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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20. Mai 1998

10

LUFTBRÜCKE

CLINTON GEDENKT DER "HEROISCHEN
LUFTBRÜCKE VON 1948"
Rede des Präsidenten im Schauspielhaus

FÜR DIE BERLINER WAREN DIE FLUGZEUGMOTOREN EINE "SYMPHONIE DER FREIHEIT"
Rede von Präsident Clinton in Berlin Tempelhof

CLINTON: "SIE VERGASSEN NIE DAS GEFÜHL
VON FREIHEIT"
Rede des Präsidenten in Eisenach

EURO

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

EURO SETZT REFORMEN AUF DEM ARBEITSMARKT VORAUS
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

Deichmanns Aue 29
D53170 Bonn

Tel.: 0228-3392956
Fax: 0228-333138
Internet: http://www.usembassy.de

�LUFTBRÜCKE

20. Mai 1998

Clinton gedenkt der "heroischen Luftbrücke von 1948"
Rede des Präsidenten im Schauspielhaus

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, Bill Clinton, am 13. Mai 1998 im Berliner Schauspielhaus gehalten hat.

Vielen Dank. Herr Bundespräsident, Herr Bundeskanzler, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete
des Bundestags und Angehörige des Bundesrats,
verehrte Kabinettsmitglieder, Angehörige des diplomatischen Corps, Herr Professor Schneider und alle, die
uns hier im schönen Schauspielhaus einen so herzlichen Empfang bereitet haben. Zuerst möchte ich dem
Symphonieorchester dafür danken, daß es eines
meiner Lieblingsstücke gespielt hat - die Eroica.
Vielen Dank.
Herr Bürgermeister, ich danke Ihnen für Ihre Ansprache. Herr Bundeskanzler, mein Dank gilt Ihnen für
Ihre Rede.
Ich freue mich außerordentlich, gemeinsam mit Ihnen
allen hier im historischen Herzen eines freien und
geeinten Berlins zu sein. Vor 50 Jahren gingen die
Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten den Einwohnern von Berlin gegenüber eine Verpflichtung ein.
Sie begann mit der heroischen Luftbrücke von 1948,
wurde 1961 während der historischen Kraftprobe mit
sowjetischen Panzern am Checkpoint Charlie fortgesetzt und bezog nahezu 100.000 amerikanische
Soldaten ein, die diese Stadt 40 Jahre lang verteidigten und ihre Einwohner ins Herz schlössen.
Sie dauerte an, als die Menschen in Ostdeutschland
mutig die Mauer zu Fall brachten und uns damit alle
befreiten, um ein Europa zu schaffen, von dem wir
vorher nur träumen konnten - einen ungeteilten
Kontinent blühender Demokratien, auf dem die Staaten
nicht dominieren, sondern miteinander kommunizieren;
auf dem Gesellschaften nicht durch Repression,
sondern durch Rechtsstaatlichkeit regiert werden; auf
dem die einzigen Grenzen, mit denen die Menschen
konfrontiert werden, die Grenzen ihrer eigenen Träume

AMERIKA DIENST 10

sind. Berlin symbolisiert heute alles, was ganz Europa
anstrebt.
Der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt, der am
Tag des Mauerbaus Bürgermeister von Westberlin
war, erklärte in jener magischen Novembernacht, als
die Mauer fiel: "Es wächst zusammen, was zusammengehört." Sie, die Einwohner von Berlin, haben
gezeigt, daß er Recht hatte. Von der Bautätigkeit an
der Spree, die Berlin zur Hauptstadt Deutschlands der
Zukunft macht, bis zur Erneuerung des Potsdamer
Platzes als dynamischem Wirtschaftszentrum verkörpert die Wiedergeburt Berlins unsere gesamten
Hoffnungen für die Zukunft.
Und von München bis Potsdam, von Hamburg bis
Dresden haben die Menschen in den alten und neuen
Bundesländern gekämpft und Opfer gebracht, damit
der große Traum von der deutschen Einheit wahr
werden konnte. Jetzt, knapp 600 Tage vor dem
Beginn eines neuen Jahrhunderts und eines neuen
Jahrtausends müssen wir die Einheit zu unserer
Aufgabe für den gesamten Kontinent und eine neue
transatlantische Gemeinschaft machen.
Seit mehr als 1.000 Jahren - von der Zeit Karls des
Großen bis zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft - hat ein geeintes Europa die Phantasie dieses
Kontinents beflügelt. Jetzt liegt dieser Traum erstmals
in Reichweite - nicht durch Eroberung, sondern durch
die Entscheidung freier Menschen.
1994 besuchte ich Europa, um Ihre Einheit zu unterstützen und die Vision einer Partnerschaft zwischen
Amerika und einem neuen Europa ins Leben zu rufen,
die in sicherheitspolitischer Zusammenarbeit, freien
Märkten und prosperierenden Demokratien fußt. Ich

Seite 1

�bat alle Länder, ihre Institutionen an die neue Zeit
anzupassen, die neuen Marktwirtschaften der Osthälfte Europas zu fördern, die Ausbreitung von Freiheit
und Frieden zu unterstützen und die Völker der
euroatlantischen Gemeinschaft enger zusammenzubringen.
Wir haben an allen Fronten bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Die NATO übernimmt neue Aufgaben und nimmt neue Mitglieder auf. Sie knüpft
praktische Beziehungen zu Rußland und der Ukraine,
und sie vertieft die Zusammenarbeit zwischen den 44
Nationen des Partnerschaftsrats. Die Europäische
Union wird erweitert. Amerika und die EU arbeiten an
der Beseitigung weiterer Handelshemmnisse und der
Stärkung neuer Demokratien zusammen. Die OSZE,
der Vorreiter Europas für Menschenrechte und
Freiheit, hilft jetzt bei der Realisierung dieser Standards - von der Wahlbeobachtung in Albanien bis zur
Kontrolle der Abrüstung in Bosnien.
Mit Unterstützung der Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und insbesondere der von Bundeskanzler Kohl und dank der weitblickenden Führungsrolle Deutschlands fassen neue Marktwirtschaften auf dem gesamten Kontinent Fuß. Rußland
hat mehr Eigentum privatisiert als jede andere Nation
in diesem Jahrhundert. Polen und Estland zählen zu
den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften
Europas. Seit 1991 haben sich die Investitionen der
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union in
Zentral- und Osteuropa vervierfacht, und der Handel
hat sich verdoppelt.
Wir haben die vor kurzem befreiten europäischen
Nationen ermutigt - von der Unterstützung von Bürgervereinigungen in den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion bei der Wahlbeobachtung bis
zur Stärkung der Unabhängigkeit ihrer Rechtssysteme.
Allein in Rußland wirken allmählich Tausende von
Bürgervereinigungen an der Gestaltung der Zukunft
dieses Jahrhunderts mit. Präsident Jelzin hat eine
neue Regierung junger Reformer, die durchaus in der
Lage sind, Rußland entschlossen in die Zukunft zu
führen.
Wir haben dazu beigetragen, daß der Frieden von
Bosnien bis Nordirland Fuß fassen kann. Unsere
Bürger setzen sich Tag für Tag dafür ein, unsere
Nationen noch enger zusammenzubringen - von
Städtepartnerschaften wie der zwischen Leipzig und
Houston über amerikanische Studenten, die in Scharen nach Europa kommen, bis zu jungen Rumänen
und Bulgaren, die jetzt an unseren Militärakademien
studieren.
Trotz all dieser Fortschritte bleiben, wie der Bundeskanzler bereits feststellte, noch zahlreiche Herausforderungen an unsere gemeinsame Vision bestehen:

Seite 2

Die fortwährenden Kämpfe der vor kurzem befreiten
Nationen für die Konsolidierung ihrer Reformen; die
unbeendete Arbeit der vollständigen Einbindung der
Osthälfte Europas in unsere transatlantische Gemeinschaft; die Angst derjenigen, die nicht über die Fähigkeiten verfügen, um in dieser sich schnell wandelnden
Weltwirtschaft erfolgreich zu sein; die Stimmen von
Haß, Intoleranz und Teilung auf beiden Seiten des
Atlantiks, mögen sie nun als Patriotismus, religiöser
Eifer oder ethnischer Stolz getarnt sein; der brüchige
Frieden in Bosnien; die Unbeständigkeit im Kosovo;
die festgefahrene Lage in Zypern; die Gefahren, mit
denen alle unsere Nationen konfrontiert sind und die
sie nicht allein besiegen können, beispielsweise die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, das
organisierte Verbrechen oder die Zerstörung der
Umwelt.
Liebe Freunde, aus diesem Grund verlangt das Jahr
1998 nicht weniger als das Jahr 1989 von uns Mut,
Willenskraft und Einheit. Heute rufe ich unsere
Nationen dazu auf, ihre Kräfte zu mobilisieren und die
Bereitschaft zu zeigen, die begonnene Arbeit zu
beenden; sie fortzusetzen, bis jede Nation auf dem
Kontinent ebenso wie wir Sicherheit und Demokratie
genießt und alle Männer und Frauen von Seattle über
Paris und Istanbul bis St. Petersburg in Frieden nach
der Erfüllung ihrer Träume streben und ihren Kindern
ein noch besseres Leben ermöglichen können.
Dies ist eine seit Generationen einmalige Chance.
Gemeinsam müssen wir sie ergreifen. Wir müssen ein
Europa bauen, das ebenso wie Deutschland geeint
und frei, wohlhabend und friedlich, zunehmend
integriert und weiterhin global engagiert ist.
Gestatten Sie mir vor dem Hintergrund meiner Tätigkeit während der letzten fünfeinhalb Jahre eine
persönliche Bemerkung: Dieser wunderbare Augenblick in der Geschichte war nicht einfach da. Er wurde
geschaffen, großenteils dank der Vision und der
entschlossenen Führungsrolle Deutschlands und
seines gesamtdeutschen Bundeskanzlers seit neun
Jahren.
Betrachten Sie die von Ihnen errungenen historischen
Veränderungen.
Sie haben Deutschland erneut
verpflichtet, in einem geeinten Europa eine Führungsrolle zu übernehmen - dieses Mal durch Zusammenarbeit, nicht durch Eroberung. Sie gingen das Risiko
ein, auf die Währungsunion zu drängen - wohl wissend, daß dieser Weg insbesondere angesichts der
starken D-Mark und Ihrer Wirtschaftskraft steinig sein
würde. Sie übernahmen die immensen Kosten der
Wiedervereinigung Ihres Landes um sicherzustellen,
daß der Osten nicht zurückbleibt und um die mit
diesem Prozeß einhergehenden unvermeidlichen
Härten und das Leiden so gering wie möglich zu
halten.

AMERIKA DIENST 10

�Und bei alledem stellten Sie sich der Herausforderung,
der sich Westdeutschland bei dem schwierigen
Übergang zur Weltwirtschaft gegenübersieht, in der wie wir in Amerika täglich sehen - der Erhalt der
Chancengleichheit und des Sozialvertrags selbst für
die reichsten Nationen eine Herausforderung darstellt.
All dies haben Sie in neun kurzen Jahren versucht und
größtenteils erreicht.
Auch wenn viele Deutsche das Ergebnis noch nicht
kennen und vielleicht noch nicht die Vorteile Ihres
weitblickenden, mutigen Kurses spüren, stehen Sie
ganz klar auf der richtigen Seite der Geschichte.
Amerika honoriert Ihre Vision und Ihre Leistungen, und
wir sind stolz darauf, Seite an Seite mit Ihnen in das
neue Jahrtausend zu gehen. Wir danken Ihnen.
Wir beginnen unsere gemeinsame Reise mit einer
grundlegenden Prämisse: Amerika steht an der Seite
Europas. Heute sind unsere Geschicke ebenso eng
verbunden wie vor 50 Jahren. Wenn Europa in
Frieden lebt, ist Amerika sicherer. Wenn Europa
prosperiert, tut das Amerika auch. Wir haben eine
gemeinsame Zukunft, denn wir bewegen uns auf eine
Logik der Interdependenz zum beiderseitigen Vorteil
zu - wo jede Nation durch den Erfolg ihrer Nachbarn
und Freunde stärker und wohlhabender werden kann.
Aus diesem Grund begrüßen wir den europäischen
Weg zu größerer Einheit. Wir streben eine umfassende und offene transatlantische Partnerschaft an, in der
Rechte und Pflichten geteilt werden und wir uns für
eine stabile und friedliche Zukunft nicht nur für uns
selbst, sondern für die ganze Welt einsetzen. Wir
beginnen mit unserer gemeinsamen Sicherheit, deren
Grundlage die NATO ist.
Im nächsen Jahr werden die Staats- und Regierungschefs aus ganz Europa in Washington zusammenkommen, um die 50 erfolgreichen Jahre der NATO zu
feiern, die ersten neuen Demokratien Osteuropas als
neue Mitglieder zu begrüßen, die Türen des Bündnisses für andere Länder offenzuhalten, die zur
Übernahme der mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten bereit sind, und um den Kurs für das
kommende Jahrhundert zu entwerfen, in dem die
Bedrohungen unklarer, aber nicht weniger gefährlich
sein werden als die unsere Gründerväter konfrontierenden.
In der Vergangenheit schützte die NATO unsere
Grenzen vor direkter militärischer Invasion. In Zukunft
muß das Bündnis unsere erweiterten Grenzen verteidigen und uns vor Bedrohungen unserer Sicherheit
schützen, die von jenseits der Grenzen kommen: Der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
ethnischer Gewalt, regionalen Konflikten. Die NATO
muß über die zur Erfüllung dieser Aufgaben erforderlichen Mittel verfügen. Und wir müssen unsere Partnerschaft mit Rußland, der Ukraine und anderen Nationen
auf dem gesamten Kontinent erhalten und stärken, mit

AMERIKA DIENST 10

denen wir gemeinsame Interessen, Werte und Träume
haben.
Die Förderung von Sicherheit verlangt von uns auch
Arbeit für den Frieden - sei es in Nordirland, NagornyKarabach, im Kosovo, in Bosnien oder auf Zypern sowie Widerstand gegen Intoleranz, Ungerechtigkeit
und militärische Aggression. Denn Rassismus und
Ungleichheit haben keinen Platz in der Zukunft, die wir
gemeinsam gestalten. Wir müssen sie im In- und
Ausland bekämpfen.
Zweitens müssen wir mehr zur Förderung von Wohlstand in unserer gesamten Gemeinschaft unternehmen. Wie der Bundeskanzler bereits erwähnte, stellt
der transatlantische Handel die größte Wirtschaftsbeziehung auf der Welt dar - er hat ein Volumen von
jährlich mehr als einer halben Billion Dollar und erhält
Millionen von Arbeitsplätzen sowohl in Amerika als
auch in Europa.
Halten Sie sich folgendes vor Augen: Die Investitionen
der Vereinigten Staaten in Europa entsprechen
ungefähr denen auf der ganzen Welt zusammengenommen. Und die europäischen Investitionen in
Amerika haben bereits so viele Arbeitsplätze geschaffen, daß jeder zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter bei
einer europäischen Firma angestellt ist.
Trotzdem müssen wir der Tatsache ins Auge blicken,
daß Wohlstand noch nicht jedermanns Partner ist. Die
neuen europäischen Demokratien sehen sich der
beängstigenden Herausforderung des Übergangs zur
Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung gegenüber, das - wie ich bereits erwähnte - den Erhalt von
Chancengleichheit, einem starken sozialen Netz und
allgemeiner Fairness sehr schwierig macht. Wir
müssen diesen Ländern in ihrem Kampf beistehen,
auch wenn die wohlhabenderen Nationen unter uns an
diesen Fronten ihre eigenen Herausforderungen
haben.
Amerika wird den Weg Europas zu stärkerer Integration weiterhin unterstützen. Wir bewundern die
Entschlossenheit, durch die Ihre Wirtschafts- und
Währungsunion möglich wurde, und wir werden mit
Ihnen zusammenarbeiten, damit sie ein Erfolg wird.
Wir werden Sie auch weiterhin bei der Erweiterung der
EU unterstützen, damit sie letztlich ganz Zentraleuropa
und die Türkei umfaßt.
Unsere dritte Aufgabe besteht in der Stärkung und
Ausweitung der Demokratie. Ein wichtiges Instrument
hierbei ist die OSZE. Ihre große Mitgliederzahl bewirkt
auf dem Kontinent einzigartige Einheit und moralische
Autorität. Heute ist die OSZE von der Förderung von
Menschenrechten auf dem Balkan bis zur Unterstützung demokratischer Institutionen in Belarus vor Ort
tätig.

Seite 3

�Beim OSZE-Gipfel im kommenden Jahr wollten wir
noch mehr Engagement in den Regionen ermutigen, in
denen die Demokratie noch keine festen Wurzeln hat auf dem Balkan, in Zentralasien und im Kaukasus.
Und wir müssen praktische neue Instrumente für die
OSZE entwickeln wie die Ausbildung von Polizisten für
Friedenssicherungsmissionen und die Entsendung von
Teams zur Förderung der Demokratie und zum Aufbau
offenerer Gesellschaften. Nur so können wir Krisen
abschrecken und entschärfen, die unsere Werte und
unsere Sicherheit bedrohen, bevor sie außer Kontrolle
geraten.

drohungen unserer Sicherheit die Stirn bieten - von
Staaten, die internationale Normen verhöhnen bis zum
schwelenden Konflikt im Kosovo, von der Abschreckung von Terroristen und organisierten Verbrechern bis zur Unterstützung Asiens bei der Wiederherstellung seiner Finanzstabilität, von der Förderung der Eingliederung Afrikas in die Weltwirtschaft
bis zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung. Auf
einer kleiner gewordenenen Welt haben Ereignisse
jenseits unserer Grenzen Auswirkungen auf unseren
Alltag. Amerika und Europa müssen bei der Gestaltung dieser Welt zusammenarbeiten.

Die von uns angestrebte sichere, freie und wohlhabende atlantische Gemeinschaft muß auch ein
erfolgreiches, demokratisches Rußland beinhalten.
Während des Großteils dieses Jahrhunderts wurde
Rußland durch Angst, Tyrannei und Isolation von der
europäischen Hauptströmung ausgeschlossen. Aber
schauen Sie sich an, welche Zukunft die Russen jetzt
bauen - und wir haben ein enormes Interesse an ihrem
Erfolg. Rußland erneuert sich buchstäblich: Es nutzt
die Instrumente von Offenheit und Reform zur Stärkung neuer Freiheit und Eindämmung derjenigen, die
Mißbrauch mit ihr treiben; um Wettbewerb zu fördern,
Steuern einzutreiben, Kriminalität zu bekämpfen, das
Militär umzugestalten, die Ausbreitung sicherheitsempfindlicher Technologien zu verhindern.
Wir
müssen diese russische Revolution unterstützen.

Bei unserer Arbeit an dieser Tagesordnung werden wir
manchmal Meinungsverschiedenheiten haben. Aber
ein gelegentlicher Mangel an Konsens darf nie zu
dauerhaften Brüchen in unserem Zusammenhalt
führen. Noch sollte uns das Streben nach Konsens
dazu verleiten, den einfachsten kleinsten gemeinsamen Nenner für schwierige, drängende Probleme zu
finden. Wenn die Welt von Prinzipien geleitete,
effektive, starke Führung braucht, müssen wir der
Verantwortung gerecht werden.

Wir werden unsere Bestrebungen mit Rußland verdoppeln, unsere Nuklearwaffenarsenale abzubauen, die
Obergrenzen für konventionelle Streitkräfte in Europa
zu senken, die Ausbreitung von Material und Technologie für Massenvernichtungswaffen zu bekämpfen,
eine praktische Partnerschaft mit der NATO aufzubauen, die für uns alle von Vorteil ist und die Bande
zwischen unseren Völkern zu stärken, die das beste
Gegenmittel gegen Mißtrauen sind. Und wir dürfen die
Ukraine nicht vergessen, denn auch sie hat die
Chance, sich nach Osten und Westen zu öffnen und
eine große Kraft für Frieden, Wohlstand und Stabilität
in Europa zu sein. Wir sollten Reformen ermutigen
und unterstützen. Die Ukraine erlebt einen historischen Augenblick, der nicht verpaßt werden darf.
Unsere vierte und letzte Aufgabe besteht in der
Stärkung unserer globalen Zusammenarbeit. Wir
wollen unsere gemeinsamen Anliegen zu unserer
gemeinsamen Sache machen und zusammen den Be-

*

Seite 4

*

Das sind unsere Herausforderungen. Sie sind ehrgeizig, können aber gemeistert werden. Sie verlangen
von den Nationen gemeinsame Ziele und gemeinsames Engagement, und sie erfordern die Unterstützung und den Mut unserer Bürger. Denn ohne den
Mut aller Bürger wäre die Mauer nicht gefallen, und
das neue Europa würde sich nicht entwickeln. Nun ist
es an jedem einzelnen von uns, das nächste Kapitel
der Geschichte zu schreiben, auf dem aufzubauen,
was niedergerissen wurde und fest zusammenzufügen, was nicht mehr durch eine Mauer getrennt ist,
die noch verbliebenen Risse zwischen unseren
Völkern zu kitten und ein Europa zu schaffen, das
zusammengehört und in Freiheit zusammenwächst.
Unser Erfolg bei diesem Unterfangen wird das neue
Jahrhundert zum großartigsten machen, das Deutschland, Amerika, Europa und die Welt je erlebt haben.
Dieses Unternehmen ist dem reichen Vermächtnis
Berlins, der visionären Führungsrolle des modernen
Deutschlands und unserer großen gemeinsamen
Verantwortung für die Zukunft unserer Kinder angemessen. Wir wollen es dankbar, freudig und
entschlossen in Angriff nehmen.
Ich danke Ihnen.

*

*

AMERIKA DIENST 10

�LUFTBRÜCKE

20. Mai 1998

Für die Berliner waren die Flugzeugmotoren
eine "Symphonie der Freiheit"
Rede von Präsident Clinton in Berlin Tempelhof

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von
Amreika, Bill Clinton, anläßlich der Gedenkfeier zum 50. Jahrestag der Berliner Luftbrücke am 14. Mai 1998 in
Berlin Tempelhof gehalten hat.

Herr Bundeskanzler, verehrte Mitglieder der Bundesregierung, Herr Regierender Bürgermeister, Mitglieder
des diplomatischen Corps, Veteranen der Luftbrücke,
Bürgerinnen und Bürger Deutschlands: Vor 50 Jahren
war diese Landebahn ein entscheidender Schauplatz
in einem Krieg, der noch keinen Namen bekommen
hatte. 1948 brachte es die Welt noch nicht über sich,
von einem neuen Krieg zu sprechen.
Der Zweite Weltkrieg hatte Europa verwüstet und
geteilt zurückgelassen.
Nirgendwo war die Krise
akuter als hier in Berlin. Die Menschen waren hungrig
und hatten kein Zuhause. Hundert Jahre zuvor hatte
Karl Marx erklärt, ein Gespenst gehe um in Europa das Gespenst des Kommunismus. 1948 fiel der
Schatten dieses Gespenstes auf die Hälfte des
Kontinents. Am Rande dieses Schattens lag die
Landebahn hier am Flughafen Tempelhof. Das letzte
europäische Gefechtsfeld des Zweiten Weltkriegs
wurde das erste Gefechtsfeld des Kalten Krieges.
Am 24. Juni 1948 warf Stalin dann den Fehdehandschuh mit der Weigerung, die Versorgung der Stadt
Berlin zu erlauben. Es war ein Krieg durch Aushungerung. Zwei Millionen Menschenleben waren in Gefahr.
Die Blockade lähmte die britischen, die französischen,
die amerikanischen Verbündeten.
Einige sahen
keinen Ausweg und gaben widerwillig den Ratschlag
zur Evakuierung.
Das Schicksal des freien Berlins hing an einem
seidenen Faden - dem Faden der Versorgung aus der
Luft. Niemand glaubte wirklich, daß es möglich sei,
eine Stadt aus der Luft zu versorgen. Ein paar Visionäre waren jedoch überzeugt, daß es möglich wäre.

AMERIKA DIENST 10

Es gab keinen Präzedenzfall - nur die einfachen
Gesetze des Gewissens und die Erfindungsgabe, die
unsere wohlmeinenden Handlungen bestimmen. Und
es gab einen Präsidenten. Am 28. Juni erklärte Harry
Truman während einer Besprechung im Weißen Haus,
darübergibt es keine Diskussion, wir bleiben in Berlin,
Punkt.
Von diesem Augenblick an begann die längste Luftbrücke der Geschichte. Die westlichen Verbündeten
wurden dadurch zu Schutzmächten und waren nicht
länger Besatzungsmächte in Deutschland. Es gibt aus
dieser stolzen Zeit viele Geschichten - über die von
den Generalen Clay und Tunner übernommene
Führungsrolle; über die Opfer unter Amerikanern,
Briten und Deutschen, die wir nie vergessen dürfen;
über die unzähligen Akte persönlicher Freundlichkeit
wie die von Gail Halvorsen, dem berühmten Piloten
des Rosinenbombers, der für die Berliner Kinder kleine
Fallschirme mit Süßigkeiten abwarf. Er ist heute hier
und ich bitte ihn, sich zu erheben. Ich danke Ihnen.
Vielen Dank.
Wenn die Kommunisten mit den Mitteln der Angst und
der Furcht kämpfen wollten, würden wir mit Freundschaft und Überzeugungen zurückschlagen. Heute
grüße ich zusammen mit dem Bundeskanzler alle
amerikanischen Veteranen, die hierher gekommen
sind, um diesen Tag zu feiern. Ich bitte alle, die heute
hier sind, sich zu erheben.
Und ich grüße die Bevölkerung Berlins. Tausende
Berliner - von Ärzten bis zu Hausfrauen - krempelten
die Ärmel auf und halfen den Amerikanern, diese
Landebahn auszubauen, den Flughafen Tegel aus

Seite 1

�dem Nichts zu stampfen, die Flugzeuge zu entladen
und zu warten. Ihr furchtloser Bürgermeister Ernst
Reuter inspirierte Amerikaner und Deutsche gleichermaßen, als er vor der versammelten Bevölkerung
erklärte: "Wir lassen uns nicht eingrenzen, wir lassen
nicht über uns verhandeln, wir lassen uns nicht
verkaufen."
Und schließlich grüße ich die 75.000 Menschen aus
ganz Europa, die in irgendeiner Form zur Luftbrücke
beigetragen und sie zu einem Triumph für die Menschen gemacht haben, die überall auf der Welt die
Freiheit lieben.
Von Juni 1948 bis Mai 1949 wurden über eine Viertel
Million Einsätze geflogen - rund um die Uhr, Tag und
Nacht, bei gutem und schlechtem Wetter - ungefähr
alle 90 Sekunden kam ein Flugzeug. Aber das
kostbarste Gut kam nicht in den sogenannten Carepaketen. Es war vielmehr die Hoffnung, die durch den
ständigen Lärm der Flugzeugmotoren geweckt wurde.
Die Berliner nannten diesen Motorenlärm eine Symphonie der Freiheit, die sie daran erinnerte, daß Berlin
nicht allein und die Freiheit kein Phantasiegebilde war.
Heute muß eine neue Generation die Lehren der
Luftbrücke erneut lernen und sie zur Bewältigung der
Herausforderungen dieses neuen Zeitalters nutzen.
Denn der Kalte Krieg ist Geschichte, ein demokratisches Rußland ist unser Partner, und wir haben zum
ersten Mal die Chance, ein neues Europa aufzubauen
- ungeteilt, demokratisch und friedlich. Dennoch
wissen wir alle, daß die Chancen von heute keine
Garantie für morgen sind. Trotz all der Versprechungen unserer Zeit sind wir nicht vor Gefahr gefeit.
Und deshalb hoffe ich, daß Deutsche und Amerikaner
gleichermaßen stets die Lehren dessen beherzigen,
was hier vor 50 Jahren geschah: Daß wir uns niemals
der uns übertragenen Führungsrolle entziehen, denn
der Kampf um Freiheit endet nie.
Auf dem Höhepunkt der Berlinkrise schrieb General
Clay: "Ich glaube, im Interesse der Demokratie ist es
erforderlich, daß wir hier bleiben." Das war die beste
Investition, die wir in die Zukunft Deutschlands tätigen
konnten. Es ist schwer, sich einen besseren Freund
oder Verbündeten als das moderne Deutschland
vorzustellen.

Wie stolz die an der Luftbrücke Beteiligten gewesen
sein müssen, als Deutschland wiedervereinigt wurde,
als Deutschland die Bestrebungen zur Einigung
Europas anführte und als das moderne Gegenstück
der Carepakete nach Bosnien, Afghanistan und an
andere vom Krieg verwüstete Orte geschickt wurde als die Menschen in Deutschland unter den ersten
waren, die diese Pakete schickten. Die Entscheidung
zu bleiben, war eine gute Investition in die Demokratie.
Jetzt müssen wir weiterhin Brücken zwischen unseren
beiden Völkern bauen. Das deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm ist das größte der Welt. In diesem
Herbst wird die Amerikanische Akademie zu Berlin
eröffnet und bringt führende Persönlichkeiten aus
unserem kulturellen Leben nach Berlin. Wir werden
verstärkt auf die Unterstützung des Parlamentarischen
Patenschaftsprogramms Kongreß/Bundestag hinarbeiten, das bereits mehr als 10.00 deutschen und
amerikanischen Studenten die Chance zum Besuch
des jeweils anderen Landes geboten hat. Das nächste
Jahrhundert unserer Zusammenarbeit für die Freiheit
hat bereits in unseren Klassenzimmern begonnen.
Lassen Sie uns unseren jungen Menschen die Chance
geben, noch stärkere Brücken für die Zukunft zu
bauen.
In seinem "Gesang der Geister über den Wassern"
erklärte Goethe: "Des Menschen Seele gleicht dem
Wasser. Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt
es, und wieder nieder zur Erde muß es, ewig wechselnd." Für mich sind diese Zeilen Ausdruck der
Heldentaten der Luftbrücke. Denn damals wurden
mehr als Lebensmittel und Versorgungsgüter abgeworfen. Mit der Zeit entstand durch die Luftbrücke eine
Seelenverwandtschaft - eine Geschichte, die den
Menschen erzählt, niemals aufzugeben, niemals den
Glauben zu verlieren, daß Unbilden überwunden,
Gebete erhört, Hoffnungen erfüllt werden können. Die
Freiheit ist es wert, für sie einzutreten.
Meine Freunde, heute und in 100 Jahren werden die
Bürger dieser großartigen Stadt und alle Freunde der
Freiheit auf der ganzen Welt wissen: Berlin bleibt doch
Berlin - weil einige wenige für die Freiheit eintraten.
Ich danke Ihnen.

* * * *

*

.
Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�LUFTBRÜCKE
20. Mai 1998

Clinton: "Sie vergaßen nie das Gefühl von Freiheit"
Rede des Präsidenten in Eisenach

EISENACH - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Präsident der Vereinigten Staaten von
Amerika, Bill Clinton, am 14. Mai 1998 auf dem Marktplatz in Eisenach gehalten hat.

Vielen Dank. Herr Bundeskanzler, Herr Ministerpräsident, Herr Oberbürgermeister, Einwohner von
Eisenach und insbesondere alle jungen Menschen, die
hierher gekommen sind, ich danke Ihnen für diesen
herzlichen Empfang.
Jetzt weiß ich, warum Martin Luther Eisenach "meine
geliebte Stadt" nannte. Und ich bekomme ein Gefühl
für den Geist und die Unabhängigkeit, die Johann
Sebastian Bach inspirierten, der als junger Komponist
mit dem Kontrapunkt experimentierte, die Kirchenältesten mit seinem Orgelspiel verärgerte, aber alle
anderen Menschen auf der Welt begeisterte.
Wie bereits gesagt wurde, war es eine der ersten
Amtshandlungen der amerikanischen Soldaten, die
nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hierher
kamen, die Anweisung zum Wiederaufbau des Bachhauses zu geben. Ich bin immer noch stolz auf diese
historische Tat unserer Streitkräfte.
Wie Sie wissen, wurde Eisenach durch eine frühere
Übereinkunft der Kontrolle der sowjetischen Streitkräfte unterstellt, aber unsere Soldaten haben nie
diese wunderbare Stadt vergessen, und Sie vergaßen
nie das Gefühl von Freiheit.
Wer hätte vor 15 Jahren gedacht, daß heute ein
amerikanischer Präsident und ein deutscher Bundeskanzler an diesem Ort in einem vereinten Deutschland und einem zusammenwachsenden Europa
stehen würden.
Es ist in nicht unerheblichem Maße das Verdienst Ihres
Bundeskanzlers, daß Deutschland heute eine geeinte
Nation ist, die in Harmonie mit ihren Nachbarn lebt und
im Mittelpunkt der europäischen Bestrebungen steht,

AMERIKA DIENST 10

das 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert der Demokratie, des Wohlstands und Friedens zu machen.
Ich weiß, daß es hier in den neuen Bundesländern
nicht einfach war, Deutschland zu vereinigen und
wiederaufzubauen. Ich weiß, daß Opfer gebracht
wurden. Ich weiß, daß noch einiges zu tun ist, aber
vergessen Sie nicht die großen Fortschritte, die Sie in
so kurzer Zeit gemacht haben. Und unterschätzen Sie
nicht, was Sie als freie Menschen mit Ihren Träumen
erreichen können.
Ich habe gerade das Opel Werk besichtigt, das 1991
aufgebaut wurde. Mit seiner Technologie, der Mitbestimmung der Arbeitnehmer an Entscheidungen und
seinen innovativen Bestrebungen zum Schutz der
Umwelt ist es jetzt ein Vorbild für die ganze Welt. Ich
bin stolz darauf, daß amerikanische Unternehmen wie
General Motors Investitionen in Ihre Zukunft getätigt
haben.
Ich wünschte, noch mehr Unternehmen
würden diesem Beispiel folgen, bis alle Menschen in
ganz Deutschland die Chance haben, ihre ihnen von
Gott gegebenen Fähigkeiten voll und ganz zu nutzen.
Auf Ihrem Weg in die Zukunft haben Sie Ihre Vergangenheit nicht vergessen. Sie ehren Luther und Bach
und erinnern daran, was diese der Welt gegeben
haben. Und Sie ehren Amerika, indem Sie an unsere
Rolle bei Ihrem Weg in die Freiheit erinnern.
Wie der Oberbürgermeister bereits sagte, haben Sie
eine Partnerstadt in den Vereinigten Staaten in
Waverly, Iowa. In Ihrem Rathaus hängt ein Quilt, der
von Frauen in Waverly, Iowa, angefertigt wurde, von
denen die meisten deutscher Abstammung sind. Eine
von ihnen war bereits 101 Jahre alt, als sie an dem
Quilt arbeitete. Während Ihrer dunkelsten Jahre haben

Seite 1

�diese fernen deutschen Verwandten in Amerika
niemals ihren Glauben verloren, daß Sie hier eines
Tages frei sein würden.
An diesem wunderschönen Frühlingstag in Thüringen
werden wir vom Licht und der Wärme der Freiheit
überflutet. Möge dieses Licht immer über ganz

Deutschland, über diesen ganzen Kontinent und die
ganze Welt scheinen, und mögen Sie die Chancen
erhalten, auf die sie so lange gewartet haben und für
die Sie so hart gearbeitet haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 10

�EURO
20. Mai 1998

Euro setzt Reformen auf dem Arbeitsmarkt voraus
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die der Staatssekretär
für wirtschaftliche, unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart
Eizenstat, am 4. Mai 1998 bei einer Konferenz über die Europäische Union und Schlüsselfragen der
österreichischen EU-Präsidentschaft unter dem Thema "Der Euro: Seine Auswirkungen auf die Vereinigten
Staaten und die transatlantischen Beziehungen" an der Johns Hopkins University gehalten hat.

Einleitung

Die Beziehungen zwischen den USA und der EU

Es ist mir eine große Ehre, heute hier zu sein. Ich
danke dem österreichischen Presse- und Informationsamt und der Johns Hopkins University für die Veranstaltung dieser Konferenz. Das Schlüsselthema
dieser Konferenz ist die bevorstehende EU-Präsidentschaft Österreichs.

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Union gründen auf gegenseitigem Verständnis und dem Bewußtsein für die Bedeutung von Handel und Sicherheit.

Österreich übernimmt die Präsidentschaft zu einem
bedeutenden Zeitpunkt. Die EU arbeitet daran, die
Träume ihrer Gründerväter und Freunde zu verwirklichen - Erweiterung, Integration und eine stärkere
gemeinsame Politik. Österreich übernimmt zum ersten
Mal die Präsidentschaft - in einer für Europa entscheidenden Zeit. Die vom österreichischen Bundeskanzler, Viktor Klima, dargelegten Ziele der
Präsidentschaft seines Landes - Beschäftigung,
Erweiterung und die europäische Währungsunion stehen im Mittelpunkt der gemeinsamen Interessen der
Vereinigten Staaten und der EU.
Ich wurde gebeten, die Auswirkungen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion oder EWWU die im Jahr 2002 zur Einführung einer neuen einheitlichen Währung, dem Euro, führen wird - auf die
Vereinigten Staaten und die transatlantischen Beziehungen zu erörtern. Anstatt mich darauf zu konzentrieren, welche Konsequenzen der Euro für die globalen Finanzmärkte und internationale Finanztransaktionen haben wird, möchte ich über die zunehmende
Integration der EU und darüber sprechen, wie diese
Veränderungen unsere Beziehungen insgesamt
beeinflussen.

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Die Vereinigten Staaten und Europa haben einzigartige
historische und kulturelle Bande. Wir haben in diesem
Jahrhundert an drei großen Kriegen in Europa teilgenommen - zwei heißen und einem kalten - und wir
haben uns zur Zusammenarbeit mit Europa verpflichtet, um Frieden auf dem europäischen Kontinent
und weltweit zu gewährleisten. Das hat für uns
zweifelsohne Priorität gehabt - seit dem Marshallplan
vor 50 Jahren bis zur Unterstützung für die Gründung
und Ausweitung der Europäischen Union heute.
Die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu Europa
sind seit langem der Grundstein unserer Wirtschaftsund Außenpolitik. Die Geschicke der Vereinigten
Staaten sind auch heute eng mit denen Europas
verbunden. Es erübrigt sich darauf hinzuweisen, daß
wir ein Sicherheitsinteresse an den Ereignissen in
Europa sowie elementare Wirtschaftsinteressen auf
diesem Kontinent haben.
Die Vereinigten Staaten und die EU produzieren
zusammen nahezu die Hälfte aller Waren und Dienstleistungen weltweit, und auf sie entfällt mehr als die
Hälfte des Welthandels. Wir widmen den neuentstehenden Märkten auf der ganzen Welt große
Aufmerksamkeit, können aber die Bedeutung unserer
bilateralen Wirtschaftsbeziehungen gar nicht hoch

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�genug einschätzen. Die EU ist bei weitem unserer
größter Wirtschaftspartner. Der Wert des jährlichen
Handels zwischen den Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union übersteigt die 250-MilliardenDollar-Marke. Bei den Exporten in beide Richtungen
und dem Absatz amerikanischer Tochtergesellschaften
ist Europa für amerikanische Unternehmen ein doppelt
so großer Markt wie Kanada und Japan zusammengenommen. Wir sind die größten Investoren auf dem
jeweils anderen Markt. Die amerikanischen Direktinvestitionen in Europa stiegen zwischen 1982 und
1995 jährlich um 11,1 Prozent an. Zum Vergleich: Die
weltweite Wachstumsrate liegt bei 9,9 Prozent. Jeder
zwölfte amerikanische Fabrikarbeiter ist bei einem
europäischen Unternehmen beschäftigt.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Förderung des globalen Handelssystems. Während
der letzten 50 Jahre waren Fortschritte des Welthandelssystems
das
Ergebnis
gemeinsamer
amerikanisch-europäischer Übereinkünfte und Initiativen. Wenn wir uns nicht einig sind - wie es in der
Uruguay-Runde bei Agrarfragen der Fall war - macht
der offene Handel kaum Fortschritte. Durch die
gemeinsame amerikanisch-europäische Führungsrolle
kann viel erreicht werden. Die Ergebnisse sprechen
für sich: Die Uruguay-Runde, die Gründung der
Welthandelsorganisation (WTO), das Informationstechnologieabkommen, das WTO-Abkommen über
Basistelekommunikationsdienste und das WTOAbkommen über Finanzdienstleistungen.
Die neue transatlantische Agenda
Es ist mir eine Ehre, als amerikanischer Botschafter
bei der Europäischen Union, als Staatssekretär für
Welthandel im US-Wirtschaftsministerium und jetzt als
Staatssekretär für wirtschaftliche, unternehmerische
und landwirtschaftliche Angelegenheiten im USAußenministerium an der Gestaltung unserer sich
ständig weiterentwickelnden und unerläßlichen
Beziehungen mitzuwirken. Die Leistung, auf die ich
besonders stolz bin, ist unsere Arbeit an der neuen
transatlantischen Agenda (New Transatlantic Agenda NTA).

Handelshemmnisse - zur weiteren Liberalisierung der
bereits offenen Handels- und Investitionsbeziehungen
und für den besseren Umgang mit unseren Handelsstreitigkeiten. Bei der Erlangung dieses Ziels haben
wir bereits große Fortschritte gemacht:
Beispielsweise schlössen wir vergangenes Jahr ein
Abkommen über die gegenseitige Anerkennung von
Produkttests und Zertifizierung, das die Kosten von
Exporten in beide Richtungen bei einem Handelsvolumen von 50 Milliarden Dollar in sechs Industriezweigen verringern wird. Wir hoffen, in den kommenden Monaten weitere Sektoren einbeziehen zu können.
Beim Gipfel der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union im Dezember vergangenen Jahres
stimmten wir überein, daß die Ausweitung des globalen elektronischen Handels marktgesteuert sein und
durch Privatinitiativen gefördert werden sollte. Wir
arbeiten zusammen, damit elektronische Übertragungen auch in Zukunft zollfrei bleiben und Differenzen
über Datenschutz beigelegt werden, die den transatlantischen Datenverkehr gefährden.
Am wichtigsten ist, daß die neue transatlantische
Agenda einen Plan für die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den Vereinigten Staaten und Europa
bis weit ins 21. Jahrhundert hinein bietet. Die NTA
erkennt an, daß sich unsere Beziehungen ständig
weiterentwickeln und sich an interne und externe
Veränderungen anpassen müssen. Wir sind uns
bewußt, daß sich die Europäische Union verändert.
Sie wird erweitert - die Zahl ihrer Mitglieder wird in den
nächsten 10 Jahren von 15 auf 26 ansteigen. Sie wird
somit ein für Europa immer wichtigeres Forum für
Diskussionen und das gemeinsame Vorgehen bei
diplomatischen Fragen, globalen Problemen und im
Bereich der Strafverfolgung. Das vielleicht offensichtlichste und greifbarste Beispiel für die zunehmende
Integration der EU ist die Schaffung der Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion und die Einführung
einer einheitlichen Währung am 1. Januar 1999.
Die EWWU - der Euro

Die Verabschiedung der neuen transatlantischen
Agenda im Dezember 1995 hat unsere Partnerschaft
gestärkt und gefördert. Die NTA erweitert unsere
Zusammenarbeit und verfügt über die vollständigste
Palette kooperativer Mechanismen, die wir je hatten:
Halbjährliche Gipfeltreffen, regelmäßige Zusammenkünfte unterhalb der Kabinettsebene sowie eine
Vielzahl von Kontakten auf Arbeitsebene.

Die Einführung der Wirtschafts- und Währungsunion ist
Teil des umfassenderen Prozesses der Erweiterung
und Vertiefung der Europäischen Union. Die führenden Politiker der EU betrachten die EWWU als den
nächsten historischen Schritt in einem langen Prozeß
europäischer Integration und als notwendiges Element
für die Gewährleistung einer globalen zukünftigen
Rolle Europas.

Die NTA gestattet uns, unsere Wirtschaftsbeziehungen
weiterzuentwickeln und neue Wege zu sondieren, wie
wir unsere bereits engen Beziehungen noch verbessern und ausweiten können. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir der Schaffung eines Marktes ohne

Diese Entwicklung begann 1962 mit der Entscheidung
der Europäischen Kommission für eine einheitliche
Währung. Im Maastrichter Vertrag von 1992 wurde ein
Dreistufenplan zur Erlangung dieses Ziels vorgeschlagen.

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�Am letzten Wochenende bereitete sich Europa auf die
dritte Stufe vor. Während eines Sondergipfels in
Brüssel über die Wirtschafts- und Währungsunion traf
die EU Schlüsselentscheidungen zur EWWU: Wer sich
dafür eignet; bilaterale Wechselkurse zwischen den
Ländern, die der EWWU beitreten; wer der Zentralbankpräsident und die Mitglieder des Zentralbankausschusses sein werden.
Wie erwartet, werden alle EU-Mitgliedstaaten mit
Ausnahme von Schweden, Dänemark, Großbritannien
und Griechenland teilnehmen. Obwohl Schweden,
Dänemark und Großbritannien die Haushaltskriterien
erfüllen, haben sie sich entschlossen, zunächst nicht
der Währungsunion beizutreten. Griechenland erfüllt
die Kriterien nicht, ist aber vor kurzem dem Wechselkursmechanismus beigetreten.
Die USA und der Euro
Die Vereinigten Staaten haben den Prozeß der
europäischen Integration nach dem Krieg konsequent
unterstützt, weil er zu regionaler Stabilität, europäischer Einheit und freierem Handel beiträgt. Und die
Europäische Union ist zunehmend ein Binnenmarkt mit
einem höheren Maß an echter Integration. Die EWWU
wird die Integration noch einen Schritt weiter führen.
Die US-Regierung ist der Ansicht, daß die Entscheidung über die Einführung einer einheitlichen Währung
die souveräne Entscheidung der EU ist. Angesichts
unserer engen transatlantischen Beziehungen sind wir
fest davon überzeugt, daß eine erfolgreiche EWWU für
beide Seiten des Atlantiks von Vorteil ist.
Es gibt eine Reihe haushaltspolitischer und wirtschaftlicher Kriterien für die Mitgliedschaft in der
EWWU - ein Haushaltsdefizit von weniger als 3
Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP); eine Staatsverschuldung von weniger als 60 Prozent des BIP;
eine Inflationsrate von nicht mehr als 2 Prozent über
dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Volkswirtschaften für ein Jahr; langfristige Zinsen von nicht
mehr als 2 Prozent über dem Durchschnitt der EULänder mit den niedrigsten Zinsen und die Mitgliedschaft im Wechselkursmechanismus für zwei Jahre
ohne Abwertung.
Je mehr diese makroökonomischen Maßnahmen,
Kriterien und künftigen Strukturreformen Europa bei
der Entwicklung einer stabilen und gesunden Volkswirtschaft behilflich sind, die offen für die Weltmärkte
ist, desto erfolgreicher wird dieses Projekt sein und
umso willkommener für die Vereinigten Staaten.
Wirtschaftliche Stärke, Stabilität und Vitalität in Europa
liegen im nationalen Interesse der Vereinigten Staaten.
Eine starke europäische Volkswirtschaft dient den
amerikanischen Exporten und den amerikanischen
Wirtschaftsinteressen im allgemeinen. Die Vereinigten

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Staaten, Europa und das internationale Währungssystem werden von einer EWWU profitieren, die von
soliden makroökonomischen und strukturellen Maßnahmen gestützt ist.
Obwohl die Unternehmen sich mit bestimmten Veränderungen befassen müssen, die mit der Einführung
einer einheitlichen Währung einhergehen, werden sie
von Einsparungen profitieren, die sich aus den geringeren Kosten der Devisentransaktionen innerhalb der
Euro-Zone ergeben. Amerikanische Unternehmen mit
Aktivitäten in Europa sollten sich darauf vorbereiten,
Geschäfte in einem Gebiet mit einer einheitlichen
Währung zu tätigen.
Die bessere Koordination und Zusammenarbeit, die wir
mit Hilfe der neuen transatlantischen Agenda und
Organisationen des Privatsektors wie dem transatlantischen Wirtschaftsdialog entwickelt haben,
bereiten uns besser auf die Anpassung an die durch
die EWWU gebotenen Chancen vor.
Herausforderungen für die EU
Obwohl sich die Vereinigten Staaten an die Einführung
des Euro anpassen müssen, ist unsere Anpassung
natürlich geringfügig verglichen mit den Veränderungen und Herausforderungen, denen sich die EWWUMitgliedstaaten gegenüber sehen. Sie werden die
Währungspolitik aufgeben und dem europäischen
Zentralbanksystem überlassen. Das europäische
Zentralbanksystem muß wiederum eine glaubwürdige
Politik für eine einheitliche Währung in der gesamten
Euro-Region umsetzen.
Damit die EWWU Erfolg hat und die Mitgliedstaaten
von nachhaltigem Wirtschaftswachstum profitieren,
sind Fortschritte bei Strukturreformen, insbesondere
auf den Arbeitsmärkten erforderlich. In Anbetracht der
bevorstehenden EWWU ist es für die Regierungen von
entscheidender Bedeutung, diese Reformen voranzubringen. Bei einer Störung der Binnennachfrage
haben die einzelnen Mitglieder der EWWU nicht länger
die Freiheit zu reagieren, indem sie ihre Wechselkurse
oder Zinssätze anpassen. Die wichtigsten Herausforderungen sind:
Arbeitsmarktreformen: Die durchschnittliche
Arbeitslosenquote in der EU beträgt über 11
Prozent und ist nahezu doppelt so hoch wie
1979. Die meisten Analysten vertreten die
Auffassung, daß bis zu 75 Prozent auf strukturelle Faktoren zurückzuführen sind. Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsmarktflexibilität und niedrigere Kosten sind erforderlich.
Andere Marktreformen: Wettbewerbsfähige
und uneingeschränkte Märkte für Produkte,
Dienstleistungen und Kapital sind wichtig für

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�die Förderung von Beschäftigungswachstum.
Die Lockerung der Ladenschlußzeiten würde
beispielsweise Beschäftigung und Wachstum
im Groß- und Einzelhandel ermutigen.
Fiskalische Herausforderungen: Obwohl
große Fortschritte erzielt wurden, müssen die
meisten Länder noch beträchtliche Anstrengungen zur Erlangung eines fiskalischen
Gleichgewichts unternehmen, damit automatische Stabilisatoren bei Konjukturabschwüngen wirken können. Ebenso wie in den Vereinigten Staaten erfordert die bevorstehende,
durch alternde Bevölkerungen verursachte
starke Belastung des Rentensystems und der
Krankenversicherungen langfristige fiskalische
Reformen.
Die Aussicht auf die EWWU hat in vielen EWWUMitgliedstaaten, insbesondere Finnland, Irland, den
Niederlanden und Portugal, maßgebliche Reformen
dieser Art eingeleitet. Diese Länder führen den Weg
an, aber die Regierungen und führende Unternehmer
in allen EWWU-Staaten sprechen zunehmend über die
Bedeutung der Einführung solcher Reformen, um die
Chancen am besten zu nutzen, die die EWWU mit sich
bringt. Wenn die EWWU zu einem wettbewerbsfähigeren, flexibleren und produktiveren Europa
beiträgt, wird sie zweifelsohne ein Erfolg.

Schlußbemerkung
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
künftigem Wachstum und Wohlstand Europas. Unser
Interesse besteht in der Entwicklung einer soliden und
gesunden europäischen Volkswirtschaft, die für
Weltmärkte offen ist.
Amerika hat jede Initiative unterstützt, die auf die
Vertiefung und Erweiterung der politischen und
wirtschaftlichen Integration in Europa abzielt. Ein
geeintes Europa wird bei der Verfolgung unseres
gemeinsamen Ziels - einer stabilen, wohlhabenden
und freien Welt - ein stärkerer Partner sein. Aus
diesem Grund hat Präsident Clinton die EU als "vielleicht unseren besten, natürlichen Partner für das 21.
Jahrhundert" bezeichnet.
Aus diesem Grund möchten wir, daß die EWWU Erfolg
hat. Die Vereinigten Staaten werden eine erfolgreiche
Währungsunion uneingeschränkt unterstützen, die
Europa die erforderliche Stärke und das Vertrauen
verleiht, die es für weitere Reformen und die Fortsetzung der Integration seiner Volkswirtschaft in die
übrige Welt benötigt.

* * * * *

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