diese Verbraucher sind Kunden und
verkörpern einen boomenden potentiellen Markt für
Agrarprodukte.
Als der Kongreß vor zwei Jahren das bahnbrechende
Gesetz über Freiheit für die Landwirtschaft verabschiedete, trugen die Abgeordneten der Tatsache
Rechnung, daß die traditionelle amerikanische
Landwirtschaftspolitik einer Bindung staatlicher
Unterstützung an die Produktion und die Einführung
einer unbefristeten Verpflichtung zu staatlicher
Unterstützung die Märkte verzerrte. In der Debatte
über die Agenda 2000 sehe ich Parallelen - insbesondere im Kontext der Erweiterung der Europäischen Union um die osteuropäischen Länder - die
viele Politiker in Europa zwingen, die Notwendigkeit,
wenn nicht sogar die Unvermeidbarkeit substantieller
marktorientierter Reformen der GAP in Frage zu
stellen.

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�I

Der Schlüssel zur Wiederherstellung der Einkommen in der Landwirtschaft auf beiden Seiten des
Atlantiks sind nicht Handelshemmnisse und andere
handelsverzerrende Maßnahmen, die versuchen, die
Kosten landwirtschaftlicher Subventionen auf andere
Länder zu verlagern, sondern Zusammenarbeit, um
Zugang zu ausländischen Märkten zu erlangen.
Vorteile für die amerikanische Landwirtschaft
durch die globale Wirtschaft
Ich möchte an dieser Stelle kurz hervorheben, daß die
Forderungen der Vereinigten Staaten nach einer GAPReform und weiteren Agrarhandelsreformen nicht ein
Washingtoner Phänomen sind, sondern die grundlegende Erkenntnis der Bedeutung von Handel unter
amerikanischen Landwirten widerspiegeln.
Ich
komme regelmäßig mit amerikanischen Landwirten großer und kleiner Betriebe - zusammen, die ziemlich
hartnäckig Informationen über die von uns bei der
Öffnung ausländischer Märkte erzielten Erfolge haben
möchten.
Das ist der Fall, weil es keinen anderen Sektor der
amerikanischen Wrtschaft gibt, in dem die Verbindung
zwischen Handel und Wohlstand klarer ist als in der
Landwirtschaft. Die amerikanischen Landwirte und
Viehzüchter sind doppelt so abhängig vom Außenhandel wie die amerikanische Volkswirtschaft insgesamt, wobei die Exporte schätzungsweise 30
Prozent der Bruttoeinnahmen in Bargeld ausmachen.
Insgesamt ist jeder dritte Hektar der amerikanischen
landwirtschaftlichen Betriebe dem Export vorbehalten.
Nothilfe für die amerikanischen Landwirte
Ich weiß, daß viele von Ihnen an diesem Punkt
denken, Amerika sei nur an Marktreformen interessiert, wenn die Preise und Exporte hoch sind.
Wenn die Preise oder Exporte nachgeben, würden die
Vereinigten Staaten schnell dem Gesetz über Freiheit
für die Landwirtschaft den Rücken kehren und wieder
auf Subventionen zurückgreifen.
Ich muß ganz
entschieden sagen, daß das schlicht und einfach nicht
wahr ist.
Die Genehmigung von 6 Milliarden Dollar durch den
Kongreß als Nothilfe für die amerikanische Landwirtschaft stellt keinen Rückzug von den marktorientierten
Reformen des Gesetzes über Freiheit für die Landwirtschaft dar. Vielmehr reagieren die Administration und
der Kongreß von Fall zu Fall auf einen drastischen
Rückgang der landwirtschaftlichen Einkommen durch
verringerte Exporte aufgrund der asiatischen Finanzkrise und einer Reihe von Naturkatastrophen im
Inland. Die Hilfe steht voll und ganz im Einklang mit
unseren Verpflichtungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) und wird die internationalen
Märkte nicht verzerren. Ich möchte Ihnen kurz ei-

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ne Übersicht über die Komponenten des Hilfspakets
geben:
Ein ganzes Drittel des Hilfspakets (2,4 Milliarden Dollar) werden die Landwirte für Ernteverluste aufgrund von Katastrophen im Jahr
1998 und den vorherigen Jahren entschädigen.
Den Landwirten wird einmalig eine 50-prozentige Aufstockung der jährlichen Zahlungen im
Rahmen des Gesetzes über Freiheit für die
Landwirtschaft (3,1 Milliarden Dollar) zugesagt. Die Erhöhung der Zahlungen soll den
Landwirten beim Ausgleich der durch außergewöhnliche Konjunkturabschwünge wie in
Asien verursachten Exportverluste behilflich
sein.
Das Maßnahmenpaket sieht Nothilfefuttermittel (200 Millionen Dollar) für Viehzüchter
vor, die 1998 ihre Futterbestände aufgrund
von Katastrophen verloren haben.
Die Maßnahme sieht eine Reihe von Steuererleichterungen für Landwirte vor (im Wert
von 1 Milliarde Dollar).
Folgendes sieht das Hilfspaket nicht vor: Es stellt
keine Mittel für Exportsubventionen oder andere
handelsverzerrende Maßnahmen bereit. Die gesetzlich vorgeschriebenen Obergrenzen bei Vermarktungskrediten bleiben unverändert. Die Hilfe ist nicht
unbegrenzt. Diese Maßnahme reagiert auf akute
Schwierigkeiten der amerikanischen Produzenten, und
die Kosten werden vollständig von den Vereinigten
Staaten getragen. Sie hebt die Marktorientierung des
Gesetzes über Freiheit für die Landwirtschaft nicht
auf.
Das Gebot weiterer Handelsreformen
Obwohl die Uruguay-Runde ein bahnbrechendes
Abkommen für die Landwirtschaft war - es wurde
mehr getan, um den Agrarhandel zu liberalisieren und
die Landwirtschaft in das System einzubinden als in
allen vorherigen Runden zusammengenommen müssen wir uns bewußt machen, daß die Landwirtschaft noch viel tun muß, um ihre Reformen abzuschließen und vollständig in das Welthandelssystem integriert zu werden. Die Vereinigten Staaten
beabsichtigen, aktiv an der Gestaltung der Agenda
sowie am Umfang, Inhalt und Zeitplan der neuen
Agrarverhandlungen im nächsten Jahr durch die
WTO-Mitglieder mitzuwirken.
Während wir auf die Wederaufnahme dieser Verhandlungen warten, besteht unsere Herausforderung darin,
auf den Marktöffnungserfolgen der Uruguay-Runde

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�•

«

aufzubauen und ein Welthandelssystem zu schaffen,
das zur globalen Nahrungsmittelversorgung beiträgt.
Zu unseren Zielen zählen größerer Marktzugang,
Abbau und Abschaffung handelsverzerrender Subventionen, weitere Reformen bei inländischen Stützpreisen, Bereitstellung von Disziplinen für Staatshandelsunternehmen und die Nutzung der Vorteile
neuer Technologien durch die globalen Produzenten
und Verbraucher.
Exportwettbewerb. Exportsubventionen sind in den
WTO-Vorschritten für keine Industrie mit Ausnahme
der Landwirtschaft erlaubt.
Ihr Einsatz bewirkt
Handelsverzerrungen, und sie sind symptomatisch für
ein Ungleichgewicht in der Agrarpolitik eines Landes,
das innenpolitisch behoben werden muß. Die Kosten
innenpolitischer Entscheidungen sollten von dem Land
getragen werden, das sie trifft und nicht seinen
Handelspartnern durch Exportsubventionen aufgehalst
werden. Wir sollten uns bei den Verhandlungen 1999
auf die Definition von Exportsubventionen und die
Aufstellung eines Zeitplans für ihre schrittweise
Abschaffung konzentrieren. Exportsubventionen sind
in der Landwirtschaft ebenso abzulehnen wie in allen
anderen Industriezweigen, und es gibt keinen offensichtlichen Grund, sie beizubehalten.
Marktzugang. Beim Marktzugang müssen wir noch
sehr viel tun. Die Uruguay-Runde hat die Zölle zu
hoch festgesetzt.
Der durchschnittliche Zoll für
nichtlandwirtschaftliche

Die Weichen für echte Reformen sind gestellt. Öffnen
Sie die Märkte weiter und senken Sie bis zum Ende
der Übergangsperiode alle Zölle auf ein ausgehandeltes Minimum. Da die Zölle auf landwirtschaftliche Produkte 10 Mal so hoch sind wie auf nichtlandwirtschaftliche Produkte, benötigen wir eindeutig
umfassende Zollsenkungen, und die höchsten Zölle
müssen am meisten gesenkt werden.

i

Heimische Unterstützung. Die Vereinigten Staaten
unterstützen uneingeschränkt das Recht jeder Nation
auf Bestimmung des Ausmaßes landwirtschaftlicher
Förderung, das ihr angemessen erscheint. Wir
bestehen jedoch darauf, daß eine politische EntScheidung zur Stützung der Landwirtschaft nicht auf
politischen Instrumenten basieren sollte, die die
Kosten dieser Unterstützung auf andere Länder
abwälzen. In dieser Hinsicht ist es unerläßlich, daß
die 1999 beginnenden Verhandlungen zu einer
Trennung heimischer Unterstützung von heimischer
Produktion führen.

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Staatshandelsunternehmen können den Handel
verzerren und operieren oft im Geheimen. Das
Agrarhandelssystem hat durch WTO-Disziplinen bei
Staatshandelsunternehmen viel zu gewinnen, weil
diese einigen Ländern gestatten, Exporte auf der
Grundlage von Offenmarkttransaktionen zu unterbieten und Importe zu beschränken. W r wollen auf
unseren laufenden Bestrebungen in der WTO-Arbeitsgruppe für Staatshandelsunternehmen aufbauen,
damit wir auf diesem Gebiet aggressiv Fortschritte
machen können, wenn die Verhandlungen beginnen.
Die Biotechnologie beinhaltet für die Verbraucher und
Hersteller von Nahrungsmitteln und für die Umwelt
enorme Versprechen. Angesichts der Zunahme der
Weltbevölkerung um jährlich zwei Prozent sind jedes
Jahr 80 Millionen Menschen zusätzlich zu ernähren.
Schätzungen zufolge wird sich die weltweite Nachfrage nach Nahrungsmitteln innerhalb der nächsten 50
Jahre verdreifachen. Im Jahr 2030 werden in Asien
4,5 Milliarden Menschen leben, und der durchschnittliche tägliche Verbrauch an tierischem Eiweiß wird
sich nahezu vervierfachen und 60 Gramm betragen.
Die wachsende Mittelschicht in Lateinamerika und
anderen Ländern verlangt hochwertigere Kost.

Produkte liegt jetzt bei 4

Prozent, während der durchschnittliche Zoll für
landwirtschaftliche Produkte bei über 40 Prozent liegt
und die Zölle für einige Produkte 300 Prozent übersteigen.

i

Neue Themen. Obwohl die Uruguay-Runde wirksame Disziplinen in traditionellen Problembereichen
eingeführt hat, haben sich solche Disziplinen auf
einigen neuen Gebieten noch nicht durchgesetzt:

Wir müssen uns heute darauf vorbereiten, die Nachfrage von morgen nach Lebensmitteln zu befriedigen.
Die Biotechnologie kann uns dabei helfen, auf dem
gesamten Globus eine tragfähige Landwirtschaft bis
weit ins nächste Jahrhundert sicherzustellen.
Ich möchte mich zu zwei Punkten ganz deutlich
ausdrücken: Erstens respektieren wir das Recht jedes
Landes auf hohe Standards für Lebensmittelsicherheit. Auch wir nehmen dieses Recht für uns in
Anspruch, um die Sicherheit amerikanischer Lebensmittel zu gewährleisten. W r sind bereit, uns an
Normen für die Nahrungsmittelsicherheit zu halten, die
transparent sind, auf wissenschaftlichen Prinzipien
gründen und einen klaren und rechtzeitigen Genehmigungsprozeß für Biotechnologieprodukte vorsehen.
Zweitens haben wissenschaftliche Erkenntnisse und
Tests in den Vereinigten Staaten, der EU, Japan und
anderen Ländern gezeigt, daß Produkte, die gentechnisch veränderte Organismen enthalten oder daraus
hergestellt wurden, sicher und gesund sind.
Wir sind uns bewußt, daß die Sorge der Öffentlichkeit
über die Nahrungsmittelsicherheit den Genehmigungsprozeß für Biotechnologieprodukte innerhalb der
EU überschattet. Diese Sorge wird noch durch den
Mangel an einem etablierten institutionellen Über-

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�prüfungsprozeß auf EU-Ebene verstärkt, der eine
bessere Grundlage für öffentliche Sicherheit und das
Vertrauen in die Sicherheit dieser Produkte bieten
könnte. Dennoch müssen solide wissenschaftliche
Erkenntnisse die Richtlinie für die Gewährleistung von
Nahrungsmittelsicherheit bieten.
Es gibt hierzu
einfach keine Alternative.
Darüber hinaus müssen wir zusammenarbeiten um
sicherzustellen, daß die potentiellen Vorteile neuer
Technologien nicht im Labyrinth restriktiver und
überflüssiger Bestimmungen verloren gehen. Im
Gegenteil: Wenn wir die Vorteile der Biotechnologie
nicht nutzen, gehen wir das Risiko ein, daß sich das
unverhältnismäßig auf die ärmsten Nationen der Welt
auswirkt.
Die Debatte über die EU-Agrarreform ist entscheidend für die Verhandlungen 1999
Obwohl viele Beobachter in den Vereinigten Staaten
und weltweit die für 1999 anberaumten Verhandlungen als größte Chance für echte Reformen betrachten, könnte eine weitere Handelsliberalisierung
großenteils vom Ergebnis der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU abhängen.
Obwohl die GAP eine wichtige, definierende I nstitution
der frühen europäischen Integration war, ist sie immer
sehr teuer gewesen und bleibt es auch.
Die
MacSharry-Reformen waren ein Anfang, aber neue
Herausforderungen machen die Kosten einer veralteten Agrarpolitik noch offensichtlicher. Abgesehen
von den wohl bekannten Kosten für Steuerzahler und
Verbraucher zahlt eine vierköpfige Durchschnittsfamilie in Europa Schätzungen der OECD zufolge
jährlich 1.500 Dollar mehr für Lebensmittel, weil durch
die GAP die Preise künstlich hoch gehalten werden.
Man könnte sagen, daß diese Kosten nur Europa
etwas angehen und die Zukunft der GAP eine ausschließlich europäische Angelegenheit ist. Aber das
ist einfach nicht wahr. Die GAP überträgt von Natur
aus und durch ihre Funktionsweise ihre Kosten auf
das Welthandelssystem sowie die landwirtschaftlichen
Produzenten und Exporteure auf der ganzen Welt,
indem sie den Welthandel verzerrt.
Agrarexportnationen, viele von ihnen Entwicklungsländer, sehen sich der doppelten Frustration gegenüber, nicht auf den teuren europäischen Markt
exportieren zu können, während die von der EU
subventionierten Exporte die Preise weltweit drücken.
Am Vorabend der für 1999 anberaumten Verhandlungen sieht sich Europa überzeugenden Argumenten
von vielen Seiten für echte Reformen der GAP
gegenüber - Reformen, die mutig genug sein müssen,
um die EU-Landwirtschaft marktorientiert zu gestalten.

Seite 4

Heute zwingen Prognosen eines wachsenden Getreidebergs, von der WTO verhängte Beschränkungen
heimischer Stützungen und Exportsubventionen sowie
die drohenden Kosten des Beitritts der Agrarländer
Osteuropas zu weiteren Reformen. Zahlreiche interne
Studien der EU-Kommission fordern Reformen.
Obwohl die Agenda 2000 einige positive Schritte
unternimmt, indem sie auf größere wirtschaftliche
Effizienz abzielt, warne ich vor kleinen, zaghaften
Schritten. Produzenten, Verbraucher und Händler von
Agrarprodukten können nur profitieren, wenn Entscheidungen als Reaktion auf Signale des Marktes
und nicht auf das Diktat staatlicher Programme
getroffen werden. In dieser Hinsicht sind noch
entschiedenere Schritte zur Trennung staatlicher
Stützungsmaßnahmen von spezifischen Produktionsund Anbauflächenerfordemissen notwendig. Eine
echte Marktorientierung verlangt mutige neue Schritte
zur Abschaffung von Preisstützungen, Produktionsund Exportsubventionen sowie allen im Zusammenhang mit der Produktion stehenden Einkommensstützungen.
Schlußbemerkung
Ebenso wie die amerikanische Zusammenarbeit mit
Europa bei Sicherheitsfragen in der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg die Grundlage für den Frieden
schuf, stellen die Handelsbeziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU die Verankerung für
das internationale Handelssystem seit der Einführung
des GATT 1948 dar. In den 50 Jahren seit der
Gründung des GATT war die Welt Zeuge unglaublicher Vorteile durch sukzessive, kooperative Bestrebungen zur Liberalisierung des multilateralen Handels.
Das Agrarabkommen der Uruguay-Runde wurde erst
möglich, nachdem die Vereinigten Staaten und die EU
gemeinsam ein Abkommen über die Parameter der
Agrarreform erzielt hatten.
Die Agrarhandelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union sind
mehr als ein hoch entwickeltes ökonomisches Unterfangen. Sie befassen sich mit der Führungsrolle der
weltweit größten Agrarproduzenten und -händler.
Eine Führungsrolle, die die Weltmärkte öffnet. Eine
Führungsrolle, die die Institutionen des Welthandelssystems respektiert und unterstützt. Eine Führungsrolle, die weltweite Nahrungsmittelsicherheit gewährleistet und den Hunger auf der Welt bekämpft. Eine
Führungsrolle, die die öffentliche Gesundheit durch
eine Lebensmittelversorgung auf der Grundlage
wissenschaftlicher Prinzipien schützt, die transparent
sind und einheitlich durchgesetzt werden.
Eine
Führungsrolle, die aufklärt, anstatt die Ängste der
Öffentlichkeit zu schüren.

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�Während wir uns auf das nächste Jahrhundert
vorbereiten, wird eine marktorientierte europäische
Agrarpolitik uns gestatten, gemeinsam die steigende
Nachfrage nach Nahrungsmitteln zu befriedigen und

den Produzenten in den Vereinigten Staaten und
Europa erlauben, fair miteinander zu konkurrieren.
Das wäre eine gute Nachricht für das Welthandelssystem.

* * * * *

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