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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. Oktober 1998

21

G7

G 7 SETZEN SICH FÜR DIE FÖRDERUNG
VON TRAGFÄHIGEM WACHSTUM EIN
Rede von Lawrence Summers

USA-EUROPA

EINE EUROATLANTISCHE PARTNERSCHAFT
FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede von Abteilungsleiter Grossman

ELEKTRONISCHER HANDEL

DIE WAHRHEIT ÜBER DIE AMERIKANISCHE
VERSCHLÜSSELUNGSPOLITIK
Rede von Staatssekretär David Aaron

WELTGERICHTSHOF

AMERIKAS INTERESSE AN FRIEDEN,
SICHERHEIT UND GERECHTIGKEIT
von David J. Scheffer

MENSCHENRECHTE

MENSCHENRECHTE UND AUSSENPOLITIK
Rede von Botschafter John C. Kornblum
VEREINIGTE STAATEN VERURTEILEN
UNTERDRÜCKUNG DER MEDIEN UND DER
BÜRGERLICHEN GESELLSCHAFT DURCH
DIE SERBISCHE REGIERUNG
Erklärung von James B. Foley

http://www.us-botschaft.de/amerikadienst
http://www.usembassy.de/amerikadienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�G 7
21. Oktober 1998

G 7 setzen sich für die Förderung
von tragfähigem Wachstum ein
Rede von Lawrence Summers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Stellvertretende
Finanzminister Lawrence Summers am 1. Oktober 1998 vor dem Weltkongreß für Wirtschaftsentwicklung
gehalten hat.

Im vergangenen Oktober traf sich die internationale
Staatengemeinschaft bei den Jahrestagungen der
Weltbank und des IWF in Hongkong und erörterte den
Zusammenbruch des thailändischen Bäht und das
mögliche Übergreifen der Finanzprobleme auf ganz
Ostasien. Ein Jahr später finden diese Gespräche in
Washington statt, und die Sorgen haben globalen
Charakter.
Die Probleme Thailands breiteten sich schnell auf die
benachbarten ostasiatischen Volkswirtschaften und in
den letzten Monaten auf Rußland und in gewissem
Ausmaß auf Lateinamerika aus. Die Situation verschlechterte sich weiter und wurde durch eine Verschlimmerung der Lage in Japan noch gravierender,
das gerade ein drittes Quartal in Folge negatives
Wachstum erlebt und dessen Bankensektor mit den
größten Problemen konfrontiert ist, die eine Volkswirtschaft in der jüngeren Geschichte je erlebt hat.
Heute möchte ich den Großteil meiner Zeit dazu
verwenden, den Ansatz, den wir bei diesen Krisen
gewählt haben, und unser Streben nach Fortschritten
zu überprüfen - im Einklang mit den Anhörungen von
Finanzminister Rubin, dem Vorsitzenden des Zentralbankrats Greenspan und mir, die in den letzten
Wochen im Kongreß stattfanden.
I. Gründe für die Krise
Ökonomen werden sich noch auf Jahre hinaus mit den
Gründen für diese Krisen befassen. Aber es besteht
breite Übereinstimmung über die wichtigsten Faktoren:

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Finanzsysteme, die das Kapital nicht effizient
in die richtigen Kanäle leiteten, unzureichend
reguliert waren und ein falsches Gefühl der
Sicherheit hervorriefen, das letztlich nicht
aufrechterhalten werden konnte.
Wechselkursregime, die Kapital anzogen,
aber nicht von angemessenen makroökonomischen Maßnahmen begleitet waren und
Raum für spekulativen Druck ließen.
Ein sich insbesondere in Asien verschlechterndes globales wirtschaftliches Umfeld
aufgrund der offensichtlichen Wirtschaftsprobleme in Japan.
Schwierigkeiten in einigen Ländern - insbesondere Indonesien und Rußland - bei der
Durchführung
grundlegender
staatlicher
Funktionen, beispielsweise Steuereintreibung
und Bankenregulierung.
Substantieller Vertrauensverlust, während
Investoren sich zunehmend darüber Gedanken machen, was andere Investoren denken,
und weniger darüber, was die Grundprinzipien
sind.
Die Tendenz des Marktes zur Übertreibung besteht
schon seit Jahrhunderten. Die Übertragungsmechanismen jedoch nicht. Wenn die Krise des mexikanischen Peso die erste Finanzkrise des 21. Jahrhunderts war, hat die zweite noch deutlicher den
Spielraum der neuen Informationstechnologien und
Finanzinstrumente unter Beweis gestellt, mit einzig-

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�artiger
Geschwindigkeit
und
Stärke
vorzugehen. Wenn wir den Kapitalabzug von mehr als
zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in verschiedenen asiatischen Volkswirtschaften und die mindestens
doppelt so starke Ausbreitung von Wertpapieren in
vielen verschiedenen Märkten beobachten, ist es
schwer zu glauben, daß die Ansteckungseffekte und
die generalle Flucht vor dem Risiko nicht übertrieben
sind.
Die Eindämmung dieser Krisen ist für die Kerninteressen der Vereinigten Staaten von entscheidender
Bedeutung: Es geht um den Erhalt amerikanischer
Arbeitsplätze, amerikanischer Spareinlagen und der
nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten.
Die Exporte in die Krisenländer sind bereits
um nahezu ein Drittel gesunken, und Jahresprognosen und private Voraussagen deuten
darauf hin, daß infolge der Krisen unser
derzeitiges Leistungsbilanzdefizit um einen
halben oder einen Prozentpunkt ansteigen
könnte.
In den letzten Wochen haben wir eine substantielle Abnahme des Zugangs zahlreicher
Unternehmen zu den Wertpapier- und Schuldenmärkten und Beweise dafür gesehen, daß
die Kreditvergabe der Banken abnimmt.
Derzeit gehört der Markt für "Schundanleihen"
glücklicherweise der Vergangenheit an.
Und wir wurden an die möglichen sicherheitspolitischen Konsequenzen der gravierenden
Finanzprobleme in Übersee erinnert. Man
muß sich nur die möglichen Auswirkungen
einer anhaltenden Finanzkrise in Rußland vor
Augen halten um zu sehen, daß die Eindämmung dieser Probleme - und der Kampf
gegen ihre Ausweitung - die Vorneverteidigung unserer Kerninteressen darstellt.
Das Ziel ist klar: Die Eindämmung dieser Krise und die
Wiederherstellung von Wachstum und Stabilität in den
bereits betroffenen Volkswirtschaften. Lassen Sie
mich jetzt über die Mittel sprechen.

Haushaltsüberschüssen und damit die Verringerung des Drucks auf die globalen Kapitalmärkte und auf unser eigenes Handelsdefizit.
Die Chinesen haben erkannt, daß ihr fortgesetztes Engagement für die Bewältigung der
Probleme ihres Finanzsektors und den Erhalt
einer stabilen Währung ebenfalls von großer
Bedeutung sein werden.
Und Japan, auf das sogar heute noch mehr
als zwei Drittel der asiatischen Wirtschaft
entfallen, kommt eine besonders entscheidende Rolle zu. Sofortige und effektive Maßnahmen zur Stärkung des Finanzsystems und
entschlossene steuerliche Maßnahmen, die
substantielle und nachhaltige wirtschaftliche
Anreize geben, sind in Japan dringend erforderlich, um die starke, von der eigenen
Wirtschaft ausgehende Erholung fortzusetzen,
die das Land benötigt und auf die die Welt seit
langem wartet.
Zweitens. Obwohl das äußere Umfeld wichtig ist und
internationale Unterstützung einen Unterschied
bewirken kann, sind die Länder für ihr eigenes wirtschaftliches Schicksal verantwortlich. Eine starke
Reaktion der betroffenen Länder ist der absolut erste
Schritt zur Wiederherstellung von Stabilität - weil jede
finanzielle Unterstützung, die in eine Wirtschaft
einfließt, sofort wieder abgezogen wird, wenn unsolide
Maßnahmen ergriffen werden und die Regierungen
nicht glaubwürdig sind.
Drittens. Gebundene internationale Finanzhilfe kann
eine wichtige Rolle spielen, wenn die Politiker sich zu
Reformen verpflichten, für deren Umsetzung aber
finanziellen Freiraum benötigen. Finanzkrisen können
zum Teil auch herbeigeredet werden, wie durch einen
Run auf die Banken: Jeder erwartet einen Mißerfolg
oder jeder erwartet, daß alle anderen einen Mißerfolg
erwarten, was dazu führt, daß jeder der erste sein will
und der Mißerfolg eintritt. Zeitlich begrenzte, gebundene Hilfe baut den Ländern eine Brücke zur Überwindung dieses Herbeiredens einer Krise und trägt zur
Wiederherstellung von Stabilität bei. Und hier kommt
dem IWF eine wichtige Rolle zu.

II. Der Ansatz der Vereinigten Staaten
Unsere Reaktion auf diese Situation ruht auf drei
Säulen.
Erstens. Kein Land wird sich vor dem Hintergrund
regionaler Deflation und schwacher Nachfrage erholen. Erforderlich sind verstärkte Maßnahmen in den
wichtigsten Volkswirtschaften der Region, um Wachstum und Vertrauen zu stärken:
Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin das
Ihre tun, insbesondere durch den Erhalt von

Seite 2

Bei dieser Krise ist noch alles in Bewegung. Und die
am stärksten betroffenen Länder spüren enormes
wirtschaftliches und soziales Elend. Das ist angesichts
des erfolgten massiven Abzugs von Privatkapital
unvermeidlich. Aber es ist ermutigend, daß es in
diesen Ländern, die als erstes betroffen waren und die
entschiedensten Maßnahmen ergriffen haben, Anzeichen für eine Eindämmung gibt.
Länder, die konsequent die vom IWF befürworteten
und geförderten Maßnahmen ergreifen - insbesondere
die Philippinen, Korea und Thailand - sehen bereits

AMERIKA DIENST 21

�erste Anzeichen für eine Wiederherstellung der
Stabilität. In Korea und Thailand fand im Allgemeinen
eine Stabilisierung der Währungen statt, der Nominalzinssatz liegt wieder etwa zwischen 13 und 15, und die
Realzinssätze sind auf das Niveau von vor der Krise
gefallen. Gleichzeitig setzen sich diese Länder jetzt für
eine Ausweitung ihrer Finanzpolitik ein, um den durch
ihre soliden Maßnahmen geschaffenen Raum für eine
möglichst schnelle Rückkehr zum Wachstum zu
nutzen.
Bei der Erörterung dieser Krisen ist es entscheidend,
die Therapie nicht mit der Krankheit zu verwechseln.
Die Notlage in Asien ist keine Folge der Politik oder
Finanzierung des IWF. Vielmehr sind dies Versuche,
die wahre Ursache für das Elend zu bemänteln: Den
Kapitalabzug und den Vertrauensverlust, der zu
diesem Abzug führte. In Ländern wie Indonesien und
Rußland, deren Regierungen ihre Programme nicht
voll umsetzten, werden Inflation, Zinssätze und
Verluste an Output zweifelsohne weitaus höher sein und die Wiederherstellung von Vertrauen liegt damit in
weiter Ferne.
Während diese Länder sich für Maßnahmen entscheiden und der IWF beschließt, welche Programme
er finanziell zu unterstützen bereit ist, werden zweifelsohne schwierige Fragen des Gleichgewichts aufgeworfen, die erhitzte Debatten zur Folge haben:

Diese Fragen des Gleichgewichts werden zweifelsohne auch in Zukunft erörtert, und es gibt keine Garantie
dafür, daß der IWF jedes Mal richtig mit ihnen umgeht.
Aber allein das Ausmaß an Unstimmigkeit unter den
Kritikern über die gemachten Fehler gibt Anlaß zur
Zuversicht, daß das Gleichgewicht in den meisten
Fällen hergestellt wurde. Ich habe keinen Zweifel
daran, daß die Situation während des vergangenen
Jahres ohne die Programme des IWF und seine
Finanzhilfe weitaus schlimmer gewesen wäre - mit
mehr Abwertungen, mehr Zahlungsrückständen, mehr
Ansteckungseffekten und mehr Handelsverzerrungen.
III. Der vor uns liegende Weg
Sogar in Hongkong stellten wir fest, daß sich die in
Asien spürbaren finanziellen Belastungen ausweiten
und weitreichende Konsequenzen für das übrige
Weltfinanzsystem haben könnten.
Zweifelsohne
haben sich die finanziellen Belastungen in den vergangenen Wochen erhöht - bis zu einem Punkt, an dem
sie das darstellen könnten, was Präsident Clinton als
eine der gravierendsten finanziellen Herausforderungen bezeichnet hat, mit denen sich die Weltgemeinschaft seit 50 Jahren konfrontiert sieht. In diesem
Kontext zeigten die Ausführungen des Präsidenten
letzten Monat in New York und die gleichzeitig herausgegebene Erklärung der G 7-Finanzminister und
Zentralbankvorsitzenden deutlich, wie unsere gemeinsamen Anstrengungen vorangetrieben werden sollten:

Einerseits besteht die legitime Ansicht, daß

strukturelle Mängel von Volkswirtschaften, die
mit kapitalistischer Vetternwirtschaft in Zusammenhang stehen, behoben werden müssen. Andererseits hat man festgestellt, daß
allzu starker Druck auf Umstrukturierung in
großem Stil das Risiko heftiger Reaktionen im
Inland beinhaltet.

Erstens arbeiten wir in Anbetracht der Tatsache von
niedrigen oder sinkenden Inflationsraten in den
meisten Teilen der Welt und der daraus resultierenden
Risikoverlagerung in der globalen Wirtschaft mit
unseren G 7-Partnern verschärft auf die Umsetzung
von Maßnahmen zur Förderung von nachhaltigem
globalem Wachstum hin.

Einerseits macht man sich Sorgen um die
Stabilität der Wechselkurse angesichts dessen, was passieren kann, wenn der Verfall
einer Währung außer Kontrolle gerät. Andererseits werden viele auf die potentiellen
Kosten einer starken Zinserhöhung zu einem
Zeitpunkt hinweisen, an dem die Banken- und
Finanzsysteme im Allgemeinen großen Belastungen ausgesetzt sind.

Es ist von entscheidender Bedeutung, daß
Japan unverzüglich unter angemessenen
Bedingungen öffentliche Gelder in beträchtlichem Umfang in sein Bankensystem einfließen läßt. Unserer Auffassung nach ist das
der einzige Weg, um gleichermaßen Stabilität
zu bewahren und in den nächsten Jahren für
Wachstum zu sorgen.

Einerseits besteht die dringende Notwendigkeit, zu einem Zeitpunkt Vertrauen zu schaffen, an dem Ansteckungseffekte auf den
aufstrebenden Märkten zu einem massiven
Kapitalabzug und einer Erhöhung der Zinssätze führen könnten. Andererseits machen
sich viele berechtigte Sorgen über moralische
Risiken und unverantwortliches Verhalten von
Investoren und Regierungen infolge dieser
Unterstützung.

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Die Länder der Europäischen Union müssen,
nachdem sie sich gerade erst von einer
langen Periode relativ geringen Wachstums
und hoher Arbeitslosigkeit erholen, ihrerseits
ebenfalls die Initiative ergreifen und mit gezielt
auf kräftiges Wachstum der europäischen
Nachfrage
ausgerichteten
Maßnahmen
regionales und globales Wachstum unterstützen.
Zweitens arbeiten wir auf die Verbesserung der
Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft hin,

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�Finanzmittel für Länder bereitzustellen, die eine solide
Politik verfolgen und dennoch von dem Ansteckungseffekt bedroht sind. Wo Ansteckung ein ernsthaftes
Problem ist, muß die Betonung auf dem Sondieren
neuer Wege zur Schaffung von Liquidität und Wiederherstellung des Vertrauens liegen, die keine
ungebührlichen moralischen Risiken zur Folge haben.
Die angemessene Finanzierung des IWF ist bei diesen
Bestrebungen entscheidend. Dennoch befinden sich
die Ressourcen des IWF heute auf einem historischen
Tiefstand. Und Maßnahmen, die zusätzliche Finanzmittel sicherstellen würden, warten immer noch auf die
Genehmigung durch den Kongreß. Ich möchte zu
einer Zeit, in der die Märkte danach Ausschau halten,
ob die internationale Gemeinschaft die Fähigkeit zur
Bewältigung dieser Krisen hat, nochmals wiederholen,
daß die andauernde Verzögerung ein Risiko ist, das
sich die Vereinigten Staaten kaum leisten können.
Drittens suchen wir zusammen mit den internationalen
Finanzinstitutionen und den Ländern in der Region
nach Wegen zur Beschleunigung des Tempos einer
umfassenden Unternehmens- und Finanzumstrukturierung in Ländern, in denen es ein systemimmanentes
Problem gibt - vor allem in Asien, wo die gravierende
Verschuldung sowohl der Finanzsysteme als auch der
Unternehmen eine große Hürde für die Erholung
darstellt und wo die Inangriffnahme des Überhangs der
Inlandsverschuldung von entscheidender Bedeutung
ist.
Viertens arbeiten wir auch mit den multilateralen
Entwicklungsbanken an einem besseren sozialen
Sicherheitsnetz für die Krisenländer zusammen, um
den am meisten benachteiligten Menschen in diesen
Ländern zu helfen, die Härten erdulden müssen.
Präsident Clinton stellte in der vergangenen Woche
fest: "Wenn wir von diesen Ländern erwarten, Schwieriges zu tun, dann müssen wir die am leichtesten
Verwundbaren der Gesellschaft schützen und wir
müssen Menschen schützen, die verletzt werden, auch
wenn sie gar nichts falsch gemacht haben."
Und schließlich müssen wir sehr ernsthaft darüber
nachdenken, wie das globale Finanzsystem und seine
Institutionen im Hinblick auf die Verhinderung und
Reaktion auf Krisen wie diese funktionieren. Das war
seit dem Gipfeltreffen in Neapel 1994 eine große
Sorge und enthält als entscheidendes Element die
Zusammenführung der traditionellen und neuen
Akteure auf der internationalen Finanzbühne.
Unter der Führung von Präsident Clinton haben wir
diese Anstrengungen im vergangenen Jahr intensiviert, indem wir im April ein Treffen einer umfassenderen Gruppe von 22 Ländern einberufen haben,
darunter drei wichtige Entwicklungs- und Schwellen-

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länder. Bei diesem Treffen richteten die Finanzminister und Notenbankchefs Arbeitsgruppen ein, die
Anfang nächster Woche konkrete Vorschläge unterbreiten werden. Finanzminister Rubin hat heute
Morgen in einer Rede in New York einige der wichtigsten Prioritäten dargelegt:
Verbesserte Transparenz und Offenlegung,
beispielsweise durch die Umsetzung internationaler Transparenzstandards durch die
Regierungen und die Einhaltung neuer internationaler Abkommen über bessere Rechenschaftspflicht und Offenlegungsstandards
durch private Firmen.
Gestärkte inländische Finanzsysteme. Wie
Finanzminister Rubin erörterte, ist der Schlüssel hierbei, den Regierungen gleichermaßen
die besten zu befolgenden praktischen Standards zur Verfügung zu stellen und ihnen die
angemessene Unterstützung und Anreize zu
bieten, diese Standards umzusetzen.
Effektivere Arrangements für Lastenteilung bei
der Reaktion auf finanzielle Schwierigkeiten,
insbesondere indem die Zahl einzelner Insolvenzen durch bessere Schuldner-Gläubigersowie Insolvenzregime in Schwellenländern
verringert wird, damit sie nicht zu systemimmanenten Bankrotten werden.
Die entscheidende Reform der internationalen
Finanzinstitutionen. Der IWF muß bei seinen
Maßnahmen und Programmen transparenter
und rechenschaftspflichtiger werden. Er muß
in einer Position sein, um sich mit dieser
neuen Art von Finanzkrisen zu befassen, die
sich eher aus Kapitalkonten- als aus Verkaufskontenproblemen ergeben. Seine Programme
müssen Wachstum zur Priorität machen. Und
er muß sich auf Themen konzentrieren, die
Auswirkungen auf die Sicherheit und Tragfähigkeit von Kapitalflüssen haben.
In Zusammenarbeit mit der internationalen Gemeinschaft haben wir in den vergangenen Jahren Fortschritte an allen diesen Fronten gemacht. Die Veröffentlichung der drei Berichte der Arbeitsgruppen wird
uns noch weiter auf dem Weg zu unserem langfristigen
Ziel voranbringen: Einem stärkeren, stabileren internationalen Finanzsystem. Und auf unserem Weg nach
vorne werden die Anstrengungen weiter verstärkt und
erweitert. Die Zahl und Vielfalt von Vorschlägen für
eine Reaktion auf die uns konfrontierenden kurz- und
langfristigen Herausforderungen steht nicht in Frage.
Was jetzt sorgfältig erwogen werden muß, ist ihre
Effektivität und Dauerhaftigkeit auf lange Sicht.

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�USA-EUROPA

21. Oktober 1998

Eine euroatlantische Partnerschaft
für das 21. Jahrhundert
Rede von Abteilungsleiter Grossman

HOUSTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, Marc Grossman, am 1. Oktober 1998 vor dem World
Affairs Council in Houston (Texas) gehalten hat.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Es ist mir
ein echtes Vergnügen, heute vor Ihnen über die
Zukunft der amerikanisch-europäischen Beziehungen
zu sprechen. Besonders dankbar bin ich Lincoln
Jones und dem World Affairs Council in Houston für
die Einladung, Ihnen einige unserer Ideen vortragen zu
dürfen.
Ich möchte heute über Europa und darüber sprechen,
warum die Vereinigten Staaten fast ein Jahrzehnt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin ein vitales
nationales Interesse nicht nur am Erhalt, sondern
sogar an der Ausweitung ihrer Zusammenarbeit in und
mit Europa haben.
Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen, die mir in
meiner Eigenschaft als Abteilungsleiter für europäische
Angelegenheiten oft gestellt wird: Warum sollten die
Vereinigten Staaten zu einer Zeit so engagiert in
Europa bleiben, in der der alte Kontinent wohlhabender
und sicherer erscheint als zu jedem anderen Zeitpunkt
in der jüngeren Geschichte?
Meine Antwort besteht aus drei Teilen. Erstens ist es
unser offensichtlichstes vitales Interesse sicherzustellen, daß Europa in Frieden lebt und frei von der
Beherrschung durch irgendeine Macht oder Kombination von Mächten ist, die den Vereinigten Staaten
feindlich gesinnt sind. Heute wird Europa durch keine
feindliche Hegemonie bedroht. Das ist eine sehr gute
Nachricht. Wir haben ein grundlegendes nationales
Sicherheitsinteresse daran, daß das so bleibt.

Im Laufe dieses Jahrhunderts mußten wir mühsam
lernen, daß die Interessen der Vereinigten Staaten mit
der Sicherheit und dem Wohlstand Europas verknüpft
sind. Wenn wir die für den Schutz dieser Interessen
erforderlichen Investitionen nicht tätigen, werden wir
letzten Endes immer einen höheren Preis zahlen.
Ein demokratischer Frieden hat auf dem Großteil des
Kontinents Fuß gefaßt, aber er wird weiterhin durch
Spannungen, reale und potentielle Konflikte bedroht.
Aus diesem Grund haben die Vereinigten Staaten die
Führung bei der NATO-Erweiterung, der Gründung der
Partnerschaft für den Frieden und der Einbeziehung
von Ländern wie Rußland und der Ukraine übernommen. Und aus diesem Grund engagieren wir uns
dafür, in Bosnien Frieden zu schaffen und den Konflikt
im Kosovo zu entschärfen und einzudämmen.
Zweitens haben wir auch ein vitales Interesse daran,
was für ein Europa sich in Zukunft entwickelt. Wir
möchten ein Europa, das offen für amerikanische
Waren und amerikanische Investitionen ist und die
amerikanischen Werte teilt. Wir möchten ein starkes,
selbstbewußtes und nach außen gerichtetes Europa kein schwaches, isoliertes oder protektionistisches.
Ein stärkeres, geeinteres Europa, das gleichermaßen
nach außen gerichtet ist und seine Nachbarn einbezieht, liegt eindeutig im amerikanischen Interesse.
Aus diesem Grund ist diese Administration ein so
entschiedener Befürworter der europäischen Integration.
Außenministerin Albright sagt gerne, es gebe in der
Politik eine wichtige Regel, die sich auch auf die

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Seite 1

�Außenpolitik erstreckt: Schütze deine Basis. Europa
ist Amerikas geopolitische Basis. Stellen Sie sich vor,
wie die amerikanische Außenpolitik aussähe, wenn
Europa zu einem Zeitpunkt instabil würde, an dem wir
andernorts auf der Welt mit großen Herausforderungen
konfrontiert sind.
Drittens möchten die Vereinigten Staaten ein Europa,
das sowohl im Alleingang als auch kollektiv eine Reihe
von Herausforderungen partnerschaftlich mit uns
angeht, die kein Land - nicht einmal die Vereinigten
Staaten - alleine bewältigen kann. So wichtig die
Stabilisierung eines größeren und umfassenderen
Europas auch ist - unsere Interessen und Ziele können
nicht darauf beschränkt sein. Wir müssen ehrgeiziger
sein: Wir müssen eine Partnerschaft aufbauen, bei der
wir und unsere europäischen Verbündeten in zunehmendem Maße gemeinsam an bestimmten Fragen
arbeiten - sowohl in Europa als auch darüber hinaus.
Die Vereinigten Staaten sind die einzige verbliebene
Supermacht auf der Welt. Aber wir können und sollten
nicht alleine handeln, wenn es um die Verteidigung der
gemeinsamen Werte und Interessen des Westens
geht. In der heutigen, zunehmend interdependenten
Welt brauchen wir solide, verläßliche und effektive
Partner zur Erlangung unserer außenpolitischen Ziele.
Das erfordert Arbeit. Niemand weiß besser als ich, wie
schweres manchmal sein kann, sich auf eine gemeinsame Politik zu einigen. Aber Europa ist in vieler
Hinsicht der beste Partner, den wir haben. Unsere
Partnerschaft mit Europa könnte vielleicht mehr als die
mit jedem anderen Teil der Welt als "bereichernde
Beziehung" bezeichnet werden. Damit meine ich, daß
die Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam eine
mächtige Kraft für Fortschritt auf nahezu allen Gebieten sein können. Wenn wir jedoch verschiedener
Meinung sind, ist keiner von uns so effektiv.
Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg ist zwar vorbei,
die Notwendigkeit einer Partnerschaft und eines
Bündnisses mit Europa besteht jedoch fort. Heute ist
unser Schicksal nicht weniger eng verbunden als vor
50 Jahren. Wenn Europa in Frieden lebt, ist Amerika
sicherer. Wenn es Europa gut geht, geht es auch
Amerika gut. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts hat
beide Seiten des Atlantiks gelehrt, daß wir eine
Partnerschaft benötigen, in der Europa auf uns zählen
kann und wir auf Europa. Diese Lektion müssen wir
für das 21. Jahrhundert ebenfalls lernen.
Im Gegensatz zu den Gründervätern der transatlantischen Beziehungen haben wir das Glück, dies zu einer
Zeit relativen Friedens und relativer Sicherheit zu tun
anstatt während einer größeren Krise. Gleichzeitig
bürdet uns das eine besondere Last auf, dem amerikanischen Volk unsere Politik darzulegen und zu
erklären.

Seite 2

Wir können die historischen Errungenschaften der
letzten 50 Jahre am besten würdigen, indem wir eine
ebenso ehrgeizige Vision unserer Partnerschaft für die
nächsten 50 Jahre vorlegen - und eine praktische
Anleitung zur Erlangung dieses Ziels.
1994 legte Präsident Clinton seine Vision von einem
freien, ungeteilten und integrierten Europa dar, das
eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten pflegt.
Auf der Grundlage dieser Vision hat diese Administration die Führung bei der Erweiterung und Wiederbelebung der NATO und beim Aufbau neuer, umfassenderer Beziehungen zur Europäischen Union übernommen. Wir haben neue kooperative Beziehungen zu
Rußland geknüpft und bei der Umwandlung der KSZE
in eine operationale Organisation - die OSZE - geholfen, um demokratische Normen zu fördern und einen
Krisenverhütungsmechanismus in den Teilen Europas
zu fördern, in denen die Wurzeln der Demokratie noch
nicht tief oder Angriffen ausgesetzt sind.
Wir sind jetzt bereit, die nächsten logischen Schritte zu
unternehmen. Im Mai lud Präsident Clinton in Berlin
unsere europäischen Partner ein, sich uns bei der
Definition einer solchen Vision und dem Aufbau einer
euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert
anzuschließen. Das Ziel dieser Partnerschaft ist
einfach und dauerhaft: Schutz der Sicherheit, des
Wohlstands und der demokratischen Verankerung
ihrer Mitglieder. Aber die Herausforderungen und das
Umfeld, mit dem wir jetzt konfrontiert sind, unterscheiden sich von denen des Kalten Krieges. Eine
neue euroatlantische Partnerschaft kann diese Ziele
am besten erlangen, indem sie in den kommenden
Jahrzehnten drei entscheidende strategische Herausforderungen angeht:
Unsere erste Herausforderung liegt in Europa:
Die Sicherstellung der weiteren Integration
des Kontinents durch die Erweiterung der
NATO und der EU. Ferner müssen wir den
Aufbau neuer Partnerschaften mit Rußland
und der Ukraine fortsetzen, um unsere Ziele
von Sicherheit, Wohlstand und Demokratie
weiter nach Osten auszuweiten. Um Außenministerin Albright zu zitieren, müssen wir
Krieg und Konflikt in der östlichen Hälfte des
Kontinents ebenso undenkbar machen, wie
sie es im westlichen Teil geworden sind.
Die zweite Herausforderung besteht zwischen
Europa und Amerika: Die Vertiefung der
Bande über den Atlantik hinweg, um die
Grundlage dieser Beziehungen als positive
Kraft für Wandel auf der Welt zu stärken.
Die dritte Herausforderung geht über Europa
und Amerika hinaus: Die Verbesserung unserer Zusammenarbeit über Europa hinaus und
die Suche nach gemeinsamen Lösungen für

AMERIKA DIENST 21

�gemeinsame Bedrohungen andernorts auf der
Welt - seien sie politischer, militärischer,
wirtschaftlicher, krimineller oder umweltpolitischer Natur - denen keiner von uns im
Alleingang wirksam entgegentreten kann.
Diese Ziele verstärken sich gegenseitig: Ein Europa
mit mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand kommt
eher als globaler Partner Amerikas in Frage. Und ein
nach außen gerichtetes Europa kann eher mit den
starken Kräften des Wandels umgehen, die Stabilität,
Wohlstand und Demokratie auf dem europäischen
Kontinent in Frage stellen könnten.
Das kommende Jahr - 1999 - bietet uns mehrere
Gelegenheiten, eine solide Grundlage für diese
euroatlantische Partnerschaft für das 21. Jahrhundert
zu legen. Unsere führenden Politiker werden bei
Gipfeltreffen von drei Schlüsselinstitutionen zusammentreffen, die einzeln und zusammen zu unseren
gemeinsamen Zielen von Sicherheit, Wohlstand und
Demokratie beitragen: Die NATO, die OSZE und die
Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und
der Europäischen Union. Wir möchten nicht, daß
diese Gipfel zu Feierstunden für die Leistungen der
Vergangenheit oder einfach den letzten erfolgreichen
Gipfeln des 20. Jahrhunderts werden. Wir möchten,
daß sie die ersten erfolgreichen Gipfel des 21. Jahrhunderts werden.
Die NATO
Lassen Sie mich zuerst über die NATO sprechen. Im
kommenden April werden wir die Ehre haben, in
Washington einen Gipfel aus Anlaß des 50. Jahrestages des Nordatlantischen Bündnisses zu veranstalten.
Unser Ziel für den NATO-Gipfel lautet, daß wir über die
NATO des 21. Jahrhunderts sprechen wollen - ein
größeres, flexibleres Bündnis, das sich der kollektiven
Verteidigung verpflichtet und ein breites Spektrum von
Herausforderungen für die Interessen des Bündnisses
bewältigen kann.
Die Notwendigkeit für eine solche Diskussion wurde
uns allen während der Debatte über die Ratifizierung
der NATO-Erweiterung im Senat im Frühjahr deutlich.
Eine überwältigende Mehrheit der Senatoren beider
Parteien stimmte für die Ratifizierung der Aufnahme
neuer Mitglieder.
Fast ein Jahrzehnt nach dem Fall der Berliner Mauer
beschloß das amerikanische Volk, sein Engagement
für die Sicherheit Europas nicht nur fortzusetzen,
sondern noch auszuweiten.
Gleichzeitig warf die Debatte im Vorfeld dieser Entscheidung viele ernsthafte Fragen über die zukünftigen
Ziele der NATO auf. Amerikaner interessieren sich für
die zukünftige Aufgabe der NATO ebenso wie für ihre
Zusammensetzung. Sie freuen sich, daß in Brüssel

AMERIKA DIENST 21

die Flaggen fähiger neuer Verbündeter im Wind
wehen. Sie wollen aber auch, daß Amerikaner und
Europäer bei der Beseitigung realer Bedrohungen
unserer Sicherheit gemeinsam vorgehen.
Die kollektive Verteidigung in Europa ist und bleibt der
Grundstein des Bündnisses. Wir dürfen das nie
vergessen oder zulassen, daß irgendetwas geschieht,
das unsere Fähigkeit gefährdet, diese unwiderrufliche
Verpflichtung zur Bewältigung gemeinsamer Risiken
und Übernahme gemeinsamer Pflichten zu erfüllen.
Darum ging und geht es bei der NATO.
Wenn die NATO im 21. Jahrhundert effektiv bleiben
will, muß auch sie sich weiterhin wandeln. Amerikaner
haben eine sehr pragmatische und vernunftbestimmte
Einstellung zur NATO. Aus diesem Grund ist es
unseres Erachtens an der Zeit, die Grundprinzipien,
die das Bündnis in der Vergangenheit so erfolgreich
machten, auf die neuen Bedrohungen auszudehnen,
die gemeinsame transatlantische Interessen betreffen.
Wir haben bei der Schaffung eines ungeteilten und
freien Europas bereits viel erreicht. Zentraleuropa
befindet sich auf dem Weg zu Integration und Stabilität.
Wir haben eine glaubwürdige Politik der offenen Tür
mit einer klaren Perspektive für andere Länder eingeführt, die eine Mitgliedschaft anstreben, und unser
Engagement in Nordost- und Südosteuropa verstärkt.
Und wir haben neue, kooperative Beziehungen zu
Rußland angeknüpft, was nach Ansicht vieler Kritiker
nicht mit der NATO-Erweiterung vereinbar war.
Damit soll nicht bestritten werden, daß wir heute in
Europa immer noch mit Bedrohungen konfrontiert sind.
Die Realität ist jedoch, daß Europa als Ganzes
sicherer ist als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
jüngeren Geschichte. Es gibt jedoch Gründe, warum
das Bündnis seinen strategischen Horizont erweitern
sollte.
Bedrohungen des Territoriums eines Mitgliedstaates die unter Artikel 5 des Nordatlantikvertrags fallen, dem
zufolge ein bewaffneter Angriff gegen eine oder
mehrere Parteien als ein Angriff gegen alle Parteien
angesehen wird - können aus neuen Quellen kommen.
Ein potentieller Angriff mit ballistischen Raketen unter
Einsatz von Massenvernichtungswaffen
gegen
irgendeine große europäische Hauptstadt durch einen
verbrecherischen Staat oder eine terroristische
Vereinigung ist eine Bedrohung, der die NATO gewachsen sein muß.
Die Vereinigten Staaten und Europa könnten sich auch
neuen Herausforderungen der Verteidigung der
gemeinsamen transatlantischen Interessen außerhalb
des Kontextes von Artikel 5 gegenübersehen. Wenn
man fragt, wo amerikanische und europäische Truppen im kommenden Jahrzehnt mit Konflikten kon-

Seite 3

�frontiert werden können, muß die Antwort Szenarien
außerhalb der NATO-Grenzen beinhalten.
Tatsächlich haben wir immer die Option gehabt, die
Stärke der NATO außerhalb unserer Grenzen zur
Verteidigung unserer Interessen und zur Gewährleistung einzusetzen, daß Konflikte nie unsere Grenzen erreichen. Wenn gemeinsame Militäraktionen je
zum Schutz der vitalen Interessen Amerikas und
Europas erforderlich sind, sollte die NATO die Institution unserer Wahl sein.
Es liegt stark im amerikanischen Interesse, die NATO
in diese Richtung zu bewegen. Während des Kalten
Krieges war es für die Europäer sinnvoll, sich auf die
Bedrohung ihres eigenen Territoriums zu konzentrieren und für die Amerikaner, die Hauptverantwortung
für die Verteidigung der gemeinsamen transatlantischen Interessen andernorts zu übernehmen. Ein
solches Arrangement ist jedoch dann weniger sinnvoll,
wenn die territoriale Bedrohung Europas abgenommen
hat und neue Bedrohungen unserer gemeinsamen
Interessen von außerhalb der NATO-Grenzen kommen können.
Es darf keinen Zweifel daran geben: Wir sind bereit zur
Übernahme unseres Teils der Lasten und bleiben das
auch. Wir sollten sie jedoch nicht alleine übernehmen
müssen. Unsere Fähigkeit, effektiv zu sein, hängt in
zunehmendem Maße von unserer Fähigkeit ab, mit
unseren Verbündeten und Partnern zusammenzuarbeiten und Verantwortung zu teilen. Dies ist ein
Grund, warum wir so hart an der Förderung der
europäischen Verteidigungsfähigkeit arbeiten, Macht
zu projizieren und mit einem größeren Spektrum
möglicher zukünftiger Gefahren fertigzuwerden. Ich
möchte unsere uneingeschränkte Unterstützung für
den Aufbau einer europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität im Einklang mit dem vom
Bündnis vor zwei Jahren in Berlin Beschlossenen
bekräftigen.
Ich weiß, daß manche behaupten, wir hätten die
Absicht, den ursprünglichen Zweck des Nordatlantikvertrags zu ändern oder eine Art von neuer "globaler
NATO" zu schaffen. Das ist dummes Geschwätz. Wir
sprechen über die Anwendung der Grundprinzipien,
auf denen die NATO gründet, auf die neuen Realitäten
der Zeit nach dem Kalten Krieg und auf die neuen
Bedrohungen unserer gemeinsamen transatlantischen
Sicherheit.
Präsident Clinton erklärte in Berlin: "In der Vergangenheit schützte die NATO unsere Grenzen vor direkter
militärischer Invasion. In Zukunft muß das Bündnis
unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor
Bedrohungen unserer Sicherheit schützen, die von
jenseits der Grenzen kommen: Der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen, ethnischer Gewalt,
regionalen Konflikten."

Seite 4

USA-EU
Seit mehr als 50 Jahren streben wir die Schaffung
eines sicheren, demokratischen, wohlhabenden und
integrierten Europas an. Wir wissen, daß der Teil
Europas, der unsere Werte teilte, ein entscheidender
Partner bei der Bewältigung der Herausforderungen
der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war. Jetzt, wo es
neue globale und regionale Herausforderungen gibt,
trifft das ebenso zu. Wir möchten eine Partnerschaft
mit Europa entwickeln, die dessen Fähigkeiten bei der
Verteidigung unserer gemeinsamen Werte und
Interessen nutzt.
Geräuschlos, hier in den Vereinigten Staaten fast
unbemerkt, entsteht ein neues, integriertes Europa.
Das neue Europa hat nicht nur Auswirkungen auf
unseren Wohlstand, sondern auch auf unsere Sicherheit. Wenn irgendwann im nächsten Jahrhundert
der Prozeß der Erweiterung der Europäischen Union
abgeschlossen ist, wird diese einen Großteil des
europäischen Kontinents von der Arktis bis zum
Mittelmeer und zum Atlantik in eine demokratische und
wohlhabende Gemeinschaft eingliedern.
Dieses
Gebilde wird zunehmend durch enge politische Bande
verbunden sein und auf demokratischen Werten
gründen. Und es wird eine wirtschaftliche Einheit mit
einer Bevölkerung von einer halben Milliarde Menschen sein. Ein beträchtlicher Teil dieser Wirtschaftsgemeinschaft wird eine einheitliche Währung haben etwas, das es in ähnlichem Ausmaß in Europa seit
1.500 Jahren nicht mehr gegeben hat.
Unser Wohlstand ist mit Europa verknüpft. Jeder
zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist bei einem der
4.000 europäischen Unternehmen in den Vereinigten
Staaten beschäftigt. Unser Handel mit der europäischen Union übersteigt unseren Handel mit Japan und
Kanada zusammengenommen. Wir investieren in der
EU mehr als andernorts auf der Welt, und unsere
Unternehmen beschäftigen drei Millionen Europäer.
Die Hälfte aller weltweit hergestellten Waren und
Dienstleistungen werden in den Vereinigten Staaten
oder der Europäischen Union produziert. Wenn die
Vereinigten Staaten und Europa gemeinsam handeln,
können sie die Tagesordnung für globalen Wohlstand
festsetzen. Geschieht das nicht, riskieren wir Stillstand
und Unsicherheit. Die Europäische Union ist ohne
Zweifel der Wirtschaftspartner, den wir im nächsten
Jahrhundert brauchen. Aber sie ist weit mehr: Die EU
kann unser Partner beim Umgang mit den globalen
Problemen von Verbrechen und Umweltzerstörung,
regionalen und humanitären Krisen sein.
Wir haben durch den Einsatz der sogenannten Neuen
Transatlantischen Agenda (New Transatlantic Agenda
- NTA) viel erreicht. Dieser Prozeß hat für die Menschen hier und im Ausland viele Vorteile. Ohne die
von den Vereinigten Staaten und der Europäischen
Union übernommene Führungsrolle hätten wir keine

AMERIKA DIENST 21

�bedeutenden multilateralen Handelsabkommen über
Telekommunikations- und Informationstechnoiogie im
Wert von mehreren Milliarden Dollar erreicht. Wir
haben uns geeinigt, die Regulierungskosten für unsere
Exporteure zu senken, wodurch Handel im Wert von
57 Milliarden Dollar freigesetzt wird. Ferner haben wir
gemeinsame Projekte zur Eindämmung der nuklearen
Weiterverbreitung in Korea, zur Schließung unsicherer
Nuklearreaktoren in der Ukraine und zur Beendigung
des Handels mit osteuropäischen Frauen durch
Zuhälterringe in die Wege geleitet.
Diese echten Vorteile beinhalten auch Zusammenarbeit im Bereich humanitärer Hilfe. 90 Prozent aller
weltweiten humanitären Hilfsleistungen kommen
entweder aus den Vereinigten Staaten oder der
Europäischen Union. Die Ressourcen der EU ermöglichen einige unserer wichtigsten außenpolitischen
Initiativen. Das Hilfspaket der EU für den Nahen Osten
in Höhe von 1,9 Milliarden Dollar ist grundlegend für
den Friedensprozeß. Und die 1,7 Milliarden Dollar
Hilfe für Osteuropa - einschließlich Bosniens - übersteigen unsere eigenen Hilfsleistungen.
Eine engere Partnerschaft mit der EU kann uns jedoch
bei der Bewältigung aller drei von mir eben erwähnten
Herausforderungen helfen - die friedliche und demokratische Integration Europas, engere Bande zwischen
Europa und Amerika zur Förderung des Wohlstands
unserer Völker und gemeinsame weltweite Aktionen
über Europa hinaus zur Bewältigung globaler und
regionaler Herausforderungen.
Nachfolgend eine Liste für die Neue Transatlantische
Agenda:
Erstens werden wir die Erweiterung der Europäischen
Union und ihre weitere Integration fördern. Die
Aussicht, der demokratischen und wohlhabenden EU
anzugehören, bietet einen mächtigen Anreiz für die
Fortsetzung demokratischer und marktwirtschaftlicher
Reformen in Zentral- und Osteuropa. Zweifelsohne
werden wir sicherstellen, daß unsere Interessen in
diesem Erweiterungsprozeß gewahrt werden - aber
Erweiterung ist definitiv der Schlüssel zu unserer
eigenen Agenda für die Region.
Zweitens möchten wir, daß die Vereinigten Staaten
und die Europäische Union in für die Weltwirtschaft
schwierigen Zeiten als Säulen für Wachstum und
wirtschaftliche Stabilität dienen. Daher unterstützen
wir die Einführung einer gemeinsamen europäischen
Währung. Wir werden mit Europa zusammenarbeiten
um sicherzustellen, daß die globalen Märkte offen
bleiben und das globale Wachstum weiter zunimmt.
Unser großes Projekt besteht darin, alles in unserer
Macht Stehende zu unternehmen, um noch in diesem
Jahr Verhandlungen mit der EU über eine transatlantische Wirtschaftspartnerschaft einzuleiten, die die
Handelshemmnisse in einigen der am schnellsten

AMERIKA DIENST 21

wachsenden Sektoren der Weltwirtschaft beseitigt. Wir
werden diesen Ansatz auf die globalen Handelsgespräche ausweiten, die im kommenden Jahr
beginnen. Wenn Europa und Amerika in der Welthandelsorganisation gemeinsam handeln, können wir
die Agenda für offene Märkte auf der ganzen Welt
festsetzen.
Drittens werden wir Wege finden, um unsere politische
Partnerschaft mit Europa effektiver zu machen. Allzu
häufig waren wir unfähig, gemeinsam zu handeln, bis
Blut vergossen wurde oder wir uns mit einer humanitären Katastrophe konfrontiert sahen. Wir möchten mit
der EU zusammenarbeiten, um unsere Fähigkeit zu
gemeinsamem Handeln zu verbessern, damit wir
unverzüglich die sich schnell ausbreitenden Krisen in
Europa und darüber hinaus meistern können. Das
erfordert Zeit, aber wir sehen die Chance, einen echten
Partner bei der Bewältigung regionaler Krisen zu
gewinnen, als großen Vorteil für uns.
Viertens möchten wir mit der EU zusammenarbeiten,
um die täglichen Bedrohungen der Menschen zu
bekämpfen, die sich auf der Welt nach dem Kalten
Krieg abzeichnen. Wir schulden es den Bürgern auf
beiden Seiten des Atlantiks, uns bei der Bekämpfung
von Menschenhandel, internationalem organisierten
Verbrechen, Drogenhandel, internationalem Terrorismus und Kinderpornographie im Internet besser zu
organisieren. Wir führen ferner eine fruchtbare
Diskussion mit der EU, die die Entwicklung neuer,
flexibler Mechanismen zur Bekämpfung des globalen
Klimawandels zur Folge hat.
Fünftens möchten wir diese Partnerschaft über die
Regierungsebene hinausbringen. Sie benötigt auch
die Unterstützung von Parlamentariern, Nichtregierungsorganisationen und des Privatsektors. Persönliche Kontakte sind die Zukunft. Zuerst haben wir den
transatlantischen Wirtschaftsdialog zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmern eröffnet, der
bereits Chancen für Firmen auf beiden Seiten des
Atlantiks geschaffen hat. Jetzt folgen wir demselben
Modell, damit Arbeitnehmer, Umweltgruppen und
Verbraucher die Regierung mit ihrem Rat und ihrer
Energie besser erreichen können.
Unsere europäischen Partner wissen, daß wir ihre
Ideen zu einer tieferen und gleichwertigeren Partnerschaft willkommen heißen, um die Verbreitung von
Demokratie, Wohlstand und Sicherheit in Europa und
weltweit im nächsten Jahrhundert sicherzustellen. Wir
möchten während der beiden Gipfeltreffen, die der
Präsident 1999 mit der EU hat, konkrete Ergebnisse
hervorbringen.
Die OSZE
Abschließend möchte ich ein paar Worte über die
OSZE - die Organisation für Sicherheit und Zusam-

Seite 5

�menarbeit in Europa - sagen. In vieler Hinsicht ist sie
die am wenigsten bekannte der drei heute von mir
erörterten euroatlantischen Institutionen. Ein Großteil
ihrer Arbeit findet außerhalb des Rampenlichts statt.
Aber sie ist eine der Institutionen, deren stille Erfolge
entscheidend sind, wenn wir bei der Schaffung einer
alle einbeziehenden und nach außen gerichteten
Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und
einem ungeteilten und freien Europa Erfolg haben
wollen.
Die OSZE ist die internationale Organisation, auf die
wir weiterhin als Institution unserer Wahl für die
Förderung von Demokratie, Menschenrechten und
Rechtsstaatlichkeit in der ganzen euroatlantischen
Gemeinschaft blicken werden. Es ist die Institution, an
die wir uns wenden, wenn wir Wahlen beobachten,
Polizeikräfte als Teil der Friedenslösung vor Ort
einsetzen oder internationale Experten zusammen
bringen müssen, um beim Aufbau der sich vom Krieg
erholenden Gesellschaften behilflich zu sein. Wie
Außenministerin Albright es kürzlich formulierte,
möchten wir, daß die OSZE "den Platz zwischen
Diplomatie und Gewalt einnimmt... Menschen in den
krisengeschüttelten Regionen einsetzt und sie dort aus
dem konkreten Grund der Förderung demokratischer
Ideale und Institutionen beläßt".

haben eine Führungsrolle dabei übernommen, unter
den europäischen Politikern Unterstützung für diese
Initiative zu gewinnen. In der Tat haben wir bereits den
ersten Schritt getan: Die Entscheidung zur Einrichtung
von OSZE-Büros in allen zentralasiatischen Staaten.
Drittens möchten wir, daß die OSZE effektiv mit
anderen europäischen und euroatlantischen Institutionen wie der EU, OECD und NATO zusammenarbeitet. Äußerst vielversprechend ist das "Plattformkonzept" der OSZE, das die OSZE-Missionen im Land
als Plattform nutzen würde, die andere Demokratie
aufbauenden Organisationen - Regierungsbehörden,
internationale Gruppen und Nichtregierungsorganisationen - wiederum als ihre eigene Basis für Operationen nutzen könnten. Das Ergebnis wären weniger
Duplizität und effizientere Hilfsprogramme.
Außenministerin Albright hat auch das am besten
formuliert: "Wir möchten, daß sich die OSZE weiter zu
einer Organisation entwickelt, die mehr tut als redet.
Wir möchten, daß sie eine Organisation wird, die nicht
Berichte, sondern Ergebnisse hervorbringt... Wir
müssen neue Rollen für die OSZE bei internationalen
Bestrebungen sondieren, um Konflikte zu lösen und
Demokratie zu fördern."
Schlußbemerkung

Die OSZE muß in der neuen euroatlantischen Partnerschaft für das 21. Jahrhundert eine Schlüsselrolle
spielen. Unsere Politik zielt darauf ab, sie in dreierlei
Weise zu stärken:
Erstens möchten wir, daß die OSZE bereit ist, sich
effektiv mit Konfliktverhütung und -bewältigung zu
befassen. Über die Menschliche Dimension der OSZE
möchten wir Menschenrechte und Demokratie fördern
und den gemeinsamen Raum für Rechtsstaatlichkeit
und gewählte Regierungen erweitern. Und durch den
Einsatz der Wirtschaftlichen Dimension der OSZE
müssen wir gleichermaßen an den wirtschaftlichen
Ursachen von Konflikten arbeiten und das bürgerliche,
Handels- und Strafrechtssystem fördern.
Zweitens möchten wir auch den Horizont der OSZE
erweitem.
Obwohl wichtige Aufgaben bestehen
bleiben, hat die OSZE - mit der bemerkenswerten
Ausnahme des Balkan - ihre Mission im Zentrum
Europas im Großen und Ganzen erfüllt. Während sie
sich weiterhin auf den Balkan und Problemfälie wie
Belarus konzentriert, sollte die Organisation jetzt
Schritte unternehmen, um die Zone von Stabilität,
Sicherheit, Wohlstand und Zusammenarbeit auf die
neuen unabhängigen Staaten des Kaukasus und
Zentralasiens auszuweiten. Außenministerin Albright
und der amtierende Vorsitzende der OSZE, Geremek,

* *

Seite 6

Ich weiß, daß ich Ihnen eine lange Antwort auf die
kurze Frage gegeben habe, warum Europa und die
amerikanisch-europäischen Beziehungen für Amerika
immer noch so wichtig sind. Aber ich hoffe, es ist mir
einigermaßen gelungen, Ihnen nicht nur die Bedeutung
dieser Beziehungen zu vermitteln, sondern auch die
bestehenden Chancen, dank derer sie unseren
gemeinsamen Zielen und Werten besser dienen
können.
Während Amerikaner und Europäer auf das 2 1 .
Jahrhundert blicken, werden wir bessere Partner
finden, mit denen wir das künftige internationale
System in positiver Weise effektiv gestalten können.
Der Aufbau dieser neuen Partnerschaft wird nicht leicht
sein oder sich über Nacht vollziehen. Er wird dieselbe
Art von Engagement und Glauben an ein gemeinsames Schicksal erfordern, die die erstaunlichen
Erfolge der vergangenen 50 Jahre hervorgebracht hat.
Aber das ist es wert. Es ist eine spannende Zeit in den
amerikanisch-europäischen Beziehungen. Für mich ist
es eine wirkliche Ehre, unserem Land in dieser
historischen Zeit als Abteilungsleiter für europäische
Angelegenheiten dienen zu dürfen und heute die
Chance zu einem Gespräch mit Ihnen zu haben.

* *

*

AMERIKA DIENST 21

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
21. Oktober 1998

Die Wahrheit über die amerikanische
Verschlüsselungspolitik
Rede von Staatssekretär David Aaron

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für internationalen Handel im USWirtschaftsministerium, David Aaron, am 13. Oktober 1998 vor dem Deutschen Industrie- und Handelstag in
Bonn gehalten hat.

Politik und den Gründen dafür beginnen und mich
dann im einzelnen mit diesen Vorwürfen befassen.

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute mit Ihnen
zusammenzutreffen. Ich werde heute über Kryptographie sprechen, die ein wesentlicher Bestandteil des
elektronischen Handels (e-Commerce) der Zukunft ist.
Ich möchte Ihnen die "Wahrheit" über die amerikanische Verschlüsselungspolitik sagen, weil es während
der vergangenen Monate in der deutschen Öffentlichkeit eine entmutigende Anzahl von Verzerrungen und
Mißverständnissen über unsere Politik gegeben hat.
Einige greifen die Integrität der amerikanischen
Regierung an. Es ist besonders traurig und überraschend, solche Dinge von Regierungsvertretern eines
Landes zu hören, das unser engster Freund und
Verbündeter ist. Diese Behauptungen müssen richtig
gestellt werden, bevor sie sich negativ auf unsere
bilateralen Beziehungen auswirken.

Als amerikanischer Sondergesandter für Kryptographie hatte ich das Vergnügen, mit einer großen Zahl
führender amerikanischer und ausländischer Wirtschaftsvertreter zusammenzutreffen. Sie alle haben
mich eindringlich auf die entscheidende Bedeutung
einer schwer entschlüsselbaren Kryptographie für die
Zukunft ihrer Unternehmen und die Sicherung des
elektronischen Handels hingewiesen. Die US-Regierung ist ebenfalls der Ansicht, daß eine schwer
entschlüsselbare Kryptographie zum Schutz der
Privatsphäre und der Wirtschaft ein Muß ist.

Ich habe die Reden deutscher Regierungsmitglieder
und Politiker gelesen, die vor Ihnen gehalten wurden.
Ich habe dieselben Überschriften gelesen wie Sie:
"Die amerikanische Verschlüsselungspolitik ist der
Versuch, den globalen Kryptographiemarkt zu beherrschen." "Die Schlüssel für amerikanische Kryptoprodukte in Deutschland müssen in den USA hinterlegt
werden." "Key-Recovery-Produkte sind Hintertür für
amerikanische Nachrichtendienste." "Amerikanische
Kryptoprodukte verstoßen gegen deutsche Gesetze."
Alle diese Behauptungen sind nicht wahr.

Starke Verschlüsselung beinhaltet jedoch auch
ernsthafte Gefahren für die öffentliche Sicherheit. Der
Einsatz elektronischer Überwachung durch die
Strafverfolgungsbehörden war und ist bei der Terrorismusbekämpfung und bei vielen strafrechtlichen
Ermittlungen ein wichtiges Instrument. Kryptographie
beinhaltet die Gefahr eines Entzugs dieses Instruments - indem sie nicht nur die gerichtlich autorisierte
Überwachung, sondern auch häufigere gesetzmäßige
Durchsuchungen und die Beschlagnahme von Computern mitsamt ihren Dateien verhindert.

Ich bin heute hier, um Ihnen die Wahrheit zu sagen,
damit Sie selbst entscheiden können, welche Produkte
Sie für den Schutz Ihrer Privatsphäre, die Sicherung
Ihrer elektronischen Transaktionen und die Speicherung Ihrer wertvollen Geschäftsunterlagen benutzen.
Ich möchte mit einer kurzen Beschreibung unserer

Das amerikanische Justizministerium und die Drogenbekämpfungsbehörden haben bereits wichtige Beispiele dafür gefunden, daß sich Terroristen, Drogenhändler, Kinderpornographen und andere Verbrecher
der Kryptographie bedienten. Beispielsweise nutzte
Ramzi Yousef, eine Schlüsselfigur des Bomben-

AMERIKA DIENST 21

Die amerikanische Verschlüsselungspolitik

Seite 1

�anschlags auf das World Trade Center und ein
Mitarbeiter von Osama bin Laden, die Datenverschlüsselung, um seine Pläne für Bombenanschläge
auf elf amerikanische Verkehrsflugzeuge in Südostasien zu verheimlichen.
Wir erwarten, daß die kriminelle Nutzung nicht zu
entschlüsselnder Kryptographie zunimmt, während
diese immer stärker verfügbar wird und einfach
einzusetzen ist. Für ein Land wie Deutschland, das
Zielscheibe der ausländischen Mafia ist und Schauplatz zahlreicher terroristischer Zwischenfälle war,
beinhaltet die Abschaffung jedes möglichen Einsatzes
gesetzmäßiger polizeilicher Überwachung große
Gefahren.
Zweifelsohne muß ein Gleichgewicht zwischen den
Bedürfnissen der Unternehmen und Verbraucher und
dem Schutz der Gesellschaft als Ganzes hergestellt
werden. Was ist die Antwort? Unseres Erachtens liegt
die Antwort in Kryptosystemen, die vertrauenswürdige
Sicherheitsdienste mit gesetzmäßigem Zugang kombinieren. Mit gesetzmäßigem Zugang meine ich eine
Reihe von Technologien, die bei verschlüsselten
Daten und Mitteilungen die Wiederherstellung des
Klartextes im Rahmen einer gerichtlichen Verfügung
oder anderer rechtlicher Mittel zulassen, die bürgerliche Freiheiten schützen.
Wir haben uns nicht einem einzigen technologischen
Ansatz verschrieben. Die Infrastruktur für Schlüsselmanagement, -hinterlegung und weitere entschlüsselbare Produkte, die gesetzlichen Zugang bieten, sind
einige der Wege zur Herstellung eines vernünftigen
Gleichgewichts. Unseres Erachtens stellen marktorientierte Lösungen unter Führung der Industrie den
besten Ansatz zur Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden dar.
Zur Förderung einer solchen Zusammenarbeit forderte
Vizepräsident Gore im März einen intensiven Dialog
zwischen der amerikanischen Regierung und der
Industrie, den Strafverfolgungsbehörden und privaten
Vereinigungen. Dieser Dialog hat sich als produktiv
erwiesen und zu verschiedenen politischen Entwicklungen geführt, die zum Vorteil aller Beteiligten sind,
einschließlich ausländischer Unternehmen, die sich für
den Erwerb einer schwer entschlüsselbaren amerikanischen Kryptographie interessieren.
Im September gaben wir die folgenden Schritte
bekannt:
Kryptographie jeder Verschlüsselungsstärke, jeder
Schlüssellänge, mit oder ohne Schlüsselhinterlegung
darf jetzt mit Ausnahmen in verschiedene Sektoren
exportiert werden, darunter das Banken- und Versicherungswesen, medizinische und Gesundheitsorganisationen und online-Händler in Westeuropa, Japan und
Australien. Der Export zu Endverbrauchern oder

Seite 2

Zielen außerhalb dieser Bestimmungsorte wird von
Fall zu Fall geprüft. Die neuen Richtlinien gestatten
auch Verschlüsselungshardware und -Softwareprodukte mit einer Schlüssellänge von bis zu 56-bit
DES (Data Encryption Standard - Datenverschlüsselungsstandard) oder einem Äquivalent, das ohne
Lizenz an alle Nutzer mit Ausnahme der sieben
terroristischen Länder (Iran, Irak, Libyen, Syrien,
Sudan, Nordkorea und Kuba) exportiert wird. Nach
den neuen Richtlinien ist für diese DES-Produkte keine
Schlüsselhinterlegung erforderlich.
Zur Unterstützung der Strafverfolgungsbehörden
werden wir weiterhin die Entwicklung von KeyRecovery-Produkten fördern, indem wir unsere
Bestimmungen für solche Produkte lockern.
Unsere Politik der Ermutigung dieses Marktes funktioniert ganz offensichtlich: Sowohl amerikanische als
auch ausländische Unternehmen entwickeln als
Reaktion auf Kundennachfragen Verschlüsselungsund Entschlüsselungsprodukte.
Beispielsweise
möchte kein Unternehmen, daß ein verärgerter
Mitarbeiter seine Dateien auf Dauer verschließen
kann.
In diesem Zusammenhang müssen Exporteure vor
dem Export nicht länger zusätzliche Informationen
über die Verläßlichkeit eines Key-Recovery-Agenten
hinterlassen. Wenn Sie sich für ein amerikanisches
Key-Recovery-Produkt entscheiden und dieses
Merkmal wählen, interessiert es uns überhaupt nicht,
bei wem Sie die Schlüssel hinterlegen.
Unsere Key-Recovery-Politik ist klar. Es ist keine
Schlüsselhinterlegung bei einem Dritten. Wir verlangen nicht und haben auch nie verlangt, daß jeder
seine Schlüssel bei der US-Regierung hinterlegen muß
oder daß der Schlüssel überhaupt bei einem Dritten
hinterlegt werden muß. Wir sagen nicht, daß die
Schlüssel in den Vereinigten Staaten bleiben müssen.
Das war trotz gegenteiliger Behauptungen einiger
deutscher Regierungsgvertreter schon immer so.
Tatsächlich haben wir verschiedene Exporte genehmigt, bei denen ausländische User, einige davon hier
in Deutschland, den Schlüssel bei sich selbst hinterlegen. Der vor kurzem von uns unternommene Schritt
zur Abschaffung der Überprüfung von Key-RecoveryAgenten sollte alle denkbaren Mißverständnisse unter
den Mitgliedern Ihrer Regierung beseitigen.
Schließlich unterstützten wir auch den Export von
Produkten, die wir als "entschlüsselbar" bezeichnen.
Diese Produkte befassen sich mit der Entwicklung
örtlicher oder flächendeckender Netzwerke und der
Übermittlung von E-Mail und anderen Daten über
Netze.
Diese sogenannten "entschlüsselbaren"
Produkte gestatten die Entschlüsselung eines Textes

AMERIKA DIENST 21

�durch einen System- oder Netzwerkadministrator ohne
die Zusammenarbeit des Users.
Wir werden den Export dieser Produkte an Wirtschaftsunternehmen in den meisten großen Ländern, einschließlich Westeuropas, Japans und Australiens, für
geschäftsinterne Zwecke gestatten.
Deutschland
gehört dieser Gruppe natürlich an.
Was bedeutet das alles? Es bedeutet, daß es jeder
einzelnen ausländischen Regierung obliegt, über ihre
Politik hinsichtlich gesetzmäßigem Zugang, Schlüsselhinterlegung und ähnlichem zu entscheiden. Und
jedes ausländische Unternehmen, das amerikanische
Kryptoprodukte verwendet, kann im Rahmen dieser
Gesetze tun, was ihm beliebt.
Das heißt nicht, daß wir keine Verschlüsselung mehr
fördern, die gesetzmäßigen Zugang bietet - insbesondere im Inland, aber auch im Ausland. Abgesehen von Exportkontrollen werden wir weiterhin die
staatliche Kaufkraft nutzen. Die US-Regierung wird
starke Verschlüsselung mit Schlüsselhinterlegung für
ihre interne Kommunikation und die mit der Öffentlichkeit nutzen.
Zur Standardisierung staatlicher Beschaffung hat das
Wirtschaftsministerium einen technisch-industriellen
Beratungsausschuß ins Leben gerufen, der einen
bundesweiten Standard für die Key-Recovery ausarbeitet. Die Arbeit des Ausschusses sollte bald
abgeschlossen sein.
Wir haben die praktische Anwendbarkeit der Schlüsselhinterlegung im Rahmen von zehn Pilotprojekten
der US-Regierung erfolgreich unter Beweis gestellt.
Jetzt wollen wir einige dieser Projekte umsetzen.
Beispielsweise befaßt sich ein Pilotprojekt mit der
elektronischen Anmeldung von Patentanwendungen
beim amerikanischen Patentamt über das Internet, was
eine digitale Signatur und Verschlüsselung beinhaltet.
Ferner fassen wir neue Pilotprojekte ins Auge.
Es ist keine leichte Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Wirtschaft, dem Schutz
der Privatsphäre und der öffentlichen Sicherheit
herzustellen. Bei der Umsetzung dieser Politik planen
wir eine enge Zusammenarbeit mit allen Akteuren - der
Industrie, dem Kongreß, den Strafverfolgungsbehörden, privaten Vereinigungen und den nationalen
Sicherheitsbehörden, um die Effektivität unserer
Aktionen in diesem sich wandelnden Medium ständig
zu evaluieren und neu zu bewerten. Wir werden
weiterhin enge Konsultationen mit ausländischen
Regierungen führen, um das Wachstum sicheren
globalen elektronischen Handels zu ermutigen, ohne
unseren Kampf gegen den internationalen Terrorismus
und das internationale Verbrechen aufs Spiel zu
setzen.

AMERIKA DIENST 21

Entkräftung der Mythen
Vor diesem Hintergrund möchte ich kurz einige der
Mythen widerlegen, die über unsere Politik verbreitet
werden. Um offen zu sein, halte ich einige dieser
Behauptungen nicht nur für falsch, sondern auch für
schwer verständlich.
Vielleicht ist das alles ein
Mißverständnis, aber wir führen seit mehr als zwei
Jahren einen intensiven Dialog mit deutschen Regierungsmitgliedern, und meine Kollegen und ich sind bei
zahlreichen Gelegenheiten mit Vertretern der Bundesregierung und der Industrie zusammengetroffen, um
unsere Politik zu erörtern und Ihre Fragen zu beantworten. Wir haben uns große Mühe gegeben, um
Transparenz und ein Verständnis unserer Politik zu
erreichen. Diese Botschaft wurde nicht nur auf
Arbeitsebene übermittelt, sondern auch auf höchster
Ebene der Bundesregierung. Wir sind zur Fortsetzung
dieses Dialogs bereit.
Obwohl die Gründe für diese jüngsten Behauptungen
schwer zu finden sind, werde ich weiterhin versuchen,
unsere Position zu erklären. Unsere Beziehungen
sind zu wichtig und zu produktiv, als daß diese Mißverständnisse unser Verhältnis vergiften dürften. Während meines Besuchs werde ich mit Vertretern der
deutschen und der amerikanischen Wirtschaft, möglichen Mitgliedern der neuen Bundesregierung und der
Presse in dem dauerhaften Bestreben zusammentreffen, diese Mythen zu entkräften.
Mythos Nr. 1: "Die amerikanische Verschlüsselungspolitik ist der Versuch, den globalen Kryptographiemarkt zu beherrschen."
Diese Kritik habe ich oft gehört. Denken Sie eine
Minute darüber nach. Wenn sie berechtigt wäre,
würden wir einfach unsere Exportkontrollen abschaffen
und dem Export Tor und Tür öffnen. Man braucht nur
einige Webseiten unserer Kryptographiehersteller oder
Wirtschaftszeitschriften wie Wired zu lesen um zu
sehen, daß die amerikanischen Hersteller der Ansicht
sind, daß wir sie auf dem Weltmarkt ernsthaft benachteiligen.
Die amerikanische Softwareindustrie fühlt sich besonders durch die Tatsache behindert, daß sie im
Gegensatz zu einigen ihrer Konkurrenten 128-BitVerschlüsselung nicht frei exportieren darf. Tatsächlich haben manche ausländischen Unternehmen,
einige mit Sitz in Deutschland, die amerikanischen
Exportkontrollen für Kryptographieprodukte für ihre
Vermarktungskampagnen benutzt. Dieser Verwurf ist
angesichts dieser Tatsachen einfach lächerlich.
Mythos Nr. 2: "Die Schlüssel für amerikanische
Verschlüsselungsprodukte in Deutschland müssen in
den USA hinterlegt werden."

Seite 3

�Einer der ersten und überraschendsten Kritikpunkte
lautet, das Hauptziel der amerikanischen Verschlüsselungspolitik liege darin, die Vereinigten Staaten zum
Hinterlegungsort aller Kryptographieschlüssel zu
machen. Ich habe den deutschen Behörden wiederholt gesagt - und sage das auch heute - daß das
absolut nicht zutrifft.
Unsere Exportvorschriften
gestatten explizit die Schlüsselhinterlegung im Ausland
sowie die Selbsthinterlegung durch Unternehmen und
User.
Mythos Nr. 3: "Die Vereinigten Staaten unterstützen
Key-Recovery-Produkte als Hintertür für die amerikanischen Nachrichtendienste."
Dies steht in engem Zusammenhang mit dem vorherigen Vorwurf und ist besonders verletzend. Ich möchte noch einmal betonen: Die Vereinigten Staaten
haben nicht verlangt und verlangen nicht, daß Schlüssel in den Vereinigten Staaten hinterlegt werden und
die US-Regierung darauf Zugriff hat. Wie ich bereits
erwähnte, wurde unsere Politik in jüngster Zeit dergestalt geändert, daß jegliche staatliche Überprüfung
der Key-Recovery-Agenten abgeschafft wurde. Statt
dessen beschlossen wir, daß andere Regierungen
entscheiden können, ob ihre Key-Recovery-Agenten,
wenn sie existieren, verläßlich sind.
Das war der einzige Grund dafür, daß wir eine solche
Überprüfung überhaupt gefordert haben. Jeder, der
weiterhin solche Vorwürfe erhebt, sollte dafür Beweise
erbringen. Sonst kommt man unweigerlich zu der
Schlußfolgerung, daß diese Behauptungen um des
wirtschaftlichen Vorteils willen aufgestellt werden.
Mythos Nr. 4: "Amerikanische Kryptoprodukte verstoßen gegen deutsche Gesetze."
Offen gesagt, verblüfft mich diese Behauptung weiterhin. Die Enquetekommission des Bundestags veröffentlichte kürzlich einen Bericht, dem zufolge die
amerikanischen Vorschriften im Widerspruch zu
deutschen Gesetzen wie dem Grundgesetz, dem
Strafgesetzbuch, dem Datenschutzgesetz und dem
Telekommunikationsgesetz stehen könnten.
Es
wurden jedoch keine Beweise oder Argumente
vorgelegt, die diese Behauptung untermauern.
Es ist zweifelsohne nicht unsere Absicht, gegen
deutsche Gesetze zu verstoßen. Tatsächlich kann
man sich schwer vorstellen, wie dies angesichts der
Flexibilität unserer Politik der Fall sein könnte. Wie ich
bereits erklärte und so oft wie nötig wiederholen
werde, hat die US-Regierung nicht verlangt und
verlangt auch jetzt nicht, daß Schlüssel in den Vereinigten Staaten hinterlegt werden und die US-Regierung darauf Zugriff hat - falls dies Ihre Sorge ist.

Seite 4

Was die Hinterlegung von Schlüsseln im Ausland
anbelangt, liegt es beim Kunden oder User und der
betreffenden ausländischen Regierung zu entscheiden, wo der Schlüssel hinterlegt wird. Wie bei jeder
strafrechtlichen Ermittlung, die unsere beiden Länder
betrifft, werden die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden mit den deutschen Strafverfolgungsbehörden im Rahmen der bestehenden bilateralen Abkommen zusammenarbeiten, um Beweismaterial und
Informationen, einschließlich möglicher Schlüssel oder
Zugriff auf Klartext, auszutauschen - jedoch nur in dem
Ausmaß, wie die Bundesregierung dem zustimmt.
Die Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit
Es ist klar, daß weder weit verbreitete Verschlüsselungssysteme noch eine erfolgreiche nationale Politik
ohne internationale Zusammenarbeit möglich sind. Als
US-Sondergesandter ist mein Ziel ein internationaler
Konsens über die Entwicklung des Schlüsselmanagement und einen Hinterlegungsrahmen, der große und
verläßliche Sicherheit für die globale Informationsinfrastruktur bietet und gleichzeitig die öffentliche und
nationale Sicherheit schützt. Drei Schlüsselthemen für
die Zusammenarbeit zeichnen sich ab: Die Notwendigkeit harmonisierter Exportkontrollmaßnahmen, die
Entwicklung kompatibler Infrastrukturen und die
Notwendigkeit der Zusammenarbeit unter den Strafverfolgungsbehörden. Dies sind die realen Fragen, mit
denen wir uns befassen müssen - nicht die Mythen.
Wir planen eine Zusammenarbeit mit Ihrer Regierung
in den entsprechenden internationalen Foren, während
wir Fortschritte machen.
Zusammenarbeit und Verständigung zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten sind entscheidend für den Umgang mit einer Vielzahl von
Gefahren nach dem Ende des Kalten Krieges - von der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis
zur Bekämpfung von Terrorismus und Verbrechen.
Gesetzmäßiger Zugang zu Kryptographie ist ein
wesentliches Element in diesem Kampf. Das heißt
nicht, daß es keinen Raum für ehrliche Meinungsverschiedenheiten über Kryptographie zwischen unseren
beiden Ländern gibt. Und ohne Zweifel hat Deutschland das Recht auf die Ausarbeitung seiner eigenen
Politik - tatsächlich zieht die amerikanische Politik das
besonders in Betracht.
Es ist jedoch an der Zeit, die irrtümlichen Mythen und
Verdächtigungen hinter uns zu lassen, die unsere
Zusammenarbeit auf diesem Gebiet behindern. Ich bin
zuversichtlich, daß sowohl der Tenor als auch die
Stärken unserer traditionellen Zusammenarbeit
wiederhergestellt werden können, wenn wir uns auf die
Fakten konzentrieren.

AMERIKA DIENST 21

�WELTGERICHTSHOF
21. Oktober 1998

Amerikas Interesse an Frieden,
Sicherheit und Gerechtigkeit
von David J. Scheffer

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Sonderbotschafters für Kriegsverbrechen betreffende
Fragen, David J. Scheffer, der erstmals in Das Parlament vom 279. Oktober 1998 erschien.

Auf der ganzen Welt haben die Vereinigten Staaten die
Führungsrolle bei den Bestrebungen übernommen, die
des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Kriegsverbrechen Beschuldigten vor
Gericht zu bringen. Wir fördern und unterstützen
uneingeschränkt internationale Tribunale, um die
weitverbreitete Verletzung der Menschenrechte im
ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda zu bestrafen,
und wir unterstützen seit langem die Einrichtung eines
entsprechenden Internationalen Strafgerichtshofs.
Warum haben die Vereinigten Staaten dann gegen die
im vergangenen Monat in Rom erzielte Vereinbarung
gestimmt, einen ständigen Gerichtshof einzurichten?
Weil das Abkommen die lebenswichtigen Interessen
der Vereinigten Staaten und anderer aufs Spiel setzt,
internationalen Frieden und Sicherheit zu fördern,
während die für die schlimmsten Greueltaten Verantwortlichen straffrei ausgehen könnten. Ein solches
Ergebnis liegt kaum im Interesse der Gerechtigkeit.
Die Geschichte lehrt uns, daß die beste Hoffnung auf
Frieden und Gerechtigkeit dann gegeben ist, wenn
beides gemeinsam verfolgt wird. Die Nürnberger
Prozesse wären nicht möglich gewesen, wenn die
Alliierten das Nazi-Regime nicht besiegt hätten. Als
die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und anderer
NATO-Verbündeter Anfang 1996 in Bosnien eintrafen,
war nur ein Angeklagter in Gewahrsam genommen
worden - heute sind es 33. In der Praxis sind kollektive Aktionen häufig das einzige Mittel zur Schaffung der
Grundlage, auf der Gerechtigkeit beginnen kann.
Daher ging die amerikanische Delegation unter meiner
Leitung mit zwei parallelen Zielen nach Rom: Fortsetzung der Fortschritte zu internationaler Gerechtigkeit

AMERIKA DIENST 21

bei gleichzeitigem Schutz der entscheidenden Rolle
der Vereinigten Staaten und anderer verantwortungsvoller Mitglieder der internationalen Gemeinschaft bei
der Bewahrung von Frieden und Sicherheit durch
humanitäre Aktionen, Friedenssicherung und - falls
erforderlich - kollektive militärische Aktionen.
Wir wollten einen Gerichtshof, dem vom Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen Befugnisse für die Verfolgung
der für abscheuliche Verbrechen Verantwortlichen
verliehen werden, wer immer und wo immer sie sind,
aber auch einen Gerichtshof, dessen Fähigkeit, ohne
ein Mandat des Sicherheitsrats zu handeln, so gestaltet wäre, daß Schutz vor einer fehlgeleiteten Ausübung
von Autorität geboten würde, die legitimen nationalen
und internationalen Interessen schaden könnte.
Das war ein vernünftiger Ansatz, der ursprünglich von
einem UN-Team internationaler Rechtsexperten
unterbreitet worden war. In Rom signalisierten wir
unsere Bereitschaft zu Flexibilität bei der Übertragung
der Fälle an den Gerichtshof, hatten jedoch das
Gefühl, es sei unerläßlich, das Recht einer Regierung
zur Einschätzung der Fairneß und Unparteilichkeit des
Weltgerichtshofs anzuerkennen, bevor zugelassen
wird, daß Menschen der Zuständigkeit des Gerichtshofs in Abwesenheit einer Überweisung durch den
Sicherheitsrat unterstellt werden.
Dieser Ansatz
garantierte die Fähigkeit verantwortungsvoller Regierungen, lebensrettende Missionen ohne Angst durchzuführen, daß ihre Truppen vor ein Tribunal gezerrt
würden, das sich mit der Zeit erst noch bewähren
müßte.
Bedauerlicherweise erarbeitete eine kleine Gruppe von
Ländern während der letzten Tage der Konferenz in

Seite 1

�Rom hinter verschlossenen Türen einen kompromißlosen Text mit gravierenden Mängeln, der eine
Anleitung für die Politisierung des Gerichtshofs bietet
und das Risiko beinhaltet, verantwortungsvolle
internationale Aktionen zur Förderung von Frieden und
Sicherheit abzuschrecken. Am problematischsten ist
die außergewöhnliche Art und Weise, auf die in letzter
Minute die Zuständigkeit des Gerichtshofs formuliert
wurde. Ein Land, dessen Streitkräfte Kriegsverbrechen begehen, könnte dem Vertrag beitreten,
jedoch der strafrechtlichen Verfolgung seiner Bürger
entgehen, indem es sich für den Zeitraum von sieben
Jahren für die Nichtteilnahme an der Zuständigkeit des
Gerichtshofs für Kriegsverbrechen entscheidet. Im
Gegensatz dazu könnte ein Land, das dem Vertrag
nicht beitritt, jedoch zur Wiederherstellung von internationalem Frieden und Sicherheit seine Soldaten ins
Ausland entsendet, der Geltendmachung der Gerichtsbarkeit für die Taten dieser Soldaten ausgesetzt sein.
Im Rahmen des Vertrags darf der Gerichtshof bei
einem Verbrechen richten, wenn entweder das
Herkunftsland des Angeklagten oder das Land, in dem
das mutmaßliche Verbrechen begangen wurde,
Vertragspartei ist oder zustimmt. Somit beinhaltet der
Vertragstext, daß der Gerichtshof - selbst wenn der
Irak dem Vertrag nicht beitritt - lediglich aufgrund der
Zustimmung eines Saddam Hussein über amerikanische oder andere Soldaten Recht sprechen darf, die
an internationalen humanitären Aktionen im Nordirak
beteiligt sind, der Gerichtshof Saddam Hussein aber
nicht aus eigenem Antrieb wegen der Massaker an
seinem eigenen Volk zur Rechenschaft ziehen kann.
Diese und andere Probleme bei dem bestehenden
Vertragstext erschweren die Zusammenstellung
effektiver Koalitionen für internationale Friedenssicherung und Implementierungsmaßnahmen. Die
Schwierigkeiten werden noch erhöht, wenn der Ge-

* *

Seite 2

richtshof, wie im Vertrag vorgesehen, über einen
"Angriffskrieg" richten will, für den die Delegierten in
Rom noch nicht einmal eine Definition finden konnten.
Ausländische Regierungsmitglieder und Vertreter
nichtstaatlicher Organisationen bemühten sich in Rom,
uns zu versichern, daß in den Vertrag eingebaute
Sicherheitsklauseln - von denen viele erfolgreich von
den Vereinigten Staaten angestrebt wurden - bedeuteten, daß es für amerikanische Soldaten kein plausibles
Risiko gibt. Wir konnten eine solche optimistische
Einstellung zur Unfehlbarkeit einer noch nicht erprobten Institution nicht teilen.
Die Vereinigten Staaten bleiben der Bewältigung der
Herausforderungen von Gerechtigkeit, Frieden und
Sicherheit uneingeschränkt verpflichtet. Wir hoffen,
daß andere Regierungen die Vorteile einer potentiellen
amerikanischen Beteiligung an dem Vertrag von Rom
erkennen und seine Mängel korrigieren. Die Vereinigten Staaten können nur dann entscheidenden
Einfluß auf die Fähigkeit und Bereitschaft widerstrebender Regierungen zur Zusammenarbeit mit dem
Gericht ausüben, wenn der Gerichtshof nicht diejenigen in Gefahr bringt, die die Verantwortung für internationalen Frieden und Sicherheit übernehmen.
In der Zwischenzeit werden die Vereinigten Staaten
weiterhin die Bestrebungen anführen, diejenigen vor
Gericht zu stellen, die die grausamsten Verbrechen
begangen haben und in einigen Fällen immer noch
begehen. Wir vertrauen darauf, daß unsere Freunde
und Verbündeten bei der Bewältigung der gegenwärtigen Herausforderungen ebensoviel Entschlossenheit
zeigen wie bei der Gründung eines zukünftigen
Weltgerichtshofs. Unseres Erachtens steht für internationalen Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit zu viel
auf dem Spiel, als daß irgendetwas anderes akzeptiert
werden könnte.

* *

*

AMERIKA DIENST 21

�MENSCHENRECHTE
21. Oktober 1998

Menschenrechte und Außenpolitik
Rede von Botschafter John C. Kornblum

NÜRNBERG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Botschafters der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei der Menschenrechtstagung in Nürnberg vom 9. Oktober 1998, die vom Gesandten Michael C. Polt gehalten wurde.

Während wir darüber nachdenken, wie die internationalen Beziehungen im neuen Jahrtausend aussehen sollen, sind wir mit einer Dichotomie konfrontiert. Einerseits haben unsere Nationen mehr
Chancen zum Aufbau eines demokratischen Friedens
als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Andererseits scheint es, daß die aus den zahlreichen
Veränderungen entstehenden Herausforderungen oft
nicht zu bewältigen und manchmal sogar nicht zu
definieren sind. Chancen gehen oft in der Kakophonie
der Dispute unter.
Die Welt schreit nach Antworten. Wie gehen wir mit
Konflikten oder den humanitären Konsequenzen von
Krieg und Konfrontation um? Welche Rolle haben die
Konzepte von nationaler Souveränität oder militärischer Sicherheit, wenn nationale Grenzen immer mehr
an Bedeutung verlieren? Wie legitim ist die Verteidigung der nationalen Kultur oder Religion als Ursache
für militärische Aktionen? Was sind die neuen Methoden für den Umgang mit internationalen Konflikten?
Keine dieser Fragen kann mit Standardlösungen für
internationale Probleme beantwortet werden. Keine
kann mit traditionellen diplomatischen Methoden
bewältigt werden. Und vor allem gibt es noch kein
Leitprinzip für die Entscheidung, wie auf Konflikte
reagiert werden sollte, die durch solche Dispute
entstehen, insbesondere im Fall von Aggression gegen
den Einzelnen.
Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges
müssen wir mit der Definition der Standards beginnen,
die uns bei der Suche nach Antworten auf diese
Fragen behilflich sein können. Wenn es uns mit dem

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Aufbau einer demokratischen Basis für Frieden auf der
Welt ernst ist, müssen wir sicherstellen, daß die
Prinzipien der Demokratie gut verstanden werden. Wir
müssen Leitlinien definieren, die einem mündigen
internationalen Bürger behilflich sind, ebenso wie
unsere Gesetze und Verfassungen uns bei informierten Entscheidungen zur Unterstützung der Demokratie
im Inland behilflich sind.
Eine Zeit der Chancen
Heute möchte ich über die zunehmende praktische
Bedeutung von Menschenrechtsstandards bei der
Suche nach Lösungen für diese neuen Herausforderungen sprechen. Ich möchte Perspektiven für
die Entwicklung eines mündigen Bürgers erörtern, der
die uns konfrontierende Konfusion erfolgreich meistern
kann. Zum ersten Mal in der Geschichte haben wir die
Chance, ein neues Paradigma für die Beziehungen
zwischen Nationen und Völkern zu definieren. Wir
können harten Wettbewerb und militärische Gewalt
durch demokratische Werte als Leitprinzipien des
internationalen Lebens ersetzen.
Das ist eine große Herausforderung. Um Erfolg zu
haben, müssen Regierungen und Völker zu einer
besseren Definition der vor ihnen liegenden Herausforderungen gelangen. Wir müssen die praktische
Anwendung von Menschenrechtsstandards ebenso
praktizieren wie wir während der vielen vergangenen
Jahrhunderte Verhandlungen und Krieg praktiziert
haben. Und vor allem müssen wir das Streben nach
Menschenrechten neu definieren. Diese Disziplin
sollte nicht länger Idealisten und Weltverbesserern
überlassen bleiben, wie es immer noch allzu häufig der
Fall ist. Sie sollte als das zentrale Element einer

Seite 1

�wirklich realistischen Friedenspolitik anerkannt werden.
Vor diesem Jahrhundert gehörten Menschenrechte
eher in eine philosophische als eine praktische
Kategorie menschlichen Strebens.
Die großen
Gelehrten der Aufklärung definierten eine bislang
unbekannte Kategorie - die Idee von Gerechtigkeit als Element des öffentlichen und privaten Lebens. Die
Ideen universeller Rechte waren die Grundlage der
amerikanischen Verfassung und der französischen
Revolution. Sie entstanden in England und andernorts, fehlten aber im internationalen Leben fast völlig.
Das Leben der Nationen schien über den normalen
menschlichen Standards zu liegen. Während die
Kriege immer zerstörerischer wurden, wurden die von
den Menschen gebrachten Opfer bei internationalen
Konflikten immer größer.
Das 20. Jahrhundert war Zeuge der entsetzlichsten
Beispiele für menschliches Leid, das die Menschheit
kennengelernt hat. Krieg und politische Konflikte
forderten während der letzten 90 Jahre mehr als 100
Millionen Menschenleben. Vor 50 Jahren entwarf die
internationale Gemeinschaft einen Kodex der Menschenrechte - die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte - der heute die Grundlage für internationales und nationales Verhalten gegenüber dem
Einzelnen darstellt.

Respektierung von Menschenrechten etwas zu
bewirken. Der explosionsartige Zuwachs des Internet
bedeutet, daß Informationsverweigerung für unterdrückerische Regime immer schwieriger wird. Allgemein - und das ist die größte Hoffnung - haben wir
einzigartige Chancen, die Prinzipien umzusetzen, die
die Gründerväter der universellen Werte geschaffen
haben.
Diese Leistung resultierte aus einem der wichtigsten
konzeptionellen Durchbrüche des vergangenen
Jahrhunderts. Sie gehört zu Dekolonisierung und
Rüstungskontrolle als wirklich innovativen Schritten zu
einer friedlicheren Welt. Die Akzeptanz der zentralen
Bedeutung von Menschenrechten für die Bewahrung
von Frieden bedeutet, daß die Verletzung von Menschenrechten auch eine legitime Basis für internationales Handeln ist, einschließlich militärischer
Intervention, falls nötig. Die Ereignisse im Kosovo
verdeutlichen uns diese Prinzipien heutzutage.
Die Definition einer werteorientierten Außenpolitik
Dies ist ein wahrhaft aufregender Zeitpunkt, sich dafür
zu engagieren, Menschenrechte auf den zentralen
Platz in den internationalen Beziehungen zu bringen.
Wir haben eine große Chance, zur Bereitstellung der
Ressourcen beizutragen und eine werteorientierte
Außenpolitik in die Praxis umzusetzen.

Ich spreche von Verhalten gegenüber dem Einzelnen,
weil das Konzept der Menschenrechte mit der Souveränität und Unantastbarkeit jedes einzelnen Menschen
beginnt. Es ist die Pflicht der Staaten und führenden
Politiker, ihr Verhalten gegenüber diesen unveräußerlichen Menschenrechten zu definieren, und nicht
umgekehrt. Der Staat dient den Interessen des
Einzelnen; nicht der Einzelne den Bedürfnissen des
Staates. Dieses Grundprinzip bleibt weiterhin der
Rahmen für jedes menschliche und politische Verhalten. Obwohl es oft verletzt wird, kann es kein
UNO-Mitglied ignorieren. Es ist das Gesetz unseres
Planeten.

Insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges
wurden die Bestrebungen, Menschenrechtsprinzipien
auf praktische Weltprobleme anzuwenden, bis zur
Unkenntlichkeit erweitert. Es gibt gute Gründe für
diese dramatische Verlagerung.
In einer durch
internationale Konfrontation erstarrten Welt reduzierten
sich die so genannten "menschlichen" Anliegen der
Außenpolitik oftmals darauf, den Notleidenden zu
helfen. Tieferliegende Fragen der menschlichen
Lebensbedingungen und Konflikte waren unter der
Decke der Ost-West-Konfrontation verborgen.

Auf dieser Basis bewegt sich die internationale
Gemeinschaft kontinuierlich auf eine funktionellem
Definition von demokratischen Werten und Außenpolitik zu. Die Standards des internationalen humanitären Rechts werden auf die drängenden Erfordernisse
des Zeitalters nach dem Kalten Krieg angewandt. Wir
haben Menschenrechte zu einem legitimen Diskussionsthema bei den zwischenstaatlichen Beziehungen
gemacht. Und mit offensichtlichem Erfolg.

Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei erkannten Ost und West, daß eine
weitere Verschärfung der Spannungen zu einer
Katastrophe führen könnte. Im vorausgegangenen
Jahrzehnt war in Berlin und Kuba nahezu der Krieg
ausgebrochen. Beide Seiten waren zu einer Entschärfung der Situation bereit.

Die systematische Verletzung der Menschenrechte ist
in großen Gebieten dieses Globus eingeschränkt oder
abgeschafft worden - wobei die ehemalige Sowjetunion das beste Beispiel darstellt. Nichtregierungsorganisationen finden neue Chancen, um beim Aufbau
von Strukturen und Institutionen auf der Grundlage der

Seite 2

Das Tauwetter begann Anfang der siebziger Jahre.

Die ersten Schritte wurden hier in Deutschland gemacht. Beide Seiten einigten sich auf eine Verringerung der Spannungen in Berlin. Die Viermächteverhandlungen über Berlin waren wahrhaftig humanitäre Gespräche. Der Hauptgegenstand dieser Verhandlungen war, die Bedingungen für Ostberliner zu
verbessern und Reisen von Berlin in den Westen zu
erleichtern. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die

AMERIKA DIENST 21

�Berliner Verhandlungen eine neue Ära der Außenpolitik einläuteten. Zum ersten Mal in der Geschichte
schluckten Großmächte ihre Meinungsverschiedenheiten und schufen eine auf Verträgen gründende
Struktur humanitärer Verbesserungen als Mittel zur
Verringerung der Spannungen.
In den darauf folgenden Jahren gab es ähnliche
Bemühungen, die Normen des internationalen humanitären Rechts auf die ganze Bandbreite der Beziehungen zwischen Nationen und - was noch dramatischer
war - innerhalb der Nationen selbst anzuwenden.
Der Fortschritt kam nicht über Nacht. Es dauerte mehr
als zehn Jahre, bis man übereinkam, daß humanitäre
Gesichtspunkte ein legitimer Aspekt internationalen
Lebens sind. Der wesentliche Durchbruch kam mit der
Unterzeichnung der KSZE-Schlußakte beim Gipfel von
Helsinki im August 1975.
Dieses Dokument legte nicht nur das Menschenrechtskonzept des Westens fest; es bildete auch ein direktes
Bindeglied zwischen militärischer Sicherheit, wirtschaftlichem Austausch und der Einhaltung anerkannter Normen der Menschenrechte. Die "Operationalisierung" der Menschenrechte, wie wir es in Amerika
nennen würden, war beispiellos.
Wissenschaftler, die das Geheimnis des Zusammenbruchs des Totalitarismus zu enthüllen versuchen,
können durchaus die Schlußakte von Helsinki als
befreiendes Dokument bezeichnen. Sie sandte ein
Schauern durch die sowjetische Welt. Binnen einer
Woche nach der Veröffentlichung der Schlußakte in
Neues Deutschland erhöhte sich beispielsweise die
Zahl der Ausreiseanträge aus der DDR um 200.000.
Verlagerung des Konflikts
Als in den frühen neunziger Jahren der Zerfall der
Sowjetunion begann, zollte sogar der russische
Außenminister Andrej Kosyrew der KSZE und ihrer
Botschaft der Menschenrechte Anerkennung für den
Zusammenbruch des Kommunismus. Als das neue
Jahrzehnt begann, bestand die Hoffnung, daß das
Ende des Kalten Krieges schließlich auch das Ende
der Konflikte auf der ganzen Welt bringen würde.
Tragischerweise wurde der Konfliktschwerpunkt
verlagert. Ohne die Furcht vor nuklearer Vernichtung
fühlten sich Gruppierungen auf der ganzen Welt
ermutigt, lang unterdrückten Groll wiederzubeleben.
Das Resultat steht uns nur zu deutlich vor Augen.
Plötzlich begannen Gruppierungen und Nationen, alte
Rechnungen zu begleichen, Grenzlinien neu zu ziehen
und Vorteile einzufordern, von denen sie meinten, daß
sie ihnen seit langem zustünden.
Es war, als habe der Kalte Krieg die Welt in dem
Glauben hypnotisiert, die Geschichte sei tatsächlich an

AMERIKA DIENST 21

einem Endpunkt angelangt. Sein Ende brach den
Bann. Die Opfer waren nicht die Großmächte. Es
waren die Menschen in weit entfernten, oft entlegenen
Teilen der Welt, die den Schmerz spürten.
Präsident Bush sprach 1989 mutig von der "Neuen
Weltordnung". Keine zwei Jahre danach wurde
schmerzhaft klar, daß die Welt bei weitem nicht bereit
war für die neue Freiheit nach dem Kalten Krieg. Ein
neuer Begriff tauchte auf - die internationale Gemeinschaft. Dieser Terminus, der nicht im entferntesten
klar definiert war, signalisierte eher Hilflosigkeit als
Macht, eher Konfusion als Entschlossenheit. Von
Bosnien bis Somalia, von Afghanistan bis Tschetschenien spielten humanitäre Belange eine zentrale
Rolle.
Auf der Suche nach Antworten
Es ist wichtig zu beachten, daß die internationale
Gemeinschaft angesichts dieser Herausforderungen
nicht untätig geblieben ist. Sowohl bei den Vereinten
Nationen als auch von regionalen Organisationen wie
der NATO, OSZE, der Organisation Amerikanischer
Staaten und der Organisation für Afrikanische Einheit
wurden zahlreiche Instrumente geschaffen, um mit
dieser neuen Art von Konflikt umzugehen. Humanitäre
Organisationen waren ebenfalls kreativ bei der
Anpassung an die neue Situation. Nichtregierungsorganisationen haben in vielen Bereichen unerschrocken humanitäre Diplomatie betrieben, wo
Regierungen nicht tätig werden konnten.
Die Erfahrungen sind gemischt. Auf jeden Erfolg, wie
etwa in El Salvador oder Bosnien, kamen auch
Niederlagen. Neue Instrumente werden oft von denen
abgelehnt, für deren Hilfe sie gedacht waren. Und
bedauerlicherweise verhindern häufig die Zänkereien
zwischen größeren Mächten die Lösungen für die, die
sie am meisten brauchen.
Ein Großteil des Problems besteht in der Definition.
Nachdem wir mehr als ein Jahrzehnt darauf verwendet
haben, humanitäre Belange als legitime Aspekte
internationaler Beziehungen anzuerkennen, werden
wir nun mit einer explosionsartig zunehmenden Zahl
von Herausforderungen konfrontiert. Ein Großteil ist
kaum definiert.
Die humanitäre Arbeit von Nichtregierungsorganisationen steht zunehmend mit ethnischen oder regionalen Konflikten im Zusammenhang.
Massenmorde in Bosnien
waren sowohl Verbrechen als auch humanitäre Krisen. Der Krieg in Tschetschenien wurde
von Rußland als innere Angelegenheit bezeichnet. Dasselbe behauptet Belgrad vom
gegenwärtigen Konflikt im Kosovo. Zunehmend werden humanitäre Hilfsleistungen

Seite 3

�durch militärische
beeinträchtigt.

Auseinandersetzungen

Als OSZE-Hochkommissar für nationale
Minderheiten hat Max van der Stoel hervorragende Arbeit geleistet. Aber er wird oft
an der Einreise in ein Land mit Minderheitenproblemen gehindert, weil die Landesregierung diese Definition des Problems ablehnt.
So ist das Erreichen eines Konsenses über
die Natur ethnischer und religiöser Konflikte
eine weitere wesentliche Aufgabe.
Gleiches gilt auch für Flüchtlinge. Ein krasses
Beispiel ist die Weigerung Kroatiens, aus der
Krajina geflohene Serben weder als Flüchtlinge noch als Vertriebene zu definieren. Die
Situation in Zentralafrika entzieht sich jeglichem Verständnis.
Langsam geht man daran, dieses Problem der gemeinsamen Definitionsfindung zu lösen. Nach einem
fast zehn Jahre dauernden Konflikt über Nagorny-Karabach scheinen die beteiligten Parteien bereit,
eine gemeinsame Diskussionsgrundlage zu akzeptieren. Trotz seiner Behauptung, der Tschetschenien-Konflikt sei eine innere Angelegenheit,
gestattete Rußland der OSZE, eine Vermittlerrolle zu
spielen.
Es werden Instrumente erarbeitet. Die OSZE hat bei
der Weiterentwicklung von Methoden der Konfliktprävention und des Krisenmanagements eine Führungsrolle übernommen. Ihre Konfliktpräventionsmissionen erfüllen in mehr als zehn Ländern wichtige
Aufgaben. Ihre Rolle in Bosnien beinhaltete die
Veranstaltung von Wahlen, die Durchführung von
Rüstungskontrollverhandlungen und die Etablierung
von
Standards
für
Menschenrechte.
Die
UN-Hochkommissarin für Flüchtiingsfragen ist gleichfalls kreativ gewesen, was den Einsatz ihrer Möglichkeiten für positive Zwecke betrifft.
Die Rolle der Friedenssicherung
Im Zuge der Intensivierung dieser Konflikte waren die
Parteien bestrebt, sich zum Erhalt der Ordnung auf das
Militär zu stützen. Traditionelle Konzepte der Friedenssicherung entwickelten sich rasch zu einer
Vielzahl militärischer Aufgaben. Die meisten davon
sind neu. Unsere führenden Militärs sind noch nicht
mit ihnen vertraut und zögern, sich auf nicht erprobte
Missionen einzulassen. Die derzeitigen Rollen der
Friedenssicherung variieren - von normaler Beobachtung und Präsenz zu konkreten Kampffunktionen.
Es gab mehrere wichtige Erfolge. Die IFOR/SFOR in
Bosnien, die UN-Truppen in Kambodscha und El
Salvador sowie die Albanien-Mission unter Leitung

Seite 4

Italiens zeigten, wie die wohlüberlegte Anwendung
militärischer Stärke einen wichtigen Beitrag leisten
kann.
Es gab jedoch auch deutlich sichtbare Fehlschläge.
Obwohl die Entsendung der UNPROFOR nach
Jugoslawien von wohlmeinenden Absichten getragen
war, erwies sie sich als unbefriedigend sowohl für die
Schutzbedürftigen als auch für die Beschützer selbst.
Obwohl die UNPROFOR aus Streitkräften zusammengesetzt war, war ihre Struktur nicht auf die Erfüllung
einer Militärmission ausgerichtet. Das Ergebnis war
Konfusion und im Falle von Srebrenica eine Tragödie.
Wenn eine Streitmacht erst einmal entsandt ist, stellt
sich die Definition der laufenden Mission als sehr
schwierig dar. Wir hatten keine genauen Informationen über die militärische Bedrohung und die Einsatzbedingungen. Die IFOR-Mission begann mit der
konkreten Arbeit der Truppenentflechtung. Sie ging
schnell zu Aufgaben im Bereich der öffentlichen
Ordnung und des Schutzes von Flüchtlingen über. Im
September 1996 konnte die IFOR eine zentrale Rolle
bei den Wahlen in Bosnien übernehmen, die vom
Daytoner Abkommen vorgeschrieben wurden. Die
Rolle der SFOR beinhaltet in zunehmendem Maße
auch allgemeine wirtschaftliche und humanitäre
Aufgaben.
Dennoch ist ihre Rolle weiterhin umstritten. Die
legitime Funktion der SFOR im Hinblick auf Kriegsverbrecher war kompliziert und kontrovers. Die jüngsten
Erfolge zeigen, daß solche Aufgaben ebenfalls erfüllt
werden können - jedoch nur, wenn sie militärisch
möglich sind.
Die Frage der Kriegsverbrecher veranschaulicht eine
der ständigen Debatten über die Friedenssicherungstruppen. Die führenden Politiker finden es oft nützlich,
die Streitkräfte für verschiedene Aufgaben einzusetzen. Es ist jedoch nicht vertretbar, das Militär zu
Aufgaben heranzuziehen, die nicht innerhalb seiner
Richtlinien erfüllt werden können. Ich weiß, daß
humanitäre Organisationen sich oft eine noch umfassendere militärische Unterstützung wünschen. Ich
kann nicht vorhersagen, wie sich die Rolle des Militärs
entwickeln wird. Wir können von unseren Truppen
jedoch keine Dinge erwarten, die nicht ihren von ihnen
definierten Fähigkeiten entsprechen.
Die zunehmende Integration militärischer und diplomatischer Bestrebungen wirft auch Fragen über die
Legitimität der Truppenentsendung auf. Wann stellen
militärische Aktivitäten, die den Schutz von Menschenrechten vorgeben, tatsächlich eine Aggression
dar? Die serbische Militärintervention in Bosnien und
jetzt im Kosovo war nackte Aggression unter dem
Deckmantel des Schutzes von Menschenrechten. Und
wann hat die internationale Staatengemeinschaft das

AMERIKA DIENST 21

�Recht zurückzuschlagen,
unerträglich wird?

wenn

die

Aggression

Wie die Diskussion dieser Woche beweist, sind die
Vereinigten Staaten der festen Überzeugung, daß die
serbische Verletzung des internationalen humanitären
Rechts im Kosovo eine militärische Reaktion eindeutig
rechtfertigt. Und es ist nicht legitim zu behaupten, die
NATO könne nicht zur Bewahrung der Menschenrechte intervenieren, weil andere dieselbe Entschuldigung
für eine weniger noble Intervention benutzen könnten.
Wenn wir 1948 auf dieses Argument gehört hätten,
hätte es keine Berliner Luftbrücke gegeben. Die
Verpflichtung der NATO zu Demokratie sollte sie über
Vergleiche mit anderen erheben, wie laut deren
Forderungen auch vorgebracht werden mögen.
Oder was ist mit der Anwendung oder Androhung von
Gewalt durch die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und andere Verbündete, einschließlich Deutschlands,
während der Konfrontation mit Saddam Hussein im
letzten Winter? Es ist offenkundig, daß die Diplomatie
manchmal nur erfolgreich ist, wenn sie vom Einsatz
von Gewalt begleitet wird.
Und hier schließt sich der Kreis. Die Verbindung
zwischen Demokratie und Sicherheit wurde in der
Schlußakte von Helsinki festgelegt. Die Prinzipien der
Demokratie sollten unsere Standards sein. Der
Umgang mit so genannten verbrecherischen Staaten
ist eine Aufgabe für alle Demokratien. Starkes Vorgehen gegen andere ist jedoch nur dann gerechtfertigt,
wenn diese Demokratien bei den von ihnen in solchen
Konflikten angelegten Maßstäben selbst Vorsicht
walten lassen. Unsere Legitimierung als Verteidiger
des internationalen humanitären Rechts ergibt sich
nicht nur aus unserer militärischen oder wirtschaftlichen Macht, sondern auch aus unserem eigenen
Streben nach diesen Prinzipien.
Das ist ein wichtiger Grund, warum die Vereinten
Nationen nach der Tragöde in Bosnien ein Kriegsverbrechertribunal zur Untersuchung und Bestrafung der
verübten Verbrechen eingerichtet haben. Das Mandat
wurde später auf Zentralafrika ausgeweitet. Die Arbeit
des Tribunals ist grundlegend, um diese entsetzlichen
Geschehnisse aufzuklären.
Der internationale Strafgerichtshof
Das 20. Jahrhundert hat viele Bestrebungen zur
Einführung offizieller Mechanismen zur Konfliktschlichtung gesehen. Es gibt sie jetzt bereits in einer
Vielzahl von Organisationen.
Der Internationale
Gerichtshof in Den Haag und die Konfliktschlichtungsmechanismen der OSZE in Genf sind vertraglich
festgelegte Instrumente, die praktisch nie genutzt
werden.

AMERIKA DIENST21

Das bedeutet nicht, daß wir es nicht versuchen sollten.
Die internationalen Kriegsverbrechertribunale in Den
Haag und Arusha erfüllen eine wesentliche Funktion.
Die Einrichtung eines internationalen Strafgerichtshofs
stellt eine Priorität der Clinton-Administration dar. Ich
bin mir bewußt, daß es zwischen den Vereinigten
Staaten und ihren europäischen Partnern unterschiedliche Ansichten zur Funktionsweise des Strafgerichtshofs gibt. Dies zeigte sich beim Abschluß der
Konferenz von Rom im Juni. Die Vereinigten Staaten
sind überzeugt, daß die im Konzept von Rom enthaltenen Mängel gravierend sind. Es besteht die Gefahr,
daß dieser Rahmen von Menschenrechtsverletzern
zur Unterstützung ihrer negativen Ziele benutzt werden
könnte. Aber Meinungsverschiedenheiten über die
Einzelheiten des Projekts schmälern nicht die Bedeutung des Ziels. Die Vereinigten Staaten hoffen, in der
Zukunft mit ihren Partnern zusammenarbeiten zu
können, um Änderungen der umstrittenen Bestimmungen des Vertrags von Rom vorzuschlagen. Wir hoffen,
daß andere Regierungen in den kommenden Jahren
die Vorteile einer möglichen amerikanischen Beteiligung an der Verbesserung der derzeitigen Version
erkennen.
Auf dem Weg zu einer neuen Friedensdisziplin
Ich habe zu beweisen versucht, daß es keine einfache
Antwort auf die Herausforderungen gibt, die ich an den
Anfang dieses Vortrags gestellt habe.

Wir sind am

Beginn einer neuen Friedensdisziplin, die die Instrumente der traditionellen Diplomatie mit Standards
von Demokratie und freien Marktwirtschaften kombiniert. Das ist kein idealistischer Vorschlag - es ist
harte Realität. Die Geschichte hat klargestellt, daß
Offenheit und Toleranz die einzigen sicheren Methoden für Frieden und Wohlstand sind. Aber die Institutionen zur Erlangung einer werteorientierten
Friedensdisziplin stecken noch in den Kinderschuhen.
Das öffentliche Bewußtsein konzentriert sich noch auf
die traditionellen Instrumente der Machtpolitik. Nationen in Schwierigkeiten möchten nicht immer durch
Methoden unterstützt werden, die politische Macht
unterminieren könnten. Aber die Demokratie gewinnt.
Die jüngsten Wahlergebnisse in der Slowakei demonstrieren die Macht der demokratischen Methode.
Die Definition dieser neuen Friedensdisziplin ist eine
Aufgabe für die ganze Welt, aber die Vereinigten
Staaten sind häufig am stärksten mit den Auswirkungen dieses neuen Paradigmas konfrontiert. Wir
werden als die einzige Supermacht der Welt bezeichnet. Man erwartet von uns oft, die Rolle eines Polizisten zu spielen, während gleichzeitig die speziellen
Empfindlichkeiten der beteiligten Länder berücksichtigt
werden sollen. Wenn Verhandlungen scheitern, sind
wir es, von denen man die Wiederherstellung der
Ordnung erwartet. Aber unsere militärische Rolle wird

Seite 5

�häufig von eben den Ländern kritisiert, die unseren
Schutz genießen.
Ein Großteil dieser Konfusion ist verständlich. Sie
besteht auch in den Vereinigten Staaten. Sie ist ein
normales Ergebnis einer Periode raschen Wandels.
Aber unseren Interessen ist nicht gedient, wenn die
stärkste Macht der Welt sich wiederholt Konflikten und
Widersprüchen über ihre stabilisierende Rolle gegenübersieht. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten
Staaten wird nicht lange Maßnahmen unterstützen, die
nirgendwohin zu führen scheinen. Und selbst unsere
stärksten Bündnisse können durch Unterschiede in der
Wahrnehmung geschwächt werden, wie wir sie in
jüngster Zeit auf dem Balkan und am Persischen Golf
beobachtet haben.
Das ist ein Grund, warum die Vereinigten Staaten
führend darin sind, Konzepte und Strukturen zu
entwickeln, die sowohl Frieden garantieren als auch
Instrumente zur Konfliktbewältigung bieten.
Die
Entwicklung der NATO in den vergangenen zehn
Jahren war dramatisch. Neben dem Erhalt seiner
militärischen Strukturen ist das Bündnis zunehmend
darauf ausgerichtet, Sicherheit und Kooperation auf die
ehemals kommunistischen Gebiete Europas zu
übertragen. Konsultationen, gemeinsame Manöver und
Friedensmissionen spielen eine wesentliche Rolle bei
der Definitionsproblematik, die ich vorhin erwähnte.
In Europa fällt der OSZE eine Schlüsselrolle zu. Ihre
Kreativität bei der Entwicklung von Instrumenten zur
Konfliktprävention habe ich bereits erwähnt. Die
Konsultationsmechanismen sind ganz wichtig, um die
Kommunikation aufrechtzuerhalten. Die OSZE ist aber
häufig Druck ausgesetzt. Ihre Hilfe wird von denen
abgelehnt, die sie am dringendsten benötigen. Andere
dagegen streben danach, sie zu einem formellen
Durchsetzungsmechanismus zu machen und berauben sie so ihrer lebenswichtigen flexiblen, politischen
Grundlagen.
Die Vereinigten Staaten vertreten hierzu einen von
Prinzipien geleiteten Standpunkt. Organisationen wie
die UNO und die NATO haben formelle Durchsetzungsbefugnisse. Die OSZE formuliert die wesentlichen Standards und Wertegrundlagen, die so interpretiert werden können, daß sie individuellen Bedürfnissen entsprechen. Sie sorgt für einen Entwicklungsprozeß, der durch regelmäßige Durchsetzungsrevisionen überprüft werden kann.
Oft hört man Forderungen nach mehr Macht für die
OSZE. Gleichzeitig wird aber das mächtigste Instrument überhaupt - die Vision der Freiheit - oftmals
ignoriert. Dieses Problem betrifft insbesondere eine
Reihe europäischer Länder, sowohl im Osten als auch
im Westen, die dieses neue Zeitalter noch nicht
verstanden haben. Unsere Suche nach einer neuen
Friedensdisziplin muß mit grundlegenden Prinzipien

Seite 6

beginnen. Komplexe Strukturen, Verträge oder sogar
militärische Mittel können nicht mit dem Wunsch
konkurrieren, ein selbstbestimmtes Leben zu definieren. Die Sowjetunion hatte diese Lektion zu spät
gelernt.
Eine aus dieser neuen Ära gewonnene Einsicht ist in
dieser Debatte festgehalten. Wie Präsident Clinton
erklärt hat, bewegen wir uns rasch von Rückgriff auf
enforcement auf eine Vision von empowerment als
Grundlage unserer demokratischen Weltordnung zu.
Der mündige Bürger kann nicht auf Verträge und
Resolutionen zurückgreifen, um die Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts zu erklären. Es ist ein
Gefühl gemeinsamer Verantwortung für die Herausforderungen des neuen Zeitalters, das die Unterstützung für Demokratie hervorbringt. Menschen, die
Unterdrückung erdulden mußten, können nicht durch
rechtliche Argumente gezwungen werden, ihre Träume
aufzugeben. Aber die Schaffung eines Gefühls von
persönlichem empowerment und gemeinsamer
Verantwortung kann zur Gewährleistung von Toleranz
und Frieden beitragen. Eine neue Friedensdisziplin
muß den Bedürfnissen der Völker gerecht werden, die
diese definieren. Diese Bedürfnisse sind nicht immer
friedlich oder demokratisch. Sie führen oft zu Konflikten. Aber sämtliche Bestrebungen, eine Beilegung
dieser Konflikte zu erzwingen, sind zum Scheitern
verurteilt.
Empowerment ist für viele Europäer ein kompliziertes
Wort. Der Begriff hat etwas leicht Subversives, als ob
Kontrollstrukturen angegriffen würden. Empowerment
bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe, was an Aktivitäten an der
Basis denken läßt und daran, wie Bürger entdecken,
daß sie auch auf den Gebieten ein Mitspracherecht
haben, die vorher der politischen Elite vorbehalten
schienen. Empowerment beinhaltet auch, daß die
Sicherheit nicht mehr ausschließlich von den einflußreichen Staaten bestimmt wird. Jeder Bürger und
jeder Staat hat ein Interesse und ein Mitspracherecht
an unserer gemeinsamen Zukunft. Ein mündiger
Bürger muß erkennen, daß ihm eine legitime Rolle in
den internationalen Diskussionen zukommt.
Moderne Technologie und Kommunikation haben
Durchsetzung in dem Sinn unmöglich gemacht, daß
Ideen nicht kontrolliert und Währungstransfers an
Grenzen nicht gestoppt werden können sowie Nachrichten und Kultur zu jeder Zeit überall verfügbar sind.
Die Gesellschaften, die eine Definition von Kultur oder
Gesellschaft durchzusetzen versuchen, werden
zwangsläufig scheitern.
Eine Landkarte für die Zukunft
Vertrauen, empowerment, mündige Bürger und vor
allem die Fähigkeit, Chancen zur Förderung von
Menschenrechten zu erkennen, sollten wichtige
Elemente sein, während wir versuchen, eine Landkarte

AMERIKA DIENST 21

�für die Zukunft der Menschenrechte zu entwerfen. Es
reicht nicht aus, einfach nur auf Krisen zu reagieren,
nachdem sie entstanden sind. Und wir sollten uns
auch nicht damit zufriedengeben, universelle Prinzipien anzusehen wie wunderschöne Sterne - Dinge, die
bewundert werden, aber außerhalb der Reichweite des
Menschen liegen. Unsere in diesem Jahrhundert
gemachten Fortschritte sollten jede Auffassung
widerlegen, daß es absolute Grenzen für den Schutz
der Menschenrechte gibt.
Die Anpassung der Macht unserer Ideale an praktische außenpolitische Themen kann auch eine Botschaft der Hoffnung für ein verwirrte Welt definieren.
Bei all dem Gerede über den Kampf der Kulturen, bei
all den uns konfrontierenden komplexen Fragen, bei all
den Debatten über Methoden der Konfliktverhütung ist
es wichtig, sich daran zu erinnern, daß es einen
universellen Standard gibt, der alle Völker vereint. Ich
habe diese Frage kürzlich mit Professor Samuel
Huntington diskutiert, dessen weithin gelesenes Buch
das Thema von Trennlinien zwischen Kulturen erörtert.
Professor Huntington unterstrich seine Überzeugung,
daß der einzige einigende Faktor auf der Welt die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und ihre
Konzentration auf die Rechte des Einzelnen ist. Das
ist nach wie vor die mächtigste Botschaft auf der Welt.

*

AMERIKA DIENST 21

In der Tat beinhaltet meine wichtigste Botschaft an Sie
heute, Menschenrechte als Verfassung für eine
demokratische Welt zu begreifen. Als einzelne Bürger
nutzen wir die in unserer Verfassung niedergelegten
Rechte und Privilegien. Wir übernehmen die Verantwortung für unser Land. Warum können dieselben
Impulse nicht unser Verhalten in der internationalen
Staatengemeinschaft leiten? Ein Schlüssel ist, wie ich
bereits betonte, die Einführung dieser Prinzipien zu
Hause, um mündige und engagierte Bürger hervorzubringen, die sich für dieses wichtigste Element der
internationalen Beziehungen interessieren - die
Verpflichtung der Regierungen gegenüber ihren
eigenen Bürgern.
Erfolg bei diesen Bestrebungen wird bisher ungekannte Energien und Aktionen in den Beziehungen zwischen
Nationen
freisetzen.
Die
elektronische/technologische Revolution ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie die Werte der Offenheit die
Welt verändern können. Ein die Beziehungen zwischen Völkern leitendes neues Paradigma zeichnet
sich bereits ab. Unsere Aufgabe besteht jetzt darin,
ihm Bestand zu verleihen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 7

�MENSCHENRECHTE
21. Oktober 1998

Vereinigte Staaten verurteilen Unterdrückung der
Medien und der bürgerlichen Gesellschaft
durch die serbische Regierung
Erklärung von James B. Foley

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 9. Oktober 1998 abgegebene Erklärung des
Stellvertretenden Sprechers des US-Außenministeriums, James B. Foley, zur staatlichen Unterdrückung der
unabhängigen Medien und Menschenrechtsorganisationen in Serbien.

Die Vereinigten Staaten verurteilen aufs Schärfste die
gegen die serbischen unabhängigen Medien und
Menschenrechtsorganisationen
ausgesprochenen
Drohungen, darunter die Androhung von physischer
Gewalt, sowie die von Präsident Milosevic und der
Belgrader Führung unternommenen Aktionen, dissidierende Professoren der Universität Belgrad zu entlassen. Ferner unterstreichen wir, daß wir von Serbien
zugleich die uneingeschränkte Zusammenarbeit mit
dem Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige
Jugoslawien erwarten. Das Vorgehen der serbischen
Regierung gegen die serbische bürgerliche Gesellschaft zeigt offen die wahre Agenda des Regimes.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, daß Belgrad
die internationale Staatengemeinschaft ersucht, seine
im Kosovo unternommenen positiven Schritte zur
Kenntnis zu nehmen. Serbische Politiker drohten
Mitgliedern von Menschenrechtsgruppen und den
unabhängigen Medien öffentlich physische Gewalt an.
Infolge der staatlichen Einschüchterung mußten die
unabhängigen Medien die Übertragung ausländischer
Radio- und Fernsehsendungen 48 Stunden lang
einstellen.
Es ist schockierend, welchen Druck
Belgrad auf die Medien ausübt.

In der Zwischenzeit gefährden politisch motivierte
Entlassungen an der juristischen Fakultät der Universität Belgrad die akademische Freiheit und beinhalten das Risiko weiterer politischer Unterdrückung. Die
serbische Regierung sollte die entlassenen Professoren wieder einstellen, gewährleisten, daß keine
weiteren Entlassungen erfolgen und die Gesetze
außer Kraft setzen, die diese Entlassungen fordern.
Die für die Greueltaten im Kosovo Verantwortlichen
müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Der UNSicherheitsrat hat die Zuständigkeit des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien für die
Kriegsverbrechen im Kosovo bestätigt. Wir erwarten
von Serbien uneingeschränkte Zusammenarbeit und
arbeiten mit dem Tribunal und den Vereinten Nationen
an Maßnahmen zur Erlangung dieses Ziels.
Das Vorgehen Belgrads im Kosovo ist nur ein Symptom für das übergeordnete politische Problem in
Serbien.
Langfristig können nur demokratische
Institutionen und die Respektierung der grundlegenden
Menschenrechte die Basis dafür schaffen, daß Serbien
seinen rechtmäßigen und friedlichen Platz in Europa
einnimmt.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

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