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^ro^ ^

amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

13. November 1996

22

WAHLEN '96

CLINTON BEDANKT SICH FÜR SEINE
WIEDERWAHL
Rede des Präsidenten in seinem
Heimatstaat Arkansas
AMERIKA AUF DER REISE INS
21. JAHRHUNDERT
Ansprache von J.D. Bindenagel

USA - RUSSLAND

AMERIKA UND RUSSLAND IN EINER
SICH WANDELNDEN WELT
Rede des Stellvertretenden Außenministers

WIRTSCHAFT

ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN DER
AMERIKANISCHEN VOLKSWIRTSCHAFT
Pressekonferenz mit führenden
Wirtschaftsberatern
ERÖFFNUNG DER DEUTSCH-AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFTSKONFERENZ
IN POTSDAM
Ansprache von J.D. Bindenagel
im Filmstudio Babelsberg
DAS WIRTSCHAFTLICHE ENGAGEMENT
DER USA IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN
Eröffnungsansprache von J.D. Bindenagel
DEUTSCH-AMERIKANISCHE
WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Schlußwort von J.D. Bindenagel

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�PORTRAT

BANKIER WIRD NEUER STABSCHEF DES
WEISSEN HAUSES
Porträt von Erskine Bowles

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�WAHLEN

'9 6
13. November 1996

Clinton bedankt sich für seine Wiederwahl
Rede des Präsidenten in seinem Heimatstaat Arkansas

LITTLE ROCK - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Präsident Clinton in den frühen
Morgenstunden des 6. November 1996 in Little Rock, Arkansas, im Old State House hielt, um den
amerikanischen Wählern für seinen überwältigenden Sieg zu danken.

Meine amerikanischen Mitbürger, vielen Dank, daß Sie
hier sind. In vier Jahren beginnen wir ein neues
Jahrhundert großer Herausforderungen und unbegrenzter Möglichkeiten. Wir müssen jetzt eine Brücke
bauen, und ich bin dazu bereit, wenn Sie es sind.
Heute hat das amerikanische Volk gesprochen. Es hat
unseren Kurs bekräftigt. Es hat uns aufgetragen,
weiterzumachen. Amerika hat jedem einzelnen von
uns - Demokraten, Republikanern und Unabhängigen laut und deutlich mitgeteilt, daß es an der Zeit ist,
politische Auseinandersetzungen hinter sich zu lassen
und gemeinsam die für Amerikas Zukunft erforderliche
Arbeit zu leisten.
In den letzten vier Jahren haben wir beachtliche
Fortschritte gemacht, aber in unseren Schulen,
unseren Familien, an unserem Arbeitsplatz und in
unseren Gemeinden sind wir noch nicht am Ziel
unserer Reise. Meine amerikanischen Mitbürger, vor
uns liegt Arbeit, und genau darum ging es bei diesen
Wahlen.
Ich möchte allen hier Anwesenden und dem ganzen
amerikanischen Volk sagen, daß Worte nicht ausreichen, um die Dankbarkeit auszudrücken, die ich
heute über die mir zuteil gewordene Ehre empfinde.
Es ist eine Ehre, die vielen gebührt - zunächst einmal
meiner Familie, meiner wunderbaren Frau, mit der ich
seit 21 Jahren verheiratet bin und die mich seit
unserem ersten Zusammentreffen gelehrt hat, daß
man ein Dorf braucht, um unsere Kinder aufzuziehen
und unsere Zukunft zu gestalten. Und unserer Tochter
Chelsea, die Verständnis für unsere gemeinsame
Arbeit und die damit verbundenen Belastungen
aufbringt.

AMERIKA DIENST 22

Heute habe ich meine Stimme bei der letzten Wahl
abgegeben, bei der ich zur Wahl stehe. Und wie bei
jeder Wahl seit ihrer Geburt habe ich Chelsea mitgenommen. Und als wir uns zusammen den Stimmzettel anschauten und politische Themen erörterten,
dankte ich Gott, daß ich als Amerikaner geboren
wurde.
Ich danke den Mitgliedern meiner wunderbaren
Familie, die heute hier sind - meinem Stiefvater Dick
Kelley, meiner großartigen Schwiegermutter Dorothy
Rodham und allen anderen. Und ich danke meiner
geliebten Mutter, die von dort oben lächelnd herunterschaut und die damals sagte: "Ich hatte nie Zweifel.
Ich wußte schon immer, daß es so kommen würde."
Ich danke meinen langjährigen Freunden. Sie sind mit
mir durch dick und dünn gegangen, sie gingen mit mir
in die Grundschule, die weiterführende Schule, aufs
College und begleiteten mich alle nachfolgenden
Jahre. Es sind Freunde, die mich und meine Träume
kennen und sich als mächtige Kraft denjenigen
entgegenstellten, die den Fortschritt in Amerika mit der
Politik persönlicher Zerstörung bremsen wollten. Ich
danke Euch, liebe Freunde, für das, was Ihr für
Amerika getan habt.
Ich danke den Menschen in meinem geliebten Heimatstaat. Ich möchte heute Nacht nirgendwo anders sein.
Vor diesem wunderbaren alten Kapitol, das so viel von
meinem Leben und der Geschichte dieses Bundesstaates gesehen hat, danke ich Ihnen, daß Sie mich so
lange begleitet haben, daß Sie nie aufgaben und daß
Sie immer wußten, wir können es besser machen.

Seite 1

�Ich danke dem besten Vizepräsidenten, den dieses
Land je gehabt hat. Dank AI Gore haben wir stärkere
und sicherere Beziehungen zu einem demokratischen
Rußland; wir entdecken die Wunder neuer Technologien zum Nutzen Amerikas, wir schützen unsere
Umwelt und wir haben die amerikanische Regierung
umstrukturiert, damit sie dank unserer Führung mit
weniger Mitteln mehr bewirken kann. Das ist ein in der
Geschichte dieser Republik einzigartiges Vermächtnis.
Ich danke Tipper für ihre Freundschaft, ihren Kampf für
unsere Kinder und die geistige Gesundheit unseres
Volkes und dafür, daß sie uns zusammen mit ihren
Kindern und ihrer Familie immer zur Seite gestanden
hat.
Ich danke den Mitgliedern unserer Administration - den
Kabinettsmitgliedern und den Mitarbeitern des Weißen
Hauses. Ich danke allen ständigen Mitarbeitern des
Präsidenten im Weißen Haus und den medizinischen
Betreuern. Insbesondere danke ich meinen Sicherheitsbeamten, die sich mit einem Präsidenten, der sich
nicht vom amerikanischen Volk isolieren lassen will,
großen Herausforderungen gegenübersehen.
Ich danke unseren Wahlkampfmitarbeitern, allen, die
an diesen Wahlen mitwirkten, für die geleistete Arbeit.
Ich danke unseren Parteiführern im Kongreß und den
Parlamenten der Bundesstaaten. Ich danke allen, die
bei den heutigen Wahlen für das eintraten, an das wir
glauben - denen, die gewonnen, und denen, die nicht
gewonnen haben. Sie haben Amerika einen Dienst
erwiesen, indem Sie die Fragen ansprachen, an die wir
glauben. Ich danke Ihnen allen und wünsche Ihnen
viel Glück.
Ich möchte den Mitarbeitern der Bundesregierung
danken. Sie mußten beachtliche Arbeit leisten. Wir
haben unsere Regierung so verschlankt, daß sie die
kleinste seit der Zeit Präsident Kennedys ist, und
dennoch haben ihre Mitarbeiter dem Volk jahrein,
jahraus immer besser gedient. Sie mußten das
zeitweise angesichts enormer Herausforderungen und
offenen Hasses tun. Sie mußten mit dem Grauen von
Oklahoma City und den damit einhergehenden
Schwierigkeiten leben. Die Menschen, die uns dienen,
verdienen unseren Dank. Und ich danke ihnen.
Ich danke denjenigen, die dieser Administration und
unserer Sache gedient haben und nicht mehr unter
uns weilen. Einem muß ich ganz besonders danken meinem Freund und Bruder Ron Brown. Sie schauen
auf uns herunter, und ich weiß, daß sie dabei lächeln.
Ganz persönlich möchte ich meinem Pastor, Rex
Hörne, danken, der mit mir gebetet hat, bevor ich
heute hierherkam, sowie allen Geistlichen und Menschen Gottes, die während dieser vergangenen vier
Jahr mit mir und für mich gebetet haben. Es gab ein
paar - und sie wissen genau, wen ich meine - die in

Seite 2

guten wie in schlechten Zeiten immer wieder ins Weiße
Haus kamen. In schlechten Zeiten erinnerten sie mich
daran, daß Gott dem heiligen Paulus einen Dorn ins
Fleisch gab, damit er keine zu hohe Meinung von sich
selbst hatte, was für mich in den schlechten Zeiten
zweifellos nicht schwierig war. In guten Zeiten erinnerten sie mich daran, daß Bescheidenheit einem
Präsidenten immer ansteht, denn wir sehen in diesem
Leben nur einen Ausschnitt und kennen nicht die
ganze Wahrheit oder die Motive unserer Gegner. Ich
danke ihnen allen, daß sie mich Gott und der ewigen
Weisheit nähergebracht haben, ohne die ein Präsident
nicht dienen kann.
Ich möchte ein besonderes Wort des Dankes an
Senator Dole richten und bitte sie, ihm gemeinsam mit
mir für seinen lebenslangen Dienst an den Vereinigten
Staaten zu applaudieren.
Und ich danke Jack Kemp für seinen Dienst an
Amerika und seinen Einsatz dafür, daß in diesem Land
jeder die Chance haben sollte, in Freiheit und Gleichheit zu leben und Erfolg zu haben.
Ich habe mit Senator Dole ein gutes Gespräch geführt,
kurz bevor er seine Ansprache hielt. Ich habe ihm für
seine Vaterlandsliebe und seine langjährigen Dienste
gedankt. Ich applaudierte dem Wahlkampf, den er bis
zu letzten Minute so heroisch geführt hat. Ich habe
ihm für die Arbeit gedankt, die wir zusammen zur
Förderung der gemeinsamen Sache Amerikas geleistet haben. Im Namen aller Amerikaner wünsche ich
ihm alles Gute und viel Glück.
Vor vier Jahren brachen wir auf dieser Treppe zu einer
Reise auf, um den Kurs Amerikas zum Besseren zu
ändern, um den Amerikanischen Traum für jeden am
Leben zu halten, der dafür zu arbeiten bereit ist, um
Amerika auch in Zukunft zur weltweit stärksten Kraft für
Frieden, Freiheit und Wohlstand zu machen, um als
amerikanische Gemeinschaft zusammenzukommen.
Es war eine Zeit von weitverbreiteter Frustration und
Zweifeln angesichts unserer wirtschaftlichen und
sozialen Probleme sowie unserer Fähigkeit zum
Umgang mit dem sich vollziehenden tiefgreifenden

Wandel. Der Umfang und die Geschwindigkeit dieses
Wandels waren für viele von uns bedrohlich, und
unsere Werte schienen von allen Seiten unter Beschuß zu stehen.
Aber Sie und ich haben geschworen, gemeinsam den
Kurs unseres Landes zu ändern - mit einer Strategie
zur Bewältigung unserer Herausforderungen und zum
Schutz unserer Werte: Chancen für alle, Verantwortung aller, eine amerikanische Gemeinschaft aller
Amerikaner.
Wir haben hart daran gearbeitet, der Politik ein Ende
zu setzen, die sich nur auf Beschuldigungen beschränkt. Statt dessen fragen wir uns, was wir tun

AMERIKA DIENST 22

�können, um Amerika zu einem besseren Land zu
machen. Heute Nacht verkünden wir, daß das Wesen
Amerikas lebendig und gesund ist. Es sind die
Gemeinsamkeiten, auf deren Grundlage wir Fortschritte gemacht haben. Heute ist unsere Wirtschaft
stärker, unsere Straßen sind sicherer, unsere Umwelt
ist sauberer, die Welt ist sicherer und Gott sei Dank ist
unsere Nation geeinter.
Allen Männern und Frauen in diesem Land, die unsere
Arbeitsplätze schaffen, unsere Kinder unterrichten,
unsere Straßen bewachen und Amerika sicher halten,
sage ich: Der Erfolg Amerikas ist Ihr Erfolg, dieser Sieg
ist Ihr Sieg. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.
Meine amerikanischen Mitbürger, ein langes neues
Jahrhundert liegt vor uns. Es wird eine Zeit mit mehr
Chancen für die Menschen sein, ihre Träume zu
verwirklichen, als zu jedem anderem Zeitpunkt in der
Geschichte der Menschheit. Wir haben uns in dieser
Nacht verpflichtet, unsere Reise fortzusetzen, die harte
Arbeit zu erledigen, mit der unsere Brücke ins 21.
Jahrhundert gebaut wird, und all den jungen Menschen
hier und in ganz Amerika das Amerika zu geben, das
sie und ihre Kinder und Kindeskinder verdienen.
Aber es gibt viel zu tun. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß unsere Volkswirtschaft stetig und stark
wächst, indem wir den Haushalt ausgleichen, während
wir unsere Pflicht gegenüber unseren Familien,
unseren Eltern und unseren Kindern erfüllen - und
unsere Pflicht, unseren Kindern die Welt zu hinterlassen, die Gott uns gegeben hat. Wir müssen darauf
hinarbeiten, daß wir allen unseren Kindern das
Geschenk der Bildung machen können und sicherstellen, daß alle achtjährigen lesen, sich alle "^jährigen ins Internet einloggen und alle 18jährigen in
diesem Land eine Collegeausbildung haben können,
wenn sie dafür zu arbeiten bereit sind.
Wir müssen darauf hinarbeiten, daß die Unterschicht in
diesem Land der Vergangenheit angehört, die Abhängigkeit unserer armen Mitbürger von Sozialhilfe
beendet wird und sie dem Stolz und der Würde der
Arbeit zugeführt werden. Wir müssen darauf hinarbeiten, unsere Familien zu stärken, unseren Eltern
zum Erfolg zu Hause und bei der Arbeit zu verhelfen,
unsere Kinder vor Schaden in der Schule, auf der
Straße, in ihrem Zuhause und in ihren Gemeinden zu
bewahren. Wir müssen die Umwelt schützen, damit
unsere Kinder in der Nähe von Parks, nicht Gift
aufwachsen. Wir müssen ihnen sagen, daß Drogen
falsch und illegal sind und sie töten können. Wir
müssen ihnen beibringen, Recht von Unrecht zu
unterscheiden.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich werde alles in
meiner Macht Stehende tun, um diese Anliegen
voranzubringen. Aber alle unsere Mitbürger müssen
ihren Teil beitragen, um die persönliche Verantwortung

AMERIKA DIENST 22

weiter zu stärken, die in den vergangenen vier Jahren
die Verbrechensrate auf ein Rekordtief gesenkt, die
Unterhaltszahlungen auf Rekordhöhe gebracht und die
Abhängigkeit von Sozialhilfe verringert hat. Werden
Sie mir helfen, das zu tun? Wir müssen es gemeinsam
tun.
Wir müssen unsere Demokratie stärken, indem wir
eine realistische, überparteiliche Reform der Wahlkampffinanzierung einführen. Reden ist nicht mehr
genug, wir müssen handeln, und zwar jetzt. Und das
amerikanische Volk wird die Politiker beider Parteien
beobachten und sehen, wer bereit ist, nicht nur zu
reden, sondern zu handeln. Ich bin bereit zu handeln.
Und ich bitte die anderen, es mir gleich zu tun.
Wir müssen Amerika weiterhin zur unerläßlichen
Nation der Welt machen - die ungelösten Fragen des
Kalten Krieges beantworten, neue Bedrohungen
unserer Sicherheit durch Terrorismus und die Verbreitung gefährlicher Waffen bewältigen und diese
außerordentlichen Chancen ergreifen, um unsere
Werte von Frieden, Demokratie und Wohlstand zu
verbreiten.
Jeder hier heute abend anwesende Amerikaner und
jeder Amerikaner, der mich hört, kann stolz auf die
Tatsache sein, daß in diesen letzten Jahren zum
ersten Mal in der Geschichte eine Mehrheit von
Menschen auf dieser Erde in Demokratien lebt, die
vom Volk regiert werden.
Die uns konfrontierenden Herausforderungen sind
keine demokratischen oder republikanischen Herausforderungen - es sind amerikanische Herausforderungen. Was wir aus den Haushaltsdebatten der vergangenen zwei Jahre und dem bemerkenswerten Erfolg
dieses Kongresses in den letzten beiden Wochen
gelernt haben, ist die Lektion, die wir die letzten 220
Jahre gelernt haben - was wir als Amerikaner an
dauerhaft Gutem erreichten, haben wir durch Zusammenarbeit erreicht.
An die Führer der Demokratischen Partei und an die
Führer der Republikanischen Partei gewandt, sage ich:
Es ist an der Zeit, das Land vor die Partei zu stellen.
Wir kennen das endgültige Ergebnis der Kongreßwahlen noch nicht, aber wir wissen eines: Es ist ein
Kopf-an-Kopf-Rennen, das amerikanische Volk war in
gleiche Lager gespalten. Was immer auch geschieht der Kongreß wird in gleiche Lager gespalten sein. Er
sendet uns eine Botschaft: Arbeitet zusammen,
meistert die Herausforderungen, überwindet die Politik
der Teilung und baut gemeinsam Amerikas Gemeinschaft auf.
In dieser wunderschönen Nacht, in der wir soviel
Freude, Musik, Vergnügen und soviel Stolz miteinander teilen, kann ich kaum glauben, daß 23 Jahre
vergangen sind, seit ich die Menschen in Arkansas

Seite 3

�zum ersten Mal um ihre Unterstützung gebeten habe.
Das Dauerhafteste und Wichtigste, das ich in diesen
wie im Fluge vergangenen Jahren gelernt habe, ist:
Wenn wir gespalten sind, besiegen wir uns selbst.
Aber wenn wir uns die Hände reichen und unsere
Familien, Gemeinden und unser Land aufbauen, wird
Amerika immer gewinnen. Wir müssen die Arbeit für
Amerika so leisten, wie wir versuchen, unsere Kinder
zu erziehen, unsere Arbeit zu erledigen und unsere
religiösen und kommunalen Institutionen zu unterstützen. Wenn wir einfach nur Amerikaner sind und
alle unsere anderen Rollen ausfüllen, kann man
Amerika nicht aufhalten. Die besten Tage liegen noch
vor uns.
Und so sage ich, wenn wir in uns gehen und uns
fragen, was für das amerikanische Volk und die
Zukunft unserer Kinder richtig ist, wenn wir unsere
Differenzen beilegen und auf unseren gemeinsamen
Werten von Vertrauen, Familie und Arbeit aufbauen,
wenn wir die Ärmel hochkrempeln und zusammenarbeiten, wird Amerika immer gewinnen. Und, meine
amerikanischen Mitbürger, Amerika wird in diesen
nächsten vier Jahren weiterhin gewinnen.
Wie Sie alle hier aus meinem Heimatstaat wissen,
glaube ich daran und habe versucht, danach zu leben,
weil es keinen Menschen in Amerika gibt, dem mehr
geschenkt wurde als mir. Es gibt heute abend keinen
Menschen in Amerika, der angesichts dieses Sieges
mehr Demut empfindet als ich. Vor 50 Jahren, als ich
als Kind einer verwitweten Mutter in einer stürmischen
Sommernacht in einer kleinen Stadt im südwestlichen
Teil unseres Bundesstaats auf die Welt kam, war es
unvorstellbar, daß jemand wie ich je Präsident des
großartigsten Landes in der Geschichte der Menschheit werden könnte. Für mich war es eine bemerkenswerte Reise, nicht frei von Fehlem, aber voller Abenteuer, Wunder und Gnade. Ich habe hart gearbeitet
um zu dienen, aber ich habe es nicht allein so weit
gebracht.
Bei jedem Schritt auf diesem Weg in den vergangenen
23 Jahren und lange davor gab es einen Lehrer, einen

*

Seite 4

*

Arzt, einen Nachbarn, ein Elternteil, einen Freund, eine
Frau und ein Kind, die immer Zeit hatten, sich um mich
zu kümmern, die immer versucht haben, mir Anleitung
und Ermutigung zu geben, und die nie aufgegeben
haben. Ich stehe heute abend hier, meine amerikanischen Mitbürger, weil Amerika mir eine Chance
gegeben hat.
Das verdienen alle Kinder Amerikas. Unser Volk muß
ihnen das Handwerkszeug geben - keine Garantie,
aber eine reelle Chance - ihrem von Gott gegebenen
Potential gerecht zu werden. Und ich bitte Sie, diese
Verpflichtung gemeinsam mit mir einzugehen. Jedes
Kind verdient die große Chance, die mir gegeben
wurde.
Und so sage ich nochmals, laßt uns beschließen,
unser Land so zu führen, wie wir versuchen, unser
Leben zu führen. Ob Sie der Partei von Thomas
Jefferson oder der Partei von Abraham Lincoln
angehören, ob Sie unabhängig oder parteilos sind,
erinnern Sie sich daran, daß wir alle der großartigsten
Nation der Geschichte angehören. Uns wurde viel
gegeben, und es wird noch viel von uns erwartet. Wir
müssen der Herausforderung gerecht werden, diese
Brücke ins 21. Jahrhundert zu bauen.
Die heutige Nacht ist nicht nur eine Nacht der Freude
für uns hier, sondern für alle Amerikaner. Zum 53. Mal
in unserer Geschichte hat unser Volk seine stille und
wohlüberlegte Wahl getroffen. Es hat seiner mächtigen Stimme Gehör verliehen und seinen Willen zum
Ausdruck gebracht. Heute Nacht feiern wir das
Wunder Amerikas. Morgen begrüßen wir den Tag und
beginnen unsere Arbeit aufs Neue.
Ich bin dankbarer, als ich sagen kann. Sie haben mir
eine Chance gegeben und eine Verantwortung
auferlegt, die wenigen Menschen zuteil wird. Ich
werde mein Bestes geben. Und gemeinsam werden
wir diese Brücke ins 21. Jahrhundert bauen.
Ich danke Ihnen. Gute Nacht. Gott schütze Amerika.

*

*

AMERIKA DIENST 22

�WAHLEN

'9 6

13. November 1996

Amerika auf der Reise ins 21. Jahrhundert
Ansprache von J.D. Bindenagel

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim
der Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, beim "Election Breakfast"
am Morgen des 6. November 1996 im Embassy Club nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses hielt.

Seit 1789 haben wir Amerikaner alle vier Jahre einen
Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt - ein
manchmal lautes Spektakel, an dem Sie, die Mitglieder
unserer transatlantischen Gemeinschaft, so großes
Interesse haben.
Unsere Präsidentschaftswahlkämpfe sind wie ein
Familienstreit, den man mit Fernsehkameras und
Videorekordern durch das Wohnzimmerfenster
verfolgt. Es gibt viel Zurschaustellung, viel Rhetorik
und sogar eine Reihe von substantiellen Themen oder zumindest einige.
Das geht schon ziemlich lange so. Seit über zweihundert Jahren haben wir bei Wind und Wetter, Krieg
oder Frieden, Wohlstand oder Wirtschaftskrisen
Wahlen abgehalten. Und das Erstaunliche ist, daß die
amerikanische politische Familie zusammensteht.
In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir
viel darüber gehört, wie unpopulär die Kandidaten
sind, daß wir kaum eine Wahl haben. In der Tat waren
die meisten Präsidenten nie sehr populär. Vor einem
Jahrhundert definierte Ambrose Bierce in seinem
Devil's Dictionary den amerikanischen Präsidenten
als "die führende Figur einer kleinen Gruppe von
Männern, von denen man definitiv weiß, daß eine
riesige Zahl ihrer Mitbürger keinen von ihnen als
Präsidenten haben möchte".
Auch die Frage des Charakters, über die wir in diesem
Jahr so viel gehört haben, ist nicht neu. George
Washington - jetzt als "Vater seines Landes" verehrt wurde in den Medien seiner Zeit als der "schlimmste
Flucher und Gotteslästerer", als "Tyrann" und "Verführer einer Nation" verunglimpft.

AMERIKA DIENST 22

Meines Erachtens sind Präsident Clinton und Senator
Dole in der Presse vergleichsweise glimpflich davongekommen.
Es gereicht Präsident Washington zur Ehre, daß er
sich den Übergriffen stellte. Er erklärte: "Diese Art von
Berichterstattung ist ein Übel, das den unendlichen
Vorzügen einer freien Presse entgegengehalten
werden muß."
Ich möchte das Argument vorbringen, daß unsere
Präsidentschaftswahlkämpfe Meilensteine auf der
langen Reise der amerikanischen Geschichte sind.
Als Nation sind - und waren wir - stets in Bewegung.
Wahlen sind eine Möglichkeit, uns selbst zu zeigen, wo
wir waren und wohin wir gehen. Sie liegen im Innersten unseres Wesens.
In der amerikanischen Geschichte und Literatur ist
überall von Reisen die Rede - von Huck Finn, der den
Mississippi hinabreist, bis Captain Ahab auf seiner
Suche nach dem Weißen Wal (an den hier in Bonn das
Rheinschiff "Moby Dick" erinnert) bis zu Jack Kerouacs
Buch On the Road. Die Menschen zogen auf der
Suche nach Arbeit, Gold oder Freiheit über unseren
riesigen Kontinent.
Präsident Kennedy machte diese Reisemetapher
explizit, als er über die "New Frontier" sprach. Die
Metapher für Bewegung und Suche hat sich in den
letzten Wochen als sehr lebendig erwiesen. Präsident
Clinton erklärte, er wolle eine "Brücke in die Zukunft"
bauen, und Bob Dole führte seine heldenhafte 96stündige Odyssee über unseren gesamten Kontinent.
Dieser jugendliche amerikanische Geist der Mobilität

Seite 1

�ist selbst bei einem 73jährigen Kandidaten noch sehr
lebendig.
Ein anderer Aspekt unserer Reise ist das Bild der
Führungspersönlichkeit als Außenseiter, als Fremder,
der in eine Stadt kommt, um Ordnung zu schaffen. In
jüngster Zeit haben alle Kandidaten diese Rolle
gespielt und sind gegen Washington und die Regierung angetreten.
Der Wunsch nach Wandel ist eng mit dem tiefverwurzelten Mißtrauen gegen Ideologien verbunden. Der
Name unseres Spiels ist Pragmatismus. Spontaneität
und mangelnde Planung zählen zu unseren Charakterzügen. Der Bill Clinton, der sich mit dem Spruch, das
Zeitalter des "big government" sei vorüber, zur Wiederwahl stellte, und der Bob Dole, der umfassende
Steuersenkungen vorschlug, sind Beispiele dafür,
welch unerwartete Umwege wir Amerikaner auf
unserer Reise zu einem unbekannten Ziel machen.

Der amerikanische Präsident muß ebenso wie die
Nation, der er dient - in der Tat wie alle Nationen lernen, unsere nationalen Mythen mit den entstehenden globalen Realitäten in Einklang zu bringen. Es
muß eine neue Art von Reise geben und eine neue
Vision, die nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt
umfaßt.
Was für Amerika gilt, gilt am Vorabend des dritten
Jahrtausends auch für die ganze Welt. Wir sind nicht
dazu geboren anzukommen, sondern zu reisen.
Ich möchte Sie alle heute morgen hier sehr herzlich
begrüßen und lade Sie ein, uns auf dieser Reise zu
begleiten.
Jetzt möchte ich einen Toast auf den Mann ausbringen, der gewählt wurde, bei dieser Reise eine
wichtige Führungsrolle zu übernehmen - Präsident Bill
Clinton.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 22

�USA-RUSSLAND
13. November 1996

Amerika und Rußland in einer sich wandelnden Welt
Rede des Stellvertretenden Außenministers

NEW YORK - (AD) - In einer Rede zum 50jährigen Bestehen des Harriman Institute am 29. Oktober 1996 forderte
der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott Rußland auf, das Mißtrauen und die Vorbehalte gegenüber der
NATO-Erweiterung aufzugeben und betonte, die NATO wird "ein positiver Faktor bei der Förderung von
Demokratie und regionalem Frieden sein", während sie ihre Mission und Mitglieder an politische Veränderungen
anpaßt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Außenministers unwesentlich
gekürzt.

Die größte Veränderung der Welt in den vergangenen
25 Jahren ist der Wandel, für den sich Rußland
entschieden hat. Wenn diese Umgestaltung andauert,
wird sie Amerika und Rußland im 21. Jahrhundert die
Zusammenarbeit dabei ermöglichen, diesen Wandel
zu einer besseren Welt fortzusetzen.
Das 21. Jahrhundert steht vor der Tür. Es beginnt in
genau drei Jahren, zwei Monaten, zwei Tagen und
sieben Stunden. Rußland wird sehr viel länger
brauchen, seine Wiedergeburt zu vollenden. Eine
sichere Annahme ist, daß es eine Generation oder
mehr dauern wird, teils genau aus Generationserwägungen heraus. Die Vollendung des sich jetzt in
Rußland vollziehenden Prozesses erfordert das
Abtreten von der Bühne derjenigen, die die sowjetische Art, Dinge zu tun oder nicht zu tun, zu gut gelernt
haben. Sie erfordert das Ableben derjenigen, die
verbittert über den Verlust sind, den Rußland ihres
Erachtens zwischen 1989 und 1991 erlitten hat - einer
Ideologie; eines politischen und wirtschaftlichen
Systems, das über 70 Jahre lang herrschte; eines
Viertels des Territoriums und der Hälfte der Bevölkerung des Staates, dessen Zentrum Rußland bildete,
und eines Bündnisses, in dem die Sowjetunion der
Erste unter Ungleichen war. Diese Generation muß
einer neuen Generation weichen, die von dem Verständnis dessen erfüllt ist, was Rußland in diesen
vergangenen Jahren gewonnen hat - mit einem Wort:
Freiheit. Und etwas ausführlicher: Die Chance für
Rußland, dank seines enormen Potentials an Land und

AMERIKA DIENST 22

Leuten sowohl einen Beitrag zu einer zunehmend
interdependenten globalen Wirtschaft zu leisten als
auch von ihr zu profitieren.
Während diese Umgestaltung andauert, sieht sich
Rußland mit einer Vielzahl alternativer Zukunftsaussichten konfrontiert, von denen einige so häßlich und
gefährlich sind wie die Vergangenheit des Landes.
Eine realistische Einschätzung, wie weit Rußland
gehen muß, wie lange es dauern wird und wie leicht es
scheitern kann, sollte jedoch eine andere Erkenntnis
nicht überschatten: Wie weit Rußland in außerordentlich kurzer Zeit gekommen ist - im wesentlichen in die
richtige Richtung. Um dieses grundsätzlich positive,
wenn auch vorläufige Urteil zu untermauern, möchte
ich drei Bereiche ansprechen: Politik, Wirtschaft und
die Beziehungen zu den anderen Republiken der
ehemaligen UdSSR.
Erstens Politik - das bedeutet vor allem Demokratisierung. Dieser Prozeß vollzieht sich kontinuierlich und
im ganzen Land. Die Menschen in Rußland - die
angeblich apathischen und autoritären Massen beweisen, daß sie es zu schätzen wissen, die entscheidende Stimme bei der Wahl ihrer Führung zu
haben.
Ein wesentlicher Bestandteil der Demokratisierung ist
Dezentralisierung. Die politische Macht überträgt sich
aus dem Kreml nach unten und von Moskau nach

Seite 1

�außerhalb. Natürlich bedeutet diese Dynamik, daß es
über die Weite Rußlands hinweg sehr viel Ungleichheit
und Anomalien geben wird - oder das, was die Marxisten als Widersprüche bezeichneten. Einige Teile des
Landes werden als Oasen wirtschaftlicher und politischer Liberalisierung prosperieren, während andere,
zumindest eine Zeitlang, Bastionen der Reaktion
bleiben werden. Insgesamt hat die Übertragung der
Macht jedoch die Regierung in Rußland für den
Durchschnittsbürger bereits rechenschaftspflichtiger
gemacht; sie hat größeren Pluralismus und ^inen
stärkeren Ideenwettbewerb hervorgebracht.
Diese willkommenen Anzeichen sind auch in den
Zeitungen und im Fernsehen wahrzunehmen. Eine
Meßlatte für die von Rußland gemachten Fortschritte
ist, daß den Medien vor einigen Monaten vorgehalten
wurde, dem kommunistischen Kandidaten in einem
Präsidentschaftswahlkampf mit mehreren Gegenspielern nicht genügend Sendezeit und ausgewogene
Berichterstattung eingeräumt zu haben. Die Parteinahme der Presse während des Wahlkampfs war
offenkundig, aber kaum überraschend: Viele Journalisten, Redakteure und Sender fürchteten, daß ein Sieg
der Kommunisten zu einem scharfen Vorgehen
gegenüber der freien Presse geführt hätte. Und
unmittelbar nach der Wahl übten zahlreiche Medien
erneut massive Kritik an der Regierung.
Was den Kommunismus selbst anbetrifft, so ist die
nicht wiederaufgebaute, militant rückschrittliche
Gruppe um Viktor Anpilow eine verbrauchte Kraft. Die
amorphere, anpassungsfähigere Kommunistische
Partei der Russischen Föderation erreichte wahrscheinlich mit Gennadij Sjuganows starkem Aufritt in
der ersten Wahlrunde im Juni ihren Höhepunkt.
Sjuganow und seine Genossen scheinen zu erkennen,
daß der Breschnewismus, ganz zu schweigen vom
Stalinismus, nicht länger ein lebensfähiges Modell für
den russischen Staat ist. Sie hatten Schwierigkeiten,
ihre Anziehungskraft über eine grauhaarige Basis von
Rentnern und älteren Mitbürgern hinaus zu erweitern.
All das heißt, daß es in dem Drama der russischen
Politik in den vergangenen Jahren viel zu applaudieren
gab - einschließlich der Tatsache, daß ein Großteil der
Handlung mitten auf der Bühne, im Rampenlicht, bei
offenem Vorhang stattfand.
Es wird jedoch noch mit großer Spannung erwartet,
was im nächsten Akt und dem danach geschehen
wird. Obwohl Rußland die Autokratie abgeschafft und
sich der Idee der Demokratie zusammen mit vielen
ihrer Formen verschrieben hat, konnte das Land
unmöglich über Nacht eine in früheren Jahrzehnten
und Jahrhunderten verwurzelte politische Kultur
verändern. Das wird Zeit, Geduld und Durchhaltevermögen erfordern - von den Russen und von uns.
In Rußland sollten wir auf das hoffen, was russische
Demokraten und Reformer selbst gegen alle Widrig-

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keiten und gegen starken Widerstand versuchen
herbeizuführen: Ein System der gegenseitigen Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von Parlament
und Regierung, eine erweiterte, geschützte Rolle der
Legislative und Judikative, vollständige Respektierung
der Gesetze sowie uneingeschränkte Rechte für alle
Bürger und ethnischen Minderheiten.
Ebenso sollten wir das ablehnen, was die russischen
Demokraten und Reformer ablehnen. In den vergangenen zwei Jahren bedeutete das vor allem die
Verrohung Tschetscheniens. Wir sollten uns den
vielen Russen anschließen, die entschlossen sind
sicherzustellen, daß diese Tragödie zu einem grotesken Irrtum wird, aus dem das Zentrum die richtigen
Lektionen für den Umgang mit den Regionen lernen
muß.
Ich möchte mich nun der russischen Wirtschaft
zuwenden. Auch hier ist das Glas mindestens halb
voll. Die Rudimente von Einzelhandel, Marktmechanismen und einer finanziellen Infrastruktur sind jetzt
vorhanden. Das politische Monopol der wirtschaftlichen Ressourcen ist Vergangenheit. Der größte
Transfer von Vermögenswerten der Geschichte hat
nahezu 70 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts dem Privatsektor zugeführt. Am wichtigsten
ist jedoch vielleicht, daß Rußland auf dem Weg zur
Bekämpfung der Hyperinflation zu sein scheint, die ein
echter Killer von Reformen und eine tödliche Bedrohung der Lebensfähigkeit des Staates ist.
In der russischen Wirtschaft findet jedoch ebenso wie
in der politischen Arena ein Kampf statt - nicht nur
zwischen Altem und Neuem, sondern zwischen
konkurrierenden Versionen des Neuen, von denen
einige lobenswert und gesund, andere widerlich und
destruktiv sind. Der Kampf um die Privatisierung wird
zwangsläufig mit besonderer Heftigkeit geführt. Die
russischen Reformer und die ausländischen Experten
sind gleichermaßen besorgt, daß es zu viele Verlierer
geben wird, wenn es zu wenige Spielregeln gibt. Es ist
ein Warnzeichen, wenn die Bürger "Markt" als ein
Schimpfwort ansehen und das Wort "Mafia" im modernen Russisch geläufiger ist als in Italienisch oder
amerikanischem Englisch.
Verbrechen und Korruption - nicht nur in den im
Übergang befindlichen Gesellschaften, sondern auch
in den entwickelten nur zu bekannt - drohen die
Reformen zu diskreditieren und sogar zu vereiteln. Sie
stellen diese Gefahr dar, weil sie das Vertrauen des
russischen Volkes in die Regierung und die Demokratie selbst unterminieren und als Vorwand für die
Wiedereinführung von wirkungslosen staatlichen
Kontrollen dienen könnten. Das beste Mittel gegen
Korruption ist in der Tat weniger staatliche Intervention
in die Wirtschaft - und eine größere Verpflichtung des
Staates zum Schutz von Eigentumsrechten und der
Durchsetzung der Gesetze.

AMERIKA DIENST 22

�Ich möchte einen weiteren wirtschaftlichen Mißstand
hervorheben, weil er unsere Fähigkeit zur Unterstützung der russischen Reformen behindert. Rußland
benötigt dringend eine unverzügliche und massive
Überholung seines Steuereinnahmesystems. Das
Versagen der russischen Regierung, Geld einzunehmen, setzt weitere Kredite des Internationalen Währungsfonds aufs Spiel. Dieses Versagen hat dringend
benötigte ausländische Investitionen abgeschreckt und
die Flucht von russischem Kapital ins Ausland stimuliert, die ein weiteres Hindernis für Wachstum ist.
Die gute Nachricht ist, daß die führenden Politiker in
der russischen Führung sich dieser Probleme akut
bewußt sind. Sie haben auch solide persönliche und
institutionelle Kanäle zu den wichtigsten Regierungen
und Institutionen im Westen geschaffen. Unsere
eigene Regierung ist besonders aufgeschlossen und
zur Unterstützung bereit. Die amerikanisch-russische
gemeinsame Kommission für wirtschaftliche und
technische Zusammenarbeit, die zweimal pro Jahr
unter dem gemeinsamen Vorsitz von Vizepräsident
Gore und Ministerpräsident Tschernomyrdin zusammenkommt, ist zu einem außerordentlich effektiven Instrument für die Arbeit an schwierigen Wirtschaftsfragen zum Nutzen beider Länder geworden.
Der dritte Bereich, den ich ansprechen möchte, sind
die Beziehungen Rußlands zu seinen Nachbarn. Dies
ist bei weitem das herausragendste Thema der
russischen Außenpolitik, sowohl für Rußland selbst als
auch für die übrige Welt. Viele in der russischen
politischen Elite fühlen den Verlust des Imperiums wie
den Phantomschmerz an einem amputierten Glied. 25
Millionen gebürtige Russen leben heute außerhalb der
Grenzen Rußlands, in jetzt separaten Ländern. Zu
Recht wollen sie gleichberechtigte Bürger toleranter,
integrierender Demokratien sein. Alle Beschwerden,
die sie zu Recht oder Unrecht vorbringen, spielen in
die Hände der Ultranationalisten in Rußland.
Bisher gereicht es Rußland jedoch zur Ehre, daß es
irredentistische Impulse im Großen und Ganzen unter
Kontrolle gehalten hat. Nicht allzu lange nach dem
Zusammenbruch der UdSSR traf Boris Jelzin eine
historische Entscheidung: Er bestätigte die alten
Grenzen zwischen den Republiken als die neuen
internationalen. Bei mehreren wichtigen Gelegenheiten hat er die kriegerischen Ambitionen seiner neugierigeren Gegner zurückgewiesen. Erst in der vergangenen Woche lehnte er eine aufwiegelnde Duma-Resolution zu den heiklen Themen Krim und Schwarzmeerflotte ab.
Mit anderen Worten: Wir sollten auf Warnzeichen
achten, aber wir sollten auch auf die Hunde hören, die
heute in der ehemaligen UdSSR nicht bellen. Stellen
Sie sich vor, wie anders und wieviel katastrophaler es
gewesen wäre, wenn das postsowjetische Rußland
sich so verhalten hätte wie das postjugoslawische

AMERIKA DIENST 22

Serbien und Kroatien mit dem Einsatz von Gewalt, um
Grenzen nach ethnischer Zugehörigkeit zu verändern.
Stellen Sie sich die jüngsten Greueltaten auf dem
Balkan in Eurasien vor, über elf Zeitzonen hinweg mit
30.000 Nuklearwaffen in einer volatilen und gewalttätigen Mischung.
Zweifelsohne gibt es noch viele Fragen - und unter den
Nachbarn Rußlands viele Ängste - darüber, wie
Moskau seine Beziehungen zu den anderen Mitgliedern der NUS gestalten wird. Ob diese Gruppierung von Staaten überlebt und prosperiert, wird in
hohem Maße davon abhängen, ob diese sich in einer
Weise entwickeln, die den Namen rechtfertigt - das
heißt, ob sie sich zu einem echten Staatenbund
wirklich unabhängiger Länder entwickeln. Wenn nicht
- wenn ihr größtes Mitglied versucht, den "Staatenbund" zu einem Euphemismus für den Übergriff auf
die Unabhängigkeit der anderen zu machen - dann
verdienen es die NUS, gemeinsam mit der ehemaligen
UdSSR auf dem Scherbenhaufen der Geschichte zu
landen.
Präsident Clinton formulierte es von zweieinhalb
Jahren kurz und bündig. Während seines ersten
Moskaubesuchs als Präsident stellte er bei einem im
Fernsehen übertragenen Treffen mit den Bürgern einer
Stadt dem russischen Volk - und der russischen
Führung - eine grundlegende Frage: "Wie definieren
Sie Ihre Rolle als Großmacht? Definieren Sie sie vom
Standpunkt der Vergangenheit aus oder von dem der
Zukunft?" Er erklärte, Rußland habe "die Chance zu
zeigen, daß eine Großmacht Patriotismus ohne
Expansionismus fördern kann, daß eine Großmacht
nationalen Stolz ohne nationale Vorurteile haben kann.
Meines Erachtens wird Ihre künftige Größe daran
gemessen, ob der große Nachbar Rußland auch ein
guter Nachbar sein kann", so Präsident Clinton.
Ich möchte hier zusammenfassend von den Fortschritten berichten, die Rußland in den fünf Jahren
gemacht hat, seit über dem Kreml Hammer und Sichel
durch die weiß-blau-rote Fahne ersetzt wurden: In
dieser Zeit traf Rußland eine Reihe grundlegender,
schwieriger, mutiger und - sowohl von seinem als
auch unserem Standpunkt aus gesehen - richtiger
Entscheidungen. Aber auf jedem der drei von mir
erwähnten Gebiete - Politik, Wirtschaft und Außenpolitik- ist die Neudefinition der russischen Souveränitätein andauernder Prozeß; die Russen müssen noch
weitere schwierige Entscheidungen treffen.
Jetzt möchte ich auf die Politik der Vereinigten Staaten
gegenüber Rußland zu sprechen kommen. Präsident
Clinton ist der Ansicht, daß auch wir bedeutende
Entscheidungen treffen müssen - die einen wichtigen
Einfluß darauf haben werden, wie Rußland mit seinen
Problemen und Schwierigkeiten, seinen Chancen und
Versuchungen umgeht.

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�Eine uns konfrontierende Entscheidung ist die Frage,
ob wir weiterhin in die russischen Reformen - und
somit in unsere eigene langfristige Sicherheit - investieren sollten. Hier haben wir ein großes Problem
mit dem Kongreß, der nicht genügend Mittel für unsere
Außenpolitik im allgemeinen und unsere Hilfsprogramme für die neuen unabhängigen Staaten im besonderen bewilligt. Unsere Unterstützung für die neuentstehenden Demokratien Eurasiens ist seit 1994 um 75
Prozent gesunken, unsere Unterstützung für den
russischen Reformprozeß um 94 Prozent. Wenn der
105. Kongreß im Januar zusammentritt, muß er sich,
wie Außenminister Christopher in seiner Rede in West
Point am vergangenen Freitag erklärte, mit den
Auswirkungen der Ausgabenkürzungen des 104.
Kongresses auseinandersetzen.
Eine andere uns dauerhaft konfrontierende Aufgabe die andere Frage, bei der wir jedes Mal wieder eine
richtige Entscheidung treffen müssen - besteht darin,
unsere Führungsrolle in den verschiedenen regionalen
und internationalen Organisationen zur Sicherstellung
zu nutzen, daß sie ihre Türen für Rußland und die
anderen neuen unabhängigen Staaten offenhalten,
solange diese sich in Richtung von Reformen und
verantwortungsbewußtem internationalen Verhalten
bewegen.
In den letzten Jahren ist Rußland verschiedenen, ganz
unterschiedlichen Organisationen beigetreten - dem
Europarat, dem Raketentechnologiekontrollregime
(MTCR) und der Partnerschaft für den Frieden. Vor
kurzem wurde das Land Gründungsmitglied der
Nachfolgeorganisation des COCOM, die internationalen Handel mit Waffen und sicherheitsempfindlichen Technologien regeln will. Die Gruppe der sieben
führenden Industrieländer, G-7, nahm Rußland in ein
neues politisches Gremium auf, das einfach als "die
Acht" bezeichnet wird. Und wir arbeiten mit Rußland
zusammen, damit sich das Land für die Aufnahme in
die Welthandelsorganisation (WTO) qualifiziert.
Wir müssen die Aufnahme Rußlands in möglichst viele
dieser Organisationen, seine Beteiligung oder zumindest die Assoziierung mit ihnen weiterhin ermutigen
und fördern, denn gemeinsam stellen sie die größere
Gemeinschaft der Demokratien dar, in der wir Rußland
gerne als vollwertiges Mitglied sähen.
In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf eine
internationale Organisation zu sprechen kommen, mit
der sich heute jeder befaßt: Die NATO. Die NATO
war, ist und bleibt ein gegenseitiges Verteidigungsbündnis. Aber sie ist weitaus mehr - und war das auch
immer. Während des Kalten Kriegs förderte die NATO
neben ihrer Hauptaufgabe - Abschreckung der Sowjetunion und des Warschauer Pakts - die Konsolidierung
der unter ziviler Kontrolle stehenden Demokratie in
Spanien und half bei der Wahrung des Friedens
zwischen Griechenland und der Türkei. Während das

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Bündnis seine Aufgaben an neue Gegebenheiten
anpaßt und seine Mitgliedschaft erweitert, um neue
Herausforderungen zu bewältigen und neue Chancen
zu ergreifen, wird es zu einem positiven Faktor bei der
Förderung von Demokratie und regionalem Frieden.
Allein die Aussicht auf eine Aufnahme im Bündnis hat
eine Reihe zentraleuropäischer Staaten bereits zur
Beschleunigung ihrer internen Reformen und Verbesserung der Beziehungen zu ihren Nachbarn
veranlaßt. Rußland, das aufgrund von Instabilität in
Zentraleuropa bereits zweimal in diesem Jahrhundert
zu Schaden kam, hat ein sicherheitspolitisches
Interesse an diesen positiven Trends.
Die Russen sehen die NATO-Erweiterung offensichtlich noch längst nicht in diesem günstigen Licht.
Unsere Fähigkeit zum Umgang mit den Meinungsverschiedenheiten bei dieser Frage und letztlich ihrer
Beilegung wird die amerikanisch-russischen Beziehungen auf eine wichtige Probe stellen. Vergangene
Woche setzte Präsident Clinton den 50. Jahrestag des
Bestehens der NATO 1999 als Frist für die Aufnahme
der ersten neuen Mitglieder des Bündnisses. Dieser
Zeitplan ist fest in unserem Gedächtnis verankert. Er
gibt uns jedoch Zeit, parallel zum Erweiterungsprozeß
die Bedingungen für kooperative und sich gegenseitig
verstärkende Beziehungen zwischen der NATO und
der Russischen Föderation auszuarbeiten. Außenminister Christopher hat sich sehr intensiv mit dieser
Frage befaßt und unter anderem vor sechs Wochen
hier in New York Gespräche mit Außenminister
Primakow geführt. Und es gibt kein Thema, für das ich
mich selbst mehr eingesetzt habe.
Wir sind überzeugt, daß ein Modus vivendi zwischen
der NATO und Rußland nicht nur wünschenswert,
sondern auch möglich ist. Das setzt jedoch auf beiden
Seiten den politischen Willen und die Überwindung der
noch aus dem Kalten Krieg stammenden Klischees
voraus. Bei uns sehen einige selbsternannte "Realisten" das heutige Rußland genauso wie die Sowjetunion von vor 15 Jahren, lediglich verschlankt und mit
einer pseudodemokratischen Verkleidung.
Sie
bezeichnen die russische Demokratie verächtlich als
Motor für Expansion, der von tiefverwurzelten neoim-

perialistischen Überzeugungen angetrieben wird.
Die Ansicht, räuberisches Verhalten sei auf irgendeine
Weise in den russischen Genen verankert, ist eine
grobe Verfälschung der russischen und sowjetischen
Geschichte. Sie verdient eine schlechte Benotung
durch jedes Mitglied dieser Fakultät. Tatsache ist, daß
einer Ihrer ehemaligen Kollegen, Steve Sestanowitsch
von der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden in
der neuesten Ausgabe von The National Interest dem
Konzept des genetischen Expansionismus wirksam
seinen Nimbus nimmt, wobei er sich - davon bin ich
überzeugt - auf das hier vor 24 Jahren Gelernte stützt.
Es war jedoch lan Buruma, der in seinem Buch The
Wages of Guilt diese Ansicht definitiv widerlegte. Er

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�schrieb über zwei andere große Nationen - Deutschland und Japan - deren Menschen vor nicht allzu
langer Zeit als inhärent militaristisch gefürchtet und
sogar gehaßt wurden. Buruma schrieb: "Es gibt keine
gefährlichen Völker, sondern nur gefährliche Situationen, die nicht von Natur- oder historischen Gesetzen
oder nationalem Charakter, sondern von politischen
Vereinbarungen herrühren."
Wenn man Burumas Beobachtungen auf das vorliegende Thema anwenden will, würde ich vorschlagen,
daß die amerikanische Politik gegenüber Rußland die
richtigen politischen Vereinbarungen hervorbringen
muß. Dieses Prinzip steht hinter der amerikanischen
Außenpolitik als Ganzem und bedeutet, wir sollten
Beziehungen knüpfen und Anreize schaffen, die
Rußland ermutigen, sich zu einem demokratischen,
sicheren, stabilen und prosperierenden Staat zu
entwickeln, der mit seinen Nachbarn in Frieden lebt
und in eine Gemeinschaft gleichgesinnter Staaten
integriert ist.
Hierzu muß Amerika jedoch eine Herausforderung
bewältigen, die offen gesagt in der Überwindung
russischen Mißtrauens, russischer Verschwörungstheorien und überkommenen russischen Gedankenguts besteht. Genauer gesagt meine ich, daß die
Russen selbst sich dieser Herausforderung stellen
müssen; sie müssen ihre aus der Zeit des Kalten
Krieges verbliebenen Klischeevorstellungen von
Amerika überwinden. Viele von ihnen haben deutlich
gemacht, daß ihres Erachtens Amerikas wirkliche
Strategie - tatsächlich die wirkliche Strategie dieser
Administration - in der Schwächung und sogar Spaltung Rußlands besteht. Es ist für sie keine Beruhigung, wenn wir sagen, daß wir Rußland in seiner
vollen "Größe" sehen wollen. In ihren Ohren klingt
dieses Wort sentimental, unaufrichtig und sogar falsch
- als würden wir über das kulturelle Genie von Tolstoi
und Tschaikowski, und nicht die größere Brillanz von
Kutuzow und Zukow sprechen.
Diese Voreingenommenheit Moskaus bezüglich
unserer Absichten ist das Spiegelbild der - in einigen
Kreisen der Vereinigten Staaten derzeit modernen Vorurteile, Rußland sei eine verkrüppelte Sowjetunion,
der es in den Fingern jucke, wieder zu ihrer damaligen
Größe und ihrem früheren verhaßten Verhalten
zurückzufinden. Wir haben während des Kalten
Krieges viel Erfahrung mit solchem spiegelbildlichen
Verhalten gesammelt und sollten uns jetzt vor einer
Wiederholung hüten. Insbesondere wäre es wenig
hilfreich, wenn die schlimmsten Annahmen auf Seiten
der außenpolitischen Elite Rußlands zur treibenden
Kraft der Politik der russischen Regierung würden.
Lassen Sie mich etwas genauer über meine Besorgnis
sprechen. Wenn die Russen allzu sehr ihrem fehlgeleiteten Mißtrauen, wir wollten sie kleinhalten, frönen,
dann werden Worte wie Partnerschaft und Kooperation

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im Russischen zu Synonymen für Beschwichtigung,
Unterwürfigkeit und Erniedrigung durch den Westen.
Das könnte dazu führen, daß wir bei genau den
Fragen weniger zusammenarbeiten und mehr konkurrieren, wo verstärkte Zusammenarbeit und weniger
Konkurrenz in unserem gemeinsamen Interesse
liegen: Rüstungskontrolle, Umweltschutz, Terrorismus,
regionale Konflikte und die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen.
Diese unwillkommene Aussicht ist Anlaß zu einer
weiteren, damit zusammenhängenden Besorgnis.
Russische Politiker - insbesondere diejenigen, die das
Verhältnis zwischen ihrem Land und den Vereinigten
Staaten für im wesentlichen feindselig halten - könnten
den Fehler begehen, alles als in ihrem nationalen
Interesse liegend zu definieren, was uns verärgert
oder uns Probleme bereitet. Wenn dieser Reflex, in
einem Nullsummenspiel gegen uns Punkte zu machen,
praktisch zu einem festen Bestandteil der russischen
Politik wird, ruft er bei uns lediglich Mißtrauen hervor.
Mißtrauen hinsichtlich der Motive des anderen könnte
dann schließlich gerechtfertigt sein, und pessimistische
Prognosen über die Zukunft unserer Beziehungen
könnten sich bestätigen.
Um es noch einmal zu wiederholen: Wir haben
während des Kalten Krieges genug von dieser Art
Teufelskreis gesehen, um jetzt keine Entschuldigung
für seine erneute Entstehung zu haben. Das wäre von
Nachteil für alle, aber zweifelsohne insbesondere für
die Russen selbst. Sie würden riskieren, zumindest
einige der Fehler zu wiederholen, die neun Zehntel des
20. Jahrhunderts für sie zu einer solchen Katastrophe
werden ließen. Zu diesen Fehlern zählen die Definition
ihrer Sicherheit auf Kosten aller anderen sowie eine
falsche Definition von Sicherheit als kostspielige und
verschwenderische Fähigkeit zum Zerstören und
Einschüchtern. Seine menschlichen und natürlichen
Ressourcen - nicht einfach nur seine militärische
Macht - werden Rußland im kommenden Jahrhundert
zu echter Sicherheit und Einfluß verhelfen.
Das russische Volk und die russische Führung
müssen davon überzeugt sein. Ferner müssen sie
wissen, daß auch wir davon überzeugt sind und
unsere heutige Politik ihnen gegenüber von unserem
Glauben an zukünftige Unterstützung geleitet wird.
Ebenso wie bei den uns konfrontierenden spezifischeren Fragen müssen wir mit den Russen viel
Arbeit leisten.
Aber ebenso wie bei den anderen schwierigen Fragen
haben wir etwas Zeit. Wir werden von den richtigen
Ideen geleitet und haben - die Anwesenden ausdrücklich eingeschlossen - die richtigen Menschen, die die
Entwicklung dieser Ideen gewährleisten und sie
umsetzen. Trotz der vor uns liegenden Schwierigkeiten gibt es folglich allen Grund zur Zuversicht, daß
wir den Herausforderungen im Zeitalter nach dem

Seite 5

�Kalten Krieg ebenso gewachsen sind wie denen des
Kalten Krieges - nicht zuletzt, weil das Harriman Insti-

tute - und seine Ehemaligen - uns dabei in den kommenden 50 Jahren helfen werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

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�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Zukunftsperspektiven der amerikanischen
Volkswirtschaft
Pressekonferenz mit führenden Wirtschaftsberatern

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike
McCurry, dem Vorsitzenden des Rats der Wirtschaftsberater, Dr. Joseph Stiglitz, und der nationalen
Wirtschaftsberaterin des Präsidenten, Dr. Laura Tyson, am 30. Oktober 1996 im Weißen Haus gegebene
Pressekonferenz in Auszügen.

McCurry: Guten Morgen, meine Damen und Herren.
Heute geben wir Ihnen neue Informationen zur Wirtschaft. Wie immer freuen wir uns, unsere herausragenden Wirtschaftsexperten bei uns zu haben - Dr.
Joseph Stiglitz, den Vorsitzenden des Rats der
Wirtschaftsberater und die nationale Wirtschaftsberaterin des Präsidenten, Dr. Laura Tyson. Sie
werden heute unter anderem über Wirtschaftswachstum und die Zukunft der amerikanischen Volkswirtschaft sprechen.
Herr Dr. Stiglitz, Frau Dr. Tyson, herzlich willkommen.
Dr. Stiglitz: Vielen Dank. Die Wirtschaftszahlen dieser
Woche zeigen weiterhin eine bemerkenswert starke
Wirtschaft mit einer niedrigen Inflationsrate an. Der
heutige Bericht über das Bruttoinlandsprodukt unterstreicht die von großen Investitionen und der Aktivität
des Privatsektors angeführte Fortsetzung der gesunden wirtschaftlichen Expansion.
Die Zahlen des Bruttoinlandsprodukts schwanken von
Quartal zu Quartal, und die heutigen Zahlen ergeben
meines Erachtens am meisten Sinn, wenn sie in einer
längerfristigen Perspektive betrachtet werden. Sie
zeigen, daß das Bruttoinlandsprodukt 1996 real um
nahezu drei Prozent gestiegen ist.
Die jährliche Inflationsrate tendiert schwächer bei 2,1
Prozent. Seit Anfang 1996 ist die Aktivität des Privatsektors um robuste 3,5 Prozent jährlich angestiegen. Seit Anfang 1993 nahm die Aktivität des Privatsektors jährlich um 3,2 Prozent zu. Die Aus-

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rüstungsinvestitionen haben sich seit Anfang 1993 um
44 Prozent erhöht - das ist ein fünfmal schnellerer
Anstieg als während der vergangenen vier Jahre.
Jetzt möchte ich näher auf die Einzelheiten im Bericht
für dieses Quartal eingehen. Im dritten Quartal stieg
das Bruttoinlandsprodukt jährlich real um 2,2 Prozent,
der Privatsektor wuchs jährlich um 3 Prozent, und die
Ausrüstungsinvestitionen erhöhten sich um erstaunliche 19 Prozent jährlich.
Die Einkommen wuchsen schnell. Das reale verfügbare Einkommen - das inflationsbereinigte reale
Einkommen nach Abzug der Steuern - stieg im dritten
Quartal erneut um beeindruckende 4,9 Prozent
gemessen am Jahressatz.
Währenddessen ist die Inflationsrate weiterhin sehr
niedrig. Der Preisindex des Bruttoinlandsprodukts, der
ein umfassenderer Maßstab für die Inflation des
Verbraucherpreisindexes ist, stieg im dritten Quartal
nur um einen Jahressatz von 1,9 Prozent. Ein so
großes Wachstum des Privatsektors und der Investitionen ist ein gutes Vorzeichen für weitere Einkommenszunahmen und niedrige Inflationsraten. Die
Wirtschaftspolitik der Administration, der Abbau des
Haushaltsdefizits, Investitionen im Bildungswesen und
Bestrebungen zur Erschließung von Märkten im Inund Ausland haben für die Zukunft eine solide Grundlage für stärkeres Wirtschaftswachstum und einen
höheren Lebensstandard geschaffen.

Seite 1

�Dr. Tyson: Ich freue mich, wieder hier zu sein und
über einige gute Nachrichten für die amerikanische
Volkswirtschaft sprechen zu können. Wir haben einen
Bericht über das Bruttoinlandsprodukt, der jedoch nur
einen von mehreren diese Woche herausgegebenen
Berichten darstellt, und meines Erachtens ist es
wichtig, alles in einen Zusammenhang zu bringen. Es
gab diese Woche einen Bericht über das Haushaltsdefizit, den wir bereits erörtert haben. Meiner Ansicht
nach ist es wichtig zu erinnern, daß Präsident Clinton
vor vier Jahren eine Verringerung des Haushaltsdefizits um 50 Prozent zugesagt hat. Es wurde um 63
Prozent abgebaut. Das waren 290 Milliarden Dollar
1992 und sind heute 107 Milliarden Dollar. Das ist
eine echte Leistung dieser Administration.
Die Republikaner haben ebenfalls ihren Teil zum
Haushaltsausgleich beigetragen, aber Präsident
Clintons Wirtschaftsplan für 1993 gebührt tatsächlich
der Hauptteil des Verdienstes für den Abbau des
Haushaltsdefizits, was wiederum die Grundlage für
einen gesunden und prosperierenden Privatsektor
darstellt.
Wenn Sie sich anschauen, wie sehr die Ausgaben
noch unterhalb des vom Präsidenten beantragten
Haushalts gekürzt wurden, gebühren den Republikanern unseren Schätzungen zufolge nur zwei bis drei
Prozent des Verdienstes für den Abbau des Defizits im
vergangenen Jahr. Das Wirtschaftsprogramm 1993
und seine positiven wirtschaftlichen Auswirkungen
haben zu etwa drei Vierteln zum Abbau des Haushaltsdefizits beigetragen. Wenn wir Ihnen also Monat um
Monat gute Wirtschaftszahlen präsentieren, spiegeln
wir damit in gewisser Weise wider, daß die Wirtschaft
wie erhofft auf das Wirtschaftspaket des Präsidenten
von 1993 reagiert hat. Eine weitere gute Nachricht
diese Woche - die unbedingt hervorgehoben werden
sollte - ist das Vertrauen der Verbraucher. Vor vier
Jahren war das Vertrauen der Verbraucher im Sinken
begriffen, heute ist es auf dem höchsten Stand seit
sechs Jahren.
Im Oktober 1992 lag der Index für das Vertrauen der
Verbraucher bei 56, während er heute mit 102 fast das
Doppelte beträgt. Das ist zufällig genau dasselbe Maß
an Verbrauchervertrauen wie zu der Zeit, als Präsident
Ronald Reagan erklärte, in Amerika sei ein neuer
Anfang gemacht worden. Es gibt also tatsächlich
zuversichtliche Verbraucher in unserem Land, und
wenn Sie sich das Wachstum des privaten, verfügbaren, realen Einkommens um 4,9 Prozent anschauen
und die Arbeitslosenquote, die seit 25 Monaten unter
sechs Prozent liegt - die niedrigste seit 7,5 Jahren -,
sind das meiner Meinung nach die Faktoren, auf die
die Verbraucher reagieren: Sie reagieren auf Einkommenszuwachs, Nettozuwachs des Realeinkommens und auf eine dauerhaft niedrige Arbeitslosenquote.

Seite 2

Abschließend möchte ich noch betonen, daß wir uns
für diese Art von Veranstaltung normalerweise unsere
eigenen Gesprächsnotizen machen und über die
Wirtschaft sprechen, wie wir sie sehen. Wir haben
jedoch den Vorteil, daß zahlreiche überparteiliche,
unparteiische, objektive Wirtschaftsexperten zu dem
Schluß gekommen sind, daß die Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten Staaten sehr positiv ist. Ich
möchte meine Ausführungen mit einem Zitat von Alan
Sinai, einem der führenden Ökonomen Amerikas,
abschließen. Er erklärte, die amerikanische Wirtschaft
sei in ausgezeichneter Verfassung, und "dieser
Konjunkturzyklus wird im Vergleich zu anderen
Wirtschaftsaufschwüngen in der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg als bester in die Geschichte eingehen".
Wir haben eine solide Wirtschaftsexpansion. Ihr
Fundament ist fiskalische Solidität und Vertrauen des
Privatsektors, sowohl in der Wirtschaft als auch bei
den Verbrauchern. Wir haben eine von niedrigen
Inflationsraten begleitete Expansion - genau die Art
von Expansion, die auch im 21. Jahrhundert noch
fortbestehen kann.
Frage: Frau Dr. Tyson, wenn das Vertrauen der
Verbraucher so groß ist, was erklärt dann die Tatsache, daß die Gesamtausgaben der Verbraucher nur
um 0,4 Prozent zunahmen, was den geringsten
Anstieg seit nahezu fünf Jahren darstellt.
Dr. Tyson: Wir gehen davon aus, daß auf Grundlage
der Zahlen über Einkommenszuwächse, der Zahlen für
das Wachstum verfügbarer Einkommen und der
Zahlen über das Verbrauchervertrauen die Verbraucherausgaben hoch bleiben. Ich weiß nicht, wie
es bei Ihnen ist, aber ich gebe von Monat zu Monat
unterschiedlich viel Geld aus, was nichts über das von
mir in die Wirtschaft gesetzte Vertrauen aussagt.
Wir nehmen also an, daß die Ausgaben der Verbraucher sich, wie es traditionell der Fall war, im
Verhältnis zum Wachstum des verfügbaren Realeinkommens und der Beschäftigungsmöglichkeiten
entwickeln.
Dr. Stiglitz: Ja. Und es gibt einen anderen Faktor, der
meines Erachtens das Wachstum der Gesamtausgaben der Verbraucher beeinflußt: Die Tatsache, daß
das Verhältnis von Netto- zu Bruttoeinkommen besser
ist als seit den sechziger Jahren, so daß es den
Haushalten bilanzmäßig wirklich sehr gut geht.
Frage: Warum sprechen die Kolumnisten der The
Washington Post wie Glassman und andere von
einer "anämischen Wirtschaft"?
Dr. Tyson: Das müssen Sie sie selbst fragen. Meiner
Meinung nach bekommen Sie ein besseres Gefühl für
die Wirtschaftslage, wenn Sie den Experten von

AMERIKA DIENST 22

�außerhalb zuhören. Betrachten Sie sich beispielsweise einen Artikel, der vor einigen Monaten im
Baron's Magazine erschien und im wesentlichen
verschiedene Arten von Konjunkturaufschwüngen
unter Einbeziehung einer Vielzahl von Indikatoren Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote, Inflationsrate
und Zinssätze - vergleicht. Wenn Sie diese Vielfalt von
Indikatoren betrachten, erkennen Sie ganz klar, daß es
der Volkswirtschaft unter Präsident Clinton besser geht
als unter jeder anderen Administration der Demokraten
seit 30 Jahren.
Frage: Welche Zahlen führt Dole an?
Dr. Stiglitz: Man kann die Statistiken immer neu
interpretieren, und abhängig vom eigenen Blickwinkel
versucht man Dinge hervorzuheben, die den einen
oder anderen Standpunkt untermauern. Eine Tendenz
besteht darin, von der 1983er Talsohle auszugehen.
Von dort aus gesehen wuchs die Wirtschaft sehr
schnell. Man darf jedoch auch nicht vergessen, daß
dies die schlimmste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise war.
Die Arbeitslosenquote lag zum damaligen Zeitpunkt
über der 10 Prozentmarke. Wenn man aus dieser
Talsohle herauskommt, verzeichnet man - scheinbar ein schnelles Wirtschaftswachstum. Aber kein Ökonom würde auf der Grundlage dieser Talsohle Konjunkturvergleiche anstellen. Wenn man das umfassendere Bild ansieht, wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Privatsektor, betrug es in den acht
Jahren unter der Reagan-Administration drei Prozent,
im bereits vergangenen Teil dieses Jahres 3,5 Prozent
und während der gesamten Clinton-Administration 3,2
Prozent. Im Vergleich zur Bush-Administration lag es
bei 1,3 Prozent.
Wenn Sie sich den historischen Verlauf betrachten mit meinen Studenten gehe ich immer anhand einer
Kurve vor - ist unsere Wirtschaft tatsächlich sehr stark.
Und sie ist besonders stark, wenn zwei andere
Faktoren einbezogen werden - wie die anderen großen
Volkswirtschaften wachsen: Es geht uns weitaus
besser als ihnen allen, teilweise weil wir so viel
unternommen haben, um unser Haushaltsdefizit unter
Kontrolle zu bringen. Und zweitens ist es typischerweise und historisch gesehen der Fall, daß bei Sparmaßnahmen der Regierung eine Finanzbremse
gezogen wird, weil wir weniger ausgeben. Und weil
wir es auf eine Art und Weise getan haben, die
Vertrauen in die Wirtschaft erweckte - und eine
Senkung der Zinssätze bewirkte - führte sie tatsächlich
zu einem enormen Wachstum des Privatsektors.
Frage: Eine Zahl im Bericht dieser Woche, die Sie
nicht erwähnten und die nicht besonders positiv ist,
bezieht sich auf die Gesundheitsfürsorge für ältere
Menschen - Medicare. Ich frage mich, wie die Ad-

AMERIKA DIENST 22

ministration im nächsten Jahr das System der Anspruchsberechtigung reformieren will.
Dr. Tyson: Meines Wissens war der jüngste Bericht
über die Situation des Medicare-Treuhandfonds
besser, nicht schlechter als erwartet. Das ist der erste
Punkt. Aber der zweite Punkt ist, daß wir meines
Erachtens hier ein sehr eindeutiges Signal gesetzt
haben. Wir haben gesagt, in dem Haushaltsausgleich
des vergangenen Jahres ist ein Vorschlag enthalten,
mit dem die Lebensdauer des Treuhandfonds um
ungefähr ein Jahrzehnt verlängert würde, und das ist
genau der Zeitraum, um den der Treuhandfonds nach
dem Plan der Republikaner verlängert worden wäre.
Wir sind uns bewußt, daß wir es längerfristig mit einer
sich verändernden demographischen Situation zu tun
haben, und wir sehen hierbei der Zusammenarbeit mit
dem Kongreß auf überparteilicher Ebene erwartungsvoll entgegen.
Man sollte jedoch erwähnen, daß der Präsident bei
diesem Thema eine Führungsrolle übernommen und
tatsächlich als Teil des von den Republikanern
abgelehnten Wirtschaftspakets für 1993 den Treuhandfonds aufgestockt hat. Senator Dole schlug vor,
diese spezielle Erhöhung des Fonds rückgängig zu
machen. Der Präsident hat beim Thema Medicare von
Anfang an verantwortungsvoll gehandelt.
Wir möchten die Zuwachsrate von Medicare verlangsamen und zwar so, daß die Qualität des Programms
erhalten bleibt, und wir können das tun. Als erstes
sollten wir die Zustimmung beider Parteien zu einem
ausgeglichenen Haushalt erhalten, damit das Problem
des Treuhandfonds kurz- bis mittelfristig im nächsten
Jahrzehnt gelöst wird.
Frage: Dr. Tyson, die Unternehmensinventare haben
im dritten Quartal ungefähr fünfmal schneller zugenommen als im zweiten Quartal. Alarmiert Sie diese
steigende Zahl nicht verkaufter Inventare?
Dr. Stiglitz: Nein. Tatsache ist, daß das Gefälle
zwischen den Inventaren und den Verkäufen im
zweiten Quartal sehr gering war und jetzt die Inventare
etwas aufgestockt wurden.
Verglichen mit den
Verkäufen befinden sich die Inventare jedoch auf
einem sehr gemäßigten Niveau.
Frage: Der Zuwachs im zweiten Quartal betrug 4,7
Prozent und verlangsamte sich dann auf 2,2 Prozent was ist die Ursache dieser Verlangsamung und gibt es
einen Grund für die Annahme, daß er sich im nächsten
Quartal noch weiter verlangsamen wird?
Dr. Stiglitz: Wie ich bereits sagte, gibt es eine Reihe
von Faktoren, die beim vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt zum Tragen kommen. Von Quartal zu Quartal
sind sehr große Fluktuationen zu verzeichnen. Ein
Faktor - über den wir vor einigen Minuten gesprochen

Seite 3

�haben - ist, daß die Verbraucherausgaben relativ
niedrig waren. Und es gibt gute Gründe für die
Annahme, daß die Verbraucherausgaben wieder
zunehmen aufgrund der Tatsache, daß das Vertrauen
der Verbraucher groß ist und das reale verfügbare
Einkommen - das Geld, das die Leute ausgeben
können - um 4,9 Prozent gestiegen ist. Und das
Verhältnis zwischen Netto- und Bruttoeinkommen ist
das beste seit den sechziger Jahren.
Ein weiterer Faktor ist, daß die Exporte nicht so hoch
waren wie man es gerne gehabt hätte. Das ist vor
allem darauf zurückzuführen, daß unsere Volkswirtschaft schneller als die vieler unserer Handelspartner
gewachsen ist. Und immer wenn unsere Volkswirtschaft schneller wächst, importieren wir mehr - sind
unsere Importe höher als unsere Exporte. Die Exporte
können in den vergangenen drei Jahren insgesamt
eine beachtliche Bilanz aufweisen. Sie sind um mehr
als 30 Prozent gestiegen, und das ist besonders
beeindruckend angesichts der Tatsache, daß unsere
Volkswirtschaft schneller gewachsen ist als andere.
Es sieht jedoch so aus, als ob sich das Wachstum in
einigen europäischen Ländern erholt, und das wird
auch diesen Teil des Bruttoinlandsprodukts stärken.
Dr. Tyson: Darf ich noch etwas hinzufügen. Ich
möchte betonen, daß es sich hier um einen Quartalsbericht handelt. Wir müssen uns vor Augen halten,
daß wir im Grunde Prognosen für das Jahr machen.
Das Wirtschaftswachstum belief sich in diesem Jahr
auf durchschnittlich 2,9 Prozent, sogar etwas mehr.
Das liegt beträchtlich über unseren Vorhersagen für
das Jahr, die 2,2 Prozent betrugen, und sehr viel höher
als die Prognosen des Haushaltsbüros des Kongresses von 2,0 Prozent.
Der Kongreß machte eine Vorhersage von 2,0 Prozent
in der Annahme, sein Vorschlag für einen Haushaltsausgleich würde angenommen. Diese Volkswirtschaft
ist stark, stärker als die Prognosen, und ich möchte
betonen, daß die Administration auf eine Rekordbilanz
verweisen kann, in der die Volkswirtschaft jedes Jahr
besser als die Vorhersagen abgeschnitten hat. Und
während wir in die nächste Runde der Haushaltsgespräche gehen, muß man die Notwendigkeit
konservativer Schätzungen hervorheben, aber auch
die Erkenntnis, daß eine Prognose nichts über ein Ziel
oder darüber aussagt, wie sich die Wirtschaft langfristig verhält. In diesem Jahr verzeichnet die Wirtschaft einen Zuwachs von durchschnittlich 2,9 Prozent.
Dr. Stiglitz: Kann ich einen weiteren Aspekt hinzufügen? Es gibt einige wichtige Probleme bei den
Angaben zur Wirtschaft. In den vergangenen sieben
Quartalen wurde die Wirtschaft auf zweierlei Weise
gemessen - einmal von der Einkommensseite, zum
anderen am Output. Jedem Lehrbuch zufolge sollen
sie gleich sein, tatsächlich gibt es jedoch große
Diskrepanzen zwischen beiden.

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Die Tatsache, daß das reale verfügbare Einkommen in
diesem Quartal so hoch ist - 4,9 Prozent - legt die
Vermutung nahe, daß diese Diskrepanz anhält, wobei
der Einkommenszuwachs ein sehr viel stärkerer
Indikator der Wirtschaft ist als die Seite des Bruttoinlandsprodukts. Und wie ich bereits erwähnte, hatte
diese Diskrepanz eine Größenordnung von einem
halben bis einem Prozentpunkt.
Frage: Welche Garantien gibt es, daß die Administration bei dem Plan zum Abbau des Defizits bleibt? Es
scheint, daß der Präsident mehr über Steuersenkungen und Ausgabenvorschläge als über den Ausgleich
des Haushalts spricht.
Dr. Tyson: Der Präsident hat jedesmal, wenn er einen
Vorschlag für eine gezielte Steuersenkung oder ein
bestimmtes Programm erörterte, wie etwa das Projekt
zum Bau von Schulen, über das ich vor einigen
Monaten mit Ihnen gesprochen habe, eindeutig
dargelegt, wie sie finanziert werden. Die Mittel wurden
stets im Rahmen eines ausgeglichenen Haushalts
bereitgestellt, und wir haben immer das Ziel des
Haushaltsausgleichs eingehalten. Sowohl unsere
Bilanz beim Defizitabbau, die Tatsache, daß wir dem
Kongreß einen Plan zum Ausgleich des Haushalts
vorgelegt haben, als auch die Tatsache, daß wir genau
spezifiziert haben, wie jede neue Initiative bezahlt wird,
beweisen meines Erachtens unser Engagement für
das Ziel kontinuierlicher fiskalpolitischer Verantwortung.
Frage: Ich habe ein Fax von der Konferenz der
Republikaner im Repräsentantenhaus, in dem ein
Bericht der The Washington Post zitiert wird. Dort
heißt es: "Der Börse droht der Zusammenbruch, wenn
die Demokraten die Mehrheit im Kongreß gewinnen."
Sie sagen, die Furcht macht sich auf dem Markt breit,
und wenn die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren, droht der Börse der
Ausverkauf. Wenn sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat verlieren, wird es einen Börsencrash geben. Was sagen Sie dazu?
Dr. Stiglitz: Nun, erstens geben wir ebensowenig
einen Kommentar zur Börse ab wie zur Zentralbank.
Nachdem ich das gesagt habe, möchte ich aber doch
einen Kommentar abgeben. Tatsache ist, daß die
Wirtschaft sehr stark ist. Und wenn Sie jeden einzelnen der Indikatoren betrachten, über die wir gesprochen haben, sind die Investitionen hoch. Die Menschen würden nicht in solchen Maße investieren - die
realen Investitionen steigen um 19 Prozent - wenn sie
kein Vertrauen in die Wirtschaft hätten.
Die reinen Gewinne beim Bruttoinlandsprodukt
beliefen sich unseren letzten Angaben zufolge auf 8,7
Prozent - das ist der höchste Prozentsatz seit 28
Jahren. Die Zinssätze sind niedrig, sie sind diese
Woche als Reaktion auf den Defizitabbau beträchtlich

AMERIKA DIENST 22

�gesunken, die von uns heute genannten Inflationszahlen sinken - wie Sie wissen, liegen sie bei 1,9
Prozent des Preisindexes des Bruttoinlandsprodukts.
All diese Faktoren bedeuten, daß das der Wirtschaft
zugrundeliegende Fundament eben sehr stark ist.
Unsere von Dr. Tyson erwähnte absolute Verpflichtung
zum Defizitabbau und weitere Fortschritte dabei geben
Grund zu der Annahme, daß es so bleibt.
Dr. Tyson: Darf ich eine Tatsache hinzufügen, die wir
uns merken sollten? Es waren die Republikaner, die
1993 prognostizierten, das Wirtschaftsprogramm des
Präsidenten würde dazu führen, daß die Wirtschaft
den Bach 'runter geht, würde zu einer Zunahme der
Arbeitslosenrate sowie einer Zunahme des Defizits
führen, und einige sagten, es würde zu einer Rezession führen. Meines Erachtens sind die hellseherischen Fähigkeiten einiger auf der republikanischen
Seite des Kongresses im Hinblick auf die Wirtschaft
zweifelhaft. Ich würde diese Prognose nicht ernst
nehmen.
Frage: Vor ungefähr einem Jahr wurde eine größere
Anpassung des Indexes der Verbraucherpreise als
möglicher Faktor einer endgültigen Vereinbarung
angesehen. Sie hatten ein Jahr Zeit, das zu prüfen.
Könnte dies im nächsten Jahr Bestandteil eines Paktes
sein - ist das politischer Selbstmord?
Dr. Tyson: Zu diesem Thema müssen das Büro für
Arbeitsstatistik, eine Reihe versierter Ökonomen und
Statistiker, die sich ihr Leben lang damit befassen, wie

*

AMERIKA DIENST 22

die Angaben zur Inflation und die Angaben zum
Lebensstandard verbessert werden können, technische Entscheidungen treffen. Und sie tun es, sie
haben es zahllose Male getan, während wir hier
Anpassungen vorgenommen haben, Qualitätsanpassungen bei verschiedenen wichtigen Produkten des
Verbraucherpreisindexes, und meines Erachtens
sollten wir dieses Thema nicht politisieren.
Frage: Vor einigen Minuten erwähnten
offizielle Prognose für die Zuwachsrate des
landsprodukts für dieses Jahr sei 2,2 Prozent
in den ersten neun Monaten bei 2,9 Prozent.
ren Sie diese Prognose jetzt?

Sie, die
Bruttoinund läge
Revidie-

McCurry: Wir sind an der Vorbereitung unserer
Prognose für den nächsten Haushaltszyklus. Wir sind
uns natürlich der Tatsache bewußt, daß die Wirtschaftslage besser als unsere Vorhersagen ist. Wir
haben bei unseren Prognosen für Haushaltsvorlagen
stets gesagt, das sind nicht unsere Wunschzahlen,
sondern absichtlich gewählte konservative Zahlen, so
daß die Zahlen für den Defizitabbau, wenn sie vorliegen, immer sehr viel höher sind als wir zunächst
vorhergesagt haben.
McCurry: Und der Grund hierfür ist meiner Ansicht
nach, daß das Vertrauen in unsere Strategie zum
Defizitabbau vorhanden sein muß, so daß wir bei
unseren neuen Prognosen natürlich die offensichtlichen Erfolge berücksichtigen, die die Wirtschaft in
den vergangenen neun Monaten zu verzeichnen hatte.

* * *

*

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�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Eröffnung der deutsch-amerikanischen
Wirtschaftskonferenz in Potsdam
Ansprache von J.D. Bindenagel im Filmstudio Babelsberg

POTSDAM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim der
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, am 8. November 1996 beim
Eröffnungsabendessen der deutsch-amerikanischen Wirtschaftskonferenz "Connecting the New Länder to the
World" im Studio Babelsberg gehaltene Ansprache. Die Konferenz ist die letzte einer 1994 begonnenen Serie
und wurde von der American Chamber of Commerce in Germany und der US-Botschaft gemeinsam veranstaltet.

Ich freue mich, Sie alle heute abend hier begrüßen zu
dürfen. Das Studio Babelsberg ist eine wunderbare
Kulisse für unsere Konferenz mit amerikanischen
Wirtschaftsvertretern.
Hier wurde Filmgeschichte
gemacht, hier wurden Träume für die Welt fabriziert.
Wir spüren immer noch den Glamour und wissen, daß
Träume wahr werden können.
Dieses Studio hat auch eine Verbindung zu Amerika.
Die Namen der Filmlegenden - Regisseure, Stars,
Drehbuchautoren, die in den glorreichen Jahren, als
die Filmindustrie noch jung war, gemeinsam in Babelsberg und Hollywood tätig waren - sind zu zahlreich, um
hier aufgeführt zu werden. Aber sie sind uns im
Gedächtnis.
Später verließen natürlich viele von ihnen Babelsberg
und kehrten nie mehr zurück. Ihr persönliches Schicksal führte jedoch zu einer unschätzbaren Bereicherung
der Vereinigten Staaten. Sie gaben der amerikanischen Filmindustrie ihre Kunst und ihre Empfindungen. Sie leisteten einen Beitrag zum Amerikabild der
Welt. Aber auch ein Teil Deutschlands war in dieser
Vision enthalten - vom düsteren Unterton der Filme
aus der "Schwarzen Serie" über die ironische Komödie
Billy Wilders bis zu einer neuen Beschäftigung mit
sozialen Belangen.
Die Magie von Babelsberg überlebte sogar die langen,
grauen Dekaden des real existierenden Sozialismus.
Selbst in jenen Tagen wurden hier einige gute Filme
gemacht, und man fand in den starren DDR-Strukturen
Nischen für künstlerische Ausdrucksweise.

AMERIKA DIENST 22

Jetzt wird Babelsberg wieder zu vollem Leben erweckt.
Der derzeitige Umbau des Studios hat eine neue Ära
der Größe zum Ziel. Das wäre für uns alle wunderbar.
Zu Beginn unserer Konferenz "Connecting the New
Länder to the World" feiern wir die Bande, die uns
einen: Nicht nur im Bereich des Handels, sondern
auch in bezug auf Kultur und Werte. Wir wollen nicht
nur die wichtige Rolle amerikanischer Investitionen in
diesem Teil Deutschlands hervorheben, sondern auch
das Netz menschlicher Verbindungen zwischen
Amerika und Deutschland.
Ebenso wie Babelsberg ist Volker Schlöndorff Bestandteil der deutsch-amerikanischen Verbindung.
Als europäischer Kulturschatz, der neue Maßstäbe für
einfallsreiche künstlerische Gestaltung, Inszenierung
und Schneiden setzte, fühlt er sich auf der anderen
Seite des Atlantiks ebenfalls zu Hause, wie seine lange
Schaffenstätigkeit in den Vereinigten Staaten beweist.
Hollywood erkannte schon vor langer Zeit seine
meisterhafte Arbeit mit einem Oskar für "Die Blechtrommel" an.
Herr Schlöndorff, wir freuen uns sehr, daß Sie hier
sind. Es ist uns eine Ehre, daß Sie unsere gemeinsamen Bestrebungen mit den Vertretern der amerikanischen Wirtschaft unterstützen und sich die Zeit
genommen haben, hierherzukommen und eine
Ansprache zu halten.

Seite 1

�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Das wirtschaftliche Engagement der USA
in den neuen Bundesländern
Eröffnungsansprache von J.D. Bindenagel

POTSDAM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim der
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, am 9. November 1996 bei der
Eröffnung der deutsch-amerikanischen Wirtschaftskonferenz in Potsdam gehaltene Rede.

Vielen Dank, Fred. Es ist mir eine große Freude, Sie
alle heute morgen begrüßen zu dürfen. Ich möchte der
American Chamber of Commerce und ihren herausragenden Mitarbeitern für ihre große Unterstützung
und ihren fachmännischen Rat bei der Organisation
dieser Konferenz mit amerikanischen Wirtschaftsvertretern danken.
Diese Konferenz demonstriert das starke amerikanische Engagement in den neuen Ländern. Sie ist die
dritte einer Serie, die vor mehr als zwei Jahren - im
September 1994 - mit einer Wirtschaftskonferenz in
Berlin begann. Diese Konferenzen sind Teil unserer
"Neuen Traditionen" - "neu", weil wir nach dem Ende
des Kalten Krieges neue Bande mit Deutschland insbesondere diesem Teil Deutschlands - knüpfen.
Den Amerikanern und dem Westen wurde zwei
Generationen lang der Zugang zu diesem Teil
Deutschlands verwehrt, aber seit der deutschen
Vereinigung haben wir mit den neuen Bundesländern
an der Planung und Gestaltung dieses wichtigen
Bestandteils der transatlantischen Verbindung zusammengearbeitet.

Commerce aktiv unterstützt und ermutigt werden. Die
amerikanischen Investitionen in den fünf neuen
Ländern und Berlin belaufen sich auf mehr als 8
Milliarden Dollar (12 Milliarden D-Mark) mit steigender
Tendenz.
Diese Investitionen haben mindestens 55.000 Arbeitsplätze in Bereichen geschaffen oder gesichert, die von
der Produktion über die Nahrungsmittelbranche, das
Bankwesen und den Wohnungsbau bis zu Beratungsdiensten und Umwelttechnologie reichen.
Die Projekte, an denen die Amerikaner beteiligt sind,
variieren in bezug auf ihre Größe: Von Dow Chemical,
Praetor &amp; Gamble und der Opel AG bis zu kleinen und
mittelständischen Unternehmen mit weniger als 100
Angestellten. Diese Konferenz beweist, daß wir noch
mehr zu Ermutigung weiterer Investitionen unternehmen wollen.
Unsere Aktivitäten hier sind jedoch nicht nur wirtschaftlicher Natur. Sie spiegeln unser Engagement für
die Zukunft dieses Kontinents wider - eine auf den
Werten Demokratie und freie Marktwirtschaft basierende Zukunft.

Der Blick auf Brandenburg und das übrige Ostdeutschland zeigt interessante Möglichkeiten für amerikanische Unternehmen - ein erfahrenes, hart arbeitendes
Arbeitskräftepotential, einen innovativen und offenen
Geist sowie eine immer modernere Infrastruktur.

Nach dem Kalten Krieg haben wir die einzigartige
Chance, die Grundlagen für ein neues, integriertes
Europa zu schaffen. Ein Europa, in dem alle Nationen
unabhängig, demokratisch und wohlhabend sind.

Diese Gegebenheiten haben amerikanische Unternehmen beeindruckt. Sie sind der Hauptgrund für ausländische Investitionen in den neuen Bundesländern, die
von der US-Botschaft und der American Chamber of

Denken Sie einen Augenblick darüber nach, was es
bedeutet, heute morgen hier in dieser Stadt zu sein.
Noch vor sieben Jahren wäre diese Zusammenkunft
von Amerikanern und Deutschen undenkbar gewesen.

AMERIKA DIENST 22

Seite 1

�Die Kräfte der Unterdrückung standen zwar auf
wackeligen Beinen, hatten aber noch alles unter
Kontrolle. Die Berliner Mauer stand noch, wie es seit
mehr als einer Generation der Fall gewesen war.
Aber dann - wie durch ein Wunder - erhoben sich die
hinter dem Eisernen Vorhang gefangengehaltenen
Völker Ostdeutschlands und anderer Länder und
veränderten nachhaltig die Welt für uns alle. Wir
schulden es den an dieser friedlichen Revolution
Beteiligten - und uns selbst - diese historische Errungenschaft in dauerhaften Wohlstand umzuwandeln.
Wir erneuern die dauerhaften Bande, die zwischen
unseren Ländern bestehen. Jetzt haben die Menschen in Brandenburg und andernorts in den neuen
Ländern - und in den zentraleuropäischen Nachbarstaaten - die Freiheit, ihre Meinung zu sagen, zu
schaffen, zu bauen, zu prosperieren.
Bei unseren heutigen Gesprächen sollten wir diese
enorme Leistung nicht aus den Augen verlieren.
Selbst wenn wir nüchterne Unternehmer, Politiker und
Akademiker sind, können wir hoffentlich trotzdem ab
und zu eine Pause einlegen und uns voll Staunen
fragen, wie dieser Wandel möglich war - und es als
Privileg ansehen, daß wir daran teilhaben.
Jetzt habe ich die Ehre, einen Mann vorzustellen, der
einen wichtigen Beitrag zu diesem historischen
Wandel geleistet hat - den brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.
Als ich Herrn Stolpe 1989 zum ersten Mal traf, war ich
amerikanischer Gesandter in der DDR. Ostdeutschland befand sich in Aufruhr. Wir sahen eine Gelegenheit für die Vereinigten Staaten, freie, pluralistische
Wahlen zu unterstützen - Wahlen, die die damalige
Regierung von Hans Modrow den Deutschen in der
DDR versprochen hatte.
Ich ermutigte unseren Botschafter in Ostdeutschland,
Richard Barkley, Außenminister James Baker nach
Potsdam einzuladen. Am 12. Dezember 1989 traf der
Außenminister hier in Potsdam mit führenden Vertretern der DDR zusammen. Er forderte grundlegende
wirtschaftliche und politische Reformen - und freie
Wahlen. Er unterstrich unmißverständlich, daß die
Vereinigten Staaten die Vereinigung Deutschlands
unterstützen.
Außenminister Baker beschränkte sich bei seinen
Zusammenkünften nicht nur auf die ostdeutschen
Behörden. Er wollte mit den Vertretern der Kirche
sprechen, die einen maßgeblichen Beitrag zu der
friedlichen Revolution geleistet hatten, die den Wandel
bewirkte. An jenem Tag traf er in der Nikolaikirche mit
verschiedenen protestantischen Geistlichen sowie
dem Laienvertreter der Evangelischen Kirche, Manfred
Stolpe, zusammen.

Seite 2

Herr Stolpe erzählte ihm von der Empörung des
Volkes über die Korruption und Brutalität des Regimes.
Er sprach über den wachsenden Wunsch nach
Vereinigung mit dem Westen. Er betonte den Wunsch
der Ostdeutschen nach wirtschaftlichem Wohlergehen.
Die Antwort des Außenministers war unmißverständlich: Die Amerikaner unterstützen die friedliche
demokratische Revolution und die deutsche Vereinigung. Diese Unterstützung bestand von jenem Tag
bis heute fort - während der Verhandlungen am
Runden Tisch, der freien Wahlen am 18. März 1990,
die Angleichung der Währung am 1. Juli desselben
Jahres und - was am wichtigsten ist - bei der deutschen Vereinigung am 3. Oktober 1990.
Ebenso bedeutend wie die Unterstützung durch die
US-Regierung war das starke Engagement amerikanischer Unternehmen. Brandenburg unterhielt bereits
interessante und fruchtbare Beziehungen zu amerikanischen Unternehmen. Um nur einige Beispiele zu
nennen: Praetor &amp; Gamble stellt Punica Fruchtsaft in
Werder ganz in der Nähe von Potsdam her; General
Atomics führt in Lübben, Spreewald und Lauchhammer
Projekte zur Entsorgung der Altlasten und zur Umstellung der Produktion durch; EDS errichtete Datenverarbeitungszentren in Eisenhüttenstadt, Cottbus und
Frankfurt an der Oder; und Allstate Insurance plant die
Einrichtung einer Geschäftsstelle in Teltow.
Manfred Stolpe war ein starker und engagierter
Partner bei der Schaffung von Freiheit und Wohlstand.
Als Mann der Kirche weiß er, daß Politik und Wirtschaft
zwar wichtig, aber den grundlegenden menschlichen
Beziehungen untergeordnet sind.
Ich möchte ein persönliches Beispiel für das anführen,
was ich meine. Als in South Dakota Geborener freue
ich mich über die Städtepartnerschaft von Potsdam
und Sioux Falls - eine der zahlreichen neuen Städtepartnerschaften, die unsere zunehmende Präsenz in
den neuen Ländern unterstreicht. Während eines
Besuchs des Kirchenchors von Sioux Falls hier im Juni
1990 war ich dabei, als die deutschen Gastgeber und
ihre amerikanischen Besucher zusammenkamen und
über die Freiheit sprachen, die wir Amerikaner genossen und die die Ostdeutschen anstrebten.
Meine Landsleute waren äußerst beeindruckt, als sie
aus erster Hand von dem Kampf der Deutschen für
Freiheit und Menschenwürde erfuhren.
Unsere
historischen Bande wurden an jenem Tag auf besondere Art und Weise erneuert.
Manfred Stolpe war sich immer der historischen
Freundschaft zwischen Brandenburg und den Vereinigten Staaten bewußt. Schließlich unterzeichnete
das Königreich Preußen im Jahr 1787 als erstes Land
einen Schifffahrts- und Handelsvertrag mit unserer
jungen Republik.

AMERIKA DIENST 22

�Im November 1994 feierte und bekräftigte Herr Stolpe
diese langjährige Freundschaft, indem er die Statue
des großen deutsch-amerikanischen General von
Steuben wieder an ihren angestammten Platz in dieser
Stadt zurückbringen ließ. Die Statue war vor langer
Zeit ein Geschenk des amerikanischen Kongresses als
Ausdruck der Dankbarkeit für die Rolle Deutschlands
bei der Unterstützung unseres Kampfs für die Freiheit
in unserem Unabhängigkeitskrieg.

Heute helfen wir Deutschland ebenso wie im letzten
halben Jahrhundert bei der Sicherung seiner Freiheit
und seines Wohlstands. Darum geht es bei dieser
Konferenz. Und wir haben bei diesem Bestreben
keinen besseren Partner als den brandenburgischen
Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.

* * * * *

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�WIRTSCHAFT
13. November 1996

Deutsch-amerikanische wirtschaftliche Zusammenarbeit
Schlußwort von J.D. Bindenagel

POTSDAM - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir das von J.D. Bindenagel, Charge d'Affaires ad interim der
Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, am 9. November 1996 im
Schloß Cecilienhof, dem Schauplatz der Potsdamer Konferenz von 1945, gehaltene Schlußwort bei der deutschamerikanischen Wirtschaftskonferenz.

Herr Ministerpräsident, herzlichen Dank für Ihre
Gastfreundschaft. Es ist kaum zu glauben, daß heute
Abend vor sieben Jahren, am 9. November 1989, die
Freiheit, deren wir uns im Westen seit so langem
erfreuten, den Eisernen Vorhang durchbrach und die
Berliner Mauer zu Fall brachte. Obwohl das deutsche
Geschichte ist, kann ich sagen: "Ich war dabei."
Binnen weniger Monate vertrieben aufgebrachte
Deutsche, Bürger der DDR, das SED-Regime aus dem
Amt, führten Demokratie ein, traten für die Vereinigung
ein und beendeten die Existenz der DDR.
Das zentrale Element dieser Revolution - der erfolgreichsten demokratischen Bewegung in der deutschen
Geschichte - war der Mut derjenigen, die die Demokratie im Osten wiederherstellten. Sie, Herr, Ministerpräsident, waren unter ihnen, und Ihnen gebührt Ehre
dafür.
Infolgedessen hat sich Deutschland unwiederbringlich
verändert.
Präsident Herzog erfaßte das Wesen des neuen
Deutschland am 8. Mai 1995 mit folgenden Worten:
"Heute steht die deutsche Demokratie
auf zwei gleich starken Beinen: auf
der geduldigen Aufbauarbeit und der
Lernfähigkeit der Westdeutschen seit
1948 und auf der ostdeutschen Revolution von 1989."

Katastrophe für Europa voraus, wenn die Vereinigung
käme. Andere fürchteten, daß der desolate Zustand
der schwachen und nicht wettbewerbsfähigen alten
ostdeutschen Wirtschaft den Westen über Gebühr
belasten würde. Es gab auch Experten, die die zur
Vollendung der inneren deutschen Einheit erforderliche
Arbeit und Zeit unterschätzten und damit falsche
Hoffnungen weckten.
Die Arbeit an der Freiheit ist nicht leicht. Der Aufbau
von Wohlstand benötigt Disziplin und Verantwortungsbewußtsein, über die Sie reichlich verfügen. Er
erfordert Zeit und Geduld. Und er erfordert Investitionen. Aber wir Amerikaner hegen keinen Zweifel - in
der Tat haben wir profundes Vertrauen - daß dieser
Teil Deutschlands eine große Zukunft hat.
In den vergangenen beiden Tagen sind wir hier
zusammengekommen, um die Rolle zu unterstreichen
- und zu verbessern - die Amerika bei der Umgestaltung der ostdeutschen Wirtschaft spielt. Wir Amerikaner möchten gemeinsam mit Ihnen zur Überwindung
der Teilung in Deutschland und Europa beitragen. Aus
den in diesem Jahrhundert gemachten Erfahrungen
wissen wir, daß die amerikanische und europäische
Sicherheit nicht teilbar sind.
Dieses Wissen veranlaßte uns, während des Kalten
Krieges unsere unerschütterliche Haltung zu bewahren, die Demokratie in der alten Bundesrepublik zu
unterstützen und an der Seite der Deutschen in der
DDR zu stehen, als 1989 bei Ihrem Streben nach
Freiheit der Augenblick der Wahrheit kam.

Aber 1989 teilten nicht alle diese Ansicht. Einige
fürchteten ein vereintes Deutschland und sagten eine

AMERIKA DIENST 22

Seite 1

�Heute stehen wir in der Berliner Republik an Ihrer
Seite.

Osten blickte und erklärte: "Amerika steht an Ihrer
Seite, jetzt und für immer."

Präsident Clinton gab unser Versprechen am Brandenburger Tor, als er dort mit dem Kanzler stand und nach

Ich möchte einen Toast auf die deutsch-amerikanische
Freundschaft ausbringen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 22

�PORTRAT
13. November 1996

Bankier wird neuer Stabschef des Weißen Hauses
Porträt von Erskine Bowles

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton gab am 8. November 1996 bekannt, daß Erskine Bowles die Position
des nach Kalifornien zurückkehrenden Leon Panetta als Stabschef des Weißen Hauses übernimmt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus herausgegebenen offiziellen Lebenslauf von Bowles.

Erskine Bowles, der ehemalige Leiter des US-Amts für
mittelständische Unternehmen und Stellvertretende
Stabschef des Weißen Hauses, blickt auf eine aktive
Laufbahn im öffentlichen und Privatsektor zurück. Im
Januar 1996 gründete Bowles zusammen mit seinem
langjährigen Freund Nelson Schwab III die Handelsbank Carousel Capital, die sich auf die Akquisition
mittelständischer Unternehmen im Südosten der
Vereinigten Staaten konzentriert.
Vor der Gründung von Carousel Capital war Bowles
persönlicher Referent des Präsidenten und von
Oktober 1994 bis Dezember 1995 Präsident Clintons
Stellvertretender Stabschef.
Als Stellvertretender
Stabschef war er zuständig für das Büro für Planung,
Management und Verwaltung des Weißen Hauses,
dem auch das Militärbüro des Weißen Hauses, das
Personal des Präsidialamts und die Operationen des
Oval Office unterstehen.
Von Mai 1993 bis September 1994 war Bowles Leiter
des US-Amts für mittelständische Unternehmen. In
dieser Funktion überwachte er umfassende Programme und Dienstleistungen zur Förderung und Erweiterung amerikanischer mittelständischer Unternehmen. Während seiner Zeit als Leiter verschlankte und
modernisierte er die Organisationsstruktur des Amts,
überarbeitete die Programme und richtete das Amt auf
den Dienst am Kunden aus - die Besitzer mittelständischer Unternehmen. Bowles war auch votierendes
Mitglied des nationalen Wirtschaftsrats.

well Conner &amp; Co., einer von ihm 1975 gegründeten
Investmentbank mit Sitz in Charlotte. Unter Bowles
Leitung erlangte Bowles Hollowell Conner &amp; Co. den
Ruf einer der führenden Investmentbanken des
Landes, die sich auf mittelständische Transaktionen
spezialisiert hatte.
Vor der Gründung von Bowles Hollowell Conner &amp; Co.
war Bowles bei Morgan Stanley &amp; Co. in New York in
der Finanzgruppe des Unternehmens tätig. Er war
außerdem Vizepräsident für Unternehmensfinanzierung bei der Interstate Securities Corporation in
Charlotte. Von 1975 bis 1976 arbeitete er als Dozent
für Finanzwesen an der University of North Carolina in
Charlotte.
Bowles erwarb ein Bakkalaureat der Naturwissenschaften in Betriebswirtschaft an der University of
North Carolina und den Master of Business Administration an der Graduate School of Business der
Columbia University, wo er McKinsey Scholar war.
Neben seiner Aufsichtsratstätigkeit für mehrere
Unternehmen war Bowles Präsident der Stiftung für
jugendliche Diabetiker in New York sowie Mitglied des
Beratergremiums der University of North Carolina, des
Davidson College und der Johnson C. Smith University.
Bowles, 51, ist mit Crandall Close Bowles verheiratet,
die Vizepräsidentin von Spring Industries ist. Sie
haben drei Kinder: Sam, Anne und Bill im Alter von 22,
20 und 19 Jahren.

Vor seiner Laufbahn in der Regierung war Bowles
Vorsitzender und Geschäftsführer von Bowles Hollo-

AMERIKA DIENST 22

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              <text>Amerikadienst 13.11.1996</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Wahlen'96&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton bedankt sich für seine Wiederwahl&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten in seinem Heimatstaat Arkansas&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Amerika auf der Reise ins 21. Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Russland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Amerika und Russland in einer sich wandelnden Welt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Zukunftsperspektiven der amerikanischen Volkswirtschaft&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz mit führenden Wirtschaftsberatern&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Eröffnung der deutsch-amerikanischen Wirtschaftskonferenz in Potsdam&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache von J.D. Bindenagel im Filmstudio Babelsberg&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Das wirtschaftliche Engagement der USA in den neuen Bundesländern&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Deutsch-amerikanische wirtschaftliche Zusammenarbeit&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Schlußwort von J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;</text>
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