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                  <text>. e o s&gt;

omcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20

15. Oktober 1997

DER WEG ZU FORTSCHRITTEN IN BOSNIEN

BOSNIEN

Rede des Nationalen Sicherheitsberaters
Samuel Berger

GLOBALISIERUNG

GLOBALISIERUNG UND DIPLOMATIE
von Strobe Talbott

UMWELT

UNSERE GLOBALE ZUKUNFT: KLIMAWANDEL
von Timothy Wirth

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�BOSNIEN
15. Oktober 1997

Der Weg zu Fortschritten in Bosnien
Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der Georgetown University am 23. September 1997 erörterte der
Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten, Samuel Berger, die Richtung der amerikanischen Politik in
Bosnien. Nachfolgend veröffentlichen wir seinen vorbereiteten Redetext.

Ich möchte heute zu Ihnen darüber sprechen, wie weit
wir auf dem Weg zu einem dauerhaften Frieden in
Bosnien gekommen sind und in welche Richtung wir
uns bewegen - über die von uns erzielten Fortschritte
und die uns konfrontierenden Herausforderungen.
Nach einem so tiefgreifenden und bitteren Konflikt wie
dem in Bosnien kann man diese Nation leicht als von
der Geschichte verflucht, in jahrhundertealtem Haß
verhaftet, abschreiben. Die Flüchtlingsströme, die
ausgemergelten Gefangenen, die blutigen Marktplätze
- diese Erinnerungen sind lebhaft und führen leicht zu
Zweifel und Angst.
Einige sagen, Bosnien könne nie den Konflikten seiner
Vergangenheit entrinnen. Aber obwohl wir von der
Vergangenheit informiert werden müssen, dürfen wir
nicht durch sie gefangen genommen werden - wir
dürfen nicht zulassen, daß sie die Gegenwart überschattet oder die Zukunft vorherbestimmt. Bei der
Einschätzung der Aussichten für Bosnien müssen wir
mit einem sich selbst korrigierenden Realismus
vorgehen, nicht mit einem sich selbst zerstörenden
Pessimismus.
Die Vereinigten Staaten haben heute ebenso wie vor
zwei Jahren - als die amerikanische Führungsrolle die
Kämpfe militärisch durch die NATO und diplomatisch
durch die Verhandlungen von Dayton beendete großes und dauerhaftes Interesse an Frieden und
Stabilität in Bosnien.
Wenn wir erörtern, wo wir in Bosnien stehen, müssen
wir mit dem Anfang beginnen. Vor weniger als zwei
Jahren, als die Gespräche in Dayton aufgenommen
wurden, war Bosnien eine vom schlimmsten Konflikt in

AMERIKA DIENST 20

Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zerrissene und in
Trümmern liegende Nation. Gegnerische Armeen
standen sich in einem Land gegenüber, das von
Schützengräben durchzogen und mit Landminen
übersät war. Bosnien war buchstäblich dezimiert
worden: Mehr als jeder Zehnte - 560.000 - waren
getötet oder verwundet worden. Die Hälfte der
Überlebenden - 2,1 Millionen Menschen - wurden aus
ihrer Heimat vertrieben. 80 Prozent waren von
Nahrungsmittellieferungen der Vereinten Nationen
abhängig. 90 Prozent waren arbeitslos. Unter
amerikanischer Führung war ein zerbrechlicher
Waffenstillstand in Kraft getreten, aber die Flammen
des extremen Nationalismus und ethnischen Hasses
loderten immer noch glühend rot.
Unter so verzweifelten Umständen kann keine Nation
sich selbst wiederbeleben und zu einer friedlichen
Aussöhnung gelangen. Zur Zeit des Daytoner Abkommens gab es für ein amerikanisches Engagement
in Bosnien allein aus humanitären Erwägungen
zwingende Gründe. Ohne die Unterstützung der
Vereinigten Staaten und der internationalen Gemeinschaft wäre Bosnien mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlich wieder in Gewalt und Verzweiflung
versunken.
Unser Interesse war jedoch nicht nur humanitärer Art.
Unter diesen Umständen wäre Bosnien auch weiterhin
eine Quelle gefährlicher Instabilität in Europa geblieben. Wir haben aus harter Erfahrung in diesem
blutigen Jahrhundert gelernt, daß Amerikas Sicherheit
und Europas Stabilität eng verbunden sind. Ohne
Brandmauern gegen ethnischen Haß hätte sich der
Krieg in Bosnien leicht zu Brennpunkten wie dem
Kosovo, Albanien und Mazedonien ausweiten können

Seite 1

�und mehrere der neuen Demokratien in Europa in
Gefahr gebracht. Ein größerer Konflikt hätte die vitalen
Interessen Griechenlands und der Türkei bedroht zwei unserer engsten Verbündeten und wichtige
Mitglieder der NATO.
Ein größerer Konflikt hätte in der Tat Zweifel an der
Lebensfähigkeit des Bündnisses selbst aufkommen
lassen. Zuzulassen, daß nationalistische Aggressoren
Bosnien in der Mitte Europas zersplittern, hätte die
Aussichten für den Aufbau eines neuen, demokratischen, ungeteilten und in Frieden lebenden Europas
unterminiert - eines Europas, das die Sicherheit der
Vereinigten Staaten im 21. Jahrhundert stärken kann.
Hätte der Frieden nicht Fuß gefaßt, hätten die Vereinigten Staaten nicht zur Seite stehen können, als die
humanitären friedenssichernden Bemühungen der
Vereinten Nationen scheiterten und Südosteuropa
erneut vor einem Krieg stand.
Aus diesem Grund haben wir und unsere Partner uns
unter Präsident Clintons Führung nicht nur zur Eindämmung des Konflikts, sondern auch dazu verpflichtet, dem bosnischen Volk bei der Schaffung eines
echten Friedens behilflich zu sein. Wir und die
internationale Gemeinschaft taten uns mit den in
Dayton vertretenen Parteien zusammen, um drei Ziele
zu erlangen: Den Waffenstillstand zu sichern und die
Chancen für erneute Kämpfe zu verringern, den
Parteien beim Aufbau einer einzigen Nation mit einem
Gleichgewicht zwischen übergreifender Einheit und
Autonomie für die beiden Gebietskörperschaften zu
helfen und ihnen die Chancen zur Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu bieten.
Dayton hat außerordentlich umfangreiche und komplexe militärische und politische Bestrebungen in Gang
gebracht. Die von der NATO angeführte IFOR übernahm die Verantwortung für die Entflechtung der
gegnerischen Parteien, überwachte den Gebietsaustausch, setzte den Waffenstillstand durch, entmobilisierte die Armeen, überwachte die Verlegung schwerer Waffen in Lagerhallen und schuf das für den
Beginn der politischen und wirtschaftlichen Gesundung
unerläßliche sichere Umfeld. Sie führte ihr Mandat mit
großem Geschick und Entschlossenheit aus. Die
Nachfolgetruppe - SFOR - erhält diesen Standard
heute aufrecht und bewahrt die erforderliche Stabilität,
damit der Dayton-Prozeß täglich Fortschritte erzielen
kann. Bei diesen Missionen hat sich die NATO
erfolgreich der größten Herausforderung gestellt, mit
der sie sich seit dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert sah und - in Zusammenarbeit mit Soldaten aus
Rußland, der Ukraine und den meisten anderen
unserer europäischen Partnerländer - ihre unerläßliche
Rolle bei der Gewährleistung der künftigen Sicherheit
Europas unter Beweis gestellt.
Zusammen mit den militärischen Bestrebungen leitete
die internationale Gemeinschaft auch eine Mission für

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die zivile Umsetzung von Dayton in die Wege - um den
ehemaligen Feinden bei den notwendigen Schritten zu
einem sich selbst tragenden Frieden behilflich zu sein.
Wir wußten, daß das bosnische Volk Hilfe benötigte,
um zu reparieren und wieder aufzubauen - nicht nur
seine Häuser und Fabriken, sondern sein Vertrauen
und seine Toleranz. Wir glaubten, daß es möglich ist,
weil dieses Jahrhundert mit all seinem Blutvergießen
gezeigt hat, daß Haß nicht mit eisernen Gesetzen der
Genetik oder Kultur von einer Generation an die
andere weitergegeben wird. Haß kann von zynischen
Politikern geschürt werden, aber die Menschen
können sich selbst mit der Hoffnung auf eine bessere
Zukunft über den Haß erheben.
Aus diesem Grund beinhalten die Ziele, zu deren
Erlangung wir und die internationale Staatengemeinschaft angetreten sind, und zu denen sich die Parteien
verpflichtet haben, folgende Punkte, die alle Bestandteil des Abkommens von Dayton sind:
Schaffung eines stabilen militärischen Gleichgewichts, das erneute Kämpfe verhindern
kann.
Reform der Polizei.
Stärkung demokratischer Institutionen und der
Rechtsstaatlichkeit.
Die sichere Rückkehr der Flüchtlinge.
Wiedereinführung der Bewegungsfreiheit im
Land.
Stärkung des wirtschaftlichen Wiederaufbaus.
Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen.
Dies war von Anfang an eine ehrgeizige Tagesordnung, und es war klar, daß sie beispiellose zivile
Bestrebungen über mehrere Jahre hinweg erfordert.
In der vergangenen Woche erinnerte uns der schreckliche Hubschrauberabsturz in Bosnien, der das Leben
von fünf amerikanischen Zivilisten und sieben anderen
an dieser Mission Beteiligten forderte, an das Engagement derjenigen, die diese Arbeit in Angriff genommen
haben - und an die Kosten, Risiken und die von ihnen
erbrachten Opfer.
Weniger als zwei Jahre nach Dayton - und nach so viel
Zerstörung - ist die Arbeit noch lange nicht getan. Wir
sind noch nicht so weit, wie wir gerne wären. Aber
angesichts der Komplexität der Herausforderung
überrascht das kaum. Bosnien begeht immer noch
einen Drahtseilakt, bewegt sich zentimeterweise auf
eine bessere Zukunft zu, ist jedoch immer noch nicht
über den Gefahrenpunkt hinaus. Die große Mehrheit
der Flüchtlinge kann immer noch nicht nach Hause
zurückkehren. Die Republika Srpska befindet sich

AMERIKA DIENST 20

�inmitten eines harten Kampfes - nicht nur um Macht,
sondern um ihre Zukunft und ihre Beziehungen zu dem
Ganzen. Prominente angeklagte Kriegsverbrecher allen voran Radovan Karadzic und Ratko Mladic befinden sich immer noch auf freiem Fuß. Viele der
Medien sind noch nicht unabhängig, und einige von
ihnen verbreiten die ultranationalistischen Beschimpfungen, die zum Ausbruch des Krieges vor sieben
Jahren beitrugen. Die Fortschritte sind an vielen
Fronten unerträglich langsam, auch beim wirtschaftlichen Wiederaufbau.
Ist es also die Mühe wert? Ist es das wert, knappe
Ressourcen auszugeben, unsere Truppen Gefahren
auszusetzen und einige unserer engagiertesten
Diplomaten und Beamten zu verlieren, um ein geeintes, friedliches Bosnien zu erhalten, Grundfreiheiten
wiederherzustellen, einer zerstörten Volkswirtschaft
wieder auf die Beine zu helfen? Einige argumentieren,
die Bilanz zeige, daß wir in Dayton unsere Ziele zu
hoch gesteckt hätten - und nur eine ethnische Teilung
die von uns gewünschte Stabilität hervorbringen
würde, so daß wir uns aus Bosnien zurückziehen
könnten.
Meines Erachtens haben die Anhänger einer Teilung
Unrecht, weil die Teilung zu akzeptieren die Ratifizierung der schlimmsten ethnischen Säuberung in Europa
in über einem halben Jahrhundert bedeuten würde.
Wir dürfen nicht die Gerechtigkeit aufgeben und
Aggression belohnen.
Die Teilung wäre auch falsch, weil sie den ethnischen
Fanatikern überall auf der Welt die Botschaft senden
würde, daß die internationale Gemeinschaft die
Neufestlegung von Grenzen durch Gewalt gestattet.
Indem sie die Art von ethnisch reinen Staaten schafft,
die häufig eine gefährliche Streitlust nähren - Gebietskörperschaften, die inhärent instabil, letztlich nicht
lebensfähig wären und zu expansionistischer Aggression neigen - würde die Aufteilung nicht zu
Frieden, sondern zu Krieg führen. Mit anderen
Worten: Teilung zu befürworten, heißt, die Niederlage
zu akzeptieren.
Wenn Dayton scheitert, wird Bosnien fast sicher in
einen Konflikt zurückfallen, der möglicherweise zu
einem größeren Krieg in Südosteuropa führt. Es
würde die Glaubwürdigkeit der NATO in einem entscheidenden Augenblick unterminieren, in dem sich
das Bündnis auf neue Mitglieder und neue Missionen
vorbereitet. Das würde die amerikanische Führungsrolle in Europa in Frage stellen - mit gravierenden
Konsequenzen für unsere Bürger und andere freiheitsliebende Menschen auf der ganzen Welt.
Ebenso wichtig sind die zunehmenden Beweise, daß
diese Kritiker bei den Fakten Unrecht haben und die in
Dayton getroffenen Entscheidungen echte, positive
Veränderungen in Bosnien bewirken. Dayton hat dazu

AMERIKA DIENST 20

geführt, daß die Waffen still und Bosnien intakt blieb
und die Wiederaufbauarbeit hier und dort Fortschritte
erzielt.
Umfragen des US-Informationsamts zufolge sind
beträchtliche Mehrheiten der bosnischen Muslime,
Kroaten und Serben der Überzeugung, daß die
Bedingungen für einen dauerhaften Frieden geschaffen werden. Und für die meisten Menschen in Bosnien
- vor allem in der Föderation - verbessert sich das
Leben wirklich, wenn auch langsam. Das ist nicht die
Geschichte, die wir für gewöhnlich hören und lesen,
aber der Frieden beginnt Fuß zu fassen. Die Errungenschaften sind nicht unumkehrbar - und um sie zu
konsolidieren, ist das weitere Engagement der internationalen Gemeinschaft in Bosnien in irgend einer Form
auf absehbare Zukunft erforderlich. Aber an nahezu
allen Maßstäben gemessen, ist das Leben für die
Menschen in Bosnien heute besser als vor zwei
Jahren.
Betrachten Sie die Situation mit den Augen eines
bosnischen Kindes, und Sie wissen warum. Stellen
Sie sich einen Moment lang vor, wie es ist, ein 15jähriges Mädchen in einer bosnischen Stadt zu sein.
Es lebte nahezu die Hälfte seines Lebens im tödlichen
Würgegriff des Krieges. Heute besucht es die Schule,
statt sich in einem kalten, matschigen Keller zusammenzukauern, um dem unaufhörlichen Beschuß
durch Granatwerfer zu entfliehen.
Hunderte von durch den Krieg beschädigten oder
zerstörten Schulen wurden mit Hilfe internationaler
Geber wieder aufgebaut, die mehr als 1 Milliarde der
für den zivilen Wiederaufbau zugesagten 3,2 Milliarden
Dollar gespendet haben, darunter 524 Millionen der
Vereinigten Staaten. Nach der Schule verbringt das
Mädchen die Zeit mit Freunden, statt Wasserkannen
nach Hause zu schleppen - wie während des Krieges weil in den meisten Orten die Wasserversorgung
wiederhergestellt worden ist.
Vielleicht lebt es in einer der 24.000 Wohnungen, die
allein im letzten Jahr mit Hilfe der internationalen
Gemeinschaft repariert wurden. Zweifelsohne wird es
zum ersten Mal seit sieben Jahren keine Angst davor
haben, in diesem Winter zu frieren, weil die Heizungen
fast überall im Land wieder funktionieren. Es ißt Obst
und Gemüse, nicht von NATO-Flugzeugen abgeworfene Militärrationen. Es hat ordentliche Kleidung, weil
seine Familie mehr verdient: Seit Beendigung der
Kämpfe haben sich die Durchschnittslöhne in Bosnien
vervierfacht, die Arbeitslosigkeit ist von 90 Prozent auf
50 Prozent gesunken, und die Volkswirtschaft wird von einem immer noch niedrigen Niveau - in diesem
Jahr voraussichtlich um 30 Prozent wachsen.
Vor allem hat das Mädchen jetzt ein neues Gefühl der
Sicherheit. Es kann durch die Straßen gehen in dem
Wissen, daß sich in den Hügeln nicht länger Hecken-

Seite 3

�schützen verstecken, daß es nicht wegen seiner
ethnischen Identität entführt oder vergewaltigt wird,
daß die Granatwerfer nicht länger auf die Spielplätze
gerichtet sind.
Dieser Teenager ist nicht allein in seinem neugefundenen Gefühl der Sicherheit. Aufgrund der Arbeit der
IFOR und der SFOR wurden die gegnerischen Streitkräfte entflochten, über 370.000 Soldaten sind ins
zivile Leben zurückgekehrt und weiteres Blutvergießen
wurde verhindert. Schwere Waffen wurden internationaler Überwachung unterstellt, und mehr als 2000
wurden zerstört.
Gleichzeitig trägt unser Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramm für die Streitkräfte der Föderation zu
einem stabileren militärischen Gleichgewicht bei und
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß jemand auf
erneute Kämpfe setzt. Und wir dürfen Folgendes nicht
vergessen: Wir haben es zu einer Bedingung des
Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms gemacht,
daß Bosnien alle militärischen und nachrichtendienstlichen Verbindungen zum Iran abbricht - damit hat eine
Nation, die Radikalismus exportiert und Terrorismus
fördert, die wichtige Basis in Europa verloren, die sie
bei Beginn des Krieges 1992 erhielt.
Die internationale Gemeinschaft ist dem bosnischen
Volk auch bei der Umstrukturierung und Reform der
örtliche Polizei behilflich, so daß sie die Bürger schützt,
statt sie einzuschüchtern. Diese Arbeit ist noch lange
nicht erledigt. Aber die seit kurzem integrierten
Streitkräfte beginnen zum ersten Mal seit dem Krieg in
Sarajevo, sich den Gewaltverbrechern und Selbstgerechten entgegenzustellen und das Recht und die
Sicherheit der Bürger aller ethnischen Gruppen zu
schützen. Diese Schritte sind ein Vorbild für die
Reform der Polizei in anderen Regionen.
Eine der schwierigsten Herausforderungen des
Abkommens von Dayton war die Wiedereinführung der
Bewegungsfreiheit. Zu jener Zeit mußte jeder Bürger,
der zwischen Städten in Bosnien hin- und herreiste,
ein Dutzend oder mehr Polizei-Kontrollpunkte passieren und riskierte dabei alles von Schikanen und
Erpressung bis zu Entführung und Gewaltanwendung.
Heute sind die Kontrollpunkte verschwunden, die
Straßen sind frei. Fahrzeuge jeglicher Herkunft fahren
frei auf den Hauptverkehrsstraßen. Was noch vor
zwei Jahren unvorstellbar gewesen wäre, überrascht
heute nicht mehr: Autos mit Kennzeichen der Republika Srpska in Sarajevo oder der Föderation in den
Straßen von Banja Luka. Und Bauern, Händler und
Familien überqueren die Grenzen der Gebietskörperschaften leicht und regelmäßig zu Fuß, im Auto oder
sogar in dem öffentlichen Bus, der täglich fährt.
Die Menschen in Bosnien haben nicht nur mehr
Freiheit, sich im Land zu bewegen - sie sind generell
einfach freier. In einem größeren Ausmaß als je zuvor

Seite 4

werden die Bosnier von Menschen ihrer eigenen Wahl
regiert. Die nationalen und regionalen Wahlen des
vergangenen Jahres, die von den Niedergangspropheten als zu gefährlich erklärt wurden, brachten
Bosnien auf den schwierigen Weg zur Demokratie. In
der vergangenen Woche unternahm Bosnien einen
weiteren wichtigen Schritt, als über 2 Millionen Wähler
- oder mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten - aus
den über 20.000 Kandidaten, die sich zur Wahl gestellt
hatten, Bürgermeister, Stadträte und andere Gemeindevertreter wählten. Und nächste Woche erwarten wir, daß unter internationaler Aufsicht eine wichtige
Parlamentswahl in der Republika Srpska stattfindet.
Die Selbstverwaltung wird in Bosnien zur Gewohnheit,
und die nationalen Institutionen des Staates wurden
geschaffen. Das Gemeinsame Präsidium, der Ministerrat, das Oberste Bundesgericht und die gemeinsame Militärkommission wurden eingerichtet. Sie sind
noch auf fremde Hilfe angewiesen, und häufig ist
internationaler Druck erforderlich, damit alle Seiten
weiterhin zusammenarbeiten. Aber in diesem Monat
haben die serbischen, kroatischen und muslimischen
Mitglieder des Gemeinsamen Präsidiums ihre Differenzen überwunden, um ein integriertes Telekommunikationssystem einzuführen, das das Land zusammenhalten und den Wiederaufbau beschleunigen soll. Und
der muslimische und der serbische Kovorsitzende des
Ministerrats - des bosnischen Kabinetts - die im
Frühjahr kaum davon überzeugt werden konnten,
gemeinsam mit Regierungsvertretern in Washington
zusammenzukommen, organisierten im letzten Monat
selbst ihre Reise nach Malaysia, um gemeinsam
Lobbying für Investitionen zu betreiben.
Das Versprechen des Friedens wird jedoch nur dann
vollständig verwirklicht, wenn die Vorteile des Friedens
unter allen Menschen in Bosnien verbreitet werden.
Bis heute hat der Großteil des Wirtschaftswachstums
in Bosnien in der Föderation stattgefunden. Im
Gegensatz dazu hat der Widerstand vieler serbischer
Politiker zur Lähmung der Republika Srpska geführt.
Sie haben ihre Pflichten im Rahmen des Daytoner
Abkommens nicht erfüllt und dadurch die internationalen Geber veranlaßt, nahezu die gesamten
Wiederaufbaugelder für Srpska zurückzuhalten. Das
muß nicht sein. Aber die serbischen Anführer in Pale
haben darauf bestanden, am Haß der Vergangenheit
festzuhalten, statt sich den Versprechungen der
Zukunft zuzuwenden. Sie haben den Weg der Selbstisolierung gewählt. Srpskas andauernde Armut wird
nur beendet werden, wenn die Politiker der Republik
ihre Verpflichtungen erfüllen und die Aufbaugelder
wieder fließen können.
Der jetzt in Srpska stattfindende Kampf ist sowohl
hoffnungsvoll als auch unsicher. Er spielt die extremen Sezessionisten und Anhänger der ethnischen
Säuberung in Pale - die das serbische Volk in den
Krieg geführt haben - gegen eine wachsende Bewe-

AMERIKA DIENST 20

�gung der bosnischen Serben aus, die einer Regierung
von Profitmachern überdrüssig sind. Diese Einwohner
von Srpska lehnen die überhandnehmende Korruption
ab, die mit Ausnahme einiger weniger alle zu Armen
macht. Sie haben die Verbesserungen in der Föderation auf der anderen Seite der Grenze gesehen - sie
wollen an den Vorteilen des Friedens teilhaben.
Präsidentin Plavsic und viele ihrer Anhänger treten
immer noch für den serbischen Nationalismus ein.
Aber im Gegensatz zu dem alten Regime sind sie sich
bewußt, daß der einzige Weg zu Fortschritten über
Dayton geht, daß die Republika Srpska in Isolation
nicht prosperieren kann und es im Rahmen von
Dayton Raum für die Erfüllung ihrer legitimen Ansprüche gibt. Sie wollen ein blutiges Kapitel ihrer
Geschichte schließen und ein neues der Hoffnung und
des Wiederaufbaus öffnen.
Wir haben in Srpska nicht "Partei für eine Seite
ergriffen". Die Vereinigten Staaten, die SFOR und die
internationale Gemeinschaft sind weiterhin unparteiisch - unparteiisch bei der Unterstützung von Dayton.
Das bedeutet die Unterstützung derjenigen, die für
Dayton eintreten, und die entschiedene Ablehnung
derjenigen, die es nicht tun. Wir lehnen die falsche
Entscheidung für Kompromisse zwischen denen, die
Dayton behindern, und denen, die zusammenarbeiten
wollen, ab. Ich möchte eindeutig klarstellen, was das
bedeutet: Es bedeutet, die paramilitärische Polizei von
Pale, die es gewohnt ist, Dissidenten zu bedrohen und
zu bestrafen, wie die abtrünnigen Militäreinheiten zu
behandeln, die sie sind; schnell und entschieden zu
handeln, wenn die Medien dazu benutzt werden, zu
bedrohen und aufzustacheln; entschlossen auf
Versuche zu reagieren, die SFOR zu provozieren oder
einzuschüchtern oder das sichere Umfeld aufs Spiel
zu setzen, zu dessen Gewährleistung die SFOR sich
verpflichtet hat. General Clark, der Oberste Alliierte
Befehlshaber in Europa, erklärte vor kurzem: "Wir
lassen uns nicht einschüchtern. Wir lassen uns durch
den Mob nicht abschrecken. Wir werden alle uns zur
Verfügung stehenden Mittel, einschließlich tödlicher
Waffen, zum Schutz unserer Streitkräfte und zur
Fortsetzung unserer Mission einsetzen."
Wir sind ebenso entschlossen, daß diejenigen, die
Dayton unterstützen, in den Genuß der Vorteile ihrer
Entscheidung kommen, wo immer sie leben. Aus
diesem Grund haben wir trotz der Versuche der
Hardliner in Pale den Gemeinden in Srpska Hilfe
geboten, die die Rückkehr der Flüchtlingen akzeptieren. Wir stellen der Polizei von Srpska, die Reformen
zugestimmt hat, technische Unterstützung und Gerät
zur Verfügung, ebenso wie wir es für die Polizei der
Föderation getan haben - und allein in den letzten
beiden Monaten hat sich nahezu ein Viertel der zivilen
Polizei in Srpska an diesem Programm beteiligt. Wir
begrüßen und unterstützen die Zunahme unabhängi-

AMERIKA DIENST 20

ger Medien in Srpska und versorgen sie mit technischer Hilfe und Gerät, so daß ihre Botschaft überall
vernommen werden kann.
In Srpska findet heute ein wichtiger Kampf statt, und
sein Ergebnis ist entscheidend - denn das ist Aufruhr
aus den richtigen Gründen, für Veränderung ohne
Korruption oder ethnischen Krieg.
Wir müssen realistisch sein: Die internationale Gemeinschaft und das bosnische Volk sehen sich mit
vielen realen Herausforderungen konfrontiert, die
Geduld und andauernde Anstrengungen erfordern.
Wir sind beispielsweise nicht mit der Zahl der zurückkehrenden Flüchtlinge zufrieden. Bisher sind nur
ungefähr 150.000 oder 15 Prozent derjenigen, die
Bosnien während des Krieges verlassen haben,
heimgekehrt. Diese Zahl wird sich nur erhöhen, wenn
Stabilität und Sicherheit wiederhergestellt sind.
Wir müssen helfen, die Bosnier in Marktwirtschaft zu
unterrichten. Während die übrigen Länder der ehemals kommunistischen Welt in Zentraleuropa Anfang
der neunziger Jahre einen Schnellkurs in diesem Fach
erhielten, brach Bosnien einfach zusammen. Viele
Gewohnheiten einer Kommandowirtschaft bestehen
noch fort zusammen mit einer Korruption, die zu häufig
die Wiederaufbaubestrebungen unterminiert.
Wir müssen auch unsere Bemühungen zur Entschärfung der Pulverfässer von Gewalt in Bosnien
verdoppeln, die den Erfolg gefährden. In Brcko, einem
schmalen Korridor, der die beiden Hälften von Srpska
und die Föderation mit Europa verbindet, sind die
Spannungen weiterhin groß und die Fortschritte
erfolgen bestenfalls im Schneckentempo. Die Schlichtung, die über die Zukunft dieses Gebiets entscheidet,
erfolgt in sechs Monaten. Wir machen beiden Parteien
gegenüber klar, daß eine Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen inakzeptabel ist und sie bei der endgültigen Entscheidung den Preis für ihr Verhalten zahlen
müssen.
Welchen Schluß können wir also aus unseren bisherigen Erfahrungen in Bosnien ziehen? Nach zwei
Jahren bietet sich ein gemischtes Bild. Wir sehen
anhaltende Schwierigkeiten und Widerstand. Aber wir
sehen auch, daß Fortschritte einen echten Unterschied
im Leben des bosnischen Volkes und für die Stabilität
dieser entscheidenden Region bewirken. Es wurde
gesagt, das Kennzeichen eines Genies sei die Fähigkeit, gleichzeitig offensichtliche Widersprüche im Kopf
zu haben. Wenn wir heute auf Bosnien blicken, sind
einige Genies gefragt. Wir müssen unsere Augen auf
beide Seiten des Bildes richten - und wir dürfen die
wichtigen Interessen nicht vergessen, die uns leiteten:
Nicht nur ein stabileres, friedlicheres Bosnien anzustreben, sondern darauf hinzuarbeiten.

Seite 5

�Wie Präsident Clinton erklärt hat, wird die SFORMission im Juni 1998 enden. Aber das Engagement
der internationalen Gemeinschaft wird fortgesetzt. Ob
eine internationale Sicherheitspräsenz Teil dieses
Engagements sein wird und welche Rolle die Vereinigten Staaten spielen könnten, bleibt abzuwarten.
Diese Entscheidung wird zum Teil davon abhängen,
wie die Lage ist, wenn sich der Zeitpunkt des Abzugs
der SFOR nähert.
Aber eines ist klar: Ebenso wie wir damals, als die
NATO handelte, um das Gemetzel 1995 zu beenden,
zusammen mit unseren Partnern die Gespräche von
Dayton anberaumten, haben die Vereinigten Staaten
heute ein großes Interesse an der Schaffung eines
dauerhaften Friedens in Bosnien. Der beste Weg zur

*

Seite 6

Förderung dieses Interesses ist über den bei diesen
Verhandlungen vereinbarten Rahmen. Aus diesem
Grund haben die Vereinigten Staaten ein beträchtliches und anhaltendes Interesse am Erfolg von
Dayton.
Dayton kann Erfolg haben. Und Dayton wird Erfolg
haben - wenn die Politiker in Bosnien die Verantwortung für die Zukunft ihres Landes übernehmen und
ihr Volk zum Aufbau des Friedens führen, den es
verdient, wenn die internationale Gemeinschaft nicht
die Geduld oder Entschlossenheit verliert und wenn wir
alle mit klarem Blick auf Bosnien schauen - nicht durch
eine rosarote Brille, aber auch nicht durch ein dunkles
Glas.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

�GLOBALISIERUNG
15. Oktober 1997

Globalisierung und Diplomatie
von Strobe Talbott

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Stellvertretenden Außenministers Strobe Talbott.
Copyright © 1997 Carnegie Endowment for International Peace. Veröffentlichung und Übersetzung mit
freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Foreign Policy, Herbst 1997.

Es war früher Morgen am Montag, dem 4. Oktober
1993, als sich in Moskau neue Probleme zusammenbrauten. Panzer hatten das Weiße Haus umstellt, das
riesige Parlamentsgebäude am Ufer der Moskva, in
dem sich die Abgeordneten des Obersten Sowjet einige schwer bewaffnet - dem Befehl Boris Jelzins
zuwider, die Legislative aufzulösen und Neuwahlen
anzuberaumen, verschanzt hatten. Nur Stunden zuvor
hatten bewaffnete Aufrührer das Büro des Moskauer
Bürgermeisters und die wichtigste Fernsehstation der
Stadt angegriffen.
Ich hatte die Nacht auf dem Sofa in meinem Büro im
siebten Stock des Außenministeriums verbracht. Um
3.00 Uhr ging ich den Gang hinunter zum Lagezentrum
- unserem Kommunikationszentrum - des Ministeriums, wo eine Einsatztruppe rund um die Uhr die sich
anbahnende Krise überwachte.
Von einem der
Telefone im Lagezentrum rief ich den Stellvertretenden
Außenminister Georgi Mamedow an, der in seinem
Büro in dem Stalin-gotischen Wolkenkratzer am
Smolensker Platz war, nur rund anderthalb Kilometer
von dem belagerten Parlament entfernt. Seit Beginn
der Kraftprobe vor 24 Stunden standen wir häufig in
Kontakt.

blutigen Ende kam. Nach gestaffelten Angriffen, die
den im Weißen Haus Verschanzten mehrere Gelegenheiten boten, sich zu ergeben, eroberten die Regierungstruppen das Gebäude zurück und verhafteten die
Oppositionsführer.
Die Vereinigten Staaten und Rußland hatten einen
langen Weg von der Politik des äußersten Risikos
wegen Berlin und Kuba in der Zeit des Kalten Krieges
zurückgelegt. Jetzt war der Krisenherd ein interner
Machtkampf in Rußland, eine Kraftprobe zwischen
einem demokratisch gewählten Machthaber und einer
reaktionären Legislative. Und statt ihn im Geheimen
hinter den Mauern des Kreml zu führen, wurde der
Kampf auch noch weltweit live für Millionen von
Zuschauern übertragen.
Hier war der "CNN-Effekt" am offensichtlichsten.
Ebenso wie der Sender es möglich gemacht hatte, daß
Mamedow und ich sahen, wie sich ein Ereignis in
Realzeit vor unseren Augen entfaltete, während wir die
Auswirkungen über das Telefon diskutierten, hatte die
Kommunikationsrevolution zur Umgestaltung dieses
Landes und unserer Welt beigetragen.
Von Bretton Woods bis Denver

Mitten in unserer Unterhaltung wurden wir beide
plötzlich still. Nach einem lagen Augenblick fragte
Mamedow: "Sehen Sie, was ich sehe?" Ich sah, was
er sah. Wir hatten beide CNN an. Der Sender hatte
mit der Liveübertragung russischer Kommandos
begonnen und zeigte, wie Schützenpanzer in Position
gingen, um das Weiße Haus zu stürmen. In der
nächsten halben Stunde sahen Mamedow und ich
gebannt zu und tauschten gelegentlich Eindrücke aus,
während die Schlacht zu ihrem dramatischen und

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In den achtziger Jahren hatten die sich selbst isolierenden Diktaturen von Chile bis zur Sowjetunion den
Idealen von Demokratie und freien Märkten nachgegeben, die über Radio, Fernsehen, Fax und E-mail
verbreitet wurden. Seit damals haben die mächtigen
technologischen Kräfte des Informationszeitalters abgesehen von der Unterminierung der Berliner Mauer
und der Zerstückelung des Eisernen Vorhangs - dazu
beigetragen, das wirtschaftliche, politische und

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�kulturelle Leben von Nationen zu verknüpfen und die
Grenzen durchlässiger für den Fluß von Menschen,
Produkten und Ideen zu machen. Als Präsident Bill
Clinton im Juli Bukarest besuchte, nahm ihn sein
Gastgeber, Emil Constantinescu, ein demokratischer
Aktivist und Reformer, der sieben Monate zuvor zum
rumänischen Präsidenten gewählt worden war, in sein
Arbeitszimmer mit und zeigte ihm stolz den Computer,
der ihm Zugang zum Cyberspace verschaffte.
Für viele Millionen von Menschen bedeutet die Globalisierung größere Freiheit und größeren Wohlstand.
Aber für Millionen andere bedeutet der gleiche Prozeß
wirtschaftliche Nachteile und soziale Zerrüttung.
Streikende Arbeiter in Südkorea und Argentinien
lehnten Veränderungen ab, auf denen ihre Politiker
bestanden, weil sie zur Erfüllung der Erfordernisse der
Weltwirtschaft nötig waren. Der unerwartete Sieg der
Sozialistischen Partei bei den Parlamentswahlen in
Frankreich im Frühjahr war zum Teil auf die Besorgnis
der Wähler über die Globalisierung zurückzuführen. In
den Vereinigten Staaten haben politische Figuren wie
Ross Perot und Pat Buchanan auf ähnliche Ängste
gesetzt.
Nicht alle, die einen Fernseher in Reichweite haben,
denken, daß es ihnen deshalb besser geht - in der Tat
ist häufig genau das Gegenteil der Fall. In den Slums
der Megastädte der Welt gibt es Satellitenschüsseln,
und die Signale, die sie von Hollywood und der
Madison Avenue empfangen, können Unmut und
Ärger auslösen: Die Kommunikationsrevolution hat das
Potential, Revolutionen anderer Art zu schüren.
Die Globalisierung selbst ist weder gut noch schlecht.
Die Regierungen können ihre Auswirkungen nicht von
ihren Bürgern fernhalten, ohne sie auch vor ihren
Chancen und Vorteilen abzuschotten. Sie können sie
jedoch zu ihrem nationalen und internationalen Vorteil
nutzen.
Diese Aufgabe ist zwar ein zunehmend wichtiges und
explizites Thema der amerikanischen Diplomatie in der
Zeit nach dem Kalten Krieg - sie ist jedoch nicht neu.
Im wirtschaftlichen Bereich geht sie mindestens auf die
unmittelbare Nachkriegszeit sowie die Gründung der
Weltbank und des Internationalen Währungsfonds in
Bretton Woods zurück. Drei Jahrzehnte später - 1975
- unternahmen die Staats- und Regierungschefs von
Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, der Vereinigten Staaten und Westdeutschlands gemeinsam
einen weiteren Schritt nach vorne. Sie kamen in dem
malerischen französischen Dorf Rambouillet zusammen um zu erörtern, wie sie den Handel erweitern, die Währungspolitik koordinieren und ihre
Verletzbarkeit durch steigende Ölpreise verringern
könnten. Es war das erste Treffen dieser Länder, das
im nächsten Jahr in London mit der Aufnahme Kanadas zum jährlichen Treffen der Gruppe der sieben
führenden demokratischen Industrienationen wurde.

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Als die Nachfolger dieser Politiker sich zum 22. Mal im
Juni in Denver trafen, war auch Boris Jelzin dabei. Es
war das erste Mal, daß der Präsident der Russischen
Föderation von Anfang bis Ende an dem Gipfeltreffen
teilnahm. Ebenso wie die Zahl der Darsteller hatte sich
auch die Tagesordnung seit Rambouillet erweitert.
Transnationalen Bedrohungen wie dem Klimawandel,
der Verbreitung ansteckender Krankheiten und dem
internationalem organisierten Verbrechen wurde
ebenso viel Aufmerksamkeit gewidmet wie den
wirtschaftlichen Aspekten der Interdependenz. Muster
im Energieverbrauch, die Zahl der Impfungen von
Kindern und Drogentherapieprogramme - einstmals als
fast ausschließlich innenpolitische Probleme angesehen - waren zu Themen von internationalem Belang
und zum Ziel konzertierter Aktionen geworden.
Obwohl andere Nationen die Geld- und Haushaltspolitik der US-Regierung seit langem aufmerksam
beobachten, haben die innenpolitischen Aktionen der
Vereinigten Staaten inzwischen in zahllosen anderen
Bereichen zunehmende internationale Auswirkungen.
Die Europäische Union war anfänglich gegen die
beabsichtigte Fusion von Boeing und McDonnell
Douglas mit dem Argument, sie würde den Wettbewerb auf dem globalen Flugzeugmarkt unterminieren. Hochrangige mexikanische Regierungsvertreter
haben öffentlich erklärt, daß das Anfang dieses Jahres
in Kraft getretene neue amerikanische Einwanderungsgesetz die Rechte der in den Vereinigten Staaten
lebenden Mexikaner verletzt. Regulierungsbehörden
auf der ganzen Welt richten sich häufig nach der
amerikanischen Nahrungsmittelbehörde bei der
Genehmigung oder dem Verbot von Nahrungsmitteln
und Medikamenten mit Konsequenzen für Tausende
von Unternehmen und Millionen Verbraucher.
Aus dem gleichen Grund hat die Innenpolitik anderer
Nationen zunehmende Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten. Das Ausmaß, in dem Mexiko die
Umweltbestimmungen
des
Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens (NAFTA) umsetzt, wird die
Qualität von Luft und Wasser in Arizona, Kalifornien,
New Mexico und Texas beeinflussen. Das Ausmaß, in
dem China zum Schutz des Rechts auf geistiges
Eigentum bereit ist, wird Arbeitsplätze für amerikanische Arbeitnehmer schaffen oder abschaffen.
Kolumbiens Fähigkeit und Bereitschaft, die Produktion
von Drogen einzustellen, wird das Kräftegleichgewicht
im Krieg gegen illegale Drogen in den Vereinigten
Staaten beeinflussen. Und im Gegenzug werden
Kolumbien und anderen Nationen auf der Angebotsseite des internationalen Drogenhandels nur Erfolg bei
ihrem Teil des Kampfes haben, wenn die Vereinigten
Staaten ihre Nachfrage im Inland reduzieren können.
Die dringende Notwendigkeit von Veränderungen
Globale Interdependenz beeinflußt die Art, in der
praktisch alle Regierungen über internationale Bezie-

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�hungen denken und Diplomatie praktizieren. Je mehr
sie in einem Prozeß engagiert und von ihm betroffen
sind, desto mehr müssen sie sich verändern. Für die
Vereinigten Staaten ist die Notwendigkeit von Veränderungen deshalb besonders zwingend und wird in
dem Gebäude, in dem ich arbeite, besonders akut
gespürt.
Das US-Außenministerium ist eine stolze Institution und sie ist zu Recht stolz. Aber die Empfindlichkeit
einer Institution gegen Reformen ist umgekehrt
proportional zu ihrer Ehrwürdigkeit, und das State
Department ist keine Ausnahme. Das Gebäude steht
in einem Stadtteil von Washington, der Foggy Bottom
(Nebelloch) heißt - ein Name, der zu einem manchmal
liebevollen, manchmal boshaften Spitznamen für das
Ministerium selbst geworden ist, mit nicht gerade
schmeichelhaften Implikationen für die Geistesverfassung der 13.000 Menschen, die dort und in
unseren 249 Vertretungen im Ausland arbeiten.
Während das Außenministerium versucht, die Trägheit
zu überwinden, die einer so großen Organisation mit
einer langen Geschichte inhärent ist, muß es auch mit
weniger finanzieller Unterstützung der Nation, der es
dient, mehr - und besser - arbeiten. Seit 1985 ist der
Etat der Vereinigten Staaten für internationale Angelegenheiten in realen Zahlen um 50 Prozent gesunken.
Er hat auch in relativen Zahlen abgenommen. 1984
betrugen die Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten 2,5 Prozent des Bundeshaushaltes; heute belaufen
sie sich auf ungefähr 1 Prozent. In den vergangenen
vier Jahren mußten wir 32 Botschaften und Konsulate
auf der ganzen Welt schließen. Obwohl die Haushaltsvereinbarung zwischen dem Weißen Haus und dem
Kongreß für 1998 diese nachteiligen Kürzungen zum
Teil wieder aufhebt, werden wir in absehbarer Zukunft
mit gravierenden Einschränkungen operieren. Nur
indem wir unsere Ressourcen sinnvoll einsetzen und
sie klüger verwalten, kann das Außenministerium die
Herausforderungen meistern, die sich der amerikanischen Diplomatie durch Globalisierung und Interdependenz stellen.
Global werden
Der bilaterale Ansatz von Regierung zu Regierung, der
traditionell das Hauptthema der amerikanischen
Diplomatie ist, reicht häufig für die Inangriffnahme von
Bedrohungen wie Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung nicht aus, die fast immer regional und sehr oft global - in ihrem Ausmaß sind. Diese
neuen Herausforderungen werden nur international
koordinierten, langfristigen Bestrebungen weichen.
Als Reaktion auf diese sich verändernden Realitäten
hat Präsident Clinton zu Beginn seiner Amtszeit die
Position eines Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium geschaffen, dem die

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Verantwortung für mehrere Büros des Außenministeriums übertragen wurde, die sich mit "funktionalen"
Querverbindungen befassen: Schutz der Umwelt,
Förderung von Demokratie und Menschenrechten,
Bewältigung der Bevölkerungs- und Migrationsprobleme sowie Strafverfolgung. Das hatte zur Folge,
daß diesen Zielen im politischen Entscheidungsprozeß
und in der Diplomatie erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit gab Vizepräsident
AI Gore einen umfassenderen Plan für Reformen und
die Eingliederung der Behörden für auswärtige Angelegenheiten in das Außenministerium bekannt, der teils
auch eine Reaktion auf die Globalisierung ist. Durch
die Integration des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung und des US-Informationsamts in das
Außenministerium und die Vorbereitung der teilweisen
Konsolidierung des Außenministeriums und des Amts
für internationale Entwicklung werden wir die Hauptaufgaben dieser Behörden besser in das Gefüge der
amerikanische Außenpolitik eingliedern können.
Die Vielfältigkeit, Größenordnung und Komplexität der
transnationalen Probleme und die gemeinsamen
Arrangements, mit denen wir auf ihre Bewältigung
hinarbeiten, erfordern auch ein Umdenken bei der
Einstellung und Ausbildung der Mitarbeiter des
Ministeriums. Wir unternehmen verstärkte Anstrengungen, Leute einzustellen, die bereits über Erfahrung
in Bereichen wie internationales Finanzwesen, Arbeitsfragen, Umweltpolitik und Strafverfolgung verfügen.
Wir erweitern den sogenannten Kernlehrstoff für die
Ausbildung von neu eingestellten Beamten. Das
Foreign Service Institute, das Zentrum des Außenministeriums für den Fremdsprachenunterricht,
Landeskundestudien und die Ausbildung in technischen Fertigkeiten, hat einen Kurs eingeführt, der
sich mit Themen wie Drogenhandel und Flüchtlingsströmen befaßt sowie mit dem sich ausdehnenden
globalen Markt für amerikanische Umwelttechnologien.
In der Zwischenzeit pflegen unsere Diplomaten im
Ausland in größerem Maße als je zuvor regionale und
transnationale Beziehungen, wobei die amerikanischen Beziehungen zu der jeweiligen Gastregierung
immer noch Priorität haben. Unsere Botschaften in
Lima und Quito arbeiten mit den Regierungen von
Argentinien, Brasilien und Chile bei der Lösung der
Grenzstreitigkeiten zwischen Ecuador und Peru
zusammen. Unsere Botschaft in Pretoria widmet einen
Großteil ihrer Energie der Zusammenarbeit mit der
südafrikanischen Regierung für Frieden in Angola und
im Kongo. Und unabhängig von unseren Differenzen
mit Peking engagieren wir uns gemeinsam mit den
Chinesen, Japanern und Südkoreanern für die andauernden Bestrebungen zur Verringerung der
Spannungen auf der koreanischen Halbinsel.

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�Neue Maßnahmen, neue Partner
Die Globalisierung hat auch die Notwendigkeit einer
aktiven Rolle anderer Ministerien und Behörden der
US-Regierung bei der Verfolgung amerikanischer
Interessen im Ausland verstärkt - und der systematischeren Zusammenarbeit des Außenministeriums mit
ihnen. Diese Zusammenarbeit ist besonders eng bei
Wirtschafts-, Verteidigungs- und Strafverfolgungsangelegenheiten.
Wirtschaft. Da Handel und internationale Investitionen für die amerikanische Volkswirtschaft wichtiger
geworden sind, haben das Außenministerium und die
Wirtschaftsbehörden der US-Regierung ihre Zusammenarbeit erweitert und vertieft. Die während der
beiden vergangenen Jahre bei der Welthandelsorganisation erzielten Abkommen zum Abbau von
Zöllen und zur Verstärkung des weltweiten Handels mit
Informationstechnologie
und Telekommunikation
stehen für solche gemeinsamen Anstrengungen. In
Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium, dem
Büro der US-Handelsbeauftragten und der Bundesbehörde für das Fernmeldewesen haben Vertreter des
Außenministeriums im In- und Ausland eine entscheidende Rolle gespielt und sich mit Vertretern
amerikanischer Unternehmen vor Ort getroffen, um
unsere Verhandlungsstrategie zu verfeinern und
ausländische Regierungsvertreter in über 60 Ländern
zur Annahme der amerikanischen Positionen gedrängt.
Während die amerikanischen Diplomaten beim
Verfassen der Vorschriften und dem Aufbau der
Institutionen behilflich sind, die die globale Wirtschaft
leiten, verfechten sie auch aggressiv die Interessen
amerikanischer Unternehmen auf der ganzen Welt.
Das Ministerium arbeitet mit der Export-Import Bank
und anderen Bundesbehörden zusammen um sicherzustellen, daß amerikanische Firmen gleiche Wettbewerbschancen haben. Im Jahr 1995 erhielt NYNEX
dank der Vermittlung unserer Botschaften und des
Wirtschaftsministeriums den Zuschlag für ein
Unterwasser-Fiberoptikkabelprojekt in Höhe von 1,5
Milliarden Dollar, das Länder in Afrika, Asien und
Europa verbinden wird und erwartungsgemäß amerikanische Exporte von nahezu 650 Millionen Dollar und
mehrere Tausend amerikanische Arbeitsplätze
unterstützt.
Verteidigung. Lastwagen, die über den Potomac
hinweg zwischen Foggy Bottom und dem Pentagon
hin- und herfahren, sind nichts Neues. Dennoch hat
das Ende des Kalten Krieges der Zusammenarbeit
zwischen dem Außen- und dem Verteidigungsministerium eine neue Dimension verliehen. Wir arbeiten sehr
viel enger zusammen, um die Institutionen und Gewohnheiten der Demokratie auf der ganzen Welt zu
fördern. Durch friedenssichernde Operationen in für
amerikanische Interessen entscheidenden Regionen
und neue Sicherheitsarrangements wie der Partner-

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schaft für den Frieden ermutigen wir die Unterstellung
der Streitkräfte unter ein ziviles Kommando, die
Respektierung internationaler Grenzen, den Schutz
der Rechte von Minderheiten und die Bewegungsfreiheit der Menschen.
Als die Vereinigten Staaten 1994 im Rahmen einer
internationalen Koalition Truppen zur Wiederherstellung der Demokratie nach Haiti entsandten,
erarbeitete die US-Regierung einen innovativen,
einheitlichen Plan für politisch-militärische Operationen. Er sollte sicherstellen, daß die zivilen und
militärischen Aspekte der Operation gleichzeitig und
mit der gleichen Präzision umgesetzt werden. Als die
Friedenstruppen die Angehörigen des haitianischen
Militärs entwaffneten, hatte das Amt für internationale
Entwicklung infolgedessen Programme bereit, um den
entmobilisierten Soldaten bei der Erlangung der
Qualifikationen behilflich zu sein, die sie für die
Reintegration in die bürgerliche Gesellschaft benötigten.
Strafverfolgung. Die sich abzeichnenden Bedrohungen durch das internationale organisierte Verbrechen
und Drogenhandel erfordern von unseren Diplomaten
die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Strafverfolgungsbehörden in bisher ungekanntem Ausmaß.
Beamte mit Fachgebiet Politik arbeiten mit Mitarbeitern
des Justizministeriums zusammen, die in entscheidenden regionalen Botschaften wie Moskau und Bangkok
stationiert sind, um bilaterale Ausweisungsverträge
und Abkommen auszuhandeln, mit denen die Regierungen Informationen über Ermittlungen der Staatsanwaltschaft oder Polizei austauschen können. Und in
jede diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten
entsandte Konsularbeamte kooperieren in persona
und per Computer mit Agenten der Drogenbekämpfungsbehörde (DEA), dem FBI, der Einwanderungsund Einbürgerungsbehörde sowie den Nachrichtendiensten, um verdächtige Drogenschmuggler, Terroristen und Verbrecher aufzuspüren und ihnen die
Einreise in die Vereinigten Staaten zu verweigern.
In Budapest haben wir eine internationale Strafverfolgungsakademie eröffnet, um den neuen Demokratien des ehemaligen Sowjetblocks bei der Einführung der Rechtsstaatlichkeit behilflich zu sein, die
für eine gesunde Demokratie unerläßlich ist. Die vom
Außenministerium finanzierte und verwaltete Akademie
bringt Experten von FBI, DEA, Zollamt, Secret Service,
der Bundessteuerbehörde, dem Büro für Alkohol,
Tabak und Feuerwaffen und dem Energieministerium
zusammen, damit sie mit ihren Kollegen aus Zentraleuropa, den Neuen Unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion und Westeuropa die neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien austauschen können. In den nächsten Monaten
werden wir eine ähnliche Institution in Zentralamerika
gründen.

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�Zusammengenommen haben diese neuen Formen der
Zusammenarbeit die Zahl der in Übersee stationierten
Mitarbeiter der US-Regierung beträchtlich erhöht, die
nicht bei den herkömmlichen Behörden für auswärtige
Angelegenheiten beschäftigt sind. In der Tat sind 63
Prozent von ihnen, die jetzt unseren Botschaftern und
Gesandten unterstehen, keine Mitarbeiter des USAußenministeriums.
Während die Globalisierung
voranschreitet, wird diese Zahl wahrscheinlich ebenso
zunehmen wie die Herausforderung einer Koordinierung der Präsenz der amerikanischen Regierung im
Ausland.
"Multi-multilaterale" Arbeit
Obwohl die Globalisierung internationalen Zusammenhalt herbeiführt und internationalen Unternehmen
zusätzliche Befugnisse verleiht, hebt sie paradoxerweise auch die Grenzen nationaler Macht hervor.
Regierungen sind häufig zu schwerfällig, um effektiv
auf transnationale Bedrohungen zu reagieren - auch
wenn solche Bedrohungen innerhalb ihrer eigenen
Grenzen offenkundig sind. Teilweise infolgedessen
wird die politische Amtsgewalt von oben nach unten
und vom Zentrum nach außen auf kommunale und
regionale Regierungen und Gemeindeorganisationen
übertragen, die an der Basis arbeiten.
Aus diesem Grund versuchen viele Regierungen,
einschließlich der amerikanischen, knappe Ressourcen sorgfältig einzusetzen und ihre Fähigkeit zur
Inangriffnahme transnationaler Bedrohungen zu
verbessern, indem sie Koalitionen mit "nichtstaatlichen
Akteuren" bilden - multinationalen Unternehmen,
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen,
der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds. Diese Koalitionen gestatten den Vereinigten
Staaten nicht nur auf multilateraler, sondern auf multimultilateraler Ebene über mehrere Organisationen und
Institutionen gleichzeitig zu arbeiten.
In Bosnien arbeiten neun Behörden und Ministerien
der US-Regierung mit über einem Dutzend anderen
Regierungen, sieben internationalen Organisationen
und 13 wichtigen NGOs - vom Roten Kreuz über die
internationale Krisengruppe bis zum amerikanischen
Anwaltsverein - an der Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton.
Im Nahen Osten haben die Vereinigten Staaten den
Vorsitz über eine multilaterale Arbeitsgruppe für
Wasserressourcen - eine Gruppe von 47 Ländern und
internationalen Organisationen, die an der Gewährleistung arbeiten, daß die gemeinsame Abhängigkeit
der Region von knappen Ressourcen nicht zu einer
Bedrohung der politischen Stabilität wird. Die Regierungen von Israel, Japan, Oman, Südkorea und der
Vereinigten Staaten haben das regionale NahostMeerwasserentsalzungszentrum in Maskat gegründet,

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um Forschungen zur Reduzierung der Kosten der
Entsalzung zu unterstützen.
Eine integrierte Arbeitsgruppe für Nahrungsmittelhygiene unter dem gemeinsamen Vorsitz des Außenministeriums, des Landwirtschaftsministeriums und
des Amts für internationale Entwicklung sondiert neue
Wege zur Anwendung von amerikanischem Wissen,
Technologie, Ressourcen und des Einflusses um
sicherzustellen, daß es genug Nahrungsmittel gibt, um
den Bedarf des nächsten Jahrhunderts zu decken.
Unter der Schirmherrschaft dieser Gruppe leitet die
amerikanische nationale Behörde für Ozeane und die
Atmosphäre eine internationale Initiative, die Regierungen, Privatunternehmen und NGOs zusammenbringt,
um die experimentelle Vorhersage saisonaler Klimamuster aufzunehmen, so daß die Aussaat des Getreides an den erwarteten jährlichen Niederschlag
angepaßt wird, wodurch die gravierendste Nahrungsmittelknappheit verringert werden kann.
Das Organigramm dieser Art von kollaborativen
Bestrebungen ist ein Patchwork von Kästchen, die
durch sich überschneidende und sich kreuzende
durchgezogene und gepunktete Linien miteinander
verbunden sind. Es obliegt häufig dem Außenministerium, die Arbeit der anderen Behörden der US-Regierung zu koordinieren und sicherzustellen, daß ihre
Unternehmungen einer übergreifenden und kohärenten Strategie dienen. Das Ministerium arbeit auch an
der Integration der staatlichen Bestrebungen der
Vereinigten Staaten in den Aufgabenbereich anderer
Regierungen - und zunehmend von NGOs und
anderen Organisationen.
Das Ende der Außenpolitik
Im Kontext der vielen globalen Probleme, mit denen
sich die Vereinigten Staaten heute konfrontiert sehen,
und auch im Kontext ihrer Lösung, wird das Wort
"ausländisch" unmodern. Von der Börse in Singapur
bis zum Dach der Welt über Patagonien, wo es ein
Ozonloch gibt, gilt: Was dort geschieht, ist hier von
Bedeutung - und umgekehrt. Das ist nicht nur eine
Tatsache und eine nützliche Kurzdefinition der Globalisierung selbst, es ist auch der ausschlaggebende
Punkt für diejenigen von uns, die inner- und außerhalb
der Regierung versuchen, Außenpolitik für die Amerikaner weniger ausländisch und relevanter zu machen.
Aufgrund des Fehlens einer großen, einigenden
Bedrohung, wie sie die Sowjetunion während des
Kalten Krieges darstellte, scheint die Notwendigkeit
des amerikanischen Engagements in der Welt offenkundig. Größtenteils infolgedessen hat das Interesse
der amerikanischen Öffentlichkeit und der Medien im
letzten Jahrzehnt merklich nachgelassen.
Um diesen Trend umzukehren, hat das Ministerium in
den vergangenen drei Jahren 40 "Gemeindeversamm-

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�lungen" abgehalten, bei denen unsere Diplomaten
Themen vom Nahost-Friedensprozeß bis zur Förderung der Menschenrechte erörterten. In den ersten
20 Wochen ihrer Amtszeit hat Außenministerin Madeleine Albright 15 Reisen in den Vereinigten Staaten
unternommen, um mit den Amerikanern in Schulen,
Bibliotheken und vom Deck eines Flugzeugträgers aus
über Außenpolitik zu reden. Ebenso wie Präsident
Constantinescu von Rumänien hat sie das World Wide
Web benutzt, auf dem die Home Pages der Außenministerin und des Außenministeriums durchschnittlich
1,7 Millionen Zugriffe im Monat verzeichnen.

ternationalen Engagements vergrößern vielmehr
unsere Macht über unser eigenes Schicksal als Nation
- was die treffendste Definition von Souveränität ist.
NATO, NAFTA, die Chemiewaffenkonvention, die
Partnerschaft für den Frieden und unsere Beteiligung
an den Vereinten Nationen - so unterschiedlich sie in
der Zusammensetzung und Funktionsweise auch sind
- haben alle eines gemeinsam: Sie helfen den Vereinigten Staaten, die Kräfte der Interdependenz zu
kanalisieren und sie zum Vorteil unserer Bürger und
dem anderer Nationen zu nutzen, die unsere Interessen und Werte teilen.

Diese Art von "Einbeziehung", wie wir unsere öffentlichen Bildungsprogramme bezeichnen, ist sehr viel
mehr als ein speziellen Plädoyer für das Außenministerium oder seinen Haushalt. Es geht darum, an
der Heimatfront für das amerikanische Engagement
und den Aktivismus im Ausland triftige Gründe vorzubringen.

Wenn wir zustimmen, die allgemeinen Regeln einzuhalten, erhalten wir die Zusage anderer, nach
gegenseitig akzeptablen Standards in Bereichen wie
Arbeitsrecht, Recht auf geistiges Eigentum, Umweltschutz, Luftverkehrssicherheit und öffentlicher Gesundheit zu leben. Dabei schaffen wir auch die
Instrumente, mit denen wir die Einhaltung sinnvoll, fair
und durchsetzbar messen.

Im kommenden Jahr sehen sich die Vereinigten
Staaten einer Reihe wichtiger Entscheidungen gegenüber, von denen jede - im weitesten Sinne - eine
Entscheidung darüber sein wird, wie unser Land auf
die Chancen und Herausforderungen der Globalisierung reagiert. Wir müssen den Kongreß überzeugen,
daß die Erweiterung der NATO um mehrere
der neuen Demokratien in Zentral - und
Osteuropa die Stabilität einer Region erhöht,
in der über 500.000 Amerikaner in diesem
Jahrhundert ihr Leben gelassen haben,
daß die Ausdehnung des NAFTA auf andere
Nationen in Lateinamerika Arbeitsplätze in den
Vereinigten Staaten schaffen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln wird,
daß die Annahme bindender Obergrenzen für
Treibhausgasemissionen bei der Konferenz
über Klimawandel in Japan im Dezember für
die langfristige Fähigkeit des Planeten, die
Umwelt zu erhalten, unerläßlich ist.
Gegner dieser und anderer Initiativen argumentieren
häufig, sie setzten die nationale Sicherheit aufs Spiel
oder würden sie verwässern. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Gut ausgearbeitete internationale
Verpflichtungen und eine umfassende Strategie des in-

*

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Andere Nationen sind zur Einhaltung dieser Standards
bereit, nicht nur weil sie Zugang zum amerikanischen
Markt suchen oder sich mit einer Weltmacht gut
verstehen wollen. Sie tun es, weil sie sich bewußt
sind, daß ein auf diesen Standards gründendes
System der Gleichberechtigung und Offenheit der
Schlüssel zu ihrer eigenen Fähigkeit ist, vom Phänomen der Globalisierung zu profitieren. Und das
bedeutet Zusammenarbeit, um die Evolution des
Phänomens selbst in die Richtung von gerechter
Wirtschaftsentwicklung, eines handhabbaren Bevölkerungswachstums, nachhaltiger Nutzung unserer
natürlichen Ressourcen sowie der Verbreitung und
Konsolidierung der Demokratie zu lenken.
Sechs Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges kann
man sagen, daß wir in gewisser Weise immer noch in
einer bipolaren Welt leben. Aber heute ist die Trennlinie nicht ein Eiserner Vorhang zwischen Ost und
West. Sie verläuft vielmehr zwischen den Kräften von
Stabilität und Instabilität, Integration und Desintegration, Wohlstand und Armut. Die Vereinigten Staaten
müssen bei diesem neuen Kampf eine zentrale Rolle
spielen, ebenso wie sie es in dem alten getan haben.
Und wieder einmal wird der Erfolg den vollen Einsatz
der diplomatischen Ressourcen der Vereinigten
Staaten auf der ganzen Welt - und in Foggy Bottom erfordern.

* * *

*

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�UMWELT
15. Oktober 1997

Unsere globale Zukunft: Klimawandel
von Timothy Wirth

LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 15. September 1997 in Kew Gardens gehaltene Rede
des Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy Wirth.

Mein zentrales Thema heute ist der Klimawandel. Ich
möchte die Verhandlungsposition der Vereinigten
Staaten zu diesem elementaren Thema im Vorfeld der
für Dezember anberaumten internationalen Konferenz
in Kyoto im Einzelnen erläutern. Ich möchte jedoch
damit beginnen, dieses Thema in einen Kontext zu
stellen, weil es in mehrerer Hinsicht typisch für die Art
von Bedrohungen und Chancen ist, mit denen wir uns
im 21. Jahrhundert konfrontiert sehen.
Überall auf der Welt beginnen die Nationen sich ihrer
Chancen und Verantwortung bewußt zu werden, über
die Krisen des Augenblicks hinaus auf die zugrundeliegenden Ursachen zu blicken, die die Welt immer
komplexer machen und die Prioritäten für die langfristige nationale Sicherheit und globale Stabilität neu
definieren. Sie müssen nur meine Erfahrungen und
die meiner Generation denen meiner Kinder und deren
Kinder gegenüberstellen.
Im August 1961 war ich Gefreiter und erlebte mit, wie
die Berliner Mauer errichtet wurde, und ich erinnere
mich, daß ich dachte, wir könnten zu einem Krieg in
Zentraleuropa verschifft werden. 30 Jahre später
saßen meine Kinder zusammen mit ungefähr 750.000
anderen jungen Leuten auf derselben Mauer, um ein
Pink Floyd-Konzert zu hören.
Für meine Generation war die Ost-West-Konfrontation
sicherlich eine prägende Erfahrung. Sie definierte, wer
wir als Land waren, was wir als wertvoll und was wir
als wichtig erachteten. Für meine Kinder ist der Kalte
Krieg ein sich im Rückspiegel immer weiter entfernender Gegenstand.
Das durch das Ende des Ost-West-Konflikts entstandene Vakuum hat verschiedene Vorschläge über

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unsere nationale Zielsetzung hervorgerufen. Einige
vertreten die Ansicht, die Mission der Vereinigten
Staaten sei nur innenpolitisch, und da sich unsere
Interessen und Pflichten auf der Welt maßgeblich
verringert hätten, sollten wir einfach eine starke
Verteidigung aufrechterhalten, um uns vor militärischen Bedrohungen und traditionellen Sicherheitsbelangen zu schützen. Diese Sichtweise ignoriert sehr
viel mehr als die zunehmende Interdependenz unseres
Planeten. Sie ignoriert das schreckliche Leid und die
verlorenen Chancen der Welt von heute. Und sie
ignoriert unsere Verantwortung, Fortschritte und
Hoffnung für die Zukunft sicherzustellen.
Wir sind es gewohnt, in solchen Faktoren wie Ideologie, Geopolitik, wirtschaftlichem Ungleichgewicht oder
in durch Nationalismus, Rasse und religiösen Fanatismus geschürtem intensivem Haß nach der internationalen Zielsetzung und den Ursachen für internationale Instabilität zu suchen.
Diesen Faktoren
müssen wir jetzt die enormen globalen Faktoren wie
rapides Bevölkerungswachstum, Klimawandel und den
Verlust der Artenvielfalt sowie die drohenden Folgen
hinzufügen:
Bodenerosion,
Luftverschmutzung,
Überweidung, abnehmende Frischwasservorräte,
ansteckende Krankheiten, Abbau der Ozonschicht und
viele andere. Selbst verglichen mit den komplexen
Erwägungen, die unsere nationale Sicherheitspolitik
während des Kalten Krieges bestimmten, sind die
neuen globalen Bedrohungen der internationalen
Stabilität beinahe verwirrend in ihrer Wechselwirkung
mit vom Menschen erzeugten Naturphänomenen. Alle
diese Faktoren sind durch eine komplexe Kette von
Ursache und Wirkung verbunden, die zu Problemen
führen, die selbst die nukleare Abschreckung als ein
einfaches Vorhaben erscheinen lassen. Die Berechnungen der Klimaveränderungen - um nur ein

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�Beispiel zu nennen - stellen sogar die modernsten und
stärksten Computer, die für unsere Waffenprogramme
im Kalten Krieg entworfen worden waren, vor eine
Herausforderung.

Weideland erhalten wir Fleisch, Milch, Leder und
Wolle; Ozeane, Flüsse und Seen bringen Nahrungsmittel für den Menschen und Ressourcen für die
Industrie hervor.

Komplexität muß jedoch nicht der Feind eines kohärenten Konzepts für politisch orientierte globale
Themen sein. Von uns allen erfordert die Einbeziehung globaler Bedrohungen in die Definition globaler
und nationaler Sicherheit der Zeit nach dem Kalten
Krieg den Abbau von Schranken und - mit den Worten
von Abraham Lincoln - uns von alten Ideen und den
Paradigmen von gestern "zu befreien".

In der Sprache der Geschäftswelt könnte man sagen,
die Wirtschaft ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Umwelt. Aber wenn wir dieses ökologische
System verschmutzen, zerstören und unwiederbringlich aufs Spiel setzen, beginnen wir, die Wirtschaft
ernsthaft zu schädigen.

So attraktiv es einigen in unserem Kongreß auch
erscheinen mag - mit passiver Isolation werden wir
diese Pflichten nicht erfüllen können. Statt dessen
müssen wir neue Pflichten und neue Herausforderungen - Themen, die das 21. Jahrhundert definieren
werden - erkennen und uns an sie anpassen. Und
eine der wichtigsten ist nachhaltige Entwicklung - das
zentrale Konzept, das beim Erdgipfel im Jahr 1992
vereinbart wurde.

Das ist in Zentral- und Osteuropa geschehen, wo wir
die tiefgreifende Umweltzerstörung erst jetzt entdecken
und verstehen. In der Tat geschieht es überall auf der
Welt, selbst in vielen der Krisengebiete, die heute in
den Schlagzeilen stehen.

Wie Maurice Strang hier vor vier Jahren so klar
dargelegt hat, bedeutet nachhaltige Entwicklung im
Wesentlichen, daß die Volkswirtschaften der Welt
versuchen sollten, die Bedürfnisse der heutigen
Generation zu erfüllen, ohne Kompromisse zu machen
oder künftige Generationen zu berauben. Es ist ein in
der Erkenntnis des sich gegenseitig verstärkenden
wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen
Fortschritts wurzelndes Konzept.
Bedauerlicherweise ist das größte Hindernis beim
Streben nach nachhaltiger Entwicklung der Irrglaube,
daß der Schutz der Umwelt im Widerspruch zu
Wirtschaftsinteressen steht. Viel zu viele werden mit
dem Kopf nicken und sagen: "Ja, ich bin für Umweltschutz, solange er keine Arbeitsplätze kostet." Und in
eben dieser schrecklich falschen Analyse treffen wir
auf die grundlegende intellektuelle Herausforderung für
nachhaltige Entwicklung und das Gebot konzertierter
Aktion. Die Wahrheit ist, daß die Umwelt von grundlegender Bedeutung für die Wirtschaft ist.
Ökologische Systeme sind die entscheidende Grundlage unserer Gesellschaft - in der Wissenschaft, Landwirtschaft, bei der sozialen und wirtschaftlichen
Planung. Fünf unerläßliche biologische Systeme Felder, Wälder, Weideland, Ozeane sowie Flüsse und
Seen - unterstützen die Weltwirtschaft. Mit Ausnahme
von fossilen Brennstoffen und Mineralien liefern sie alle
Rohstoffe für die Industrie und alle unsere Nahrungsmittel: Felder liefern Nahrungsmittel, Tierfutter und die
endlose Vielzahl von Rohstoffen für die Industrie wie
Pflanzenöle; Wälder sind die Quelle für Brennstoff,
Holz, Papier und zahllose andere Produkte und bergen
wertvolle Wasserscheiden, die Trinkwasser für
wachsende städtische Gebiete bereitstellen; durch

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Ist das nur ein theoretisches Konzept? Nein.

Zum Beispiel:
In Ruanda geschah das unbeschreiblich brutale
Massaker von 1994 vor dem Hintergrund des explodierenden Bevölkerungswachstums, der Umweltzerstörung und der ungleichen Verteilung der
Ressourcen. Ruandas Geburtenrate zählt zu den
höchsten der Welt - über acht Kinder pro Frau. Das
einstmals reiche Farmland der Nation ist so stark
ausgebeutet und zerstört, daß zwischen 1980 und
1990 - einer Zeit beispiellosen Bevölkerungswachstums - die Nahrungsmittelproduktion dramatisch sank.
Im Staat Chiapas in Mexiko haben Jahrzehnte von
Konflikten wegen der Ressourcen zu der Rebellion in
Mexikos krisengeschütteltster Region geführt. Die
ungleiche Verteilung von Land und das rasche Bevölkerungswachstum haben die armen Bauern - meistens
Einheimische - gezwungen, sich mühsam mit der
Bewirtschaftung von umweltgefährdetem Land auf den
Hochebenen durchzuschlagen. Aber dieser Boden ist
schnell ausgelaugt, wodurch die zunehmende Bevölkerung noch weiter in die Armut gestürzt wird. Ein
ähnlicher Zyklus wurde an so unterschiedlichen Orten
wie den Philippinen, dem Himalaja, der Sahelzone,
Indonesien, Brasilien und El Salvador beobachtet.
In Haiti sind schwindende Ressourcen von noch
zentralerer Bedeutung für den sozialen Kollaps, der die
Insel erfaßte, die einst das Kronjuwel des Französischen Imperiums war. Nahezu völlig entwaldet, der
schlechte Boden mit jeder Generation in kleinere und
weniger produktive Parzellen unterteilt, wurden diese
Probleme verschärft durch eine ausbeuterische
Regierung, die die knappen Ressourcen erschöpfte
und nicht in ihr Volk investierte. Über diesem umweltpolitischen, wirtschaftlichen und politischen Kollaps
schwebt drohend die Tatsache, daß Haitis Bevölkerung von sieben Millionen - denen schon jetzt in keiner
Hinsicht Lebensuntererhalt geboten werden kann -

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�sich voraussichtlich in den nächsten 18 Jahren
verdoppelt.

Planeten unter enormem Druck stehen. Wir zerstören
unsere eigenen Überlebenssysteme.

Und in China - wo 20 Prozent der Weltbevölkerung
leben - bedrohen ernsthafter Wassermangel und
Bodenerosion die Fähigkeit des Landes, seine Bevölkerung zu ernähren. Zwischen 1987 und 1990 nahm
Chinas anbaufähiger Boden um rund 50 Millionen
Acker ab - ein Gebiet von der Größe aller Bauernhöfe
in Frankreich, Deutschland, Dänemark und den
Niederlanden zusammengenommen. Diese Bodenerosion führt zu einem Exodus aus dem verarmten
Inneren des Landes zu den boomenden Küstenstädten. China und die Erfordernisse seiner raschen
Industrialisierung rasen auf einen Umweltabgrund zu,
in den seine Volkswirtschaft bald mit voller Geschwindigkeit stürzen wird. Einige dieser gefährlichen Trends
sind das Produkt der Armut. 1,8 Milliarden Menschen
auf der Welt leben in schrecklicher Armut. Mehr als 2
Milliarden leben ohne Zugang zu angemessenen
Sanitäreinrichtungen.

Die rasche Zerstörung unserer lebenserhaltenden
Systeme illustriert unsere Interdependenz mit der
Natur und unsere sich wandelnden Beziehungen zu
dem Planeten.

Arme Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika
benötigen verzweifelt Brennstoff und bebaubaren
Boden. Ihre Bedürfnisse und ihre Zahl machen sie zu
unwissenden, aber mächtigen Kräften der Zerstörung,
sei es in tropischen Regenwäldern oder auf umweltgefährdeten Hügeln - eine Tragödie für die Umwelt
und ihre eigene Zukunft.
Aber Armut ist nicht die einzige - oder die schlimmste Kraft, die die globale Umwelt vergiftet.
Der Appetit der Wohlhabenden auf Holzprodukte ist für
die Wälder von Malaysia, Indonesien, der Philippinen,
Brasilien und der Vereinigten Staaten eine gleich
große Bedrohung.
Der Großteil des Grundwassers, das unserer Zukunft
entzogen wird, fließt in die erleuchteten Städte derjenigen, die alles haben, nicht auf das ausgedörrte Land
derjenigen, die nichts haben.
Eben diese Städte und wir, die darin leben, heizen die
Erderwärmung an.
Wir lernen auch, daß Umweltkapital nicht einfach
gemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände oder Kornähren zählt. Es umfaßt auch
komplexe ökologische Systeme, die Abwässer filtern,
den Boden regenerieren, das Wetter und die klimatischen Bedingungen bestimmen und die Frischwasservorräte auffüllen. Diese Systeme, die jetzt in einem
neuen, aufregenden und fesselnden Gebiet der
ökologischen Wirtschaft als Dienstleistungen im
Umweltbereich bezeichnet werden, erlauben uns das
Leben auf dieser Erde. Der Abbau der Ozonschicht,
der Verlust der Artenvielfalt und der zunehmende
Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre sind Reflexionen der Tatsache, daß die ökologischen Systeme des

AMERIKA DIENST 20

Unsere Sicherheit ist untrennbar mit diesen Trends
verbunden. Die Sicherheit unserer Welt hängt davon
ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Menschen und der
Fähigkeit des Planeten zum Erhalt des Lebens
schaffen können.
Warum wurden diese neuen Aspekte der Sicherheit
erst kürzlich erkannt? Zwei Trends sprechen für sich.
Erstens das exponentielle Wachstum der Bevölkerung.
Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 verdoppelt und
beläuft sich jetzt auf nahezu sechs Milliarden. Jedes
Jahr nimmt die Welt um weitere 91 Millionen Einwohner zu - das entspricht einem weiteren New York
jeden Monat, einem weiteren Mexiko jedes Jahr, einem
weiteren China jedes Jahrzehnt. 95 Prozent dieses
Wachstums finden in den verarmten Entwicklungsländern statt, die schon jetzt darum kämpfen, Arbeitsplätze und den Lebensunterhalt für ihre Bewohner
bereitzustellen.
Gleichzeitig haben die Industrienationen die Fähigkeit
und das Konsumverhalten entwickelt, in einer Geschwindigkeit Ressourcen zu verbrauchen und Müll zu
produzieren, die in der Menschheitsgeschichte
ihresgleichen sucht. Obwohl wir nur ein Fünftel der
Weltbevölkerung ausmachen, verbrauchen die
Industrienationen zwei Drittel aller konsumierten
Ressourcen und produzieren vier Fünftel aller Schadstoffe und Abfälle.
Wir manövrieren uns also in eine schreckliche Lage die Bevölkerung der Welt nimmt in einem Maße zu,
dem nur unsere wachsende Fähigkeit, Ressourcen zu
konsumieren und Müll zu produzieren, entspricht oder
diese übertrifft. Der Kurs, auf dem wir uns zur Zeit
befinden, ist unhaltbar.
Ein besonderes Anliegen für uns in den Vereinigten
Staaten sind die "Großen Drei": Bevölkerung, Artenvielfalt und Klimawandel. Unseres Erachtens haben
alle drei große Dringlichkeit.
Obwohl es zutrifft, daß das Bevölkerungswachstum
abnimmt, ist die Grundlage, auf der diese Rate angewandt wird, größer als je zuvor in der Weltgeschichte.
Nahezu die Hälfte der heutigen Bevölkerung ist 15
Jahre oder jünger - sie tritt gerade ins geburtenfähige
Alter ein. Ein Großteil der Zukunft der Welt wird davon
abhängen, ob diese neuen jungen Eltern zwei, drei,
vier oder mehr Kinder haben. Aufgrund des Kairoer

Seite 3

�Aktionsprogramms wissen wir, was wir tun müssen.
Wir müssen es jetzt tun.

mit enormen Versprechungen für die Nachwelt verbunden werden können.

Das Zweite der "Großen Drei" ist die Artenvielfalt, das
Hauptthema von Kew Gardens und Ihrer hervorragenden Arbeit auf der ganzen Welt. Wir müssen uns der
Notwendigkeit bewußt werden, über die abstrakten
Worte der Erhaltung und Nutzung unseres biologischen Erbes hinauszugehen. Ich bin immer mehr
davon überzeugt, daß das Thema Artenvielfalt in nicht
allzu ferner Zukunft alle anderen in den Schatten stellt.

Und jetzt zum Dritten der "Großen Drei": Klimawandel.
Die durch unsere jährliche Emission von Milliarden
Tonnen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Atmosphäre verursachte Erderwärmung
wird wahrscheinlich enorme Auswirkungen auf jeden
Aspekt der natürlichen Ordnung haben. Wir müssen
über den Klimawandel als Problem der nachhaltigen
Entwicklung und als globales Problem nachdenken.

Das 21. Jahrhundert wird zweifelsohne das Jahrhundert der Biologie. Mehr als 50 Prozent der am
meisten verkauften Pharmazeutika von heute kommen
bereits direkt von pflanzlichen Biochemikalien, und
viele geheime Versprechen erwarten uns: Ein
Immergrün-Betrieb in Madagaskar liefert ein Mittel
gegen bestimmte Formen von Leukämie, Brustkrebs
und Krebsarten, die Kinder befallen. Fingerhut, eine
Pflanze aus der Familie der Löwenmäulchen, auch als
Digitalis bekannt, ist der Grundstoff für ein wichtiges
Medikament, das bei chronischem Herzversagen
eingesetzt wird. Chinin, das aus der Rinde eines
Strauchs aus der Familie der Kaffeepflanzen gewonnen wird, war ein Jahrhundert lang das Hauptmittel
gegen Malaria; und Penizillin, das wichtigste und
berühmteste Antibiotikum, wurde aus gewöhnlichem
Schimmel entwickelt.

Unserer Ansicht nach sind die wissenschaftlichen
Fakten überzeugend:

Die Liste geht immer weiter, bietet unermeßliche Hilfe
und Beruhigung für die Menschheit und schafft
Dollarmärkte in Milliardenhöhe.
Entsprechend entstammt auch unsere Nahrungsmittelbasis dem Reservoir der Natur. Nur drei Arten
von Getreide - Reis, Weizen und Mais - sind beispielsweise die Hauptnahrungsmittel des Menschen,
dennoch ist die Fülle in der Natur viel größer.
Wir können die Entfernung zum Mond auf Zentimeter
genau messen, aber wir haben noch nicht das Wunder
der Arten unserer eigenen Welt erforscht. Gibt es 10
Millionen, 50 Millionen oder 100 Millionen, und welche
genetischen Wunder versprechen sie? Sicherlich ist
das die allerwichtigste Grenze der Zukunft, innerhalb
der wir nach Nahrungsmitteln, Brennstoff, Pharmazeutika oder Fasern suchen können, wie wir einst nach
Gold in Südafrika oder Silber im amerikanischen
Westen gesucht haben. Leider wird das in den
Vereinigten Staaten nicht genug verstanden; es sind
Kräfte in unserem Land im Gange, die eine biologische
Übersicht unserer Nation vereiteln, das Artenschutzgesetz außer Kraft setzen und den internationalen
Vertrag über Artenvielfalt ignorieren wollen. Eine der
größten uns konfrontierenden Herausforderungen ist
die Veränderung der Begriffe der biologischen Debatte, so daß sie als eine phänomenale Zukunft verstanden wird, in der wir beweisen können, daß wirtschaftlicher Wohlstand und die Erhaltung der Umwelt

Seite 4

Die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre
wird durch anthropogene Treibhausgasemissionen
verändert. Die kontinuierliche Ansammlung dieser
Gase wird den natürlichen Treibhauseffekt vergrößern
und eine Veränderung des globalen Klimas bewirken.
Auf der Grundlage dieser und zusätzlicher wissenschaftlicher Fakten wurde in der zweiten globalen
Studie des zwischenstaatlichen Gremiums für den
Klimawandel (IPCC) berichtet, "die vorliegenden
Beweise legen nahe, daß es einen erkennbaren
menschlichen Einfluß auf das globale Klima gibt".
Mit dieser letzten Erkenntnis wurde zum ersten Mal ein
Konsens zwischen führenden Klimaforschern erzielt,
daß die sich verändernden Klimabedingungen der Welt
mehr als die natürlichen Unbeständigkeiten des
Wetters sind. Mit anderen Worten: Die Ergebnisse der
IPCC haben die zwingenden Fakten des wissenschaftlichen Verständnisses dieses Problems noch
unterstrichen.

Dennoch besteht weiterhin Unsicherheit. Die Wissenschaftler können uns noch nicht genau sagen, wie
sehr, wann oder in welcher Geschwindigkeit das Klima
der Erde auf die Ansammlung der Treibhausgase
reagieren wird. Anhand der bestmöglichen Schätzung
auf der Grundlage dessen, was über das komplexe
Klimasystem bekannt ist, vertreten die Wissenschaftler
jedoch die Ansicht, daß die derzeitigen Emissionstrends (die in den nächsten Jahrzehnten die effektive
Verdoppelung von vorindustriellen Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre zur Folge haben
werden) zu globalen Temperaturen führen werden, die
im Durchschnitt 2 bis 6,5 Grad wärmer sind als heute
und in einem Maße steigen, das größer ist als je zuvor
in den vergangenen 10.000 Jahren.
Auf der Grundlage dieser Schätzungen deuten die
besten wissenschaftlichen Beweise darauf hin, daß der
vom Menschen verursachte Klimawandel, wenn er
unvermindert anhält, tiefgreifende Konsequenzen für
die Wirtschaft und die Lebensqualität künftiger Generationen haben könnte:

AMERIKA DIENST 20

�Die menschliche Gesundheit steht durch die projizierte
Zunahme von durch Hitze herbeigeführten Todesfällen
und der Verbreitung von Krankheiten wie Malaria,
Gelbfieber und Cholera auf dem Spiel. In der Tat
sehen die Weltgesundheitsorganisationen die Auswirkung des Klimawandels als eine der größten
Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit im 21.
Jahrhundert.
Die Nahrungsmittelsicherheit könnte durch eine Reihe
von Auswirkungen der Erderwärmung bedroht sein,
wenn die Felder sich nach Norden verlagern und
einige Regionen der Welt sich einer ernsthaften
Nahrungsmittelknappheit ausgesetzt sehen.
Das
macht die Arbeit von Kew Gardens an ihrer Saatenbank außerordentlich relevant und wichtig für dieses
Problem.
Die Wasserressourcen werden erwartungsgemäß
immer mehr beansprucht mit beträchtlichen Kosten für
die Wirtschaft, Gesellschaft und die Umwelt in Regionen, deren Wasservorräte bereits begrenzt sind, und
vielleicht mit politischen Kosten an Orten, wo es bereits
einen Konflikt wegen begrenzter Ressourcen gibt.
Die Küstengebiete - wo ein hoher Prozentsatz der
Weltbevölkerung lebt - sind aufgrund des Anstiegs des
Meeresspiegels in Gefahr. Allein in den Vereinigten
Staaten schätzen unsere Planer die Kosten für den
Schutz der Küsten vor einem Anstieg von einem Meter
auf 100 bis 300 Milliarden Dollar.
Unserer Ansicht nach hat das IPCC den politischen
Entscheidungsträgern gegenüber eindeutig bewiesen,
daß zur Bewältigung diese Herausforderung weitere
Maßnahmen ergriffen werden müssen.
Die Maßnahmen der Vereinigten Staaten zum Klimawandel stützen sich auf diese wissenschaftlichen
Fakten - das Risiko ist zu groß, um ignoriert zu
werden, und wir müssen jetzt handeln.
Unsere Vorschläge enthalten drei zentrale Komponenten:
Wir schlagen vor, daß alle Industrienationen realistische und erreichbare Ziele und Zeitpläne für die
beträchtliche Verringerung ihrer Treibhausgasemissionen festlegen.
Wir schlagen vor, daß die Entwicklungsländer Fortschritte bei ihren im Rahmen des Vertrags zum
Klimawandel eingegangenen Verpflichtungen erzielen
müssen und darüberhinaus einem Prozeß zustimmen,
der sicherstellt, daß sie eine Verpflichtung zu eigenen
bindenden Emissionsbegrenzungen eingehen.
Und schließlich schlagen wir die Einrichtung eines
Systems handelbarer Emissionszertifikate und andere
Marktmechanismen vor, die die Kosten der Emissions-

AMERIKA DIENST 20

begrenzungen in den Industrie- und Entwicklungsländern senken.
Ich möchte jeden dieser drei Aspekte unseres Vorschlags im Einzelnen ansprechen.
Ich möchte mit unserer Idee eines Systems handelbarer Emissionszertifikate und den Marktmechanismen
beginnen, weil wir sie als unerläßlich für unseren
Vorschlag insgesamt ansehen - sowohl im Hinblick auf
die Umwelt als auch auf die Wirtschaft. Unseres
Erachtens können diese Marktmechanismen die
Kosten der Umsetzung beträchtlich verringern - und
uns dadurch in den Industrie- und Entwicklungsländern
gleichermaßen sehr viel größere Emissionsverringerungen ermöglichen.
In den Vereinigten Staaten wurde das Konzept des
Handels mit Emissionszertifikaten erfolgreich für die
bis zu zehnfache Verringerung der Kosten der Einhaltung der Standards eingesetzt, die für Kraftwerksemissionen von Schwefeldioxid festgesetzt wurden.
Im Zusammenhang mit dem Klimawandel stellen wir
uns vor, daß die beteiligten Nationen und ihre Privatunternehmen mit den Zertifikaten für Treibhausgasemissionen handeln dürfen und damit dort die Möglichkeit zur Reduzierung von Emissionen schaffen, wo
dies am billigsten ist. Ein solches Programm könnte
die Kosten der Emissionsverringerung um bis zu 50
Prozent senken.
Es muß ein internationales Regime für den Handel mit
Emissionszertifikaten entworfen und umgesetzt
werden. Wir müssen ein zuverlässiges System der
Überwachung und Verifizierung einführen um sicherzustellen, daß jeder die Regeln einhält - das trifft
jedoch auf fast alle internationalen Abkommen zu, von
Rüstungskontrolle bis zum Recht auf geistiges Eigentum.
Ein weiteres Schüsselelement unserer Klimastrategie
ist gemeinsame Umsetzung. Wir schlagen vor, daß
Privatunternehmen in Industrienationen Projekte zur
Emissionsverringerung in Entwicklungsländern einführen und diese Reduzierungen gegen ihre eigenen
Emissionen aufrechnen. Unseres Erachtens kann die
gemeinsame Umsetzung von dem Fachwissen und
Kapital des Privatsektors profitieren, um die globalen
Treibhausgasemissionen in kostengünstiger Weise zu
verringern.
Die Vereinigten Staaten haben bereits viele erfolgreiche Demonstrationsprojekte für gemeinsam durchgeführte Aktivitäten in die Wege geleitet, von Wiederaufforstung bis zu Energieeinsparung, von Costa Rica
bis zur Tschechischen Republik, von Belize über
Bolivien bis Rußland.
Wie diese Projekte bewiesen haben, kann die gemeinsame Umsetzung sehr viel mehr bewirken als nur die

Seite 5

�Kosten verringern. Die Entwicklungsländer müssen
aus einem solchen System durch den Transfer
modernster Technologien und Unternehmenspraktiken
substantielle und langfristige Vorteile ziehen. Wie wir
in Mittelamerika gesehen haben, können Projekte für
die gemeinsame Umsetzung darüber hinaus einen
unschätzbaren Mechanismus zum Schutz der Wälder
und anderer entscheidender Lebensräume auf der
ganzen Welt bieten.
Wir sehen die Kombination des Handel mit Emissionszertifikaten mit gemeinsamer Umsetzung als eine
umfassendere "grünere" Alternative zu der Idee einer
europäischen "bubble" und anderen rein regionalen
Schemata. Klimawandel ist ein globales, kein regionales Problem, und die Mechanismen, die wir zur
Kostenreduzierung einführen, sollten so umfassend
wie möglich sein. Um ganz sicher zu gehen, sollten
wir die europäischen Regierungen und Unternehmen
zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten und
Australien, Rußland und Japan, China und Indien
ermutigen. Das Leitprinzip sollte die Maximierung der
Vorteile für die Umwelt mit niedrigsten Kosten sein.
Wir sollten die Emissionen reduzieren, wo immer und
wann immer wir können, selbst wenn dies das Überqueren nationaler oder regionaler Grenzen bedeutet.
Geringere Kosten werden uns wiederum in die Lage
versetzen, sehr viel bedeutendere Reduzierungen von
Treibhausgasemissionen anzustreben und dann zu
erlangen.
Gleichzeitig denken wir, daß alle Industrienationen
signifikante Maßnahmen zur Emissionsreduzierung
ergreifen sollten. Das ist ein Problem, das jede Nation
betrifft, und jede Nation muß Teil der Lösung sein.
Aber im Gegensatz zum Handel mit Emissionszertifikaten würde die "EU-bubble" ein System schaffen, in dem Länder wie Spanien, Portugal und Griechenland wenig oder keinen Anreiz zur Begrenzung
ihrer Emissionen haben - in der Tat würde der aktuelle
Vorschlag der EU diese Länder zu einer Erhöhung
ihrer Emissionen um bis zu 40 Prozent über das
Niveau von 1990 ermutigen. Das ist nicht der beste
Weg zur Verringerung der Emissionen insgesamt, und
es ist nicht das richtige Signal, das wir den seit kurzem
zu den Industrienationen zählenden Ländern wie
Mexiko und Korea senden wollen.
Das bringt mich zu den Zielen und Zeitplänen für die
Emissionsverringerung in Industrienationen.
Präsident Clinton ist sich bewußt, daß die Vereinigten
Staaten als das Land, das die meisten Treibhausgase
emittiert, ein gutes Beispiel für andere Nationen auf der
Welt geben müssen. Aus diesem Grund haben der
Präsident und seine Kabinettsmitglieder jetzt eine
intensive Aufklärungskampagne eingeleitet, um die
Amerikaner und den Kongreß davon zu überzeugen,
daß das Problem des Klimawandels real und drohend
ist. Und aus diesem Grund hat Präsident Clinton

Seite 6

versprochen, daß "wir zu der Konferenz von Kyoto
eine starke Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
realistischen und bindenden Obergrenzen mitbringen,
die unsere Treibhausgasemissionen beträchtlich
reduzieren werden". Unseres Erachtens werden
Marktmechanismen wie die von mir erörterten die
Erlangung bedeutender Emissionsreduzierungen in
kosteneffektiver Weise ermöglichen.
Aber selbst mit solchen Mechanismen gibt es Grenzen
dessen, was wir in Kyoto vereinbaren können oder
sollten. Man kann sehr wohl sagen, daß jedes unserer
Länder in den nächsten zwei Jahrzehnten die Emissionen um 15 oder 20 Prozent unter das Niveau von 1990
senkt. Wir müssen jedoch ehrlich bezüglich dessen
sein, was realistisch erreicht werden kann, und wir
müssen unsere Versprechen halten. Sonst wird der
gesamte internationale Verhandlungsprozeß über den
Klimawandel zu politischen Positionen verkommen,
und - mit keinem Abkommen in Sicht - werden die
Emissionen weiterhin rasch ansteigen.
Im vergangenen Jahrzehnt hat Großbritannien schwierige und bewundernswürdige Entscheidungen zur
Senkung der Energiesubventionen getroffen. Damit
geben Sie ein gutes Beispiel für andere Nationen auf
der Welt, die in den kommenden Jahren ähnliche
Entscheidungen fällen müssen. Wir beglückwünschen
Premierminister Blair zu seinem enthusiastischen und
öffentlichen Engagement für weitere Emissionsreduzierungen.
Wahrscheinlich werden im Jahr 2000 Großbritannien,
Deutschland und die Nationen der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropas die einzigen Industriestaaten
sein, die ihre Emissionen auf dem Stand von 1990
eingefroren haben. Deutschland wird seine Emissionsziele durch die Schließung von Fabriken in der
ehemaligen DDR erreichen, während Rußland und
seine osteuropäischen Nachbarn das nur durch
massive, extrem schmerzhafte wirtschaftliche Umstrukturierungen tun können.
Mit Blick auf das Gesamtbild müssen wir uns auch
bewußt werden, daß Aktionen der Vereinigten Staaten,
Großbritanniens und anderer Industriestaaten allein
nicht ausreichen, um die Welt auf den Weg zu stabilen
Treibhausgaskonzentrationen zu bringen. Wie ich
bereits darlegte, ist Klimawandel eine globale Frage,
die eine weltweite Antwort erfordert. Wir haben nur
eine Atmosphäre - ob sie nun durch amerikanische
Kraftwerke, brasilianische Stahlwerke oder koreanische Verkehrsstaus verschmutzt wird.
Zur Zeit entfallen ungefähr 60 Prozent der globalen
Emissionen auf die Industriestaaten. Aber auch die
Emissionen der Entwicklungsländer steigen schnell an
und werden im Jahr 2020 mehr als die Hälfte der
weltweiten Emissionen ausmachen. China - das im
Hinblick auf Treibhausgasemissionen weltweit bereits

AMERIKA DIENST 20

�an zweiter Stelle steht - wird die Vereinigten Staaten in
den nächsten 15 Jahren übertreffen, weshalb es
dringend geboten ist, daß in Zukunft jeder Schritt
Aktionen von Industriestaaten und Entwicklungsländern gleichermaßen beinhaltet.
Ich sollte noch hinzufügen, der Kongreß der Vereinigten Staaten teilt unsere Ansicht, daß eine Beteiligung der Entwicklungsländer sehr wichtig ist.
Tatsächlich zeigte der Senat vor kurzem durch ein
Votum von 95 zu 0, daß er nur dann einem Abkommen
zum Klimawandel zustimmen wird, wenn es spezifische Bestimmungen zur Bewältigung dieses Problems beinhaltet. Viele meiner früheren Kollegen im
Senat halten das für ein Problem des Wettbewerbs.
Ein großer und steigender Prozentsatz der amerikanischen Exporte geht in die Entwicklungsländer; wir
konkurrieren auf der ganzen Welt mit China, dem
weltweit größten Exporteur von Verbrauchsgütern.
Sehr viele Amerikaner machen sich Sorgen, daß ein in
Kyoto geschlossenes Abkommen zum Export ihrer
Arbeitsplätze ins Ausland führen könnte.
Wir erachten die Beteiligung der Entwicklungsländer
als wesentlichen Bestandteil eines umfassenden
Abkommens von Kyoto - zusammen mit den rechtlich
bindenden Verpflichtungen der Industriestaaten und
der Schaffung eines kostengünstigen Mechanismus zu
seiner Umsetzung. Es gibt mehr als 100 Entwicklungsländer, die sich im Hinblick auf ihre Größe und

Nationen ihre Energieeffizienz verbessern, Subventionen abschaffen, eine marktorientierte Preisfestsetzung
unterstützen, den Einsatz erneuerbarer Energien
verstärken, Investitionen in umweltfreundliche Technologien erleichtern und die Entwicklung und den
umweltfreundlichen Umgang mit den Wäldern und
anderen Kohlenstoffsenken und -reservoiren fördern
sollten. All diese Maßnahmen sind wirtschaftlich
gerechtfertigt und können auch zur Lösung anderer
Umweltprobleme beitragen.
Wie sollten wir die Entwicklungsländer kategorisieren?
Sie sind nicht alle gleich. Einige tragen aufgrund ihrer
großen Volkswirtschaften die Verantwortung für einen
beträchtlichen Teil der globalen Emissionen. Andere
haben ein höheres Pro-Kopf-Einkommen, was sie in
die Lage versetzt, mehr Pflichten zu übernehmen.
Unterscheidungen zwischen den einzelnen Entwicklungsländern sind gerechtfertigt, und unseres Erachtens begründen sie die Schaffung einer besonderen Klasse von Nationen, die um freiwillige Festsetzung von Zielen für ihre Emissionen gebeten würden.
Diese Nationen dürften dann mit ihren Emissionszertifikaten handeln.
Drittens müssen wir uns mit der dringenden Notwendigkeit eines Regimes befassen, innerhalb dessen alle
Nationen - insbesondere die größeren und reicheren gleichberechtigte Partner bei der Reaktion auf die
Bedrohung des Klimawandels werden. Das bedeutet,

ihren Entwicklungsstand stark unterscheiden; aber

daß Kyoto ein erster Schritt in einem Prozeß wird, der

jede dieser Nationen kann und sollte Aktionen ergreifen, die ihren Fähigkeiten und Pflichten entsprechen.

über viele Jahre hinweg fortgesetzt werden muß.
Unsere Arbeit wird in Kyoto nicht beendet, aber es ist
wichtig, daß sie mit einem ernsthaften und engagierten
ersten Schritt beginnt.

Der Vorschlag der Vereinigten Staaten für die Beteiligung der Entwicklungsländer enthält drei Elemente:
Erstens rufen wir alle Nationen - Industriestaaten und
Entwicklungsländer - dazu auf, die Umsetzung ihrer
bestehenden Verpflichtungen zur Ergreifung von
Maßnahmen zum Klimaschutz zu fördern.
Zweitens ersuchen wir die Schwellenländer, insbesondere diejenigen mit einem OECD-Status,
freiwillige Emissionsbeschränkungen vorzunehmen.
Drittens fordern wir eine neue Verhandlungsreihe zur
Ausarbeitung mengenmäßig festgelegter Verpflichtungen für alle Länder und zur Einführung eines "Auslösers" für die automatische Anwendung dieser
Verpflichtungen auf der Grundlage vereinbarter
Kriterien.
Lassen Sie mich noch ein paar Worte über unsere
Strategie für die Entwicklungsländer sagen:
Zunächst geht es hierbei um die Förderung der
Umsetzung bestehender Abkommen im Rahmen der
Klimakonvention. Wir sind der Ansicht, daß alle

AMERIKA DIENST 20

Ich bin im Hinblick auf die logische Grundlage unseres
Vorschlags für Kyoto ziemlich ins Detail gegangen,
weil die Vereinigten Staaten und die Europäische
Union sich möglichst bald auf eine gemeinsame
Position einigen müssen, damit wir während der
bevorstehenden Verhandlungen zusammenarbeiten
können. Das Bündnis, das unseren gemeinsamen
Interessen während des Ersten Weltkriegs, des
Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs so gut
gedient hat, wird auch hier von elementarer Bedeutung
sein. Aus diesem Grund bin ich heute hier: Um mit
Ihnen zu sprechen und Konsultationen mit Ihrer
Regierung zu führen.
Dies ist eine ehrgeizige, interessante und anstrengende Agenda, die nicht ohne Kosten und Hindernisse ist,
aber bewältigt werden kann. Tatsächlich lautet die
Frage nicht länger, was getan werden muß, sondern
vielmehr wie das, was offensichtlich getan werden
muß, erleichtert werden kann. Vom Erfolg werden
unsere beiden Nationen, unsere beiden Volkswirtschaften und - was am wichtigsten ist - derzeitige und
künftige Generationen profitieren. Meines Erachtens
hängt unser Vermächtnis großenteils von unserer

Seite 7

�Fähigkeit ab, diese neuen Herausforderungen zu
verstehen und darauf zu reagieren. Die zukünftige
Bewohnbarkeit und Stabilität der Welt steht auf
Messers Schneide.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Sciencefiction war, erklärte der Astronom Fred Hoyle:
"Wenn wir erst einmal eine aus dem Weltraum aufgenommene Fotografie der Erde haben, werden neue
Ideen entwickelt, die mächtiger sind als alle anderen in
der Geschichte."
Zwanzig Jahre später, als die Raumfahrt Realität
wurde, verliehen die Astronauten Hoyles Gefühl für
die Einheit der Welt überzeugend Ausdruck. Ich
möchte eine Äußerung des amerikanischen Astronauten James Irwin zitieren:
"Dieses wunderschöne, warme, lebendige Objekt sah
so zerbrechlich, so zart aus, als würde es bei der
ersten Berührung brechen und zerfallen."

*

Seite 8

Und ein russischer Kosmonaut äußerte: "Nachdem
eine orangefarbene Wolke - die sich als Ergebnis
eines Sandsturms über der Sahara gebildet hatte - die
Philippinen erreicht und dort mit dem Regen zu Boden
fiel, verstand ich, daß wir alle in demselben Boot
sitzen."
In diesem letzten Jahrzehnt des Jahrtausends haben
wir die Macht und die enorme Verantwortung, dieses
Boot vorsichtig zu steuern. Wir haben auch die
Fähigkeit, den Wandel zum Nutzen der gesamten Welt
zu gestalten. Den heute in diesem Raum widergespiegelten Interessen und intellektuellen Fähigkeiten
kommt in diesem Zusammenhang eine besondere
Verantwortung zu. Wenn wir zusammenarbeiten, sind
Ihre Begabungen, Ihre Energie und Ihre Macht den
Herausforderungen und beteiligten Institutionen mehr
als gewachsen. Ich weiß, daß jeder Einzelne von
Ihnen sich an diesem Bestreben beteiligen wird und
wir unsere Energie und Klugheit in den Dienst dieser
Ziele stellen können. Zweifelsohne hängt unsere
Zukunft davon ab.

* * *

*

AMERIKA DIENST 20

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              <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der Weg zu Fortschritten in Bosnien&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Nationalen Sicherheitsberaters Samuel Berger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Globalisierung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Globalisierung und Diplomatie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Strobe Talbott&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Umwelt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unsere globale Zukunft: Klimawandel&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Timothy Wirth&lt;/em&gt;</text>
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