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Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Januar 1998

01

AUSSENPOLITIK

US-AUSSENPOLITIK 1997 UND 1998
Rede von Madeleine Albright

BOSNIEN

BOSNIER SOLLEN NEUES JAHRHUNDERT
MIT DER MUSIK DES FRIEDENS BEGINNEN
Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo

BOSNIEN BENOTIGT WEITERHIN
INTERNATIONALE SCHUTZTRUPPE
Bericht der Senatoren Levin und Reed

USA-EUROPA

BERLIN UND DIE VERVOLLSTÄNDIGUNG
EUROPAS
Rede von Botschafter Kornblum

HANDEL

SANKTIONEN GEGEN INVESTITIONEN
IM IRAN WEITERHIN IN KRAFT
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

NATO

DIE AUSWIRKUNGEN DER NATO AUF
DEMOKRATISCHE UND WIRTSCHAFTLICHE
INSTITUTIONEN
von Joshua Muravchik

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
14.Januar 1998

US-Außenpolitik 1997 und 1998
Rede von Madeleine Albright

WASHINGTON - (AD) - 1997 war US-Außenministerin Madeleine Albright zufolge "ein sehr gutes Jahr" für die
amerikanische Außenpolitik. Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, in der sie am 13. Januar 1998 im Center
for National Policy eine Bilanz ihres ersten Jahrs als Außenministerin zieht.

Da dies meine erste Rede im neuen Jahr ist, möchte
ich eine Vorschau der außenpolitischen Agenda der
Vereinigten Staaten für 1998 geben. Zuvor möchte ich
jedoch das Jahr 1997 Revue passieren lassen. Ich
kann kaum glauben, daß erst zwölf Monate vergangen
sind, seit ich auf meine Bestätigung als Außenministerin durch den Senat gewartet habe.
Für mich war dies ein ganz besonderes Jahr: Nicht
nur, weil ich mich jetzt ganz der Diplomatie widmen
kann; sondern auch, weil ich in Baltimore die Baseballsaison eröffnete, in Asien erstmals seit meiner Schulzeit in der Öffentlichkeit singen durfte und erst letzten
Monat von einer amerikanischen Zeitschrift auf die
Liste der 25 interessantesten Leute gesetzt wurde zusammen mit einem geklonten Schaf.
Ich machte auch die Erfahrung, Briefe wie den zu
erhalten, der kürzlich in der The Washington Post
erwähnt wurde - von einer hochschwangeren Engländerin, die begeistert Kreuzworträtsel löste und nicht
wußte, wie Amerikas Außenministerin heißt. Und die
während der schmerzhaften Wehen plötzlich schrie,
ich hab's, es ist Madeleine Albright.
Glücklicherweise gab es auch viele Höhepunkte.
Denn trotz Enttäuschungen und Rückschlägen war es
ein sehr gutes Jahr für unsere Außenpolitik.
Dank der Unterstützung beider Parteien traten die
Vereinigten Staaten der Chemiewaffenkonvention als
Gründungsmitglied bei. Und angesichts der jüngsten
Ereignisse am Golf erweist sich unsere Führungsrolle
im Kampf gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen als lebenswichtig.

AMERIKA DIENST 01

In Europa lud die NATO neue Mitglieder zum Beitritt
ein und bereitete sich auf neue Missionen vor, während sie gleichzeitig eine historische Partnerschaft mit
Rußland und der Ukraine einging. In Bosnien verstärkten wir unsere Bestrebungen zur Umsetzung des
Daytoner Abkommens, damit der schwer verdiente
Friede Bestand hat und unsere Investitionen und Opfer
nicht vergeblich waren.
In Asien unterzeichneten wir mit Japan neue Verteidigungsrichtlinien. Wir begannen Vierparteiengespräche
zur Erlangung eines dauerhaften Friedens auf der
koreanischen Halbinsel. Wir intensivierten den Dialog
mit China, erzielten dabei Fortschritte bei Wirtschaftsund Sicherheitsfragen und beharrten weiterhin auf
unseren Grundsätzen bei den Menschenrechten, bei
denen Peking mehrere positive Schritte unternommen
hat, einschließlich der Freilassung von Wei Jingsheng.
Bei der Vorbereitung geplanter Besuche des Präsidenten in diesem Jahr eröffneten wir neue Kapitel in
unseren Beziehungen zu Lateinamerika, der Karibik,
Südasien und Afrika. Wir unternahmen einen entscheidenden ersten Schritt zu einer globalen Übereinkunft zur Bekämpfung des Klimawandels. Wir setzten
uns für die Verbesserung des Status der Frau ein und
stellten diese Anstrengungen in den Mittelpunkt der
amerikanischen Außenpolitik, wo sie hingehören. Wir
schufen die Grundlage für die dringend benötigte
Neuorganisation unserer außenpolitischen Institutionen. Und wir machten Fortschritte bei der Wiederherstellung eines überparteilichen Konsenses über die
Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei internationalen Angelegenheiten, wie die seit Jahren erste
Aufstockung der für internationale Programme vorgesehenen Mittel zeigt.

Seite 1

�Wir beginnen 1998 also aus einer Position der Stärke
heraus. Unsere Wirtschaft boomt, unsere Bündnisse
sind stark, unser Militär ist das beste, und unsere
demokratischen Werte werden von mehr Menschen
auf der Welt übernommen als je zuvor.
Die Erfahrung warnt uns jedoch, daß der Lauf der
Ereignisse weder vorhersehbar noch reibungslos ist.
Und angesichts der Schnelllebigkeit unseres Zeitalters
wissen wir, daß neue Bedrohungen unserer Sicherheit
und unseres Wohlstands mit der Geschwindigkeit des
21. Jahrhunderts entstehen können.
Entsprechend müssen und werden wir unsere Wachsamkeit am Golf aufrechterhalten, damit Saddam
Hussein nie wieder die irakischen Nachbarn mit
Aggression oder die Welt mit Massenvernichtungswaffen bedrohen kann. Bevor ich heute Morgen
hierher kam, rief mich Außenminister Primakow an, um
mit mir über die Vorgänge im Irak zu sprechen. Es ist
von elementarer Bedeutung - der Präsident äußerte
das gestern, und wir werden nicht müde, es zu
wiederholen - daß der UN-Sicherheitsrat letzten Endes
den bedingungslosen Zugang der UNSCOM erreicht.
Es ist absolut unerläßlich, daß Saddam Hussein die in
den Resolutionen des Sicherheitsrats enthaltenen
Verpflichtungen erfüllt und in Bezug auf Massenvernichtungswaffen wahrheitsgemäße Angaben macht.
Wir müssen wissen, welche Waffen er hatte und
welche Potentiale er hat, und wir müssen Zugang dazu
erhalten. Die UNSCOM muß bedingungslosen und
ungehinderten Zugang zu allen Lagerstätten erhalten.
Meiner Ansicht nach dürfen wir nicht vergessen, daß
das vom Sicherheitsrat unterstützte Regime und die
verhängten Sanktionen das umfassendste Sanktionsregime in der Weltgeschichte darstellen. Es hat nicht
zum Ziel, das irakische Volk zu bestrafen. Dieses liegt
uns am Herzen, und tatsächlich haben wir eine
Resolution eingebracht die sicherstellt, daß Saddam
Hussein dem irakischen Volk humanitäre Hilfe und das
Lebensnotwendige zukommen läßt.
Es ist jedoch unabdingbar, daß Saddam Hussein seine
Verpflichtungen erfüllt und keine Bedrohung der
Region darstellt. Aus diesem Grund werden wir
weiterhin wachsam und entschlossen sein und keine
Option ausschließen.
Im Nahen Osten werden wir darauf hinarbeiten, daß
dieses Jahr entscheidende Schritte zu dauerhaftem
Frieden unternommen werden. Ich weiß, daß der
Präsident das bei seinen Treffen kommende Woche
mit Ministerpräsident Netanjahu und dem PLO-Vorsitzenden Arafat deutlich machen wird.
Wir werden nach Gelegenheiten Ausschau halten,
unsere wichtigsten bilateralen Beziehungen in jeder
Region und auf jedem Kontinent zu stärken. Und wir
werden weiterhin mit den betroffenen Regierungen,

Seite 2

dem IWF, der internationalen Staatengemeinschaft und
dem Privatsektor an der dringenden Wiederherstellung
des erschütterten Vertrauens in die geplagten Volkswirtschaften Ostasiens zusammenarbeiten.
Angesichts der engen Verflechtung der Weltwirtschaft
liegt die Wiederherstellung von Vertrauen und Finanzstabilität in Asien in unserem langfristigen Wirtschaftsund Sicherheitsinteresse. Aus diesem Grund hat der
Präsident auf die derzeitige Finanzkrise mit der
entschiedenen Unterstützung der jüngsten Initiativen
des IWF in Asien und der Verpflichtung reagiert,
gemeinsam mit anderen Mitgliedern der internationalen
Gemeinschaft notfalls einen Eventualfonds bereitzustellen.
Wir haben betont, daß die erfolgreiche Wiederherstellung des Vertrauens in die Märkte sowie zukünftiges Wachstum und Entwicklung in Ostasien von der
entschlossenen und dauerhaften Durchführung von
Wirtschaftsreformen abhängen.
Diese Reformen
umfassen Maßnahmen zur Marktöffnung, die Umstrukturierung des Finanzsektors und größere Transparenz bei Investitionen.
In der kommenden Woche werde ich mich eingehender mit diesen und anderen Fragen befassen. Heute
Morgen möchte ich jedoch vier Fragen ansprechen,
die dieses Jahr die amerikanische Führungsrolle im
Kapitol auf die Probe stellen werden. 1998 wird ein
Jahr der Entscheidungen, und die von uns in Zusammenarbeit mit dem Kongreß getroffenen Entscheidungen werden viel dazu beitragen, unseren
Kurs für das nächste Jahrhundert festzulegen.
Eine Entscheidung betrifft die Frage, ob der Kongreß
die fortgesetzte Implementierung des Daytoner
Abkommens unterstützen wird. Kurz vor Weihnachten
reiste ich mit Präsident Clinton, Senator Dole und
Mitgliedern des Kongresses nach Bosnien, um unsere
Truppen zu besuchen und offene Gespräche mit den
Politikern vor Ort zu führen. Wir fanden eine Nation
vor, die weiterhin tief gespalten ist, seit den Tagen der
ethnischen Säuberungen und des ständigen Artilleriefeuers jedoch große Fortschritte gemacht hat. Die
Infrastruktur des Friedens nimmt langsam Gestalt an,

und der Versöhnungsgedanke faßt Fuß.
Das bosnische Volk und seine Partner haben für
dieses Jahr eine lange Tagesordnung: Stärkung der
multiethnischen Institutionen, die jetzt zu funktionieren
beginnen; Hilfe für die heimkehrenden Flüchtlinge;
Förderung der örtlichen Wirtschaft, die sich jetzt zu
erholen beginnt; Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals, das im Dienste der Gerechtigkeit und der
Wahrheitsfindung Präsenz zeigt.
Während die Elemente eines neuen Bosniens zusammengefügt werden, mehren sich die Anzeichen,
daß der Frieden erhalten wird, wenn wir dort bleiben.

AMERIKA DIENST 01

�Wenn wir jedoch jetzt abziehen, wie manche fordern,
wird das Vertrauen, das wir aufbauen, ausgehölt,
werden die auf tönernen Füßen stehenden Institutionen der Demokratie unter Beschuß geraten, die den
Haß Schürenden ermutigt, und eine Rückkehr zu Krieg
und möglicherweise erneutem Genozid wird wahrscheinlich.
Das würde die Fortschritte zunichte machen, bei
denen die Amerikaner den Bosniern geholfen haben
und die Opfer abwerten, die von unseren Soldaten,
Diplomaten und Privatleuten gebracht wurden. Es
würde die amerikanische Führungsrolle in der NATO
unterminieren, die für unsere nationale Sicherheit von
entscheidender Bedeutung ist. Und es würde diejenigen in ganz Bosnien im Stich lassen, die an die
Demokratie glauben und ihr Vertrauen in die Vereinigten Staaten setzen.
Es ist nicht die amerikanische Art, sich einfach davonzumachen. Die Mission in Bosnien sollte den Zeitplan
bestimmen, nicht umgekehrt. Und wie der Präsident
vergangenen Monat darlegte, muß diese Mission
erfüllbar sein und konkrete Bezugsgrößen statt einem
Stichtag haben. Wir wollen in Partnerschaft mit
unseren Verbündeten und in Zusammenarbeit mit den
Menschen in Bosnien alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um ein Klima dauerhafter Sicherheit zu
schaffen, damit unsere Truppen, wenn sie Bosnien
verlassen, das für immer tun.
Die Bestrebungen zur Schaffung von Frieden in
Bosnien unter der Schirmherrschaft der NATO stellen
einen zweiten wichtigen Test für 1998 dar. Der Senat
muß der vorgeschlagenen Erweiterung des Bündnisses zustimmen - vielleicht dem treuesten Freund,
den der Frieden je hatte.
Die NATO erweist sich seit fünf Jahrzehnten nicht als
Instrument des Krieges - obwohl ihre Fähigkeit zur
Abwehr von Aggression weiterhin einzigartig ist sondern als Garant des Friedens. Seit der Gründung
der NATO hat es keine Nation gewagt, ein NATOMitglied in Europa anzugreifen. Durch die Aufnahme
von Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in
das Bündnis werden wir das Gebiet in Europa vergrößern, in dem es einfach keine Kriege gibt. Und wir
werden drei neue Verbündete in den Dienst des
Friedens stellen, die den Grundsätzen der NATO
verpflichtet und bereit sind, einen Beitrag zu Frieden
und Sicherheit auf dem Kontinent zu leisten.
Wir werden auch weiterhin einen starken Anreiz für die
Nationen Zentral- und Osteuropas bieten, echte
Demokratien aufzubauen, Menschenrechte zu respektieren und seit langem schwelende ethnische und
territoriale Streitigkeiten beizulegen.

Rumänen und Ungarn nach Jahrhunderten der
Feindschaft Freunde werden, wenn ich sehe, wie
Polen, Ukrainer und Litauer gemeinsame Militäreinheiten bilden, wenn ich sehe, wie Tschechen und
Deutsche Jahrzehnte des Mißtrauens überwinden und
Zentraleuropäer ihre politischen und wirtschaftlichen
Beziehungen zu Rußland verbessern, dann weiß ich,
daß die Strömungen der Geschichte in eine Richtung
gehen, die uns alle mehr Sicherheit geben wird.
Die vom Senat in diesem Frühjahr zu treffende Entscheidung ist, ob die NATO-Erweiterung abgelehnt
werden und man das Bündnis so belassen soll, daß es
einen Feind bekämpfen kann, der nicht länger existiert;
oder ob die amerikanische Führungsrolle in einer
neuen NATO bekräftigt werden soll - gestützt durch
neue Demokratien, von dauerhaften Prinzipien getragen und auf die Abwehr und Bekämpfung neuer
Bedrohungen ausgerichtet.
Ich hoffe und glaube, daß der Senat mit der Unterstützung der Politiker beider Parteien und mit der Ermutigung durch das amerikanische Volk die richtige
Entscheidung treffen wird - und die Fortsetzung der
NATO-Erweiterung gestattet.
Der dritte Test für die Legislative im Jahr 1998 ist die
Frage, ob wir unsere Schulden bei den Vereinten
Nationen und dem Internationalen Währungsfonds
bezahlen. Das ist wichtig, denn die Vereinigten
Staaten können nicht jedes uns betreffende Problem
alleine lösen - noch wollen wir es versuchen. Wir
nutzen internationale Organisationen zur Bewältigung
von Herausforderungen, die weit über unsere Grenzen
hinausgehen und um sicherzustellen, daß andere
einen gerechten Anteil der Kosten und Risiken tragen.
Und es besteht kein Zweifel, daß wir in diesen Organisationen ernsthaft tätig sind.
Während wir reden, versuchen UN-Inspektoren die
Täuschungs- und Behinderungsmanöver bezüglich
des irakischen Programms für Massenvernichtungswaffen zu überwinden. Der IWF spielt eine zentrale
Rolle bei den Bemühungen zur Beendigung der
Finanzkrise in Ostasien. Und um Erfolg zu haben,
benötigt der IWF die erforderlichen Ressourcen zur
Einführung von Reformen, Wiederherstellung der
Stabilität und Ankurbelung erneuten Wachstums.
Gleichzeitig versuchen internationale Organisationen
auf der ganzen Welt, Landminen zu räumen, Völkermord zu bestrafen, Menschenrechte zu fördern,
Krankheiten zu verhindern, die Hungernden zu
ernähren, die Ausbeutung von Kindern zu beenden,
frühzeitig vor Wirbelstürmen zu warnen und sicherzustellen, daß die Rechte und Sicherheit derjenigen
gewahrt werden, die reisen oder Geschäfte in Übersee
tätigen.

Ich bin sowohl ein Produkt als auch eine Studentin der
europäischen Geschichte. Und wenn ich sehe, wie

AMERIKA DIENST 01

Seite 3

�Die Tatsache, daß wir mit unseren Zahlungen an diese
Organisationen so weit im Rückstand sind, schadet
den Vereinigten Staaten. Sie erschwert es ihnen, die
Programme durchzuführen, die unseren Interessen
dienen, sie unterminiert unsere Vorschläge, diese
Programme effizienter zu machen. Und sie ist eine
Einladung für potentielle Gegner, Amerika schlecht zu
machen.
Aus diesem Grund waren wir sehr erfreut, als wir im
vergangenen Jahr die Unterstützung beider Parteien
für eine Gesetzesvorlage erhielten, die der Erfüllung
unserer Verpflichtungen entgegengekommen wäre.
Bedauerlicherweise wurde die endgültige Verabschiedung des Gesetzentwurfs von einer kleinen Gruppe
von Mitgliedern des Repräsentantenhauses blockiert nicht weil sie gegen die Gesetzesvorlage waren oder
glaubwürdige Argumente gegen sie vorbringen
konnten, sondern weil sie ein Faustpfand der Legislative haben wollten. Und als Preis für die Freigabe des
Faustpfands und die Zustimmung zu dem Gesetzentwurf bestanden sie darauf, daß die Administration
ihrer damit überhaupt nicht in Zusammenhang stehenden Position zu internationalen Bevölkerungsprogrammen zustimmt.
Das Opfer dieser Erpressung der Legislative ist das
amerikanische Volk. Denn wenn wir unsere Schulden
bei den Vereinten Nationen nicht bezahlen, unterminiert das unseren Stand ebenso wie das Infragestellen
der Befugnis des Sicherheitsrats durch Saddam
Hussein. Und es schadete unserer Glaubwürdigkeit
gerade dann, als die Generalversammlung über einen
Plan abstimmte, der unsere vom UN-System festgesetzten Beiträge um rund 100 Millionen Dollar pro Jahr
hätte verringern können.
1998 werden wir auf der Freigabe des Faustpfands
bestehen, damit die Mitglieder zu diesem Thema um
seiner selbst willen abstimmen können. Schließlich ist
das beste Amerika eine Führungsmacht, nicht ein
Schuldner. Als Mitglieder einer Organisation, an deren
Aufbau wir beteiligt waren, haben wir eine Verpflichtung, die Vorschriften einzuhalten, die wir mit verfaßt
haben sowie die Ziele von Rechtsstaatlichkeit, Frieden
und Wohlstand zu fördern, die Amerikaner aus tiefstem
Herzen unterstützen.
Als ich diesen Teil der Rede nochmals gelesen habe,
kam mir das Ganze so absurd vor, daß ich mir nicht
vorstellen kann, diesen Plan weiterhin als Faustpfand
zu halten und Amerika damit weiterhin zu schaden. Es
ist wirklich lachhaft.
Ein vierter Test der außenpolitischen Führungsrolle in
diesem Jahr ist, ob der Kongreß dem vorgeschlagenen
Gesetz über Wachstum und Chancen in Afrika zustimmt. Hierbei handelt es sich um eine von der
Administration unterstützte Initiative des Kapitols, mit

Seite 4

der ein neuer amerikanischer Ansatz zu einem neuen
Afrika formuliert werden soll.
Während meines jüngsten Besuchs auf diesem
Kontinent war ich beeindruckt von den Möglichkeiten,
die sich für eine Integration Afrikas in die Weltwirtschaft, für den Aufbau von Demokratie, die Überwindung der schrecklichen Konflikte, die die Region
heimsuchen und die gemeinsame Reaktion auf globale
Bedrohungen ergeben haben.
Die afrikanischen Länder, die unseres Erachtens
unsere Hilfe am meisten verdienen, sind diejenigen,
die das meiste tun, um sich selbst zu helfen. Und die
nützlichste Hilfe, die wir bieten können, ist die Art von
Hilfe, die es den Volkswirtschaften ermöglicht, dank
offener Märkte, größeren Investitionen, zunehmendem
Handel und der Aneignung der Qualifikationen des 21.
Jahrhunderts auf eigenen Füßen zu stehen.
Dies ist offensichtlich keine vollständige Liste der
außenpolitischen Tests, mit denen sich der Kongreß
und die Administration in den kommenden Monaten
konfrontiert sehen. Wir werden versuchen, die
erforderlichen Mittel zu erhalten, um den Amerikanern
die diplomatische Führung zu geben, die sie verdienen, indem wir Programme unterstützen, die von der
Inspektion nordkoreanischer Nukleareinrichtungen
über die Bekämpfung des Drogenhandels bis zur
Ausbildung von Freiwilligen des Peace Corps für den
Schutz der globalen Umwelt reichen.
Wir werden mit dem Kongreß zusammenarbeiten um
sicherzustellen, daß der Präsident die nötigen Instrumente zur Förderung von Wohlstand in den
Vereinigten Staaten durch die Öffnung von Märkten
und den Abbau von Handelshemmnissen hat. Wir
werden den Kongreß bitten, dem Gesetz über die
Beteiligung der Vereinigten Staaten an der Chemiewaffenkonvention zuzustimmen, und den Senat, Verträge
wie den über ein umfassendes Atomtestverbot, die
Seerechtskonferenz und die Konvention zur Abschaffung aller Formen von Diskriminierung der Frau
zu verabschieden.
Wir werden versuchen zu gewährleisten, daß das
gesamte Spektrum amerikanischer Interessen durch
Gesetze geschützt wird, die entscheidende Beziehungen wie die zu Rußland und China betreffen. Wenn
nötig, werden wir um die Zustimmung des Kongresses
zu unseren außenpolitischen Reorganisationsplänen
bitten. Vor allem werden wir darauf hinarbeiten, die
überparteiliche Unterstützung für eine gezielte amerikanische Führungsrolle mit hohen Grundsätzen zu
erhalten.
Der Geist der Überparteilichkeit in der amerikanischen
Außenpolitik war vielleicht nie sichtbarer und lebenswichtiger als 1948 - vor genau einem halben Jahrhundert. Es war ein äußerst politisches Jahr, in dem

AMERIKA DIENST 01

�ein erbitterter Präsidentschaftswahlkampf stattfand.
Dennoch kamen in jenem Jahr ein demokratischer
Präsident und ein republikanischer Kongreß zusammen, um den Marshallplan zu genehmigen, das
Fundament der NATO zu legen, zur Gründung der
Organisation Amerikanischer Staaten beizutragen, den
neugegründeten Staat Israel anzuerkennen, Griechenland und der Türkei bei ihrem Kampf behilflich zu sein,
auf der Seite der Freiheit des Eisernen Vorhangs zu
bleiben und während der Berlin-Blockade mit der
Luftbrücke rund um die Uhr Hilfsgüter zu liefern.
Außenminister Marshall bezeichnete diese Bilanz als
eine brillante Demonstration der Fähigkeit des amerikanischen Volkes, der großen Verantwortung seiner
neuen Position in der Welt gerecht zu werden.
Einige sagen, die Amerikaner hätten sich verändert,
wir seien jetzt zu sehr mit uns selbst beschäftigt und zu
selbstgefällig, um eine vergleichbare Verantwortung zu
übernehmen. Im Jahr 1998 haben wir die Chance zu
beweisen, daß die Zyniker Unrecht haben. Und ich bin
sicher, daß wir das tun werden.
Von den Straßen Sarajevos über die koreanische
entmilitarisierte Zone bis zu den Dorfplätzen in Afrika,
den Klassenzimmern in Zentralamerika, den Sitzungssälen in Zentraleuropa und den Gerichtssälen in Den
Haag wird der Einfluß der amerikanischen Führungsrolle in der Welt so stark gespürt wie eh und je. Das ist

*

AMERIKA DIENST 01

nicht das Resultat einer bestimmten außenpolitischen
Theorie. Es ist ein Spiegelbild des amerikanischen
Charakters.
Wir Amerikaner haben einen enormen Vorteil vor
vielen anderen Ländern, weil wir wissen, wer wir sind
und was wir glauben. Wir haben ein Ziel. Und wie die
Piloten eines Flugzeugs, die aus Erfahrung wissen,
daß ihre Instrumente sie nach Hause zurück geleiten,
und wie der Glaube eines Bauern, daß der Regen
seine Saat wachsen läßt, glauben wir, daß wir Erfolg
haben werden, wenn wir unseren Prinzipien treu
bleiben.
Lassen Sie uns dann diesem Glauben Ehre erweisen.
In diesem Jahr der Entscheidungen wollen wir der
Versuchung der Selbstgefälligkeit widerstehen und nicht mit Klagen, sondern Begeisterung - die von
unseren Vorfahren geschaffene Führungsrolle übernehmen. Lassen Sie uns Macher, nicht Zweifler sein.
Lassen Sie uns zuversichtlich sein, daß die Werte die
richtigen sind, die Amerikaner von Valley Forge bis zur
Operation Wüstensturm überleben ließen. Daß wir die
Versprechungen unserer Zukunft verwirklichen werden
und frei und respektiert, wohlhabend und in Frieden in
das neue Jahrhundert eintreten, wenn wir dem Vermächtnis unserer Vergangenheit gerecht werden.
Ich verspreche, das Meine dazu beizutragen, und bitte
Sie, das Ihre zu tun. Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�BOSNIEN
14.Januar 1998

Bosnier sollen neues Jahrhundert
mit der Musik des Friedens beginnen
Besuch von Präsident Clinton in Sarajevo

SARAJEVO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton bei seinem vorweihnachtlichen
Kurzbesuch in Bosnien am 22. Dezember 1997 im Nationaltheater gehaltene Rede an die Bevölkerung von
Sarajevo.

Meine Damen und Herren, ich danke dem Philharmonieorchester von Sarajevo, den Präsidenten Izetbegovic und Zubak, den Mitgliedern der bosnischen
Regierung, den hier anwesenden Religionsvertretern,
den Mitgliedern von zivilen und Freiwilligenorganisationen aus der ganzen Welt, den amerikanischen
Delegationsmitgliedern, Senator Dole und seiner
Gattin, den amerikanischen Kongreßabgeordneten,
den Generälen Shelton, Clark und Shinseki, den
Einwohnern von Sarajevo und den Bürgern von
Bosnien.
Für uns Amerikaner ist es eine große Ehre, hier zu
sein und uns nach langer Dunkelheit in der Morgendämmerung zu versammeln. Für uns ist dies eine
festliche Zeit, und wir sind dankbar, daß der Wunsch
nach Frieden über die Waffen des Krieges triumphiert
hat. Am Vorabend des 21. Jahrhunderts fassen wir
hier den Beschluß, ein neues Zeitalter zu gestalten,
das frei von den schlimmsten Momenten des 20.
Jahrhunderts und voller wunderbarer Chancen ist.
Was meine Familie, meine Delegation und ich auf den
Straßen von Sarajevo gesehen haben, hat uns tief
bewegt. Vor wenig mehr als zwei Jahren mußten
Männer, Frauen und Kinder bei ihrer verzweifelten
Suche nach Wasser zwischen Heckenschützen und
Granaten Spießruten laufen. Jetzt gehen sie in
Sicherheit zur Arbeit und zur Schule. Damals war fast
jedes Fenster mit einer Plastikfolie abgedeckt, während man jetzt vorwiegend Glas sieht und Plastik
selten ist. Damals lebten die Menschen in den Ruinen
ihrer ausgebombten Häuser. Jetzt haben sie ein Dach
über dem Kopf, Heizung, Strom und fließendes
Wasser. Damals war Sarajevo vor Zerstörung erstarrt.

AMERIKA DIENST 01

Jetzt kommt dank unserer Anstrengungen erneut
Bewegung in die Stadt, und sie beginnt, unter der
Sonne des Friedens wieder zu wachsen.
Damals waren die Geschäfte und Cafes leer. Jetzt gibt
es in den Geschäften wieder Lebensmittel, und die
Cafes sind mit lebhaftem Stimmengewirr erfüllt. Meine
Frau, meine Tochter und ich haben gerade ein anregendes Gespräch geführt. Und dazu wurde uns sehr
guter Kaffee serviert. Wir kommen gerade aus einem
Cafe, wo wir uns mit jungen Menschen jeder ethnischen Herkunft unterhalten haben, die hier arbeiten
und studieren - Menschen, die entschlossen sind, eine
gemeinsame Zukunft zu gestalten und die zerstörerische Vergangenheit hinter sich zu lassen. Ich ging um
den Tisch herum und hörte mir an, was jeder von ihnen
zu sagen hatte. Und dann fragte ich diese Menschen,
was das Wichtigste ist, das die Vereinigten Staaten tun
können, um sie zu unterstützen. Und sie sagten
unisono: Länger zu bleiben.
Dann war es für uns an der Zeit, hierherzukommen.
Hillary, Chelsea und ich verließen das Cafe und sahen
direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine
wunderschöne Kirche. Vor der Kirche standen drei
US-Soldaten, die einer Einheit aus Richmond, Virginia,
angehören. Wir gingen auf die andere Straßenseite
und schüttelten den Soldaten die Hand. Und einer von
ihnen sagte: Wir sind so froh, hier zu sein; hier leben
gute Menschen, und wir dienen einer guten Sache.
Wir in den Vereinigten Staaten sind stolz auf unsere
Rolle beim Neuanfang in Bosnien. Betrachten Sie sich
unsere Regierungsdelegation: die Außenministerin,
drei Viersternegeneräle, 10 Kongreßabgeordnete,

Seite 1

�herausragende Mitglieder des Kongresses aus beiden
Parteien, mein verehrter Widersacher der letzten
Präsidentschaftswahlen, Senator Dole und seine
Gattin. Den Amerikanern liegt Bosnien am Herzen,
ungeachtet ihrer Parteizugehörigkeit und ihrer politischen Differenzen. Ihnen liegen die Menschen am
Herzen.
Es sind auch herausragende Bürger hier, die mit
nichtstaatlichen Organisationen zusammenarbeiten.
Sie sind Bestandteil der erstaunlichen internationalen
Kraft menschlicher Bestrebungen, die in diesem
bemerkenswerten Land seit einigen Jahren zum
Tragen kommt. Menschen aus aller Welt führen mit
Ihnen einen täglichen Kampf um Erneuerung. Wir sind
stolz, Ihnen geholfen zu haben, die Waffen zum
Schweigen zu bringen und die Truppen zu entflechten,
Straßen und Fabriken wiederaufzubauen, Kinder und
Eltern wieder zusammenzuführen, Flüchtlinge in ihre
Häuser zurückkehren zu lassen, demokratische
Wahlen zu überwachen, den Äther für die Stimmen der
Toleranz zu öffnen und mutmaßliche Kriegsverbrecher
zur Rechenschaft zu ziehen.
Wir sind hier, weil Sie beschlossen haben, dem Leiden
und Gemetzel ein Ende zu setzen, und weil wir die
Aussicht auf einen erneuten sinnlosen Krieg im Herzen
Europas ablehnten. Und weil den Menschen auf der
ganzen Welt aufgrund Ihres Leidens buchstäblich das
Herz brach und sie entschlossen waren, Ihre Not zu
lindern.
Jedem, der sich an IFOR und SFOR sowie zivilen
Projekten kleineren und größeren Umfangs beteiligt
hat, möchte ich ein einfaches Dankeschön sagen.
Gott segne Sie für alles, was Sie getan haben und tun
werden, um das Gesicht und die Zukunft Bosniens zu
verändern.
Meine Botschaft richtet sich vor allem an diejenigen, in
deren Händen die Zukunft Bosniens liegt - seine
führenden Politiker und seine Bürger. Denn letzten
Endes entscheiden Sie über die Zukunft - nicht die
Amerikaner, nicht die Europäer, kein anderer.
Vor zwei Jahren trafen die führenden Politiker von
Bosnien-Herzegowina, Kroatien und Serbien in
Dayton, Ohio, eine schicksalsschwere Entscheidung
für den Frieden. Aber ihre Verantwortung und die Ihre,
meine Damen und Herren, endete nicht an jenem Tag.
Tatsächlich fing sie damals erst an. Es ist Ihre Pflicht,
die in Dayton unterzeichneten Dokumente Realität
werden zu lassen und das Versprechen zu erfüllen,
Bosnien als ein Land mit zwei multiethnischen Einheiten zu einen, die ein gemeinsames Schicksal
haben. Wer dieser Pflicht nachkommt, hat die volle
Unterstützung der Vereinigten Staaten und der
internationalen Staatengemeinschaft.
Wer davor
zurückschreckt, isoliert sich selbst. Die Welt, die
weiterhin in Ihren Frieden investiert, erwartet zu Recht,

Seite 2

daß Sie Ihrerseits etwas beitragen. Vor allem erwarten
die Menschen in diesem Land Ergebnisse und verdienen sie auch.
Sie haben viel erreicht, aber es bleibt noch viel mehr
zu tun. Sie haben die gemeinsamen Institutionen der
Demokratie errichtet. Jetzt müssen Sie innerhalb
dieser Institutionen zusammenarbeiten und dabei
sowohl die Macht als auch die Verantwortung teilen.
Sie haben zugesagt, die während des Krieges Vertriebenen wieder in ihrer Heimat willkommen zu
heißen. Jetzt müssen Sie für das Rückkehrerprogramm stimmen, damit diese Menschen wirklich
zurückkehren können und dann größeren Minderheitenschutz genießen und mehr Arbeitsplätze vorfinden.
Sie arbeiten am Wiederaufbau der bosnischen Wirtschaft. Jetzt müssen Sie Gesetze ausarbeiten, um
Hilfe und Investitionen anzuziehen und Korruption
abzuschaffen, die das Vertrauen in die Volkswirtschaft
unterminiert.
Sie haben begonnen, die Medien von einem Instrument des Hasses in eine Kraft für Toleranz und
Verständnis umzuwandeln. Jetzt müssen Sie sie den
internationalen Objektivitäts- und Zugangsnormen
anpassen und der unabhängigen Presse freie Entfaltungsmöglichkeiten geben. Sie entziehen den Kriegsherren die Kontrolle über die Polizei. Jetzt müssen Sie
bei der Reform, Ausbildung und Ausrüstung einer
demokratischen Truppe helfen, die Sicherheit, nicht
Angst fördert. Sie haben versprochen, mutmaßliche
Kriegsverbrecher zu isolieren und festzunehmen. Jetzt
müssen Sie dieser Verpflichtung nachkommen sowohl um der Gerechtigkeit willen als auch um eines
dauerhaften Friedens willen.
Vor allem schulden die hier anwesenden Politiker es
Ihrem Land, das Beste der Menschen zum Vorschein
zu bringen, in Übereinstimmung zu handeln, Konflikte
zu vermeiden, Hindernisse zu überwinden anstatt sie
zu schaffen, sich über kleinliche Streitigkeiten hinwegzusetzen anstatt sie anzufachen. Letztlich müssen in
einer Demokratie die führenden Politiker das Beste im
Menschen hervorbringen. Letzten Endes dienen sie
den Menschen, die sie in dieses Amt gesetzt haben.
Daher sage ich den Menschen in Bosnien heute: Sie
müssen den Führern aller Volksgruppen Ihren Wunsch
nach Frieden und einer gemeinsamen Zukunft deutlich
machen. Sie müssen ihnen Ihre uneingeschränkte
Unterstützung geben, die sie benötigen, um die harten
Entscheidungen für eine gemeinsame Zukunft zu
treffen. Die Menschen in Bosnien können das. Das
Beispiel, das ganz normale Bürger in ihrer Wohngegend gegeben haben, die Standards, die Sie von
Ihren Politikern erwarten - das alles wird das Schicksal
dieser Nation bestimmen.
Nach einem derart erbitterten Krieg ist es schwierig,
sich aggressiv für den Frieden einzusetzen. Viele

AMERIKA DIENST 01

�haben ihre Mütter und Väter, Ehefrauen und -männer,
Söhne und Töchter verloren. Viele Wunden sind noch
tief und Narben noch frisch. Vielleicht sind die Menschen ausgelaugt - zu einem Zeitpunkt, an dem
außergewöhnliche Willensstärke vonnöten ist, um sich
von der Vergangenheit zu lösen und die Gestaltung
einer gemeinsamen Zukunft zu beginnen. Wie viele
Menschen, denen großes Leid widerfahren ist, können
sich klar und eindeutig für die Sache des Friedens und
eine gemeinsame Zukunft einsetzen? Um erfolgreich
zu sein, müssen das viele tun. Viele von Ihnen
versuchen das in religiöser und bürgerlicher Umgebung jeder Art. Ich danke allen, die organisierte
Bestrebungen zur Gestaltung einer gemeinsamen
Zukunft unternehmen, insbesondere jenen, die Frauen
mobilisieren, denn diese haben die leidvolle Erfahrung
gemacht, wie wichtig Versöhnung und Wiederaufbau
für Ihre Familien und die Zukunft Ihrer Kinder sind.
Ich möchte, daß Sie heute alle zu der Überzeugung
gelangen, daß Sie Ihre Ziele erreichen können. Von
Guatemala bis Südafrika, von El Salvador bis Nordirland gehen die Menschen derzeit von Konflikt auf
Versöhnung über. Dennoch ist der Impuls zu trennen,
wenn nicht sogar aufgrund ethnischer, religiöser oder
rassischer Unterschiede zu kämpfen und zu töten
weltweit tief in der menschlichen Rasse verwurzelt. Er
scheint in der Angst vor jenen begründet, die anders
sind als wir, sowie in einem falschen Gefühl der
Überlegenheit und Sicherheit, das anscheinend durch
Teilung und das Streben nach Vorherrschaft hervorgerufen wird.
In den Vereinigten Staaten hat eine Rasse lange Zeit
eine andere Rasse versklavt. Erst nach dem blutigsten Krieg in unserer Geschichte wurden die Ketten
der Knechtschaft abgeschüttelt, und es dauerte mehr
als 100 Jahre, um die Auswirkungen zu beseitigen.
Und wir arbeiten immer noch daran. Wir werden
jedoch immer stärker, je mehr unserer Ängste und
Vorurteile wir abbauen. Während wir zusammen
leben, arbeiten und lernen, erkennen wir immer
stärker, daß unsere Gemeinsamkeiten viel wichtiger
sind als unsere Unterschiede. Über all diese Unterschiede hinweg bekräftigen wir unseren Einsatz für
Glaube und Familie. Wir wollen Chancen für alle und
Verantwortung aller. Wir sind der Überzeugung, daß
ein geeintes Amerika viel stärker ist als eine Kollektion
geteilter, feindlicher Lager. Und dieser Punkt ist für Sie
besonders wichtig. Die Betonung unserer Einheit gibt
uns die Sicherheit, unsere Unterschiede nicht nur zu
respektieren, sondern zu feiern.
In den Vereinigten Staaten nennen am Vorabend des
neuen Jahrhunderts Menschen aus mehr als 180
verschiedenen rassischen und ethnischen Gruppen
Amerika ihre Heimat. Wir haben einen umfassenden
nationalen Dialog zwischen diesen Gruppen begonnen, wie wir im neuen Jahrtausend leben und prosperieren können. Ich fordere Sie alle dazu auf, hier

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dasselbe zu tun - mehr Chancen an der Basis zu
finden und um Ihrer Kinder und Ihrer Zukunft willen
Trennlinien zu überwinden. Ich weiß, daß es insbesondere den jungen Menschen unter Ihnen als sehr
große Kraftanstrengung erscheinen muß, in Ihrer
Vielfalt Stärke zu finden.
Viele junge Menschen haben nur wenige Erinnerungen
an die Zeit vor dem Krieg. Ein Teenager aus Sarajevo
erklärte kürzlich, es gehe nicht nur darum, neu anzufangen, man sei eben auch gerade erst am Anfang.
Meines Erachtens ist aber wichtig, daß Sie alle nicht
vergessen und auch weitergeben, daß der Krieg nicht
nur dem bosnischen Volk Gewalt zugefügt hat,
sondern auch seiner Geschichte und seiner Tradition
der Toleranz. Ganz in der Nähe befinden sich nur
wenige Meter voneinander entfernt eine Moschee, eine
orthodoxe Kirche, eine katholische Kirche und eine
Synagoge, was uns daran erinnert, daß Generationen
von Muslimen, orthodoxen Christen, Katholiken und
Juden hier Seite an Seite gelebt haben, die Welt durch
ihr Beispiel bereicherten und Schulen, Bibliotheken
und wunderbare Gotteshäuser errichteten. Ein Teil
dieser Bevölkerung ruhte Freitags, ein anderer
Samstags, wieder ein anderer Sonntags. Ihr Leben
war jedoch durch Heirat und Kultur, Arbeit, eine
gemeinsame Sprache und den gemeinsamen Stolz auf
etwas verbunden, das sie alle Heimat nannten. An
diese Vergangenheit sollte man sich erinnern. Und Sie
sollten alles in Ihrer Macht Stehende unternehmen, um
sie zu einem Prolog zu machen. Die Geschichte kann
Ihr Verbündeter sein, nicht Ihr Feind.
Nach fünf Jahren im Amt bin ich überzeugt, daß die
wirklichen Unterschiede weltweit nicht zwischen Juden
und Arabern, Protestanten und Katholiken, Muslimen,
Kroaten und Serben bestehen. Die echten Unterschiede gibt es zwischen denen, die den Frieden
befürworten und denjenigen, die ihn zerstören möchten; zwischen denjenigen, die in die Zukunft blicken
und denen, die an der Vergangenheit festhalten;
zwischen denjenigen, die ihre Arme öffnen und denen,
die entschlossen sind, ihre Faust zu ballen; zwischen
denjenigen, die überzeugt sind, daß Gott uns alle
gleich geschaffen hat und denen, die dumm genug
sind zu glauben, daß sie anderen nur aufgrund ihrer
Hautfarbe, ihrer Religion oder ihrer ethnischen Herkunft überlegen sind. Dies ist eine sehr kleine Nation
auf einem immer kleiner werdenden Planeten. Keiner
von uns hat das moralische Recht, auf andere herabzusehen, und wir sollten das unterlassen.
Ich war begeistert, als das Symphonieorchester von
Sarajevo spielte, bevor ich das Wort ergriff. Sein
Violinist und sein Cellist, sein Schlagzeuger und sein
Flötist hatten vor dem Krieg zusammen gespielt,
blieben während des Krieges zusammen und beantworten die Bomben und Granaten mit dem Klang der
Musik. Sieben Orchestermitglieder wurden getötet Muslime, Kroaten und Serben. Nun, sie sind immer

Seite 3

�noch hier, sie sind immer noch Muslime, Kroaten und
Serben. Und ganz offen gesagt: Ich kenne den
Unterschied zwischen Tubaspieler und Violinist, aber
ich kann nicht sagen, ob jemand Muslim, Kroate oder
Serbe ist. Ich höre die Harmonie ihrer unterschiedlichen Instrumente. Das erinnert mich an das Beste der
Vergangenheit Bosniens, und das sollte der Trompetenstoß für Ihre Zukunft sein.
Hier, am Vorabend des neuen Jahrtausends, sollten
wir uns daran erinnern, daß das bald zu Ende gehende
Jahrhundert mit dem Klang des Geschützfeuers in
Sarajevo begann. Und wir wollen schwören, das neue
Jahrhundert in Sarajevo mit der Musik des Friedens
einzuleiten.

Den Menschen in Bosnien sage ich: Sie haben
gesehen, was der Krieg verursacht hat; jetzt wissen
Sie, was der Frieden bringen kann. Ergreifen Sie die
vor Ihnen liegende Chance. Sie können die Vergangenheit nicht ändern, aber Sie können sie hinter sich
lassen und alles tun, um eine Zukunft aufzubauen. Die
Welt sieht Ihnen zu, und die Welt steht Ihnen zur Seite.
Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen. Mögen Sie die
richtige treffen.
Ich danke Ihnen, und Gott segne Sie.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 01

�BOSNIEN
14. Januar 1998

Bosnien benötigt weiterhin internationale Schutztruppe
Bericht der Senatoren Levin und Reed

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen am 8. Januar 1998 herausgegebenen Bericht der
Senatoren Carl Levin und Jack Reed nach ihrer Rückkehr von einem Kurzbesuch in Bosnien.

Wir besuchten Bosnien vom 2. bis 4. Januar. Vor
unserer Ankunft in Sarajevo hatten wir ein Treffen mit
General Wesley Clark, dem Obersten Alliierten
Befehlshaber Europa (SACEUR) der NATO, der uns
über die jüngsten Entwicklungen in Bosnien und die
Pläne der NATO für eine Nachfolgetruppe der SFOR
informierte. In Sarajevo trafen wir den amerikanischen
Botschafter Richard Kauzlarich, General Eric Shinseki,
den Befehlshaber der SFOR und seinen internationalen Stab, sowie den Stellvertretenden Hohen
Repräsentanten, Botschafter Jacques Klein. In Tuzla
kamen wir mit Generalmajor Lany Ellis, dem amerikanischen Befehlshaber der multinationalen Division
Nord und seinem Stab zusammen. Wir besuchten
Camp Demi in der Nähe von Kladanj, sprachen mit
Oberstleutnant Mark Littel, Befehlshaber 2. Bataillon, 2.
bewaffnetes Kavallerieregiment, und hatten die
Möglichkeit, uns mit einigen Männern und Frauen aus
diesem Bataillon und seinen Unterstützungseinheiten
zu unterhalten. Schließlich reisten wir nach Banja
Luka, wo wir die Präsidentin der Republika Srpska,
Biljana Plavsic, Generalmajor Andrew Pringle, den
britischen Befehlshaber der multinationalen Division
Südwest und seinen Stab sowie Mira Lolic von Television Banja Luka der Republika Srpska trafen.
Der Vergleich der jetzigen Situation mit der, die wir bei
unserer Bosnienreise im Januar 1997 vorfanden, zeigt,
daß beträchtliche Fortschritte gemacht wurden. Das
wird offensichtlich am physischen Zustand des
Landes, an der Stimmung praktisch aller Menschen,
mit denen wir sprachen, größerer Freizügigkeit, in
einigen Fällen stärkerem Warenaustausch zwischen
den konstituierenden Einheiten, der Beteiligung von
ungefähr 85 Prozent der Wahlberechtigten an den
landesweit veranstalteten Kommunalwahlen sowie von

AMERIKA DIENST 01

75 Prozent der Wahlberechtigten an den Wahlen zur
Nationalversammlung in der Republika Srpska.
Die SFOR übt weiterhin die entscheidende Kontrolle
über die Streitkräfte der früheren Kriegsparteien aus.
Deren Waffen wurden eingelagert und werden routinemäßig mindestens einmal pro Monat inspiziert.
Truppenbewegungen und Übungen bedürfen der
Genehmigung durch die SFOR. Verletzungen der
durch die SFOR/das Daytoner Abkommen erlassenen
Vorschriften für das Militär wird prompt und entschieden nachgegangen. Es besteht anscheinend nur
eine geringe Möglichkeit für eine Rückkehr zum Krieg,
solange die SFOR in Bosnien bleibt.
Bei der Umsetzung der zivilen Aspekte des Daytoner
Abkommens wurden jedoch nur unzureichende
Fortschritte erzielt. Beispielsweise gibt es noch keine
Übereinkunft über einheitliche Kfz-Kennzeichen, Pässe
und eine gemeinsame Währung. (Die jüngsten
Maßnahmen des Hohen Repräsentanten zur Durchsetzung von Entscheidungen auf bestimmten Gebieten, zum Beispiel beim Gesetz über Staatsbürgerschaft
und einem Gesetz über Zolltarifpolitik, könnten diesen
Prozeß sicher beschleunigen.) Nach mehr als zweijährigem Bestreben zur Durchsetzung des Daytoner
Abkommens ist die fortgesetzte Unfähigkeit zur
Einführung gemeinsamer Symbole der Souveränität
wie Nummernschilder ein anschauliches Beispiel für
die unzureichenden Leistungen im Bereich der zivilen
Aufgaben. Eine lange Litanei zusätzlicher, nicht
umgesetzter Aspekte von Dayton kann schnell aufgestellt werden. Die Integration des Föderationsheeres
ist noch nicht beendet; die erneute Ansiedlung von
Vertriebenen und Flüchtlingen geht nur im Schneckentempo voran; die Umstrukturierung und Ausbildung der
örtlichen Polizei im Einklang mit demokratischen

Seite 1

�Standards, insbesondere in der Republika Srpska,
steckt noch in den Anfängen; die Wirtschaftsentwicklung ist beschränkt; Kriegsverbrecher sind nicht nur
auf freiem Fuß, sondern haben in der Republika
Srpska - wo die politische Macht zwischen Banja Luka
und Pale aufgeteilt ist - sogar noch Einfluß; außerdem
findet zwischen Kroaten und Bosniaken in Mostar nur
eingeschränkte Zusammenarbeit statt.

der Kongreß konsultiert und ihm Bericht erstattet
werden.

In der gegenwärtigen Situation würde der Abzug der
NATO-Truppen im Juni, einschließlich der amerikanischen Soldaten, die im Bündnis eine Führungsrolle
innehaben, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem Wiederaufflammen des
Krieges führen. Die Teilung Bosniens nach Volksgruppen und die Abkehr von den Daytoner Vereinbarungen würden wahrscheinlich ebenfalls zu Gewalt
führen. Die einzige Option zur Verhinderung des
Wiederaufflammens eines Krieges und des dadurch
verursachten menschlichen Leidens wird noch auf
Jahre hinaus in der Fortsetzung der internationalen
Präsenz zur Implementierung des Daytoner Abkommens bestehen.

Jede realistische Erfolgschance erfordert den vollständigen Austausch von Politikern im Rahmen des
demokratischen Prozesses, die sich Dayton widersetzen oder nur Lippenbekenntnisse dafür abgeben. Die
Gemeinschaft muß den Regierungsmitgliedern und
Institutionen wirksame Hilfe geben, die zur Unterstützung von Dayton bereit sind. Während unseres
Besuchs hörten wir allzu oft von unerfüllten Hilfszusagen. Wirtschaftsentwicklung, Arbeitsplätze und
die Aussicht auf eine bessere Zukunft für die Kinder
werden die Öffentlichkeit zur Unterstützung von
Dayton motivieren.

Um diesen Punkt zu erläutern: Wir sind der Überzeugung, daß es in Bosnien noch geraume Zeit Bedarf an
einer bewaffneten internationalen Truppe geben wird.
Wir sind jedoch nicht der Ansicht, daß es ein unbeschränktes Engagement der amerikanischen Bodentruppen geben sollte. Die weltweiten Verpflichtungen
der Vereinigten Staaten und die Notwendigkeit, daß
unsere Streitkräfte selbst in Friedenszeiten auf vielen
Gebieten Präsenz zeigen, um unseren Einfluß zu
sichern und unsere Interessen zu schützen, verhindert
langfristig eine Präsenz amerikanischer Bodentruppen
vor Ort in Bosnien. Eine Frist zu setzen, ist kein
effektives Mittel zur beschleunigten Erfüllung der
Mission und zur Erlangung eines zügigen Abzugs
unserer Kampftruppen.
Die Spezifizierung des
gewünschten Endzustands als Alternative zur Festsetzung eines Datums für den Beginn des Abzugs ist
ebenfalls problematisch, da dadurch unsere Beteiligung zu stark von den Aktionen anderer abhängig
gemacht wird und kein effektives Mittel zur Messung
periodischer Fortschritte geboten wird.
Entsprechend unterstützen wir die Beteiligung amerikanischer Bodentruppen an einer Nachfolgetruppe für
einen angemessenen Zeitraum nach dem Juni 1998
mit noch von uns zu spezifizierenden Qualifikationen.
Unserer Ansicht nach sollte die Administration umgehend Einigung innerhalb der NATO über eine Reihe
von Meilensteinen oder Leistungen mit einem Zeitplan
für ihre Erfüllung erzielen. Ferner sind wir der Überzeugung, daß die bei der Erreichung dieser Meilensteine gemachten Fortschritte regelmäßig beurteilt
werden sollten und bei nicht rechtzeitiger Erfüllung
eine offizielle Überprüfung innerhalb der NATO und
der Administration zu erfolgen hat. Zusätzlich sollte

Seite 2

Ferner sind wir der Meinung, daß die internationale
Staatengemeinschaft, insbesondere Europa, dem ein
Scheitern von Dayton am meisten schadet, den
Löwenanteil der erforderlichen Mittel bereitstellen
sollte, um Dayton größere Erfolgschancen zu geben.

Unseres Erachtens ist die wichtigste und vordringlichste Aufgabe die Einrichtung einer effektiven örtlichen
Polizei innerhalb eines vernünftigen Zeitrahmens. Die
Bürger von Bosnien müssen sich in ihren Häusern
sicher fühlen, wenn Dayton Erfolg haben soll. Die
Umstrukturierung und Ausbildung der örtlichen Polizei
muß beschleunigt werden. Das erfordert mehreres.
Die Übertragung der Oberaufsicht über die internationale Polizei (International Police Task Force - IPTF)
auf die NATO sollte ernsthaft in Erwägung gezogen
werden, sei es durch General Clark oder eine parallele
zivile Befehlsstruktur der NATO. Es sollten Schritte
unternommen werden, um einen strengen Auswahlprozeß für die Angehörigen der internationalen Polizei
sicherzustellen. Nur Polizisten mit den höchsten
Qualitätsstandards sind für die außerordentlichen
Anforderungen in Bosnien geeignet. Wir haben immer
wieder gehört, daß über ein Drittel der IPTF für die
Ausübung ihrer Pflichten ungeeignet war. Solange die
Angehörigen der internationalen Polizei nicht dieselbe
hohe Qualität wie die NATO-Soldaten haben, wird
Dayton scheitern. Die Leistungen der IPTF sollten
überwacht und bewertet werden und diejenigen, die
die Kriterien nicht erfüllen, sollten nach Hause geschicktwerden. Die Gehälter der örtlichen Polizei sind
extrem niedrig, und die zumindest vorübergehende
Zahlung zusätzlicher Gehälter durch die internationale
Gemeinschaft sollte in Betracht gezogen werden, um
den schlechten Einfluß korrupter und undemokratischer Beamter einzuschränken und die Korruption zu
verringern.
Solange sich die Politiker in Bosnien nicht zu Dayton
verpflichten und solange die örtliche Polizei nicht
entsprechend demokratischer Standards arbeitet, muß
Druck ausgeübt werden, um die Polizei zum richtigen
Handeln zu zwingen. Effektive Sicherheit für alle
Bürger Bosniens ist die Grundlage aller Fortschritte bei

AMERIKA DIENST 01

�der Verwirklichung von Dayton, besonders im Zusammenhang mit der erneuten Ansiedlung von
Flüchtlingen. Es besteht eine Kluft zwischen den
SFOR-Aufgaben und -Fähigkeiten und den notwendigen Aufgaben und Fähigkeiten der örtlichen Polizei,
die von einem nationalen Sektor zum anderen variiert.
Die SFOR hat eindeutig die Kontrolle über das Militär
in Bosnien übernommen, indem sie ihre Fähigkeiten
und ihre Entschlossenheit zu deren Einsatz unter
Beweis gestellt hat. Die örtliche Polizei hat nicht die
Fähigkeit zur Erfüllung ihrer Aufgabe demonstriert,
andauernde Polizeifunktionen zu übernehmen.
Darüber hinaus variiert die Unterstützung der SFOR
für die örtliche Polizei und ihre Zusammenarbeit mit ihr
von einem nationalen Sektor zum anderen. Eine
einheitliche Politik aktiverer Unterstützung sollte von
der NATO verabschiedet und in allen Sektoren
angewendet werden. Trotz aggressiverer Unterstützung und Zusammenarbeit wird es jedoch immer eine
Kluft geben. Die Stationierung einer internationalen
Gendarmerie unter NATO-Kontrolle sollte ernsthaft in
Erwägung gezogen werden, um diese Kluft zu überbrücken. Eine Gendarmerie könnte auch ein Weg
sein, mit der Zeit die internationale Militärpräsenz zu
verringern und letztlich zu beenden.
Wir verpflichten uns weiterhin dem Ziel von Dayton,
eine multiethnische, demokratische und geeinte
bosnische Nation zu gründen. Das sehen wir als ein
langfristiges Ziel. Solange sich das bosnische Volk
nicht sicher fühlt und die Wirtschaftsentwicklung die
Arbeitslosigkeit nicht auf ein erträgliches Maß gesenkt
hat, bezweifeln wir, daß eine beträchtliche Zahl
Vertriebener und Flüchtlinge bereit sein wird, die
Rückkehr in ihre ehemaligen Häuser zu riskieren. Erst
wenn diese Bedingungen erreicht sind, wird eine
wirkliche nationale Aussöhnung möglich sein. Man
muß berücksichtigen, daß das frühere Jugoslawien
jahrzehntelang als kommunistischer Staat regiert
wurde, und alte Gewohnheiten legt man schwer ab.
Wir glauben nicht, daß die amerikanischen Bodentruppen in Bosnien bleiben können, bis alle Ziele von
Dayton vollständig verwirklicht sind. Das könnte
Jahrzehnte dauern. Wir sollten jedoch bereit sein,
über Juni 1998 hinaus eine vernünftige Zeit lang zu
bleiben, vorausgesetzt, daß in der NATO Einigung
erzielt wird, welche Meilensteine in welchem Zeitraum
erreicht werden müssen. Die Administration und der
Kongreß sollten unsere Beteiligung regelmäßig
überprüfen.
Die regelmäßige Überprüfung würde mindestens
folgendes beinhalten:

*

AMERIKA DIENST 01

*

das Maß, in dem europäische Beiträge zu
Ressourcen und Personal einen angemessenen Anteil der Ausgaben ausmachen im
Einklang mit der unmittelbaren Sicherheitsbedrohung, der sich Europa durch Bosnien
gegenübersieht;
die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur
Erfüllung ihrer weltweiten Verpflichtungen und
ihrer Reaktion auf Spannungsfälle;
die Auswirkungen, die die Kosten der amerikanischen Beteiligung auf unser Streitkräftemodernisierungsprogramm haben:
die Fortschritte, die bei der Erlangung der von
der NATO vereinbarten Meilensteine und den
Zeiträumen zur Erlangung dieser Meilensteine
erzielt wurden.
Wir sind der festen Überzeugung, daß die Notwendigkeit zum Übergang zu einer Situation besteht, in der
die amerikanischen Bodentruppen nicht länger in
Bosnien stationiert sind. Die Einrichtung einer effektiven Polizei würde diesen Übergang ebenso erleichtern
wie die Auswechslung einer ausschließlich europäischen Bodentruppe. In dieser Hinsicht vertreten wir
die Auffassung, daß die Administration auf die Beschleunigung der Implementierung der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität in der NATO
hinarbeiten sollte.
Wir haben eine begrenzte Überprüfung des Status und
der Moral der in Bosnien stationierten amerikanischen
Streitkräfte durchgeführt. Wir haben keine Beweise für
einen Mangel an Nachschub oder Gerät gefunden und
stellten fest, daß die Moral sehr gut ist. Wir sind
jedoch besorgt, daß der andauernde Einsatz unserer
europäischen stationierten Streitkräfte zu einer
Verringerung der Bereitschaft und Moral dieser Truppe
führen wird, da mehrere Einheiten und zahlreiches
Personal mehrfache Entsendungen nach Bosnien
mitgemacht haben. Wir empfehlen in Betracht zu
ziehen, die Einteilung für die Bosnien-Mission einem
speziellen Heer anstatt dem europäischen Kommando
des Heeres zu übertragen.
Vor allem waren wir jedoch zutiefst beeindruckt von
dem Engagement und der Professionalität der amerikanischen Streitkräfte, mit denen wir in Kontakt kamen.
Sie sind von ihrer Mission und der Hoffnung überzeugt,
die sie den Menschen in Bosnien bringt. Sie verdienen
den tiefempfundenen Dank aller Amerikaner und
friedliebenden Menschen auf der ganzen Welt.

*

*

Seite 3

�USA-EUROPA
14. Januar 1998

Berlin und die Vervollständigung Europas
Rede von Botschafter Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 6. Januar 1998 in der Freien Universität
Berlin hielt.

Heute Abend geht es um Geschichte. Die Geschichte
einer großartigen Universität. Die Geschichte einer
großartigen Stadt. Es geht auch um die Geschichte
eines Ideals - dem Ideal der Demokratie, für das diese
großartige Universität steht. Vor 50 Jahren war Berlin
ein einsamer Außenposten der Demokratie. Und wie
ihr Name schon besagt, war die Freie Universität ein

demokratischen Friedens in Europa. Unsere nächste
Aufgabe besteht darin sicherzustellen, daß diese
Ideale ebenso erfolgreich für diejenigen angewandt
werden, denen die Freiheit so viele schmerzliche Jahre
verweigert wurde.

Außenposten akademischer Freiheit. Heute befindet

erlebt. Sie wurde wegen ihrer Leistungen bewundert

sich Berlin im Zentrum eines demokratischen Europas.
Intellektuelle Freiheit ist ein gemeinsames Ziel, das
von allen auf diesem Kontinent angestrebt wird.

und wegen ihrer Konfrontationen verunglimpft. Aber
zu jeder Zeit war sie ein Symbol für diejenigen, die
Gedankenfreiheit und Bildung anstreben. Während sie
jetzt ihr sechstes Jahrzehnt antritt, wird diese Tradition
der Vielfalt und Offenheit eines der unerläßlichen
Elemente Ihrer Rolle in dem neuen Zeitalter sein.

Durch die Verteidigung eines Ideals haben Sie auch
zur Veränderung der Geschichte beigetragen. Ohne
die Standhaftigkeit von Berlin hätte die totalitäre
Herrschaft wahrscheinlich in Europa Fuß gefaßt. Ihre
Beseitigung wäre sehr viel schwieriger geworden.
Nach dem Alptraum des Dritten Reichs war es besonders angebracht, daß die Botschaft der Demokratie
von ihrer Hauptstadt aus gesendet werden sollte.
Heute, nach der endgültigen Befreiung dieser Stadt
von der Diktatur, ist es ebenso wichtig, daß Berlin der
Katalysator für den endgültigen Sieg der Demokratie in
ganz Europa ist.
Unser Thema heute Abend dreht sich daher ebenso
um die Zukunft wie um die Vergangenheit. Es geht um
die im Werden begriffene Geschichte. Aber die Ideale,
die die Grundlage dieser Institution bildeten, sind in
ganz Europa oder der ganzen Welt noch nicht gesichert. Jahrzehntelang blickte die Welt auf Berlin für die
Botschaft des Wandels. Berlin hat jetzt die Chance,
diese Solidarität zurückzugeben, indem es die Botschaft des Wandels an die übrige Welt sendet. Ihre
Institutionen, Ihr Intellekt und Ihr Engagement spielen
eine entscheidende Rolle beim Aufbau eines wirklich

AMERIKA DIENST 01

Die Freie Universität hat harte und großartige Zeiten

Ihre Geschichte, Ihr Standort und Ihr prosperierendes
Erbe der Vielfalt sind prädestiniert, Berlin und diese
Universität zu einem Katalysator für die große Aufgabe
des neuen Jahrhunderts - der Vervollständigung
Europas - zu machen.
Ich bin stolz auf die Rolle, die die Vereinigten Staaten
in der Geschichte der Freien Universität gespielt
haben. Ich bin in der Heimatstadt von Henry Ford
geboren, dessen Name eines der wichtigsten Gebäude
dieser Universität ziert. Ich war ein enger Freund von
Shephard Stone, dessen Arbeit sowohl der Freien
Universität als auch der Stadt Berlin in vielerlei Hinsicht
geholfen hat. Und ich war in Berlin während entscheidender Zeiten in den siebziger und achtziger
Jahren tätig, als die Zukunft der Demokratie manchmal
auf dem Spiel stand.
Seit den heroischen Tagen der Luftbrücke oder den
dunklen Monaten nach dem Bau der Berliner Mauer ist
viel geschehen. Es gab Zeiten, in denen ein amerika-

Seite 1

�nischer Regierungsvertreter - selbst der Präsident der
Vereinigten Staaten - Mühe hatte, über den Lärm der
Proteste in Berlin und an der Freien Universität gehört
zu werden. Aber unser Vertrauen in diese Institution
und ihre Pflicht zur Bewahrung der Vielfalt wankte nie.
Gemeinsam haben wir nicht nur die Freiheit in Berlin
verteidigt, sondern auch die Teilung dieser Stadt und
dieses Landes überwunden. Die Wiedervereinigung
Deutschlands war ein wichtiges Ziel der Vereinigten
Staaten. Unser Glaube an Ihre Zukunft war unerschütterlich.
Unser Beitrag zur Verwirklichung
unserer gemeinsamen Vision war stark und entschlossen.
Die Grundlage unserer gemeinsamen Vision könnte
nicht stärker sein. Deutschland und Amerika sind in
der Tat in einer unentbehrlichen Partnerschaft verbunden. Diese Grundlage gestattet uns die erneute
Zusammenarbeit, um eine neue strategische Vision zu
definieren - die Vision eines zum ersten Mal in seiner
Geschichte in Demokratie und Frieden vereinten
Europas. Die Vision einer Welt, die durch die Methoden und Überzeugungen der Demokratie geeint ist.
Durch Toleranz, Vielfalt und Offenheit. Einer Welt, in
der den vielfältigen Herausforderungen der Gesellschaft und Technologie mit offenem demokratischem
Austausch begegnet wird. Einer Welt, in der die Völker
das Recht haben, ihre eigene Zukunft in Sicherheit und
Zusammenarbeit in die Hand zu nehmen.
Das ist die Vision, die Präsident Clinton in seiner
historischen Rede im Januar 1994 in Brüssel darlegte.
Der Präsident forderte die Integration ganz Europas in
eine demokratische Völkergemeinschaft. Er sagte
voraus, daß die Gemeinschaft mit den Vereinigten
Staaten zusammenarbeiten würde, um eine euroatlantische Gemeinschaft von Nationen und Völkern zu
bilden, die sich der Bewahrung der Errungenschaften
von Demokratie und der Befreiung Europas von der
ständigen Angst vor Konflikt verschrieben hatte, die die
Geschichte dieses Kontinents einen Großteil dieses
Jahrhunderts kennzeichneten.
Damit diese Vision nicht unrealistisch oder sogar
romantisch klingt, sollten wir uns daran erinnern, wie
skeptisch viele bezüglich unserer Bestrebungen zur
Überwindung der Teilung Europas waren. Sogenannte
Realisten gab es auf beiden Seiten des Atlantiks
zuhauf. Das Ziel schien oft unerreichbar. Aber Berlin
war unerschütterlich. Die Stadt war häufig das
Gewissen einer Welt, die der Konfrontation müde war.
Was wäre mit der Freiheit in Europa und der Welt
geschehen, wenn Berlin gewankt hätte? Was wäre
das Schicksal der akademischen Freiheit in Deutschland gewesen, wenn die mutigen Gründer der Freien
Universität nicht 1948 nach Dahlem gekommen wären,
um ihre Ideale am Leben zu erhalten?
In gewisser Weise ist die Aufgabe heute schwieriger
als 1948. Wie groß die Bedrohung auch war - unsere

Seite 2

Vorgänger hatten wenig zu verlieren. Der Krieg hatte
einen Großteil Europas zerstört. Die Aufgabe des
Wiederaufbaus war so vordringlich, daß es wenige
Alternativen gab.
Heute leben der westliche Teil Europas und die
Vereinigten Staaten in beispiellosem Wohlstand.
Unsere Herausforderungen sind nicht die des Überlebens, sondern die der Bewahrung und Erweiterung
des höchsten Lebensstandards, der je erreicht wurde.
Neue Probleme wie Technologie, Überalterung und
der neue, modische Begriff "Globalisierung" scheinen
unsere Errungenschaften zu bedrohen.
In Europa und den Vereinigten Staaten gleichermaßen
steht der Herausforderung des Wandels häufig die
Furcht vor Veränderungen gegenüber. Jeder neue
Horizont wird durch die Furcht vor Verlust einer alten
Gewißheit aufgewogen. Die Besorgnis konzentriert
sich auf die Einzelheiten lokaler Interessen statt auf
strategische Visionen. An die Stelle der großen
Themen Demokratie und Vereinigung treten die
Probleme des Agrarhandels, der sozialen Sicherheit
und Steuerreform. Die Beseitigung externer Bedrohungen hat nicht zur transatlantischen Konfrontation geführt, wie manche befürchteten. Manchmal
scheinen sie in gegenseitigem Desinteresse resultiert
zu haben. Unser Leben ist so sicher und so ähnlich
geworden, daß es wenig gibt, das die Begeisterungsfähigkeit hervorruft, die vor 50 Jahren so groß war.
Ich bin fest davon überzeugt, daß dieser Mangel an
Begeisterungsfähigkeit nur von kurzer Dauer sein wird.
Ich vertrete nicht die Ansicht, daß die westliche Welt
zur Domäne von Selbstbedienungsmaterialisten
geworden ist. Deutschland ist nicht zu einem Land der
Steuerhinterzieher oder Langzeitarbeitslosen geworden. Die Vereinigten Staaten sind nicht in eine
unilaterale Isolation von der übrigen Welt und ihren
Problemen geraten.
Richtig ist, daß die Vision für das nächste Jahrhundert
noch nicht entwickelt worden ist. Wir scheinen so
erschöpft von den Problemen des alten Jahrhunderts
zu sein, daß uns wenig Zeit bleibt, über die Herausforderungen nachzudenken, die mit dem Erfolg
einhergehen.
Wie gehen Demokratien mit dem Mangel an
externen Herausforderungen - seien sie
wirtschaftlicher oder militärischer Natur - um?
Wie können in einer alternden Bevölkerung
Vitalität und Innovationsfähigkeit bewahrt
werden?
Was sind die Auswirkungen wirtschaftlicher
Instabilität in den sogenannten weniger entwickelten Ländern?

AMERIKA DIENST 01

�Was ist das Wesen von Arbeit und Leistung in
einer Gesellschaft, in der mit immer weniger
Arbeitskräften produziert werden kann? Was
ist das Wesen der "Arbeit" in einer wissensgestützten Wirtschaft, in der das Wissen der
Arbeitnehmer die Produktionsmittel sind?
Wir stellen allmählich eine Agenda solcher Fragen auf.
Sie werden wahrscheinlich die entscheidenden
Themen unserer Zeit sein. Unsere Antworten auf
diese Herausforderungen werden in den kommenden
Jahrzehnten den Erfolg unserer Demokratien bestimmen. Ferner werden sie entscheidend für unsere
Fähigkeit sein, die großen weltweiten Herausforderungen zu bewältigen, mit denen wir immer noch konfrontiert sind.
Regierungen, Vereinigungen und Universitäten auf
beiden Seiten des Atlantiks arbeiten hart daran,
Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.
Nach mehr als zwei Jahrzehnten leidvollen Wandels
verfolgen die Vereinigten Staaten einen stetigen Kurs
von Wirtschaftswachstum und sozialen Verbesserungen. Unsere Arbeitslosenquote ist die niedrigste seit
25 Jahren. Unsere Bundesregierung und die meisten
unserer Bundesstaaten prognostizieren jetzt für das
nächste Jahr einen Haushaltsüberschuß.
Europa hat für viele seiner drängenden Probleme noch
keine Antwort gefunden. Verwirrung über soziale
Prioritäten hat in einigen Ländern zu Stagnation, in
anderen zu Arbeitslosigkeit geführt. Der gesicherte
Wohlstand eines geteilten Europas scheint von der
Unsicherheit und Kakophonie der Vielfalt bedroht zu
sein. Diese Vielfalt scheint ganz plötzlich zu Herausforderungen für genau die Identität geworden zu sein,
die während der vergangenen 50 Jahre so sorgfältig
geschaffen wurde.
Niemand hat ein Erfolgsmodell. Ich empfehle die
Vereinigten Staaten ganz sicher nicht als Modell für
Europa. Unser Erfolg basiert auf der besonderen
Natur der amerikanischen Gesellschaft. Er kann nicht
direkt auf andere Länder übertragen werden.
Ich bin jedoch überzeugt, daß unsere gemeinsamen
Erfolge der vergangenen 50 Jahre, insbesondere in
Berlin, uns eine Lektion lehren, die uns in Zukunft gute
Dienste erweisen wird:
Die erste Lektion liegt vielleicht auf der Hand. Demokratie und Vielfalt, Offenheit und Pluralismus sind
wesentliche Elemente erfolgreicher Gesellschaften.
Das 20. Jahrhundert war in vielerlei Hinsicht ein Kampf
gegen den Totalitarismus. Das 21. Jahrhundert wird
erleben, wie sich der Pluralismus endgültig behauptet.
Das moderne Leben kann nicht kontrolliert werden.
Frieden und Wohlstand müssen auf Demokratie fußen.

AMERIKA DIENST 01

Auch die Solidarität sollte eine entscheidende Rolle
spielen. Damit meine ich nicht nur Solidarität innerhalb
von Gesellschaften oder zwischen Partnern wie den
Vereinigten Staaten und Deutschland. Ich meine auch
Solidarität mit denen, die sich um den Aufbau von
Demokratie bemühen - wo immer sie auch leben
mögen. Oder Solidarität mit denjenigen, die eine
Diktatur bekämpfen, selbst wenn sie weit von unseren
Küsten entfernt leben. Es war diese Solidarität, die
beispielsweise in Berlin die Demokratie rettete.
Solidarität bedeutet, Verantwortung zu übernehmen,
auch wenn das nicht einfach ist.
Schließlich möchte ich die Bedeutung von Visionen
hervorheben. Das Leben kann nicht auf die Aufgaben
beschränkt werden, die auf der Tagesordnung stehen.
Die Zukunft kann nicht nur einfach die Projektion
unseres Kontostands sein. Visionen müssen dargelegt
und entwickelt werden. Präsident Clintons Vision von
einem wirklich integrierten Europa hat die Richtung
gewiesen. Wir arbeiten seit fünf Jahren zusammen,
um ihr Form und Inhalt zu geben. Aber es gibt noch
viel mehr zu tun.
Was haben wir bislang getan? Wir haben die Grundlage für unsere neue Vision geschaffen, indem wir die
demokratischen Institutionen gestärkt haben, die in
den Jahren der Konfrontation unsere Freiheit bewahrten. Wir haben uns durch die NATO-Erweiterung an
die veränderten Umstände angepaßt. Die Europäische Union wird vertieft und erweitert. Und wir haben
einen neuen Rahmen für die Beziehungen zu einem
demokratischen Rußland, der Ukraine und den
anderen neuen Demokratien in Europa geschaffen.
Außerdem arbeiten wir eng zusammen, um die neuen
Herausforderungen unseres Zeitalters in eine umfassende euroatlantische Vision zu integrieren - Herausforderungen wie ethnische Konflikte und Terrorismus
und die Notwendigkeit, neue Methoden der Konfliktverhütung zu finden. Ebenfalls von sehr großer
Bedeutung sind die Probleme, die neuen unabhängigen Staaten in das internationale System zu integrieren.
Darüberhinaus gibt es die Probleme der übrigen Welt.
Sogenannte verbrecherische Staaten strapazieren den
Konsens zwischen uns oft über Gebühr. Probleme wie
Hunger und Konflikte in den Entwicklungsländern sind
weiterhin sehr wichtig.
Auch innerhalb unserer Länder gibt es große Herausforderungen. Die dritte technologische Revolution
verlangt unseren Volkswirtschaften und Gesellschaften
viel ab.
Es ist wichtiger denn je, daß wir die deutsch-amerikanische Partnerschaft einsetzen, um die Herausforderungen in jedem unserer Länder besser bewältigen zu können.

Seite 3

�Aus diesem Grund ist die deutsch-amerikanische
Partnerschaft von entscheidender Bedeutung. Wie ich
dem Senat bei meiner Anhörung im Sommer letzten
Jahres sagte, werden die Vereinigten Staaten in den
kommenden Jahren praktisch kein wichtiges Ziel
verfolgen, das nicht mit Deutschland in Zusammenhang steht, und dasselbe gilt für Deutschland. Wir
haben gemeinsame Sorgen und eine Vielzahl gemeinsamer Interessen. Bei unseren gegenseitigen Bestrebungen zur Stabilisierung der Situation in der Ukraine,
in Bosnien und vielen anderen Gebieten verlassen
sich Deutschland und Amerika auf ihre einzigartige,
selbstverständliche Partnerschaft. Meines Erachtens
kann diese Partnerschaft in den kommenden Jahren
noch mehr erreichen.

Obwohl die Bilanz des Wandels unter den neuen
Demokratien positiv war, gab es auch negative
Beispiele des Wandels. Ich denke dabei an Bosnien,
ein Land, das von einer Aggression erfaßt wurde, wie
sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt
hatte. Das Atlantische Bündnis stellte sich der Herausforderung, der Aggression ein Ende zu setzen. Der
Fall Bosnien zeigt jedoch, wie schnell Stabilität Unordnung und Blutvergießen weichen kann.
Wir
müssen unsere Methoden der Konfliktverhütung
verbessern und perfektionieren. Die OSZE ist eine
Ressource, die besser genutzt werden kann und sollte.
Sie sollte darauf hinarbeiten, den Ausbruch ethnischer
Spannungen und Gebietseroberungen zur Vergangenheit werden zu lassen.

Wir haben bereits damit begonnen, die Grundlagen für
die Zukunft zu legen - durch unsere Bestrebungen zur
Erweiterung der NATO und der Europäischen Union.
Hinzu kommt die Erfüllung des Versprechens der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa. Diese Schritte erfolgten nicht automatisch.
Denken Sie nur an einige der Debatten zu Beginn der
neunziger Jahre: "NATO, was nun?" war damals eine
gängige Frage. Die Entscheidung zur Erweiterung
wurde erst getroffen, nachdem diese schwierige
Diskussion zu dem Schluß gelangte, daß eine erweiterte NATO bei weitem das vielversprechendste
Instrument sei, um die Stabilität und Sicherheit Europas zu bewahren.

Das ist natürlich keine geringe Herausforderung. Aber
eine solche Denkweise gründet auf Prinzipien, die
allen Mitgliedern der transatlantischen Gemeinschaft
gemein sind. Aggression, Terrorismus und Aktionen
außerhalb der internationalen Normen sind Dinge, die
jedes Land verabscheut und ablehnt. Daher ist es
nicht weit hergeholt oder abstrakt, die Organisationen,
denen unsere Länder die wichtigsten Prinzipien
beimessen, vor solch eine Herausforderung zu stellen.

Ebenso wie die NATO hat die Europäische Union die
Notwendigkeit erkannt, die neuen Demokratien
einzubeziehen. So wie die Aussicht der NATOErweiterung die Länder Zentraleuropas veranlaßt hat,
sich gegenseitig als potentielle Verbündete statt als
Gegner zu sehen, hat auch die Aussicht auf die EUMitgliedschaft diese Länder ermutigt, die erforderlichen
und manchmal schmerzlichen politischen Schritte zu
unternehmen, um ihre neuen Marktwirtschaften und
Rechtssysteme auf den richtigen Weg zu bringen.
Eine Orientierung nach außen wird der EU in den
kommenden Jahren am besten dienen. Das gilt nicht
nur für Zentraleuropa, sondern auch für die Türkei - ein
Land, das die strategische Entscheidung, sich zum
Westen zu orientieren, Anfang dieses Jahrhunderts
getroffen hat. Die Türkei und die EU haben gleichermaßen ein Interesse an der Stärkung ihrer Beziehungen. Und wir alle haben ein Interesse an der Entwicklung der Türkei als einem starken, wohlhabenden,
säkularen und demokratischen Staat.
Das letzte Jahrzehnt hat die unterschiedlichen Arten
aufgezeigt, wie sich Länder umgestalten können. Im
Falle dessen, was wir einstmals als Osteuropa bezeichneten, haben wir gesehen, wie autoritäre Systeme demokratisch wurden - Länder, in denen die
Regierungen durch normale, demokratische Mittel
abgelöst werden.

Seite 4

Diese Prinzipien gelten auch für die Erweiterung des
freien Handels und die Schaffung neuer Möglichkeiten
auf unserem transatlantischen Markt. Wir arbeiten auf
gleiche Chancen hin, indem wir die internationale
kommerzielle Bestechung abzuschaffen versuchen,
eine Praxis, die eben die Prinzipien unterminiert, für die
unsere Länder stehen. Wir haben Fortschritte dabei
erzielt, die Duplizität von Testverfahren abzubauen, so
daß die Produkte für den Verbraucher weniger teuer
werden. Und beim Klimagipfel in Kyoto haben wir den
ersten bedeutenden Schritt zur Bekämpfung des
Klimawandels vereinbart.
Innovation und neue Technologien sind die treibende
Kraft bei dem, was jetzt als die "neue Weltwirtschaft"
bezeichnet wird - ein Begriff, der Globalisierung
umfaßt, aber sich auch auf den neuen Kontext bezieht,
in dem Unternehmen auf der ganzen Welt Geschäfte
tätigen.
Die Veränderungen bei Handel und Technologie
haben jedoch nicht nur Auswirkungen auf unsere
Geschäftsbeziehungen. Sie beeinflussen auch unsere
Gesellschaften. Das Internet ist überall. Vor zwanzig
Jahren hätten die meisten sich nur sehr schwer
vorstellen können, daß wir heute von unserem Wohnzimmer aus Verbindung zu Computern auf der ganzen
Welt aufnehmen können. Heute hingegen ist es
schwierig, sich vorzustellen, daß wir nicht die E-mail
benutzen oder im Web surfen können. Es ist Teil
unserer sozialen Interaktion geworden - integraler
Bestandteil des Studentenalltags.

AMERIKA DIENST 01

�Daß unser Planet immer kleiner wird, hat auch Auswirkungen auf die Arbeit von jemandem wie mir.
Einmal können Informationen natürlich Grenzen
überschreiten und den Weg durch geschlossene
Gesellschaften nehmen. Wie jemand einmal sagte:
Wir sprechen nicht mehr von einer Revolution von
oben oder unten, sondern von einer Revolution von
außerhalb. Eine weitere Auswirkung ist, daß die
Bedrohungen der nuklearen Weiterverbreitung, die
Aktionen verbrecherischer Staaten und der Terrorismus ebenfalls näherrücken.
Diese Dinge bedrohen nicht nur einzelne Länder,
sondern die gemeinsame Lebensweise vieler Länder.
Die beste Verteidigung besteht darin, sich der Konstruktion zu bedienen, die die Lebensweise und
Interessen Deutschlands, der Vereinigten Staaten und
der übrigen transatlantischen Gemeinschaft verkörpert. Dieses Gebilde besteht aus Organisationen wie
der NATO, der OSZE, der neuen transatlantischen
Agenda sowie einer Vielzahl bilateraler und persönlicher Beziehungen und Freundschaften, die im Lauf der
Jahrzehnte aufgebaut wurden.
An diesem 50. Jahrestag der Gründung der Freien
Universität Berlin und der Berliner Luftbrücke wollen
wir uns einen Moment Zeit nehmen: Wir wollen uns
selbst zu unserer Fähigkeit beglückwünschen, die
Demokratie zu feiern. Und als historische Fußnote
möchte ich hinzufügen: Der Ausdruck "Kalter Krieg"
wurde ebenfalls 1948 geprägt, und ich freue mich, daß
er seinen 50. Jahrestag nicht erlebt.
Im Juni 1963 erklärte John F. Kennedy in seiner Rede
vor dieser Universität: "Diese Lehrstätte hat kein
Interesse daran, nur Syndikusse und vereidigte
Buchprüfer auszubilden. Woran sie Interesse hat, und
das gilt für jede Universität, ist die Ausbildung von
Weltbürgern - Menschen, die schwierige und heikle
Aufgaben meistern, vor denen wir als freie Männer und
Frauen stehen, sowie Menschen, die bereit sind, ihre
Kraft in den Dienst des Fortschritts einer freien Gesellschaft zu stellen."
Kennedys Worte inspirieren uns sogar noch heute -

*

AMERIKA DIENST 01

1998 - während wir den Jahrestag unseres Engagements für Demokratie und Freiheit feiern. Wir erneuern unser Engagement, damit in ganz Europa Demokratie, Frieden, Stabilität und Freiheit herrschen.
Berlin hat in diesem neuen Europa einen ganz besonderen Platz. Es ist nicht nur die Hauptstadt des
wiedervereinigten Deutschlands. Es ist seit Jahrzehnten ein Zentrum der Vielfalt und ein Magnet für die
Kreativen und Entrechteten. Keine Stadt in Europa hat
sich während des vergangenen Jahrzehnts stärker
verändert als Berlin. Keine Stadt kann dramatischere
neue Herausforderungen erwarten als Berlin.
Die Freie Universität und die anderen großartigen
Stätten des Lernens in Berlin werden sich dem Druck
des Wandels ebenfalls nicht entziehen können. Sie
werden am Scheideweg eines neuen Europas stehen,
das sich wahrscheinlich stark von der Welt unterscheidet, die wir in den vergangenen 50 Jahren
kennengelernt haben.
Die Vereinigten Staaten werden weiterhin ein zentrales
Element in dem neuen Europa sein, das wir gemeinsam aufbauen. Unser Ziel besteht darin, ganz Europa
zu helfen, der euroatlantischen Gemeinschaft von
Nationen beizutreten, die Präsident Clinton beschrieben hat. Unsere Rolle wird jedoch anders sein. Wir
werden Berlin und Westeuropa nicht länger vor einer
Bedrohung schützen. Wir werden in zunehmendem
Maße zu einem Partner bei den gemeinsamen Bestrebungen werden, die Gesundheit unserer Gesellschaften zu gewährleisten und die Vorteile der Demokratie auszuweiten.
Wenn wir nach einer Vision suchen, brauchen wir nur
auf Berlin zu schauen. Die Vervollständigung Europas
begann vor 50 Jahren in dieser Stadt. Das Signal für
eine wahrhaft friedliche euroatlantische Welt wird am
besten gehört, wenn Berlin es so laut und klar wie
möglich sendet. Damit kann Berlin die Phantasie
derjenigen anregen, die die Wunder der Vergangenheit
wiederholen möchten. Sie können wahrhaft dazu
beitragen sicherzustellen, daß Europa eines Tages frei
und ungeteilt sein wird.

* * * *

Seite 5

�HANDEL
14.Januar 1998

Sanktionen gegen Investitionen im Iran
weiterhin in Kraft
Rede von Staatssekretär Stuart Eizenstat

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Staatssekretär für wirtschaftliche,
unternehmerische und landwirtschaftliche Angelegenheiten im US-Außenministerium, Stuart Eizenstat, am 7.
Januar 1998 bei der vom nordamerikanischen Komitee (North American Comittee - NAC) des nationalen
Politikverbandes veranstalteten Konferenz im National Press Club in Washington gehalten hat.

Einleitung
Ich möchte dem Präsidenten des nordamerikanischen
Komitees, Malcolm R. Lovell, für die Organisation der
heutigen Veranstaltung danken. Auch möchte ich
Roger Noriega nicht unerwähnt lassen, der den
Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten des Senats
vertritt.
Meines Erachtens hat die Sitzung von heute Morgen
zum Thema Sanktionen Denkanstöße vermittelt, und
ich bedauere, daß ich nicht dabei sein kann, wenn die
unterschiedlichen Gedankengänge und Meinungen zu
diesem Thema erörtert werden. Ich freue mich jedoch
auf die eingehende Diskussion im Anschluß an meine
heutigen Ausführungen.
Ich werde heute zwei aktuelle und wichtige Punkte
erörtern: Die besten Geschäftsprinzipien und die
Verhängung von Sanktionen. Obwohl dies zwei
getrennte Themen zu sein scheinen, können sie
ausschlaggebende Instrumente bei der Erlangung
unserer außenpolitischen Ziele sein.
In meinem Ausführungen werde ich mich auf zwei
aktuelle Beispiele konzentrieren: Das Libertad-Gesetz
- auch bekannt als Helms-Burton-Gesetz - und das
Gesetz über Sanktionen gegen Iran und Libyen besser bekannt als ILSA (Iran Libya Sanctions Act).
Diese Gesetze haben die Betonung auf das Thema
Sanktionen verlagert und eine Reihe von Studien und
Diskussionen wie die heutige über die Effektivität von
Wirtschaftssanktionen ausgelöst. Meiner Ansicht nach

AMERIKA DIENST 01

sind die Diskussionen, Debatten und Analysen
konstruktiv, und wir begrüßen die Ideen und den Input
des Privatsektors, des Kongresses, von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen (NGOs),
die zur Verbesserung der Effektivität unserer Maßnahmen beitragen sowie die Ziele und logische
Grundlage dieser Aktionen verdeutlichen können.
Das Konzept der Sanktionen ist nicht neu. Historiker
zitieren Beispiele, die in das antike Griechenland 432
v. Chr. zurückreichen. Anfang des 19. Jahrhunderts
verhängten die Vereinigten Staaten als Vergeltung für
britische Versuche zur Begrenzung des amerikanischen Handels mit Frankreich ein Embargo gegen
Großbritannien. Die Vereinigten Staaten wandten
sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg
Embargos auf Verkäufe nach Japan an. Als Präsident
Carters innenpolitischer Berater nahm ich persönlich
an dem Entscheidungsprozeß teil, der 1979 nach der
sowjetischen Invasion in Afghanistan zur Verhängung
von Sanktionen gegen die Sowjetunion führte.
Die Vereinigten Staaten haben seit dem Ersten
Weltkrieg insgesamt 115 Mal Sanktionen aus außenpolitischen Gründen auferlegt.
Den Zahlen des
Exportrats des Präsidenten zufolge wurden 104 nach
dem Zweiten Weltkrieg verhängt und 61 zwischen
1993 und 1996. Die Zahlen beinhalten nicht die
Anwendung von Sanktionen auf bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene, die zugenommen hat. In einigen
Kreisen hat die Zunahme der Verhängung von Sanktionen Anlaß zu berechtigter Sorge gegeben.

Seite 1

�Die Vereinigten Staaten stehen mit dem vermehrten
Einsatz von Sanktionen nicht allein. Der UN-Sicherheitsrat hat zwischen 1945 und 1990 nur zweimal
Sanktionen angewandt - gegen Rhodesien und
Südafrika. In beiden Fällen sollte die Verweigerung
von Menschenrechten und innenpolitischer Machtmißbrauch angesprochen werden, nicht die Abwehr
traditioneller Bedrohungen des internationalen Friedens und der Sicherheit. Seit 1990 haben die Vereinten Nationen Sanktionen gegen acht Länder
verhängt: Irak, Serbien, Libyen, Somalia, Liberia,
Ruanda, Haiti und Sierra Leone.
Die EU, Japan, Kanada und die Vereinigten Staaten
haben Sanktionen gegen Burma verhängt. Die EU hält
Hilfe für Kenia zurück, solange dieses Land mit den
Problemen der Korruption und manipulierten Wahlen
zu tun hat. Die ostafrikanischen Staaten haben
Burundi Sanktionen auferlegt, und die Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten Sierra Leone.
Wie diese Beispiele demonstrieren, werden Sanktionen aus einer Vielzahl von Gründen angewandt: Um
das Verhalten eines Ziellandes zu ändern; um die
Ablehnung des Verhaltens einer Regierung zu signalisieren; um den Aktionsspielraum eines Zielstaates
einzuschränken und die Kosten eines inakzeptablen
Verhaltens zu erhöhen; um Unterstützung für Menschenrechte, Demokratie, Terrorismusbekämpfung
und andere Maßnahmen zu demonstrieren.
Sanktionen sind nicht kostenlos. Der Exportrat des
Präsidenten hat kürzlich beispielsweise die direkten
Kosten von Wirtschaftssanktionen für die amerikanische Wirtschaft im Jahr 1995 auf 15-19 Milliarden
Dollar an verlorenen Exportverkäufen und bis zu
250.000 Arbeitsplätzen geschätzt. Er argumentierte
ferner, daß Sanktionen einen indirekten Effekt durch
die Aushöhlung des Vertrauens in die Zuverlässigkeit
amerikanischer Lieferanten haben. Darüber hinaus
machen sie geltend, daß die Kosten für die amerikanische Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit der
Vereinigten Staaten gemessen an den erzielten
Ergebnissen unverhältnismäßig hoch sein können.
Sanktionen der Bundesstaaten und Kommunen
können mit unseren internationalen Verpflichtungen in
Konflikt kommen und unseren außenpolitischen Zielen
zuwiderlaufen.
Es gibt jedoch Fälle, in denen Sanktionen ihr erklärtes
Ziel erreicht haben. In Südafrika trugen Sanktionen
zur Abschaffung der Apartheid bei; im Irak vereitelten
Sanktionen die Versuche Saddam Husseins zum
Wiederaufbau seiner Kriegsmaschinerie und - was
noch schlimmer gewesen wäre - zur Beschaffung von
Massenvernichtungswaffen; in Libyen mußte Gaddhafi
wegen der Sanktionen einen hohen Preis dafür
bezahlen, daß er die des Bombenanschlags auf
PanAm-Flug 103 Angeklagten nicht auslieferte;
Sanktionen halfen, Serbien in Dayton an den Verhand-

Seite 2

lungstisch zu bringen. Alle Sanktionen stellen multilaterale Bestrebungen vieler Länder dar. Der Erfolg
unilateraler Sanktionen ist gemischter - es gibt aber
dennoch eine Rolle für sie, wie im Falle von Sudan und
Burma.
Aber sind Sanktionen effektiv? Die Antwort ist nicht
leicht, und viele würden argumentieren, daß die Bilanz
nicht eindeutig ist. Die von einer von Verkäufen in
Burma abhängigen Firma vorgeschlagenen Normen
weichen sicherlich von denen eines engagierten
Menschenrechtsaktivisten ab, der jede Interaktion mit
dieser Regierung als unmoralisch ansehen würde.
Befürworter von Sanktionen glauben, daß sie sowohl
effektiv als auch symbolisch sind, da sie die Führungsrolle der Vereinigten Staaten demonstrieren und
andere Regierungen zu Reformen veranlassen.
Kritiker von Sanktionen argumentieren jedoch, daß
unilaterale Sanktionen für gewöhnlich das Zielland und
seine Politiker verfehlen, selbst wenn amerikanische
Unternehmen Verträge und Arbeitsplätze verlieren häufig für immer.
Das US-Außenministerium überprüft den Einsatz
dieses kontroversen Instruments. Der erste Schritt
besteht darin, unser eigenes Haus in Ordnung zu
bringen. Daher haben wir ministeriumsintern ein
"Sanktionsteam" eingerichtet, das eine Reihe von
Prinzipien und politischen Optionen erarbeiten soll, um
Wirtschaftssanktionen als Instrument der Außenpolitik
effektiver zu machen. Dieses "Sanktionsteam" wird
auch bessere Wege zur Durchsetzung von Sanktionen
finden und dabei direkt mit dem Kongreß, Nichtregierungsorganisationen und anderen zusammenarbeiten. Gesetzlich vorgeschriebene Sanktionen im
Zusammenhang mit Nichtverbreitung und Waffentransfers werden weiterhin gemäß bestehender Verfahren
angewandt und wären nicht Bestandteil dieser neuen
Bestrebungen.
Mehrere Prinzipien sollten die Suche nach einem
besseren, effektiveren Weg zur Integration von
Sanktionen in die Außenpolitik leiten.
Wir sollten nur auf Sanktionen zurückgreifen,
nachdem andere diplomatische Optionen
vollständig ausgeschöpft wurden und gescheitert sind.
Wir sollten internationale Unterstützung für
alle Sanktionsregime und die Beteiligung
daran anstreben, bevor wir unilaterale Maßnahmen ergreifen. Internationale oder multilaterale Sanktionen - selbst wenn sie nicht so
streng sind, wie wir es vorziehen würden könnten sich tatsächlich als effektiver erweisen als von den Vereinigten Staaten
eingeleitete unilaterale Maßnahmen.

AMERIKA DIENST 01

�Wir sollten die Sanktionen sorgfältig ausarbeiten, damit das Zielland den Schmerz fühlt
und unnötige Härten für die Unschuldigen
vermieden werden.

Vereinigten Staaten und der EU diskutiert als Ergebnis
der Vereinbarung, die Sir Leon Brittan und ich im April
ausgehandelt haben.
ILSA

Wenn unsere Maßnahmen effektiv sein sollen,
müssen wir zusammenarbeiten - Administration, Kongreß, Bundesstaaten und Kommunen, Unternehmen, NGOs - um sicherzustellen, daß der Einsatz der Sanktionen
angemessen, konsequent, innenpolitisch
befürwortet und in der Lage ist, internationale
Unterstützung zu gewinnen.
Bevor ich auf den Einsatz von Sanktionen im Hinblick
auf den Iran, Libyen und Kuba eingehe, möchte ich
kurz auf die Anwendung des Begriffs sekundäre
Boykotte eingehen. Bei unseren Diskussionen mit
Regierungen und dem Privatsektor haben wir festgestellt, daß es keine generell akzeptierte Definition
des Begriffs "sekundäre Boykotte" gibt. Einige haben
ihn auf amerikanische Gesetze, einschließlich des
Libertad-Gesetzes und des ILSA angewandt. Es
wurde vorgeschlagen, daß der Begriff sich auf jede
Maßnahme eines Staates bezieht, der Entscheidungen
ausländischer Firmen im Hinblick auf deren Geschäfte
in einem dritten Land beeinflussen könnte und alle
solche Maßnahmen jetzt illegal sind oder sein sollten.
Als Reaktion auf solche Behauptungen hat die Regierung der Vereinigten Staaten darauf verwiesen, daß
eine Vielzahl von Maßnahmen, die zur Förderung der
Politik eines Staates ergriffen wurden, das Potential
zur Beeinflussung ausländischer Firmen haben.
Beispielsweise hätte ein Importverbot der EU für Pelze
von in Tellerfallen gefangenen Tieren genau eine
solche Wirkung. Wir haben auch darauf verwiesen,
daß es absolut legitim für einen Staat ist, auf Bedrohungen wie Weiterverbreitung und Terrorismus mit
Sanktionen zu reagieren, die Bedingungen für kommerzielle Hilfsprogramme stellen, beispielsweise die
im Rahmen des ILSA genehmigten der Export-Import
Bank.
Ich glaube nicht, daß wir die Effektivität unserer
Reaktion auf solche Bedrohungen verbessern oder
Spannungen verringern werden, die sich aus völlig
unvereinbaren Maßnahmen ergeben, indem wir den
Begriff "sekundärer Boykott" wie ein Warnschild
hochhalten. Statt dessen vertrete ich die Auffassung,
daß die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten
größere Anstrengungen unternehmen sollten, um die
Zusammenarbeit bei der Entwicklung konzertierter
Antworten auf Bedrohungen ihrer gemeinsamen
Interessen zu verbessern. Durch erweiterte Konsultationen auf hoher Ebene zu diesen Themen können die
Beteiligten versuchen, völlig unvereinbare Maßnahmen
zu vermeiden, einschließlich unilateraler Aktionen, die
ihren jeweiligen Interessen zuwiderlaufen könnten.
Ihre Ideen werden zur Zeit vehement zwischen den

AMERIKA DIENST 01

Die Unterstützung des Iran für Terrorismus, seine
Bestrebungen zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und Raketenträgersystemen sowie
seine Anstrengungen, den Friedensprozeß im Nahen
Osten zu stören, bedrohen unsere Freunde, Verbündeten und Interessen am Persischen Golf, im Nahen
Osten und darüber hinaus. Wir haben auf einen
multilateralen Konsens hingearbeitet, der die Bestrebungen des Iran zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen vereiteln und die Unterstützung von
globalem Terrorismus abschrecken soll. Es besteht
generelle Übereinstimmung mit unseren Verbündeten
über die Bedrohung, die der Iran darstellt, aber
weniger Einigung über die angemessenen Maßnahmen zur Abwehr dieser Bedrohung.
Wir führen einen andauernden Dialog mit unseren
Verbündeten, um unsere Maßnahmen im Hinblick auf
den Iran aneinander anzugleichen und multilateralen
Druck der Art anzuwenden, die eine Änderung des
Verhaltens des Iran am wahrscheinlichsten bewirkt.
Das ILSA enthält eine Aufforderung an den Präsidenten, "auf die Einführung eines multilateralen
Sanktionsregimes gegen den Iran hinzuarbeiten",
einschließlich Bestimmungen, die die Entwicklung von
Ölressourcen begrenzen und die Bestrebungen des
Iran "zur Unterstützung von Terrorismus und Beschaffung von Massenvernichtungswaffen verhindern". Ein
solcher Ansatz birgt die größten Chancen zur Erlangung dieser außenpolitischen Ziele. Aber was auch
immer das Ergebnis dieser Bestrebungen sein mag wir müssen gegebenenfalls zu unilateralem Handeln
bereit sein, wenn entscheidende nationale Interessen
auf dem Spiel stehen.
Gleichzeitig setzen wir unsere Überprüfung der South
Pars- und Balal-Investitionen fort um festzustellen, ob
sanktionierbare Aktivitäten gemäß ILSA stattfinden.
Wir beeilen uns, unsere Arbeit zu beenden, haben
jedoch noch keine Entscheidung in diesen Fällen
getroffen. Ich möchte hervorheben, daß es uns ernst
mit der Durchführung dieses Gesetzes ist und wir
keine Optionen ausgeschlossen haben. Sanktionen
sind in beiden Fällen weiterhin eine reale Option, wenn
sich diese Aktivitäten als sanktionierbar erweisen.
Bei einer Analyse der Sanktionsgesetzgebung muß
man bezüglich der Auswirkungen und Grenzen der
Aktionen sachlich und genau sein. Beispielsweise sind
bindende Auflagen bei der Ex-Im-Finanzierung im
Rahmen des ILSA im wesentlichen die Zurücknahme
einer Vergünstigung der Vereinigten Staaten für ein
ausländisches Unternehmen, das "durch große

Seite 3

�Investitionen direkt und in beträchtlichem Maße die
Fähigkeit des Iran zur Entwicklung von Ölressourcen
erhöht hat". Es ist keine Aktion gegen eine ausländische Regierung.
Das Libertad-Gesetz
Die gegen Kuba verhängten Sanktionen verdeutlichen
eines der wichtigsten Ziele von Wirtschaftssanktionen Druck auf grundlegenden Wandel in einem Regime
auszuüben, das international unbestritten schlechtes
Benehmen an den Tag gelegt hat und sein eigenes
Volk brutal unterdrückt. Auch wenn unsere Verbündeten und wichtigsten Handelspartner nicht mit unserem
gegen Kuba verhängten Embargo übereinstimmen
mögen und die Bestimmungen des Libertad-Gesetzes
ablehnen, sind sie mit uns einer Meinung, daß das
Hauptziel die Förderung von Demokratie und Menschenrechten in Kuba ist.
Unsere derzeitige Politik gegenüber Kuba reflektiert
unser Engagement für einen konzertierten multilateralen Ansatz, in Kuba grundlegenden Wandel herbeizuführen. Sanktionen sind nur ein Element dieses
weitaus umfassenderen Ansatzes. Im vergangenen
Jahr leitete der Präsident erstmals in den 38 Jahren
seit der Machtübernahme Castros umfassende
Bestrebungen zur Förderung der Demokratie in Kuba
auf multinationaler Ebene ein. Die Initiative des
Präsidenten basiert auf einer jahrelangen überparteilichen Politik gegenüber Kuba. Nach monatelangen
Bemühungen, eingehenden Konsultationen mit dem
Kongreß und der kubanisch-amerikanischen Gemeinschaft und nachdem viele engagierte Menschen und
ich Tausende von Meilen zurückgelegt haben, gelang
uns die Einleitung einzigartiger, multilateraler Bestrebungen zur Veränderung der Kategorien, in denen
über Kuba gesprochen wird.
Wie bei jedem Gesetz, das ausländische Unternehmen
betrifft, ist Genauigkeit hinsichtlich des Inhalts und
Umfangs der Aktionen von großer Bedeutung. Ein Teil
unserer Anstrengungen zur Einbeziehung unserer
Freunde und Verbündeten bestand darin, falsche
Annahmen und Mißverständnisse über das HelmsBurton-Gesetz auszuräumen. Helms-Burton ist ein
gezieltes Gesetz, das keine Bestrafung von Handel
und Investitionen in Kuba darstellt. Vielmehr bezieht
es sich nur auf die Unternehmen, die direkt mit enteignetem Eigentum umgehen, das amerikanischen
Staatsbürgern von der Castro-Regierung abgenommen wurde. Bei der Klärung dieser Mißverständnisse
und der direkten Beantwortung von Fragen ausländischer Regierungen über dieses Gesetz konnten wir
in gewisser Weise den Schwerpunkt von unseren
Differenzen auf unser gemeinsames Ziel verlagern die Förderung der Demokratie in Kuba.
Diese multinationalen Bemühungen zur Förderung des
demokratischen Wandels in Kuba beinhalten nicht nur

Seite 4

staatliche Aktionen. Auch Nichtregierungsorganisationen leisten in dieser Sache einen wachsenden und
wesentlichen Beitrag. Im vergangenen Jahr veranstaltete die führende niederländische NGO - Pax
Christi - eine große Konferenz europäischer Nichtregierungsorganisationen über die Notwendigkeit
verstärkter Zusammenarbeit bei Programmen, die auf
die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft sowie
die Förderung von Menschenrechten und Demokratie
in Kuba abzielen. Und im April letzten Jahres organisierten die führenden politischen Parteien der Niederlande eine Konferenz über Menschenrechte und einen
friedlichen Übergang zur Demokratie in Kuba. Bei
dieser Konferenz koordinierten und förderten etablierte
politische Parteien und Nichtregierungsorganisationen
gemeinsam Programme zur Förderung von Demokratie und Menschenrechten in Kuba, forderten die
Freilassung politischer Gefangener und appellierten an
die kubanische Regierung, einen "friedlichen Übergang zu einer demokratischen, auf Rechtsstaatlichkeit
basierenden Gesellschaft" zuzulassen.
Auf Regierungsebene unternehmen die lateinamerikanischen Staaten wachsende Anstrengungen zur
Ermutigung demokratischen Wandels in Kuba.
Führende Politiker Argentiniens, Nicaraguas und El
Salvadors haben die kubanische Regierung in Erklärungen aufgerufen, einen Demokratisierungsprozeß
einzuleiten und sich an die Verpflichtung zu Demokratie und Menschenrechten zu halten, die Castro beim
iberoamerikanischen Gipfel 1996 eingegangen ist. Die
EU entwickelte eine "gemeinsame Position" - eine
historische, rechtlich bindende Verpflichtung aller 15
Mitgliedstaaten und der Europäischen Kommission zur
Ausübung stärkeren Drucks auf Menschenrechte und
demokratischen Wandel in Kuba. Diese "gemeinsame
Position" diente als Sprungbrett für die Übereinkunft
vom 11. April, die beide Seiten erneut zu verstärkten
Aktionen zur Förderung von Demokratie in Kuba und
zur Ermutigung anderer Länder verpflichtet, ebenso zu
handeln.
Als Teil der Übereinkunft mit der EU vom 11. April über
das Libertad-Gesetz setzen wir uns für bindende
Disziplinen bei nicht im Einklang mit dem Völkerrecht
stehenden Investitionen in enteignetes Eigentum sowie
für die Beilegung von Kompetenzstreitigkeiten, einschließlich Sanktionen, ein. Dies hätte Vorteile auf
beiden Seiten des Atlantiks, darunter verstärkter
Schutz für amerikanische und europäische Investoren
- und würde den Druck auf die kubanische Regierung,
Wandel herbeizuführen, stark erhöhen.
Aus diesem Grund haben wir bei unseren Gesprächen
mit der EU intensivierte Konsultationen auf hoher
Ebene vorgeschlagen, die ich bereits erwähnt habe.
Engere Zusammenarbeit mit unseren internationalen
Partnern bei der Reaktion auf Bedrohungen durch sich
den internationalen Normen widersetzende Staaten
tragen wirksamer zur Änderung inakzeptablen Verhal-

AMERIKA DIENST 01

�tens bei und verringern die Wahrscheinlichkeit gegenläufiger Maßnahmen, die unsere jeweiligen Interessen
unterminieren.
Jetzt werde ich mich den besten Geschäftsprinzipien
zuwenden. Zuerst möchte ich feststellen, daß die
Vereinigten Staaten Investitionen in Kuba entmutigen.
Wir sind nicht der Ansicht, daß Investitionen unter den
derzeitigen Umständen zu einer Förderung des
Wandels beitragen. Wir sind uns jedoch bewußt, daß
einige Unternehmen weiterhin Investitionsmöglichkeiten in Kuba suchen. Daher ist die Unterstützung
der besten Geschäftsprinzipien ein wesentliches
Element der Initiative des Präsidenten zur Entwicklung
eines multilateralen Ansatzes zur Förderung der
Demokratie in Kuba. Meines Erachtens ist dies ein
historischer Augenblick bei den Bestrebungen, die
international besten Geschäftsprinzipien zu entwickeln,
die auf Kuba Anwendung finden. Ganz unterschiedliche Gruppen mit verschiedenem Hintergrund und
Anliegen befassen sich mit dieser Frage.
Beste Geschäftsprinzipien
Die Idee ist nicht neu, daß der Privatsektor Schritte zur
Unterstützung grundlegender Menschen- und Arbeitnehmerrechte unternimmt. Die auf Südafrika angewandten "Sullivan-Grundsätze", die "McBride-Grundsätze" für Nordirland und die "OECD-Richtlinien für
multinationale Unternehmen" sind allesamt wichtige
Bezugspunkte für das Konzept der "besten Geschäftsprinzipien". In den neunziger Jahren wurden Grundsätze entwickelt, um in die Sowjetunion investierende
Unternehmen zur Förderung grundlegender Menschenrechte zu veranlassen.
In den Vereinigten Staaten werden Arbeitnehmerrechte
im Zusammenhang mit Programmen wie der Gesellschaft für Privatinvestitionen in Übersee (OPIC) und
dem Allgemeinen Präferenzsystem (General System of
Preferences - GSP) bestimmt. 1996 gab Präsident
Clinton eine Initiative bekannt, im Ausland tätige
amerikanische Unternehmen zur Förderung von
Menschen- und Arbeitnehmerrechten zu ermutigen.
Auf internationaler Ebene veröffentlichte ein Zusammenschluß kanadischer Unternehmen im September einen "internationalen Verhaltenskodex für kanadische Unternehmen". Kuba war in der Vergangenheit
Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit; Anfang der
neunziger Jahre wurden die "Arcos-Prinzipien"
entwickelt - benannt nach dem führenden kubanischen
Dissidenten Gustavo Arcos.
In den letzten Monaten wurden bedeutende Schritte
unternommen. Der transatlantische Wirtschaftsdialog
(Trans-Atlantic Business Dialogue - TABD) setzte bei
seiner Konferenz in Rom von 6.-7. November die im
vergangenen Jahr begonnene Arbeit fort. Diese
jährlich stattfindende Konferenz amerikanischer und
europäischer Wirtschaftsvertreter forderte die Unter-

AMERIKA DIENST 01

nehmen auf, sich an den "besten Geschäftsprinzipien"
jedes Landes zu orientieren, in dem sie tätig sind und
verlieh der Unterstützung für die "Ziele der Förderung
von Demokratie, Bekämpfung des Terrorismus und
Schutz der grundlegenden Menschenrechte" Ausdruck. In meiner Ansprache bei dieser Konferenz
unterstrich ich die Anwendung dieser Grundsätze auf
Kuba.
Andere Organisationen aus dem Privatsektor fordern
ebenfalls beste Geschäftsprinzipien. Im Dezember
1996 unterstützte die Organisation, die ungefähr 90
Prozent der niederländischen Arbeitgeber vertritt
(VNO/NCW), öffentlich die Erklärung des TABD über
Geschäftsprinzipien. Der britische Arbeitgeberverband
(Confederation of British Industries) befürwortete
ebenfalls eine aussagekräftige Erklärung über beste
Geschäftsprinzipien.
Das nordamerikanische Komitee baute bei der Aufstellung einer Reihe konstruktiver Geschäftsprinzipien
für Kuba auf diesen vorherigen Bestrebungen auf. Ich
habe bei meinen Besuchen in Kanada und Mexiko vor
einem Jahr das Konzept der Geschäftsprinzipien mit
Wirtschaftsvertretern dieser beiden Länder erörtert,
unter anderem mit Miguel Jauregui, der heute hier ist.
Die Prinzipien beschreiben Grundkonzepte der
Menschen- und Arbeitnehmerrechte. Vor dem Hintergrund der von der kubanischen Regierung geäußerten
Forderung, daß internationale Investoren Löhne in
Dollar direkt an den Staat zahlen, während der Staat
den Arbeitnehmern nur einen winzigen Teil in nationaler Währung auszahlt, haben die Autoren besonderen Bezug auf das Recht eines Unternehmens
genommen, Arbeitnehmer direkt einzustellen, sowie
auf das Recht des Einzelnen, selbst einen Arbeitsvertrag abzuschließen.
Im November erhielt die wachsende Bewegung
innerhalb des Privatsektors zur Förderung der besten
Geschäftsprinzipien in Kuba durch die Nichtregierungsorganisationen entscheidenden Auftrieb. Pax
Christi brachte verschiedene europäische NGOs zur
Gründung der "europäischen Plattform für Demokratie
und Menschenrechte in Kuba" zusammen. Nach einer
im November in Rom veranstalteten Konferenz fordert
das Kommunique der Plattform europäische Investoren in Kuba dazu auf, "die Arcos-Prinzipien, die
auch eine Garantie von Arbeitnehmerrechten enthalten, freiwillig zu unterschreiben und zu befolgen".
All dies zeigt einen wachsenden Konsens in der
großen Gemeinschaft von NGOs, Religionsgruppen
und Aktivisten, die sich für Menschenrechte in Kuba
einsetzen. Diese Organisationen sind unabhängig und
lassen sich nicht von Parteipolitik beeinflussen. Um es
ganz einfach auszudrücken: Sie werden von niemandem kontrolliert.

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�Das stellt eine Chance und eine Herausforderung dar,
die Aktivitäten unterschiedlicher Gruppen, die sich mit
Geschäftsprinzipien für Kuba befassen, in koordinierte
Bestrebungen umzuwandeln, die die Durchsetzung der
Grundsätze des nordamerikanischen Komitees und
der Arcos-Prinzipien ermutigen. Meines Erachtens ist
eine Kombination von Mitteln und Ergebnissen erforderlich: Die Wirtschaft sollte sich am Idealismus und
den Fähigkeiten der Nichtregierungsorganisationen
orientieren - vielleicht durch die Bildung einer Arbeitsgruppe zur Prüfung der besten Geschäftsprinzipien für
Kuba.
Ich ermutige alle hier Anwesenden zu überlegen, was
Sie oder Ihre Organisation zur Förderung dieser Ideen
unternehmen könnten. Wir sind uns bewußt, daß es
sich hier um eine Angelegenheit handelt, bei der
Nichtregierungsorganisationen und der Privatsektor nicht die Regierung - die Führungsrolle übernehmen
sollten und müssen.
Konzertierte Aktionen für die besten Geschäftsprinzipien können wünschenswerte Ergebnisse
erzielen:

*

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*

Verstärkte Zusammenarbeit zwischen Regierungen sowie zwischen Regierungen und dem
Privatsektor zur Ausarbeitung und Umsetzung
der besten Geschäftsprinzipien, die einen
wesentlichen Beitrag zur Förderung grundlegenden Wandels in Kuba leisten können.
Solche aktionsorientierte Zusammenarbeit
könnte in anderen Situationen als Modell
dienen und als Beitrag zu einem umfassenden
multilateralen Ansatz die Sanktionspolitik
beeinflussen.
Am Vorabend eines neuen Jahrtausends besteht
unsere Herausforderung in der Ausarbeitung wirksamer Maßnahmen, um die Welt sicherer zu gestalten
und Demokratie und Menschenrechte überall zu
fördern. Wir müssen weiterhin gemeinsam an der
Entwicklung der wirksamsten Mittel zur Erreichung
dieser umfassenden und hehren Ziele arbeiten. Ich
danke Ihnen und freue mich, jetzt Ihre Kommentare
und Fragen zu diesen wichtigen Themen zu hören.

*

*

AMERIKA DIENST 01

�NATO
14. Januar 1998

Die Auswirkungen der NATO auf demokratische
und wirtschaftliche Institutionen
von Joshua Muravchik

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Joshua Muravchik, Gastdozent am American Enterprise
Institute, Dozent am Washington Institute on Near East Policy und außerordentlicher Professor am Institute of
World Politics. Er ist Mitglied des Redaktionsstabs von World Affairs, dem Journal of Democracy und Orbis.

Als der US-Senat 1949 den Nordatlantikvertrag
ratifizierte, der die NATO ins Leben rief, konzentrierte
sich die Debatte vornehmlich auf die militärische
Schwäche der möglichen Verbündeten der Vereinigten
Staaten.
Die europäischen Staaten hatten gerade erst begonnen, sich von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs
zu erholen. Sie hatten wenig zu der Aufgabe der
gegenseitigen Verteidigung beizutragen, es sei denn,
die Vereinigten Staaten würden die Kosten ihrer
Wiederbewaffnung tragen, die viele Senatoren damals wie heute etatbewußt - nur sehr widerwillig
übernehmen wollten. Diese Befürchtungen wurden
äußerst effektiv in einem Artikel des renommierten
Militärstrategen Bernard Brodie zerstreut, der erstaunlich relevant für die heutige Debatte über die
NATO-Erweiterung ist.
In seinen Ausführungen in der Yale Review vom
Dezember 1949 räumte Brodie ein, daß "der Nordatlantikvertrag kurzfristig unter militärischen und
Versorgungsaspekten eine Verpflichtung ist. Zur Zeit
gibt es in Westeuropa niemanden, der mit den sowjetischen Armeen fertigwerden kann." Von einem militärischen Standpunkt aus "gab es eine gewisse
Hemmungslosigkeit in der Art und Weise, in der wir
Nationen zum Beitritt einluden - ziemlich ungeachtet
ihrer Größe, Macht oder exponierten Stellung".
Dennoch beurteilte Brodie den Vertrag als ein gutes
Geschäft für die Vereinigten Staaten, weil "militärische
Erwägungen sekundär waren".
Wie konnte das sein? Der Vertrag war von der
Bedrohung der sowjetischen Aggression inspiriert.

AMERIKA DIENST 01

Brodie nahm diese Bedrohung ernst, argumentierte
jedoch, daß "nichtmilitärische Formen der Aggression",
mit anderen Worten Subversion, die wahrscheinlichsten Mittel waren, mit denen das sowjetische Imperium
nach Westeuropa ausgeweitet werden konnte. Der
Schlüssel zur Verhinderung des sowjetischen Eindringens - in welcher Form auch immer - war der
Wiederaufbau der westeuropäischen Gesellschaften.
"Insofern als der Vertrag der Gesundung Europas dient
und sie stimuliert", erklärte Brodie, werden die sowjetischen Machenschaften "ihrer Bedrohung beraubt".
Daher, argumentierte er, "war der Wert des Vertrags
für die Vereinigten Staaten eher politischer als militärischer Natur... da die westeuropäischen Staaten
nur durch das in ihm enthaltene Versprechen der
Sicherheit die erforderlichen Anstrengungen für ihre
gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rettung
unternehmen konnten."
Brodies Analyse war vorausschauend. Unter der
Schirmherrschaft der NATO wurden die westeuropäischen Volkswirtschaften neu aufgebaut, ebenso wie
die Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft und
stabile politische Parteien. Die NATO war natürlich nur
ein Faktor, der zur wirtschaftlichen Wiedergeburt
Europas beitrug. Der Marshallplan war ein direkterer.
Im Verlauf von vier Jahren leisteten die Vereinigten
Staaten Hilfe in Höhe von rund 13 Milliarden Dollar für
das Projekt zur Förderung der wirtschaftlichen Gesundung in bestimmten europäischen Ländern nach dem
Zweiten Weltkrieg. Der amerikanische Beitrag würde
heute 88 Milliarden Dollar entsprechen. So beträchtlich diese Summe auch war, vertreten die meisten
Wirtschaftshistoriker jedoch die Auffassung, daß ihr
direkter Ertrag weniger wichtig war als die psychologi-

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�sehen Auswirkungen. Die durch den Marshallplan
genährte Hoffnung und die durch die NATO gebotene
Sicherheit schufen gemeinsam ein Klima, das die
Europäer zum Arbeiten, Sparen und Investieren
motivierte, bis sie für sich selbst einen nie zuvor
gekannten Wohlstand geschaffen hatten.

Diese Ängste waren unbegründet. Im Gegensatz zu
der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schlug die Demokratie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg
in ganz Westeuropa tiefe Wurzeln. Viele Faktoren
trugen zum politischen Erfolg bei, und der große
Einfluß der NATO war dabei nicht der geringfügigste.

Amerika hat Europa viel an wirtschaftlicher Hilfe und
militärischem Schutz gegeben, erhielt aber auch sehr
viel zurück, obwohl das von den Amerikanern manchmal nicht erkannt wurde. Als Europa wohlhabend
wurde, begannen einige Amerikaner Europa eher als
Konkurrent denn als Partner zu sehen. Das war
jedoch eine engstirnige Sichtweise. Obwohl europäische Firmen mit amerikanischen konkurrierten, bot
Europas erneuter Wohlstand Märkte, Waren und
Kapital, der Amerikas eigenes kontinuierliches Wirtschaftswachstum förderte.

Die von der NATO gebotene Sicherheit war ein Faktor
an sich, denn die Angst vor ausländischen Bedrohungen bietet oft einen Vorwand für die Machtergreifung
durch Möchtegerndiktatoren. Darüber hinaus weckte
die NATO ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den
nordatlantischen Staaten, in denen ehemalige erbitterte Feinde zu Partnern wurden. Die NATO war nicht die
einzige Kraft, die die Staaten des nordatlantischen
Raums zusammenhielt.
Handel und Tourismus
spielten ebenso wie andere Institutionen eine Rolle.
Den Kern der Beziehungen bildeten jedoch das
Versprechen gegenseitiger Verteidigung und die
Verpflichtung, unter Einsatz des eigenen Lebens für
den anderen einzustehen.

Europas wirtschaftliche Erholung kann man als
"Wunder" bezeichnen, aber seine politische Erholung
war noch bemerkenswerter. Heute sehen die meisten
Amerikaner und wahrscheinlich die meisten Europäer
Demokratie in Westeuropa als selbstverständlich an.
Aber vor dem Zweiten Weltkrieg war Demokratie ein
zartes Pflänzlein auf dem europäischen Kontinent
gewesen. In den meisten Ländern hatte sie entweder
kurz vor oder nach dem Ersten Weltkrieg richtig
Wurzeln geschlagen und war dann in den turbulenten
zwanziger und dreißiger Jahren Diktaturen gewichen.
Infolge dessen hatten gut unterrichtete Beobachter
böse Vorahnungen bezüglich der Chancen der
Demokratie außerhalb der angelsächsischen Kultur.
Diese Vorahnungen ähnelten stark denen, die wir
heute über Demokratie in den Entwicklungsländern
hören. Diese Zweifel sind heute vielleicht ebenso
unbegründet wie damals.
Der große Historiker Arnold Toynbee schrieb in den
dreißiger Jahren, Italiens Ruf einer "Demokratie (im
konventionellen Sinne) habe es zu einer offenen Frage
gemacht, ob diese politische Pflanze in irgendeinem
Land außer dem eigenen wirklich dauerhaft Wurzeln
schlagen kann". Ein Jahrzehnt später schrieb der
Romancier und Akademiker Waldo Frank in Foreign
Affairs, die "Bedrohung [der Demokratie] wird Hitler
überdauern, da der Faschismus lediglich ein Endprodukt tiefverwurzelter antidemokratischer Kräfte
innerhalb des modernen europäischen Gedankenguts
ist". Und 1952, als das Ende der Besatzung Deutschlands durch die Alliierten näherrückte, besuchte der
renommierte Politologe Heinz Eulau seine Heimat und
berichtete pessimistisch: "Trotz der veränderten
Kulisse und des neuen Ensembles erscheint die
Bonner Republik auf vielerlei Weise wie eine zweite
Aufführung der Weimarer Republik ... die deutsche
Politik gründet nicht auf demokratischer Erfahrung,
sondern auf starker Emotionalität."

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Diese Beziehungen wurden teilweise aufgrund gemeinsamer Ängste, aber auch eines gemeinsamen
demokratischen Ethos geknüpft. In der Präambel des
Nordatlantikvertrags ist es folgendermaßen formuliert:
"Die Parteien ... sind entschlossen, die Freiheit, das
gemeinsame Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die
auf den Grundsätzen von Demokratie, Freiheit des
einzelnen und der Rechtsstaatlichkeit beruhen, zu
gewährleisten."
Das Bündnis bot auch einen Rahmen, der zur Sozialisierung der führenden Militärs im Zeitalter nach dem
Zweiten Weltkrieg beitrug. Das beinhaltete, sich einen
starken Glauben an die zivile Überlegenheit zu eigen
zu machen. Während in den zwanziger und dreißiger
Jahren der Fall der Demokratie in vielen europäischen
Ländern von den Militärs initiiert wurde, waren solche
Episoden in den NATO-Staaten selten. Die dramatischste Ausnahme war Griechenland, wo 1967 ein
Militärcoup die Demokratie für sieben Jahre abschaffte.
In der Türkei stürzte das Militär mehrmals demokratisch gewählte Regierungen, wobei jedesmal innerhalb
ungefähr eines Jahres die Kontrolle wieder in zivile
Hände gelangte. Diese Vorfälle zeigen, daß der
Einfluß der NATO zugunsten ziviler Herrschaft nicht
allmächtig war, aber angesichts der Spaltungen im
Staatswesen Griechenlands und der Türkei scheint die
Frage berechtigt, ob die Beeinträchtigung der Demokratie in diesen Ländern nicht länger gedauert hätte,
wenn diese nicht in die NATO eingebettet gewesen
wären.
Portugal hat eine ähnlich problematische Geschichte.
Trotz seiner korporativen Diktatur zählte es aufgrund
der vermeintlichen strategischen Bedeutung der
Azoren zu den Gründungsmitgliedern der NATO. 25
Jahre später wurde durch eine Kette von Ereignissen,
bei denen Militärs und die Verbündeten Portugals in

AMERIKA DIENST 01

�der NATO eine Schlüsselrolle spielten, die Diktatur
gestürzt und die Demokratie wiederhergestellt.
Heute wird die Erweiterung der NATO oft als Ausdehnung des Sicherheitsschirms auf Zentraleuropa
bezeichnet. Aber ebenso wie es Brodie bei den
ursprünglichen NATO-Mitgliedern voraussah, geht es
bei der Sicherheit möglicherweise weniger um Verteidigung vor militärischen Bedrohungen als um die
Gewährleistung von Stabilität durch die Stärkung von
demokratischen Institutionen und dem für Wirtschaftswachstum wichtigen Vertrauen.
Militärs aus in die NATO aufgenommenen Staaten und
sogar aus denen, die nur der Partnerschaft für den
Frieden angehören, werden einen Großteil ihrer
Ausbildung durch ihre amerikanischen und westeuropäischen Kollegen erhalten. Damit verinnerlichen
sie sich die Botschaft ziviler Kontrolle. Dieser Einfluß

*

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wird jedoch nicht nur auf das Militär ausgeübt. Der
NATO-Beitritt bedeutet einen Beitritt zum Westen, für
den demokratische Werte noch wesentlicher sind als
McDonald's und MTV.
Die NATO ist ein angesehener Club. Ihre Mitglieder
erfreuen sich der Dinge, die sich alle wünschen:
Freiheit, Wohlstand und Sicherheit. Dadurch ist die
NATO in der Lage, Maßstäbe zu setzen, die großen
Einfluß auf neue Mitgliedstaaten und andere, die
Mitgliedschaft anstrebende Länder haben oder sogar
auf diejenigen, die lediglich freundschaftliche Beziehungen zum Bündnis anstreben. Obwohl die gegenseitige Verteidigungsverpflichtung der NATO den Kern
des Bündnisses darstellt und ihm Gewicht gibt, könnte
sich der psychologische Einfluß der NATO auf die
politische und wirtschaftliche Entwicklung in Europa
letztlich als ihre wichtigste Funktion erweisen.

* * * *

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