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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

06

26. März 1997
y

USA-RUSSLAND

ZIEL IST EIN STABILES, DEMOKRATISCHES,
GEEINTES EUROPA
Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung

FRAUEN

FÖRDERUNG DES STATUS DER FRAU IST
BESTANDTEIL DER AMERIKANISCHEN
AUSSENPOLITIK
Reden der Außenministerin und der First Lady

USA-EUROPA

DIE BEZIEHUNGEN ZWISCHEN DEN
VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
Rede von Wirtschaftsminister Daley

USA-DEUTSCHLAND

AKTUELLE THEMEN DER EUROATLANTISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von J.D. Bindenagel
KULTURBRUCH MIT AMERIKA - NEIN DANKE!
Rede von J.D. Bindenagel

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�USA-RUSSLAND
26. März 1997

Ziel ist ein stabiles, demokratisches, geeintes Europa
Gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung

HELSINKI - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die beim Gipfel von Helsinki am 21. März 1997 verabschiedete
gemeinsame amerikanisch-russische Erklärung zur europäischen Sicherheit.

Die Präsidenten Clinton und Jelzin erörterten die
derzeitige Sicherheitslage im euroatlantischen Raum.
Sie bekräftigten ihr Engagement für das gemeinsame
Ziel, ein stabiles, sicheres, integriertes und ungeteiltes
demokratisches Europa aufzubauen. Die Rolle der
Vereinigten Staaten und Rußlands als Mächte mit
weltweiten Pflichten stellt an diese Länder die besondere Anforderung, zur Erlangung dieses Ziels eng
zusammenzuarbeiten. Die Präsidenten bekräftigten,
daß diese Zusammenarbeit im Geist von Offenheit und
Pragmatismus stattfinden wird, der in den letzten
Jahren charakteristisch für die amerikanisch-russischen Beziehungen gewesen ist.
In Erinnerung an die gemeinsame Erklärung zur
europäischen Sicherheit vom Mai 1995 stellten die
Präsidenten fest, daß ein dauerhafter Friede in Europa
auf der Integration des gesamten Kontinents in eine
Reihe sich gegenseitig unterstützender Institutionen
und Beziehungen gründen sollte, die gewährleisten,
daß es keine erneute Teilung oder Konfrontation
geben wird. Keine Institution kann die Sicherheit
alleine gewährleisten. Die Präsidenten stimmten
überein, daß die Entwicklung von Sicherheitsstrukturen
auf eine Art und Weise stattfinden sollte, die keinen
Staat bedroht und das Ziel des Aufbaus eines stabileren und integrierten Europas fördert. Diese Evolution
soll auf einer umfassenden Verpflichtung zu den
Grundsätzen der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) basieren, wie sie
in der Schlußakte von Helsinki, dem Verhaltenskodex
von Budapest und anderen OSZE-Dokumenten
niedergelegt sind, einschließlich der Respektierung
von Menschenrechten, Demokratie und politischem
Pluralismus, der Souveränität und territorialen Integrität
aller Staaten sowie ihres natürlichen Rechts auf die

AMERIKA DIENST 06

Auswahl der Mittel zur Gewährleistung ihrer eigenen
Sicherheit.
Die Präsidenten sind überzeugt, daß die Stärkung der
OSZE, deren Potential noch voll entfaltet werden muß,
den Interessen der Vereinigten Staaten und Rußlands
dient. Die Präsidenten verliehen ihrer Zufriedenheit
über das Ergebnis des OSZE-Gipfels von Lissabon
Ausdruck und waren sich über die Bedeutung der
Umsetzung der dort getroffenen Entscheidungen einig,
die Ziele der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit
genauer zu definieren und weiter nach innovativen
Methoden für die Erfüllung der wachsenden Zahl von
der OSZE übernommener Aufgaben zu suchen.
Sie unterstrichen ihr Engagement für die Förderung
der operativen Fähigkeiten der OSZE als einzigem
Rahmen für die europäische Sicherheitszusammenarbeit, der die umfassende und gleichberechtigte
Beteiligung aller Staaten vorsieht. Die Konsensregelung soll die unantastbare Grundlage für den
Entscheidungsfindungsprozeß der OSZE sein. Die
Präsidenten bekräftigten ihr Engagement für die
Zusammenarbeit bei den laufenden Bestrebungen der
OSZE zur Entwicklung eines Sicherheitsmodells für
Europa, das der drastisch veränderten Situation am
Vorabend des 21. Jahrhunderts und den auf dem
Gipfel von Lissabon getroffenen Entscheidungen über
eine Charta zur europäischen Sicherheit Rechnung
trägt. Die wesentliche Rolle der OSZE in Bosnien und
Herzegowina und ihre Fähigkeit zur Entwicklung neuer
Formen der Friedenssicherung und Konfliktverhütung
sollten ebenfalls aktiv weiterentwickelt werden.
Bei ihren Gesprächen in Helsinki richteten die beiden
Präsidenten ihr besonderes Augenmerk auf die Frage
der Beziehungen zwischen der NATO und der Russi-

Seite 1

�sehen Föderation. Uneinig waren sie sich weiterhin
über die Frage der NATO-Erweiterung. Um die
möglichen Auswirkungen dieser Meinungsverschiedenheiten gering zu halten, einigten sich die Präsidenten, auf bilateraler Ebene und gemeinsam mit
anderen Ländern ein Dokument auszuarbeiten, das
die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Rußland
als wichtiges Element eines neuen umfassenden
europäischen Sicherheitssystems festlegt. Das von
den Staatschefs der NATO-Mitgliedstaaten und
Rußlands unterzeichnete Papier würde eine dauerhafte Verpflichtung auf höchster politischer Ebene
darstellen. Ferner stimmten die Präsidenten darin
überein, daß die in diesem Dokument definierten
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
Konsultationen, Koordination und - soweit möglich und
wo angemessen - gemeinsame Entscheidungsfindung
und Aktionen bei gemeinsame Belange betreffenden
Sicherheitsfragen vorsehen soll.
Die Präsidenten stellten fest, das von der NATO und
Rußland verabschiedete Dokument würde sowohl die
tiefgreifende Umgestaltung der NATO, einschließlich
ihrer politischen und friedenssichernden Dimension,
als auch die neuen Realitäten Rußlands beim Aufbau
einer demokratischen Gesellschaft berücksichtigen
und dazu beitragen.
Das Dokument verkörpert
darüber hinaus das gemeinsame Engagement der
NATO und Rußlands bei der Entwicklung ihrer Beziehungen in einer die gegenseitige Sicherheit verbessernden Weise.
Die Präsidenten erinnerten an die historische Bedeutung des Vertrags über konventionelle Streitkräfte in
Europa bei der Schaffung des erforderlichen Vertrauens für den Aufbau eines gemeinsamen Sicherheitsraums auf dem Kontinent im Interesse aller
Staaten in Europa, ob sie einem militärischen oder
politischen Bündnis angehören oder nicht, und werden
weiterhin jegliche destabilisierende Aufrüstung von
Streitkräften in unterschiedlichen Regionen Europas
verhindern.
Die Präsidenten unterstrichen die Bedeutung einer
Anpassung des KSE-Vertrags. Sie stimmten bezüglich

der Notwendigkeit einer Beschleunigung der Verhandlungen zwischen den KSE-Parteien überein mit dem
Ziel, bis Ende Frühjahr oder Anfang Sommer 1997

ein Rahmenabkommen abzuschließen, das die
grundlegenden Elemente eines angepaßten KSEVertrags enthält, im Einklang mit den Zielen und
Prinzipien des in Lissabon im Dezember 1996 vereinbarten Dokuments über den Umfang und die Parameter.
Präsident Jelzin betonte die Sorge Rußlands, die
NATO-Erweiterung werde zu einer potentiell bedrohlichen Aufrüstung permanent stationierter Streitkräfte der NATO in der Nähe Rußlands führen.
Präsident Clinton unterstrich, daß das Bündnis keine
diesbezüglichen Aktionen in Erwägung zieht.
Präsident Jelzin begrüßte Präsident Clintons Erklärungen und bekräftigte, Rußland würde entsprechende Zurückhaltung bezüglich der Stationierung
seiner konventionellen Streitkräfte in Europa üben.
Präsident Clinton verwies auch auf die Politik der
NATO im Hinblick auf die Stationierung von Nuklearwaffen, wie sie am 10. Dezember 1996 vom Nordatlantikrat formuliert wurde, daß die NATO-Mitglieder
"keine Absicht, keinen Plan und keinen Grund" zur
Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Territorium
von Staaten haben, die jetzt Mitglied des Bündnisses
sind, und auch keine zukünftige Notwendigkeit dafür
sehen. Präsident Clinton verwies auf die Bereitschaft
der NATO, einen spezifischen Hinweis auf diese Politik
in das von der NATO und Rußland verabschiedete
Dokument einzubeziehen. Präsident Jelzin sprach
sich für eine Einbeziehung eines solchen Hinweises in
das Dokument aus.
Die Präsidenten waren sich einig, daß sich die Vereinigten Staaten, Rußland und ihre Partner in Europa
mit zahlreichen gemeinsamen Sicherheitsbedrohungen
konfrontiert sehen, die am besten durch Zusammenarbeit zwischen allen Staaten des euroatlantischen
Raums angesprochen werden können. Sie verpflichteten sich zur Intensivierung ihrer Bestrebungen,
auf dem bei ihren Treffen in Helsinki erarbeiteten
gemeinsamen Terrain aufzubauen, um die Effektivität
der europäischen Sicherheitsinstitutionen zu verbessern, einschließlich des in dieser Erklärung
enthaltenen Abschlusses von Abkommen und Vereinbarungen.

* * * *

*

.

Seite 2

AMERIKA DIENST 06

�FRAUEN
26. März 1997

Förderung des Status der Frau ist
Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik
Reden der Außenministerin und der First Lady

WASHINGTON - (AD) - US-Außenministerin Madeleine Albright erklärte am 12. März 1997 bei einer
Veranstaltung im US-Außenministerium aus Anlaß des internationalen Tags der Frau, die Förderung des Status
der Frau sei nicht nur ein moralisches Gebot, sondern auch ein wesentlicher Bestandteil der amerikanischen
Außenpolitik.
Auch die First Lady Hillary Rodham Clinton forderte die "vollständige Einbeziehung der Bedürfnisse von Mädchen
und Frauen in die amerikanische Außenpolitik".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Reden von Außenministerin Albright und der First Lady unwesentlich gekürzt.

Madeleine Albright: Zu Beginn meiner Ausführungen
am heutigen Morgen möchte ich eine einfache Feststellung machen. Die Förderung des Status der Frau
ist nicht nur ein moralisches Gebot, sondern sie wird
aktiv in die Außenpolitik der Vereinigten Staaten
integriert. Sie ist unsere Aufgabe. Das ist die richtige und offen gesagt auch eine kluge - Vorgehensweise.

saal des Kriegsverbrechertribunals über die weitreichenden Operationen der UN-Hochkommissarin für
Flüchtlinge bis zur obersten Etage des US-Außenministeriums.

Am Vorabend des neuen Jahrhunderts wissen wir, daß
wir die von uns angestrebte Zukunft nicht ohne den
Beitrag der Frauen gestalten können. Und wir wissen,
daß Frauen weltweit nur dann entsprechend ihren
Begabungen einen vollwertigen Beitrag leisten können,
wenn sie gleichen Zugang, gleiche Rechte, gleichen
Schutz und eine faire Chance an den Hebeln der
wirtschaftlichen und politischen Macht erhalten.

Bei meiner jüngsten Reihe von Staatsbesuchen traf ich
mit sechs Präsidenten, vier Ministerpräsidenten, acht
Außenministern, drei Verteidigungsministern, zwei
Premierministern, einem Kanzler, einem Generalsekretär und einem Handelsminister zusammen. Und wenn
wir alle in einem Raum säßen, sähe man 26 Anzüge
und mein Kostüm.

Wir haben bei der Erlangung dieser Ziele Fortschritte
gemacht. Ich habe einmal gesagt, wenn ich eine oder
zwei Generationen früher geboren worden wäre und
eine definitive Aussage zur amerikanischen Außenpolitik hätte machen wollen, hätte ich nur die Möglichkeit gehabt, Mitglied der Gesellschaft zu werden und
einem Botschafter, der beleidigende Äußerungen
macht, Tee über die Hose zu gießen.
Heute sind Frauen an jeder Facette internationaler
Angelegenheiten beteiligt - vom politischen Entscheidungsfindungsprozeß bis zu Vertragsabschlüssen, von Rüstungskontrolle bis Handel, vom Gerichts-

AMERIKA DIENST 06

Wir haben also allen Grund zu feiern. Aber wir haben
noch einen weiten Weg vor uns.

Dieser Mangel an Frauen in Spitzenpositionen spiegelt
sich in den politischen und ökonomischen Strukturen
der meisten Nationen wider. Ob man gegen eine
unsichtbare Schranke läuft oder schmutzige Arbeit
verrichtet - Gleichberechtigung bleibt für die meisten
von uns eher ein Wunsch als eine Realität.
Es liegt im amerikanischen Interesse, das zu ändern.
Die Förderung des Status der Frau steht in direktem
Zusammenhang mit unseren außenpolitischen Zielen.
Wir wollen Frieden schaffen und den Kreis demokratischer Länder erweitern. Wir möchten eine wachsende
Weltwirtschaft aufbauen, die gute Arbeitsplätze für
Amerikaner schafft. Und wir streben eine Zukunft an,

Seite 1

�in der unsere Werte von mehr Menschen in Ehren
gehalten werden.
Auf jeden Fall können wir unser Ziel nicht erreichen,
wenn die Frauen ausgegrenzt werden.
Frauen
müssen auf jedem Schritt dieses Weges einbezogen
werden.
Betrachten Sie sich beispielsweise das Streben nach
Frieden.
Ich gehöre nicht zu den Vertretern der Ansicht, wenn
nur Frauen das Sagen auf der Welt hätten, gäbe es
keine Kriege mehr. Die menschliche Neigung zu
Dummheit und Fehlkalkulation ist weit verbreitet. Aber
die Geschichte dieses Jahrhunderts lehrt uns, daß
Demokratie der Vater des Friedens ist. Und der
gesunde Menschenverstand sagt uns, daß echte
Demokratie nicht ohne die vollständige Beteiligung der
Frau möglich ist.
Die Weltfrauenkonferenz in Peking hat den Frauen
neue Impulse gegeben, für ihre Rechte einzutreten,
sich zu engagieren, zu organisieren, zur Wahl zu
gehen und sich zur Wahl zu stellen. Das von Frauen
geschaffene große Netz nichtregierungsabhängiger
Organisationen konzentriert sich auf diese Aufgaben.
Größere Beteiligung führt zu mehr Demokratie und
repräsentativerer Politik. Und in den Regionen, in
denen Demokratie für den Frieden am meisten bewirkt,
arbeiten Frauen hart an der Schaffung und Erweiterung der Institutionen zur Förderung der Freiheit.
Ich war in Bosnien Zeuge der Bestrebungen von
Frauengruppen, die Wunden ethnischer Spaltung zu
heilen. Die Frauen in diesem Land sind entschlossen
zum Aufbau einer Gesellschaft, in der sie - die einen
enormen Preis für in der Vergangenheit getroffene
falsche Entscheidungen zahlen mußten - daran
mitwirken, die richtigen Entscheidungen für die Zukunft
zu treffen.
Ich habe gesehen, wie in Zentraleuropa und den
Neuen Unabhängigen Staaten Bewegungen entstanden, die Frauen beim Aufbau der neuen Demokratien ein Mitspracherecht geben wollen. Das ist von
entscheidender Bedeutung, denn die Frauen haben
am stärksten unter den wirtschaftlichen und sozialen
Zerrüttungen der letzten Jahre gelitten.
In Burundi sah ich, wie Hunderte von Hutu- und TutsiFrauen Seite an Seite arbeiteten, um zu verhindern,
daß in ihrem Land ein solcher Völkermord stattfindet
wie der, der im benachbarten Ruanda so viel Leid
verursachte.
Während der Weltfrauenkonferenz und danach habe
ich erlebt, wie Vertreter von Gruppen aus der ganzen
Welt - afrikanische, asiatische, lateinamerikanische,

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jüdische, islamische und christliche - sich der gemeinsamen Sache des Erhalts der weltweiten Dynamik zu
offeneren und repräsentativeren politischen Systemen
verschrieben haben.
Das ist ihr Ziel, und es ist das Ziel von uns Amerikanern.
Dasselbe gilt für Wirtschaftswachstum.
Seit 1993 haben wir unter der Führung Präsident
Clintons mehr als 200 Handelsvereinbarungen ausgehandelt, damit dem Welthandel enormen Auftrieb
verliehen und Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen.
Damit die Weltwirtschaft weiterhin wächst, müssen
Frauen überall mehr Zugang zu wirtschaftlichen
Chancen und Macht erhalten.
Wirtschaftswachstum erfordert eine moderne Volkswirtschaft. Und wie Kemal Atatürk vor sieben Jahrzehnten erklärte, kann man nicht mit der modernen
Welt Schritt halten, wenn man nur die halbe Bevölkerung modernisiert.
Trotz der jüngsten Errungenschaften bleiben Frauen
eine unterbewertete und unterentwickelte Ressource
der Menschheit. Das heißt jedoch nicht, daß Frauen
nur schwer Arbeit finden.
In vielen Gesellschaften verrichten Frauen neben der
Geburt und Erziehung von Kindern den Großteil
anderer Arbeiten. Aber oftmals dürfen sie kein Land
besitzen, nicht zur Schule gehen, erhalten weniger
Nahrung und haben in der Regierung nur wenig oder
kein Mitspracherecht.
Es ist kein Zufall, daß weltweit der Großteil der Menschen, die in bitterer Armut leben, Frauen sind. Oft
müssen sie ihre Kinder ohne die Hilfe der Väter
aufziehen. Viele sind bereits in jungen Jahren in
einem Netz von Unwissenheit und Mißbrauch gefangen.
Frauen sind bereit, als vollwertige Partner zu nachhaltiger Entwicklung beizutragen, aber sie benötigen
Bildung, angemessene Gesundheitsfürsorge, Zugang
zu Krediten und Schutz vor Gewalt. Sie benötigen
Wissen und die Macht, eigene Entscheidungen zu
treffen.
Wir wissen aus Erfahrung, daß bei Erfüllung dieser
Voraussetzungen der Teufelskreis der Armut gebrochen und die Geburtenrate stabilisiert werden kann,
das Umweltbewußtsein wächst, die Ausbreitung
sexuell übertragbarer Krankheiten abnimmt und die
Wahrscheinlichkeit der Weitergabe sozial konstruktiver
Werte an die jüngere Generation steigt. Das ist ein

AMERIKA DIENST 06

�unbezahlbares und dauerhaftes Geschenk an die
Nachwelt.

behandelt werden. Das heißt, unsere Welt wird besser
und wir alle werden bereichert.

Wir dienen auch der Zukunft, wenn wir für die grundlegenden Werte der Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der Würde jedes menschlichen Wesens eintreten.

Bei den Bestrebungen zur Förderung des Status der
Frau haben die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle
übernommen. Aber eine Führungspersönlichkeit kann
nicht untätig zusehen - und wir sehen nicht untätig zu.
Auf Initiative von Präsident Clinton beziehen wir
Frauen betreffende Anliegen in die amerikanische
Außenpolitik ein. Was heißt das?

Vor einem halben Jahrhundert war eine großartige
First Lady die treibende Kraft bei der Verabschiedung
der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In
Peking bekräftigte eine andere großartige First Lady
eloquent die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu
dieser Erklärung und ihrer Anwendung auf alle Menschen - insbesondere auf Frauen und Kinder.
Ich weiß nicht, ob dies die Folge einer Unterhaltung
zwischen diesen beiden First Ladies war.
Aber ich weiß, daß die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte geistige und moralische Werte
verkörpert, die von zentraler Bedeutung für alle
Kulturen sind und sowohl die uns definierende wunderbare Vielfalt respektieren als auch die uns verbindenden menschlichen Bande.
Die Erklärung verpflichtet alle Regierungen, mit
Gesetzen und in der Praxis den Schutz der Rechte
derjenigen anzustreben, die ihrer Gerichtsbarkeit
unterstehen. Und durch ihr bloßes Vorhandensein
beweist sie, daß die Einhaltung dieser Verpflichtung
durch eine Regierung nicht nur ein innenpolitisches,
sondern ein universelles Anliegen ist.
Bedauerlicherweise werden Frauen heute auf der
ganzen Welt in verabscheuungswürdiger Weise
mißbraucht. Einige sagen, dieser Mißbrauch sei
kulturell bedingt, und wir könnten nichts dagegen tun.
Ich sage, es ist ein Verbrechen, und es ist die Verantwortung jedes Einzelnen von uns, dem Einhalt zu
gebieten.
Es ist ermutigend, daß die Bestrebungen zur Eindämmung der Gewalt gegen Frauen nach der Konferenz von Peking verstärkt wurden. In einem Land
nach dem anderen sehen wir Projekte, mit denen das
Bewußtsein geschärft und den Frauen besserer
Schutz im Rahmen der Gesetze eingeräumt werden
soll.
Das ist wichtig, weil jedes Mal eine spezielle Polizeieinheit gegründet wird, um die unverzügliche Reaktion auf
sexuellen Mißbrauch oder häusliche Gewalt sicherzustellen; jedes Mal werden gemeinsame Anstrengungen unternommen, um die Verstümmelung weiblicher
Genitalien zu beenden; jedes Mal wird ein Programm
in die Wege geleitet, um die Ausbeutung von Frauen
und Kindern zu stoppen; jedes Mal werden Schritte
unternommen, damit Frauen gleichberechtigt als
Einzelpersonen, Familienmitglieder und Bürger

AMERIKA DIENST 06

Zum einen heißt es, daß in diesem Jahr das USAußenministerium den Vorsitz über den letztes Jahr
zur Umsetzung der Aktionsplattform von Peking
gegründeten interministeriellen Rat für Frauen führen
wird.
Es heißt, daß unser Hilfsprogramm für Länder in
Übersee weiterhin die Betonung auf Projekte legen
wird, die die Fähigkeit von Frauen zur wirtschaftlichen
und politischen Beteiligung verbessern, ihnen Zugang
zu Bildung und Gesundheitsfürsorge, einschließlich
reproduktiver Gesundheitsfürsorge, gewähren und sie
selbst gegen Gewalt und Krankheiten schützen.
Es heißt, daß wir uns besonders auf die Institutionen
der bürgerlichen Gesellschaft konzentrieren, die
Frauen und Flüchtlingshilfe einbeziehen und den
Erfordernissen der Frauen gerecht werden.
Es heißt, daß wir weiterhin in ehrlicher und gründlicher
Weise über Menschenrechtsverletzungen berichten,
und wir werden diese Menschenrechtsverletzungen
verurteilen - seien sie Unterlassungssünden derjenigen, die sich weigern, bei häuslicher Gewalt zu
ermitteln oder sie strafrechtlich zu verfolgen, oder
vorsätzliche Vergehen von Diktatoren wie in Burma
oder Extremisten wie in Afghanistan.
Es heißt, daß wir weiterhin das internationale Kriegsverbrechertribunal unterstützen, weil wir die Auffassung vertreten, daß die für ethnische Säuberungen
Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden
sollten und diejenigen, die Vergewaltigung nur als eine
weitere Waffe des Krieges ansehen, für ihre Verbrechen bezahlen sollten.
Es heißt, daß wir uns an globalen Bestrebungen
beteiligen, um scharf gegen den illegalen Menschenhandel mit Frauen und Kindern vorzugehen. Und ich
möchte hinzufügen, daß diejenigen, die mit Drogen
handeln, ebenso schwer bestraft werden sollten wie
die Schlepperbanden.
Und es heißt, ich werde explizit sagen, daß es höchste
Zeit für die Vereinigten Staaten ist, Vertragspartei der
Konvention über die Abschaffung der Diskriminierung
von Frauen zu werden, wenn ich in einigen Wochen in
North Carolina im Jesse Helms Center sprechen
werde.

Seite 3

�Wie die meisten von Ihnen inzwischen wissen, habe
ich meines Erachtens sehr gute Beziehungen zum
Vorsitzenden des Ausschusses für auswärtige Beziehungen. Wir sind - wenn möglich - einer Meinung und
streiten uns freundschaftlich, wenn wir zu einem
Thema Meinungsverschiedenheiten haben.
Die Integration der Frau in unsere Außenpolitik ist ein
aktiver, kontinuierlicher, weltweiter Prozeß. Er erfordert nicht nur die Zusammenarbeit mit anderen
Regierungen, sondern auch mit Nichtregierungsorganisationen und anderen Befürwortern von Fortschritt. Er betrifft alles - von der Erarbeitung von
Programmen des Amts für internationale Entwicklung
über politische Entscheidungen, die von unseren
Büros hier in Washington getroffen werden, bis zu den
Aktivitäten unserer Botschaften auf der ganzen Welt.
Und er verkörpert unsere Auffassung, daß Fortschritt
nicht nur das Öffnen von Türen erfordert, sondern
auch tatkräftige Anstrengungen, andere einzubeziehen
und die Kunde zu verbreiten, daß das alte Zeitalter der
Ungerechtigkeit und Unterdrückung enden muß, damit
ein neues Zeitalter der Chancen und uneingeschränkten Beteiligung anbrechen kann.
Abschließend möchte ich ein paar Worte über unsere
nächste Rednerin sagen, denn sie ist zweifelsohne
eine der Frauen, die wir in unsere Außenpolitik
einbezogen haben.
In den vergangenen vier Jahren ist Hillary Rodham
Clinton zur am meisten respektierten und geschätzten
- wenn auch inoffiziellen - Botschafterin der Vereinigten
Staaten geworden.
Sie hat Amerikas Tagesordnung für Frieden, Demokratie, Wirtschaftswachstum und Rechtsstaatlichkeit von
Indien bis Indonesien, von China bis Kopenhagen und
von der Ukraine bis zu einer denkwürdigen diplomatischen und kulinarischen Erfahrung in Ulan Bator
vorangebracht.
Sie geht die ihr zugewiesenen Aufgaben mit enormer
Energie, Intelligenz, Engagement und höchster
Eloquenz an.
Diejenigen von Ihnen, die Reden vor der Öffentlichkeit
gehalten haben, wissen, wie schwer es sein kann, ein
Publikum problemlos mitzureißen. Stellen Sie sich vor,
wie schwer es ist, wenn die Zuhörer aus 150 verschiedenen Ländern kommen und die meisten von
ihnen mit Kopfhörern dasitzen, deren Kabel in alle
Richtungen gehen, und einer emotionslosen und nicht
immer akkuraten Übersetzung zuhören.
Und dennoch begeisterte diese Frau, die Ehrenvorsitzende unserer Delegation, in Peking genau diese
Art von Publikum.

Seite 4

Ihre Botschaft klingt noch nach, ihr Beitrag zur amerikanischen Führungsrolle wird weiter ausgebaut, ihre
Klugheit ist zu einer internationalen Kraft für das Gute
geworden. All dies - und sogar ein Grammy Award.
Als Außenministerin kann ich mir kein größeres
Geschenk vorstellen, als die First Lady an meiner Seite
und an der Seite Amerikas zu haben.
Auf meine Bitte hin wird sie an diesem Wochenende
nach Afrika reisen, einer Region von großer Bedeutung für die Vereinigten Staaten und den Fortschritt der
Frauen.
Ich sehe dem Bericht über ihre Reise erwartungsvoll
entgegen, und ich weiß, wir alle sind jetzt gespannt auf
ihre Ansprache.
Wir begrüßen unsere großartige First Lady, Hillary
Rodham Clinton.
Hillary Clinton: Vielen Dank, Frau Außenministerin.
Ich benutze diese Anrede immer noch gerne. Wir
treffen uns heute aus Anlaß des internationalen Tags
der Frau im Zentrum des Außenministeriums. Wir
Amerikaner haben viel zu feiern, angefangen mit einer
Außenministerin, die aufgrund ihres Geschlechts eine
Schwelle überschritt und - was viel wichtiger ist - sich
nicht nur für die Rechte von Amerikanern einsetzt,
sondern für die Bürger auf der ganzen Welt ungeachtet
ihres Geschlechts.
Madeleine Albright hat nicht nur viele unsichtbare
Schranken durchbrochen, sondern auch oft Frieden
ausgehandelt. Sie hat nicht nur viele Türen geöffnet,
sondern auch den Horizont vieler Menschen erweitert.
Da Frau Albright es ansprach - während meines
letzten Gesprächs mit Frau Roosevelt sagte diese mir,
wie erfreut sie gewesen sei, als ihr Mann die erste
Frau in der Geschichte der Vereinigten Staaten in sein
Kabinett berief, und wie sehr sie sich jetzt freue, daß
mein Mann erstmals eine Frau an die Spitze des
Außenministeriums gestellt hat.
Ich danke Außenministerin Albright für ihre Führung,
ihren Mut und - ganz persönlich - für ihre Freundschaft.
Ich freue mich außerordentlich, daß sie zugestimmt
hat, dem interministeriellen Rat des Präsidenten für
Frauenfragen vorzusitzen, wobei ihr Theresa Loar, Tim
Wirth und andere hilfreich zur Seite stehen werden.
Wir wissen, daß unsere neue Außenministerin und wir
alle mit zahllosen Pflichten konfrontiert sind. Unserer
Außenpolitik mangelt es nicht an Herausforderungen.
Wir müssen den Abbau von Massenvernichtungswaffen fortsetzen. Wir müssen den Traum dieses
Jahrhunderts von einem vollständig geeinten, demokratischen und friedlichen Europa erfüllen.
Wir
müssen uns für die Nutzung neuer Chancen in Asien
einsetzen, die Chancen für Frieden im Nahen Osten

AMERIKA DIENST 06

�und anderen Gebieten nutzen, die nicht nur für die
Vereinigten Staaten, sondern für die ganze Welt von
strategischer Bedeutung sind.
Wir müssen mit unseren Partnern in Lateinamerika,
Afrika und andernorts am Aufbau einer alle einbeziehenden und expandierenden Weltwirtschaft
arbeiten. Wir müssen unsere Menschen vor den
Bedrohungen durch Terrorismus, Extremismus,
internationales Verbrechen, Drogen und Umweltzerstörung retten.
All das verlangt unsere Aufmerksamkeit und unser
Engagement. Heute möchte ich eine einfache Idee
vorbringen:
Die vollständige Einbeziehung der
Bedürfnisse von Mädchen und Frauen in die amerikanische Außenpolitik. Trotz der von ihnen geleisteten
Arbeit bei der Kindererziehung und in der Gemeinde
genießen allzu viele Frauen auf dieser Welt, insbesondere in den Entwicklungsländern, weder Gleichberechtigung noch werden ihnen Chancen eröffnet.
Ich möchte mich deutlich ausdrücken. Die Herausforderung ist nicht auf die Entwicklungsländer beschränkt. Wir haben hier in den Vereinigten Staaten
und in anderen Industrieländern genug zu tun um
sicherzustellen, daß Frauen an der Demokratie
beteiligt sind. Ein Ziel jedes Landes sollte die Gewährleistung sein, daß alle Bürger ungeachtet ihrer Rasse,
ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder
ihrer Religion ihren rechtmäßigen Platz in der Gesellschaft einnehmen können.
Sie werden mir vergeben, wenn ich kurz abschweife:
Gestern war ich in Arkansas, wo ich die Menschen
besuchte, die morgens von einem schrecklichen
Tornado heimgesucht worden waren. Noch vor dieser
Katastrophe machten diese Menschen bereits Überstunden, um sich das von ihnen angestrebte Leben zu
ermöglichen. Die ganzen Vorteile der amerikanischen
Gesellschaft lagen für sie noch in weiter Ferne. Nach
diesem Tornado schien alles verloren, wofür sie
gearbeitet und was sie sich erhofft hatten.
Später hielt ich eine Rede bei einer Veranstaltung, auf
der Gelder gesammelt wurden, um alleinerziehenden
Eltern, vor allem Frauen, den Besuch eines College
oder einer Berufsschule zu ermöglichen. Ich sprach
mit fünf Frauen, die mir sagten, wie wichtig es für sie
war, daß die Gesellschaft in Form derjenigen, die die
Gelder aufbrachten, sie einbezog und ihnen mitteilte,
daß sie etwas aus ihrem Leben machen könnten, aufs
College gehen und den Lebensunterhalt für sich und
ihre Kinder verdienen könnten.
Sie hatten die in Amerika immer noch viel zu oft
geäußerte Botschaft gehört: Sie seien nichts wert und
niemand hätte Interesse an ihnen. Eine junge Frau
erzählte mir: "Vor fünf Jahren war ich in einem heruntergekommenen Frauenhaus in Fayetteville (Ar-

AMERIKA DIENST 06

kansas). Ich besaß nichts. Nicht nur, daß ich kein
Auto hatte, ich hatte auch keinen Führerschein, und
mein Gesicht sah aus, als wäre ein Lastwagen drübergefahren. Und plötzlich gab es Menschen, die mich
davon überzeugten, daß ich etwas aus mir machen
und auch für meinen neun Monate alten Sohn sorgen
könnte. Ich fragte mich, wieso diese Menschen an
mich glaubten, mir zutrauten, aufs College zu gehen
und mich selbst zu ernähren. Wieso kümmerten sich
diese Menschen um mich, wo sich doch nicht einmal
mein eigener Mann um mich kümmerte."
All dies erinnerte mich an andere Geschichten, die mir
auf der ganzen Welt erzählt wurden, als die Frauen in
Bangladesch, Indien, Nicaragua oder Chile sich
erhoben und mir sagten, was es für sie bedeuten
würde, daß ihnen jemand zutraute, ihre Familien zu
ernähren, ihre Fähigkeiten auf dem Markt Wert hätten,
daß ihre Kinder, insbesondere ihre Töchter, ein
besseres Leben haben könnten.
Den Frauen, mit denen ich gestern abend zusammentraf, wurde die Rückkehr auf die Schulbank ermöglicht,
und heute sind sie Bürgerinnen der Vereinigten
Staaten im wahrsten Sinne des Wortes. Die Einkommensunterschiede in unserem Land und auf der
Welt führen dazu, daß Menschen zurückgelassen
werden, von der Datenautobahn abkommen, nicht die
Chancen der Demokratie nutzen können. Amerika
muß um seiner selbst sowie um seiner Führungsrolle
in der Welt von heute und morgen willen in jeder

Nation Demokratie und eine bürgerliche Gesellschaft
fördern, damit alle Bürger - Männer, Frauen und Kinder
- ihre von Gott gegebenen Begabungen nutzen
können.
Man könnte jetzt natürlich sagen: "Es ist gut, sich um
die Frauen von Arkansas zu kümmern, aber warum
sollten ich oder irgendein anderer Amerikaner sich mit
den Frauen in den Entwicklungsländern und andernorts auf der Welt befassen?" Warum sollten Frauen,
wie Außenministerin Albright gerade eloquent darlegte,
zu einem unserer Belange und einem Bestandteil der
amerikanischen Außenpolitik werden?
Die Außenministerin hat es bereits geäußert und diese
Administration ist davon überzeugt, daß die Hälfte der
Bürger dieser Welt unterbewertet, unterbezahlt, nicht
ausreichend gebildet und vertreten, schlecht ernährt
ist, nicht genug beachtet und gedemütigt wird. In einer
solchen Situation können wir unsere demokratischen
Werte und unsere Lebensweise nicht bewahren.
Wenn die Amerikaner sich als Nation um die Öffnung
ausländischer Märkte für amerikanische Waren und
Dienstleistungen bemühen, wenn wir in Anbetracht
neuer Bedrohungen die Sicherheit unseres Landes
erhöhen wollen, wenn wir Frieden und Wohlstand
ausweiten möchten, dann müssen wir uns mit der
Situation der Frauen auf der Welt befassen.

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�Sie in diesem Saal wissen besser als jeder andere,
daß sich unsere Welt inmitten einer großartigen
Umgestaltung befindet, die mehr Demokratie ankündigt, welche hoffentlich zu mehr Frieden führt. Die
großen Versprechungen dieser Zeit beinhalten jedoch
luch Herausforderungen. Globaler Wettbewerb, die
nformationsrevolution und die hohe Geschwindigkeit
les Wandels üben Druck auf jede Gesellschaft aus 'on der Regierung bis zu den einzelnen Familien.
Diese Zwänge stellen uns an der Schwelle zum 21.
Jahrhundert vor unvermeidliche Fragen. Wie können
-vir Wege finden, um ein Gleichgewicht zwischen den
Rechten und Pflichten des einzelnen und der Gesellschaft zu finden? Wie können Eltern ihre Kinder in
Anbetracht der Einflüsse der Massenmedien und der
Konsumgesellschaft aufziehen? Was machen wir mit
dem scheinbaren Konflikt zwischen persönlicher
Identität und der im Zeitalter der Globalisierung und
Hochtechnologie zur Verfügung stehenden Arbeit?
Was geschieht mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft? Wir werden die Menschen ihren ethnischen
Stolz bewahren und ihre Staatsbürgerschaft schätzen,
und wie werden Nationen ihre Souveränität schützen,
während sie gleichzeitig auf regionaler und globaler
Ebene mit anderen Ländern zusammenarbeiten?
Wenn wir über diese Fragen und die Antwort einer
freien Nation wie der unsrigen nachdenken, dürfen wir
nicht vergessen, daß es bei der Demokratie nicht nur
um gesetzlich geschützte Rechte, Wahlen oder die
freie Marktwirtschaft geht. Es geht um die Verinnerlich ung demokratischer Werte in den Herzen und
Köpfen der Menschen. Es geht darum, wie die
Demokratie im täglichen Leben der Menschen verwurzelt ist, wenn es weder einen heißen noch einen kalten
Krieg gibt.
Angesichts der Veränderungen um uns herum dürfen
wir unsere weltweiten Interessen nicht länger nur mit
Machtblöcken und großen Waffenarsenalen verfolgen.
Weltweit und in unserem eigenen Land wurden wir
nach dem Ende des Kalten Krieges frei, uns auf die
Probleme direkt vor der eigenen Haustür zu konzentrieren. Wie ziehen wir unsere Kinder auf? Wie stellen
wir eine angemessene Krankenversicherung für
unsere Familien sicher?
Wie können wir dafür
sorgen, daß Demokratien und freie Märkte nicht nur
Verbraucher, sondern Staatsbürger hervorbringen?
Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß wir in dieser
Zeit weltweiter Herausforderungen weiterhin mit dem
sogenannten traditionellen Gleichgewicht der Kräfte
konfrontiert sind. Ich möchte aber auch betonen, daß
wir in diese Gleichung, die oft als Realpolitik bezeichnet wird, die Idee einbringen müssen, daß das reale
Leben vielleicht ebenso eng mit der Frage verknüpft
ist, ob Demokratien überleben und prosperieren.
Die heute angesprochenen Fragen sollten nicht nur als
Frauenfragen angesehen werden. Es ist zweifelsohne

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fair zu behaupten, daß Frauen oft zwangsläufig zu
Experten für die Gefahren und Wechselfälle des
Lebens werden und daher besser verstehen und
würdigen können, welch ureigenes Interesse sie daran
haben sicherzustellen, daß ihre Gesellschaften und
Regierungen diese Herausforderungen des realen
Lebens angehen.
Ich war Zeuge, wie Frauen auf verschiedenen Kontinenten Lösungen gefunden haben. Junge Mütter in
Jakarta kommen wöchentlich zu Kursen über Familienplanung und bessere Ernährung ihrer Kinder zusammen. Ärzte und Krankenschwestern in Belarus
und der Ukraine kümmern sich um die Kinder von
Tschernobyl. Frauen von Santiago bis San Diego
befassen sich mit so verschiedenen Fragen wie
Bildung, Verbrechen und Umwelt.
Diese Fragen stehen im Zentrum unserer globalen
demokratischen Interessen, denn Demokratie zeichnet
sich durch die faire und echte Beteiligung an jedem
Aspekt des Lebens aus. Leider ist es nötig darauf
hinzuweisen, daß ein größeres Mitspracherecht von
Frauen bei ihre Zukunft betreffenden Fragen in
direktem Zusammenhang mit der Gesundheit von
Demokratien steht, denn Frauen sind in den meisten
Ländern und weltweit in der Mehrheit. Das Credo der
Vereinigten Staaten sollte folgendermaßen lauten: Eine
Demokratie ohne die umfassende Beteiligung der
Frauen ist ein Widerspruch in sich. Um ihr volles
Potential zu erreichen, muß die Demokratie alle Bürger
einbeziehen.
Offensichtlich hat die Frage, ob uns die Stärkung demokratischer Werte auf der Welt gelingt, besondere
Auswirkungen auf Frauen, die in unserem Land und
andernorts immer noch danach streben, ihren rechtmäßigen Platz in Regierung, Wirtschaft und Gesellschaft zu erlangen oder sogar zu bestimmen, und die
ihren rechtmäßigen Anteil an persönlicher, politischer,
wirtschaftlicher und bürgerlicher Macht verlangen. Die
Förderung des Status von Frauen und Mädchen und
Investitionen in ihre Fähigkeiten sollen sicherstellen,
daß sie über die Mittel verfügen, die Chancen eröffnen:
Bildung, Gesundheitsfürsorge, Kreditwürdigkeit und
Arbeit, Rechtsschutz und das Recht auf die umfassende Teilnahme am politischen Leben in ihren Ländern.
Aus diesem Grund müssen die Vereinigten Staaten
ihre überparteiliche Tradition der Unterstützung von
Initiativen fortsetzen, die unsere Welt diesen Zielen
näherbringen.
Heute werden mehr als 600 Millionen Frauen weltweit
Bildungsmöglichkeiten verwehrt. Zwei Drittel aller
Analphabeten sind Frauen. Dabei ist die wichtigste
Investition, die ein Entwicklungsland tätigen kann, die
Ausbildung von Mädchen und Frauen. Wir entdecken,
daß in einem Land nach dem anderen die Vorteile der
Ausbildung von Frauen weit über das Klassenzimmer
und die Schule hinausgehen. Sie bringt stärkere

AMERIKA DIENST 06

�Familien, bessere Gesundheit und Ernährung, höhere
Löhne und Gehälter und verstärkte Beteiligung am
politischen Leben hervor.
Ich habe gesehen, wie die Unterstützung der Vereinigten Staaten für die weltweite Ausbildung von
Frauen und Mädchen sich auszahlt. Ich habe gesehen, wie ähnliche soziale Investitionen, von denen
ebenfalls viele vc n den Vereinigten Staaten unterstützt
werden, in so un arschiedlichen Ländern wie Brasilien,
den Philippinen, Nepal und Pakistan etwas bewirken.
Da ich - ebenso wie viele von Ihnen - viel reise, habe
ich mit eigenen Augen gesehen, daß Investitionen in
Mädchen und Frauen zur Umgestaltung von Gemeinden beitragen, die wiederum ganze Gesellschaften verändern. Weder Frauen noch die Demokratie können sich voll entfalten, solange Frauen
innerhalb und außerhalb des Hauses unterbewertet
sind.
Viele Experten für Wirtschaftsentwicklung aus der
ganzen Welt haben mir gesagt, die Arbeit der Frau sei
kein Bestandteil der Volkswirtschaften und Frauen
seien kein Akteur auf den Märkten. Und trotzdem
habe ich bei meinen Reisen durch städtische und
entlegende ländliche Gebiete mit eigenen Augen
gesehen, daß Frauen oft den Großteil der Arbeitslast
tragen: Sie säen, ernten und ermöglichen kleinen
Unternehmen das Prosperieren auf den Märkten.
Ich weiß, daß Frauen arbeiten. Ihr Beitrag schlägt sich
vielleicht nicht im Bruttoinlandsprodukt ihrer Gesellschaften nieder, aber er ist wertvoll. Wenn alle Frauen
der Welt morgen aufhören würden, außerhalb des
Hauses zu arbeiten, würden sämtliche Volkswirtschaften zusammenbrechen.
Es ist an der Zeit, den von Frauen innerhalb und
außerhalb des Hauses geleisteten Beitrag zu honorieren und zu würdigen. Investitionen in die Frau beinhalten auch Investitionen in ihre Gesundheit und damit
wiederum in die Gesundheit ihrer Familien. Ich freue
mich ganz besonders, daß die Vereinigten Staaten im
Rahmen des Amts für internationale Entwicklung (AID)
Hilfe gewähren um sicherzustellen, daß Frauen, Kinder
und Familien Zugang zum gesamten Spektrum
kostengünstiger, hochwertiger Gesundheitsdienste
erhalten - von Geburtsvorbereitungskursen für werdende Mütter über Grundimpfungen für Kinder bis zur
Rehydrationstherapie zur Behandlung von unter
Diarrhöe leidenden Kindern.
Ich möchte noch gesondert auf Familienplanung und
ihre Bedeutung in diesem größeren Zusammenhang
eingehen. Familienplanung ist grundlegend dafür, daß
Frauen die Verantwortung für sich und ihre Kinder
übernehmen.
Dennoch haben derzeit etwa 100
Millionen Frauen weltweit keinen Zugang zu Familienplanungsdiensten oder nutzen sie nicht, weil sie arm,
ungebildet und ohne Fürsorge sind. Etwa 20 Millionen

AMERIKA DIENST 06

Frauen lassen einen gefährlichen Schwangerschaftsabbruch vornehmen. Einige dieser Frauen tragen
lebenslängliche Behinderungen davon, einige leiden
unter anderen gesundheitlichen Problemen.
Im Grunde genommen ist die Zahl riskanter Schwangerschaftsabbrüche an sich schon eine Tragödie.
Hohe Raten von Schwangerschaftsabbrüchen sind
kein Anzeichen für die Gleichberechtigung der Frau.
Vielmehr repräsentieren sie ein Versäumnis unsererseits, Frauen bei der Verhinderung ungewollter
Schwangerschaften zu helfen. Wenn wir wirklich die
Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen verringern und
starke Familien fördern wollen, dürfen wir der Verpflichtung Amerikas zu Familienplanungsprojekten in
Übersee nicht den Rücken zuwenden.
Wenn wir die Frauen wirklich in allen Gesellschaften
der Welt zu gleichberechtigten Partnern machen
wollen, müssen wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, um Gewalt gegen Frauen zu bekämpfen
- sei es versteckter häuslicher Mißbrauch oder eine
offenkundige Kriegstaktik. Es gibt keine isolierte
soziale Investition, die als Patentrezept für Frauen oder
Entwicklungsländer dienen kann, und Amerika sollte
sich auch nicht jeder gerechten Sache auf der Welt
verschreiben. Aber ich bin überzeugt, daß eine stabile,
prosperierende Welt außerhalb unserer Reichweite
liegt, solange Frauen in hohem Maße diskriminiert und
ungerecht behandelt werden.
Insgesamt sind unsere Investitionen in soziale Entwicklung wesentlich für die Stärkung freier Märkte, die
Verbreitung unserer demokratischen Ideale und die
Verbesserung unserer Sicherheit. Mit der Zeit hat
Amerika gelernt, daß unsere Ideale und Interessen
nicht von den uns umgebenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strömungen getrennt werden
können.
Wir haben hoffentlich auch gelernt, daß weltweites
Engagement sowohl Chancen im Inland als auch
Verpflichtungen im Ausland beinhaltet.
Ich möchte Ihnen ein kleines Beispiel geben. Kürzlich
hielt ich bei einer von AID veranstalteten Konferenz mit
dem Titel "Lektionen ohne Grenzen" eine Rede. Der
Bürgermeister von Baltimore, Kurt Schmoke, sprach
bei dieser Konferenz darüber, daß Regierungsvertreter
aus dieser Stadt nach Afrika gegangen waren, um
etwas über einfache, kostengünstige Strategien zu
lernen, die auf diesem Kontinent eingesetzt werden,
Eltern zur Impfung ihrer Kinder zu ermutigen. Jetzt
werden in Baltimore ähnliche Programme in Gemeindekliniken, einem Impfmobil und bei Hausbesuchen durchgeführt, wodurch die Impfrate für
Kinder unter drei Jahren anstieg.
Wir können von unseren Nachbarn auf der ganzen
Welt lernen. Wir werden feststellen, daß viele der

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�Lektionen, die wir lernen können, mit Hilfe unserer
Außenpolitik gelehrt wurden. Weniger als ein Prozent
unseres Haushalts - und dennoch kann das Leben
zahlloser Menschen verbessert werden, und wir
können die Lebensqualität hier zu Hause verbessern.
abschließend möchte ich einige Worte über meine
evorstehende Afrikareise sagen. Ich fühlte mich sehr
eehrt,
als ich gebeten wurde, diese Reise zu machen,
;
veil meines Erachtens Amerikas Engagement in der
A/elt das Engagement für Afrika südlich der Sahara
oeinhalten muß. Die zeitgenössische Geschichte ist
eine Geschichte, die die Bürger und Länder schreiben,
und es gibt eine neue Geschichte, die erzählt werden
muß. Jede Region trägt ihr eigenes Kapitel bei. Afrika
hat eine bemerkenswerte Geschichte, wenn wir ihr nur
Aufmerksamkeit schenken.
Afrika ist auf dem Weg zu Demokratie. In den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der Demokratien von
fünf auf 23 gestiegen. Afrika verzeichnet ein Wirtschaftswachstum und geht von erstickenden staatlich
kontrollierten Volkswirtschaften zu offenen Märkten
über, dank denen sich das menschliche Potential voll
entfalten kann. Letztes Jahr hatten 30 Länder positives Wirtschaftswachstum.
Afrika beginnt, neue Beziehungen zu den Vereinigten
Staaten zu knüpfen. Beziehungen, die nicht nur auf
Hilfe, sondern gemeinsamen Idealen, gegenseitiger
Verantwortung, Integration in die Weltwirtschaft und
Partnerschaften gründen, die Konflikte lösen und
gemeinsame Herausforderungen bewältigen sollen.
Natürlich sind viele der afrikanischen Demokratien neu
und daher noch instabil. Die Hoffnungen sind noch
zaghaft. Ein zu großer Teil des Kontinents wird
weiterhin von Krankheiten, Unterernährung, Armut,
Ungerechtigkeit, Korruption, gefährlichen Konflikten
und ihren schrecklichen Auswirkungen heimgesucht Flüchtlingskrisen, die vor allem Frauen und Kinder zu
einem Leben verurteilen, das immer schlimmer wird.
Und trotz dieser Herausforderungen können wir in
diesem Augenblick der Geschichte zum ersten Mal
sehen, daß es in Afrika Grund zu sehr viel mehr
Hoffnung als Verzweiflung gibt. Mit der Unterstützung
der Vereinigten Staaten können wir diese Hoffnung
stabilisieren.
Ich habe die Ehre, Senegal, Südafrika, Simbabwe,
Tansania, Uganda und Eritrea zu besuchen. Ich freue
mich, daß so viele Botschafter aus diesen Ländern und
anderen Ländern in Afrika heute hier anwesend sind.
Ich hoffe, die Anstrengungen der jeweiligen Länder
beim Aufbau von Demokratie und einer starken
bürgerlichen Gesellschaft aus erster Hand erfahren
und hervorheben zu können. Ich werde mich besonders auf Basisinitiativen und Bestrebungen kon-

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zentrieren, die Frauen und Kinder betreffen. Diese
Reise wird - so hoffe ich - dem amerikanischen Volk
ein erneutes Gefühl für die Bedeutung unseres
Engagements für Afrika vermitteln. Sie soll zeigen,
warum wir alles in unserer Macht Stehende zur
Unterstützung von Demokratie und sozialen Investitionen in Afrika sowie zur Stärkung von Afrikas Platz in
der internationalen Staatengemeinschaft tun müssen.
Ich hoffe, diese Reise wird zeigen, daß das amerikanische Engagement nicht nur an Dollars für Hilfsleistungen oder humanitären Bestrebungen nach
Tragödien und Krisen gemessen werden kann,
sondern an den demokratischen Werten, die wir
verstärken, den Menschenrechten, die wir verteidigen,
und den Konflikten, die wir präventiv lösen helfen.
Natürlich steht die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten auf dem Spiel. Instabilität in Afrika - sei sie in
Krieg, Terrorismus, organisiertem Verbrechen, Krankheiten, Umweltzerstörung oder Armut begründet betrifft auch uns. Darüber hinaus steht die Wirtschaft
auf dem Spiel. Zur Zeit halten die Vereinigten Staaten
nur einen Anteil von sieben Prozent des afrikanischen
Marktes von 600 Millionen Menschen. Indem wir
stärkere wirtschaftliche Bande mit Afrika knüpfen,
tragen wir auch in hohem Maße zur Sicherung des
Wohlstands unseres eigenen Volkes bei.
Aber letztlich leiten sich die wichtigsten Gründe
unseres Engagements für Afrika aus einer positiven
Grundlage her. Afrika ist in Bewegung - mit einer
neuen Generation von Politikern, dem frischen Wind
politischer Reformen und prosperierenden multiethnischen Gesellschaften.
Wenn wir uns die Zukunft des amerikanischen Engagements auf der Welt betrachten, stellen wir fest, daß
wir ein Interesse am Erfolg des anderen haben - wo
immer wir dazu beitragen, die Grundlage für Demokratie zu schaffen, wo immer wir aus gegenseitigem
Respekt heraus den Menschen die Hand reichen,
damit sie sich selbst helfen können, wo immer wir klar
verstehen, daß dies eine Zeit der Interdependenz und
Verbindungen ist. Wir werden gemeinsam Fortschritte
erzielen. Wenn wir unseren Freunden in den neuen
Demokratien in Afrika behilflich sind und mit ihnen
zusammenarbeiten oder uns die Bedeutung unseres
Engagements für Frauen und Kinder vor Augen führen
- immer stehen die amerikanischen Interessen auf dem
Spiel.
Aber sehr viel wichtiger ist, daß Amerikas Werte auf
dem Spiel stehen. Wenn wir von diesen Werten
geleitet handeln, werden wir dazu beitragen, die Welt
in die neue Zukunft zu führen, die wir für unsere Kinder
und alle Kinder auf der ganzen Welt für möglich
erachten.

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�USA-EUROPA
26. März 1997

Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Europa
Rede von Wirtschaftsminister Daley

WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration begrüßt die jüngsten Aktionen der Europäischen Union zur
Förderung von Demokratie in Kuba, ist jedoch enttäuscht, daß die EU ein Gremium der Welthandelsorganisation
(WTO) um die Überprüfung der amerikanischen Politik gegenüber Kuba gebeten hat, äußerte Wirtschaftsminister
William Daley bei der Konferenz des European Institute in Washington am 14. März 1997.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Wirtschaftsminister Daley im Wortlaut.

Wenn ich mir die Natur der amerikanisch-europäischen Beziehungen betrachte, kommen mir die Worte
von Präsident Clinton bei seinem ersten Besuch in
Brüssel 1994 in den Sinn:
"Europa bleibt von zentralem Interesse für die Vereinigten Staaten ...
unser wertvollster Partner, nicht nur in
der Sache von Demokratie und Freiheit, sondern auch was Handel und
Investitionen betrifft."
Es gab eine Zeit, in der die Vereinigten Staaten Europa
ausschließlich als Sicherheitsanliegen sahen. Die
Eindämmung des Kommunismus und der sowjetischen
Expansion, die Gewährleistung von Frieden und
Stabilität auf dem Kontinent sowie der Aufbau von
Bündnissen gegen auftretende strategische Bedrohungen auf der ganzen Welt waren die treibende
Kraft hinter unseren Beziehungen. Heute - nach dem
Ende des Kalten Krieges und mit einer prosperierenden Weltwirtschaft - haben sich unsere Bande erweitert und vertieft.
Während die Vereinigten Staaten Beziehungen in
anderen Teilen der Welt kultivieren, sind wir uns
bewußt, daß keine andere Beziehung so wichtig ist wie
die zwischen unserem Land und der Europäischen
Union. Wir haben gemeinsame historische und
kulturelle Bande, und noch wichtiger ist, wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Förderung von Frie-

AMERIKA DIENST 06

den, Demokratie und Entwicklung auf der ganzen Welt
sowie eine gemeinsame Verpflichtung dazu. Gemeinsam haben wir den Krieg in Bosnien beendet und mit
dem Aufbau einer Grundlage für Demokratie und
Wohlstand in der Region begonnen. Wir haben den
aufstrebenden Demokratien in Zentral- und Osteuropa
geholfen und eine Partnerschaft für den Frieden
eingeführt, die alte Trennlinien in Europa durch eine
echte militärische Koalition aller europäischen Länder
ersetzt. Und indem wir unsere gemeinsamen diplomatischen, wirtschaftlichen und strategischen Ressourcen
einsetzen, unterstützen wir den Friedensprozeß im
Nahen Osten und stellen uns gemeinsam gegen die
nukleare Weiterverbreitung auf der koreanischen
Halbinsel.
Aus der Verwüstung des Zweiten Weltkriegs und der
Teilung des Kalten Krieges ist eine Partnerschaft
hervorgegangen, die auf globale Herausforderungen
mit den Lektionen der Geschichte und der Kraft der
Einheit reagiert. Am ermutigendsten ist jedoch, daß
diese Partnerschaft nicht nur eine Partnerschaft der
militärischen Macht und des militärischen Einflußbereichs ist. Das gemeinsame Terrain zwischen den
Vereinigten Staaten und Europa ist vielmehr ebenso
stark durch gemeinsame Wirtschafts- und Handelsinteressen definiert. Die EU ist nicht der größte
Exportmarkt der Vereinigten Staaten - das trifft auf
Kanada zu. Aber die EU ist bei weitem unser größter
Handelspartner - ein Markt für Exporte und Verkäufe
amerikanischer Firmen in Höhe von über einer Billion

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�Dollar und steht damit für nahezu die Hälfte des
Weltmarkts für amerikanische Unternehmen. In der
Tat ist Europa ein viermal größerer Markt für amerikanische Firmen als Kanada oder Japan.
Ebenso beeindruckend wie die Größenordnung der
von uns getätigten Geschäfte ist die Tatsache, daß die
Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Europa ausgeglichen sind. Drei Millionen
Europäer arbeiten für amerikanische Firmen in Europa,
und drei Millionen Amerikaner sind bei europäischen
Unternehmen in Amerika tätig. In der Tat befindet sich
jeder zwölfte Arbeitsplatz in der Fertigungsindustrie in
den Vereinigten Staaten in einer europäischen Fabrik.
Und auch unsere Handelsbilanz ist im Großen und
Ganzen ausgeglichen. In den vergangenen 25 Jahren
beliefen sich die Handelsüberschüsse und -defizite mit
Europa auf plus-minus Null. Im Vergleich dazu erzielte
der Handel der Vereinigten Staaten mit Asien ein
Defizit von 1,5 Billionen Dollar.
Europa ist auch unser wichtigster Partner bei der
Entwicklung und Unterstützung des Welthandelssystems. Die Hälfte des Welthandels entfällt auf die
Vereinigten Staaten und Europa. Wir haben ein
gemeinsames Interesse an der Öffnung von Weltmärkten und der Förderung von größerer wirtschaftlicher
Freiheit. Und in den vergangenen 50 Jahren waren
alle Fortschritte beim Welthandelssystem die Folge
unserer gemeinsamen Vereinbarungen und Maßnahmen. Wenn wir nicht übereinstimmen - wie es
während der Uruguay-Runde im Agrarbereich eine
Reihe von Jahren der Fall war - macht der offene
Handel wenig Fortschritte.
Wenn wir jedoch gemeinsam auf gemeinsame Ziele
hinarbeiten, ist unsere globale Führungsrolle ein
beeindruckender Katalysator. Betrachten Sie sich,
was wir in jüngster Zeit durch unsere gemeinsamen
Bestrebungen erreicht haben: Den Abschluß der
Uruguay-Runde, die Gründung der WTO, das Informationstechnologieabkommen und das Abkommen über
Telekommunikationsdienste.
Aber unsere beiden Seiten zum Vorteil gereichenden
bilateralen Beziehungen und unsere gemeinsamen
globalen Interessen bedeuten nicht, daß wir ständig
einer Meinung sind. Über die Jahre hinweg waren
Meinungsverschiedenheiten eine Realität, und wir
haben zweifelsohne auch heute einige - wobei die
größte über das Libertad- oder Helms-Burton-Gesetz
besteht.
Um ganz offen zu sein: Die Clinton-Administration ist
enttäuscht, daß die EU ein Gremium der Welthandelsorganisation (WTO) um die Überprüfung der amerikanischen Politik gegenüber Kuba gebeten hat. Die
Förderung eines friedlichen Übergangs zu Demokratie
in Kuba ist seit langem ein wichtiges Element der
überparteilichen amerikanischen Außenpolitik. Und

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das Schlüsselelement dieser Politik - einschließlich
des während der Kennedy-Administration und dem
Libertad-Gesetz von 1996 verhängten Embargos - sind
Jahrzehnte zurückreichende Gesetze und Bestimmungen, die für die nationale Sicherheit der Vereinigten
Staaten als grundlegend angesehen werden. Unsere
Aktionen und Maßnahmen gegenüber Kuba waren nie
durch Profitdenken motiviert. In der Tat ist das
Gegenteil der Fall. Wir waren bereit, den wirtschaftlichen Preis für unsere Prinzipien zu bezahlen, selbst
als ausländische Firmen bereitwillig Geschäfte mit
Kuba getätigt haben. Aber die amerikanische Haltung
in dieser Frage ist klar: Die WTO ist nicht das geeignete Forum zur Lösung von Differenzen in der
Außenpolitik.
Vor diesem Hintergrund möchte ich hinzufügen, daß
diese Administration die jüngsten Aktionen der Europäischen Union zur Förderung von Demokratie in
Kuba begrüßt, insbesondere die "gemeinsame Position" der EU zu Kuba. Auch die Vereinigten Staaten
haben im Geist der Zusammenarbeit gehandelt. Im
Januar hat Präsident Clinton angesichts der kooperativen Bestrebungen unserer Partner das Recht, unter
Titel III des Libertad-Gesetzes Klage zu erheben, zum
zweiten Mal ausgesetzt. Der Präsident hat darüber
hinaus seine Absicht bekundet, das auch weiter zu tun,
solange die EU ihre verstärkten Anstrengungen zur
Förderung von Frieden in Kuba aufrechterhält.
Ich hoffe, daß wir in diesem Geist der Zusammenarbeit
fortfahren und stimme mit Sir Leon Brittans Einschätzung überein, daß wir bezüglich unserer Differenzen
über das Libertad-Gesetz gute Fortschritte gemacht haben. Wir werden zusammen mit der EU alles in
unserer Macht Stehende tun, um eine beide Seiten
zufriedenstellende Resolution zu erzielen. Wenn wir
jedoch unsere Meinungsverschiedenheiten nicht
unverzüglich beilegen, werden die Vereinigten Staaten
die WTO offiziell davon in Kenntnis setzen, daß das im
Februar eingerichtete Gremium keine Befugnis für ein
Verfahren hat, weil es sich hierbei um eine die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihre
Außenpolitik betreffende Angelegenheit handelt.
Abgesehen von Kuba gibt es auch eher routinemäßige
Themen zwischen den Vereinigten Staaten und ihren
Verbündeten in der EU. Im Agrarbereich haben wir ein
besonders ernstes Problem, da der Mangel an Fortschritten seitens der EU beim Abschluß eines
Veterinär-Äquivalenzabkommens die amerikanischen
Fleisch- und Geflügelexporte in Höhe von über 1
Milliarde Dollar zu stören droht. Wenn wir diesen
Disput nicht bis zum 1. April lösen - in nicht einmal
zwei Wochen - wird das nicht nur Auswirkungen auf
die amerikanischen Exporte, sondern auch auf die der
EU haben. Darüber hinaus haben wir seit einiger Zeit
Differenzen bei anderen Themen, wie den audiovisuellen Quoten der EU, dem Verbot der EU für nicht BSEverseuchtes amerikanisches Rindfleisch, Öko-Kenn-

AMERIKA DIENST 06

�Zeichnungsprogrammen, die europäische Produktionsmethoden bevorzugen, handelsrestriktive Zollkategorie-Neuklassifizierungen von bestimmtem Informationstechnologiegerät und Auftragsvergabepraktiken
bei Stromversorgungsunternehmen.
Wir dürfen jedoch nicht zulassen, daß diese - und
andere in der Zukunft zweifellos auftauchende Probleme unsere Freundschaft, unsere gemeinsamen
Interessen und die Notwendigkeit von Zusammenarbeit überschatten.
In ihren ersten vier Jahren arbeitete die ClintonAdministration mit der Europäischen Union an der
Schaffung eines transatlantischen Kooperationsmechanismus, der umfassender denn je ist - der
neuen transatlantischen Agenda (NTA). Sie ist eine
ehrgeizige Tagesordnung für die Ausweitung der
amerikanisch-europäischen
Zusammenarbeit, die
Förderung von Frieden und Demokratie, die Erweiterung des Handels und die Ermutigung von
Kontakten zwischen jungen Amerikanern und Europäern, die die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten im Zeitalter nach dem Kalten Krieg sind.
Ferner konzentriert sich die NTA auf das, was möglicherweise als die nächste Generation von Sicherheitsbedrohungen bezeichnet werden könnte - Verbrechen,
Drogen, Gesundheitsgefährdungen und Umweltzerstörung.
Der zweite wichtige Mechanismus, der transatlantische
Wirtschaftsdialog, unterstützt unsere Unternehmen bei
ihrer Suche nach Gemeinsamkeiten beim Abbau von
Hindernissen für die Wirtschaft sowie offenem und
fairem Handel. Der transatlantische Wirtschaftsdialog
ist ein weiteres Hilfsmittel bei den Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union und bietet Unternehmen und Regierung
eine Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Die Einrichtung
dieser neuen transatlantischen Institutionen ist eine
große Leistung der ersten Clinton-Administration. In
ihrer zweiten Amtszeit sollte unsere Aufgabe darin
bestehen, die bilateralen Probleme schneller zu lösen
und eine Agenda für die Zukunft aufzustellen, damit
keine neuen Probleme entstehen.
Die neue transatlantische Agenda und der transatlantische Wirtschaftsdialog sollten ein wertvolle'
Aktivposten bei der Bewältigung von Aufgaben wie der
genaueren Definition von einem neuen transatlantischen Markt ohne Handelsschranken, von Schritten zu
seiner Erlangung sowie von gemeinsamen Bestrebungen zur Öffnung weiterer Märkte auf der ganzen Welt
sein. Die Wirtschaftsvertreter auf beiden Seiten des
Atlantiks haben ihrem Wunsch nach einem offenen
transatlantischen Markt ohne Handelshemmnisse
Ausdruck verliehen, und genau das ist unser Ziel. Wir
haben einen pragmatischen, schrittweisen Ansatz zu
dem neuen transatlantischen Markt gewählt, der
meines Erachtens der richtige Weg ist. Das wichtigste

AMERIKA DIENST 06

ist jetzt, weitere Einzelheiten unserer Bestrebungen zu
beschließen und klare Ziele zu setzen.
Ein wichtiges frühes Element des neuen transatlantischen Marktes ist ein Abkommen über die gegenseitige Anerkennung (Mutual Recognition Agreement MRA) zur Verringerung der Kosten von Produkttests
und Kontrollen im atlantischen Raum. Wir handeln
derzeit mehrere dieser Abkommen über die gegenseitige Anerkennung der Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union aus, die sich auf bilateralen
Handel im Wert von mehr als 50 Milliarden Dollar
beziehen. Beim amerikanisch-europäischen Gipfel im
vergangenen Dezember wurde das Ziel gesetzt, die
Verhandlungen über das MRA bis Ende Januar
abzuschließen. Demnach hätten wir heute den 73.
Januar! Die Uhr tickt also, obwohl wir uns alle Mühe
geben. Die verbleibenden Schwierigkeiten auf dem
Gebiet von Pharmazeutika und medizinischem Gerät
können überwunden werden, und die diese Woche
geführten kleinen Verhandlungsrunden für diese
Sektoren erzielten vielversprechende Ergebnisse. Ich
kann Ihnen versichern, daß beide Seiten äußerst
motiviert sind und wissen, daß die Augen aller im
Weißen Haus und an der Spitze der EU-Kommission
auf ihnen ruhen. Ich möchte keine zeitlichen Prognosen anstellen, aber nach optimistischen Schätzungen
können wir eher früher als später mit einer Einigung
rechnen - zweifellos vor dem nächsten amerikanischeuropäischen Gipfel Ende Mai.
Eine Vielzahl anderer Fragen im Zusammenhang mit
dem transatlantischen Markt erfordern in den kommenden Monaten unsere Aufmerksamkeit:
Abschluß des Prozesses zur Harmonisierung
von Kraftfahrzeugnormen - ein vor einem Jahr
eingeleitetes Projekt.
Fortschritte bei Zollfragen, dem Schutz geistigen Eigentums und auf anderen Gebieten, auf
denen Kostensenkungen möglich sind, in den
Bereichen Biotechnologie, Pharmazie und
chemische Industrie.
Entwicklung einer gemeinsamen Politik zu
Kryptologie und Entschlüsselung.
Lösung globaler Fragen, beispielsweise
Beschleunigung der Umsetzung von Abkommen der Uruguay-Runde, Abschaffung
der Zölle, Zusammenarbeit bei der Suche
nach dem besten Weg für einen WTO-Beitritt
Chinas und Rußlands.
Besondere Aufmerksamkeit möchte ich auch den
gemeinsamen amerikanisch-europäischen Aktionen
beim Kampf gegen Bestechung und Korruption im
Welthandel widmen. Europa könnte weitaus mehr
unternehmen, um die Empfehlungen der OECD zur

Seite 3

�Bestrafung von Bestechung und Beendigung der
Möglichkeit ihrer steuerlichen Absetzung durchzusetzen. Für Bestechung sollte im Welthandel kein
Raum sein, und die Clinton-Administration möchte,
daß Europa uns bei der Abschaffung dieser Abschreckung von fairem, offenem Handel zur Seite
steht.
In dem Bestreben, die führenden amerikanischen
Unternehmen auf der Weltbühne für offene Märkte und
internationalen Handel zu halten, habe ich mein
Ministerium angewiesen, unsere handelspolitischen
Aufgaben möglichst klar und detailliert darzulegen. Es
steht außer Frage, daß Handelsmissionen effektiv und
gleichermaßen im Interesse von Amerikanern und
Europäern sind. Ich wollte zahlreicheren und unterschiedlicheren Unternehmen die Teilnahme daran
ermöglichen und jede Kritik fernhalten, die Unternehmen dabei behindern könnte. Unsere Handelsmissionen werden offene, zugängliche, transparente
und zielgerichtete Bestrebungen sein, und ich sehe der
Aufgabe erwartungsvoll entgegen, sie zu leiten und die
Botschaft offener Märkte an die führenden Politiker von
Entwicklungsländern weiterzugeben, in denen die
Chancen am größten sind und amerikanische sowie
europäische Unternehmen und Arbeitnehmer gleichermaßen die größten Erfolge erzielen.
Die uns konfrontierenden Fragen - Differenzen über
Kuba, China und Rußland betreffende Angelegenheiten, technische und spezifische Belange des neuen
transatlantischen Marktes - verblassen in Anbetracht

der großen Gemeinsamkeiten zwischen Amerika und
Europa. Unsere gemeinsame Kultur - Millionen von
amerikanischen Familien mit Geschichte und Wurzeln
in Europa -, unsere gemeinsamen Anliegen - Millionen
von Arbeitnehmern, die ihre Familien mit Arbeitsplätzen in amerikanischen und europäischen Unternehmen ernähren -, und unsere gemeinsame Geschichte - von den Einwanderern, die Amerika aufbauten, bis zu den amerikanischen Soldaten, die Seite
an Seite mit unseren Verbündeten die Kräfte des
Nazismus besiegten und den Totalitarismus abwehrten
- sind ein elementarer Bestandteil der amerikanischeuropäischen Beziehungen.
Der Präsident
hat
Amerika aufgefordert, die Tage zu nutzen, in denen wir
Wohlstand im Inland und Frieden mit dem Ausland
genießen. Dasselbe gilt auch für uns, insbesondere
vor dem Hintergrund, daß die amerikanisch-europäischen Beziehungen der Dreh- und Angelpunkt einer
wachsenden Weltwirtschaft voller Chancen sind, in der
das Leben der Menschen mit jedem Tag reicher,
gesünder, sicherer und freier wird.
Es stünde uns gut an, dem Beispiel von George
Marshall zu folgen, dessen Arbeit im Dienste Amerikas
Europa so sehr dabei half, sich von den Folgen des
Krieges zu erholen und wieder seinen Platz unter den
führenden Nationen der Welt einzunehmen: "Kriege
entstehen durch Armut und Unterdrückung", erklärte
Marshall. "Fortgesetzter Friede ist nur in einer relativ
freien und prosperierenden Welt möglich."
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
26. März 1997

Aktuelle Themen der euroatlantischen Beziehungen
Rede von J.D. Bindenagel

ERFURT - (AD) - Der Charge d'Affaires der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, J.D. Bindenagel, hielt am 17. März 1997 beim Treffen der Arbeitsgruppe für außenpolitische Fragen
der CDU/CSU Bundestagsfraktion in Erfurt/Thüringen nachfolgende Rede.

Vielen Dank für die Gelegenheit, heute zu Ihnen
sprechen zu dürfen. Es ist eine Ehre, mit dieser
herausragenden Gruppe Gedanken über die drängendsten Probleme unserer Zeit auszutauschen.
Es ist mir auch eine besondere persönliche Freude,
heute hier in Thüringen sein zu können. Als der
dienstälteste amerikanische Diplomat in Deutschland
bin ich mir unserer gemeinsamen Erfahrungen aus der
Vergangenheit und der Grundlage wohl bewußt, die
diese Geschichte für unsere Zukunft bildet. Das ist
nirgends offenkundiger als hier in Erfurt.
Im Jahr 1945 gab es eine amerikanische Präsenz in
Thüringen. Auch mein Vater war als Infanterist der
104. Infanteriedivision hier stationiert. Nachdem die
letzte große Schlacht in Halle gekämpft war, wurden er
und seine Division von der Mulde für das historische
Treffen mit russischen Streitkräften nach Torgau
verlegt. Aber wenige Monate später zogen die
amerikanischen Truppen ab, und wir kamen rund
siebenundvierzig Jahre lang nicht zurück. In diesen
dazwischenliegenden Jahren spürten wir, wie hoch der
Preis der nicht vorhandenen amerikanischen Präsenz
ist.
Im vergangenen Monat, am 11. und 12. Februar,
waren die amerikanischen Streitkräfte wieder in
Thüringen - dieses Mal, um eine Übung mit Truppen
der 1. Infanteriedivision durchzuführen. Diese Übung
ist nicht nur ein Anzeichen dafür, wie weit wir seit der
Vereinigung Deutschlands gekommen sind, sondern
steht auch als Symbol, wohin wir beim Streben nach
Sicherheit für ganz Europa gehen wollen.

AMERIKA DIENST 06

Die Beseitigung von Trennlinien, die Förderung von
Stabilität und Wohlstand - das sind die Ziele, von
denen unsere Politik geleitet ist - in der NATO und den
transatlantischen
Beziehungen
gleichermaßen.
Während die Clinton-Administration ihre zweite
Amtszeit antritt, sind dies unsere unumstrittenen
Prioritäten.
Seit die neue Administration am 20. Januar ihre
Geschäfte aufnahm, haben bereits Außenministerin
Albright, Finanzminister Rubin und Verteidigungsminister Cohen Deutschland und andere Hauptstädte
unserer Verbündeten besucht, um diese Prioritäten
umzusetzen und unsere gemeinsame Tagesordnung
eines ungeteilten Europas voranzubringen.
Ein entscheidender Schritt in diesem Prozeß wird die
Anpassung der NATO sein - neue Mitglieder, Umstrukturierung und die Charta zwischen der NATO und
Rußland. Ende der Woche werden die Präsidenten
Clinton und Jelzin in Helsinki zusammenkommen, um
dieses vorrangige Thema zu erörtern.
In wenigen Monaten wird das Bündnis ein
außerordentliches Gipfeltreffen abhalten, um
potentielle neue Mitglieder zur Aufnahme von
Verhandlungen über die Mitgliedschaft einzuladen.
Im gesamten Verlauf des Aufnahmeprozesses
- einem offenen Prozeß, der nicht im Juli endet
- müssen wir sicherstellen, daß die Länder, die
nicht in der ersten Verhandlungsrunde über
die NATO-Mitgliedschaft zum Beitritt eingeladen werden, ihre Beteiligung an einer erweiterten Partnerschaft für den Frieden oder

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�besonderen Beziehungen zur NATO aufrechterhalten und sogar vertiefen. Wir sehen,
welche positiven, stabilisierenden Auswirkungen dies bereits in der Region gehabt hat.
Die übergeordneten Ziele der Vereinigten Staaten für
die europäische Sicherheit haben sich in der zweiten
Clinton-Administration nicht geändert. Sie sehen
einige neue Gesichter und einen gewissen neuen Stil
in der amerikanischen Diplomatie, aber unser Ziel
bleibt gleich: Der Aufbau eines friedlichen, integrierten
Europas in einer neuen atlantischen Gemeinschaft.
Diese Gemeinschaft muß in der Lage sein, die Sicherheitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts
effektiv zu bewältigen.
Amerika hat seinerseits eine Führungsrolle in der sich
verändernden NATO übernommen. Im Frühjahr 1993
formulierte die erste Clinton-Administration ihre Politik
im Hinblick auf den Krieg auf dem Balkan. Wir wurden
daran erinnert, daß Bismarck einmal gesagt hat, der
Balkan sei nicht das Leben eines einzigen pommerischen Grenadiers wert. Diese Debatte über "elementare" nationale Interessen der Vereinigten Staaten in
Europa war eine lebhafte, eindringliche Prüfung der
Rolle Amerikas in Europa.
Im April 1993 wurde das Holocaust Memorial Museum
in Washington eröffnet - ein Ereignis, das uns die
Gelegenheit bot, das amerikanische Engagement in
Europa durch ein neues Prisma zu betrachten. Der
Eröffnung wohnten zahlreiche Politiker aus Zentraleuropa bei, die uns bei diesem Anlaß an die Instabilität
in Europa entlang der alten Trennlinie des Kalten
Krieges erinnerten. Elie Wiesel, ein Überlebender des
Holocaust, verwies auf die besondere Notwendigkeit
einer andauernden amerikanischen Präsenz in Europa
in solchen Zeiten. Es war nicht nur die Geschichte
lange vergangener Zeiten, sondern auch die jüngere
Geschichte, die die Vereinigten Staaten veranlaßte,
ihre Verpflichtung zu Stabilität und Sicherheit in Europa
erneut zu bekräftigen.
Die NATO paßt sich wie alle wichtigen Institutionen
kreativ an die neue Welt an, in der wir uns wiederfinden. Im Hinblick auf die interne Struktur der NATO ist
Frankreich dabei, seine Beziehungen zum Bündnis
neu zu definieren.
Auch wir suchen nach Wegen zur Stärkung des
europäischen Pfeilers, damit wir den sich abzeichnenden Sicherheitsherausforderungen effektiver begegnen können.
Dies ist nirgends offensichtlicher als bei der Stationierung von NATO-Truppen in Bosnien. Die SFOR, und
davor die IFOR, beweisen, daß die NATO die Aufgaben des 21. Jahrhunderts mit Hilfe von Verbündeten
und Nichtverbündeten gleichermaßen angehen kann.

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Auf diese Erfahrung können wir die mögliche CJTFMission der Zukunft aufbauen.
Die Partnerschaft für den Frieden der NATO hat weit
über die anfänglichen Erwartungen hinaus Erfolge
gezeigt. Der bleibende Wert der durch die PfFÜbungen gebotenen konkreten Zusammenarbeit und
persönlichen Erfahrungen ist unermeßlich. Während
wir die PfF erweitern, indem wir mehr gemeinsame
Übungen durchführen und die Ebene unserer bilateralen und multilateralen Kontakte erweitem, wird die PfF
zu einem unerläßlichen Ergänzungsmechanismus für
verstärkte Zusammenarbeit. Aber es gibt noch viele
andere Wege, dies zu erreichen. Die bilateralen
Bestrebungen der Vereinigten Staaten, die wir als den
Aktionsplan für die baltischen Staaten bezeichnen,
sind ein Beispiel.
Und als Teil dieser umfassenden Umgestaltung öffnet
die NATO ihre Türen für neue Mitglieder.
Damit die NATO-Erweiterung Erfolg haben kann, muß
sie in einer Weise vollzogen werden, die Sicherheit
und Stabilität auf dem gesamten Kontinent stärkt - für
Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen. Vor
allem darf sie keine neuen Trennlinien in Europa
schaffen.
Aus diesem Grund ist es entscheidend, daß Rußland
seinen rechtmäßigen Platz in dem neuen Europa
einnimmt. Rußland ist von zentraler Bedeutung bei
unserem Streben nach Stabilität in Europa. Wir
wünschen ein friedliches, stabiles und demokratisches
Rußland, das fest in einen ungeteilten Kontinent
integriert ist.
Ein entscheidendes Element der russischen Integration in europäische Institutionen wird die Entwicklung einer strategischen Partnerschaft zwischen
Rußland und der NATO sein. Diese Partnerschaft
muß auf der Respektierung der legitimen Sicherheitsinteressen der jeweils anderen Seite gründen. Sie
geht von der Überzeugung aus, daß konkrete Zusammenarbeit der Art, wie wir sie zwischen der NATO
und den russischen Bodentruppen in Bosnien gesehen
haben, zum Vorteil aller Parteien ist.
Wir arbeiten darauf hin, dieser Partnerschaft durch die
Verhandlungen über eine Charta Form und Fokus zu
verleihen. Als Chefunterhändler könnte Generalsekretär Solana später mehr Einzelheiten nennen. Ich
möchte nur sagen, daß wir uns zutiefst zur Entwicklung
dieser Partnerschaft verpflichtet haben und intensiv auf
die Erlangung dieses Ziels hinarbeiten. Gleichzeitig
haben wir uns verpflichtet, mit unserer Tagesordnung
der Erweiterung des Bündnisses fortzufahren. Wie
Außenministerin Albright kürzlich sagte, möchten wir
Rußland ein Mitspracherecht, aber kein Vetorecht
einräumen.

AMERIKA DIENST 06

�Ein anderer wesentlicher Bestandteil unserer Agendafür europäische Stabilität ist die Frage der konventionellen Streitkräfte.
Sie führt die verschiedenen
Elemente - Erweiterung, Partnerschaft mit Rußland
und interne Anpassung - zu einem einheitlichen
Ganzen zusammen. Der KSE-Vertrag bietet die
unerläßliche Grundlage für konventionelle Stabilität auf
dem gesamten europäischen Kontinent. Aber er
wurde zu einer anderen Zeit unter ganz anderen
Umständen konzipiert. Heute arbeiten wir an der
Anpassung des Vertrags an die derzeitigen strategischen Gegebenheiten.
Die NATO unterbreitete in Wien einen weitreichenden
Vorschlag, um die alten Blockstrukturen durch ein
neues System nationaler und territorialer Grenzen zu
ersetzen. Wir möchten die Sicherheit aller Parteien
erhöhen, indem wir die Transparenz auf den niedrigeren Ebenen der Streitkräfte verbessern. Die Verhandlungen über die Anpassung dieses rechtlich bindenden
Vertrags sind ein wichtiger Bestandteil unserer Agenda
für europäische Sicherheit. Diese impliziert auch die
Bestrebung, Stabilität zu einer langfristigen Errungenschaft zu machen, die in einem Vertrag kodifiziert ist.
Unsere neuen Sicherheitsbeziehungen zu Rußland
werden auch durch Wirtschaftsbeziehungen ergänzt.
Die Gore-Tschernomyrdin-Kommission ist zu einem
zentralen Element bei der Gestaltung der Beziehungen
Amerikas und der anderen westlichen Staaten zu
Rußland geworden.
Im Hinblick auf Investitionen, Unterstützung, Beratung
und Goodwill haben wir viel für Rußland - und die
neuen unabhängigen Staaten - erreicht.
Wir reichen Rußland die Hand der Freundschaft, und
Rußland reagiert.
Die russischen Wähler haben in überwältigender Zahl
gezeigt, daß sie zur Bewahrung ihrer neugewonnenen
Freiheiten und zur Fortsetzung des Reformweges
entschlossen sind. Obwohl sie mit großen Schwierigkeiten konfrontiert sind, kämpfen sie darum, über die
sehr realen Härten des Augenblicks hinaus in eine
bessere Zukunft zu blicken.
Unser Ansatz ist umfassend. Er ist nicht auf die
Reform der NATO beschränkt. Vielmehr nutzt er die
bestehenden multilateralen Institutionen wie die
Europäische Union, die Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa und die Welthandelsorganisation. Wir möchten alle verschiedenen Institutionen einbeziehen, weil wir unser Konzept der
neuen atlantischen Gemeinschaft auf eine umfassende
Definition von Sicherheit gründen, die über traditionelle
Militärfragen hinausgeht.
Diese neue Gemeinschaft gründet auf den Idealen, die
Staatsmänner wie George Marshall, Konrad Adenauer

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und Jean Monnet vor nahezu 50 Jahren von einem
wahrhaft integrierten Europa vom Atlantik bis zum Ural
hatten. Sie wird die Partnerschaft der Vereinigten
Staaten nicht nur mit einem integrierteren Europa,
sondern weltweit vertiefen.
Diese Gemeinschaft basiert auf unseren bilateralen
Beziehungen zu allen Ländern Europas sowie auf
unseren Verbindungen im Rahmen multilateraler
Institutionen wie der NATO, der EU und der OSZE.
Durch die Europäische Union, die NATO und die
OSZE haben wir eine historische Chance zur Ausweitung von Frieden und Wohlstand. Durch die
Öffnung demokratischer Institutionen für neue Mitglieder machen wir Gegner zu Freunden und Verbündeten, verbreiten Freiheit und Wirtschaftsreformen und
öffnen unsere Gesellschaften für eine Weltwirtschaft,
die wirklich keine Grenzen kennt. Gemeinsam verfolgen wir eine umfassende Strategie zur Vermeidung
künftiger Konflikte in einem integrierten Europa.
Die ersten Schritte werden nicht allein von der NATO
unternommen.
Die neuen Demokratien Zentraleuropas öffnen sich ebenfalls nach Osten und Westen
um sicherzustellen, daß der Dialog fortgesetzt wird und
fruchtbar ist.
An diesem Punkt möchte ich die positive Rolle Polens
in der Region hervorheben. Polen hat besonderes
Geschick bei der Pflege der Beziehungen zu seinen
Nachbarn im Westen und Osten gleichermaßen
bewiesen und nicht die Tatsache aus den Augen
verloren, daß seine Beziehungen zu diesen Ländern
eine wichtige Priorität bleiben. Polen hat die alte Kluft
überwunden und gemeinsame Friedenssicherungsbataillone mit der Ukraine und Litauen geschaffen.
Polen hat die PfF genutzt, um die Beziehungen zu
seinen Nachbarn im Osten zu verbessern, und nicht
nur, um seine Eignung für einen NATO-Beitritt unter
Beweis zu stellen. Durch diese Bestrebungen hebt
sich Polen als stabilisierender Akteur im neuen
Zentraleuropa ab, dessen Anstrengungen zur Nachahmung empfohlen werden.
Abschließend möchte ich betonen, daß wir uns zwar
einen ehrgeizigen, aber auch den richtigen Zeitplan
gesetzt haben.
Würde der Prozeß langsamer vonstatten gehen,
könnte die politische Unterstützung der NATO in den
Mitgliedstaaten auf unnötige Weise unterminiert
werden. Das Bündnis hat seine ursprüngliche Entscheidung zur Erweiterung vor drei Jahren - 1994 getroffen, und es ist jetzt an der Zeit, Fortschritte zu
machen und die NATO an die derzeitigen Gegebenheiten anzupassen.
Noch länger zu warten, würde einen Aufschub der
vielen mit einer NATO-Erweiterung einhergehenden
Vorteile bedeuten. Madeleine Albright formulierte es

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�kürzlich folgendermaßen: "Gleichzeitig gewinnen wir
neue Verbündete, die bestrebt und zunehmend fähig
sind, einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Sicherheitsagenda zu leisten - vom Kampf gegen den
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bis zur Sicherung von Stabilität in
Krisenregionen wie dem ehemaligen Jugoslawien."
Allein die Aussicht auf eine NATO-Erweiterung gibt
Zentral- und Osteuropa mehr Sicherheit, als es in
diesem Jahrhundert genossen hat.
Gleichzeitig wollen wir das Tempo nicht forcieren,
denn das könnte - ebenso wie unnötige Verzögerungen - zu Instabilität führen. Wir haben einen überlegten, schrittweisen und transparenten Anpassungsprozeß eingeleitet. Die militärische Effektivität wird
bewahrt. Vor allem werden die 16 Mitgliedstaaten der
NATO während des gesamten Anpassungsprozesses
weiterhin Entscheidungen per Konsens fällen.
Bei unseren Diskussionen über die Zukunft der NATO
sollten wir - und insbesondere diejenigen unter uns,
die an dem politischen Entscheidungsfindungsprozeß
beteiligt sind - nicht vergessen, daß die NATO mehr
bewirkt hat als die Eindämmung der sowjetischen

Bedrohung. Bei ihrer Gründung bot die NATO das
Vertrauen und die Sicherheit, die Europas zerstörte
Volkswirtschaften für ihren Wiederaufbau benötigten.
Sie ermöglichte die europäische Integration, indem sie
die Annäherung von Frankreich und Deutschland
bewirkte. Und sie stabilisierte die Beziehungen
zwischen Griechenland und der Türkei.
Die NATO bot weitaus mehr als die Verteidigung
unserer Lebensweise gegen militärische Aggression.
Sie diente als Forum für Zusammenarbeit bei einer
Vielzahl anderer Fragen. Letztlich wurde sie zu einem
Ort, an dem viele unserer bedeutenden multilateralen
und sogar bilateralen Gespräche stattfanden.
Amerikaner und Europäer können untereinander die
Integration neuer Mitglieder in den Bereichen Politik
und Wirtschaft, Verteidigung und Sicherheit gewährleisten. Wenn wir dieses Ziel erreicht haben, werden
wir auf das Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit
zurückblicken, in der wir die richtigen Entscheidungen
trafen und den Mut hatten, die historischen Chancen
zu nutzen.
Vielen Dank.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
26. März 1997

Kulturbruch mit Amerika - nein danke!
Rede von J.D. Bindenagel

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Charge d'Affaires der Botschaft der
Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 16. März 1997 bei der
Fulbright-Woche in Berlin gehalten hat.

Herr Außenminister, Frau Dr. Ischinger, Mitglieder des
Fulbright-Vereins, liebe Fulbright-Stipendiaten und
Alumni,
vielen Dank für die Gelegenheit, zu Ihnen sprechen zu
dürfen - vor allem hier in Berlin. Immer wenn ich in
diese Stadt komme, denke ich an ihre Geschichte
dramatischer Veränderungen und des Aufruhrs. Man
kann praktisch nicht umhin. Wenn man durch die
Stadt geht und zu der Ruine der Gedächtniskirche
kommt, muß man sich an den Strudel der Gewalt
erinnern, der seine Narben auf diesem Land und der
Welt hinterließ. Der Flughafen Tempelhof erinnert uns
an die 18 Monate der Berliner Luftbrücke und die
Solidarität der Alliierten. Und ein Spaziergang entlang
dem Schöneberger Rathaus ruft die Filme meiner
Jugend und einen jungen amerikanischen Präsidenten
ins Gedächtnis, der uns erklärte, der stolzeste Satz
eines freien Bürgers sei: "Ich bin ein Berliner." Wir
hatten das Glück, diese Stadt ungeteilt und frei zu
erleben, als Symbol nicht nur für ein vereintes
Deutschland, sondern auch für einen Kontinent, der
endlich die letzten Grenzen und Schranken des Kalten
Krieges niederreißt. Sie dürfen nie wieder aufgebaut
werden.
Weswegen wurden diese Schranken überhaupt
errichtet? Wodurch wurden die Kontakte zwischen
West und Ost unterbunden? Ich gebe zu, daß die
Antwort für uns heute von Bedeutung ist, wenn wir die
Reisefreiheit und den Austausch von Gedanken
schützen wollen - die kostbarsten, hart erkämpften
Errungenschaften dieses Jahrhunderts der Konflikte.
Als die Sowjetunion ihre politische Kontrolle über die
Länder Zentral- und Osteuropas konsolidierte, sorgte
Stalin dafür, daß es keine privaten Kontakte zu der
Welt dort draußen gab. Als seine Nachfolger sahen,

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daß die Deutschen aus dem unfreien Teil Deutschlands auf der Suche nach Freiheit und Chancen in den
Westen strebten, errichteten sie Wachposten und die
Berliner Mauer. Als George Marshall vor fünfzig
Jahren Wirtschaftshilfe und Chancen versprach, war
ein Teil Europas, der ebenso zerstört war wie der Rest,
nicht frei, sich daran zu beteiligen. Und als William
Fulbright darauf drängte, daß junge Menschen Studenten - international reisen und zum freien Fluß
von Menschen und Gedanken beitragen, konnte sich
halb Europa nicht daran beteiligen. Wenn uns dieses
zu Ende gehende Jahrhundert nur eines lehrt, dann,
daß Freiheit schnell verloren und massiv, extensiv
unterdrückt werden kann. Diese Unterdrückung kann
letztlich überwunden werden, aber nur nach großem
Leid. Wenn der Staat dem Volk die Kontrolle entzieht
oder die Menschen ihre Freiheit dem Staat abtreten, ist
der freie Fluß der Menschen und Gedanken meistens
das erste Opfer. Robert Frost sagte einmal, etwas in
der menschlichen Natur verabscheue eine Mauer.
Das mag zutreffen, aber wir dürfen nicht untätig
zusehen. Wir benötigen Brücken, die jede Mauer
überspannen können.
Das Fulbright-Austauschprogramm ist eine solche
Brücke - vielleicht unsere wichtigste. Sie ist stabil und
jetzt über fünfzig Jahre alt. Mehr als 20.000 Menschen
haben diese Brücke zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten überquert. Ihre Erfahrungen und
Leistungen im Leben beweisen, daß die Deutschen
und Amerikaner, die diese Brücke überquerten, in
hohem Maße von ihren Studien und Reisen profitiert
haben. Sie haben unsere beiden Länder auch bereichert. Sie sind Minister und Fernsehkommentatoren,
Leiter von Unternehmen und Anwaltskanzleien,
führende Akademiker und Wissenschaftler geworden.
Ein amerikanischer Fulbright-Stipendiat in Deutschland

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�wurde ein Astronaut, und einem deutschen FulbrightStipendiaten in den Vereinigten Staaten wurde vor
einigen Jahren der Friedensnobelpreis für Medizin
verliehen. Wie es ein Bundestagsabgeordneter vor
kurzem formulierte, war das deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm in den letzten fünfzig Jahren der
Eckpfeiler der bilateralen kulturellen Beziehungen.
Und Präsident Herzog erklärte in einer Rede hier in
Berlin vor nur einem Jahr, das Fulbright-Programm sei
eine wunderbare Investition in unsere gemeinsame
Zukunft. Präsident Clinton schrieb im vergangenen
Jahr, das Fulbright-Programm sei wichtiger als je zuvor
- ein maßgeblicher Beitrag zur Entwicklung einer auf
Frieden, Wohlstand und Freiheit gegründeten globalen
Staatengemeinschaft.
Diese starken Worte des Lobes und Engagements
sollten uns erfreuen und ermutigen. Austauschschüler, Alumni und alle an der ausgezeichneten
Durchführung des Fulbright-Programms in Deutschland Beteiligten können zu Recht stolz sein. Aber die
durch das Fulbright-Programm gebaute "Brücke"
benötigt noch unsere Unterstützung. Wir leben in
einer Zeit, in der sich die Regierungen unserer beiden
Länder großem Druck ausgesetzt sehen, zu sparen
und die fortgesetzte Notwendigkeit jedes Programms
unter Beweis zu stellen. In meinem Land sieht das
Modell für staatliche Aktivitäten - das von manchen als
Paradigma bezeichnet wird - vor, daß Programme nur
mit staatlichen Geldern gefördert werden, wenn sie
eine Partnerschaft mit dem Privatsektor vorweisen
können. Die Fulbright-Kommission in Deutschland
erfüllt diese Bedingung mit ihrem neuen Verein der
Freunde und Förderer des deutsch-amerikanischen
Fulbright-Programms, der sowohl Praktikantenplätze
als auch Stipendien anbietet. Ich bin überzeugt, wenn
der Privatsektor ein echtes Engagement für staatlich
unterstützte
Austauschprogramme
demonstriert,
werden Regierungen nicht vor ihren Verpflichtungen
zurückschrecken. Sie werden an diesem Erfolg
teilhaben wollen. In diesem Jahr ist der FulbrightFörderverein ebenso gewachsen wie der Beitrag der
amerikanischen und der deutschen Regierung.
Ich möchte eine logische Schlußfolgerung ziehen.
Wer sich die gesamten deutsch-amerikanischen
Austauschprogramme ansieht - berufliche, akademische, Jugendaustausch, Städtepartnerschaften - ist
zweifelsohne verblüfft, wenn er sich die staatlichen
Beiträge ansieht. Die zahlreichen Stiftungen, Berufsgruppen, Privatvereinigungen und Unternehmen fügen
den Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
jedes Jahr im realen Leben und im Cyberspace immer
mehr Brücken hinzu. Sie ersetzen die Rolle der
Regierung nicht, sondern ergänzen sie. Wahrscheinlich kann niemand genau sagen, wieviele private
Übereinkünfte zwischen amerikanischen und deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen
geschlossen wurden. Wir wissen, daß es viele gibt möglicherweise mehr als je zuvor. Das heißt jedoch

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nicht, daß wir das Fulbright-Programm weniger nötig
hätten.
Wir müssen den Privatsektor, die akademischen
Institutionen und die Medien insgesamt in unsere
Kulturbeziehungen einbeziehen. Allzu viele vertreten
die irrige Annahme, zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten gebe es einen Kulturbruch. Das
Gegenteil ist der Fall. Die Vereinigten Staaten haben
in Europa keinen wichtigeren Austauschpartner auf
kultureller, akademischer und beruflicher Ebene als
Deutschland. Und ich wage zu behaupten, daß es für
Deutschland außerhalb von Europa kein wichtigeres
Tourismus- und Austauschland gibt als die Vereinigten
Staaten. Diese Beziehungen sind zu umfassend, zu
vielfältig und zu dynamisch, um in die enge Schablone
von Beziehungen zwischen spezifischen Institutionen
gepreßt zu werden. Es sind Beziehungen mit vielen
Brücken, nicht nur mit einer.
Die selektive Lektüre einiger Zeitungen mag den
Eindruck erwecken, in Amerika habe sich das Bild von
Deutschland geändert oder Deutschland sei für
Amerika nicht länger einzigartig.
Solche Artikel
erwähnen den Abbau der amerikanischen Streitkräfte
in Deutschland oder die Umstrukturierung einiger
Amerika Häuser. Aber sie begreifen nicht das Wesentliche: Wir leben nicht mehr in einer Zeit der Selbstverständlichkeit oder des automatischen Konsenses,
sondern in einer Zeit der Partnerschaft. Ein amerikanischer Kommentator schrieb letzte Woche in der
Washington Post nachdem er diese Stadt besucht
hatte, in Deutschland sei die größte Story, daß es
keine Story gebe - das heißt, wie er es formulierte, "die
alte Nation scheint vollkommen verschwunden zu
sein".
Glücklicherweise werden wir nicht mehr mit der
Tyrannei konfrontiert, die dieses Jahrhundert in
Aufruhr versetzte. Die Mauern sind gefallen, und auf
den Brücken herrscht mehr Geschäftigkeit denn je.
Dies ist das normale und aufregende Zeitalter der
Vorbereitung auf das neue Jahrhundert in internationaler Partnerschaft. Das Fulbright-Programm ragt
als leuchtendes Beispiel heraus und verbindet unsere
beiden Gesellschaften miteinander. Es gibt keinen
Kulturbruch.
Sie wissen, daß es eine Tradition gibt, die so alt ist wie
das Fulbright-Programm in diesem Land. Jedes Jahr
im Herbst kommen die derzeitigen und ehemaligen
Mitglieder des Fulbright-Programms in Bremen
zusammen, wo die ersten deutschen Fulbright-Stipendiaten in den fünfziger Jahren mit dem Schiff in die
Vereinigten Staaten aufbrachen und die ersten
amerikanischen Austauschschüler in Deutschland
ankamen. Jedes Frühjahr kommen sie hier in Berlin
zusammen. Bei diesen jährlichen Zusammenkünften
sprechen sie über die Geschichte, deren Bestandteil
sie sind und jetzt in Berlin über die Zukunft, in der sie

AMERIKA DIENST 06

�eine wichtige Rolle spielen werden. Ich bin überzeugt,
daß diese Rolle angesichts steigernder Kommunikation und Kontak'e zwischen unseren beiden Ländern
an Bedeutung gewinnen und die Zeit immer weiter
zurück in die Geschichte verweisen wird, in der diese
Kontakte tatsächlich unterbrochen waren. Wenige
Dinge verbinden uns so stark wie das halbe Jahrhundert unseres gemeinsamen Engagements für un-

sere grundlegenden Menschenrechte - Reisefreiheit
und freier Gedankenaustausch. Mit Ihrem persönlichen Engagement und mit Unterstützung unserer
beiden Regierungen wird es nie wieder einen solchen
Bruch geben.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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