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amcrika
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

29. Oktober 1997

21

PROBLEM DES KLIMAWANDELS REFLEKTIERT
NEUE REALITÄTEN DES 21. JAHRHUNDERTS
Rede von Präsident Clinton

UMWELT

WIRTH: EUROPÄER BEFÜRWORTEN
"UNREALISTISCHE" ZIELE
Rede des Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten

WIRTSCHAFT

DIE AUSWIRKUNGEN DER EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

USA-DEUTSCHLAND

DEUTSCHLAND UND AMERIKA: EINE
SELBSTVERSTÄNDLICHE PARTNERSCHAFT
VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
von Botschafter John Kornblum
JOHN C. KORNBLUM IM SENDER
FREIES BERLIN
Interview mit dem amerikanischen Botschafter

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�UMWELT

29. Oktober 1997

Problem des Klimawandels reflektiert
neue Realitäten des 21. Jahrhunderts
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die US-Präsident Clinton am 22. Oktober 1997
vor der National Geographie Society in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Vielen Dank Herr Murphy, Herr Vizepräsident. Ich
danke allen, die heute gekommen sind, vor allem den
Kongreßabgeordneten, den Arbeitnehmer- und
Arbeitgebervertretern, allen Mitgliedern der Administration und insbesondere den Mitarbeitern des Weißen
Hauses, die der Vizepräsident erwähnte, dem Energieminister, der Direktorin des Umweltamts (Environmental Protection Agency - EPA) und allen anderen,
die uns unterstützt haben.
Auf dem Weg hierher trafen wir führende Vertreter der
National Geographie Society, denen ich zu ihrer
jüngsten zweiteiligen Serie über das Römische Reich
gratulierte. Es ist faszinierend zu lesen, wie dieses
Imperium aufstieg, wie es sich Hunderte von Jahren
hielt, warum es fiel und welche Spekulationen darüber
angestellt werden, welche Relevanz es - wenn überhaupt - für die Vereinigten Staaten und den Westen
haben könnte.
Einer der Herren sagte: "Wir haben zu diesem Thema
viele interessante Kommentare bekommen, einschließlich eines Briefs, der sich auf eine Büste des
Kaisers Vespasian bezog. Und einer unserer Leser
fragte, warum um Himmels willen wir eine Statue von
Gene Hackman in einem Artikel über das Römische
Reich abbilden. Ich erzähle das vor allem, um folgendes zu zeigen: Je mehr sich die Dinge verändern,
desto mehr bleibt alles beim Alten.
Denn die Grundlage einer Zivilisation - all unserer
Zivilisationen - ist das ständige Streben nach Erneuerung, die Fähigkeit, abschlägige Antworten zu vermeiden und die Zukunft auf realistische und humane, aber
entschlossene Art und Weise anzugehen. Morgen ist
es sechs Jahre her, daß ich - kurz nach Beginn

AMERIKA DIENST 21

meines Präsidentschaftswahlkampfes - in meine Alma
Mater nach Georgetown zurückkehrte und eine
Vorlesungsreihe mit drei Reden hielt, in denen ich
meine Vision von Amerika im 21. Jahrhundert darlegte
- wie wir den Amerikanischen Traum für all unsere
Menschen lebendig halten könnten, wie wir die
Führungsrolle Amerikas für Frieden, Freiheit und
Wohlstand aufrechterhalten könnten, und wie wir die
Trennlinien überwinden könnten, die heute noch
verhindern, daß wir als ein Amerika geeint sind.
Gemeinsam haben wir in den letzten nahezu fünf
Jahren, in denen der Vizepräsident und ich das
Privileg hatten, an dieser Aufgabe zu arbeiten, viele
Fortschritte gemacht. An der Schwelle zu einem
neuen Jahrhundert floriert unsere Wirtschaft, wird
unser soziales Gefüge verbessert, und wir tragen dazu
bei, die Welt zu mehr Frieden und Zusammenarbeit zu
führen.
Meines Erachtens ist das großenteils darauf zurückzuführen, daß wir eine andere Philosophie über die
Rolle der Regierung hatten. Heute ist die Regierung
kleiner, zielorientierter und stärker darauf ausgerichtet,
den Menschen die nötigen Werkzeuge und Bedingungen zu bieten, die sie zur Lösung ihrer Probleme und
zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren
Bürgern brauchen. Noch wichtiger ist, daß das meiner
Meinung nach darauf zurückzuführen ist, daß wir
harte, aber keine falschen Entscheidungen getroffen
haben.
Bei der Wirtschaft haben wir die Entscheidung getroffen, den Haushalt auszugleichen und in unsere
Menschen und unsere Zukunft zu investieren. Bei der
Verbrechensbekämpfung haben wir die Entscheidung

Seite 1

�getroffen, entschlossen und klug vorzugehen und das
Umfeld zu verändern, das Kriminalität hervorbringt.
Bei der Sozialhilfe haben wir die Entscheidung getroffen, daß die Menschen arbeiten müssen, wir aber auch
die Kinder von Sozialhilfeempfängern unterstützen.
Bei der Familienpolitik haben wir die Entscheidung
getroffen, Eltern bei der Suche nach mehr und besseren Arbeitsplätzen zu unterstützen und ihnen zu
helfen, ihren Kindern mehr Zeit zu widmen und Mittel
zur Verfügung zu stellen. Und bei der Umwelt haben
wir die Entscheidung getroffen, unsere Luft, unser
Wasser und unseren Boden reinzuhalten, unsere
Nahrungsmittelversorgung zu verbessern und die
Wirtschaft anzukurbeln.
Dieser vernunftbestimmte Ansatz, der in unseren
grundlegendsten Werten und unserem andauernden
Optimismus hinsichtlich der Fähigkeit freier Menschen
wurzelt, die Herausforderungen jedes Zeitalters zu
meistern, muß in die Arbeit einfließen, die noch zu
leisten ist, um den Menschen und der Welt den Weg in
ein neues Jahrhundert und ein neues Jahrtausend zu
ebnen.
Heute haben wir eine klare Verantwortung und eine
wunderbare Chance zur Bewältigung einer der
wichtigsten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts der Herausforderung des Klimawandels - durch eine
umweltfreundliche und wirtschaftsfördernde Strategie
zur Erlangung bedeutender Reduktionen von Treibhausgasen in den Vereinigten Staaten und in allen
Industrie- und Entwicklungsländern. Wenn diese
Strategie richtig durchgeführt wird, schafft sie eine
Vielzahl neuer Chancen für Unternehmer im Inland,
erhält unsere Führungsrolle im Ausland aufrecht und
setzt die Macht der freien Märkte zur Befreiung
unseres Planeten von einer inakzeptablen Gefahr ein.
Es ist eine Strategie, die unserer Verpflichtung entspricht, falsche Entscheidungen abzulehnen.
Amerika kann sich für unsere nationalen Interessen
und für die gemeinsamen Interessen der internationalen Staatengemeinschaft einsetzen. Amerika
kann heute auf Wohlstand bauen und gewährleisten,
daß unsere Kinder morgen auf einem gesunden
Planeten leben.
Das Problem des Klimawandels reflektiert in vielerlei
Weise die neuen Realitäten des neuen Jahrhunderts.
Vielen Bedrohungen der Vergangenheit konnten wir
innerhalb unserer eigenen Grenzen begegnen, aber
die Erderwärmung erfordert eine internationale
Lösung. Viele Bedrohungen der Vergangenheit kamen
von einem einzigen Feind, aber die Erderwärmung hat
Millionen Quellen. Viele Bedrohungen der Vergangenheit stellten eine offensichtliche und gegenwärtige
Gefahr dar; die Erderwärmung ist jedoch viel subtiler
und warnt uns nicht mit lärmenden Motoren oder
brennenden Flüssen, sondern mit unsichtbaren
Gasen, langsamen Veränderungen in unserer Umge-

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bung und immer gravierenderen Klimaveränderungen,
von denen die meisten Amerikaner Gott sei Dank noch
nicht betroffen sind. Aber irren Sie sich nicht: Das
Problem ist real. Und wenn wir jetzt nicht unseren
Kurs ändern, wird das früher oder später vernichtende
Auswirkungen auf Amerika und die Welt haben.
Die überwältigende Mehrheit der Klimaforscher auf der
Welt ist zu folgender Schlußfolgerung gelangt: Wenn
die Länder der Welt nicht zur Verringerung der Emission von Treibhausgasen zusammenarbeiten, werden
die Temperaturen ansteigen und das Klima stören.
Tatsächlich vertreten die meisten Wissenschaftler die
Ansicht, daß dieser Prozeß bereits begonnen hat. Die
Zahl zerstörerischer meteorologischer Ereignisse wird
größer.
Krankheiten übertragende Insekten kommen in
Gebiete, die früher zu kalt für sie waren. Die Durchschnittstemperaturen steigen an.
Die Gletscher
beginnen zu schmelzen.
Die Wissenschaftler kennen noch nicht die genauen
Auswirkungen dieser Entwicklungen. Wir wissen
jedoch genug, um sagen zu können, daß die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre während des Industriezeitalters dramatisch angestiegen
ist; ihr Abbau wird ein Jahrhundert oder länger dauern.
Wir wissen, daß dieser Prozeß verlangsamt und
schließlich gestoppt werden muß, wenn wir weiterhin
wirtschaftliche Fortschritte machen und die Lebensqualität in den Vereinigten Staaten und auf dem
gesamten Planeten erhalten wollen. Wir wissen, was
getan werden muß.
Die Treibhausgasemissionen sind großenteils auf die
ineffiziente Verbrennung von Kohle oder Öl zur
Energiegewinnung zurückzuführen. Ungefähr ein
Drittel dieser Emissionen stammen aus der Industrie,
ein Drittel aus dem Verkehr und ein Drittel aus Wohnund Bürogebäuden. In jedem Fall ist die Umwandlung
von Brennstoff in Energie extrem ineffizient und könnte
mit Hilfe bereits existierender oder sich abzeichnender
Technologien auf eine viel sauberere Art und Weise
geschehen, die nicht die Wirtschaft schädigt, unsere
neuen Unternehmen und neuen Arbeitsplätze jedoch
stärkt. Wenn wir es richtig machen, werden wir
unseren Wohlstand nicht aufs Spiel setzen, sondern
ihn erhöhen.
Vor diesem Hintergrund möchte ich bekanntgeben,
welche Anweisungen ich unseren Unterhändlern bei
ihrem Streben nach einem realistischen und effektiven
internationalen Vertrag über den Klimawandel gebe.
Und ich kündige einen weitreichenden Vorschlag an,
der flexible marktorientierte und kostengünstige Wege
zur Erlangung bedeutender Reduktionen hier in
Amerika bietet. Ich möchte betonen, daß wir nicht erst
dann handeln dürfen, wenn der Vertrag ausgehandelt
und ratifiziert ist. In den Vereinigten Staaten wohnen

AMERIKA DIENST 21

�weniger als 5 Prozent der Weltbevölkerung, die 22
Prozent des weltweiten Wohlstands genießen, jedoch
für mehr als 25 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich sind. Wir müssen jetzt
anfangen, uns für die Zukunft zu versichern.
Bei den internationalen Klimaverhandlungen werden
die Vereinigten Staaten einen umfassenden Rahmen
mit drei Elementen anstreben, die uns zusammengenommen in die Lage versetzen, ein starkes und
widerstandsfähiges globales Abkommen auszuarbeiten. Erstens werden die Vereinigten Staaten in
Kyoto vorschlagen, daß wir uns dem bindenden und
realistischen Ziel verpflichten, die Emissionen zwischen 2008 und 2012 auf dem Niveau von 1990
einzufrieren. Und dabei sollten wir es nicht belassen.
Wir sollten uns verpflichten, die Emissionen in den
darauf folgenden fünf Jahren auf einen niedrigeren
Stand als den von 1990 zu senken, und später sollten
wir hart an weiteren Reduktionen arbeiten.
Die Industriestaaten haben bereits einmal auf freiwilliger Basis versucht, die Emissionen auf dem Stand
von 1990 einzufrieren, aber bedauerlicherweise ist das
den meisten von uns - einschließlich insbesondere der
Vereinigten Staaten - nicht gelungen. Jetzt müssen wir
uns erneut entschlossen für diese Reduktionen
einsetzen, wozu wir uns bindenden Obergrenzen
verpflichten müssen.
Zweitens werden wir flexible Mechanismen zur
Erlangung dieser Obergrenzen befürworten. Wir
schlagen ein innovatives gemeinsames System zu
ihrer Durchsetzung vor, das einem Unternehmen in
einem Land Investitionen in ein Projekt zur Verringerung von Emissionen in einem anderen Land gestattet,
die ihm im eigenen Land angerechnet werden. Und
wir schlagen ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate vor. Durch diese Innovationen
werden die weltweite Verschmutzung verringert, die
Kosten niedrig gehalten und auch die Entwicklungsländer beim Schutz ihrer Umwelt unterstützt, ohne daß
dies auf Kosten ihres Wirtschaftswachstums ginge.
Drittens müssen Industriestaaten und Entwicklungsländer gleichermaßen an der Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels beteiligt sein.
Die
Industriestaaten müssen eine Führungsrolle übernehmen, aber auch die Entwicklungsländer müssen
einbezogen werden. Die Vereinigten Staaten werden
nur dann bindende Verpflichtungen eingehen, wenn
sich die wichtigsten Entwicklungsländer in bedeutendem Ausmaß an diesen Bestrebungen beteiligen.
Präsident Carlos Menem legte letzte Woche bei
meinem Staatsbesuch in Argentinien überzeugend dar,
daß ein globales Problem wie der Klimawandel eine
globale Antwort erfordert. Wenn die gesamte industrialisierte Welt ihre Emissionen während der nächsten Jahrzehnte verringert, die Emissionen der

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Entwicklungsländer jedoch mit der derzeitigen Geschwindigkeit weiter ansteigen, wird die Konzentration
von Treibhausgasen in der Atmosphäre weiterhin
zunehmen. Die Entwicklungsländer haben die Chance, in Zukunft einen anderen energiepolitischen Kurs
einzuschlagen, der ihrem Wachstumspotential und
ihren legitimen wirtschaftlichen Bestrebungen entspricht.
Was Argentinien, dem ein dramatisches Wirtschaftswachstum prognostiziert wird, erkannt hat, gilt auch für
andere Länder: Wir können und müssen bei diesem
Problem auf eine Weise zusammenarbeiten, die für
uns alle von Vorteil ist. In unserem Land müssen wir
Fortschritte machen, indem wir die ganze Macht der
freien Märkte und technologischer Innovationen
freisetzen, um die Herausforderung des Klimawandels
zu bewältigen. Ich schlage einen umfassenden Plan
vor, um Anreize zu bieten und Hindernisse zu beseitigen, damit unsere Unternehmen und unsere Bürger
neue und kreative Wege zur Verringerung der Treibhausgasemissionen finden können.
Erstens müssen wir Steuersenkungen vornehmen und
während der kommenden fünf Jahre 5 Milliarden Dollar
in Forschung und Entwicklung investieren - gezielte
Anreize zur Ermutigung der effizienten Nutzung von
Energie und zum Rückgriff auf sauberere Energiequellen.
Zweitens müssen wir die Unternehmen auffordern,
frühzeitig Aktionen zur Emissionsreduzierung zu
ergreifen und zu gewährleisten, daß sie angemessene
Anerkennung für ihre Wegbereiterfunktion bekommen.
Drittens müssen wir ein Marktsystem für die möglichst
kostengünstige Verringerung von Emissionen hier und
im Ausland schaffen - ein System, das sich unseren
Erfolg und unsere Erfahrung mit handelbaren Zertifikaten für sauren Regen zunutze macht.
Viertens müssen wir den Kauf und Verbrauch von
Energie durch die Bundesregierung, den größten
Energieverbraucher der Nation, umstrukturieren.
Durch neue Technologien, erneuerbare Energiequellen, innovative Partnerschaften mit Unternehmen aus
der Privatwirtschaft und die Bewertung der Treibhausgasemissionen von großen Projekten der Bundesregierung wird die Bundesregierung eine wichtige
Rolle dabei übernehmen, unserer Nation bei der
Erlangung ihres Ziels zu helfen. Heute verpflichte ich
die Bundesregierung als Vorableistung für unsere
Millionen Dollar umfassende Initiative zur Einführung
von Sonnenkollektoren, bis zum Jahr 2010 20.000
dieser Systeme auf den Dächern unserer Bundesgebäude zu installieren.
Fünftens müssen wir Wettbewerb in der Elektrizitätsindustrie zulassen, damit überholte Vorschriften
abgeschafft werden und die Amerikaner Milliarden

Seite 3

�Dollar sparen. Wir müssen das auf eine Art und Weise
tun, die zu noch größeren Fortschritten bei der Reinhaltung unserer Luft führt und eine bedeutende
Vorableistung zur Verringerung von Treibhausgasemissionen darstellt. Heute werden zwei Drittel der
zur Bereitstellung von Elektrizität verwendeten Energie
als Abwärme verschwendet. Das können wir viel
besser machen.
Sechstens müssen wir weiterhin die Schlüsselindustrien ermutigen, eigene Pläne für die Reduktion von
Treibhausgasen auszuarbeiten. Und wir müssen in
Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten und den Kommunalverwaltungen die Hindernisse für größtmögliche Energieeinsparungen beseitigen. Die Bundesregierung kann der Industrie bei
beträchtlichen Verringerungen von Treibhausgasemissionen auf freiwilliger Basis behilflich sein, und wir
werden unsere dementsprechenden Bestrebungen
verdoppeln.
Dieser Plan ist vernünftig und solide. Da es sich um
ein langfristiges Problem handelt, das eine langfristige
Lösung erfordert, wird diese stufenweise eingeführt.
Aber wir wollen jetzt handeln. Wir beginnen mit
unserem Paket von starken marktwirtschaftlichen
Anreizen, Steuersenkungen und gemeinsamen Bestrebungen mit der Industrie. Wir wollen Anreize zu
frühzeitigem Handeln geben und eine Führungsrolle
ermutigen. Und während wir im kommenden Jahrzehnt unsere Emissionen durch diese Bestrebungen
verringern, werden wir regelmäßige Überprüfungen
vornehmen um zu sehen, was für die Umwelt, Wirtschaft und unsere nationale Sicherheit am besten
funktioniert.
Wenn wir auf ein Jahrzehnt an Erfahrungen, Daten
und technologischen Innovationen zurückblicken
können, werden wir eine umfassende Initiative zur
Einführung eines Systems handelbarer Emissionszertifikate einleiten um zu gewährleisten, daß wir
unsere bindenden Ziele erreichen. Falls die veränderten Muster des Energieverbrauchs in Amerika
dann zu Problemen führen, haben wir die moralische

heutigen sind und der die Verschmutzung um 90
Prozent reduziert. Der Durchbruch wurde durch
unsere bahnbrechende Partnerschaft mit der Automobilindustrie zur Entwicklung einer neuen Fahrzeuggeneration ermöglicht. Im Rahmen eines von der
Behörde für moderne Forschungsprodukte (Advanced
Research Products Agency) des Verteidigungsministeriums und des nationalen Instituts für Wissenschaft und Technologie (National Institute of Science
and Technology) des Wirtschaftsministeriums finanzierten Projekts wurde ein anderer Plan ausgearbeitet, der zu ähnlichen Ergebnissen führt.
Die Entdeckung des Energieministeriums hat bemerkenswerte Auswirkungen. Heute wird das Benzin in
den Verbrennungsmotoren äußerst ineffizient genutzt etwa 80 Prozent seiner Energie geht verloren. Im
Rahmen des gestern von A.D. Little and Company
bekanntgegebenen Projekts des Energieministeriums
gehen 84 Prozent des Benzins direkt in die Brennstoffzelle. Dadurch wird die Energieeffizienz gegenüber
dem traditionellen Motor um mehr als das Vierfache
erhöht.
Und ich darf vom Standpunkt all derer, die an dem
gegenwärtigen System beteiligt sind, hinzufügen, daß
der fortgesetzte Einsatz von Benzin bedeutet, daß
keines der derzeitigen Verteilersysteme verändert
werden muß. Das ist eine sehr bedeutende, aber
keinesfalls die einzige Entdeckung, die den Weg in
unsere Zukunft weist.
Ich möchte auch unterstreichen, daß die meisten der
im Rahmen der Marktmechanismen zur Erlangung
dieses Ziels verfügbaren Technologien bereits existieren - wir müssen sie nur nutzen. Beispielsweise
forderte ein Physik- und Chemielehrer namens Hector
Ibarra in West Branch, Iowa, seine Sechstklässler
dazu auf, die Experimente aus dem Klassenzimmer
praktisch anzuwenden, um ihre Schule energieeffizienter zu machen. Die Klasse erhielt ein Darlehen in
Höhe von 14.000 Dollar von einer örtlichen Bank und
ergriff einfache Maßnahmen. Die Schüler senkten den
Energieverbrauch ihrer Schule um 70 Prozent. Ihre

Verpflichtung, den betroffenen Arbeitnehmern und

Einsparungen waren so beeindruckend, daß die Bank

Unternehmen zu helfen - ebenso wie wir es heute bei
allen unseren wirtschaftlichen Veränderungen tun, von
denen die Menschen schuldlos betroffen sind.

beschloß, ihre eigene Energieeffizienz zu verbessern.

Dieser Plan setzt auf unsere Stärken - Innovation,
Kreativität, Unternehmergeist. Unsere Unternehmen
weisen durch die Entwicklung phantastischer Umwelttechnologie und die Umsetzung von Lösungen zum
Schutz der Natur bereits den Weg.

Dem Beispiel dieser Sechstklässler folgend haben
andere größere Unternehmen in Amerika ähnliche
Ergebnisse erzielt. Sie brauchen sich nur die nachweisbaren Ergebnisse von Firmen wie Southwire, Dow
Chemical, Dupont, Kraft, Interface Carpetmakers und
einer Vielzahl anderer in jeder Wirtschaftsbranche
anzuschauen um zu sehen, was getan werden kann.

Erst gestern gab Energieminister Pena einen von
seinem Ministerium finanzierten dramatischen Durchbruch bei der Brennstoffzellentechnologie bekannt ein Durchbruch, der den Weg zur Entwicklung von
Autos bereitet, die doppelt so energiesparend wie die

Unsere Industrien haben effiziente neue Kühlschränke,
Computer, Wasch- und Trockenmaschinen sowie
andere elektrische Geräte hergestellt, die sehr viel
weniger Energie verbrauchen, sparsamer und umweltfreundlicher sind. Allein die Revolution bei Beleuch-

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AMERIKA DIENST 21

�tungskörpern ist wirklich verblüffend. Eine kompakte
fluoreszierende Lampe, die von einem Menschen
während seines ganzen Lebens benutzt wird, erspart
der Atmosphäre die Emission von fast einer Tonne
C0 2 und kostet den Verbraucher weniger Geld.
Wenn jeder in den nächsten 15 Jahren nur diese
energiesparenden Produkte kaufen würde, die in den
Geschäften mit dem "Energiestern" des Umweltschutzamtes ausgezeichnet sind, würden unsere Energierechnungen während dieses Zeitraums um ungefähr
100 Milliarden Dollar schrumpfen und unsere Treibhausgasemissionen dramatisch gesenkt.
Trotz dieser Innovationen, die für alle Seiten von
Vorteil sind, und der Verpflichtungen, die buchstäblich
jeden Tag eingegangen werden, bin ich mir sehr wohl
bewußt, daß unsere Ziele und Zeitpläne von manchen
als zu ehrgeizig kritisiert werden. Und natürlich
werden andere behaupten, sie gingen nicht weit
genug. Bevor jedoch die Debatte ernsthaft beginnt,
wollen wir nicht vergessen, daß wir während der
letzten Generation im Bereich der Umwelt, auch bei
der Energieeffizienz, enorme Fortschritte gemacht
haben - zu sehr viel geringeren Kosten als man sich
hätte vorstellen können. Und dabei wurden ganz neue
Industrien aufgebaut.
Während der letzten drei Jahrzehnte, in denen unsere
Wirtschaft gewachsen ist, haben wir die Standards für
das Wasser, das unsere Kinder trinken, nach oben
und nicht nach unten geschraubt. Obwohl unsere
Fabriken ausgebaut werden, verlangen wir von ihnen
die Reinigung ihres Giftmülls. Obwohl eine Rekordzahl neuer Häuser gebaut wurde, sparen unsere
Kühlschränke mehr Energie und damit unsere Verbraucher mehr Geld.
1970, als der Smog unsere Städte erstickte, schlug die
Bundesregierung neue Autoabgasnormen vor. Viele
Umweltschützer behaupten, die Normen würden wenig
zur Verhinderung einer Katastrophe beitragen.
Industrievertreter prognostizierten, die Kosten der
Umsetzung hätten katastrophale Auswirkungen auf die
Industrie. Es stellte sich heraus, daß beide Seiten
Unrecht hatten. Beide unterschätzten die Erfindungsgabe des amerikanischen Volkes. Die Automobilhersteller halten die weitaus strengeren Emissionsvorschriften von heute mit weniger als halb so hohem
Kostenaufwand wie vorhergesagt ein, und die neuen
Kraftfahrzeuge stoßen durchschnittlich nur 5 Prozent
der Schadstoffe der 1970 gebauten Autos aus.
Wir haben dieses Muster immer wieder gesehen. Wir
sahen es, als wir uns in den siebziger Jahren gemeinsam für das Verbot des Karzinogens Vinylchlorid
einsetzten. Vertreter der Kunststoffindustrie sagten
massive Bankrotte voraus, aber die Chemiker entdeckten kostengünstigere Ersatzstoffe, und die Branche
prosperierte. Wir sahen das, als wir die Verwendung

AMERIKA DIENST 21

von bleihaltigem Benzin stufenweise verringerten. Und
wir sehen das bei unserem Programm für handelbare
Zertifikate für sauren Regen - das dem Zeitplan bereits
40 Prozent voraus ist - zu weniger als der Hälfte der in
den optimistischsten Prognosen veranschlagten
Kosten. Wir sehen das, während die Fluorchlorkohlenwasserstoffe praktisch ohne jeden Kostenaufwand auf
eine Art und Weise aus der Atmosphäre entfernt
werden, die anscheinend zu einer erneuten Verdikkung der Ozonschicht führt.
Die Lektion ist einfach: Wenn Umweltinitiativen klug
geplant sind und flexibel durchgeführt werden, kosten
sie weniger als erwartet und bieten unvorhergesehene
wirtschaftliche Chancen. Obwohl wir uns bewußt sind,
daß unsere heutige Herausforderung größer ist als
jede umweltpolitische Aufgabe der Vergangenheit,
kann der Klimawandel uns durch das einen, was
Amerika am besten kann: Wir führen Neuerungen ein,
wir konkurrieren, wir finden Lösungen für Probleme,
und wir tun das auf eine Weise, die unternehmerisches
Denken fördert und die amerikanische Wirtschaft
stärkt.
Wenn wir es richtig anstellen, wird der Klimaschutz
keine Kosten, sondern Gewinne mit sich bringen; keine
Belastungen, sondern Vorteile; keine Opfer, sondern
einen höheren Lebensstandard. Wir haben genug
Beweise dafür, daß Energieeinsparung bessere
Dienstleistungen zu niedrigeren Kosten mit höheren
Gewinnen hervorbringt. Wir müssen die Hindernisse
für das erfolgreiche Funktionieren der Märkte beseitigen und bessere Anreize für ihre Nutzung geben. Ich
fordere die amerikanischen Unternehmen zur Übernahme einer Führungsrolle auf, aber ich rufe auch die
Regierungen - auf nationaler, bundesstaatlicher und
kommunaler Ebene - dazu auf, der Wirtschaft die für
diese Arbeit erforderlichen Werkzeuge zu verschaffen
und auf allen Gebieten ein Beispiel zu geben.
Wir wollen nicht vergessen, daß es bei der uns heute
konfrontierenden Herausforderung nichfnur um Ziele
und Zeitpläne geht. Es geht um unsere grundlegenden
Werte und größten Verpflichtungen.
Ich werde heute noch die Ehre haben, mit dem
ökumenischen Patriarchen Bartholomew zusammenzutreffen - dem geistlichen Führer von 300 Millionen
orthodoxen Christen - einem Mann, der immer wieder
die dem Geschenk Gottes an die Natur innewohnenden großen Verpflichtungen betont. Er erinnert uns
daran, daß sich der erste Teil des Wortes "Ökologie"
vom griechischen Wort für Haus herleitet. Um unser
Verhalten gegenüber dem Haus zu verändern, das wir
alle bewohnen, müssen wir mit den Worten des
Patriarchen die verlorenen spirituellen Verbindungen
wiederentdecken und die menschlichen Werte bekräftigen. Er hat natürlich Recht. Es ist unsere feierliche
Verpflichtung, mit Mut und Weitblick Fortschritte zu

Seite 5

�machen, damit wir unser Haus unseren Kindern und
künftigen Generationen hinterlassen können.
Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß dies
nur eine weitere Herausforderung in Amerikas langer
Geschichte ist - die wir genauso bewältigen können
wie alle früheren Herausforderungen. Sie sind hoffentlich ebenso wie ich überzeugt, daß es eindeutige
Beweise dafür gibt, daß wir das auf eine Weise tun
können, die zu Wirtschaftswachstum führt - nicht durch

abschlägige Antworten, sondern indem wir eine neue
Herausforderung der Erneuerung entschlossen und
freudig begrüßen. Wir sollten froh sein, daß wir in der
heutigen Zeit leben und diese Herausforderung
angehen können, und wir sollten das in dem sicheren
Wissen tun, daß unsere Kinder und Enkel uns dafür
dankbar sein werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 21

�UMWELT
29. Oktober 1997

Wirth: Europäer befürworten "unrealistische" Ziele
Rede des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten

WASHINGTON - (AD) - Nach Ansicht des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium,
Timothy Wirth, befinden sich die Vereinigten Staaten und die Europäische Union im Hinblick auf die Verringerung
der Treibhausgasemissionen in einer Art "Sackgasse", weil die 15 Mitgliedstaaten der EU "unrealistische" Ziele
befürworten. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Timothy Wirth am 9. Oktober
1997 vor einem Ausschuß des Kongresses hielt.

Heute möchte ich nicht nur über den gegenwärtigen
Stand unserer Klimaverhandlungen berichten, sondern
auch drei andere Themenbereiche ansprechen:
Erstens die "bubble" der Europäischen Union, zweitens im Zusammenhang mit der Beteiligung der
Entwicklungsländer stehende Fragen und drittens die
verschiedenen Mechanismen, durch die wir den
Entwicklungsländern die entsprechenden Technologien zukommen lassen können, die ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels helfen.
Zunächst möchte ich Sie auf den neuesten Stand
bringen und mich dabei besonders auf die Entwicklungen seit meinem letzten Erscheinen vor diesem
Ausschuß im Juni dieses Jahres konzentrieren.
Wir nähern uns mit großer Geschwindigkeit dem Ende
der Verhandlungen im Vorfeld der dritten Sitzungsperiode der Konferenz der Parteien, die vom 1.-10.
Dezember in Kyoto anberaumt ist. Von heute an
bleiben nur noch 64 Tage, von denen nur 18 für
offizielle Verhandlungen vorgesehen sind. Bei einigen
wichtigen Fragen wurden Fortschritte erzielt, und es
zeichnet sich eine Übereinkunft ab. Wenn wir Erfolg
haben, wird diese Übereinkunft wahrscheinlich
wesentliche Elemente des von uns unterbreiteten
Vorschlags beinhalten. Dazu zählen:
Ein Emissionsplan, der einen Ausgleich von
Fluktuationen bei meteorologischen und
ökonomischen Variablen gestattet und eine
gewisse Flexibilität bei der zeitlichen Festlegung der Emissionsreduzierungen erlaubt.

AMERIKA DIENST 21

Ein Multigasansatz, der nicht nur Kohlendioxid, sondern alle Treibhausgase beinhaltet
(obwohl es beträchtlichen Widerstand gegen
die Aufnahme von "Senken" gibt).
Ein internationales System handelbarer
Emissionszertifikate und ihre gemeinsame
Umsetzung, die beide auf eine Erhöhung der
Flexibilität abzielen, indem sie den Parteien
gestatten, Emissionen im eigenen Land gegen
Emissionsreduzierungen andernorts auszutauschen.
Mechanismen für die Überwachung und
Verifizierung des Emissionsabbaus, die
gleiche Bedingungen für alle Parteien gewährleisten.
Aktionen der Entwicklungsländer als Ergänzung zu Zielsetzungen und Zeitplänen der
Industrieländer.
Damit will ich nicht sagen, daß der endgültige Text alle
diese Elemente in der Form beinhaltet, in der sie im
Vorschlag der Vereinigten Staaten vom vergangenen
Januar unterbreitet wurden, denn das gestattet der
Verhandlungsprozeß nicht. Die Administration hat
jedoch ein von einem Großteil der Welt akzeptiertes
allgemeines Muster für weitere Fortschritte bei der
Lösung dieses gravierenden Problems vorgeschlagen:
Eine Lösung mit größtmöglicher Flexibilität bei der
Umsetzung und gleichzeitiger Gewährleistung von
Integrität und Umweltschutz bei den Emissionszielen.

Seite 1

�Die Administration hat noch keine endgültige Entscheidung über ein Ziel für die Emissionskontrolle
getroffen. Wir werden Sie über unsere in dieser
Hinsicht gemachten Fortschritte auf dem Laufenden
halten. Wir haben die in diesem Ausschuß geäußerten
Befürchtungen sowie die in der Resolution des Senats
vom Beginn des Sommers enthaltenen Anliegen zur
Kenntnis genommen. Ich möchte an dieser Stelle
nochmals betonen, daß unsere Übereinkunft die
amerikanische Wettbewerbsfähigkeit schützt und im
besten Interesse des amerikanischen Volkes liegt. Der
Präsident hat sich diesen Zielen am Montag bei der
Konferenz im Weißen Haus erneut verpflichtet, und es
sind Ziele, an denen wir während des gesamten
Verhandlungsprozesses konsequent festgehalten
haben.
Bei vielen Aspekten unseres Vorschlags sind wir
jedoch sehr deutlich gewesen, und der Konsens im
eigenen Land unterstützt diesen Ansatz. Die Administration hat diese Elemente unserer Vorschläge in
einer intensiven Runde bilateraler und multilateraler
Verhandlungen aggressiv gefördert. Der Präsident hat
den Klimawandel zu einem Thema seiner Zusammenkünfte mit ausländischen Staats- und Regierungschefs
sowie der Sitzungen am Rande der UN-Generalversammlung gemacht. Auch der Vizepräsident und die
Außenministerin haben den Klimawandel in ihren
Gesprächen zum Thema gemacht. Ich habe an
verschiedenen Treffen in Europa und Saudi-Arabien
sowie mit wichtigen Ministern aus Japan, Australien,
Kanada und Neuseeland teilgenommen und werde
diese Frage auch bei meinen Gesprächen in China
Ende des Monats ansprechen. Hochrangige Regierungsvertreter haben unsere Position in Lateinamerika

über 1990 entschieden. Um die Verhandlungen noch
komplizierter zu gestalten, bestehen die Mitgliedstaaten der Europäischen Union darauf, mit ihren Emissionen zu handeln - die sogenannte "bubble". Das
bedeutet, daß die Gesamtemissionen auf ein festgesetztes Ziel gesenkt werden können, jedes einzelne
Land diese Obergrenze aber nicht unbedingt erreichen
muß. Tatsächlich geht man davon aus, daß ein
signifikanter Anteil der gesamten Emissionsreduzierung der EU auf die Wiedervereinigung Deutschlands
und die Abschaffung von Kohlesubventionen in
Großbritannien sowie die Umstellung auf Erdgas
zurückzuführen sein wird. Obwohl wir die Schließung
ineffektiver und umweltschädigender Fabriken und die
Abschaffung von Subventionen im Energiesektor
zweifellos begrüßen, ist nicht klar, warum solche
Aktionen andere EU-Staaten von der Notwendigkeit
befreien sollen, selbst etwas zu unternehmen. Im
Rahmen des Vorschlags der EU wird von manchen
Ländern jedoch überhaupt keine Verringerung ihrer
Emissionen verlangt - und manchen wird sogar ein
Anstieg gestattet. Portugal beispielsweise wird bis
zum Jahr 2010 ein Emissionsanstieg von 40 Prozent
gegenüber 1990 erlaubt, Spanien darf seinen C0 2 Ausstoß um 17 Prozent erhöhen, und Frankreich muß
seine Emissionen lediglich auf dem Stand von 1990
einfrieren.
Der Kongreß hat umgehend einige der dieser Art von
"Lastenteilung" innewohnenden Probleme aufgezeigt.
Ich möchte mit Ihnen einige der Fragen erörtern, die
wir uns im Zusammenhang mit diesem Thema gestellt
haben:

allmählich aus, da unsere Sichtweise in das Bewußtsein der Menschen eindringt. Wir hegen weiterhin die
Hoffnung, daß unsere fortgesetzten Bestrebungen im
Vorfeld von Kyoto einen Konsens hinsichtlich unseres
Ansatzes hervorrufen werden.

Wir haben uns gefragt, in welcher Beziehung
der Vorschlag der EU zu dem internationalen
System handelbarer
Emissionszertifikate
steht. Wenn es nur ein Vorschlag ist, bei dem
jedes Land einen Einheitssatz hat und dann
auf dem Markt mit Emissionszertifikaten
handeln kann, würden wir diesen Ansatz
unterstützen.

Unsere Verbündeten bei den Verhandlungen gehören
allen Blöcken an: Unter den Industriestaaten besteht
größte Übereinstimmung mit Australien, Kanada,
Japan und Neuseeland. Diese unterstützen unsere
Vorschläge über die Flexibilitätselemente, die in Kyoto
für ein dauerhaftes, erfolgreiches und wirtschaftlich
mögliches Abkommen von großer Bedeutung sind.
Viele Länder der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas unterstützen unsere Vorschläge ebenfalls.
Mit unseren europäischen Kollegen sind wir jedoch in
eine Art Sackgasse geraten.

Uns wurde nicht gesagt, wie die EU die Rechenschaftspflicht sicherstellen will. Welche
Erfüllungsmechanismen gibt es beispielsweise
für den Fall, daß die EU die Obergrenzen
überschreitet? Wird jeder EU-Mitgliedstaat
dieselben Verpflichtungen haben wie die
Länder außerhalb der EU? Ist jedes Land
lediglich für seinen "Anteil" verantwortlich?
Wie wird dieser festgesetzt?

und Asien dargelegt.

Unsere harte Arbeit zahlt sich

Die EU-"bubble"
Wie Sie wahrscheinlich alle wissen, hat sich die EU für
das - von vielen Analysten als unrealistisch und
unerreichbar bezeichnete - Ziel einer Verringerung der
Emissionen bis zum Jahr 2010 um 15 Prozent gegen-

Seite 2

Was für ein Beispiel gibt die EU den Entwicklungsländern? Wenn einigen Industriestaaten
ein 40-prozentiger Anstieg gestattet wird, dann
kann man von den Entwicklungsländern noch
viel weniger verlangen. Um angemessene
Maßstäbe zu setzen, müssen wir von den
Industriestaaten mehr fordern.

AMERIKA DIENST 21

�Wie werden die Mitgliedstaaten der EU einbezogen? Wenn die Zahl der Länder durch
die Aufnahme osteuropäischer Länder mit
niedrigen Emissionen vergrößert wird, wird
dann das Gesamtziel angepaßt?
Dieser Fragenkatalog gibt Ihnen hoffentlich eine Idee
von dem Ausmaß, in dem wir bei der internationalen
Debatte Antworten erwarten.
Klarheit bei diesen
Fragen ist für mögliche Übereinkünfte in Kyoto wesentlich.
Die Entwicklungsländer
Jetzt möchte ich mich einem anderen Thema widmen,
das für die Mitglieder dieses Ausschusses und andere
außerhalb dieses Raums ebenfalls von großer Bedeutung ist: Die Einbeziehung der Entwicklungsländer. Ich
möchte mich deutlich ausdrücken: Die Entwicklungsländer müssen an diesem Vertrag beteiligt sein. Das
Grundprinzip für Aktionen der Entwicklungsländer ist
klar: Obwohl sie derzeit für weniger als die Hälfte der
globalen Emissionen verantwortlich sind, wird ihr Anteil
in den nächsten Jahrzehnten anwachsen, obwohl ihre
Pro-Kopf-Emissionen weiterhin weit unter unseren
liegen. Wir müssen uns mit diesem Trend steigender
Emissionen befassen, wenn wir das Problem langfristig lösen wollen.
Meiner Ansicht nach sollte man jedoch eine andere
Sichtweise dieser Frage besser verstehen - die der
Entwicklungsländer. Betrachten wir einige Zahlen.
Dem zwischenstaatlichen Gremium für den
Klimawandel (IPCC) zufolge werden jährlich
500 Millionen Fälle von Malaria berichtet. Die
Experten sind jedoch der Ansicht, daß sich die
Malaria infolge des Klimawandels weiter
ausbreiten wird. Die meisten Malariatoten
sind Kinder unter fünf Jahren - und nahezu
alle diese Kinder leben in Entwicklungsländern.
Der Weltbank zufolge leben zwei Milliarden
Menschen von weniger als zwei Dollar täglich
und 1,3 Milliarden von weniger als einem
Dollar täglich - und alle leben in den Entwicklungsländern.
Das ist die Sichtweise der Entwicklungsländer, und
das sind die Faktoren, die sie betrachten, wenn sie die
Industriestaaten auffordern, als Erste zu handeln.
Viele nicht informierte Beobachter haben behauptet,
das derzeitige Abkommen enthalte keine Verpflichtungen für die Entwicklungsländer. Das ist nicht richtig.
Tatsächlich werden die Entwicklungsländer unter
anderem aufgefordert, eine Liste ihrer Treibhausgasemissionen aufzustellen, Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels und zur Anpassung daran zu

AMERIKA DIENST 21

ergreifen, an der Entwicklung und dem Transfer von
Technologien mitzuwirken, die Klimaforschung und
entsprechende Bildung und Ausbildung zu fördern und
sich daran zu beteiligen.
Die Entwicklungsländer haben Maßnahmen zur
Erfüllung
ihrer
FCCC-Verpflichtungen
ergriffen.
Ebenso wie wir an der Verringerung unserer Emissionen arbeiten, haben die Entwicklungsländer aggressiv
Programme zur Reduzierung ihrer eigenen Emissionen
eingeleitet. Ein Teil der Bestrebungen der Entwicklungsländer ist das Ergebnis erfolgreicher Programme,
die vom Amt für internationale Entwicklung (AID), vom
U.S. Country Studies Program, von der U.S. Initiative
on Joint Implementation sowie im Zuge bilateraler und
multilateraler Schenkungen von anderen Ländern und
internationalen Organisationen durchgeführt wurden.
Viele der Ressourcen und der Anstoß für Aktionen
haben ihren Ursprung jedoch in diesen Ländern.
Während wir uns auf ein anderes Niveau internationaler Verpflichtungen zubewegen, ist es wichtig zu
verstehen, was bislang erreicht worden ist.
Verschiedene Beispiele für von den Entwicklungsländern unternommene Bestrebungen illustrieren diese
Fortschritte. Der Weltbank zufolge nahmen zwischen
1991 und 1996 die Subventionen für fossile Brennstoffe in 14 Entwicklungsländern, auf die 25 Prozent
der weltweiten Kohlendioxidemissionen entfallen, um
ungefähr 45 Prozent ab - von 60 Milliarden Dollar auf
33 Milliarden Dollar (Zum Vergleich: Die Subventionen
der OECD wurden um ungefähr 20,5 Prozent abgebaut
- von 12,5 Milliarden Dollar auf 9,9 Milliarden Dollar.)
China, das für ungefähr 12 Prozent der weltweiten
C0 2 -Emissionen verantwortlich ist, reformiert aktiv die
Energiepreise und hat die Subventionen von 37
Prozent im Jahr 1984 auf 29 Prozent 1995 gesenkt,
während die Erdölsubventionen von 5 Prozent im Jahr
1990 auf 2 Prozent 1995 gefallen sind. Ferner war
eine Steigerung der chinesischen Effektivität wesentlich: Ohne Interventionen wären die Emissionen 1990
um fast 155 Millionen Tonnen höher gewesen als mit
Hilfe politischer Maßnahmen. Und Ende 1993 wurden
12 Prozent der installierten Elektrizität mit Hilfe von
Kohle und Gas erzeugt. Viele andere Entwicklungsländer fördern ebenfalls aktiv ihre Energieeffizienz.
Beispielsweise wurde in Brasilien durch ein aggressives Programm für den Einsatz von Äthanol aus
Zuckerrohr nahezu die Hälfte des Benzins eingespart,
das ansonsten verbraucht worden wäre.
Was sagt uns das alles? Zweifelsohne sagt es uns,
daß ihre und unsere Erwartungen von unterschiedlichen Annahmen ausgehen. Wir blicken sie an und
verweisen auf die künftige Ursache des Problems; sie
blicken uns an und verweisen auf die jetzige Ursache
des Problems. Wir blicken sie an und machen uns
Sorgen über die Wettbewerbsfähigkeit; sie blicken uns
an und verweisen auf unseren so viel besseren
Lebensstil und unseren Lebensstandard - den die

Seite 3

�meisten von ihnen verzweifelt kopieren wollen, jedoch
zu hören bekommen, daß das aufgrund der Folgen für
die Umwelt für sie nicht in Frage kommt. Wie Präsident Clinton bei der Konferenz im Weißen Haus am
Montag erklärte, ist unser Problem mit China ein
nationales Sicherheitsproblem - es könnte sein, daß
China unserem Emissionsweg folgt und damit eine
Welt schaffen würde, in der wir alle nicht mehr leben
können. Wir blicken auf Kyoto und fordern, daß alle
Länder daran teilnehmen; die Entwicklungsländer
blicken auf Kyoto und stimmen zu, Aktionen durchzuführen - aber erst, wenn die Industrienationen
Schritte unternommen haben.
Historisch sind die Bündnisse der Entwicklungsländer
schwer zu durchbrechen, ungeachtet der häufig
großen Schwierigkeiten innerhalb der Gruppe. Wir
können das Bedürfnis kleiner Inselstaaten nachfühlen,
die sich durch den Anstieg des Meeresspiegels mit
ihrem Untergang konfrontiert sehen, auf aggressiven
Zielen zu bestehen. Wir können zu der Schlußfolgerung gelangen, daß es ein Fehler ist, alle Entwicklungsländer in einen Topf zu werfen - und wir können
vorschlagen, daß arme Länder, die praktisch nichts
emittieren, andere Verpflichtungen haben sollten als
die wohlhabenderen Länder, die einen beträchtlichen
Anteil an dem globalen Ganzen haben.
Wir können die Sorgen der Entwicklungsländer
ausräumen, daß Unterschiede beim Entwicklungsstand real sind, indem wir Flexibilität bei den Verpflichtungen bieten, auf deren Übernahme für sie wir
bestehen. Viele Entwicklungsländer akzeptieren, daß
sie eines Tages größere Verantwortung für den
Umgang mit dem Klimawandel übernehmen müssen sie schlagen jedoch vor, daß der geeignete Zeitpunkt
für solche Aktionen dann wäre, wenn sie eine bestimmte Schwelle der wirtschaftlichen Entwicklung
überschritten haben.
Wir können auch die Sorgen ansprechen, die Entwicklungsländer bezüglich des Ungleichgewichts bei
unseren Erwartungen zum Ausdruck gebracht haben daß von ihnen die Festlegung von Standards erwartet
wird, bevor wir unseren guten Glauben unter Beweis
gestellt haben. Dies wird am besten erreicht, wenn
unsere eigenen Programme voll finanziert werden und
wir aggressiv die Entwicklung der Technologien
anstreben, die für globale Reduzierungen erforderlich
sind.
Wir können durch unsere bestehenden bilateralen und
multilateralen Hilfsprogramme weiterhin aktive Zusammenarbeit zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern fördern. Der Beweis für den Erfolg dieser
Bestrebungen zeichnet sich in vielen Entwicklungsländern mit der Entwicklung erneuerbarer Technologien, dem Abbau von Subventionen, der Verbesserung
der Effizienz und der Umsetzung von Klimaaktionsplänen ab. Mit unserem eigenen Engagement können

Seite 4

wir demonstrieren, daß wir diese Umweltbestrebungen
zu schätzen wissen und die Vereinigten Staaten den
Ländern zur Seite stehen, die in das langfristige und
globale Wohlergehen investieren.
Letztlich sind es die Aktionen selbst, die den internationalen Erfolg bei der Bewältigung des Problems des
Klimawandels ausmachen - nicht das Instrument, das
die Verpflichtungen kodifiziert, oder der Prozeß, durch
den die Aktionen ausgelöst werden können. Echte
Emissionsreduzierungen in allen Ländern der Welt zu
den geringsten Kosten sind unsere Ziele. Es mag
auch andere geben - und wir müssen sie alle zu
unserem Vorteil nutzen.
Ich schlage nicht vor, wir sollen unsere Meinung
ändern: Daß sowohl die Industrie- als auch die Entwicklungsländer handeln müssen, um die andauernde
und potentiell katastrophale globale Erwärmung zu
verhindern. Ich sage vielmehr, wir müssen das, was
wir von den Entwicklungsländern erwarten, mit einer
realistischen und fairen Einschätzung dessen verbinden, wie sie die Welt sehen. Das Ausmaß und der
Zeitpunkt der Verpflichtungen jedes Landes müssen im
Einklang mit seinen nationalen Fähigkeiten und seinem
Entwicklungsstand stehen.
Ausgewogenheit und
Fairneß müssen bewahrt werden. Und jedes Paket,
dem wir in Kyoto zustimmen, wird sicherstellen, daß
dies geschieht.
Unser Vorschlag für die Entwicklungsländer hat drei
Teile:
1.

Erfordert eine Fortsetzung der Förderung der
Umsetzung von Verpflichtungen: Er definiert
im Einzelnen, was das bedeutet und fordert
sie außerdem zur Erhöhung ihrer Energieeffizienz, der Betonung von marktorientierter
Preisfestsetzung, dem vermehrten Einsatz von
emeuerbaren Ressourcen, der Verbesserung
ihres Transportsektors - und im allgemeinen
zu Aktionen zur Bewältigung des Klimawandels auf, die wirtschaftlich für sich allein schon
gerechtfertigt sind.

2.

Er schafft eine neue Kategorie von Ländern
(Annex B), in denen die Entwicklungsländer
freiwillig rechtlich bindende Verpflichtungen zu
Emissionsbegrenzungen oder -reduzierungen
eingehen.

3.

Er sieht vor, daß alle Parteien sich letztlich auf
Bestimmungen einigen, so daß alle Parteien
(einschließlich der Entwicklungsländer) quantitative Treibhausgasemissionsverpflichtungen
haben und es einen Mechanismus für die
automatische Anwendung progressiver Verpflichtungen für Parteien auf der Grundlage
vereinbarter Kriterien gibt.

AMERIKA DIENST 21

�Obwohl wir bei den Verfahren, mit denen jedes dieser
Elemente Teil des Kyoto-Pakets wird, zu Flexibilität
bereit sind, sind wir hinsichtlich der Substanz weiterhin
absolut überzeugt. Die Entwicklungsländer müssen
eindeutig integraler Bestandteil der nächsten Schritte
sein, damit die Vereinigten Staaten in Betracht ziehen
können, Vertragspartei zu werden. Die Vereinigten
Staaten werden keine bindenden Verpflichtungen
eingehen, bis die Entwicklungsländer angemessene
Zusagen im Hinblick auf ihre eigenen Verpflichtungen
machen.
Entwicklung der Infrastruktur
Ich möchte mich nun der umfassenderen Frage
zuwenden, wie wir die Mechanismen entwickeln
wollen, um den Entwicklungsländern die geeigneten
Technologien zu vermitteln, damit wir ihnen bei der
Bekämpfung des Klimawandels behilflich sein können.
Wir sind uns alle bewußt, daß die Emissionen der
Entwicklungsländer voraussichtlich im Rahmen ihrer
Wirtschaftsentwicklung steigen werden, wenn wir nicht
Abhilfe schaffen. Meiner Ansicht nach - und ich
glaube, das ist auch die Ansicht der meisten Mitglieder
dieses Komitees - wird es entscheidend sein, Wege
zur Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern bei
der Verringerung der Emissionen zu finden. Das muß
eine Priorität sein, unabhängig von dem Ansatz, den
wir über die Konvention oder irgendein anderes darauf
folgendes rechtliches Instrument wählen.
Was heißt das? Es heißt, wir müssen die nächsten
100 Gigawatt an energieerzeugenden Kapazitäten
aufbauen, um sauberer und effizienter zu sein. Es
heißt, wir müssen die globale Umweltfazilität voll
finanzieren. Es heißt, wir müssen versuchen, unsere
Bestrebungen zur Entwicklung von Initiativen für die
Förderung von Umwelt-Exportkrediten und -initiativen
fortzusetzen. Es heißt, wir müssen unsere Kreditvergabe über die multilateralen Entwicklungsbanken
und unsere bilateralen Hilfsprogramme rationalisieren,
um Umweltbelange abzudecken. Und es heißt, wir
müssen weiterhin Anstrengungen bei der Entwicklung
und Umsetzung der neuen Technologien der Zukunft
unternehmen.
Lassen Sie uns kurz zwei Entwicklungsländer betrachten, die am meisten emittieren: China und Indien.
Selbst nach mehr als einem Jahrzehnt außerordentlich
starken Wirtschaftswachstums ist China immer noch
ein wirklich unterentwickeltes Land. Auf Pro-KopfBasis beträgt das Bruttoinlandsprodukt rund 620
Dollar. Über 100 Millionen Chinesen haben immer
noch keine Elektrizität. In dem Versuch, die Energieknappheit im Inland zu beheben, fordert Chinas
Fünfjahresplan zusätzliche 70 Gigawatt an elektrizitätserzeugenden Kapazitäten vor dem Jahr 2001.
Das heißt, China wird in den nächsten vier Jahren
jeden Monat ein 1.000 Megawatt starkes Elektrizitätswerk hinzufügen müssen. Im Augenblick werden die

AMERIKA DIENST 21

meisten mit Kohle beheizt - die zur Zeit rund 75
Prozent der chinesischen Elektrizität erzeugt. Dennoch gibt es beträchtliche Möglichkeiten, China dabei
behilflich zu sein, mehr Gas und erneuerbare Energien
mit Gewinnchancen für amerikanische Unternehmen
einzusetzen.
Indien befindet sich in einer ähnlichen Kalamität.
Zwischen 1986 und 1995 stiegen die C02-Emissionen
um 40 Prozent, die Industrialisierung erfolgt durch
inländische Kohle. Zur Zeit hat Indien noch geringere
Pro-Kopf-Emissionen als China - und liegt nahezu
fünfmal unter dem Weltdurchschnitt von vier Tonnen
pro Person und ungefähr ein Zwanzigstel unter den
Emissionen der Vereinigten Staaten. Ebenso wie
China installiert auch Indien enorme Quantitäten neuer
energieerzeugender Kapazitäten - Pläne fordern die
Installation von 62 Gigawatt bis 2002. Ineffizienz und
schlechte Technologie beeinträchtigen die derzeitige
Infrastruktur des Landes. Zur Zeit gehen in Indien bis
zu 40 Prozent der erzeugten Elektrizität bei der
Übertragung und Verteilung verloren. Auch hier gibt es
Profitchancen für amerikanische Unternehmen.
Wir müssen Wege sondieren, um diese Länder zum
Aufbau einer klimafreundlicheren Energieinfrastruktur
zu ermutigen. Glücklicherweise stehen Möglichkeiten
zur Verfügung, in eine tragfähigere Richtung zu gehen.
Wir können beispielsweise mit den internationalen
Finanzinstitutionen (einschließlich der Weltbank und
den regionalen Entwicklungsbanken) zusammenarbeiten und von ihnen verlangen, daß sie die Auswirkungen der Finanzierung von Kraftwerken genauer
prüfen. Das könnte bedeuten, daß wir von einigen der
derzeitigen Lösungen abweichen müssen, die von den
internationalen Finanzinstitutionen als kostengünstigste angesehen wurden, weil die Schäden durch den
Klimawandel nicht in frühere Kostenrechnungen
eingegangen sein könnten. Wir würden einen intensiveren Dialog mit dem Kongreß über Wege zur Verbesserung der Kreditvergabestrategien für Energieprojekte begrüßen.
Viele der von den Entwicklungsländern durchzuführenden Aktionen werden gut für die globale Umwelt sein sie werden jedoch Geld kosten. Wir müssen die der
globalen Umweltfazilität zur Verfügung stehenden
Mittel aufstocken, die einen Teil der Kosten übernehmen möchte, um die Vorteile für die globale Umwelt zu
nutzen, die der Planet so dringend benötigt.
Wir müssen Wege sondieren, um auch unseren
Privatsektor in den Dialog einzubeziehen. Kommerzielle Energielieferanten suchen Chancen zur Energieerzeugung in Entwicklungsländern. Um das Meiste
aus diesen Möglichkeiten zu machen, benötigen wir
Mechanismen, die "Emissionsgutschriften" für solche
Investitionen von Firmen und/oder Industriestaaten
vorsehen. Wir benötigen andere Exportfinanzierungsbehörden, die Standards wie die Emissionsrichtlinien

Seite 5

�der Export-Import Bank für die von ihr unterstützten
Projekte einführen und gleichzeitig finanzielle Anreize
für amerikanische Exporteure und ausländische Käufer
bieten, die erneuerbare Energien und Technologieoptionen mit niedrigen Emissionen bei der Erfüllung
ihres Bedarfs an Energieerzeugung wählen. Maßnahmen wie die der Ex-Im Bank müssen mit der
globalen Erkenntnis und Akzeptanz starker Umweltkriterien einhergehen. Sobald unsere Firmen bewiesen haben, daß neue brennstoffeffiziente Technologien und erneuerbare Energiequellen kommerziell
tragfähig sind, können wir davon ausgehen, daß die
Entwicklungsländer diese Technologien schnell
einführen. Wir sollten auch Wege zur Ermutigung von
Forschung und Entwicklung für energieeffiziente und
erneuerbare Energien sondieren - sowohl durch
unseren Privatsektor als auch durch staatliche Finanzierung und Forschung. Die Entwicklung langfristiger Alternativen wird auf dem Weg zu einer

*

Seite 6

tragfähigen Zukunft von entscheidender Bedeutung
sein. Der Kongreß stand an vorderster Front bei der
Förderung von Investitionen des Privatsektors. Wir
würden einen weiteren Dialog darüber begrüßen, wie
unsere Umweltziele durch solche Mechanismen
vorangebracht werden können.
Es ist klar, daß diese Aktionen durchgeführt werden
müssen. Es ist jedoch ebenso klar, daß keiner dieser
wichtigen Schritte von der Administration im Alleingang
unternommen werden kann. Jeder benötigt die
Unterstützung des Kongresses. Die Aufmerksamkeit,
die der Senat dem Klimaproblem widmet, hat die
Bedeutung des Problems und die Notwendigkeit, alle
Länder in die Lösung einzubeziehen, in den Brennpunkt gerückt. Vor diesem Hintergrund müssen wir
jetzt zusammenarbeiten, um diese Lösung zu finden.
Genau das möchte ich jetzt tun.

* * * *

AMERIKA DIENST 21

�WIRTSCHAFT
29. Oktober 1997

Die Auswirkungen der EWWU
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Stellvertretenden
US-Finanzministers Lawrence H. Summers vor dem Haushaltsausschuß des Senats vom 21. Oktober 1997.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vor
vierzig Jahren war der Zusammenschluß der europäischen Volkswirtschaften durch die Einführung einer
gemeinsamen Währung das in weiter Ferne liegende
Ziel einige europäischer Denker. Heute scheint dieses
ehrgeizige Projekt kurz vor seiner Realisierung zu
stehen - und erregt hier in den Vereinigten Staaten
große Aufmerksamkeit.
Wie Sie wissen, beschlossen die europäischen Staatsund Regierungschefs 1992 mit der Unterzeichnung
des Maastrichter Vertrags über die Europäische Union
die Einführung einer einheitlichen Währung. Der
Vertrag enthält einen Zeitplan für die Einführung der
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU) bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Seitdem
ist die Umsetzung dieser Pläne ein großes Anliegen
der europäischen Politiker.
In etwas mehr als sechs Monaten kommt das Projekt
mit der Auswahl der ersten Mitglieder der neuen
Währungsunion in sein letztes Stadium. Weitere
knapp sechs Monate später, am 1. Januar 1999,
geben diese Länder die Kontrolle über ihre Währungspolitik und die Umsetzung ihrer Wechselkurspolitik an
die neue europäische Zentralbank ab, und die neue
Währung - der Euro - wird Realität.
Im Jahr 2002 könnte eine Reise durch große Teile
Westeuropas nicht mehr Gänge zum Devisenschalter
einer Bank erfordern als eine Reise quer durch die
Vereinigten Staaten.
Auf den Finanzmärkten herrscht eine wachsende und
weitverbreitete Überzeugung, daß die EWWU eingeführt wird, und daß das pünktlich geschieht. Daher ist
dies für diesen Ausschuß - und für die Vereinigten

AMERIKA DIENST 21

Staaten allgemein - ein äußerst angemessener
Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Dies ist im
Grunde eine europäische Angelegenheit, die von den
Europäern entschieden wird. Die Administration hat es
nie als angemessen für die Vereinigten Staaten
erachtet, sich an Debatten darüber zu beteiligen, ob
eine einheitliche Währung das Richtige für Europa ist,
wie die Struktur einer Währungsunion auszusehen hat
und noch viel weniger, welche Länder ihr angehören
sollten. Ich werde heute nicht von diesem Ansatz
abweichen. Diese Fragen müssen von den Europäern
selbst beantwortet werden. Ich möchte jedoch erörtern, welche Auswirkungen dieses Projekt einer
einheitlichen Währung wahrscheinlich auf die amerikanische Wirtschaft haben wird.
Ich möchte mich bei meinen Ausführungen auf drei
Themenbereiche konzentrieren: Erstens, welche
Auswirkungen die Einführung einer gemeinsamen
Währung auf die Europäische Union als bedeutende
Volkswirtschaft und internationalen Partner der
Vereinigten Staaten haben könnte; zweitens, wie sie
das internationale Finanzsystem als Ganzes beeinflussen könnte und drittens, wie wir uns auf diese
Veränderung vorbereiten.
I.

Die Auswirkungen der EWWU auf Europa und seine Partner

Wie Sie wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa schon seit langem der Grundstein
unserer Wirtschafts- und Außenpolitik. Wir haben das
europäische Streben nach engerer Integration von
Anfang an unterstützt. Die Gründung der Montanunion, des Gemeinsamen Marktes, des Binnenmarktes

Seite 1

�und jetzt die Pläne für eine Erweiterung der EU - all
dies haben wir gefördert, und all dies liegt in unserem
ureigenen Interesse.
Wir haben dasselbe Interesse an der Einführung einer
einheitlichen Währung wie an jeder anderen bedeutenden Entwicklung in Europa. Uns ist damit gedient,
wenn die Wirtschaft dieser Region prosperiert und die
Öffnung von Märkten sowie die Stärkung ihrer Beziehungen zur Weltwirtschaft anstrebt. Europa wird
Vorteile durch eine Wirtschafts- und Währungsunion
haben, die diese Ziele unterstützt - und wenn Europa
prosperiert, erhöht das auch den Wohlstand in den
Vereinigten Staaten.
1.1

Die EWWU und europäisches Wirtschaftswachstum

Ein schnell wachsendes Europa bietet auch einen
dynamischeren Markt für unsere Exporte - und ist
weltweit für uns ein stärkerer Partner. Im vergangenen
Jahr überstieg unser gesamter Warenhandel mit der
EU 270 Milliarden Dollar - womit die EU nur von
Kanada übertroffen wird. Mehr als die Hälfte unserer
ausländischen Direktinvestitionen - nahezu 400
Milliarden Dollar - werden in Europa getätigt. Und wir
verzeichnen dabei einen Aufwärtstrend: Zwischen
1982 und 1995 stieg die Zahl amerikanischer Investitionen in Europa durchschnittlich um ungefähr 11
Prozent - etwas schneller als unsere Investitionen in
der übrigen Welt.
Diese Zahlen zeugen von den zahlreichen Handelsund Investitionsmöglichkeiten, die das Ergebnis der
jüngsten Schritte zu engerer europäischer Integration
sind. Es lohnt sich festzustellen, daß die engere
Abstimmung der Wirtschaftspolitik der einzelnen
Länder und die veränderten Erwartungen an die
Märkte im Zuge der Vorbereitungen auf die EWWU für
viele Länder signifikante wirtschaftliche Vorteile
beinhalten. In Italien sind beispielsweise die langfristigen Zinsen seit Anfang 1993 um 5,5 Prozentpunkte gefallen, da sich das Verhältnis zwischen den
italienischen und deutschen Wertpapierkursen durch

Jahren angestiegen ist. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in der EU betrug letztes Jahr mehr als 11
Prozent - ungefähr das Doppelte von 1979. In manchen Ländern ist jeder vierte Bürger im Alter von
Anfang Zwanzig arbeitslos, während fast die Hälfte der
Arbeitslosen seit mehr als einem Jahr keine Arbeit
mehr hat.
Teilweise als Ergebnis dieser Mängel des Arbeitsmarktes sah sich Europa in den letzten Jahren auch
mit gravierenden haushaltspolitischen Ungleichgewichten konfrontiert. Der Maastrichter Vertrag von 1992
legte Kriterien für den Beitritt zur EWWU fest, die
sicherstellen sollten, daß alle Mitglieder diese Probleme vor ihrem EWWU-Beitritt gelöst haben. Diese
Kriterien haben zahlreiche Regierungen zu beträchtlichen Fortschritten angespornt.
Der von den europäischen Staats- und Regierungschefs vergangenen Dezember in Dublin vereinbarte
Stabilitäts- und Wachstumspakt soll gewährleisten,
daß die Länder ihre Staatsverschuldung weiterhin
streng unter Kontrolle halten, wenn sie der EWWU
angehören. Aber ebenso wie die Vereinigten Staaten
sieht sich jedes europäische Land weiterhin der
Herausforderung der zunehmenden Alterung der
Bevölkerung gegenüber - einer Herausforderung für
die Rentensysteme und das Gesundheitswesen
gleichermaßen.
Die europäischen Regierungen haben wiederholt
darauf hingewiesen, daß sie die notwendigen Strukturreformen durchführen wollen, um die hohe Arbeitslosigkeit und diese drohenden finanziellen Engpässe
anzugehen. Wir haben jedoch gesehen, daß es oft
schwierig war, einen politischen Konsens über diese
Fragen zu erzielen - nicht zuletzt, weil bei vielen die
erforderlichen Reformen den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in Europa treffen, der sich im Laufe
dieses Jahrhunderts entwickelt hat.
Die Einführung der EWWU wird es für die Regierungen
entscheidender machen, diese Strukturreformen in
Europa fortzusetzen, damit dieser Kontinent ein

die erhöhten Erwartungen an einen Beitritt Italiens

stabiles Wachstum genießen kann.

angepaßt hat.
Dieses gestärkte Vertrauen des
Marktes in die italienischen Kapitalanlagen hat die
Darlehenskosten für die Regierung beträchtlich
gesenkt und einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen
Erholung Italiens geleistet.

Schocks für die inländische Nachfrage werden die
einzelnen Mitgliedstaaten der EWWU nicht mehr über
alle Freiheiten verfügen, mit einer Auf- oder Abwertung
ihrer Währungen oder der Senkung beziehungsweise
Erhöhung ihrer Zinssätze zu reagieren. Und angesichts der kombinierten Zwänge des Finanzstabilitätspakts, der bestehenden Schulden und Haushaltsdefizite können sie nicht länger steuerliche Anreize zur
Förderung des Wachstums geben.

Trotz aller positiven Auswirkungen dieser verstärkten
Integration zweifelt niemand daran, daß Europa immer
noch mit ernsthaften wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert ist - die gemeistert werden müssen,
wenn die EWWU erfolgreich sein soll.
An oberster Stelle der Liste steht die hohe Arbeitslosenrate in Europa, die - nur unterbrochen von
gelegentlichen Atempausen - seit den frühen achtziger

Seite 2

Im Falle eines

Sollte der Umgang mit der neuen Währung die Politiker
von der Notwendigkeit der Durchführung grundlegender Reformen ablenken, könnte die verringerte
ökonomische Autonomie der Teilnehmer zu Wachstumsverlusten führen. Das macht es um so ermutigen-

AMERIKA DIENST 21

�der, im gesamten europäischen politischen Spektrum
Stimmen zu hören, die einräumen, daß die EWWU
gelungene Strukturreformen voraussetzt und die Politik
in diese Richtung gehen sollte. Wie wir bei der
jüngsten Flut länderübergreifender Fusionen und
Akquisitionen gesehen haben, reagiert der europäische Privatsektor bereits auf die Erfordernisse der
neuen Situation. Für die Regierungen besteht die
Herausforderung darin, auf dem wachsenden Konsens
zugunsten des Wandels aufzubauen und diesen in zu
echten Strukturreformen führende Bahnen zu lenken.
1.2

Die EWWU und die Rolle Europas in der
Weltwirtschaft

Die EWWU darf die europäischen Politiker ebenso
wenig von ihren innenpolitischen Herausforderungen
ablenken wie von den Europa konfrontierenden
internationalen Herausforderungen. Von besonderer
Bedeutung in diesem Kontext ist die Erweiterung der
EU um verschiedene Länder des ehemaligen sowjetischen Blocks.
Dies ist ein ehrgeiziges Unterfangen, an dessen Erfolg
die US-Regierung interessiert ist. Obwohl die Schwierigkeiten und damit einhergehenden Kosten beträchtlich sein mögen, gilt das ebenso für die potentiellen
Ergebnisse. Die Osterweiterung bietet nicht nur die
Möglichkeit eines Transfers von Technologie und
Kapital, sondern auch von demokratischen und
marktorientierten Institutionen und Kulturen. Sie alle
würden viel dazu beitragen, den Übergang dieser
Länder zu marktwirtschaftlichen Demokratien langfristig zu festigen.
Allgemein wird es in den Jahren nach der Einführung
der EWWU für die Europäische Union sehr wichtig
sein, verbleibende Ängste über die Schaffung einer
"Festung Europa" durch die weitere Öffnung von
Märkten und die Stärkung der Verbindungen zur
Weltwirtschaft zu zerstreuen. Die EWWU wird für die
weitere Entwicklung der G-7 und die Art der Beteiligung Europas an internationalen Organisationen
wie beispielsweise dem Internationalen Währungsfonds bedeutsame Fragen auf werfen. Wir sehen einer
Zusammenarbeit mit der EU bei diesen Fragen im
nächsten Jahr nach der Auswahl der ersten Mitglieder
erwartungsvoll entgegen.
Bestrebungen zur Lösung dieser Fragen müssen ein
übergeordnetes Ziel haben: Daß Europa aus der
EWWU mit der Fähigkeit hervorgeht, bei politischen,
währungspolitischen und anderen Fragen auf der
internationalen Bühne eine aktive, konstruktive Rolle
zu übernehmen. Die logische Schlußfolgerung ist, daß
die europäischen Politiker es vermeiden müssen, sich
zu stark mit dem Aufbau und der Verfeinerung der
Architektur der Währungsunion zu befassen.

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II.

Die zukünftige Rolle des Euro im globalen
Finanzsystem

Die Einführung einer neuen europäischen Währung
am 1. Januar 1999 würde die größte Veränderung im
internationalen Währungssystem seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems Anfang der
siebziger Jahre darstellen. Es wäre wirklich ein nie
zuvor dagewesenes Ereignis - in der europäischen
Geschichte und in der Weltgeschichte. Zweifelsohne
haben die Vereinigten Staaten großes Interesse an
den Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die
internationalen Finanzmärkte.
In diesem Zusammenhang wurden zwei Themenkomplexe angesprochen: Erstens die Auswirkungen der
EWWU auf die internationale Rolle des Dollar und
zweitens die möglichen Auswirkungen auf den kurzfristigen Handel und die Entwicklung der Wechselkurse. Ich möchte mich deutlich ausdrücken: Im
allgemeinen spekulieren wir nicht über die zukünftigen
Werte existierender Währungen, sei es unsere eigene
oder die anderer Länder. Diese Bescheidenheit
erstreckt sich zweifelsohne auf zukünftige Trends bei
der Bewertung von Währungen, die noch nicht existieren. Nach diesen allgemeinen Einschränkungen
möchte ich jedoch versuchen, ein paar generelle
Beobachtungen zu jedem dieser Themenkomplexe
anzustellen.
11.1

Der Dollar als Reservewährung

Man sollte sich immer wieder vergegenwärtigen, daß
der Stand des Dollar im internationalen Finanzsystem
im Vergleich zu anderen Währungen letztlich immer
stärker von den Entwicklungen in den Vereinigten
Staaten als von denen in anderen Ländern abhängt.
Man könnte sagen, der Schwarze Peter geht von uns
aus und kommt immer wieder zu uns zurück. Wenn
die Vereinigten Staaten entschiedene und glaubwürdige Maßnahmen ergreifen, bleibt der Dollar eine stabile
Währung: Das Schicksal des Dollar liegt großenteils in
unseren Händen.
Obwohl die internationale Verwendung des Dollar in
den siebziger und achtziger Jahren eine leichte
Abnahme verzeichnete, hat sie sich seitdem mehr als
stabilisiert. Im vergangenen Jahr wurden 64 Prozent
der offiziellen ausländischen Währungsreserven in
Dollar gehalten - verglichen mit ungefähr 57 Prozent im
Jahr 1990. Mit Blick auf die Zukunft erscheint der
Dollar einzigartig geeignet, von der charakteristischen
Entwicklung der Weltwirtschaft unserer Zeit und dem
Wachstum entstehender Märkte zu profitieren. Noch
offensichtlicher ist, daß ein sehr großer Teil der
internationalen Währungsreserven in Dollar gehalten
wird und die Mehrheit der grenzüberschreitenden
Transaktionen in Lateinamerika und Asien in dieser
Währung abgewickelt werden.

Seite 3

�Es ist schwierig, mit Sicherheit vorauszusagen, welche
Rolle der neugeschaffene Euro übernehmen wird.
Wer erwartet, daß er schnell an Bedeutung zunimmt,
deutet damit an, daß er die gemeinsame Währung von
Ländern sein wird, die einen beträchtlichen Teil des
globalen Output darstellen. Die Skeptiker weisen
darauf hin, daß die neue Währung keine Leistungen
vorweisen kann und die Investoren zuerst Fortschritte
bei der Preisstabilität sehen wollen, bevor sie eine
Verpflichtung eingehen. Trotz der eindeutigen Unterstützung der Mitgliedstaaten gibt es Zweifel hinsichtlich
des Funktionierens der Währungspolitik innerhalb des
neuen Systems - Zweifel, die letztlich nur von der
Erfahrung ausgeräumt werden.
Wenig Uneinigkeit besteht hinsichtlich der Frage, daß
sich internationale Devisenbestände - politische Fehler
großen Ausmaßes vorbehalten - nicht schnell ändern.
Insbesondere werden sich die europäischen Finanzmärkte nicht über Nacht verändern. Es stimmt, daß
die EWWU nahezu direkt zur Schaffung einer Vielzahl
von Vermögenswerten in Euro führen wird - das
Vielfache der derzeit in D-Mark vorhandenen. Es
erfordert jedoch Zeit, bevor dieses breite Spektrum
dem in den Vereinigten Staaten entspricht oder - vor
dem Hintergrund unterschiedlicher Ansichten über die
Kreditwürdigkeit der einzelnen Staatspapiere - der
Homogenität des amerikanischen Marktes für Staatsschulden.

keine Nation oder Region ihren Weg zu Wohlstand
abwerten kann. Im Verlauf dieses Jahrhunderts haben
wir gelernt, daß konkurrierende Abwertungen angesichts schlechter Bedingungen im Inland ein unzulänglicher Ersatz für konzertierte Anstrengungen zur
Inangriffnahme der innenpolitischen Wurzeln des
Problems sind. Das Gleiche gilt für Europa nach der
EWWU. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig,
daß das Wachstum auf festen Fundamenten steht einschließlich einer soliden und breitgefächerten
Binnennachfrage.
Und schließlich haben viele der Besorgnis Ausdruck
verliehen, daß die Finanzmärkte während der Übergangsphase zur EWWU ungewöhnlich großen
Schwankungen ausgesetzt sein könnten. In Anbetracht der Größenordnung der Veränderungen ist
dies keine unberechtigte Sorge. Wir glauben jedoch
nicht, daß es einen inhärenten Grund gibt, aus dem die
bisher angekündigten Vorbereitungen für eine einheitliche Währung eine beträchtliche Erhöhung der
Schwankungen auslösen könnten. Auf jeden Fall
sollte eine solche Erhöhung mit der Zeit abebben,
während sich die Märkte an das neue Umfeld gewöhnen.

Die wichtigsten europäischen Volkswirtschaften setzen
ihre Wechselkurse seit einiger Zeit untereinander fest,
wobei die Tendenz zu Schwankungen gering ist. In
diesem Sinne haben die Länder Europas bereits seit

Andere haben dargelegt, daß die EWWU langfristig zu
größeren Wechselkursschwankungen führen wird, weil
die Regierungen eine entspanntere Haltung gegenüber
Wechselkursfluktuationen einnehmen könnten. Die
logische Begründung ist, daß Wechselkursstörungen
auf kleine, offene Volkswirtschaften größere Auswirkungen haben. Europa ist aus einzelnen kleineren
Volkswirtschaften mit einem höheren Prozentsatz
zwischen Handel und Bruttoinlandsprodukt zusammengesetzt als die Vereinigten Staaten und ist aus
diesem Grund mehr an einer Dämpfung der Instabilität
des Wechselkursmarkts interessiert. Wenn die EWWU
eingeführt wird, werden die Mitglieder jedoch Teil einer
kollektiven Einheit sein, die ungefähr die Größe der
amerikanischen Volkswirtschaft mit einem ähnlichen
Handelsniveau haben wird. Daher wird argumentiert,
daß die europäischen Regierungen größere Wechselkursfluktuationen zulassen werden - eben weil dies ein

einigen Jahren eine gemeinsame Währungspolitik.

kleineres Problem ist.

Der generelle Ansatz jedes Landes spiegelt die
Erkenntnis wider, daß eine starke Währungspolitik
unerläßlich ist, um ein gesundes Umfeld für Investitionen und Wachstum zu schaffen - Investitionen und
Wachstum, die Europa benötigt, wenn es ernsthaft
gegen die Arbeitslosigkeit vorgehen will. Wir begrüßen
die weitverbreitete Erkenntnis der europäischen
Regierungen, daß eine solide Währungspolitik durch
ein starkes Finanzsystem und eine solide Haushaltspolitik unterstützt werden muß - und starke, unabhängige Zentralbanken voraussetzt.

Man könnte spekulieren, daß dies geschieht, und man
könnte dennoch argumentieren, daß die EWWU die
Wechselkursinstabilität tatsächlich dämpft, indem sie
die Versuchung verringert, kontraproduktive Bestrebungen zur Kontrolle der Wechselkurse zu unternehmen. Die bloße Bandbreite dieser Vorhersagen ist ein
Grund zur Vorsicht.

Selbst wenn es in den Jahren nach der EWWU
Bewegung in diese Richtung gäbe, würden unsere
Finanzmärkte zweifelsohne die liquidesten der Welt
bleiben. Vor diesem Hintergrund ist es sehr unwahrscheinlich, daß die Einführung des Euro in absehbarer
Zukunft bedeutende Auswirkungen auf die Kreditkosten in den Vereinigten Staaten haben wird.
11.2

Handel und Wechselkursschwankungen

Mit Blick auf die Zukunft sollten die Europäer sich
bewußt werden - was viele bereits getan haben - daß

Seite 4

Ich wiederhole - es ist absolut möglich, daß die EWWU
eher eine Kraft der Kontinuität sein wird. Schließlich
wird die externe Wechselkurspolitik der EWWUMitglieder wahrscheinlich der aktuellen deutschen
Politik sehr nahe sein, die auch der Japans und der
Vereinigten Staaten ziemlich ähnlich ist. Unter den

AMERIKA DIENST 21

�führenden Währungen wird es immer noch ein flexibles
Wechselkurssystem geben, das nicht auf bestimmte
Wechselkursniveaus abzielt. Und wir werden immer
noch einen effektiven Prozeß der Zusammenarbeit bei
der Währungs- und Wechselkurspolitik beibehalten,
wenn die Umstände solche Bestrebungen nahelegen.
IM.

Vorbereitungen auf die EWWU
Vereinigten Staaten

in den

Die EWWU ist in vieler Hinsicht ein umfangreiches und
ehrgeiziges Projekt. Allein die Größenordnung der
Veränderungen gibt Grund zur Sorge, daß etwas
falsch laufen könnte, jedoch keinen Grund, daß etwas
falsch laufen wird. Das Finanzministerium, die Bundeszentralbank und andere Behörden beobachten die
Entwicklungen sorgfältig, haben jedoch keinen Anlaß
zu der Vermutung, daß die Ereignisse eine ungewöhnliche Reaktion unsererseits erfordern werden.

Informationsmanagement sehr viel tun - Arbeit, die
angesichts der Nähe der EWWU wahrscheinlich in den
kommenden Monaten beschleunigt werden muß.
Es wurde beispielsweise Besorgnis über die speziellen
Schwierigkeiten bei der Vorbereitung von Computersystemen für die EWWU geäußert - Probleme, die in
vieler Hinsicht denen für das Jahr 2000 vorhergesehenen vergleichbar sind. Diese Probleme und durch die
Einführung einer einheitlichen Währung aufgeworfene
Rechtsfragen könnten erforderlich machen, daß Bankund Wertpapieraufsichtsbeamten die Aufmerksamkeit
auf das Problem lenken und sicherstellen, daß die
Firmen zur Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber Kunden
und Handelspartnern bereit sind. Obwohl ich den
amerikanischen Unternehmen nicht garantieren kann,
daß die EWWU wie versprochen eingeführt wird,
möchte ich ihnen raten, vorbereitet zu sein.
IV.

Die europäischen Regierungen, die Zentralbanken und
der Privatsektor treffen praktisch alle Vorbereitungen
für dieses Projekt. Vertreter des Finanzministeriums
und der Bundeszentralbank kommen mehrere Male
pro Jahr auf vielen Ebenen mit ihren europäischen
Amtskollegen zusammen. Es überrascht nicht, daß die
EWWU im vergangenen Jahr ein wichtiges Thema
dieser Diskussionen war. Ich möchte hinzufügen, daß
die Regierung der Vereinigten Staaten bei den meisten
Vorbereitungen für die EWWU keine direkte Rolle
spielt.
Für Privatunternehmen, die aktiv am internationalen
Handel, an Finanztransaktionen beteiligt oder in
Europa tätig sind, ist es anders. Sie müssen in den
Bereichen Rechnungs- und Finanzwesen sowie

*

AMERIKA DIENST 21

Schlußfolgerung

Ich möchte mit dem Punkt abschließen, mit dem ich
begonnen habe. Die Vereinigten Staaten haben ein
starkes wirtschaftliches und sicherheitspolitisches
Interesse an einem stabilen und wohlhabenden
Europa - das unser Interesse an einer Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion weckt, die der Region
die Stärke und das Vertrauen vermittelt, die sie
benötigt, um die Reformen und die weitere Integration
ihrer Wirtschaft in die der übrigen Welt fortzusetzen.
Ich sage gerne, wenn die EWWU für Europa funktioniert, wird sie auch für die Vereinigten Staaten funktionieren. Je mehr die einheitliche Währung Europa bei
der Entwicklung einer robusten und gesunden, für die
Weltmärkte offenen Wirtschaft behilflich ist, desto
willkommener wird das Projekt sein.

* * *

*

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

Deutschland und Amerika:
Eine selbstverständliche Partnerschaft
vor neuen Herausforderungen
von Botschafter John Kornblum
DESSAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des amerikanischen Botschafters John Kornblum bei
der vierten American Business Conference in Schloß Köthen am 17. Oktober 1997.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zu unserer vierten American Business Conference
möchte ich Sie herzlich begrüßen. Der Aufbau Ost und
die Förderung amerikanischer Investitionen in den
neuen Bundesländern bleibt uns ein wichtiges
Anliegen. Diese Konferenz soll in Zusammenarbeit mit
unseren deutschen Partnern amerikanischen Firmen
neue attraktive Betätigungsfelder in den neuen
Bundesländern aufzeigen und das schon beträchtliche
amerikanische Engagement im Osten Deutschlands
festigen.
Die Tatsache allein, daß wir uns zum vierten Mal
treffen, zeigt, daß wir nach dem Ende des Kalten
Krieges dabei sind, neue Tradition zu entwickeln. Wir
alle, Sie und ich, wirken an der Neudefinition unserer
Beziehungen mit.
Das Neue stellt sich nicht zufällig und spontan ein. Es
bedarf der Überlegung und Reflexion. Wir müssen die
Richtung angeben, aus der wir kommen und in die wir
gehen möchten.
Natürlich nehmen die Wirtschaftsbeziehungen nach
Ende des Kalten Krieges einen neuen Stellenwert ein.
Diese Konferenz und Ihre Anwesenheit sind der beste
Beleg dafür. Doch werden auch sie nur florieren, wenn
sie in einen Rahmen des historischen Bewußtseins der
politischen
Bedeutung
unserer
Kooperation
eingebunden sind.
Aus diesem Grund möchte ich den Auftakt zur
diesjährigen Konferenz in Sachsen-Anhalt zum Anlaß
nehmen, nicht nur über die Wirtschaftsbeziehungen
zwischen unseren Nationen, sondern über unser

AMERIKA DIENST 21

Verhältnis in seiner ganzen Breite und in seinem
historischen Kontext zu sprechen.
Ich betrachte Deutschland und Amerika als
selbstverständliche Partner. Das galt für die Zeit des
kalten Krieges und das gilt auch heute.
Darum
entbehrt auch all das Gerede und Geraune um eine
Entfremdung zwischen Deutschland und Amerika nach
Ende des Kalten Krieges jeglicher Grundlage.
Warum sind wir selbstverständliche Partner? Natürlich
spielt hier die Geschichte eine Rolle. Wir waren dies
nicht immer, wie zwei Weltkriege in diesem
Jahrhundert gezeigt haben. Aber der demokratische
Wiederaufbau Deutschlands und das Zusammenstehen während der kommunistischen Bedrohung
haben unsere Nationen sehr nahe gebracht.
Sicherlich hat sich in dieser Zeit die viel beschworene
Wertegemeinschaft gebildet.
Aber was die
Selbstverständlichkeit der Partnerschaft in der
Nachkriegszeit begründet hat, ist - so glaube ich - der
pragmatische Umgang mit diesen Werten im
politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Alltag.
Dieser Pragmatismus, der in Amerika vielleicht schon
seit Pioniertagen verankert ist und ja auch in einer
philosophischen Schule Ausdruck gefunden hat, ist
unseren Völkern gemeinsam.
Seit wir ihn in der
Nachkriegszeit als Basis des gemeinsamen Handelns
entdeckt haben, hat er uns erlaubt, ohne ideologische
Grundsatzstreitigkeiten zu tragfähigen Lösungen aller
dringlicher Probleme zu kommen.
Ich kenne jedenfalls keine andere Nation, mit der wir
selbst bei Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen so

Seite 1

�schnell zu tragfähigen und zukunftsweisenden
Lösungen kommen können. Diese Fähigkeit macht
Deutschland und die USA zu selbstverständlichen
Partnern.
Die Liste von Erfolgen, mit der ich diese These
belegen könnte, ist lang. Sie reicht von der Abwehr
kommunistischer Pressionen wie der Berlin-Blockade
in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur
Zusammenarbeit bei der Erweiterung der NATO heute.
Aber der größte Erfolg der pragmatischen
Partnerschaft ist die Wiedervereinigung Deutschlands
gewesen.
Daran müssen wir uns bei dieser
Konferenz erinnern, denn ohne diesen Erfolg wären
wir heute nicht hier. Die deutsche Wiedervereinigung
hat sicherlich viele Väter: Die völlige Diskreditierung
des Totalitarismus, sein wirtschaftlicher Zusammenbruch und der Mut und die Entschlossenheit der ihm
unterworfenen Bürger, ihn mit friedlichen Mitteln zu
beseitigen.
Bundeskanzler Kohls Entschlossenheit, die deutsche
Einheit herbeizuführen und die vorausschauende
Politik von Michael Gorbatschow sind sicherlich
entscheidende Faktoren gewesen.
Aber ohne
amerikanisches Zutun wäre die Vereinigung auch nur
schwer vorstellbar gewesen.
Die Vereinigten Staaten hatten keine Bedenken oder
Furcht vor einem wiedervereinten Deutschland. Ja,
wir Amerikaner waren davon überzeugt, daß die
Wiedervereinigung ein berechtigtes Anliegen ist und
daß sie dem Frieden in Europa dienen würde.
Wir haben den Wiedervereinigungsprozeß deshalb
vorbehaltslos unterstützt. Wir wollten ihn aber auch
steuern und in einem stabilen Rahmen halten, der die
Interessen aller Beteiligten berücksichtigt. Dies haben
wir zuerst durch die Prinzipien getan, die Präsident
Bush Ende 1989 formuliert hat, wozu vor allem das
Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes und
der Vollzug der Vereinigung im Rahmen der deutschen
Mitgliedschaft in der NATO und anderen europäischen
Organisationen gehörten.
Zweitens, haben wir einen Verhandlungsrahmen
vorgeschlagen, die sogenannten Zwei-Plus-VierVerhandlungen, die das internationale Fundament für
den Vereinigungsprozeß legten. Die amerikanische
Präsenz und strategische Partizipation waren damit
gesichert. Und schließlich konnten wir auch Rußland
dafür gewinnen.
Deutsche und Amerikaner zogen hierbei von Anfang
an an einem Strang. Unsere enge Zusammenarbeit
mündete in eine pragmatische Strategie zur
Überwindung der Teilung Deutschlands.

Seite 2

Als jemand, der sein ganzes professionelles Leben an
der Überwindung des europäischen Totalitarismus
gearbeitet hat, erfüllt mich dieser Erfolg mit großer
Genugtuung und Stolz. Die deutsche Vereinigung hat
in eindrucksvoller Weise die Selbstverständlichkeit
unserer Partnerschaft bestätigt.
Ich habe viel Verständnis für die praktischen
Probleme, die das Zusammenwachsen der beiden
Hälften Deutschlands mit sich bringt. Ich habe aber
überhaupt kein Verständnis für Kleinmut und
Wehleidigkeit.
Die Vereinigung hat nämlich das
geschaffen, was Deutsche und Amerikaner als
wesentliche Voraussetzung ihrer Partnerschaft und der
Organisation des gesellschaftlichen Lebens ihrer
Länder ansehen: Freiheit für alle Menschen in
Deutschland und Europa.
Nur in Freiheit sind politische Selbstbestimmung und
sinnvolles Zusammenleben möglich, nur in Freiheit
sind produktive wirtschaftliche Betätigung und
Prosperität möglich, nur in Freiheit kann sich kulturelle
Kreativität entfalten.
Ich werde nicht so schnell vergessen, wie ich in den
achtziger Jahren nach Dessau kam und dort das
Bauhaus suchte.
Kein Hinweisschild machte auf
diese
zentrale
Institution
der
westlichen
Architekturgeschichte aufmerksam. Man mußte sich
mühevoll
durchfragen,
um
das
offizielle
Schweigegebot der kommunistischen Machthaber zu
durchbrechen.
Heute sind Dessau und das Bauhaus wieder Teil der
freien Welt, wie die neuen Bundesländer Teil der
freiheitlichen Demokratien und einer freiheitlichen
Wirtschaftsordnung sind. Möglich wurde dies auch
durch die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit
zwischen Deutschland und Amerika.
Mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir die
deutsche Vereinigung bewältigt haben, müssen wir
auch die zukünftigen Aufgaben anpacken.
Dazu
gehört auch der wirtschaftliche Wiederaufbau in den
neuen Bundesländern, der ja schon in erstaunlichem
Maße fortgeschritten ist.
Ich war letzte Woche mit Kanzler Kohl bei der
Einweihung der Guardian Glas-Fabrik, die viele von
ihnen heute auch besucht haben. Ich denke, daß sie
nicht umhin konnten, von der zukunftsweisenden
Modernität der Anlagen beeindruckt zu sein. Hier in
den neuen Ländern entstehen augenblicklich die
modernsten Industriestrukturen in Europa. Und das
sollte uns Hoffnung geben.
Amerikanische Firmen sind an dem industriellen
Aufbauprozeß als größter ausländischer Investor an
vorderster Front beteiligt. Die Zahlen brauche ich hier
nicht zu wiederholen. Das Opel-Werk ist eines der

AMERIKA DIENST 21

�modernsten in Europa und der ganzen Welt.
Der
Landmaschinenhersteller Case wird in Sachsen sein
Zentrum für die Erschließung des osteuropäischen
Marktes einrichten.
Guardian
und
Case
folgen
dem
Beispiel
herausragender Firmen wie Dow Chemical, Advanced
Micro Devices und Morrison-Knudsen.
Ich bin mir
sicher, daß sie nicht die letzten sein werden.
Wir wissen natürlich alle, daß es noch viel zu tun gibt,
insbesondere was den Arbeitsmarkt und eine
nachhaltige, sich selbst tragende, industrielle Struktur
anbelangt.
Aber die enormen Fortschritte, die der Aufbau Ost
sieben Jahre nach der Vereinigung gebracht hat, sind
unübersehbar: Die neuen Länder bieten eine moderne
Infrastruktur, in einigen Bereichen sogar moderner als
im
Westen,
die
Produktivität
hat
erheblich
zugenommen, und die Qualität der Produkte braucht
keinen Vergleich mehr zu scheuen.
Auch dem
Raubbau an der Umwelt ist ein Ende gesetzt worden.
Das reale Bruttoinlandsprodukt ist seit 1991 um 39
Prozent gestiegen, die Lebensverhältnisse der Bürger
haben sich dem westlichen Niveau stark angenähert.
Die neuen Länder sind ein höchst attraktiver Markt mit
zahlungskräftigen Konsumenten.
Was Investoren vor allem aber anziehen sollte, ist die
Tatsache, daß die neuen Länder in den letzten sieben
Jahren einen grundlegenden und schmerzlichen
Strukturwandel durchgemacht haben. Hier im Osten
war man bereit, Wandel unter großen Opfern zu
akzeptieren, der in den alten Bundesländern auf
großen Widerstand gestoßen wäre.
Darum sind ständiges Klagen, Wehleidigkeit und
Nostalgie völlig fehl am Platz. Hier sind Menschen,
die veränderungsbereit sind, die offen sind für neue
betriebliche Strukturen, neue Vertriebsformen und vor
allem für neue Ideen. Hier gibt es die Bereitschaft,
Risiken und Wagnisse einzugehen. Die neuen Länder
sind nicht die Region der Stagnation in Deutschland,
sondern der Veränderung!
Welche Rolle können die Vereinigten Staaten beim
wirtschaftlichen
Aufbauprozeß
in
den
neuen
Bundesländern spielen? Es dürfte uns allen klar sein,
daß staatliche Hilfe und Staatsinterventionen nicht die
Antwort sein können. Die Hauptlast, aber auch die
Hauptchancen, müssen von privaten Unternehmen
getragen werden. Ich glaube, daß dies auch der
langfristige Trend der deutschen Politik gegenüber den
neuen Bundesländern ist - selbst bei Fortbestand der
effektiven staatlichen Förderungsprogramme.

Dienstleistungsorientierung und eine flexible Mischung
von Vermarktungs- und Herstellungsmethoden. Sie
sind deshalb besonders in der Lage, Anstöße für neue
Strategien zu geben, internationale Märkte zu
erschließen und so die neuen Länder besser in den
globalen Markt zu integrieren.
Einen großen Beitrag zum Wiederaufbau
in
Ostdeutschland
könnten
vor
allem
kreative
Finanzierungsintrumente leisten, insbesondere die
größere Verfügbarkeit von Wagnis- und Risikokapital.
Amerikanische Finanzinstitute und Investitionsbanken
haben große Erfahrung auf diesem zukunftsträchtigen
Gebiet.
In den Vereinigten Staaten gehen etwa 60 Prozent des
Risikokapital in Zukunftindustrien, in den Hightech- und
Biotechbereich. Das heißt, die Verfügbarkeit des
Risikokapitals schafft die Industrien der Zukunft. Da in
den neuen Bundesländern die Verfügbarkeit von
Risikokapital ein besonderes Problem ist, denke ich,
daß amerikanische Bankhäuser und Investoren mit
ihrer Bereitschaft, Risiken einzugehen und ihren
kreativen Finanzierungsmechanismen eine besonders
nützliche Rolle spielen können.
Die Mobilisierung von Risikokapital ist deshalb eines
der wichtigen Themen unserer Konferenz.
Ein
anderes Thema werden Investitionen in den
Umweltschutz sein. Trotz sehr großer Fortschritte
bleibt die Umweltsanierung in Ostdeutschland ein
wichtiger Bestandteil des Aufbau Ost. Beispiele sind
die
vielen
Industriebrachen,
die
enormen
Umweltschäden,
die
die
Besatzungstruppen
hinterlassen haben, und die Konsequenzen der
Braunkohleförderung im Tagebau. Hier geht es nicht
nur darum, die Umweltschäden zu beseitigen, sondern
Gebiete für Neuinvestitionen und Industrieansiedlung
zu erschließen.
Amerikanische Firmen können hier maßgeschneiderte
Lösungspakete anbieten, die sich auf innovative
integrierte
Umwelttechnologie
stützen,
die
Verschmutzung an der Quelle bekämpft, anstatt teure
Nachrüstungsverfahren
zu
benutzen.
Für
amerikanische Firmen bieten sich die neuen
Bundesländer als ein wichtiger Standort an, um auch in
Osteuropa
Fuß zu fassen, wo der
größte
Nachholbedarf an Umwelttechnologie besteht.
Die neuen Bundesländer sind ein attraktiver Standort.
Wie
verträgt
sich
diese
Aussage
mit
der
Standortdebatte? Lassen Sie mich nur soviel hierzu
sagen. Ich habe wenig Anlaß für eine Standortschelte.
Das deutsche Wirtschaftsmodell ist eines der
erfolgreichsten in der modernen Wirtschaftsgeschichte
gewesen. Angesichts des globalen Wettbewerbs sind
Anpassungen sicherlich erforderlich.

Amerikanische Firmen bieten innovative Produktionsund Herstellungsverfahren, eine starke Kunden- und

AMERIKA DIENST 21

Seite 3

�Deutschland ist dabei, eine Vielzahl von Maßnahmen
zur Verbesserung der Standortbedingungen zu
ergreifen. Der Bundeskanzler selbst hat die Initiative
ergriffen, um ein Finanzmarktförderungsgesetz und
eine Aktienrechtsreform auf den Weg zu bringen. Er
war dabei sehr offen für amerikanische Anregungen.
Deutschland wird ein besserer Standort.
Gleichzeitig liegt mir nichts ferner, als ein
amerikanisches Modell zu propagieren oder für alle
gültige Patentlösungen aus Amerika anzubieten. Die
haben wir nicht. Unsere Länder haben alle spezifische
Probleme und ihre eigenen Traditionen und
Erwartungen. In Deutschland etwa ist das Bedürfnis
nach kollektiver sozialer Absicherung höher entwickelt
als in den USA. Das muß man respektieren. Zur
selbstverständlichen Partnerschaft gehört eben auch,
daß jeder seine eigenen Lösungswege bei der
Bekämpfung von wirtschaftlichen Problemen geht.
Wichtig ist nur, daß das endlose Reden und
Debattieren aufhört und Handeln an die Stelle von
Worten tritt. Belastend für unser Verhältnis wäre nur
ein Deutschland, das in politische Lähmung verfällt.
Doch ist diese Gefahr sehr gering. Auf meinen Reisen
und bei meinen Gesprächen in Deutschland treffe ich
nur auf Menschen in der Politik und in der Wirtschaft,
die veränderungswillig sind. Ich habe keine Zweifel
daran, daß Deutschland die Herausforderungen der
Zukunft meistern wird.
Wie sollen sich unsere Beziehungen in der Zukunft
entwickeln? Die Basis ist gelegt und tragfähig, die
Beziehungen, wie ich sie beschreibe, sind
selbstverständlich geworden. Gerade deshalb aber
dürfen sie nicht in Routine erstarren. Sie brauchen
ständig neue Impulse - aus der Politik, aus der
Wirtschaft und aus der Kultur.
Die neuen Länder sind ohne Zweifel eine Tatsache,
die uns veranlassen sollte, ausgetretene Routinepfade
zu verlassen und neue Wege zu beschreiten. Wenn
es um neue Formen der wirtschaftlichen Kooperation,
des wissenschaftlichen Austauschs oder der
Zusammenarbeit im Umweltschutz geht, dann sollen
die neuen Länder an vorderster Front stehen.
Die Wiedervereinigung hat den Horizont der
deutsch-amerikanischen Beziehungen erweitert und
für neue Handlungsfelder gesorgt. Dies wird sich noch
mehr mit dem Umzug der Regierung und unserer
Mission nach Berlin zeigen, wenn die neuen Länder
praktisch vor unserer Haustür liegen.
Deutschland und Amerika werden weiterhin in
selbstverständlicher Partnerschaft verbunden bleiben,
aus dem einfachen Grund, daß es häufig kein
besseres Tandem bei der Lösung vieler Probleme gibt.
Dies hat sich gerade bei grundlegenden

Seite 4

außenpolitischen
Fragen erwiesen, wie der
Friedenserhaltung in Bosnien, der Erweiterung der
NATO oder der Zusammenarbeit bei der Stabilisierung
der Ukraine.
Das gilt auch für neue Herausforderungen wie den
Klimaschutz, die Bekämpfung des internationalen
Verbrechens, der Bestechung und des Drogenhandels.
Die Aufrechterhaltung eines freien
Welthandelssystems, die Vermeidung von Finanzkrisen im internationalen Weltwährungssystem und die
Förderung von Marktwirtschaft und Demokratie in
Rußland und den anderen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion sehen Deutschland und Amerika als
Projekte von überragendem gemeinsamen Interesse.
Natürlich wird es manchmal
innenpolitische
Widerstände geben.
Die "Innenpolitiker" haben
gelegentlich andere, aber durchaus
legitime
Prioritäten. Das gilt für den amerikanischen Kongreß
wie für den Bundestag und die dort vertretenen
Parteien. Aber seit dem Zweiten Weltkrieg haben die
innenpolitisch orientierten Kräfte verstanden, daß sie
nicht die Agenda in den internationalen Beziehungen
bestimmen können. Ihren Anliegen und Bedenken
muß Rechnung getragen werden, aber sie sind weise
genug, auf beherrschenden Einfluß zu verzichten.
Das gilt für unsere beiden Nationen und sichert unsere
Handlungsfähigkeit.
Die Vereinigten Staaten haben immer den
europäischen Integrationsprozeß unterstützt, weil er
ein unverzichtbarer Garant der Stabilität in Europa ist.
Dazu gehört das Ziel, eine gemeinsame Währung
einzuführen. Wir wünschen, daß Europa enger
zusammenwächst und noch effizientere Märkte
hervorbringt.
Unsere Unternehmen haben vom Binnenmarkt
genauso profitiert wie europäische Unternehmen. Wir
hoffen, daß die Kooperationsfähigkeit in der
internationalen Währungspolitik voll erhalten bleibt.
Auch dies ist ein Gebiet, wo Deutschland und Amerika
identische Interessen haben.
Als größtes und wichtigstes Mitgliedsland in der EU hat
Deutschland so viel Gewicht, daß wir auf einen Dialog
mit Deutschland in EU-Angelegenheiten gar nicht
verzichten können. Starke Beziehungen zwischen den
USA und Deutschland stärken auch die Europäische
Union. Es gibt kein Nullsummenspiel zwischen guten
deutsch-amerikanischen Beziehungen und guten
Beziehungen zwischen der EU und den USA.
Vielmehr sind beide feste Bestandteile eines
lebendigen transatlantischen Verhältnisses.
Vor uns stehen große Aufgaben. Meiner Ansicht nach
können diese Aufgaben nur zu einer Intensivierung der
Beziehungen führen.
Die Agenda wird sich
ausweiten, nicht schrumpfen.
Die Schwerpunkte

AMERIKA DIENST 21

�werden sich dabei möglicherweise etwas verschieben.
Wirtschaftsfragen werden einen größeren Stellenwert
einnehmen. Aber an der Zentralität und an der
Selbstverständlichkeit der Beziehungen wird sich
nichts ändern.
Unsere Beziehungen werden bei sich verändernden
Problemen und Herausforderungen immer wieder
Neudefinitionen unterworfen sein, aber keiner
Grundrevision, sondern einem ständigen Prozeß des

"finetuning". Dieses "finetuning" ist kein natürlicher
Prozeß, dem wir ausgesetzt sind, sondern wir alle
können ihn aktiv gestalten. Diese Konferenz ist eine
von vielen Gelegenheiten, an ihm mitzuwirken, und wir
sollten diese Gelegenheit heute und morgen nicht
verstreichen lassen.
Ich danke Ihnen und wünsche unserer Konferenz den
besten Erfolg.

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�USA-DEUTSCHLAND
29. Oktober 1997

John C. Kornblum im Sender Freies Berlin

Interview mit dem amerikanischen Botschafter

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Interview, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, John C. Kornblum, am 30. September 1997 nach seinem
Antrittsbesuch beim Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, im Sender Freies Berlin gab.

Frage: Neuer Amerikanischer Botschafter in Deutschland, John Kornblum. Was macht eine Metropole aus,
und wie weit sind wir hier in Berlin von wahrer Internationalität noch entfernt? Oder sind wir sogar schon
Mittelpunkt für Wissenschaft, Kultur und Ideen Europas?
John Kornblum, der neue Botschafter der Vereinigten
Staaten in Deutschland, Jahrgang 1943, Großeltern
aus Ostpreußen Ende des vorigen Jahrhunderts nach
den Vereinigten Staaten ausgewandert. Europa,
Deutschland und besonders Berlin sind der Dreh- und
Angelpunkt einer Karriere, die Mitte der sechziger
Jahre in Hamburg begonnen hatte als amerikanischer
Vizekonsul. Jetzt muß man ganz lange ausholen:
Mitwirkender sind Sie gewesen beim Aushandeln des
Viermächteabkommens, politischer Chef der Berliner
US-Mission, Amerikas Botschafter bei der NATO,
KSZE, Leiter der Abteilung für europäische und
kanadische Angelegenheiten im State Department,
Chefunterhändler für Bosnien und jetzt in Deutschland.
Herr Kornblum, Peter Ustinov, der Spötter, hat kürzlich
gesagt, Diplomaten sind nichts anderes heutzutage
mehr als Oberkellner, denen es erlaubt ist, sich hin
und wieder zu setzen. Ist das tatsächlich eine stimmende Beschreibung?
Kornblum: Nein, ist es nicht. Bei der Bewirtung von
Gästen haben wir doch viel zu tun. Ich habe das
gerade heute in Berlin noch mal gesehen. Aber ich
behaupte - und ich glaube, ich habe auch Recht Botschafter und Diplomaten sind sogar wichtiger
geworden.

AMERIKA DIENST 21

Frage: Warum?
Kornblum: Weil durch die Medien - durch Fernsehen,
aber auch zunehmend durch das Internet - die Kommunikation zweifellos schneller wird. Aber das heißt,
die Möglichkeiten von Mißverständnissen werden
ebenfalls größer. Man sieht also - und es ist mir auch
bei Bosnien mehrmals passiert - man sieht ein Zweisekundenstück auf CNN und sagt: Aha, da ist etwas
passiert. Und wenn man schnell schaltet und sagt,
dann sagen wir denen die Meinung, ohne einen
Botschafter oder jemand anderen vor Ort, ohne
jemanden, der vielleicht doch Cocktailpartys gegeben
hat oder, wenn er gut ist, Essen gegeben hat oder
Gespräche mit den Menschen geführt hat, ein wenig
Vertrauen gewonnen hat. Wenn man das alles nicht
hat, dann kann man sehr sehr schnell zu Mißverständnissen und teilweise zu großen Konfrontationen
kommen. Also Botschafter sind sehr wichtig, aber sie
müssen natürlich ihre Aufgabe verstehen.
Frage: Heutzutage telefoniert Helmut Kohl mit Bill
Clinton direkt. Sie tauschen sich aus. Was hat der
Botschafter da für eine Rolle?
Kornblum: Der Botschafter hat da folgende Rolle:
Erstens, in diesem Fall, Helmut Kohl gut zu kennen,
die Agenda auch gut zu kennen, Bill Clinton auf diesen
Anruf vorbereitet zu haben. Auch nachher, nachdem
das Gespräch vorbei ist - sie reden sehr selten länger
als fünf oder vielleicht zehn Minuten - die Vereinbarungen durchzuführen oder auch die Differenzen
irgendwie zu glätten. Wie gesagt, die Existenz eines
Telefons bedeutet nur, daß die führenden Staatsleute

Seite 1

�öfter miteinander reden können. Aber es ist auch nicht
ihre Rolle, nachher die Arbeit zu machen.
Frage: Willy Brandt hat 1989 gesagt: "Nichts mehr
wird so sein, wie es war." Das ist eingetreten. Welche
Rolle hat Deutschland unter den neuen Bedingungen
aus der Sicht der Vereinigten Staaten?
Kornblum: Ich glaube, man muß die ganze Sache in
einem möglichst großen Kontext sehen. Man kann
nicht sagen, welche genaue Aufgabe Deutschland jetzt
hat. Das geht nicht. Deutschland ist, wie wir wissen,
in diesem Jahrhundert ein dramatisches Land gewesen, ein Land mit sehr vielen Höhepunkten, aber auch
den wahrscheinlich tiefstmöglichen Tiefpunkten. Und
das ist teilweise auf Entwicklungen innerhalb Deutschlands zurückzuführen, aber auch auf die ganze
europäische Konstruktion. Was ist für Amerika jetzt
am Ende des Jahrhunderts wichtig? Wir wollen
erstens natürlich, daß es Frieden gibt. Wir wollen, daß
es einen demokratischen Frieden gibt. Wir wollen
auch, daß die Völker Europas - nicht nur bis zur Oder,
sondern bis Moskau - in Demokratie, Frieden und
Wohlstand leben. Um all dies zu erreichen, muß es
Zusammenarbeit und Stabilität geben. Und wenn wir
unsere Agenda zusammenstellen, müssen wir fragen,
welche Punkte für uns wichtig sind. In sehr vielen
Fällen - nicht immer, es gibt auch Bereiche, wo
Deutschland nicht so direkt beteiligt ist - in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist Deutschland einer
der wichtigsten Partner, die wir haben.
Frage: Deutschland mußte in der Vergangenheit - die
Bundesrepublik Deutschland, die alte - außenpolitische
Aktionsräume eigentlich nicht durchmessen. Sie war
ein Trittbrettfahrer, nicht zuletzt der Vereinigten
Staaten. Jetzt kommt eine eigene Verantwortung auf
dieses Land zu. Wenn Sie jetzt, der Sie Deutschland
sehr gut kennen, die mentale Situation der Deutschen
heute einschätzen: Sind sie für diese größere Verantwortung, die sie wahrnehmen müssen, gerüstet?
Kornblum: Es wäre auch nicht richtig, wenn Deutschland auf einmal eine andere Verantwortung bekommen
würde.
Deutschland hatte immer eine wichtige
Verantwortung. Sie war nur anders definiert. Die
Tatsache, daß das Land in Demokratie und Freiheit
wiederaufgebaut ist, war auch schon eine wichtige
Aufgabe für Europa. Es ist zehn Jahre her, seit ich
Berlin im Sommer 1987 verlassen habe. Wenn ich
jetzt hierher komme, spüre ich, rieche ich ein Land,
das neu gemacht wird. Hier in Berlin natürlich eine
Stadt, die vor unseren Augen neu gebaut wird. Aber
auch Deutschland wird kräftig durchgeschüttelt. Und
ich glaube, da ist ein Prozeß im Gange, bei dem man
nicht weiß, was am Ende herauskommt. Aber man
kann sehen, daß Deutschland Schritt für Schritt eine
andere Rolle für sich definiert, und daß die Erfüllung
dieser Rolle auch vorangeht, z.B. die Rolle der Bundeswehr in Bosnien. Ein sehr gutes Beispiel.

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Frage: Ist Deutschland heute eine Großmacht?
Kornblum: Nein, Deutschland ist keine Großmacht.
Ich glaube, es gibt - wenn ich das sagen darf und es
sich nicht anmaßend anhört - im Moment nur eine
richtige Großmacht auf der Welt: die Vereinigten
Staaten. Das wird womöglich nicht immer so bleiben.
Aber für diese Phase, nach dem Ende des Kalten
Krieges, gibt es nur ein Land, das selbstbewußt seine
Ressourcen, geografische Position etc. einsetzt, um
eine wichtige Rolle in der Welt zu spielen. Europa
könnte eine Großmacht sein. Deutschland ist ein sehr
wichtiger Bestandteil von Europa.
Frage: Ist der Eindruck richtig, daß die Vereinigten
Staaten darauf aus sind, den ostmitteleuropäischen
Raum besonders der Bundesrepublik zuzuteilen und
allein das Verhältnis zu Rußland zu betreiben?
Kornblum: Nein. Diese These habe ich nie gehört.
Nein. Was wir wollen - und Präsident Clinton hat das
gleich am Anfang seiner Amtszeit gesagt - wir wollen,
daß Europa, und dazu gehört auch Rußland, integriert
wird. Das heißt nicht, daß alles EU wird. Oder alles
NATO wird. Sondern daß Europa ein integriertes
Gefühl von Frieden und Freiheit und auch Wohlstand
hat. Und daß die Beziehungen unter den europäischen Staaten organische und natürlich auch positive
werden. Mitteleuropa - Mittel- und Osteuropa, wie man
öfter sagt - ist sehr wichtig für Deutschland, weil es
natürlich immer dazugehört hat. Und es wurde
künstlich abgeschnitten, wegen der Linien, die am
Ende des Krieges gezogen wurden. Wichtig ist, daß
Ost- und Mitteleuropa jetzt in ein gemeinsames Europa
integriert werden. Und wichtig ist auch, daß Rußland
ein Gefühl der Offenheit hat. Daß Rußland auch sieht,
daß man eine Partnerschaft mit ihm haben möchte und
daß es keine künstlichen Grenzen gibt zwischen
irgendeinem Europa und einem Rußland. Und wir
müssen alle daran arbeiten. Da ist keine Frage von
irgendeiner Reservierung Rußlands für die Vereinigten
Staaten. Ganz im Gegenteil. Wir wollen das zusammen mit unseren europäischen Partnern machen.
Frage: Ist imperiale Bestrebung Rußlands mit Demokratie vereinbar?
Kornblum: Ich würde sagen, daß imperiales Bestreben, wenn es so verstanden wird, wie ich das verstehe, sehr selten mit Demokratie vereinbar sein kann,
weil Demokratie einem solchen Verhalten normale
Grenzen setzt. Aber ich sehe im Moment kein imperiales Bestreben Rußlands. Ich glaube, Rußland ist mit
sich selbst beschäftigt. Rußland muß auch eine sehr
sehr unsichere und teilweise sehr schlimme Vergangenheit überwinden. Wir werden in den nächsten
Jahren, ich weiß nicht wie lange, sehen, daß Rußland
sehr mit sich selbst beschäftigt sein und Partnern auch
etwas mißtrauisch gegenüberstehen wird. Und das ist
auch der Sinn unserer gemeinsamen Beziehungen,

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�zwischen Deutschland, Europa, Amerika und Rußland,
daß wir ihnen ein wenig die Wege glätten. Daß wir
ihnen durch die Grundakte NATO-Rußland nicht nur
schöne Worte, sondern auch eine konkrete Partnerschaft bieten.
Frage: Warum ist eine NATO-Erweiterung aus Sicht
der Vereinigten Staaten nötig?
Kornblum: Die NATO hat immer verschiedene Rollen
gespielt. Eine der wichtigsten Rollen war als Grundlage für die anderen Arten von Integration in Europa.
Durch Sicherheit, durch Partnerschaft und auch durch
Integration. Wenn wir das ernst meinen, wenn wir
sagen, daß die ursprünglichen Ziele der atlantischen
Partnerschaft auch in Europa ausgeweitet werden
müssen, dann ist es auch von Bedeutung, daß die
wichtigsten Institutionen, das heißt NATO und EU in
diesem Sinne, nicht geschlossen bleiben. Daß wir
nicht sagen, hier ist der Westen, hier soll alles Teil des
Westens sein, nur nicht Teil unserer Institutionen
werden. Daß man auch ein dynamisches Gefühl hat.
Daß diese Prinzipien auch dynamisch sind. Und
deshalb ist eine Erweiterung der NATO, aber auch der
EU - diesen Herbst werden wahrscheinlich die ersten
Schritte beschlossen - nicht nur praktisch notwendig
oder gut, sondern auch symbolisch und idealistisch
sehr wichtig. Daß wir zeigen, daß unser Westen keine
künstlichen Grenzen gezogen hat.
Frage: Gehört Rußland zu Europa?
Kornblum: Rußland ist teils europäisch, teils nicht.
Wie die Vereinigten Staaten. Ich finde es sowieso
nicht richtig, hier irgendwelche willkürlichen Grenzen
zu ziehen. Europa hat ein Bewußtsein, und dieses
Bewußtsein wird sich entwickeln.

Kornblum: Sie haben Willy Brandt zitiert: "Nichts wird
mehr so sein, wie es war." Wenn das so ist - und ich
persönlich meine, daß das so ist - dann wird es
natürlich eine längere Phase des Umbruchs geben,
gewaltige Veränderungen geben, neue Beziehungen
geben, und man kann nicht erwarten, daß das sehr
einfach ist. Ich zitiere auch Beispiele aus meiner
eigenen Vergangenheit, aber auch aus der deutschamerikanischen Vergangenheit, um diesen Punkt
teilweise zu unterstreichen. Wenn wir hier vor zehn
Jahren gesessen hätten - was wir beide eigentlich
auch getan haben - wie war die Diskussion in Deutschland über Amerika? Arbeitslosigkeit, Inflation, Kriminalität, Umweltschäden etc. etc. Man hat sogar von
manchen in Europa einen gewissen mitleidenden Ton
gehört, als solche Dinge diskutiert wurden. Ich werde
nie vergessen, wie ich hier in Berlin ein Pressegespräch hatte. Ich sagte, wir sind mitten in einem
Umwälzungsprozeß. Und eine Sache, die bei uns
völlig geändert wird, ist diese bürokratisierte Stadt.
Europa ist sehr bürokratisiert, und Sie werden sehen,
daß das geändert werden muß. Sie haben gelacht. Ich
sage das jetzt sehr offen. Sie haben gelacht. Sie
erwiderten: "Sie meinen, wir sind überbürokratisiert?"
Wir haben den Weg gefunden. Was meine ich damit?
Was ich damit meine ist, wir Amerikaner haben eine
lange, schmerzhafte Phase hinter uns. Mit großen
Konfrontationen. Und jetzt stehen wir am Ende der
neunziger Jahre sehr gut da. Aber es hat uns sehr
sehr viel gekostet. Diese Phase hat, ich würde sagen,
in Europa zehn Jahre später angefangen. Sie sind
noch in der ersten Halbzeit. Und das wird auch enorm
viele Schwierigkeiten bringen, sehr viel Konfrontation,
sehr viel Debatte. Und es bleibt natürlich offen, wie
das am Ende aussehen wird. Aber daß sich hier Dinge
ändern, ist klar. Ist man darauf vorbereitet? Ich würde
sagen, nein. Man ist nie auf solche Umwälzungen
vorbereitet.

Frage: Welches Bewußtsein hat Europa?
Frage: Sind Sie zuversichtlich?
Kornblum: Das werden wir sehen. Europa hat
mindestens ein Bewußtsein als ein Kulturland, als eine
Idee, als eine Geschichte. Rußland ist teils europäisch, teils nicht. Wichtig ist, daß diese Ideale, die auch
sehr stark durch die Vereinigten Staaten vertreten
werden, nicht anderen verschlossen bleiben.
Frage: Was ist Deutschland heute mental für Sie? Ich
komme noch mal darauf zurück, Sie haben vorhin
gesagt, Sie spüren, dieses Land ist in einem Umbruch,
hier verändert sich enorm viel. Hat der Botschafter der
Vereinigten Staaten den Eindruck, daß die Deutschen
auf diese neue Situation eingestellt sind?
Kornblum: Ich würde sagen, wahrscheinlich nein.
Aber das wundert mich auch nicht.
Frage: Warum nicht?

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Kornblum: Im Grunde ja. Wenn ich dieses Land
sehe, wenn ich die Talente und das hier aufgebrachte
Kapital - ich meine jetzt finanziell, aber auch menschlich - sehe, dann glaube ich nicht, daß Deutschland
eine schlechte Zukunft hat. Ich glaube, daß es jetzt
nicht unbedingt klar ist, wie diese Zukunft aussehen
wird und wie erfolgreich sie sein wird. Da ist doch
Arbeit zu leisten, ohne Frage. Ich will das jetzt hier
nicht alles schönmalen. So meine ich das nicht. Ich
meine nur, daß solche Änderungen immer Schweiß
und Blut kosten.
Frage: Wenn die Deutschen unter jetzt normalen
Bedingungen in einer Situation hektischen Stillstands,
wie man ihn vielleicht beschreiben könnte, ihre
Interessen definieren, dann werden sie in Kollision
kommen mit anderen. Und die Gefahr besteht - und
das ist glaube ich auch eine Befürchtung in diesem
Lande - daß sie von der Vergangenheit eingeholt

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�werden. Daß ihnen etwas entgegengestellt wird: Da
war doch was, 1933-45, und daß das auch instrumental benutzt werden kann.
Kornblum: Ich würde nicht sagen, daß diese Gefahr
nicht besteht. Aber diese Gefahr besteht seit Anfang
der Bundesrepublik. Und es hat auch Kapitel gegeben, wo diese Gefahr vielleicht stärker gesehen wurde
als andere. Aber bis jetzt hat die Bundesrepublik
dieses Schicksal, wenn Sie wollen, sehr gut gehandhabt. Das war, gebe ich zu, in der meisten Zeit
auf der Basis der alten Bundesrepublik. Jetzt gibt es
das vereinigte Deutschland. Man wird meines Erachtens jetzt sehen müssen, daß es konkrete Probleme gibt, die man anpacken muß. Und diese Probleme
können nur in den seltensten Fällen allein gelöst
werden - vor allem für ein Land wie Deutschland, das
bei seinen 82 Millionen Einwohnern immer noch
verhältnismäßig begrenzt in seinen Möglichkeiten ist
und wo das nur zusammen mit anderen gemacht
werden kann. Und ich sehe keinen Grund zu fürchten,
daß die politische Führung in diesem Land das anders
sieht.
Frage: Sie haben von draußen zugesehen, wie die
Deutschen den Streit um die Hauptstadt ausgefochten
haben. Was war denn Ihre Reaktion auf diesen Streit?
Kornblum: Ich kann Ihnen die amerikanische Reaktion beschreiben. Das ist noch wichtiger als meine.
Man hat es nicht verstanden. Aber ich glaube, daß es
zu verstehen ist, wenn man die Geschichte betrachtet.
Aber für Amerikaner, Engländer, Franzosen, andere wenn man 50 Jahre lang versucht hat, wiedervereinigt
zu sein und die Hauptstadt wieder zu errichten - war
das eine klare Sache. Und es wurde bei uns sehr viel
darüber berichtet und nicht immer ganz verstanden,
worum es sich handelte.
Frage: Was ist diese Stadt heute, wenn sie wieder
politisches Zentrum werden wird in absehbarer Zeit?
Wie wird sich diese Stadt, die Sie ja in- und auswendig
kennen aufgrund Ihrer langjährigen Aufenthalte hier in
Berlin, wie wird sich die Stadt verändern? Gibt es eine
Prognose von Ihnen?

Frage: Berlin war die Grundlage für die deutschamerikanische Freundschaft. Es war auch die Grundlage für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Die Blockade als ein ganz wesentlicher Punkt für
dieses Verhältnis. Ist diese Stadt heute gerüstet für die
neue Zeit, die auf sie zukommt? Ich meine damit, Herr
Kornblum, in der Vergangenheit war diese Stadt - der
Westteil der Stadt - nicht in den Blutkreislauf der alten
Bundesrepublik Deutschland einbezogen. Sehen Sie
hier die Ressourcen für das Bild, was Sie gerade
beschrieben haben?
Kornblum: Ja doch, ich sehe sie. Ich bin völlig Ihrer
Meinung, ich würde das vielleicht sogar noch stärker
sagen. Zwei Ereignisse - die Berliner Wahl im Oktober
1946, die nicht gerade so ein riesiges historisches
Ereignis für viele ist. Aber ich habe mich ziemlich in
die Sache vertieft: Es hat viele beeindruckt in Amerika,
daß alle Berliner so gewählt haben und auch so
demokratisch gewählt haben so kurz nach dem Krieg.
Und zweitens die Blockade und die Reaktion der
Berliner auf die Blockade. Und danach die Luftbrücke.
Das hat mehr als nur Freundschaft zementiert, was es
bestimmt auch getan hat. Es hat für die Vereinigten
Staaten auch eine Grundlage für ein Engagement in
Europa geschaffen. Weil es sehr wichtig war. Und es
hat - wie Sie eben angedeutet haben - zu einer ganz
besonderen Beziehung geführt. Ich bin jetzt einer, der
glaubt, Berlin braucht sich nicht zu rüsten für eine neue
Beziehung zu den USA oder eine neue Rolle in
Europa. Berlin braucht eine neue Rolle nicht einstudieren. Berlin wird einfach Berlin sein. Und, wie
gesagt, eine kritische Größe. Und diese kritische
Größe wird eine Rolle für Berlin definieren. Ich weiß
nicht genau, wie das aussehen wird. Aber es wird da
sein. Und mich interessiert es nicht so sehr, wie diese
Stadt vorbereitet ist. Sie wird einfach da sein und eine
sehr große Rolle spielen.

Was hat sie für Fähigkeiten,

was hat sie für Nachteile?
Kornblum: Es gibt Städte auf der Welt - und interessanterweise teilweise völlig unabhängig von ihrer
geografischen Lage, ihrer Kultur, ihrer Sprache - die
einfach eine Größe erreichen, wo sie sich selbst
produzieren. Wirtschaft, Kultur, Menschen, Ideen,
Streitereien. Sie werden eine Kultur für sich. Wir
haben New York. Ich glaube, Amerika hat mindestens
drei davon. New York, Chicago, und neuerdings Los
Angeles. Berlin ist eine solche Stadt. Daß Berlin jetzt
wieder eine Stadt in einem vereinigten Land ist, mit
den ganzen Potentialen, die hier sind, auch mit offenen
Grenzen nach Osten und Süden - und Westen natürlich - macht sie zu einer sogenannten kritischen Masse

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und einem unheimlichen Anziehungspunkt. Die Stadt
wird Impulse geben und wird mitten in Europa wenn
nicht der einzige Platz, bestimmt der wichtigste Platz,
wo Kultur, Ideen und auch Streitereien produziert
werden.

Frage: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen der
Vergangenheit waren ganz besonders geprägt durch
personale Beziehungen, die bestanden. Von Leuten
hier zu den Vereinigten Staaten dort. Diese personalen Beziehungen lassen sich nicht beliebig konservieren, weil die Umstände sich ändern, auch die Leute
nicht mehr da sind. Gibt es da ein Vakuum?
Kornblum: Vielleicht im Moment, weil wir so zwischen
zwei Phasen sind. Aber die Tatsache, daß die Bundesregierung hier sein wird, die Tatsache, daß Berlin
sich wieder als eine Stadt entwickelt, wird meiner
Meinung nach zu einer neuen Art von persönlichen
Beziehungen führen. Es gibt sie teilweise schon, ich
kenne junge Menschen, oder jüngere Menschen in der

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�Geschäftswelt oder der Kunst oder der Architektur. Ich
kenne zwei junge Architekten in Washington. Sie
haben an sich nichts mit Deutschland zu tun, aber sie
fahren alle zwei Jahre nach Berlin, nur um zu sehen,
was hier passiert. Wie wird diese neue Art von
Beziehungen aussehen? Sie wird wahrscheinlich in
Zukunft nicht mehr so strukturiert sein.
Frage: Auch nicht mehr so gefühlsbetont?
Kornblum: Ja, mag sein. Das kommt darauf an, was
Sie mit gefühlsbetont meinen. Es wird nicht so sehr
gefühlsbetont in dem Sinne, daß man sagt, dies sind
ganz besondere Beziehungen für uns. Es wird aber
vielleicht sogar noch gefühlsbetonter, wenn man sagt,
um das so salopp auszudrücken: "Mensch, das ist ein
toller Platz."
Frage: Die Deutschen haben eine Befürchtung, die in
diesem Land kursiert: Sie sagen, jetzt gibt es nur noch
eine Weltmacht - das sind die Vereinigten Staaten und diese Weltmacht orientiert sich hin in den pazifischen Raum, weg von dem europäischen Kontinent.
Ist der Eindruck stimmend?
Kornblum: Es stimmt, daß Asien wichtiger wird. Es
stimmt auch, daß man an der Westküste eine Orientierung nach diesem neuen Asien spürt. Aber ich glaube,
es handelt sich wieder um die Frage, was gute,
wichtige Beziehungen in dieser neuen Zeit bedeuten.
Vor dem Fall der Mauer waren Beziehungen unter
Staaten, unter Ländern, unter Völkern ein bißchen
stilisiert, wie man sagt. Man interessierte sich für
Europa. Wenn man sich nicht für Europa interessierte,
hatte das - vielleicht nur im Hinterkopf - die Bedeutung,
die ganze Friedensstruktur würde nicht mehr bestehen. Jetzt befinden wir uns in einer ganz offenen,
vielfältigen Welt. Was mich in den letzten Jahren
immer wieder interessiert hat, auch bei meiner Arbeit in
Washington, war, wie unwichtig es war, diese Vision
zu haben, und wie wichtig es war, einfach die Aufgaben zu erfüllen. Und wie ich am Anfang unseres
Gesprächs gesagt habe: Bei den Aufgaben, die wir
uns selber stellen - und mit "wir" meine ich die Vereinigten Staaten - müssen wir uns fragen: Was wollen
wir für die Gesundheit, für die Sicherheit unseres
Volkes erreichen? Die überwiegende Mehrzahl dieser
Interessen fließen durch Europa. Und das wird meiner
Meinung nach auch in Zukunft so sein.
Frage: Es gibt zwei verschiedene Versionen. Die
eine sagt, John Kornblum habe Ronald Reagan 1987
bei seiner Rede vor dem Brandenburger Tor den Satz
"Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!"
hineingeschrieben. Andere sagen, nein, das hat er
nicht getan. Welche ist denn richtig?

Frage: Wenn Sie heute zurückschauen: Gab es für Sie
einen Zeitpunkt, oder vielleicht sogar ein dauerndes
Gefühl, diese Situation in diesem Deutschland im
allgemeinen, und in diesem Berlin im besonderen, wird
sich eines Tages ändern, möglicherweise sogar bis hin
zu einer deutschen Wiedervereinigung?
Kornblum: Ja, das ist immer schwierig zu beantworten, ohne dabei zu übertreiben. Aber ich habe
immer daran geglaubt, daß es sich ändern würde, und
zwar aus verschiedenen Gründen. Nicht nur, weil ich
da emotionell engagiert war, sondern weil ich die Lage
doch sehr gut kennengelernt habe und mir irgendwie
klar war, daß diese Teilung, dieser Kalte Krieg sich
nicht ewig halten könnte. Gab es Zeitpunkte? Ich
glaube, es gab zwei für mich. Einmal war Solidarnosc
Anfang der achtziger Jahre, die Gewerkschaftsbewegung in Polen, wo ganz klar war, daß sich das
dortige System nicht halten konnte. Und zweitens
interessanterweise, noch viel subtiler, Sommer 1986.
Damals begann ich, nebenbei gesagt, den ReaganBesuch zu konzipieren. Die Mauer bestand, Sie
erinnern sich, seit 25 Jahren. Und es hat ziemlich viele
Gedenktage und Fernsehsendungen gegeben. Ich
habe mehrere Interviews im Fernsehen gegeben deutsch-amerikanische, englische. Und als man die
Lage dort und auch die Reaktion des Ostens, also der
DDR, betrachtete, war ganz klar - nicht daß da irgendwie Aufruhr gewesen wäre oder Opposition - daß diese
Mauer zunehmend unbedeutend wurde. Und sozusagen der Lage nicht mehr gerecht wurde. Und
irgendwie bekam ich in dem Sommer das Gefühl,
diese Mauer wird sich nicht lange halten.
Frage: Wann zieht der Botschafter John Kornblum in
die neue Botschaft Amerikas am Pariser Platz?
Kornblum: Die Amerikanische Botschaft wird ab
Sommer 1999 in Berlin voll funktionieren. Wir sind
schon hier. Aber ab Sommer 1999 wird es keine
Amerikanische Botschaft Bonn mehr geben. Wann wir
in das neue Haus ziehen, ist noch nicht klar, aber ich
würde sagen, es wird kurz nach der Jahrtausendwende sein.
Frage: Für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
war das Aspen Institute in Berlin eine wichtige Institution. Es gibt es weiterhin. Sein letzter Leiter ist
leider verstorben - ein Kollege von Ihnen. Was wird
aus dem Institut?
Kornblum: Erstens ist es nicht meine Verantwortung.
Aber ich weiß, daß der Vorstand nach einem neuen
Direktor sucht. Und ich glaube, wenn sie diese Person
finden, werden sie die Aktivitäten des Instituts sehr
unterstützen. Ich kann nur sagen, daß ich dieses
Institut weiterhin sehr stark unterstützen werde.

Kornblum: Ich habe versucht, in diese Debatte nicht
hineingezogen zu werden, weil es keinen Sinn hat.
Man weiß, was man gemacht hat.

AMERIKA DIENST 21

Seite 5

�Frage: Als amerikanischer Botschafter in Deutschland, herzlich willkommen hier in Berlin, in Deutschland. Vielen Dank für das Gespräch.

Kornblum: Herzlichen Dank,

* * * * *

Seite 6

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