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amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroM 4V

Z12462 C

7. Mai 1997

09

NATO

DIE VORTEILE DER NATO-ERWEITERUNG
Rede von Außenministerin Albright

USA-DEUTSCHLAND

DIE NATO UND DIE NEUEN
TRANSATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

NEUE INITIATIVEN ZUR FÖRDERUNG DER
DEUTSCH-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel

EINWANDERUNG

RHETORIK VERSUS REALITÄT - DAS NEUE
AMERIKANISCHE EINWANDERUNGSGESETZ
von Rosemary Jenks

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�NATO
7. Mai 1997

Die Vorteile der NATO-Erweiterung
Rede von Außenministerin Albright

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Außenministerin Madeleine Albright am 23.
April 1997 bei einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des Senats hielt.

Einleitung
Herr Vorsitzender, ich freue mich sehr über diese
Möglichkeit, über die wichtigsten außen- und verteidigungspolitischen Fragen unserer Zeit zu sprechen. Mit
unserem Erscheinen vor diesem Ausschuß leitet die
Administration ernsthafte Bestrebungen ein, bei der
Verwirklichung dieses historischen Unterfangens in
Europa partnerschaftlich mit Ihnen zusammenzuarbeiten.
Meine heutigen Ausführungen über die NATO-Erweiterung sind natürlich vorläufiger Natur. Wir haben
die ersten Beitrittskandidaten noch nicht ausgesucht.
Die Gespräche des Bündnisses mit Rußland und
anderen Nationen sind noch nicht abgeschlossen.
Aber die Grundzüge und der Kurs unserer Politik sind
klar. Im Senat wächst in beiden Parteien das Interesse, wofür die NATO-Beobachtergruppe unter
Leitung von Senator Lott nur ein Beispiel ist.
Es ist an der Zeit, unseren Dialog auf eine andere
Ebene zu verlagern, denn wenn unsere Politik erfolgreich sein soll, benötigen wir Ihre Unterstützung.
Als ich mir überlegte, was ich heute hier sagen will,
war ich zugegebenermaßen versucht, den Rat von
James Reston, dem legendären Reporter und Kolumnisten der New York Times zu befolgen, den dieser
gab, nachdem Außenminister Dean Acheson 1949
dem Senat den NATO-Vertrag vorgelegt hatte.
"Es gibt viele Arten", schrieb Reston, "wie ein Außenminister dem Senat einen Vertrag vorlegen kann, aber
die beste ist, den Senatoren alles zu erzählen. Das
versetzt sie in Erstaunen, langweilt sie schließlich zu
Tode, und mildert letzten Endes die Qual."

AMERIKA DIENST 09

Ungeachtet dieses Ratschlags, Herr Vorsitzender,
werde ich mich kurz fassen.
Zunächst einmal möchte ich das grundlegende Ziel
unserer Politik darlegen. Es besteht darin, erstmals
eine friedliche, demokratische und ungeteilte transatlantische Gemeinschaft aufzubauen. Es besteht
darin, Frieden und Wohlstand, deren sich Westeuropa
bereits seit 50 Jahren erfreut, nach Osten auszudehnen. Auf diese Weise wird Amerika starke neue
Partner für Sicherheit und Handel finden. Und wir
werden die Zuversicht gewinnen, daß unsere Streitkräfte nicht wieder zum Kampf auf europäischem
Boden aufgefordert werden.
Viele Organisationen tragen ihren Teil dazu bei,
Wohlstand und Sicherheit in Europa zu gewährleisten.
Die Europäische Union wird erweitert. Die OSZE
fördert Demokratie und hilft bei der Lösung von
Konflikten vom Kaukasus bis zum Balkan. Viele der
neuen marktwirtschaftlichen Demokratien treten der
WTO und der OECD bei.
Die NATO übernimmt jedoch die Führungsrolle,
ebenso wie sie es im vergangenen halben Jahrhundert
getan hat. Sie ist immer noch der Anker unseres
Engagements in Europa, die einzige Organisation in
Europa mit echter militärischer Macht, die einzige, die
Vertrauen und Sicherheit bieten kann, von denen
unsere anderen Ziele abhängen.
Die Debatte über die NATO-Erweiterung ist tatsächlich
eine Debatte über die NATO selbst. Es geht dabei um
den Wert der Bewahrung von Bündnissen in Friedenszeiten und um den Wert unserer Partnerschaft mit
Europa.

Seite 1

�Ich bin Diplomatin. Und ich weiß, daß der beste
Freund der Diplomaten eine effektive Militärmacht und
die glaubwürdige Möglichkeit ihres Einsatzes ist.
Diese Lektion haben wir im Golfkrieg, in Bosnien und
während der gesamten Geschichte gelernt. Und diese
Lektion müssen wir in Europa im Gedächtnis behalten,
wo wir immer noch mit Bedrohungen konfrontiert
werden, die nur eine kollektive Verteidigungsorganisation abschrecken kann.

den anderen wichtigen Staaten auf einem solchen
Kontinent gestaltet würden.

Kein Bündnis war je bei der Abschreckung von
Aggression erfolgreicher als die NATO. Während ihrer
ersten 50 Jahre bot die NATO den zerstörten europäischen Volkswirtschaften die für ihren Wiederaufbau
erforderliche Sicherheit. Sie half bei der Versöhnung
ehemaliger Feinde, wodurch die Einheit Europas
ermöglicht wurde. Sie brachte die ehemals faschistischen Nationen - erst Italien, dann Deutschland, dann
Spanien - wieder in die Familie europäischer Demokratien zurück. Sie entnationalisierte die europäische
Verteidigung.
Sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei. Und das alles,
ohne daß ein Schuß abgefeuert wurde.

Wie Sie wissen, wird die NATO beim Gipfel im Juli in
Madrid mehrere Nationen zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen einladen. Wir möchten diese Gespräche rechtzeitig abschließen, damit die Beitrittsdokumente im Dezember unterzeichnet werden
können.

Die NATO ist eine Interessengemeinschaft, die schon
vor dem Kalten Krieg bestand und ihn überlebte. Aus
diesem Grund beschlossen die Vereinigten Staaten,
ein vereinigtes Deutschland und unsere anderen
Verbündeten, das Bündnis auch nach dem Fall der
Berliner Mauer zu erhalten. Aus diesem Grund
würden weder wir noch irgendein anderes derzeitiges
Bündnismitglied auch nur daran denken, die NATO zu
verlassen oder sich auf einen verwässerten Ersatz
einzulassen, und aus diesem Grund möchten ihr jetzt
so viele andere Länder beitreten.
Gründe für die NATO-Erweiterung
Wenn eine Einrichtung wie die NATO nicht schon
bestünde, würden wir sie gründen. Wir würden eine
möglichst starke Partnerschaft mit den europäischen
Nationen aufbauen, die unsere Werte und Interessen
teilen.
Ebenso einleuchtend ist, daß ein heute zu schaffendes
neues Bündnis nicht den Eisernen Vorhang als
Ostgrenze hätte. Wir würden kein einziges demokratisches Land ausgrenzen, nur weil es früher gegen
seinen Willen dem Warschauer Pakt angehörte.
Die einzige Frage, die wir erörtern würden, lautet:
Welche demokratischen Nationen in Europa sind
wichtig für unsere Sicherheit und welche sind willens
und in der Lage, einen Beitrag zu unserer Sicherheit
zu leisten? Mit anderen Worten, wir würden nicht
durch alte Denkweisen oder Nullsummenkalkulationen
aus dem Kalten Krieg eingeschränkt. Wir würden auf
völlig neue Weise darüber nachdenken, wie ein
geeinter und freier europäischer Kontinent aussehen
würde und wie unsere Beziehungen zu Rußland und

Seite 2

Genau das geschieht bei unserer Planung für die
Erweiterung der NATO, bei der Stärkung ihrer Partnerschaft für den Frieden, dem Aufbau des neuen Atlantischen Partnerschaftsrats und der Entwicklung der
neuen Partnerschaften der NATO mit Rußland, der
Ukraine und den anderen europäischen Nationen.

1998 werden der Senat und die Parlamente unserer
Verbündeten zur Ratifizierung der Erweiterung aufgefordert. Mit Ihrer Zustimmung werden die ersten
Mitglieder 1999 beitreten.
Die NATO-Erweiterung beinhaltet die feierlichsten
Verpflichtungen, die eine Nation einer anderen gegenüber eingehen kann. Lassen Sie mich genau erklären,
warum dies in unserem Interesse liegt.
Erstens, um Europa vor einem weiteren Krieg zu
schützen.
Dreimal in diesem Jahrhundert mußten amerikanische
Soldaten in Europa - in zwei heißen Kriegen und einem
Kalten Krieg - Konflikte beenden, die ihren Ursprung in
Zentraleuropa nahmen.
Aber während des vergangenen halben Jahrhunderts
wurde Amerika nie aufgefordert, in den Krieg zu
ziehen, um ein anderes Bündnismitglied zu verteidigen. Wir haben gelernt, daß Bündnisse die Androhung
von Gewalt glaubwürdiger und daher den Einsatz von
Gewalt unwahrscheinlicher machen - daß das Versprechen, wenn notwendig zu kämpfen, es weniger
notwendig macht, zu kämpfen.
Die Vereinigten Staaten haben wichtige Sicherheitsinteressen in Zentral- und Osteuropa. Wenn Frieden
und Sicherheit in dieser Region ernsthaft bedroht
wären, wäre die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß wir
uns unabhängig von einer NATO-Erweiterung zum
Handeln entschlössen. Das Hauptargument für die
NATO-Erweiterung ist, das Entstehen einer solchen
Bedrohung abzuschrecken.
Der zweite Grund ist die Verteidigung der Errungenschaften Europas bei Demokratie, Frieden und
Integration.
Allein die Aussicht auf eine Erweiterung hat Zentralund Osteuropa mehr Stabilität verliehen als je zuvor in
diesem Jahrhundert. Alte Streitigkeiten zwischen

AMERIKA DIENST 09

�Polen und Litauen, Polen und der Ukraine, Ungarn und
Rumänien, Italien und Slowenien, Deutschland und der
Tschechischen Republik schwinden, während die
Nationen sich nach der NATO ausrichten. Demokratische Reformen machen Fortschritte. Ein Land nach
dem anderen hat sichergestellt, daß Soldaten ihre
Befehle von Zivilisten entgegennehmen.
Diese
Nationen lösen genau die Probleme, die zu einem
zweiten Bosnien hätten führen können.
Die potentiellen NATO-Mitglieder wissen, daß sie nicht
alleine dastehen, wenn in ihrer Region Frieden und
Sicherheit bedroht sind. Das gibt ihnen einen Grund,
einen destabilisierenden Rüstungswettlauf zu vermeiden. Das bedeutet, daß wir weiterhin in ganz Europa
konventionelle Waffen abbauen können. Es bedeutet,
daß das Vertrauen in der Region wachsen und
gestatten wird, daß sich auch die politischen und
wirtschaftlichen Beziehungen zu Rußland verbessern.

in der SFOR vertreten. Sie beherzigen unseren
Appell, die Beziehungen zu verbrecherischen Staaten
wie Iran und Irak einzustellen. Und sie unterstützen
die Ausdehnung demokratischer Prinzipien und
Achtung der Menschenrechte auf der ganzen Welt.
Unsere zukünftigen Verbündeten werden die Kosten
der Verteidigung der Freiheit tragen, weil sie den Preis
des Verlusts der Freiheit kennen. Jetzt ist es an uns
zu entscheiden, ob die Menschen, die den Totalitarismus in Europa zu Fall brachten und uns behilflich
waren, uns vom Kalten Krieg zu befreien, achtbare
Mitglieder der größten demokratischen Allianz der
Geschichte sind.
Der Präsident und ich sind der Auffassung, daß einige
jetzt bereit, willens und fähig sind, und wir sind zuversichtlich, daß der Senat zustimmen wird.
Antwort auf kritische Stimmen

Herr Vorsitzender, der dritte Grund ist, wie bereits
erwähnt, das Unrecht der Vergangenheit wiedergutzumachen. Wenn wir die NATO nicht erweitern,
werden wir die 1945 von Stalin gezogene Trennlinie
bestätigen, für deren Beseitigung zwei Generationen
von Amerikanern und Europäern gekämpft haben.
Das darf nicht sein. Nach dem Ende des Kalten
Krieges gibt es keine moralische oder strategische
Grundlage dafür, dem amerikanischen Volk zu sagen:
"Wir müssen uns für immer mit den alten Demokratien
Europas zusammenschließen, dürfen das aber
niemals mit den neuen europäischen Demokratien
tun."
Das würde dauerhaftes Unrecht schaffen und während
eines halben Jahrhunderts auf beiden Seiten des
Eisernen Vorhangs gebrachte Opfer verhöhnen. Und
es würde eine ständige Quelle für Spannungen im
Herzen Europas schaffen.
Der letzte Grund für die Erweiterung besteht darin, daß
sie die NATO durch die Aufnahme fähiger neuer
Mitglieder stärkt.
Verteidigungsminister Cohen wird aus erster Hand
über die militärischen Fähigkeiten der potentiellen
NATO-Mitglieder und ihre Fortschritte bei der Erfüllung
der von der NATO gesetzten Maßstäbe berichten. Ich
möchte betonen, daß die Erweiterung den politischen
und militärischen Zusammenhalt des Bündnisses
stärken wird.
Die Nationen, die wir für eine Mitgliedschaft in Erwägung ziehen, teilen unsere grundlegendsten Werte und
Wünsche für Europa und die Welt. Viele von ihnen
teilten im Golfkrieg die Risiken mit unseren Soldaten.
Ohne zu zögern entsandte jedes Land Truppen zur
NATO in Bosnien, Ungarn schuf die Grundlagen, von
denen aus die NATO ihre Mission in die Wege leitete,
und alle diese Nationen sind heute gemeinsam mit uns

AMERIKA DIENST 09

Dennoch weiß ich, daß viele weiterhin skeptisch sind.

Ich möchte ihre Sorgen so offen und direkt ansprechen
wie ich kann.
Einige sagen, die Erweiterung würde nur eine neue
Trennlinie in Europa schaffen und die unsichersten
Länder ausschließen. Wir haben jedoch zahlreiche
Schritte unternommen, um dieses Resultat zu vermeiden.
Wir haben klargestellt, daß die ersten neuen Mitglieder
der NATO nicht die letzten sein werden und die Tür
einer zukünftigen Mitgliedschaft nicht den Ländern vor
der Nase zugeschlagen werden darf, die noch nicht
bereit sind.
Die NATO leitet ferner eine Reihe interner Reformprogramme ein und stärkt ihre Partnerschaft für den
Frieden, so daß unsere Partner gemeinsam mit uns
handeln können, wann immer unsere Verbündeten
handeln. Und wir schaffen den Atlantischen Partnerschaftsrat, der aus den NATO-Verbündeten und den
Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden zusammengesetzt ist, so daß jede neue Demokratie,
unabhängig davon, ob sie der NATO früher, später und
gar nicht beitritt, ein Mitspracherecht an der Zukunft
Europas haben wird. Dieser Ansatz hat die Unterstützung unserer Partner vom Baltikum über Polen bis zur
Ukraine.
Wir unternehmen besondere Anstrengungen zur
Einbeziehung der Ukraine. Wir arbeiten auf die
Unterzeichnung eines Dokuments hin und streben die
Stärkung der praktischen Zusammenarbeit zwischen
der NATO und der Ukraine an, um das neue polnischukrainische Friedenssicherungsbataillon zu unterstützen, die militärischen Reformen zu fördern, die
Interoperabilität mit der NATO zu verbessern und die

Seite 3

�Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und ihren
Nachbarn zu ermutigen.
Es gibt nur zwei mögliche Alternativen zu dieser
Gesamtstrategie. Wir könnten die Teilung Europas wie
im Kalten Krieg einfrieren. Oder wir könnten den
kleinsten gemeinsamen Nenner für die NATO definieren, der alle einbezieht und niemandem Pflichten
auferlegt. Diese beiden Alternativen sind inakzeptabel.
Es ist weitaus besser, die stärksten Kandidaten jetzt
zum Beitritt einzuladen und die Tür für alle Demokratien offenzuhalten, die die Verantwortung der Mitgliedschaft übernehmen können.
Wir sollten uns auch vor Augen halten, daß bei der
Gründung der NATO 1949 wichtige Länder wie
Deutschland, Griechenland und die Türkei nicht
einbezogen wurden. Dennoch ließ die NATO keinen
Zweifel daran, daß sie ein direktes und materielles
Interesse an ihrer Sicherheit hatte - und es war kein
Zufall, daß die Berlin-Blockade nur einen Monat nach
der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags aufgehoben wurde. Der Einflußbereich der NATO war stets
größer als das Gebiet ihrer Mitglieder, und das wird
auch in Zukunft so sein.

Mitgliedschaft vorzubereiten. Der Gedanke, die NATO
könne für immer so bleiben wie sie ist, während die
Zentraleuropäer sich für immer glücklich an der
Partnerschaft für den Frieden ohne die Aussicht auf
einen Beitritt zum Bündnis beteiligen, ist eine Illusion.
Andere kritische Stimmen behaupten häufig, wir
brauchten uns überhaupt nicht um die NATO kümmern, weil es keine militärische Bedrohung in Europa
gibt. Größtenteils wegen Bosnien sind tatsächlich in
den letzten fünf Jahren mehr Europäer in gewalttätigen
Konflikten ums Leben gekommen als in den vergangenen 45. Es besteht also kein Anlaß zur Selbstgefälligkeit.
Gleichzeitig kann ich angesichts unserer starken
Führungsrolle, eines inzwischen stabilisierten Bosniens, des russischen Engagements in der NATO und
der Fortschritte bei der atomaren Abrüstung verstehen,
warum einige im Augenblick keine Bedrohung sehen.
Es it so, weil unsere Politik funktioniert.
Herr Vorsitzender, wenn Sie keinen Rauch sehen, ist
das kein Grund, die Beitragszahlungen für die Feuerversicherung einzustellen.

Andere sagen, wenn wir die neuen Demokratien
Europas integrieren wollen, dann könne die Europäische Union oder die Partnerschaft für den Frieden der
NATO die Arbeit allein erledigen. Offen gesagt finde
ich es etwas herablassend anzunehmen, alle diese
stolzen Nationen würden eine Teilmitgliedschaft in
westlichen Institutionen akzeptieren, nur weil sie sich
zufällig auf der falschen Seite einer veralteten Trennlinie befinden. Warum sollten sie sich mit einer
Mitgliedschaft zweiter Klasse zufriedengeben, wenn
sie bereits einen erstklassigen Beitrag geleistet
haben?

Wie jede gute Versicherungspolice wird die NATOErweiterung sicherlich Kosten mit sich bringen. Diese
Kosten sind in dem Bericht aufgeschlüsselt, den wir
dem Kongreß im Februar vorgelegt haben. Verteidigungsminister Cohen wird näher auf die militärischen
Kosten eingehen, und auch das zivile Budget der
NATO wird einen geringen Betrag übernehmen
müssen, obwohl man die genaue Höhe zu diesem
Zeitpunkt noch nicht einschätzen kann.

Die Erweiterung der EU ist von elementarer Bedeutung. Aber die von der NATO gebotene Sicherheit war
stets entscheidend für den von der EU versprochenen
Wohlstand. Die EU-Erweiterung wird von den neuen
Mitgliedern auch eine umfassende Anpassung ihrer
Vorschriften erfordern. Wenn die NATO jetzt Fortschritte machen kann, warum warten, bis beispielsweise die Tomatenzüchter in Zentraleuropa anfangen,
die richtigen Pestizide zu verwenden? Und während
die EU erweitert wird, kann nur die NATO sicherstellen,
daß ein vereinigtes Europa seine stärkste Verbindung
zu Amerika aufrechterhält.

Die NATO würde ein Relikt der Vergangenheit und
Bedeutungslosigkeit, wenn nicht sogar ihre Auflösung
riskieren. Unsere Führungsrolle in Europa würde aufs
Spiel gesetzt, und unsere Beziehungen zu unseren
traditionellen Verbündeten würden sich verschlechtern.

Die Partnerschaft für den Frieden war wirklich ein
großer Erfolg, und sie wird weiterhin von entscheidender Bedeutung sein. Wir sollten uns jedoch daran
erinnern, daß viele Nationen sich der Partnerschaft
angeschlossen haben, um dauerhafte Beziehungen
zur NATO zu entwickeln und sich auf die mögliche

Seite 4

Als Außenministerin bin ich ebenso besorgt über die
Kosten der Entscheidung gegen die Erweiterung.

Zu Recht oder Unrecht könnte man sagen, wir hätten
die Bestrebungen der Möchtegernverbündeten der
NATO nur abgeblockt, weil Rußland Einwände erhob.
In Zentraleuropa würde das Vertrauen zerstört und zu
einer Suche nach Sicherheit mit anderen Mitteln
führen, darunter Aufrüstung und zunehmende Spannungen zwischen Nachbarn. Die schlimmsten Elemente in Rußland würden ermutigt, sicher in ihrer
Überzeugung, daß Europa in neue Einflußsphären
unterteilt werden kann und sich die Konfrontation mit
dem Westen bezahlt macht. Es gäbe wenig Aussicht
auf den Aufbau einer konstruktiven Partnerschaft
zwischen Rußland und der NATO.

AMERIKA DIENST 09

�Rußland
Herr Vorsitzender, ich bin nicht der Ansicht, daß die
Diskussion über die NATO auf eine Diskussion über
Rußland reduziert werden sollte. Schließlich leben
vom Baltikum bis zum Balkan über 200 Millionen
Menschen in den anderen neuen und aufstrebenden
Demokratien Europas.
Gleichzeitig stimmen alle NATO-Partner und alle
zentraleuropäischen Demokratien zu, daß wir ein
ungeteiltes und freies Europa erst aufbauen können,
wenn ein demokratisches Rußland vollständig in
Europa integriert ist.
Das bedeutet, daß wir die beträchtliche Distanz, die
Rußland seit der Ablehnung des Kommunismus
zurückgelegt hat, sowie unser eigenes Interesse
berücksichtigen müssen, dafür zu sorgen, daß Rußland eine wichtige Rolle in Europa übernimmt - als eine
Großmacht und nicht länger als imperiale Macht. Wir
müssen uns vor Augen führen, daß Rußland sich für
Demokratie und freie Märkte entschieden und den
schlimmsten Voraussagen über seine Evolution die
Stirn geboten hat.
Angesichts der Geschichte lehnen einige den bloßen
Gedanken einer russischen Zusammenarbeit mit dem
Bündnis ab. Wir hingegen sehen Rußlands Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der NATO angesichts
der Geschichte als eine zu ergreifende Chance, nicht
als Grund, das Silber zu verstecken.
Ein Bereich der Zusammenarbeit sind unsere Bestrebungen zur Anpassung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in Europa. Die Vorschläge der NATO
zum KSE-Vertrag sind eine Reaktion auf die bemerkenswerten Veränderungen im europäischen Sicherheitsumfeld seit der Unterzeichnung des Vertrags
im Jahr 1990. Er fordert im Einklang mit den andauernden Sicherheitserfordernissen der NATO
beträchtliche Reduzierungen bei der Anzahl der in der
Region vom Atlantik bis zum Ural erlaubten konventionellen Waffen. Er kann sicherstellen, daß es nirgendwo in Europa eine destabilisierende Konzentration
militärischen Geräts gibt. Und er stellt eindeutig klar,
daß die Idee eines Vorrückens von NATO-Panzern
und Artillerie zu Rußlands Grenzen ein Hirngespinst
ist.
Ein entscheidender Teil unseres Ansatzes zur Anpassung des KSE-Vertrags ist die rechtzeitige Verabschiedung des "Flankendokuments" durch den
Senat, dem alle 30 KSE-Staaten am 31. Mai 1996
zugestimmt haben. Dieses Abkommen spricht die von
Rußland und der Ukraine zum Ausdruck gebrachte
Besorgnis über die Auswirkungen der Obergrenzen
des Vertrags für Gerät in der KSE-"Flankenzone" bei
gleichzeitiger Anwendung neuer Beschränkungen und

AMERIKA DIENST 09

spezieller Transparenzmaßnahmen wie zusätzliche
Versicherung gegen exzessive Truppenkonzentrationen an. Das Flankendokument ist ein ausgewogenes Abkommen, das den amerikanischen Interessen
dient.
Damit es in Kraft treten kann, müssen alle 30 Vertragsparteien dem Flankendokument bis zum 15. Mai 1997
offiziell zustimmen. Wenn es bis dahin nicht in Kraft
tritt, wird diese wertvolle und vernünftige Vereinbarung
aufs Spiel gesetzt, und die Aussichten auf eine
erfolgreiche KSE-Anpassung würden schwinden.
In den vergangenen Monaten hat die NATO auch die
Bedingungen einer Charta erörtert, die ihre praktische
Zusammenarbeit mit Rußland institutionalisieren wird.
Beim Gipfeltreffen von Helsinki haben die Präsidenten
Clinton und Jelzin die Möglichkeiten einer solchen
Partnerschaft umrissen.
Wir werden mit Rußland zusammen handeln können,
um die Weiterverbreitung zu bekämpfen, die Nukleararsenale zu sichern und auf humanitäre Krisen und
Bedrohungen des Friedens zu reagieren. Wir werden
auf die von unseren Truppen in Bosnien geschaffene
Zusammenarbeit aufbauen und sicherstellen, daß sie
weiter andauert, nachdem der letzte ausländische
Soldat das Land verlassen hat. Ein gemeinsamer Rat
der NATO und Rußlands wird Rußland ein Mitspracheaber kein Vetorecht einräumen - eine Chance, in
Partnerschaft mit der NATO, nicht innerhalb der NATO,
zu arbeiten. Beide Seiten werden bei Themen, bei
denen wir nicht übereinstimmen, vollständigen Handlungsspielraum behalten.
Präsident Clinton hat Präsident Jelzin gegenüber die
Grenzen eindeutig klargestellt, die wir nicht überschreiten und die Schranken genannt, die wir beim
Aufbau der Partnerschaft zwischen der NATO und
Rußland nicht errichten werden.
Erstens wird die NATO-Erweiterung ohne Verzögerung
fortgesetzt.
Zweitens wird keine europäische Nation bei den
Erwägungen außer Acht gelassen.
Drittens werden die neuen NATO-Mitglieder die
uneingeschränkten Vorteile der Mitgliedschaft genießen.
Viertens wird der neue Gemeinsame Rat der NATO
und Rußlands ein Forum für Konsultationen, Kooperation und wenn möglich gemeinsame Aktionen. Er hat
weder die Macht, NATO-Entscheidungen zu verwässern, verzögern oder zu blockieren noch den Nordatlantikrat der NATO zu ersetzen. Er wird nur in dem
Maße an Bedeutung gewinnen, in dem Rußland ihn
konstruktiv nutzt.

Seite 5

�Und schließlich wird sich die NATO weiterentwickeln,
aber ihre Kernfunktion der kollektiven Verteidigung
wird erhalten und erweitert, und die Qualitäten, die das
Bündnis zum erfolgreichsten in der Geschichte
gemacht haben, werden bewahrt.
Wie Sie wissen, möchte Rußland, daß wir in der
Charta über die Stationierung nuklearer und konventioneller Streitkräfte auf dem Territorium der neuen
Mitglieder auch definitive Verpflichtungen eingehen.
Aber wir werden bei diesem Thema keine Kompromisse machen.
Alles, was wir getan haben und tun werden, ist die
Wiederholung der unilateral bestehenden NATOPolitik: In dem derzeitigen und absehbaren Sicherheitsumfeld haben wir weder einen Plan, die Notwendigkeit und Absicht zur Stationierung von Nuklearwaffen in den neuen Mitgliedstaaten, noch ziehen wir die
permanente Stationierung substantieller Kampftruppen
in Betracht. Die einzigen bindenden Obergrenzen für
konventionelle Streitkräfte in Europa werden mit den
zentraleuropäischen Ländern und allen anderen am
Verhandlungstisch
vertretenen
Signatarstaaten
während der Anpassung des KSE-Vertrags festgesetzt.
Ich möchte auch hervorheben, daß es bei dem
zwischen der NATO und Rußland geschlossenen
Abkommen nicht darum geht, Rußland zur Zustimmung zu einer NATO-Erweiterung zu überreden. Wir
benötigen nicht die Zustimmung Rußlands zur Erweiterung. Vielmehr geht es um die Förderung eines
Ziels um seiner selbst willen: Unser Interesse an der
Förderung der Integration eines demokratischen
Rußlands und der Zusammenarbeit bei der Bewältigung der Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts.
Ich erwarte nicht, daß die russische Regierung ihre
Meinung über die Pläne des Bündnisses für die
Aufnahme neuer Mitglieder ändert. Wir müssen dieser
Tatsache ins Auge blicken, sollten sie aber auch als
das erkennen, was sie ist: Eine Frage der Auffassung
und nicht der militärischen Realität. Die NATO stellt
keine Gefahr für Rußland dar, ebenso wie Rußland
keine Gefahr für die NATO darstellt. Wir würden den
Demokaten in Rußland keinen Gefallen tun, wenn wir
etwas anderes behaupteten.

Seite 6

Das Schicksal der russischen Demokratie steht bei
den Entscheidungen des Bündnisses über die Erweiterung zweifelsohne nicht auf dem Spiel. Die
Zukunft Rußlands als freie und prosperierende Nation
wird von der Fähigkeit seiner führenden Politiker und
Bürger abhängen, eine offene Gesellschaft aufzubauen, Kriminalität und Korruption zu bekämpfen,
Wirtschaftswachstum anzukurbeln und alle in den
Genuß seiner Vorteile zu bringen. Das russische Volk
weiß, daß seine Zukunft in Moskau, in Irkutsk, in
Nowgorod entschieden wird und nicht im NATOHauptquartier in Brüssel.
Die Wahrheit ist, daß das Streben nach Freiheit und
Sicherheit in Europa kein Nullsummenspiel ist, in dem
Rußland verlieren muß wenn Europa gewinnt und
umgekehrt. Solches Denken hat während der vergangenen 50 Jahre zu enormen menschlichen und
wirtschaftlichen Kosten geführt, und wir haben die
Pflicht und die Chance, es zu überwinden.
In diesem neuen Europa haben die Vereinigten
Staaten und Westeuropa eine Chance, neue Verbündete und Partner zu gewinnen, die zu unserer gemeinsamen Sicherheit beitragen können und wollen. Die
Menschen in Zentraleuropa haben die Chance, Zeuge
der Beseitigung der Trennlinie aus der Zeit des Kalten
Krieges zu werden, die sie von der europäischen
Hauptströmung abschnitt. Die Menschen in Rußland
haben die Chance, die weitreichendste und echteste
Integration in den Westen zu erleben, in deren Genuß
ihre Nation je gekommen ist.
Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
waren wir nach Kriegsende mit der Herausforderung
konfrontiert, diese Art von Europa zu gestalten. Wir
hatten nach dem Ersten Weltkrieg die Chance, aber
allzu vielen - in den Vereinigten Staaten und andernorts - mangelte es an der Vision. Nach dem Zweiten
Weltkrieg fehlte es nicht an Vision, aber halb Europa
wurde der Chance beraubt.
Heute haben wir die Vision und die Chance zum
Aufbau eines Europas, in dem jede Nation frei und jede
freie Nation unser Partner ist. Mit fortgesetzter
überparteilicher Unterstützung durch den Senat und
das amerikanische Volk wird dies, da bin ich zuversichtlich, das Europa sein, das unsere Kinder und
Enkel kennen.

AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Die NATO und die neuen transatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

DÜSSELDORF - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 25. April 1997 beim
Jahrestreffen der American Chamber of Commerce in Düsseldorf gehalten hat.

Ich danke Ihnen für die Einladung, über ein Thema zu
sprechen, das uns allen lieb und teuer ist: Die neuen
Realitäten in den deutsch-amerikanischen Beziehungen. Es ist mir eine besondere Ehre, zu Ihnen als
Ehrenpräsident sprechen und meinen Dank für alles
zum Ausdruck bringen zu dürfen, was Sie im vergangenen Jahr zum Funktionieren unserer Partnerschaft
zwischen der Chamber und der Botschaft beigetragen
haben.
Es ist bemerkenswert, daß Bundeskanzler Kohl, der
historische Entscheidungen von der Stationierung der
Pershing II bis zu den zur Vereinigung führenden Zweiplus-Vier-Gesprächen formuliert und herbeigeführt und
der gesagt hat, "Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist ein sicheres Fundament, auf dem wir auch in
Zukunft aufbauen können", eine Rede vor dieser
herausragenden Gruppe halten wird.
Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet:
Deutschland ist vereinigt, aber was genau sind die
neuen Realitäten und was bedeuten sie für unsere
Beziehungen?
Um die neuen Realitäten zu verstehen, sollte man
tatsächlich mit dem Fall der Berliner Mauer beginnen.
Die Berliner Mauer wurde weder durch die auf beiden
Seiten massierten Armeen niedergerissen, die auf den
Ausbruch des unvermeidlichen Krieges warteten, noch
durch ein mysteriöses, historisches Ende der kommunistischen Idee. Die Berliner Mauer wurde durchbrochen und dann durch den nicht zu unterdrückenden
menschlichen Wunsch nach Freiheit gestürzt.
Auf der Grundlage der Prinzipien der Menschenrechte,
Demokratie und des menschlichen Geistes werden die

AMERIKA DIENST 09

deutsch-amerikanischen Beziehungen gedeihen - nicht
nur auf der Grundlage unseres lobenswerten gemeinsamen Engagements während des Kalten Krieges,
unserer parallelen Handels- und Investitionspolitik oder
des kulturellen Erbes der deutschen Einwanderer in
die Vereinigten Staaten.
Durch die unsere beiden Länder betreffenden Ereignisse - von der Einwanderung seit 1683 bis zum
Kampf für Freiheit im Kalten Krieg und der Vereinigung
Deutschlands - zieht sich eine historische und dauerhafte Verpflichtung zu bestimmten Prinzipien.
Beweise dafür sind überall zu finden:
in dem neuen Alliierten Museum in Berlin mit
der Geschichte der Berliner Luftbrücke und
der Verteidigung Berlins durch die Alliierten,
im Bonner Haus der Geschichte mit Exponaten, die den Aufbau der Demokratie in
Deutschland darstellen,
oder in dem Museum am Checkpoint Charlie
mit seiner Chronik der Heldentaten einzelner
Menschen, die sich von der kommunistischen
Tyrannei befreien wollten.
All dies erinnert uns an Präsident Kennedy, der sagte,
daß die stolzesten Worte eines freien Mannes sind:
"Ich bin ein Berliner."
Aber erst mit der demokratischen Revolution von 1989,
einer Revolution, die die Vereinigung Deutschlands
möglich machte, konnten die Ostberliner ihr Recht auf
Freiheit in Anspruch nehmen. Ich war als Stellver-

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�tretender Botschafter der Vereinigten Staaten in der
DDR dabei.
Die Geschichte ist faszinierend. Am 9. November
1989 eskalierte die lange schwelende Unzufriedenheit
in Ostdeutschland auf den Straßen Berlins, um ihren
Höhepunkt in einer Revolution zu finden - einer
friedlichen Revolution, aber dennoch einer Revolution.
Die Zurückhaltung der Demonstranten unter der
Führung von lutherischen Geistlichen, die äußerst
effektive NATO-Politik der Abschreckung sowie der
Wunsch von Präsident Gorbatschow nach mehr
Freiheit für die sowjetischen Völker wirkten in Deutschland in bemerkenswerter Weise zusammen, um das
klassische Element europäischer Revolutionen
zurückzuhalten: Gewalt.
Der 9. November 1989 markierte das Ende der
Berliner Mauer und der Teilung Deutschlands und
brachte den Anfang der neuen Realitäten in Deutschland und Europa. Nur dank des Weitblicks und der
Klugheit der Unterhändler des Zwei-plus-Vier-Vertrags
konnten alle Deutschen an der Freiheit teilhaben. Und
als die Entscheidung über eine Regierung für das neue
Deutschland anstand, war es die Bundesrepublik, die unverändert in ihrer verfassungsmäßigen Form - die
Verantwortung für Deutschlands neue Realität übernahm.
Unsere Aufgabe besteht jetzt darin, unsere Denkweise
und unsere Institutionen an diese neuen Realitäten
anzupassen. Deutschland und die Vereinigten Staaten
teilen ein lebhaftes Interesse an der Anpassung
unserer lebenswichtigen europäischen und transatlantischen Institutionen, damit sie uns im 21. Jahrhundert so gut dienen wie sie es in diesem getan
haben.
Obwohl die Berliner Mauer keine Konkurrenz für die
atlantische Brücke darstellte, bedarf der Sicherheitspfeiler einer Anpassung, und wir benötigen breiteren
Raum für Wirtschaft und Kultur.
Ich möchte unsere Ziele für das nächste Jahrhundert
ansprechen. Oberste Priorität ist die Schaffung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten europäischen Kontinent. Zur Erlangung dieses Ziels bereiten
wir die NATO auf das 21. Jahrhundert und die damit
einhergehenden neuen Herausforderungen vor. Das
amerikanische Volk weiß, daß die Aufgabe der NATO
im Schutz unserer Werte besteht, und wir alle wissen,
daß der Preis der Freiheit ewige Wachsamkeit ist. Wir
brauchen die NATO.
Wir gestalten die NATO zu dem Zweck um, Frankreich
und Spanien in die integrierte Militärstruktur einzubeziehen, neue Mitglieder aufzunehmen, besondere
Beziehungen zu Rußland aufzubauen und unsere
Verbindungen zu Partnerstaaten zu stärken. Angesichts des herannahenden NATO-Gipfels im Juli in

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Madrid und der kontinuierlichen Arbeit, neue Beziehungen zwischen der NATO und Rußland aufzubauen,
sehen wir uns einer Zeit enormer Herausforderungen
und Chancen gegenüber.
Wir unternehmen große Anstrengungen um sicherzustellen, daß nicht nur potentielle neue Mitglieder
ausgemacht werden, sondern auch parallel dazu neue
Beziehungen zwischen Rußland und der NATO
geknüpft werden, um zur Überwindung der alten
Denkweise, alter Feindseligkeiten und Konflikte
beizutragen. Wir wollen Rußland ein Stimm-, aber kein
Vetorecht einräumen und unter Beweis stellen, daß
Zusammenarbeit für alle Parteien von Vorteil ist.
Ferner haben wir unseren Standpunkt deutlich gemacht: Keine Mitgliedstaaten zweiter Klasse und keine
Verringerung der militärischen Fähigkeiten des
Bündnisses.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft mit
Rußland durch eine Charta zwischen der NATO und
Rußland Gestalt und Inhalt zu verleihen und hoffen,
diese bald zu verabschieden. Präsident Clinton
machte bei seinem Gipfeltreffen mit Präsident Jelzin in
Helsinki einen großen Schritt in diese Richtung, und
Bundeskanzler Kohl unternahm in Baden-Baden einen
weiteren wichtigen Schritt. Die Reise ist jedoch noch
nicht beendet, und wir werden nur dann eine Charta
verabschieden, wenn die Substanz stimmt.
Diese Bestrebungen reichen jedoch noch nicht aus.
Frieden in Europa und unsere neue transatlantische
Sicherheitspartnerschaft sind nicht gesichert ohne
Wohlstand und solide Wirtschaftsbeziehungen.
Wirtschafts- und Handelsfragen erfordern jetzt gleichermaßen unsere Aufmerksamkeit. Das ist nirgendwo deutlicher sichtbar als in der Zusammenarbeit
unserer Botschaft mit der Chamber.
Wenn ich auf meine Amtszeit in Deutschland, dieses
Mal als Stellvertretender und amtierender Botschafter
in der Berliner Republik, zurückblicke, bin ich zutiefst
beeindruckt von der engen Zusammenarbeit zwischen
der Botschaft und der Chamber. Wir haben gemeinsam Investitionskonferenzen in Leipzig, Weimar/Erfurt
und Potsdam organisiert, die ein großartiges Beispiel

dafür waren, wie die Partnerschaft zwischen dem
öffentlichen und dem Privatsektor amerikanische
Investitionen fördern und eine starke neue wirtschaftliche Präsenz in den neuen Bundesländern schaffen
kann.
Diese Konferenzen sind zu einer Art Bilanz dessen
geworden, wo wir im Hinblick auf die deutsch-amerikanischen Bestrebungen beim Wiederaufbau der
Wirtschaft in einem ehemals kommunistischen Land
stehen. Die vierte dieser Konferenzen ist für Oktober
in Dessau geplant, und ich bin zuversichtlich, daß sie
der Investitionstätigkeit und unseren Beziehungen
weiteren Auftrieb verleiht.

AMERIKA DIENST 09

�Während meiner letzten drei Jahre in Deutschland
haben wir in Deutschlands Wirtschaft bemerkenswerte
Veränderungen beobachtet. Unter der Überschrift
"Standortdebatte" hat Deutschland begonnen, sich auf
seine ernsthaftesten wirtschaftlichen Herausforderungen zu konzentrieren und strukturelle Verkrustungen,
inflexible Arbeitsmärkte und nicht wettbewerbsfähige
Praktiken in Angriff zu nehmen.
Die Chamber hat sich aktiv an dieser Debatte beteiligt.
Sie bringen eine einzigartige Perspektive, zwei
unterschiedliche Untemehmenskulturen zu überbrücken, in diese Probleme ein. Wir in der Botschaft
beteiligen uns ebenfalls an dieser Diskussion und
haben ein aktives Interesse an der deutschen Wirtschaftspolitik und ihren Auswirkungen auf amerikanische Unternehmen.
Weil unsere Volkswirtschaften so eng miteinander
verbunden sind, haben wir großes Interesse an der
wirtschaftlichen Umstrukturierung Deutschlands und
seinen Veränderungen. Wir bekräftigen die konstruktiven Äußerungen der Chamber, und meines
Erachtens können wir stolz auf unseren gemeinsamen
Beitrag zu der Standortdebatte sein.
Schließlich ist Deutschland ein besserer Standort
geworden.
Viele Entwicklungen im Bereich der
Privatisierung und Deregulierung wären noch vor zehn
Jahren undenkbar gewesen, insbesondere angesichts
der Tatsache, daß einige der Vereinbarungen im
Grundgesetz verankert und nicht leicht zu ändern
waren. Die Wiedergeburt der Behörden als Unternehmen gestaltet jedoch ebenfalls die Telekommunikations-, Energie- und Transportmärkte um.
Dieser Prozeß der Deregulierung, Privatisierung und
Einführung von Wettbewerb hat neue Chancen für
amerikanische Unternehmen und ihre Tochtergesellschaften in Deutschland geschaffen. Er hat unsere
Länder auch durch zunehmende und intensivere
Geschäftsverbindungen enger zusammengebracht.
Betrachten Sie die Liberalisierung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten.
Das Luftfahrtabkommen "Open Skies" von 1996 hat
nicht nur eine gewinnbringende Partnerschaft zwischen zwei großen Fluggesellschaften gestärkt,
sondern ist auch ein anregendes Beispiel für die
globale Luftfahrtpolitik.
Entsprechend wird die Liberalisierung des Telekommunikationswesens schließlich zu niedrigeren
Gebühren führen, was gut für die Unternehmen und
Verbraucher in Deutschland ist. Das wird eine vermehrte Benutzung des Internet zur Folge haben, die
Türen zu globalem Elektronikhandel öffnen und
Deutschlands Eintritt in das Informationszeitalter des
nächsten Jahrhunderts beschleunigen.
Echter
Wettbewerb wird jedoch nur stattfinden, wenn wir eine

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unabhängige Aufsichtsbehörde haben, die den
Wettbewerb fördert und schützt und gleichberechtigten
Zugang aller interessierten Parteien zum Netz des
führenden Anbieters gewährleistet. Hier hat Deutschland noch eine vorrangige Aufgabe zu bewältigen.
Auch bei der Arbeit an transparenteren Beschaffungspraktiken in Deutschland haben wir große Fortschritte
erzielt. Das Wirtschaftsministerium erarbeitet zur Zeit
einen Gesetzentwurf, der den effektiven rechtlichen
Schutz von Bewerbern um einen Auftrag durch einen
gerichtlichen Überprüfungsprozeß außerordentlich
verbessern wird. Von diesem transparenteren Beschaffungssystem werden aus- und inländische
Bewerber gleichermaßen profitieren.
Dennoch
erfordert dieser sich entwickelnde Prozeß weiterhin
politisches Engagement auf hoher Ebene und die
uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Chamber und
der Botschaft.
Die Deregulierung des Energiesektors ist ein weiteres
aufregendes Feld für Innovationen. Natürlich trifft sie
auf den Widerstand von Gewerkschaften und Unternehmen, die mit dem Status quo zufrieden sind, sowie
auf den von Länder- und Gemeinderegierungen. Wir
in den Vereinigten Staaten sind jedoch überzeugt, daß
die Deregulierung letztlich von Vorteil für die Verbaucher ist und ausländische Investitionen fördert. Wir
haben vor kurzem eine Reise für Vertreter der Länderund Gemeinderegierungen sowie der deutschen
kommunalen Versorgungsunternehmen in die Vereinigten Staaten organisiert, die unseren deutschen
Besuchern demonstrierte, daß Deregulierung kein
lebensbedrohliches Ereignis sein muß.
Es gibt
Anpassungsmechanismen, die neue Chancen für
diejenigen schaffen, die davon ausgingen, daß sie nur
als Monopol prosperieren können. Diese Botschaft der
"Chancen im Wandel" sollte - und wird - von der
Amerikanischen Botschaft und der Chamber verbreitet.
Gleichzeitig weiß ich es zu schätzen, daß wir und die
Chamber uns der ehrlichen Erörterung von Meinungsverschiedenheiten wie über das Helms-Burton-Gesetz
und das Gesetz über Sanktionen gegen Iran und
Libyen nicht verschließen. Wir hatten eindeutig
unterschiedliche Ansichten zur Frage der Sanktionen,
und ich verstehe natürlich den Wunsch der Unternehmer, Geschäfte und Investitionen mit so wenig Beschränkungen wie möglich zu tätigen.
Ebenso bin ich sicher, wir alle begrüßen die jüngste
Ankündigung von Botschafter Eizenstat, daß die
Vereinigten Staaten und die EU im Hinblick auf das
Helms-Burton-Gesetz zu einer vorläufigen Einigung
gekommen sind. Die EU stimmte einer Aussetzung
ihrer Klage bei der WTO zu, was angemessen ist.
Meines Erachtens können wir alle etwas aus diesem
Vorfall lernen, durch den unsere weiterreichenden
Interessen in der WTO und unsere bilateralen Bezie-

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�hungen beinahe Schaden genommen hätten. Wir in
den Vereinigten Staaten vertreten weiterhin die
Ansicht, daß der überlegte Einsatz von Sanktionen ein
angemessenes Mittel zur Förderung grundlegender
außenpolitischer Ziele ist, und wir werden argumentieren, daß unser Ansatz nicht erfolglos war. Wir erachten dies als Verzicht auf bestimmte wirtschaftliche
Vorteile beim Streben nach übergeordneten Zielen, wie
beispielsweise der Eindämmung von Terrorismus und
der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nichts Geringeres als das erwartet die Weltgemeinschaft von ihren wohlhabendsten Bürgern.
Wir haben den Eindruck, daß die Vereinigten Staaten
und Europa sich für gewöhnlich über die Ziele einig
sind, hinsichtlich der Mittel zu ihrer Erlangung jedoch
häufig nicht einer Meinung sind. Bedauerlicherweise
behindert diese Meinungsverschiedenheit beide Seiten
bei der Verfolgung unserer gemeinsamen Ziele. Die
Frage lautet: Wer sollte bei der Gestaltung einer
gemeinsamen Politik Kompromisse schließen? Bei
Kuba bewegen wir uns bereits auf eine gemeinsame
Politik zu. Um uns einander näher zu bringen, sollten
wir die parlamentarischen Austauschprogramme
intensivieren, um ein größeres Verständnis für die
Interessen des anderen zu entwickeln - und zwar
bevor die Gesetze ausgearbeitet werden.
Im Hinblick auf verbrecherische Staaten wie den Iran
müssen wir noch stärker darauf hinarbeiten, daß
unsere gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten
nicht unsere sehr viel größere grundsätzliche Übereinstimmung überschatten.
Wir sind weiterhin der
Auffassung, daß wir unsere eigenen Wirtschaftsinteressen mit solchen Staaten zurückstellen müssen,
damit sie nicht an die Ressourcen gelangen, die sie
zweifelsohne zur Unterstützung von Terrorismus, der
Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und zur
Destabilisierung ihrer Nachbarn und insbesondere des
Nahost-Friedensprozesses verwenden würden. Das
jüngste Urteil im Mykonos-Prozeß bekräftigt nur
unsere Entschlossenheit in dieser Hinsicht. Wir
begrüßen die Reaktion der europäischen Regierungen, den sogenannten "kritischen Dialog" auszusetzen
und ihre Botschafter zurückzurufen. Wir hoffen, daß
die ernüchternde Wirkung des Mykonos-Urteils nicht

nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Wir haben in
dieser Woche eine hochrangige Delegation in europäische Hauptstädte - auch nach Bonn - entsandt, um
unseren Dialog darüber zu vertiefen, wie das Verhalten
des Iran gemäßigt werden kann. Die Vereinigten
Staaten haben sich verpflichtet, eine verbesserte
Koordinierung der transatlantischen Politik in diese
Schlüsselfrage einzubringen.
Ungeachtet der staatlichen Entscheidungen muß sich
die Wirtschaft bewußt sein, daß Iran und Libyen in
unserem politischen Prozeß weiterhin heikle Themen
sind und den dem Sanktionsgesetz für Iran und Libyen
zugrundeliegenden schwierigen Kompromiß im Auge

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behalten. Wir haben absichtlich versucht, ein Gesetz
mit minimalen - sogar unbedeutenden - Auswirkungen
auf den Handel, selbst mit Iran, zu verabschieden,
während wir gleichzeitig von beträchtlichen Investitionen abraten, die Irans Fähigkeit zu terroristischen
Aktivitäten stärken könnten.
Zu einem damit in Zusammenhang stehenden Punkt:
Es wird manchmal angedeutet, diese Politik zeige, daß
Amerika immer unilateralistischer werde. Es wäre
falsch, unsere Sanktionen als Abkehr vom Multilateralismus in unserer allgemeinen Handelspolitik anzusehen. Multilateralismus wird unser bevorzugter
Kurs bei der Ausübung unserer globalen Führungsrolle
bleiben.
Die Vereinigten Staaten waren weltweit führend bei der
Gründung der WTO, des GATT, der Vereinten Nationen, der Weltbank, des IWF und praktisch jeder
anderen maßgebenden globalen Institution. Wir waren
an vorderster Front der jüngsten erfolgreichen Bestrebungen zur Abschaffung aller Zölle für Informationstechnologieprodukte. Dasselbe gilt für den lebenswichtigen Telekommunikationssektor, wo das Insistieren der Vereinigten Staaten auf offenen Marktzugang
zur Ermöglichung des jüngsten WTO-Abkommens
über Telekommunikationsdienste beitrug.
Jetzt verlassen wir uns auf die verbesserten Regeln
des multilateralen Konfliktschlichtungsmechanismus in
der WTO, den wir in 21 Fällen offiziell angerufen
haben. Wir haben Fälle gewonnen und verloren,
haben aber immer die Entscheidungen der WTO in
Handelsfragen respektiert. Natürlich erwarten wir von
unseren Partnern dasselbe, auch bei so schwierigen
Kontroversen mit der EU wie denen über Bananenimporte und Rinderhormone.
Trotz unserer gelegentlichen Differenzen besteht bei
Handelsfragen innerhalb des multilateralen Rahmens
enge Zusammenarbeit zwischen der EU und den
Vereinigten Staaten sowie zwischen Deutschland und
den Vereinigten Staaten. Die jüngsten WTO-Abkommen über Telekommunikations- und Informationstechnologie waren das Ergebnis gemeinsamer Ansätze der Vereinigten Staaten und der EU bei der Marktöffnung.
Die Grundlage für das Informationstechnologieabkommen wurde eigentlich durch den transatlantischen Wirtschaftsdialog gelegt. Diese Initiative führte
die Wirtschaftssektoren Europas und Amerikas zusammen, um direkten Einfluß auf die Politik auszuüben.
Um auf diesem Erfolg aufzubauen, arbeiten wir jetzt an
einem beeindruckenden Bündel gegenseitiger Anerkennungsabkommen mit der EU zusammen, die die
lästigen und überflüssigen Prüfverfahren in den
wichtigsten Handelssektoren abschaffen.

AMERIKA DIENST 09

�Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand, daß die
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen
Deutschland und den Vereinigten Staaten eng und
lebhaft sind. Aber wie wir alle wissen, ist eine andere
Säule - die Säule der zwischenmenschlichen Kontakte
- ebenso wichtig.

Der Marshallplan ist jetzt Teil der gemeinsamen
Kulturgeschichte der Vereinigten Staaten und Europas.
Er beeinflußte entscheidend die politische und wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands und Westeuropas. Und er veranlaßte die deutsche Regierung
zu Investitionen in den German Marshall Fund der
Vereinigten Staaten, eine Stiftung, die das Wachstum
freier Märkte, bilaterale Austauschprogramme und die
demokratische Entwicklung in Osteuropa unterstützt.
Kluge Unternehmen wie solche, die die zahlreichen
Feiern zum Gedenken an den Marshallplan unterstützen, können mit klugen Regierungen zusammenarbeiten, um die politischen, geschäftlichen und
kulturellen Bande zu stärken und diese Bestrebungen
in unsere Beziehungen zu reinvestieren.

Allzu viele vertreten die irrige Idee, es gebe eine Art
von "Kulturbruch" zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Das Gegenteil ist der Fall. Für
die Vereinigten Staaten gibt es in ihren kulturellen
Beziehungen zu Europa keinen wichtigeren Partner als

Als Amerikaner sind wir aufgrund unserer Kultur - nicht
so sehr durch unsere Steuern - gezwungen, unserer
Gesellschaft etwas von dem in unserem Leben
gewonnenen Wohlstand zurückzugeben. Ein wunderbares Beispiel für Selbstlosigkeit und Rücksichtnahme

Deutschland.

Für Deutschland gibt es außerhalb

auf die Gesellschaft findet sich auch in Deutschland.

Europas kein wichtigeres Reiseziel für Tourismus oder
Austauschprogramme als die Vereinigten Staaten.

Erich Marx, der vor kurzem seine private Kunstsammlung dem "Museum der Gegenwart" im Hamburger
Bahnhof in Berlin stiftete, verlieh seiner Hoffnung
Ausdruck, daß dieser Geist guter unternehmerischer
Staatsbürgerschaft in Deutschland eine neue Tradition
würde. Ferner forderte er seine Landsleute und
andere Europäer auf, bestehende Einstellungen zu
überdenken, die den Privatsektor und den Einzelnen
von Beiträgen zur Kultur abhalten.

In der OECD streben wir ein Abkommen an, um
Wirtschaftskorruption im Ausland durch Angehörige
der OECD unter Strafe zu stellen und die steuerliche
Abschreibung solcher Schmiergelder abzuschaffen.
Dies sind multilaterale Bestrebungen, denen sich
Deutschland hoffentlich rechtzeitig anschließt, damit
beim OECD-Ministertreffen im nächsten Monat eine
Vereinbarung getroffen werden kann.

Bei der selektiven Lektüre einiger Zeitungen könnte
man den Eindruck gewinnen, "Das Deutschlandbild in
den Vereinigten Staaten hat sich gewandelt" oder
"Deutschland ist für Amerika nicht mehr einzigartig".
Solche Überschriften verkennen das Wesentliche. Wir
leben vielleicht wirklich nicht mehr im Zeitalter der
Selbstverständlichkeit und des automatischen Konsenses, aber wir leben tatsächlich in einem Zeitalter der
Partnerschaft.
Die Kultur ist ein Element von Beziehungen, in denen
es viele Brücken gibt. Die Mauern, die den europäischen Kontinent geteilt haben, sind gefallen, und das
Treiben auf den Brücken über den Atlantik ist geschäftiger denn je. Das Fulbright-Programm mit seinem
privatwirtschaftlichen Förderverein beispielsweise ragt
heraus und verbindet unsere beiden Gesellschaften.
Die amerikanischen Unternehmen in Europa helfen bei
der Stärkung der amerikanischen Tradition von
Kulturförderung durch den Privatsektor. Ein Beispiel
ist der Beitrag der Citibank zu einer Ausstellung aus
Anlaß des 50. Jahrestages des Marshallplans, der
Europa nach dem Krieg zu solchem Wohlstand verhalf.
Kluge Geschäftsleute wußten immer schon, daß sie
sich am öffentlichen Leben beteiligen müssen. Wie
Woodrow Wilson erklärte, ist "jeder große Geschäftsmann in gewissem Maße auch ein Idealist".
Dieser Idealismus kam am 5. Juni vor 50 Jahren zum
Tragen, als Außenminister George Marshall in der
Harvard University seine historische Rede hielt, in der
er einen Hilfsplan für die zerstörten europäischen
Länder forderte.

AMERIKA DIENST 09

Dies ist ein Bereich, in dem die neue Welt mit ihrer
Tradition, das kulturelle Erbe der Gesellschaft durch
Beiträge des Einzelnen zu schützen, Deutschland
etwas bieten kann, insbesondere in einer Zeit, in der
wir alle mit Haushaltskürzungen konfrontiert sind.
Abschließend möchte ich betonen, daß das Ende des
Kalten Krieges uns die historische Chance zum Aufbau
eines neuen, ungeteilten Europas gegeben hat. Es hat
uns die Chance zur Stärkung unserer transatlantischen Partnerschaft gegeben, damit wir ein breiteres
Spektrum globaler Fragen besser angehen können.
Wir erleben eine Zeit der Umgestaltung - in Europa, bei
den transatlantischen Beziehungen und sogar bei den
deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Außenminister Kinkel erklärte vor kurzem: "Die Pflege
der Freundschaft zu den USA ist ein ungeschriebener
Verfassungsartikel der Bundesrepublik Deutschland."
Solche Worte hört man in den Vereinigten Staaten sehr
gern, und sie stoßen bei uns auf Widerhall.
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen müssen
gepflegt werden, damit ihr dauerhafter Erfolg gesichert
ist. Wir haben viele wirtschaftliche und kulturelle
Verbindungen, familiäre Bande sowie gemeinsame
Interessen. Deutschland ist zweifelsohne der unerläßliche Partner der Vereinigten Staaten bei der

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�Lösung der wichtigsten globalen Fragen. Wir müssen
im Rahmen unserer neuen gleichberechtigten Partnerschaft zur Wahrung und zum Schutz der Freiheit
zusammenarbeiten, die wir in jenen langen Jahren des
Kalten Krieges und durch die demokratische Revolution von 1989 gewonnen haben.
Manchmal erscheint der Druck des historischen
Moments, in dem wir leben, wie eine Last. Aber wir
sollten uns an die Worte von Harry S. Truman, dem 33.

Präsidenten der Vereinigten Staaten, erinnern: "Der
Mensch gestaltet die Geschichte, nicht umgekehrt...
Fortschritte werden gemacht, wenn mutige, geschickte
Staatsmänner die Chance ergreifen, die Dinge zum
Guten zu wenden." Ich wünsche uns allen in diesem
Zeitalter neuer Realitäten das Beste für die deutschamerikanischen Beziehungen.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

�USA-DEUTSCHLAND
7. Mai 1997

Neue Initiativen zur Förderung der
deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die J.D. Bindenagel, Charge d' Affaires a.i. bei der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, am 3. Mai 1997 im Deutsch-Amerikanischen Club in
München hielt.

Da ich sehr viel von der deutsch-amerikanischen
Zusammenarbeit an der Basis halte, freue ich mich
außerordentlich, heute in meiner Eigenschaft als
Charge d'Affaires der US-Botschaft bei der Eröffnung
der 43. Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche
eine Rede halten zu dürfen. Ihre Arbeit ist in vielerlei
Hinsicht eine Verkörperung unserer Beziehungen - der
zwischenmenschlichen Bande, die unsere beiden
Länder in Freundschaft und Einvernehmen verbinden.
Ganz besonders freue ich mich, wieder in Bayern zu
sein, das meine Heimat war, als ich von 1972 bis 1974
als Leutnant der Dritten US-Division in Würzburg
stationiert war. Bayern ist Deutschland in den Herzen
vieler Angehöriger des amerikanischen Militärs, die
hier ihren Dienst tun durften. Ich werde mich immer
gerne an die Schönheit der Landschaft, das gute Bier,
den Frankenwein und vor allem den direkten und
offenen Umgang erinnern, für den die Bayern, ebenso
wie die Amerikaner, bekannt sind.
Ministerpräsident Edmund Stoiber wird für sein
Engagement für die deutsch-amerikanischen Beziehungen die Lucius D. Clay Medal verliehen. Seine
wohlbekannten Ansichten als überzeugter Atlantiker
und Befürworter der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit sind eine mehr als hinlängliche Rechtfertigung für diese herausragende Auszeichnung. Er
hat aus der Geschichte gelernt. Aber wie wir alle
wissen, lehrt er ein Fach mit dem Namen "Zukunft".
Und in dieser Zukunft sieht der Ministerpräsident
Deutschland und Amerika stolz Seite an Seite.
Wir Amerikaner wissen die begeisterte Unterstützung
von Ministerpräsident Stoiber für das amerikanische

AMERIKA DIENST 09

Militär in Bayern ganz besonders zu schätzen. Als
ehemaliger Gl kann ich Ihnen sagen, daß eine solche
Haltung unseren jungen Männern und Frauen in
Uniform bei der Bewältigung ihrer schwierigen Arbeit
und wechselnden Aufgaben eine große Hilfe ist. Die
Anerkennung der äußerst positiven Rolle der in
Deutschland stationierten amerikanischen Streitkräfte
ist eine Tradition, die wenigstens bis zu den Tagen
zurückreicht, als Franz Josef Strauß bayerischer
Landesvater war, und ich freue mich, daß Ministerpräsident Stoiber sie in dem neuen, geeinten Deutschland
fortsetzt. Vielen Dank, Herr Ministerpräsident.
Die bayerische und die amerikanische Regierung
stimmen überein, daß ihre Bürger grundlegende
kulturelle, wirtschaftliche und politische Interessen
gemein haben. Jetzt besteht ihre Herausforderung in
der Anpassung ihrer Zusammenarbeit an neue
Realitäten. Wir müssen uns die Frage stellen: "Wie
können die bayerisch-amerikanische und die deutschamerikanische Zusammenarbeit gestärkt und verbessert werden?"
Wie Sie wissen, beinhalten die neuen Realitäten bei
den bayerisch-amerikanischen Beziehungen die
Entscheidung der Vereinigten Staaten, das USInformationsamt (U.S. Information Service - USIS) aus
dem Amerika Haus - einer historischen Institution von
unschätzbarem Wert, die unsere Freundschaft zu dem
gemacht hat, was sie heute ist - ins Konsulat zu
verlegen. Das war eine schmerzhafte aber unvermeidliche Entscheidung.
Glücklicherweise bietet das
Konsulat USIS ausgezeichnete Möglichkeiten für die
Fortsetzung seiner entscheidenden Mission, Austauschprogramme zu unterstützen, Gespräche auf

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�Expertenebene zu arrangieren und die zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise im Rahmen des Städtepartnerschaftsprogramms, zu fördern.
Wir hätten diesen Schritt jedoch nicht ohne Übereinstimmung und Diskussion auf höchster Regierungsebene im US-Außenministerium und hier über den
Erhalt von Arbeit und Geist des Amerika Hauses
treffen können. Die amerikanische und die bayerische
Regierung haben sich der Einrichtung einer Nachfolgeinstitution auf der soliden Grundlage verpflichtet,
die uns 50 Jahre lang so gut gedient hat. Was können
wir tun, um die Zukunft ebenso interessant zu gestalten wie die Vergangenheit? Ministerpräsident Stoiber,
Abteilungsleiter Kornblum, meine Kollegen und ich
haben dieses Thema während des letzten halben
Jahres ausführlich erörtert.
Das amerikanische Engagement ist umfassend. Die
Regierung stiftet eine vollständige Nachschlagebibliothek mit den modernsten Informationsprodukten, die
heute auf dem Markt sind. Wir werden weiterhin
regelmäßig Vorträge herausragender amerikanischer
Experten anbieten. Wir werden der neuen Institution
unseren gesamten Bestand an Informationsmaterial
über das Studium in den Vereinigten Staaten überlassen. Und wir werden bei der Ausstattung der neuen
Institution helfen. Dies ist die Hauptrichtung des
direkten Engagements unserer Regierung, das sich
auf neue Art und Weise und in neuen Dimensionen
manifestiert.
Die Fulbright-Kommission und das
internationale Besucherprogramm unserer Botschaft
werden unseren Dialog ebenfalls intensivieren und
bereichern.
Das ist jedoch nur ein Teil unserer Bestrebungen. Ein
ebenso wichtiger Bestandteil ist das Engagement für
die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor zur Unterstützung eines von den Freunden des Amerika Hauses
organisierten umfassenden Kultur- und Informationsprogramms. Wir werden die Unternehmen einbeziehen, sie zur Mitgliedschaft bei den Freunden des
Amerika Hauses ermutigen und versuchen, die
Zusammenarbeit zwischen der Privatwirtschaft und der
Welt der Kultur zu fördern, ebenso wie wir es in den
Vereinigten Staaten praktizieren. Das ist von elementarer Bedeutung, wenn wir in der Welt nach dem
Kalten Krieg - einer Welt der interdependenten Weltwirtschaft - ein getreues Bild von uns selbst geben
wollen. Unsere Arbeitnehmer, unsere Wissenschaftler
und unsere leitenden Angestellten müssen tief in die
Quellen kultureller Kreativität vordringen, wenn sie die
notwendige Energie und Dynamik finden wollen, damit
wir auf dem Weltmarkt konkurrieren können. Und wir
wollen konkurrenzfähig bleiben.
Die Vergangenheit bietet ein starkes Fundament für
unsere Zukunft. In den langen Jahren des Kalten
Krieges vereinten unsere Länder ihre Kräfte für eine
gemeinsame Sache, und gemeinsam haben wir

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gewonnen. 1989 war ich als Stellvertretender USBotschafter in der DDR in Ostberlin Augenzeuge des
Triumphs des menschlichen Geistes, als sich die
Ostdeutschen erhoben und das kommunistische
Regime absetzten.
Heute ist Deutschland eine
demokratische, prosperierende Gesellschaft, die den
Wandel meistert und in die Zukunft schaut. Und
Präsident Clinton hat bereits 1994 vor dem Brandenburger Tor zugesagt: "Amerika steht an Ihrer Seite jetzt und für immer."
Amerika stand während des jahrzehntelangen Kampfs
gegen den Kommunismus an der Seite Deutschlands.
Wir standen an der Seite derjenigen, die in Ostdeutschland auf Freiheit in einer neuen Welt drängten.
Wir standen an der Seite beider Teile Deutschlands bei
der Vereinigung. Heute stehen wir an der Seite
unseres Verbündeten, Freundes und Partners - des
geeinten Deutschlands.
Jetzt müssen wir unsere Präsenz in Deutschland
umgestalten. Wir werden uns in zunehmendem Maße
auf Tausende von Privatleuten wie Austauschstudenten, Lehrer, jährlich den Atlantik überquerende Touristen, Investoren und Geschäftsleute verlassen. Ihre
individuellen Bestrebungen sind Teil eines noch
engmaschigeren Netzes von Clubs und Organisationen, die die deutsch-amerikanische Freundschaft
fördern und die Beziehungen zwischen unseren
beiden Ländern bereichern.
Konkret haben Deutsche und Amerikaner während der
vergangenen Jahre intensive Bestrebungen unternommen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und
Amerika auszubauen. Wir gedenken historischer
Ereignisse durch das U.S. Holocaust Memorial
Museum, das Alliierte Museum und das Haus der
Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.
Es reicht jedoch nicht aus, sich auf die Vergangenheit
zu konzentrieren. Wir müssen auch die Aktivitäten
ausweiten, die uns näher zusammenbringen und auf
die Zukunft gerichtet sind. Programme wie das
Austauschprogramm zwischen dem Kongreß und dem
Bundestag sind auf großes Interesse gestoßen. Der
1983 begonnene Austausch zwischen Kongreß und
Bundestag hat jetzt ungefähr 10.000 Ehemalige.
Das Aspen Institute Berlin fördert Kontakte und
erweitert in Berlin die Beziehungen zu Amerikanern,
Zentral- und Osteuropäern.
Die jüngsten Besuche der Studiengruppe Deutschland
des Kongresses, die 1987 gegründet wurde, sind
Beweis für den fortgesetzten begeisterten Einsatz
dieses Gremiums für die Förderung enger Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten
Staaten.

AMERIKA DIENST 09

�Von der Bundesregierung gegründete Centers of
Excellence an Universitäten wie Harvard, Georgetown
und Berkeley gewährleisten einen lebhaften akademischen Austausch.
Die RIAS-Kommission fördert aktiv herausragende
journalistische Leistungen im Gedenken an den
während des Kalten Krieges geleisteten Beitrag des
Rundfunks.
Das American Institute for Contemporary German
Studies in Washington stellt im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein Forum für Gespräche über unsere
drängendsten Fragen dar.
Und natürlich haben die deutsch-amerikanischen
Clubs die deutsch-amerikanischen Beziehungen
dauerhaft geprägt. Sie haben nicht nur dauerhafte
zwischenmenschliche Bande geknüpft. Sie haben
auch einen Beitrag in ihren Gemeinden geleistet.

ich nur meine Überzeugung wiederholen, daß durch
diese privaten Initiativen sehr viel Gutes getan werden
kann. Wenn man sich betrachtet, daß diese Initiativen
mit einem Minimum an Unterstützung durch die
Hamburger Stadtverwaltung durchgeführt wurden, ist
das ein überzeugendes Beispiel dafür, was Privatleute
für die Gesellschaft tun können.
Ich freue mich berichten zu können, daß bereits Pläne
für die Ausweitung von Kontakten zwischen Deutschen
und Amerikanern gemacht werden. In Berlin wird die
American Academy for Scholars in the Arts and
Humanities gegründet. Das American Jewish Committee eröffnete vor kurzem ein festes Büro in Berlin. Und
der Austausch zwischen dem amerikanischen Militär
und Bundeswehrsoldaten, insbesondere den in den
Vereinigten Staaten stationierten, und den Millionen
von Angestellten und Familienmitgliedern deutscher
und amerikanischer Unternehmen in jedem Land ist
eine reiche Quelle für unsere nächste Generation,
neue gemeinsame Erfahrungen zu sammeln. Ich

In diesem Zusammenhang möchte ich insbesondere

hoffe, daß die Nachfolgeinstitution in München auf die

die Bedeutung des Privatsektors und von Einzelinitiativen hervorheben. Die Amerikaner fühlen sich
aufgrund ihrer Kultur - nicht so sehr durch ihre Steuern
- gezwungen, einen Beitrag zur Gesellschaft in Form
von Zeit, Wohltätigkeitsarbeit und Kunstpflege zu
leisten. Diese Idee wird im Deutschen als Mäzenatentum bezeichnet. Sie bezieht sich auf den römischen
Staatsmann Maecenas, der einen Beitrag zur Kultur
leistete, indem er Horaz und Vergil - die wichtigsten
Dichter seiner Zeit - in seinen Palast einlud.

wachsende Liste neuer Initiativen bei den deutschamerikanischen Beziehungen gesetzt wird.

Etwas von seiner Zeit, seinem Geld und seiner
Kreativität zu opfern, ist ein weiterer Beitrag zur
Gemeinschaft. Diese Denkweise ist bereits ein fester
Bestandteil der erfolgreichen Arbeit der DeutschAmerikanischen Clubs. Anstatt auf die Intervention der
Regierung zu warten, zeigen diese Clubs Sinn dafür,
was durch gemeinsamen Einsatz für eine gute Sache
bewirkt werden kann.
Kürzlich habe ich zu meiner Freude erfahren, daß eine
der ersten Leistungen des Deutsch-Amerikanischen
Clubs in Hamburg in Form von elf Kinderspielplätzen
immer noch einen Beitrag zur Gemeinde leistet. Wenn
ich daran denke, wieviele Generationen von Kindern
durch solche Projekte glücklich gemacht wurden, kann

*

AMERIKA DIENST 09

Jetzt ist es an der Zeit, über neue Aktivitäten zur
Stärkung unserer zwischenmenschlichen Kontakte und
Ausweitung unserer Vereine und Freundschaft
nachzudenken. Insbesondere jetzt, da die Bürger sich
aufgerufen fühlen, ihre Umwelt zu verbessern, anstatt
auf eine Führungsrolle ihrer Regierung zu warten,
nimmt die Rolle von Clubs wie diesem an Bedeutung
zu. Ich rufe Sie - Einzelpersonen und Clubs - auf, Ihre
erfolgreiche Arbeit fortzusetzen, indem sie neue
Möglichkeiten für die Bereicherung der deutschamerikanischen Freundschaft finden.
Heute ist es am allerwichtigsten, unsere Aufmerksamkeit auf die Zukunft zu richten. Das bedeutet nicht,
unsere Vergangenheit und die erstaunlichen Leistungen in der Basisarbeit bei den deutsch-amerikanischen
Beziehungen zu vergessen. Vielmehr bedeutet es,
sich auf unsere gemeinsamen Interessen und Werte
zu konzentrieren und gleichzeitig neue Wege zu
suchen, sie in der Zukunft zu pflegen.
Ich danke Ihnen.

*

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�EINWANDERUNG
7. Mai 1997

Rhetorik versus Realität - das neue
amerikanische Einwanderungsgesetz
von Rosemary Jenks

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Rosemary Jenks über das neue amerikanische
Einwanderungsgesetz. Jenks ist Senior Fellow im Zentrum für Einwanderungsstudien, einer Forschungsgruppe
mit Sitz in Washington.

Die weitverbreitete Panik, die amerikanische Einwanderer und Lateinamerika nach der Verabschiedung
des neuen amerikanischen Einwanderungsgesetzes
erfaßte, ist ein bedauerlicher Beweis für die Macht der
Rhetorik.
In den gesamten Vereinigten Staaten warnten Juristenvereinigungen und Bürgerrechtsgruppen legale und
illegale Einwanderer, das neue Gesetz würde zu
Massenabschiebungen, dem Verlust von Rechten und
drakonischen Strafen führen. Diese Botschaft wurde
von Politikern und Vertretern der Öffentlichkeit in
Lateinamerika aufgegriffen, von denen viele das
Gesetz als rassistisch und ausländerfeindlich bezeichneten.
Die Realität des neuen Gesetzes sieht jedoch weitaus
weniger dramatisch aus. Die Vereinigten Staaten
haben die großzügigste Einwanderungspolitik der Welt
- eine Politik, die im vergangenen Jahr 916.000
Einwanderern ein legales Aufenthaltsrecht in den
Vereinigten Staaten gewährte. Das wird sich unter
dem neuen Einwanderungsgesetz nicht ändern.
Die amerikanischen Politiker verfolgten bei der Verabschiedung dieses Gesetzes zwei Ziele: Erstens eine
deutliche Botschaft zu senden, daß die Vereinigten
Staaten eine Nation der Gesetze sind, die keine
eklatante Mißachtung des Gesetzes toleriert, wie
illegale Einwanderung sie darstellt; und zweitens, die
Hintertürchen zu schließen, die amerikanische Juristen
ausnutzten, um die Durchsetzung bereits existierender
Gesetze gegen illegale Einwanderung zu vereiteln.

AMERIKA DIENST 09

Eine Betrachtung der Bestimmungen des neuen
Gesetzes sollte die leidenschaftliche Rhetorik beenden, die zu Panikmache führte:
Das Gesetz fordert keine Massenabschiebungen. Es
macht die Abschiebung von Einwanderern einfacher
und schneller, die gravierende Verbrechen begangen
haben oder sich illegal im Land aufhalten. Ferner sieht
es Strafen für Einwanderer vor, die sich nach dem 1.
April 1997 illegal sechs Monate oder länger in den
Vereinigten Staaten aufhalten. Einwanderern ohne
Aufenthaltsgenehmigung, die zwischen sechs Monaten
und einem Jahr in den Vereinigten Staaten bleiben,
wird die erneute Einreise drei Jahre lang verboten,
während denjenigen, die ein Jahr oder länger im Land
gelebt haben, die erneute Einreise zehn Jahre lang
verboten wird.
Das neue Gesetz beraubt legale und illegale Einwanderer nicht ihres gesetzlichen Schutzes. Es
beschränkt jedoch die Möglichkeiten für gerichtliche
Überprüfungen einer vorherigen Entscheidung bei im
Abschiebungsprozeß
befindlichen
Einwanderern
sowie bei Einwandereren, die sich ohne gültige
Papiere Zugang zum Land verschaffen wollen. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, nur deswegen
eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, weil es ihnen
mehrere Jahre lang gelungen ist, nicht gefaßt zu
werden. Das neue Gesetz verlangt von solchen
Einwanderern den Beweis, daß sie mindestens zehn
Jahre lang in den Vereinigten Staaten gelebt haben
und ihre Abschiebung eine "außergewöhnliche und
extrem unübliche Härte" für direkte Angehörige
darstellen würde, die US-Bürger oder legale Einwanderer sind.

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�Das neue Gesetz weist die Polizei und die
Einwanderungs- und Einbürgerungsbehörde (Immigration and Naturalization Service - INS) nicht an, in
Wohngegenden und Gemeinden Suchaktionen
durchzuführen, um illegale Einwanderer aufzuspüren.
Es gestattet der Polizei die Zusammenarbeit mit der
INS, wenn sie einen mutmaßlichen Verbrecher
festnimmt, der sich illegal im Land aufhält. Ferner
erschwert es illegalen Einwanderern, mit Hilfe gefälschter Papiere Arbeit zu bekommen.
Das neue Gesetz verbietet die Abschiebung von
Ausländern, die Schutz vor echter Verfolgung suchen.
Es verbessert das Asylverfahren und erschwert einen
Mißbrauch des Asylrechts, um eine Arbeitserlaubnis
zu erhalten. Ferner fordert es von illegalen Einwanderern, innerhalb eines Jahres nach Einreise in die
Vereinigten Staaten einen Antrag auf Asyl zu stellen,
damit illegale Einwanderer, die gefaßt werden, ihr
Asylrecht nicht zur Verzögerung oder Vermeidung
ihrer Abschiebung nutzen können.
Schließlich hat das neue Gesetz nicht die Hispanoamerikaner oder irgendeine andere ethnische oder
rassische Gruppe zum Ziel. Es fordert die Gleichbe-

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handlung aller Einwanderer. Ein kanadischer oder
deutscher illegaler Einwanderer, der in den Vereinigten
Staaten gefaßt wird, wird ebenso schnell und nach
denselben Vorschriften abgeschoben wie ein mexikanischer oder chinesischer Einwanderer.
Die Vereinigten Staaten haben zweifelsohne das Recht
und die Pflicht gegenüber ihren Bürgern und legal
Ansässigen, die illegale Einwanderung zu kontrollieren, ebenso wie Mexiko das Recht auf die Kontrolle
der illegalen Einwanderung aus Zentralamerika hat.
Tatsächlich ist Mexiko bei der Kontrolle der illegalen
Einwanderung weitaus effektiver als die Vereinigten
Staaten.
Derzeit leben mehr als fünf Millionen Einwanderer
ohne Aufenthaltsgenehmigung in den Vereinigten
Staaten, und jedes Jahr kommen 400.000 weitere
dazu. Das neue Einwanderungsgesetz ist eine klare
Erklärung, daß diese Situation nicht akzeptabel ist.
Einwanderer, die legal in die Vereinigten Staaten
einreisen und die amerikanischen Gesetze befolgen,
sind willkommen. Wer das Land auf gesetzeswidrige
Weise betritt oder danach das Gesetz bricht, wird
schnell aber fair nach Hause zurückgeschickt.

AMERIKA DIENST 09

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