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                  <text>^ D S ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^rioN ^

Z12462 C

13

ELEKTRONISCHER HANDEL

I.Juli 1998

DALEY KRITISIERT VORSCHLAG DER EU
ZU ELEKTRONISCHEM HANDEL
Rede des Wirtschaftsministers

LUFTBRÜCKE

DER 50. JAHRESTAG DER
BERLINER LUFTBRÜCKE
Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE DEUTSCH-AMERIKANISCHE
PARTNERSCHAFT
von Botschafter John C. Kornblum

WÄHRUNG

DER 50. GEBURTSTAG DER D-MARK
Ansprache von Botschafter Kornblum

HUMANITÄRE HILFE

HUMANITÄRE HILFE ZWISCHEN
ANSPRUCH UND WIRKLICHKEIT
Rede von Botschafter John C. Kornblum

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�£

VEREINTE NATIONEN

GEMEINSAM WENN MÖGLICH, ALLEIN WENN
NÖTIG: DIE VEREINIGTEN STAATEN UND
DIE VEREINTEN NATIONEN
Rede des Gesandten Michael C. Polt

WEITERVERBREITUNG

USA BEDAUERN VERHÄNGUNG VON
SANKTIONEN GEGEN INDIEN UND PAKISTAN
Rede von Karl Inderfurth

�ELEKTRONISCHER

HANDEL
I.Juli 1998

Daley kritisiert Vorschlag der EU
zu elektronischem Handel
Rede des Wirtschaftsministers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Wirtschaftsminister William Daley am 22.
Juni 1998 vor dem Weltkongreß über Informationstechnologie in Fairfax County (Virginia) gehalten hat.

Ich bin heute hier, um über den amerikanischen Markt
zu sprechen. Das ist eine angenehme Aufgabe, denn
wir haben eine sehr gesunde Volkswirtschaft. Seit
dem Amtsantritt von Präsident Clinton wurden 16
Millionen Arbeitsplätze geschaffen. Wir haben die
niedrigste Arbeitslosenquote seit 28 Jahren und den
kleinsten Bundeshaushalt seit 35 Jahren.
Ich sprach kürzlich mit einigen Praktikanten, die uns in
den Sommermonaten aushelfen und stellte fest, daß
ich selbst Praktikant war, als unser Land zum letzten
Mal einen Haushaltsüberschuß hatte.
Ich weiß, daß sich einige unserer internationalen
Besucher über die Stärke unserer Volkswirtschaft
wundern. Wir haben sie durch die bittere Medizin des
Abbaus und der Streichung von Programmen gestärkt,
und dem Patienten ging es bald besser. Wir hielten
dieses eine Mal die volkswirtschaftlichen Regeln ein,
und der Markt spürte, daß wir es ernst meinten.
Aber Ihnen gebührt ein großer Teil des Verdienstes.
Sie brauchen bloß Business Week oder Fortune zu
lesen - alle schreiben, daß sich die digitale Wirtschaft
in rasantem Tempo entwickelt und das Internet jedes
Unternehmen und die gesamte Industrie in Amerika
verändern wird. Die Absolventen dieser Universität
werden eine Unternehmensgründung wahrscheinlich
mit der Einrichtung einer Webseite anstatt mit der
Anmietung von Büroraum beginnen.
Ich möchte dies mit einigen Graphiken illustrieren. In
den letzten fünf Jahren fand mehr als ein Viertel des
realen Wirtschaftswachstums im Informationstechnologiebereich statt. Ich wiederhole: Während dieses
Zeitraums entfiel mehr als ein Viertel des Wachstums

AMERIKA DIENST 13

auf die Informationstechnologien.
dafür.

Ich danke Ihnen

Wie Sie sehen, macht dieser Industriezweig bereits
mehr als acht Prozent unserer Volkswirtschaft aus doppelt so viel wie vor 20 Jahren.
An dieser Graphik sehen Sie, daß Investitionen in
Informationstechologien 45 Prozent aller Ausrüstungsinvestitionen ausmachen - gegenüber drei Prozent in
den sechziger Jahren.
In Branchen wie
Kommunikations- und Versicherungswesen sowie
Immobilienhandel stellen sie drei Viertel der Ausrüstungsinvestitionen dar.
Hier sehen Sie, daß die fallenden Preise für Informationstechnologieprodukte die Inflationsrate um einen
ganzen Prozentpunkt gesenkt haben. Ich möchte
betonen, wie wichtig das ist: Die Inflationsrate ist so
niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr.
Aus der letzten Graphik ersehen Sie, daß dies sehr gut
bezahlte Arbeitsplätze sind: Das Einkommen liegt 64
Prozent über dem Durchschnittseinkommen des
Privatsektors. Der durchschnittliche Arbeitnehmer im
Informationstechnologiebereich hat ein Jahreseinkommen von nahezu 46.000 Dollar.
Vor fast einem Jahr baten mich Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore zu prüfen, wie unser weiteres
Vorgehen beim elektronischen Handel (E-Commerce)
aussehen sollte. Der Präsident möchte nicht, daß die
Regierung durch ihr Vorgehen diesen Erfolg in irgendeiner Weise beeinträchtigt. Infolgedessen beschlossen wir im letzten Jahr, daß der Privatsektor die
Führungsrolle übernehmen soll.

Seite 1

�Offen gesagt ist es auch die Pflicht einer Regierung
sicherzustellen, daß sich die Unternehmen richtig
verhalten. Wir müssen die Verbraucher schützen.
Wir müssen die Kinder schützen. Unternehmen, die
das nicht verstehen, sind kurzsichtig.
Ich werde dem Präsidenten im kommenden Monat
über unsere Fortschritte berichten.
Die Zeit wird knapp. Und es könnten sich noch Dinge
ereignen, die meine Entscheidungen beeinflussen hoffentlich positive Dinge. Ich möchte dem, was ich
dem Präsidenten berichte, also nicht vorgreifen.
Gestatten Sie mir jedoch, einige Bereiche anzusprechen, mit denen wir uns befaßt haben.
Erstens, Schutz der Privatsphäre - der entscheidende
Punkt. Wenn die Verbraucher den Eindruck bekommen, daß andere Einblick in ihre Transaktionen
erhalten, wenn sie ein Flugticket oder Aktien kaufen,
haben sie meines Erachtens zum letzten Mal
Geschäfte über das Internet getätigt.
Morgen werden wir einen Gipfel zu dieser Frage
veranstalten. Wir werden Bilanz ziehen. Ich werde
einige Maßstäbe vorgeben. AI Westin und Harris
werden eine Umfrage veröffentlichen, die - wieder
einmal - zeigt, wie besorgt die Amerikaner über dieses
Thema sind.
Ich will ganz offen sein: Kürzlich habe ich meiner
Besorgnis Ausdruck verliehen, daß die Industrie zu
langsam handelt. Der Gipfel wird ihr eine Gelegenheit
bieten, uns ihre Produkte zu zeigen.
Heute Morgen traf ich mit den Mitgliedern des Bündnisses für den Schutz der Privatsphäre zusammen.
Das Bündnis vertritt 50 Unternehmen und Verbände.
Wir werden seinen Vorschlag in den nächsten Tagen
eingehend prüfen.
Mein erster Eindruck war, daß das Bündnis dem
Schutz der Privatsphäre von Kindern besondere
Aufmerksamkeit widmet - was mir gefällt. Man stimmte
überein, daß von Kindern unter 13 Jahren ohne

Zustimmung der Eltern keine Informationen eingeholt
werden dürfen. Und das Bündnis stimmte zu, daß die
Verbraucher eine Weitergabe ihrer persönlichen Daten
ausschließen können.
Heute Morgen informierten mich die Vertreter des
Bündnisses, daß sie bis zum 15. September brauchen
werden, um einen Vorschlag über die Durchsetzung
der Beschlüsse auszuarbeiten. Offen gesagt bin ich
enttäuscht, daß ich noch warten muß, bevor ich
erfahre, wie die Industrie eine Selbstkontrolle vornehmen will. Ich teilte den Vertretern des Bündnisses mit,
daß es nicht ausreicht, Prinzipien zu formulieren - um
erfolgreich zu sein, braucht man einen besseren Weg

Seite 2

zu ihrer Durchsetzung, damit die Verbraucher Vertrauen haben können. Sie stimmten dem zu.
Alles in allem war das ein Schritt in die richtige Richtung. Viele weitere Schritte werden sich als erforderlich erweisen. Beim morgigen Gipfel werden wir hören,
was andere unternehmen. Beispielsweise habe ich
erfahren, daß das Better Business Bureau heute ein
Programm zum Schutz der Privatsphäre ankündigen
wird. Und ich weiß, daß TRUSTe, das sehr gut
umgesetzt wird, ebenfalls strenge Prinzipien zum
Schutz des Privatsphäre verabschiedet.
Zweitens bin ich besorgt über den unzureichenden
Schutz geistigen Eigentums online. Es ist undenkbar,
daß eines Tages jeder, der einen Computer hat,
sämtliche je gesungenen Lieder, alle je gedrehten
Filme, jede je geschaffene kreative Arbeit herunterladen kann. Und das wird möglich sein, ohne daß die
hinter dieser Arbeit stehende Begabung je einen
Pfennig dafür bekommt.
Wir haben zwei Verträge ausgehandelt, die internationale Standards für den Schutz von urheberrechtlich
geschützten Arbeiten, musikalischen Darbietungen
und Tonbandaufnahmen aufstellen. Sie legen die
Regeln fest.
Vor kurzem verabschiedete der Senat die Gesetze
über die Durchführung mit 99 zu 0 Stimmen. Derzeit
werden sie im Repräsentantenhaus debattiert, und ich
rufe den Kongreß auf, seine Arbeit schnell zu beenden.
Drittens benötigen wir meines Erachtens Standards für
die Authentifizierung von über das Internet abgewickelten Transaktionen. Wie können Sie wissen, wer der
Absender einer E-Mailnachricht wirklich ist? Oder
können Sie sicher sein, daß eine dritte Partei die
Nachricht nicht geändert hat? Unternehmen müssen
wissen, daß die Person, die das Geschäft tätigt,
wirklich diese Person ist.
Die Technologien zur Lösung dieses Problems stehen
zur Verfügung - und es werden mehr. Was die
Menschen benötigen, ist ein berechenbarer rechtlicher
Rahmen. Einige - insbesondere unsere Freunde in
Europa - möchten detaillierte Gesetze. Meine Sorge
ist, daß wir nicht genug über die Entwicklung dieses
Marktes wissen, um zu wissen, wie diese Gesetze
lauten sollten.
Daher haben wir eine internationale Konvention
vorgeschlagen, die die durch den Papierkrieg entstandenen Hindernisse für elektronisch ausgeführte
Transaktionen beseitigen würde. Und sie würden den
Parteien die Befugnis verleihen, rechtlich durchsetzbare grenzüberschreitende Transaktionen in die Wege
zu leiten. Wir hoffen, daß andere Länder zustimmen,
diese Bestrebungen in diesem Monat in den Vereinten
Nationen weiterzuverfolgen.

AMERIKA DIENST 13

�Viertens möchte ich einen weiteren Punkt mit meinen
europäischen Kollegen besprechen.

2000 wird es die volle Verantwortung übernehmen,
und wir gehen in den Ruhestand.

Im Februar unterbreitete die Europäische Kommission
den Vorschlag, daß die Regierungen eine internationale Charta verabschieden, um einen Rahmen für
die Koordinierung des globalen Kommunikationswesens, insbesondere des elektronischen Handels, zu
schaffen.

Siebtens haben wir als Nebenprodukt unserer starken
Wirtschaft eine interessante Chance: Es gibt mehr
Computer-Arbeitsplätze als Menschen mit den dafür
erforderlichen Qualifikationen. In den nächsten 10
Jahren benötigen wir 1,3 Millionen neue Arbeitnehmer
in der Informationstechnologie.

Der Vorschlag war äußerst provozierend. Ich freue
mich, daß ich ihn heute Morgen mit Kommissar
Bangemann erörtern konnte. Offen gesagt, enthält er
viele Probleme. Er sieht Mandate für mehr staatliche
Lösungen vor - statt der Industrie und dem Markt die
Führung zu überlassen.

Meiner Ansicht nach kann die Regierung das Problem
schlaglichtartig beleuchten. Aber - um es nochmals zu
wiederholen - meines Erachtens müssen die Unternehmen das in Angriff nehmen. Sie müssen den Menschen behilflich sein, den Übergang zu sich wandelnden Arbeitsplätzen zu schaffen. Sie müssen zusammenarbeiten, um die Arbeitnehmer umzuschulen.
Sie müssen enger mit führenden Universitäten wie der
George Mason University zusammenarbeiten.

Meines Erachtens haben wir bereits genügend Orte,
an denen internationale Aktivitäten koordiniert werden.
Wir haben die Gremien für internationale Standards,
die OECD, die Vereinten Nationen. Was wir brauchen,
ist eine Industrie, die diese Organisationen aktiver
unterstützt - keine neue Organisation.

Wenn Geschäftsführer Aufträge ablehnen müssen,
weil sie nicht die richtigen Leute finden können, dann
muß es ihnen mit Veränderungen ernst sein.

Im Oktober wird die OECD das Ministertreffen über
E-Commerce in Ottawa einberufen. Das ist der Ort, an
dem die Probleme bei der Besteuerung, dem Schutz
der Privatsphäre sowie die Auswirkungen von ECommerce auf die globale Wirtschaft angesprochen
werden sollten.

Achtens und letztens möchte der Präsident unsere
Computer besser vor Angreifern des Cyberspace
schützen - seien es organisierte Verbrecher, Insider
oder Hacker. Vergangenen Monat hat der Präsident
das Büro zum Schutz entscheidender Infrastruktur ins
Leben gerufen.

Fünftens habe ich vor kurzem über die Kryptographiepolitik unserer Regierung gesprochen. Ich unterstütze
Präsident Clintons Ziel eindeutig. Er möchte ein
Gleichgewicht zwischen Strafverfolgung, nationaler
Sicherheit, Schutz der Privatsphäre und kommerziellen
Interessen herstellen. Aber seit viel zu langer Zeit
haben wir keine Einigung erzielt, wie wir dieses
Gleichgewicht erreichen können.

Das ist keine Schlacht, in der Soldaten das Schlachtfeld kontrollieren. 90 Prozent unserer ComputerInfrastruktur ist in Händen des Privatsektors. Um es
nochmals zu wiederholen: Ich hoffe, Sie werden eine
aktive Rolle spielen. Und das Wirtschaftsministerium und ich persönlich - werden bei der Zusammenarbeit
mit Ihnen eine Führungsrolle übernehmen.

In den vergangenen beiden Monaten haben wir
konstruktiv mit der Industrie, dem Privatsektor und
Vertretern der Strafverfolgungsbehörden zusammengearbeitet, um eine ausgewogene Lösung zu finden.
Ich war erfreut, daß Justizministerin Reno und FBIDirektor Freeh kürzlich mit Vertretern der Industrie
zusammengetroffen sind, um dies voranzubringen.
Die Industrie und die Strafverfolgungsbehörden
müssen eng zusammenarbeiten, um Lösungen zu
finden, die den Erfordernissen der Strafverfolgung und
der nationalen Sicherheit gerecht werden. Ich hoffe,
daß wir bis zum Herbst ein Abkommen erzielen.
Sechstens haben wir Anfang dieses Monats bekanntgegeben, daß wir die staatliche Einflußnahme auf
Internetadressen beenden.
Wir legen sie in die
Hände, in die sie gehört: private. Wir hoffen, daß bis
Oktober ein neues, vom Privatsektor geschaffenes
Unternehmen den Betrieb aufnimmt. Und bis zum Jahr

AMERIKA DIENST 13

Ich habe heute über viele Initiativen gesprochen. Und
es gibt noch mehr. Wir arbeiten an der Abschaffung
von Zöllen und der Zollfreiheit für das Internet. Wir
unterstützen die Entwicklung von technischen Standards durch den Privatsektor.
Unsere Forscher sind der Industrie bei der Verbesserung der Kompatibilität von Technologien und
der Entwicklung der nächsten Generation des Internet
behilflich.
Und ich möchte hinzufügen, daß wir im Wirtschaftsministerium uns meines Erachtens immer wieder mit
den Beschwerden der Industrie über den Schutz der
Privatsphäre, den Personalmangel, die Internetadressen befaßt haben. Um ehrlich zu sein, habe ich
dafür gelegentlich Kritik geerntet.
Manche denken, die Industrie tanzt auf allen Hochzeiten, geht den wirklichen Problemen aus dem Weg,

Seite 3

�spielt auf Zeit - und die Regierung sollte sich der
Sache annehmen.

einmischen, dann muß die Industrie eine Führungsrolle
übernehmen - und zwar eine echte.

Aber schlechte Gesetze lähmen Innovationen. Jeder,
der Washington kennt, weiß, wenn es ein Problem gibt,
wird es besser von Unternehmern gelöst als von
Gesetzgebern. Deswegen sage ich ein letztes Mal,
wenn Sie möchten, daß wir in der Regierung uns nicht

Die Uhr tickt. Schon bald werde ich dem Präsidenten
Bericht erstatten, der wiederum dem amerikanischen
Volk Bericht erstattet. Ich hoffe aufrichtig, daß die
Industrie sich der Sache annimmt,

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 13

�LUFTBRÜCKE

I.Juli 1998

Der 50. Jahrestag der Berliner Luftbrücke
Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Stellvertretende Verteidigungsminister John
Hamre am 27. Juni 1998 aus Anlaß des 50. Jahrestages der Berliner Luftbrücke bei der Eröffnung des
AlliiertenMuseums gehalten hat.

Diese Woche vor 50 Jahren, als Joseph Stalins
Eiserner Vorhang um ein freies Berlin fiel, wurde das
letzte Schlachtfeld eines Weltkriegs das erste
Schlachtfeld des Kalten Kriegs.

beeindruckend. Denn hier sehen wir Exponate von
der Schlacht der Ideen, die unser Jahrhundert definierte. Wir sehen historische Relikte eines Kampfes,
der unser Leben definierte.

In den frühen Tagen der Blockade sagte der Berliner
Bürgermeister Ernst Reuter: "Völker der Welt, schaut
auf Berlin."

Als wir Kinder waren, war der Motorenlärm der Berliner
Luftbrücke gerade am verebben. Während des langen
Kampfes im Zwielicht zwischen Tyrannei und Freiheit,
den Berlin verkörperte, wurden wir erwachsen.

Die Welt schaute in der Tat auf Berlin. Und was sie
sah, war nicht nur eine Stadt, sondern ein Symbol - ein
Symbol der Entschlossenheit, ein Symbol des Widerstands und letztlich ein Symbol der Freiheit.
Als die Welt auf Berlin schaute, sah sie die Berliner, die
sich fast unüberwindbaren Schwierigkeiten gegenübersahen, Felder zu Rollbahnen machten und die
Lebensmittel und das Feuer der Freiheit von einer
Brücke in der Luft entluden.

Wir erinnern uns, daß wir Teenager waren, als Präsident Kennedy vor der Mauer stand und voller
Vertrauen erklärte, daß er sich auf den Tag freue, "an
dem alle die Freiheit haben und Ihre Stadt und Ihr Land
wieder vereint sind, wenn Europa geeint ist und
Bestandteil eines friedvollen und zu höchsten Hoffnungen berechtigten Erdteils ist". Wir erinnern uns
daran, daß Präsident Reagan sagte: "Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder."

Als die Welt auf Berlin schaute, sah sie die Verpflichtung der Verbündeten zu einem freien Deutschland. Eine Verpflichtung, die durch den Motorenlärm
ununterbrochener Flüge Realität wurde. Durch über
277.000 Flüge, mit denen mehr als 2,3 Millionen
Tonnen Nahrungsmittel, Brennstoff und Medikamente
geliefert wurden.

Der Tag, auf den Kennedy sich freute, ist jetzt vorüber.
Die von Präsident Reagan geforderte Tat wurde
Wirklichkeit. Die Hoffnungen aller freiheitsliebenden
Menschen auf der Welt wurden erfüllt. Und wir stehen
heute in diesem wunderschönen Museum, um den
Triumph dieser Hoffnungen zu feiern und all denen zu
danken, die diesen Tag möglich gemacht haben.

Die Feierlichkeiten in dieser Woche führen uns zurück
zu dem historischen Augenblick, als einige der dunkelsten Tage der Freiheit zu den größten Triumphen der
Freiheit gemacht wurden.

Heute schauen die Menschen auf der Welt immer noch
auf Berlin nicht nur als eine Stadt. Die neue Hauptstadt eines vereinigten Deutschlands ist weiterhin ein
Symbol der Freiheit. Und dieses Museum wird
künftige Generationen daran erinnern, daß Freiheit
niemals umsonst ist. Es wird Zeugnis für die Tatsache

Dieses Museum ist für uns alle etwas Besonderes,
aber für meine Generation ist es auf besondere Weise

AMERIKA DIENST 13

Seite 1

�ablegen, daß der Geist der Freiheit die machtigsten
Mauern der Unterdrückung niederreißen kann.
Heute lebt dieser Geist fort, inspiriert und nährt das
transatlantische Bündnis und verstärkt unsere Bemühungen, das Europa der Zukunft zu gestalten. Er ist
lebendig während wir neue Brücken bauen und
Ungarn, Polen und der Tschechischen Republik die
Hand der NATO-Mitgliedschaft reichen. Er ist lebendig
in der Partnerschaft für Frieden und in unseren
Bestrebungen, Grundlagen der Zusammenarbeit mit
Ländern im Übergang - wie Rußland und der Ukraine aufzubauen. Und er ist lebendig während wir gegen
den Haß in Bosnien angehen und versuchen, eine
Eskalation im Kosovo zu verhindern. In der Tat hilft
uns der Geist von Berlin - der Geist der Freiheit - alte
Trennlinien zu überwinden und ein neues Europa für
ein neues Jahrhundert aufzubauen.
In diesem Museum gibt es viele Erinnerungen an
diesen Geist. Eines der Symbole, das einen besonderen Platz in den Herzen der Amerikaner und aller
Verbündeten hat, ist das Wachhaus, das einst der
Checkpoint Charlie war - der letzte Kontrollpunkt auf

der Straße vom Amerikanischen Sektor nach Ostberlin. "Sie verlassen jetzt den Amerikanischen Sektor"
stand auf dem Schild neben dem Kontrollpunkt. An
anderen Übergängen der Alliierten las man: "Sie
verlassen jetzt den Britischen Sektor" oder "Sie
verlassen jetzt den Französischen Sektor.
Jahrzehntelang symbolisierten der Checkpoint Charlie
und andere alliierte Kontrollpunkte sowohl die letzte
Verteidigung gegen Tyrannei als auch den Weg in die
Freiheit. Der Checkpoint Charlie ist jetzt in diesem
Museum zu sehen - seine Arbeit als Wachhaus ist
getan.
Jetzt wollen wir uns zum Aufbau eines Europas
verpflichten, in dem wir keine Checkpoint Charlies
benötigen. Wir wollen uns zum Aufbau eines Europas
verpflichten, in dem es keine Notwendigkeit für
Betonmauern und Stacheldraht gibt, um die Menschen
im Land und die Ideen herauszuhalten. Wir wollen uns
zum Aufbau eines Europas verpflichten, das selbst der
Weg zu Offenheit und Freiheit für die ganze Menschheit ist. Und wir wollen uns immer an Berlin als
mächtigstes Symbol dieser Freiheit erinnern.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 13

�USA-DEUTSCHLAND
I.Juli 1998

50 Jahre deutsch-amerikanische Partnerschaft
von Botschafter John C. Kornblum

FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Botschafters der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei einem Empfang am 23. Juni 1998 in
Frankfurt am Main aus Anlaß des 50. Jahrestages der Steuben-Schurz-Gesellschaft und der Partnerschaft
zwischen Frankfurt am Main und den Vereinigten Staaten.

Wir sind heute hier, um zwei besondere Aspekte der
deutsch-amerikanischen Freundschaft zu feiern: Den
50. Jahrestag der Steuben-Schurz-Gesellschaft und
die 50-jährige Partnerschaft zwischen Frankfurt am
Main und den Vereinigten Staaten.
Diese beiden Aspekte haben die Partnerschaft zwischen unseren Ländern in praktischer Weise bereichert. Ich bin überzeugter denn je, daß die deutschamerikanische Freundschaft voller Leben und Enthusiasmus ist. Letzten Monat, als Präsident Clinton in
Deutschland war, haben wir deutlich gespürt, welch
großes Interesse Deutsche und Amerikaner aneinander haben. Der Präsident hat die besondere
Bedeutung der deutsch-amerikanischen Partnerschaft
beschrieben, als er sagte: "Es ist schwer, sich einen
besseren Freund oder Verbündeten vorzustellen als
die Bundesrepublik Deutschland."
Das hohe Maß an Verständnis zwischen unseren
Ländern haben wir in vielerlei Hinsicht dem Engagement von Organisationen wie der Steuben-SchurzGesellschaft und den persönlichen Kontakten zwischen Deutschen und Amerikanern hier in Frankfurt zu
verdanken. Ihr Engagement ist eine Verkörperung
unserer Beziehungen - der zwischenmenschlichen
Bande, die unsere beiden Länder in Freundschaft und
Einvernehmen verbinden.
Eine Errungenschaft möchte ich hervorheben:
Dieses Jahr feiern Sie den 50. Geburtstag der
Steuben-Schurz-Gesellschaft. Es gibt keinerlei Anzeichen für eine "Midlifecrisis". Im
Gegenteil: Sie setzen es sich weiterhin zum

AMERIKA DIENST 13

Ziel, die Freundschaft zwischen unseren
Ländern zu fördern und zu festigen.
Meine Damen und Herren, das Fundament der
deutsch-amerikanischen Partnerschaft war nie stärker.
Deutschland und Amerika sind aus verschiedenen
Gründen natürliche Partner geworden. Wir haben in
den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam
eine neue Friedensstruktur in Europa geschaffen - eine
Struktur, die auf der Grundlage neuer Beziehungen
über den Atlantik hinweg ruht.
Die Vereinigten Staaten unterhalten natürlich enge,
kooperative Beziehungen zu zahlreichen Verbündeten
in Europa. Aber es war Deutschland, mit dem wir die
neue Nachkriegsdefinition unserer Welt erarbeiteten.
Deutschland hatte sogar vor 1945 viel mit den Vereinigten Staaten gemein. Unsere natürliche Freundschaft war jedoch von den Nazis zerstört worden und
in einem grausamen Krieg untergegangen. Nach 1945
war es nicht möglich, einfach dort weiterzumachen, wo
wir aufgehört hatten. Wir mußten etwas völlig Neues
schaffen.
Jeder von uns hatte eine wichtige Rolle. Amerika bot
die Vision, die Mittel und die Verpflichtung, sich in der
neuen atlantischen Gemeinschaft weiterhin zu engagieren, die aus dem alten europäischen Gleichgewicht
entstanden war, das durch den Zweiten Weltkrieg
zerstört wurde. Deutschland brachte Energie, Mut und
eine Vision von Demokratie in Deutschland und
Europa ein, die aus der dauerhaften Gemeinschaft
über den Atlantik hinweg erwuchs.
Eine weitere treibende Kraft war, wie Sie wissen,
emotionaler Natur. Kurz nach dem Krieg entdeckten

Seite 1

�wir die große Übereinstimmung von Einstellung und
Ansatz unserer beiden Länder wieder. Deutschland
und Amerika gingen aufgrund der starken Ähnlichkeit
unserer Völker und Gesellschaften eine natürliche
Partnerschaft ein.
Eine historische Errungenschaft dieser Partnerschaft
war die Wiedervereinigung Deutschlands. Die Rückkehr der Freiheit nach ganz Deutschland schloß ein
leidvolles Kapitel der deutschen und europäischen
Geschichte. Gleichzeitig war dies ein charakteristisches Moment einer neuen und sogar noch hoffnungsvolleren Phase unserer Bestrebungen, eine sogar
noch kraftvollere transatlantische Gemeinschaft
aufzubauen.
Amerika war aus zweierlei Gründen ein wesentliches
Element bei der Wiedervereinigung: Wir glaubten
unbeirrt an das Ziel eines geeinten Deutschlands, und
wir hatten die Mittel, dazu einen Beitrag zu leisten.
Unsere Vision von Deutschland und Europa war nicht
von historischen Ressentiments oder Konkurrenzdenken verdunkelt.
Deutschland und die Vereinigten Staaten sind offene
Gesellschaften, die am Scheideweg des Wandels
stehen. Wir sind, jeder auf seine Weise, ein Magnet
für die neuen und oftmals beunruhigenden Tendenzen
auf der ganzen Welt. Jeder von uns hat die Fähigkeit,
diese Veränderungen zu verarbeiten und sich daran
anzupassen. Wir sind Meister darin, neue Lösungen
vorzuschlagen.
Wir sind nicht immer derselben Meinung. Aber in den
meisten Fällen sind es Deutschland und Amerika, die

bei der Lösung des Problems eine zentrale Rolle
spielen. Wenn unsere beiden Länder diesen pragmatischen Ansatz wählen, können wir beim Umgang mit
den neuen Herausforderungen auf kooperativer Basis
helfen, selbst wenn wir nicht in allen Einzelheiten
übereinstimmen.
Jetzt ist es an der Zeit, über neue Aktivitäten zur
Stärkung unserer zwischenmenschlichen Kontakte und
Ausweitung unserer Vereine und Freundschaften
nachzudenken. Insbesondere jetzt, da die Bürger sich
aufgerufen fühlen, Eigeninitiative zu ergreifen, anstatt
auf eine Führungsrolle ihrer Regierung zu warten,
nimmt die Rolle von Privatinitiativen an Bedeutung zu.
Ich rufe Sie auf, Ihre erfolgreiche Arbeit fortzusetzen,
indem sie neue Möglichkeiten für die Bereicherung der
deutsch-amerikanischen Freundschaft finden.
Heute müssen wir unsere Aufmerksamkeit vor allem
auf die Zukunft richten. Das heißt jedoch nicht, daß wir
die Vergangenheit vergessen sollten. Ich würde mir
wünschen, daß wir uns auf unsere gemeinsamen
Interessen und Werte konzentrieren und gleichzeitig
neue Wege suchen.
Wie Carl Schurz 1881 in einer Rede vor der Chamber
of Commerce in New York erklärte, ruhen die Beziehungen zwischen der Alten und der Neuen Welt "auf
einer sehr einfachen, natürlichen und soliden Basis".
Diese Basis wurde in den vergangenen 50 Jahren in
hohem Maße durch das Interesse verstärkt, das
unsere Länder und unsere Bürger aneinander zeigen.
Wir haben eine starke Grundlage. Darauf müssen wir
aufbauen.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 2

* * *

*

AMERIKA DIENST 13

�WAHRUNG
I.Juli 1998

Der 50. Geburtstag der D-Mark
Ansprache von Botschafter Kornblum

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 19. Juni 1998 bei einem Festakt aus Anlaß
des 50. Geburtstags der D-Mark gehalten hat.

Vielen Dank für die Gelegenheit, an der heutigen
Veranstaltung teilzunehmen. Einige von Ihnen mögen
sich fragen, warum ein amerikanischer Botschafter den
Feiern zum 50. Geburtstag der D-Mark beiwohnt.

sie auf die Fähigkeit hin, sich auf pragmatische
Ansätze zu einigen.

Ich habe erst vor kurzem einige interessante Einzelheiten über die Rolle der Vereinigten Staaten bei

Die deutsch-amerikanische Partnerschaft, die im Lauf
der Jahre gereift ist, beinhaltet viele Beispiele für
pragmatische Lösungen schwieriger Probleme. Wenn
wir mit schwierigen Herausforderungen konfrontiert

der Einführung der D-Mark erfahren:

waren, konnten wir unglaubliche Harmonie zeigen.

wie 1947 und 1948 die ersten Banknoten in
den Vereinigten Staaten gedruckt wurden und
den heutigen 50-Dollar-Scheinen stark ähnelten,
wie sie im Rahmen einer Operation mit dem
Decknamen "Bird Dog" tonnenweise nach
Frankfurt transportiert wurden
und wie ein junger amerikanischer Luftwaffenoffizier namens Tenenbaum der D-Mark nicht
nur ihren Namen gab, sondern auch die
Zweifler unter den Alliierten und Deutschen
davon überzeugte, daß eine radikale und
umfassende Währungsreform Deutschland
Wohlstand bringen würde.
Die Einführung der D-Mark war ein kontroverser
Schritt. Sie stellte den Wendepunkt in der Entwicklung
der Bundesrepublik dar, denn sie beendete die
Rationierung und zentrale Planung und bot fast von
einem Tag auf den anderen Anreize zur Herstellung
von Gütern, die für echtes Geld verkauft werden
konnten. Sie machte das deutsche Wirtschaftswunder
möglich.
Die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit bei der
Währungsreform 1948 war Vorbote bestimmter
Ereignisse in unseren Beziehungen. Vor allem deutete

AMERIKA DIENST 13

Und diese Harmonie ermöglichte uns, die Arbeit zu
tun.
Die Berliner Luftbrücke ist hierfür ein wunderbares
Beispiel. Jeder wußte, was notwendig war. Jeder
wußte, was getan werden mußte.
Deutschland ist stolz auf den Erfolg der D-Mark. Diese
Erfolgsgeschichte geht Hand in Hand mit der Schaffung von Frieden und Wohlstand in Europa. Und es
sind Frieden und Wohlstand, die es Europa ermöglicht
haben, Schritte zur weiteren Integration zu unternehmen.
Derzeit bereiten Sie mit der Einführung des Euro einen
weiteren mutigen Schritt zur europäischen Integration
vor. Das ist kein Bruch mit der Vergangenheit.
Vielmehr ist es ein Anzeichen von Kontinuität.
Die Integration Europas endet nicht mit der Einführung
des Euro. Die Vollendung Europas steht auf der
Tagesordnung, und das bedeutet die Erweiterung der
Union. Im Idealfall bezieht diese Erweiterung so viele
Länder wie möglich ein. Denn die europäische
Geschichte des letzten halben Jahrhunderts hat
gezeigt, daß das beste Mittel zur Ausweitung von
Freundschaft und Wohlstand unter den Menschen
Europas die Schaffung gemeinsamer Interessen und
Ziele ist. Wie Präsident Clinton letzten Monat in Berlin
erklärte, haben Europa und Amerika "ein gemein-

Seite 1

�sames Schicksal, weil wir uns logischerweise auf eine
gegenseitige Abhängigkeit zubewegen, die für beide
Seiten von Vorteil ist; jede Nation wird stärker und
wohlhabender aufgrund des Erfolgs seiner Nachbarn
und Freunde".
Deutschland kommt eine besondere Rolle zu.
Deutschland hat die einzigartige Fähigkeit, eine Brücke
zwischen Ost und West zu schlagen. Deutschland ist
ein Modell, weil es die unglaubliche Fähigkeit gezeigt
hat, sich zu wandeln und zu erneuern - sei es 1945

oder 1989. Und schließlich hat Deutschland sehr
großes Interesse daran, daß diese Länder prosperieren und sich zu starken Demokratien entwickeln.
Am 50. Geburtstag der D-Mark blicken wir mit Stolz auf
das zurück, was wir trotz aller Schwierigkeiten erreicht
haben und sehen hoffnungsvoll auf alles, was wir noch
leisten können.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 13

�HUMANITÄRE

HILFE
I.Juli 1998

Humanitäre Hilfe zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Rede von Botschafter John C. Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, bei der vom Deutschen Roten Kreuz am 17. Juni
1998 in Berlin veranstalteten Konferenz über humanitäre Hilfe gehalten hat.

Es ist mir eine Ehre und eine Freude, heute Abend zu
Ihnen sprechen zu dürfen. Als Diplomat bewundere
ich oft die Arbeit des Roten Kreuzes in Krisengebieten
auf der ganzen Welt. Als Vermittler mit beträchtlicher
Erfahrung im Krisenmanagement habe ich oft von den
Instrumenten profitiert, die Sie während der letzten 130
Jahre entwickelt haben. Und als Bürger bin ich immer
wieder beeindruckt von der Selbstlosigkeit und
Einsatzbereitschaft, die Sie oft angesichts großen
Elends zeigen.
Dieses Jahr markiert den 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der
heutige Tag den 45. Jahrestag der Massendemonstrationen in der DDR - Demonstrationen, die mit
sowjetischen Truppen und Panzern beantwortet
wurden. Dies ist daher ein angemessener Tag,
darüber zu sprechen, wie Menschenrechte in den
Mittelpunkt internationaler Beziehungen gerückt sind
und wie die internationale Staatengemeinschaft am
besten ihre Mittel zum Schutz der Menschenrechte
einsetzen kann.
Ich möchte bei meinen heutigen Ausführungen auf
meine Erfahrungen zurückgreifen. Unser Thema
heute lautet "humanitäre Hilfe zwischen Anspruch und
Wirklichkeif. Allein durch diesen Titel wird das Thema
schwierig. Was ist humanitäre Hilfe? Sind es Lieferungen von Nahrungsmitteln und Medikamenten für die
Opfer von Flutkatastrophen oder ist es Flüchtlingshilfe
in Kriegszeiten? Ist es die Vermittlung zwischen
Konfliktparteien oder Finanzhilfe für Katastrophenopfer?
All diese Definitionen sind zutreffend, aber das Thema
ist weitaus umfassender. Insbesondere seit dem Ende

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des Kalten Krieges ist die sogenannte humanitäre
Seite internationaler Angelegenheiten bis zur Unkenntlichkeit erweitert worden. Mitarbeiter des Roten
Kreuzes können ganze Bücher über die schwierigen
Situationen schreiben, denen sie sich an Orten wie
Bosnien oder Tschetschenien gegenübersahen und
wo traditionelle Definitionen nicht mehr greifen.
Es gibt gute Gründe für diese dramatische Ausweitung
des Themas. In einer Welt, die in internationaler
Konfrontation erstarrt war, reduzierten sich die sogenannten "menschlichen" Anliegen der Außenpolitik
oftmals darauf, den Notleidenden zu helfen. Tieferliegende Fragen der menschlichen Lebensbedingungen
und Konflikte waren unter der Decke der Ost-WestKonfrontation verborgen.
Das Tauwetter begann Anfang der siebziger Jahre.
Obwohl die Kodifizierung des humanitären Völkerrechts im 19. Jahrhundert begonnen hatte, war dessen
Anwendung bis zum Beginn des Zeitalters der Entspannung fast ausschließlich rhetorischer Natur.
Nach dem Einmarsch der Sowjetunion in der Tschechoslowakei erkannten Ost und West, daß eine
weitere Verschärfung der Spannungen zu einer
Katastrophe führen könnte. Im vorausgegangenen
Jahrzehnt war in Berlin und Kuba nahezu der Krieg
ausgebrochen. Beide Seiten waren zu einer Entschärfung der Situation bereit.
Neuanfang in Berlin
Die ersten Schritte wurden hier in Berlin gemacht. Ich
hatte die Ehre, an den Viermächte-Verhandlungen
über Berlin teilzunehmen. Dies waren wahrhaftig

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�humanitäre Gespräche. Der Hauptgegenstand dieser
Verhandlungen war, die Bedingungen für Ostberliner
zu verbessern und Reisen von Berlin in den Westen zu
erleichtern. Es ist nicht übertrieben zu sagen, daß die
Berliner Verhandlungen eine neue Ära der Außenpolitik einläuteten. Zum ersten Mal in der Geschichte
waren humanitäre Aspekte zentrales Thema von
Verhandlungen der Großmächte.
Die darauf folgenden Jahre zeugten von einem
Strukturaufbau zur Anwendung der Normen des
internationalen humanitären Rechts auf die Gesamtheit
der Beziehungen zwischen Nationen und - was noch
dramatischer war - innerhalb der Nationen selbst.
Der Fortschritt kam nicht über Nacht. Es dauerte mehr
als zehn Jahre, bis man übereinkam, daß humanitäre
Gesichtspunkte ein legitimer Aspekt internationalen
Lebens seien. Der wesentliche Durchbruch kam mit
der Unterzeichnung der KSZE- Schlußakte beim Gipfel
von Helsinki im August 1975.
Dieses Dokument legte nicht nur das Menschenrechtskonzept des Westens fest; es bildete auch ein direktes
Bindeglied zwischen militärischer Sicherheit, wirtschaftlichem Austausch und der Einhaltung anerkannter Normen der Menschenrechte. Die "Operationalisierung" der Menschenrechte, wie wir es in Amerika
nennen würden, war beispiellos.
Wissenschaftler, die das Geheimnis des Zusammenbruchs des Totalitarismus zu enthüllen versuchen,
können durchaus die Schlußakte von Helsinki als
befreiendes Dokument bezeichnen. Sie sandte ein
Schauern durch die sowjetische Welt. Binnen einer
Woche nach der Veröffentlichung der Schlußakte in
Neues Deutschland erhöhte sich beispielsweise die
Zahl der Ausreiseanträge aus der DDR um 200.000.
Verlagerung des Konflikts
Als in den frühen neunziger Jahren der Zerfall der
Sowjetunion begann, zollte sogar der russische
Außenminister Andreij Kosyrew der KSZE und ihrer

Es war, als habe der Kalte Krieg die Welt in dem
Glauben hypnotisiert, die Geschichte sei tatsächlich an
einem Endpunkt angelangt. Sein Ende brach den
Bann. Die Opfer waren nicht die Großmächte. Es
waren die Menschen in weit entfernten, oft entlegenen
Teilen der Welt, die den Schmerz spürten.
Präsident Bush sprach 1989 mutig von der "Neuen
Weltordnung". Keine zwei Jahre danach wurde
schmerzhaft klar, daß die Welt bei weitem nicht bereit
war für die neue Freiheit nach dem Kalten Krieg. Ein
neuer Begriff tauchte auf - die internationale Gemeinschaft. Dieser Terminus, der nicht im entferntesten
klar definiert war, signalisierte eher Hilflosigkeit als
Macht, eher Konfusion als Entschlossenheit. Von
Bosnien bis Somalia, von Afghanistan bis Tschetschenien spielten humanitäre Belange eine zentrale
Rolle.
Auf der Suche nach Antworten
Es ist wichtig zu beachten, daß die internationale
Gemeinschaft angesichts dieser Herausforderungen
nicht untätig geblieben ist. Sowohl bei den Vereinten
Nationen als auch von regionalen Organisationen wie
der NATO, OSZE, der Organisation Amerikanischer
Staaten und der Organisation für Afrikanische Einheit
wurden zahlreiche Instrumente geschaffen, um mit
dieser neuen Art von Konflikt umzugehen. Humanitäre
Organisationen wie das Rote Kreuz waren ebenfalls
kreativ bei der Anpassung an die neue Situation. Auch
die wichtige Rolle der Nichtregierungsorganisationen
bei diesen Anstrengungen möchte ich hervorheben.
Nichtregierungsorganisationen haben in vielen Bereichen unerschrocken humanitäre Diplomatie betrieben,
wo Regierungen nicht tätig werden konnten.
Die Erfahrungen sind gemischt. Auf jeden Erfolg, wie
etwa in El Salvador oder Bosnien, kamen auch
Niederlagen. Neue Instrumente werden oft von denen
abgelehnt, für deren Hilfe sie gedacht waren. Und
bedauerlicherweise verhindern häufig die Zänkereien
zwischen größeren Mächten die Lösungen für die, die
sie am meisten brauchen.

Botschaft der Menschenrechte Anerkennung für den

Zusammenbruch des Kommunismus. Als das neue
Jahrzehnt begann, bestand die Hoffnung, daß das
Ende des Kalten Krieges schließlich auch das Ende
der Konflikte auf der ganzen Welt bringen würde.
Tragischerweise wurde der Konfliktschwerpunkt
verlagert. Ohne die Furcht vor nuklearer Vernichtung
fühlten sich Gruppierungen auf der ganzen Welt
ermutigt, lang unterdrückten Groll wiederzubeleben.
Das Resultat steht uns nur zu deutlich vor Augen.
Plötzlich begannen Gruppierungen und Nationen, alte
Rechnungen zu begleichen, Grenzlinien neu zu ziehen
und Vorteile einzufordern, von denen sie meinten, daß
sie ihnen seit langem zustünden.

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Ein Großteil des Problems besteht in der Definition.
Nachdem wir mehr als ein Jahrzehnt darauf verwendet
haben, humanitäre Belange als legitime Aspekte
internationaler Beziehungen anzuerkennen, werden
wir nun mit einer explosionsartig zunehmenden Zahl
von Herausforderungen konfrontiert. Ein Großteil ist
kaum definiert.
Die humanitäre Arbeit des Roten Kreuzes
steht zunehmend mit ethnischen oder regionalen Konflikten im Zusammenhang. Massenmorde in Bosnien waren sowohl Verbrechen
als auch humanitäre Krisen. Der Krieg in
Tschetschenien wurde von Rußland als innere
Angelegenheit bezeichnet. Dasselbe be-

AMERIKA DIENST 13

�hauptet Belgrad vom gegenwärtigen Konflikt
im Kosovo. Zunehmend werden humanitäre
Hilfsleistungen durch militärische Auseinandersetzungen beeinträchtigt.

Salvador sowie die Albanien-Mission unter Leitung
Italiens zeigten, wie die wohlüberlegte Anwendung
militärischer Stärke einen wichtigen Beitrag leisten
kann.

Als OSZE-Hochkommissar für nationale
Minderheiten hat Max van der Stoel hervorragende Arbeit geleistet. Aber er wird oft
an der Einreise in ein Land mit Minderheitenproblemen gehindert, weil die Landesregierung diese Definition des Problems ablehnt.
So ist das Erreichen eines Konsenses über
die Natur ethnischer und religiöser Konflikte
eine weitere wesentliche Aufgabe.

Es gab jedoch auch deutlich sichtbare Fehlschläge.
Obwohl die Entsendung der UNPROFOR nach
Jugoslawien von wohlmeinenden Absichten getragen
war, erwies sie sich als unbefriedigend sowohl für die
Schutzbedürftigen als auch für die Beschützer selbst.
Obwohl die UNPROFOR aus Streitkräften zusammengesetzt war, war ihre Struktur nicht auf die Erfüllung
einer Militärmission ausgerichtet. Das Ergebnis war
Konfusion und im Falle von Srebrenica eine Tragödie.

Gleiches gilt auch für Flüchtlinge. Ein krasses
Beispiel ist die Weigerung Kroatiens, aus der
Krajina geflohene Serben weder als Flüchtlinge noch als Vertriebene zu definieren. Die
Situation in Zentralafrika entzieht sich jeglichem Verständnis.

Wenn eine Streitmacht erst einmal entsandt ist, stellt
sich die Definition der laufenden Mission als sehr
schwierig dar. Ich war unmittelbar an der Definition der
IFOR-Mission in Bosnien beteiligt. Wir hatten keine
genauen Informationen über die militärische Bedrohung und die Einsatzbedingungen. Die IFORMission begann mit der konkreten Arbeit der Truppenentflechtung. Sie ging schnell zu Aufgaben im
Bereich der öffentlichen Ordnung und des Schutzes
von Flüchtlingen über. Im September 1996 konnte die
IFOR eine zentrale Rolle bei den Wahlen in Bosnien
übernehmen, die vom Daytoner Abkommen vorgeschrieben wurden. Die Rolle der SFOR beinhaltet in
zunehmendem Maße auch allgemeine wirtschaftliche
und humanitäre Aufgaben.

Langsam geht man daran, dieses Problem der gemeinsamen Definitionsfindung zu lösen. Nach einem
fast zehn Jahre dauernden Konflikt über NagornyKarabach scheinen die beteiligten Parteien bereit, eine
gemeinsame Diskussionsgrundlage zu akzeptieren.
Trotz seiner Behauptung, der Tschetschenien-Konflikt
sei eine innere Angelegenheit, gestattete Rußland der
OSZE, eine Vermittlerrolle zu spielen.
Es werden Instrumente erarbeitet. Die OSZE hat bei
der Weiterentwicklung von Methoden der Konfliktprävention und des Krisenmanagements eine Führungsrolle übernommen. Ihre Konfliktpräventionsmissionen erfüllen in mehr als zehn Ländern wichtige
Aufgaben. Ihre Rolle in Bosnien beinhaltete die
Veranstaltung von Wahlen, die Durchführung von
Rüstungskontrollverhandlungen und die Etablierung
von Standards für Menschenrechte. Die UN-Hochkommissarin für Flüchtlingsfragen ist gleichfalls kreativ
gewesen, was den Einsatz ihrer Möglichkeiten für
positive Zwecke betrifft.
Die Rolle der Friedenssicherung
Im Zuge der Intensivierung dieser Konflikte waren die
Parteien bestrebt, sich zum Erhalt der Ordnung auf das
Militär zu stützen. Traditionelle Konzepte der Friedenssicherung entwickelten sich rasch zu einer
Vielzahl militärischer Aufgaben. Die meisten davon
sind neu. Unsere führenden Militärs sind noch nicht
mit ihnen vertraut und zögern, sich auf nicht erprobte
Missionen einzulassen. Die derzeitigen Rollen der
Friedenssicherung variieren - von normaler Beobachtung und Präsenz zu konkreten Kampffunktionen.
Es gab mehrere wichtige Erfolge. Die IFOR/SFOR in
Bosnien, die UN-Truppen in Kambodscha und El

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Dennoch ist ihre Rolle weiterhin umstritten. Die
legitime Funktion der SFOR im Hinblick auf Kriegsverbrecher war kompliziert und kontrovers. Die jüngsten
Erfolge zeigen, daß solche Aufgaben ebenfalls erfüllt
werden können - jedoch nur, wenn sie militärisch
möglich sind.
Die Frage der Kriegsverbrecher veranschaulicht eine
der ständigen Debatten über die Friedenssicherungstruppen. Die führenden Politiker finden es oft nützlich,
die Streitkräfte für verschiedene Aufgaben einzusetzen. Es ist jedoch nicht vertretbar, das Militär zu
Aufgaben heranzuziehen, die nicht innerhalb seiner
Richtlinien erfüllt werden können. Ich weiß, daß
humanitäre Organisationen sich oft eine noch umfassendere militärische Unterstützung wünschen. Ich
kann nicht vorhersagen, wie sich die Rolle des Militärs
entwickeln wird. Wir können von unseren Truppen
jedoch keine Dinge erwarten, die nicht ihren von ihnen
definierten Fähigkeiten entsprechen.
Die zunehmende Integration militärischer und diplomatischer Bestrebungen wirft auch Fragen über die
Legitimität der Truppenentsendung auf. Wann stellen
militärische Aktivitäten eine Aggression dar - wie es
nach Ansicht der internationalen Staatengemeinschaft
in Bosnien der Fall war und jetzt im Kosovo? Und
wann ist die Anwendung von Gewalt zur Selbstverteidigung oder aus Sicherheitsgründen legitim? Die

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�Serben definieren ihre militärische Rolle in Bosnien
und im Kosovo zweifelsohne anders als wir.

erneut die Unterstützung der Vereinigten Staaten für
ein internationales Strafgericht.

Oder was ist mit der Anwendung oder Androhung von
Gewalt durch die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und andere Verbündete, einschließlich Deutschlands,
während der Konfrontation mit Saddam Hussein im
letzten Winter? Es ist offenkundig, daß die Diplomatie
manchmal nur erfolgreich ist, wenn sie vom Einsatz
von Gewalt begleitet wird. Aber welche Maßstäbe
sollen in solchen Fällen angelegt werden?

Nach Ansicht der Vereinigten Staaten ist der internationale Strafgerichtshof ein Tribunal, das sich vorwiegend auf Massenmord und andere, in großem Stil
verübte Greueltaten konzentrieren sollte. Der Gerichtshof soll sich mit den Verbrechen befassen, für
deren Ahndung er geschaffen wird. Darüber hinaus
sollte er nur in den Ländern tätig werden, die nicht über
ein zuverlässiges, funktionierendes Rechtssystem
verfügen. Länder, die die Bereitschaft und Fähigkeit
besitzen, gerichtlich gegen Personen vorzugehen, die
sich dieser Verbrechen schuldig machen, dürfen diese
auch vor Gericht stellen.

Und hier schließt sich der Kreis. Die wesentliche
Verbindung zwischen Demokratie und Sicherheit, die
erstmals in der Schlußakte von Helsinki hergestellt
wurde, dient uns als Maßstab. Der Umgang mit
sogenannten verbrecherischen Staaten ist eine
Aufgabe für alle Demokratien. Er kann jedoch nur
erfolgreich sein, wenn diese Demokratien bei den von
ihnen in solchen Konflikten angelegten Maßstäben
selbst Vorsicht walten lassen.
Aus diesem Grund errichteten die Vereinten Nationen
nach der Tragöde in Bosnien ein Kriegsverbrechertribunal zur Untersuchung und Bestrafung der verübten Verbrechen. Das Mandat wurde später auf
Zentralafrika ausgeweitet. Die Arbeit des Tribunals ist
grundlegend, um diese entsetzlichen Geschehnisse
aufzuklären.

Die Vereinigten Staaten halten es für unklug, den UNSicherheitsrat von der Arbeit des Gerichts auszuschließen. Wir vertreten schon seit langem die
Ansicht, daß der Gerichtshof so beschaffen sein sollte,
daß der Sicherheitsrat Bedrohungen des internationalen Friedens und der Sicherheit die Stirn bieten
kann, wie in der UN-Charta gefordert. Die Arbeit des
Sicherheitsrats und des ständigen Gerichtshofs muß
abgestimmt werden und sich ergänzen. Am wichtigsten ist, daß der Sicherheitsrat das Organ für die
Vollstreckung der Beschlüsse des Gerichts darstellt.
Der Sicherheitsrat kann dem Kläger die politische
Autorität geben, die zur wirksamen strafrechtlichen
Verfolgung von Kriegsverbrechern erforderlich ist.

Der internationale Strafgerichtshof
Das 20. Jahrhundert hat viele Bestrebungen zur
Einführung offizieller Mechanismen zur Konfliktschlichtung gesehen. Es gibt sie jetzt bereits in einer
Vielzahl von Organisationen.
Der Internationale
Gerichtshof in Den Haag und die Konfliktschlichtungsmechanismen der OSZE in Genf sind vertraglich
festgelegte Instrumente, die praktisch nie genutzt
werden.
Das bedeutet nicht, daß wir es nicht versuchen sollten.
Die internationalen Kriegsverbrechertribunale in Den
Haag und Arusha erfüllen eine wesentliche Funktion.
Diese Woche haben in Rom Verhandlungen über
einen ständigen internationalen Strafgerichtshof
begonnen.
Die Errichtung eines internationalen Strafgerichtshofs
stellt fine Priorität der Clinton-Administration dar. Die
Clinton-Administration unterstützt - ebenso wie viele
andere Nationen - bereits seit Aufnahme der Gespräche über dieses Thema bei den Vereinten
Nationen Anfang 1995 einen starken und effektiven
internationalen Strafgerichtshof.
Im vergangenen
September forderte der Präsident in einer Rede vor
der UN-Generalversammlung die Errichtung eines
solchen Strafgerichtshofs bis Ende dieses Jahrhunderts. Und im Frühjahr bekräftigte er in Kigali

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Schließlich darf der ständige Strafgerichtshof kein
politisches Forum werden, in dem strittige Aktionen
verantwortungsvoller Regierungen in Frage gestellt
werden, indem ihr militärisches Personal zur Zielscheibe von Ermittlungen und Strafverfolgung wird.
Amerika schreckt nicht vor seiner Rechenschaftspflicht
zurück, aber wir wehren uns gegen politisch motivierte
oder nicht ernst zu nehmende Klagen gegen unsere
Streitkräfte.
Auf dem Weg zu einer neuen Friedensdisziplin
Die Debatte, die in dieser Woche über den Einsatz
militärischer Mittel im Kosovo geführt wird, zeigt das
Dilemma unseres neuen Zeitalters. Ethnische und
religiöse Konflikte führen häufig zum Zerfall der
öffentlichen Ordnung und dem Zusammenbruch
humanitärer Hilfssysteme. Neue Sicherheitsherausforderungen sind häufig eine Kombination wirtschaftlicher, politischer, militärischer und humanitärer Faktoren. Weder für die Probleme noch für die Verantwortlichkeiten gibt es eine klare Definition. Es gibt
keine Befehlskette. Das heißt, daß immer noch
Kontroversen darüber bestehen, wie Entscheidungen
getroffen werden sollten.
Dieses Problem stellt sich der ganzen Welt, ist aber für
die Vereinigten Staaten häufig das schwierigste. Wir
werden als die einzige Supermacht der Welt bezeich-

AMERIKA DIENST 13

�net. Ein Resultat daraus ist die Tatsache, daß man
häufig von uns erwartet, die Rolle eines Polizisten zu
spielen, während gleichzeitig die speziellen Empfindlichkeiten der beteiligten Länder berücksichtigt werden
sollen. Wenn Verhandlungen scheitern, sind wir es,
von denen man die Wiederherstellung der Ordnung
erwartet. Aber unsere militärische Rolle wird oft von
denen kritisiert, deren Interessen nicht mit den unseren
übereinstimmen.
Das ist ein Grund, warum die Vereinigten Staaten
führend darin sind, Strukturen zu entwickeln, die
sowohl Frieden garantieren als auch Instrumente zur
Konfliktbewältigung bieten. Die Entwicklung der NATO
in den vergangenen zehn Jahren war dramatisch.
Neben dem Erhalt seiner militärischen Strukturen ist
das Bündnis zunehmend darauf ausgerichtet, Sicherheit und Kooperation auf die ehemals kommunistischen Gebiete Europas zu übertragen. Konsultationen, gemeinsame Manöver und Friedensmissionen
spielen eine wesentliche Rolle bei der Definitionsproblematik, die ich vorhin erwähnte.
In Europa fällt der OSZE eine Schlüsselrolle zu. Ihre
Kreativität bei der Entwicklung von Instrumenten zur
Konfliktprävention habe ich bereits erwähnt. Die
Konsultationsmechanismen sind ganz wichtig, um die
Kommunikation aufrechtzuerhalten. Die OSZE ist aber
häufig Druck ausgesetzt. Ihre Hilfe wird von denen
abgelehnt, die sie am dringendsten benötigen. Andere
dagegen streben danach, sie zu einem formellen
Durchsetzungsmechanismus zu machen und berauben sie so ihrer lebenswichtigen flexiblen, politischen
Grundlagen.
Die Vereinigten Staaten vertreten hierzu einen von
Prinzipien geleiteten Standpunkt. Organisationen wie
die UNO und die NATO haben formelle Durchsetzungsbefugnisse. Die OSZE formuliert die wesentlichen Standards und Wertegrundlagen, die so interpretiert werden können, daß sie individuellen Bedürfnissen entsprechen. Sie sorgt für einen Entwicklungsprozeß, der durch regelmäßige Durchsetzungsrevisionen überprüft werden kann.
Oft erstaunen mich diejenigen, die mehr Macht für die
OSZE fordern, aber dann das mächtigste Instrument
überhaupt ignorieren - die Vision der Freiheit. Dieses
Problem betrifft insbesondere eine Reihe europäischer
Länder, sowohl im Osten als auch im Westen, die
dieses neue Zeitalter noch nicht verstanden haben.
Unsere Suche nach einer neuen Friedensdisziplin muß
mit grundlegenden Prinzipien beginnen. Komplexe
Strukturen, Verträge oder sogar militärische Mittel
können nicht mit dem Wunsch konkurrieren, ein
selbstbestimmtes Leben zu definieren. Die Sowjetunion hatte diese Lektion zu spät gelernt.

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Durchsetzung kontra Empowerment
Meines Erachtens ist das der Schlüssel zur Beantwortung der bei dieser Konferenz aufgeworfenen
Frage. Eine neue Disziplin des Friedens muß den
Bedürfnissen der Völker gerecht werden, die diese
definieren.
Diese Bedürfnisse sind nicht immer
friedlich oder demokratisch. Sie führen oft zu Konflikten. Aber sämtliche Bestrebungen, eine Beilegung
dieser Konflikte zu erzwingen, sind zum Scheitern
verurteilt.
Erforderlich ist ein neues Konzept. Durchsetzung muß
nach und nach dem Empowerment weichen. Das ist
für viele Europäer ein kompliziertes Wort. Der Begriff
hat etwas leicht Subversives, als ob Kontrollstrukturen
angegriffen würden. Empowerment bedeutet Hilfe zur
Selbsthilfe, was an Aktivitäten an der Basis denken
läßt und daran, wie Bürger entdecken, daß sie auch
auf den Gebieten ein Mitspracherecht haben, die
vorher der politischen Elite vorbehalten schienen.
Empowerment beinhaltet auch, daß die Sicherheit
nicht mehr ausschließlich von den einflußreichen
Staaten bestimmt wird. Jeder Bürger und jeder Staat
hat ein Interesse und ein Mitspracherecht an unserer
gemeinsamen Zukunft.
Präsident Clinton hat von Empowerment als dem
Gegenteil von Durchsetzung gesprochen. Das Ziel ist
das gleiche. Sichere, wohlhabende und freie Gesellschaften. Völker, die in Harmonie miteinander leben.
Traditionell haben politische Systeme versucht, die
Ordnung zu bewahren, indem sie Verhaltensnormen
durchsetzen.
International haben Verträge und
Armeen den Frieden bewahrt.
Moderne Technologie und Kommunikation haben
Durchsetzung in dem Sinn unmöglich gemacht, daß
Ideen nicht kontrolliert und Währungstransfers an
Grenzen nicht gestoppt werden können sowie Nachrichten und Kultur zu jeder Zeit überall verfügbar sind.
Die Gesellschaften, die eine Definition von Kultur oder
Gesellschaft durchzusetzen versuchen, werden
zwangsläufig auf größere Schwierigkeiten stoßen.
Eine Reihe neuer Demokratien in Europa hat diese
Dynamik verstanden. Neue Währungen sind an
stärkere gebunden. Sicherheit wird durch das Streben
nach Solidarität mit anderen erreicht. Kultur wird als
Selbstzweck entwickelt, nicht als Reaktion auf andere.
Das Rote Kreuz hat dieses Konzept praktisch erfunden. Sie verhindern Konflikte, indem sie den Menschen das Empowerment verleihen, ihre eigenen
Bedürfnisse zu erfüllen, in Kontakt miteinander zu
bleiben oder über Grenzen hinweg zu kommunizieren.
Ihr Ansatz führt wegen seines grundlegenden Vertrauens in den Menschen oft zu Konflikten mit den
Behörden.

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�Bei internationalen Angelegenheiten mangelt es in
vielerlei Hinsicht noch an Vertrauen. Empowerment
von Völkern ist für viele Menschen beunruhigend. Es
scheint zu unstrukturiert und staatlicher Kontrolle nicht
zugänglich zu sein. Bis wir - die Regierungen - die
Lektionen lernen, die Sie seit mehr als 130 Jahren

zusammengetragen haben, können wir diese neue
Disziplin des Friedens nicht erfolgreich definieren,
Ich kann Sie nur ermutigen, Ihre Bestrebungen
fortzusetzen. Wir können viel von Ihnen lernen. Ich
bin sicher, daß wir Ihnen aufmerksam zuhören werden.

* * * * *

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�VEREINTE

NATIONEN
I.Juli 1998

Gemeinsam wenn möglich, allein wenn nötig:
Die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen
Rede des Gesandten Michael C. Polt

KÖLN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Gesandte der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Michael C. Polt, am 18. Juni 1998 in Köln bei der Konferenz
"Multilateralismus in der Krise? Zur Rolle der USA und Europas in den Vereinten Nationen" gehalten hat.

Ich freue mich sehr, bei der heutigen Konferenz eine
Rede halten zu dürfen, denn es geht hier um ein
äußerst wichtiges Thema. Wir haben die Gelegenheit,
eine Reihe von Fragen über das internationale Engagement der Vereinigten Staaten und Europas zu
erörtern. Obwohl das Ende des Kalten Krieges fast
zehn Jahre zurückliegt, ist der Anpassungsprozeß an
die Welt nach dem Kalten Krieg noch nicht abgeschlossen. Es geht hier nicht nur einfach darum, daß
es keine Konfrontation verschiedener Systeme mehr
gibt. Es gibt eine Vielzahl neuer oder lange vernachlässigter Fragen. Jetzt können wir uns den Luxus
leisten - oder sehen die Notwendigkeit - diese Fragen
auf regionaler oder globaler Basis anzugehen.
Die Natur der Außenpolitik hat sich verändert. Die
Amerikanische Botschaft beteiligt sich an Diskussionen
über die Rentenreform, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Herausforderungen lebenslangen
Lernens - Themen, die traditionell kein Bestandteil der
Außenpolitik sind. Die Diskussionen, die normalerweise innerhalb eines Staates stattfinden, werden jetzt
zwischen den Staaten geführt - insbesondere in der
transatlantischen Gemeinschaft.
Das ist ein Anzeichen für Fortschritte in unseren
Beziehungen. Es ist auch ein Trend, der sich in
Zukunft fortsetzen wird. Wir werden mit denselben
innenpolitischen Herausforderungen konfrontiert - und
konzentrieren uns darauf. Wir entdecken, daß wir
davon profitieren, wenn wir aus den nationalen
Erfahrungen eines anderen Landes lernen. Alle
unsere Regierungen stehen unter Druck, den Haushalt
und den Regierungsapparat möglichst klein zu halten.
Ferner sehen wir, daß unsere Länder auf vielen
Gebieten enger zusammenarbeiten können; die

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Weltraumforschung ist hierfür ein interessantes
Beispiel.
Das Informationszeitalter hat unsere
Kommunikations- und Arbeitsweise verändert. Hier
und weltweit beobachten wir einen einschneidenden
Öffnungsprozeß.
Das ist der neue globale Kontext. Welche Auswirkungen hat er auf unsere bilateralen und multilateralen Beziehungen und die Arbeitsweise der Vereinten
Nationen und anderer multilateraler Organisationen?
Hierzu könnte man eine Vielzahl von Themen anschneiden. In meinen heutigen Ausführungen möchte
ich mich jedoch auf drei Fragen konzentrieren:
Erstens: Welcher Natur ist der Einfluß der
Vereinigten Staaten bei globalen Angelegenheiten?
Zweitens: Welche Einstellung haben die
Vereinigten Staaten derzeit zu den Vereinten
Nationen?
Und drittens: Wie kann die transatlantische
Gemeinschaft besser zusammenarbeiten?
Die Natur des amerikanischen Einflusses
Wie passen die Vereinigten Staaten in den internationalen Kontext der Zeit nach dem Kalten Krieg? Im
vergangenen Jahr hatte Der Spiegel ein Titelblatt, das
zwei Beine zeigte, die lässig gekreuzt auf einem
Globus ruhen. Sie stecken in Cowboystiefeln, die wie
die amerikanische Flagge gemustert sind - Stars and
Stripes.

Seite 1

�Das ist ein interessantes Klischee. Eine ganz andere
Charakterisierung fand sich vor zehn Jahren auf der
Titelseite des New York Times Magazine: Ein Adler,
der mit unzufriedenem Gesicht in den Spiegel blickt
und sich aufzuplustern versucht.
Die Natur des weltweiten Einflusses der Vereinigten
Staaten hat viele Facetten. Wir sind weder der
Cowboy der Welt noch der unsichere Adler. Aber wir
sind die einzige Macht, die über die vier Attribute einer
Supermacht verfügt: globale militärische Reichweite,
globaler wirtschaftlicher Einfluß, globale kulturelle und
ideologische Attraktivität und globale politische Macht.
Infolgedessen sind wir oft in der Lage, auf eine Weise
und mit einer Geschwindigkeit zu handeln, wie es
anderen Ländern nicht möglich ist. Das beinhaltet
Einfluß, aber auch Verantwortung. Und es bringt uns
viel Kritik ein - entweder wegen unseres Handelns,
oder weil wir nicht handeln. Auf jeden Fall findet sich
eine beliebige Zahl von Ländern und Regierungen, die
sich gerne hinter Taten oder Untätigkeit der Vereinigten Staaten verstecken und somit vermeiden,
selbst Position zu beziehen.
Der Titel meiner heutigen Ausführungen macht
deutlich, daß sogar die Vereinigten Staaten multilaterales Vorgehen vorziehen, wenn nötig aber auch zu
unilateralem Handeln bereit sind, um ein für sie
wichtiges Ziel zu erreichen. Unilateralismus ist nicht
unbedingt mit einseitigen Vorteilen für die Vereinigten
Staaten gleichzusetzen. Im Gegenteil: Es gibt viele
Beispiele dafür, daß die Vereinigten Staaten zur
Vermeidung einer internationalen Krise die Führungsrolle übernahmen - und keine Unterstützung bekamen.
Ich will nur ein Beispiel nennen: Die Imia/Kardak-Affäre
im Januar 1996, als die Vereinigten Staaten äußerste
Anstrengungen unternahmen, um die Spannungen
zwischen Griechenland und der Türkei wegen einer
winzigen Insel in der Ägäis beizulegen. Die Insel - von
den Griechen "Imia", von den Türken "Kardak" genannt
und lediglich von einigen Wildgänsen bewohnt drohte, zu einer Quelle von Konflikten zwischen zwei
NATO-Mitgliedstaaten zu werden. Manche vertraten
die Ansicht, der Konflikt würde in wenigen Stunden
ausbrechen. Es war die diplomatische Intervention der
Vereinigten Staaten, die eine Eskalation der Spannungen verhinderte. Zur damaligen Zeit formulierte es
jemand folgendermaßen: Die Amerikaner arbeiteten
die Nacht durch, und die Europäer schliefen in dieser
Nacht tief und fest.
Die festgefahrene Situation zwischen dem Irak und
den Waffeninspektoren der Vereinten Nationen Anfang
dieses Jahres ist ein weiteres Beispiel für unilaterale
Drohungen im Dienste des Gemeinwohls. Die Vereinigten Staaten waren zum Einsatz militärischer
Gewalt bereit, um eine Befolgung der UN-Resolutionen
durch den Irak zu erzwingen, obwohl sie keine umfassende multinationale Unterstützung erhielten. Gleichzeitig schlössen sie jedoch nicht die Tür zu bilateraler
oder multilateraler Diplomatie. Die Androhung von

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Gewalt ermöglichte Kofi Annan, dem Irak die Zustimmung zu ungehindertem Zugang für alle Inspektoren abzuringen. Unsere andauernde Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt ist weiterhin wesentlich,
um die Befolgung der Resolutionen durch den Irak
sicherzustellen.
Weitere Beispiele finden sich im wirtschaftspolitischen
Bereich, und sie sind noch kontroverser. Das amerikanische Gesetz über die Bekämpfung korrupter Praktiken war ein unilaterales Gesetz, das in den siebziger
Jahren in den Vereinigten Staaten erlassen wurde. Es
verbot die Bestechung von Regierungsvertretern
anderer Länder bei internationalen Wirtschaftstransaktionen. Damals standen ihm viele Menschen sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in anderen
Ländern - kritisch gegenüber und bezeichneten es als
nicht durchsetzbar und naiv.
Tatsächlich erwies sich das Gesetz jedoch in vielerlei
Hinsicht als ein Segen. Multinationale amerikanische
Firmen konnten auf das Gesetz verweisen, um Bitten
um Bestechungsgelder aus dem Ausland abzulehnen.
Infolgedessen förderte das Gesetz eine Atmosphäre
der Integrität in amerikanischen Firmen. Noch wichtiger: Dieses Gesetz war der Vorläufer multilateraler
Bestrebungen zur Bekämpfung der Korruption - die
OECD-Konvention zur Bekämpfung von Bestechung.
Die Konvention wurde letztes Jahr unterzeichnet.
Deutschland leistete bei dieser Initiative wertvolle
Unterstützung. Bislang haben 33 Nationen dem Erlaß
von Strafgesetzen zugestimmt, die sich eng an die
Verbote in unseren Bestimmungen anlehnen. Nach
ihrer Ratifizierung und Durchsetzung wird diese
Konvention eine große Errungenschaft der internationalen Rechtsstaatlichkeit darstellen.
•

Ein weiteres Beispiel für unilaterales Beharrungsvermögen, das einen besseren multilateralen Ansatz
ermöglichte, fand sich vergangenes Jahr beim Klimagipfel in Kyoto. Ich weiß, daß die amerikanische
Position hier in Deutschland und andernorts in Europa
so dargestellt wurde, als würden wir den Fortschritt
aufhalten, anstatt ihn voranzutreiben. Ich möchte
diese Ansicht jedoch in Frage stellen. Die Idee
marktgestützter Mechanismen zur Verringerung von
umweltschädigenden Emissionen faßt immer stärker
Fuß, denn die Menschen erkennen, daß es sich hier
nicht um einen Vorwand, sondern um einen effektiveren Weg zum Schutz der Umwelt handelt.
Indem die Vereinigten Staaten auf einer substantiellen
Beteiligung der Entwicklungsländer bestehen, versuchen sie sicherzustellen, daß das Wachstum in den
Entwicklungsländern sauberes Wachstum ist. Wir
versuchen nicht, irgend jemanden zurückzuhalten.
Derzeit entfallen ungefähr 60 Prozent der Gesamtemissionen auf die Industrieländer. Aber die Emissionen der Entwicklungsländer steigen schnell an und
werden im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der weltweiten Emissionen ausmachen. Während der kommenden 15 Jahre wird China - derzeit bereits der

AMERIKA DIENST 13

�zweitgrößte Verschmutzer weltweit - die Vereinigten
Staaten überrunden, die derzeit bedauerlicherweise
noch für die meisten Emissionen verantwortlich sind.
Daher ist es geboten, daß in Zukunft jeder Schritt die
Industrie- und Entwicklungsländer gleichermaßen
einbezieht.
Die globale Interdependenz ist eine Tatsache, und das
zeigt sich immer deutlicher, je mehr die traditionellen
physischen Hindernisse überwunden werden. Es ist
wichtig für jede Nation - einschließlich der Vereinigten
Staaten - mit anderen Ländern an gemeinsamen
Lösungen für regionale und globale Probleme zusammenzuarbeiten. Es gibt in der amerikanischen
Politik viele Beispiele für eine erfolgreiche multilaterale
Zusammenarbeit - seien es die multilateralen Bestrebungen zur Befreiung von Kuwait, unsere Rolle in
globalen und regionalen Handelsstrukturen oder
unsere Mitwirkung in den Vereinten Nationen.
Die Einstellung der USA zur UNO
Das führt mich zu meinem zweiten Thema: Welche
Einstellung gegenüber den Vereinten Nationen ist
derzeit in der US-Regierung und unter den Bürgern der
Vereinigten Staaten vorherrschend? Welche Bedeutung haben die Vereinten Nationen für den außenpolitischen Ansatz der Vereinigten Staaten?
Hier sind mehrere Trends zu beobachten. Einerseits
haben die Amerikaner eine sehr hohe Meinung von
den Vereinten Nationen. Diese verkörpern Ideale, die
den Amerikanern und ihrem Regierungssystem zur
zweiten Natur geworden sind. Die Amerikaner sind
sich bewußt, daß die von den Vereinten Nationen
übernommene globale Rolle im Interesse der Vereinigten Staaten liegt.
Andererseits sind auch Stimmen zu hören, die scharfe
Kritik an der gegenwärtigen Arbeitsweise der Vereinten
Nationen üben. Diese Kritik ist in den meisten Fällen
auf eine Reform des UN-Systems und sein effektiveres
Funktionieren ausgerichtet - damit es sich effektiver für
die Ideale einsetzen kann, die vor 53 Jahren in San
Francisco in die UN-Charta aufgenommen wurden.
Sehr kritische Äußerungen stammen von Abgeordneten des Repräsentantenhauses und von Senatoren. Sie spielen eine besondere Rolle bei unserer
Einstellung zur UNO. Der Kongreß kontrolliert die
Ausgaben, und die Gesetzgeber verspüren die
Verpflichtung, die Interessen der amerikanischen
Steuerzahler zu vertreten. Und diese Steuerzahler
müssen einen großen Teil des Haushalts der Vereinten Nationen finanzieren. Unsere Regierung steht
immer unter Druck zu beweisen, daß sie effektiven und
effizienten Gebrauch von öffentlichen Geldern macht.
Die Bürokratie unserer Regierung ist seit Jahren einem
strengen Regime von Haushaltskürzungen unterworfen. Aus Sicht vieler Abgeordneter des amerikanischen Kongresses muß die UN-Bürokratie ebenfalls
schlanker und effektiver werden. Und diese Effektivität

AMERIKA DIENST 13

wiederum bestimmt unsere Neigung, gemeinsam mit
der UNO oder getrennt von ihr zu arbeiten.
Welche Art von Reformen möchten die Vereinigten
Staaten in der UNO durchführen?
Erstens sehen wir die Notwendigkeit, doppelt
vorhandene Funktionen zu kombinieren und
zusammenzulegen - Funktionen, die im Lauf
der Jahre als Reaktion auf spezifische Bedürfnisse entstanden, jetzt aber effektiver erfüllt
werden könnten, wenn sie zusammengelegt
würden.
Zweitens. Anstatt jede globale Frage anzugehen, muß das Hauptaugenmerk auf die
Aktivitäten von hoher Priorität gelegt werden,
die die UNO am besten durchführen kann.
Drittens besteht die Tendenz, ein Wachstum
des UN-Haushalts ohne große Finanzdisziplin
zu gestatten. Der Haushalt der Vereinten
Nationen muß dieselbe Disziplin aufweisen
wie die Haushalte der nationalen Regierungen.
Wir bemühen uns um eine Verringerung der Verwaltungsausgaben - laufende Geschäftskosten,
Wartung der Zentrale und Ausgaben für Konferenzen.
Wir befürworten Kürzungen bei allen großen Organisationen der Vereinten Nationen im Umfang von fünf
Prozent.
Unseres Erachtens sollten die dezentralisierten UN-Organisationen denselben Reformprozeß durchlaufen wie die Zentrale in New York.
Entwicklungsprojekte in den Vereinten Nationen sollten
nicht politisiert werden. Ausgaben und Finanzhilfe der
UNO basieren auf Bedürftigkeit, und das sollte unserer
Meinung nach so bleiben. Gleichzeitig sollten wir
internationale Bestrebungen besser koordinieren. Die
großen Geberländer wie Deutschland und die Vereinigten Staaten, die UN-Organisationen sowie
internationale Finanzinstitutionen müssen Duplizität
vermeiden. Wir benötigen umfassende gemeinsame
anstatt separater Strategien.
Eine Reform der Vereinten Nationen wird auch die
Ausgaben für Hilfsprogramme zugunsten der Entwicklungsländer erhöhen. Wir versuchen nicht, Geld auf
Kosten von Entwicklungsprogrammen zu sparen:
Einsparungen bei den allgemeinen Unkosten sollten
für Hilfsleistungen verwendet werden. Generalsekretär
Annan machte den Vorschlag, die Verwaltungskosten
von 38 auf 25 Prozent zu kürzen und die Ersparnisse
in Hilfsprogramme fließen zu lassen. Die Vereinigten
Staaten begrüßen diesen Vorschlag.
Im Zusammenhang mit der Frage des UN-Haushalts
möchte ich das Thema der amerikanischen Außenstände bei der UNO ansprechen. Die Clinton-Administration nimmt diese Frage sehr ernst. Die Tilgung
unserer Schulden steht ganz oben auf der Liste
unserer außenpolitischen Prioritäten. Der Präsident

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�erklärte in seinem Bericht zur Lage der Nation im
Januar: "Schließlich ist es höchste Zeit, unsere
Schulden bei den Vereinten Nationen zu begleichen."
Die Administration setzt sich für die Ideen des sogenannten "Helms-Biden"-Gesetzespakets ein benannt nach den Senatoren Jesse Helms und Joseph
Biden. Diese Gesetze befassen sich sowohl mit
Außenständen als auch mit Reformen. Sie waren Teil
eines Gesetzespakets, das sowohl vom Senat als
auch vom Repräsentantenhaus verabschiedet wurde.
Aber - und das ist einfach die Funktionsweise der
amerikanischen Gesetzgebung - das Gesetzespaket
beinhaltet jedoch auch Bestimmungen zu ganz
anderen Fragen, die die Clinton-Administration nicht
unterstützen kann. Der Präsident hat erklärt, er werde
sein Veto gegen dieses Gesetz einlegen, falls es auch
vom Senat angenommen wird.
Vor diesem Hintergrund suchen wir nach einer Lösung
und werden sie auch finden. Wir haben jetzt einen
Punkt erreicht, an dem unsere Möglichkeiten zur
Durchführung von unseres Erachtens notwendigen
Reformen durch unsere Zahlungsversäumnisse
gefährdet werden.
Das beeinflußt die objektive
Einstellung der Menschen zu Reformen und veranlaßt
sie, unsere Beweggründe in Frage zu stellen.
Ein anderes Reformthema, das hier in Deutschland auf
besonders großes Interesse stößt, ist die Erweiterung
des UN-Sicherheitsrats. Die Vereinigten Staaten
unterstützen eine ständige Mitgliedschaft Japans und
Deutschlands im Sicherheitsrat und sind bereit, drei
zusätzliche Sitze für Entwicklungsländer aus Afrika,
Asien und Lateinamerika zu akzeptieren. Die Vereinigten Staaten sähen es gerne, wenn regionale
Gruppen entscheiden würden, ob der ihrer Region
zugewiesene Sitz auf Rotationsbasis besetzt oder
dauerhaft von einer einzigen Nation eingenommen
werden sollte. Der Sicherheitsrat sollte auf maximal 20
oder 21 Länder beschränkt werden, damit er weiterhin
effektiv arbeiten kann.
Was die Frage des Vetorechts betrifft, haben die
Vereinigten Staaten noch keine Haltung zum Vetorecht
für irgendein vorgeschlagenes neues ständiges
Mitglied bezogen. Unseres Erachtens sollte diese
Frage erst dann beantwortet werden, wenn eine
endgültige Entscheidung über die Erweiterung des
Sicherheitsrats getroffen ist. Wir sind entschieden
gegen Veränderungen des Vetorechts der jetzigen
ständigen Mitglieder.
Zusammenfassend kann man sagen, daß die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen, einschließlich
ihrer dringend benötigten Reformen, entschieden
unterstützen. Eine Modernisierung des UN-Systems
wird die UNO stärker und effektiver machen.

Wie kann die transatlantische Gemeinschaft besser
zusammenarbeiten?
Die Gründungsprinzipien der Vereinten Nationen sind
das Produkt der besten und nobelsten Gedanken in
Europa und Amerika während der letzten beiden
Jahrhunderte. Aus diesem Grund sollte es uns zur
zweiten Natur werden, auch außerhalb des UNSystems instinktiv auf gemeinsame Aktionen zurückzugreifen, wenn die Demokratie gefährdet und die
Menschenrechte bedroht sind. Während unsere
Instinkte jedoch auf die gleichen Dinge negativ reagieren, haben wir manchmal unterschiedliche Ansichten
darüber, wie diese Herausforderungen am besten
bewältigt werden können.
Ich weiß, daß man sich auf dieser Seite des Atlantiks
Sorgen macht, einen Teil der Lasten zu übernehmen,
die derzeit überwiegend von den Vereinigten Staaten
getragen werden. Das Beispiel Bosnien wird immer
wieder als Beweis für zwei Dinge angeführt: Die
Notwendigkeit der Aufrechterhaltung der amerikanischen Präsenz in Europa und die Notwendigkeit, daß
die Europäer schnell und entschlossen einen Konsens
bilden und Handlungsfähigkeit zeigen.
Bosnien ist nicht das einzige Beispiel: Bei der Krise in
Albanien im vergangenen Jahr wollten die Vereinigten
Staaten und Rußland die OSZE als allgemeinen
Rahmen nutzen. Ein hochrangiger europäischer
Staatsmann wurde als Leiter der OSZE-Bestrebungen
ausgewählt. Anstatt mit der Arbeit zu beginnen,
verbrachten wir einen Monat mit Debatten, ob die
Europäische Union einen OSZE-Rahmen akzeptieren
oder ob sie - ohne Beteiligung der Vereinigten Staaten
und Rußlands - die Führungsrolle beanspruchen
würde.
Die Ereignisse werden der EU nicht immer die Zeit
geben, den perfekten Mechanismus für eine Konsensbildung zu entwickeln. Ich unterschätze nicht die
Schwierigkeiten der Konsensbildung innerhalb der
Europäischen Union oder in den größeren europäischen und internationalen Gemeinschaften. Aber
beim Umgang mit Krisen und Herausforderungen an
unsere Grundprinzipien muß unsere Aufmerksamkeit
auf Taten und Ergebnissen liegen, nicht auf Arbeitsweise, Prestige oder verpaßten wirtschaftlichen
Chancen.
Die derzeitige Situation im Kosovo stellt uns erneut auf
die Probe. Als Außenministerin Albright im März an
Zusammenkünften über den Kosovo teilnahm, sprach
sie sich dafür aus, Präsident Milosevic eine klare und
überzeugende Botschaft zu übermitteln. Wir verloren
wertvolle Zeit, indem wir im Zweifelsfall zu seinen
Gunsten entschieden. Jetzt versuchen wir das
Versäumte aufzuholen - in einer sich schnell verschlechternden Situation.
Die Bedrohung durch den Irak steht weiterhin auf
unserer gemeinsamen internationalen Agenda. Wir

Seite 4

AMERIKA DIENST 13

�sollten uns bessere Möglichkeiten für die Bewältigung
der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in
den Händen verbrecherischer Staaten überlegen,
anstatt über theoretische Herausforderungen an die
praktischen Interessen von Partnern und Freunden zu
argumentieren.
Herausforderungen von außerhalb der transatlantischen Gemeinschaft sind historisch gesehen am
schwierigsten zu meistern. Ich bin jedoch zuversichtlich, daß wir bessere Wege zur Überbrückung der Kluft
finden, die sich manchmal ergibt, wenn wir uns zwar

*

AMERIKA DIENST 13

*

über die Natur des Problems einig sind, aber unterschiedliche Meinungen über die Vorgehensweise bei
seiner Lösung haben.
Letzten Endes sind für uns konkrete Ergebnisse
wichtig und nicht einfach nur die Beteiligung an einem
"ermutigenden" Prozeß der Erörterung möglicher
Ergebnisse. Die Probleme lösen sich nicht von alleine.
Und sie warten auch nicht unsere Beratungen ab. Wir
können sie gemeinsam oder alleine lösen, aber
niemals durch Untätigkeit.
Ich danke Ihnen.

*

*

Seite 5

�WEITERVERBREITUNG

I.Juli 1998

USA bedauern Verhängung von Sanktionen
gegen Indien und Pakistan
Rede von Karl Inderfurth

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Abteilungsleiter für südasiatische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Karl Inderfurth, am 18. Juni 1998 vor dem Unterausschuß für Nahostund Südasienfragen des Repräsentantenhauses gehalten hat.

Herr Vorsitzender, ich habe zum letzten Mal vor acht
Monaten, am 22. Oktober 1997, vor diesem Unterausschuß eine Rede gehalten. Damals konzentrierten wir
uns auf die Ausweitung und Verstärkung unseres
Engagements in der südasiatischen Region unter
besonderer Betonung unserer Zusammenarbeit mit
Indien und Pakistan auf den Gebieten Handel und
Investitionen, Wissenschaft und Technologie sowie
Umwelt und Gesundheit. Seit damals hat sich die
Situation in Südasien dramatisch verändert - und zwar
zum Schlechteren. Am 11. Mai nahmen die Ereignisse
in dieser Region eine gefährliche Wende, als Indien
mehrere Atomversuche durchführte, die entsprechende Tests in Pakistan und die Verhängung weitreichender Sanktionen gegen beide Länder durch die Vereinigten Staaten nach sich zogen. Die internationale
Staatengemeinschaft schloß sich den Vereinigten
Staaten bei der Verurteilung dieser Aktionen an, die
eine ernsthafte Gefährdung des globalen Nichtverbreitungsregimes darstellen, die Besorgnis über die
Stabilität in der Region verstärken und das Gefahrenpotential von Spannungen zwischen Indien und
Pakistan beträchtlich erhöhen.
Die Verhängung von Sanktionen
In den sechs Wochen seit den indischen Atomtests
haben wir die benötigten Informationen gesammelt, die
erforderlichen Mechanismen in Gang gesetzt und die
notwendigen Entscheidungen getroffen, um ein
Sanktionsregime gegen Indien und Pakistan gleichermaßen zu verhängen. Wir haben uns bemüht sicherzustellen, daß die Durchsetzung der Sanktionen im
Rahmen des Glenn-Zusatzartikels und anderer
gesetzlicher Bestimmungen entschlossen und korrekt

AMERIKA DIENST 13

erfolgt, daß die Sanktionen von den Regierungen, die
diese Schritte unternommen haben, ihren Preis fordern
aber nicht die Bestrebungen unterhöhlen, grundlegende humanitäre Bedürfnisse zu decken und den
amerikanischen Geschäftsinteressen keinen größeren
Schaden zufügen. Damit senden wir eine überzeugende Botschaft an jeden anderen Staat, der den Besitz
von Nuklearwaffen anstrebt.
Gleichzeitig möchten wir betonen, daß der Zweck
dieser Sanktionen darin besteht, das Verhalten Indiens
und Pakistans zu beeinflussen und nicht, sie um der
Strafe willen zu bestrafen. Wir möchten keines der
beiden Länder isolieren, sondern sie vielmehr zu
Schritten ermutigen, ihr entschlossenes Engagement
für globale Nichtverbreitungsnormen unter Beweis zu
stellen und ihre Beziehungen zueinander zu verbessern.
Der Stellvertretende Außenminister Talbott leitet
derzeit ein Treffen im Außenministerium, bei dem die
wichtigsten Richtlinien für unser Regime zur Durchsetzung von Sanktionen offiziell bekanntgegeben werden.
Der Kern dieser Ankündigung findet sich in einer
Übersicht über die Sanktionsbestrebungen, die ich
Ihnen gerne zur Verfügung stelle. Ich bitte darum, sie
auch ins Protokoll aufzunehmen. Darüber hinaus
erarbeiten die betreffenden amerikanischen Behörden
und Ministerien, einschließlich
des
Finanz-,
Wirtschafts- und Verteidigungsministeriums - um nur
einige zu nennen - detaillierte Aufstellungen über die
technischen Aspekte der Sanktionen. Wir werden
Ihnen diese Papiere zukommen lassen, sobald sie
verfügbar sind. Innerhalb des Außenministeriums
werden unser Staatssekretär für wirtschaftliche,

Seite 1

�unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten, Stuart Eizenstat, und der amtierende Staatssekretär für Rüstungskontrolle und internationale
Sicherheitsangelegenheiten, John Holum, weiterhin die
Führungsrolle im Hinblick auf die Wirtschafts- und
nationalen Sicherheitsaspekte unserer Sanktionspolitik
übernehmen.
Nebenbei gesagt, Herr Vorsitzender, war ein Ergebnis
unserer Verhandlungen über die Durchsetzung von
Sanktionen die klare Erkenntnis, daß diese obligatorischen Sanktionen vorwiegend als Abschreckung
dienen sollen; wir hatten gehofft, daß sie nicht durchgesetzt werden müssen. Wir mußten auf unserem
Weg eine Vielzahl von Problemen behandeln und
Entscheidungen darüber treffen, wie die Sanktionen
bei verschiedenen Programmen und Aktivitäten
Anwendung finden, und werden mit der Tatsache
konfrontiert, daß die Sanktionen unbeabsichtigte,
negative Konsequenzen haben können und es keine
Beendigungsklausel gibt. Obwohl wir erst noch sehen
müssen, welche konkreten Schritte Indien oder
Pakistan unternehmen, die uns Fortschritte gestatten,
möchte ich darauf hinweisen, daß wir beträchtlich in
unserer Fähigkeit eingeschränkt sind, auf zukünftigen
Fortschritt oder positive Schritte dieser Länder zu
reagieren. Wir verfügen auch über wenig Flexibilität
zur Abwandlung der Anwendung von Sanktionen für
den Fall, daß ihre Durchsetzung unbeabsichtigte,
negative Folgen hat. Wir sind uns bereits bewußt, daß
die Sanktionen die Einstellung der Kredite für den
Verkauf von Agrarprodukten beinhalten, was zweifelsohne den humanitären Bestimmungen des Gesetzes
widerspricht.
Jüngste Entwicklungen in der Region
Unmittelbar nach den von Indien und Pakistan durchgeführten Tests machten wir uns ziemliche Sorgen
über die gespannte Atmosphäre in der Region sowie
über provokative Äußerungen und Aktionen von
Regierungsmitgliedern beider Länder, die anscheinend
nur darauf angelegt waren, das Feuer zu schüren. In
einem solchen Umfeld besteht ein besonders hohes
Risiko von Fehlkalkulationen oder dem Bestreben,
dem anderen immer um eine Nasenlänge voraus zu
sein - mit möglicherweise verheerenden Konsequenzen. Vor diesem Hintergrund drängten die Vereinigten
Staaten - mit dem Präsidenten und der Außenministerin an der Spitze - bei beiden Regierungen und in der
internationalen Staatengemeinschaft auf eine Entschärfung der Spannungen.
In den letzten Tagen haben wir eine Mäßigung der
Rhetorik von Seiten Islamabads und Neu-Delhis
beobachtet und aus beiden Hauptstädten die Aufforderung zur Wiederaufnahme des direkten Dialogs
vernommen. Beide Länder haben ein Moratorium für
weitere Atomtestversuche angekündigt und im Hinblick
auf weitere Entwicklungen ihrer Nuklear- und Raketen-

Seite 2

Programme einen vorsichtigeren Weg eingeschlagen.
Indien hat positive Erklärungen über seine Bereitschaft
abgegeben, an Verhandlungen über einen Vertrag
über das Verbot der Produktion von spaltbarem
Material teilzunehmen. Wir hoffen, daß Pakistan
diesem Beispiel folgt. Obwohl wir uns bewußt sind,
daß die Wiederaufnahme direkter Kontakte auf hoher
Ebene mehr Zeit beanspruchen könnte als wir möchten, ist es unseres Erachtens äußerst wichtig, daß
beide Seiten ihre öffentlichen Erklärungen in einem
verantwortungsbewußteren Ton halten, und darauf
drängen wir.
Der amerikanische Ansatz
Neben unseren fortgesetzten Bestrebungen zur
Bewältigung der Krise, Verhinderung weiterer Tests
und Ermutigung der Einstellung provokativer Erklärungen und Aktionen unternehmen wir auch
konzertierte Anstrengungen, den Rahmen für die
Beendigung des nuklearen und Rüstungswettlaufs in
der Region zu schaffen und die tieferliegenden
Ursachen der Spannungen zwischen den beiden
Widersachern anzusprechen. Wir arbeiten hierbei
aktiv mit der internationalen Staatengemeinschaft
zusammen, denn es ist entscheidend, eine Vielzahl
von Regierungen, Institutionen und Organisationen
einzubeziehen. Es haben bereits zwei wichtige
internationale Zusammenkünfte unter Teilnahme der
US-Außenministerin stattgefunden, denen ich beiwohnte - eine mit den fünf Ständigen Sicherheitsratsmitgliedern in Genf, die andere mit den Außenministern
der G 8 in London. Auf beiden Treffen wurden wesentliche Fortschritte bei der Erarbeitung eines gemeinsamen Ansatzes gemacht, wie die Krise eingedämmt,
weitere Tests und ein Rückfall in einen Rüstungswettlauf verhindert und - was noch grundlegender ist - wie
die Spannungen zwischen den beiden Parteien
beseitigt und sie wieder zur Einhaltung von Nichtverbreitungsnormen veranlaßt werden können. Zusätzlich
verabschiedete der UN-Sicherheitsrat eine scharf
formulierte Resolution, die das Kommunique der P 5
unterstützt und im Einklang mit dem Ansatz der P 5
und der G 8 steht. Ich stelle dem Ausschuß Kopien
der Kommuniques beider Treffen zur Verfügung und
bitte um Ihre Erlaubnis, sie in das Protokoll dieses
Treffens aufzunehmen.
Der vor uns liegende Weg
Wie ich bereits andeutete, Herr Vorsitzender, können
wir nicht einfach Sanktionen verhängen, uns dann
zurückziehen und Indien und Pakistan signalisieren,
daß wir nur auf ihre Bestrafung aus sind. Wir müssen
engagiert bleiben, und obwohl Sanktionen ihren Preis
haben, müssen wir mit beiden Regierungen einen Weg
für die Zukunft ausarbeiten. Diese Zukunft wird im
Idealfall konkrete Maßnahmen beider Regierungen
umfassen, die deren entschiedenes Engagement für
Zurückhaltung bei Nuklearwaffen und Raketen sowie

AMERIKA DIENST 13

�für die Verringerung regionaler Spannungen unter
Beweis stellen. Diese Maßnahmen sollten folgendes
beinhalten: Die bedingungslose Unterzeichnung und
Ratifizierung des CTB-Vertrags, den Verzicht auf
Raketentests, die Zustimmung, keine Raketensysteme
mit Waffen zu bestücken oder zu dislozieren, die
Einstellung der Produktion von spaltbarem Material,
die konstruktive Beteiligung an Verhandlungen über
einen Vertrag zur Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material, das Festschreiben bestehender
Zusagen, keine nukleare oder ballistische Raketentechnologie oder Fachkenntnis zu exportieren oder
weiterzugeben sowie - im Interesse von Stabilität und
Wohlstand in der Region - die Wiederaufnahme des
direkten Dialogs zur Beseitigung der Wurzeln der
Spannungen, einschließlich Kaschmir.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
einer Fortsetzung der Kommunikation mit Indien und
Pakistan. Der Stellvertretende Außenminister Talbott
traf letzte Woche im Außenministerium mit Jaswant
Singh, dem Stellvertretenden Vorsitzenden der
indischen Planungskommission und einem engen
Berater und Vertrauten des indischen Ministerpräsidenten Vajpayee zusammen. Das Treffen wurde
vom US-Außenministerium als "konstruktiv" und "eine
breite Palette von Themen von beidseitigem Interesse
umfassend" beschrieben. Mit anderen Worten: Nach
sechswöchiger Pause führen die Vereinigten Staaten
und Indien wieder Gespräche auf hoher Ebene über
unser weiteres Vorgehen. Derzeit bemühen wir uns,
ähnliche Zusammenkünfte mit einem hochrangigen
pakistanischen Gesandten zu arrangieren.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten müssen
sich auch entschlossen dafür einsetzen, daß sich die
Staatengemeinschaft konzentriert und produktiv mit
diesen Fragen befaßt. Die P 5- und G 8-Treffen waren
kein einmaliges Unternehmen, und wir werden weiterhin mit diesen Institutionen arbeiten und andere
Nationen und Organisationen zur Mitarbeit ermutigen.
Beispielsweise ist es wichtig, mit Ländern zusammenzuarbeiten, die Nuklearwaffenfähigkeiten besaßen,
jedoch darauf verzichteten - wie Argentinien, Brasilien,
die Ukraine und Südafrika. Diese Länder wurden
zusammen mit China und den Philippinen zu einem
Mittagessen beim G 8-Gipfel in London eingeladen.
Ferner beabsichtigen wir eine enge Zusammenarbeit
mit Deutschland und Japan - zwei Ländern, deren
ständige Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat wir aktiv
unterstützen und die ihren Status als Weltmacht nicht
durch Atomwaffenversuche erlangten. Wir werden uns
weiterhin auf regionale und Sicherheitsorganisationen
wie die NATO, ASEAN, OAU und die NAM konzentrieren, um nur einige zu nennen. Und wir werden
nach wie vor die Vielzahl unserer bilateralen Austauschprogramme nutzen, wie wir es beim Besuch des
französischen Premierministers in Washington getan
haben und mit Präsident Clintons geplanter Chinareise
fortsetzen.

AMERIKA DIENST 13

Diese Art des Engagements ist nötig, um unsere
fortgesetzte internationale Entschlossenheit zu
demonstrieren, Indien und Pakistan Beispiele für den
Lohn alternativer Vorgehensweise zu geben und die
Kontinuität der an beide Länder gesendeten Botschaften sicherzustellen. Beispielsweise haben wir
uns die bislang abgehaltenen Treffen zunutze gemacht, um in den internationalen Finanzinstitutionen
einen Konsens über das Verhalten gegenüber Indien
und Pakistan zu bilden, der mit unserem eigenen
Ansatz im Rahmen des Sanktionsregimes in Einklang
steht. Die G 8 wird sich weiterhin kollektiv für die
Aufschiebung der Kreditvergabe an beide Länder
einsetzen - mit Ausnahme der zur Deckung humanitärer Bedürfnisse erforderlichen. Allein im Fall Indiens
wurden bislang Darlehen im Wert von mehr als einer
Milliarde Dollar eingefroren, was Auswirkungen auf die
indische Volkswirtschaft hat und das Vertrauen der
Investoren schmälert. Ich muß hinzufügen, daß das
eigentlich nicht das Ziel unserer Interaktion mit Indien
war, die ich am Anfang meiner heutigen Ausführungen
angesprochen habe. Wir hatten auf den Aufbau
starker Wirtschaftsbeziehungen zu Indien und Pakistan
gleichermaßen auf der Grundlage wachsenden
Handelsvolumens und der Bedürfnisse dieser Länder
in den Bereichen Infrastruktur und Investitionen
gehofft. Diesen Hoffnungen wurde ein schwerer
Schlag versetzt.
Herr Vorsitzender, wir müssen in absehbarer Zukunft
unsere Sanktionspolitik entschlossen fortsetzen.
Gleichzeitig müssen wir bereit sein, Indien und Pakistan beim Abbau der Spannungen zu helfen, falls sie
dazu bereit sind. Die Vereinigten Staaten und unsere
Partner in der P 5 und der G 8 haben zugesagt,
unserer Verpflichtung zur Verhinderung destabilisierender Transfers von Waffen und sicherheitsempfindlichen Technologien nach Südasien nachzukommen.
Wir sind bereit, unser Fachwissen und unsere Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, um Indien und Pakistan bei der Überwachung militärischer Aktivitäten und
der Vermeidung von Fehlkalkulation zu helfen - und
vor allem, um beide Länder bei der Beilegung ihrer
Differenzen zu unterstützen. Wir sehen dem im Juli in
Colombo anberaumten Treffen der südasiatischen
Vereinigung für regionale Zusammenarbeit erwartungsvoll entgegen, das den Ministerpräsidenten
Vajpayee und Sharif die Gelegenheit zu persönlichen
Gesprächen unter vier Augen geben könnte. Wir
fordern die beiden Ministerpräsidenten auf, diese
Gelegenheit zu nutzen, vertrauensbildende Maßnahmen zu ergreifen oder andere Übereinkünfte
anzustreben. Zum Abschluß möchte ich noch einen
wesentlichen Punkt anbringen: Obwohl wir die von
Indien und Pakistan angeführten Erklärungen für den
Besitz von Nuklearwaffen und die Atomtests nicht
akzeptieren und der Überzeugung sind, daß die
Versuche die Sicherheit dieser Länder untergraben,
müssen wir weiterhin anerkennen, daß Indien und
Pakistan als souveräne Staaten legitime Sicherheits-

Seite 3

�belange und -interessen haben und dies bei unserem
weiteren Vorgehen berücksichtigen. Für uns stehen

so viele nationale Interessen auf dem Spiel, daß wir
uns zu diesen Bedingungen engagieren müssen.
Vielen Dank.

* * * * *

»

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AMERIKA DIENST 13

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              <text>&lt;strong&gt;1. Elektronischer Handel&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Daley kritisiert Vorschlag der EU zu elektronischem Handel &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Wirtschaftsministers&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Luftbrücke&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der 50. Jahrestag der Berliner Luftbrücke &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;50 Jahre deutsch-amerikansiche Partnerschaft &lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Botschafter John C. Kornblum&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Währung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der 50. Geburtstag der D-Mark &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von Botschafter Kornblum &lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Humanitäre Hilfe&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Humanitäre Hilfe zwischen Anspruch und Wirklichkeit &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Botschafter John C. Kornblum&lt;br /&gt;&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Vereinte Nationen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Gemeinsam wenn möglich, allein wenn nötig: Die Vereinigten Staaten und die Vereinten Nationen &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten Michael C. Polt&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;7. Weiterverbreitung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA bedauern Verhängung von Sanktionen gegen Indien und Pakistan &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Karl Inderfurth&lt;/em&gt;</text>
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