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                  <text>^Sof^&gt;

VON

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

10

28. Mai 1997

AUSSENPOLITIK

ALBRIGHT FORDERT FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG INTERNATIONALER PROGRAMME
Rede der Außenministerin in Denver

USA-EUROPA

DIE USA, DIE EU UND UNSERE GEMEINSAMEN
AUFGABEN
Rede von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

NEUE REALITÄTEN DER TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND DER NEUEN
BERLINER REPUBLIK
Rede von J.D. Bindenagel an der
Europa-Universität Viadrina

DIE BEDEUTUNG DER FORSCHUNGSKOOPERATION FÜR DIE DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

WIRTSCHAFT

USA BEZIEHEN KEINE STELLUNG ZUR EUROPÄISCHEN WIRTSCHAFTS- UND WÄHRUNGSUNION
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
21. Mai 1997

Albright fordert finanzielle Unterstützung
internationaler Programme
Rede der Außenministerin in Denver

DENVER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede, die US-Außenministerin
Madeleine Albright am 13. Mai 1997 beim Gastgeberkomitee für das G-8-Gipfeltreffen in Denver (Colorado) hielt.

Ich begrüße Sie alle ganz herzlich. Es ist schön für
mich, wieder zu Hause - in Denver - zu sein.
Ich weiß, daß Präsident Clinton seinem Besuch in
Denver erwartungsvoll entgegensieht, und ich darf
Ihnen seine Grüße sowie die Ihres ehemaligen
Bürgermeisters und meines derzeitigen Kabinettskollegen - Federico Pena - übermitteln.
Es ist wirklich schön, wieder hier zu sein und so viele
alte und neue Freunde zu sehen.
Eben hatte ich die Möglichkeit, meine alte Schule zu
besuchen, wo ich vor vielen Jahren einen Club für
internationale Angelegenheiten gründete und mich
selbst zur Präsidentin ernannte.
Ich hatte schon immer großes Interesse an der
Außenpolitik. Aber ich hätte nie erwartet, daß ich vier
Jahrzehnte, drei Töchter und zwei Enkelkinder später
Außenministerin sein würde. Oder daß ich die Welt
bereisen würde, wie ich es gerade letzte Woche mit
dem Präsidenten der Vereinigten Staaten tat.
Wie Sie vielleicht wissen, besuchte der Präsident
Mexiko, Zentralamerika und die Karibik, um die
amerikanischen Interessen an der Grenze im Süden
unseres Landes zu fördern und zu schützen. Als
ehemalige Professorin hielt ich diese Reise für ein
faszinierendes Beispiel dafür, was ich als das tägliche
Brot der Diplomatie bezeichnen würde. Es gab kein
aufsehenerregendes Abkommen, sondern eine
Vielzahl von Entscheidungen, die die Lebensqualität
der Menschen auf beiden Seiten der Grenze verbessern werden.

AMERIKA DIENST 10

Hierzu zählen die verbesserte Zusammenarbeit im
Kampf gegen den Drogenschmuggel, Übereinkünfte im
Bereich der Luftfahrt und beim Autodiebstahl sowie
eine Vielzahl von Abkommen im Gesundheits-, Arbeits-, Umwelt- und Energiebereich.
Diese mit diesen Ländern getroffenen Maßnahmen
sind Bestandteil eines übergeordneten Integrationsprozesses, den ich heute mit Ihnen erörtern möchte.
Zuvor möchte ich aber die Frage der Finanzmittel
ansprechen.
Dank der Bestrebungen von Administrationen beider
Parteien sowie dem Mut, der Energie und dem Genie
unserer Bevölkerung ist Amerika an der Schwelle zu
einem neuen Jahrhundert ein starkes, prosperierendes, respektiertes und friedliches Land.
Dies ist kein Zufall, und seine Fortdauer ist nicht
unvermeidlich. Der demokratische Fortschritt, ein
steigender Lebensstandard und erhöhte Sicherheit
müssen so erhalten werden, wie sie geschaffen
wurden - mit Hilfe der amerikanischen Führungsrolle.
Aber wir können nicht führen, wenn wir keine Mittel
haben.
Dementsprechend fordere ich Sie - ebenso wie ich das
bei Amerikanern im ganzen Land getan habe - dazu
auf, den Antrag des Präsidenten auf vollständige
Finanzierung unserer Programme für internationale
Angelegenheiten anzunehmen. Dieser Antrag umfaßt
alles - von der Flüchtlingshilfe über die Prüfung von
Visaanträgen bis zu Rüstungskontrollverhandlungen und entspricht etwa einem Prozent unseres Bun-

Seite 1

�deshaushalts. Dieses eine Prozent könnte jedoch 50
Prozent der Geschichte unseres Zeitalters bestimmen
und wird das Leben des amerikanischen Volkes zu
100 Prozent beeinflussen.

Beispielsweise werden Präsident Clinton und die
anderen Regierungschefs kommenden Monat hier in
Denver nach Wegen zur Förderung der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Bedrohung durch
internationalen Terrorismus suchen.

Mit Ihrer Unterstützung und der des Kongresses haben
wir die einzigartige Chance zur Gestaltung einer
Zukunft, in der die Nationen sich in zunehmendem
Maße auf die Grundprinzipien von Demokratie, offenen
Märkten und Rechtsstaatlichkeit einigen.

Sie werden Strategien zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens erörtern, das weltweit verbreitet ist,
Demokratien korrumpiert, Gewalt fördert und unsere
Kinder mit tödlichen Drogen vergiftet.

Wir verfolgen dieses Ziel durch die Anpassung der
wichtigsten Institutionen und Bündnisse, den Aufbau
starker Beziehungen zu den Großmächten der Welt
und die Ziehung klarer Grenzen zwischen für die
internationale Staatengemeinschaft akzeptablem und
nicht akzeptablem Verhalten.

Sie werden einen Meinungsaustausch darüber führen,
wie die Verbreitung von Nuklear- und anderen Massenvernichtungswaffen gestoppt und die Geißel des
wahllosen Einsatzes von Landminen abgeschafft
werden kann, die seit allzu langer Zeit in allzu vielen
Ländern allzu viele Kinder tötet oder verstümmelt.

Aus diesem Grund arbeiten wir mit unseren Verbündeten am Aufbau einer NATO, die durch neue Mitglieder
gestärkt und auf neue Missionen vorbereitet ist.

Und sie werden Möglichkeiten zur fortgesetzten
Ausweitung der Weltwirtschaft erörtern, die eine der
zentralen Ziele der Außenpolitik der Vereinigten
Staaten darstellt.

Aus diesem Grund haben wir mit unseren Freunden in
Asien das nordkoreanische Nuklearprogramm eingefroren und den Weg für einen dauerhaften Frieden auf
der koreanischen Halbinsel geebnet.
Aus diesem Grund stellen wir uns im Nahen Osten, in
Nordirland, Bosnien und anderen Krisenherden der
Welt auf die Seite derjenigen, die Frieden schließen
und gegen diejenigen, die Bomben legen.
Aus diesem Grund räumen wir dem nächsten Monat
hier in Denver anberaumten G-8-Gipfel hohe Priorität
ein.
Ihre Stadt kann stolz darauf sein, daß sie während
dieses Gipfeltreffens Gastgeber eines historischen
Ereignisses sein wird. Erstmals wird Rußland ein
vollwertiges Diskussionsmitglied bei der bislang als
G-7 bekannten Gruppe sein. Das reflektiert den
Prozeß der Einbeziehung, den Präsident Clinton beim
Gipfel von Helsinki im März hervorhob. Und es zeigt,
daß wir wirklich eine neue Zukunft für Europa aufbauen - eine Zukunft, in der jede Demokratie, einschließlich Rußlands, unser Partner ist und jeder
Partner sich am Aufbau des Friedens beteiligt.
Es gibt weltweit zahlreiche internationale Organisationen und Abmachungen, aber die Gruppe der Sieben,
plus Rußland, ragt durch den wirtschaftlichen und
politischen Einfluß seiner Mitglieder heraus. Wenn
diese Länder beschließen, gemeinsam zur Förderung
von Frieden, wirtschaftlicher Sicherheit, Menschenrechten oder anderen Initiativen zu handeln, kann
dadurch wirklich etwas bewirkt, weltweit ein höherer
Maßstab gesetzt und politischer Einfluß ausgeübt
werden.

Seite 2

Während der letzten vier Jahre haben wir unter
Präsident Clinton unsere Diplomatie sehr erfolgreich
zur Schaffung von Wohlstand eingesetzt. Während
dieser Zeit wurden mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, wodurch die Exporte in die
Höhe schnellten und schätzungsweise 1,6 Millionen
neuer amerikanischer Arbeitsplätze geschaffen
wurden.
Das ist besonders wichtig für stark exportabhängige
Bundesstaaten wie Colorado. Ihr Hochtechnologiesektor wird beispielsweise vom Zugang zu neuen Märkten
profitieren, die durch das von uns Anfang dieses
Jahres
ausgehandelte
Informationstechnologieabkommen erschlossen wurden. Bei unserer Reise
nach Zentralamerika letzte Woche unterzeichneten wir
Abkommen über "Offene Himmel" ähnlich denen, die
es dem internationalen Flughafen von Denver während
der vergangenen zwei Jahre gestatteten, Nonstopflüge
nach Frankfurt, Amsterdam, Toronto und zu anderen
Zielen in ihr Programm aufzunehmen.
Unsere Geschäftsleute wissen, daß auf den Weltmärkten erbitterter Wettbewerb herrscht. Oft veranstalten
unsere Unternehmen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit
ausländischen Konkurrenten, die von ihrer Regierung
aktiv unterstützt werden.
Unser Ziel besteht darin, amerikanischen Unternehmen, Arbeitnehmern und Landwirten gleiche Wettbewerbsbedingungen anzubieten - ob sie nun Erntemaschinen für Weizen verkaufen oder Technologien
zum Aufspüren von Scherwinden wie das System, das
eine von unserem Amt für Handel und Entwicklung
unterstützte Firma aus Boulder derzeit im Fernen
Osten baut.

AMERIKA DIENST 10

�Solange ich Außenministerin bin, wird unsere Diplomatie ein zunehmend offenes und faires globales Wirtschaftssystem anstreben. Unsere Botschaften werden
den amerikanischen Unternehmen angemessene
Hilfestellung leisten. Unsere Unterhändler werden
Handelsvereinbarungen anstreben, die zur Schaffung
neuer amerikanischer Arbeitsplätze beitragen. Und ich
persönlich werde immer wieder betonen - wie ich das
während meiner Besuche bei vielen unserer wichtigsten Handelspartner weltweit getan habe - daß die
Länder, die vor unserer Haustüre Geschäfte machen,
uns gestatten sollten, dasselbe vor ihrer zu tun.

Und gerade letzte Woche habe ich den Präsidenten in
den Regenwald von Costa Rica begleitet, wo wir das
Engagement der Vereinigten Staaten für den Schutz
der natürlichen Ressourcen der Welt unterstrichen und
dieses Engagement unter Beweis stellten, als wir naß
bis auf die Haut wurden.

Unsere Behauptung, die auch Grundlage für den G-8Gipfel ist, lautet, daß wirtschaftlicher Fortschritt kein
Nullsummenspiel ist.
Wenn wir das Wachstum
anderer Nationen fördern, erweitern wir das System
marktwirtschaftlicher Demokratien, an dem unsere
Nation das größte Interesse hat. Und wir schaffen
auch Chancen in unserem Land.

Beim Gipfel in Denver werden wir darüber sprechen,
wie wir diese Verpflichtung als Fortsetzung der
Umweltkonferenz von Rio vor fünf Jahren erfüllen
können. Es gibt kaum einen angemesseneren Ort für
eine solche Diskussion als Colorado, wo die Schönheit
der Natur große wirtschaftliche Vorteile bringt und viele
der modernsten Forschungsarbeiten zum weltweiten
Klimawandel stattfinden.

1995 stellte unser Amt für internationale Entwicklung
(AID) Weizen, Bohnen und Linsen aus Colorado im
Wert von nahezu 17 Millionen Dollar für hungernde
Menschen im Ausland zur Verfügung. Und so unterschiedliche Organisationen aus Colorado wie Global
Steel und Colorado Springs Junior Achievement haben
sich an unseren Hilfsprogrammen beteiligt.

Der Erhalt einer gesunden, vielfältigen globalen
Umwelt ist nicht nur ein außenpolitisches Interesse der
Vereinigten Staaten, sondern eine Verpflichtung
gegenüber zukünftigen Generationen, die jeder
einzelne von uns hat.

Colorado ist auch die Heimat unseres führenden
Umweltexperten im US-Außenministerium, des äußerst
aktiven und erfolgreichen Staatssekretärs für globale
Angelegenheiten, Timothy Wirth. Und von Dottie
Lamm, die vor anderthalb Jahren ein führendes
Mitglied der amerikanischen Delegation bei der
Weltfrauenkonferenz in Beijing war.

Ich werde dem G-8-Gipfel und der Aufgabe des
Aufbaus starker Volkswirtschaften, der Öffnung neuer

Dottie gründete auch zusammen mit Botschafterin

Märkte und der Schaffung von Arbeitsplätzen viel

Swanee Hunt die Women's Foundation of Colorado.

Aufmerksamkeit widmen. Wir werden aber auch einen
Zusammenhang zwischen diesen und anderen Zielen
herstellen - und das ist die Zukunft unserer globalen
Umwelt.
Die Menschen in Colorado wissen ebenso wie alle
anderen in unserem Land, wie wichtig es ist, daß
unser Wirtschaftswachstum gesund und nachhaltig ist.
In den letzten Jahren habe ich fast jede Region der
Welt bereist.
Ich bin über Bergketten geflogen, auf denen keine
Bäume mehr wuchsen.
Ich habe gesehen, wie sich Bauern in Afrika und Haiti
abmühten, auf viel zu steilen Hängen zu pflanzen, weil
andere Böden ausgelaugt waren.
Ich habe gesehen, wie in für ihre Wirtschaftsstärke
bekannten Gebieten die Lebensqualität durch verschmutzte Luft, verseuchtes Wasser und ein völlig
überlastetes Verkehrssystem beeinträchtigt war.
Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Familien
seit Generationen Fischer sind und die verzweifelt
sind, weil die Fischbestände vernichtet wurden.

AMERIKA DIENST 10

Die Bestrebungen dieser Stiftung zur Förderung der
Unabhängigkeit der Frau spiegeln sich in denen
anderer Basisorganisationen auf der ganzen Welt
wider. Sie stellen unter Beweis, daß Frauen - ob sie im
Beruf benachteiligt werden oder schmutzige Arbeit
verrichten, vollwertige Partner bei der Entwicklung
ihrer Gesellschaften sein wollen. Ob sie diese Chance
erhalten, entscheidet über Erfolg oder Scheitern der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt.
Schließlich wissen wir aus Erfahrung, daß der Teufelskreis der Armut, in dem allzu viele Länder gefangen
sind, durchbrochen werden kann, wenn Frauen über
das Wissen und die Macht verfügen, selbst über ihr
Leben zu entscheiden. Die Geburtenrate sinkt. Das
Umweltbewußtsein steigt. Die Ausbreitung sexuell
übertragbarer Krankheiten verlangsamt sich. Und es
werden mehr positive Werte an die jüngere Generation
weitergegeben.
Eine der ermutigendsten Entwicklungen unseres
Zeitalters ist die weltweite Zusammenführung von
Organisationen und Einzelpersonen, die sich der
Herausforderung der Förderung des Status der Frau
stellen.

Seite 3

�Beispielsweise nahm ich vergangene Woche in
Zentralamerika mit unserer First Lady, Hillary Rodham
Clinton, und Frauen aus jedem Land dieser Region an
einem Zusammentreffen teil.

gemeinsamen Zukunft. Die amerikanischen Werte, die
uns gemein sind, gründen im Engagement für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit - nicht
nur für einige, sondern für alle Menschen.

Dabei war es ermutigend zu erfahren, daß dank der
Bosrebungen von betroffenen Nichtregierungsorganisationen eines der Länder ein Gesetz verabschiedete, das von neuen Kongreßabgeordneten
ausstehende Unterhaltszahlungen für ihre Kinder
verlangt, bevor sie ihr Amt antreten dürfen. In einem
anderen Staat haben die Gerichte erstmals Gesetze
aufgehoben, die Frauen bei der Bestrafung von
Verbrechen nachweislich diskriminieren.

Nur in Freiheit kann das menschliche Potential durch
gleichberechtigte Männer und Frauen voll verwirklicht
werden, die sich ihrer Rechte sicher sind und ihre
Pflichten erfüllen können. Nur wenn unsere Nation
nach außen offen ist, wenn wir verantwortungsbewußt
und unseren Werten getreu handeln, können wir unser
Potential voll realisieren - zu führen und das nächste
amerikanische Jahrhundert zu gestalten.

Den Bestrebungen von Nichtregierungsorganisationen
sollte Beifall gezollt werden, aber auch die Regierungen müssen das Ihre unternehmen.
Als Außenministerin arbeite ich mit anderen Administrationsmitgliedern zusammen, um Fragen im
Zusammenhang mit dem Status der Frau die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Beispielsweise unterstützen unsere Auslandshilfeprogramme Projekte zur Förderung der Möglichkeiten
für Frauen, umfassend am wirtschaftlichen und
politischen Leben ihrer Gesellschaften teilzunehmen.
Wir legen Wert darauf, daß Frauen und Mädchen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge erhalten
und richten unsere Flüchtlingshilfe auf die Bedürfnisse
der Frau aus.

Vor nahezu fünfzig Jahren kam meine Familie auf der
Flucht vor dem Kommunismus und auf der Suche nach
Freiheit hierher. Damals hatte die Denver Post den
Slogan "Es ist ein Privileg, in Colorado zu leben." Mein
Vater wiederholte dieses Motto regelmäßig, fügte aber
oft noch eine Ermahnung hinzu: "Kinder", pflegte er zu
sagen, "vergeßt nie, daß es auch ein Privileg ist, in den
Vereinigten Staaten zu leben".
Die Amerikaner in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich der Herausforderung gegenüber,
einen dauerhaften Frieden zu schaffen.
Ihre Ziele waren unseren heutigen Zielen ähnlich. Sie
wußten, daß Nationen, die beim Handel und als
Partnerin Friedenszeiten zusammenarbeiten, geringere Gefahr liefen, in den Abgrund des Krieges zu fallen.

Wir unterstützen Bestrebungen zur Gewährung von
Darlehen an Kleinunternehmerinnen.

Sie waren der Ansicht, daß das Engagement der
Nationen für hohe Standards bei Gesetz und Menschenrechten die Welt weniger brutal und ungerecht
machen würde.

Wir bemühen uns, daß die Konvention über die
Abschaffung der Diskriminierung der Frau endlich
ratifiziert wird.

Und sie glaubten an menschlichen Fortschritt - denn
sie hatten gerade die größten Feinde des Fortschritts
bekämpft, die es je auf der Erde gegeben hatte.

Wir sind führend bei den globalen Bestrebungen im
Kampf gegen illegalen Frauen- und Mädchenhandel,
weil wir der Ansicht sind, daß nicht nur Drogenhändler,
sondern auch Menschenhändler hart bestraft werden
sollten.

Gemeinsam mit unseren Verbündeten riefen sie neue
Institutionen ins Leben, um die Freiheit zu bewahren,
Volkswirtschaften wiederaufzubauen, das Gesetz zu
verteidigten und den Frieden zu erhalten.

Wir setzen uns für die Beendigung von Gewalt gegen
Frauen ein. Heute werden weltweit entsetzliche
Greueltaten gegen Frauen verübt - von häuslicher
Gewalt über Mitgiftmorde bis zum Verkauf junger
Mädchen in die Prostitution. Manche sagen, das sei
kulturell bedingt und wir könnten nichts dagegen
unternehmen. Ich halte es für kriminell, und jeder
einzelne von uns hat die Pflicht, dem Einhalt zu
gebieten.
Wenn wir uns für die grundlegenden Werte von Gesetz
und Respektierung der Menschenwürde jedes einzelnen einsetzen, leisten wir einen Dienst an unserer

Seite 4

Heute sehen wir uns der Herausforderung gegenüber,
diese Institutionen zu stärken und an die Gegebenheiten unserer Zeit anzupassen. Es gibt keine Region auf
der Erde, die von den Vorteilen des internationalen
Systems oder seinen Verpflichtungen ausgeschlossen
werden sollte. Und es gibt keinen Amerikaner, der
keine Vorteile durch den Aufbau einer Welt mit mehr
Wohlstand, Sicherheit und Freiheit genießt.
Wie ich bereits sagte, obliegt die Aufgabe der Gestaltung der Zukunft nicht nur den Regierungen. Sie
erfordert stetige Bestrebungen und das unerschütterliche Engagement von Städten wie Denver und Bürgern
wie Ihnen für eine starke Partnerschaft.

AMERIKA DIENST 10

�Der Beschluß der Stadt Denver, Gastgeber des G-8Gipfels zu sein, und der Erfolg der Women's Foundation of Colorado beweisen, daß die Zukunft in guten
Händen liegt.

Ich begrüße alles, was Sie noch leisten werden.
Und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und
Gastfreundschaft am heutigen Tag. Ganz herzlichen
Dank.

Ich bewundere Sie für alles, was Sie leisten und
geleistet haben.

* * * *

AMERIKA DIENST 10

*

Seite 5

�USA-EUROPA
28. Mai 1997

Die USA, die EU und unsere gemeinsamen Aufgaben
Rede von Strobe Talbott

WASHINGTON - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott
am 6. Mai 1997 bei der US-EU-Konferenz "Die Brücke über den Atlantik - eine Verbindung von Volk zu Volk"
gehalten hat.

Diese Konferenz ist dem Brückenbau über den Atlantik
gewidmet. Ich arbeite für einen Präsidenten, der eine
Brücke ins nächste Jahrtausend bauen möchte; daher
finde ich den Vergleich durchaus angebracht. Viele
der hier Anwesenden beschäftigen sich mit den
praktischen Einzelheiten der Stärkung der Strukturen
der transatlantischen Zusammenarbeit, beispielsweise
mit Studenten- und Personalaustauschprogrammen,
Städtepartnerschaften,
wirtschaftlichen
Partnerschaften, Internet-Verbindungen und dem ständigen
hin und her der transatlantischen Beziehungen.
Ich möchte hier ganz besonders ein Austauschprogramm erwähnen, das als Vorbild für viele andere
gedient hat.
Vor etwa fünfzig Jahren hatte ein Staatsmann aus
Arkansas namens William Fulbright eine glänzende
Idee, nämlich ein Stipendium zu schaffen, das Amerikanern und anderen die Möglichkeit bot, im Ausland zu
leben und zu studieren. Seither haben Tausende ihr
Fulbright-Erlebnis dazu benützt, immer engere Bande
zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu
knüpfen.
Es ist mir eine besondere Freude, Frau Harriet Fulbright heute hier begrüßen zu können. Ich möchte
Ihnen sagen, Harriet, daß ein Freund, Bewunderer und
früherer Assistent Ihres Mannes im Senat, Präsident
Clinton, alles in seiner Macht Stehende tun wird, um
dieses bemerkenswerte Programm ebenso wie einige
ähnliche Programme zu stärken und zu verlängern,
wie die Ron-Brown- und Edmund-Muskie-Stipendien,
die es Studenten aus den neuen demokratischen
Ländern Europas ermöglichen, in Amerika zu studieren.

AMERIKA DIENST 10

Das Abkommen zwischen den Vereinigten Staaten
und der Europäischen Union über höhere Schulen und
Berufsschulung hat schon zur Einrichtung von Dutzenden von Bildungskonsortien geführt. Die vom früheren
Außenminister Christopher im vergangenen September vorgeschlagene "Fellowship of Hope" ist bereits
eingeführt worden und bietet amerikanischen und
europäischen Beamten eine Chance, in den außenpolitischen Behörden unserer Regierungen Erfahrungen zu sammeln. Ich freue mich auch darüber, daß
ein transatlantischer Dialog im Gewerkschaftsbereich
zu dem transatlantischen Dialog im Geschäftsbereich
hinzugekommen ist, und ich weiß, daß Sie schon an
einer Reihe vielversprechender Vorschläge arbeiten angefangen mit einem transatlantischen AIDSNET bis
zu einer "Telecity" und einem digitalen Bibliothekenprojekt, von neuen Städtepartnerschaften mit Gemeinden in Mittel- und Osteuropa bis zu Austauschprogrammen für Manager und Angestellte.
Wir alle - die Regierungen, der Privatsektor, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen - arbeiten an unserer gemeinsamen Aufgabe eng zusammen.
Ihr Zweck ist nicht nur, bestehende transatlantische
Strukturen zu stärken, sondern auch neue Strukturen
zu schaffen, die auf den Werten gründen, die uns in
einer einzigen transatlantischen Gemeinschaft vereinigen.
Ich möchte heute Morgen zu Ihnen darüber sprechen,
wie sich unsere Gemeinschaft in mehrfacher Weise
verändert. Grundsätzlich verändert sie sich zum
Guten, jedoch in einer Weise, die uns vor neue
Herausforderungen stellt.
Sowohl auf dieser Seite des großen Teichs, in der
westlichen Hemisphäre, als auch auf der anderen

Seite 1

�Seite, in Europa, heißt die Losung unserer Zeit "Integration". Außenministerin Albright, die Sie grüßen
läßt, ist gerade in Mexiko, wo sie sich zusammen mit
Präsident Clinton und mehreren anderen Kabinettsmitgliedern um die Verwirklichung der Integration unserer
Hemisphäre bemüht, die unserer Regierung sehr am
Herzen liegt.

Weltbank und der IWF - machten nicht nur den
Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Volkswirtschaften möglich, sondern auch die Versöhnung und
Integration unter den früheren europäischen Widersachern. Sie trugen letzten Endes wesentlich zur
Schaffung der Grundlage für die Europäische Union
selbst bei.

Aber das Bemühen um Integration ist ebenso ein
transatlantisches Phänomen und ist es seit den
Anfängen unseres Landes gewesen. Im Jahr 1785,
ehe Thomas Jefferson Außenminister wurde, war er
unser Gesandter in Frankreich. Das war eine Zeit
intensiver, häufig buchstäblich halsabschneiderischer
Konkurrenz in Europa. Von seinem Posten in Paris
aus arbeitete Jefferson einen Vorschlag zum Handel
zwischen der Alten und der Neuen Welt sowie zu
einem Übereinkommen über die universalen Rechte
der Staatsbürger aller Nationen aus.

Vor fünfzig Jahren brachen wir gemeinsam in eine
Epoche noch nie dagewesenen Friedens und Wohlstands auf, und zusammen haben wir die dynamischsten Handels- und Investitionsbeziehungen der Welt
aufgebaut.

Im selben Jahr, als Piraten von der Küste Nordafrikas
die Schiffahrtswege des Mittelmeers und des Atlantiks
bedrohten, schlug Jefferson vor, daß die Vereinigten
Staaten eine multinationale Seemacht zusammenstellen sollten, um dieser Bedrohung zu begegnen.
Man könnte im Rückblick fast sagen, daß einer
unserer Gründerväter einen Plan für einen Prototyp
der NATO erdacht habe. Jedoch wurde er von seinen
Vorgesetzten zurückgepfiffen mit der Begründung, daß
das Projekt für unser junges Land unter anderem
unerschwinglich sei. Wir sehen also, daß die gelegentlichen Schwierigkeiten, den Kongreß dazu zu
überreden, die Mittel für Amerikas außenpolitisches
Engagement zu bewilligen, nichts Neues sind.
Hundertdreißig Jahre später gingen Amerikaner "nach
drüben", nach Europa, um in dem Krieg, der wie
Woodrow Wilson sagte, alle Kriege beenden sollte, zu
kämpfen und die Welt für die Demokratie zu sichern.
Aber natürlich führte all das Blutvergießen zu nichts
dergleichen, zum Teil weil danach Amerika eine
längere Periode des Isolationismus durchmachte.
Erst nach einem zweiten Weltkrieg gelang es Amerika
und Europa endlich, eine dauerhafte Verbindung über
den Atlantik aufzubauen.
Dieses Jahr feiern wir den 50. Jahrestag des Marshallplans, der angemessenerweise zu etwa derselben
Zeit in Kraft trat wie das Fulbright-Austauschprogramm
und der ebenfalls der Förderung des Engagements für
transatlantische Zusammenarbeit diente.
Die langfristigen Auswirkungen des Marshallplans
können noch heute nicht nur in den Stahlwerken,
Eisenbahnnetzen und landwirtschaftlichen Unternehmen Westeuropas gesehen werden, sondern auch in
den Institutionen, welche die zwei Kontinente politisch
und wirtschaftlich näher zusammengebracht haben.
Die OECD und die Bretton-Woods-Institutionen - die

Seite 2

Aber dies hat auch noch einen anderen entscheidenden Aspekt, sowohl historisch gesehen als auch
zukunftsweisend: Wir, das heißt die Vereinigten
Staaten und Europa, beschränkten unsere gemeinsamen Bemühungen oder ihre Früchte nicht auf uns
allein, sondern wir beziehen auch andere Regionen
und andere Märkte ein. Wir sahen das Muster der
Mosaiksteinchen, die wir zusammensetzten als einen
Teil eines größeren Mosaiks. Dabei handelte es sich
nicht um eine Abstraktion - im Gegenteil, es hätte nicht
praktischer sein können. Mit anderen Worten, es hatte
in erster Linie wirtschaftliche und kommerzieller
Bedeutung. Die USA und die EU bemühten sich
gemeinsam um die Liberalisierung des Welthandels.
Die Uruguay-Runde des GATT war der Höhepunkt
dieser Bemühungen.
Wir können also stolz darauf sein, daß wir uns angewöhnt haben, global zu denken, zu handeln und
Handel zu treiben, während wir regional aktiv waren.
Aber da unser prophetischer Weitblick begrenzt war,
gewöhnten wir uns auch an den Kalten Krieg. Wir
hielten ihn für einen dauerhaften Bestandteil des
menschlichen Lebens, und den Eisernen Vorhang für
eine permanente Einrichtung des europäischen
Kontinents. Unser Mangel an Voraussicht in dieser
Hinsicht erinnert mich an eine Bemerkung von Dan
Quisenberry, einem bekannten Baseball-Spieler der
Kansas City Royais, der sagte: "Ich habe die Zukunft
gesehen, und sie ist genau wie die Gegenwart, bloß
länger."
Dann plötzlich vor acht Jahren, im Jahr 1989, wurde
die Zukunft zur Gegenwart und sah ganz, ganz anders
aus. Die Mauern stürzten ein und enthüllten eine neue
Landschaft, in der die alten Denkweisen und die alten
Grenzen keine Bedeutung mehr hatten. Heute liegen
die Länder mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum
östlich der Elbe. Soldaten aus Rußland und der
Ukraine, Estland und Polen, Großbritannien und
Frankreich, Amerika und Kanada und vielen anderen
Ländern, die vor nur einem Jahrzehnt Mitglieder
feindlicher Blöcke waren, dienen heute Seite an Seite
in Bosnien. Und letzte Woche war ich mit Außenministerin Albright in Moskau, um Verhandlungen über

AMERIKA DIENST 10

�ein kooperatives Verhältnis zwischen Rußland und der
NATO zu führen.
All dies beweist den treffenden Mutterwitz eines
weiteren berühmten philosophierenden Baseballspielers, des unvergleichlichen Yogi Berra, der sagte:
"Die Zukunft ist auch nicht mehr was sie mal war."
Mit dem Ende des Kalten Krieges wurden die Kräfte,
die uns die gemeinsame Verteidigung gekostet hatte,
zunehmend frei und konnten statt dessen zur Stärkung
unserer grundlegenden Institutionen eingesetzt
werden. Eine hiervon ist die EU selbst, über die ich
gerne ein paar Worte sagen möchte.
Aber ich möchte zuerst einen allgemeinen Grundsatz
aufstellen - einen Rahmen für die amerikanische
Unterstützung für die EU und die gelegentliche
Besorgnis über sie: Wir glauben, daß die regionale
Integration in Europa und andernorts den direkt
betroffenen Ländern ermöglichen sollte, die herkömmlichen Unterschiede in Gewohnheiten und Geschichte,
Geographie und Kultur zu überbrücken. Folglich sollte
die Integration eher nach außen als nach innen wirken.
Dies ist unsere beste Rückversicherung gegen die
Möglichkeit, daß die falsche Art von regionalem
Zusammenhalt die schlimmste Art interregionalen
Konflikts zeugen könnte. Diese Sorge hat einige
unserer besten, am weitesten vorausschauenden
Denker schon recht lange bewegt. Direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg schrieb George Orwell seinen
futuristischen Alptraum "1984". Dieser Roman handelt
von einer Welt, die in drei gegeneinander kriegführende Superregionen - Eurasien, Ostasien und Ozeanien aufgeteilt ist. Nun, 1984 liegt jetzt schon 13 Jahre
zurück, und wir sind hoffentlich der Gefahr, vor der
Orwell gewarnt hat, sicher entkommen.
Aber wir dürfen uns nicht in einem falschen Gefühl der
Sicherheit wiegen. Wir müssen weiterhin dafür
sorgen, daß die Zusammenarbeit innerhalb der
Regionen die Zusammenarbeit zwischen den Regionen stützt und verstärkt. Von diesem Grundsatz läßt
sich unsere eigene Regierung in ihrer Haltung gegenüber der NAFTA leiten, wie Präsident Clinton und die
Minister Albright, Rubin und Daley heute in Mexiko
ihren Gastgebern versichern. Er bestimmt auch
unsere Politik gegenüber Südamerika und dem Fernen
Osten - und die Möglichkeiten, Brücken zwischen den
beiden Regionen zu schlagen. Wer hätte vor zehn
Jahren gedacht, daß Chile eines Tages eines der
dynamischsten Mitglieder einer Organisation namens
APEC sein würde - wobei das A und das P "asiatisch-pazifisch" bedeuten?
Und dieselbe Betonung der Weltoffenheit und des
Brückenschlags wird unsere Reaktion auf die EU und
unser Zusammenwirken mit ihr bestimmen.

AMERIKA DIENST 10

Um eine Sprache zu gebrauchen, die den hier vertretenen Europäern besonders geläufig ist: Wenn
unsere Regierung sagt, daß wir die europäische
Integration unterstützen, meinen wir damit sowohl ihre
Vertiefung als auch ihre Ausweitung. Wir meinen die
Konsolidierung internationaler Institutionen und ihre
Erweiterung oder Vergrößerung. Das bedeutet, daß
wir unsere Freunde und Bündnispartner in Europa
ermutigen, sich für die breiteste, umfassendste,
aufgeschlossenste Art der Integration zu engagieren.
Dies soll keine Kritik früherer oder gegenwärtiger
EU-Politik sein. Im Gegenteil, wir sind beeindruckt von
den weitsichtigen Entscheidungen, die die EU schon
getroffen hat, wie zum Beispiel ihre Unterstützungsprogrammefür Mittel- und Osteuropa, ihr Engagement
für die Erweiterung und die Rolle, die sie in der neuen
transatlantischen Tagesordnung spielt.
Andererseits sind wir uns auch bewußt, daß in Europa
gegenwärtig eine Debatte über ein Thema stattfindet,
von dem die Teilnehmer glauben, daß es weitgehend
eine interne europäische Angelegenheit sei. Ich meine
die europäische Währungsunion. Ich möchte einige
wohlüberlegte Worte über unsere Ansichten zu diesem
wichtigen und heiklen Thema sagen. Die Erfahrung
zeigt, daß die Vereinigten Staaten in den letzten fünfzig
Jahren jede frühere Initiative zur größeren politischen
und wirtschaftlichen Einheit der europäischen Völker
unterstützt haben. Dies lag in unserem eigenen
Interesse. Ein politisch geeintes Europa wird ein
stärkerer Partner zur Erreichung unserer gemeinsamen Ziele sein. Ein wirtschaftlich vereinigtes Europa
schafft ein weit attraktiveres Klima für amerikanische
Investitionen.
Was die EWWU betrifft, haben wir uns gehütet, in eine
Debatte einzugreifen, an der sich schon genügend
qualifizierte Parteien beteiligen. Es steht uns nicht an,
zu sagen, wie sich diese Initiative zu entwickeln hat
oder wer daran teilnehmen soll. Aber wir haben
keinen Zweifel und zögern nicht frei heraus zu sagen,
daß eine EWWU, die einen offenen Binnenmarkt festigt
und Wirtschaftswachstum in Europa anregt, gut für die
amerikanische Wirtschaft sein wird. Wenn die EU
dank dieser gewagten Initiative eine noch aktivere und
konstruktivere Rolle auf der Weltbühne spielen kann,
dann wird das auch gut für Amerika sein.
Ich möchte nun ein anderes Thema anschneiden, das
ebenfalls eine heftige Debatte ausgelöst hat, nämlich
die Beziehungen zwischen der EU und den Ländern im
Osten. Mittel- und Osteuropa ist die Region, in der die
beiden heißen Kriege unseres Jahrhunderts sowie der
Kalte Krieg begannen. Neue Gefahren lauern immer
noch dort, wie aus der erschreckenden Tatsache klar
wird, daß in den letzten fünf Jahren in Bosnien,
Kroatien und Albanien auf dem Balkan sowie in
Tschetschenien und Berg-Karabach im Kaukasus
mehr Europäer brutal umgekommen sind als in den

Seite 3

�vorangegangenen fünfundvierzig Jahren. Die Unruhen
in diesen Gebieten bedrohen den Frieden ganz
Europas.
Vaclav Havel hat uns alle daran erinnert - und ich
zitiere: "Ebenso wie es unmöglich ist, daß ein halbes
Zimmer immer warm bleibt und die andere Hälfte kalt,
ist es undenkbar, daß zwei verschiedene Europas auf
die Dauer nebeneinander existieren könnten ohne daß
es beiden schadet - und die stabilere und wohlhabendere Hälfte würde dabei den größeren Schaden
erleiden."
Havel ist einer der mutigen führenden Politiker tapferer
Völker, die seit 1989 die Ketten gesprengt, die Tore
weit geöffnet und die Mauern niedergerissen haben.
Staaten, die vor nur zehn Jahren noch in Knechtschaft
lebten, mit einer Festungsmentalität und Kommandowirtschaften, halten jetzt Wahlen ab, führen den
Rechtsstaat ein, öffnen ihre Märkte, erlauben Pressefreiheit und klopfen an die Türen der verschiedenen
internationalen Verbände und Institutionen unserer
Gemeinschaft.
Wir müssen auf dieses Klopfen hin unsere Türen
öffnen. In der Debatte darüber, ob , wie schnell und zu
welchen Bedingungen wir das tun, sollten wir daran
denken, daß zu der Zeit, zu der George Marshall den
Plan, der seinen Namen trägt, ins Leben rief, Deutschland und Frankreich völlig zerstört waren und es ihnen
in vieler Hinsicht schlechter ging als den mittel- und
osteuropäischen Länder heute. Deutschland, Frankreich und der Rest der EU personifizieren heute den
Triumph der Integration über das, was Marshall 1947
"den Hunger, die Armut, den Despotismus und das
Chaos" Westeuropas nannte.
Daher ist die Erweiterung der Strukturen, welche die
transatlantische Gemeinschaft stützen, kein riskantes
neues Unterfangen, sondern eine logische Fortführung
der Strategie von Marshall, Adenauer und Monnet.
Dies waren auch die Gründe für den Entschluß der
Staats- und Regierungschefs der NATO vor drei
Jahren, das Bündnis auf Mittel- und Osteuropa
auszudehnen. Die NATO hatte auch eine andere
Wahl. Sie hätte sich auf ihre Mitglieder der Zeit des
Kalten Krieges beschränken können. Aber das hätte
bedeutet, daß unsere Interessen und Hoffnungen am
Checkpoint Charlie Halt machen würden, oder, wie
kürzlich gesagt wurde, daß an diesem Punkt die
Geschichte selbst aufhört. Das wäre ein strategischer
Fehler ungeheuren Ausmaßes gewesen und hätte lang
andauernde Folgen gezeitigt.
Ich möchte die Beweggründe unserer Regierung
erklären. Wir - die Vereinigten Staaten - haben eine
Reihe sich gegenseitig verstärkender Gründe für die
NATO-Erweiterung. Wir glauben, daß dies der beste

Seite 4

Weg ist, um die Stabilität Osteuropas zu sichern und
die Demokratie zu stärken.
Aber ich will ganz ehrlich sein: Wir haben auch noch
einen anderen Grund. Wir hoffen nämlich, daß die
Erweiterung der NATO, in der wir auch Mitglied sind,
zu den Bedingungen für eine Erweiterung der EU
beitragen wird, in der wir zwar nicht Mitglied sind, aber
an der wir ein großes und entscheidendes Interesse
haben.
Dabei handelt es sich nicht nur darum, daß die NATO
mit gutem Beispiel vorangeht, sondern auch darum,
daß die NATO-Erweiterung ein Klima schafft, das
dadurch, daß es stabiler und friedlicher ist, die Erweiterung der EU nach Osten erleichtern wird. Viele
der neuen europäischen Demokratien haben große
Fortschritte in bezug auf die Erfüllung der wirtschaftlichen Bedingungen für die EU-Mitgliedschaft gemacht.
Aber die Regierungen der EU-Mitglieder und westliche
Investoren müssen auch darauf vertrauen können, daß
die Region auf die Dauer Sicherheit bieten kann, und
das ist Sache der NATO.
Es wurde auch schon argumentiert, daß das Gegenteil
der Fall sei - daß die NATO-Erweiterung der EU einen
Vorwand biete, keine neuen Mitglieder aufzunehmen.
Die Tatsachen beweisen jedoch das Gegenteil. Je
entschiedener wir uns für die feste Absicht der NATO
eingesetzt haben, neue Mitglieder aufzunehmen, desto
entschiedener ist auch die EU für ihre eigenen Erweiterungspläne eingetreten. Und außerdem muß
man ehrlich zugeben, es ist kaum vorstellbar, daß der
Prozeß der EU-Erweiterung schneller vorangetrieben
werden könnte. Die EU verlangt mit vollem Recht von
den Beitrittskandidaten, daß sie viele komplizierte
Änderungen in ihrer Wirtschafts- und Verwaltungspolitik einführen. Aber wie Außenministerin Albright
bereits sagte, sollte die von der NATO gebotene
Sicherheit nicht warten müssen "bis die Tomatenanbauer in Mitteleuropa die richtigen Schädlingsbekämpfungsmittel anwenden".
Wir betrachten die NATO-Erweiterung und die
EU-Erweiterung als separate aber parallele Prozesse,
die demselben Zweck dienen: Einer erweiterten und
vertieften transatlantischen Gemeinschaft.
Wenden wir uns nun einer dritten schwierigen und
wichtigen Frage zu, der sich die EU gegenübersieht,
wenn sie nach Osten - und Süden blickt. Ich rede von
der Herausforderung an das europäische Selbstverständnis und was ein EU-Beitritt der Türkei für die
Zukunft der EU bedeuten würde. Auch in dieser Frage
haben die Vereinigten Staaten kein offizielles Mitspracherecht, aber sie berührt zweifelsohne auch ihre
Interessen.
Die Türkei macht gegenwärtig die Wehen des Übergangs zur Modernität durch, und das betrifft auch die

AMERIKA DIENST 10

�Bereiche Demokratie und Menschenrechte. Diese
Bereiche
bieten
zusammen
mit
den
türkisch-griechischen
Beziehungen
gerechtfertigte
Gründe zur Besorgnis für die EU. Diese Schwierigkeiten bedeuten jedoch nicht, daß die Türkei deshalb
weniger europäisch ist. Genau genommen haben
viele gegenwärtige EU-Mitglieder in diesem Jahrhundert noch viel schlimmere Traumata überwunden,
um es milde auszudrücken. Und vergessen wir nicht,
daß die Türkei am Anfang dieses Jahrhunderts, nach
dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reichs, unter der Führung von Kemal Atatürk
eine strategische Wahl in bezug auf ihr Wesen und
ihre Orientierung traf, und zwar eine Wahl, die von
unserem Standpunkt aus gesehen die richtige war.
Wir glauben, daß diese Wahl auch vom türkischen
Standpunkt her die richtige war.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die Türkei dann der
NATO bei. Das geschah natürlich hauptsächlich weil
die Türkei eine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion hatte und dadurch buchstäblich an vorderster
Front im Kalten Krieg stand. Aber heute steht sie
ebenso an der vordersten Front im Hinblick auf die
vielen Herausforderungen der Epoche nach dem
Kalten Krieg. Die fortgesetzte strategische Bedeutung
der Türkei gründet auf der Tatsache, daß sie an den
Grenzen des Irak, Syriens und des Irans liegt, sowie
auf ihre geographische Nähe und sprachliche Verwandtschaft mit den Ländern des Kaukasus und
Zentralasiens.
Aus diesen Gründen haben wir weiterhin ein Interesse
daran, daß die Türkei sich zu einem starken, wohlhabenden, säkularen und demokratischen Staat
entwickelt, der voll in unsere Gemeinschaft integriert
ist. Nur mit einer solchen Türkei können wir gemeinsam die Oberhand behalten in dem Kampf, der an die
Stelle des Kalten Krieges getreten ist - dem Kampf
zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen
Wohlstand und Armut, kurz gesagt, zwischen den
Kräften der Integration und des Zerfalls.
Wir haben Verständnis dafür, wie schwierig und
vielschichtig das Thema Türkei ist, nicht zuletzt für die
Türkei selbst, aber auch für andere. Wir sind uns
bewußt, daß das Verhältnis der Türkei zu der EU für
mehrere größere EU-Staaten nicht nur ein außenpolitisches Problem darstellt, sondern auch ein
innenpolitisches in Anbetracht der Tatsache, daß eine
EU-Mitgliedschaft auch Freizügigkeit bedeutet.
Hier in den Vereinigten Staaten haben wir einige
Erfahrung mit derartigen Fragen, wie jeder weiß, der
die Debatte über das NAFTA verfolgt oder heute
Morgen die Nachrichten über die Demonstrationen
gehört hat, die Präsident Clinton bei seiner Ankunft in
Mexiko City erwarteten. Ich würde sogar sagen, daß
die Vereinigten Staaten und die EU gemeinsam das
Dilemma haben, wie man einerseits die Notwendig-

AMERIKA DIENST 10

keiten und Vorteile der regionalen Integration und der
offenen Grenzen mit unseren Nachbarn in Einklang
bringen kann und andererseits die Notwendigkeiten
einer vernünftigen und humanen Einwanderungspolitik.
Bei ihrem Besuch in Mexiko werden Präsident Clinton
und seine Minister betonen, daß wir die legale Einwanderung unterstützen wollen, die unsere Kultur und
Wirtschaft bereichert und die Vereinigten Staaten zum
fünftgrößten hispanischen Land der Welt gemacht hat.
Wir wollen legale Einwanderer ermutigen, unsere
Staatsbürgerschaft zu erwerben, während wir gleichzeitig die illegale Einwanderung verhindern wollen, die
nur den Konsens für engere Beziehungen stört.
Wir wissen, daß die EU und die Türkei entschlossen
daran arbeiten, diese komplizierten Probleme gegeneinander abzuwägen und so viele Gemeinsamkeiten
wie möglich zu finden. Seit über einem Jahr hat die
EU ein Zollunionsabkommen mit der Türkei, und letzte
Woche gab die EU bekannt, daß der Beitritt der Türkei
zu denselben Bedingungen, die für andere Beitrittskandidaten gelten, stattfinden kann. Wir begrüßen
auch die Einrichtung einer "Gruppe von Weisen" in der
letzten Woche, um die Probleme zu prüfen, die so
große Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei verursacht haben.
Und doch gibt es noch viele, die sich heftig dem
Gedanken widersetzen, daß Nationen östlich des
Gebiets, das man das "traditionelle Europa" nennen
könnte, je wirklich ein Teil eines größeren Europas des
einundzwanzigsten Jahrhunderts werden könnten. Wir
sind überzeugt, daß diese Haltung ganz und gar falsch
ist - und möglicherweise sehr gefährlich. Über die
Jahrhunderte hat Europa in seiner besten Form - und
in seinen friedlichsten und wohlhabendsten Zeiten sich nicht als durch künstliche Grenzen begrenzt
empfunden, wie einen Fluß hier, eine Bergkette dort,
oder eine Mauer aus Zement und Stacheldraht
woanders. Nein, Europa wurde Europa weil es solche
Grenzen überwand und sich zu einer Völkergemeinschaft mit gemeinsamen Werten, Zielen und Lebensweisen entwickelte.
Die Türkei ist seit dem 16. Jahrhundert ein Teil des
europäischen Systems gewesen. Selbstverständlich
hat sie kulturelle Bindungen an Zentralasien und den
Nahen Osten. Aber dasselbe gilt für Rußland, das
ebenfalls ein Teil des zukünftigen integrierten Europas
sein muß, wenn es so etwas überhaupt geben soll. Es
trifft zwar zu, daß der größte Teil der Türkei von
Europa durch eine schmale Wasserstraße getrennt ist,
aber dasselbe gilt auch für Großbritannien.
Ich möchte nun einige Worte über den Islam sagen. In
der gegenwärtigen Debatte über die Türkei hört man
häufig die Schlagworte "Kultur", oder manchmal auch
"Zivilisation". Diese Worte sind oft Euphemismen für
"Religion". Zur Zeit ist eine Theorie in Mode, nach der
die Rivalität des Kalten Krieges zwischen Kommu-

Seite 5

�nismus und Kapitalismus von einem "globalen Kampf
der Kulturen" abgelöst worden ist, wie zum Beispiel
dem Kampf zwischen den westlichen und den islamischen Ländern.

Außenministerin Albright ist derselben Meinung, und
sie wird ihre Amtszeit dazu nutzen, Europa zu ermutigen, sich als möglichst umfassend und aufgeschlossen zu definieren.

Diese Vorstellung ignoriert sowohl die großen Unterschiede innerhalb dieser Kulturen als auch ihre
Gemeinsamkeiten. Sie unterschätzt ebenfalls die
ethnische und religiöse Vielfalt in den Vereinigten
Staaten, die auch zunehmend in Westeuropa anzutreffen ist. Und sie unterschätzt die Gefahren,
denen wir in der Zukunft ausgesetzt sein werden,
wenn wir heute künstliche Barrieren errichten gegen
die Bemühungen eines europäischen Landes, das
willens ist, die Normen und Pflichten unserer demokratischen Gemeinschaft zu akzeptieren, oder wenn wir
die Zugehörigkeit eines Dorfes zu Europa danach
bestimmen wollen, ob es von einem Kirchturm oder
einem Minarett überragt wird.

Abschließend möchte ich bemerken, daß die Vereinigten Staaten bezüglich der drei Fragen, die ich
heute Morgen angeschnitten habe - die EWWU, die
Beziehungen zwischen der EU und den früheren
kommunistischen Ländern im Osten sowie die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei - als Leitgedanken für die Europapolitik weiterhin eben diese
Ziele und Werte empfehlen, die Ihrer Arbeit zugrundeliegen, die Sie hier zu dieser Konferenz zusammengeführt hat. Wir werden die EU ermutigen, in Zukunft das
zu tun, was die hier anwesenden Einzelpersonen und
die hier vertretenen Organisationen bereits tun,
nämlich Brücken zu schlagen, das Netzwerk von
Kontakten und Verbänden zu vertiefen und auszubauen sowie Austauschprogramme innerhalb und zwischen den lokalen, nationalen und regionalen Gemeinden zu fördern, die die weltweite Gemeinschaft
ausmachen zu der wir alle gehören.

Wie Warren Christopher im Frühjahr letzten Jahres
erklärte, darf unsere Integrationsstrategie "keine
grundsätzlichen Grenzen zwischen den katholischen,
orthodoxen und islamischen Teilen Europas dulden.
Diese Gegensätze trugen zu dem Krieg im früheren
Jugoslawien bei, und sie dürfen keinerlei Rolle spielen
in dem Europa, das wir jetzt schaffen."

* *

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Neue Realitäten der transatlantischen Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der
neuen Berliner Republik
Rede von J.D. Bindenagel an der Europa-Universität Viadrina

FRANKFURT AN DER ODER - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge
d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 13. Mai 1997 an der
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder hielt.

Rektor Weiler, sehr geehrte Fakultätsmitglieder, liebe
Studenten,
vielen Dank für die Einladung, bei dieser einzigartigen,
zukunftsorientierten Institution eine Rede zu halten.
Die Europa-Universität Viadrina mit ihrer Kombination
aus Altem und Neuem, ihrem interkulturellen und
internationalen Charakter und ihrer Lage in der Nähe
des geographischen Herzens von Europa verkörpert
viele der neuen Realitäten, die Deutschland nach der
Revolution von 1989 und der Vereinigung umgeben.
Diese Universität zeigt ihre Anerkennung und Würdigung dieser neuen Realitäten durch die Zusammensetzung ihrer Studentenschaft und ihrer Studienschwerpunkte. Aktivitäten wie die unlängst erfolgte Gründung
des Instituts für Transformationsstudien repräsentieren
das innovative Denken, das von uns allen verlangt
wird - in der akademischen Welt, der Regierung, der
Wirtschaft und bei unseren zwischenmenschlichen
Kontakten.
Ich weiß die Veränderungen zu würdigen, die Deutschland bewältigt hat und gegenwärtig in Angriff nimmt.
Während der Revolution von 1989 in der DDR war ich
in der Amerikanischen Botschaft in Ostberlin Stellvertretender Botschafter und hatte das Privileg, Augenzeuge eines Ereignisses von immenser historischer
Bedeutung zu werden: Die lange schwelende Unzufriedenheit der Menschen gipfelte in einer Revolution, die friedlich genug war, um Blutvergießen zu
verhindern, aber machtvoll genug, die Berliner Mauer
zu Fall zu bringen.

AMERIKA DIENST 10

Es war das Zusammentreffen mehrerer Zufälle - von
der Zurückhaltung der Demonstranten über die von
der NATO verfolgte Politik der Abschreckung bis zur
Bereitschaft des sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, den Völkern der Sowjetunion ein gewisses
Maß an Freiheit zu geben - die zusammenwirkten, um
das klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der Zusammenbruch des Systems, das Deutschland
und Europa so viele Jahrzehnte lang geteilt hatte, ist
dem Mut und Optimismus der Menschen aus beiden
Blöcken zu verdanken, die der Überzeugung waren,
daß die Demokratie obsiegen konnte und sollte. Der
Fall der Berliner Mauer wurde weder durch die auf
beiden Seiten des Eisernen Vorhangs massierten
Armeen erreicht, die auf den Beginn des unvermeidlichen Krieges warteten, noch durch ein mysteriöses,
historisches Ende der kommunistischen Idee. Die
Berliner Mauer wurde durch die ununterdrückbare
Sehnsucht der Menschen nach Freiheit durchbrochen
und schließlich zu Fall gebracht.
Vor wenigen Jahren schien dieser grundlegende
Wunsch, der die Menschen im Ostblock aufgrund der
Verweigerung der Reisefreiheit erfaßte, wie ein
unerfüllbarer Traum. Heute ist er eine Realität, die so
tief in unserem Denken verwurzelt ist, daß wir uns
kaum vorstellen können, dieses Recht nicht zu
besitzen.
Wir haben in den letzten acht Jahren einen langen
Weg zurückgelegt. Die Teilung Europas rückt immer

Seite 1

�mehr in die Ferne, insbesondere da Länder im Osten
und Westen, die so lange als entfremdete Nachbarn
auf einem einzigen Kontinent gelebt hatten, sich jetzt
gegenseitig neu entdecken und den Reichtum der
Kultur und Geschichte des anderen in sich aufnehmen.
Die negative Spannung aus der Zeit des Kalten
Krieges, die einst in Berlin vorherrschend war, ist jetzt
durch die positive Spannung von Aktivität, Umgestaltung und Kreativität ersetzt worden.
Europa setzt seinen Einigungsprozeß fort, und wo
einst Mauern standen, entstehen jetzt Brücken. Die
Brücke, die Sie so passend in das Abzeichen Ihrer
Universität aufgenommen haben, ist das wesentliche
Symbol unserer Zeit. Sie ist das Symbol für Freundschaft und den Weg zu mehr Interaktion und Verständigung.
Deutschland verlegt in Anerkennung seiner Rolle im
Zentrum Europas seinen Regierungssitz in die Hauptstadt Berlin. Bei diesem Umzug können wir eine
Mischung aus Alt und Neu sehen. Die Berliner
Republik repräsentiert die Vermischung der demokratischen Entwicklung Deutschlands mit seiner Ablehnung
des Totalitarismus, seiner Anerkennung historischer
Realitäten und Verantwortung sowie seiner Stärke als
führender Akteur in den wichtigsten europäischen und
transatlantischen Institutionen.

Ebenso wie die Vereinigten Staaten vor 50 Jahren den
Marshallplan entwickelten, um Deutschland und dem
übrigen Westeuropa beim Wiederaufbau nach dem
Zweiten Weltkrieg zu helfen, kann Deutschland als
führendes Mitglied der wichtigsten Institutionen
Europas eine positive Rolle bei der Förderung von
Sicherheit und Wohlstand im Osten übernehmen.
Die Erweiterung der Europäischen Union wird nach
dem Ende des Kalten Krieges eine entscheidende
Entwicklung für Europa darstellen. Die Einbeziehung
aller Länder Zentraleuropas und der baltischen
Staaten in die EU wird äußerst positive Auswirkungen
auf die Region haben. Sie wird diese Länder enger an
den Westen binden, die marktwirtschaftliche Entwicklung stärken, demokratische Institutionen fördern und
einen großen Anreiz für die Weiterentwicklung der
engen gutnachbarschaftlichen Beziehungen geben,
wie wir sie an Orten wie Frankfurt an der Oder sehen.

Deutschland ist ein natürlicher Fürsprecher der
Nationen, die früher in der Tyrannei des Ostblocks
gefangen waren. Das gilt insbesondere für Polen, ein
Land, dessen Geschichte stark von Deutschland
beeinflußt wurde. Von besonderer Bedeutung sind die
Bestrebungen Deutschlands und Polens, neue

Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie multilaterale
Zusammenarbeit in dieser Region zur Bewältigung der
Herausforderungen in einem geeinten Europa funktionieren kann, ist das Border Region Study Project, das
jetzt mit Unterstützung des US-Informationsamts
(USIA) und des German-American Marshall Fund
durchgeführt wird. Diese Initiative vereint die Regierung, den Privatsektor und die akademische Welt. Sie
setzt einen weitreichenden und fruchtbaren Austausch
von Ideen und Erfahrungen bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und Entwicklung zwischen
Frankfurt an der Oder und seinen polnischen und
tschechischen Partnern und Pendants in Yuma
(Arizona) und Sonara (Mexiko) in Gang. Der EuropaUniversität Viadrina kommt bei diesem Prozeß eine

Bindeglieder zu finden.

Schlüsselrolle zu.

Ein Symbol für diese neue

enge Beziehung zwischen Deutschland und Polen ist
die Tatsache, daß der polnische Außenminister
Dariusz Rosati den Nationalfeiertag seines Landes am
3. Mai dieses Jahr nicht in Polen, sondern in Deutschland feierte. Dieses Ereignis zeigt, wie weit Polen und
Deutschland bei der Erneuerung ihrer Beziehungen
und dem Verheilen alter Wunden gekommen sind.
Ein weiteres Beispiel sind persönliche Kontakte. Als
Institution, die sich der multikulturellen Bildung verschrieben hat, kennen Sie die Vorteile, wenn Parlamentsabgeordnete, Geschäftsleute und interessierte
Bürger zusammentreffen, um gemeinsame Probleme
zu erörtern und Ideen auszutauschen. All diese
Bestrebungen leisten einen Beitrag zum Aufbau
dauerhafter Verbindungen, die die polnisch-deutschen
Beziehungen bereichern und stärken.
Multilaterale Bestrebungen wie die militärische Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und
Polen sind ein anderer Weg zur Stärkung von Kontakten und dem Auffinden gemeinsamer Interessen.
Derartige Bestrebungen können alte Grenzen abschaffen und die Stabilität Europas stärken.

Seite 2

Parallel zu dieser Initiative wird eine neue, vielversprechende Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt an
der Oder und Yuma (Arizona) begründet, die beim
bevorstehenden Besuch des Bürgermeisters von
Yuma offiziell ins Leben gerufen wird.
Die Vereinigten Staaten als europäische Macht und als
ein Land mit vielen Bürgern, die Vorfahren in diesem
Teil der Alten Welt haben, sind an der Ausweitung von
Stabilität und Wohlstand in dem neuen, geeinten
Europa interessiert. Ob man sich unsere Bestrebungen in den baltischen Staaten, die Investitionen
amerikanischer Unternehmen in den östlichen Bundesländern, die Bestrebungen zur Entsorgung von
Altlasten auf den ehemaligen Militärstützpunkten oder
die Finanzhilfeprogramme der Vereinigten Staaten
betrachtet - man spürt das aktive Interesse der
Amerikaner an der Anknüpfung neuer Beziehungen
und der Entwicklung engerer Kontakte.
Mit einem Investitionsvolumen von 12 Milliarden Mark
sind die Vereinigten Staaten der größte Investor in den
neuen Ländern. Die jährlichen Steigerungsraten

AMERIKA DIENST 10

�betragen mehr als 20 Prozent. Damit sind 50.000
Arbeitsplätze neu geschaffen oder gesichert worden.
Die Investitionen sind ein wichtiger Beitrag zum
Wachstum dieser Region und der Schlüssel für die
wirtschaftliche Zukunft der neuen Bundesländer.

Bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zählen
jedoch nicht nur Investitionen, sondern auch vertiefte
Information und Kommunikation. So haben wir versucht, unsere Erfahrungen mit neuen Finanzierungskonzepten wie Risikokapital in den neuen Ländern
publik zu machen.

Bundeskanzler Kohl hat kürzlich auf einer Tagung der
American Chamber of Commerce in Germany das
Engagement der USA als führender Investor ausdrücklich gewürdigt. In der Welt nach dem Ende des Kalten
Krieges sind diese Investitionen die wesentlichen
Pfeiler der Brücken über den Atlantik.

Wirtschaftliches Engagement führt auch zu verstärkten
zwischenmenschlichen Kontakten. Das Engagement
von Dow Chemical hat 40 amerikanische Familien in
den Raum Leipzig gebracht. Es entstand eine internationale Schule mit amerikanischen Lehrplänen, die
auch für deutsche Schüler interessant ist.

Zu den wichtigsten Investitionsprojekten gehören:

Wichtig ist, daß wir das "networking" verstärken. Ich
selbst habe vor kurzem mit dem Vorsitzenden der
Max-Planck-Gesellschaft an einer Konferenz der
Universität Leipzig teilgenommen, um nach Wegen zu
suchen, das "networking" zwischen Wissenschaftlern
in den neuen Ländern und den USA zu beschleunigen.
Eine derartige transatlantische Forschungsinfrastruktur

Die Mehrheitsbeteiligung von Dow Chemical in
Höhe von vier Milliarden DM in der Chemieindustrie der neuen Länder.
Coca Colas Engagement von mehr als einer
Milliarde DM in Abfüllanlagen, Zuteilungs- und
Verkaufszentren.
Die neue Halbleiterfabrik, die der amerikanische Konzern AMD in Dresden baut. Diese
hat ein Volumen von 1,2 Milliarden DM. Damit
faßt einer der zukunftsträchtigsten Industriezweige in den neuen Ländern Fuß, der entscheidend für die Hochtechnologie in den
neuen Ländern wie auch in Osteuropa sein
wird.
Investitionen von mehr als einer Milliarde DM
in das Automobilwerk Opel in Eisenach, wo
das aufgebaut wird, was wir auf amerikanisch
eine state-of-the-art Fabrik nennen. Diese
Fabrik setzt Maßstäbe für den Automobilbau in
ganz Europa.
Aber nicht nur die publizitätsträchtigen großen Projekte
sind wichtig. Über 300 amerikanische Firmen - dazu
zählen das verarbeitende Gewerbe, die Bereiche
Landerschließung und Bau, Unternehmensberatung
und Handel - sind in den neuen Bundesländern aktiv
und agieren im gesamten Spektrum wirtschaftlicher
Aktivitäten durch Errichtung von Niederlassungen,
Firmenvertretungen und Franchise-Unternehmen.
Gleichzeitig pflegen wir eine enge Zusammenarbeit
zwischen der Botschaft und der American Chamber of
Commerce zur Förderung von Investitionen. Wir haben
gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig,
Weimar/Erfurt und Potsdam organisiert, die ein
großartiges Beispiel dafür waren, wie die Partnerschaft
zwischen dem öffentlichen und dem Privatsektor
amerikanische Investitionen fördern und eine starke
neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen kann. Und wir werden diese Tradition
dieses Jahr in Dessau fortsetzen.

AMERIKA DIENST 10

ist unverzichtbar, wenn Technologie und Wissenschaft

eine immer größere Rolle bei Investitionsprojekten
spielen.
Unsere Aktivitäten hierzulande sind jedoch nicht nur
wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln unser Engagement
für die Zukunft dieses Kontinents wider - eine auf den
Werten Demokratie und freie Marktwirtschaft basierende Zukunft. Ein anderer Aspekt ist für die hier lebenden Amerikaner ebenfalls von Bedeutung - die Möglichkeit, den kulturellen und historischen Reichtum in
diesen Teilen der Welt wiederzuentdecken, die so
lange unzugänglich waren. Die Wiederentdeckung
und Verbindung der Teile Europas, die früher getrennt
waren, sowie der Kulturaustausch zwischen Zentralund Osteuropa und Westeuropa ist eine der interessantesten Entwicklungen. Europa und die Welt
werden durch diese Erfahrung reicher. Natürlich ist
das nicht einfach und geschieht auch nicht automatisch. In einigen Teilen Westeuropas akzeptiert man
die Tatsache nur zögernd, daß es einen völlig neuen
wachsenden und dynamischen Teil Europas gibt. Hier
im Zentrum Europas ist noch viel zu entdecken und zu
würdigen.
Häufig haben die Amerikaner einen natürlichen Hang,
diese früher isolierten Teile Europas zu entdecken.
Viele Amerikaner haben hier ihre kulturellen Wurzeln.
Ungefähr 60 Millionen Amerikaner sind deutscher
Herkunft und Millionen andere haben ihre Wurzeln in
der jetzigen Tschechischen Republik, der Slowakei,
Polen, Ungarn und den Baltischen Staaten.
Genau diese prägenden Verbindungen wurden
kürzlich von Vaclav Havel in seiner Rede vor dem
Deutschen Bundestag angesprochen. Präsident Havel
äußerte:

Seite 3

�"Der Mensch, wie bekannt, ist keine
Erscheinung an sich, deren Identität
in keinem Zusammenhang mit ihrer
Umgebung stünde und davon völlig
unabhängig wäre.
Im Gegenteil:
Unsere Identität wird durch zahlreiche
Schichten oder Kreise dessen mitgestaltet, was im allgemeinen als
unser Zuhause bezeichnet werden
kann."
Kontakte sind von lebenswichtiger Bedeutung und
schaffen dauerhafte Verbindungen. Sie reichen jedoch
nicht aus, um dauerhafte Sicherheit und Stabilität in
einer Region zu schaffen, die von so vielen Kriegen
heimgesucht wurde. Das wichtigste multilaterale Ziel
der Vereinigten Staaten besteht im Aufbau von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden Herausforderungen vor.
Mit der Umgestaltung der NATO verfolgen wir folgende
Ziele: Einbeziehung von Frankreich und Spanien in die
integrierte Militärstruktur, Aufnahme neuer Mitglieder,
Aufbau guter Beziehungen zu Rußland, Stärkung
unserer Beziehungen zu den Partnerstaaten. In
Anbetracht des für Juli anberaumten NATO-Gipfels in
Madrid und der laufenden Arbeit am Aufbau neuer
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland stehen
wir vor enormen Herausforderungen aber auch großen
Chancen.
Wir verfolgen nicht nur die Mitgliedschaft von neuen
Staaten, sondern parallel dazu sollen neue Beziehungen zwischen Rußland und der NATO geknüpft
werden, um zur Überwindung der alten Denkweise,
alter Feindseligkeiten und Konflikte beizutragen. Wir
wollen Rußland ein Stimm-, aber kein Vetorecht
einräumen und unter Beweis stellen, daß Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist. Ferner haben wir
unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine Verringerung der
militärischen Fähigkeiten des Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt.
Außenministerin Albright und NATO-Generalsekretär
Solana arbeiten weiterhin mit ihren russischen Amtskollegen an dieser Frage. Wir hoffen, daß wir in den
nächsten Wochen Fortschritte machen können. Die
Arbeit an dieser Charta wird heute und morgen (am 13.

Seite 4

und 14. Mai) in Moskau fortgesetzt. Sie ist jedoch erst
beendet, wenn die Substanz der Charta stimmt.
Die Sicherheitsagenda wird verändert, um den Anforderungen des neuen Jahrhunderts gerecht zu
werden. Dasselbe kann über die kulturelle Präsenz
der Vereinigten Staaten in Europa gesagt werden, die
sich verändert und gleichzeitig stark und lebensfähig
bleibt. Die menschlichen Bande stellen einen der
dauerhaftesten Beiträge zu Verständigung und
Freundschaft zwischen Deutschland, den Vereinigten
Staaten und Zentraleuropa dar. Das ist ein Grund
dafür, daß die Vereinigten Staaten so großes Interesse
an der Erneuerung dieses Pfeilers unserer Beziehungen haben.
Wie Sie in der akademischen Welt wissen, stellen
Austauschprogramme für Studenten ein besonders
lebendiges und ausbaufähiges Gebiet dar. Tausende
von Studenten überqueren jährlich den Atlantik, um
Erfahrungen auszutauschen und - vor Ort - etwas über
Umfeld und Kultur des anderen zu lernen. Es sind
diese intensiven Beziehungen, die ich neben den
zahlreichen kulturellen Kontakten zwischen uns
hervorheben möchte, um die These zurückzuweisen,
es gäbe einen Kulturbruch zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten.
Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Beziehungen sind
zu umfassend, zu vielfältig und zu dynamisch, um nur
in Beschreibungen von Aktivitäten einiger weniger
Institutionen eingefaßt zu werden. Denken Sie an die
Amerikaner deutscher Herkunft, die nicht nur in den
Vereinigten Staaten eine wesentliche Rolle spielten,
sondern auch in der Weltgeschichte - beispielsweise
Albert Einstein und Henry Kissinger. Und Levi Strauss
hat nicht Weltgeschichte gemacht, aber er ist hier
wahrscheinlich gut vertreten.
Unsere Beziehungen bestehen aus vielen Brücken,
nicht nur aus einer. Unsere Kontakte verändern sich
und passen sich an die uns umgebenden neuen
Realitäten an.
Derzeit gestalten wir unsere Präsenz in Deutschland
um. Wir stützen uns dabei in zunehmendem Maße auf
Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten,
Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen,
Investoren und Geschäftsleute. Ihre individuellen
Bestrebungen sind Teil eines noch engmaschigeren
Netzes von Clubs und Organisationen, die die
deutsch-amerikanische Freundschaft fördern und die
Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir werden uns der gemeinsamen historischen Erfahrung bewußt durch das U.S.

AMERIKA DIENST 10

�Holocaust Memorial Museum, das Alliierte Museum
und das Haus der Geschichte der Bundesrepublik
Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag stoßen auf großes Interesse. Der 1983
begonnene Austausch zwischen Kongreß und Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der 1987 gegründeten Studiengruppe Deutschland des Kongresses sind Beweis für
den ungebrochenen Einsatz dieses Gremiums für die
Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten.
Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und die deutsch-amerikanischen Clubs haben die
deutsch-amerikanischen
Beziehungen
dauerhaft
geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie sind auch im
Sozialleben ihrer Gemeinden aktiv.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Aktivitäten des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg - die Bereitstellung von elf Kinderspielplätzen - auch heute noch einen Beitrag zur
Gemeinde leistet. Wenn ich daran denke, wieviele
Generationen von Kindern durch solche Projekte gute
Erfahrungen gemacht haben, kann ich nur meine
Überzeugung wiederholen, daß durch diese privaten
Initiativen sehr viel Gutes getan werden kann. Wenn
man sich bewußt macht, daß diese Initiativen mit
einem Minimum an Unterstützung durch die Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist das ein
überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute für die
Gesellschaft tun können.

AMERIKA DIENST 10

In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere
die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.
Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein wichtiger Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs ein Verständnis davon, was durch gemeinsamen Einsatz für
eine gute Sache bewirkt werden kann.
Ich freue mich berichten zu können, daß viele neue
Pläne für die Ausweitung von Kontakten zwischen
Deutschen und Amerikanern bestehen. In Berlin wird
die American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein Büro in Berlin. Und der
Austausch zwischen dem amerikanischen Militär und
Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln.
Aus diesem Grund ist es so wichtig für jeden einzelnen
von uns, zu prüfen, wie wir zur Stärkung der persönlichen Bande zusammenarbeiten können, um neue
Gelegenheiten für den Austausch von Erfahrungen
und ihre künftige Nutzung zu finden.
Wir beginnen unsere Arbeit nicht in einem Vakuum.
Vielmehr stehen wir auf einer soliden Basis gemeinsamer Interessen und Werte - unser wachsamer
Schutz der Freiheit, unser Engagement für Demokratie, unser Streben nach Erhalt von Frieden und
Stabilität in Europa. Diese Prinzipien einen die
Vereinigten Staaten und ihre Partner in Europa seit
Jahrzehnten.
Abschließend möchte ich die in Reichweite von
Studenten wie Ihnen liegenden Chancen hervorheben,
einen Beitrag zur Umgestaltung Europas zu leisten.
Ihr Geist ist nicht von alten Paradigmen und überholter
Denkweise belastet, zu deren Überwindung wir in
älteren Generationen uns immer wieder bewußt
aufrufen müssen. Unmittelbar vor Ihnen liegt die
Chance, die Zukunft zu gestalten.

Seite 5

�Betrachten Sie einen Moment die Worte Victor Hugos,
der sagte: "Die Zukunft hat viele Namen.

Für die Überlegten und Mutigen ist sie das Ideal."

Für die Schwachen ist sie das Unmögliche.

Auch Sie sollten nach dem Ideal streben. Die Chance
liegt direkt vor Ihnen.

Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte.

Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 10

�USA-DEUTSCHLAND
21. Mai 1997

Die Bedeutung der Forschungskooperation
für die deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

LEIPZIG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 7. Mai 1997 an der Universität
Leipzig hielt.

Ich freue mich sehr über die Gelegenheit, heute hier in
Leipzig zu Ihnen sprechen zu dürfen. Jedes Mal,
wenn ich diese historische Stadt besuche, erinnere ich
mich an die dramatischen Veränderungen, die hier
stattgefunden haben. Vor fünfzig Jahren versprach
George Marshall wirtschaftliche Hilfe und einen neuen
Anfang für Europa. Allerdings konnte ein Teil Europas
- genauso zerstört wie der Rest des Kontinents - sich
nicht daran beteiligen. Und als William Fulbright es
jungen Menschen - Studenten und Wissenschaftlern ermöglichte, ins Ausland zu reisen und sich am freien
Austausch von Menschen und Meinungen zu beteiligen, war die Hälfte Europas davon ausgeschlossen. In dieser Stadt, während der großen Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Ring - nur wenige
Meter von hier entfernt - begann eine Revolution.
Diese Revolution brachte letztlich die SED-Herrschaft
zu Fall und verhalf diesem Teil Deutschlands sowie
den Ländern Osteuropas zur Freiheit.
Im Laufe der letzten vierzig Jahre haben wir oft davon
gesprochen, Brücken über den Atlantik zu bauen. Wir
haben den Meinungsaustausch und den Austausch
von Bürgern unserer Länder gefördert. Dies beinhaltet
politischen Dialog und Beratung ebenso wie wirtschaftliche Zusammenarbeit, kulturelle Kontakte,
Studentenaustausch, Städtepartnerschaften und natürlich - die wissenschaftliche Zusammenarbeit. Die
Kooperation von Forschern und Studenten ist ein
Grundelement unseres Verständnisses und der
Zusammenarbeit. Die professionelle Zusammenarbeit
und die persönlichen Freundschaften, die daraus
erwachsen sind, gehören zu den Herzstücken unserer
bilateralen Beziehungen.

AMERIKA DIENST 10

Das Symbol der Brücke ist oft eine angemessene
Analogie zur Beschreibung unserer bilateralen Austauschprogramme. Als ich aber meinen heutigen
Redebeitrag vorbereitete, habe ich erkannt, daß dieses
Symbol unsere wissenschaftlichen Beziehungen nicht
länger adäquat wiedergibt. Wir sehen den gegenwärtigen Stand der deutsch-amerikanischen wissenschaftlichen Kooperation mehr als ein dynamisches
Netzwerk. Das Netzwerk hat einen stabilen Kern,
aber außen verändert es sich und wächst unter dem
Einfluß zahlreicher äußerer Faktoren.
Die neuen Technologien üben sicher einen starken
Einfluß auf unsere Forschungsbeziehungen aus, denn
damit ist die Interaktion einfach und effizient geworden:
Delta Airlines fliegt täglich von Berlin nach New York.
Telefon, Faxverbindungen und E-mail ermöglichen uns
den unmittelbaren Kontakt miteinander. Und wenn wir
"online" miteinander kommunizieren, dann sind wir
über das Internet virtuell präsent im "Global Village"
und im "Cyberspace". Es kann Ihnen passieren, daß
Sie gar nicht mehr genau wissen, wo die Person, mit
der Sie Kontakt aufnehmen, sich gerade aufhält. Oder
wo sich der Computer befindet, von dem Sie sich
Informationen herunterladen.
Im globalen Wettstreit um Wissen, Technologie und
Innovation zählt nur noch die verfügbare Information,
das vorhandene Fachwissen. Viele unserer internationalen Firmen nutzen dies zu ihrem Vorteil. Wenn
die Mitarbeiter der deutschen Forschungsabteilung
abends nach Hause gehen, werden die Daten in die
USA überspielt, wo gerade ein neuer Arbeitstag
begonnen hat. Acht Stunden später wird die Arbeit
fortgesetzt von Industrieforschern in Japan oder

Seite 1

�anderen asiatischen Ländern. Was vor nicht allzu
langer Zeit als Zukunftsmusik gegolten hätte, ist heute
Realität. Dies ist einer der Gründe, warum wir für
unsere Konferenz den Titel "Netzwerke" vorgeschlagen haben.
Mit diesem Titel möchten wir jedoch Ihr Augenmerk
auch auf die Komplexität der Bindungen zwischen
deutschen und amerikanischen Forschern lenken.
Die heutigen wissenschaftlichen Verbindungen haben
viele Facetten und Verknüpfungen. Sie existieren auf
verschiedenen Ebenen und nehmen verschiedene,
manchmal sich überlagernde Formen an. Dies reicht
vom einmaligen bilateralen Austausch von Forschungsergebnissen oder Publikationen bis zur
langfristigen, kontinuierlichen Zusammenarbeit in der
Forschung. Sie bestehen auf der Ebene des einzelnen Wissenschaftlers ebenso wie auf regionalem
oder institutionellem Niveau, oder in Kombination aller
Möglichkeiten. Wir haben zwar einen technischen
Begriff gewählt, um den Stand unserer Forschungszusammenarbeit zu beschreiben. Wir sollten aber
bedenken, daß zu einem Netzwerk mehr gehört als
technische Anschlüsse, Gateways und Hochgeschwindigkeitsverbindungen. Im innersten Kern der Partnerschaft finden wir Deutsche und Amerikaner mit dem
gemeinsamen Wunsch zu forschen, zu entdecken und
Erfolg zu haben.
Besonders hervorheben möchte ich, daß ein Netzwerk
integrieren kann und fähig ist, sich an neue und
veränderte Umstände anzupassen. Wir sind nicht nur
daran interessiert, die bestehenden Verbindungen und
Verknüpfungen zu pflegen. Wir möchten vielmehr
auch die Netzwerke erweitern, um immer mehr Partner
aus den neuen Ländern einzubinden.
Später werden einige Wissenschaftler über ihre
persönlichen Erfahrungen in Bereich Austausch und
Zusammenarbeit berichten. Lassen Sie mich Ihnen
einen Überblick geben, wie umfangreich das deutschamerikanische Kooperationsnetzwerk ist. Im Bereich
der Industrieforschung sind unsere beiden Länder eng
verbunden. Deutsche Firmen betreiben mehr als 100
Forschungslabors in den USA. Diese Einrichtungen
sind vor allem in den Sektoren tätig, in denen die
deutsche Wirtschaft besonders stark ist, also im
Automobilbereich, in der Chemie und in der pharmazeutischen Industrie.
Umgekehrt haben amerikanische Firmen erheblich in
ihre deutschen Forschungskapazitäten investiert.
Allein im Jahr 1993 waren dies mehr als 3 Milliarden
Dollar.
Angesichts der jüngsten amerikanischen
Investitionen in den neuen Ländern wird diese Zahl
noch ansteigen. Ich möchte hier Dow-Chemical in
Sachsen-Anhalt, Opel in Thüringen und AMD in
Sachsen nennen. Damit ist Deutschland der bevorzugte ausländische Standort für die Forschung
amerikanischer Firmen.

Seite 2

Es gibt weitere Beispiele für die Internationalisierung
der Forschung. Amerikaner sind die bevorzugten
Partner der meisten deutschen Wissenschaftler. Etwa
ein Viertel aller internationalen Projekte in Deutschland
werden in Verbindung mit einem US-Partner durchgeführt. Zwar sind umgekehrt die USA nicht ganz so
konzentriert auf Deutschland, aber im Hinblick auf
gemeinsame Vorhaben sind die Deutschen immer bei
den drei Besten. Die Zusammenarbeit mit Deutschland macht etwa 10 Prozent aller internationalen
Programme in den Vereinigten Staaten aus. Nur zwei
Länder, beide englischsprachig, erreichen dieses
Niveau: Kanada und Großbritannien.
In unseren beiden Ländern sind die Universitäten
Bastionen der Forschung und der neuen Ideen. Da wir
heute in einem Universitätshörsaal zusammen-gekommen sind, ist der Hinweis angebracht, daß es mehr
als 500 Kooperationsabkommen zwischen deutschen
und amerikanischen Universitäten gibt. Diese Kontakte gehen zurück bis ins Jahr 1954, als die Universität
Bonn ihr Kooperationsprogramm mit der Universität
von Wisconsin in Madison aufnahm. Ein Jahr später
folgte die Verbindung der Universität Köln mit der
Universität von Kalifornien in Berkeley, und die
Partnerschaft der Universität von Minnesota mit der
Freien Universität Berlin.
Heute sind Hunderte von Universitäten auf beiden
Seiten beteiligt, viele auch in den neuen Bundesländern. Allein die Universität von Washington in Seattle
unterhält seit 1975 Kooperationsabkommen mit zehn
deutschen Universitäten, darunter der Hochschule
Weimar. Die Leipziger Universität hat sechs Partnerschaften. Darunter sind nicht nur Programme mit
anderen amerikanischen Universitäten, sondern auch
mit den National Institutes of Health - der führenden
amerikanischen Forschungseinrichtung in der Medizin
und den Biowissenschaften. Die National Institutes of
Health sind heute hier vertreten durch Prof. Henry
Webster, dessen Beteiligung an der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit ich gerne hervorheben
möchte.
Wir haben Sie heute aber nicht eingeladen, um den
beiderseitigen Nutzen unseres wissenschaftlichen
Netzwerkes zu betonen. Ich glaube, daß Sie ohnehin
darin mit mir übereinstimmen. Als wir die Idee für eine
"Netzwerke"-Konferenz entwickelten, hatten wir
mehrere Ziele vor Augen. Als erstes und vielleicht
bescheidenstes Ziel hoffen wir, daß Sie heute Ihr
eigenes Netzwerk erweitern durch das Zusammentreffen und die Interaktion mit Wissenschaftlern aus
anderen Regionen, Instituten und Fachgebieten. Diese
persönlichen Beziehungen sind eine Grundlage für
jedes Netzwerk.
Zweitens möchten wir Ihnen im Workshop heute
nachmittag etwas vermitteln von der Vielfalt der
Möglichkeiten für die deutsch-amerikanische Zu-

AMERIKA DIENST 10

�sammenarbeit. Heute sprechen zu Ihnen Vertreter der
führenden Wissenschafts- und Austauschorganisationen Deutschlands und Amerikas. Zusätzlich bieten wir
eine Informationsbörse - eine Internet "homepage", die
Ihnen helfen soll, Kontakte zu den wesentlichen
amerikanischen Forschungs-instituten und Universitäten zu entwickeln.
Schließlich - und das ist vielleicht unser ehrgeizigstes
Ziel - hoffen wir, daß unsere verehrten Sprecher heute
morgen Sie dazu anregen, den gegenwärtigen Stand
der Forschung und unsere Rolle darin zu bedenken.
Hat sich diese Rolle im neuen Deutschland verändert?
Sind die Netzwerke so schnell gewachsen, wie es
notwendig ist, um die Wissenschaftler der neuen
Länder zu integrieren? Welchen Problemen, die einer
Zusammenarbeit hinderlich sind, stehen die Forscher
gegenüber? Was könnte getan werden, um die
Hindernisse zu überwinden?
Lassen Sie mich kurz einige Felder benennen, auf
denen wir herausgefordert sind. Wir leben in einer
Zeit, in der unsere beiden Regierungen unter enormem
Druck stehen, Gelder einzusparen und die Notwendigkeit jedes einzelnen Programms zu prüfen und zu
rechtfertigen. Nun gibt es eine wohlbekannte Verbindung zwischen wissenschaftlicher Spit-zenleistung und
Wettbewerbsfähigkeit. Wir glauben, daß der wissenschaftliche Austausch ein effizienter Weg ist, Informationen zu übermitteln, unnötige Duplikation wissenschaftlicher Arbeit zu vermeiden und unsere beiderseitige Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.
Manche meinen, der Austausch zwischen unseren
Ländern sei etwas einseitig: Viel mehr Deutsche
gehen zu Forschungs- oder Studienzwecken nach
Amerika als umgekehrt. Wenn man sich die Statistiken
ansieht, gibt es dafür sicher einige Berechtigung.
Professor Berchem, der Präsident des Deutschen
Akademischen Austauschdienstes, hat die Vereinigten
Staaten "die spröde Geliebte" genannt. Amerikanische
Wissenschaftler sind in einem großen Land zu Hause
und mögen manchmal den Blick über die eigenen
Grenzen vernachlässigen.
Oder sie können auf
Angebote für gemeinsame Projekte aus der ganzen
Welt warten. Aber während es sicher viele Länder
gibt, die um die amerikanischen Forscher werben, sind
doch nur wenige so gut wie Deutschland darauf
vorbereitet, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Ich
möchte Deutschland ermutigen, auf seine Stärken zu
bauen: seine exzellenten Einrichtungen, sein hohes
akademisches Niveau und seine Nähe zu den europäischen Forschungseinrichtungen.
In der gegenwärtigen Debatte zum Standort Deutschland wird oft gesagt, daß es den Deutschen an
Unternehmergeist fehle. Lothar Späth, der frühere
Ministerpräsident und heutige Vorsitzende von Jenoptik, hat einmal auf den philosophischen Unterschied
zwischen dem englischen Begriff "Venture Capital"

AMERIKA DIENST 10

und dem deutschen "Risikokapital" hingewiesen:
Wenn sie eine Investition erwägen, konzentrieren sich
die Amerikaner auf die Chancen, die Deutschen auf
die Risiken. Ich möchte behaupten, daß die deutschen
Wissenschaftler
grundsätzlich
Unternehmergeist
haben. Schließlich sind Experi-mente auf der Suche
nach Wissen die Basis ihrer Arbeit. Hunderte von
neuen Firmen in der Computerindustrie, in der Biotechnologie und in der Umwelttechnologie belegen,
daß deutsche Wissenschaftler sowohl über innovative
Technologien verfügen als auch über den Unternehmergeist in der Vermarktung.
Derzeit können wir auf dem Gebiet der Gentechnik in
Deutschland - einem Feld intensiver Debatten - viele
Erneuerungen und Veränderungen beobachten. Ich
beziehe mich dabei auf die Gesetzgebung, die als
Reaktion auf die befürchteten Einschränkungen der
Forschungsfreiheit verändert wurde. Das neue deutsche Gentechnikgesetz hat die Genehmigungsverfahren für Genforschung wesentlich vereinfacht.
Die daraus resultierende Zunahme der Forschung in
diesem Bereich kann großen Nutzen in der Medizin
und den Biowissenschaften bringen. Die deutschen
Forscher haben beste Voraussetzungen für den
Wettbewerb mit der Weltspitze. Ich bin fest davon
überzeugt, daß Deutschland auf diesem Gebiet in den
kommenden Jahren eine führende Rolle spielen wird.
Bevor ich zum Schluß komme, möchte ich die Bedenken ansprechen, es könnte für die Wissenschaftler in
den neuen Ländern schwierig sein, Zugang zu den
bestehenden wissenschaftlichen Netzwerken zu
finden. Deutsche und amerikanische Institute haben
viele Jahre erfolgreich zu-sammengearbeitet, und
vielleicht wird der Nutzen aus der Integration der
Neueinsteiger nicht immer erkannt. Wir sollten immer
bedenken, daß persönliches Engagement und Initiative
den entscheidenden Unterschied machen können.
Große Fortschritte sind erzielt worden - für manche
mag es jedoch zu langsam gehen.
Zum Abschluß möchte ich sagen, daß die
wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA einen Mikrokosmos
unserer gesamten bilateralen Verbindungen darstellt.
Dieselbe Offenheit und Initiative, die wir in unsere
wirtschaftlichen und politischen Beziehungen einbringen, bereichern auch den wissenschaftlichen
Austausch. Wenn Wissenschaftler und Forscher wie
Sie Ihre Sache weiterhin mit Optimismus und Engagement vorantreiben, sind Ihnen keine Grenzen gesetzt
für das, was Sie erreichen können. Und wir auf der
anderen Seite des Netzwerks freuen uns auf die
Zusammenarbeit mit Ihnen in künftigen Projekten.
Lassen Sie mich in der Hoffnung schließen, daß diese
Konferenz einen weiteren Baustein darstellt für eine
fruchtbare Kooperation auf viele Jahre hinaus. Vielen
Dank.

Seite 3

�WIRTSCHAFT

28. Mai 1997

USA beziehen keine Stellung zur
Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
Rede des Stellvertretenden Finanzministers

NEW YORK - (AD) - Die Vereinigten Staaten unterstützen seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration, beziehen jedoch keine Stellung zur Gründung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
(EWWU), erklärte der Stellvertretende Finanzminister Lawrence Summers.
Diesbezügliche Fragen müßten die Europäer selbst beantworten, stellte Summers am 30. April 1997 bei der
Euromoney-Konferenz in New York fest. Er sprach jedoch den Einfluß an, den die Gründung der EWWU auf die
amerikanische Wirtschaft, das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem und die Rolle Europas in der Welt
haben wird.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Finanzministers.

Es ist mir ein Vergnügen, heute bei dieser wichtigen
Konferenz über "Die EWWU und das sich wandelnde
Gesicht Europas" anwesend sein zu dürfen. Wie Sie
wissen, sind die Beziehungen der Vereinigten Staaten
zu Europa seit langem der Eckpfeiler unserer
Wirtschafts- und Außenpolitik. In der Tat feiern wir in
diesem Jahr den 50. Jahrestag des Marshallplans, der
zusammen mit den Institutionen von Bretton Woods,
der OECD und unserem Militärbündnis NATO zur
Schaffung der Bedingungen für ein halbes Jahrhundert
von Frieden und Wohlstand beigetragen hat. Heute ist
das Schicksal der Vereinigten Staaten weiterhin sehr
eng mit dem Europas verbunden. Natürlich haben wir
ein Sicherheitsinteresse an dem, was auf dem europäischen Kontinent geschieht. Wir haben jedoch auch ein
elementares wirtschaftliches Interesse an dem, was
jenseits des Atlantiks geschieht.
Im Jahr 1995 betrug unser jährlicher Warenhandel mit
der Europäischen Union über 250 Milliarden Dollar,
während unser Handel mit Dienstleistungen 115
Milliarden Dollar erreichte.
Die amerikanischen
Direktinvestitionen in Europa belaufen sich auf 360
Milliarden Dollar - das ist mehr als die Hälfte aller
amerikanischen ausländischen Direktinvestitionen.
Und obwohl viele glauben, Europa sei nichts Neues
und keine wirtschaftliche Grenze, haben die amerika-

AMERIKA DIENST 10

nischen Direktinvestitionen in Europa von 1982 bis
1995 im Durchschnitt jährlich um 11,1 Prozent zugenommen, verglichen mit einer Wachstumsrate von
9,9 Prozent für amerikanische Direktinvestitionen
weltweit.
Die europäische Integration ist ein Schlüsselelement in
diesem Prozeß. Die Vereinigten Staaten unterstützen
seit langem die umfassenden Ziele der europäischen
Integration und werden dies auch weiterhin tun, obwohl
die Entscheidung über die Fortsetzung dieses Prozesses bei Europa liegt.
Die vorgeschlagene Europäische Wirtschafts- und
Währungsunion ist der letzte Schritt in dem Prozeß der
europäischen Integration und einer der komplexesten.
Er wird einen grundlegenden Wandel in der Finanzstruktur Europas und seiner makroökonomischen
Politik darstellen. Angesichts unseres Interesses an
der Zukunft Europas sollte es nicht überraschen, daß
wir die Entwicklungen an dieser Front genau verfolgen.
Gleichzeitig ist es jedoch eine europäische Angelegenheit, die von den Europäern entschieden werden muß.
Ich möchte mich von Anfang an klar ausdrücken. Ich
werden keine Stellung zu folgenden Fragen beziehen:
"Wird oder soll es eine EWWU geben?", "Wie sollte die

Seite 1

�EWWU strukturiert sein?" oder "Wer sollte beitreten?".
Diese Fragen müssen die Europäer selbst beantworten.
Ich möchte heute jedoch zu Ihnen darüber sprechen,
wie dieses Projekt wahrscheinlich die amerikanischen
Interessen beeinflussen wird. Heute Nachmittag
werde ich meine Ausführungen auf drei Themen
konzentrieren: Erstens die direkten Auswirkungen der
Einführung einer einheitlichen Währung auf die
amerikanische Wirtschaft; zweitens die Auswirkungen
der EWWU auf das internationale Wirtschafts- und
Finanzsystem als Ganzes; und drittens die Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der EWWU auf
die Vereinigten Staaten
Der Hauptmechanismus, mit dem die EWWU die
amerikanische Wirtschaft beeinflussen kann, ist ihr
Einfluß auf die wirtschaftliche Lebensfähigkeit Europas. Den amerikanischen Wirtschaftsinteressen ist gut
gedient, wenn Europa prosperiert. Ein schneller
wachsender europäischer Markt ist gut für unsere
Exporte, und ein wirtschaftlich stärkeres Europa ist auf
der ganzen Welt ein stärkerer Partner für uns.
Die westeuropäischen Volkswirtschaften haben in
vieler Hinsicht eine beneidenswerte wirtschaftliche
Bilanz erzielt - die Einkommen und der Lebensstandard sind hoch, die Inflationsrate und die Armutsgrenze niedrig. Dennoch sieht sich Europa heute mit
einer Reihe wirtschaftlicher Herausforderungen
konfrontiert. Ich möchte diese kurz erörtern, denn wie
die EWWU diese bewältigt, wird letztlich über ihren
Erfolg und ihre Auswirkungen auf die Vereinigten
Staaten entscheiden.
Hohe Arbeitslosenquoten in einem Großteil Europas
sind das offensichtlichste Symptom der wirtschaftlichen Herausforderungen Europas.
Langfristige
Arbeitslosigkeit hat enorme Kosten an entgangenem
Output und vergeudeten Leben zur Folge. Dies trifft
insbesondere auf die Jugendlichen zu. In mehreren
europäischen Ländern ist jeder Vierte Anfang zwanzig
arbeitslos, 40-50 Prozent der Arbeitslosen sind seit
über einem Jahr ohne Arbeit.
Europäische Beobachter haben auch auf andere
Herausforderungen verwiesen. Die große Zunahme
der Verschuldung des öffentlichen Sektors in vielen
europäischen Ländern in den vergangenen 15 Jahren
erfordert große Aufmerksamkeit. Um die Konvergenzkriterien des Maastricht-Vertrags einhalten zu können,
haben viele europäische Regierungen ihre Bestrebungen zur Kontrolle der Haushaltsdefizite erheblich
verstärkt.
Dank dieser Fortschritte konnten die
Zinssätze in den vergangenen Jahren beträchtlich
gesenkt werden, und niedrigere Zinssätze in Europa
halten auch die Zinssätze in den Vereinigten Staaten

Seite 2

niedrig. Dennoch sehen sich die meisten europäischen Länder ebenso wie die Vereinigten Staaten
aufgrund der Überalterung der Bevölkerung und der
damit einhergehenden Belastung der Renten- und
Krankenkassen dauerhaften
Herausforderungen
gegenüber. Wir alle wissen, wie unpopulär es sein
kann, diese Probleme anzusprechen, insbesondere
wenn sie eine Reform der Versicherungsansprüche
beinhalten.
Die Regierungen in Europa wissen, was getan werden
muß, und sie haben wiederholt angedeutet, daß sie die
Verabschiedung der zur Bewältigung der hohen
Arbeitslosigkeit und der drohenden Haushaltsengpässe erforderlichen langfristigen Strukturreformen
beabsichtigen.
Dennoch hat sich die Erlangung des politischen
Konsenses zur Lösung dieser Probleme als ziemlich
schwierig erwiesen, weil die notwendigen Reformen
den Kern des sozialdemokratischen Konsenses in
Europa betreffen.
Es ist paradox, daß der Erfolg der EWWU davon
abhängt, Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen zu finden, die EWWU sie selbst jedoch
nicht direkt anspricht.
Als Mitglieder der Währungsunion werden die Länder
die Fähigkeit zur Verfolgung unabhängiger Interessen
und Wechselkursmaßnahmen verlieren, die den
Freiraum gewähren, auf länderspezifische wirtschaftliche Störungen zu reagieren. Das ist im gegenwärtigen
Kontext von besonderer Bedeutung, weil die Fähigkeit
der Länder zum Einsatz von Haushaltsmaßnahmen als
antizyklisches Instrument gravierend beschränkt wird,

bis die Defizite und der Schuldenbestand auf ein
besser zu bewältigendes Niveau gesenkt werden. In
einem solchen Umfeld macht die EWWU strukturelle
Arbeitsmarkt- und langfristige Etatreformen zur
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und Erlangung
soliden Wachstums noch erforderlicher.
Unter dem Aspekt, daß die EWWU einen Anreiz für die
von Europa einzuführenden Wirtschafts- und Strukturreformen bietet, wird sie eindeutig von Vorteil sein.
Wenn jedoch der die Währungsunion umgebende
Prozeß Europa von einigen seiner wirtschaftlichen und
strukturellen Herausforderungen ablenkt, wird er
Opportunitätskosten im Hinblick auf entgangenes
Wirtschaftswachstum mit sich bringen.
Ein erfolgreicher Übergang zur EWWU birgt das
Potential, die Fähigkeit Europas zur Inangriffnahme der
bedeutenden wirtschaftlichen Herausforderungen zu
verbessern, mit denen sich das Land konfrontiert sieht.
Die Vereinigten Staaten würden eine EWWU begrüßen, die einen glaubwürdigen, wachstumsorientierten
politischen Rahmen in Europa schafft, der mit beträcht-

AMERIKA DIENST 10

�liehen Fortschritten bei den mikroökonomischen
Hemmnissen für schnelleres Wachstum einhergeht.
Die EWWU und das globale Währungssystem
Ich möchte mich jetzt der Frage zuwenden, wie die
Europäische Währungsunion das globale Währungssystem beeinflussen würde. Die EWWU verspricht,
die dramatischste Veränderung im internationalen
Währungssystem seit dem Zusammenbruch des
Bretton Woods-Systems vor über 20 Jahren zu
werden. Sie ist ein außergewöhnliches Unterfangen
auf dem Gebiet von Währungsinnovationen. Mit
wenigen Ausnahmen gab es historisch stets ein
Verhältnis von 1:1 zwischen Ländern und Währungen.
Es gibt außergewöhnlich viele Spekulationen über die
Auswirkungen der EWWU auf den Stand des Dollar
und die Rolle des Dollar in dem System. Ich kann
diese Spekulationen für Sie heute nicht aus dem Weg
räumen. Wir spekulieren generell nicht über den
zukünftigen Wert existierender Währungen - seien sie
unsere oder andere. Diese Bescheidenheit erstreckt
sich zweifelsohne auf zukünftige Trends beim Wert
von Währungen, die noch nicht existieren. Mit diesen
generellen Einschränkungen möchte ich einige
generelle Anmerkungen über die möglichen Auswirkungen der EWWU auf das Währungssystem
insgesamt machen.
Grundsätzlich denke ich, daß der Dollar in absehbarer
Zukunft weiterhin die Hauptwährungsreserve bleiben
wird und jede weitere Aushöhlung seiner Stellung in
dem System - wenn sie geschieht - sich nur langsam
vollzieht. Es stimmt, daß die Rolle des Dollar als
Währungsreserve in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwas abgenommen hat. Seit 1973, als der Dollar
ungefähr 76 Prozent der offiziellen Währungsreserven
ausmachte, ist sein Anteil an den Gesamtreserven um
rund zehn Prozentpunkte auf ungefähr 65 Prozent
gefallen. Einigen glauben, daß dieser Prozeß sich
drastisch beschleunigen wird, weil die Investoren den
Euro als attraktiveres Investitionsinstrument ansehen
als die einzelnen Währungen, die er ersetzt.
Meines Erachtens sind die Vorhersagen aus mehreren
Gründen stark übertrieben.
Erstens benötigen die Märkte wahrscheinlich etwas
Zeit, um sich an die neue Währung zu gewöhnen und
ihr zu vertrauen. Es braucht normalerweise Zeit, bis
sich Glaubwürdigkeit einstellt. Und selbst unter den
besten Bedingungen ist es vernünftig, eine gewisse
Unsicherheit zu erwarten, wie das neue währungspolitische Regime in Europa operieren und ob der
politische Kontext, in dem es operiert, zu einer Verpflichtung zu einer so soliden Preisstabilität führen
wird, wie sie die Bundesbank demonstriert.

AMERIKA DIENST 10

Zweitens wird die Revolution auf den europäischen
Finanzmärkten, die viele im Gefolge der EWWU
erwarten, nicht über Nacht stattfinden. Es stimmt, daß
der unmittelbare Effekt der EWWU eine substantielle
Ausweitung der in Euros denominierten Vermögenswerte sein wird - vielleicht ein mehrfaches derjenigen,
die jetzt in der D-Mark denominiert sind. Dennoch wird
es immer noch unterschiedliche Einschätzungen
bezüglich der Kreditrisiken der von den Mitgliedstaaten
ausgegebenen Staatsanleihen geben.
Und die
Bandbreite verfügbarer Instrumente könnte erst in
einiger Zeit denen der amerikanischen Kapitalmärkte
entsprechen.
Und schließlich darf man die Macht der Trägheit nicht
unterbewerten. Märkte können vorausschauend und
viele Teilnehmer zuversichtlich sein, daß sie letztlich
eine dramatische Verlagerung von anderen Währungen zum Euro beobachten können, aber Vorsicht ist
angesichts von Unsicherheit auch eine mächtige Kraft.
Der möglichen Rolle der Zentralbanken in diesem
Prozeß wurde sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet.
Man muß sich jedoch vor Augen führen, daß die
Aktionen der offiziellen Behörden von denen der
Privatinvestoren in den Schatten gestellt werden. Die
gesamten offiziellen Reserven der Vereinigten Staaten,
der Europäischen Union und Japans machen weniger
als fünf Prozent der gesamten ausstehenden Staatsverschuldung und einen etwas geringeren Prozentsatz
der gesamten finanziellen Vermögenswerte aus. Und
es ist zu diesem Zeitpunkt äußerst unklar, wie die
Regierungen - sogar in Europa - auf das Erscheinen
des Euro reagieren werden.
Einige Beobachter in Europa haben den Wunsch zum
Ausdruck gebracht, dem Euro aus Prestigegründen
eine dominante Reserverolle zukommen zu lassen.
Meines Erachtens verwechselt diese Sichtweise
Ursache und Wirkung. Prestige alleine wird kein
erfolgreiches wirtschaftliches Ergebnis bewirken.
Erfolgreiche wirtschaftliche Ergebnisse schaffen
Prestige. Letztlich wird es die Glaubwürdigkeit des
neuen makroökonomischen politischen Regimes in
Europa und sein Erfolg bei der Herbeiführung einer
dynamischeren Volkswirtschaft - nicht der Währungsunion per se - sein, die den Einsatz des Euro als
Währungsreserve entscheidet.
Aus allen diesen Gründen erwarten wir, daß der
Einfluß des Euro auf das Währungssystem anfänglich
ziemlich begrenzt ist und sich nur allmählich bemerkbar macht. Aus der amerikanischen Perspektive wäre
das beste Ergebnis ein solider - von soliden europäischen makroökonomischen Maßnahmen untermauerter - Euro.
Letztlich wird die Stellung des Dollar in dem System
wahrscheinlich mehr von den Entwicklungen in den
Vereinigten Staaten als denen in Europa oder Japan

Seite 3

�abhängen. Wenn die Vereinigten Staaten einschneidende und glaubwürdige Maßnahmen beibehalten,
wird der Dollar eine solide Währung bleiben. Das
Schicksal des Dollar liegt immer noch im Großen und
Ganzen in unserer Hand.
Europas Rolle in der Welt
Ebenso wichtig für die potentiellen wirtschaftlichen
Auswirkungen der EWWU sind ihre potentiellen
Auswirkungen auf die Rolle Europas in der Welt und in
den internationalen Foren.
Dies ist nicht der Ort für Spekulationen über die
spezifischen Veränderungen der Institutionen des
Systems, das die Währungsunion letztlich benötigt. Es
gibt umfassendere Fragen bezüglich der möglichen
Entwicklung der G-7 und der Beteiligung Europas in
internationalen Foren wie den internationalen Finanzinstitutionen.
Diese Fragen müssen nicht unverzüglich angesprochen werden. Und unabhängig von der Art und Weise,
in der sie behandelt werden, ist entscheidend, daß
Europa aus dem Prozeß der EWWU mit der Fähigkeit
zur Übernahme einer aktiven, konstruktiven Rolle auf
der Weltbühne im Hinblick auf politische, währungspolitische und andere Themen hervorgeht.
Würde die EWWU die Politiker vom Handeln bei
innenpolitischen Herausforderungen ablenken, wäre
dies ebenso bedauerlich wie wenn sie Europa von den
das Land konfrontierenden wichtigen internationalen
Herausforderungen ablenken würde.
Von besonderer Bedeutung in diesem Zusammenhang
sind die Osterweiterung der EU, die europäische
Führungsrolle bei der Förderung der weiteren Integration in die Weltwirtschaft insgesamt und die
Fähigkeit Europas zur effektiven Zusammenarbeit mit
den Vereinigten Staaten und anderen Ländern bei der
Bewältigung anderer besonders besorgniserregender
Herausforderungen in der Weltwirtschaft.

*

Seite 4

Die Europäische Union zieht jetzt eine größere
Erweiterung und Integration vieler der ehemaligen
Ostblocknationen in Betracht. Dies ist ein ehrgeiziges
Unterfangen, von dem die US-Regierung hofft, daß es
Erfolg hat. Obwohl die Herausforderungen groß und
die Kosten hoch sind, ist auch die potentielle Belohnung groß. Die EU-Erweiterung würde nicht nur
eine Chance zum Transfer von Technologie und
Kapital darstellen, sondern auch für einen Transfer
demokratischer und marktorientierter Institutionen und
Kulturen. Die Tatsache, daß dies eine europäische
Lösung für ein europäisches Problem wäre, bedeutet,
daß wir auf lange Sicht ihre Tragfähigkeit erwarten
können.
Mit Blick in die Zukunft muß Europa weiterhin seine
Märkte öffnen und seine Verbindungen zur Weltwirtschaft stärken. Das erfordert ein starkes Europa mit
einem EntScheidungsprozeß, der rasches und effektives Handeln auf der internationalen Bühne gestattet.
Und es erfordert, daß Europa nicht über die Maßen
durch die andauernde innenpolitische Beschäftigung
mit den politischen und wirtschaftlichen Dimensionen
des äußeren und inneren Aufbaus der Währungsunion
beschränkt wird.
Ich möchte dort abschließen, wo ich begonnen habe.
Letztlich muß die Entscheidung der Länder Europas,
wie sie diese nächste Phase der Integration angehen,
eine europäische Entscheidung sein.
Die Vereinigten Staaten haben großes Interesse an
dem zukünftigen Wachstum und Wohlstand der
Region. Unserer Interesse besteht in der Entwicklung
einer soliden und gesunden europäischen Wirtschaft,
die für die Weltmärkte offen ist.
Die Vereinigten Staaten werden erfolgreiche Bestrebungen uneingeschränkt unterstützen, die Europa die
Stärke und das Vertrauen verleihen, die es für Fortschritte bei den Reformen und der weiteren Integration
seiner Volkswirtschaft in die übrige Welt benötigt.

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AMERIKA DIENST 10

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