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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

3. Juni 1998

11

ABRÜSTUNG

SAMUEL BERGER ZUR RUSTUNGSKONTROLLAGENDA
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters

USA-EUROPA

DIE STÄRKUNG DER AMERIKANISCHEUROPÄISCHEN PARTNERSCHAFT
Rede von Staatssekretär Thomas Pickering

USA-DEUTSCHLAND

NEUE CHANCEN IN DEN TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Botschafter John C. Kornblum

EIN MEILENSTEIN FÜR DIE DEMOKRATIE
von John C. Kornblum
»

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228-3392956
Fax 0228-333138
Internet http://www.usembassy.de

�ABRÜSTUNG
3. Juni 1998

Samuel Berger zur Rüstungskontrollagenda
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wie Auszüge aus der Rede, die der Nationale
Sicherheitsberater Präsident Clintons, Samuel Berger, am 5. Mai 1998 an der Georgetown University gehalten
hat.

Heute möchte ich darüber sprechen, was Präsident
Clinton auf dem Gebiet der Rüstungskontrolle erreicht
hat und - noch wichtiger - unsere Pläne erörtern, noch
mehr zum Aufbau einer noch sichereren Zukunft zu
unternehmen.
Nach jahrelanger Konfrontation erzielten die Reaganund Bush-Administrationen dramatische Fortschritte
bei Rüstungskontrollabkommen mit der Sowjetunion.
Wie Sie wissen, beschränkte START I die Zahl
strategischer nuklearer Gefechtsköpfe jeder Seite auf
6.000, und unter START II soll die Obergrenze auf
3.000 bis 3.500 gesenkt werden. Noch wichtiger ist
vielleicht, daß diese Abkommen landgestützte Raketen
mit Mehrfachgefechtsköpfen - die mächtigsten,
verheerendsten und gefährlichsten Waffen beider
Seiten - ein für allemal verbieten.
Wir haben mit einer umfassenden Agenda auf diesen
Leistungen aufgebaut.
Seit 1993 ist der Präsident bestrebt, der Verbreitung
von nuklearen Explosivstoffen und ihren Tests ein
Ende zu setzen. 1995 gelang uns in Zusammenarbeit
mit anderen Ländern die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ( N W ) . Im darauf folgenden Jahr unterzeichneten die Nationen der Welt - einschließlich der fünf
Atommächte - den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty CTBT). Und im vergangenen Jahr legte der Präsident
diesen Vertrag dem Senat vor - mit Sicherheitsklauseln
zum Schutz unserer nationalen Interessen.
Bei den strategischen Nuklearwaffen machte der
Präsident das Inkrafttreten des START I- und des

AMERIKA DIENST 11

START Il-Vertrags sowie die Entnuklearisierung der
Ukraine, von Belarus und Kasachstan zu seiner
obersten Priorität. START I trat im Dezember 1994 in
Kraft, und dank des fortgesetzten Engagements der
Vereinigten Staaten wurden im Mai 1995 die letzten
Nuklearwaffen aus den drei Republiken der ehemaligen Sowjetunion entfernt. Wir machten Pläne für die
Umstrukturierung unserer strategischen Streitkräfte,
um noch einschneidendere Kürzungen unter Wahrung
einer wirksamen Abschreckung zu ermöglichen.
Und wir nahmen eine Umorientierung der Raketenverteidigung vor - von kostspieligen, technologisch
nahezu unmöglichen Programmen, die den ABMVertrag von 1972 unterminiert hätten, zu realistischen
Bestrebungen zum Schutz vor Angriffen mit Raketen
kürzerer Reichweite - parallel zu vernünftiger
Forschungs- und Entwicklungsarbeit an einer umfangreicheren Verteidigung. Im März 1997 einigten
sich die Präsidenten Clinton und Jelzin in Helsinki auf
einen Rahmen für einschneidendere Kürzungen im
START Ill-Vertrag. Und im September 1997 unterzeichneten unsere beiden Nationen in New York vier
äußerst wichtige Vereinbarungen im Zusammenhang
mit dem START II- und dem ABM-Vertrag, auf die ich
gleich zu sprechen kommen werde.
Wie geht es jetzt weiter? Es ist unser Ziel, am Ende
der zweiten Amtszeit Präsident Clintons ein solides
START Ill-Abkommen zu haben, das die strategischen
Nuklearwaffenarsenale um 80 Prozent ihres Höchststands im Kalten Krieg reduzieren würde - auf 2.000
bis 2.500 Gefechtsköpfe pro Seite. Der Abbau wird
sich weiterhin darauf konzentrieren sicherzustellen,
daß eine lebensfähige nukleare Streitmacht einen
feindlichen Gegner abschrecken kann.

Seite 1

�Die Präsidenten Clinton und Jelzin ebnen den Weg in
eine sicherere Zukunft. Jetzt liegen die Dinge jedoch
vorwiegend in der Hand der Legislativen unserer
beiden Länder.

Sensoren zur Unterstützung unserer nationalen
nachrichtendienstlichen Fähigkeiten und das Recht,
kurzfristig Inspektionen vor Ort in anderen Staaten zu
verlangen.

Die Zukunft der Rüstungskontrolle, an der amerikanische Administrationen - Republikaner und Demokraten gleichermaßen - seit mehr als 40 Jahren arbeiten,
könnte sich in den nächsten Monaten entscheiden,
wenn sich die russische Duma mit dem START IIVertrag befaßt und der US-Senat fünf Schlüsselübereinkünfte erörtert und darüber abstimmt: Den Vertrag
über ein umfassendes Atomtestverbot und die vier
vergangenes Jahr geschlossenen Abkommen zu
START und ABM. Um es mit den Worten des verstorbenen Trainers der Washington Redskins, George
Allen, auszudrücken: Die Zukunft ist jetzt. Was jetzt
geschieht, wird große Auswirkungen auf die
amerikanisch-russischen Beziehungen im Nuklearwaffenbereich haben - und auf unsere Bestrebungen, die
Ausbreitung von Nuklearwaffen auf der ganzen Welt
einzudämmen.

Sollte der Senat den Vertrag über ein Atomtestverbot
ablehnen oder ihn nicht erörtern, könnte das Abkommen aufgrund seiner Bestimmungen in keiner
Nation in Kraft treten. Wir würden die Tür für regionales Wettrüsten und eine noch viel gefährlichere Welt
weiter öffnen. Mit anderen Worten: Der Senat muß
tun, worum ihn der Präsident bereits in seinem Bericht
zur Lage der Nation gebeten hat: Dem Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot in diesem Jahr zustimmen.

Zuerst möchte ich auf den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot zu sprechen kommen. Präsident
Clinton bezeichnete ihn als den "am längsten angestrebten, am härtesten erkämpften Preis in der
Geschichte der Rüstungskontrolle". Er verbietet alle
Tests mit nuklearen Explosivstoffen. Wir sollten kurz
innehalten und überlegen, was diese Entwicklung
bedeutet: 149 Nationen unterzeichneten eine Übereinkunft, nie mehr einen Atomtest durchzuführen. Wir
dürfen nicht zulassen, daß uns diese außergewöhnliche Chance entgeht.
Vier ehemalige Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs - Shalikashvili, Powell, Crowe und Jones - sowie
alle sechs derzeitigen Mitglieder der Vereinigten
Stabschefs stimmen überein, daß dieser Vertrag in
unserem nationalen Interesse liegt.
Die Direktoren unserer drei nationalen Atomwaffenlabors und zahlreiche unabhängige Experten haben
erklärt, daß wir auch ohne Atomtests eine verläßliche
Abschreckung aufrechterhalten können. Die Öffentlichkeit unterstützt den Vertrag entschieden - ebenso
wie während der letzten 40 Jahre, seit er von Präsident
Eisenhower erstmals vorgeschlagen wurde.
Der Vertrag wird die Entwicklung modernerer und
gefährlicherer Nuklearwaffen durch die Atommächte
eindämmen und die Möglichkeiten anderer Staaten
einschränken, in den Besitz solcher Waffen zu gelangen. Ferner wird er unsere Fähigkeit verbessern,
verdächtige Aktivitäten anderer Nationen aufzudecken.
Ob wir einen CTB-Vertrag haben oder nicht - wir
müssen solche Aktivitäten überwachen. Der Vertrag
gibt uns neue Werkzeuge zur Durchführung dieser
lebenswichtigen Aufgabe: Ein globales Netz von

Seite 2

Unsere Legislativen müssen auch bei der strategischen Rüstungskontrolle Fortschritte machen. Die
Regierung Präsident Jelzins hat neues Gewicht auf die
Ratifizierung von START II gelegt. Das ist ein Zeichen
der Hoffnung. Wir beobachten wachsende Unterstützung in der Duma, die für die zunehmende Erkenntnis
steht, daß der START-Vertrag sowohl im Interesse
Rußlands als auch der Vereinigten Staaten liegt.
Sobald die Duma START II ratifiziert hat, können wir
dem Senat die vergangenes Jahr in New York erzielten Übereinkünfte vorlegen. Diese Vereinbarungen
scheinen äußerst technisch zu sein, und ihre Unterzeichnung zog nur wenig Aufmerksamkeit auf sich.
Sie sind jedoch von elementarer Bedeutung.
Einige russische Abgeordnete machen sich Sorgen,
wir würden bald aus dem ABM-Vertrag aussteigen.
Andere sind auch besorgt über die Kosten einer so
schnellen Zerlegung so vieler Waffen. Die New Yorker
Übereinkunft zu START II befaßt sich mit diesen
Belangen, indem sie die Frist für die Zerstörung von
Waffen bis zum Jahr 2007 verlängert.
Welche Vorteile haben wir von dieser Verlängerung?
Sie schwächt entschieden die von den START IIGegnern in der Duma vorgebrachten Argumente. Wir
werden also wahrscheinlich START II zu geringen
strategischen Kosten bekommen, weil die neue
Übereinkunft immer noch verlangt, daß die diesbezüglichen russischen Waffensysteme bis zum Jahr
2003 unschädlich gemacht werden.
Die zweite New Yorker Übereinkunft dient unseren
Interessen, indem sie die Verantwortung der Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion unter dem
ABM-Vertrag klärt.
Durch die Aufnahme von Belarus, Kasachstan und der
Ukraine als Parteien des ABM-Vertrags hilft uns dieses
neue Übereinkommen bei der Zusammenarbeit mit
diesen Nationen, damit bestehende Vereinbarungen
zu strategischen Waffen und Atomwaffen mittlerer
Reichweite aufrechterhalten werden.

AMERIKA DIENST 11

�Die letzten beiden Abkommen schaffen zumindestens
Klarheit darüber, welche schauplatzgebundenen
Verteidigungssysteme unter dem ABM-Vertrag erlaubt
sind - so daß wir uns weiterhin ernsthaft um den
Schutz unserer Truppen und Verbündeten vor Raketen
bemühen können, die von Regionalmächten abgeschossen
werden,
ohne
das
strategische
amerikanisch-russische Gleichgewicht zu stören.

Um unsere Bürger zu schützen, müssen wir uns
jedoch dafür einsetzen, daß diese Waffen sicher sind.

Die Abkommen erlangen dieses Gleichgewicht durch
die Festsetzung von Geschwindigkeit und Reichweite
von Zielflugkörpern, die von schauplatzgebundenen
Verteidigungssystemen in Tests abgeschossen
werden dürfen.

Vor zwei Wochen halfen wir gemeinsam mit Großbritannien und der Republik Georgien bei der Sicherstellung einer kleinen Menge von hochangereichertem
Uran in Georgien, das in den falschen Händen ein
Weiterverbreitungsrisiko gewesen wäre. Diese Art von
Erfolg ist das Ergebnis starker multinationaler Zusammenarbeit und überparteilicher Unterstützung
durch den Kongreß für das von Senator Richard Lugar
und dem damaligen Senator Sam Nunn geschaffene
Nichtverbreitungsprogramm - eine der klügsten von
uns in unsere nationale Sicherheit getätigten Investitionen.

Diese Übereinkünfte werden jedoch keines der vom
Pentagon derzeit durchgeführten Programme für
schauplatzgebundene Verteidigungssysteme behindern. Sie werden es jedoch beiden Seiten verbieten,
im Weltraum Abfangsysteme für schauplatzgebundene
Verteidigung zu installieren. Diese Bestimmung war
unerläßlich, weil es keine Möglichkeit gibt, zwischen
weltraumgestützten Abfangeinrichtungen für schauplatzgebundene Verteidigungssysteme und weltraumgestützen Abfangeinrichtungen für Langstreckenraketen zu unterscheiden, die bereits unter dem ABMVertrag verboten sind.
Weitere Fortschritte bei den START-Verträgen - das
heißt die vollständige Implementierung von START I
und START II sowie der Abschluß von START III werden erst dann erfolgen, wenn wir den ABM-Vertrag
einhalten. Es besteht kein Grund zu der Annahme, die
führenden russischen Politiker und Militärs würden
einer einschneidenden Reduzierung von strategischen
Nuklearwaffen zustimmen, wenn die im ABM-Vertrag
vorgesehenen Einschränkungen für Verteidigungssysteme gegen diese Flugkörper nicht wirksam sind.
Die in New York geschlossenen Abkommen sind
infolgedessen notwendig. Aber ebenso wichtig wie die
Zusammensetzung der Arsenale ist ihre Sicherheit.
Wir werden weiterhin mit den Russen zusammenarbeiten, um das angemessene Gleichgewicht zwischen Überlebensfähigkeit und Schutz vor Unfällen zu
finden. Unseres Erachtens unterstehen die russischen
Nuklearstreitkräfte weiterhin einer starken Führung.

*

AMERIKA DIENST 11

Wie unsere Verpflichtung zum CTB-Vertrag zeigt, sind
die amerikanisch-russischen Nuklearwaffenarsenale
bei weitem nicht unsere einzige Sorge. Wir müssen
uns auch vor der Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen in andere Länder schützen.

Wir müssen auch die Verbreitung chemischer und
biologischer Waffen eindämmen, um unsere Bürger
und unsere Truppen zu schützen. Auf Drängen
Präsident Clintons ratifizierte der Senat im vergangenen Jahr die Chemiewaffenkonvention. In seinem
diesjährigen Bericht zur Lage der Nation gab der
Präsident eine neue Initiative bekannt, die Konvention
über biologische Waffen durch ein strenges Inspektionssystem zu stärken, um Betrug aufzudecken und
abzuschrecken. Wir arbeiten eng mit anderen Nationen und der amerikanischen Industrie zusammen, um
bis Ende dieses Jahres ein solches System zu schaffen.
Alle diese Bestrebungen sind unerläßlich, wenn unsere
Kinder in einer sichereren Welt aufwachsen sollen.
Präsident Clinton hat diese Herausforderung ausgeweitet. Er erklärte: "Wir wollen härter als je zuvor
arbeiten, um die nukleare Bedrohung zu beseitigen,
die die Weltbühne allzu lange verdunkelt hat. Wir
wollen diese feierlichen Aufgaben zu unserer gemeinsamen Verpflichtung, unserem gemeinsamen Engagement machen." Mit Unterstützung des amerikanischen
Volkes und unter der Führung des Senats können wir
unserer Verantwortung gerecht werden und eine
bessere Zukunft schaffen.

* * *

*

Seite 3

�USA-EUROPA

3. Juni 1998

Die Stärkung der
amerikanisch-europäischen Partnerschaft
Rede von Staatssekretär Thomas Pickering

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für politische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Thomas R. Pickering, am 22. Mai 1998 bei einem Forum des Europe
Magazine gehalten hat.

Der Londoner Gipfel
Wie Präsident Clinton am Montag bei einer Pressekonferenz im Anschluß an den Gipfel zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union
feststellte, befinden wir uns "in einem wichtigen neuen
Stadium unserer Partnerschaft". Wir haben unseren
langwierigen Disput über die amerikanische Sanktionsgesetzgebung zurückgestellt. Damit einigten wir uns
auf die Stärkung unserer Zusammenarbeit bei einem
breiten Spektrum gemeinsamer Ziele, die für unsere
Sicherheit und unser Wohlergehen wesentlich sind.
Dazu zählen:
Nichtverbreitung und Terrorismusbekämpfung,
insbesondere im Hinblick auf den Iran;
eine effektivere Koordination multilateraler
Strategien für den Umgang mit Staaten, die
internationale Normen verletzen;
die Förderung der Energiegewinnung am
Kaspischen Meer, einschließlich des Baus
zahlreicher Pipelines, um verläßlichen Zugang
zu den Weltmärkten zu gewährleisten;
der Kampf gegen illegale Enteignung in Kuba
und weltweit sowie die Förderung von Demokratie in Kuba.
Ferner einigten wir uns auf neue Schritte zur Stärkung
der wirtschaftlichen Partnerschaft zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU, die weltweit die
umfassendsten Handels- und Investitionsbeziehungen
unterhalten. Unsere neue "transatlantische Wirt-

AMERIKA DIENST 11

schaftspartnerschaft" leitet pragmatische, breitgefächerte Bestrebungen ein, um die Hindernisse für
Handel im Umfang von Milliarden Dollar abzubauen
und die globale Liberalisierung zu fördern. Gleichzeitig
bewahren wir unser Engagement für höchste Arbeits-,
Gesundheits- und Umweltstandards. Die Vereinigten
Staaten und die Europäische Union unterzeichneten
das Abkommen über gegenseitige Anerkennung, das
der Duplizität von Produkttests für Handelsgüter im
Wert von 60 Milliarden Dollar ein Ende setzt.
Zusätzlich einigten wir uns darauf, mit Rußland an der
Stärkung nuklearer Sicherheit zusammenzuarbeiten,
insbesondere im Hinblick auf die Beseitigung und
Lagerung von Nuklearmüll im Nordwesten Rußlands.
Wir werden gemeinsam die Ukraine zu mutigen
Wirtschaftsreformen und der beschleunigten Schließung von Tschernobyl ermutigen. Zusammen haben
wir eine Informationskampagne ins Leben gerufen, um
den Handel mit Frauen - vor allem aus der Ukraine und
Polen - zu bekämpfen. Wir ehrten 50 außergewöhnliche Einzelpersonen und Gruppen aus den neuen
europäischen Demokratien für ihren Einsatz dafür, daß
die Freiheit auf dem gesamten Kontinent Fuß fassen
kann. Schließlich befaßten wir uns eingehend mit
einer Reihe drängender internationaler Probleme,
einschließlich der verschärften Spannungen im
Kosovo, der inakzeptablen Wiederaufnahme von
Nukleartests durch Indien und dem Ausbruch ethnischer Gewalt in Indonesien.
Mit anderen Worten: Die Vereinigten Staaten und die
Europäische Union zeigten sich erneut der Lage
gewachsen, befaßten sich eingehend mit unseren

Seite 1

�Differenzen und setzten neue Ziele für eine noch
produktivere europäisch-amerikanische Partnerschaft.

Fortschritte bei der Einführung einer neuen Architektur
für ein neues Zeitalter gemacht.

Die Erlangung unserer Ziele in einer sich verändernden Welt

Die Grundsatzrede Präsident Clintons vom 13. Mai in
Berlin legt dar, wie wir uns den vor uns liegenden Weg
vorstellen. Mit den Worten des Präsidenten basiert der
amerikanische Ansatz zu Europa auf einer unveränderlichen Prämisse: "Amerika steht an der Seite
Europas." Bei dieser Partnerschaft können Sie auf uns
zählen und wir auf Sie. Diese Partnerschaft sieht sich
zwei Herausforderungen gegenüber.

Während der vergangenen 50 Jahre basierten unsere
Beziehungen auf drei Grundprinzipien: Förderung von
Sicherheit, Wohlstand und Demokratie. Dies sind die
dauerhaften Prinzipien, die in den kommenden 50
Jahren und darüber hinaus die Pfeiler unserer Partnerschaft sein werden - zum Nutzen der Völker auf beiden
Seiten des Atlantiks und auf der ganzen Welt.
Was sich in den letzten Jahren radikal geändert hat, ist
das Umfeld, in dem wir diese Ziele verfolgen. Die
meisten herkömmlichen existentiellen Bedrohungen
aus der Zeit des Kalten Krieges sind durch eine
gefährliches und sich veränderndes Gemisch aus
Gefahren ersetzt worden, von denen einige neu,
andere alt sind. Sie reichen von Giftgas bis zur
globalen Erderwärmung, von ethnischer Gewalt bis zur
Festnahme von Kriegsverbrechern, von Massenvernichtungswaffen bis zu Störungen der Weltwirtschaft.
Die dramatische Ausbreitung von Demokratie und
offenen Märkten und die gleichzeitige rapide Entwicklung im Technologie- und Kommunikationsbereich sind
revolutionäre Veränderungen, die die Welt zu einem
besseren Ort machen. Sie stellen aber auch die
traditionellen außenpolitischen Instrumente vor eine
Herausforderung. Schnelle Kommunikation überwindet Hindernisse, die totalitäre Regierungen um ihre
Völker errichten; sie schafft aber auch die Nachfrage
nach schneller Reaktion, was zu schnellen politischen
Entscheidungen führt, die ungefähr so befriedigend
sind wir ein Schnellgericht.
Keine dieser Herausforderungen kann von den
Vereinigten Staaten oder Europa im Alleingang
bewältigt werden. Sie erfordern allesamt konzertierte
internationale Bestrebungen. Folglich muß sich die
Diplomatie verändern, wenn wir die uns konfrontierenden unterschiedlichen Herausforderungen erfolgreich
bewältigen wollen.

Die erste betrifft Europa: Die Vervollständigung der
Integration eines friedlichen, wohlhabenden, demokratischen Europas, eines Europas, das - so der Präsident - erstmals in der Geschichte nicht durch Waffengewalt, sondern durch die Chancen des Friedens
geeint ist.
Die zweite Herausforderung geht über Europa hinaus:
Die Bewältigung der Risiken und Bedrohungen unserer
gemeinsamen Interessen, die weltweit entstehen und
am besten gemeinsam gemeistert werden können.
Aus diesem Grund sind wir überzeugt, daß die Grundlagen unserer Partnerschaft so bleiben sollten, wie sie
sind: Gewährleistung der Sicherheit unserer Nationen,
Förderung von Wohlstand, Bewahrung der Demokratie. Die Schlüsselfrage lautet jetzt, wie wir diese Ziele
im Licht neuer Herausforderungen erlangen können.
Wir sehen 1999, den Beginn eines neuen Jahrhunderts, als einzigartige Chance. Es wird einen
NATO-Gipfel aus Anlaß des 50. Jahrestages des
Bündnisses, einen OSZE-Gipfel und zwei Gipfel
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union geben. Die Rede des Präsidenten in
Berlin sollte als Aufforderung an unsere europäischen
Verbündeten und Partner gesehen werden, sich uns in
dem Bestreben anzuschließen, diese Sitzungen zu
nutzen, um unseren gemeinsamen Weg ins nächste
Jahrhundert zu planen.
Die NATO

Es wird zunehmend Wert auf

Obwohl die Verteidigung unserer Grenzen gegen eine

internationale Partnerschaften und kooperative
Aktionen mit denjenigen gelegt, die unsere Werte und
Interessen teilen.

direkte militärische Invasion weiterhin die Kernfunktion
der NATO bleibt, muß die NATO von morgen unser
erweitertes Bündnis auch gegen Bedrohungen unserer
Sicherheit von jenseits unserer Grenzen verteidigen.
Mit der Zustimmung des Senats zur Ratifizierung der
NATO-Erweiterung haben wir einen weiteren Schritt
unternommen, um die ersten neuen Demokratien als
Mitglieder der NATO willkommen zu heißen. Die Tür
zum Bündnis muß für weitere Mitglieder offen bleiben,
und unsere Programme mit den Partnern müssen
diese Verpflichtung glaubwürdig machen.

Die euroatlantischen Institutionen
Aus diesem Grund haben wir in der Zeit nach dem
Ende des Kalten Krieges so eng mit unseren europäischen Verbündeten und Partnern zusammengearbeitet, um unsere Institutionen an eine flexible, ineinandergreifende Architektur anzupassen, die die NATO,
die OSZE und die Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union zu ihrem
Vorteil nutzt. Seit 1994 haben wir gemeinsam enorme

Seite 2

Die NATO bleibt die Institution der Wahl für ein gemeinsames militärisches Vorgehen der Vereinigten
Staaten und ihrer europäischen Verbündeten und

AMERIKA DIENST 11

�Partner. Wir alle müssen unseren Teil der Verantwortung übernehmen um sicherzustellen, daß uns
glaubwürdige Mittel zur Durchführung der Missionen
zur Verfügung stehen, auf die wir uns geeinigt haben.
Eine Schlüsselaufgabe der NATO besteht in der
Erweiterung und Weiterentwicklung unserer Partnerschaft mit Rußland, der Ukraine und anderen Nationen
auf dem gesamten Kontinent, die unser Interesse an
der Förderung gegenseitiger Sicherheit teilen.
Die amerikanisch-europäische Partnerschaft
Die neue transatlantische Agenda (New Transatlantic
Agenda - NTA), die 1995 von unseren führenden
Politikern verabschiedet wurde, hat uns gute Dienste
geleistet und tut das auch weiterhin, wie sich Anfang
dieser Woche in London herausstellte. Sie bietet einen
funktionierenden Rahmen für unsere Zusammenarbeit
und ihre Erweiterung. Sie hilft uns bei der Ausarbeitung einer positiven, zukunftsorientierten Agenda,
unterstützt uns bei der Beilegung von Streitigkeiten
und führt uns bei den halbjährlichen Gipfeltreffen zu
konkreten Entscheidungen.
Grundlage der NTA ist unsere Unterstützung für ein
starkes, nach außen gerichtetes Europa, das den
Vereinigten Staaten innerhalb- und außerhalb Europas
ein effektiver Partner sein kann. Ferner zeugt die NTA
von unserem Vertrauen in die Fortsetzung des europäischen Integrationsprozesses.
Amerika unterstützt schon seit langem die europäische
Integrationsbewegung.
Wir bewundern die Entschlossenheit, die zur Gründung der Wirtschafts- und
Währungsunion (EWWU) geführt hat und begrüßen die
Einführung einer einheitlichen europäischen Währung,
die durch starke makroökonomische und Strukturmaßnahmen unterstützt wird.
Wir ermutigen Schritte der EU zur Erweiterung und
Einbeziehung von Zentraleuropa und der Türkei.
Unsere künftigen Wirtschaftsbeziehungen sollten auch
den Geist der Offenheit widerspiegeln. Die am 18. Mai
beim Gipfel bekanntgebene "transatlantische Wirtschaftspartnerschaft" ist ein wichtiger Schritt zu einer
umfassenderen Vision von freiem und offenem
transatlantischem Handel mit hohen Standards für
Gesundheit, Sicherheit und Umweltschutz. Sie leitet
pragmatische, breitgefächerte Bestrebungen zum
Abbau von Hemmnissen für Handel in Milliardenhöhe
in die Wege.
Wir sollten eine intensivierte Zusammenarbeit zur
Bekämpfung von internationalem Verbrechen, Schlepperbanden und Drogenhandel in Erwägung ziehen.
Wir haben bereits nützliche Modelle erarbeitet, darunter eine gemeinsame Initiative zwischen den
Vereinigten Staaten und der EU, um den Regierungen

AMERIKA DIENST 11

der Karibik bei der Bekämpfung des Drogenhandels
behilflich zu sein, sowie ein innovatives Projekt in der
Ukraine und Polen, um den Handel mit Frauen zu
vereiteln. Aber es kann mehr getan werden, und wir
sollten kreativ nach anderen Möglichkeiten Ausschau
halten.
Die OSZE
Die OSZE von heute ist ein wichtiges Instrument zur
Stärkung und Erweiterung der Demokratie. Mit ihrer
großen Mitgliederzahl und moralischen Autorität setzt
die OSZE die ursprünglichen Prinzipien von Helsinki
vom Balkan bis Belarus in die Praxis um, damit Krisen
abgeschreckt und entschärft werden, die unsere Werte
und unsere Sicherheit bedrohen.
Wir müssen das Engagement der OSZE in Regionen
verstärken, in denen die Wurzeln der Demokratie noch
zart sind - darunter auf dem Balkan, im Kaukasus und
in Zentralasien. Wir möchten auch praktische neue
Instrumente für die OSZE zur Unterstützung der
friedenssichernden Missionen und Ausbildung der
Polizei entwickeln und die Aktivitäten erweitern, die im
Rahmen von OSZE-Missionen durchgeführt werden
können.
Rußland und die Ukraine
Das amerikanische Bild eines sicheren, freien und
wohlhabenden Europas bezieht Rußland stark ein.
Rußland ist bei vielen Instrumenten der Zusammenarbeit, die wir mit Europa haben, ein Schlüsselpartner.
Wir müssen Rußlands Beteiligung an der OSZE sowie
die Partnerschaften mit der NATO, EU und den
Vereinigten Staaten vertiefen und die neue russische
Revolution, wo immer wir können, unterstützen.
Dasselbe müssen wir für die Ukraine tun, wo der Erfolg
beim Aufbau einer Marktwirtschaft und der Entwicklung
demokratischer Institutionen sowohl die amerikanischen als auch die europäischen Interessen betrifft.
Schlußbemerkung
In einer schnelllebigen, interdependenten Welt ist
internationale Zusammenarbeit wichtiger denn je um
sicherzustellen, daß Wandel Fortschritt, nicht Unordnung bedeutet. Die geschickte Anwendung der
Instrumente der Diplomatie ist entscheidend für den
Schutz und die Förderung unserer Interessen.
Diplomatie ist das Mittel, mit dem wir Lösungen in
Problembereiche bringen und internationale Institutionen aufbauen oder anpassen können, damit sie den
sich verändernden Bedürfnissen gerecht werden.
Unsere beste Verteidigung gegen die uns heute
konfrontierenden Bedrohungen - von regionalen
Konflikten bis zu Terrorismus, Weiterverbreitung und
Drogenhandel - ist die Partnerschaft verantwortungs-

Seite 3

�voller Nationen, die im Interesse ihrer Burger an der
Sicherung der Früchte von Wohlstand und Freiheit
arbeiten. Unsere Fortschritte zu diesen Zielen sind der

Maßstab, ob wir die Chancen ergriffen und die entscheidenden Probleme unserer Zeit bewältigt haben
oder nicht.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�USA-DEUTSCHLAND

3. Juni 1998

Neue Chancen in den transatlantischen Beziehungen
Rede von Botschafter John C. Kornblum

LEIPZIG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 8. Mai 1998 beim Jahrestreffen der American
Chamber of Commerce in Leipzig gehalten hat.

Wir feiern in diesen Tagen 3 Jahrestage, die Eckwerte
für unsere Welt darstellen.

Sei es Unterstützung der New Traditions
Conference.oderderNeue-Länder-Konferenzen.

Heute vor 53 Jahren war der 2. Weltkrieg in
Europa zu Ende. Leipzig wurde von amerikanischen Einheiten befreit.

Sei es Ihr Engagement für Deregulierung in
Deutschland.

Am 12. Mai 1949 endete die Berliner Blockade. Die Stadt und die Demokratie in Deutschland waren gerettet.
Und gestern vor 9 Jahren fanden Kommunalwahlen in Leipzig statt - die ersten demokratischen Wahlen seit 1933.
So ist die ganze europäische Nachkriegsgeschichte zu
verstehen. So wird die amerikanische Rolle in Europa
und die deutsch-amerikanische Partnerschaft definiert.
Wenn wir diese Geschichte verstehen, können wir
auch die Zukunft besser meistern.
Wir können auch die essentielle Arbeit der amerikanischen Handelskammer besser einschätzen. Der
Beitrag der Kammer zu Frieden reicht viel weiter als
Handel oder Industrie. Das 95. Mal zeigt die lange
Geschichte.
Ihr Engagement in Deutschland und die grundsätzliche
Rolle von Handel und Industrie sind ein Bestandteil
dieser Geschichte - und somit ein Bestandteil des
Friedens in Europa. Ich denke an die beeindruckende
Zahl amerikanischer Investoren in den neuen Ländern.
Ich denke auch an die vielen Aktivitäten der Kammer in
Deutschland.

Seien es die regelmäßigen Diskussionen, die
Sie überall in Deutschland veranstalten.
Für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit und
besonders für die neuen Länder sind Sie jederzeit
präsent.
Jetzt versteht man es besser: Warum legen die
Vereinigten Staaten so großen Wert auf diesen Teil
Deutschlands? Ein Grund wird klar: Weil das in
wirtschaftlicher Hinsicht sinnvoll ist.
Es gibt jedoch einen übergeordneten Grund, warum
die Vereinigten Staaten den neuen Bundesländern
besondere Aufmerksamkeit widmen: Die Vereinigung
Deutschlands symbolisiert unsere Ziele für ganz
Europa. Ebenso wie die Vereinigten Staaten eine
entscheidende Rolle dabei spielten, die Vereinigung
Deutschlands Realität werden zu lassen, hat Präsident
Clinton die Integration ganz Europas als eines der
grundlegenden Ziele Amerikas bezeichnet.
Konrad Adenauer hat einmal erklärt: "Deutsche Einheit
und europäische Einigung sind zwei Seiten derselben
Medaille." Und es ist klar, daß der Prozeß des Aufbaus starker und wohlhabender neuer Bundesländer
ein Teil des größeren Gesamtbildes ist. Und das
Gesamtbild ist die Vollendung Europas.
Präsident Clinton hob dieses Thema während seines
ersten Staatsbesuchs in Europa im Januar 1994

AMERIKA DIENST 11

Seite 1

�hervor. Er erklärte: "Diese Zeit entscheidet vielleicht,
ob die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion
in das Gefüge des transatlantischen Wohlstands und
der Sicherheit eingegliedert oder aber isoliert und im
Stich gelassen werden, während sie mit denselben
beängstigenden Veränderungen konfrontiert sind, mit
denen sich so viele Staaten in Europa auseinandersetzen." Und der Präsident stellte eine Meßlatte für
unsere heutigen Fortschritte auf. Er betonte Zusammenarbeit auf drei Gebieten: Stärkung der militärischen Zusammenarbeit, Aufbau von wohlhabenden Marktwirtschaften und Schaffung lebensfähiger
Demokratien. Wir haben solide Fortschritte gemacht:
Letzte Woche stimmte der US-Senat der
Ratifizierung der Aufnahme Polens, Ungarns
und der Tschechischen Republik als neue
Mitglieder in die NATO zu. Damit unternahm
der Senat einen historischen Schritt in dem
Prozeß der Anpassung des Bündnisses. Dies
war ein wesentlicher Schritt, der den Höhepunkt einer bereits guten Bilanz der Zusammenarbeit zwischen dem Bündnis und diesen
neuen Demokratien zur Verteidigung von
Stabilität und Demokratie in Europa und auf
der Welt bildete.
Deutschland und die Vereinigten Staaten sowohl die Regierung als auch die Wirtschaft haben die neuen Demokratien hier im Herzen
Europas zu einer Priorität für Investitionen und
Entwicklung erklärt. Und die Europäische
Union setzt ihre Erweiterung fort um sicherzustellen, daß diese Länder an der europäischen Idee teilhaben können. Unsere gemeinsame Botschaft ist einfach: Pulsierende
und offene Marktwirtschaften sind der Motor,
der uns den größten Wohlstand in der
Geschichte der Menschheit beschert hat.
Auf dem dritten Gebiet - Aufbau von Demokratie - haben wir große Fortschritte erzielt. Die
enormen wirtschaftlichen Veränderungen, die
an diesen Orten stattfanden, haben nicht zu
einem sozialen Zusammenbruch geführt. Im
Gegenteil: Die Demokratien prosperieren in
ungeahntem Ausmaß. Und die prognostizierte
"Europamüdigkeit" hat sich ebenfalls nicht
eingestellt. Die Länder Zentraleuropas haben
ein weitaus größeres Interesse an der Teilnahme an europäischen Institutionen als vor
nahezu zehn Jahren, als die Mauer fiel.
Wenn Präsident Clinton nächste Woche Deutschland
besucht, wird er sich aus erster Hand von den Fortschritten überzeugen, die hier in den neuen Bundesländern gemacht worden sind. Er wird die von Deutschen und Amerikanern unternommenen Bestrebungen sehen sicherzustellen, daß dieser Teil Deutsch-

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lands zu einer Säule für Offenheit und Demokratie in
Europa wird.
Diese Fortschritte geben Anlaß, die Geschichte zu
überdenken. Wo genau befinden wir uns kurz vor dem
Ende des 20. Jahrhunderts? Diese Frage ist nicht so
einfach zu beantworten, wie es auf den ersten Blick
scheinen mag. Wir treten in ein neues historisches
Zeitalter ein, aber die Zukunft ist noch nicht klar zu
erkennen. Ein Blick auf die Geschichte unserer
Beziehungen kann uns beim Blick in die Zukunft
vielleicht hilfreich sein.
Für Deutschland und Amerika ist die Frage der
Geschichte besonders wichtig. Während des Großteils
der letzten beiden Jahrhunderte definierten Deutschland und Amerika den anderen und sich selbst über
dramatische Ereignisse. Unsere Kontakte, unser Bild
des anderen und sogar das Gefüge unserer beiden
Gesellschaften wurden stark von den geschichtlichen
Ereignissen beeinflußt.
In diesem Jahr feiern wir den 150. Jahrestag der
Revolutionen von 1848. Die Vereinigten Staaten
erkannten als einziges Land das Frankfurter Parlament
offiziell als souverän an.
Die Einwanderungswellen nach 1848 drückten der
amerikanischen Kultur einen deutschen Stempel auf,
der noch heute sichtbar ist.
Der Wiederaufbau nach zwei Kriegen führte uns
ebenfalls zusammen. Das einzig Positive an den
beiden Katastrophen, die die westliche Zivilisation in
der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts heimsuchten, ist
die Tatsache, daß Amerika und Europa sich jetzt
gleichermaßen bewußt sind, daß ihre Geschicke
untrennbar miteinander verbunden sind.
Aber es ist nicht übertrieben zu sagen, daß das
Verhalten Deutschlands und die Situation in Deutschland und seinen Nachbarländern während des Großteils des vergangenen Jahrhunderts das Barometer für
den Frieden auf der Welt und das weltweite amerikanische Engagement waren. Und zwar so sehr, daß
viele auf beiden Seiten des Atlantiks nach dem Kalten
Krieg die Notwendigkeit des amerikanischen Engagements in Europa und sogar die transatlantischen
Beziehungen, wie wir sie kennen, für beendet erklärten.
Die Antwort auf die Frage zu finden, wo wir in der
Geschichte stehen, ist ein elementarer erster Schritt
bei der Definition unserer gemeinsamen Zukunft.
Womit haben wir es zu tun? War das 20. Jahrhundert
nichts weiter als eine unglückliche Unterbrechung der
Geschichte Europas? Wenn das der Fall ist, welcher
Teil der Geschichte wird dann fortgesetzt? Bedeutet
das Ende des Kalten Krieges, daß Europa wieder zu
seiner separaten und zentralen Rolle in der Welt

AMERIKA DIENST 11

�zurückkehrt? Oder bedeutet die Rückkehr der
Geschichte das Wiederauftreten nationaler und
ethnischer Konflikte? Waren die atlantischen Beziehungen nur eine Folge der Ost-West-Konfrontation?
Oder haben wir etwas Neues geschaffen - eine neue
historische, kulturelle und sogar geographische
Synthese, die an die Stelle des Gleichgewichts der Zeit
vor 1914 trat?
Die Weltkriege schwächten die Fähigkeit Europas,
selbst das komplexe Gleichgewicht zwischen der
komplizierten Geschichte und Kultur der Länder des
Kontinents zu wahren. Viele revolutionäre Veränderungen - der Aufstieg des Nationalismus, das Ende
von Monarchien und der große Sprung bei der Kriegstechnologie - zerstörten den Geist der europäischen
Zivilisation, wie wir ihn kannten.
Europas traditionelle Stärke - die dadurch entstand,
daß es über die kulturellen und nationalen Rivalitäten
hinausblickte - war in der europäischen Vision
verkörpert. Seit 1945 war diese Vision nach innen
gerichtet. Die Erholung von den Katastrophen zweier
Weltkriege hatte die Vision getrübt, die Europa für die
übrige Welt darstellte. Die Leitprinzipien der europäischen Kultur bleiben jedoch die Grundlage für die
moderne demokratische Gesellschaft.
Die euroamerikanische Synthese, die während des 20. Jahrhunderts durch große Bemühungen entstanden war,
bildete den Rahmen für die Träume des 21. Jahrhunderts. Nachdem jetzt Konfrontation und Teilung
überwunden sind, kann Europa seine Aufmerksamkeit
erneut einer umfassenderen Vision von der Welt
zuwenden.
Europa bleibt eine komplexe Mischung einiger der
reichsten und wichtigsten Länder der Welt. Integrale
Bestandteile der Beziehungen sind die Vereinigten
Staaten, Rußland, die Türkei und verschiedene
Nationen Nordafrikas und des Nahen Ostens. Amerikanische Interessen hängen ebenso vom Funktionieren dieses Gefüges ab wie die europäischen.
Die erste Aufgabe für die Zukunft besteht im Erhalt von
Gesundheit und Stärke dieses euroatlantischen
Gefüges als Grundlage für diese Vision der Menschheit, die die größte Hoffnung auf den demokratischsten
Frieden beinhaltet, den die Welt je erlebt hat.
Das Rückgrat dieser Gemeinschaft bilden die deutschamerikanischen Beziehungen. Es gibt jedoch einen
Grund für den wiederholten Rückgriff auf deutschamerikanische Formeln im Zusammenhang mit der
Zukunft der atlantischen Welt. Da ist die dramatische
Geschichte. Es gibt auch eine lange Erfolgsbilanz bei
der gemeinsamen Suche nach Lösungen für die
großen Probleme unserer Zeit. Deutsche und Amerikaner wissen, wie Dinge erledigt werden können. Am
wichtigsten ist vielleicht, daß die transatlantischen
Beziehungen, wie wir sie kennen, ohne die Vereinigten

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Staaten oder Deutschland nicht existieren könnten. So
einfach ist das.
Abgesehen davon ist aber kaum etwas einfach. Wenn
wir das Rückgrat sind - was sonst hält uns zusammen?
Deutschland ist das größte, stärkste, produktivste und
wirtschaftlich einflußreichste Land in Europa. Es
schlägt auch eine Brücke über die alte Trennlinie
zwischen Ost und West. Es grenzt an mehr Nachbarländer als jeder andere Staat. Mit anderen Worten:
Deutschland spielt bei der Definition der Zukunft
Europas eine zentrale Rolle. Ein selbstbewußtes,
nach außen gerichtetes Deutschland wird dazu
beitragen sicherzustellen, daß Europa der übrigen
Welt erneut eine Vision aufzeigt. Ein unsicheres
Deutschland wird zu einem unsicheren Europa führen.
Das kann wohl nicht anders sein.
Deutschland hat eine doppelte Aufgabe. Es ist sowohl
ein Anker der euroatlantischen Welt als auch ein
Schlüsselelement der Definition der inneren Beziehungen Europas und seiner Identität als Teil dieser
transatlantischen Synthese - eine schwierige Aufgabe,
die bisher geschickt gemeistert wurde.
Das diese Woche stattfindende Gipfeltreffen über die
Europäische Wirtschafts- und Währungsunion zeigt
erneut, wie vorausschauend Deutschland seine Rolle
spielt.
Europa und Amerika sind jetzt Teil einer zusammengefügten Welt. Europas und Deutschlands Aufgabe
besteht nicht darin, ein konkurrierendes Machtzentrum
aufzubauen. Wir haben bewiesen, daß wir erfolgreich
mit den Belastungen des Wandels umgehen können,
die wir von Zeit zu Zeit erleben. In der Tat war die
große Überraschung der vergangenen zehn Jahre, wie
wenige Belastungen es gegeben hat.
Die Vereinigten Staaten werden häufig aufgefordert,
schwierige Aufgaben zu übernehmen. Oft wird uns
das Privileg zuteil, die Last zu tragen, und dann
werden wir dafür kritisiert, daß wir es tun. Solche Kritik
scheint mit dem Einfluß zu wachsen, den wir ausüben.
Im Augenblick ist unser Einfluß besonders stark. Die
Kritik auch.
Während wir mit der Kritik fertigwerden können,
können wir nicht damit fertigwerden, daß man uns mit
einer Aufgabe alleine läßt. Gemeinsame Bedrohungen
sollten durch gemeinsame Anstrengungen bewältigt
werden. Die öffentliche Meinung in den Vereinigten
Staaten und der amerikanische Kongreß werden keine
Beziehungen tolerieren, in denen die europäischen
Verbündeten sich selbst als die geschickteren Diplomaten definieren, die die positiven Rollen des Dialogs
und der Vermittlung vorziehen und die Polizeiarbeit
den Vereinigten Staaten überlassen.

Seite 3

�Unser zweiter Tagesordnungspunkt ergibt sich aus
dieser Diskussion. Wir hoffen, daß Deutschland
innerhalb Europas zunehmend zur Entwicklung eines
Verantwortungsbewußtseins beiträgt, das über die
Rhetorik der europäischen Einheit hinausgeht. Die
Vereinigten Staaten streben weder nach Hegemonie
noch sind sie den Sorgen anderer gegenüber unsensibel.
Europa sollte jedoch nicht zulassen, daß die beiden
Herausforderungen - die amerikanische Stärke und die
Schaffung der europäischen Einheit - seine Entschlossenheit untergraben, sich jetzt mit den aktuellen
Belangen zu befassen.
Ich sage nicht, daß es einfach ist, eine neue Synthese
zu finden. Das ist nicht der Fall. Ein Teil der Schwierigkeiten liegt in der Natur der amerikanischen Macht.
Das Ende des Kalten Krieges hat neue amerikanische
Dynamik und Kreativität hervorgebracht. Die Vereinigten Staaten waren immer schon mehr als eine
Großmacht. Seit dem Beginn des Zeitalters der
Entdeckung hat die Neue Welt die Europäer sowohl
fasziniert als auch abgestoßen. Selbst bevor die
europäischen Siedler gelandet waren, hatten europäische Schriftsteller die fantastischsten Visionen von
den neu entdeckten Kontinenten. Die bloße Idee
Amerikas war seit fast vierhundert Jahren der Maßstab
für Europäer, die versuchten, besser mit ihren eigenen
Gesellschaften fertigzuwerden.

Partner, sich durch die vielen Pflichten überlastet zu fühlen, die diese Rolle mit sich bringt.
Sie werden weiterhin eine Vision des westlichen Ideals verkörpern. Diese Vision baut auf
der Botschaft des Europas auf, das nahezu
400 Jahre der Weltgeschichte gestaltete.
Und Amerika ist zunehmend zu einem Labor
und Neuerer für die Welt geworden. Unsere
offenen Gesellschaften gestatten es den
Talenten aus der ganzen Welt, fruchtbaren
Boden zu finden. Wir bieten Ressourcen und
Ermutigung ohne zu erwarten, daß diejenigen,
die wir aufnehmen, unsere Gesellschaft
akzeptieren oder sogar Amerikaner werden.
Viele deutsche Unternehmen haben von
diesem Klima profitiert und ihre Forschungsabteilungen in den Vereinigten Staaten aufgebaut. Amerika bringt Ideen und Prozesse
hervor, die von jedem genutzt werden können,
unabhängig von der Rolle der Regierung.
Niemand versteht diese neue Dynamik ganz. Wir
können auch durch den Begriff "Globalisierung"
irregeführt werden. Er legt eine Art von Zentralisierung
der Macht nahe, die meines Erachtens genau das
Gegenteil von dem ist, was geschieht. Wir suchen
immer noch nach dem richtigen Vokabular, und
diejenigen, die Amerika vornehmlich als traditionelle
Großmacht sehen, begreifen das Wesentliche nicht.

Das 20. Jahrhundert hat diesen Trend beschleunigt.
Es ist die Aussicht auf demokratischen Frieden, die die
kreativen Kräfte einer neuen Art von Gesellschaft
befreit hat, die sich von Nord- und zunehmend von
Südamerika aus abzeichnet. Der Harvard-Professor
Joseph Nye sprach von "sanfter Macht", um die wahre
Stärke der Vereinigten Staaten zu beschreiben.
Nachdem unser Land in den siebziger und achtziger
Jahren eine tiefe Vertrauens- und Gesellschaftskrise
durchgemacht hatte, stellten wir fest, daß es die in
unserer Offenheit und Flexibilität enthaltene sanfte
Macht war, die uns auf die vor uns liegenden Herausforderungen vorbereitet hatte.
Und während wir aus der systemimmanenten Konfrontation auf ein neues Jahrtausend zugehen, werden
die Vereinigten Staaten mindestens drei zentrale
Rollen in der Welt spielen:
Sie werden weiterhin der mächtigste Nationalstaat der Welt sein. Ihre wirtschaftliche und
militärische Macht wird sowohl Vorteile als
auch Lasten mit sich bringen. Die Vereinigten
Staaten werden bei jedem internationalen
Projekt von zentraler Bedeutung sein. Aber,
wie ich bereits ausführte, riskieren sie ohne
zuversichtliche und verantwortungsbewußte

Seite 4

Am interessantesten ist die Tatsache, daß während die
amerikanische Gesellschaft zunehmend den fruchtbaren Boden für solche Innovation bereitstellt, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Einflüsse
eher zahlreicher werden. Die Technologien von heute
erlauben eine Vielfalt, die vor zehn Jahren noch
undenkbar war. Mit relativ wenigen Ressourcen
können Einzelpersonen, ein Unternehmen oder sogar
ein Staat auf die Leistungen einer ganzen Welt
zurückgreifen, bei völliger Gewährung Ihrer Unabhängigkeit und persönlichen oder nationalen
Identität.
Betrachten Sie sich die Situation in Europa. Zu einer
Zeit, in der wir alle versuchen, Strukturen für die
Entwicklung von Souveränität für Bündnisse und
politische Unionen aufzubauen, ist die Zahl unabhängiger Staaten größer als zu jeder anderen Zeit in den
vergangenen 150 Jahren. Viele dieser neuen Länder
sind sehr klein. Mehrere sind auch sehr erfolgreich.
Sie müssen nicht auf globaler Ebene konkurrieren, um
zufriedene und wohlhabende Gesellschaften zu sein.
Sie hier in Sachsen kennen die Macht von Innovation
und Kreativität. Die Beweise dafür sind jedoch nicht
nur die zahlreichen Zentren weiterführenden Lernens
und die Tradition herausragender wissenschaftlicher
Leistung, die Jahrhunderte zurückgeht. Die Beweise

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�finden sich auch in der Wirtschaft: Amerikanische
Unternehmen zeigen hier und in anderen Bundesländern ihre Anerkennung von Talent, indem sie nicht nur
Produktionsstätten, sondern auch Forschungseinrichtungen schaffen.
Mit Blick auf das neue Zeitalter müssen wir eine ganz
neue Definition für die euroatlantische Synthese
suchen. Es reicht nicht aus, von zwei Pfeilern zu
sprechen. Identitäten werden zunehmend auf der
Basis von persönlichen oder beruflichen Interessen
konzipiert. Die Scheidelinien laufen nur sehr selten
durch den Atlantik.

Unser Ziel sollte sein, uns selbst und unseren Nationen mehr Befugnisse zu verleihen, um auf der euroatlantischen Partnerschaft aufzubauen und dadurch
diese neue Synthese zu definieren. Erstens, um die
Konstruktion eines demokratischen Europas zu
vollenden. Zweitens um sicherzustellen, daß unsere
Bestrebungen hier nicht aufhören. Und drittens, um
über unsere geographischen Grenzen hinauszublicken
und die wahre Bedeutung von Europa und der euroatlantischen Welt neu zu beleben. Nur dann können
wir die Vision der Menschheit verwirklichen, die über
uns und unsere Nationen hinausgeht.

* * * * *

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�USA-DEUTSCHLAND

3. Juni 1998

Ein Meilenstein für die Demokratie
von John C. Kornblum

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Botschafters der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, der erstmals in der Frankfurter Neue Presse
vom 14. Mai 1998 erschienen ist.

Im Mai 1848, als das Frankfurter Parlament in der
Paulskirche zusammentrat, wurde ein Meilenstein für
die demokratische Entwicklung in Europa gesetzt.
Dieses demokratische Erwachen sollte die gesamte
deutsche Geschichte durchziehen. Es ist ein Thema,
das auch eng mit der Geschichte der deutsch-amerikanischen Beziehungen verwoben ist. Und ohne diese
Zusammenkunft der deutschen Demokraten in der
Paulskirche kann man sich die Gründung der starken
transatlantischen Gemeinschaft von Demokratien, wie
sie heute existiert, nur schwer vorstellen.
Die Paulskirche sagt uns viel über die Hoffnung des
Menschen auf Veränderung. Deutsche Demokraten
vernahmen mit Interesse die Geschichten ihrer
Landsleute über den Aufbau von Demokratie in
Amerika.
Die
Unabhängigkeitserklärung
wurde
innerhalb weniger Tage nach ihrer Proklamation am 4.
Juli 1776 ins Deutsche übersetzt. Und die in der
amerikanischen Verfassung niedergelegten Grundrechte sowie die grundlegenden Ideen der Französischen Revolution wurden als Modelle für Deutschland
angesehen. Johann Georg Wirth, der Hauptredner
beim Hambacher Fest 1832 war und an der Eröffnung
des Frankfurter Parlaments teilnahm, war ein großer
Anhänger des amerikanischen Modells.
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück waren
Ideale, die sich die Bewohner des Deutschen Bunds
zu eigen machen wollten. Die Flamme der Revolution,
die in Frankreich entzündet worden war, erfaßte
Mannheim, Köln, Frankfurt, Dresden und andere
Städte. Diese Kettenreaktion basierte auf der Erkenntnis, daß sich eine Chance bot - die Chance, in einer
Demokratie zu leben.

AMERIKA DIENST 11

Es war nur natürlich, daß die Vereinigten Staaten als
erste ausländische Nation das Frankfurter Parlament
anerkannten. Als Demokratie hatte Amerika ein
Interesse an der Entwicklung demokratischer Institutionen in Europa.
Die Paulskirche zeugt auch von verpaßten Chancen.
Daß die Demokratie nicht Fuß faßte, war ein definierendes Moment in der Geschichte Europas. Wie
wäre die deutsche Geschichte verlaufen, wenn das
Frankfurter Parlament Erfolg gehabt hätte?
Die im Juli 1849 verspürte Hoffnungslosigkeit war die
Ursache der ersten großen Einwanderungswelle von
Deutschen in die Vereinigten Staaten. 1850 kamen
nahezu eine Million Deutsche in der neuen Welt an,
um ein neues Leben zu beginnen. Heute haben fast 60
Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren. Dazu
zählten einige der überzeugtesten Demokraten
Amerikas.
Es zeugt von unserem Optimismus, daß wir den 150.
Jahrestag dieser Revolutionen feiern. Es zeugt von
unserer Hoffnung, daß die Paulskirche zu einem
anerkannten Symbol der deutschen Demokratie
geworden ist.
Im Mittelpunkt der heutigen transatlantischen Gemeinschaft steht das demokratische Erwachen des vergangenen Jahrhunderts, selbst wenn es anfangs nicht
erfolgreich war. Es gibt vier Lektionen von 1848 und
der Zeit danach, die heute noch zutreffen.
Erstens müssen wir immer an der Demokratie arbeiten; sie ist ein Prozeß, der immer noch im Gang ist.
Wie die Geschichte meines Landes zeigt, fand das

Seite 1

�Konzept von Leben, Freiheit und dem Streben nach
Glück nicht sofort universelle Anwendung. Selbst
heute arbeiten wir noch an der Perfektionierung
unserer Demokratie und ihrer Verbesserung. Die Idee
des Town Meeting - eine Fernsehdiskussion mit dem
Präsidenten oder einem hohen Regierungsvertreter ist hierfür ein Beispiel.

forderungen der gemeinsamen Interessen der transatlantischen Gemeinschaft gibt. Wenn die Herausforderung schwer zu definieren ist und wenn vielleicht
konkurrierende Interessen, wie die Entscheidung für
die beste Politik gegenüber dem Iran - sogar innerhalb
Europas - im Spiel sind, befinden wir uns häufig in
einer schwierigen Situation.

Daß Präsident Clinton dem verbesserten Verständnis
zwischen Amerikanern verschiedener Rasse und
ethnischen Zugehörigkeit besondere Aufmerksamkeit
widmet, ist ein weiteres anschauliches Beispiel. In
seinem Bericht zur Lage der Nation Anfang des Jahres
erklärte er: "Ich habe eine nationale Rasseninitiative
ins Leben gerufen, die uns helfen soll, unsere gemeinsamen Interessen anzuerkennen und die ungleichen
Chancen zu überwinden, die uns von der Möglichkeit
trennen, ein Amerika zu werden. Zunächst müssen wir
uns bewußt machen, was noch überwunden werden
muß."

In jedem Fall ist es jedoch von Bedeutung, daß wir uns
darauf zu konzentrieren versuchen, was wirklich auf
dem Spiel steht. Was nicht auf dem Spiel steht, ist
zwangsläufig das Prestige von diesem oder jenem
Mitglied der atlantischen Gemeinschaft. Und was nicht
auf dem Spiel steht, sind letztlich die Wirtschaftsinteressen eines Landes.

Eine zweite heute noch zutreffende Lektion von 1848
lautet, daß unsere transatlantische Gemeinschaft mehr
für die Stabilisierung von Demokratie und ihren Aufbau
weltweit unternehmen muß. Wir können es uns nicht
leisten, unsere Vision auf die transatlantische Welt zu
beschränken. Unser Erfolg ist ein Modell für andere
Regionen. Unsere Leistungen müssen anderen zuteil
und ausgeweitet werden, damit andere Teile der Welt
dasselbe einzigartige Ausmaß an Stabilität und
Entwicklung erlangen können.
Wo unsere atlantische Gemeinschaft ausgedehnt und
gestärkt werden kann, sollte das geschehen. Die
Erweiterung der NATO und der EU sind ausgezeichnete Beispiele für eine solche Vision. Wir müssen
unserer Vision jedoch auf zusätzliche Weise Ausdruck
verleihen.
Die internationale Gesellschaft muß sich bedauerlicherweise mit den Bedrohungen der Ordnung auseinandersetzen, die so sorgfältig geschaffen wurde. Ich
sage sorgfältig, weil die internationalen Normen, nach
denen zu leben wir streben, aus einigen der dunkelsten Kapitel der vergangenen zwei Jahrhunderte
hervorgingen. Um ihre Wiederholung zu vermeiden,
haben unsere Staats- und Regierungschefs und
Politiker Dokumente wie die Charta der Vereinten
Nationen und die Schlußakte von Helsinki verfaßt.
Die Prinzipen, die wir formuliert haben, um die internationale Gesellschaft zu regieren, bieten ausgezeichnete Richtlinien für den Umgang mit Staaten, die sich
weigern, entsprechend der internationalen Normen zu
leben. Sogenannte verbrecherische Staaten bedrohen
den Frieden und die Sicherheit nicht nur regional,
sondern auch global.
Iran, Irak, Libyen und Kuba sind Länder, in denen es
gravierende, aber schwer zu definierende Heraus-

Seite 2

Aber was auf dem Spiel steht, ist die Sicherheit. Wenn
ein Regime offensichtlich die Souveränität seiner
Nachbarn, die Sicherheit anderer Nationen in seiner
Region oder das Leben von Menschen auf der ganzen
Welt bedroht, dann scheint es von elementarer
Bedeutung, daß wir in der Lage sein sollten, ein
Rezept für den Umgang mit diesem Staat zu erarbeiten.
Eine dritte Lektion von 1848, die heute noch zutrifft, ist,
daß wir von der Vergangenheit lernen können und
müssen. Von der Vergangenheit zu lernen, bedeutet
beispielsweise sicherzustellen, daß der Kosovo nicht
das gleiche Schicksal erleidet wie Bosnien. Wir sind
uns der beunruhigenden Parallelen bewußt. Wir
müssen jedoch auch beweisen, daß wir bereit sind, die
Wiederholung der von Bosnien gemachten grauenhaften Erfahrung zu vermeiden. Wir müssen die Herausforderung für die europäische Stabilität definieren und
bereit sein, das Problem nicht nur zu diskutieren,
sondern auch - wenn nötig - entschlossen zu handeln.
Von der Vergangenheit zu lernen, ist das Kernstück
der Entwicklung der Europäischen Union. Heute steht
Europa vor einem großen Schritt zur europäischen
Integration - der Wirtschafts- und Währungsunion. Die
Vereinigten Staaten sind seit langem - bis zu den
Tagen des Marshallplans zurückgehend - ein Befürworter der europäischen Integration. Aus diesem
Grund können wir ein Unternehmen nur begrüßen, das
dieses Ziel voranbringen möchte.
Eine vierte Lektion der Paulskirche, die heute noch
zutrifft, ist die Bedeutung von Vision. Vision kann uns
dabei behilflich sein, unsere Ziele zu formulieren, sich
an unsere Prinzipien zu erinnern und unseren moralischen Kompaß in Zeiten der Herausforderungen und
Veränderungen zu prüfen. Visionäre definieren selten
ein Gesamtkonzept der Geschichte. Es sind Menschen
und Gesellschaften, die Meister darin sind, den roten
Faden bei anscheinend nicht miteinander in Verbindung stehenden Gegebenheiten finden; sie sind
Meister in der Definition eines Zwecks inmitten einer
offensichtlichen Unordnung.

AMERIKA DIENST 11

�Mit anderen Worten, Vision ist nicht ein vages philosophisches Konzept. Sie ist ein praktisches Mittel,
um unseren Zielen Form und Substanz zu verleihen.
Sich auf Probleme zu konzentrieren, ohne sich erst an
die Prinzipien zu erinnern, heißt, blind im Dunkeln
herumzutappen. Heute stehen genau die Prinzipien
auf dem Spiel, für die deutsche Demokraten 1848
gekämpft haben - Demokratie, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit, Menschen- und Bürgerrechte. Im Jahr
1998 sollten wir die globale Ausdehnung dieser
Prinzipien nicht als abstrakte oder unerreichbare Ziele
behandeln. Die Lektionen von 1989 und der Vereinigung Deutschlands lehren uns: Wir müssen das
Optimum anstreben.
Eigeninteresse stützt diese Schlußfolgerung. Deutschen, Amerikanern und den Bürgern der transatlantischen Gemeinschaft insgesamt ist am besten
gedient, wenn sie ihre Unterstützung der Demokratie

*

AMERIKA DIENST 11

auf diejenigen auszuweiten versuchen, die sie aufbauen möchten. Das tun wir, wenn wir Diktatur überall
auf der Welt ablehnen.
Die Vereinigten Staaten wurden auf den besten
Traditionen europäischer Geschichte und Philosophie
gegründet. Durch unser Streben und unsere Frustrationen wurden wir zur mächtigsten Demokratie der
Geschichte. Amerika hat seine Stärke, seinen Wohlstand und seine Vision wirklich zum Wohl der Welt
eingsetzt.
Aber selbst die mächtigste Nation kann nicht auf sich
allein gestellt sein. Unsere Vision ist nutzlos, wenn sie
ins Leere geht. Damit die Dinge sich verändern,
müssen die Talente Amerikas mit denen gleichgesinnter Völker und Nationen in anderen Teilen der Welt
zusammengebracht werden. Nur dann können wir die
Versprechen der Paulskirche erfüllen.

* * * *

Seite 3

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