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amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

03

12. Februar 1997

LAGE DER NATION

CLINTON: USA BLEIBEN DIE UNERLÄSSLICHE
NATION
Bericht zur Lage der Nation

WIRTSCHAFT

VIER JAHRE WIRTSCHAFTSWACHSTUM
MACHEN DEN AMERIKANISCHEN TRAUM
ZUR REALITÄT
Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten

USA-DEUTSCHLAND

DIE ZUKUNFT DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN
Rede von Abteilungsleiter John Kornblum

ABRÜSTUNG

KREATIVE BESTREBUNGEN ZUR
RÜSTUNGSKONTROLLE UNERLÄSSLICH
Rede von ACDA-Direktor John Holum

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�LAGE

DER

NATION

12. Februar 1997

Clinton: USA bleiben die unerläßliche Nation
Bericht zur Lage der Nation

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den von Präsident Clinton am 4. Februar 1997 vor dem
Kongreß vorgetragenen Bericht zur Lage der Nation im Wortlaut.

Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, Abgeordnete des
105. Kongresses, verehrte Gäste, liebe Mitbürger,
ich möchte mich zunächst dafür bedanken, daß Sie
mich wieder eingeladen haben. Heute Abend stehe
ich vor Ihnen mit einer so großen Herausforderung wie
alle Herausforderungen in unserer Geschichte zu
Friedenszeiten und einem Aktionsplan zur Bewältigung
dieser Herausforderung, um unser Volk auf die kühne
neue Welt des 21. Jahrhunderts vorzubereiten.
Wir haben viel, für das wir dankbar sein können. Dank
vier Jahren des Wachstums haben wir die grundlegende Stärke unserer Volkswirtschaft zurückerlangt.
Während die Verbrechensrate und die Zahl der
Sozialhilfeempfänger sinken, kehrt unser Optimismus
zurück - der beständige Glaube, daß wir jede Schwierigkeit meisten können. Der Kalte Krieg gehört
allmählich der Vergangenheit an, der globale Handel
befindet sich auf Rekordhöhe, und wir tragen zu
beispiellosem Frieden und Wohlstand auf der ganzen
Welt bei.
Meine amerikanischen Mitbürger, die Lage unserer
Nation ist sehr gut. Aber jetzt müssen wir den entscheidenden Augenblick nutzen, um eine Nation und
eine Welt zu schaffen, die besser sind als alles, was
wir bisher kannten. Die neuen Verheißungen der
Weltwirtschaft, das Informationszeitalter, unvorstellbare neue Arbeit, lebensverbessernde Technologie all dies müssen wir nutzen. Das ist unsere Pflicht und
unsere Herausforderung. Wir müssen die Ereignisse
gestalten, nicht nur Beobachter sein. Denn wenn wir
nicht handeln, wird der Augenblick verstreichen - und
wir werden die besten Chancen für unsere Zukunft
verpassen.

AMERIKA DIENST 03

Wir sehen uns nicht mit einer unmittelbaren Bedrohung
konfrontiert, aber wir haben einen Feind - der Feind
unserer Zeit ist Inaktivität. Deshalb rufe ich heute
Abend zu Aktivität auf - Aktivität dieses Kongresses,
Aktivität unserer Bundesstaaten, Aktivität unserer
Bürger, um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten. Aktivität, um die Stärke unserer Volkswirtschaft und unserer Demokratie zum Wohle unseres
gesamten Volkes zu bewahren; Aktivität zur Verbesserung des Bildungswesens und zur Nutzung der
Kräfte von Technologie und Wissenschaft; Aktivität
zum Aufbau stärkerer Familien und stärkerer Gemeinden und einer saubereren Umwelt; Aktivität, um
Amerika als die stärkste Kraft für Frieden, Freiheit und
Wohlstand der Welt zu bewahren. Und vor allem,
Aktivität zum Aufbau einer perfekteren Union hier zu
Hause.
Die Geisteshaltung, die wir in unsere Arbeit einbringen,
wird den Unterschied bewirken. Wir müssen uns dem
Streben nach Chancen für alle Amerikaner und der
Verantwortung aller Amerikaner in einer Gemeinschaft
aller Amerikaner verpflichten. Und wir müssen uns zu
einer neuen Art von Regierung verpflichten - die nicht
alle Probleme für uns lösen soll, sondern unserem
Volk die erforderlichen Instrumente an die Hand gibt,
um das beste aus seinem Leben zu machen.
Und wir müssen zusammenarbeiten. Das Volk dieser
Nation hat uns alle gewählt. Es will unser Partner sein,
nicht Parteigänger. Es hat uns alle hier in dasselbe
Boot gesetzt, es hat uns allen Ruder gegeben und uns
gesagt, wir sollen rudern. Hier ist die Richtung, die wir
meines Erachtens einschlagen sollten.
Erstens müssen wir unverzüglich die noch unerledigte
Arbeit unseres Landes in Angriff nehmen - unseren

Seite 1

�Haushalt ausgleichen, unsere Demokratie erneuern
und die Sozialreform abschließen.
In den vergangenen vier Jahren haben wir neues
Wirtschaftswachstum bewirkt, indem wir in unser Volk
investiert, unsere Exporte erweitert, unsere Defizite
verringert und über 11 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen haben - das ist ein vierjähriger Rekord.
Jetzt muß unsere Volkswirtschaft die stärkste der Welt
bleiben. Wir heute Abend hier Anwesenden haben
eine historische Chance. Dieser Kongreß soll der
Kongreß sein, der endlich den Haushalt ausgleicht.
In zwei Tagen werde ich einen detaillierten Plan zum
Ausgleich des Haushalts bis zum Jahr 2002 vorlegen.
Dieser Plan wird den Haushalt ausgleichen und in
unser Volk investieren und gleichzeitig Medicare,
Medicaid, die Bildung und die Umwelt schützen. Er
wird den Haushalt ausgleichen und auf die Bestrebungen des Vizepräsidenten aufbauen, unsere Regierung
bei geringeren Kosten effizienter zu machen. Er wird
den Haushalt ausgleichen und der Mittelschicht
Steuererleichterungen gewähren, damit Bildung und
Gesundheitsfürsorge bezahlt, Kinder aufgezogen und
ein Haus gekauft oder verkauft werden kann.
Der Ausgleich des Haushalts erfordert nur Ihre
Abstimmung und meine Unterschrift. Er erfordert nicht
von uns, unsere Verfassung zu ändern. Meines
Erachtens ist es sowohl unnötig als auch unklug, einen
Zusatz über einen ausgeglichenen Haushalt zu
verabschieden, der unser Land in Krisenzeiten lähmen
und unerwünschte Ergebnisse erzwingen würde, wie
etwa, daß Richter Sozialversicherungsschecks
sperren oder Steuern erhöhen. Lassen Sie uns
zumindest vereinbaren, keine Maßnahmen zu ergreifen, die die Sozialversicherung bedrohen. Was
immer Sie für eine Meinung zu diesem Thema haben,
wir alle müssen eingestehen, daß wir keinen Verfassungszusatz benötigen - wir benötigen Aktivität.
Unabhängig von unseren Differenzen sollten wir den
Haushalt jetzt ausgleichen. Und dann müssen wir für
die langfristige Gesundheit unserer Gesellschaft einem
überparteilichen Prozeß zustimmen, um die Sozialversicherung zu erhalten und Medicare auf lange Sicht
zu reformieren, damit diese grundlegenden Programme für unsere Kinder so solide sind wie für unsere
Eltern.
Ich möchte etwas sagen, das heute Abend nicht in
meiner Rede steht. Ich weiß, daß es nicht leicht sein
wird. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß einer
der Gründe, warum das amerikanische Volk mich für
eine zweite Amtszeit gewählt hat, war, daß ich in den
nächsten vier Jahren die harten Entscheidungen treffe,
die unser Land durch die nächsten 50 Jahre bringen
werden. Ich weiß, es ist leichter für mich als für Sie,
das zu sagen oder zu tun. Aber ein weiterer Grund,
warum ich gewählt wurde, ist die Unterstützung für Sie

Seite 2

alle - unabhängig von der Partei - um Ihnen das für die
Mitsprache an diesen Entscheidungen Notwendige zu
geben. Wir schulden es unserem Land und unserer
Zukunft.
Die zweite unerledigte Arbeit erfordert von uns, daß wir
uns heute Abend, vor den Augen Amerikas, endlich
zur Verabschiedung einer Reform der Wahlkampffinanzierung verpflichten.
Die Senatoren McCain und Feingold, die Abgeordneten des Repräsentantenhauses Shays und
Meehan haben über die Parteigrenzen hinweg eine
durchgreifende und faire Reform erarbeitet.
Ihr
Vorschlag würde die Ausgaben begrenzen, die Rolle
der Lobbyisten einschränken, gleiche Chancen für
Kandidaten und Amtsinhaber schaffen und die Beiträge von nichtamerikanischen Staatsbürgern, alle Unternehmenszuwendungen sowie die anderen hohen
Zahlungen verbieten, die beide Parteien erhalten.
Sie und ich wissen, daß man es verschieben kann.
Und Sie und ich wissen, daß die Vertagung den Tod
der Reform bedeuten wird. Lassen Sie uns daher
unsere eigene Frist setzen. Wir wollen zusammenarbeiten, um die überparteiliche Reform der Wahlkampffinanzierung gesetzlich zu verankern und das
McCain-Feingold-Gesetz an dem Tag verabschieden,
an dem wir den Geburtstag unserer Demokratie feiern
- dem 4. Juli.
Es gibt noch ein drittes Stück unerledigter Arbeit. In
den vergangenen vier Jahren ist es uns gelungen, eine
Rekordzahl von 2,25 Millionen Menschen unabhängig
von der Sozialhilfe zu machen. Im letzten Jahr
verabschiedete der Kongreß ein bahnbrechendes
Gesetz zur Sozialhilfereform, das fordert, daß alle
arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger die Verantwortung
übernehmen, arbeiten zu gehen.
Jeder Einzelne von uns muß seiner Verantwortung - in
der Tat unserer moralischen Verpflichtung - gerecht
werden sicherzustellen, daß Menschen, die jetzt
arbeiten müssen, arbeiten können. Wir müssen jetzt
handeln, um ein neues Ziel zu verwirklichen: Weitere
2 Millionen Menschen sollen bis zum Jahr 2000 nicht
mehr von Sozialhilfe abhängig sein.
Hier ist mein Plan: Steuerfreibeträge und andere
Anreize für Unternehmen, die Sozialhilfeempfänger
einstellen; Anreize für Arbeitsvermittlungsfirmen und
Bundesstaaten zur Schaffung von mehr Arbeitsplätzen
für Sozialhilfeempfänger; Ausbildung, Beförderung und
Kindertagesstätten, um den Menschen zu helfen, zur
Arbeit zu gehen.
Ich stelle jeden Bundesstaat vor die Herausforderung:
Verwandeln Sie diesen Sozialhilfescheck in einen
Gehaltsscheck des Privatsektors. Ich stelle jede
Kirchengemeinde, jede gemeinnützige Organisation,

AMERIKA DIENST 03

�jedes Unternehmen vor die Herausforderung, einen
Sozialhilfeempfänger einzustellen. Und ich möchte
insbesondere an jeden Arbeitgeber in unserem Land
gewandt sagen, wer je das alte Sozialhilfesystem
kritisiert hat, kann diesem alten System nicht mehr die
Schuld zuschreiben, weil wir es abgeschafft haben.
Jetzt müssen Sie das Ihre tun. Geben Sie einem
Sozialhilfeempfänger die Chance zu arbeiten.

Lehrplan so gestalten, daß er diese Standards verkörpert und Lehrer ausbilden, damit die Schüler ihnen
gerecht werden. Um den Schulen zu helfen, diese
Standards zu erfüllen und ihre Fortschritte zu beurteilen, werden wir in den nächsten beiden Jahren
Bestrebungen in die Wege leiten, um nationale
Prüfungen für die Leistungen der Schüler beim Lesen
und in der Mathematik zu erarbeiten.

Ich freue mich, heute Abend bekanntgeben zu können,
daß fünf große Firmen - Sprint, Monsanto, UPS,
Burger King und United Airlines - die ersten sein
werden, die sich an neuen nationalen Bestrebungen
zur Schaffung von Arbeitsplätzen in den kleinen und
großen Unternehmen Amerikas beteiligen, damit
Sozialhilfeempfänger arbeiten können.

Heute Abend stelle ich die Nation vor eine Herausforderung: Jeder Bundesstaat sollte hohe nationale
Standards einführen, und bis zum Jahr 1999 sollte
jeder Bundesstaat jeden Viertklässler im Lesen und
jeden Achtklässler in Mathematik prüfen um sicherzustellen, daß sie diese Standards einhalten.

Wir haben die Sozialhilfereform verabschiedet. Und
Sie alle wissen, daß ich der Überzeugung bin, daß wir
das Richtige getan haben. Aber niemand kann diese
Kammer mit einem reinen Gewissen verlassen, wenn
er nicht zur Beendigung der Arbeit bereit ist.
Wir müssen gemeinsam auch noch etwas anderes in
Angriff nehmen - etwas, um das uns sowohl die
republikanischen als auch die demokratischen Gouverneure gebeten haben: Die Wiedereinführung der
grundlegenden Gesundheitsfürsorge und der Invaliditätsrente, wenn ein Unglück Einwanderer ereilt, die
legal in unser Land kamen, die hart arbeiten, Steuern
zahlen und das Gesetz befolgen. Etwas anderes wäre
einer großartigen Nation von Einwanderern einfach
unwürdig.
Mit Blick in die Zukunft ist der größte Schritt von allen die hohe Schwelle der Zukunft, die wir jetzt überqueren
müssen - und meine oberste Priorität für die nächsten
vier Jahre die Sicherstellung, daß alle Amerikaner die
beste Bildung der Welt erhalten.
Lassen Sie uns zusammenarbeiten, um diese drei
Ziele zu verwirklichen: Jeder 8-jährige muß lesen,
jeder 12-jährige muß sich ins Internet einloggen, jeder
18-jährige muß ein College besuchen und jeder
erwachsene Amerikaner muß sein Leben lang lernen
können.
Mein ausgeglichener Haushalt sieht beispiellose
Zuweisungen für diese Ziele vor - 51 Milliarden Dollar
im nächsten Jahr. Aber es ist sehr viel mehr Geld
erforderlich. Ich habe einen Plan - einen Aktionsplan
für die amerikanische Bildung - auf der Grundlage der
folgenden 10 Prinzipien.
Erstens einen nationalen Kreuzzug für Bildungsstandards - nicht Standards der Bundesregierung, sondern
nationale Standards, die für das stehen, was alle
unsere Studenten wissen müssen, um in der Wirtschaft des Wissens des 21. Jahrhunderts Erfolg zu
haben. Jeder Bundestaat und jede Schule muß den

AMERIKA DIENST 03

Die Anhebung der Standards wird nicht leicht sein, und
einige unserer Kinder werden sie zunächst nicht
erfüllen können. Es geht nicht darum, daß unsere
Kinder schlechter werden, sondern besser. Gute
Prüfungen werden uns zeigen, wer Hilfe benötigt,
welche Veränderungen beim Unterricht vorgenommen
und welche Schulen verbessert werden müssen. Sie
können uns helfen, die "soziale" Versetzung zu
beenden. Denn kein Kind sollte von der Grundschule
zur Junior High School, oder von der Junior High
School zur High School gehen, wenn es nicht dazu
bereit ist.
Letzten Monat haben unser Bildungsminister Dick
Riley und ich Northern Illinois besucht, wo Achtklässler
aus 20 Schulbezirken in einem treffenderweise "Die
Ersten der Welt" genannten Projekt den dritten internationalen Mathematik- und Wissenschaftstest ablegten.
Diese Prüfung hat die Weltklassestandards, die unsere
Kinder für das neue Zeitalter einhalten müssen. Und
diese Schüler in Illinois belegten den ersten Platz
weltweit in Wissenschaft und den zweiten in Mathematik. Zwei von ihnen, Kristin Tanner und Chris
Getsla, sind heute Abend hier zusammen mit ihrer
Lehrerin, Sue Winski. Sie sind dort oben bei der First
Lady. Und sie beweisen, daß sie die Besten der Welt
sein werden, wenn wir uns hohe Ziele stecken und
unsere Schüler vor eine Herausforderung stellen. Ich
bitte um etwas Applaus. Stehen Sie bitte auf.
Zweitens müssen wir die besten Lehrer haben, wenn
wir die besten Schulen haben wollen. Die meisten von
uns in dieser Kammer wären ohne die Hilfe dieser
Lehrer heute Abend nicht hier. Ich weiß, daß ich nicht
hier wäre. Jahrelang haben viele unserer Pädagogen
unter der Führung des Gouverneurs von North Carolina, Jim Hunt, und dem nationalen Gremium für
professionelle Unterrichtsstandards sehr hart an der
Einführung national anerkannter Zeugnisse für herausragenden Unterricht gearbeitet.
Nur 500 Lehrer
erhielten seit 1995 diese Bescheinigung.
Mein
Haushalt wird weiteren 100.000 eine nationale Bescheinigung mit dieser besonderen Auszeichnung
ermöglichen.
Wir sollten unsere besten Lehrer

Seite 3

�auszeichnen und anerkennen. Und während wir sie
anerkennen, sollten wir rasch und in fairer Weise die
wenigen ausscheiden lassen, die nicht den Ansprüchen genügen, und wir sollten mehr von unseren
besten jungen Leuten auffordern, Lehren als Beruf in
Betracht zu ziehen.
Drittens müssen wir mehr tun, um allen unseren
Kindern beim Lesen zu helfen. 40 Prozent unserer 8jährigen können nicht alleine lesen. Aus diesem
Grund haben wir gerade die Initiative "Amerika liest"
ins Leben gerufen - um eine Bürgerwehr von einer
Million freiwilligen Tutoren aufzubauen und sicherzustellen, daß jedes Kind bis zum Ende der 3. Klasse
alleine lesen kann. Wir werden Tausende von
AmeriCorps-Freiwilligen zur Mobilisierung dieser
Bürgerwehr einsetzen. Wir möchten die Hilfe von
mindestens 100.000 Collegestudenten. Und heute
Abend freue ich mich, daß 60 Collegedirektoren
meinem Ruf gefolgt sind und zugesagt haben, daß
Tausende ihrer Studenten ein Jahr lang als Lesetutoren arbeiten werden.
Das ist auch eine Herausforderung für jeden Lehrer
und jeden Schuldirektor. Sie müssen diese Tutoren
einsetzen, um den Schülern beim Lesen behilflich zu
sein. Und es ist insbesondere eine Herausforderung
für unsere Eltern. Sie müssen jeden Abend mit Ihren
Kindern lesen.
Das führt zum vierten Prinzip: Das Lernen beginnt in
den ersten Tagen des Lebens. Wissenschaftler
entdecken jetzt, wie Kinder sich von ihren ersten
Tagen an emotional und intellektuell entwickeln und
wie wichtig es für die Eltern ist, sofort mit ihren Kinder
zu sprechen, zu singen und sogar zu lesen. Die First
Lady hat jahrelang über dieses Thema geschrieben
und es studiert. Sie und ich werden im Frühjahr im
Weißen Haus eine Konferenz über frühes Lernen und
das Gehirn einberufen um herauszufinden, wie Eltern
und Pädagogen diese verblüffenden neuen Erkenntnisse am besten nutzen können.
Wir wissen bereits, daß wir Kinder unterrichten sollten,
bevor sie in die Schule kommen. Aus diesem Grund
erweitert dieser ausgeglichene Haushalt Head Start
bis zum Jahr 2002 auf eine Million Kinder. Und aus
diesem Grund wird die jährliche Familienkonferenz von
Vizepräsident und Mrs. Gore im Juni sich damit
befassen, was wir tun können um zu gewährleisten,
daß die Eltern ein aktiver Teil des Lernens ihrer Kinder
während ihrer gesamten Schulzeit sind.
Sie haben sehr viel getan, um die Bedeutung der
Familie in unserem Leben zu unterstreichen und
wenden jetzt ihre Aufmerksamkeit den Eltern zu, damit
sie sich mehr für das Lernen ihrer Kinder während
ihrer Schulzeit engagieren. Ich danke Ihnen, Herr
Vizepräsident, und besonders Tipper für Ihre Arbeit.

Seite 4

Fünftens sollte jeder Bundesstaat den Eltern die
Entscheidung freistellen, die richtige öffentliche Schule
für ihre Kinder auszusuchen. Ihr Recht auf freie
Entscheidung wird Wettbewerb und Innovationen
fördern, die öffentliche Schulen besser machen
können. Wir sollten auch mehr Eltern und Lehrern die
Gründung von Schulen ermöglichen, die die höchsten
Standards setzen und erfüllen und nur solange
bestehen, wie sie dies tun. Unser Plan wird Amerika
helfen, bis zum nächsten Jahrhundert 3.000 dieser
Schulen zu gründen - nahezu siebenmal so viele wie
es heute im Land gibt - so daß die Eltern noch mehr
Wahlmöglichkeiten haben, ihre Kinder in die besten
Schulen zu schicken.
Sechstens muß in unseren Schulen Charakterbildung
gelehrt werden. Wir müssen unseren Kindern beibringen, gute Bürger zu sein. Und wir müssen weiterhin
Ordnung und Disziplin fördern, Gemeinden unterstützen, die Schuluniformen einführen, Ausgangssperren verhängen, Gesetze gegen Schulschwänzerei
durchsetzen, Störenfriede aus den Klassenzimmern
entfernen und Pistolen und Drogen in Schulen null
Toleranz entgegenbringen.
Siebtens können wir nicht erwarten, daß unsere Kinder
sich zu Höchstleistungen in Schulen antreiben, die
buchstäblich zusammenfallen. Mit Rekordschülerzahlen und Rekordzahlen von Schulen, die baufällig
werden, ist dies zu einem ernsthaften nationalen
Problem geworden. Aus diesem Grund enthält mein
Haushalt eine neue Initiative - 5 Milliarden Dollar für
die Gemeinden, um ihnen bei der Finanzierung von
Schulbauten in Höhe von 20 Milliarden Dollar in den
nächsten vier Jahren behilflich zu sein.
Achtens müssen wir das 13. und 14. Schuljahr mindestens zwei Jahre College - bis zum 21. Jahrhundert ebenso universell in Amerika einführen wie die
High School-Ausbildung heute, und wir müssen den
Amerikanern die Türen zum College öffnen.
Um das zu tun, schlage ich Amerikas HOPE-Stipendium auf der Grundlage des Pionierprogramms von
Georgia vor: Einen zweijährigen Steuerfreibetrag in
Höhe von 1.500 Dollar für die Collegegebühren genug, um für das typische Gemeindecollege zu
bezahlen. Ich schlage auch einen steuerlich absetzbaren Betrag von bis zu 10.000 Dollar pro Jahr für alle
Ausbildungsgebühren nach der High School vor, ein
erweitertes privates Rentenkonto, von dem man
steuerfrei Beträge für die Ausbildung abheben kann,
und die größte Erweiterung der Pell Grant-Stipendien
seit 20 Jahren. Dank dieses Plans müssen die
meisten Familien keine Steuern auf Gelder zahlen, die
sie für die Collegegebühren sparen. Ich bitte Sie, ihn
zu verabschieden - und jedem hart arbeitenden
Amerikaner die Chance eines Collegebesuchs zu
geben.

AMERIKA DIENST 03

�Neuntens müssen wir im 21. Jahrhundert die Grenzen
für lebenslangen Lernens erweitern. Alle unsere
Bürger, gleich welchen Alters, müssen eine Chance
haben, neue Fähigkeiten zu erwerben. Die meisten
Amerikaner leben in der Nähe eines Gemeindecollege.
Der Weg dorthin kann der Weg zu einer besseren
Zukunft sein. Mein Gl-Gesetz für die amerikanischen
Arbeitnehmer wird das Gewirr von Bundesausbildungsprogrammen zu einem einfachem Stipendium für
besondere Fähigkeiten machen, das der in Frage
kommende Arbeitnehmer direkt erhält. Dieses Gesetz
lag viel zu lange auf dem Schreibtisch, ohne daß etwas
geschah - ich bitte Sie, es jetzt zu verabschieden. Wir
wollen mehr Arbeitnehmern die Möglichkeit zu lernen
und für lebenslanges Lernen bieten.
Zehntens müssen wir die Macht des Informationszeitalters in alle unsere Schulen bringen. Im vergangenen
Jahr habe ich Amerika aufgefordert, jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek bis zum Jahr 2000 ans
Internet anzuschließen, damit die Kinder in den
isoliertesten Dörfern, den komfortabelsten Vororten
und den Schulen in den ärmsten Innenstädten zum
ersten Mal in unserer Geschichte denselben Zugang
zu demselben Universum des Wissens erhalten. Das
ist mein Plan - ein Aktionsplan für die amerikanische
Bildung. Einige mögen sagen, es sei ungewöhnlich für
einen Präsidenten, der Bildung soviel Aufmerksamkeit
zu widmen. Einige mögen sagen, es sei nur, weil der
Präsident und seine wunderbare Frau seit mehr
Jahren von diesem Thema besessen sind, als sie
erinnern können. Das steht nicht hinter diesen
Vorschlägen.
Wir müssen die Bedeutung dieses Unternehmens
verstehen: Eine der größten Quellen unserer Stärke
während des Kalten Krieges war eine überparteiliche
Außenpolitik. Weil unsere Zukunft auf dem Spiel
stand, machte die Parteipolitik an unseren Grenzen
halt. Nun bitte ich Sie - alle Gouverneure unserer
Nation, die Eltern, Lehrer und Bürger in ganz Amerika um eine neue überparteiliche Verpflichtung zur
Bildung, weil Bildung eine entscheidende nationale
Sicherheitsfrage für unsere Zukunft ist, und Parteipolitik an der Schultür haltmachen muß.
Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir die mächtigen Kräfte der Wissenschaft und
Technologie für alle Amerikaner nutzen. Das ist der
erste Bericht zur Lage der Nation, der auf Video im
Internet übertragen wird. Aber wir haben erst begonnen, die Vorteile einer technologischen Revolution zu
verbreiten, die das moderne Geburtsrecht jedes
Bürgers werden sollten.
Unsere Bestrebungen, jedes Klassenzimmer ans
Internet anzuschließen, sind nur der Anfang. Jetzt
sollten wir jedes Krankenhaus ans Internet anschließen, damit die Ärzte unverzüglich Daten über ihre
Patienten mit den besten Spezialisten austauschen

AMERIKA DIENST 03

können. Und heute Abend fordere ich den Privatsektor
auf, damit zu beginnen, jede Kinderklinik so bald wie
möglich ans Internet anzuschließen, damit ein Kind in
der Klinik in Verbindung mit der Schule, Familie und
den Freunden bleiben kann. Ein krankes Kind muß
nicht länger ein einsames Kind sein.
Wir müssen die zweite Generation des Internet bauen,
damit unsere führenden Universitäten und nationalen
Labors mit tausendmal schnellerer Geschwindigkeit
als heute kommunizieren, neue medizinische Behandlungsmethoden, neue Energiequellen und neue
Wege der Zusammenarbeit entwickeln können.
Aber wir können hier nicht haltmachen. Es wird nicht
länger ein Traum, sondern eine Notwendigkeit sein,
daß das Internet unser neuer Marktplatz wird - ein
Computer in jedem Heim, ein Lehrer aller Fächer, eine
Verbindung zu allen Kulturen. Und im nächsten
Jahrzehnt muß das unser Ziel sein.
Wir müssen weiterhin die Himmel erforschen - Fortschritte bei den Marssonden und der internationalen
Raumstation erzielen, die beide praktische Auswirkungen auf unser tägliches Leben haben.
Wir müssen die bemerkenswerten Fortschritte in der
medizinischen Wissenschaft beschleunigen. Das
Projekt über das menschliche Genom entschlüsselt
jetzt die genetischen Mysterien des Lebens. Amerikanische Wissenschaftler haben Gene entdeckt, die mit
Brust- und Ovarialkrebs in Verbindung stehen sowie
ein Medikament, das einen Schlaganfall stoppt und
seine Auswirkungen umkehrt, und Medikamente, die
das Leben von HIV- und AIDS-Infizierten dramatisch
verlängern.
Seit meinem Amtsantritt sind die Mittel für die AIDSForschung an den nationalen Gesundheitsämtern
drastisch auf 1,5 Milliarden Dollar gestiegen. Mit
neuen Ressourcen werden die nationalen Gesundheitsämter jetzt zum mächtigsten Motor für die Entdekkung eines AIDS-Impfstoffs und arbeiten mit anderen
Wissenschaftlern zusammen, um endlich die Bedrohung durch AIDS zu beseitigen. Führen Sie sich
vor Augen, daß jedes Jahr, in dem wir die Erforschung
eines AIDS-Impfstoffs voranbringen, Millionen von
Leben auf der ganzenWelt gerettet werden. Wir
müssen unser Engagement für die medizinische
Wissenschaft verstärken.
Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir stärkere Familien schaffen.
In den
vergangenen vier Jahren hat der Krankenurlaub aus
familiären Gründen Millionen Amerikanern geholfen
freizunehmen, um bei ihren Familien zu sein. Angesichts des neuen Drucks auf die Menschen in ihrem
Arbeits- und Privatleben müssen wir meines Erachtens
den Krankenurlaub aus familiären Gründen erweitern,
damit die Arbeitnehmer für Lehrerkonferenzen und die

Seite 5

�Vorsorgeuntersuchung eines Kindes freinehmen
können. Wir sollten Gleitzeit einführen, damit die
Arbeitnehmer entscheiden können, ob sie Überstunden mit Geld oder lieber mit Freizeit vergütet
haben wollen, damit sie bei ihrer Familie sein können.
Wir müssen weiterhin Schritt für Schritt mehr Familien
eine finanzierbare, qualitativ hochwertige Gesundheitsfürsorge ermöglichen. 40 Millionen Amerikaner haben
noch immer keine Krankenversicherung. 10 Millionen
Kindern haben noch keine Krankenversicherung - 80
Prozent von ihnen haben arbeitende Eltern, die
Steuern zahlen. Das ist falsch.
Mein ausgeglichener Haushalt wird die Krankenversicherung auf bis zu 5 Millionen dieser Kinder
ausdehnen. Da nahezu die Hälfte aller Kinder ihre
Versicherung verliert, weil ihre Eltern ihren Arbeitsplatz
verlieren oder verändern, wird mein Haushalt auch
sicherstellen, daß sich Menschen, die ihren Arbeitsplatz vorübergehend verlieren, ihre Krankenversicherung immer noch leisten können. Kein Kind sollte nicht
zum Arzt gehen können, weil ein Elternteil keine Arbeit
hat.
Mein Medicare-Plan modernisiert Medicare, verlängert
die Lebensdauer des Trustfonds auf 10 Jahre und
bietet Unterstützung für eine Atempause für die vielen
Familien, deren Angehörige unter Alzheimer leiden.
Und zum ersten Mal würde jährlich eine Mammographie bezahlt.
Ebenso wie wir im vergangenen Jahr den nur 24stündigen Klinikaufenthalt bei einer Entbindung
abgeschafft haben, müssen wir jetzt die gefährliche
und erniedrigende Praxis beenden, Frauen nur
Stunden nach einer Brustamputation aus der Klinik
nach Hause zu schicken. Ich bitte um Ihre Unterstützung für ein überparteiliches Gesetz mit der Garantie,
daß eine Frau nach einer Brustamputation 48 Stunden
in der Klinik bleiben kann. Heute Abend ist Dr. Kristen
Zarfos anwesend, eine Chirurgin aus Connecticut,
deren Empörung über diese Praxis eine nationale
Bewegung auslöste und zu diesem Gesetz führte. Ich
möchte sie bitten aufzustehen, damit wir ihr für ihre
Bemühungen danken können. Vielen Dank, Frau Dr.
Zarfos.
In den vergangenen vier Jahren haben wir den Erhalt
von Unterhaltszahlungen für Kinder um 50 Prozent
erhöht. Jetzt sollten wir einen Schritt weitergehen und
es noch besser machen, indem wir es zum Verbrechen erklären, wenn ein Elternteil die Grenzen
eines Bundesstaates in dem Versuch überquert, sich
seiner heiligsten Pflicht zu entziehen.
Schließlich müssen wir unsere Kinder auch schützen,
indem wir fest zu unserem Entschluß stehen, die
Werbung und Vermarktung von Zigaretten zu verbieten, die ihr Leben gefährden.

Seite 6

Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir stärkere Gemeinden schaffen. Wir sollten
mit sicheren Straßen anfangen. Schwerverbrechen
haben fünf aufeinander folgende Jahre abgenommen.
Der Schlüssel dazu war die bürgernahe Polizei. Wir
müssen die Arbeit beenden, indem wir 100.000
bürgernahe Polizisten auf die Straßen der Vereinigten
Staaten entsenden. Wir sollten einen Verfassungszusatz über die Rechte von Opfern verabschieden.
Und ich bitte Sie, die Verbrechen Jugendlicher umfassend mit einem Gesetz in Angriff zu nehmen, das den
Gangs den Krieg erklärt, mehr Staatsanwälte und
härtere Strafen vorsieht, das Brady-Gesetz erweitert,
damit gewalttätige kriminelle Teenager keine Handfeuerwaffen mehr kaufen können; Kindersicherungen an
Handfeuerwaffen vorschreibt, um die unbefugte
Benutzung zu verhindern, und so dazu beiträgt, daß
unsere Schulen nach Schulschluß, an Wochenenden
und im Sommer offen bleiben können, damit unsere
jungen Leute einen Ort haben, an den sie gehen und
etwas haben, zu dem sie Ja sagen können.
Dieser ausgeglichene Haushalt enthält die umfassendsten Drogenbekämpfungsmaßnahmen der Geschichte:
Um den Drogenhandel bereits im Herkunftsland zu
stoppen, die Händler zu bestrafen und unsere jungen
Menschen zu lehren, daß Drogen falsch und illegal
sind und sie töten werden. Ich hoffe auf Ihre Unterstützung dieser Bestrebungen.
Unsere wachsende Wirtschaft hat dazu beigetragen,
arme städtische und ländliche Gemeinden wiederzubeleben. Wir müssen ihnen jedoch noch mehr
Befugnisse zur Schaffung von Bedingungen verleihen,
unter denen alle Familien prosperieren und Arbeitsplätze durch Investitionen von Unternehmen und
Bankkredite geschaffen werden können.
Wir sollten die Zahl der Wirtschaftsförderungszonen
verdoppeln. Sie haben Gemeinden wie Detroit bereits
soviel Hoffnung gegeben, wo die Arbeitslosenquote in
vier Jahren um die Hälfte abgenommen hat. Wir
sollten kontaminierte städtische Grundstücke und
Gebäude wieder einer produktiven Nutzung zuführen.
Wir sollten das Netz von Gemeindeentwicklungbanken
erweitern. Und gemeinsam müssen wir uns heute
Abend verpflichten, daß wir diesen Wirtschaftsförderungsansatz - einschließlich Steueranreizen für den
Privatsektor - nutzen werden, um unsere Bundeshauptstadt zu erneuern, damit Washington ein hervorragender Ort zum arbeiten und leben und erneut
das stolze Gesicht ist, das Amerika der Welt zeigt.
Wir müssen unsere Umwelt in jeder Gemeinde
schützen. In den vergangenen vier Jahren haben wir
250 Giftmülldeponien gesäubert - das sind so viele wie
in den letzten 12 Jahren zusammengenommen. Jetzt
sollten wir 500 weitere säubern, damit unsere Kinder in
der Nähe von Parks, nicht Gift aufwachsen können.

AMERIKA DIENST 03

�Ich fordere Sie auf, meinem Vorschlag zuzustimmen,
daß die größten Verursacher nach einer einfachen
Regel leben müssen: Wenn Ihr unsere Umwelt
verschmutzt, dann solltet Ihr für ihre Säuberung
bezahlen.
In den letzten vier Jahren haben wir die Gesetze
unserer Nation für sichere Nahrungsmittel und sauberes Trinkwasser verbessert. Wir haben einige der
seltensten, schönsten Landstriche Amerikas in der
Region Red Rocks in Utah unter Naturschutz gestellt,
in der kalifornischen Wüste drei neue Nationalparks
geschaffen und begonnen, die Everglades in Florida
wiederherzustellen. Jetzt müssen wir mit unseren
Flüssen so wachsam sein wie mit unserem Land.
Heute Abend gebe ich bekannt, daß ich in diesem Jahr
10 Flüsse zum amerikanischen Erbe erklären werde,
um den Gemeinden bei der Sanierung ihrer an den
Ufern gelegenen Stadtbezirke und der Säuberung der
Flüsse behilflich zu sein und damit erneut unter Beweis
zu stellen, daß wir unserer Volkswirtschaft zu Wachstum verhelfen und gleichzeitig die Umwelt schützen
können.
Wir müssen auch die globale Umwelt schützen und auf
ein Verbot der schlimmsten toxischen Chemikalien und
die Verringerung der Treibhausgase hinarbeiten, die
unsere Gesundheit bedrohen und unser Klima verändern.
Wir alle wissen, daß es in allen unseren Gemeinden
Kinder gibt, die nicht das Erforderliche zur Verfügung
haben, um aufzuwachsen und bei sich zu Hause, in
der Schule oder der Nachbarschaft zu lernen. Und
das bedeutet, daß wir mehr tun müssen, denn sie sind
auch unsere Kinder. Aus diesem Grund werden
Präsident Bush, General Colin Powell und der ehemalige Wohnungsbauminister Henry Cisneros gemeinsam
mit dem Vizepräsidenten und mir im April das Gipfeltreffen des Präsidenten für Dienste zum Wohle der
Allgemeinheit in Philadelphia veranstalten.
Unser Programm eines nationalen Sozialdienstes,
AmeriCorps, hat bereits 70.000 jungen Menschen
geholfen, sich das Geld für den Collegebesuch durch
einen Dienst an der Gemeinde zu verdienen. Jetzt
beabsichtigen wir, Millionen von Amerikanern zu
mobilisieren, damit sie in tausenderlei Arten ihren
Dienst leisten können. Der karitative Dienst ist eine
amerikanische Verantwortung, die alle Amerikaner
übernehmen sollten, und ich bitte um Ihre Unterstützung für dieses Unternehmen.
Ich möchte noch einen letzten Punkt zu unserer
nationalen Gemeinschaft anführen. Unsere Volkwirtschaft wird in Zahlen und Statistiken gemessen, und
das ist sehr wichtig. Aber der dauerhafte Wert unserer
Nation liegt in unseren gemeinsamen Werten und
unserem hochfliegenden Geist. Statt unsere bescheidenen Bestrebungen zur Unterstützung der Künste

AMERIKA DIENST 03

und Geisteswissenschaften
zurückzuschrauben,
sollten wir sie meiner Ansicht nach fördern und unsere
Künstler, Musiker und Schriftsteller, unsere Museen,
Bibliotheken und Theater und alle in der Kunst oder
den Geisteswissenschaften tätigen Amerikaner
auffordern, gemeinsam mit unseren Mitbürgern das
Jahr 2000 zu einer nationalen Feier des amerikanischen Geistes in jeder Gemeinde zu machen - eine
Feier unserer gemeinsamen Kultur in dem zu Ende
gehenden Jahrhundert sowie in dem neuen Jahrhundert und dem neuen Jahrtausend, damit wir
weiterhin nicht nur das Symbol der Freiheit in der Welt
bleiben, sondern auch der Kreativität, lange nachdem
das Feuerwerk verloschen ist.
Um Amerika auf das 21. Jahrhundert vorzubereiten,
müssen wir die Kräfte des Wandels in der Welt
meistern und eine starke und sichere amerikanische
Führungsrolle für eine unerforschte Zeit bewahren.
Vor fünfzig Jahren übernahm ein weitblickender
Amerikaner die Führungsrolle bei der Gründung der
Institutionen, die zum Sieg im Kalten Krieg führten und
baute eine wachsende Weltwirtschaft auf. Infolgedessen haben sich heute mehr Menschen als je zuvor
unseren Idealen und Interessen verschrieben. Wir
haben bereits viele der Blöcke und Schranken niedergerissen, die die Welt unserer Eltern teilten. Zum
ersten Mal leben mehr Menschen in einer Demokratie
als einer Diktatur, darunter alle Nationen in unserer
Hemisphäre mit Ausnahme einer - und auch deren Tag
wird kommen.
Jetzt stehen wir erneut vor einer Zeit des Wandels und
der Entscheidungen - und wiederum einer Zeit des
Weitblicks, um Amerika weitere 50 Jahre der Sicherheit und des Wohlstands zu bescheren. Bei
diesem Unternehmen besteht unsere wichtigste
Aufgabe im Aufbau eines zum ersten Mal ungeteilten
und demokratischen Europas. Wenn Europa stabil,
wohlhabend und im Frieden ist, ist Amerika sicherer.
Zu diesem Zweck müssen wir die NATO bis 1999
erweitern, damit die Länder, die einst unsere Gegner
waren, unsere Verbündeten werden können. Bei dem
NATO-Gipfeltreffen im Sommer werden wir damit
beginnen. Wir müssen die Partnerschaft für den
Frieden der NATO mit Verbündeten der Nichtmitgliedstaaten stärken. Und wir müssen eine stabile Partnerschaft zwischen der NATO und einem demokratischen
Rußland aufbauen. Eine erweiterte NATO ist gut für
Amerika. Und ein Europa, in dem alle Demokratien
ihre Zukunft nicht im Hinblick darauf definieren, was sie
einander antun können, sondern in Bezug auf das,
was sie gemeinsam zum Wohle aller tun können - ein
solches Europa ist gut für Amerika.
Zweitens muß Amerika ebenso nach Osten blicken,
wie es nach Westen blickt. Unsere Sicherheit erfordert
es. Amerika hat in diesem Jahrhundert drei Kriege in

Seite 7

�Asien geführt. Unser Wohlstand erfordert es. Über
zwei Millionen amerikanischer Arbeitsplätze hängen
vom Handel mit Asien ab.
Auch hier tragen wir dazu bei, eine asiatisch-pazifische
Gemeinschaft der Kooperation, nicht des Konflikts zu
schaffen. Unsere Fortschritte dort dürfen nicht die
verbleibenden Gefahren verschleiern. Gemeinsam mit
Südkorea müssen wir die Friedensgespräche mit
Nordkorea voranbringen und die letzte Trennlinie des
Kalten Krieges überbrücken. Ich fordere den Kongreß
auf, die Mittel für unseren Teil des Abkommens
bereitzustellen, gemäß dem Nordkorea sein Nuklearwaffenprogramm weiterhin einfrieren und dann
beseitigen muß.
Wir müssen einen intensiveren Dialog mit China
verfolgen - um unserer Interessen und Ideale willen.
Ein isoliertes China ist nicht gut für Amerika. Ein
China, das die ihm angemessene Rolle in der Welt
spielt, ist gut für Amerika. Ich werde nach China
reisen, und ich habe den chinesischen Präsidenten zu
einem Besuch hier eingeladen, nicht weil wir in allem
einer Meinung sind, sondern weil die Einbeziehung
Chinas der beste Weg zur Bewältigung unserer
gemeinsamen Herausforderungen wie der Beendigung
der Atomtests und zum offenen Umgang mit unseren
grundlegenden Differenzen bei Menschenrechten ist.
Das amerikanische Volk muß in der Weltwirtschaft
prosperieren. Wir haben hart gearbeitet, um Handelshemmnisse im Ausland abzubauen, damit wir im Inland
gute Arbeitsplätze schaffen können. Ich bin stolz,
sagen zu können, daß Amerika heute erneut die
konkurrenzfähigste Nation und die Nummer eins der
Welt bei Exporten ist.
Wir müssen jetzt handeln, um unsere Exporte zu
erweitern, insbesondere nach Asien und Lateinamerika - den zwei am schnellsten wachsenden
Regionen auf der Welt - oder wir werden hinterherhinken, wenn diese aufstrebenden Volkswirtschaften
neue Bande mit anderen Nationen knüpfen. Aus
diesem Grund benötigen wir jetzt die Befugnis zum
Abschluß neuer Handelsabkommen, die Märkte für
unsere Waren und Dienstleistungen öffnen, während
wir unsere Werte bewahren.
Wir dürfen nicht vor den Herausforderungen der
Weltwirtschaft zurückschrecken. Schließlich haben wir
die besten Arbeitnehmer und die besten Produkte. Auf
einem wirklich offenen Markt können wir jeden überall
auf der Welt ausstechen.
Aber es geht um mehr als um die Wirtschaft. Indem
wir den Handel erweitern, können wir die Sache der
Freiheit und Demokratie auf der ganzen Welt verbreiten. Es gibt kein besseres Beispiel dieser Wahrheit als Lateinamerika, wo Demokratie und offene
Märkte gemeinsam auf dem Vormarsch sind. Aus

Seite 8

diesem Grund werde ich Lateinamerika im Frühjahr
besuchen, um unsere wichtigen Bande zu stärken.
Wir sollten stolz sein, daß Amerika die Bestrebungen
zur Rettung unseres Nachbarn Mexiko aus der
Wirtschaftskrise des Landes angeführt hat. Und wir
sollten alle stolz sein, daß Mexiko im vergangenen
Monat - drei Jahre vor Ablauf der Frist - den Vereinigten Staaten seine Schulden mit einem Gewinn
von einer halben Milliarde Dollar für uns zurückgezahlt
hat.
Amerika muß weiterhin die unerschütterliche Kraft für
Frieden sein - vom Nahen Osten bis nach Haiti, von
Nordirland bis nach Afrika. Weil wir vernünftige
Risiken für Frieden auf uns nehmen, werden wir später
nicht in sehr viel kostspieligere Konflikte hineingezogen. Dank der amerikanischen Führungsrolle wurde
das Töten in Bosnien beendet. Jetzt müssen die
Gewohnheiten des Friedens Fuß fassen. Die neue
NATO-Streitmacht wird den Wiederaufbau und die
Aussöhnung beschleunigen. Heute Abend bitte ich
den Kongreß um die weitere starke Unterstützung
unserer Truppen. Sie leisten dort beachtliche Arbeit
für Amerika, und Amerika muß ihnen fest zur Seite
stehen.
Fünftens müssen wir vehement gegen neue Bedrohungen unserer Sicherheit vorgehen. In den
vergangenen vier Jahren haben wir die Führungsrolle
bei einem weltweiten Abkommen über das Verbot von
Atomtests übernommen. Rußland und Amerika haben
ihre Nukleararsenale drastisch reduziert, und wir
haben aufgehört, unsere Waffen auf die Bürger des
jeweils anderen Landes zu richten. Wir unternehmen
Schritte, damit Nuklearmaterial nicht in die falschen
Hände gelangt und die Welt von Landminen befreit
wird. Wir arbeiten mit neuer Intensität mit anderen
Nationen zusammen, um die Drogenhändler zu
bekämpfen, Anschläge von Terroristen zu vereiteln
und sie zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie einen
Anschlag verüben.
Jetzt müssen wir uns einer neuen Probe unserer
Führungsrolle stellen: Der Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention. Ich möchte eindeutig klarstellen:
Sie wird unsere Truppen sicherer vor einem Angriff mit
Chemiewaffen machen, und sie wird uns bei der
Bekämpfung des Terrorismus helfen. Wir haben keine
wichtigere Pflicht - insbesondere nach dem, was wir
jetzt über den Golfkrieg wissen. Dieser Vertrag war
von Anfang an überparteilich, wurde von republikanischen und demokratischen Administrationen sowie
republikanischen und demokratischen Kongreßabgeordneten unterstützt und bereits von 68 Nationen
verabschiedet.
Aber wenn wir nicht bis zum 29. April handeln - dem
Tag, an dem diese Konvention mit oder ohne uns in
Kraft tritt - werden wir die Chance verpassen, daß

AMERIKA DIENST 03

�Amerikaner eine Führungsrolle dabei übernehmen und
diese Bestrebungen umsetzen. Gemeinsam müssen
wir der Chemiewaffenkonvention Gesetzeskraft verleihen, damit wir endlich damit beginnen können,
Giftgas von der Erde zu verbannen.
Schließlich müssen wir die Instrumente zur Bewältigung all dieser Herausforderungen haben. Wir
müssen ein starkes und einsatzbereites Militär beibehalten. Wir müssen die Finanzierung für die Modernisierung der Waffen bis zum Jahr 2000 aufstocken und
uns gut um unsere Männer und Frauen in Uniform
kümmern. Sie sind die Besten der Welt.
Wir müssen auch unsere Verpflichtung zur Diplomatie
der Vereinigten Staaten erneuern und unsere Schulden und Beiträge zu internationalen Finanzinstitutionen
wie der Weltbank und den sich reformierenden
Vereinten Nationen bezahlen. Jeder Dollar, den wir für
die Verhinderung von Konflikten, Förderung der
Demokratie und zur Bekämpfung von Krankheiten und
Hunger aufwenden, bringt eine sichere Dividende an
Sicherheit und Einsparungen. Dennoch machen die
Ausgaben für internationale Angelegenheiten heute
nur ein Prozent des Bundeshaushalts aus - einen
Bruchteil dessen, was Amerika in die Diplomatie
investiert hat, um sich zu Beginn des Kalten Krieges
für die Führungsrolle statt Eskapismus zu entscheiden.
Wenn Amerika weiterhin die Welt anführen soll,
müssen wir hier, die Amerika anführen, einfach den
Weg finden, die Kosten dafür aufzubringen.
Ein weitblickendes Amerika hat die Welt in diesen
vergangenen 50 Jahren zu einem besseren Ort
gemacht. Und so kann es für weiter 50 Jahre sein.
Aber ein kurzsichtiges Amerika wird schnell feststellen,
daß es überall auf der Welt auf taube Ohren stößt.
Vor fast genau 50 Jahren, im ersten Winter des Kalten
Krieges, stand Präsident Truman vor einem republikanischen Kongreß und forderte unser Land auf, seiner
Verantwortung zu einer Führungsrolle gerecht zu
werden. Seine Warnung lautete: "Wenn wir scheitern,
könnten wir den Weltfrieden gefährden, und wir
werden zweifelsohne den Wohlstand dieser Nation
gefährden." Dieser von Republikanern wie Senator
Arthur Vandenberg angeführte Kongreß antwortete
Präsident Trumans Appell. Gemeinsam gingen sie
Verpflichtungen ein, die unser Land seit 50 Jahren
stärken.
Lassen Sie uns jetzt das Gleiche tun. Lassen Sie uns
das Erforderliche tun, damit wir eine unerläßliche
Nation bleiben - damit Amerika für weitere 50 Jahre
stark, sicher und wohlhabend bleibt.
Schließlich erwächst unsere weltweite Führungsrolle
vor allem aus der Macht unseres Beispiels hier im
Inland und aus unserer Fähigkeit, als ein Amerika
stark zu bleiben.

AMERIKA DIENST 03

Auf der ganzen Welt werden die Menschen durch
rassische, ethnische und religiöse Konflikte auseinandergerissen, die Fanatismus und Terror schüren.
Wir sind die vielfältigste Demokratie der Welt, und die
Welt blickt auf uns für den Beweis, daß es möglich ist,
über diese Differenzen hinweg gemeinsam zu leben
und voranzukommen.
Die Vereinigten Staaten waren immer eine Nation von
Einwanderern. Von Anfang an hat ein stetiger Strom
von Menschen auf der Suche nach Freiheit und
Chancen sein Land verlassen, um dieses Land zu
seiner Heimat zu machen. Wir begannen als ein von
den Europäern inspiriertes Experiment in Demokratie.
Wir sind zu einem durch Offenheit und Versprechen
inspirierten Experiment in demokratischer Vielfalt
geworden.
Meine amerikanischen Mitbürger, wir dürfen niemals
glauben, daß unsere Vielfalt eine Schwäche ist - sie ist
unsere größte Stärke. Die Amerikaner sprechen jede
Sprache, kennen jedes Land. Menschen auf jedem
Kontinent können auf uns blicken und die Widerspiegelung ihres eigenen großen Potentials sehen und sie werden es immer tun, solange wir danach
streben, allen unseren Bürgern, unabhängig von ihrem
Hintergrund, eine Chance zu geben, ihre eigene Größe
zu erlangen.
Wir sind noch nicht da. Wir sehen immer noch
Beispiele von Bigotterie und Intoleranz, in häßlichen
Worten und schrecklicher Gewalt, in niedergebrannten
Kirchen und zerbombten Gebäuden. Wir müssen in
unserem Land und in unseren Herzen dagegen
ankämpfen.
Nur wenige Tage vor meiner zweiten Amtseinführung
schlug einer der bekanntesten Pastoren des Landes,
Reverend Robert Schuller, vor, ich solle Jesaja 58:12
lesen. Der Vers lautet folgendermaßen: "Du wirst die
Fundamente fortdauernder Generationen aufrichten.
Und du wirst tatsächlich der Ausbesserer der Bresche,
der Wiederhersteller von Wegen, an denen man
wohnt, genannt werden." Ich legte meine Hand auf
diesen Vers, als ich im Namen aller Amerikaner den
Amtseid ablegte. Denn unabhängig von unseren
Unterschieden - in unserem Glauben, unserem
Hintergrund, unserer Politik - müssen wir alle Ausbesserer der Bresche sein.
Ich möchte etwas über zwei andere Amerikaner sagen,
die uns zeigen, wie es geht. Der Kongreßabgeordnete
Frank Tejeda wurde gestern beerdigt, ein stolzer
Amerikaner, dessen Familie aus Mexiko kam. Er war
erst 51 Jahre alt. Er wurde mit dem Silver Star, dem
Bronze Star und dem Purple Heart ausgezeichnet, weil
er in Vietnam für sein Land kämpfte. Und er hat weiter
für Texas und Amerika gekämpft - für die Zukunft
dieser Kammer. Wir sind dankbar für seine Dienste
und fühlen uns geehrt, daß seine Mutter, Lillie Tejada,

Seite 9

�und seine Schwester, Mary Alice, von Texas hierhergekommen sind, um heute Abend bei uns zu sein.
Herzlich willkommen!
Gary Locke, der neugewählte Gouverneur des Bundesstaates Washington, ist der erste amerikanische
Gouverneur chinesischer Abstammung in der Geschichte unseres Landes. Er ist der stolze Sohn von
zwei der Millionen Einwanderer asiatischer Herkunft,
die Amerika mit ihrer harten Arbeit, ihren Familienwerten und als gute Staatsbürger gestärkt haben.
Vielen Dank, Herr Gouverneur, daß Sie heute Abend
hier sind.
Reverend Schuller, der Kongreßabgeordnete Tejada
und Gouverneur Locke sind ebenso wie Kristin Tanner
und Chris Getsla, Sue Winski und Dr. Kristen Zarfos
Amerikaner mit unterschiedlichen Wurzeln, deren
Leben das Beste widerspiegelt, was wir werden
können, wenn wir ein Amerika sind. Wir haben
vielleicht keine gemeinsame Vergangenheit, aber wir
haben zweifelsohne eine gemeinsame Zukunft.
Der Aufbau eines Amerika ist unsere wichtigste
Mission - "die Fundamente fortdauernder Generationen" legen, der Stärke, die wir für dieses neue Jahr-

*

Seite 10

hundert benötigen. Mit Geld kann man sie nicht
kaufen. Mit Macht kann man sie nicht erzwingen. Mit
Technologie kann man sie nicht schaffen. Sie kann
nur aus dem menschlichen Geist erwachsen.
Amerika ist sehr viel mehr als ein Ort. Es ist eine Idee,
die mächtigste Idee in der Geschichte der Nationen.
Und wir alle in dieser Kammer sind jetzt die Träger
dieser Idee, die ein großartiges Volk in eine neue Welt
geleitet. Ein heute Nacht geborenes Kind wird praktisch keine Erinnerung an das 20. Jahrhundert haben.
Alles, was dieses Kind über Amerika weiß, wird es
aufgrund dessen wissen, was wir jetzt für ein neues
Jahrhundert tun.
Wir dürfen keine Minute verschwenden. Morgen sind
es nur noch etwas mehr als 1.000 Tage bis zum Jahr
2000. Tausend Tage, um unser Volk vorzubereiten.
Eintausend Tage, um zusammenzuarbeiten. Eintausend Tage, um eine Brücke zu einem Land neuer
Versprechen zu bauen. Liebe Mitbürger, vor uns liegt
Arbeit. Lassen Sie uns diese Tage und das Jahrhundert nutzen.
Ich danke Ihnen.
Amerika.

* * *

Gott segne Sie, und Gott segne

*

AMERIKA DIENST 03

�WIRTSCHAFT
12. Februar 1997

Vier Jahre Wirtschaftswachstum machen
den Amerikanischen Traum zur Realität
Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den am 10. Februar 1997 herausgegebenen Jahreswirtschaftsbericht des Präsidenten für den Kongreß.

Vor vier Jahren traten wir an, den Kurs der amerikanischen Wirtschaft zu ändern. Wir wollten, daß dieses
Land als Nation ins 21. Jahrhundert geht, in der jeder
arbeitswillige Amerikaner eine Chance hat - keine
Garantie, aber eine echte Chance - zur Verwirklichung
des Amerikanischen Traums. Wir haben hart gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen, und heute ist
unsere Wirtschaft stärker als sie es seit Jahrzehnten
war.

größte Senkung innerhalb von zwei Jahren in über 20
Jahren. Die Armutsgrenze unter den Älteren und den
Afroamerikanern ist auf dem niedrigsten Niveau seit
den ersten statistischen Erhebungen im Jahr 1959.
Ein reales mittleres Familieneinkommen ist um 1.600
Dollar gestiegen - das ist die größte Zuwachsrate seit
der Administration von Präsident Johnson.

Die Wirtschaftsbilanz

Unsere umfassende wirtschaftliche Tagesordnung hat
dazu beigetragen, die Wirtschaft der Vereinigten
Staaten wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.
Diese Tagesordnung enthält folgende Punkte:

Die Herausforderung des Jahres 1993 bestand darin,
die Wirtschaft auf einen neuen Kurs haushaltspolitischer Verantwortung bei weiteren Investitionen in
unsere Zukunft zu bringen. In den vergangenen vier
Jahren ist die Arbeitslosenquote um nahezu ein Drittel
gesunken: von 7,5 Prozent auf 5,4 Prozent. Die
Volkswirtschaft hat 11,2 Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, und über zwei Drittel des jüngsten Beschäftigungszuwachses entfallen auf die Berufsgruppen in der Industrie mit überdurchschnittlichen
Löhnen und Gehältern. In den letzten vier Jahren
betrug die Inflationsrate im Durchschnitt 2,8 Prozent
und war damit die niedrigste seit der Amtszeit von
Präsident John F. Kennedy. Die Arbeitslosen- und
Inflationsrate zusammengenommen ist die niedrigste
seit drei Jahrzehnten. Und die Unternehmensinvestitionen haben um über 11 Prozent pro Jahr zugenommen - mit dem schnellsten Tempo seit Anfang der
sechziger Jahre.
Mit dem Wirtschaftswachstum werden die Früchte
dieses Wachstums gerechter unter allen Amerikanern
aufgeteilt. Zwischen 1993 und 1995 sank die Armutsgrenze von 15,1 Prozent auf 13,8 Prozent - das ist die

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Die wirtschaftliche Tagesordnung

Historischer Defizitabbau. Seit dem Haushaltsjahr 1992 wurde das Defizit des Bundeshaushalts um 63 Prozent verringert - von
290 Milliarden Dollar auf 107 Milliarden Dollar
im Haushaltsjahr 1996. Als Prozentsatz des
Bruttoinlandsprodukts der Nation ist das
Defizit in demselben Zeitraum von 4,7 Prozent
auf 1,4 Prozent gefallen und jetzt das niedrigste seit über 20 Jahren. 1992 war das Haushaltsdefizit auf allen Ebenen der Regierung
höher im Verhältnis zu unserer Wirtschaft als
das von Japan und Deutschland zu deren
Wirtschaft. Gemessen daran ist dieses Defizit
jetzt geringer als das aller führenden Industrienationen. Und diese Administration hat einen
Plan vorgelegt, der den Haushalt bis zum Jahr
2002 ausgleicht und gleichzeitig entscheidende Investitionen in die Zukunft Amerikas
sichert.

Seite 1

�Investitionen in Bildung und Technologie.
Der Defizitabbau ist weiterhin eine Priorität,
aber kein Selbstzweck. Der Ausgleich des
Haushalts durch die Kürzung von Investitionen
in die Bildung oder mangelnde Unterstützung
für Wissenschaft und Technologie könnten
das Wirtschaftswachstum in der Tat verlangsamen. Um in der neuen Weltwirtschaft Erfolg
zu haben, müssen unsere Kinder eine Bildung
von Weltklasse erhalten. Jedes Kind in
Amerika sollte bis zum Alter von 8 Jahren
lesen, sich bis zum Alter von 12 Jahren ins
Internet einloggen können und mindestens 14
Jahre lang eine qualitativ hochwertige Ausbildung erhalten: 2 Jahre College sollten so
universell werden wie es die High School
heute ist. Und wir müssen sicherstellen, daß
jedes Kind, das ein College besuchen möchte,
die erforderlichen Ressourcen dafür hat.
Erweiterung der Märkte. Wir streben aggressiv die Expansion von Exporten und die
Öffnung von Märkten im Ausland an. In den
vergangenen vier Jahren haben wir zwei
wichtige Handelsabkommen abgeschlossen:
Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen und das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen der Uruguay-Runde, mit dem die
Welthandelsorganisation gegründet wurde.
Die Mitglieder des Forums für asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit und die
vorgesehene gesamtamerikanische Freihandelszone haben sich zur Gründung einer
Freihandelszone zwischen ihren Ländern bis
zum Jahr 2020 beziehungsweise 2005 verpflichtet. Und wir haben mit der Unterzeichnung von über 200 weiteren wichtigen Handelsabkommen neue Märkte im Ausland
eröffnet. Infolgedessen konnten die amerikanischen Exporte einen Boom verzeichnen, der
höhere Löhne und Gehälter für amerikanische
Arbeitnehmer in der Exportindustrie bedeutet die häufig 13 bis 16 Prozent höher sind als die
der übrigen Erwerbsbevölkerung.

Umstrukturierung der Regierung.
Die
Stärke der amerikanischen Wirtschaft liegt in
der Energie, Kreativität und Entschlossenheit
unserer Bürger. In den vergangenen vier
Jahren haben wir hart an der Schaffung eines
Umfelds gearbeitet, in dem Unternehmen
prosperieren können. Und während der
Privatsektor expandierte, hat die Bundesregierung ihre Effizienz und Wirtschaftlichkeit
verbessert. Wir haben energisch Bestimmungen in Schlüsselsektoren der Wirtschaft
reformiert, darunter im Telekommunikationsund Elektrizitätssektor, Bankwesen und der
Umwelt. Und wir haben den Umfang der
Bundesregierung als Prozentsatz der Erwerbsbevölkerung reduziert und sie zur
kleinsten seit den dreißiger Jahren gemacht.
Eine Wirtschaft für das 21. Jahrhundert
Die amerikanischen Arbeitnehmer arbeiten wieder und
unsere Fabriken sind in höchstem Maße aktiv. Wieder
einmal führt Amerika die Welt in der Automobilherstellung an. Unsere Hightechindustrien sind die
konkurrenzfähigsten der Welt. Die Armut hat sich
verringert und die Reallöhne beginnen endlich zu
steigen. Und wir haben die Grundlage für künftiges
langfristiges Wirtschaftswachstum durch den Abbau
des Defizits und Investitionen in die Bildung geschaffen.
Während der letzten vier Jahre haben wir darauf
hingearbeitet, alle Amerikaner auf die Herausforderungen und Chancen der neuen Weltwirtschaft des 21.
Jahrhunderts vorzubereiten. Wir streben die Wiederherstellung der haushaltspolitischen Disziplin in
unserer Regierung an, um die Chancen für Bildung
und Ausbildung für unsere Kinder und Arbeitnehmer zu
verbessern, die Sozialhilfe zu reformieren, Arbeit zu
ermutigen und die Grenzen des freien Handels zu
erweitern. Es muß jedoch noch mehr getan werden.
Wir müssen unseren Bürgern weiterhin die Instrumente an die Hand geben, damit sie das Beste aus ihrem
Leben machen können und der Amerikanische Traum
für jeden Amerikaner in greifbare Nähe rückt.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 03

�USA-DEUTSCHLAND
12. Februar 1997

Die Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Rede von Abteilungleiter John Kornblum

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von John Kornblum, dem Abteilungsleiter für europäische
und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium, zum 10. Jahrestag der "Initiative Berlin-USA" am 12.
Dezember 1996 im Amerika Haus Berlin gehaltene Rede.

Ich möchte heute Abend über die Zukunft der deutschamerikanischen Beziehungen sprechen.
Unsere
Diskussion sollte mit der Gründung dieser Initiative vor
zehn Jahren beginnen, weil sie uns den Geist vermittelt, der unsere Beziehungen meines Erachtens in
Zukunft leiten sollte. Wir sollten uns jedoch genau an
die Situation erinnern, in der wir zusammenkamen, um
über diese Initiative zu sprechen. Erstens gab es
natürlich eine geteilte Stadt, und es gab die Mauer. Es
waren ungefähr 10.000 britische, französische und
amerikanische alliierte Soldaten in der Stadt - häufig
ziemlich sichtbar. Weniger sichtbar waren die 400.000
sowjetischen Soldaten, die im Umkreis von 100
Kilometern von Berlin stationiert waren.
1986 bestand die Berliner Mauer 25 Jahre, und einige
von Ihnen werden sich daran erinnern, daß es viele
Diskussionsrunden und Fernsehprogramme gab, an
denen ich häufig beteiligt war. Kurze Zeit später
erklärte Erich Honecker, die Mauer würde weitere 100
Jahre oder länger stehen. Wie wir alle wissen, war sie
etwas mehr als drei Jahre später verschwunden. Aber
selbst dann hatten wir hier ein Gefühl der Bedrohung.
In Europa waren massive Armeen stationiert, darunter
200.000 amerikanische Soldaten in Deutschland.
Ich komme gerade aus Brüssel, wo die Außenminister
der NATO mit ihrem russischen Amtskollegen Primakow zusammengekommen sind und die Aufnahme von
Verhandlungen über die besonderen Beziehungen
zwischen Rußland und der NATO vereinbart haben.
Wir einigten uns ferner auf ein NATO-Gipfeltreffen vom
8. bis 9. Juli in Madrid. Zu diesem Zeitpunkt werden
einige ehemalige Mitglieder des Warschauer Pakts
wahrscheinlich zum NATO-Beitritt eingeladen. Und
natürlich wissen wir alle, daß ganz Deutschland und

AMERIKA DIENST 03

Berlin wiedervereinigt sind. Wir stehen jetzt am Beginn
einer Phase, in der wir hoffentlich zum ersten Mal in
der Geschichte eine wirklich demokratische Friedensstruktur in Europa aufbauen können.
Die "Initiative Berlin-USA" wurde von einer Gruppe
weitblickender Menschen ins Leben gerufen. Bedauerlicherweise weilen einige von ihnen nicht mehr unter
uns. Ich kann mich sehr gut an die ersten von uns
geführte Gespräche erinnern und daß jeder glaubte,
die Dinge würden sich in Berlin sehr schnell ändern.
Daß die wirklich besonderen Bande, die zwischen
Amerikanern und Berlinern gewachsen waren, sicherlich fortbestehen würden - was sie taten - jedoch neue
Bestrebungen erforderlich wären um sicherzustellen,
daß diese Beziehungen nicht verschleißen oder
stagnieren.
In jenen Tagen fürchteten wir eine Stagnation der
Beziehungen eben weil sie so sehr auf die militärische
Präsenz der Alliierten konzentriert waren und nicht all
die neuen Ereignisse berücksichtigen würden, die in
der Welt stattfanden. Wir konnten uns nicht vorstellen,
daß die alliierten Streitkräfte 10 Jahre später verschwunden sein und die von uns allen erwarteten
neuen Entwicklungen sich in einem völlig anderen
Berlin vollziehen würden - aber all das geschah.
Es erübrigt sich zu sagen, daß die von der "Initiative
Berlin-USA" geleistete Arbeit heute noch sehr viel
wichtiger ist als damals. Es ist jetzt eine Gruppe wie
diese, die diese umfassenden Kontakte unterhält, wie
ich Ihnen in meinen Ausführungen darlegen möchte.
Sie spiegeln auch das wider, was die deutsch-amerikanischen Beziehungen in Zukunft sein werden.

Seite 1

�Wie wird die Zukunft aussehen? Genau das fragen wir
uns in diesen Tagen und können offensichtlich nicht
klarsehen. Ich möchte Ihnen jedoch meine Eindrücke
von den Dingen wiedergeben, die von Bedeutung sein
werden, ein bißchen darüber reden, was die Vereinigten Staaten in diesem Zusammenhang unternehmen werden, aber Ihnen auch einige Gedanken
darüber vermitteln, was wir alle tun können und wie
sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen entwickeln werden.
Erstens ein vielleicht offensichtlicher Punkt, der jedoch
nützlich ist: Definitionen und Lösungen der Vergangenheit werden in Zukunft nicht sehr viel Gültigkeit besitzen. Selbst Begriffe und Konzepte wie "Westeuropa"
oder "Osteuropa" oder die atlantische Gemeinschaft
an sich beschreiben die Beziehungen nicht mehr
genau genug, die sich über den Atlantik hinweg und in
Europa entwickeln werden. Das Westeuropa der
Nachkriegszeit, das wir alle so gut kannten und zu
dem natürlich Berlin gehörte, existiert beispielsweise
nicht mehr. Die gut definierte Insel demokratischen
Wohlstands wurde durch ein Mosaik von Ländern
ersetzt, die auf verschiedene Weise mit einer unterschiedlichen Geschichte und in verschiedenen
Entwicklungsstadien handeln.
Sie wurde durch
Regionen ersetzt. Manchmal überqueren wir nationale
Grenzen - selbst Grenzen zwischen dem ehemaligen
Osten und Westen - die durch ein weltweites Netz von
Verbindungen ersetzt wurden, die manchmal Tausende von Meilen entfernte Verbindungen, Interessen und
Bande wichtiger machen als die in unmittelbarer Nachbarschaft.
Als die baltischen Staaten und die Ukraine unabhängig
wurden, waren es beispielsweise die "Europäer" in
Nordamerika, auf die sie wegen der ersten Unterstützung blickten. Und es waren diese Europäer, von
denen offensichtlich viele ihren Ursprung in diesen
Ländern haben, die dorthin zogen, die Arbeit aufnahmen und beim Aufbau dieser Gesellschaften
behilflich waren. Es gab übrigens viele Deutsche, die
das gleiche taten. Deutschland hat einen ausgeprägten Sinn für die Unterstützung dieses Teils der Welt.
Aber ohne Namen zu nennen, ist es meiner Ansicht
nach offensichtlich, daß es in Teilen Europas eine
Reihe von Menschen gab, die nicht an dem Geschehen interessiert war.
Und so ist das Europa der Ukraine, Litauens oder
Estlands ein Konglomerat seiner Nachbarn - zweifelsohne Deutschland, aber auch Chicago, Detroit und
Nebraska. Das ist auch für diese Länder Europa. Dort
erhalten sie ihre Unterstützung. Und das gilt übrigens
auch für die baltischen Staaten, deren Kultur während
der über 50-jährigen Besetzung bewahrt wurde.
Die Dinge verändern sich so sehr, daß wir darüber
nachdenken müssen, was wir eigentlich meinen, wenn
wir von Beziehungen über den Atlantik hinweg spre-

Seite 2

chen. Sie sind völlig anders als noch vor 10 Jahren.
Es ist nicht mehr ein starkes Amerika, das Europa
irgendwie vor den letzten Wellen des Zweiten Weltkriegs schützt. Jetzt ist es eine Reihe integrierter
Gesellschaften, von denen einige mehr integriert sind
als andere, eine Reihe kultureller und psychologischer
Verbindungen, die im Kopf der Menschen ein Bild
dessen formen, wer sie sind und wo sie sind. Dieses
Bild steht jedoch immer weniger in Kontext von
Territorium oder Geographie. Es steht vielmehr im
Kontext einer Reihe von Perzeptionen und Interessen.
Deutschland und die Vereinigten Staaten sind zwei der
fortschrittlichsten Länder im Hinblick auf die Definition
und Handhabung dieser Perzeptionen und Interessen.
Im Flugzeug habe ich heute gelesen, daß man jetzt
sogar die "Tagesschau" auf dem Internet in den
Vereinigten Staaten abrufen kann. Ob die Vereinigten
Staaten allerdings schon bereit für die "Tagesschau"
sind, ist eine andere Frage. Ich habe Jahre gebraucht,
um die Wetterkarte zu verstehen, ganz zu schweigen
von den Nachrichten! Aber ich bin sicher, daß das ein
Schritt nach vorne ist. Ich habe keinen Zweifel. Wenn
also all diese Schranken fallen und all diese Definitionen sich ändern, dann werden neue Gemeinden
und Interessengruppen entstehen mit neuen Verbindungen und neuen Definitionen ihrer selbst.
Wenn wir über die atlantischen Beziehungen sprechen, sind wir in der Vergangenheit häufig von der
Perspektive ausgegangen, "hier ist Nordamerika, hier
ist Europa und hier ist der Atlantik", und wir sollten
Brücken über das bauen, was häufig als Trennlinie
angesehen wurde. Dieses Konzept war meines
Erachtens von Anfang an falsch. Zumindest in der
Geschichte meines Landes war der Atlantik im 18. Und
19. Jahrhundert keine Trennlinie. Wir schöpften
unsere Stärke und unsere intellektuelle Unterstützung,
und in vielen Fällen unsere Universitätsausbildung,
aus Europa. Und es gab kein Gefühl, kulturell irgendwie von Europa getrennt zu sein. Das änderte sich im
20. Jahrhundert vor allem aufgrund von Kriegen, und
wir hatten in der Tat nach dem zweiten Weltkrieg viel
zu tun, Brücken über den Atlantik zu bauen. Und
meiner Ansicht nach hatten wir Erfolg, wie die Geschichte gezeigt hat.
Wenn wir jedoch jetzt über Trennlinien zwischen
Völkern und Gesellschaften sprechen (und sie existieren, wie wir wissen), dann sind diese Trennlinien sehr
viel komplizierter geworden. Und der Atlantik ist nicht
ihre Definition. Manchmal sind diese Trennlinien der
Norden und Süden in Europa, manchmal liegen sie in
den Vereinigten Staaten, wo manche nach Süden
blicken und andere über den Pazifik hinweg. In
Europa selbst gibt es Regionen. Es gibt Wirtschaftsgemeinschaften. Eines der wichtigsten in Europa
erörterten Themen ist, daß es bereits eine um die
Deutsche Mark herum gebildete Gemeinschaft gibt, die
zunehmend in eine subregionale Gemeinschaft inte-

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�griert wird. Eines der Ziele ist natürlich, die subregionale Gemeinschaft zu einer umfassenderen Gemeinschaft zu machen. Aber wenn wir beginnen zu
definieren, wer wir sind und was wir sind, müssen wir
berücksichtigen, daß diese Trennlinien wirklich ganz
andere sind: Die schlichte Trennlinie des Atlantiks hier ist Amerika, hier ist Europa - funktioniert einfach
nicht mehr. In vielen Fällen kann man Asien dieser
Gleichung hinzufügen.
Das führt mich zu meiner nächsten Schlußfolgerung,
die lautet, wenn das alles so ist, dann hat sich die
Rolle der Vereinigten Staaten in dieser neuen atlantischen Gemeinschaft natürlich beträchtlich verändert.
Unsere militärische Stärke ist immer noch wichtig, wie
sich im Falle Bosniens gezeigt hat. Gleichzeitig
müssen wir Europa nicht mehr vor irgendetwas
schützen, und wir sind nicht mehr in irgendeiner Weise
dort, um einer wackeligen Nachkriegsordnung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Wir fügen dem Geschehen
Geschicklichkeit und Talent hinzu. Das ist meines
Erachtens eines der faszinierendsten Themen dieses
Zeitalters - wie sich die Rolle der Vereinigten Staaten
langsam (oder vielleicht schnell) von der einer großen,
starken Macht - die wir einige Zeit gewesen sind - zu
einem Land gewandelt hat, das fast der Werkzeugkasten für die übrige Welt ist: Eine Gesellschaft, die
Menschen aufnimmt, ihre Talente nutzt, Lösungen
erarbeitet und die Menschen wieder hinaus in die Welt
schickt. Es ist faszinierend.
Diese Rolle wird nicht von allen positiv gesehen.
Denken Sie beispielsweise an die Klagen, es würde
zuviel amerikanische Popmusik im Radio gesendet
oder die Bestrebungen, den europäischen Anteil am
europäischen Fernsehen zu erhöhen.
Aber zu
anderen Zeiten bieten die Vereinigten Staaten Impulse
und Lösungen, die in der Tat von vielen Menschen als
ihre eigenen adoptiert werden, häufig ohne zu wissen,
daß sie aus den Vereinigten Staaten kamen.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen. Als ich vor 10
Jahren in Berlin lebte, war der amerikanische Kapitalismus für eine bestimmte Bevölkerungsschicht einschließlich der Presse wahrscheinlich der größte
Feind, den es gab. Auch sehr viele populäre Publikationen befaßten sich damit. Ich muß zugeben, daß es
mich heute mit einer gewissen Befriedigung erfüllt,
diese Publikationen aufzuschlagen und festzustellen,
daß sie nur darüber sprechen, wie wichtig amerikanische Lösungen sind. Wie machen die Amerikaner
das? Wie schaffen sie Arbeitsplätze? Wie bewahren
sie den technologischen Aufschwung?
Ich versuche nicht, Ihnen zu sagen, die Vereinigten
Staaten hätten alle Antworten parat oder unsere
Antworten seien die besseren. Aber wir sind zu einer
Art Impuls für die Welt geworden. Und dieser Impuls
unterscheidet sich völlig von der Schutzrolle, die wir
vorher gespielt haben. Das heißt, es ist auch sehr

AMERIKA DIENST 03

wichtig, durch Gruppen wie die "Initiative" nicht nur aus
Spaß (was es häufig ist) Kontakte zu kultivieren.
Indem wir die Rolle Deutschlands gegenüber Amerika
- und Amerikas Rolle gegenüber Deutschland definieren, definieren wir auch das neue Zeitalter, in
das wir eintreten.
Dieses neue Zeitalter wird raschen und manchmal
destabilisierenden Wandel mit sich bringen. Dieser
Wandel wird Deutschland ebenso wie alle anderen
betreffen. Es ist auch ein Wandel, der von großem
Vorteil für Deutschland sein wird, und indem wir in
Kontakt bleiben und einen Dialog aufbauen, werden
wir diesen Wandel besser bewältigen können.
Meine letzte These, die viele von Ihnen überraschen
wird, lautet, daß Deutschland von allen wichtigen
Ländern in Europa das Land ist, das am besten für die
Bewältigung dieses Wandels geeignet ist. Das ist zur
Zeit keine populäre Einstellung, vor allem nicht in der
amerikanischen Presse, und ich weiß, auch in der
deutschen Presse nicht. Wenn wir uns den äußerst
langsamen Prozeß leicht verlängerter Ladenöffnungszeiten betrachten - soweit ich weiß, wurde eine
Stunde auf die Gefahr einer nationalen Revolution
hinzugefügt - könnte man sich fragen, ob diese
Aussage auch nur das kleinste bißchen Logik enthält.
Aber ich glaube immer noch, daß es zutrifft und
Deutschland und Amerika in der Tat bestimmt sind, der
Motor des Wandels in dem neuen Europa zu sein.
Amerika in der gerade von mir beschriebenen Rolle;
aber Deutschland als ein Land im Zentrum des
Kontinents, der mit all seiner bekannten Stabilität und
dem Festhalten an einer bestimmten Art und Weise,
Dinge zu tun, auch eine der offensten, produktivsten
und weitblickendsten Gesellschaften in Europa
entwickelt, die sehr viel weniger Traditionen und der
alten Art, Dinge zu tun, verhaftet ist als nahezu jede
andere Gesellschaft.
Ein Teil dessen ist ein tragischer Unfall der Geschichte
- das heißt, hier hat es im 20. Jahrhundert soviel
Aufruhr gegeben, daß viele alten Muster einfach
zerstört und die Menschen umgesiedelt wurden. In
den vielen Jahren, die ich in Deutschland gelebt habe,
fand ich es immer interessant, Menschen von überallher zu treffen, oder Menschen zu treffen, deren Eltern
von überallher kamen. Deutschland ist wirklich wie
kein anderes europäisches Land vermischt worden.
Aber Teil dessen ist auch die Tatsache, daß Deutschland ein Land ist, das noch im Werden begriffen ist.
Das heißt, es findet immer noch heraus, was es ist.
Die Definition Deutschlands war - wie ich den meisten
hier Anwesenden nicht sagen muß - stets eine unsichere. Das hat immer Probleme verursacht. Aber ich
glaube, in dem Europa, das wir jetzt mit den starken
institutionellen Verbindungen, mit sehr starker Demokratie sowie Ihrem starken und offenen Wirtschaftssystem haben, wird diese Suche nach einer Definition

Seite 3

�und Rolle etwas sein, das Deutschland sehr dynamisch macht und nicht zu einem Land, das gegen
Wandel ist.
Man kann es bereits bei einigen Aspekten sehen, aber
während wir vorankommen, wird diese Fähigkeit und
beinahe schon dieser Elan, sich selbst zu definieren
und die noch ungelösten Probleme insbesondere im
Osten zu bewältigen, Deutschland zum wichtigsten
Partner der Vereinigten Staaten für Wandel in Europa
machen. Wenn dies alles zutrifft - und es erübrigt sich
zu sagen, daß man darüber diskutieren kann - dann
gibt es einiges, das wir uns vor Augen halten müssen,
wenn wir in diese Periode eintreten, und ich werde
auch ein bißchen darüber sprechen, was die Vereinigten Staaten denken und zur Bewältigung der
Probleme beizutragen hoffen.
Das erste Korollar folgt aus dem, was ich gerade über
den Wandel gesagt habe. Es ist die Frage der Stabilität. Es mag sich wiederum wie ein Widerspruch
anhören, daß ich nach all den Lobeshymnen über den
Wandel jetzt über Stabilität spreche. Aber hinter all
den in Europa während der ungefähr 75 Jahre erzielten Fortschritten lauert auch ein Gespenst über dem
Kontinent, und das ist die Angst vor Instabilität. Man
kann meines Erachtens argumentieren, daß es seit
1914 kein Jahr gegeben hat, in dem Europa vollständig im Frieden mit sich war. Das Ende des Kalten
Krieges beendete 50 Jahre völlig inakzeptabler
Stabilität - aber es war Stabilität. Dies hat jetzt zum
ersten Mal in der Geschichte Europas die Chance zu
einem wirklich demokratischen Frieden und Stabilität
eröffnet. Ich glaube nicht, daß es eine Zeit gab, in der
Demokratie in der von uns verstandenen Weise als die
Grundlage der Gesellschaft in ganz Europa akzeptiert
wurde. Das bedeutet natürlich nicht, daß sie in ganz
Europa praktiziert wird, aber sie wurde zweifelsohne
als die Grundlage akzeptiert. Das ist eine Chance, die
ergriffen werden muß. In erster Linie entspricht sie der
Bedeutung des Wortes: Demokratie. Der Aufbau von
Demokratie in den seit kurzem freien Teilen Europas
ist die uns alle heute konfrontierende wichtigste
Aufgabe. Sie ist die Grundlage des Friedens.
Zweitens bedeutet es die Suche nach einer Grundlage
für Stabilität, die einerseits praktisch und funktionsfähig, andererseits dynamisch ist. Präsident Clinton
hat von Anfang seiner Amtszeit an eine Vision dieser
Art verfolgt. Die erste detaillierte Definition dieser
Vision gab er in einer Rede, die er im Januar 1994 in
Brüssel gehalten hat, in der er über die Integration
ganz Europas - aller Demokratien in Europa - in eine
demokratische Gemeinschaft des Friedens sprach.
Seit damals haben wir mit unseren Verbündeten, mit
den Zentraleuropäern und auch mit Rußland, auf eine
Definition funktionsfähiger Strukturen für die Schaffung
dieser Art von demokratischer Integration in Europa
hingearbeitet.

Seite 4

Für die Vereinigten Staaten und für Europa gleichermaßen ist ein zentraler Aspekt dieser Vision die NATO.
Die NATO ist zuallererst die Grundlage für eine starke
und positive Präsenz der Vereinigten Staaten in
Europa. Sie ist auch die fähigste und erfolgreichste
gemeinsame Militärstruktur, die je existiert hat. Sie hat
sich ferner als eine Organisation bewiesen, die im
Gegensatz zu den Erwartungen vieler seit 1990 eine
dramatische Umstrukturierung vollzog und nicht mehr
ein rein defensives Bündnis mit massiven, im Zentrum
Europas stationierten Armeen ist, die gegen massive
russische Armeen gerichtet waren. Sie ist zu einer
flexiblen Plattform für die Schaffung von Frieden in
ganz Europa geworden. Die NATO wird auch zunehmend der Rahmen für die Schaffung von mehr Verantwortung und Fähigkeiten in Europa, und ich bin
glücklich und stolz, daß die Entscheidung hierzu vor
sechs Monaten beim NATO-Ministertreffen im Juni hier
in Berlin getroffen wurde.
Diesen Entscheidungen wurde in der Presse sehr viel
Aufmerksamkeit gewidmet, und sie werden immer
noch erörtert. Es wird jedoch vielleicht immer noch
nicht richtig verstanden, wie weitreichend sie waren.
Sie strebten eine zweite Phase der Umstrukturierung
der NATO auf der Grundlage einer größeren europäischen Rolle im Bündnis an.
Die in dieser Berlin-Entscheidung definierten drei
Bereiche waren: Erstens die innere Umstrukturierung
des Bündnisses, was die Rückkehr Frankreichs in die
integrierte militärische Struktur einbezieht. Zweitens
die externe Projektion des Bündnisses, was die
Aufnahme neuer Mitglieder und auch eine besondere
Beziehung zu Rußland beinhaltet. Und drittens neue
Rollen und Missionen, von denen die dramatischste
die Mission in Bosnien ist. Jeder dieser Bereiche ist
für den Aufbau dieser Stabilität und Berechenbarkeit,
von der ich spreche, gleich wichtig. Durch die innere
Umstrukturierung wird der NATO zum ersten Mal ein
rein europäisches Element hinzugefügt. Es gestattet
der Allianz die Bereitstellung von Ressourcen, Gerät
und auch Personal für Operationen, die ausschließlich
von Europäern auf einer europäischen Grundlage
organisiert werden. In der Tat haben die Vereinigten
Staaten zugestimmt, daß amerikanische Soldaten an
diesen Operationen unter europäischem Kommando
teilnehmen können, wenn dies entschieden werden
sollte. Die externe Projektion wird häufig nur als die
NATO-Erweiterung angesehen - das heißt, welche
Länder der NATO beitreten werden. Das ist sehr
wichtig. Wie ich bereits erwähnte, wird die NATO in
dieser Woche die Entscheidung treffen, das Gipfeltreffen am 8. und 9. Juli in Madrid abzuhalten, und bei
diesem Gipfel werden die Verhandlungen mit einer
Reihe von Ländern aufgenommen - wir wissen noch
nicht, wie vielen - die zum Beitritt in das Bündnis
eingeladen werden.

AMERIKA DIENST 03

�Man muß sich jedoch vor Augen führen, daß die
Projektion der NATO nach Osten nicht nur in der
Aufnahme neuer Mitglieder besteht. Es gibt auch eine
jetzt zwei Jahre alte äußerst wichtige Initiative, genannt
Partnerschaft für den Frieden (PFF), die 26 Mitglieder
hat, von Schweden und Finnland bis zu Aserbaidschan, Kasachstan und Usbekistan. Es ist eine
unglaubliche Vereinigung. Ich war gestern beim
Treffen der Vertreter dieser Länder in Brüssel anwesend, und wenn man sich die Geschichte der NATO
betrachtet, ist es wirklich erstaunlich, in das NATOHauptquartier in Brüssel zu gehen und neben einer
usbekischen Delegation zu sitzen - was der Fall ist. Sie
wissen: "Usbekistan, Vereinigte Staaten". Es ist auch
erstaunlich, in einer anderen Besprechung neben dem
russischen Außenminister zu sitzen und ihn über das
sprechen zu hören, was er mit der NATO zu tun
beabsichtigt. Die Partnerschaft für den Frieden ist also
ein enormer Erfolg. Wir haben vorgeschlagen - und es
wurde gestern bei der NATO vereinbart - daß dies mit
der Gründung des sogenannten Atlantischen Partnerschaftsrats einen Schritt weitergeführt wird, der der
NATO die Arbeit an gemeinsamen Projekten mit
Partnerländern, politische Konsultationen und zunehmend gemeinsame Entscheidungen gestattet.
Wie ich bereits erwähnte, sind ein weiterer Aspekt die
Beziehungen der NATO zu Rußland. Wir beabsichtigen die Erarbeitung einer gemeinsamen Vision und
gemeinsamer Strukturen für eine friedliche Zusammenarbeit mit Rußland. Wir haben bereits damit
begonnen. Ein Kontingent russischer Soldaten ist an
der IFOR-Operation (Implementation Force) in Bosnien
beteiligt. Wir arbeiten auf gemeinsame Übungen und
gemeinsame Verteidigungsgespräche hin. Und jetzt
erzielen wir Fortschritte bei der Charta mit Rußland,
die Konsultationen und Entscheidungsfindung bei
bestimmten Angelegenheiten enthalten wird. Die
NATO wird mit der Ukraine ein ähnliches, etwas
weniger ehrgeiziges Projekt verfolgen, die wiederum
eines der entscheidenden Länder beim Aufbau von
Zusammenarbeit nach Osten ist.
Morgen wird im Bundestag die Abstimmung über ein
Thema stattfinden, das sich aus dem dritten Aspekt der
Veränderung der NATO ergibt, den sogenannten
Rollen und Missionen. Von einer statischen Verteidigungsstreitmacht hat die NATO sich zu einer aktiven
friedenssichernden und konfliktverhütenden Streitmacht umstrukturiert. Das Engagement der NATO in
Bosnien ist das dramatischste Beispiel dafür und war
der Grund für den Frieden in Bosnien - darüber sollte
kein Zweifel bestehen. Nach einer langen Debatte in
Deutschland wurde die Entscheidung getroffen, sich
an der SFOR (Stabilization Force) zu beteiligen, und
das wird ein historischer Schritt - das muß ich niemandem in diesem Raum erzählen. Dies wird meines
Erachtens auch symbolisch für die veränderte Rolle
der Streitkräfte in Europa sein.

AMERIKA DIENST 03

Der Aufbau von Stabilität durch politische Kooperation
und die militärische Vorgehensweise der NATO ist
entscheidend, weil sie Regierungen und Bürgern den
Mut zu Veränderungen gibt. Mehr als andernorts auf
der Welt könnte in Europa die Zukunft ohne diesen Mut
zu Veränderungen in der Tat durch die Furcht vor
Instabilität vereitelt werden. Es gibt jedoch noch einen
anderen wichtigen Aspekt während wir jetzt diese
Veränderungen durchlaufen, und das ist Flexibilität.
Ich habe bereits über einige der seit langem vertretenen Einstellungen gesprochen, die wir meiner
Ansicht nach aufgeben müssen. Wir müssen auch die
Einstellungen zum Leben und den bedeutenden
politischen Ziele aufgeben, die von unseren Gesellschaften vorgegeben werden. Häufig tendiert die
Politik dazu, in vielen Bereichen sozialen Wandel mit
sich zu bringen.
Sowohl in unseren Gesellschaften als auch zwischen
den Ländern basieren unsere Beziehungen jetzt
wieder sehr viel mehr auf dem, was Unternehmen,
Einzelpersonen, Gemeinden, Gruppen wie die "Initiative Berlin-USA" und zwangsläufig Menschen wie ich
tun. Wir haben noch eine gewisse Funktion und
werden vermutlich noch eine Weile da sein. Aber was
die Menschen in einem Zeitalter miteinander machen,
in dem die "Tagesschau" auf dem Internet in Kansas
City empfangen werden kann, wird sehr viel bedeutender und sehr viel weniger kontrollierbar sein als das,
was jede einzelne Regierung tun kann. Das heißt, wir
müssen uns vor Augen führen, daß Stabilität nur eine
Grundlage für Veränderung und nicht die Ausrede
dafür sein kann, neue Herausforderungen zu umgehen.
Wir sind der Garant für Stabilität in Europa, das steht
außer Frage. Unsere Präsenz bietet Deutschland
auch eine glaubwürdige Grundlage für eine stärkere
Rolle in Europa. Wir sind jedoch ebenfalls der wichtige
Motor für Wandel und eine der wichtigsten Rollen
Deutschlands wird - wie ich bereits ausführte - in der
Zusammenarbeit beim Verständnis dessen, was
Wandel ist, beim Verdauen dieser Veränderungen und
ihrer Umsetzung in praktische Lösungen für Europa
bestehen. Offensichtlich bedeutet es nicht, daß alles
in unseren Gesellschaften identisch sein wird. Unsere
Geschäfte werden 24 Stunden lang geöffnet sein,
unabhängig davon, was der Bundestag entscheidet.
Aber die amerikanische Definition des Wandels wird
eine europäische Interpretation benötigen sowie die
Fähigkeit und Stärke zu ihrer Durchführung.
Und hier in Deutschland, einem Land mit einer Tradition des Wandels im 20. Jahrhundert, mit einer starken
bildungs- und industriellen Basis, mit einer nur 80
Kilometer von hier entfernten Grenze nach Polen, mit
einem starken Impuls zu Veränderungen, weil es
Länder an seinen Grenzen hat, die mit dem Status quo
nicht einverstanden sind, die sich rasch entwickeln und
auf Deutschland als Partner bei diesem Wandel

Seite 5

�blicken, wird die Fähigkeit zur Bewältigung dieses
Wandels der Schlüssel sein. Auch bei Ihnen ist
natürlich ein Drittel Ihres Landes, das aus derselben
Geschichte entstanden ist wie diese Länder, nicht
zufrieden mit dem Status quo, und daher wird das
Drängen nach neuen Lösungen in Deutschland größer
sein als andernorts in Europa. Und fügen Sie diesen
starken Banden, die wir bereits haben, sowie unseren
starken kulturellen und familiären Wurzeln die große
Zahl von Menschen in den Vereinigten Staaten hinzu,
die auf eine deutsche Abstammung zurückblicken,
sowie eine große Zahl amerikanischer Soldaten, die
hier gedient haben.
Sie sehen, daß die neue Partnerschaft, die wir haben,
in einer Weise gleichberechtigt ist, die wir noch vor
zehn Jahren nicht vorhersahen, als diese Organisation
gegründet wurde. Sie wird und sollte weder bei
militärischer Stärke gleichberechtigt sein, noch bei
Bevölkerungsdichte oder Gebieten. Sie wird jedoch
gleichberechtigt sein im Hinblick auf den Beitrag, den
jeder von uns zur Definition einer neuen Synthese in
Europa leisten kann, zur Definition, wie Europa und
Nordamerika die uns konfrontierenden dramatischen
Veränderungen bewältigen werden, und letztlich zur
Definition, wie unsere Völker erfolgreich in der neuen
Welt zusammenleben können, an deren Schwelle sie
stehen.

* *

Seite 6

Wenn diese Rede wie eine Werbekampagne für die
"Initiative Berlin-USA" klingt, dann war das natürlich
beabsichtigt. Denn ich strebe genau die grundlegenden, persönlichen Kontakte an der Basis an, die immer
die starken Bande zwischen den Vereinigten Staaten,
Europa und Deutschland ausgemacht haben, von
denen viele jedoch manchmal sagen, sei seien nicht
länger nötig wegen des Internet, wegen der Flugzeuge
und wegen der großen Umwälzungen der Geschichte,
die uns erfassen. Ich glaube, wir alle wissen, daß
große Umwälzungen der Geschichte gut sind. Das
Problem ist, sie erfassen uns und schleudern uns
manchmal durch die Tür, wenn man nicht weiß, was
vor sich geht. Und man weiß nur, was vor sich geht,
wenn man miteinander spricht und zu verstehen
beginnt, wie beispielsweise ethnische Konflikte,
Computer, Viren oder was immer täglich bewältigt
werden. Und das tun Organisationen wie diese.
Wir sollten also beide äußerst optimistisch bezüglich
der Zukunft unserer Partnerschaft und - es erübrigt
sich zu sagen - der "Initiative Berlin-USA" sein. Am
optimistischsten sollten wir jedoch meiner Ansicht nach
- und einige mögen überrascht sein, daß ich das sage
- bezüglich der Fähigkeit unserer beiden Gesellschaften zu Veränderungen sein, um die vor uns
liegenden großen neuen Herausforderungen zu
meistern. Ich danke Ihnen.

* *

*

AMERIKA DIENST 03

�ABRÜSTUNG
12. Februar 1997

Kreative Bestrebungen zur
Rüstungskontrolle unerläßlich
Rede von ACDA-Direktor John Holum

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (U.S. Arms Control and Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 9. Januar 1997 beim Seminar
über Rüstungskontrolle des Forschungsdienstes des Kongresses gehaltene Rede in Auszügen.

Ich sehe Rüstungskontrolle als nationale Sicherheitsangelegenheit. Wichtige Rüstungskontrollverhandlungen mit Rußland über strategische Waffen sind
noch nicht abgeschlossen - dem Land, das, wie Sie
wissen, eine überwältigende nukleare Zerstörung über
die Vereinigten Staaten bringen könnte.
Wir beginnen erst, die Bestimmungen der STARTVerträge zu nutzen, indem wir Tausende von Waffensystemen beseitigen. Das Inkrafttreten von START I
zwang die Ukraine, Kasachstan und Belarus zur
offiziellen Aufgabe ihre nuklearen Option und der nach
den Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem
Territorium verbliebenen Waffen. Das taten sie Ende
1994 - und die letzten Waffen wurden im vergangenen
Monat aus Belarus abgezogen. Vor uns liegen jedoch
noch sechs weitere Jahre harter Arbeit an der Umsetzung von START I - der Verifizierung, daß Raketen
zerlegt und Silos aufgefüllt sowie Verhandlungen über
die Auslegung des Vertrags und seine Einhaltung
geführt werden.
START II - die Beendigung des Abbaus der Arsenale
um zwei Drittel und die Beseitigung der letzten SS-ISRaketen - muß von Rußland noch ratifiziert werden.
Mehrere Duma-Mitglieder beschweren sich, daß der
Vertrag von Rußland die Beseitigung von Raketen mit
Mehrzweckgefechtsköpfen und dann den Bau neuer
Raketen mit einem Gefechtskopf fordert, um die Parität
mit uns zu wahren.
Aber sie müssen die realistischen Optionen Rußlands
berücksichtigen. Ohne START II werden die Vereinigten Staaten 6.000 Waffen im Rahmen von START I

AMERIKA DIENST 03

beibehalten, wobei Rußland nur mit ruinösen Ausgaben gleichziehen könnte - und es gäbe praktisch
keine Aussicht auf Verhandlungen über einschneidendere Reduzierungen. Mit START II wird Rußland eine
tatsächliche Parität mit 3.000 bis 3.500 Gefechtsköpfen
haben und - wie Präsident Clinton erklärte - wir
könnten unverzüglich Verhandlungen über weitere
Begrenzungen und Reduzierungen aufnehmen, die
das Aufrüstungsproblem vermeiden könnten. Wir
haben Rußland gegenüber klargestellt, daß START II
die Tür zu START III ist, und daran geht kein Weg
vorbei.
Gleichzeitig wurde unsere Rüstungskontrollagenda mit
Rußland erweitert und bezieht jetzt das sogenannte
"loose nukes"-Problem mit ein. Führen Sie sich vor
Augen, daß das größte Hindernis für jemanden, der
eine Atomwaffe bauen will, nicht die Technologie,
sondern das Material ist - das hochangereicherte Uran
oder Plutonium.
Dieses entscheidende Material und die damit in
Zusammenhang stehende Intelligenz werden aus dem
Waffenprogramm Rußlands freigesetzt, um vielleicht
über durchlässige Grenzen an den falschen Ort zu
gelangen. Die Antwort besteht offensichtlich nicht in
der Beendigung der Reduzierungen - das hieße,
dieses Material in auf Raketen montierten Waffen zu
belassen, die die Vereinigten Staaten erreichen
könnten - sondern vielmehr im Einsatz aller erforderlichen diplomatischen, technischen, Strafverfolgungsund anderen Ressourcen um sicherzustellen, daß die
Experten anderweitig beschäftigt werden und das

Seite 1

�Material gesichert ist, bis es verbraucht oder unbrauchbar gemacht werden kann.
In der Zwischenzeit werden diese amerikanischrussischen Fragen von einer nicht geringeren Gefahr
überschattet: Der Verbreitung von - nuklearen, chemischen und biologischen - Massenvernichtungswaffen und ihren Trägerraketen an verbrecherische
Staaten und Terroristen auf der ganzen Welt.
Über 40 Länder haben jetzt die technische
und materielle Fähigkeit zur Entwicklung von
Nuklearwaffen, sollten sie sich dafür entscheiden.
Über 15 Nationen haben zumindest Kurzstreckenraketen - und viele von ihnen wollen
Massenvernichtungswaffen beschaffen.
Ungefähr 20 Länder - von denen viele uns
feindlich gesinnt sind - unterhalten Chemiewaffenprogramme, weitere 15 verfügen über
die Fähigkeit und Motivation dazu. Und
chemische Waffen wurden erst kürzlich in
einem Krieg vom Irak und von Terroristen in
der Tokioter U-Bahn eingesetzt.
Der Fall des Irak erinnert uns daran, daß
biologische Waffen auch für geächtete Regierungen und Gruppen attraktiv sind.
Und wenn wir uns an die Bombenanschläge
auf das World Trade Center und in Oklahoma
City erinnern, müssen wir uns fragen, um
wieviel schrecklicher das Leid wäre, wenn
auch nur primitive nukleare, chemische oder
biologische Waffen je in die falschen Hände
geraten würden.
Unser wichtigstes Instrument gegen die Verbreitung
von Nuklearwaffen ist der Nichtverbreitungsvertrag oder N W - gemäß dem Nichtnuklearwaffenstaaten
vollständig auf Atomwaffen verzichten und dies
bestätigen, indem sie ihre Nuklearprogramme zu
friedlichen Zwecken internationalen Sicherheitsvorschriften unterstellen. Der N W war die Grundlage für
mögliche internationale Aktionen gegen das nicht
bekanntgegebene Nuklearprogramm Nordkoreas - und
für andauernde Verifizierungen vor Ort, daß es wie
vereinbart weiter eingefroren ist.
1995 gelang es der Welt, den N W auf unbegrenzte
Zeit zu verlängern. Er nimmt auch an Universalität zu
und hat jetzt 184 Mitgliedstaaten - nur sechs Länder
sind nicht beigetreten. Eine wichtige Priorität - die wir
im März in die Praxis umsetzen wollen - ist jetzt die
weitere Stärkung seiner Sicherheitsbestimmungen. Es
sollen neue Technologien und der Zugang hinzugefügt
werden, wie etwa die Überwachung der Umwelt nicht
nur in unmittelbarer Nähe der bekanntgegebenen

Seite 2

Einrichtungen um sicherzustellen, daß Nuklearprogramme nicht vor den Inspektoren geheimgehalten
werden.
Der Name des Programms hierfür - "93 plus 2" - läßt
erkennen, daß wir nicht im Zeitplan liegen. Die
Entscheidung zur Verbesserung der Sicherheitsbestimmungen wurde 1993 getroffen, nachdem das
geheime Nuklearprogramm des Irak aufgedeckt
worden war. Und "plus 2" bedeutete, daß es bis 1995
abgeschlossen sein sollte. Wir üben weiterhin großen
Druck aus, vor allem gegen den Widerstand einiger
unserer Verbündeten, die anscheinend Probleme
haben, das richtige Gleichgewicht zwischen den durch
die Nuklearwaffen verbrecherischer Staaten entstehenden Gefahren und möglichen Unannehmlichkeiten für ihre Nuklearanlagen zu finden.
Der im vergangenen Jahr abgeschlossene und
demnächst dem Senat vorzulegende Vertrag über ein
umfassendes Verbot von Atomtests (Comprehensive
Test Ban Treaty - CTBT) wird ein weiteres Hindernis
für die Verbreitung von Nuklearwaffen darstellen.
Die Vereinigten Staaten haben weit über 1.000
Kernversuche durchgeführt - Hunderte mehr als jedes
andere Land. Jedes kleine bißchen weiteren Wissens,
das wir durch weitere Tests erlangen könnten, ist sehr
wenig wert verglichen mit dem Wert, den die Verhinderung weiterer Tests durch andere Staaten besitzt,
einschließlich verbrecherischer Staaten, die aus nur
wenigen Explosionen Quantensprünge an Fähigkeiten
erwerben könnten. Je mehr Nationen wir bei der
Lernkurve über Nuklearwaffen verzeichnen können,
desto sicherer sind wir.
Als ein weiteres Hindernis hat Präsident Clinton
angeordnet, daß wir unsere Bestrebungen in diesem
Jahr intensivieren, um die vollständige Einstellung der
Produktion von waffenfähigem spaltbarem Material
auszuhandeln. Diese vollständige Produktionseinstellung ist unsere beste Hoffnung, das Nuklearwaffenpotential von Nichtmitgliedstaaten des N W , einschließlich Indiens und Pakistans, zu beschneiden.
Eine weitere unmittelbare Priorität bei der Nichtverbreitung sind die Chemiewaffenkonvention (Chemical
Weapons Convention - CWC), die noch vom Senat
ratifiziert werden muß, und die Gesetze für ihre
Durchführung, denen beide Kammern zustimmen
müssen.
Die Uhr läuft - die Konvention muß bis zum 29. April
1997 ratifiziert werden, wenn die Vereinigten Staaten
Gründungspartei sein und ihre energische Umsetzung
beeinflussen wollen.
Überlegen Sie sich, warum wir diesen Vertrag benötigen. Mindestens 20 Länder - von denen uns viele
feindlich gesinnt sind - besitzen Chemiewaffen oder

AMERIKA DIENST 03

�streben ihre Beschaffung an. Sie sind auch für
Terroristen attraktiv, wie wir in der Tokioter U-Bahn
gesehen haben. Die Chemiewaffenkonvention wird
uns mehr Informationen über diese Bedrohungen an
die Hand geben - nicht zuletzt durch kurzfristig anberaumte Inspektionen verdächtiger öffentlicher oder
privater Einrichtungen - und sie wird diese Informationer einklagbar machen, weil schon der Besitz von
Chomiewaffen illegal sein wird, wohingegen er heute
völ, g erlaubt ist.
Die chemische Industrie der Vereinigten Staaten, die
die größte Last der routinemäßigen Bekanntgabe und
Inspektionen trägt, befürwortet den Vertrag vehement.
Auch unsere Militärs befürworten ihn in dem Wissen,
daß wir uns in einem Krieg weniger wahrscheinlich mit
Chemiewaffen konfrontiert sehen werden. Unsere
Strafverfolgungsbehörden möchten seine neuen
Instrumente gegen Terroristen im In- und Ausland
einsetzen. Und er verringert unsere eigenen militärischen Optionen nicht maßgeblich, weil wir bereits
ein 10 Jahre altes Gesetz anwenden, das die einseitige Beseitigung unserer Chemiewaffenarsenale
vorschreibt. Die reale Frage lautet also, ob wir die
übrige Welt zwingen sollten, das zu tun, was wir
bereits tun.
Die Chemiewaffenkonvention ist ein wertvolles Werkzeug. Und wenn wir in einer Welt mit vielen gefährlichen Nachbarn leben, sollten wir uns nicht die
vernünftigen Schutzmittel vorenthalten. In der Tat,
wenn die Vereinigten Staaten, die eine Führungsrolle
bei den Verhandlungen über diesen Vertrag übernommen haben, ihn jetzt aufgeben würden, würden wir uns
nicht nur seiner Vorteile berauben, sondern verbrecherischen Staaten Deckung geben und unsere
Führungsrolle bei der Eindämmung der Verbreitung
aller Massenvernichtungswaffen unterminieren gerade dann, wenn sie am meisten benötigt wird.
Diese Führungsrolle ist beispielweise auch bei biologischen Waffen erforderlich. Sie werden für gewöhnlich
in dieselbe Gruppe wie Chemiewaffen eingeordnet.
Gemessen an den potentiellen Auswirkungen auf das
menschliche Leben würden sie besser mit Nuklearwaffen verglichen.
Chemiewaffen werden weniger
todbringend, wenn sie verstreut sind. Aber biologische
Organismen sind lebende Dinge; in der richtigen
Umgebung können sie sich multiplizieren. Sie können
auch mutieren und der Behandlung widerstehen.
Die Konvention über biologische Waffen datiert von
1972. Aber sie hat einen wichtigen Mangel - sie ist
praktisch machtlos im Hinblick auf die Gewährleistung
der Einhaltung. Deshalb verhandeln wir jetzt in Genf,
um die Fortschritte bei der Technologie und den
Rüstungskontrolltechniken zu nutzen, damit auch
dieser Vertrag ein effektives Instrument wird. Präsident Clinton hat das zu einer weiteren Priorität in der
Rüstungskontrolle gemacht.

AMERIKA DIENST 03

Obwohl sie vornehmlich gegen Länder gerichtet sind,
können diese Verträge - und insbesondere die Gesetze zu ihrer Durchführung - einen wichtigen Effekt für
die Terrorismusbekämpfung haben. 1995 bestellte
beispielweise ein Mitglied einer Haßgruppe in Ohio auf
betrügerische Weise den Beulenpestbazillus per Post
von einem spezialisierten Anbieter in Rockville (Maryland). Der Auftrag wurde ausgeführt. Aber der
Anbieter benachrichtigte auch die Strafverfolgungsbeamten, die wiederum die Wohnung des MöchtegernTerroristen durchsuchten und die von ihm ausgebrüteten bösartigen Pläne vereitelten. Das geschah teilweise aufgrund eines Gesetzes - dem Gesetz zur Bekämpfung von Terrorismus mit biologischen Waffen -,
das wegen der Konvention über biologische Waffen in
den Geschäftsbüchern liegen muß.
Abschließend möchte ich kurz auf ein anderes Thema
eingehen. Wenn Sie sich das Potential von Waffen,
Schaden anzurichten, betrachten, denkt man offensichtlich zuerst an Massenvernichtungswaffen, die mit
einem Schlag ganze Städte ausradieren können.
Wenn man sich jedoch die tatsächlichen Auswirkungen betrachtet, muß man an konventionelle Waffen
denken, die routinemäßig ganze Städte ausradieren,
mit einigen wenigen Menschen auf einen Schlag.
Ein Weg, dieses Thema in Angriff zu nehmen, ist,
spezifische Waffen anzusprechen, die außerordentliche Auswirkungen haben - wie die Antipersonenminen,
die auf der ganzen Welt verstreut sind und jedes Jahr
ungefähr 25.000 Zivilisten töten oder zum Krüppel
machen, vor allem spielende Kinder oder Bauern, die
zu ihren Feldern zurückkehren wollen lange nachdem
der Krieg vorüber ist. Im vergangenen Jahr führten die
Vereinigten Staaten erfolgreiche internationale Verhandlungen über die Kontrolle von Minen an, die nicht
aufgespürt werden können oder sich nicht selbstzerlegen oder selbstdeaktivieren. Diese Zusätze zur
Konvention über konventionelle Waffen müssen
ratifiziert werden. Und in diesem Jahr werden wir
Verhandlungen über ein vollständiges Verbot von
Antipersonenminen als weitere wichtige Rüstungskontrollpriorität aufnehmen.
Ein weiteres vorrangiges Instrument - für konventionelle Waffen sowie für Massenvernichtungswaffen - ist die
rigorose Kontrolle der Exporte.
Die Vereinigten
Staaten haben die schärfsten Kontrollen aller Länder
der Welt für konventionelle Waffen - und wir haben
vom Beratungsgremium des Präsidenten für die Politik
zur Verbreitung von Waffen sehr gute Ratschläge
erhalten. In einem der vielen Bereiche, in dem das
Gremium Empfehlungen aussprach, bauen wir zum
ersten Mal - in dem Wassenaar-Abkommen - eine
multilaterale Struktur auf, um konventionelle Waffen
anzusprechen, mit Konzentration auf den Waffentransfer in den Iran, Irak, nach Libyen und Nordkorea.

Seite 3

�Es ist jedoch meine feste Überzeugung, daß wir auf
der Nachfrageseite die größten Fortschritte bei
konventionellen Waffen erzielen. Zwischen 1988 und
1994 sanken die weltweiten Waffenlieferungen um 70
Prozent - von fast 70 Milliarden Dollar auf etwas unter
20 Milliarden Dollar. Das geschah nicht, weil die
Exporteure aufgehört hatten zu verkaufen, sondern
weil die Kunden nicht kauften. Und langfristig besteht
unsere effektivste Arbeit, selbst wenn sie nicht am
dramatischsten ist, in der Verstärkung dieses Trends durch regionale Kontrollregime wie den Vertrag über
konventionelle Streitkräfte in Europa (Conventional
Forces in Europe Treaty - CFE), vertrauensbildende
und Transparenzmaßnahmen, die die von regionalen
Spannungen ausgehende Gefahr eindämmen können.
Die Welt strotzt immer noch von der Überrüstung aus
den Zeiten des Kalten Krieges. Wir können nicht
hoffen, uns von dem leichteren potentiellen Zugang zu
zunehmend mächtigen Waffen isolieren zu können -

*

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durch den die kriegerischen Herrscher verbrecherischer Staaten hoffen, dieses Land, unsere Interessen
und unsere Menschen zu gefährden.
Denn so weit wir in die Zukunft blicken können, wird
dies eine einzigartige Verteidigung der Vereinigten
Staaten erfordern. Und aus eben diesen Gründen wird
es beharrliche und kreative Bestrebungen zur Rüstungskontrolle erfordern. Denn wir haben in einem
hart erkämpften Abkommen nach dem anderen
demonstriert, daß wir mit Rüstungskontrolle unser
Schicksal meistern, unsere Freiheit untermauern sowie
unsere Sicherheit und unseren Wohlstand verbessern
können.
Ebenso wie zu jeder Zeit in der Vergangenheit muß
Rüstungskontrolle ein zentrales Element der Art von
Außenpolitik sein, die einer Großmacht in einer
gefährlichen Welt zukommt.

* * *

*

AMERIKA DIENST 03

�</text>
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