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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

20. August 1997

DAS PROGRAMM DES WEISSEN HAUSES
FÜR DAS NÄCHSTE JAHRTAUSEND
Rede von Präsident Clinton

GESELLSCHAFT

RECHT UND GLAUBEN
von Richter Anthony Kennedy

NAHER OSTEN

ALBRIGHT VERURTEILT GEWALT, TERROR
UND UNILATERALE AKTIONEN
Rede der US-Außenministerin

TELEKOMMUNIKATION

VERBRAUCHER WELTWEIT PROFITIEREN
VON SENKUNG DER TELEFONGEBÜHREN
FÜR AUSLANDSGESPRÄCHE
Rede von Reed Hundt

PORTRAT

JOHN C. KORNBLUM
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

MICHAEL C. POLT
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Das Programm des Weißen Hauses
für das nächste Jahrtausend
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Am 15. August 1997 gaben Präsident Bill Clinton und die First Lady, Hillary Rodham
Clinton, in den National Archives das Programm des Weißen Hauses für das nächste Jahrtausend bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Wie die First Lady bereits sagte, haben wir jetzt eine

eine Zeit des Niedergangs oder eine Zeit der Erneuerung einleiten? Ungeachtet der Prophezeiungen und
Voraussagen - von denen es in den nächsten Jahren
noch viele geben wird - ungeachtet der Hoffnungen
und Ängste ist das Jahrtausend nicht länger eine

außergewöhnliche Gelegenheit, die Vergangenheit in

entfernte Möglichkeit. Es rückt näher. Wir werden die

Ehren zu halten, uns die Zukunft vorzustellen und
beide im Geist und für unsere amerikanischen Mitbürger miteinander zu verbinden. Das 20. Jahrhundert
wurde das amerikanische Jahrhundert genannt.
Während Kriegen und der großen Wirtschaftskrise, der
industriellen Revolution und jetzt der Informationsrevolution haben uns der amerikanische Geist der
Entdeckung, Innovation und der Glaube an die Zukunft
angespornt und Milliarden Menschen auf der ganzen
Welt inspiriert.

Zukunft erleben und müssen sie jetzt für uns und
unsere Kinder bestimmen.

Vielen Dank, Gouverneur Carlin, für Ihre Gastfreundschaft an diesem wunderbaren Ort, im Schatten
unserer bedeutendsten historischen Dokumente.

Jetzt sind wir an einem Meilenstein angelangt - dem
Ende eines aufregenden Jahrzehnts, das den Fall des
Kommunismus und den Aufstieg der Demokratie
weltweit gesehen hat, in dem die Geheimnisse des
menschlichen Körpers analysiert und die Beschaffenheit des Mars erforscht wurde sowie neue amerikanische Ideen und Kunst entstanden. Jetzt haben wir
die meines Erachtens wichtigste Erforschung begonnen: Die Wiederentdeckung und Bekräftigung unserer
gemeinsamen Identität als Volk in einer ganz neuen
und anderen Zeit, in der wir als ein Amerika zusammenkommen.
Noch am Anfang unserer Reise stehen wir als Nation
kurz vor der ersten Jahrtausendwende. Seit Jahrhunderten haben sich die Menschen gefragt, was
dieses Jahrtausend bringen würde. Würde es die
Apokalypse bedeuten oder eine neue Welt verkünden,

AMERIKA DIENST 16

Während das Jahr 2000 näher rückt, müssen wir uns
fragen, was wir zur Bewältigung seiner Herausforderungen und zur Definition dieser Zukunft benötigen und müssen uns auf ein neues Jahrhundert und
ein neues Jahrtausend vorbereiten. Wir müssen uns
fragen, welche Werte und welches Erbe wir mitnehmen
und mit welchen Gaben wir die Zukunft beschenken
sollten.
Weltweit bereiten sich Nationen und Gemeinden mit
verschiedenen Bestrebungen auf das neue Jahrtausend vor. Großbritannien baut Brücken, Museen,
neue Parks und eine neue Universität. Deutschland
veranstaltet die Expo 2000, die erste Weltausstellung
zur Feier einer Jahrtausendwende. Ich nehme gerne
die Einladung von Bundeskanzler Kohl an, gemeinsam
mit 143 anderen Organisationen und Nationen an der
Expo 2000 teilzunehmen. Österreich richtet im Jahr
2000 die Sommerolympiade aus. Island feiert den
tausendsten Jahrestag der Reise Leif Eriksons in die
Neue Welt.
Das Programm des Weißen Hauses für die Jahrtausendwende wird Richtschnur für die Feiern Amerikas aus diesem Anlaß, indem es die Leistungen
hervorhebt, die uns als Nation definieren - unsere

Seite 1

�Kultur, unsere Forschung, unsere wissenschaftlichen
Entdeckungen. Ich begrüße das Interesse der First
Lady an diesem Unternehmen und freue mich, daß sie
bei unseren Bestrebungen eine führende Rolle
übernehmen wird. Ferner weiß ich die Arbeit zu
würdigen, die sie und Ihr Stab bereits geleistet haben.
Und ich möchte Ellen McCulloch-Lovell, der ehemaligen Direktorin des Präsidialausschusses für die
Künste und Geisteswissenschaften, danken, daß sie
zugesagt hat, das Büro für das Jahrtausendprogramm
des Weißen Hauses zu leiten. Vielen Dank, Ellen.
Heute möchte ich darlegen, was wir bereits unternehmen, um uns auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten
und uns dieses neue Jahrtausend zu eigen zu machen. An erster und wichtigster Stelle erklären wir die
Erziehung unserer Kinder zu unserer obersten Priorität. Schließlich werden sie den Großteil ihres Lebens
in diesem neuen Jahrtausend und dem neuen Jahrhundert verbringen. Diesen Monat habe ich ein
historisches Gesetz unterzeichnet, das nicht nur einen
ausgeglichenen Haushalt vorsieht, sondern auch
große Investitionen in die Bildung einer Generation von
der frühen Kindheit bis zum College und darüber
hinaus. In den kommenden Monaten werde ich mich
weiterhin dafür einsetzen, hohe und meßbare nationale Maßstäbe für herausragende akademische
Leistungen zu setzen.
Wir haben uns das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2000
jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek in den
Vereinigten Staaten an das Internet anzuschließen.
Ich danke dem Kongreß für die Finanzierung dieses
Unternehmens und dem Privatsektor, daß er uns
bislang geholfen hat, unserem Zeitplan sogar ein
kleines Stück voraus zu sein. Wir müssen unsere
Bestrebungen verdoppeln um sicherzustellen, daß
jeder unserer Mitbürger die Mittel hat, in dem neuen
Jahrhundert erfolgreich zu sein.
Zweitens müssen wir den Weg fortsetzen, der Optimismus und Wachstum unserer Wirtschaft wiederhergestellt hat - jetzt jedoch um sicherzustellen, daß alle
Amerikaner die Möglichkeit erhalten, davon zu profitieren.
Drittens müssen wir sicherstellen, daß unser einzigartiges und pulsierendes kulturelles Leben in dem
neuen Jahrhundert floriert und unsere reiche
Geschichte bewahrt und in Ehren gehalten wird. Ich
freue mich, daß die National Endowment for the
Humanities eine nationale Fernsehserie - Millennium
Minutes - über tausend Jahre mit wichtigen Menschen,
Ereignissen und Errungenschaften sponsert. Das
führende Projekt der National Endowment for the Arts
für die Jahrtausendwende wird über die Kunst die
Geschichten Amerikas erzählen und neue Projekte in
die Wege leiten, beispielsweise neue Knabenchöre
nach dem Modell des berühmten Knabenchors von
Harlem. Die National Endowment for the Arts wird

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auch Teams von Fotografen ins ganze Land entsenden, damit sie ihre Vision von Amerika zur Jahrtausendwende festhalten. Und der Präsidialausschuß
für die Künste und Geisteswissenschaften wird sein
Worthy Ancestors-Programm einleiten, in dessen
Rahmen Wirtschaft, Kunst und gemeinnützige Organisationen zusammenkommen, um Kulturgüter aus dem
Bereich folkloristischer, volkstümlicher und klassischer
Tradition zu retten.
Viertens müssen wir Schritte unternehmen um sicherzustellen, daß die Dokumente unserer Demokratie für
die Zukunft sowie die Millionen von Amerikanern,
neuen Einwanderern und ausländischen Besuchern
erhalten werden, die sie jedes Jahr besichtigen. Sie
mögen es vielleicht nicht glauben: Die Dokumente - die
Verfassung, die Bill of Rights und die Unabhängigkeitserklärung - werden von Zeit und Elementen ernsthaft
bedroht, wenn wir nicht innerhalb der nächsten drei
Jahre handeln, um sie zu retten. Aus diesem Grund
freue ich mich sehr, daß die National Archives unter
der Leitung von Gouverneur Carlin einen Dreijahresplan verfolgen um zu gewährleisten, daß diese Papiere
auch den Übergang ins nächste Jahrhundert überleben.
Das wichtigste Projekt der Smithsonian Institution für
die Jahrtausendwende besteht darin, bis zum Jahr
2001 unser Sternenbanner zu retten - die Flagge, die
über Fort McHenry wehte und Francis Scott Key zu
seinem Gedicht inspirierte, das zum Text unserer
Nationalhymne wurde.
Fünftens müssen wir weiterhin die Grenzen von
Wissenschaft und Technologie erweitern und die
Erforschung des Universums fortsetzen. Die Landung
der Marssonde Sojourner am 4. Juli hat die Welt in
Erstaunen versetzt. Sie inspiriert eine neue Generation, und ich habe die Hoffnung, daß sie die Mehrheit
der Amerikaner von der weiteren Unterstützung der
Erforschung des Weltraums überzeugt hat. Die NASA
wird 1998, 2001 und 2003 neue unbemannte Flüge
zum Mars durchführen.
Die National Science Foundation feiert im Jahr 2000
ihr 50-jähriges Bestehen. Aus Anlaß dieses Jahrestages und um junge Menschen zu einer wissenschaftlichen Laufbahn zu ermutigen, wird die Stiftung das
Programm "National Science Foundation 2000" ins
Leben rufen - eine nationale Kampagne über die
Bedeutung von Wissenschaft, Technik und Mathematik.
Wir wissen bereits aus zahllosen Berichten, daß sich
nicht nur das Jahrtausend wendet, sondern auch die
Daten in unseren Computern. Die Experten machen
sich Sorgen, daß viele unserer Informationssysteme
nicht zwischen den Daten im 20. und 21. Jahrhundert
unterscheiden können. Ich möchte dem amerikanischen Volk versichern, daß die Bundesregierung in

AMERIKA DIENST 16

�Zusammenarbeit mit den Regierungen der Bundesstaaten, den Kommunen und dem Privatsektor Schritte
unternimmt, um Unterbrechungen bei den staatlichen
Dienstleistungen zu vermeiden, die von einem guten
Funktionieren der staatlichen Computersysteme
abhängen. Wir können nicht zulassen, daß das
amerikanische Volk sich auf ein neues Jahrhundert
und ein neues Jahrtausend vorbereitet, während seine
Computer - das Symbol modernen Lebens und des
neuen Zeitalters - es behindern. Wir sind entschlossen, das nicht zuzulassen.
Sechstens müssen wir sicherstellen, daß wir das uns
von Gott gegebene Land für zukünftige Generationen
bewahren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärte
Theodore Roosevelt: "Wir bauen unser Land nicht für
einen Tag auf - es soll die Zeiten überdauern." Am
Vorabend eines neuen Jahrhunderts haben wir eine
moralische Verpflichtung, dieser Forderung weiterhin
gerecht zu werden. Wir haben uns bereits für den
Schutz einiger unserer größten Schätze eingesetzt vom Lake Tahoe über das Grand Staircase-Escalante
National Monument bis zu den Florida Everglades.
Und wir arbeiten daran, das sehr reale Problem des
Klimawandels im kommenden Jahrhundert zu bekämpfen.
Als nächstes müssen wir alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um den Geist des Dienstes an
der Gemeinschaft wiederzubeleben. Jeder Amerikaner sollte die Chance dazu erhalten. Und ich freue
mich sehr, daß AmeriCorps, unser Programm für den
nationalen Sozialdienst, sich zum Ziel gesetzt hat, die
Zahl seiner ehrenamtlichen Mitarbeiter bis zum Jahr
2000 zu verdoppeln. Ferner freue ich mich, daß das
Peace Corps auf dem Vermächtnis seiner Dienste
aufbauen wird, indem es sich vornimmt, den Umfang
seiner globalen Partnerschaft für das Lernen - World
Wise Schools - bis zur Jahrtausendwende zu verdreifachen. Dieses Programm verbindet die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Peace Corps mit Lehrern
und Schülern hier in Amerika, um internationale und
interkulturelle Verständigung zu fördern.
Und schließlich müssen wir weiterhin als ein Amerika
zusammenkommen. Walt Whitman hat einmal gesagt:
"Wir sind eine Nation der Nationen." Unsere in
unserer Demokratie lebende Vielfalt ist die Quelle
unserer Kreativität, unseres Erfindungsgeistes und
unserer Fähigkeit zu weltweiter Kommunikation. Aus
diesem Grund habe ich im Juni unsere amerikanischen Mitbürger dazu aufgerufen, einen großen
nationalen Dialog über Rasse und Versöhnung zu
beginnen, damit wir gut in das neue Jahrtausend
kommen.
Dies sind nur einige Arten, auf die wir das neue
Jahrtausend feiern und es zu unserem machen.
Letztlich muß jeder Amerikaner entscheiden, welches
Geschenk er der Zukunft machen möchte, aber alle

AMERIKA DIENST 16

haben eine Verantwortung gegenüber unserem
gemeinsamen Schicksal. Daher möchte ich jeden
Bürger, jede Familie und jede Gemeinde auffordern
darüber nachzudenken, auf welche Weise wir das
Jahrtausend feiern und seiner gedenken können - vom
Wiederaufbau und der Verjüngung unserer Gemeindeschulen bis zur Wiederherstellung historischer
Denkmäler und der Aufzeichnung mündlich überlieferter Geschichten von Familienangehörigen.
Die Städte in ganz Amerika planen bereits ihre eigenen
Feiern. In den nächsten drei Jahren werden die First
Lady und ich mit Gouverneuren, Bürgermeistern und
Gemeindevertretern zusammenarbeiten, um dieses
Jahrtausend wirklich zu einer nationalen Feier für die
Zukunft zu machen. Ich lade Sie ein, uns Ihre Gedanken zu übermitteln, indem Sie unsere neue Webseite
über das Jahrtausendprogramm des Weißen Hauses
unter www.whitehouse.gov besuchen.
Ich habe
beschlossen, daß ich eine Zukunft habe, wenn ich 800
Nummern und Webseiten vergebe. Wir können nur
hoffen, daß wir ebenso viele Besucher haben wie die
National Archives Gouverneur Carlin zufolge.
Das ist eine ernsthafte Sache. Wir wollen die besten
Ideen für diese Gedenkfeier und die größtmögliche
Anzahl von Amerikanern zur Zusammenarbeit mobilisieren und motivieren, um einen Beitrag zur Zukunft zu
leisten. Und die Technologie kann uns dabei behilflich
sein. Wir möchten, daß Menschen jeglichen Alters und
aus allen Lebensbereichen uns ihre Ideen über die
Webseite vermitteln. In den nächsten drei Jahren wird
die Webseite uns auch die Chance bieten, dem
amerikanischen Volk unsere Planungen mitzuteilen.
Wir werden die besten örtlichen Projekte mit dem
Ehrentitel "Jahrtausendgemeinde" auszeichnen. Und
wir werden diese Geschichten auf unseren Webseiten
veröffentlichen, damit andere Gemeinden sie lesen
und aus ihnen lernen können. Andere Nationen sind
außerordentlich interessiert an unseren Plänen für das
neue Jahrtausend, und aus diesem Grund überträgt
die Voice of America diese Veranstaltung weltweit. Die
Voice of America hat auch ihr eigenes Projekt - eine
Reihe besonderer Sendungen darüber, wie wir das
Jahrtausend feiern.
Wir markieren unser Leben mit Meilensteinen und
Geburtstagen. Wir markieren die Geschichte unserer
Nation mit Gedenkfeiern - der Zweihundertjahrfeier
unserer Unabhängigkeit, dem 50. Jahrestag der
alliierten Landung in der Normandie, dem 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs im Pazifik und
nächsten Monat mit dem 40. Jahrestag der historischen Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs
über die Aufhebung der Rassentrennung in der
zentralen High School von Little Rock.
Jeder unserer wichtigsten Wendepunkte war eine
Bekräftigung unserer Werte, und während wir ihrer

Seite 3

�gedenken, erneuern wir diese Werte und gewinnen
neue Energie aus ihnen. Angesichts des neuen
Jahrtausends müssen wir jetzt über unsere Verpflichtung gegenüber der Zukunft entscheiden. Vor
langer Zeit stellte Thomas Paine fest: "Es liegt in
unserer Macht, die Welt von neuem zu beginnen." Wir
haben das immer im Hinblick auf unser Land geglaubt,
und wir müssen jetzt an der Schwelle zu diesem neuen
Jahrtausend Bilanz ziehen und uns verpflichten, die

Welt für unsere Kinder, unsere Kindeskinder und für
die Menschen, die in einem neuen Jahrhundert leben,
neu zu beginnen. Den Menschen dieses neuen
Jahrhunderts müssen wir alle unsere besten Geschenke geben. Für sie werden wir dieses Jahrtausend
feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 16

�GESELLSCHAFT
20. August 1997

Recht und Glauben
von Richter Anthony Kennedy

SAN FRANCISCO - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Richters am Obersten Bundesgerichtshof der Vereinigten Staaten, Anthony Kennedy, die er am 2. August 1997 vor der Jahresversammlung des
amerikanischen Anwaltvereins in San Francisco gehalten hat.

Unser Berufsstand und unser Recht sind ein Spiegelbild der Vereinigten Staaten. Der juristische Beruf ist
ein Spiegelbild des Erbes der Nation, ihres gegenwärtigen Zustands und ihrer Zukunft. Richterin O'Connor
und ich wissen, daß viele von Ihnen keine detaillierte
Kenntnis der Gerichtsbeschlüsse für Ihr spezielles
Fachgebiet benötigen. Wir wissen, daß nicht jeder
Anwalt jeden Tag in die Kanzlei eilt um zu lesen, was
wir in der amtlichen Sammlung der Entscheidungen
des Obersten Bundesgerichts geschrieben haben.
Viele Anwälte erteilen Ratschläge, um die Beziehungen und Transaktionen zu erleichtem, die sich ohne
die Notwendigkeit eines Eingreifens der Regierung
ergeben. In diesen unterschiedlichen Fachbereichen
erfreuen Sie alle sich der Freiheit. Wir wissen auch,
daß es ein spezielles Band zwischen allen Richtern
und Anwälten gibt. Wir sind durch den Beruf verbunden. Von Beginn der Republik drängten Anwälte für
Wirtschaftsrecht Kollegen, die sie besonders bewunderten, zur Tätigkeit in der Judikative, wodurch sie
Vertrauen und Solidarität in allen Bereichen des Berufs
zum Ausdruck brachten. Wir sind durch unser gemeinsames Erbe und unser gemeinsames Jurastudium verbunden, und so sprechen wir dieselbe Sprache
- die Sprache des Gesetzes. Einer von Ihnen kann
den Telefonhörer in die Hand nehmen und mit einem
Juristen sprechen, den er nie getroffen hat und der von
Ihnen durch einen Kontinent und vielleicht eine oder
zwei Generationen getrennt ist. Dennoch kennen Sie
sich in dem Sinne, daß dieses Band sie verbindet und
Sie diese Sprache des Gesetzes sprechen. Die
Sprache unseres Berufs ist eine unserer großartigen
nationalen Ressourcen. Viele andere Menschen und
viele andere Gesellschaften beneiden uns darum.

AMERIKA DIENST 16

Und dennoch sehen sich unser Berufsstand und die
Nation trotz unserer historischen Stärke und unseres
Prestiges mit einer schwierigen und drängenden
Aufgabe konfrontiert. Jeder heute bei dieser Versammlung Anwesende muß ihr Gewicht spüren.
Unsere Aufgabe besteht in der Bestätigung und
Bekräftigung des Glaubens unserer Mitbürger an das
Gesetz. Wenn die Rechtsstaatlichkeit erhalten werden
soll, müssen wir unseren Glauben an ihre einfachsten,
grundlegenden Prinzipien wiederherstellen und
wiederbeleben. Das Recht muß im Bewußtsein eines
Volkes leben. In einer freien Gesellschaft muß das
Recht ein Teil unseres intellektuellen Bewußtseins
sein. Der Glaube muß konstant sein, um dieses
Bewußtsein zu schaffen und dann zu bewahren. Es
wäre eine Übertreibung, wenn ich sagen würde, es
gäbe eine Krise des Unglaubens in unserer Nation,
aber unser erneutes und vertieftes Engagement ist
dennoch vordringlich. Wir dürfen nicht warten, bis wir
am Rande des Abgrunds stehen.
Wir müssen uns verstärkt für das Recht in seinem
grundlegendsten Sinn engagieren, nicht nur für uns
selbst, sondern für die neuen aufstrebenden Demokratien, die von uns den Beweis erwarten, daß die
Rechtsstaatlichkeit funktioniert. Auch an diesen Orten
gibt es oder könnte es bald eine Krise des Unglaubens
geben.
Hier ein Beispiel. Während der letzten Sitzungsperiode des Obersten Bundesgerichts und nach über
einjähriger Planung konnten wir in Washington ein
Treffen der Gerichtsvorsitzenden der Länder der
westlichen Hemisphäre von Kanada bis Argentinien
und Uruguay einberufen. Die Richter führten drei Tage
lang Gespräche. Unser Präsident des Obersten

Seite 1

�Bundesgerichtshofs und die Richter O'Connor, Scalia
und Breyer hielten ebenso wie ich Vorträge über
verschiedene Themen. Mein Vortrag widmete sich
einen ganzen Vormittag lang Fragen juristischer Ethik
und juristischer Unabhängigkeit. Ich erörterte die
theoretischen Grundpfeiler der juristischen Unabhängigkeit sowie einfache Regeln wie die Feststellung der
Nichteignung aufgrund finanzieller Interessen und das
Verbot einseitiger Kontakte zum Gericht. Als ich
geendet hatte, bat einer der Vorsitzenden aus Südafrika - ein äußerst engagierter Jurist - um das Wort.
Er sagte: "Richter Kennedy, ich stimme mit allen Ihren
Ideen, Konzepten und Vorschlägen überein. Das von
Ihnen beschriebene System ist das, was wir anstreben, nach dem wir uns alle sehnen. Und dennoch
können wir es nicht haben. Unsere Juristen und
unsere Bürger würden eine so rigorose Ethik nicht
einhalten können. Unsere Bürger würden nicht
glauben, daß dies möglich ist." Es wurde still im Saal.
Die Stille war quälend, greifbar und schmerzlich. Wir
wußten, daß dies einer der unerwarteten Augenblicke
bei einem Seminar oder Treffen war, der einen Wendepunkt markiert. Ich konnte nur eine Antwort geben.
Ich sagte: "Herr Vorsitzender, Sie müssen diese
Rechtskultur ändern, und Sie müssen heute damit
beginnen. Die Freiheit Ihres Volkes steht auf dem
Spiel."
Die neuen Demokratien in Ost- und Zentraleuropa
sehen sich mit einer ähnlichen Herausforderung
konfrontiert. Sie befinden sich am Scheideweg in der
Geschichte der menschlichen Freiheit. 1848 entschied
sich Deutschland gegen demokratische Institutionen
und leitete so eines der zerstörerischsten Jahrhunderte ein, das die Welt je gesehen hat. Heute hat die
Demokratie Ost- und Zentraleuropa erreicht, aber sie
steht noch auf tönernen Füßen. Die Geschichte wird
noch urteilen müssen, ob die Demokratie dort sicher
ist. Diese Nationen, die so mutig die Einführung der
Rechtsstaatlichkeit versuchen, werden von mächtigen
gegnerischen Kräften bedrängt: Verbrechen, Korruption und der Gefahr eines Demagogen, der die falschen Ideen lehrt. Es wäre tragisch, wenn ehrliche
Menschen, die das Funktionieren der Rechtsstaatlichkeit wollen, nicht mit diesen Kräften ringen könnten.
Die Menschen in Ost- und Zentraleuropa dürfen nicht
denken, sie hätten einfach die Gesetzlosigkeit eines
Diktators gegen die Gesetzlosigkeit des Mob eingetauscht. Sie müssen sicher sein, daß es einen Ort der
Ruhe zwischen der Skylla der Tyrannei und der
Charybdis der Anarchie gibt. Sie blicken auf die
Vereinigten Staaten, um den Stand unserer Gesetze,
den Tenor unserer öffentlichen Debatte und den
Zustand unserer gesamten sozialen Ordnung zu
erfahren. Was sie sehen, kann einen echten Unterschied bei ihrer Entschlossenheit und ihrem Durchhaltevermögen bewirken.
Lassen Sie uns dann die Grundsätze erwägen, an die
unsere eigene Gesellschaft und unser Volk glauben

Seite 2

und die sie bewahren müssen, wenn unsere Rechtsordnung sicher und eine Quelle der Inspiration für uns
und andere sein soll. Am Anfang wissen wir, daß wir
einen gemeinsamen Glauben an einige generelle
Prinzipien teilen, die Staatstreue vorschreiben und
eine Vielfalt von Überzeugungen berücksichtigen.
Freie Institutionen setzen diese Vielfalt voraus. Die
Verfassung der Vereinigten Staaten, die Charta von
1789 mit der Bill of Rights und ihren elementaren
Verfassungszusätzen, ist ein notwendiger Ausgangspunkt. Diese Verfassung ist unsere grundlegende
Charta, das Instrument, das die Gerichte interpretieren,
das Dokument, das weiterhin ein Monument in der
gesamten Geschichte des menschlichen Denkens ist.
Sie kennen diese Verfassung sehr genau, und unser
Volk hält sie in Ehren.
Die Grundsätze, die ich erörtern möchte, beziehen sich
auf Verfassungen im allgemeinen. Verfassungen
beinhalten den Gesamtzustand unserer Gesellschaft
mit allen Konventionen, Sitten, Gebräuchen und
Überzeugungen, die freie Menschen charakterisieren.
Das gilt auch, wenn die Verpflichtungen nicht durch
das Gesetz durchgesetzt werden können und sollten.
Ich meine die Verfassungen, über die Plato und
Aristoteles, Hobbes und Locke sprachen, als sie
untersuchten, ob eine Gesellschaft anständig und
gerecht ist. Verfassungen im allgemeinen setzen
dauerhaften Glauben unsererseits an bestimmte
Regeln voraus, wenn die offizielle Verfassung und die
Rechtsstaatlichkeit gesichert sein sollen. Die Anwaltschaft hat eine besondere Verantwortung zur Wahrung
dieser Grundsätze, von denen ich heute drei ansprechen möchte.
Erstens müssen wir auf der Verantwortung des
Einzelnen bestehen. Jeder muß die Verantwortung für
seine Taten übernehmen. Dieser Grundsatz beinhaltet
die Pflicht zur Umsetzung des Strafrechts und des
bürgerlichen Rechts, erstreckt sich aber auch auf
Bestrebungen der Gesellschaft und die gesellschaftlichen Beziehungen. Persönliche Verantwortung ist für
die Definition von Individualität unerläßlich. Jedes
Mitglied unserer Gesellschaft - auch junge Menschen muß diese Idee verstehen und respektieren. Freiheit
des Einzelnen setzt Verantwortung des Einzelnen
voraus.
Dieses Thema taucht in mehreren Zusammenhängen
auf. Als ein Beispiel möchte ich die Verteidigung mit
dem Argument verminderter Rechtsfähigkeit im
Strafrecht nennen. Wenn dieses im Strafrecht überhaupt anerkannt wird, sollte das nur in den seltensten
Fällen geschehen. James Q. Wilson erzählt von
einem Kriminalfall, bei dem ein Mann eines Verbrechens angeklagt wurde, das er begangen haben
soll, als er sich an einem Aufstand beteiligte. Er
plädierte auf verminderte Rechtsfähigkeit, da er von
der Aufregung und den Emotionen mitgerissen worden
sei. Das ist eine seltsame Verdrehung der Rechts-

AMERIKA DIENST 16

�Staatlichkeit. Unsere Gesellschaft ist mitfühlend und
daher versucht, den Einzelnen aufgrund früherer
Ungerechtigkeit oder hartnäckiger sozialer Mißstände
von der Verantwortung zu entbinden. Wenn wir
unsere Gesellschaft verbessern möchten, müssen wir
uns mit diesen Defiziten befassen, was aber nicht so
weit gehen sollte, daß die Idee persönlicher und
moralischer Verantwortung unterminiert wird. Wir
dürfen das Grundprinzip nicht verdecken.
Wenn unsere Nation sich vor der Geschichte rechtfertigen muß, werden wir nicht verminderte Rechtsfähigkeit zu unserer Verteidigung anführen können.
Und wenn unsere Helden gezählt werden, gehören
dazu diejenigen, die erkannt haben, daß die Verantwortung des Einzelnen die Freiheit fördert, nicht
verweigert.
Der zweite und dritte Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit
sind Vernunft und staatsbürgerliches Verhalten. Diese
Grundsätze gelten ganz allgemein für alle gesellschaftlichen Bestrebungen. Zum Beruf des Juristen
gehört die besondere Verpflichtung zu vernunftbestimmtem und staatsbürgerlichem Verhalten, denn
wir wollen Ordnung in eine andernfalls ungeordnete
Debatte bringen. Vernunftbestimmtes und staatsbürgerliches Verhalten sollten zwei der wichtigsten
Beiträge darstellen, die der juristische Beruf zur
sozialen Ordnung leisten kann.
Die Verpflichtung zur Vernunft ist das eine freie
Gesellschaft untermauernde Grundprinzip. Zweifelsohne impliziert es andere elementare Werte wie
Neutralität, Objektivität und Aufrichtigkeit, die Lincoln
und so viele Juristen in diesem Land unter Beweis
stellten. Die Idee der Vernunft ist, daß eine durch das
Gesetz geeinte Gruppe von Bürgern ein Problem
ausreichend informiert untersuchen und zu einer
vernünftigen, gemeinsamen Schlußfolgerung gelangen
kann. So müssen wir im Rahmen des offiziellen
Rechtssystems, beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen mit Geschworenen, vorgehen. Und so sollten
Bürger, insbesondere Juristen, unsere öffentliche
Debatte führen.
Betrachten Sie sich die Debatten über Vorschläge zur
Verbesserung oder Förderung des Rechtssystems. Es
gibt kaum ein Spektakel, das destruktiver für das
Ansehen unseres Berufs ist, als wenn ein Jurist oder
eine Gruppe von Juristen zu Vorschlägen über
Gesetzesänderungen Stellung nehmen, die nur auf
den finanziellen Eigeninteressen dieser Juristen
basieren. Unser Berufsstand und die Nation verdienen
Ihr objektives Urteil und kein von Eigeninteressen
geleitetes Lobbying. Bisweilen müssen wir als bezahlte Waffe eines anderen agieren; wir brauchen jedoch
keine bezahlte Waffe für uns selbst zu sein.

Bestandteil. Staatsbürgerliches Verhalten ist ein
populärer Ausdruck, weil er nicht politisch belastet ist
und keine parteipolitischen Implikationen hat. Und
genau darum geht es. Daß dieses Konzept akzeptabel
ist, zeigt, daß es grundlegend und nicht belanglos ist.
Es handelt sich nicht um eine zufällige Idee, einen
Ausdruck, vor dem wir uns kurz verneigen, bevor wir
uns in eine erbitterte Debatte stürzen. Es ist kein
Slogan auf irgendeinem Aufkleber wie "Hast Du heute
schon Deinen Feind umarmt?" Staatsbürgerliches
Verhalten ist das Kennzeichen einer erfolgreichen und
herausragenden Persönlichkeit - und mehr. Es ist ein
Selbstzweck. Staatsbürgerliches Verhalten ist tief in
der Idee verwurzelt, den Einzelnen zu respektieren.
Wir behandeln uns mit gegenseitigem Respekt, weil
wir die Bestrebungen anderer Menschen und ihre
Gleichstellung in der demokratischen Gesellschaft
respektieren. Wir müssen Staatsbürgertum in jedem
Teil unseres Rechtssystems und der öffentlichen
Debatte wiederherstellen. Staatsbürgerliches Verhalten definiert unser gemeinsames Anliegen einer
Förderung der Rechtsstaatlichkeit. Unsere ehrlichen
und anständigen Bürger müssen dazu überredet
werden, sich im öffentlichen Leben zu engagieren,
aber sie werden das nur ungern tun, wenn unser
Dialog nicht durch staatsbürgerliches Verhalten
charakterisiert ist. Wenn unsere besten Bürger unsere
Debatte nicht bewundern, werden Angehörige anderer
Nationen das erst recht nicht tun - die Menschen, die
nach den Prinzipien verlangen, die die Grundlage
gemeinsamer Überzeugungen sind und die Rechtsstaatlichkeit in einer Gesellschaft untermauern.
Staatsbürgerliches Verhalten bedeutet nicht, daß die
Argumente eines Juristen nicht überzeugend sein
dürfen. Es übersieht auch nicht die elementare Rolle
des Juristen oder Bürgers, die ihre Stimme aus Protest
gegen die Ungerechtigkeit erheben müssen. Die Idee
des Protests ist in unserer gesetzlichen Tradition von
lebenswichtiger Bedeutung. Protest enthält oft eine
Bitte, die die Gesellschaft lieber nicht hören möchte,
was jedoch nicht heißt, daß sie der Staatsbürgerlichkeit entbehrt. Gezielter Protest ist Protest gegen
Ungerechtigkeit, und Ungerechtigkeit ist grober Mangel
an staatsbürgerlichem Verhalten. Die Geschichte von
Antigone, die ihren Bruder entgegen dem gesetzlosen
Befehl des Tyrannen beerdigt; die Realität von Rosa
Parks würdevoller Weigerung, sich im Bus einen
anderen Sitzplatz zu suchen; das Bild eines jungen
chinesischen Studenten, der kurz vor den tragischen
Ereignissen auf dem Platz des Himmlischen Friedens
einen Panzer stoppt; die von Wel Jingshend in seiner
Zelle in China verfaßte - in sehr höfliche Worte gekleidete - vernichtende Kritik an den Politikern - all diese
Proteste spiegeln den amerikanischen Geist wider.
Wir dürfen jedoch eines nicht vergessen: Freiheit mag
aus Protest geboren werden, sie überlebt jedoch nur in
einem Rechtsstaat.

Staatsbürgerliches Verhalten - der dritte Grundsatz ist eng mit Vernunft verbunden, wenn nicht sogar ihr

AMERIKA DIENST 16

Seite 3

�Das bringt mich zurück an den Anfang meiner Ausführungen. Das Recht kann nicht im Bewußtsein der
Menschen leben, ohne daß diese von den Prinzipien
individueller Verantwortung, Vernunft und Staatsbürgerlichkeit überzeugt sind. Niemand ist stärker an
einem erneuten Engagement für Rechtsstaatlichkeit
und diese Grundsätze interessiert und offener dafür als
die heutige Generation der Jurastudenten und jüngsten Absolventen juristischer Fakultäten. Abschließend möchte ich kurz auf sie zu sprechen kommen.
Ich besuche juristische Fakultäten in verschiedenen
Regionen und sogar verschiedenen Ländern und habe
gerade einen Kurs abgeschlossen, den ich in Europa
gelehrt habe. 120 Studenten von 23 verschiedenen
juristischen Fakultäten aus den Vereinigten Staaten
und anderen Ländern nahmen daran teil. Ich muß
sagen, daß ich in meinen mehr als 33 Jahren Unterrichtserfahrung keine Generation mit so viel Mäßigung,

*

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Anstand, Altruismus, Vernunft, staatsbürgerlichem
Verhalten und Sinn für staatsbürgerliche Pflichten
erlebt habe. Viele Professoren der Jurisprudenz und
anderer Disziplinen sowohl hier als auch im Ausland
teilen meine Ansicht. Diese jungen Menschen, die
bald die wichtigsten Treuhänder unserer rechtlichen
Tradition sein werden, möchten hören, daß es eine
Ehre ist, Mitglied der Anwaltschaft und dieses Anwaltsvereins zu sein. Wenn wir uns jetzt erneut dem
Glauben an das Gesetz und seine Grundsätze verschreiben, werden wir sie nicht enttäuschen. Unser
erneutes Engagement und unsere erneute Bekräftigung dieser Grundsätze werden die Grundlage für ein
neues Bündnis mit allen Demokratien bilden - kein
Bündnis der Waffen, sondern des Glaubens an die
Erhöhung der Standards, die das Recht, die Rechtsstaatlichkeit sichern - das Recht, das das einzige Mittel
ist, die Fortschritte der Menschheit zu sichern.

*

AMERIKA DIENST 16

�NAHER

OSTEN
20. August 1997

Albright verurteilt Gewalt, Terror
und unilaterale Aktionen
Rede der US-Außenministerin

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Madeleine Albright am 6. August
1997 vor dem National Press Club gehaltene Rede.

Der israelisch-palästinensische Friedensprozeß
Verehrte Mitglieder des National Press Club, liebe
Gäste, Kollegen und Freunde. Ich freue mich sehr,
daß wir unter der Führung Präsident Clintons während
des ersten halben Jahrs meiner Amtszeit als Außenministerin Fortschritte auf mehreren Gebieten erzielt
haben, die für Sicherheit, Wohlstand und das Wertesystem des amerikanischen Volkes von Bedeutung
sind.
Die Vereinigten Staaten sind der Chemiewaffenkonvention beigetreten.
Die NATO hat drei der neuen zentraleuropäischen
Demokratien zum Beitritt eingeladen und historische
Partnerschaften mit Rußland und der Ukraine begonnen.
Der Kongreß hat einer stärkeren Finanzierung internationaler Angelegenheiten zugestimmt und einen Plan
ausgearbeitet, die UN-Reform anzukurbeln und
gleichzeitig die amerikanischen Zahlungsrückstände
bei dieser Organisation zu begleichen.
Wir machen Fortschritte bei der Implementierung des
Daytoner Abkommens und der Förderung des Kriegsverbrechertribunals.
Wir haben normale Handelsbeziehungen zu China
wiederhergestellt, gleichzeitig aber offen unsere
Besorgnis über die Weiterverbreitung von Waffen
sowie unsere Unterstützung der Menschenrechte
gezeigt.

AMERIKA DIENST 16

Wir haben neue Richtlinien für unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Japan entworfen,
Fortschritte auf dem Weg zu Vierparteiengesprächen
in Korea erzielt, unsere Arbeitsbeziehungen zu
Mexiko, Zentralamerika und der Karibik gestärkt und
einen Plan zum Ausbau von Handel und Investitionen
in Afrika bekanntgegeben. Insgesamt war es eine
bemerkenswerte Zeit. Bedauerlicherweise sind die im
Nahen Osten - einem für unsere Interessen wichtigen
Gebiet - erzielten Fortschritte zwischen Israelis und
Palästinensern jetzt in Gefahr.
Heute möchte ich die Gründe für den Stillstand des
Friedensprozesses in dieser Region erörtern und
Vorschläge für die Wiederherstellung der positiven
Dynamik unterbreiten.
Die Dringlichkeit dieses Ziels trat vor einer Woche zu
Tage, als bei dem Bombenanschlag auf den Mahane
Yehuda Markt in Jerusalem 13 Israelis - darunter einer
mit amerikanischem Paß - umkamen und 168 verletzt
wurden. Hinter diesen Zahlen verbergen sich die
Gesichter von Müttern, Vätern, Großeltern und Kindern, die umgebracht wurden - nicht wegen etwas, das
sie getan hatten, sondern nur aus dem Grund, wer und
wo sie waren. Tragischerweise ist das israelische Volk
- nach nahezu 50-jähriger Geschichte seines Staates immer noch die Zielscheibe einer mörderischen
Terrorkampagne.
Kein Volk sollte so leben müssen.
Gleichzeitig sagen solche Vorfälle auch etwas sehr
Positives und Richtiges über das israelische Volk aus:
Daß es sich niemals an derartige Ereignisse gewöh-

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�nen und niemals aufhören wird, darauf mit Empörung
und Trauer zu reagieren, die verfrüht beendeten
Menschenleben zu betrauern, die Familien zu trösten
und ein Ende der Terroranschläge zu fordern - und
daß es sich niemals geschlagen geben wird.
Es sagt auch etwas Hoffnungsvolles über die Zukunft
des Nahen Ostens aus, daß diesen Sommer 162
arabische, israelische und palästinensische Teenager
an einem vom Programm "Saat des Friedens" gesponserten Ferienlager in den Wäldern von Maine teilnehmen, und daß dieser tragische Bombenanschlag diese
jungen Menschen durch den Schock, die Trauer und
Entschlossenheit geeint hat, dem Teufelskreis der
Gewalt in ihrer Region ein Ende zu setzen.
Amerikaner nehmen Anteil an allen diesen Gefühlen
und Reaktionen. Unsere Gedanken sind bei den
Familien und Freunden der vergangene Woche
Getöteten oder Verwundeten. Wir stehen Israel bei
seinem Kampf gegen den Terror zur Seite. Wir
bewahren unser unerschütterliches Engagement für
die israelische Sicherheit. Und wir verurteilen gemeinsam mit anderen Regierungen und Völkern aus jedem
Teil der Erde den brutalen Anschlag von letzter
Woche.
Wir haben klare Überzeugungen. Terrorismus ist ein
Übel, für das es keine Rechtfertigung gibt. Er ist ein
Instrument von Feiglingen. Er tötet Unschuldige nicht
zufällig, sondern absichtlich. Und die Absicht im
Nahen Osten ist, den Friedensprozeß zu zerstören,
indem die Sicherheit untergraben und die Hoffnung auf
Frieden vernichtet wird.
Wir wissen noch nicht, wer den Bombenanschlag auf
den Mahane Yehuda Markt verübt hat.
Aber wir können sicher sein, daß dieses Verbrechen
nicht wahllos verübt wurde. Terroristen schlagen oft
zu, wenn sie der Ansicht sind, daß die Parteien
Fortschritte machen. Es mag mehr als nur ein Zufall
sein, daß der jüngste Anschlag kurz nach der Ankündigung verübt wurde, daß die im Rahmen des HebronAbkommens geschaffenen Interimsausschüsse ihre
Verhandlungen wiederaufnehmen würden - und am
Vorabend der amerikanischen Bestrebungen, sich an
der Überwindung der gegenwärtigen Pattsituation zu
beteiligen.
Wir haben im arabisch-israelischen Friedensprozeß zu
viel erreicht um zuzulassen, daß die Aasgeier der
Gewalt die Zukunft der Region bestimmen.
Es steht zu viel auf dem Spiel. In der Vergangenheit
wurden bereits zu große Opfer gebracht.
Und die Menschen in der Region wurden bereits zu
lange durch Blutvergießen und Streit belastet.

Seite 2

Wir müssen denjenigen antworten, die dem Frieden
den Krieg erklärt haben, indem wir dem Terror den
Krieg erklären - in dem Wissen, daß die Schaffung von
Frieden und die Bekämpfung von Terrorismus keine
separaten Kämpfe sind, sondern vielmehr zwei Seiten
ein und desselben Kampfes. Wir können nicht in
einem Kampf erfolgreich sein, wenn wir nicht in beiden
die Oberhand behalten.
Der vor uns liegende Weg ist schwierig, aber dasselbe
gilt auch für den bereits zurückgelegten.
Im Lauf der Jahre war das Streben nach Frieden im
Nahen Osten bereits mehreren Erschütterungen,
Rückschlägen und Traumata ausgesetzt. Wir sahen
mit Entsetzen, wie Bombenanschläge auf Busse und
Märkte verübt, Schulkinder angegriffen, große Staatsmänner wie Präsident Sadat und Ministerpräsident
Rabin ermordet und Unschuldige sogar in Gotteshäusern niedergeschossen wurden.
Trotzdem kamen in Madrid, Oslo, Washington, Kairo
und am Arava historische Feinde zusammen und
sprachen die Sprache des Friedens. Wir waren
Zeuge, wie die Bande zwischen Arabern und Israelis
enger wurden und diese sich im Rahmen eines
Prozesses regionaler Zusammenarbeit schwierigen
Fragen wie Wasserversorgung, Umwelt und Flüchtlingsproblemen widmeten.
Wir haben gesehen, wie arabische und israelische
Geschäftsleute bei einer Reihe von Wirtschaftsgipfeln
Kontakt aufnahmen und die Grundlagen für verstärkten
Handel und Investitionen und erhöhten Wohlstand
legten.
Wir haben gesehen, wie umfassende Fortschritte zur
Beendigung des Sekundär- und Tertiärboykotts Israels
gemacht wurden, wodurch israelische Produkte für die
Welt und die Produkte der Welt für Israel zugänglich
wurden. Wir waren Zeuge substantieller Verhandlungen zur Erlangung einer umfassenden Einigung
zwischen Israel und allen seinen arabischen Nachbarn.
Und wir haben gesehen, wie viele Nationen außerhalb
dieser Region, die jedoch von ihr beeinflußt werden beispielsweise Rußland, Norwegen, Japan und
Mitglieder der EU - dem Frieden diplomatische,
politische und finanzielle Unterstützung gewähren. Wir
müssen uns fragen, warum dieser Prozeß alle Traumata überlebt hat, und wie er trotz Bitterkeit, Trauer,
Leid und Wut Bestand haben konnte.
Die Antwort lautet, daß die überwältigende Mehrheit
der Menschen in der Region - Israelis, Araber und
Palästinenser - zu der Überzeugung gelangt ist, daß
der Status quo inakzeptabel ist, die Kosten des
Konflikts zu hoch sind und das Streben nach Frieden

AMERIKA DIENST 16

�zumindest das Versprechen einer besseren Zukunft
beinhaltet.
Sie wissen, daß ihre Gesellschaften, wenn es keinen
Frieden gibt, weiterhin von den Sorgen der Vergangenheit gebeutelt werden, ihre Region auf dem Weltmarkt
weiter zurückfällt und ihre Kinder in Unsicherheit,
Gefahr und Angst aufwachsen.
Der Wunsch des Volkes nach Frieden ist dauerhaft,
unverwüstlich und stark.
Davor fürchten sich Extremisten und Terroristen am
meisten. Und aus diesem Grund hat der Friedensprozeß trotz des Bombenanschlags von vergangener
Woche und trotz weiterer Gewaltandrohung überlebt
und wird es auch in Zukunft tun.
Als Israelis und Palästinenser 1993 in Oslo zusammenkamen, trat das Bestreben zur Erlangung des
Friedens in eine neue Phase ein. Die Parteien einigten
sich erstmals auf gegenseitige Anerkennung. Und sie
beschlossen, wie die auf kollidierenden Ideologien und
Gewalt basierende ehemals unlösbare Konfrontation in
realisierbare politische Verhandlungen auf der Grundlage gemeinsamer Interessen umgewandelt werden
kann. Die Politiker konnten sich darauf einigen, weil
das israelische und palästinensische Volk die Notwendigkeit verstanden, sich gegenseitig anzuerkennen,
direkt miteinander zu sprechen und die politische
Identität des anderen zu akzeptieren.
Nachdem jetzt die Schwelle zu gegenseitiger Anerkennung überschritten worden ist, gibt es keine
Rückkehr zu gegenseitiger Ablehnung. Keine Partei
kann zu den früheren Zeiten zurückkehren.
Indem sich Israelis und Palästinenser einigten, sich
gegenseitig als Partner zu akzeptieren, unternahmen
sie einen unumkehrbaren Schritt zur Beendigung ihres
Konflikts.
Die Frage lautet heute nicht ob, sondern wann Israelis
und Palästinenser ein für beide Seiten akzeptables
Abkommen erlangen. Die Zeitfrage ist sehr wichtig.
Mit unserer Hilfe können sich Israelis und Palästinenser stetig einer besseren Zukunft nähern oder aber
weiterhin in gegenseitigem Mißtrauen und gegenseitigen Beschuldigungen verhaftet bleiben.
Je länger Entscheidungen hinausgeschoben werden,
desto mehr Konflikt und Leiden werden sich daraus
ergeben.
Ministerpräsident Netanjahu äußerte
kürzlich, an der Spitze Israels sei man wie "auf Rosen
gebettet", jedoch "mit vielen Dornen".
Ich nehme an, daß der PLO-Vorsitzende Arafat seinen
Job mit ähnlichen Worten beschreiben könnte. Man
kann nicht fair über den Nahen Osten sprechen, ohne
die Schwierigkeiten anzuerkennen, mit denen die

AMERIKA DIENST 16

führenden Politiker konfrontiert werden. Man kann
nicht zutreffend über die Region sprechen, ohne
anzuerkennen, wie wichtig der Frieden für das israelische und das palästinensische Volk gleichermaßen
ist und ohne anzuerkennen, daß beide Völker sich für
den Frieden entschieden haben.
In jeder Gesellschaft ist es wichtig, daß das Zentrum
harte Arbeit leistet, um die Oberhand über die Extremisten zu behalten. Und es ist von elementarer
Bedeutung, die Botschaft zu übermitteln, daß es nicht
länger akzeptabel ist, die für die Suche nach dem
Frieden erforderlichen schwierigen Entscheidungen zu
umgehen. Bedauerlicherweise gab es während der
letzten Monate seitdem verheißungsvollen Abkommen
über Hebron keine neuen Fortschritte. Jetzt werden
wir mit einer Vertrauenskrise konfrontiert, die bisherige
Fortschritte in Gefahr bringt, alte Animositäten Wiederaufleben läßt und Israelis und Palästinenser gleichermaßen mit Angst vor der Zukunft zurückläßt.
Um den gegenwärtigen toten Punkt zu überwinden,
müssen Israelis und Palästinenser zu den Grundprinzipien zurückkehren. Diese Prinzipien konzentrieren sich nicht auf den Inhalt der Verhandlungen,
über den die Parteien am Verhandlungstisch sprechen
müssen, sondern auf die viel grundlegendere Frage,
wie die Parteien die Verhandlungen angehen sollten,
um das günstigste Klima für Erfolg zu schaffen.
Welches sind diese Prinzipien? Erstens: Unerläßliche
Bedingung für Fortschritt ist die gegenseitige Verpflichtung zu Sicherheit und Gewaltlosigkeit. Das ist
grundlegend. Das gebietet der gesunde Menschenverstand. Im Friedensprozeß ist kein Platz für Gewalt
oder Terror und kein Platz für den Einsatz von sicherheitspolitischer Zusammenarbeit als Druckmittel
bei Verhandlungen.
Dieser Ansatz zerstört das
Vertrauen, leistet dem Extremismus Vorschub und
unterminiert die Aussichten auf Frieden.
In den letzten Monaten sind viele Israelis zu der
Überzeugung gelangt, daß die palästinensische
Autonomiebehörde ihr Versprechen zur Bekämpfung
des Terrors nicht ernst nimmt, den Worten der Palästinenser keine Taten folgen und die Worte selbst nicht
konsequent oder klar sind. Sie machen sich Sorgen,
daß die Gewalt auf den Straßen inszeniert sein könnte.
Und sie fragen sich, ob die palästinensische Autonomiebehörde alles in ihrer Macht Stehende unternimmt,
um Anstiftung zu Gewalt und Terroranschlägen zu
verhindern.
Sie fürchten, daß die Gewalt grünes Licht bekommt,
während in Oslo rotes Licht gefordert wurde, das für
den Friedensprozeß unerläßlich ist. Wir wollen nicht
das Unmögliche. Bei Selbstmordterroristen gibt es
kein perfektes System, um die Sicherheit zu garantieren. Wir können keinen hundertprozentigen Erfolg
erwarten. Wir müssen jedoch hundertprozentige

Seite 3

�Bestrebungen im Hinblick auf unilaterale Maßnahmen
der palästinensischen Autonomiebehörde zur Bekämpfung des Terrorismus sowie bei der israelisch-palästinensischen Sicherheitszusammenarbeit in die Wege
leiten.
Was bedeutet das im Einzelnen? Es bedeutet Informationsaustausch und die Koordinierung von Maßnahmen im Bereich der Strafverfolgung. Es bedeutet
unermüdliche Bestrebungen zum Aufdecken potentieller terroristischer Gewaltakte und ihrer Abschreckung.
Es bedeutet Aufspüren und Beschlagnahme von
geheimen Waffenlagern, wie es der palästinensischen
Polizei vor zwei Wochen in Beit Sahour gelungen ist.
Es bedeutet die Festnahme und Verfolgung derjenigen, die an der Planung, Finanzierung, Unterstützung
oder Ermutigung des Terrorismus beteiligt sind. Und
es bedeutet, alles in unserer Macht Stehende zur
Schaffung eines moralischen Umfelds zu unternehmen, in dem die Befürwortung von Gewalt und Terror
abnimmt. Die Terroristen geben nicht auf, und deshalb
dürfen wir in unserem Kampf gegen sie ebenfalls nicht
aufgeben. In dieser Sache darf man kein Auge
zudrücken, es darf keine Doppeldeutigkeit oder
Doppelmoral geben - und im Hinblick auf die Gefangennahme von Terroristen keine Drehtüren.
Und das Niveau der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit darf nicht mit den Höhen und Tiefen der Verhandlungen schwanken.
Die Verpflichtung der
Palästinenser
zur
Bekämpfung des Terrors
muß konstant und absolut sein. Das ist von elementarer Bedeutung für Fortschritte beim Friedensprozeß.
Es ist offensichtlich erforderlich, in Israel ein Klima
größerer Sicherheit und größeren Vertrauens zu
schaffen. Aber das ist auch für die Palästinenser
unerläßlich.
Extremistische Gewalt stellt für die
palästinensische Gesellschaft eine große Bedrohung
dar. Palästinenser sind bisweilen direkte Zielscheibe
dieser Gewalt. Und sie leiden unter wirtschaftlichen
und humanitären Härten, wenn Israel die Gebiete
abriegelt.
Obwohl die Israelis zu häufig Opfer des Terrors
geworden sind, muß man fairerweise sagen, daß die
Anschläge durch den Islamischen Heiligen Krieg und
die Hamas auch von den Palästinensern einen
schrecklichen Preis gefordert haben - nicht nur in
ihrem täglichen Wohlergehen, sondern auch im
Hinblick auf ihre langfristigen Hoffnungen und Chancen. Israelis und Palästinenser müssen sich zur
Bekämpfung ihres gemeinsamen Feindes - des
Terrorismus - zusammenschließen. Sie müssen sich
zur Beendigung der Gewalt zusammenschließen, die
dafür Verantwortlichen verhaften und ein Umfeld
schaffen, in dem alle nicht nur überleben, sondern
auch prosperieren und die Aufgabe in Angriff nehmen
können, ein sicheres und produktives Leben auf-

Seite 4

zubauen. Das ist das erste Prinzip von Oslo und der
Eckpfeiler eines dauerhaften Friedens.
Das zweite Prinzip ist, daß beide Seiten die Beilegung
ihrer Streitigkeiten über die Themen am Verhandlungstisch und nirgendwo sonst vereinbart haben. Es liegt
im Interesse beider Parteien, Schritte zu vermeiden,
die das Vertrauen des anderen in den Prozeß unterminieren. In der Praxis bedeutet das die Abkehr von
unilateralen Aktionen, die vorschnelle Entscheidungen
über Themen herbeiführen, die den Verhandlungen
über den endgültigen Status vorbehalten sind.
Ich möchte mich klar ausdrücken. Es gibt kein moralisches Äquivalent zwischen Selbstmordattentätern
und Planierraupen, zwischen der Ermordung unschuldiger Menschen und dem Bau von Häusern. Es
ist einfach nicht möglich, politische Themen ernsthaft in
einem Klima der Einschüchterung und des Terrors
anzusprechen.
Aber das Prinzip, nutzlose unilaterale Aktionen zu
unterlassen, ist entscheidend für die Bewahrung des
gegenseitigen Vertrauens. Insbesondere mit Blick auf
die Verhandlungen über den endgültigen Status ist es
unerläßlich, daß die Parteien überdenken, wie ihre
Aktionen das Umfeld für diese Verhandlungen beeinträchtigen.
Die Palästinenser argumentieren, daß Israel in den
vergangenen Monaten Aktionen unternommen hat, die
eine vorschnelle Entscheidung über Themen bewirken,
die den Verhandlungen über den endgültigen Status
vorbehalten sind. Dazu zählen Siedlungsaktivitäten,
Bauvorhaben in Har Homa und die Beschlagnahme
von Land. Diese Aktionen haben bei vielen Palästinensern Unsicherheit über die Absichten der Israelis
hervorgerufen, die Logik der Verhandlungen für sie
unterminiert und eine Vertrauenskrise gegenüber
ihrem israelischen Partner bewirkt. Die Frage ist
berechtigt: Wie kann man ein glaubwürdiges Umfeld
für Verhandlungen schaffen, wenn Aktionen erfolgen,
die das Ergebnis vorwegzunehmen scheinen?
Um das Vertrauen wiederherzustellen, müssen beide
Seiten ernsthaft und im Vorhinein über die möglichen
Auswirkungen dessen nachdenken, was sie tun und
sagen. Sie müssen mehr tun als zu fragen, ob eine
Aktion technisch legal ist; sie müssen fragen, ob sie
klug ist und im Einklang mit dem Geist ihrer Partnerschaft steht und sie den Zielen ihrer Abkommen
näherbringt.
Die dritte Regel für den Verhandlungsprozeß lautet,
daß beide Seiten mit Worten und Taten demonstrieren
müssen, daß sie Frieden nicht als eine Option von
vielen verstehen, sondern als die einzige Option, die
Sicherheit und Wohlergehen ihres Volkes bietet.

AMERIKA DIENST 16

�Es war diese gegenseitige Anerkennung, die Israel
und die Palästinenser zu Partnern beim Streben nach
Frieden machte. Und es ist die Logik dieser Partnerschaft, die eine Überwindung der Hindernisse und
Rückschläge der Vergangenheit möglich gemacht hat,
wie es das in diesem Jahr abgeschlossene HebronAbkommen demonstriert.
Sowohl die israelischen als auch die palästinensischen
Politiker haben einhellig ihre Verpflichtung zu Frieden
zum Ausdruck gebracht. Aber der Erfolg des Verhandlungsprozesses erfordert mehr. Sie müssen ihre
Verpflichtung zu Partnerschaft und Zusammenarbeit
bei der Lösung von Problemen bekräftigen.
Sie müssen bekräftigen, daß die Zukunft ihrer beiden
Völker kein Nullsummenspiel ist, bei dem eine Partei
gewinnt und die andere verliert, oder bei dem einer mit
einem Vorteil vor dem anderen vom Verhandlungstisch
aufsteht. Wenn zwei Menschen in einem Boot auf eine
Stromschnelle zusteuern, sollten sie nicht darüber
diskutieren, wie sie dorthin gekommen sind - sie
sollten gemeinsam auf das sichere Ufer zurudern.
Die Israelis und Palästinenser werden weiterhin
beträchtliche Differenzen bei ihren Verhandlungen
haben, insbesondere in der noch anzusprechenden
Frage des endgültigen Status. Das Ausmaß dieser
Differenzen macht es umso unerläßlicher, daß die
Parteien nach Wegen zum Wiederaufbau des gegenseitigen Vertrauens und zur Wiederherstellung eines
dynamischen Friedensprozesses suchen.
Der Geist der Partnerschaft muß beide Seiten motivieren. Und eine Anerkennung der legitimen Rechte
des Partners muß das Verhalten beeinflussen. In der
Tat muß die neue Geisteshaltung lauten: "Kein
Problem ist zu groß, als daß wir es nicht gemeinsam
lösen können."
Während Israelis und Palästinenser auf die Wiederbelebung ihrer Verhandlungen hinarbeiten, ist es
unabdingbar, daß die internationale Staatengemeinschaft ihren Teil zur Unterstützung dieser Bestrebungen beiträgt und erkennt, daß Wohlstand ein Vorläufer
des Friedens ist. Jede Nation mit einem Interesse an
der Region - insbesondere Israel - hat ein Interesse an
sozialen und wirtschaftlichen Fortschritten der palästinesischen Autonomiebehörde und sollte einen entsprechenden Beitrag dazu leisten.
Den arabischen Staaten kommt die Verantwortung
zum Aufbau des Friedens durch eine Normalisierung
der Beziehungen in ihrer gesamten Region zu. Dialog,
geschäftliche und persönliche Kontakte sollten an die
Stelle von Boykotten und Feindseligkeit treten. Das ist
die dem im November in Doha geplanten NahostWirtschaftsgipfel zugrundliegende Logik. Die Länder
in der Region werden dem Friedensprozeß und ihrer

AMERIKA DIENST 16

eigenen wirtschaftlichen Zukunft nur schaden, wenn
sie an diesem Gipfel nicht teilnehmen.
In diesem Zusammenhang möchte ich König Hussein
sowohl für seinen direkten Beitrag zu dem Friedensprozeß als auch für die von ihm unternommenen
Anstrengungen danken, die Araber und Israelis
gleichermaßen von den wirtschaftlichen und politischen Vorteilen des Friedens zu überzeugen.
Seit Jahrzehnten haben sich die Vereinigten Staaten
entschieden für einen umfassenden Frieden im Nahen
Osten engagiert. Ebenso wie seine Vorgänger mißt
Präsident Clinton dem oberste Priorität bei und arbeitet
hart an der Unterstützung der Bestrebungen der
Parteien zur Erlangung dieses Ziels.
Seit Jahren gründet die Politik der Vereinigten Staaten
gegenüber dem arabisch-israelischen Friedensprozeß
auf Schlüsselelementen, die unseren Ansatz unterstreichen.
Diese zentralen Elemente besitzen auch heute noch
Gültigkeit. Ich möchte sie nochmals hervorheben:
Wir streben einen gerechten und dauerhaften Frieden
an, der durch direkte Verhandlungen auf der Grundlage der Resolutionen 242 und 338 des UN-Sicherheitsrats erlangt wird, einschließlich des Prinzips, auf dem
jedes arabisch-israelische Abkommen aufbaut - Land
für Frieden. Unseres Erachtens muß der Frieden mit

wirklichem Schutz Israels und seiner arabischen
Nachbarn vor Bedrohungen von außen und Gewaltakten einhergehen.
Unserer Ansicht nach muß der Frieden gerecht,
dauerhaft, umfassend sein und zu Verträgen führen,
die auf normalen Beziehungen und einem echten
Frieden zwischen zwei Völkern basieren - auch
zwischen Israel und Syrien sowie Israel und dem
Libanon - und wir glauben, daß der Frieden die
legitimen politischen Rechte des palästinensischen
Volkes ansprechen muß. Prinzipien können jedoch
keine Abkommen hervorbringen. Die harte Verhandlungsarbeit tut das. Und die Vereinigten Staaten
haben über eine Vielzahl von Wegen versucht, diesen
Prozeß zu fördern.
Manchmal haben wir auf die Abschirmung und den
Schutz der Verhandlungen hingearbeitet. Wir haben
die Entschärfung von Krisen sowohl an der israelischpalästinensischen als auch an der israelisch-libanesischen Front angestrebt. Wir haben wirtschaftliche und
politische Unterstützung gewährt.
Und wir sind
manchmal sogar über die traditionelle Rolle des
Wegbereiters hinausgegangen und haben die des
Vermittlers gespielt wie bei den israelisch-syrischen
Gesprächen auf der Wye Plantation und während der
Hebron-Verhandlungen.

Seite 5

�Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten keine Partei
in dem arabisch-israelischen Konflikt. Wir übernehmen nicht dieselben Risiken und Pflichten wie die
Parteien, die sich mit den Problemen der politischen
Identität und dem physischen Überleben befassen.
Infolgedessen können, sollten und werden wir keine
Lösungen aufzwingen.
Genausowenig können wir den politischen Willen
bewirken, den Araber und Israelis für die harten
Entscheidungen auf dem Weg zu Frieden benötigen.
Das sind ihre Entscheidungen - nicht unsere. Aber
angesichts unserer unerläßlichen Rolle und dem uns
entgegengebrachten Vertrauen haben wir die Pflicht, in
guten wie in schlechten Zeiten mit ihnen beim Streben
nach Frieden zusammenzuarbeiten.
In der Tat
möchten sie, daß wir diese Rolle spielen. Und das
werden wir weiterhin tun.
Als in den vergangenen Monaten die Verhandlungen
ins Stocken gerieten und sich die gegenseitigen
Beschuldigungen der Israelis und Palästinenser
verschärften, haben wir mehrfach versucht, den
Prozeß wieder auf Kurs zu bringen. In enger Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Präsidenten
Mubarak - unserem strategischen Partner im Frieden versuchten wir, eine Basis zu definieren, auf der sich
die Parteien wieder engagieren könnten. Wir haben
direkte Kontakte gefördert, um praktische Arbeitsbeziehungen zwischen Israelis und Palästinensern
wiederherzustellen.
Wir konzentrierten uns auf parallele Schritte, die jede
Seite unternehmen könnte, um die Anliegen der
anderen Seite anzusprechen. Wir bauten auf diesen
Kontakten auf, um die Diskussion über Probleme des
Interimsabkommens wiederzubeleben und entwickelten Ideen zur Überwindung der Differenzen, die eine
Anberaumung der Gespräche über den endgültigen
Status verhinderten.
Am Abend des Anschlags vom 30. Juli in Jerusalem
hatten der Präsident und ich in der Tat das Gefühl, es
sei an der Zeit, Dennis Ross zur Übermittlung der
amerikanischen Ideen in die Region zu entsenden.
Diese Reise wird er nun Ende dieser Woche antreten.
Botschafter Ross wird sich bei seinem Besuch vornehmlich auf die Sicherheitsdimension der gegenwärtigen Krise konzentrieren. Wenn die richtigen Schritte
zur Verbesserung des Sicherheitsumfelds unternommen werden, haben wir eine Basis für Fortschritte bei
politischen Themen - die wir erzielen müssen -,
angefangen mit der Notwendigkeit der Wiederherstellung des Vertrauens und Fortschritten bei der
Erfüllung der Bedingungen des Interimsabkommens.
Wir müssen jedoch auch bereit sein, mehr zu tun. Die
israelisch-palästinensische Vertrauenskrise hat den
Friedensprozeß sechs Monate gekostet. Verdächti-

Seite 6

gungen und Mißtrauen sind an der Tagesordnung. Die
auf gegenseitiger Anerkennung basierende Logik von
Oslo ist überzeugend, aber der Gesamtansatz des
Interimsabkommens muß mit einem beschleunigten
Ansatz zu den Verhandlungen über den endgültigen
Status einhergehen.
Um wieder an Dynamik zu gewinnen, müssen wir auf
beiden Seiten das Vertrauen in den Verhandlungsprozeß und das mögliche Ergebnis der Gespräche
über den endgültigen Status wiederherstellen. Wenn
beide Parteien ein klares und positives Gefühl bezüglich der endgültigen Richtung der Verhandlungen
haben, wird es leichter für sie, Rückschläge zu
überwinden und Ablenkungen auf dem Weg zu
vermeiden. Das erfordert eine Beschleunigung der
Verhandlungen über den endgültigen Status.
Dieser Schritt ist heute vordringlich und wichtig. Unter
der Voraussetzung von Fortschritten bei den Sicherheitsfragen bin ich daher bereit, Ende dieses
Monats in den Nahen Osten zu reisen. Ich werde
intensive Konsultationen mit den Politikern der Region
und insbesondere mit den israelischen und palästinensischen Politikern führen, um das Klima für Verhandlungen zu verbessern sowie die verfahrenstechnischen und substantiellen Aspekte der Probleme des
endgültigen Status zu erörtern.
Die Wiederbelebung des israelisch-palästinensischen
Friedensprozesses wird nicht über Nacht erfolgen. Sie
erfordert Zeit. Aber Präsident Clinton und ich werden
weiterhin alles in unserer Macht Stehende tun, um den
Parteien zum Erfolg zu verhelfen.
Wir werden auch in Zukunft unsere Rolle als vollwertiger Partner übernehmen. In dieser Partnerschaft
dürfen nur die Parteien die Entscheidungen treffen,
aber wir können sie unterstützen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die Parteien die Verhandlungen
führen, aber wir können mit ihnen am Verhandlungstisch sitzen. In dieser Partnerschaft dürfen nur die
Parteien die Gestalt bestimmen, die der Frieden
annehmen soll, aber wir können mit ihnen zusammenarbeiten, um diesen Frieden zu erleichtern, zu bewahren und zu erweitern.
Es besteht kein Zweifel daran, daß die Vereinigten
Staaten weiterhin alles zur Förderung des Friedens
zwischen Israelis und Palästinensern und im gesamten
Nahen Osten tun werden. Wir werden alles tun, weil
Fortschritte zu Frieden unseren elementaren Interessen dienen, zum Schutz unserer Freunde beitragen,
unsere Werte reflektieren und weil es richtig ist.
Keine Region der Welt hat größeres Leid oder länger
anhaltende Konflikte gesehen als der Nahe Osten.
Keine Generation hatte eine bessere Chance als die
gegenwärtige, den Teufelskreis des Konflikts zu
durchbrechen.

AMERIKA DIENST 16

�An der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert gibt es
keine Trennlinien des Kalten Krieges, die regionale
Rivalitäten schüren. Und der - einst dunkle - Weg zu
Frieden wurde zuerst in Madrid und dann noch klarer
in Oslo und den inzwischen geschlossenen Abkommen aufgezeichnet.
Israelis und Palästinenser gleichermaßen stehen jetzt
vor der Entscheidung über ihre Zukunft. Sie können
vor den Risiken des Friedens zurückschrecken und
eine Zukunft mit mehr Unsicherheit, Härten und
Kämpfen wählen, oder sie können zur Erneuerung
ihrer Partnerschaft und der Erfüllung der Versprechen
des Friedens zusammenkommen.
Für die Israelis ist dies das Versprechen einer prosperierenden Wirtschaft mit dem Potential des pazifischen
Beckens. Es ist die Gewißheit einer gemeinsamen
Front beim Kampf gegen den Terror, die Gewißheit der
stetigen Zunahme regionaler Zusammenarbeit und der
Fähigkeit, Kinder in Sicherheit und Frieden großzuziehen. Für die Palästinenser ist es das Versprechen des Endes von jahrzehntelangen Konflikten.
Es ist die Chance, ihre Energien und Talente als
vollwertige Partner in einer wachsenden regionalen
Volkswirtschaft einzusetzen, um eine Zukunft von

*

AMERIKA DIENST 16

stetig wachsendem Wohlstand, Würde und Hoffnung
für sich zu schaffen.
Und für alle Menschen in der Region ist es das
Versprechen - wie Präsident Clinton es formulierte "ein Land aufzubauen, das so reich an Schätzen und
friedlich ist wie es heilig ist" und das Angebot des
"Wunders eines normalen Lebens" an Israelis und
Palästinenser gleichermaßen.
Die Vereinigten Staaten können diese Zukunft weder
für Israel noch die Palästinenser entscheiden. Das ist
ihre Entscheidung und ihre Herausforderung. Wir
unterschätzen die Schwierigkeiten nicht. Wir sind uns
der Gefahren bewußt. Aber Amerika gründet auf
Optimismus und dem Glauben, daß die Zukunft besser
als die Vergangenheit sein kann, nicht nur innerhalb
unserer eigenen Grenzen, sondern innerhalb aller
Grenzen auf der Welt.
In diesem Geiste und mit dieser Überzeugung fordern
wir von uns und unseren Partnern erneute und
entschlossene Bestrebungen, um den flüchtigen
Traum eines Nahostfriedens Realität werden zu
lassen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 7

�TELEKOMMUNIKATION
20. August 1997

Verbraucher weltweit profitieren von Senkung
der Telefongebühren für Auslandsgespräche
Rede von Reed Hundt

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 7. August 1997 gehaltene Rede des Leiters der
amerikanischen Fernmeldebehörde FCC, Reed Hundt.

Die heutigen Maßnahmen sind neue Bezugspunkte für
die Festsetzung der Preise, die amerikanische Netzbetreiber zum Endpunkt der Verbindung bei Auslandsgesprächen zahlen. Sie werden zu Einsparungen in
Milliardenhöhe für die Verbraucher in den Vereinigten
Staaten führen und zur Förderung eines wettbewerbsfähigeren, florierenden internationalen Telekommunikationsmarkts beitragen.
Zur Zeit beträgt der Durchschnittspreis eines Auslandsgesprächs 88 Cents pro Minute, verglichen mit 13
Cents pro Minute für ein Inlandsgespräch. Dieser
Unterschied ist vornehmlich auf das monopolistische
Kartell zurückzuführen, das seit langem auf Verrechnungsgebühren bestanden hat, die die Kosten für
die Bereitstellung der Dienstleistung häufig um das
Fünf- bis Zehnfache übersteigen. Dieser Grundsatz
und das Abkommen der Welthandelsorgansation zur
Öffnung der internationalen Telekommunikationsmärkte werden zusammenwirken, um das Wachstum
und die Wettbewerbsfähigkeit der internationalen
Märkte enorm zu steigern, so daß die Verbraucher und
Netzbetreiber weltweit gleichermaßen profitieren
können.
Dieser Grundsatz wird den Verbrauchern hier in den
Vereinigten Staaten und andernorts außerordentliche
Vorteile bringen.
Unseren Schätzungen zufolge
werden die Verbraucher auf der Grundlage der
derzeitigen Markttrends allein in den Vereinigten
Staaten in den nächsten sechs Jahren über 17
Milliarden Dollar einsparen. Zusammen mit unserem
Grundsatz über die Reform des Zugangs von Anfang
dieses Jahres ist dies der größte Vorteil, der amerikanischen Verbrauchern in der Geschichte dieser
Behörde je zuteil wurde.

AMERIKA DIENST 16

Infolge dieses Grundsatzes und des WTO-Abkommens prognostizieren wir, daß der Durchschnittspreis
für ein Auslandsgespräch von heute 88 Cents in fünf
Jahren auf 20 Cents fallen wird - ein Abnahme von
nahezu 80 Prozent.
Und wir sagen vorher, daß sich der amerikanische
Markt für internationale Dienstleistungen in den
nächsten vier Jahren infolge dieses Grundsatzes mehr
als verdoppeln wird. Auf dem Weltmarkt wird wahrscheinlich ein ähnlicher Ansatz erfolgen.
In den vergangenen Jahren wurde ein internationaler
Konsens bezüglich der Notwendigkeit einer Reform
des veralteten Verrechnungssystems erzielt. Dieses
System reicht über 100 Jahre zum Zeitalter des
Telegraphen zurück und diente früher als der Mechanismus für nationale Telekommunikationsbetreibermonopole zur Festsetzung internationaler Verrechnungsgebühren. Die internationale Fernmeldeunion
und andere internationale Organisationen haben
beträchtliche Anstrengungen unternommen, um die
Reform des Verrechnungssystems zu prüfen. Wir
haben bei diesen Bestrebungen eng mit dem Ausland
zusammengearbeitet, und werden das auch in Zukunft
tun. Wir ermutigen unsere Freunde in Übersee zu
gemeinsamen Fortschritten mit uns bei der Reform des
Verrechnungssystems, weil es integraler Bestandteil
eines erfolgreichen Übergangs zur Welt nach der
Welthandelsorganisation ist. Wir sind überzeugt, daß
eine multilaterale Lösung der beste Weg zu einer
Reform ist und haben in dem heute zu verabschiedenden Bericht an die Endstelle (Report &amp; Order) versprochen, diese Bezugspunkte zu überprüfen, sollte
eine zufriedenstellende multilaterale Lösung erzielt
werden.

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�Heute vertritt die FCC die Ansicht, daß die Lösung für
die Finanzierung des globalen Kommunikationsnetzes
nicht in immer weiter ansteigenden Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telefongesellschaften liegen kann. Ferner muß unserer
Meinung nach ein globales Netz aufgebaut werden,
und der einzige Weg hierzu besteht darin, dieselben
Gesetze des Wettbewerbs und der Marktfinanzierung
anzuwenden wie auf allen anderen Gebieten. 1996
beliefen sich die gesamten Nettoauszahlungen
amerikanischer Netzbetreiber an ausländische
Netzbetreiber auf 5,4 Milliarden Dollar. Mehr als 70
Prozent dieser Auszahlungen stellen Subventionen der
amerikanischen Verbraucher für ausländische Telekommunikationsgesellschaften dar.
Ob es um den Endpunkt von Inlands- oder Auslandsverbindungen geht - gewisse Grundsätze bleiben
bestehen. Die Grundsätze des Wettbewerbs im
Telekommunikationswesen sind - ebenso wie die
Gesetze der Physik - in South Dakota dieselben wie in
Südkorea. Im Telekommunikationsgesetz des vergangenen Jahres stellte der Kongreß verschiedene
Grundsätze für die Einführung des Wettbewerbs bei
Ortsgesprächen auf. Dazu zählte die Forderung, daß
die Preise für Wettbewerber für die Schaltverbindung
mit dem örtlichen Netzbetreiber kostenorientiert sein
müssen und niemanden diskriminieren dürfen.
Internationale Verrechnungsgebühren sind nur eine
spezielle Form der Schaltverbindung, die nationale
Grenzen überschreitende Dienste beinhaltet. Die
Bezugsgrößen, auf die wir uns heute einigen, bieten
einen Rahmen zur Förderung des Wettbewerbs bei
internationalen Diensten, indem sie kostenorientierte,
nichtdiskriminierende Preise für internationale Dienst-

*

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leistungen bis zum Endpunkt von Verbindungen
fördern. Ferner berücksichtigen sie die Bedürfnisse
der Entwicklungsländer, indem sie den Netzbetreibern
solcher Länder höhere Bezugspunkte und mehr Zeit
zu ihrer Erlangung einräumen.
Verbraucher weltweit werden höherwertige Dienste,
mehr Serviceoptionen und niedrigere Verrechnungsgebühren erhalten, da die Verrechnungsgebühren auf
eine stärker an den Kosten orientierte Ebene gesenkt
werden. Eine Reform der Verrechnungsgebühren wird
auch jedem Netzbetreiber zugute kommen, der
internationale Dienste anbietet, da sie das Wachstum
internationaler Dienste ankurbelt. Das derzeitige
Verrechnungssystem unterdrückt die globale Nachfrage, indem es zu inflationären Preisen für Auslandsgespräche beiträgt. Wenn die Verrechnungsgebühren
und damit wiederum die Telefongebühren gesenkt
werden, wird die Nachfrage nach Auslandsgesprächen
erhöht. Noch wichtiger ist, daß eine Reform des
Verrechnungssystems wesentlich ist, wenn die
Netzbetreiber, die derzeit von künstlich hoch gehaltenen Verrechnungsgebühren profitieren und sich darauf
verlassen, überleben wollen. Ohne eine Reform bei
den Verrechnungsgebühren würden diese Netzbetreiber von einem globalen Telekommunikationsmarkt an den Rand gedrängt, der künstlich teuer
gehaltene Leitungen immer stärker umgeht - entweder
mit Hilfe der preisgünstigsten Praktiken wie Rückruf
oder mit technischen Innovationen wie Telefonieren im
Internet (das nicht den Verrechnungsgebühren
unterliegt). Nur die Disziplin eines wettbewerbsfähigen
Marktes kann das globale Kapital anziehen, das für
den Aufbau einer globalen Informationsinfrastruktur
erforderlich ist.

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�PORTRAT
20. August 1997

John C. Kornblum
Der designierte Botschafter der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Botschafter John C. Kornblum, der am
20. August 1997 in der Bundesrepublik Deutschland eintreffen wird.

Am 21. Mai 1997 ernannte Präsident Clinton John C.
Kornblum zum amerikanischen Botschafter in der
Bundesrepublik Deutschland. Er wurde am 31. Juli
vom Senat bestätigt und am 11. August vereidigt. Vor
seiner Ernennung war Botschafter Kornblum Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium und Sondergesandter bei den Verhandlungen über das Friedensabkommen von Dayton. Für seine herausragenden
Leistungen während der Krise auf dem Balkan erhielt
er 1996 eine Auszeichnung des amerikanischen
Außenministers.
Botschafter Kornblum begann 1964 eine bemerkenswerte Laufbahn im auswärtigen Dienst der Vereinigten
Staaten.
Erste Stationen waren Hamburg und
Washington. 1969 wurde er in die politische Abteilung
der US-Botschaft nach Bonn entsandt, wo er als
Verbindungsmann für Berlin tätig war und der amerikanischen Delegation bei den Viermächteverhandlungen
angehörte.
1973 kehrte Botschafter Kornblum nach Washington,
D.C., zurück, wo er verschiedene politische Ämter
innehatte - zunächst als Mitglied des politischen
Planungsstabs und später als Direktor der Abteilung
für europäische regionalpolitische Angelegenheiten.
Von 1979 bis 1981 war Botschafter Kornblum Politischer Berater in der US-Mission in Berlin. Im Juli 1981
wurde er zum Leiter der Abteilung für zentraleuropäische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt. Im August 1985 kehrte Botschafter Kornblum
als amerikanischer Gesandter und Stellvertretender

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Kommandant nach Berlin zurück. Nach zweijähriger
Tätigkeit in Berlin wurde er zum Stellvertretenden
Ständigen Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
NATO in Brüssel ernannt.
In Anerkennung der herausragenden Leistungen von
John Kornblum ernannte Präsident Bush ihn zum
amerikanischen Botschafter bei der Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Der USSenat bestätigte seine Nominierung am 19. Oktober
1991. In dieser Funktion war Botschafter Kornblum
Leiter der amerikanischen Delegation bei der HelsinkiFolgekonferenz 1992 und übernahm eine führende
Rolle beim Entwurf der Deklaration, die beim Gipfeltreffen von Helsinki im Juli 1992 verabschiedet wurde.
Botschafter Kornblum stellte im August 1992 die neue
amerikanische Delegation bei der KSZE in Wien
zusammen, wo er bis April 1994 tätig war.
Botschafter Kornblum wurde im Juni 1994 zum
Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und
kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium
ernannt und hatte diese Position bis zu seiner Nominierung zum Abteilungsleiter im Februar 1996 inne.
Während seiner Tätigkeit im europäischen Büro wirkte
Botschafter Kornblum maßgeblich am Friedensabkommen von Dayton mit und spielte eine zentrale
Rolle bei der Erarbeitung der Strategie der Administration für eine neue Sicherheitsstruktur in Europa.
Botschafter Kornblum ist mit Helen Sen verheiratet und
Vater von zwei Söhnen: Alexander (geboren 1988) und
Stephen (geboren 1990).

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�PORTRAT
20. August 1997

Michael C. Polt
Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland
BONN- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das Porträt von Michael C. Polt, dem neuen Gesandten der USBotschaft in der Bundesrepublik Deutschland.

Michael C. Polt wurde im August 1997 zum Gesandten
der Amerikanischen Botschaft in Bonn ernannt.
Gesandter Polt ist Berufsdiplomat im höheren auswärtigen Dienst der Vereinigten Staaten mit 20-jähriger
Erfahrung im US-Außenministerium und in diplomatischen Vertretungen in Europa und Lateinamerika. Vor
seiner jetzigen Tätigkeit war er Gesandter und Geschäftsträger der Amerikanischen Botschaft in der
Schweiz.
Nach seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst im
Jahr 1977 wurde Herr Polt an die Amerikanischen
Botschaften in Mexiko City und Kopenhagen entsandt.
Im Anschluß daran war er persönlicher Referent des
amerikanischen Botschafters in Bonn, Leiter des
Amerikanischen Konsulats in Bremen und Botschafts-

rat an der Amerikanischen Botschaft in Panama. In
Washington war Herr Polt Stellvertretender Leiter des
Büros für europäische Sicherheits- und politische
Angelegenheiten und später persönlicher Referent des
Staatssekretärs für internationale Sicherheitsangelegenheiten im US-Außenministerium.
Michael Polt wurde mit dem Superior Honor Award des
US-Außenministeriums und mehreren Meritorious
Honor Awards ausgezeichnet. Er machte seinen
Magister in Verwaltungswissenschaften an der
University of Tennessee. Herr Polt wurde in Österreich geboren. Seine Heimat ist der Bundesstaat
Tennessee. Er spricht Deutsch und Spanisch. Der
Gesandte ist mit Frau Hallie L. Polt, geborene Smith,
verheiratet. Die Familie hat zwei Kinder, Nicholas (16)
und Lindsay (11).

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