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                  <text>amcrika
\TZ»

*

*-

dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

11. Juni 1997

11

MARSHALLPLAN

GEIST DES MARSHALLPLAN MUSS FÜR
DIE NÄCHSTEN 50 JAHRE UND DARÜBER
HINAUSWIRKEN
Rede von Präsident Clinton
DIE INTEGRATION EUROPAS HÄNGT VOM
DAYTONER ABKOMMEN AB
Rede von Außenministerin Albright an der
Harvard University

NATO

EINE NEUE NATO MIT NEUEN MISSIONEN,
NEUEN MITGLIEDERN UND NEUEN PARTNERN
Rede des Präsidenten in West Point
GRUNDAKTE BEDEUTET AUFGABE DER
SELBSTISOLIERUNG RUSSLANDS
Rede von Außenministerin Albright
beim Nordatlantikrat

EAPR

ALBRIGHT: ZIEL IST DIE ECHTE
INTEGRATION EUROPAS UND DER
TRANSATLANTISCHEN GEMEINSCHAFT
Rede der Außenministerin beim EAPR

BOSNIEN

DAYTONER ABKOMMEN MUSS VON ALLEN
PARTEIEN EINGEHALTEN WERDEN
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Geist des Marshallplans muß für die nächsten 50 Jahre
und darüber hinaus wirken
Rede von Präsident Clinton

DEN HAAG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Präsident Clinton bei der Feier zum 50.
Jahrestag des Marshallplans in Den Haag am 28. Mai 1997.

Eure Majestät, Herr Premierminister, verehrte Amtskollegen, Minister, Parlamentarier, Kongreßabgeordnete, Jugendvertreter aus Europa und Amerika und
alle, die etwas mit dem Marshallplan zu tun hatten oder
von seinen Auswirkungen berührt wurden. Ich möchte
ein besonderes Wort der Wertschätzung an zwei
herausragende Amerikaner richten - die ehemaligen
Botschafter General Vernon Walters und Arthur
Hartman, die als junge Männer am Marshallplan
mitgearbeitet haben und heute hier unter uns weilen.
Dies ist ein wunderbarer Anlaß. Wir danken der
Königin, der Regierung und dem Volk der Niederlande,
daß sie unser Gastgeber sind und diese Feier zum
Gedenken an diese 50 Jahre veranstalten. Die Worte
von Herrn Sedee erreichen uns über die Generationen
hinweg - unabhängig davon, wo wir herkommen oder
welche Sprache wir sprechen. Sie warnen uns vor
dem, was geschehen kann, wenn Menschen sich
gegeneinander wenden und inspirieren zu dem, was
wir erreichen können, wenn wir alle an einem Strang
ziehen. Das ist eine Botschaft, die wir uns ins Gedächtnis schreiben sollten.
Ebenso wie wir die großen Leistungen von vor 50
Jahren würdigen, müssen wir - wie der Premierminister
es so eloquent formulierte - den Geist des Marshallplans für die nächsten 50 Jahre und darüber hinaus
bewahren, um ein Europa aufzubauen, das demokratisch in Frieden lebt und zum ersten Mal in der Geschichte ungeteilt ist - ein Europa, das nicht die
dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts wiederholt,
sondern stattdessen die Versprechen des 21. Jahrhunderts erfüllt.

AMERIKA DIENST 11

Hier in der Zitadelle einer wohlhabenden, toleranten
holländischen Demokratie können wir uns kaum
vorstellen, wie anders Europa vor nur 50 Jahren war.
Die Bilder, die wir gesehen haben, erinnerten uns
zusammen mit der Musik daran, daß noch immer
ungefähr 30.000 Tote unter den Trümmern in Warschau begraben liegen, 100.000 Häuser in Holland
zerstört wurden, Deutschland in Schutt und Asche lag,

Großbritannien sich mit einem schrecklichen Mangel
an Kohle und Strom konfrontiert sah, die Fabriken in
ganz Europa kaum noch arbeiteten, der Handel
gelähmt war und Millionen den Hungertod fürchteten.
Auf der anderen Seite des Atlantiks waren die Amerikaner begierig, zu dem Leben zurückzukehren, das sie
während des Krieges aufgeben mußten. Aber sie
befolgten den Ruf einer bemerkenswerten Generation
amerikanischer Politiker - General Marshall, Präsident
Truman, Senator Vandenberg - die zusammen mit
gleichgesinnten Politikern in Europa ebenso auf
Europas wirtschaftliche Erholung hinarbeiten wollten
wie sie für sein Überleben gekämpft hatten. Sie
wußten, daß Europas Schicksal und Amerikas Zukunft
wie nie zuvor zusammenhingen.
Der Marshallplan war eine Kur, keine Krücke. Er war
nie ein Almosen, sondern immer eine helfende Hand.
Er sagte den Europäern: Wenn Ihr Eure Trennungen
überwindet, wenn Ihr zusammenarbeitet, um Euch
selbst zu helfen, dann wird Amerika mit Euch zusammenarbeiten.
Der britische Außenminister Ernest Bevin nannte den
Marshallplan "eine Rettungsleine für ertrinkende
Menschen, der Hoffnung dorthin brachte, wo es keine
gab". Vom Nördlichen Eismeer bis zum Mittelmeer

Seite 1

�ergriffen die europäischen Nationen diese Rettungsleine und arbeiteten wie nie zuvor an einem gemeinsamen Programm der wirtschaftlichen Gesundung
zusammen. Die Aufgabe war nicht leicht, aber ihre
gemeinsame Hoffnung war mächtiger als ihre Differenzen.
Das erste Schiff lief von Texas nach Frankreich mit
19.000 Tonnen Weizen aus. Bald nahm an jedem
Tag ein Konvoy der Hoffnung Kurs auf Europa mit
Treibstoff, Rohmaterial und Geräten. Am Ende des
Programms im Jahr 1952 hatte der Marshallplan 13
Milliarden Dollar in Europas verwüstete Volkswirtschaften gepumpt. Das entspricht heute 88 Milliarden
Dollar. Er bot den Menschen in Europa das zum
Wiederaufbau ihres zerstörten Lebens erforderliche
Handwerkszeug. Es gab Netze für norwegische
Fischer, Wolle für österreichische Weber, Traktoren für
französische und italienische Bauern, Maschinen für
holländische Unternehmer.
Für einen Jungen in Deutschland war die Hilfe des
Marshallplans die großzügige Hand, die dazu beitrug,
sein Heimatland aus seiner ruinösen Vergangenheit zu
erheben. Er erinnert sich noch an die amerikanischen
Lastwagen, die auf den Schulhof fuhren und Suppe
brachten, die die Herzen und Hände erwärmte. Dieser
Junge wurde zu einem leidenschaftlichen Verfechter
von Freiheit und Einheit in Europa sowie einem
großartigen und geschätzten Freund Amerikas. Er
wurde der erste Kanzler eines freien und vereinten
Deutschlands. Mit seinem Leben und seiner Arbeit ist
Helmut Kohl zum Symbol für die Substanz und den
Geist des Marshallplans geworden. Ich danke Ihnen.
Heute sehen wir den Erfolg des Marshallplans und die
Nationen, zu deren Wiederaufbau er beitrug. Noch
mehr sehen wir ihn jedoch in den Beziehungen, die er
neu definierte. Der Marshallplan veränderte die
Verbindungen von Amerika zu Europa, und dabei
veränderte er die Verbindungen der europäischen
Nationen untereinander. Er baute die Institutionen auf,
die Westeuropa aneinanderbinden sollten - von der
OECD bis zur Europäischen Union und der NATO. Er
ebnete den Weg für die Aussöhnung jahrhundertealter
Differenzen.
Wie bereits gesagt wurde, umfaßte Marshalls Vision
ganz Europa. Aber die Realität jener Zeit entsprach
dem nicht. Stalin schloß Europas östliche Hälfte darunter einige unserer treuesten Verbündeten im
Zweiten Weltkrieg - davon aus, ihren Platz am Tisch
einzunehmen, an der Erholung Europas teilzuhaben
und verschloß die Tür zu ihrer Freiheit. Die gefesselten Nationen verloren jedoch nie das Vertrauen, und
der Westen akzeptierte nie die Endgültigkeit ihres
Schicksals. Und endlich fielen die Berliner Mauer und
der Eiserne Vorhang dank der tapferen Männer und
Frauen, die entschlossen waren, ein Leben in Freiheit
zu leben.

Seite 2

Heute erleuchten die aufstrebenden neuen Demokratien den Weg zu einem neuen Europa in einem neuen
Jahrhundert - einer Zeit, in der Amerika und Europa die
ruhmreiche Reise beenden müssen, die Marshalls
Generation begann, und dieses Mal wird niemand
zurückgelassen. Ich beglückwünsche Premierminister
Kok zu seiner Führung und der Führungsrolle, die
seine Nation bei der Sicherstellung übernommen hat,
daß niemand zurückgelassen wird.
Das Europa des 21. Jahrhunderts wird ein besseres
Europa sein. Erstens, weil es frei und ungeteilt sein
wird und zweitens, weil es nicht durch die Macht der
Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens
vereinigt sein wird. Wir müssen uns jedoch vor Augen
führen, daß die Möglichkeiten von heute keine Garantien sind. Obwohl Mauern niedergerissen wurden,
bestehen weiterhin Schwierigkeiten: Bei dem andauernden Kampf der seit kurzem freien Nationen
beim Aufbau prosperierender Volkswirtschaften und
widerstandsfähiger Demokratien; bei der Verletzlichkeit
derjenigen, die Wandel fürchten und seine Vorteile
noch nicht kennen; bei der Abwendung von extremem
Nationalismus, Haß und Teilung; bei der verworrenen
Denkweise derjenigen, die die europäische Landschaft
immer noch als Nullsummenspiel im Hinblick auf die
Vergangenheit sehen; und bei den uns konfrontierenden neuen Gefahren, die wir nicht alleine bekämpfen
können - von der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen über Terrorismus und organisiertes
Verbrechen bis zur Umweltzerstörung.
Ebenso wie die Generation vor uns muß unsere
Generation sich entscheiden. Ohne die Bedrohung
des Kalten Krieges, ohne die Schmerzen des wirtschaftlichen Ruins, ohne die frische Erinnerung des
Gemetzels des Zweiten Weltkriegs ist es verlockend,
unsere privaten Interessen zu verfolgen - sich einfach
zurückzulehnen und die Geschichte ihren Lauf nehmen zu lassen. Dieser Versuchung müssen wir
widerstehen. Stattdessen müssen wir uns mit der
Entschlossenheit auf den Weg machen, die Hoffnung
dieses Augenblicks Geschichte werden zu lassen, auf
die wir stolz sein können.
Wir, die wir dem Beispiel der Generation folgen, die wir
heute ehren, müssen genau das tun. Unsere Aufgabe
ist klar: Wir müssen den von dieser Generation
ermöglichten Frieden, die Freiheit und den Wohlstand
für eine gemeinsame Zukunft gestalten, in der alle
Menschen die Sprache der Demokratie sprechen, in
der sie das Recht zur Kontrolle ihres Lebens und eine
Chance zur Verwirklichung ihrer Träume haben, in der
Wohlstand über den ganzen Kontinent hinweg reicht
und Staaten Handel treiben, keine Eroberung vornehmen; in der Sicherheit die Domäne aller freien Nationen ist, die zusammenarbeiten; in der keine Nation
Europas je wieder gegen ihren Willen ausgeschlossen
wird, unserem Wertebündnis beizutreten und wir

AMERIKA DIENST 11

�gemeinsam der übrigen Welt helfen, die von uns so
hoch geschätzten Ziele zu erlangen.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben sich dieser
Mission verschrieben. Wir machen Fortschritte auf
einer Landkarte moderner Wunder. Mit der Unterstützung Amerikas und der Europäischen Union legen die
seit kurzem freien Nationen Europas den Grundstein
der Demokratie. Mit Hilfe der Voice of America des
US-Informationsamts (USIA) kann die heutige Feier
von Menschen überall auf diesem großartigen Kontinent ungehindert gehört werden.
In Prag, wo es früher eine Straftat war, westliche
Sender zu hören, hat Radio Free Europe eine neue
Heimat gefunden, und eine unabhängige Presse
floriert. In Bukarest hat die Demokratie das Mißtrauen
überwunden, während Rumänen und gebürtige
Ungarn zum ersten Mal in einer demokratischen
Koalitionsregierung vereint sind.

Während die neuen Demokratien weiterhin die Berge
der Marktreform erklimmen, besteht unsere Herausforderung darin, ihnen behilflich zu sein, die Vorteile
des Wohlstands besser zu nutzen, auf ein möglichst
stabiles und sicheres Unternehmensklima hinzuarbeiten, in ihre Volkswirtschaften zu investieren, ihnen
unternehmerisches Geschick zu vermitteln und die
Türen von Institutionen zu öffnen, dank denen unsere
Gemeinschaft prosperieren kann.
Ich möchte nochmals wiederholen, daß die Vereinigten
Staaten die Europäische Union zu ihrem Engagement
für die Erweiterung nach Zentral- und Osteuropa
beglückwünschen. Wir unterstützen diesen historischen Prozeß und würden sein schnelles Vorankommen begrüßen. Ein wohlhabenderes Europa wird ein
stärkeres Europa sein und auch ein stärkerer Partner
für Europas nordamerikanische Freunde in Amerika
und Kanada.
Nationen, die schwierige Reformen in Angriff nehmen,

Von Wladiwostok bis Kaliningrad gingen die Menschen

sollten wissen, daß das, was sie in Freiheit aufbauen,

in Rußland im letzten Sommer zu einer für alle von
uns, die sie beobachteten, völlig demokratischen und
offenen Nationalwahl.

in Sicherheit Bestand haben kann. Durch die NATO,
das Kernstück der transatlantischen Sicherheit,
können wir für den Osten Europas das tun, was wir für
den Westen Europas geleistet haben - die Freiheit
verteidigen, Demokratie stärken, alte Rivalitäten
beschwichtigen, Integration beschleunigen und ein
stabiles Klima schaffen, in dem sich Wohlstand
mehren kann.

Wir müssen jetzt die Herausforderung bewältigen
sicherzustellen, daß diese Welle der Demokratie
anhält. Die seit kurzem freien Nationen müssen die
schwierige Arbeit der Reformen fortsetzen. Die
Vereinigten Staaten und Westeuropa müssen weiterhin konkrete Unterstützung für ihre Fortschritte leisten
und Rechtssysteme zur Bekämpfung von Verbrechen
und Korruption fördern, gegenseitige Kontrolle zur
Verhinderung von Machtmißbrauch einführen, zur
Einrichtung des Apparats freier und fairer Wahlen
beitragen, so daß sie immer wiederholt werden
können; die freien Medien und bürgerliche Gruppen
stärken, um Rechenschaftspflicht zu fördern und damit
eine gute Regierung dem Volk näherzubringen, so daß
es tatsächlich ein Mitspracherecht bei sein Leben
betreffenden Entscheidungen hat.
Wir waren auch den neuen Demokratien behilflich, ihre
am Boden liegenden Volkswirtschaften umzugestalten
und von Hilfe zu Handel und Investitionen überzugehen. In Warschau teilen sich Männer und Frauen,
die einst um Lebensmittel anstanden, die Früchte von
Europas am schnellsten wachsender Volkswirtschaft,
in der fast ein Zehntel der Einzelhandelsunternehmen
in privater Hand sind. Seit dem Fall der Berliner Mauer
haben die internationalen Finanzinstitutionen den
neuen Demokratien rund 50 Milliarden Dollar zur
Stärkung der Grundlagen ihrer Marktwirtschaften
zufließen lassen. Und während neue Märkte auftauchten, flössen weitere 45 Milliarden Dollar an
Privatinvestitionen von Orten wie Boston und London,
um Unternehmen von Budapest bis L'viv zu unterstützen.

AMERIKA DIENST 11

Wir passen die NATO zur Übernahme neuer Aufgaben
an - öffnen ihre Türen für Europas neue Demokratien,
unterstützen ihre Verbindungen zu Nichtmitgliedstaaten durch eine gestärkte Partnerschaft für den Frieden
und schaffen eine praktische, dauerhafte Partnerschaft
zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland - dies alles ist darauf ausgerichtet sicherzustellen, daß die NATO stark bleibt, das Zusammenwachsen Europas unterstützt und bei der Bewältigung
unserer neuen Sicherheitsherausforderungen eine
Führungsrolle übernimmt.
Gestern haben die Staats- und Regierungschefs der
NATO und Rußlands in Paris die historische Grundakte unterzeichnet, die uns alle sicherer machen wird.
Wir werden konsultieren, koordinieren und - wo wir
beide einer Meinung sind - gemeinsam handeln, so
wie wir es jetzt in Bosnien tun.
Überlegen Sie, was dies für ein Meilenstein ist. Seit
Jahrhunderten war die größte sicherheitspolitische
Sorge in Europa die Konfrontation zwischen Ost und
West. Zum ersten Mal haben eine neue NATO und ein
neues Rußland die Zusammenarbeit als Partner bei
der Bewältigung von Herausforderungen für ihre
gemeinsame Sicherheit in einem neuen und ungeteilten Europa vereinbart, in dem keine Nation ihre Größe
im Hinblick auf ihre Fähigkeit definiert, ihre Nachbarn
zu dominieren.

Seite 3

�Wir müssen jetzt die Herausforderung meistern,
Sicherheit über veraltete Trennlinien hinweg zu
fördern, sicherstellen, daß die NATO-Partnerschaft mit
Rußland funktioniert und die historische Umgestaltung
der NATO fortsetzen.
In weniger als sechs Wochen wird die NATO erneut in
Madrid zusammenkommen, um die ersten neuen
Demokratien Europas einzuladen, das Bündnis zu
verstärken. Die Aussicht einer NATO-Mitgliedschaft
hat bereits zu größerer Stabilität geführt, da die eine
Mitgliedschaft anstrebenden Länder die Reformen
verstärken und eben die Meinungsverschiedenheiten
beilegen, die zu künftigen Konflikten führen könnten.
Die ersten neuen Mitglieder werden nicht die letzten
sein. Die Türen der NATO müssen und werden für all
diejenigen offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft in der Lage sind. Wir
werden die Partnerschaft für den Frieden stärken und
einen neuen euroatlantischen Partnerschaftsrat
gründen, so daß andere Nationen ihre Zusammenarbeit mit der NATO verstärken und die Vorbereitungen für die Mitgliedschaft fortsetzen können.
Wir wollen jedoch eindeutig klarstellen: Es gibt auch
Pflichten. Erweiterung bedeutet die Ausdehnung der
feierlichsten Garantien, die eine Nation geben kann eine Verpflichtung zur Sicherheit des anderen.
Sicherheit und Frieden sind nicht billig. Neue und
derzeitige Verbündete gleichermaßen müssen bereit
sein, die Last unserer Ideale und unserer Interessen
zu tragen.
Unsere kollektiven Bestrebungen in Bosnien spiegeln
sowohl die Dringlichkeit als auch das Versprechen
unserer Mission wider. Wo einst Terror und Tragödien
regierten, stehen NATO-Truppen mit 14 Partnernationen - Amerikanern und Russen, Deutschen und Polen,
Norwegern und Bulgaren - für die gemeinsame Sache
Seite an Seite, Frieden in das Herz Europas zu
bringen. Wir müssen jetzt diesen hart erkämpften
Frieden konsolidieren, politische Aussöhnung und
wirtschaftlichen Wiederaufbau fördern, die Arbeit des
Internationalen Kriegsverbrechertribunals hier in Den
Haag unterstützen und dazu beitragen, daß der
bosnische Frieden die Versprechen des Daytoner
Abkommens Realität werden läßt.
Heute bekräftige ich gegenüber den Menschen in
Europa, was General Marshall vor 50 Jahren sagte:
Die Amerikaner stehen an Ihrer Seite. Wir haben aus
der Geschichte gelernt. Wir werden nicht weggehen.

*

Seite 4

Ebenso wie vor fünf Jahrzehnten sind unsere Schicksale miteinander verknüpft.
Für die Vereinigten
Staaten ist die Verpflichtung zu unserer gemeinsamen
Zukunft keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Wir
schließen die Tür zum 20. Jahrhundert - einem
Jahrhundert, das die Menschheit von ihrer schlimmsten und von ihrer besten Seite gesehen hat. Wir
wollen uns heute hier zur Zusammenarbeit verpflichten, um das neue Jahrhundert zu einer Zeit zu
machen, in der die Partnerschaft zwischen Amerika
und Europa das Leben aller Menschen auf der Welt
verbessert.
Wir wollen den Geist der Hoffnung und Erneuerung
wiederbeleben, für den die Lebensgeschichte von
Gustaaf Sedee steht. Er hat einen Sohn, Bert, der ein
Bankmanager ist. Heute trägt er dazu bei, das Vermächtnis zu verwirklichen, das sein Vater so bewegend beschrieben hat - denn ebenso wie der Marshallplan die Investitionen tätigte, die zur Wiederankurbelung der Industrie Hollands beitrugen, hilft Bert Sedees
Bank holländischen Unternehmen bei der Finanzierung von Investitionen in Zentral- und Osteuropa.
Ebenso wie das amerikanische Volk den Menschen
seines Heimatlandes die Hand reichte, reichen Bert
Sedee und seine Kollegen den Menschen in Slowenien, Lettland, Bosnien und andernorts die Hand.
Unsere Gedanken sind heute auch bei den jüngsten
Mitgliedern der Familie Sedee - Gustaaf Sedees
Enkelkindern Roeland und Sander, neun Monate und
eineinhalb Jahre alt. Ich frage mich, was sie in 50
Jahren sagen werden. Ich hoffe, daß sie und all die
anderen jungen Leute, die zuhören - diejenigen, die
wissen, was vor sich geht, und diejenigen, die noch zu
jung sind, um es zu verstehen - sagen können, wir
vermachen Euch 50 Jahre Frieden, Freiheit und
Wohlstand. Ich hoffe, daß Sie Ihre Söhne und Töchter
in einem Europa großgezogen haben, dessen Horizonte weiter als seine Grenzen sind. Ich hoffe, Sie werden
Ihren Enkelkindern - deren Gesichter die meisten von
uns nicht mehr sehen werden - sagen, daß diese
Generation sich der Herausforderung gestellt hat,
Gestalter des Friedens zu sein.
Ich hoffe, daß wir alle des Vermächtnisses von George
Marshall gedenken werden und uns eine vielversprechendere Zukunft vorstellen als die Menschen je
erlebt haben.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 11

�MARSHALLPLAN
11. Juni 1997

Die Integration Europas hängt vom
Daytoner Abkommen ab
Rede von Außenministerin Albright an der Harvard University

CAMBRIDGE - (AD) - "Die friedliche Integration Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen
von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist", erklärte Außenministerin Albright am 5. Juni 1997 bei einer
Abschlußfeier der Harvard University.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Außenministerin.

Vielen Dank, Rektor Pforzheimer.
Gouverneur Weld, Rektor Rudenstine, Rektor Wilson,
verehrte Ehrengäste, liebe Harvard-Gemeinde, Gäste
und Freunde - ich danke Ihnen. Ich freue mich, heute
an diesem besonderen Tag hier sein zu können.
Meine herzlichsten Glückwünsche an den Jahrgang
'97 - Sie haben sich vielleicht verschuldet, aber Sie
haben es geschafft.
Als ehemalige Dozentin und als Mutter gestehe ich
Ihnen, daß ich Abschlußfeiern liebe, insbesondere,
wenn sie mit einem ehrenhalber verliehenen akademischen Grad einhergehen. Ich liebe die Zeremonie,
ich liebe die akademische Umgebung und ich sage
ganz ehrlich, ich liebe es - obwohl es heute für mich
schwierig sein wird - während einer Abschlußrede
meinen Tagträumen nachzuhängen.
Abschlußfeiern sind einzigartige Meilensteine in
unserem Leben, weil sie der bisherigen Leistungen
gedenken und gleichzeitig die Zukunft antizipieren.
Das trifft auf jeden der Absolventen von heute zu. Und
es trifft auf die Vereinigten Staaten zu.
Während der vergangenen Jahre scheinen wir den 50.
Jahrestag von allem möglichen gefeiert zu haben.
Dank der Medien und unserer Erinnerung konnten wir
erneut die Fallschirmtruppen am Himmel über der
Normandie, die Befreiung von Buchenwald, den Kuß
eines Seemanns auf dem Times Square, das Her-

AMERIKA DIENST 11

unterlassen des Eisernen Vorhangs und den Baseballspieler Jackie Robinson beobachten, wie er einen
Punkt machte.
Heute erinnern wir uns an einen anderen Wendepunkt
dieser Ära. Denn heute vor 50 Jahren hielt Außenminister George Marshall eine Rede vor den Absolventen dieser Universität. Er sprach zu einem Jahrgang,
der durch viele bereichert wurde, die für die Freiheit
gekämpft hatten und vieler beraubt wurden, die für die
Freiheit ihr Leben ließen.
Die Worte des Außenministers waren klar. Aber seine
Botschaft erreichte mehr Menschen als das auf diesem
Platz versammelte Publikum - ein amerikanisches
Volk, das des Krieges und neuer Versprechungen
müde war und ein Europa, in dem die lebensnotwendigen Verbindungen zwischen Bauernhof und Markt,
Unternehmen und Kapital, Hoffnung und Zukunft
unterbrochen waren.
Außenminister Marshall schmückte seine Rhetorik
nicht mit hochfliegenden Phrasen und sagte nur, es sei
logisch für Amerika, zur Wiederherstellung "des
normalen wirtschaftlichen Zustands der Welt beizutragen, ohne den es keine politische Stabilität und
keinen gesicherten Frieden geben kann".
Er heftete seinem Plan nicht das Etikett "Made in
America" an, sondern war vielmehr für die Ideen der
Europäer offen und forderte von den europäischen

Seite 1

�Ländern, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sich
selbst zu helfen.
Seine Vision war umfassend und ließ die Tür zur
Beteiligung aller offen, einschließlich der Sowjetunion
und - damit es keine Wiederholung des bestrafenden
Friedensvertrages von Versailles geben würde - auch
für Deutschland.
Der britische Außenminister Ernest Bevin bezeichnete
den Marshallplan als eine "Rettungsleine für ertrinkende Menschen" - und er war es. Mit dieser
Rettungsleine trugen die Vereinigten Staaten zur
Vereinigung von Westeuropa auf der Grundlage
demokratischer Prinzipien bei und säten die Saat der
transatlantischen Partnerschaft, die bald in Form der
NATO und der kooperativen Institutionen eines neuen
Europas gedeihen sollte.
Ebenso wichtig war die amerikanische Führungsrolle,
die der Marshallplan verkörperte. Nach dem Ersten
Weltkrieg hatten sich die Vereinigten Staaten aus der
Welt zurückgezogen, sich der Verantwortung entzogen
und Risiken vermieden. Andere taten dasselbe. Das
Ergebnis im Herzen Europas war das Entstehen eines
großen Übels. Nach der Zerstörung des Zweiten
Weltkriegs und den entsetzlichen Greueln des Holocaust war es nicht genug zu sagen, der Feind sei
besiegt und das, was wir bekämpft hatten, sei gescheitert.
Die Generation von Marshall, Truman und Vandenberg
war zum Aufbau eines dauerhaften Friedens entschlossen. Und die Botschaft, die diese Generation
vom Weißen Haus, von beiden Parteien auf dem
Capitol Hill und vom Volk in unserem ganzen Land
übermittelte, das Millionen an Bargeld, Kleidung und
Nahrungsmitteln spendete, lautete, daß sich Amerika
dieses Mal nicht nach innen wenden, sondern eine
Führungsrolle übernehmen würde.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, ist es nicht
genug, wenn wir sagen, der Kommunismus ist gescheitert. Auch wir müssen die Lektionen der Vergangenheit beherzigen, Verantwortung und eine Führungsrolle übernehmen.
Weil wir in ein Jahrhundert eintreten, in dem es viele
miteinander verbundene Zentren der Bevölkerung,
Macht und des Wohlstands gibt, können wir unseren
Blickwinkel nicht ausschließlich - wie Marshall es in
seiner Rede tat - auf das zerstörte Schlachtfeld eines
vorangegangenen Krieges konzentrieren. Unsere
Vision muß nicht nur einen, sondern alle Kontinente
einbeziehen.
Im Gegensatz zu Marshalls Generation sehen wir uns
nicht nur einer einzigen akuten Bedrohung gegenüber.
Die Gefahren, denen wir uns stellen, sind weniger
sichtbar und vielfältiger - einige so alt wie ethnische

Seite 2

Konflikte, einige so neu wie Briefbomben, einige so
schwierig wie der Klimawandel und andere so tödlich
wie Nuklearwaffen, die in die falschen Hände gelangen.
Um uns gegen diese Gefahren zu wappnen, müssen
wir die sich uns jetzt bietende historische Chance
ergreifen, die Welt in einem auf Demokratie, offenen
Märkten, Rechtsstaatlichkeit und der Verpflichtung zu
Frieden gründenden internationalen System zusammenzubringen.
Wir wissen, daß noch nicht jede Nation willens oder in
der Lage ist, ihren Teil in das System einzubringen.
Eine Gruppe befindet sich noch im Übergang von
Planwirtschaft und totalitärer Herrschaft. Eine andere
hat erst mit wirtschaftlichen und politischen Reformen
begonnen. Einige Nationen sind noch zu schwach, um
sich in bedeutsamer Weise zu beteiligen. Und einige
Länder haben Regime, die offen gegen die Prämissen
sind, auf denen dieses System ruht.
Weil die uns heute konfrontierende Situation sich von
der der Generation Marshalls unterscheidet, können
wir nicht immer dieselben Mittel einsetzen. Aber wir
können dieselbe Geisteshaltung bewahren.
Wir können denselben Geist der Überparteilichkeit
anstreben, der Amerika in Marshalls Zeit gestattete,
sowohl den Verbündeten als auch den Gegnern eine
geeinte Front darzubieten.
Wir können die erforderlichen Ressourcen investieren,
um die wirtschaftliche, militärische und diplomatische
Stärke der Vereinigten Staaten zu bewahren in
demselben Bewußtsein wie Marshall, daß diese
jeweiligen Stärken sich gegenseitig untermauern.
Wir können in demselben Wissen handeln, daß in
unserem Zeitalter Sicherheit und Wohlstand der
Vereinigten Staaten an die gesunde wirtschaftliche und
politische Lage im Ausland gebunden sind.
Und während wir die Helden der Geschichte ehren,
können wir uns bewußt machen, daß wir die Pflicht
haben, Autoren der Geschichte zu sein.
Das sollte sich jede Nation eingestehen. Heute bietet
sich allen die Chance, Teil eines auf demokratischen
Prinzipien gegründeten Systems zu sein. Das war vor
50 Jahren nicht der Fall.
Damals wurde dem Chef meines Vaters, Jan Masaryk
- dem Außenminister der damaligen Tschechoslowakei
- von Stalin in Moskau gesagt, sein Land dürfe sich
nicht am Marshallplan beteiligen, obwohl es in seinem
nationalen Interesse läge. Bei seiner Rückkehr nach
Prag erklärte Masaryk, in diesem Augenblick habe er
verstanden, daß er einer Regierung diente, die in
ihrem eigenen Land nicht länger souverän war.

AMERIKA DIENST 11

�Heute gibt es keinen Stalin, der Befehle erteilt. Wenn
jetzt eine Nation von der internationalen Staatengemeinschaft isoliert ist, dann entweder, weil das Land
einfach zu schwach zur Erfüllung der internationalen
Normen ist, oder weil seine Politiker sich absichtlich für
die Mißachtung dieser Normen entschieden haben.
In der vergangenen Woche erklärte Präsident Clinton
in den Niederlanden, daß keine demokratische Nation
in Europa aus der transatlantischen Gemeinschaft
ausgeschlossen würde. Heute sage ich, keine Nation
auf der Welt wird aus dem globalen System ausgeschlossen, das wir aufbauen. Und jede Nation, die
sich beteiligen möchte und alles in ihrer Macht Stehende tut, um sich selbst zu helfen, erhält die Hilfe der
Vereinigten Staaten bei der Suche nach dem richtigen
Weg.

sident Clinton es letzte Woche formulierte, "nicht nur
durch die Macht der Waffen, sondern die Möglichkeiten des Friedens".
Wo vor einem halben Jahrhundert die amerikanische
Führungsrolle dazu beitrug, Westeuropa zu Wohlstand
und Demokratie zu verhelfen, hilft heute die gesamte
transatlantische Gemeinschaft Europas den seit
kurzem freien Nationen beim Aufbau ihrer Volkswirtschaften und der Konsolidierung der Rechtsstaatlichkeit.

In Afrika haben Armut, Krankheiten, Unruhe und
schlechte Regierung Millionen Menschen von dem
internationalen System abgeschnitten. Aber Afrika ist

Im nächsten Monat wird die NATO in Madrid neue
Mitglieder aus den Demokratien Zentral- und Osteuropas einladen und gleichzeitig die Tür der zukünftigen Mitgliedschaft für andere offen halten. Das wird
nicht - wie einige fürchten - eine neue Teilung in
Europa schaffen. Im Gegenteil, es radiert die vor
einem halben Jahrhundert aufgezwungene unfaire und
unnatürliche Trennlinie aus. Und es bietet den
Nationen einen zusätzlichen Anreiz zur Beilegung von

ein an menschlichen und natürlichen

Ressourcen

Gebietsstreitigkeiten, Respektierung von Minderheiten

reicher Kontinent. Und heute führen seine besten
neuen Politiker Reformen durch, die Privatunternehmen und demokratischen Institutionen helfen, Fuß zu
fassen. In Zusammenarbeit mit anderen müssen wir
dieser Entwicklung Auftrieb verleihen, indem wir
unsere Hilfe aufrechterhalten, Investitionen ermutigen,
die Schuldenlast verringern und erfolgreiche Modelle
schaffen, denen andere folgen können.

und Menschenrechten sowie der Vollendung des
Reformprozesses.

In Lateinamerika und der Karibik ist die Integration
sehr viel weiter fortgeschritten. Die Nationen in der
gesamten Hemisphäre erweitern die Wirtschaftsbeziehungen, bekämpfen Verbrechen, arbeiten auf die
Erhöhung des Lebensstandards hin und kooperieren
um sicherzustellen, daß die wirtschaftlichen und
politischen Systeme Bestand haben.
In Asien und dem Pazifik sehen wir eine Region, die
nicht nur dem internationalen System beigetreten,
sondern zu einer treibenden Kraft dahinter geworden
ist - eine Region, die das Zentrum von acht der zehn
am sehne Isten wachsenden Volkswirtschaften der
Welt ist.

Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis ohne territorialen Ehrgeiz. Sie betrachtet keinen Staat als Gegner,
und ganz bestimmt nicht ein demokratisches und
reformfreudiges Rußland, das eine Integration im
Westen anstrebt, mit dem es eine historische Partnerschaft eingegangen ist, die vor nur neun Tagen in
Paris unterzeichnet wurde.
Heute stellen wir von der Ukraine bis zu den Vereinigten Staaten und von Reykjavik bis Ankara unter
Beweis, daß das Streben nach europäischer Sicherheit
kein Nullsummenspiel mehr ist. Die NATO hat neue
Verbündete und Partner. Die Nationen Zentral- und
Osteuropas treten jetzt in der Praxis der Wertegemeinschaft bei, die sie im Geist nie verlassen hatten. Und
das russische Volk bekommt etwas, das es jahrhundertelang nicht hatte - einen echten und dauerhaften Frieden mit den Nationen in seinem Westen.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten arbeiten wir an
der Verringerung der Bedrohung durch das nordkoreanische Nuklearprogramm und haben das Land aufgefordert, seine selbst auferlegte Isolation zu beenden.
Und wir haben China zur Erweiterung seiner Beteiligung an dem internationalen System und zur
Einhaltung internationaler Normen von Menschenrechten bis zum Export von rüstungsbezogenen Technologien ermutigt.

Die Schatten des Kalten Krieges verdunkeln Europa
nicht länger, aber ein Gespenst aus der Vergangenheit
geht noch um. Die Geschichte lehrt uns, daß es
keinen natürlichen geographischen oder politischen
Endpunkt für den Konflikt auf dem Balkan gibt, wo der
Erste Weltkrieg begann und sich in diesem Jahrzehnt
die schlimmsten Gewaltakte Europas der vergangenen 50 Jahre ereigneten. Die friedliche Integration
Europas wird erst vollendet sein, wenn das Friedensabkommen von Dayton in Bosnien vollständig umgesetzt ist.

Und schließlich streben wir in Europa die Verwirklichung der von Marshall proklamierten, aber durch den
Kalten Krieg verhinderten Vision an - der Vision eines
ungeteilten und freien Europas, vereinigt, wie Prä-

Als er vor 50 Jahren die kühnen Ideen des Marshallplans verteidigte, äußerte Senator Arthur Vandenberg,
es hätte wenig Sinn, einem in sechs Meter Entfernung
Ertrinkenden eine viereinhalb Meter lange Rettungs-

AMERIKA DIENST 11

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�leine zuzuwerfen. Genausowenig können wir in
Bosnien unsere Ziele erreichen, wenn wir nur gerade
genug unternehmen, um einen unmittelbaren Krieg zu
verhindern. Vielmehr müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, um den Menschen in Bosnien bei
der Schaffung eines dauerhaften Friedens zu helfen.
Vor einigen Tagen hat Präsident Clinton Schritten
zugestimmt, den Friedensprozeß unumkehrbar zu
machen und für jede Partei ein deutliches Interesse an
seinem Erfolg zu wecken.
Vergangenes Wochenende bin ich in die Region
gereist, um den Parteien persönlich folgende Botschaft
zu übermitteln: Wenn sie internationale Anerkennung
oder unsere Hilfe wünschen, müssen sie ihre Verpflichtungen erfüllen, einschließlich der umfassenden
Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal.
Das Tribunal ist nicht nur für Bosnien und Ruanda das
Beste, sondern auch für die Welt. Wir können Greueltaten als unvermeidlich hinnehmen oder einen höheren
Standard anstreben. Wir können so tun als ob nur
Gott und die Opfer vergeben können, oder wir können
die eindrucksvollste Lektion dieses Jahrhunderts
beherzigen, daß nämlich Böses - wenn man ihm nichts
entgegensetzt - noch mehr Böses hervorbringt.
Die Mehrheit der Toten in Bosnien starb nicht auf dem
Schlachtfeld, sondern auf den Märkten, Straßen und
Spielplätzen, wo Männer und Frauen wie Sie und ich,
Mädchen und Jungen wie die, die wir kennen, mißbraucht oder ermordet wurden - nicht weil sie etwas
verbrochen hatten, sondern nur aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit.
Wir alle haben ein Interesse daran, zur Abschreckung
weiterer Greueltaten einen Präzedenzfall zu schaffen,
dem Tribunal durch die Unterscheidung zwischen
Unschuldigen und Schuldigen bei der Schaffung eines
dauerhaften Friedens zu helfen, die ethnischer Säuberungen Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen und
diejenigen, die Vergewaltigung lediglich für eine
weitere Kriegstaktik halten, für ihre Verbrechen büßen
zu lassen.
Seit George Marshalls Zeiten spielen die Vereinigten
Staaten eine führende Rolle im internationalen System,
nicht als alleiniger Richter über Gut und Böse, denn
darüber kann keiner allein entscheiden, sondern als
Wegbereiter - als die Nation, die den Weg weisen
kann, wenn andere dazu nicht in der Lage sind.
In den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
hat Amerika nicht nur durch den Marshallplan, sondern
auch durch die Trumandoktrin, die Berliner Luftbrücke
und die Antwort auf die kommunistische Aggression in
Korea diese Führungsrolle unter Beweis gestellt.

Seite 4

In diesem Jahrzehnt war Amerika führend bei der
Niederschlagung von Saddam Hussein, der Ermutigung nuklearer Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in der ehemaligen Sowjetunion, der Wiedereinsetzung der gewählten Politiker in Haiti, der Aushandlung des Daytoner Abkommens und der Unterstützung der Friedenswilligen gegenüber den Bombenlegern im Nahen Osten und anderen strategischen
Regionen.
Wir begrüßen diese Führungsrolle, um mit Teddy
Roosevelts Worten zu sprechen, nicht weil wir uns
international überall einmischen möchten, sondern weil
wir aus Erfahrung wissen, daß unsere Interessen und
die unserer Verbündeten von regionalen oder Bürgerkriegen sowie Machtvakuen beeinträchtigt werden
können, die Chancen für Kriminelle und Terroristen
schaffen und die Demokratie bedrohen.
Aber Amerika kann die Arbeit nicht alleine leisten. Wir
können den Weg weisen, aber andere müssen bereit
sein, sich uns anzuschließen und selbst Verantwortung zu übernehmen. Andere müssen bereit sein,
sich uns im Rahmen ihrer eigenen Ressourcen und
Fähigkeiten beim Aufbau einer Welt anzuschließen, in
der gemeinsames Wirtschaftswachstum möglich ist,
gewalttätige Konflikte eingedämmt werden und
diejenigen, die Gesetze befolgen, immer mehr Sicherheit genießen.
Bei meinem Besuch in Sarajevo besuchte ich einen
Spielplatz in einem Gebiet, das früher als "Straße der
Heckenschützen" bezeichnet wurde. Viele Bosnier
wurden dort aufgrund von ethnischem Haß umgebracht. Letztes Wochenende spielten die Kinder dort
jedoch ungeachtet dessen, ob das Kind neben ihnen
Muslim, Serbe oder Kroate ist. Und sie dankten
Amerika für die Hilfe, dank derer ihre Schaukeln
repariert werden konnten, und baten mich, einen Baum
zu pflanzen, den sie zu hegen und pflegen versprachen.
Dabei kam mir der Gedanke, daß dies eine passende
Metapher für die Rolle der Vereinigten Staaten vor 50
Jahren war, als wir die Saat für erneuten Wohlstand
und echte Demokratie in Europa säten. Und auch eine
Metapher für die Rolle Amerikas während der letzten
Jahre dieses Jahrhunderts bis hinein in das nächste.
Durch die ausländischen Studenten, die sie anzieht,
die Forschung, die hier durchgeführt wird, die Kurse,
die sie anbietet und das Feingefühl, das sie übermittelt,
trägt diese großartige Universität der Tatsache Rechnung, daß ihre Absolventen ein globales Leben führen
werden. Sie werden auf einem Weltmarkt konkurrieren, weiter und öfter reisen als alle früheren Generationen, mit ihren Kollegen aus allen Kulturen Ideen,
Vorlieben und Erfahrungen austauschen und erkennen, daß sie sich nach außen öffnen müssen, um eine
erfüllte und lohnenswerte Zukunft zu haben.

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�Während Sie und Ihr Land das tun, müssen wir den
von Marshall gesetzten hohen Standard anstreben,
zeitgemäße Mittel auf der Grundlage von dauerhaften
Werten einsetzen und dürfen nie vergessen, daß
Amerika auf der Seite der Freiheit steht.
Ich sage Ihnen das in meiner Eigenschaft als Außenministerin. Ich sage es auch als einer jener zahllosen
Menschen, deren Leben von den Turbulenzen in
Europa Mitte dieses Jahrhunderts und von der Führungsrolle Amerikas in diesem Jahrhundert beeinflußt
wurde.
Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich während
des Krieges in England in einem Luftschutzkeller saß,
die Angst mit Singen zu vertreiben suchte und Gott für
die Hilfe der Vereinigten Staaten dankte.
Ich kann mich noch erinnern, wie wir nach dem Krieg
und der Machtergreifung der Kommunisten in Prag hier
in den Vereinigten Staaten ankamen, wo ich nur den
Wunsch hatte, akzeptiert zu werden und wollte, daß
meine Eltern und mein neues Land auf mich stolz sein
können.
Weil meine Eltern rechtzeitig flohen, entkam ich Hitler.
Zu unserem großen und anhaltenden Schmerz gelang
das Millionen Menschen nicht.
Dank der Großzügigkeit Amerikas entkam ich Stalin.
Millionen konnten das nicht.
Aufgrund der Vision der Generation von Truman und
Marshall genoß ich das Privileg, ein Leben in Freiheit
zu führen^ Millionen Menschen hatten nie diese
Chance.
Das mag für diejenigen, die sich nicht an jene Zeit vor
50 Jahren erinnern können, schwer verständlich sein.
Aber Sie rrlüssen versuchen zu verstehen.
Mit den Jahren halten viele den Zweiten Weltkrieg für
den letzten "guten Krieg", denn wenn es je eine
gerechte Sache gegeben hat, dann diese; und wenn
die Zukunft der Menschheit je auf dem Spiel gestanden
hat, dann zu dieser Zeit.
Zwei Generationen von Amerikanern sind seit diesem
Krieg herangewachsen - erst meine, dann Ihre Generation. Zwei Generationen von Jungen und Mädchen,
die die Veteranen bei Picknicks, Paraden und Feuerwerk, salutierend und ordensgeschmückt sehen
konnten. Sie sahen deren Stolz und dachten vielleicht:
"Wie großartig muß das gewesen sein - bei einer
großen Sache auf die Probe gestellt zu werden und
den Sieg davonzutragen."
Aber gerade am heutigen Tag dürfen wir nicht vergessen, daß jede Medaille und jedes Ordensband eine
Geschichte hat - sie erzählen von Heldentaten, aber

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auch von abgrundtiefer Traurigkeit, denn der Zweite
Weltkrieg war kein guter Krieg.
Von Nordafrika bis Salerno, von der Normandie über
die Ardennen bis nach Berlin mußte ein ganzer dem
Faschismus zum Opfer gefallener Kontinent Dorf um
Dorf, Hügel um Hügel zurückgewonnen werden. Und
weiter östlich, von Tarawa bis Okinawa, war der
tödliche Kampf um Asien ein Angriff auf eingegrabene
Stellungen, der nur von unglaublichem Mut zu einem
unerträglich hohen Preis übertroffen wird.
Heute ist die größte Gefahr für Amerika nicht ein
ausländischer Gegner, sondern die Möglichkeit, daß
wir dem Beispiel dieser Generation nicht genug
Beachtung schenken, zulassen, daß die dynamische
Entwicklung zu Demokratie ins Stocken gerät, daß wir
die Institutionen und Prinzipien, auf denen unsere
Freiheit gründet, für selbstverständlich halten und
vergessen, woran uns die Geschichte dieses Jahrhunderts erinnert: Daß Probleme im Ausland allzu oft
auch Amerika heimsuchen, wenn man sich ihnen nicht
stellt.
In einem oder zwei Jahrzehnten werden wir entweder
als die Neoisolationisten bekannt werden, die das
Wiederaufleben von Tyrannei und Gesetzlosigkeit
zuließen, oder als die Generationen, die den globalen
Triumph demokratischer Prinzipien konsolidierten.
Wir werden entweder als die Neoprotektionisten
bekannt, deren Mangel an Vision zum finanziellen Ruin
führte oder als die Generationen, die weltweit die
Grundlagen für wachsenden Wohlstand schufen.
Wir werden entweder als die Zauderer von Weltklasse
bekannt, die dem Säen erneuter globaler Konflikte
tatenlos zuschauten oder als die Generationen, die
entschiedene Maßnahmen ergriffen, um Bündnisse zu
schließen, Aggression abzuschrecken und den
Frieden zu wahren.
Es gibt kein Patentrezept für den Erfolg - weder für
Einzelpersonen, noch für eine Generation. Letztlich ist
es eine Frage des Urteilsvermögens und der eigenen
Entscheidung.
Wenn wir diese Entscheidung treffen, sollten wir uns
daran erinnern, daß es keine Seite im Buch der
amerikanischen Geschichte gibt, auf die wir stolz sind,
die von einem chronischen Nörgler oder Untergangspropheten geschrieben wurde. Wir sind Macher.
Wir haben eine Verpflichtung in unserer Zeit, ebenso
wie andere sie in der ihren hatten, nicht zu Gefangenen der Geschichte zu werden, sondern diese zu
gestalten - die Verpflichtung, die Rolle des Wegbereiters zu übernehmen und zusammen mit anderen
ein globales Netz von Zielen und Gesetzen zu knüpfen, die unsere Bürger schützen, unsere Interessen

Seite 5

�verteidigen, unsere Werte erhalten und zukünftigen
Generationen ein ebenso stolzes Vermächtnis wie das
hinterlassen, dessen wir heute gedenken.

Dafür werde ich mich mit aller Kraft einsetzen und bitte
Sie, dasselbe zu tun. Nochmals ganz herzlichen
Dank.

* * * * *

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�NATO
11. Juni 1997

Eine neue NATO mit neuen Missionen,
neuen Mitgliedern und neuen Partnern
Rede des Präsidenten in West Point

WEST POINT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton am 31. Mai 1997 bei der
Militärakademie der Vereinigten Staaten in West Point (New York) gehaltene Rede unwesentlich gekürzt.

Liebe Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs
1997, heute treten Sie der langen Reihe der grauuniformierten Heeressoldaten bei, die sich über zwei
Jahrhunderte treuen Dienstes an Amerika und an der
Freiheit erstreckt, die unser kostbarster Schatz ist.
Von der Verteidigung von Fort Erie im Krieg von 1812
bis zur Schlacht am Antietam, von den Schützengräben der Argonne über Okinawa bis zu Heartbreak
Ridge, dem Mekong Delta und der glühend heißen
Wüste des Golfkriegs haben die Offiziere aus West
Point unserer Nation gedient und für sie Opfer gebracht.
In den vier Jahren seit meiner letzten Rede hier vor
Ihnen haben Ihre Absolventen dazu beigetragen, in
Haiti die Demokratie wiederherzustellen, in Ruanda
Hunderttausende von Menschen vor Völkermord und
Hungersnot zu retten und dem Blutvergießen in
Bosnien ein Ende zu setzen. Während unserer
Geschichte haben die Männer und Frauen aus West
Point uns nie im Stich gelassen, wenn die Pflicht rief.
Und ich spreche im Namen aller Amerikaner, wenn ich
sage: Ich weiß, daß Sie es nie tun werden.
Ich möchte West Point meinen besonderen Dank
aussprechen und insbesondere den Absolventen
dieses Jahrgangs gratulieren, die aus dem Ausland
kommen. Wir heißen Sie hier herzlich willkommen und
sind stolz darauf, daß Sie Teil unserer Tradition des
Militärdienstes geworden sind. Und wir wünschen
Ihnen für die Rückkehr in Ihre Heimat alles Gute. Wir
hoffen, daß auch Sie die Sache der Freiheit voranbringen können, denn das ist im 21. Jahrhundert
unsere gemeinsame Aufgabe.

AMERIKA DIENST 11

Vor zwei Tagen kehrte ich von einer Mission aus
Europa zurück, bei der wir auf eines der stolzesten
Kapitel der amerikanischen Geschichte zurückblickten
und in die Zukunft schauten, die wir für unsere Kinder
und Enkel gestalten möchten. Diese Woche feiern wir
den 50. Jahrestag des Marshallplans, den Winston
Churchill als den uneigennützigsten Akt in der Geschichte bezeichnet hat.
1947 wurden die vom Krieg erschöpften Amerikaner,
die zu Hause ihr Leben weiterführen wollten, von einer
Generation bemerkenswerter Politiker - General
George Marshall, Senator Arthur Vandenberg, Präsident Harry Truman - zur erneuten Übernahme einer
Führungsrolle aufgefordert. Diese führenden Politiker
wußten, daß es keinen dauerhaften Frieden und keine
Sicherheit für ein Amerika geben konnte, das sich
hinter seine Grenzen zurückzog und sich von der Welt
und seinen Pflichten distanzierte. Sie boten die
unerläßliche Führung für die Umsetzung des Marshallplans, die Gründung der NATO und der ersten globalen Finanzinstitutionen. Sie versetzten Amerika und
unsere Verbündeten in die Lage, durch Zusammenarbeit innerhalb von Organisationen die Herausforderungen ihrer Zeit zu bewältigen - einzigartigen
Wohlstand zu schaffen und dem sowjetischen Expansionismus die Stirn zu bieten, bis das Licht der Freiheit
ganz Europa erhellte.
Der zweite Grund für meine Reise war untrennbar mit
dem ersten verbunden. Er bestand darin, in die
Zukunft zu schauen, auf die Möglichkeit, das zu
erreichen, wovon Marshalls Generation nur träumen
konnte - ein erstmals in der Geschichte demokratisches, friedliches und ungeteiltes Europa; und die
Notwendigkeit für Amerika und seine Verbündeten, uns

Seite 1

�erneut zur Bewältigung der Herausforderungen
unserer Zeit zusammenzufinden, um Frieden und
Wohlstand für die nächsten 50 Jahre und danach zu
sichern.

Sicherheit gibt. Ich bin der Ansicht, daß es teilweise
deshalb keine starke Bedrohung gibt, weil die NATO
existiert. Und die Erweiterung wird ihre Stärke noch
vergrößern.

Zur Gestaltung und Sicherung eines neuen, friedlichen, demokratischen und endlich ungeteilten Europas
ist eine neue NATO mit neuen Missionen, neuen
Mitgliedern und neuen Partnern vonnöten.
Wir
schaffen diese Art von NATO seit drei Jahren mit
neuen Partnern im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden und der ersten Out-of-area-Mission in Bosnien. In Paris unternahmen wir letzte Woche einen
weiteren Riesenschritt, als Rußland eine neue Partnerschaft mit der NATO einging und sich für Kooperation
anstelle von Konfrontation entschied, während beide
Seiten bekräftigten, daß sich die Welt verändert hat.
Die europäische Sicherheit ist nicht länger ein Nullsummenwettbewerb zwischen Rußland und der NATO,
sondern ein gemeinsames Ziel, das wir in Ehren
halten.

Meines Erachtens sollten wir aus vier Gründen neue
Mitglieder in das Bündnis aufnehmen. Erstens wird die
NATO dadurch gestärkt, um die sicherheitspolitischen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts sowie die
Konflikte zu bewältigen, die den Frieden aller bedrohen.

In wenig mehr als einem Monat werde ich mit den
anderen Staats- und Regierungschefs der NATO in
Madrid zusammentreffen und dort die ersten neuen
Demokratien Zentraleuropas zum NATO-Beitritt
einladen - mit Zustimmung des Senats im Jahr 1999,
dem 50. Jahrestag der Gründung des Bündnisses.
Ich bin fest davon überzeugt, daß die NATO-Erweiterung in unserem nationalen Interesse liegt. Da
sie nicht ohne Kosten und Risiken erfolgen kann,
benötigen wir im Vorfeld unserer Maßnahmen eine
offene, umfassende, nationale Diskussion. Ich möchte
diese Diskussion hier in nicht unbeträchtlichem Maße
fördern, da sie insbesondere für die Absolventen
dieses Jahrgangs von Bedeutung ist. Denn als Hüter
unserer Sicherheit in den kommenden Jahren wird Ihre
Arbeit leichter und sicherer, wenn wir das Richtige tun
- und gefährlicher und weitaus schwieriger, wenn wir
das nicht tun.

Betrachten Sie sich Bosnien: Die Tschechische
Republik, Polen, Rumänien, die baltischen Staaten und
andere zentraleuropäische Nationen leisten bereits
einen Beitrag zur Friedenssicherungsmission in
Bosnien in Form von Truppen und Militärstützpunkten.
Wir Amerikaner hätten ohne die Hilfe Ungarns und
ohne unser Sammellager in Taszar, das ich besucht
habe, unsere Truppen nicht so sicher, reibungslos und
schnell in Bosnien stationieren können. Die neuen
Demokratien, die wir zum Beitritt in die NATO einladen,
sind bereit und in der Lage, einen beträchtlichen Teil
der Verteidigungslast zu tragen, denn sie kennen den
Preis des Verlusts der Freiheit.
Zweitens wird die NATO-Erweiterung dazu beitragen,
die historischen Errungenschaften der Demokratie in
Europa zu sichern. Die NATO kann für Osteuropa
leisten, was sie nach dem Zweiten Weltkrieg für
Westeuropa getan hat - ein sicheres Umfeld schaffen,
in dem Freiheit, Demokratie und Wohlstand prosperieren können. Der NATO-Beitritt half Italien, Deutschland und Spanien in der Vergangenheit bei der
Konsolidierung ihrer Demokratien. Jetzt hat die
Öffnung der Türen des Bündnisses die zentraleuropäischen Nationen bereits zur Vertiefung ihrer demokratischen Reformen, Stärkung ziviler Kontrolle über das
Militär und Öffnung ihrer Volkswirtschaften veranlaßt.
Die NATO-Mitgliedschaft und ihre Zukunftsaussichten
werden ihnen das Selbstvertrauen geben, den Kurs zu
halten.

Das Schicksal Europas und die Zukunft Amerikas sind
eng miteinander verbunden. Zweimal in einem halben
Jahrhundert haben Amerikaner zur Verteidigung von

Drittens wird die NATO-Erweiterung mögliche Mitglieder zur friedlichen Beilegung ihrer Differenzen

Freiheit und Frieden ihr Leben in Weltkriegen geopfert,

ermutigen. Auf der ganzen Welt sehen wir zu unserem

die in Europa ihren Ausgang nahmen. Und wir sind
während des gesamten Kalten Krieges in sehr großer
Zahl in Europa geblieben. Wenn wir jetzt, da wir die
Chance haben, kluge Schritte zur Stärkung unserer
gemeinsamen Sicherheit unternehmen, helfen wir bei
der Gestaltung einer Zukunft ohne die Fehler und
Spaltungen der Vergangenheit und können uns auf die
Bewältigung der neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen des neuen Jahrhunderts vorbereiten. Bei
dieser Aufgabe sollte die NATO unser schärfstes
Schwert und unser stärkstes Schutzschild sein.

Entsetzen Menschen, die durch ihren eigenen ethnischen, regionalen und nationalistischen Haß gefangen sind und sich und ihre Kinder aufgrund ihrer
primitiven, destruktiven Impulse des Lebens berauben,
das sie führen könnten.

Manche behaupten, wir brauchten die NATO nicht
mehr, weil es jetzt keine starke Bedrohung unserer

Seite 2

Als wir 1949 den Nordatlantikvertrag unterzeichneten,
erklärte Präsident Truman, hätte die NATO bereits
1914 oder 1939 existiert, hätte sie die Weltkriege
verhindert, die die Welt auseinanderrissen.
Die
Erfahrung der letzten 50 Jahre untermauert diese
Sichtweise. Die NATO trug zur Versöhnung jahrhundertealter Gegner wie Frankreich und Deutschland
bei, die jetzt enge Freunde und Verbündete sind. Und

AMERIKA DIENST 11

�sie hat über all diese Jahrzehnte hinweg eindeutig die
Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei
verringert. Die bloße Aussicht auf eine NATO-Mitgliedschaft hat bereits Länder in Zentraleuropa davon
überzeugt, mehr als ein halbes Dutzend Grenz- und
ethnische Streitigkeiten beizulegen, die alle zu künftigen Konflikten hätten führen können. Das wiederum
verringert die Wahrscheinlichkeit, daß Sie je wieder
zum Kampf in einem Krieg auf der anderen Seite des
Atlantiks gerufen werden.
Viertens wird die Erweiterung der NATO zusammen
mit der Partnerschaft für den Frieden mit vielen
anderen Nationen und ihrem speziellen Abkommen mit
Rußland sowie der in Kürze zu unterzeichnenden
Partnerschaft mit der Ukraine die von Stalin gezogene
künstliche Trennlinie ausradieren und Europa in
Sicherheit zusammenbringen und nicht in Instabilität
auseinanderhalten.
Die NATO-Erweiterung bedeutet nicht ein anders
geteiltes Europa. Sie ist Teil des europäischen
Einigungsprozesses.
Die ersten NATO-Mitglieder
sollten nicht ihre letzten sein. Die Türen der NATO
werden für alle offen bleiben, die zur Übernahme der
Pflichten einer Mitgliedschaft willens und in der Lage
sind, und wir müssen weiterhin unsere Partnerschaften
mit Nichtmitgliedern stärken.
Ich möchte Ihnen gegenüber eindeutig klarstellen, daß
diese Vorteile weder kosten- noch risikofrei sind. Die
Vereinigten Staaten werden im nächsten Jahrzehnt
schätzungsweise 200 Millionen Dollar pro Jahr für die
Erweiterung zahlen müssen. Unsere Verbündeten in
Kanada und Westeuropa sind ebenso wie die neuen
Mitglieder der NATO bereit, ihren Beitrag zu leisten.
Und auch wir müssen das Unsrige tun.
Noch wichtiger ist, die Erweiterung erfordert von uns,
daß wir das feierlichste Sicherheitsgelöbnis des
Bündnisses auf die neuen Mitglieder ausdehnen, einen
Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle anzusehen.
Diesem Gelöbnis haben wir durch die Stationierung
unserer Truppen und die Abschreckung mit unseren
Nuklearwaffen stets Glaubwürdigkeit verliehen. In den
kommenden Jahren bedeutet es, daß Sie gebeten
werden könnten, Ihr Leben für ein neues NATOMitglied aufs Spiel zu setzen, ebenso wie Sie heute
aufgefordert werden können, die Freiheit unserer
Verbündeten in Westeuropa zu verteidigen.
Während ich die NATO in den vergangenen drei
Jahren bei der Öffnung ihrer Türen für die neuen
Demokratien Europas leitete, habe ich diese Kosten
sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen.
Ich
gelangte zu der Schlußfolgerung, daß die Vorteile der
Erweiterung - Stärkung der NATO für die Zukunft,
Konsolidierung der Errungenschaften der Demokratie
in Zentraleuropa, Aufbau von Stabilität über den
Atlantik hinweg, die Vereinigung Deutschlands, nicht

AMERIKA DIENST 11

seine Teilung - daß diese Vorteile die Lasten entschieden aufwiegen. Für mich ist die Sache klar: Die
Erweiterung der NATO wird unsere Sicherheit erhöhen. Sie ist richtig. Wir dürfen die Herausforderung
der Geschichte in diesem Augenblick zum Aufbau
eines friedlichen, demokratischen und ungeteilten, mit
uns bei der Bewältigung der neuen Sicherheitsbedrohungen des neuen Jahrhunderts verbündeten
Europas nicht verpassen. Ein Europa, das die Wiederholung der dunkelsten Momente des 20. Jahrhunderts vermeiden und die brillanten Möglichkeiten
des 21. Jahrhunderts verwirklichen wird.
Diese Vision eines neuen Europas ist von zentraler
Bedeutung für unsere umfassendere Sicherheitsstrategie, zu deren Um- und Durchsetzung Sie aufgefordert werden. Unsere Tagesordnung muß jedoch
darüber hinausgehen, weil wir mit unserer gesamten
Macht und unserem Wohlstand in einer Welt leben, in
der unser Einfluß von unserer Erkenntnis abhängt, daß
unsere Zukunft von der anderer Nationen abhängt und
wir mit ihnen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten
müssen, weil wir sehen, daß die uns morgen konfrontierenden Herausforderungen nationale Grenzen
überschreiten werden. Sie werden durch moderne
Technologie, Kommunikation und Reisen noch
vergrößert. Sie müssen von gleichgesinnten Nationen
durch Zusammenarbeit gemeistert werden - unabhängig davon, ob wir über Terrorismus, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen oder Umweltzerstörung sprechen.
Aus diesem Grund müssen wir fünf andere Ziele
verfolgen. Erstens müssen wir eine Gemeinschaft
asiatisch-pazifischer Nationen aufbauen, die durch die
gemeinsame Verpflichtung zu Stabilität und Wohlstand
verbunden sind. Wir haben in einem halben Jahrhundert drei Kriege in Asien geführt. Die Stabilität
Asiens beeinflußt unseren Frieden, und das explosionsartige Wachstum Asiens beeinflußt unseren
Wohlstand. Deshalb haben wir unsere Sicherheitsverbindungen zu Japan und Korea verstärkt, deshalb
kommen wir jetzt jedes Jahr mit den Staats- und
Regierungschefs der asiatisch-pazifischen Region
zusammen, und deshalb müssen wir mit China
zusammenarbeiten und dürfen uns nicht von China
isolieren.
Eine die Zukunft Ihrer Generation von Amerikanern
bestimmende große Frage lautet, wie China seine
eigene Größe als Nation definiert. Wir haben mit
China zusammengearbeitet, weil es unseres Erachtens wichtig ist, in einer Art zu kooperieren, die die
Definition dieser großartigen Nation in positiver, nicht
negativer Weise beeinflußt. Wir müssen zur Aufrechterhaltung normaler Handelsbeziehungen nicht
bei allen Fragen mit China übereinstimmen, aber wir
benötigen normale Handelsbeziehungen, um die
Chance zu haben, allmählich Einigung mit China bei

Seite 3

�Fragen von elementarer Bedeutung für die Vereinigten
Staaten und die Welt zu erzielen.
Zweitens bauen wir auf der ganzen Welt Koalitionen
auf, um diese neuen Sicherheitsbedrohungen in Angriff
zu nehmen, die keine Grenzen kennen: Weiterverbreitung von Waffen, Terrorismus, Drogenhandel und
Umweltzerstörung. Wir müssen eine Führungsrolle bei
der Erarbeitung globaler Arrangements übernehmen,
die uns die Instrumente zur Bewältigung dieser
gemeinsamen Bedrohungen an die Hand geben: Die
Chemiewaffenkonvention, den Nichtverbreitungsvertrag, den Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und unsere Bestrebungen mit Rußland zur
weiteren Verringerung der Nuklearwaffen.
Unsere größte Aufgabe besteht jetzt darin, solche
Arrangements auch für die Bekämpfung von Terrorismus, Drogenhändlern und organisiertem Verbrechen
zu vereinbaren. In drei Wochen werde ich den Gipfel
der acht führenden Industrienationen dazu nutzen,
diese Tagesordnung voranzubringen.
Drittens müssen wir ein offenes Handelssystem
aufbauen. Unsere Sicherheit ist mit dem Interesse
verbunden, das andere Nationen daran haben, frei und
offen zu bleiben sowie mit anderen zusammen, nicht
gegen sie zu arbeiten. Aufgrund der von uns ausgehandelten Handelsvereinbarungen haben wir nicht
zuletzt unsere Position als Exporteur Nummer eins der
Welt wiedererlangt und unseren Einfluß in einer Weise
verbessert, die gut für unsere Sicherheit ist. Um diese
Fortschritte fortzusetzen, müssen wir die Befugnis zum
Abschluß kluger, neuer Marktöffnungsabkommen
haben, die jeder Präsident seit 20 Jahren hatte.
Einige unserer Mitbürger glauben, der Präsident
benötige diese Befugnis nicht länger. Sie glauben, die
globale Wirtschaft stelle irgendwie eine Bedrohung für
uns dar. Meiner Ansicht nach ist es jedoch offensichtlich, daß die Amerikaner nicht nur das stärkste und
beste Militär, sondern auch die beste Volkswirtschaft
der Welt haben - das amerikanische Volk kann jeden
Konkurrenten in den Schatten stellen, wenn es eine
faire Chance hat.

Viertens müssen wir zu unserer Rolle als entscheidende Kraft für Frieden stehen. Sie können und sollten
nicht überall hingehen. Aber wenn unsere Werte und
Interessen auf dem Spiel stehen, ist unsere Mission
kristallklar und möglich - Amerika sollte Seite an Seite
mit seinen Verbündeten auf der Welt stehen, die
Frieden bringen und ein Gemetzel verhindern. Vom
Nahen Osten bis Bosnien, von Haiti bis Nordirland
haben wir zusammengearbeitet, um Konflikte einzudämmen, Frieden zu unterstützen und den Kindern
eine vielversprechendere Zukunft zu geben, und es hat
unsere Sicherheit verbessert.
Wir haben die Instrumente für diese Arbeit: Das
mächtigste und am besten ausgebildete Militär der
Welt und eine vollständig finanzierte Diplomatie zur
Minimierung der Chancen, daß militärische Macht
notwendig wird.
Der von uns gerade abgeschlossene langfristige
Verteidigungsplan wird unsere Bereitschaft, Fähigkeiten und unseren technologischen Vorsprung
verbessern. In einer Welt andauernder Gefahren
müssen und werden Sie in der Lage sein, die Konflikte
der Zukunft zu beherrschen wie Sie es auf den
Schlachtfeldern der Vergangenheit getan haben.
Vor 55 Jahren, in den ersten Tagen des Zweiten
Weltkriegs, sprach der Mann, den wir in dieser Woche
ehrten - General George Marshall - hier bei Ihrer
Abschlußfeier über die Notwendigkeit, unsere Nation
für die schwere Prüfung des Krieges zu organisieren.
Er erklärte, wir seien entschlossen, daß unsere Flagge
einerseits als ein Symbol der Freiheit und andererseits
als Symbol überwältigender Macht anerkannt wird,
bevor die Sonne über diesem schrecklichen Kampf
untergeht.
Heute weht unsere Flagge der Freiheit und Macht
höher als je zuvor, aber weil unsere Nation auf der
Höhe ihrer Macht ist, befindet sie sich auch auf der
Höhe ihrer Verantwortung. Während Sie unsere
Flagge in dieses neue Zeitalter tragen, müssen wir uns
daher organisieren, um den Herausforderungen der
nächsten 50 Jahre zu begegnen.

Hierbei geht es aber um mehr als nur Geld und
Arbeitsplätze. Es geht um die Sicherheit. Die Welt
und insbesondere die demokratischen Nachbarn in
unserem Süden blicken auf uns. Wenn wir keine
wirtschaftlichen Brücken zu ihnen aufbauen, wird es
ein anderer tun. Wir müssen klarstellen, daß die
Vereinigten Staaten freie Menschen und fairen,
offenen Handel unterstützen.

*

Seite 4

Wir müssen den

Frieden für ein bald anbrechendes neues und besseres Jahrhundert gestalten, so daß Sie Ihren Kindern
und Enkelkindern das Amerika und die Welt geben
können, die sie verdienen.
Gott schütze Sie, und Gott schütze Amerika.

*

AMERIKA DIENST 11

�NATO
11. Juni 1997

Grundakte bedeutet Aufgabe der
Selbstisolierung Rußlands
Rede von Außenministerin Albright beim Nordatlantikrat

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Außenministerin Albright beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats am 29. Mai 1997 in Sintra gehaltene Rede.

Herr Generalsekretär, Herr Ehrenpräsident, verehrte
Kollegen. Es ist mir eine Ehre, die Vereinigten Staaten
bei dieser Sitzung des Nordatlantikrats vertreten zu
dürfen.
In den vergangenen Monaten - und insbesondere
während der letzten beiden Wochen - haben wir harte
Arbeit geleistet, die historische Ergebnisse hervorbrachte.
Im Januar bin ich in Brüssel zum ersten Mal mit Ihnen
zusammengekommen und habe versprochen, daß die
Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende zur
Verwirklichung unserer gemeinsamen Vision einer
neuen NATO tun werden. Heute fügen sich alle
Elemente dieser Vision zu einem Ganzen zusammen.
Wir sind bereit für Madrid, und die NATO ist bereit für
die Herausforderungen eines neuen Jahrhunderts.
Wir haben neue Beziehungen zu einem demokratischen Rußland hergestellt. Hier in Sintra werden wir
eine Charta zwischen der NATO und der Ukraine
paraphieren. Wir werden die Partnerschaft für den
Frieden weiter stärken. Wir werden den euroatlantischen Partnerschaftsrat ins Leben rufen. Wir werden
uns auf ein historisches Gipfeltreffen vorbereiten, bei
dem wir neue Partner einladen, dem Bündnis beizutreten.
In den nächsten 40 Tagen werden wir uns auf die
Einzelheiten des Prozesses, Protokolls und der
Planung für den Gipfel konzentrieren. Wir sollten
jedoch unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Das Ziel ist, zum ersten Mal eine friedliche, freie und
ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen

AMERIKA DIENST 11

sowie den Frieden und Wohlstand nach Osten auszudehnen, den Westeuropa seit 50 Jahren genießt. Auf
diese Art und Weise werden wir den Sieg der Freiheit
über die alten Trennlinien Europas sicherstellen. Wir
werden starke neue Partner für Sicherheit und Handel
gewinnen. Und wir werden die Wahrscheinlichkeit
verringern, daß unsere Streitkräfte je zum Kampf auf
dem Boden dieses Kontinents gerufen werden.
Wenn wir in die Zukunft blicken, hoffe ich, daß wir uns
auch einen Augenblick lang an die Geschichte erinnern, die Europa und Amerika jetzt feiern. Nächste
Woche vor genau 50 Jahren schlug George Marshall
den Wiederaufbau dieses Kontinents nach dem Krieg
vor. Das Unternehmen markierte die Geburt der
modernen transatlantischen Partnerschaft.
Wie
Premierminister Kok und Präsident Clinton uns so
eloquent in ihren gestrigen Reden in Den Haag
erinnerten, inspiriert er heute unsere Vision von
Europa.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß der Marshallplan sehr viel mehr war als das Bestreben, den durch
den Zweiten Weltkrieg verursachten physischen
Schaden zu beheben. Sein dauerhaftestes Vermächtnis ist heute nicht so sehr in den Stahlwerken, Eisenbahnschienen und Ländereien unserer reich ausgestatteten Gemeinschaft zu sehen, sondern in den
Institutionen, die Jahrhunderte europäischer Konflikte
überdauerten, über alte Denkweisen hinausgingen und
die Grundlage der westeuropäischen und transatlantischen Einheit bildeten.
Mit seiner Vision eines ungeteilten und freien Kontinents sollte der Marshallplan nicht das alte Europa

Seite 1

�wiederaufbauen.
aufbauen.

Er sollte ein völlig neues Europa

Unbeendet, weil 50 Jahre lang die östlichen Grenzen
der europäischen Integration nicht durch die Entscheidung freier Menschen oder die Interessen freier
Nationen bestimmt wurden, sondern durch die westlichen Grenzen des Vormarsches der Roten Armee im
Jahr 1945.

Rußland hat die Selbstisolierung abgelehnt. Es hat
beschlossen, sich an der europäischen Sicherheitszusammenarbeit zu beteiligen und von ihr zu profitieren während das Land seine Volkswirtschaft und
Gesellschaft in die Europas und der Welt eingliedert.
Die Grundakte ist das sicherste Zeichen, daß Rußland
seine Stärke, Sicherheit und die Beziehungen zu
seinen Nachbarn in einer neuen Weise definieren wird.
Rußland hat erkannt, daß Europa nicht in gegnerische
Blöcke geteilt sein sollte, die durch Pufferzonen
ausgeschlossener Staaten getrennt gehalten werden
müssen.

Vor zwei Tagen haben wir in Paris historische Schritte
über diese unnatürliche Trennlinie getan, als unsere
Staats- und Regierungschefs zusammen mit Präsident
Jelzin die Grundakte über die neuen Beziehungen der
NATO zu Rußland unterzeichneten.

Die Grundakte bedeutet nicht, daß Rußland die NATOErweiterung in irgendeiner Weise befürwortet - und
das haben wir auch nicht angestrebt. Wir wissen, daß
es Zeit erfordert, bis das Vertrauen in unseren Beziehungen den Prozeß des Wandels einholt.

Die NATO und Rußland hätten diesen Punkt nicht
erreicht, wenn es nicht in unserem gemeinsamen
Interesse gelegen hätte. Aber genausowenig würde
es ohne das Geschick von Generalsekretär Solana
eine Grundakte geben. Herr Generalsekretär, ich
gratuliere Ihnen zu einer bemerkenswerten Leistung.
Sie haben diesem Bündnis und unserer gemeinsamen
Zukunft außergewöhnlich gute Dienste geleistet.

Wir haben jedoch bereits demonstriert, daß unser
Streben nach Sicherheit in Europa, wie es Präsident
Clinton in Paris formulierte, "nicht ein Nullsummenspiel
ist, bei dem der Gewinn der NATO der Verlust Rußlands und Rußlands Stärke die Schwäche unseres
Bündnisses ist". Die NATO wird bald neue Verbündete
und stärkere Partner haben. Und das russische Volk
wird etwas haben, das es seit Jahrhunderten nicht
hatte: Einen echten, tragfähigen Frieden mit den
Nationen in seinem Westen.

Wir unternehmen Schritte, um die noch unbeendete
Arbeit heute zu erledigen.

Die Herausforderung für uns - und Rußland - besteht
jetzt darin, das Versprechen der Partnerschaft in eine
alltägliche Realität umzusetzen, indem wir der in der
Grundakte enthaltenen Tagesordnung und den
Mechanismen Leben einhauchen.
Lassen Sie uns kurz überdenken, was das bedeutet.
Es bedeutet, daß wir unser Ziel der Zusammenarbeit
mit Rußland ohne Veränderung der Kernfunktion der
NATO - der kollektiven Verteidigung - oder ihrer
anderen Qualitäten voranbringen, die sie zum erfolgreichsten Bündnis der Geschichte gemacht haben. Es
bedeutet, daß die praktische Zusammenarbeit der
russischen Streitkräfte mit den NATO-Truppen in
Bosnien sowie mit den NATO-Planern in Brüssel und
im Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (SHAPE) als Gewohnheit angesehen wird. Es
bedeutet, daß wir zusammen mit Rußland handeln
können, wenn sich unsere Interessen decken und
offen und konstruktiv reden, wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben.
Aber es gibt noch etwas Wichtigeres.
Mit der Unterzeichnung der Grundakte haben Präsident Jelzin und Rußland eine so grundlegende
Entscheidung getroffen wie die Entscheidung für
Demokratie und freie Märkte, die das russische Volk
im Jahr 1991 fällte.

Seite 2

All dies geschah, weil die NATO vor drei Jahren ihre
eigene Entscheidung traf. Wir kleideten diese Entscheidung in eine einfache Frage. Würde unser
Bündnis für immer als eine Organisation von Ländern
bekannt sein, die sich einst gegen ein bedrohliches
Imperium gestellt hatten, das nicht mehr existiert?
Oder würde es als eine Organisation fähiger Demokratien bekannt sein, die sich zur Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft zusammengeschlossen
hatten?
Wir entschieden, wenn die zweite Antwort die richtige
war, dann würden die Missionen der NATO und die
Zahl ihrer Mitglieder wie während des Kalten Krieges
nicht ausreichen. Die NATO mußte ihre inneren
Strukturen anpassen und für neue Mitglieder offen
sein, die in der Lage sind, einen Beitrag erster Klasse
zu leisten.
Bei der inneren Anpassung haben wir große Fortschritte erzielt. Wir schaffen die Mittel, um bündnisintern statt getrennt von der NATO eine europäische
Sicherheits- und Verteidigungsidentität aufzubauen.
Wir setzen das Konzept der alliierten Streitkräftekommandos um. Wir werden zur Verabschiedung der
wesentlichen Elemente einer neuen Kommandostruktur in Madrid bereit sein. Unsere europäischen
Verbündeten haben jetzt eine Chance, diese Möglichkeiten zu nutzen. Wir hoffen, daß sie es tun werden.

AMERIKA DIENST 11

�Die Partnerschaft für den Frieden gewinnt ebenfalls an
Bedeutung. Wir haben drei Jahre lang hart daran
gearbeitet.
Wir haben Dutzende von Übungen,
Hunderte von Austauschprogrammen durchgeführt.
Und unsere Partner haben hervorragend reagiert. Die
Erweiterungen, denen wir heute zustimmen, werden
bedeuten, daß sie mehr tun können als nur bei von der
NATO geleiteten Operationen zu üben und sich daran
zu beteiligen. Sie werden eine aktive Rolle bei der
Planung der Missionen spielen können, die wir gemeinsam unternehmen.
Wir erfüllen auch unsere Verpflichtung zur Stärkung
unserer Partnerschaft mit der Ukraine. Die von uns
heute paraphierte Charta, die unsere Staats- und
Regierungschefs in Madrid unterzeichnen werden,
trägt der entscheidenden Rolle der Ukraine für die
Zukunft Europas Rechnung. Sie spiegelt unsere
Verpflichtung zur Unterstützung der Souveränität und
Unabhängigkeit einer demokratischen Ukraine und die
Verpflichtung der Ukraine zur Integration in Europa
wider.
Morgen werden alle unsere Partner gemeinsam mit
uns am ersten Treffen des neuen euroatlantischen
Partnerschaftsrats teilnehmen.
Der EAPR bietet
sowohl den Verbündeten als auch den Partnern etwas,
das uns noch fehlt. Er bietet unseren Partnern einen
Platz am Tisch, wenn wir die Zukunft unserer Zusammenarbeit gestalten. Und er bietet uns einen
offiziellen politischen Dialog mit einer Gruppe von
Nationen, die noch enger mit der NATO kooperieren
werden - bei genau den Herausforderungen, mit denen
wir uns in Zukunft am ehesten konfrontiert sehen.
Diese Schritte werden zu der Gewährleistung beitragen, daß der Bereich der Belange der NATO immer
größer sein wird als der Bereich ihrer Mitglieder.
Zusammen mit den von unseren Partnern unternommenen Schritten zur Beilegung ihrer Differenzen
können sie sicherstellen, daß die Regionen Europas
auf der Landkarte nie wieder rot, blau - oder grau markiert sein werden.
Es erübrigt sich jedoch zu sagen, daß immer noch
viele Herausforderungen vor uns liegen.
Von jetzt bis zum Gipfeltreffen in Madrid sollten wir
wenn möglich in Wien Fortschritte bei den Verhandlungen über ein Rahmenabkommen erzielen, das die
Grundelemente eines angepaßten Vertrags über
konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) enthält.
Die uns leitenden Prinzipien sind klar. Erstens dürfen
wir keine Schritte unternehmen, die die Fähigkeit der
NATO zur Erfüllung ihrer künftigen Verpflichtungen
unterminieren, ihre politische Evolution beeinträchtigen
und zukünftige Mitglieder zu einem Status zweiter
Klasse verurteilen würden. Zweitens muß jedes KSEAbkommen nicht nur den Interessen der 16 NATO-

AMERIKA DIENST 11

Verbündeten oder eines einzelnen Landes Rechnung
tragen, sondern denen aller 30 KSE-Staaten.
Beim Gipfel selbst werden unsere Staats- und Regierungschefs natürlich einige unserer Partner zur
Aufnahme der Beitrittsgespräche einladen. Die NATOErweiterung wird vielen Zwecken dienen. Es gibt
jedoch zwei grundlegende Ziele, die wir berücksichtigen müssen, wenn wir die Entscheidungen über die
Größe und Zusammensetzung der ersten Runde von
jetzt bis Madrid treffen.
Erstens wollen wir die NATO stärker und geschlossener machen, indem wir neue Mitglieder hinzufügen, die
zu einem Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheit
bereit und in der Lage sind. Wir möchten, daß die
erste Runde der Erweiterung als ein solider Erfolg
unter diesen Bedingungen angesehen wird und durch
eine starke Mehrheit in den Parlamenten und der
Öffentlichkeit unterstützt wird.
Zweitens möchten wir den Nationen Zentral- und
Osteuropas einen Anreiz zur richtigen Entscheidung
über ihre Zukunft bieten. Wir möchten sie zur Beilegung ihrer alten Streitigkeiten, Konsolidierung von
Demokratie sowie Respektierung der Menschenrechte
und internationalen Normen ermutigen. Genau das hat
die Aussicht auf Erweiterung bisher getan.
Diese beiden Ziele stellen uns vor eine doppelte
Herausforderung.
Erstens müssen wir weiterhin insistieren, daß die
Kandidaten für eine NATO-Mitgliedschaft möglichst
hohen Standards entsprechen, bevor sie zum Beitritt
eingeladen werden. Das Bündnis sollte nur jene
neuen Demokratien aufnehmen, die eindeutig die
höchsten Reformhindernisse überwunden und unter
Beweis gestellt haben, daß sie alle mit einer Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten erfüllen können.
Die NATO-Erweiterung ist kein Förderprogramm. Das
würde unser Bündnis schwächen, unsere Parlamente
in Alarmbereitschaft versetzen und unseren Plan
vereiteln, im Osten weitere Reformen zu ermutigen
und die Versöhnung zu fördern.
Ein zweiter und ebenso wichtiger Punkt: Wir müssen in
Madrid eine klare und glaubwürdige Verpflichtung
gegenüber den Nationen eingehen, die für eine
Mitgliedschaft noch nicht bereit sind. Wir müssen
zusagen, daß die ersten neuen Mitglieder nicht die
letzten sein werden und keine europäische Demokratie
aufgrund ihrer geographischen Lage ausgeschlossen
wird.
Die Nationen Europas, die sich noch um die Überwindung des Vermächtnisses von Diktatur und Konflikten bemühen und sich die NATO-Mitgliedschaft zum
Ziel gesetzt haben, müssen wissen, daß wir ihre

Seite 3

�Bestrebungen begrüßen. Sie müssen sicher gehen
können, daß vor der von uns versprochenen offenen
Türe keine unsichtbare Schranke steht. Sie benötigen
die Zuversicht, daß das Versprechen der Integration in
Europa real ist und am Ende des Tunnels der Reformen ein helles Licht brennt.
Stellen Sie sich bitte einmal vor, was geschehen
würde, wenn wir den bevorstehenden Gipfel als erste
und letzte Chance für einen NATO-Beitritt deklarieren
würden, als einmaliges Ereignis wie die Ankunft des
Kometen Hale-Bopp. Das würde in Madrid zu einem
wahnsinnigen Streit um eine Aufnahme ins Bündnis
und großer Enttäuschung unter denjenigen führen, die
außen vor bleiben.
Das wäre ein Rückschlag für all unsere Bestrebungen
zur Stärkung der Zusammenarbeit des Bündnisses mit
Nichtmitgliedsländern. Es würde alle positiven Anreize
unterminieren, die die Aussicht auf Kooperation und
letztlich eine NATO-Mitgliedschaft geben - auch auf
dem Balkan. Die dauerhaft Ausgeschlossenen würden
sich gegenseitig fürchten und könnten nicht auf uns
zählen. Dadurch würden sie in Versuchung geraten,
Sicherheit mit anderen Mitteln anzustreben, einschließlich eines Rüstungswettlaufs und anderer
destabilisierender Verhaltensweisen.
Wir können keinem Land versprechen, daß es eines
Tages der NATO beitritt. Wir können jedoch ein
Verfahren anbieten, das den von uns eingegangenen
Verpflichtungen Substanz verleiht und den beitrittswilligen Nationen zeigt, was sie tun und welche Veränderungen sie durchführen müssen, um eine Mitgliedschaft zu ermöglichen.
Mit anderen Worten: Ein Europa ohne Teilungen ist
kein Europa ohne Unterschiede. Diese Unterschiede
müssen jedoch auf neuen Verhaltensweisen und
Gegebenheiten, nicht auf alter Geschichte oder
Geographie basieren.
Aus diesem Grund ist es von elementarer Bedeutung,
daß die NATO nach dem Gipfeltreffen in Madrid eine
neue Phase des Dialogs mit den beitrittswilligen
Ländern einleitet. Ein solcher Dialog wäre das deutlichste Anzeichen für die Erweiterungspläne der NATO
in den kommenden Jahren. Es wäre die wesentliche
Ergänzung zu unserer Entscheidung über die Frage,
wer aufgenommen wird.
Dieser Prozeß sollte genau verdeutlichen, was in
militärischer Hinsicht die Umsetzung unserer Verpflichtungen gemäß Artikel V und in politischer Hinsicht
die Vollmitgliedschaft in der NATO bedeutet, damit die
Kandidaten den Unterschied zwischen dem Status als
Partner und als Mitglied sehen.
Es geht nicht darum, bei unseren Partnern Hoffnungen
zu wecken, sondern sie zu konstruktiver Zusammen-

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arbeit und Fortschritten zu veranlassen. Es geht nicht
darum, den Erweiterungsprozeß zu beschleunigen,
sondern ihn so zu gestalten, daß Effektivität und
Zusammenhalt des Bündnisses gewahrt werden.
Wir alle müssen beim Aufbau einer neuen und erweiterten NATO eine letzte Herausforderung bewältigen: Die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder
durch unsere Parlamente. Das stellt für Präsident
Clinton und mich im kommenden Jahr die wichtigste
Aufgabe dar.
Wir können Verschiedenes unternehmen, um sie zu
vereinfachen.
Wir müssen unsere Gesetzgeber in den Prozeß
einbeziehen und sie bei allen Fragen konsultieren, die
wir diskutieren. Ich freue mich, daß uns eine Delegation von amerikanischen Kongreßabgeordneten unter
Leitung von Senator William Roth - dem Präsidenten
der Nordatlantischen Versammlung - nach Madrid
begleitet.
Wir dürfen auch nichts unternehmen, das darauf
hindeutet, daß wir den Ausgang des Verfahrens in der
Legislative für selbstverständlich halten. Nach Madrid
und insbesondere nach dem Abschluß der Beitrittsprotokolle will die NATO ihre Beziehungen zu den
potentiellen Mitgliedern weiterentwickeln. Das beinhaltet vollständige Transparenz hinsichtlich der Vorgehensweise des Gemeinsamen Rats der NATO und
Rußlands sowie der Arrangements zur Erleichterung
des Übergangs zur Mitgliedschaft. Wir sollten diesen
Nationen jedoch keinen offiziellen Status verleihen, der
die Ratifizierung präjudizieren und möglicherweise
gefährden würde.
Und schließlich müssen wir hinsichtlich der Kosten der
Erweiterung offen und ehrlich sein. Wir alle - alte und
neue Bündnismitglieder gleichermaßen - müssen unter
Beweis stellen, daß wir zur Übernahme unseres
Lastenanteils bereit sind, um die Glaubwürdigkeit der
wichtigsten Aufgabe der NATO - der kollektiven
Verteidigung - zu bewahren.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich noch ein
anderes Thema ansprechen, das für den Erfolg
unseres Bündnisses und unserer Vision von einem
geeinten, demokratischen Europa von elementarer
Bedeutung ist.
Bosnien erinnert uns daran, daß unsere Strategie der
Integration in Europa nur ein Mittel zum Zweck ist.
Was wir gemeinsam tun, ist viel wichtiger als die
Frage, wie wir zusammenkommen.
Unsere anfänglichen Sicherheitsziele in Bosnien sind
erreicht worden. Wir haben die Kämpfe beendet, die
Truppen entflochten und das Vertrauen verbessert.
Die landesweiten Wahlen waren erfolgreich. Es

AMERIKA DIENST 11

�wurden gemeinsame Institutionen ins Leben gerufen.
Der Wiederaufbau hat begonnen und die Wirtschaft
wächst wieder.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht zu
sagen, daß der Krieg vorüber ist. Es bleibt noch zu
viel zu tun. Zu wenige führende Politiker der Region
haben sich echter politischer und sozialer Integration
verschrieben.
Die SFOR hat nur noch ein Jahr vor sich. Wir sollten
nicht vergessen, daß ihre Aufgabe während dieses
Zeitraums nicht in der Bewahrung der Leistungen der
IFOR besteht, sondern in deren Fortsetzung. Unsere
Arbeit kann nicht als Erfolg gewertet werden, wenn wir
lediglich den Status quo sichern; wir müssen ihn
verbessern. Unser Ziel besteht darin zu gewährleisten, daß unsere Truppen Bosnien ohne die Angst
verlassen können, unsere Interessen bedrohende
neue Gewalt könnte sie eines Tages zur Rückkehr
zwingen.
Das setzt gleichzeitige Fortschritte an allen Fronten diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Front voraus. Beispielsweise konzentriert sich die SFOR
zwar weiterhin hauptsächlich auf die Implementierung
der militärischen Aspekte des Daytoner Abkommens,
muß aber auch im Rahmen ihrer Mandate und Fähigkeiten die wesentlichen zivilen Implementierungsaufgaben unterstützen. Sie muß zur Schaffung eines
sicheren Umfelds für die geregelte Rückkehr der
Flüchtlinge, den Einsatz gewählter Beamter in bestimmten Zielgebieten sowie für Wiederaufbauprojekte
- beispielsweise die zivile Luftfahrt und die Wiederherstellung der Kommunikation zwischen den Gebietskörperschaften - beitragen.
Wenn die Parteien ihren Rüstungskontrollverpflichtungen nicht nachkommen, hat der Befehlshaber der
SFOR auch die Option, Bewegungen und Ausbildung
des Militärs zu beschränken.
Die vollständige Einhaltung muß auf jedem Gebiet
unser Ziel sein. Und auch wenn dieses Ziel nicht mit
Gewalt durchgesetzt werden kann, werden wir denjenigen, die sich ihm widersetzen, unsere Hilfe verweigern. Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten
Landes beiträgt, das den Menschen hilft, die zum
Erfolg des Daytoner Abkommens beitragen.
Das beinhaltet die uneingeschränkte Befolgung der
Anordnungen des Kriegsverbrechertribunals. Aus die-

*

AMERIKA DIENST 11

sem Grund bin ich zuversichtlich, daß für die Greueltaten, von denen Bosnien vier Jahre lang heimgesucht
wurde, ein Preis gezahlt wird. Bis er von denen
bezahlt wird, die diese Verbrechen begingen, wird er
von denjenigen gezahlt, die den Verbrechern Schutz
gewähren.
Wir werden das Unsrige tun, um den Menschen im
ehemaligen Jugoslawien die Ziele von Dayton verständlich zu machen. Wir möchten Südosteuropa zu
einem Teil der europäischen Hauptströmung machen.
Wir möchten, daß ein friedliches, geeintes Bosnien
seinen Platz in einem friedlichen, geeinten Europa
einnimmt. Und ich bin überzeugt, daß das eines
Tages der Fall sein wird.
Ich weiß, daß zur Zeit gerne behauptet wird, die
Euphorie, die ganz Europa 1989 erfaßte, sei naiv
gewesen und unsere Ziele seien bescheidener
geworden.
Wenn wir jedoch realistisch hinsichtlich des ruinösen
Vermächtnisses der Teilung Europas im Kalten Krieg
sind, haben wir allen Grund, uns über die bei ihrer
Überwindung gemachten Fortschritte zu freuen.
Die transatlantische Partnerschaft ist stark und für die
Bewältigung neuer Herausforderungen gerüstet.
Unsere europäischen Partner stärken ihre internen
Bande und beziehen den Osten ein. Wirkliche Freiheit
mit all ihren realen Unzulänglichkeiten hat in fast ganz
Zentraleuropa und der ehemaligen Sowjetunion Fuß
gefaßt.
Heute wollen die Menschen in praktisch jeder europäischen Nation - von der aufstrebenden Mittelschicht in
Estland und Polen über die jungen Demonstranten für
die Freiheit in Bulgarien und Serbien - Teil der zu
schaffenden Gemeinschaft sein. Und wir sind bereit,
sie willkommen zu heißen.
Meines Erachtens wird sich der Optimismus des
Jahres 1997 als bedeutungsvoller und dauerhafter
erweisen als die Begeisterung von 1989. Denn er
beruht nicht auf flüchtigen Hoffnungen, sondern auf
soliden Errungenschaften.
Es ist für mich ein großes Privileg, in den kommenden
Monaten und Jahren mit Ihnen an der Konsolidierung
dieser Errungenschaften zusammenzuarbeiten. Ich
freue mich über diese Chance und auf das Wiedersehen mit Ihnen allen in Madrid.

* * *

*

Seite 5

�EAPR
11.Juni 1997

Albright: Ziel ist die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft
Rede der Außenministerin beim EAPR

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Außenministerin Albright anläßlich der Gründung
des Euroatlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) am 30. Mai 1997.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen. Wir kommen
heute hier zusammen, um einen weiteren Schritt zur
Vertiefung der Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnerländern zu unternehmen. Wir beenden
die Arbeit des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und gründen den Euroatlantischen Partnerschaftsrat (EAPR).
Ich möchte einige Worte darüber sagen, wie wir an
diesem Punkt angelangt sind und wohin wir meines
Erachtens von hier gehen sollten.
Vor sechs Jahren, als der NAKR gegründet wurde,
waren die Überreste der Berliner Mauer noch sichtbar
und freie Institutionen begannen gerade erst, im Osten
Fuß zu fassen. Alle stimmten überein, daß etwas
getan werden mußte, um das ungeteilte Deutschland
zusammenzubringen.
Aber nicht alle stimmten
überein, was getan werden sollte.
Einige glaubten, daß in der Welt nach dem Kalten
Krieg alle Institutionen, an die wir uns gewöhnt hatten,
abgeschafft würden. Die NATO würde den Weg des
Warschauer Pakts gehen und aussterben, und wir
würden Hand in Hand in ein gemeinsames europäisches Haus gehen - eine Gemeinschaft, die alle
einbezog, aber keinem echte Pflichten auferlegte.
Andere nahmen an, unsere Herausforderung in
Zentral- und Osteuropa bestehe nur in der Bereitstellung von Hilfe und Rat. Sie hatten es nicht eilig,
unsere Institutionen Nationen und Völkern zu öffnen,
die fremd, weit entfernt und unaussprechlich schienen.
Mehr als alles andere lehrte der Krieg im ehemaligen
Jugoslawien uns, daß wir uns bei unserem Verhalten

AMERIKA DIENST 11

gegenüber den neuen Demokratien Europas weder
Unbestimmtheit noch Indifferenz leisten können.
Der Aufbau eines friedlichen, integrierten Europas war
ein vordringliches Ziel, das einen praktischen Plan und
erprobten Ansatz erforderte. Aus diesem Grund
entschieden wir, die Institutionen, die uns so lange so
gut gedient hatten - angefangen mit der NATO und der
EU - anzupassen und zu erweitern.
Der von zweien unserer herausragenden Vorgänger James Baker und Hans-Dietrich Genscher - ins Leben
gerufene NAKR war die erste Brücke, die die NATO
über die Trennlinie in Europa baute. Es war ein guter
Anfang. Unter anderem half er uns bei der ersten
Anpassung des KSE-Vertrags nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber jetzt haben wir sehr viel
mehr getan.
Die NATO beendete den Krieg in Bosnien - und unsere
Partner teilen jetzt mit uns die gleichen Risiken und
Errungenschaften.
Die Partnerschaft für den Frieden hat die Zusammenarbeit zwischen unseren Streitkräften so reibungslos,
kontinuierlich und erfolgreich gemacht, daß sie heute
schon selbstverständlich erscheint.
Und gestern
haben die NATO-Minister neue Maßnahmen verabschiedet, die unseren Partnern die Beteiligung an
der Planung und Umsetzung praktisch jeder von uns
durchgeführten Mission gestatten.
Die NATO und Rußland haben die Grundakte über ihre
neuen Beziehungen unterzeichnet.
Und gestern
haben die NATO und die Ukraine eine Charta para-

Seite 1

�phiert, die ihre spezielle Partnerschaft auf eine neue
Ebene bringt.

der Tagesordnung der NATO sowie der Tagesordnung
des EAPR stehen.

In 40 Tagen werden wir die erste Gruppe von Partnern
einladen, dem Bündnis beizutreten. Gestern habe ich
die NATO vor dem Nordatlantikrat zu einer klaren und
glaubwürdigen Zusage aufgefordert, daß die ersten
neuen Mitglieder nicht die letzten sein werden.

Vor allem unsere gemeinsamen Bestrebungen in
Bosnien erinnern uns daran, daß unsere neue Partnerschaft kein Mittel zum Zweck, sondern ein Aktionsinstrument ist.

Mit anderen Worten: Wir sind weit über den reinen
Dialog und die Zusammenarbeit hinausgegangen.
Heute streben wir die echte Integration Europas und
der transatlantischen Gemeinschaft an. Wir machen
ein Europa gemeinsamer Ideale zu einem Europa
gemeinsamer Pflichten.
Das ist das Ziel, das der EAPR verkörpern muß.
Wir erarbeiten gemeinsam eine neue Struktur. Der
EAPR wird der Partnerschaft für den Frieden eine
politische Dimension verleihen. Er wird der Ort sein,
an dem die Partner zur Gestaltung von Missionen wie
der IFOR und SFOR beitragen, die wir gemeinsam
durchführen. Er wird unsere Verteidigungsplanung in
Einklang bringen. Dort werden wir Konsultationen
über Rüstungskontrolle und die Nichtverbreitung von
Massenvernichtungswaffen,
Terrorismus,
zivile
Notstände und Katastrophenhilfe sowie das gesamte
Spektrum von Friedensunterstützungsoperationen
führen. Er wird zu der Gewährleistung beitragen, daß
die Partner am Verhandlungstisch sind, wenn wir
unsere gemeinsamen Unternehmungen planen - und
auf dem Boden, wenn wir sie umsetzen.
Er wird nicht nur der Ort für diejenigen sein, die eine
Mitgliedschaft in der NATO anstreben, sondern auch
für diejenigen, die sich dagegen entscheiden. Und er
wird unsere gemeinsamen Bestrebungen in der OSZE
ergänzen.
Der EAPR ist Teil einer umfassenderen Struktur, die
wir zur Verhinderung künftiger Konflikte in Europa
aufbauen. Er verkörpert unsere Auffassung, daß wir
mehr tun müssen, als nur auf Krisen zu reagieren daß wir dem Entstehen einer Bedrohung Vorschub
leisten, wenn wir auf das Entstehen einer Bedrohung
warten.
Gleichzeitig wäre es unverantwortlich, unsere gesamte
Zeit auf einen großartigen Entwurf der Zukunft zu
verwenden, wenn wir die realen Bedrohungen für das
menschliche Leben und die Freiheit ignorieren, mit
denen sich Europa zur Zeit konfrontiert sieht. Heute
müssen viele dieser Bedrohungen in Südosteuropa
angegangen werden. Unser Ziel muß der Aufbau von
Stabilität in dieser Region sein, während wir gleichzeitig Fortschritte bei unseren Bemühungen zur
Anpassung der NATO und Gestaltung eines ungeteilten Europa erzielen. Dieses Ziel sollte weit oben auf

Seite 2

Die SFOR-Mission wird noch ein weiteres Jahr in
Bosnien stationiert bleiben. Wir werden unsere Zeit
nicht aufs Spiel setzen. Wir sind entschlossen, den
Status quo zu verbessern, nicht nur zu bewahren. Wir
werden uns nicht mit weniger zufriedengeben als der
uneingeschränkten Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben die Verantwortung sicherzustellen, daß
unsere Truppen ohne die Furcht abziehen können,
daß die unsere Interessen bedrohende Gewalt wieder
ausbricht. Aus diesem Grund haben die Vereinigten
Staaten eine Wiederbelebung der zivilen Aspekte des
Daytoner Abkommens gefordert. Die Risiken des
Zurückschreckens vor dieser Verantwortung sind sehr
viel größer als die Risiken ihrer Übernahme.
Albanien ist ein weiteres Beispiel der Art von Krise, der
wir uns in den kommenden Jahren in Europa und
darüber hinaus gegenübersehen und der Notwendigkeit der NATO und des EAPR, gemeinsam mit der
OSZE unsere Anstrengungen auf die Verhinderung
von Konflikten zu konzentrieren. Die Zusammensetzung der multinationalen Streitmacht in Albanien
erinnert uns auch daran, daß die Friedensoperationen
in Europa von jetzt an von Verbündeten und Partnern
durchgeführt werden, die zusammenarbeiten.
Ich beglückwünsche Italien, Frankreich, Rumänien und
die anderen Mitglieder der multinationalen Streitmacht
zu ihrer Führungsrolle bei der Reaktion auf diese
Krise. Meines Erachtens sollte die NATO jetzt in
absehbarer Zukunft ein Bewertungsteam des Obersten
Hauptquartiers der Alliierten Streitkräfte in Europa
(SHAPE) nach Albanien entsenden um festzustellen,
wie das Bündnis zu einem funktionierenden, demokratisch kontrollierten Militär in diesem Land beitragen
kann. Die Ergebnisse einer solchen Mission sollten im
EAPR erörtert werden, so daß wir alle effektiv auf die
Wiederherstellung von Stabilität in dieser krisengeschüttelten Region hinarbeiten können.
Die ehemalige Republik Mazedonien ist ein weiteres
Pulverfaß in Südosteuropa. Die Präventiveinsatztruppe der Vereinten Nationen ist seit 1992 stationiert,
und wir begrüßen die gestrige Erneuerung ihres
Mandats. Wenn wir uns zu einem Abzug der UNStreitmacht entscheiden, wird der EAPR der geeignete
Ort für die Diskussion darüber sein, wie wir konstruktiv
engagiert bleiben können.

AMERIKA DIENST 11

�Aus all diesen Gründen bin ich überzeugt, daß der
EAPR unseren Interessen dienen wird, unabhängig
davon, ob die NATO sich für die Aufnahme neuer
Mitglieder entschieden hätte oder nicht. Denn mit
diesem Rat und seinen Mitgliedern werden wir unsere

gemeinsame Reaktion auf die wahrscheinlichsten
Eventualfälle erarbeiten, mit denen wir uns jetzt in
Europa konfrontiert sehen. Ich freue mich, daß wir
heute beginnen können.

* * * * *

AMERIKA DIENST 11

Seite 3

�BOSNIEN
11. Juni 1997

Daytoner Abkommen muß von allen
Parteien eingehalten werden
Rede von Außenministerin Madeleine Albright

SINTRA - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die Außenministerin Madeleine
Albright am 30. Mai 1997 in Sintra beim Ministertreffen des Rates zur Implementierung des Friedens in Bosnien
hielt.

Verehrte Kollegen, zunächst möchte ich Carl Bildt für
die von ihm während der letzten anderthalb Jahre und
zuvor geleistete ausgezeichnete Arbeit für den Frieden
in Bosnien danken.
Das Amt des Hohen Repräsentanten ist für unsere
Bestrebungen zur Durchsetzung des DaytonerAbkommens von zentraler Bedeutung. Wir begrüßen
die Entscheidung für Carlos Westendorp und sehen
der intensiven Zusammenarbeit mit ihm erwartungsvoll
entgegen. Er wird wahrscheinlich die internationale
Staatengemeinschaft eindringlich um Hilfe bitten.
Wir sind unter anderem hier in Sintra, weil die NATO
an der Spitze gemeinsamer Bestrebungen zum Aufbau
eines vollkommen friedlichen und freien Europas ohne
Mauern steht. Wir nehmen an diesem Ministertreffen
teil, weil wir uns bewußt sind, daß unsere Vision von
Europa erst dann realisiert werden kann, wenn wir das
Daytoner Abkommen über den Frieden in Bosnien
vollständig umsetzen.
Die Implementierung der Vereinbarungen von Dayton
war schon immer ein ehrgeiziges Ziel. Manche sind
der Ansicht, es könne nichts unternommen werden,
um den Haß und die Spaltungen zu überwinden, die
den Frieden in Bosnien immer noch bedrohen ebenso wie früher manche glaubten, es könne nichts
zur Beendigung des Krieges unternommen werden.
Wir sind zur Durchsetzung des Daytoner Abkommens
entschlossen - nicht aus Sturheit, sondern weil wir
Realisten sind.

AMERIKA DIENST 11

Denn es gibt keine Alternative zu Dayton außer dem
Schrecken, dem das Abkommen ein Ende setzte. Es
gibt keine Alternative zu einem geeinten Bosnien außerdem Wiederaufflammen der Gewalt, zu dem ein
Scheitern unweigerlich führen würde.
Dayton war als Abmachung zwischen der internationalen Gemeinschaft einerseits und den Parteien in
Bosnien andererseits konzipiert.
Wir sind entschlossen, unseren Teil dieser Abmachung
einzuhalten.
Unsere ersten Sicherheitsziele sind bereits erreicht
worden. Die Streitkräfte wurden entflochten und
zahlenmäßig verringert; es wurden vertrauensbildende
Maßnahmen ergriffen und alle schweren Waffen in den
Quartieren eingelagert.
Die Vereinigten Staaten
arbeiten im Rahmen des Ausbildungs- und Ausrüstungsprogramms mit anderen Ländern an der
Stabilisierung des langfristigen Sicherheitsumfelds
zusammen. Die Bestrebungen der internationalen
Staatengemeinschaft zur Entschärfung von Landminen
haben möglicherweise mehr Menschenleben gerettet
als uns bewußt ist.
All dies hat in Bosnien den Übergang von einem
Kriegsgebiet zu einem Wirtschaftsgebiet ermöglicht.
Die wichtigsten Straßen, Eisenbahnverbindungen und
Brücken werden wieder aufgebaut. Grundlegende
Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung
werden wieder bereitgestellt. Die Wirtschaft wächst
wieder.

Seite 1

�Auch der politische Wiederaufbau ist im Gange. Es
wurden landesweit friedliche Wahlen veranstaltet. Und
es wurden alle drei Volksgruppen einbeziehende
Institutionen gegründet, die ihre Arbeit aufgenommen
haben.
Heute beglückwünsche ich alle drei Parteien zu einem
entscheidenden Fortschritt bei der Annahme des
letzten Elements eines Startpakets elementarer
Wirtschaftsgesetze. Dies ist ein klares Anzeichen für
die Entschlossenheit der Parteien nach dem Anfang
dieser Woche erzielten Übereinkommen über die
Zentralbank und die Zollgesetze, die beide die Grundlage für eine Vereinbarung mit dem IWF darstellen.
Ich möchte Carl Bildt und Michael Steiner für ihre harte
Arbeit bei der Erlangung dieses Abkommens danken.
Die Vereinigten Staaten waren stolz auf ihre Mitwirkung, die Parteien zu diesem wichtigen Schritt
gedrängt zu haben, wie auch ich es bei meiner
Zusammenkunft mit den drei Präsidenten vor zwei
Stunden tat.
Die internationale Staatengemeinschaft muß noch viel
unternehmen, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Vor allem können wir nicht zulassen, daß so
viele unserer obersten Prioritäten in Bosnien keine
Finanzmittel erhalten.
Wenn wir dauerhafte öffentliche Sicherheit in Bosnien
wünschen, müssen wir die Polizei ausbilden und
ausrüsten. Wenn wir möchten, daß das bosnische
Volk die Verantwortung für die Gestaltung seiner
Zukunft übernimmt, müssen wir die bevorstehenden
Kommunalwahlen angemessen unterstützen. Wenn
wir die Rückkehr der Flüchtlinge wünschen, müssen
wir unseren Teil zur Unterstützung der Vermögenskommission beitragen, die über widersprüchliche
Ansprüche entscheidet.
Solange die Parteien ihren Verpflichtungen nachkommen, müssen wir bei der bevorstehenden Konferenz der Geberländer bereit sein, das Ziel von neuen
Zusagen in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar zu erreichen.
Die erzielten Fortschritte reflektieren außengewöhnliche internationale Bestrebungen, die Beiträge von 48
Ländern und Dutzenden multilateraler und privater
Organisationen beinhalten. Dieses Unternehmen bot
eine Chance, die viele Bosnier zum Wiederaufbau
ihres Lebens sowie zur Verbesserung der Zukunftsaussichten für ihre Kinder nutzten.
Wir müssen bei unserer Einschätzung der Leistungen
vieler Politiker dieses Landes, von denen einige heute
hier sind, jedoch offen und ehrlich sein.
Mit wenigen Ausnahmen haben sie keine echte
politische und soziale Integration gefördert. Die

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dreigeteilten politischen Institutionen verwirklichen bei
weitem nicht ihr Potential. Die Rückkehr der Flüchtlinge und Vertriebenen in ihre Heimat stößt weiterhin
auf Widerstand. Insbesondere Srpska ist bei der
Erfüllung seiner Rüstungskontrollverpflichtungen weit
in Verzug.
Die grundlegenden Menschenrechte unterliegen
Beschränkungen. Viele Bosnier haben keinen Zugang
zu freien Medien. Die Zusammenarbeit mit dem
Kriegsverbrechertribunal ist mangelhaft.
Die Parteien können nicht auswählen, welchen
Elementen des Daytoner Abkommens sie den Vorzug
geben und welche sie lieber ignorieren. Das Lenkungsgremium spricht mit einer Stimme wenn wir
sagen, daß es kein business as usual für die Politiker
und Militärs in Bosnien geben wird, wenn die wichtigsten Aspekte der Implementierung nicht befolgt
werden.
Wir werden in Bosnien nur solche Hilfe gewähren oder
unterstützen, die zum Aufbau eines geeinten Landes
beiträgt oder den Menschen hilft, die zum Erfolg des
Daytoner Abkommens beitragen. Diese Botschaft
werde ich an diesem Wochenende mit nach Bosnien,
Kroatien und Serbien nehmen.
Das beinhaltet beispielsweise, daß wir den Kommunalbehörden keine Wirtschafthilfe gewähren, die die
Rückkehr der Flüchtlinge blockieren - seien es kroatische Behörden, die zulassen, daß in Drvar serbische
Häuser niedergebrannt werden oder serbische
Behörden, die zulassen, daß in Gajevi muslimische
Häuser zerstört werden.
Für die Vereinigten Staaten bedeutet das, daß unser
neues Unterstützungsprojekt Open Cities Support
Project nur die Gemeinden unterstützt, die bereit sind,
den ethnischen Minderheiten angehörenden Flüchtlingen eine sichere Heimkehr zu ermöglichen. Uns
stehen 8,6 Millionen Dollar zur Wiederherstellung von
Gebäuden, Gewährung von landwirtschaftlicher Hilfe
und Geschäftskrediten sowie zur Ausbildung von
Arbeitnehmern in bestimmten Gemeinden zu Verfügung.
Das bedeutet, Beamte, die betrügen oder die bevorstehenden Wahlen fälschen wollen, dürfen nicht
kandidieren.
Das bedeutet, wir engagieren uns dafür sicherzustellen, daß Ende dieses Jahres jede Gemeinde einer
bestimmten Größe in jedem Teil Bosniens Zugang zu
unabhängigen Rundfunk- und Fernsehberichten hat,
die keine Falschinformationen oder Haß verbreiten.
Das bedeutet, daß das Ausmaß unserer Unterstützung
für die beiden Gebietskörperschaften von deren

AMERIKA DIENST 11

�Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal abhängt.
Das bedeutet, wenn die bosnische Regierung nicht bis
Ende dieses Sommers Botschafter nominiert und
bestätigt, die die neuen gemeinsamen Institutionen
vertreten, werden wir nicht mit denen verhandeln, die
über die festgesetzte Zeit hinaus im Amt bleiben.
Das bedeutet, unsere Fähigkeit zur Veranstaltung der
Konferenz der Geberländer hängt von der Bereitschaft
der Parteien zur Durchsetzung des neuen vereinbarten
Pakets elementarer Wirtschaftsgesetze ab.
Und vor allem bedeutet es, daß die Parteien weder der
internationalen Staatengemeinschaft beitreten noch
von der Zugehörigkeit zur europäischen oder globalen
Wirtschaft profitieren können, bis sie bei der Einhaltung des Daytoner Abkommens größere Fortschritte
machen. Das trifft auch auf Kroatien und Serbien zu die ihre in Dayton eingegangenen Verpflichtungen
erfüllen müssen, auch im Hinblick auf Kriegsverbrecher.
Ich möchte nicht die bereits erzielten bemerkenswerten Fortschritte verschweigen.
Der Krieg ist
beendet. Heute sprechen wir über die Bestrafung von
Kriegsverbrechen und brauchen nicht mehr zu bera-

*

AMERIKA DIENST 11

ten, wie wir ihnen ein Ende setzen können.
Aber anderthalb Jahre nach Dayton reicht es nicht aus
zu sagen, daß die Kämpfe beendet wurden. Wir
müssen den Blick auf die Zukunft richten und uns
fragen, wie Bosnien in fünf oder zehn Jahren aussehen wird.
Schließlich sind die wichtigsten Wahlen nicht die von
1996 oder 1997, sondern die von 1998, wenn das
Mandat der SFOR ausgelaufen ist, sowie jede danach
abgehaltene ehrliche Wahl.
Die wichtigsten Kinder sind nicht nur diejenigen, die wir
heute in ihre Heimat zurückbringen können, sondern
diejenigen, die heute geboren werden und nie die
Angst und den Schmerz kennenlernen sollten, die eine
Flucht mit sich bringt.
Die wichtigste Sicherheit ist nicht nur, daß heute in
Sarajevo kein Gewehrfeuer zu hören ist, sondern die
Gewährleistung eines friedlichen Bosnien in einem
friedlichen, geeinten Europa.
Das - und nichts Geringeres - müssen unsere Ziele
sein. Zu ihrer Erlangung verspreche ich, mein Bestes
und das Beste der Vereinigten Staaten zu geben, und
ich erbitte von Ihnen dasselbe.

* * *

*

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