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                  <text>amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
16

2 1 . August 1996

.

TERRORISMUS

DIE SICHERHEIT DER VEREINIGTEN STAATEN
IN EINER SICH WANDELNDEN WELT
Rede von Präsident Clinton

USA-ISRAEL

FRIEDENSPROZESS KONNTE ISRAEL ZUM
"ASIATISCHEN TIGER" DES NAHEN OSTENS
MACHEN
Rede von Staatssekretär Stuart E. Eizenstat

WAHLEN

REPUBLIKANER HOFFEN AUF BELEBUNG
DES WAHLKAMPFS DURCH DOLE-KEMP-TEAM
Entscheidung für den Vizepräsidentschaftskandidaten

BEIM PRASIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF
WIRD AMERIKA DER SPIEGEL VORGEHALTEN
Rede von Bob Dole beim nationalen Parteikonvent
der Republikaner

LITERATUR

REGIONALE AMERIKANISCHE LITERATUR
ZUM KENNENLERNEN
Rede Michael J. Bandler

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�TERRORISMUS
21. August 1996

Die Sicherheit der Vereinigten Staaten
in einer sich wandelnden Welt
Rede von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - In einer Rede vor der George Washington University erklärte Präsident Clinton am 5.
August 1996, 'Terrorismus ist der Feind unserer Generation" und betonte, es sei eine Priorität im Bereich der
nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten, die Kräfte der Zerstörung auf der ganzen Welt zu bekämpfen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert sehen sich die
Vereinigten Staaten mit drei großen Herausforderungen konfrontiert: Den Amerikanischen Traum für
diejenigen am Leben zu erhalten, die darauf hinzuarbeiten bereit sind; unser Land zusammenzuführen, nicht zu spalten, und sicherzustellen, daß Amerika
die stärkste Kraft für Frieden und Freiheit, Sicherheit
und Wohlstand auf der Welt bleibt.
Die weltweiten Veränderungen bei der Arbeitsweise,
im Leben und der Kommunikation der Menschen
untereinander vollziehen sich mit ungeahnter Geschwindigkeit und sind vielleicht die tiefgreifendsten
der Geschichte. Die meisten dieser Veränderungen
sind gut: Der Kalte Krieg ist beendet, unser Land lebt in
Frieden. Unsere Wirtschaft ist stark. Demokratie und
freie Märkte fassen auf allen Kontinenten Fuß. Die
Blöcke, Barrieren und Grenzen, welche die Welt
unserer Eltern und Großeltern definierten, verschwinden allmählich mit Hilfe einer neuen Generation
außergewöhnlicher Technologien. Jeden Tag benutzen Millionen von Menschen Laptops, Modems, CD
ROMs und Satelliten, um Ideen, Produkte und Geld in
Sekunden über den Planeten zu schicken. Die
Chancen zum Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit
und einer Zukunft mit mehr Wohlstand sind enorm.
Aber trotz all der Versprechungen unserer Zeit sind wir
nicht vor Gefahren gefeit. Faschismus und Kommunismus mögen gescheitert oder diskreditiert sein, aber
die Kräfte der Zerstörung leben weiter. Wir sehen sie
in der plötzlichen Explosion von ethnischem, rassi-

AMERIKA DIENST 16

schem, religiösem Haß und Stammesfehden. Wir
sehen sie in den rücksichtslosen Akten verbrecherischer Staaten. Wir sehen sie insbesondere in dem
gefährlichen Geflecht neuer Bedrohungen wie Terrorismus, internationalem Verbrechen und Drogenhandel
sowie der andauernden Bedrohungen, die Massenvernichtungswaffen über den Globus hinweg verbreiten
könnten. Diese Kräfte der Zerstörung können ihr Werk
eben wegen der Offenheit, Freiheit und Fortschritte
verrichten, die für uns so großen Wert besitzen.
Wir müssen uns vor Augen führen, daß moderne
Technologien allein nicht eine neue Welt des Friedens
und der Freiheit für uns schaffen. Technologie kann
für Gutes oder Schlechtes eingesetzt werden. Die
amerikanische Führungsrolle ist erforderlich um
sicherzustellen, daß die Konsequenzen gut sind. Aus
diesem Grund haben wir so hart gearbeitet, um die
durch den Wandel geschaffenen Chancen zu ergreifen
und uns unverzüglich und unerschütterlich gegen die
neuen Bedrohungen zu stellen, die der Wandel
hervorgebracht hat.
Um die Chancen zu nutzen, stärken wir unsere
Bündnisse, verringern auf dramatische Weise die
Gefahr der Massenvernichtungswaffen, führen den
Marsch für Frieden und Demokratie auf der ganzen
Welt an und schaffen sehr viel größeren Wohlstand im
Inland, indem wir die Märkte für amerikanische
Produkte im Ausland öffnen.

Seite 1

�Unsere Bündnisse bilden das Fundament der amerikanischen Führungsrolle. Wie wir im Golfkrieg, in Haiti
und jetzt in Bosnien sehen konnten, werden viele
andere Nationen, die unsere Ziele teilen, auch unsere
Lasten teilen. In Europa haben wir die Kräfte der
Demokratie und Reform in der ehemaligen Sowjetunion und den Abzug der russischen Truppen aus dem
Baltikum unterstützt sowie den Weg zur Öffnung der
Türen der NATO für die neuen Demokratien Europas
durch die Partnerschaft für den Frieden bereitet,
während Europa, das größte Schlachtfeld für das
blutigste Jahrhundert der Geschichte, sich endlich in
Frieden zusammenschließt.
In Asien haben wir unser Sicherheitsbündnis mit Japan
wiederbelebt, mit Südkorea auf die Förderung eines
dauerhaften Friedens auf der koreanischen Halbinsel
hingearbeitet und stets ein starkes, stabiles und
offenes China ermutigt. Das Ende des Kalten Krieges
hat uns auch gestattet, die dunkle Wolke der nuklearen
Angst zu vertreiben, die seit 50 Jahren über uns
schwebte. Heute ist keine einzige russische Rakete
auf unsere Bürger oder Städte gerichtet. Wir reduzieren die russischen und amerikanischen Arsenale um
zwei Drittel der Anzahl auf dem Höhepunkt des Kalten
Krieges. Wir haben der Ukraine, Belarus und Kasachstan bei der Verlagerung ihrer Nuklearwaffen geholfen,
die nach der Auflösung der Sowjetunion auf ihrem
Territorium verblieben waren.

im Ausland öffneten. Die wirkliche Meßlatte unserer
Sicherheit ist nicht nur physische Sicherheit, sondern
auch wirtschaftliches Wohlergehen. Jahrzehnte später
werden die Menschen auf diese Zeit zurückblicken und
die weitreichendsten Veränderungen im Welthandelssystem seit Generationen ausmachen. Veränderungen, die gut für das amerikanische Volk sind. Veränderungen, zu denen 200 neue Handelsabkommen
zählen, darunter GATT und NAFTA, der gesamtamerikanische Gipfel sowie die Verpflichtung der
Staats- und Regierungschefs des asiatisch-pazifischen
Raums zum Abbau der Handelsschranken. Aufgrund
dieser Veränderungen ist Amerika weltweit wieder der
Exporteur Nummer eins, und infolgedessen haben wir
eine Million neuer hochbezahlter Arbeitsplätze.
Keine dieser Errungenschaften ist von selbst gekommen. Sie wurden gemacht, weil wir mit anderen
bei der Teilung der Risiken und Kosten des Engagements zusammenarbeiten, weil wir die Macht unseres
Beispiels und gegebenenfalls das Beispiel unserer
Macht nutzen. Sie wurden gemacht, weil wir heute zu
harten Entscheidungen in dem Wissen bereit waren,
daß sie sich morgen für Sie bezahlt machen. Und vor
allem wurden sie gemacht, weil wir uns weigerten,
denjenigen Gehör zu schenken, die sagten, nach dem
Ende des Kalten Krieges sollte Amerika sich für
Wirklichkeitsflucht statt Engagement entscheiden. Mit
einer solchen Entscheidung hätten wir das Streben der
Welt nach Freiheit, Toleranz und Wohlstand geschwächt und unsere eigene Sicherheit und unseren
Wohlstand unterminiert.

Wir arbeiten mit Japan und Korea zusammen und
haben Nordkorea überzeugt, das gefährliche Nuklearwaffenprogramm einzufrieren, das von dem Land seit
über einem Jahrzehnt entwickelt wurde. Wir haben
den Kampf für Frieden und Freiheit vorangebracht.
Wenn die Menschen in Freiheit und Frieden leben,
haben wir größere Sicherheit, weil es weniger wahrscheinlich ist, daß sie auf Gewalt zurückgreifen oder
die Menschenrechte verletzen und wahrscheinlich
bessere Handelspartner und Partner in unserem
gemeinsamen Kampf gegen Terrorismus, internationales Verbrechen und Drogenhandel sowie Zerstörung der Umwelt sind.

Tatsache ist, daß Amerika weiterhin eine unentbehrliche Nation ist. Es gibt Zeiten, in denen Amerika - und
nur Amerika - den Unterschied zwischen Krieg und
Frieden, zwischen Freiheit und Unterdrückung,
zwischen Hoffnung und Angst bewirken kann. Natürlich können wir nicht alle Lasten der Welt auf uns
nehmen. Wir können nicht der Weltpolizist werden.
Aber wo unsere Interessen und Werte es erfordern
und wo wir etwas bewirken können, muß Amerika
handeln und die Führungsrolle übernehmen.

Weil Amerika diese Risiken für Frieden und Demokratie auf sich nimmt, sind die Diktatoren aus Haiti
verschwunden. Die Demokratie ist zurückgekehrt und
der Flüchtlingsstrom hat aufgehört. In Bosnien sind die
Felder des Todes der Heckenschützen wieder zu
Kinderspielplätzen geworden. In Nordirland und im
Nahen Osten nähern sich Konflikte, die einst unlösbar
schienen, einer Beilegung, auch wenn Schwierigkeiten
bestehen bleiben.

Nirgendwo ist diese Verantwortung deutlicher oder
vordringlicher als beim Kampf gegen Terrorismus.
Niemand ist dagegen gefeit - sei es in einer U-Bahn in
Tokio oder einem Bus in Tel Aviv, beim Einkaufsbummel in London oder einem Spaziergang in Moskau, bei der Ausübung seiner Pflicht in Saudi-Arabien
oder seiner Arbeit in Oklahoma City. Terrorismus hat
sich mit uns auf eine Stufe gestellt und respektiert
keine Grenzen.

Keiner dieser Kämpfe ist leicht. Es gibt keine Erfolgsgarantie. Aber wir werden weiter auf den Erfolg
hinarbeiten, und wir werden etwas bewirken.

Ob es uns gefällt oder nicht, auf gute wie auf schlechte
Weise, leben wir in einer interdependenten Welt. Aus
diesem Grund müssen wir die Mauern in unseren
Köpfen zwischen Außen- und Innenpolitik einreißen.
Die Realität ist, daß unser persönlicher, gemeinschaftlicher und nationaler Wohlstand von unseren

Wir haben die Chance ergriffen, um das Leben unserer
Bürger im Inland zu verbessern, indem wir die Märkte

Seite 2

AMERIKA DIENST 16

�wirtschaftlichen und handelspolitischen Maßnahmen
im In- und Ausland abhängt. Unser persönliches,
gemeinschaftliches und nationales Wohlergehen hängt
von unseren umweltpolitischen Maßnahmen im In- und
Ausland ab, und unsere persönliche, gemeinschaftliche und nationale Sicherheit hängt von unseren
Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung im In- und
Ausland ab. Wir können nicht das Allgemeinwohl im
Inland verbessern ohne auch das Allgemeinwohl auf
der ganzen Welt zu verbessern. Wir können nicht die
Bedrohungen unseres Volkes verringern ohne die
Bedrohungen der Welt jenseits unserer Grenzen zu
verringern. Aus diesem Grund muß der Kampf gegen
Terrorismus sowohl eine nationale Priorität als auch
eine Priorität im Bereich der nationalen Sicherheit sein.
Wir haben an drei Fronten eine konzertierte nationale
und internationale Strategie zur Bekämpfung des
Terrorismus verfolgt: Erstens jenseits unserer Grenzen durch verstärkte Zusammenarbeit mit unseren
Freunden und Verbündeten, zweitens im Inland durch
Ausstattung der Strafverfolgungsbehörden mit den
wirksamsten Instrumenten zur Terrorismusbekämpfung und drittens auf unseren Flughäfen und in
unseren Flugzeugen durch Verstärkung der Luftfahrtsicherheit.
Es wird ein langer, harter Kampf, bei dem es auch
Rückschritte geben wird. Aber ebenso wie uns im
Zweiten Weltkrieg und während des Kalten Krieges
kein Feind von der Bewältigung unserer Herausforderungen und dem Schutz unserer Werte abhalten
konnte, lassen wir uns heute nicht von unserem harten
Kampf gegen den Terrorismus abhalten. Der Terrorismus ist der Feind unserer Generation, und wir müssen
uns dagegen behaupten.
An der internationalen Front erfordert die Eindämmung
des Terrorismus eindeutig gemeinsame Aktionen. Die
Vereinigten Staaten haben eine besondere Verantwortung zur Übernahme einer Führungsrolle bei
diesen Bestrebungen. Beispielsweise haben unsere
Nachrichtendienste in den letzten vier Jahren stärker
als je zuvor mit anderen Nationen zusammengearbeitet.
Das Entscheidende bei diesen gemeinsam mit anderen Ländern durchgeführten Bestrebungen sind nicht
Gespräche, sondern Taten. Immer mehr Länder
führen mit uns gemeinsame Aktionen durch. Immer
mehr Länder versprechen, Terroristen keine Zuflucht
zu bieten und handeln ihren Auslieferungsgesetzen
gemäß, damit Terroristen nicht in ihr Land flüchten
oder sich dort verstecken können. Immer mehr Länder
helfen uns bei der Schließung der grauen Märkte, die
Terroristen mit Waffen und gefälschten Papieren
versorgen.
Vergangene Woche in Paris einigten sich die G-7Staaten und Rußland auf einen umfassenden Maß-

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nahmenkatalog, um Terroristen das Handwerk zu
legen und sie zu ergreifen. Und wir stellten Zeitpläne
mit bestimmten Fristen auf, innerhalb derer Fortschritte
erzielt werden müssen. Ferner arbeiten wir mit SaudiArabien an der Erhöhung der Sicherheit unserer dort
stationierten Streitkräfte, damit wir weiterhin die
Aggression verbrecherischer Staaten abschrecken
und dem Terrorismus im Nahen Osten die Stirn bieten
können.
Obwohl wir enger denn je mit unseren Verbündeten
zusammenarbeiten und mehr Einigkeit über die
erforderlichen Maßnahmen besteht als jemals zuvor,
sind wir uns nicht immer einig. Wo wir verschiedener
Meinung sind, können und werden die Vereinigten
Staaten dennoch das ihres Erachtens Richtige tun.
Aus diesem Grund haben wir Sanktionen gegen den
Terrorismus fördernde Staaten verhängt oder verstärkt: Iran, Irak, Libyen und Sudan. Man kann keine
Geschäfte mit Staaten abschließen, die bei Tag mit dir
Handel treiben und bei Nacht die Terroristen finanzieren oder schützen, die dich und unschuldige Zivilisten
umbringen. Das wäre falsch. Ich hoffe und erwarte,
daß unsere Verbündeten diese grundlegende Wahrheit bald akzeptieren.
Heute morgen habe ich das Gesetz über Sanktionen
gegen Iran und Libyen unterzeichnet. Es baut auf dem
auf, was wir bereits zur Isolierung dieser Regime
unternommen haben, indem wir harte Strafen gegen
ausländische Unternehmen verhängten, die in Schlüsselsektoren neue Investitionen tätigen. Durch das
Gesetz wird ihnen das Geld vorenthalten, das sie zur
Finanzierung des internationalen Terrorismus oder
zum Erwerb von Massenvernichtungswaffen benötigen. Es wird den Druck auf Libyen zur Auslieferung
der des Bombenanschlags auf Pan Am-Flug 103
Verdächtigten erhöhen.
Ich fordere den Senat erneut zur Ratifizierung der
Chemiewaffenkonvention auf, damit wir das Arsenal
chemischer Waffen beseitigen und unseren Strafverfolgungsbehörden neue Befugnisse zur Ermittlung
und strafrechtlichen Verfolgung derjenigen geben
können, die Angriffe mit solchen Waffen planen. Wir
haben die entsetzlichen, zerstörerischen Auswirkungen von Saringas in der Tokioter U-Bahn gesehen.
Innerhalb von einem Monat nach jenem Anschlag
ratifizierte das japanische Parlament die Chemiewaffenkonvention, was wir jedoch noch nicht getan haben.
Wäre die Chemiewaffenkonvention heute in Kraft, wäre
der Erwerb chemischer Waffen für Terroristen weitaus
schwieriger. Sie warten nicht, und wir sollten es auch
nicht tun.
Die dritte Front bei unserem
rismus sind Flughäfen und
näher zusammenbringen.
sicherste Beförderungsart.
schaften bieten statistisch

Kampf gegen den TerroFlugzeuge, die uns alle
Die Luftfahrt bleibt die
Und unsere Fluggesellgesehen die größte Si-

Seite 3

�cherheit in der Branche. Aber das ist nur ein geringer
Trost, wenn ein einziger Anschlag so viele Menschenleben kosten kann.
Verstärkte internationale Zusammenarbeit, strengere
amerikanische Strafverfolgung und mehr Sicherheit bei
der Luftfahrt - das sind die Fronten unserer konzertierten Strategie bei der Terrorismusbekämpfung. Ein
Großteil dieser von Strafverfolgungsbehörden, Nachrichtendiensten und dem Militär geleisteten Arbeit
findet wenig Beachtung, zeitigt jedoch Ergebnisse.
Ich möchte dem amerikanischen Volk klarmachen, daß
wir zwar Terroristen besiegen können, es jedoch noch
lange dauern wird, bis wir den Terrorismus besiegen.
Amerika bleibt eine Zielscheibe, weil wir in der Welt auf
einzigartige Weise präsent sind, weil wir uns für die
Förderung von Frieden und Demokratie einsetzen, weil
wir uns dem Terrorismus entschiedener entgegenstellen und weil wir die offenste Gesellschaft der Welt
sind. Das zu ändern - unsere Truppen aus den
Krisenregionen der Welt abzuziehen, denjenigen, die
um des Friedens willen Risiken eingehen, den Rücken
zu kehren, unseren Widerstand gegen den Terrorismus zu schwächen, die Freiheit zu verringern, auf die
wir von Geburt an ein Recht haben - würde bedeuten,
dem Terrorismus einen Sieg zu verschaffen, den er
nicht erringen darf und nicht erringen wird.
In diesem Kampf ist die amerikanische Führungsrolle ebenso wie bei zahlreichen anderen Herausforderungen auf der ganzen Welt - unerläßlich. Bei der Über-

* *

Seite 4

nähme unserer Führungsrolle im Kampf gegen den
Terrorismus dürfen wir weder zögerlich noch arrogant
sein, sondern benötigen Realismus, Entschlossenheit
und Selbstvertrauen. Und wir müssen verstehen, daß
wir in dieser Schlacht mehr einsetzen müssen als
Polizisten und militärische Ressourcen. Jeder einzelne von Ihnen zählt - jeder Amerikaner zählt.
Unsere größte Stärke ist unser Selbstvertrauen. Und
das ist die Zielscheibe der Terroristen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Die Bomben, die Unschuldige töten oder verstümmeln, sind nicht wirklich
gegen diese Menschen gerichtet, sondern gegen den
Geist unseres ganzen Landes und den Geist der
Freiheit. Daher beinhaltet der Kampf gegen den
Terrorismus mehr als die von mir bereits angeordneten
oder angestrebten neuen Sicherheitsmaßnahmen.
Letztlich erfordert er die zuversichtliche Bereitschaft
des amerikanischen Volkes, seinen überzeugten
Einsatz für Freiheit und Frieden beizubehalten und die
unerläßliche Kraft für die Schaffung einer besseren
Welt zu Beginn eines neuen Jahrhunderts zu bleiben.
Diese Verantwortung ist enorm, und ich bin mir
bewußt, daß sie schwer auf vielen Amerikanern lastet.
Aber wir sollten diese Verantwortung bereitwillig
übernehmen, weil zum gegenwärtigen Zeitpunkt
niemand außer uns dasselbe für die Förderung von
Frieden, Freiheit und Demokratie leisten kann - und
weil es zum gegenwärtigen Zeitpunkt für Frieden,
Freiheit und Wohlstand in unserem eigenen Land
erforderlich ist.

* *

*

AMERIKA DIENST 16

�USA-ISRAEL
21. August 1996

Friedensprozeß könnte Israel zum "asiatischen Tiger"
des Nahen Ostens machen
Rede von Staatssekretär Stuart E. Eizenstat

TEL AVIV - (AD) - Der Staatssekretär im US-Wirtschaftsministerium, Stuart E. Eizenstat, erklärte in einer Rede am
6. August 1996 vor der israelisch-amerikanischen Handelskammer, man gehe davon aus, daß Israel das
Äquivalent eines "asiatischen Tigers" im Nahen Osten werden könnte, "falls Israel und seine Nachbarn auf dem
Weg zum Frieden bleiben".
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede von Staatssekretär Eizenstat.

Die israelisch-amerikanischen Beziehungen haben
sich so weit entwickelt, daß die US-Regierung nicht
mehr nur Auslandshilfe gewährt oder ein strategischer
Sicherheitspartner ist - so wichtig das auch sein mag.
Die Vereinigten Staaten haben jetzt auch die Rolle
eines strategischen Wirtschaftspartners übernommen,
der zu einem entscheidenden Zeitpunkt in der israelischen Geschichte einen Beitrag zum Aufbau einer
stärkeren und gesunderen israelischen Volkswirtschaft
leistet. Erstmals können wir uns jetzt gegenseitig als
echte Wirtschaftspartner betrachten und unsere
handeis- und wirtschaftspolitischen Differenzen von
unseren politischen und diplomatischen Belangen
trennen - wie wir es mit anderen Ländern tun. Wir
haben florierende Handelsbeziehungen im Volumen
von 12 Milliarden Dollar - ein 12prozentiger Anstieg im
Vergleich zum Vorjahr - womit Israel auf der Liste
unserer weltweiten Handelspartner an die 18. Stelle
rückt und im Nahen Osten unser zweitgrößter Handelspartner ist. Amerikanische Unternehmen haben in
Israel Investitionen im Wert von 3 Milliarden Dollar
getätigt. Unser Freihandelsabkommen wurde jetzt
nach einer zehnjährigen Einleitungsphase vollständig
in Kraft gesetzt. Unsere Wirtschaftsbeziehungen sind
stark - könnten jedoch sogar noch besser sein. Eine
unserer obersten handelspolitischen Prioritäten ist der
Abschluß des Abkommens über die Landwirtschaft,
das den israelischen Agrarmarkt noch stärker für
amerikanische Produzenten öffnen soll.

AMERIKA DIENST 16

Über die Jahre hinweg haben die Vereinigten Staaten
Israel Militär- und Wirtschaftshilfe in Milliardenhöhe
gewährt, was einen beträchtlichen Anteil

unserer

gesamten jährlichen Auslandshilfe ausmachte.
Ebenso wie in den vergangenen Jahren bleiben wir
einer Aufrechterhaltung unserer Wirtschafts- und
Militärhilfe für Israel verpflichtet. Gleichzeitig engagieren wir uns dafür sicherzustellen, daß Israel wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen kann. Daher
haben wir seit Anfang 1985 in systematischer partnerschaftlicher Arbeit mit Israel dem Land bei der notwendigen Reform seiner Wirtschaft geholfen.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Israel historisch gesehen keine nennenswerte Tradition freier Marktwirtschaft. Eine große Partei war sozialistisch, die andere
populistisch, und es gab nur eine winzige Partei, die
sich für die freie Marktwirtschaft einsetzte. Im Laufe
der letzten 50 Jahre entwickelte sich die israelische
Wirtschaft jedoch beträchtlich weiter. Von 1948 bis
1973 befand sich der Staat Israel in seiner Aufbauphase - einer Zeit beträchtlichen Wachstums und der
Entwicklung, in der eine moderne Infrastruktur geschaffen und Militärtechnologie von Weltklasse
entwickelt wurde. Die jährlichen Wachstumsraten
betrugen zwischen 1960 und 1973 bei einstelliger
Inflationsrate im Durchschnitt real 9 Prozent. Nach
dem Jörn Kippur-Krieg und der enormen Erhöhung des
Ölpreises durch die OPEC durchlief Israel seine zweite
Phase, in der die Militärlast des Landes wuchs und
sich das Wirtschaftswachstum verlangsamte. 12

Seite 1

�Jahre lang verzeichnete Israel fortgesetzt niedriges
Wachstum sowie erst zweistellige, dann dreistellige
Inflationsraten. Bis 1985 stieg die Inflation explosionsartig an - bis zu 400 Prozent -, es gab eine große
Konsumwelle, einen gefährlichen Run auf Devisenrücklagen, ein Haushaltsdefizit von bis zu 15 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts sowie Auslandsverschuldung in Höhe von netto 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
In dieser Zeit wurde eine dritte Phase in der Wirtschaftsgeschichte Israels eingeleitet. Die Koalitionsregierung von Shimon Peres und Jitzhak Shamir führte
harte und wirksame Steuerreformen durch. Zum
ersten Mal waren die Vereinigten Staaten direkt an der
Gestaltung der israelischen Volkswirtschaft beteiligt.
Die Vereinigten Staaten und Israel gründeten die
Gruppe für gemeinsame Wirtschaftschaftsentwicklung
(Joint Economic Development Group - JEDG) und
leiteten damit eine neue Ära in der Wirtschaftsgeschichte Israels ein. Dies war eine äußerst erfolgreiche Initiative, obwohl sie unter der vorherigen Administration brachlag. Unter der Clinton-Administration
haben wir sie erneut belebt, und letzten Herbst feierte
sie ihr zehnjähriges Bestehen. Sie half Israel bei der
Durchführung bedeutender ökonomischer Strukturreformen. Femer schlössen die Vereinigten Staaten und
Israel in diesem Zeitraum (1985) das Freihandelsabkommen ab, das heute vollständig in Kraft ist.
Angesichts des Zustroms von Einwanderern aus der
ehemaligen Sowjetunion sowie aus Äthiopien erkannte
Israel, daß es eine große Zahl von Flüchtlingen
aufnehmen würde. 1990 beschloß die israelische
Regierung, die US-Regierung um Bürgschaften für
Geschäftskredite zu bitten. Das Bürgschaftsprogramm
in Höhe von 10 Milliarden Dollar verschaffte Israel den
dringend benötigten Zugang zu Kapital, ohne seine
Abhängigkeit von amerikanischer Auslandshilfe zu
erhöhen. Israel setzte das Kreditbürgschaftsprogramm
erfolgreich zum Ausbau seiner Infrastruktur ein - eine
große Leistung der Regierung Rabin. Im Rahmen des
Kreditbürgschaftsprogramms baute Israel Straßen und
leitete größere Infrastrukturprojekte ein, die das Land
auf den Zustrom von Investitionen aus dem Ausland
vorbereiteten. Ohne diese Infrastruktur hätte Israel
keine ausländischen Investoren ins Land bringen oder
dort halten können.
Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens
von 1993 mit den Palästinensern und des Friedensvertrags mit Jordanien im Jahr 1995 begann die vierte
Phase in der israelischen Wirtschaftsgeschichte.
Israel hatte eine der niedrigsten Quoten ausländischer
Direktinvestitionen pro Kopf der Bevölkerung, und auf
vielen Märkten wurde durch den sekundären und
tertiären Boykott der Araber der Absatz israelischer
Produkte wirksam verhindert. Der Friedensprozeß hat
das dramatisch verändert. Tatsächlich gab es eine
echte Friedensdividende für Israel. Israel öffnete sich

Seite 2

der Welt, und die Welt öffnete sich Israel. Ausländische Investitionen, darunter Geld asiatischer und
sogar amerikanischer Unternehmen, die Israel früher
gemieden hatten, flössen ins Land und stiegen von
300 Millionen Dollar im Jahr 1993 auf 2 Milliarden
Dollar im Jahr 1996 an. Gleichzeitig kamen Waren
aus aller Welt nach Israel. Es gab einen starken
Anstieg israelischer Exporte auf Märkten, die durch
den Friedensprozeß geöffnet wurden. Die Exporte
erhöhten sich insgesamt von 16,7 Milliarden Dollar
1989 auf 29,7 Milliarden Dollar 1995. Die Exporte in
den Femen Osten wuchsen seit 1993 um 80 Prozent von 2,5 Milliarden Dollar 1993 auf 3,8 Milliarden Dollar
im letzten Jahr. Japan ist jetzt der zweitgrößte Absatzmarkt Israels, und der Anstieg israelischer Exporte
dorthin ist verblüffend - von 769 Millionen Dollar 1993
auf 1,3 Milliarden Dollar im Jahr 1995. Die israelischen
Exporte wuchsen auch auf anderen Märkten, beispielsweise Südamerika, wo sie von 319 Millionen
Dollar 1993 auf 454 Millionen Dollar 1995 anstiegen.
Israel ist für seine Hochtechnologieexporte von
Weltklasse bekannt, beispielsweise Computersoftware
und medizinisches Gerät.
Die Ergebnisse waren verblüffend.
Israel schuf
zwischen 1989 (1,6 Millionen Erwerbstätige) und 1995
(2 Millionen Erwerbstätige) eine halbe Million Arbeitsplätze und nahm während dieses Zeitraums noch
nahezu 730.000 Einwanderer aus der ehemaligen
Sowjetunion auf. Tatsächlich entspricht die Arbeitslosenrate der zwischen 1989 und 1991 Eingewanderten ungefähr der allgemeinen Arbeitslosenrate.
Insbesondere 1995 war ein bemerkenswertes Jahr, in
dem erstmals seit Jahrzehnten einstellige Inflations- (8
Prozent) und Arbeitslosenraten (6,1 Prozent) zu
verzeichnen waren. Israel hatte eine der höchsten
Wachstumsraten in den Industrieländern (7,1 Prozent)
- die höchste aller OECD-Staaten.
Ferner ist Israel der Nährboden für Ideen, die in
anderen Staaten Anwendung finden. Lange bevor
freier Handel modern wurde, lange vor dem NAFTA
und der Uruguay-Runde schlössen die Vereinigten
Staaten und Israel mit Blick auf die Zukunft ein Abkommen über die Beseitigung aller Zölle auf Produkte,
die zwischen den beiden Ländern gehandelt werden.
Nach einer zehnjährigen Einleitungsphase ist das
amerikanisch-israelische Freihandelsabkommen vollständig in Kraft, und unser bilateraler Handel stieg von
3,4 Milliarden Dollar 1984 auf nahezu 12 Milliarden
Dollar an.
Die konkrete Manifestation des israelischen Erfolgs
findet sich in den Zahlen. Die amerikanischen Direktinvestitionen in Israel belaufen sich jetzt nahezu auf 3
Milliarden Dollar, und mehr amerikanische Unternehmen als je zuvor betrachten Israel als ihr regionales
Hauptquartier im Nahen Osten. Über 200 amerikanische Unternehmen haben bereits in Joint-ventures
und 100prozentige Tochtergesellschaften in Israel

AMERIKA DIENST 16

�investiert. Die Vereinigten Staaten sind weiterhin
Israels größter Handelspartner.
Im Energie- und Infrastrukturbereich sind die Chancen
besonders groß.
Beispielsweise beteiligen sich
amerikanische Unternehmen an allen Stadien des
Projekts zum Ausbau des Ben Gurion-Flughafens bis
zum Jahr 2000. Amerikanische Firmen (General
Electric und Babcock &amp; Wilcox) sind die Hauptlieferanten von Turbinen und Boilern an die israelischen
Elektrizitätswerke. Und amerikanische Unternehmen
nutzen die sich durch den Bau von Autobahnen,
Schmalspurbahnen sowie Hafenausbau und -entwicklung bietenden Chancen.
Auch im Technologiesektor, der in den kommenden
Jahren die treibende Kraft der Weltwirtschaft sein wird,
wurden die amerikanisch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen gestärkt. Israel schuf auf den Gebieten
Elektronik, Computer, Informationsaustausch, Energie
und Landwirtschaft eine technologische Basis, die
schnell weltweite Anerkennung fand. Amerikanische
Firmen streben verstärkt Joint-ventures im Technologiebereich mit israelischen Unternehmen an. Das
amerikanische Unternehmen Intel gab vor kurzem
Pläne für den Bau eines Fabrikationsbetriebs im Wert
von 1,5 Milliarden Dollar in Kiryat Gat bekannt. Und
das ist erst der Anfang. Vergangene Woche in
Washington hatte ich die Ehre und das Vergnügen, im
Rahmen der Zusammenkunft der amerikanischisraelischen Wissenschafts- und Technologiekommission mit Wirtschaftsminister Kantor meinen Freund,
den Industrie- und Handelsminister Natan Sharansky
zu treffen. Sein Werdegang - von einem Refusenik im
Gefangenenlager der ehemaligen Sowjetunion zum
Minister im israelischen Kabinett innerhalb eines
kurzen Jahrzehnts - ist ein Beweis für seinen Mut und
seine Entschlossenheit, für die von Israel geschaffene
offene Gesellschaft und für die Kraft der zionistischen
Vision.
Viele von Ihnen wissen, daß die
Wissenschafts- und Technologiekommission zu einem
entscheidenden Zeitpunkt im Entwicklungszyklus
neuer, wettbewerbsfähiger Produkte Gelder bereitstellt
und zusätzlich auch Privatkapital aufbringt. Ferner
kombiniert sie technologisches Fachwissen und
unternehmerischen Weitblick aus unseren beiden
Ländern, wodurch ein großes Potential für Wachstum
und Chancen geschaffen wird. Dies ist ein weiteres
Beispiel dafür, wie Israel Ideen hervorbringt und wie
die Vereinigten Staaten und Israel durch Zusammenarbeit Präsident Clintons Vision der Schaffung von
Arbeitsplätzen im Hochtechnologiebereich unserer
beiden Länder für das 21. Jahrhundert verwirklichen.
Zu den Planungen der Kommission gehören ein
Projekt zur Elektrizitätserzeugung mit Solarenergie, ein
Aquakulturprojekt sowie die Ausstellung verschiedener
israelischer Technologien im Biotechnologiebereich.
Bis heute hat die Kommission 48 Millionen Dollar für
diese Projekte ausgegeben.

AMERIKA DIENST 16

Ein von mir vorgeschlagenes, besonders interessantes
Projekt der Kommission war, daß meine Behörde - die
internationale Handelsbehörde ITA - bei der Initiative
zur Konversion der Rüstungsindustrie mitwirkt. Dies
beinhaltet die Vermarktung israelischer Technologien
in den Vereinigten Staaten von Firmen, die den
schwierigen Übergang von Rüstungs- zu ziviler
Produktion vollzogen haben. Das Fachwissen der ITA
im Bereich der Vermarktung und passenden Zusammenstellung wird ein wichtiger Bestandteil bei der
Vorstellung dieser Technologien in unserem Land.
Zusätzlich
zu Joint-ventures
unterstützt
die
Wissenschafts- und Technologiekommission eine
Reihe von Infrastrukturprojekten wie von der Lebensmittelbehörde veranstaltete Unterrichtsstunden für
klinische Praktiken, die sowohl von der amerikanischen als auch der israelischen Pharmaindustrie gut
angenommen werden. Diese Harmonisierung der
Standards - auf die wir mit der Europäischen Union
durch Abkommen über gegenseitige Anerkennung
hingearbeitet haben - könnte enorme Profite für Israels
Pharmaindustrie und die Hersteller von medizinischen
Geräten bedeuten.
Diese bemerkenswerten Fortschritte in Israels vierter
Phase ergaben sich aus dem Zusammenspiel interaktiver Maßnahmen - den Vorteilen makroökonomischer
Disziplin, Strukturreformen und der Fortsetzung des
Friedensprozesses - die alle für dauerhafte Fortschritte
in dieser vierten Phase unerläßlich waren und sind.
Der Friedensprozeß öffnete gleichzeitig den
israelischen Binnenmarkt für ausländische
Investoren und Märkte im Ausland und brachte so für Israel eine wirkliche Friedensdividende.
Makroökonomische Disziplin unter der festen
Führung der Bank von Israel und eine niedrigere Inflationsrate zu einer Zeit explosionsartigen Wachstums. Dies wird nun ergänzt
durch eine willkommene, diszipliniertere
Haushaltspolitik der Regierung, mit der die
Notwendigkeit behoben wird, daß die Geldpolitik allein die Last der Inflationsbekämpfung
trägt.
Strukturreformen wie die Stärkung der Unabhängigkeit der Zentralbank und die Abschaffung von Restriktionen bei Kapitalkontrollen, so daß der Schekel jetzt eine international konvertierbare Währung ist und Fortschritte bei der Privatisierung, mit der die
Wirtschaft liberalisiert, der israelische Unternehmergeist freigesetzt sowie amerikanische
und ausländische Investitionen ermutigt
wurden.

Seite 3

�Diese Fortschritte sollten nicht als selbstverständlich
erachtet werden. Der Ministerpräsident hat angedeutet, daß er das Abkommen von Oslo umsetzen und
Friedensverhandlungen mit Syrien und dem Libanon
führen will. Dies ist für die Bewahrung des positiven
Umfelds für Israels andauernden und gemehrten
Wohlstand unerläßlich.
Ungeachtet all dieser positiven Entwicklungen können
und sollten die amerikanisch-israelischen Handelsbeziehungen noch enger und vielfältiger sein. Aus der
Handels- und Investitionsperspektive der Vereinigten
Staaten beträgt der amerikanische Marktanteil in Israel
nur ungefähr 20 Prozent des israelischen Importmarkts
- selbst nach der vollständigen Verwirklichung des
amerikanisch-israelischen Abkommens über eine
Freihandelszone von 1995 und selbst angesichts der
zunehmenden Effizienz und Transparenz des Importregimes. Im Gegensatz dazu hatte die Europäische
Union im Jahr 1995 einen Marktanteil von über 52
Prozent in Israel. Im vergangenen Jahr verzeichnete
Israel ein Handelsdefizit in Höhe von 8,7 Milliarden
Dollar mit der EU und einen Handelsüberschuß von
239 Millionen Dollar mit den Vereinigten Staaten obwohl die Vereinigten Staaten in den ersten sechs
Monaten dieses Jahres einen Handelsüberschuß
haben. Wir glauben nicht, daß die amerikanischen
Produkte den Anteil des israelischen Markts erhalten,
der ihnen zukommt. Ich stelle einen positiven Trend in
den gerade veröffentlichten Handelszahlen für die
erste Hälfte des Jahres 1996 fest. Unseres Erachtens
sollte es jedoch eine beträchtliche Erhöhung der
amerikanischen Exporte geben, zum Teil wegen der
Kreditgarantie in Höhe von 10 Milliarden Dollar. Im
zweiten aufeinanderfolgenden Jahr wurden die
Vereinigten Staaten als wettbewerbsfähigstes Land
der Welt eingestuft. Unsere Produkte und Dienstleistungen sind so gut wie alle anderen der Welt in
praktisch jedem Bereich und auf vielen Gebieten die
besten. Sie haben einen konkurrenzfähigen Preis und
werden durch exzellente Dienstleistungen unterstützt.
Die Tatsache, daß ich dies behaupten kann, deutet auf
den gesunden Zustand unserer einzigartigen Beziehungen hin, die jetzt so fest verwurzelt sind, daß wir
Handelsprobleme ohne die Sorge ansprechen können,
daß sie unsere unanfechtbaren, unerschütterlichen
politischen, militärischen und diplomatischen Beziehungen schwächen könnten.
Meiner Ansicht nach tritt Israel unter Ministerpräsident
Netanjahu in die fünfte Phase ein - in der Steuerdisziplin neu bekräftigt, die Inflation eingedämmt und
die letzten Relikte des Sozialismus durch grundlegende wirtschaftliche Umstrukturierung und Liberalisierung
überwunden werden. Wir sind optimistisch und erfreut
über Ministerpräsident Netanjahus Vorschläge zur
Förderung von Wirtschaftswachstum und Entwicklung.
Die Vereinigten Staaten unterstützen sein Programm
zum Abbau des Haushaltsdefizits, für Steuerdisziplin,
Deregulierung und Privatisierung uneingeschränkt.

Seite 4

Wir wollen Israels Wirtschaftspartner in der vielversprechenden wirtschaftlichen Zukunft sein, die dieses
Programm unseres Erachtens nach seiner Umsetzung
herbeiführen wird.
Ministerpräsident Netanjahus Haushaltsvorlage für das
nächste Fiskaljahr wird zur Vermeidung einer Konjunkturüberhitzung beitragen - die bereits wieder abkühlt und ein stärkerer Partner der Geldpolitik bei der
Bekämpfung der Inflation sein. Die Verwirklichung
dieses Programms ist unerläßlich.
Die nächste Phase sollte eine sein, in der Israel
wirtschaftlich als Modell für Entwicklungsländer auf der
ganzen Welt dient. Israel hat eine besondere Chance,
den Weg im Hinblick auf wirtschaftliche Umstrukturierung und Disziplin zu ebnen. Ein kritischer Bereich, in
dem Israel weltweit etwas bewirken kann, bestünde in
einer beträchtlichen Verbesserung seines restriktiven
Angebots bei den Telekommunikationsverhandlungen
der WTO. Israels letztes Angebot sah keine Rechte für
zusätzlichen Marktzugang über den Bezek und IBS
gewährten hinaus vor. Für die Vereinigten Staaten
und die Welt ist kein Wirtschaftssektor wichtiger. Ein
verbessertes Angebot von Israel würde einen Anreiz
für andere sich rasch entwickelnde Nationen darstellen. Wenn Bezek in Indien und der ehemaligen
Sowjetunion konkurrieren kann, hält das Unternehmen
auch dem Wettbewerb hier in Israel stand. Die
Vereinigten Staaten hoffen, daß Israel Bezeks Monopol bei den inländischen Telefondiensten und der
Telekommunikationsinfrastruktur durch ein WTOAngebot aufheben wird, in dem ein festes Datum für
die Beendigung der Exklusivrechte für inländische
sowie internationale Dienste und Einrichtungen
gesetzt, eine Prüfung des wirtschaftlichen Bedarfs für
Zellulardienste abgeschafft und die zur Zeit in Genf
ausgehandelten Regulierungsprinzipien zugunsten
des Wettbewerbs unterstützt werden. Das amerikanische Angebot erlaubt 100prozentige ausländische
Direktinvestitionen über das gesamte Spektrum des
Markts für Ortsgespräche, inländische Ferngespräche
und internationale Telefondienste in den Vereinigten
Staaten hinweg.
Der Ministerpräsident ist sich Israels Potential zu einer
weltweiten wirtschaftlichen Führungsmacht bewußt,
und wir unterstützen seine Pläne zum Abbau der
bürokratischen und sonstigen Hemmnisse, die das
Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit behinderten. Ungefähr 56 Prozent des israelischen Bruttoinlandsprodukts kommen aus staatlichen oder vom Staat
kontrollierten Wirtschaftsunternehmen. Wir unterstützen auch uneingeschränkt den Plan des Ministerpräsidenten zur Privatisierung der Banken und anderer
größerer Unternehmen in staatlichem Besitz, um noch
größere Investitionen anzuziehen. Er hat die Privatisierung von 50 der 160 staatlichen Unternehmen
bis zum Ende seiner Amtszeit zugesagt. Wir stimmen
mit dem Ministerpräsidenten überein, daß dies ein

AMERIKA DIENST 16

�entscheidender Teil von Israels Zukunft und ein Mittel
zur Anhebung des Lebensstandards ist.
Diese
Maßnahmen werden nicht nur weitere ausländische
Direktinvestitionen fördern, sondern auch Arbeitsplätze
schaffen und von direktem Vorteil für den israelischen
Privatsektor sein. Zweifelsohne werden die Pläne des
Ministerpräsidenten zur Einschränkung der Rolle des
Staates in der Wirtschaft zu Israels Wirtschaftswachstum, der Schaffung von Arbeitsplätzen und zum
Wohlstand des Landes beitragen.
Es steht außer Frage, daß Israel für eine Führungsrolle
im kommerziellen Umfeld des 21. Jahrhunderts
geeignet ist. Israel muß die Gelegenheit zur Vertiefung
der bereits weitreichenden Wirtschaftsreformen
ergreifen, die in den vergangenen Jahren unternom-

men wurden, und Ministerpräsident Netajahus Verpflichtung zur Privatisierung und Deregulierung wird
diese Reformen konsolidieren. Dieser Kurs wird zur
Bewahrung des bemerkenswerten Wirtschaftswachstums beitragen, dessen sich Israel dank des Friedensprozesses erfreut. Während die Volkswirtschaften in
der Region offener und integrierter werden, kann das
Wirtschaftswachstum in Israel noch größere Chancen
für Wachstum in der Region bieten, das wiederum
Frieden und Stabilität fördert. Die uns und Israel
konfrontierende Herausforderung ist klar: Wir müssen
sicherstellen, daß unsere Bestrebungen an der
diplomatischen und der wirtschaftlichen Front fortgesetztwerden und unser gemeinsames Ziel von Frieden
und Wohlstand auch im 21. Jahrhundert vorangebracht wird.

* *

AMERIKA DIENST 16

*

Seite 5

�WAHLEN
21. August 1996

Republikaner hoffen auf Belebung des Wahlkampfs
durch Dole-Kemp-Team
Entscheidung für den Vizepräsidentschaftskandidaten

SAN DIEGO - (AD) - In Amerika gibt es ein altes
Sprichwort, das besagt: "Die Politik bringt die verschiedensten Leute zusammen."
Wie sonst könnte man so ungleiche Teams wie
Präsident Kennedy und Vizepräsident Johnson im Jahr
1960 erklären? Oder Präsident Reagan und Vizepräsident Bush im Jahr 1980? Oder Bob Dole und Jack
Kemp im Jahr 1996?
All diese Teams waren bei vielen politischen Themen
entgegengesetzter Meinung, und dennoch sahen es
die Präsidentschaftskandidaten der jeweiligen Partei
als angebracht an, einen Mitkandidaten auf ihre
Wahlliste zu setzen, der Divergenz statt Kontinuität
versprach.
Am Vorabend des nationalen Parteikonvents der
Republikaner am 11. August 1996 kam der designierte
Präsidentschaftskandidat Dole an Bord einer Fähre in
Begleitung des Mitstreiters seiner Wahl, Kemp - einem
Mann, mit dem er sich seit 15 Jahren über Wirtschaftsfragen streitet - im Hafen von San Diego an.
Bis zur Ankündigung seines neuen Plans für Steuersenkungen in der vergangenen Woche führte Dole als
Führer der Republikaner im Senat den Kampf zum
Abbau des enormen Haushaltsdefizits an.
Kemp, der ehemalige Footballstar, der Politiker wurde,
ist seit langem ein Befürworter einer angebotsorientierten Wirtschaftspolitik, die Steuersenkungen vor den
Defizitabbau stellt, in der Annahme, dies würde zur
Ankurbelung des Wachstums beitragen, mehr Arbeitsplätze schaffen und damit mehr Einnahmen bringen.
Im Jahr 1988, als beide erfolglose Herausforderer des
damaligen Vizepräsidenten Bush bei der Nominierung
des republikanischen Präsidentschaftskandidaten
waren, äußerte Dole, daß Kemp sich so für die Gewerkschaften stark gemacht habe, ließe "einem die

AMERIKA DIENST 16

Haare zu Berge stehen", und Kemp sagte, für Dole
"gibt es keine Steuer, die er nicht erhöht".
An diesem Tag gab es jedoch nur Lächeln und
Einigkeit, als die beiden Männer der jubelnden Menge
erklärten, daß sie die Wahl im November zu gewinnen
dächten und Präsident Abraham Lincoln mit dem Satz
zitierten: "Gebt unserer Nation eine neue Geburt der
Freiheit", indem alle Steuern gesenkt werden und ein
ausgeglichener Haushalt angestrebt wird.
Die Delegierten des Parteitags kamen in San Diego
an, als Dole in seiner Heimatstadt Russell in Kansas
am 11. August offiziell seinen Entscheidung für Kemp
bekanntgab. Die Unterhaltungen in Hotelhallen und
Empfangsbereichen drehten sich kaum um ein anderes Thema. Der Mehrheitsführer des Repräsentantenhauses Dick Armey äußerte: "Man konnte fast einen
spontanen Freudenausbruch im ganzen Land vernehmen."
Von vielen politischen Beobachtern wurde es als
gewagt und unerwartet genug angesehen, um Doles
Wahlkampf anzuheizen. Die Parteiführer begrüßten
die Entscheidung und brachten ihre Hoffnung zum
Ausdruck, sie möge den Parteitag beleben und die
Wähler anregen, sich Dole noch einmal genauer
anzusehen. Der ehemalige Mehrheitsführer des
Senats liegt bei öffentlichen Meinungsumfragen immer
noch 20 Prozentpunkte hinter Präsident Clinton, aber
zumindest bei einer von der Washington Post durchgeführten holte Dole zehn Punkte auf, nachdem
bekannt wurde, daß Kemp der Spitzenkandidat ist.
Die Medien hatten davor über eine Reihe von Gouverneuren der Bundesstaaten spekuliert, aber in der
letzten Minute konzentrierte sich die Aufmerksamkeit
auf Kemp als einzigem Mitstreiter mit nationaler
Anerkennung.

Seite 1

�Doles Sprecher Nelson Warfield bezeichnete Kemp als
den "eloquentesten, effektivsten und erfahrensten
Befürworter von wachstumsfördernden Maßnahmen"
mit "bemerkenswerter Popularität auf dem gesamten
politischen Spektrum".

Nachdem er der Quarterback der Footballmannschaften San Diego Chargers und Buffalo Bills gewesen war, wurde Kemp in einem von Demokraten
dominierten und von Arbeitern bewohnten Wahlbezirk
in Buffalo zum Kongreßabgeordneten gewählt.

Ein früherer Rivale Doles, der Unternehmer Steve
Forbes, äußerte, das "Dream Team" Dole-Kemp würde
Unabhängige und Demokraten ins Lager der Republikaner ziehen.

Er wurde als lautstarker Gegner von Kommunismus
und Abtreibung bekannt, bekämpfte aber auch Kürzungen der Sozialleistungen. Kemp erklärte, er habe
beim Profisport enge Beziehungen zu Afro- und
Hispanoamerikanern geknüpft, was seine Ansichten
über berufliche Gleichstellung beeinflußt habe Ansichten, die ihm oftmals Zwistigkeiten mit vielen
seiner Parteikollegen bescherten.

Einige mutmaßten, daß Kemp attraktiv für Frauen ist eine Gruppe, die Clinton gegenüber Dole bevorzugt.
Selbst die Anführerin der Abtreibungsbefürworter unter
den Republikanern, Ann Stone, fand nette Worte und
erklärte, auch wenn Kemp Abtreibungsgegner sei,
verfüge er doch über die Fähigkeit zur Überbrückung
von Meinungsverschiedenheiten und "erreicht Wähler,
die die Republikaner für gewöhnlich ignorieren Minderheiten, ethnische Gruppen und Gewerkschaftsmitglieder."
Aber obwohl Analysten einräumen, daß Kemp dem
Wahlkampfteam Energie und Schwung verleihen wird
und auch für die Bürger, die traditionell nicht republikanisch wählen, attraktiv ist, fragen sie sich, ob das
ausreicht.
Als Reaktion auf die Entscheidung Doles erklärte der
Wahlkampfsprecher Präsident Clintons, Joe Lockhart,
dies sei ohne Bedeutung, da der Vizepräsidentschaftskandidat "bei den meisten Wahlkämpfen keine klar
definierte Rolle" habe. Berichten zufolge war der
Präsident jedoch "schockiert" und erklärte vor Journalisten, er hätte erwartet, daß sein republikanischer
Rivale sich für einen anderen Vizepräsidentschaftskandidaten entscheiden würde.
Manche Beobachter sehen es als mögliches Problem
an, daß Kemp dafür bekannt ist, seine Meinung zu
sagen, obwohl er erklärtermaßen weiß, daß Dole im
Wahlkampfteam an erster Stelle steht. Mitglieder der
religiösen Rechten äußerten Besorgnis darüber, daß
Kemp zwar als Konservativer angesehen wird, jedoch
auch einige freiheitliche Tendenzen aufweist. In
Kalifornien verärgerte er viele Konservative gegen
Ende des Wahlkampfs 1994, als er Kritik an einem
örtlichen Volksbegehren äußerte, scharf gegen die
Inanspruchnahme von Sozialleistungen durch illegal im
Land lebende Ausländer vorzugehen.
Kemp erklärte, wenn die Republikanische Partei nicht
die "Partei von Reformen, Wandel, Fortschritt und
Zukunft" werde, geriete sie "in die Defensive" und
würde schließlich nur noch "auf den Zusammenbruch
der Clinton-Administration hoffen. Das ist keine Art,
einen Präsidentschaftswahlkampf zu führen."

Seite 2

Kemps Wirkung auf Afroamerikaner ist einer der
größten politischen Aktivposten, die er in den Wahlkampf einbringt. Traditionell wählt ein großer Teil
dieser Bevölkerungsgruppe die Demokratische Partei.
Kemp ist auch für seine umstrittenen Ideen bekannt,
beispielsweise eine 33prozentige Steuersenkung, die
1981 schließlich zum Kern von Präsident Reagans
erfolglosen Steuerplänen wurde.
1988 gab Kemp freiwillig seinen Sitz im Kongreß auf,
um sich erfolglos um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner zu bewerben und
beteiligte sich als "progressiver Konservativer" kurze
Zeit am Wahlkampf. Aber weder die Konservativen
noch die Progressiven seiner Partei fühlten sich
damals von ihm angesprochen.
Präsident Bush ernannte ihn später zum Minister für
Wohnungsbau und Stadtentwicklung.
In dieser
Eigenschaft verfolgte er energisch zwei Ideen: Städtische Unternehmenszonen zur Ermutigung von
Wirtschaftswachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen in armen Wohngebieten sowie Eigentumsrechte der Mieter an Sozialwohnungen.
Eigenen Angaben zufolge begann Kemp während
seiner Zeit als Wohnungsbauminister in seiner Partei
auf die Einbeziehung von Minderheiten und Armen zu
drängen sowie Maßnahmen zum Wiederaufbau des
städtischen Amerika zu ergreifen.
1993 war Kemp eines der Gründungsmitglieder der
konservativen Denkfabrik "Empower America", die
freie Marktwirtschaft und Kapitalismus, Wachstum von
Arbeitsplätzen und sozialpolitische Maßnahmen
fördert, welche den Menschen und nicht der staatlichen Bürokratie mehr Befugnisse verleihen.
Jack Kemp wurde am 13. Juli 1935 in Los Angeles
geboren und erwarb am Occidental College sein
Bakkalaureat. Er hat mit seiner Frau Joanne vier
erwachsene Kinder und mehrere Enkelkinder.

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�WAHLEN
21. August 1996

Beim Präsidentschaftswahlkampf wird Amerika
der Spiegel vorgehalten
Rede von Bob Dole beim nationalen Parteikonvent der Republikaner

SAN DIEGO - (AD) - Der Präsidentschaftswahlkampf ist "mehr als ein Wettstreit zwischen Kandidaten, mehr als
die Auseinandersetzung mit entgegengesetzten Philosophien - beim Wahlkampf wird Amerika der Spiegel
vorgehalten", erklärte Bob Dole in seiner Dankesrede für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der
Republikaner am 15. August 1996.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Bob Dole im Wortlaut.

Meine Damen und Herren, sehr geehrte Delegierte,
liebe Mitbürger,
ich möchte mit einfachen Worten klar und deutlich
sagen: Ich nehme Ihre Nominierung an, unsere Partei
erneut zur Präsidentschaft zu führen. Ich bin zutiefst
bewegt durch Ihr Vertrauen und Ihre Zuversicht und
sehe der Aufgabe erwartungsvoll entgegen, Amerika in
das nächste Jahrhundert zu geleiten.
Dies ist jedoch nicht meine Stunde. Es ist Deine
Stunde, Elizabeth. Es ist Deine, Robin. Es ist Eure
Stunde, Jack und Joanne Kemp.
Und denken Sie nicht, ich hätte vergessen, wessen
Stunde dies vor allem ist. Für das amerikanische Volk
stehe ich heute abend hier, das mir diese Gelegenheit
geboten hat. Und während meine Stimme in der
Dunkelheit und in der Wüste widerhallt, während sie in
Autoradios und auf Küstenstraßen vernommen wird,
und während sie über Ackerland und in die Vororte
getragen wird, tief in das Zentrum von Städten, die
heute nacht, aus dem All gesehen, einer Kette glitzernder Diamanten gleichen, kann ich Ihnen sagen, daß
ich weiß, wessen Stunde dies ist: Es ist Ihre Stunde.
Und wer steht vor Ihnen?
Ich wurde in Russell in Kansas geboren, einer kleinen
Stadt mitten in der Prärie, umgeben von Weizenfeldern
und Bohrtürmen. Wie meine Freunde und Nachbarn
aus Russell, die heute abend hier vorne im Saal sitzen,

AMERIKA DIENST 16

gut wissen, blickt Russell, obwohl es nicht der Westen
ist, auf den Westen. Wie die meisten Kleinstädte in der
Prärie ist es ein Ort, an dem niemand ohne gründliche
Kenntnis der Distanz aufwächst. Und das erste, was
man über die Prärie lernt, ist die relative Größe eines
Menschen im Vergleich zur Weite des Landes. Unter
dem unendlichen Himmel, unter dem ich geboren
wurde und aufwuchs, ist ein Mensch sehr klein - und
wenn er etwas anderes denkt, hat er unrecht.
Meine Eltern sind gute Menschen, sehr gute Menschen, und ich bin stolz darauf. Mein Vater heißt
Doran, meine Mutter Bina. Ich hatte sie sehr lieb - und
es gibt keinen Augenblick, an dem meine Erinnerung
an sie und meine Liebe für sie nicht hinter allem steht,
das ich tue - selbst hier heute abend. Es gibt keine
Höhe, zu der ich aufgestiegen bin, die hoch genug
wäre, mich sie vergessen zu lassen, zu vergessen, wo
ich herkomme, wo ich stehe und wie ich hier stehe nur ein Mensch, der Gnade Gottes ausgeliefert.
Diese Perspektive wurde durch das Wissen gestärkt
und verfestigt, das ich nicht meiner eigenen Leistung
verdanke, sondern den gütigen Segnungen des Alters.
Ich weiß, daß manche denken, ich müßte vor dieser
Wahrheit davonlaufen. Ich wurde 1923 geboren Fakten sind besser als Träume - und gute Präsidenten
und gute Kandidaten laufen vor der Wahrheit nicht
davon.
Ich brauche die Präsidentschaft nicht, um meine Seele
zu erneuern. Diesen Trugschluß werde ich gerne

Seite 1

�anderen überlassen, denn Größe liegt nicht in dem
Amt, das man innehat, sondern darin, wie ehrlich man
ist, wie man sich Mißgeschicken stellt und wie man
unerschütterlich die Härten des Lebens erträgt.

Geschichte zurückreichen, reißt die Grundpfeiler
dieser Werte - Gott, Familie, Ehre, Pflicht, Vaterland nicht nieder, die uns im gesamten Verlauf der Zeit
zusammengebracht haben.

Das Alter hat seine Vorteile. Lassen Sie mich die
Brücke zu einem Amerika sein, das nur die Unwissenden als Mythos bezeichnen. Lassen Sie mich die
Brücke zu einer Zeit der Ruhe, des Glaubens an das
Handeln und des Vertrauens darauf sein. Denjenigen,
die sagen, das war nie so, Amerika war nie besser,
sage ich, Ihr habt unrecht, und ich weiß es, weil ich
damals gelebt habe. Ich habe es gesehen. Ich
erinnere mich.

Denjenigen, die glauben, ich sei zu kämpferisch, sage
ich, wenn ich kämpferisch bin, dann aus Liebe zu
unserem Land. Ich bin es, um einen Standard aufrechtzuerhalten, den zu verteidigen ich geboren und
erzogen wurde. Und denjenigen, die glauben, ich sei
zu kompromißbereit, sage ich, in der Politik ist ein
ehrbarer Kompromiß keine Sünde, sondern das, was
uns vor Absolutismus und Intoleranz schützt. Man darf
jedoch nie Kompromisse bezüglich Gott, Familie, Ehre,
Pflicht und Vaterland schließen.

Obwohl verwundet und vernichtet, hat unsere Nation
den Unabhängigkeitskrieg, den Bürgerkrieg, die
Weltkriege, rassische Unterdrückung und wirtschaftliche Katastrophen überdauert. Wir haben auf praktisch
jedem Kontinent und auf praktisch jedem Meer gekämpft und überdauert. Wir haben sogar verloren,
aber wir haben überdauert, und wir sind immer
durchgekommen.
Was uns zu diesen Leistungen verholten hat, hat
wenig mit den heutigen Werten zu tun. Was haben wir
erreicht, was haben wir geschaffen, was haben wir nach Jahrzehnten der Angriffe auf das, was Amerika
zur Größe verholten hat, auf angeblich veraltete
Werte? Der Meinung vieler Amerikaner nach haben
wir Verbrechen, Drogen, uneheliche Kinder, Abtreibung, die Nichterfüllung der Pflicht und verlassene
Kinder. Und nach der sprichwörtlichen Zerstörung der
amerikanischen Familie, dem Fels, auf dem dieses
Land gegründet wurde, wird uns gesagt, wir benötigen
ein Dorf - das heißt das Kollektiv und damit den Staat um ein Kind großzuziehen.
Der Staat ist mehr als je zuvor mit der Erziehung von
Kindern befaßt, und Kinder werden heute mehr
vernachlässigt, mißbraucht und mißhandelt als zu
unserer Zeit. Das ist kein Zufall, und bei allem gebührenden Respekt stehe ich hier, um Ihnen zu sagen:
Man braucht kein Dort, um ein Kind großzuziehen.
Man braucht eine Familie.
Wenn ich durch ein Wunder jedem Kind, das keinen
Vater oder keine Mutter hat, diesen Vater oder diese
Mutter wiedergeben könnte, würde ich es tun. Und
obwohl ich das nicht kann, würde ich ihnen nie meinen
Rücken zukehren, und als Präsident werde ich
Maßnahmen fördern, die Familien zusammenhalten.
Ich stehe hier, um Ihnen zu sagen, daß tabufreies und
zerstörerisches Verhalten abgelehnt werden muß, daß
Ehre und Freiheit wiederhergestellt werden müssen
und die Rechenschaftspflicht des einzelnen wieder an
die Stelle der kollektiven Entschuldigung treten muß.
Ich stehe hier, um Amerika zu sagen, gebt die großen
Traditionen nicht auf, die in die Anfänge unserer

Seite 2

Ich bin hier, um einen Maßstab zu setzen, damit alle
wissen, daß man es in der Politik zu etwas bringen
kann, wenn diese Dinge fest im Kopf verankert sind ohne Konzessionen und nie aufgegeben. Denn die
alten Werte haben Bestand. Obwohl sie in Vergessenheit geraten sein mögen und obwohl sie aufgegeben
werden, haben sie Bestand. Ich weiß, daß es stimmt.
Und jedem, der glaubt, daß Zurückhaltung, Ehre und
Vertrauen in das Volk der Regierung nicht wiedergegeben werden können, sage ich, folgt mir.
Nur das richtige Verhalten unterscheidet eine große
Nation von einer, die nicht über sich selbst hinauswachsen kann. Das war nie anders. Richtiges
Verhalten, jeden Tag, auf jeder Ebene, in allen Facetten des Lebens. Die Entscheidung eines Kindes,
keine Drogen zu nehmen; eines Schülers, nicht zu
pfuschen; einer jungen Frau oder eines jungen
Mannes, zu dienen, wenn sie einberufen werden;
eines Drehbuchautors, den Bergen von Müll nicht noch
weiteren hinzuzufügen; eines Geschäftsmannes, nicht
zu bestechen; eines Politikers, eine Stimme abzugeben oder eine Maßnahme zu ergreifen, die sein
Amt oder seine Siegeschancen aufs Spiel setzen, die
jedoch richtig ist. Warum haben so viele von uns - und
ich schließe mich nicht aus, denn ich bin auch kein
Vorbild an Perfektion - so lange diesen Test nicht
bestanden?
Die Antwort ist kein Geheimnis. Sie ist im Gegenteil
sehr einfach und kann ganz einfach gegeben werden.
Es liegt daran, daß wir zu lange eine Führung hatten,
die nicht bereit war, die Wahrheit zu riskieren, ohne
Kalkül zu sprechen, sich zu opfern - eine Administration, die dies Tag für Tag vermittelt, bis es wie ein
Regen herniederprasselt. Und der Regen wird zu
einem Fluß und der Fluß zu einer Überschwemmung.
Was ist wichtiger - Reichtum oder Ehre? Es geht nicht
um "die Wirtschaft, Du Dummerchen", wie die Sieger
vor vier Jahren sagten. Es ist die Nation, die wir sind.
Es hängt davon ab, ob wir die Intelligenz und Entschlossenheit besitzen, uns mit vielen Fragen zu
befassen - einschließlich Wirtschaftsfragen, aber

AMERIKA DIENST 16

�sicherlich nicht ausschließlich. Reichtum oder Armut
sind nicht für alles verantwortlich. Das weiß ich aus
erster Hand und Sie ebenfalls. Alles ergibt sich
daraus, was richtig ist. Der Triumph dieser Nation liegt
nicht in ihrem materiellen Wohlstand, sondern in Mut,
Opferbereitschaft und Ehre. Wir tendieren dazu, dies
zu vergessen, wenn unsere Politiker es vergessen,
und uns daran zu erinnern, wenn sie sich daran
erinnern.
Das hohe Amt der Präsidentschaft erfordert nicht eine
kontinuierliche Vierjahreskampagne zur Wiederwahl,
sondern vielmehr umfassende Übersicht über drei
unerläßliche Bereiche und die Konzentration darauf das Überleben des Materiellen, der Moral und der
Nation, und zwar in dieser aufsteigenden Rangfolge.
Bei der letzten Präsidentschaftswahl wurden Sie - das
Volk - zutiefst beleidigt. Ihnen wurde gesagt, das
Materielle sei nicht nur das Wichtigste dieser drei,
sondern in der Tat das einzig Ausschlaggebende.
Diese Meinung teile ich in keiner Weise. Niemand
kann die Bedeutung des materiellen Wohlergehens
leugnen. Und in dieser Hinsicht ist es Zeit für die
Erkenntnis, daß wir zu viel unserer wirtschaftlichen
Freiheit aufgegeben haben.
Ich weiß den Wert der wirtschaftlichen Freiheit nicht so
sehr im Hinblick auf das zu schätzen, was sie getan
hat, um uns zu ernähren, sondern vielmehr im Hinblick
auf das, was sie getan hat, um unsere Freiheit zu
bewahren. Die Freiheit des Marktes ist nicht nur der
beste Garant unseres Wohlstands, sie ist der Hauptgarant unserer Rechte. Eine Regierung, die zum Wohl
des Volkes die Kontrolle der Wirtschaft übernimmt,
wird schließlich zum Wohl der Wirtschaft die Kontrolle
des Volkes übernehmen.
Unsere Gegner stellen das Recht auf den Genuß der
Früchte unserer Zeit und Arbeit als eine Art Egoismus
dar, den sie zum Wohle der Nation bekämpfen müssen. Sie haben jedoch zutiefst unrecht, denn wenn sie
sich selbst die Befugnis übertragen, dem Volk sein
Einkommen wegzunehmen und seine Aktivitäten zu
dirigieren, kämpfen sie nicht zu unserem Wohl,
sondern um die Macht, uns sagen zu können, was wir
tun müssen.
Sie arbeiten vom 1. Januar bis zum Mai, nur um Ihre
Steuern zu bezahlen, damit die Regierungspartei ihre
Prioritäten mit dem Schweiß Ihres Angesichts befriedigen kann, weil sie denkt, was Sie mit Ihrem Geld
machen würden, wäre moralisch und praktisch sehr
viel weniger bewundernswert als das, was sie damit
tun würde. Das muß einfach ein Ende haben. Es ist
erniedrigend für die Nation, daß innerhalb der ClintonAdministration ein Korps der Elite, die nie erwachsen
wurde, die nie wirklich etwas geleistet hat, die nie
Opfer gebracht hat, nie gelitten und nie gelernt hat, die

AMERIKA DIENST 16

Macht haben sollte, mit Ihrem Einkommen ihre dubiosen und eigensüchtigen Pläne zu finanzieren.
Irgendwo konnte eine Großmutter es sich nicht leisten,
ihre Enkelin anzurufen, oder ein Kind hatte kein Buch,
oder eine Familie konnte sich nicht ihr erstes Haus
kaufen, weil einfach nicht genug Geld da war, um den
Anruf zu machen, das Buch zu kaufen oder die
Hypothek zu bezahlen - oder, davon abgesehen, viele
andere Dinge zu tun, die man das Recht und häufig die
Pflicht hat zu tun.
Warum? Weil irgendein Genie in der Clinton-Administration das Geld zur Finanzierung einer weiteren
Theorie, eines weiteren Programms und von noch
mehr Bürokratie genommen hat. Kümmert sie sich um
Sie oder kümmert sie sich um sich selbst?
Ich habe mir diese Frage gestellt, und ich sage, laßt
das Volk frei sein.
Frei, soviel von dem zu behalten, was es verdient,
während die Regierung mit aller Macht bestrebt ist,
nicht zu nehmen, und nicht umgekehrt.
Ich vertraue dem amerikanischen Volk, daß es im
besten Interesse des Volkes arbeitet. Und ich glaube,
daß jede Familie, jeder Lohnempfänger und jedes
kleine Unternehmen in Amerika es besser machen
kann - wenn wir nur die richtige Politik in Washington
haben.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Mein Wirtschaftsprogramm ist die richtige Politik für Amerika.
Sie wird folgendes für Sie bedeuten.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der den Kongreß zur Verabschiedung eines
Verfassungszusatzes über einen ausgeglichenen
Haushalt und seine Weiterleitung an die Bundesstaaten zur Ratifizierung auffordert.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten und einen
Kongreß haben werden, die den Haushaltsausgleich
bis zum Jahr 2000 herbeiführen müssen.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der die Steuern für jeden Steuerzahler in
Amerika um 15 Prozent senkt - dazu zählt ein Steuerfreibetrag in Höhe von 500 Dollar pro Kind für einkommenschwache Familien und solche mit mittlerem
Einkommen. Die Steuern für eine vierköpfige Familie
mit einem Einkommen von 35.000 Dollar würden um
mehr als die Hälfte gesenkt - 56 Prozent, genau
gesagt.
Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der das Finanzamt, wie wir es kennen,
abschafft.

Seite 3

�Sie bedeutet, daß Sie einen Präsidenten haben
werden, der die Rentenkonten des einzelnen aufstockt,
Präsident Clintons Steuererhöhung auf die Sozialversicherung rückgängig macht, Erleichterungen bei
der Grundbesitzsteuer einführt, staatliche Bestimmungen abbaut, unser bürgerliches Gesetzbuch reformiert,
Stipendien im Bildungswesen und eine Reihe anderer
Vorschläge bereitstellt, die für alle Amerikaner bessere
Chancen schaffen.
Und das ist noch nicht alles. Im Zusammenarbeit mit
Jack Kemp und einem republikanischen Kongreß
werde ich mich nicht zufrieden geben, bis wir unser
gesamtes Steuersystem reformiert und es fairer und
einfacher gemacht haben.
Das Prinzip, um das es hier geht, ist altbewährt und
wahr: Es ist Ihr Geld. Sie sollten sich nicht dafür
entschuldigen müssen, daß Sie das behalten wollen,
was Sie verdienen. Im Gegenteil, die Regierung sollte
sich dafür entschuldigen, daß sie so viel davon
wegnimmt. Die Clinton-Administration versteht es
einfach nicht: Sie denkt, sie führe die Aufsicht über Sie.
Und deshalb muß sie gehen.
Der Präsident ist zufrieden mit der Lage der Dinge. Ich
nicht. Wir müssen uns zu einem sehr viel ehrgeizigeren Weg verpflichten, der Wachstum - erweiterte
Chancen, steigende Einkommen, vermehrten Wohlstand - zum Kernstück unserer nationalen Politik
macht. Wir müssen uns zu einer Handelspolitik
verpflichten, die nicht den Verdienst drückt und
amerikanische Arbeitsplätze bedroht. Die Handelspolitik der Clinton-Administration war in jeder Hinsicht
ein Desaster. Die Handelsdefizite steigen ins Unermeßliche und Familien mit mittlerem Einkommen
zahlen den Preis.
Meine Administration wird unsere Handelsgesetze
vollständig in Kraft setzen, effektive Handelsabkommen vereinbaren und nicht zulassen, daß unsere
nationale Souveränität durch die Welthandelsorganisation oder irgendein anderes Gremium beeinträchtigt
wird.
Meine Damen und Herren, Jack Kemp und ich werden
das Versprechen Amerikas wiederherstellen und die
Wirtschaft wieder in Gang bringen, und wir werden es
tun, ohne irgend jemanden zurückzulassen. Ich habe
im Verlauf meines Lebens und aus eigener Erfahrung
gelernt, daß nicht jeder Mann, jede Frau oder jedes
Kind es alleine schaffen kann. Daß in einer Zeit der
Not die Regierung selbst die Brücke zwischen Scheitern und Erfolg sein kann. Und angesichts all dessen,
was ich erfahren habe, werde ich mich immer an
diejenigen in Not erinnern. Aus diesem Grund habe
ich 1983 dazu beigetragen, das Sozialversicherungssystem zu retten und aus diesem Grund werde ich der
Präsident sein, der Medicare erhalten, geschützt und
verbessert hat.

Seite 4

Ich werde auch niemals den Mann vergessen, der im
Zug von Kansas nach Michigan reiste, um seinen
Sohn zu besuchen, der in einem Armeehospital im
Sterben lag. Als er ankam, waren seine Füße geschwollen und er konnte kaum laufen, weil er die Reise
von Kansas nach Michigan die meiste Zeit im Stehen
zurücklegte.
Wer war dieser Mann? Er war mein Vater. Mein Vater
war arm. Und ich hatte meinen Vater sehr lieb.
Können Sie sich je vorstellen, daß ich mein Versprechen gegenüber Amerikanern in Not nicht erfüllen
werde, während ich die Gesetze unterzeichne, die die
Wirtschaft von ihren Fesseln befreien. Sie können
sicher sein, daß ich das tun werde, denn etwas
anderes hieße, an denjenigen Verrat zu begehen, die
ich am meisten liebe und ehre, und ich will niemanden
im Stich lassen.
Jetzt möchte ich über Einwanderung sprechen. Das
Recht und die Pflicht einer souveränen Nation zur
Kontrolle ihrer Grenzen steht außer Frage. Wir dürften
keinen einzigen illegalen Einwanderer im Land haben.
Die Frage der Einwanderung ist jedoch umfassender,
und ich möchte spezifisch darauf eingehen. Eine
Familie aus Mexiko, die heute morgen - legal - hier
ankam, hat ebenso ein Recht auf den Amerikanischen
Traum wie die direkten Nachkommen der Gründerväter.
Die Republikanische Partei ist umfassend und bezieht
alle ein. Sie vertritt viele Meinungen und viele Gesichtspunkte. Wenn es jedoch jemanden gibt, der sich
fälschlicherweise in dem Glauben der Partei angeschlossen hat, daß wir nicht für Bürger jeder Rasse
und Religion offen seien, dann will ich Sie an folgendes
erinnern:
Heute abend gehört dieser Saal der Partei von Lincoln,
und die deutlich gekennzeichneten Ausgänge sind für
Sie da, damit sie hinausgehen können, während ich
hier stehe und diesen Boden verteidige - ohne Kompromiß.
Obwohl ich nur zu Washington und Lincoln aufsehen
kann, möchte ich Sie an ihre Sorge um die manchmal
zerbrechliche Einheit der Menschen erinnern. Der
Gedanke, daß wir ein Volk sind und sein sollten, statt
die "Völker" der Vereinigten Staaten, scheint so
selbstverständlich und offenkundig, daß ich mir kaum
vorstellen kann, ihn verteidigen zu müssen. Als ich in
Kansas aufwuchs, war für mich klar, daß mein Stolz
und mein Zuhause in Amerika sind, nicht in irgendeiner
Splitter- oder Untergruppe. Und damit bewahrte ich wie ich es bis zum heutigen Tag tue -Washingtons
eloquente Ablehnung von Parteigeist. Ich ehrte - wie
ich bis zum heutigen Tag tue - Lincolns Worte, sein
Leben und sein Opfer.

AMERIKA DIENST 16

�Das Prinzip der Einheit hat uns bei all unseren Erfolgen begleitet. Die 10. Gebirgsjägerdivision, bei der ich
in Italien diente, und die schwarzen Truppen der 92.
Division, die in der Nähe dienten, waren für mich ein
erneuter Beweis der Wahrheit, die ich hier zu vermitteln versuche. Der Krieg wurde nur eine Generation nach Amerikas größter und intensivster Einwanderungsperiode geführt. Und dennoch, als das Blut
der Söhne der Einwanderer und der Enkel der Sklaven
auf ausländische Schlachtfelder fiel, war es amerikanisches Blut. Darin konnte man nicht die ethnischen
Eigenheiten des Soldaten lesen, der neben einem
starb. Es war ein Amerikaner. Und wenn ich daran
denke, wie wir diese Lektion gelernt haben, frage ich
mich, wie wir sie je vergessen konnten.
Wird das Prinzip der Einheit, um das so hart und auf
Kosten so vieler Menschenleben gekämpft wurde, das
in unserer Geschichte immer wieder und zu solch
einem schrecklichen Preis umkämpft wurde, allmählich
dem Drang zu trennen geopfert? Müssen wir dem
sinnlosen Drang nachgeben, das auseinanderzubrechen, was schön, ganz und gut ist?
Ich fordere jeden Amerikaner auf, sich über all das zu
erheben, was uns trennen könnte und die Einheit der
Nation zu Ehren der vergangenen und um der kommenden Generationen willen zu verteidigen.
Die Verfassung der Vereinigten Staaten schreibt
gleichen Schutz im Rahmen des Gesetzes zwingend
vor. Das ist keine verschlüsselte Sprachregelung für
Rassismus - sie spricht sich eindeutig dagegen aus.
Und der Leitstern meiner Administration wird sein, daß
wir in diesem Land keine Rangordnung per Geburt,
keinen Anspruch auf Bevorzugung aufgrund der Rasse
und keine Erwartung eines Urteils haben können, das
anders als unparteiisch ist. Wir können das Ergebnis
nicht garantieren, aber wir werden die Chance garantieren.
Ich werde offen über ein anderes bedeutendes Thema
sprechen. Wir gewähren nicht allen Kindern Bildung.
Zu viele sind gezwungen, sich den Unbilden des
Augenblicks zu stellen. Nicht umsonst geben wir am
meisten für Bildung aus und zählen zu denjenigen mit
der geringsten Leistung in den führenden Industrienationen.
Die Lehrergewerkschaft nominierte Bill Clinton im Jahr
1992, sie finanziert jetzt seine Wiederwahl, und sie seine zuverlässigsten Anhänger - wissen, daß er den
Status quo aufrechterhalten wird.
Ich sage dies nicht den Lehrern, sondern ihren
Gewerkschaften: Wenn sich die Bildung im Krieg
befände, würden Sie ihn verlieren. Wenn sie ein
Geschäft wäre, würden Sie es in den Bankrott treiben.
Wenn sie ein Patient wäre, würde er sterben.

AMERIKA DIENST 16

Den Lehrergewerkschaften sage ich, wenn ich Präsident bin, werde ich Ihre politische Macht um unserer
Kinder, der Schulen und der Nation willen ignorieren:
Ich beabsichtige Ihr Vokabular um die Worte zu
erweitern, die Sie fürchten - freie Schulwahl, Wettbewerb und Stipendien - damit Sie wie wir alle rechenschaftspflichtig sind, während andere mit Ihnen um das
lobenswerte Prinzip konkurrieren, unseren Kindern
wirkliche Bildung zu vermitteln. Es gibt keinen Grund,
warum diejenigen, die an irgendeiner Straße in
Amerika leben, nicht dasselbe Recht wie jemand
haben sollten, der an der Pennsylvania Avenue 1600
wohnt - das Recht, sein Kind auf die Schule seiner
Wahl zu schicken. Wenn wir weniger Verbrechen,
Drogenmißbrauch oder Teenagerschwangerschaften
haben wollen, sollten wir damit anfangen, allen
amerikanischen Kindern eine Bildung erster Klasse zu
geben.
Ich möchte auch, daß diese Kinder ein Land erben,
das sehr viel sicherer ist als zur Zeit. Ich strebe für
unsere Kinder und Enkelkinder eine Welt an, die
offener ist und mehr Chancen bietet als je zuvor. Aber
wenn ich möchte, daß diese jungen Amerikaner das
Beste daraus machen können, dann möchte ich als
allererstes, daß sie sicher sind. Ich möchte den
Schatten lüften, der die Chancen für jede Frau, jeden
Mann und jedes Kind in Amerika verdunkelt. Wir sind
eine durch Verbrechen gelähmte Nation, und es ist an
der Zeit, das zu beenden.
Um das zu tun, werde ich die Ursache der Verbrechen
bekämpfen - die Verbrecher. Wenn unsere vielen und
unersättlichen Verbrecher, sagen wir um sechs Uhr
morgen früh, zu Bett gehen, beten sie besser darum,
daß ich diese Wahl verliere. Denn wenn ich gewinne,
wird das Leben für Gewaltverbrecher zur Hölle.
Unter der Reagan-Administration haben wir bedingte
Haftentlassungen auf Bundesebene abgeschafft. In
der Dole-Administration werden wir mit den Gouverneuren der Nation zusammenarbeiten, um bedingte
Haftentlassungen für Gewaltverbrecher in ganz
Amerika abzuschaffen. Und mit meiner nationalen
Initiative zur unverzüglichen Kontrolle werden wir keine
Pistolen in die Hände von Verbrechern gelangen
lassen.
Ich wurde gefragt, ob ich eine Feuerprobe für Richter
habe. Meine Feuerprobe für die Richter ist, daß sie
intolerant gegenüber Greueltaten sind, daß ihre
Leidenschaft nicht in der Änderung, sondern der
Auslegung der Verfassung besteht, daß sie zurückhaltend gegenüber denjenigen sind, die Gesetze befolgen
und strikt mit denen, die sie brechen.
Und für diejenigen, die sagen, ich sollte Bill Clintons
liberale richterliche Ernennungen nicht zu einem
Wahlkampfthema machen, habe ich eine einfache

Seite 5

�Antwort. Ich habe Ihre Argumente gehört: Der Antrag
wird als unbegründet abgelehnt.

Mit anderen Worten: Mischt Euch nicht ein, wenn Ihr
nicht bereit seid, die Konsequenzen zu tragen.

Ich respektiere die Verfassung, nicht diejenigen, die
sie ignorieren, brechen oder sie mit Gebilden ihrer
eigenen Phantasie ersetzen. Meine Administration
wird begierig die bürgerlichen und verfassungsmäßigen Rechte schützen und dabei nie vergessen,
daß unsere Hauptaufgabe der Schutz gesetzestreuer
Bürger ist. Ich habe nicht die Absicht, Gewaltverbrecher zu ignorieren, sie zu verstehen oder freizukaufen. Eine Nation, die sich nicht selbst gegen
Greueltaten verteidigen kann, verdient es nicht zu
überleben. Ein Präsident, der nicht die Führung
gegenüber denen übernehmen kann, die ihn berauben, verdient es nicht, Präsident zu sein. Ich bin
bereit, mehr politisches Kapital für die Verteidigung der
Ruhe im Inland aufzuwenden als jeder Präsident, den
Sie gekannt haben. Die Zeit für solche Risiken ist seit
langem reif.

Darüber hinaus war die Lektion stets klar und deutlich.
Wenn wir zur Verteidigung bereit sind - wenn wir bereit
sind, viele Kriege zu führen, größere Kriege und alle
Kriege, die kommen mögen - werden wir weniger
Kriege führen müssen, kleinere Kriege und vielleicht
überhaupt keine Kriege. Das war immer so und wird
immer so sein.

Bei der Verteidigung der Nation vor Bedrohungen von
außen kann das Überleben nicht einfach gedeichselt
werden. Es gibt keine Fehlerquote. Bei diesem
Thema muß der Präsident vielleicht mehr als bei jedem
anderen auf der gleichen Stufe wie das Volk stehen
und zur Übernahme politischer Risiken bereit sein. Ich
würde eher das in dieser Hinsicht Erforderliche tun und
nicht gewürdigt werden, als dies nicht zu tun und
universell gelobt zu werden. Es muß gesagt werden:
Aufgrund falsch gesetzter Prioritäten hat es massive
Kürzungen bei der Finanzierung unserer nationalen
Sicherheit gegeben. Meines Erachtens hat Präsident
Clinton nicht die angemessenen Mittel für unsere
künftige Verteidigung bereitgestellt. Was auch immer
die Gründe für sein Versagen sein mögen, es ist
unverantwortlich.
Ich bitte Sie, diese eindeutigen Unterschiede in
Betracht zu ziehen. Er glaubt, es sei akzeptabel,
unsere Streitkräfte zu bitten, mehr mit weniger zu tun.
Ich glaube das nicht. Seine Verteidigung besteht
darin, einem terroristischen Staat - Iran - grünes Licht
zu geben, um seinen Einfluß in Europa auszudehnen
und verläßt sich auf die Vereinten Nationen bei der
Bestrafung libyscher Terroristen, die amerikanische
Staatsbürger ermordet haben. Das werde ich nicht
tun. Er glaubt, die Verteidigung unseres Volkes und
unseres Territoriums gegen einen Raketenangriff sei
unnötig. Das glaube ich nicht.
Und an meinem ersten Tag im Amt werde ich Amerika
auf einen Kurs bringen, der unsere Verletzbarkeit
gegen Raketenangriffe behebt und unsere Streitkräfte
wiederaufbauen. Präsident Clinton hat sich geweigert,
diesen Kurs einzuschlagen. An meinem ersten Tag im
Amt werde ich auch eine Warnung an Terroristen
aussprechen: Wenn Ihr einem Amerikaner Schaden
zufügt, fügt ihr allen Amerikanern Schaden zu. Und
Amerika wird Euch bis ans Ende der Welt verfolgen.

Seite 6

Ich bin nicht der erste, der sagt, daß uns die Offiziere
von Westpoint nie enttäuscht haben - das haben sie
nie getan. Diejenigen, die beim Gedanken an Vietnam
zurückschrecken könnten, sollten dies überdenken,
denn in Vietnam haben uns die Offiziere von Westpoint nicht enttäuscht, wir haben sie enttäuscht. Der
amerikanische Soldat war nicht für die gleichgültige
und arrogante Behandlung gemacht, die ihm dort
widerfuhr, wohin er ohne klares Ziel oder Zweck
entsandt worden war, von Regeln gebunden, die den
Sieg verhinderten und wo er im Tal der Schatten des
Todes zehn Jahre lang in Wartestellung verharren
mußte, während die Nation die unumstrittene Frage
seiner Ehre erörterte. Nein. Der amerikanische Soldat
war nicht gemacht, ohne klares Ziel und Zweck in eine
Schlacht geworfen zu werden, nicht gemacht, auf dem
Schlachtfeld allein gelassen zu werden, nicht gemacht,
sein Leben für Indifferenz oder mangelnden Respekt
zu lassen.
Ich werde nie einen amerikanischen Soldaten ohne
Aussicht auf Sieg zu einem schweren Auftrag entsenden. Und wenn ich Präsident bin, werden unsere
Männer und Frauen in unseren Streitkräften wissen,
daß der Präsident ihr Oberbefehlshaber ist - nicht
Boutros Boutros-Ghali oder irgendein anderer Generalsekretär der Vereinten Nationen.
Das schulde ich nicht nur den Lebenden, sondern den
Toten, jedem Heldengrab, den Geistern von Valley
Forge, von Flanders Field, von Bataan, dem Chosin
Reservoir, Khe Sanh und dem Golf. Das schulde ich
den Männern, die vor nicht einmal drei Jahren in den
Straßen von Mogadischu starben, den Schatten der
Klippen der Normandie, den Infanteristen, die nie nach
Hause kamen, den Fliegern, die zur Erde fielen und
den Seeleuten, die für ewig auf See ruhen.
Das ist nicht eine Frage der Politik, sondern etwas
sehr viel Gravierenderes. Wie das Band des Vertrauens zwischen Eltern und Kind ist es das Herzblut
der Nation. Dies erfordert nicht nur Opfer, sondern
Anstand bei der Regierungsführung, die sowohl Mut
als auch Vorsicht verkörpert. Und das schulden wir
nicht nur uns selbst. Unsere Verbündeten fordern
Konsequenz und Entschlossenheit, die sie von uns
ebenso verdienen wie wir von ihnen. Aber selbst wenn
sie zögern, dürfen wir dies nicht, denn die Geschichte
hat uns zum Führer bestimmt, und wir sind von der

AMERIKA DIENST 16

�Geschichte verpflichtet, den höchsten Standard zu
wahren.

Regierung kann das Volk nicht dirigieren, das Volk
muß die Regierung dirigieren.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie an das
erinnern, was die Nation den Präsidenten Nixon, Ford,
Reagan und Bush schuldet. Präsident Nixon engagierte China und die Sowjetunion mit genialem diplomatischem Geschick. Präsident Ford, der mir 1976 zum
Start verhalf, widerstand den Zeiten großer Schwierigkeiten unerschütterlich und mit größter Würde.

Das ist nicht die Sichtweise meines Gegners - und er
ist mein Gegner, nicht mein Feind.

Ohne Präsident Reagan würde es die Sowjetunion
heute noch geben. Er führte das Ende des Kalten
Krieges herbei, nicht - wie einige forderten - durch
Kompromisse und Kapitulation, sondern indem er
siegte.
Präsident Bush führte mit einer Meisterschaft, für die
es keine Worte gibt, die Koalition im Golfkrieg und ihre
Streitkräfte zum Sieg. Einen Krieg, der Jahre gedauert und das Leben Zehntausender Amerikaner gefordert haben könnte, ging so schnell vorbei und verlief
so reibungslos, daß die Geschichte immer noch Atem
holen und ihm den ihm gebührenden Tribut zollen
muß. So ist die Geschichte. Immer wenn wir ihre
einzigartige Präsenz vergessen, erteilt sie uns eine
Lektion in Anstand und Ehrfurcht.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe immer
weniger von mir selbst und immer mehr Geschichte diese von uns geschaffene Zivilisation, die Amerika
heißt. Ich bin zufrieden und werde immer damit
zufrieden sein, meine eigene Geschichte in großen
Ereignissen subsumiert zu sehen, und das größte
dieser Ereignisse ist der Weg nach vorne des amerikanischen Volkes.
Was für ein großes Privileg es ist, im Zentrum dieser
Zeiten zu stehen, und das verdanke ich Ihnen - dem
amerikanischen Volk. Ich verdanke Ihnen alles, und
um es richtig zu machen und den Kreis zu schließen,
werde ich mich so oft ich kann an Sie wenden. Es
obliegt mir, dies zu tun, es ist meine Pflicht und mein
zutiefst gehegter Wunsch.
Und so bitte ich heute abend ehrerbietig um Ihren
Segen und Ihre Unterstützung. Die Wahl wird nicht
von den Umfragen, den Meinungsmachern oder den
Gelehrten entschieden. Sie wird von Ihnen entschieden.
Ich bitte um Ihre Stimme, damit ich Ihnen eine Administration geben kann, die fähig und ehrlich ist und
Ihnen vertraut.
Denn im Grunde geht es nicht um Politik, sondern um
Vertrauen - nicht nur darum, ob die Menschen dem
Präsidenten vertrauen, sondern ob der Präsident und
seine Partei dem Volk vertrauen, seiner Güte und
seinem Genie zur Gesundung vertrauen. Denn die

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Obwohl mein Gegner in jüngster Zeit versucht hat, ein
guter Republikaner zu sein, gibt es bestimmte Unterschiede, die selbst er nicht verwischen kann. Es gibt
Unterschiede zwischen den beiden großen Parteien,
die in den nächsten 82 Tagen erörtert werden und
erörtert werden müssen.
Er und seine Partei, die uns die größte Steurerhöhung
der Geschichte beschert hat.
Wir sind die Partei niedrigerer Steuern und größerer
Chancen.
Wir sind die Partei, deren Entschlossenheit nicht ins
Wanken geriet, als der Kalte Krieg andauerte, wir
zitterten nicht vor einem sowjetischen Giganten, der
kurz vor dem Zusammenbruch stand, und wir mußten
nicht gebeten werden, die Waffen gegen Saddam
Hussein zu erheben.
Wir sind nicht die Partei, die nichts Böses hört, nichts
Böses sieht und einfach sagen kann: "Sag einfach
Nein", wenn der Drogenmißbrauch unter den Jugendlichen in die Höhe schnellt.
Wir sind die Partei, die dem Volk vertraut. Ich vertraue
dem Volk. Das ist das Kernstück dessen, was ich
Ihnen heute abend gesagt habe.
Meine Freunde, der Präsidentschaftswahlkampf ist
mehr als ein Wettstreit zwischen Kandidaten, mehr als
die Auseinandersetzung mit entgegengesetzten
Philosophien - beim Wahlkampf wird Amerika der
Spiegel vorgehalten. Er ist eine Meßlatte dessen, wer
wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen.
Denn soviel Anregungen wir auch aus einer glorreichen Vergangenheit schöpfen mögen, sehen wir
Amerika vor allem als das Land von morgen. Denn wir
sind hier von einer höheren Macht zu einem Zweck
vorgesehen. Jeder Soldat in Uniform, jedes Schulkind,
das vor der Flagge das Treuegelöbnis spricht, jeder
Bürger, der seine Hand ans Herz legt, wenn die Flagge
vorbeigetragen wird, ist sich unseres amerikanischen
Schicksals bewußt und reagiert darauf.
Optimismus liegt uns im Blut. Ich weiß das besser als
die meisten anderen. Es gab eine Zeit, in der ich an
der Zukunft zweifelte. Aber ich habe gelernt, daß
Hindernisse überwunden werden können, und ich
habe unbegrenztes Vertrauen in die Klugheit unseres
Volkes und die Zukunft unseres Landes.
Heute abend stehe ich vor Ihnen, erprobt durch
Widrigkeiten, durch Härten sensibel gemacht, ein

Seite 7

�Kämpfer aus Prinzip und der optimistischste Mann in
Amerika. Denn mein Leben hat mich gelehrt, daß
Amerika ein Land ohne Grenzen ist.

Mit beiden Beinen am Boden und einem von Hoffnung
gefüllten Herz setze ich mein Vertrauen in Sie und den
Gott, der uns alle liebt. Ich bin davon überzeugt, daß
die besten Tage Amerikas noch kommen. Möge Gott
Sie schützen, und möge Gott Amerika schützen.

* * * * *

Seite 8

AMERIKA DIENST 16

�LITERATUR
21. August 1996

Regionale amerikanische Literatur zum Kennenlernen
von Michael J. Bandler

(AD) - Der nachfolgende Artikel erörtert den Einfluß regionaler literarischer Werke, die kreative Arbeit in den
verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten und stellt einige führende Autoren vor, die örtliche Schauplätze
zum Leben erwecken.

Mit wenigen ausgewählten Sätzen in jedem seiner
Romane über das zeitgenössische Familienleben lüftet
der Romanschriftsteller Pat Conroy den Schleier über
dem Tiefland von South Carolina, das er seit seiner
Jugend kennt. E.L Doctorow beschreibt durch seine
beredten Bilder Schauplätze in New York und Erfahrungen aus früheren Zeiten, die für uns heute noch
Bedeutung haben. Ivan Doig aus der Gegend der
zerklüfteten Felsen im Westen der Vereinigten Staaten
öffnet mit seinen Satzgebilden dem Leser die Augen
für die Weite Montanas, während David Guterson das
Land durchquert und in seinen Büchern Einblicke in
das Leben an der Atlantik- und der Pazifikküste
gewährt.
Derzeit boomt die regionale Literatur in den gesamten
Vereinigten Staaten - von Stephen Kings Maine bis zu
Garrett Hongos Hawaii. Der Einfluß der Beiträge
Hunderter von Romanciers, Dichtem, Essayisten,
Naturalisten und Biographen ist augenfällig. Um ein
Gefühl für die Nation zu bekommen - ihre Landschaft,
ihren Geist, ihre Leistungen und ihre Herausforderungen - sollte man auf die Spezifizierungen von Reiseführern verzichten und sich einfach den Werken von
Literaten zuwenden - ebenso wie sich andere unter
anderen Umständen der Leinwand bildender Künstler
zuwenden.
Die regionale Überlieferung in der amerikanischen
Literatur ist nichts Neues. Sie ist ebenso alt wie die
Indianerlegenden und schildert Orte ebenso plastisch
wie die Werke von James Fenimore Cooper, Mark
Twain und Bret Harte aus dem 19. Jahrhundert. Sie ist
ebenso lebensprühend wie die zu Beginn dieses
Jahrhunderts vom Romancier William Faulkner und
dem Dramatiker Tennessee Williams geschaffenen

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Welten und spiegelt die Gesellschaft ebenso stark
wider wie die Romane von Sinclair Lewis und Eudora
Welty. Heute haben diese und andere Schriftsteller
früherer Generationen moderne Gegenstücke, die ihre
Tradition fortsetzen.
Die regionale Literatur in den neunziger Jahren des
zwanzigsten Jahrhunderts ist umfassend und vielfältig.
Sie durchdringt Genres. Sie spiegelt sich in den
Werken von zeitgenössischen Amerikanern und den
Vertretern der neuen Ethik wider. Die speziellen
Eigenheiten bestimmter Regionen sind in Dichtung und
Drama, in Romanen und Sachbüchern schemenhaft
erkennbar. Regionale Literatur reflektiert - ebenso wie
in früheren Zeiten - nicht nur geographische Gegebenheiten, sondern auch Stimmungen und Sehnsüchte,
Dialekte und Idiosynkrasien. Sie umfaßt das Greifbare
und das Unbestimmte. Die Literatur eines bestimmten
Orts ist großenteils verwurzelt, persönlich, engagiert und hat oft den vom Naturessayisten Barry Lopez als
"hoffnungsvoll" bezeichneten Tenor in einem "Zeitalter
zynischer Gleichgültigkeit". Und sie verkündet - an
der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert - daß
amerikanische Kultur kreativ und bedeutungsvoll ist von einem Landstrich zum nächsten und auf allen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ebenen.
Das Interesse an regionaler Literatur und die Mitwirkung daran - die dem Kritiker Sven Birkerts zufolge
eine Reaktion auf die minimalistischen und postmodernen Romane der letzten Generation sind - haben
beträchtlichen Einfluß und finden großen Widerhall.
Beispielsweise führten sie zur Eröffnung verschiedener
Buchhandlungen - wie dem Globe in Boston und dem
Savvy Traveler von Chicago - die auf Romane und
Sachbücher über bestimmte, nach Regionen ge-

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�ordnete Schauplätze spezialisiert sind. Folglich wird
ein Reisewilliger, der im Vorfeld seiner Reise in der
Buchhandlung auf das Regal "Südwesten der Vereinigten Staaten" zusteuert, wahrscheinlich Tony
Hillermans Krimis und Rudolfo Anayas Romane
vorfinden.
Ursache und Wirkung können verwischt sein. Beispielsweise ist es schwierig festzustellen, ob kleinere
regionale Verlagshäuser aufgrund der Vielzahl von in
einem Gebiet angesiedelten Autoren entstanden oder
ob ihre Gründung in der Gegend eine literarische
Explosion verursachte. Die Tatsache bleibt jedoch
bestehen, daß regionale Verleger und regionale
Schriftsteller einen sehr großen Beitrag zur amerikanischen Literatur leisten. Außerdem wächst zusätzlich
zum Aufstieg von Verlagen wie Algonquin Books in
Chapel Hill, die ihre Leser mit zahlreichen Schriftstellern aus North Carolina - beispielsweise Clyde Edgerton und Jill McCorkle - bekanntmachen, auch die Zahl
regionaler Literaturjournale. Dazu kommt noch die
bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert von der
nationalen Stiftung für die Künste gewährte Unterstützung für etablierte und neuentstehende Literaturworkshops, die landesweit neue Talente entdeckten. (Die
amerikanische Bundesregierung ist aufgrund haushaltspolitischer Engpässe zwar nicht mehr in der Lage,
dasselbe Quantum an Finanzmitteln wie in der Vergangenheit beizusteuern, aber Unternehmen und der
Privatsektor setzen ihre Unterstützung für diese
Aktivitäten fort.)
Das Gesamtbild ist folglich positiv, wovon Schriftsteller
und Leser gleichermaßen profitieren.
Wer sind diese Schriftsteller und wo findet man sie?
Und wie manifestiert sich das Gefühl für den "Ort"?
Eine Reise entlang der Seitenstraßen regionaler
Literatur könnte im Nordosten beginnen - in Bangor
(Maine), der Heimat von Stephen King, einem der
populärsten Schriftsteller der Nation. Er schrieb vor
der Kulisse dieses Bundesstaates eine endlose Zahl
Fantasie- und Horrorgeschichten, die alle Bestseller
wurden. Jenseits der Grenze von New England ist
Albany (New York) Brennpunkt der Aufmerksamkeit
eines seiner Einheimischen - des ehemaligen Journalisten und jetzigen Romanschriftstellers William Kennedy, dessen Geschichten vor dem Hintergrund der
Hauptstadt des Bundesstaates wehmütig, aber oftmals
rauh das Leben der Bürger auf den Straßen und in den
Saloons der Stadt beschreiben.
In New York wohnen vielleicht mehr Schriftsteller pro
Kopf der Bevölkerung als in jeder anderen Stadt der
Vereinigten Staaten - und möglicherweise der Welt aber die meisten schreiben nicht über ihre Stadt. Für
einen Ort, der sich im Gedächtnis von Touristen und
anderen Reisenden so unauslöschlich eingeprägt hat,
wurde New York nur von einigen wenigen ausgewähl-

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ten Romanschriftstellern porträtiert, die sich in den
meisten Fällen der literarischen Form bedienen, um
soziale Belange herauszustellen. Tom Wolfe - der
überwiegend Sachliteratur verfaßt - könnte mit The
Bonfire of the Vanities den Inbegriff eines New
Yorker Romans geschrieben haben - einem lebensprühenden, ernst-komischen Werk über die enge
Verflechtung von Politik und Gesellschaft. Ebenso
stark auf New York ausgerichtet sind die Werke von
E.L. Doctorow, die das Leben in der Stadt in früheren
Zeiten beschreiben. Sie schildern die Stimmung in der
Stadt zu verschiedenen Augenblicken in den vergangenen 100 Jahren - die Spannungen im Amerika der
Jahrhundertwende, die Gesetzlosigkeit in den Jahren
der Prohibition, den durch die Weltausstellung von
1939 hervorgerufenen naiven Futurismus und die
nüchterne Realität des Kalten Kriegs - alle vor dem
Hintergrund der Stadt New York. Und um einen
Einblick in das Leben auf den Straßen im Stadtbezirk
zu erhalten, haben die Leser die Wahl zwischen den
arglosen Schilderungen nachbarschaftlichen Lebens
von Avery Corman, der in den Romanen von Richard
Price beschriebenen, stärker von Instinkten bestimmten und von Verbrechen heimgesuchten Welt sowie
dem rhythmischen Pulsieren des hispanischen
Stadtteils, den der Romancier Oscar Hijuelos so gut
kennt.
Wir lassen Pennsylvania, wo John Updike die peripatetische Reise von Rabbit Angstrom vor dem
Hintergrund von mehr als drei Jahrzehnten amerikanischer moderner Geschichte zurückverfolgte, hinter
uns und reisen nach Maryland. Dort beschreibt Anne
Tyler im Milieu von Baltimore mit sparsamen, ruhigen
Worten alltägliche und außergewöhnliche Ereignisse
im Leben ihrer Charaktere - und die introvertierte
Stimmung in der Region. Auf den Schiffahrtswegen
der Chesapeake Bay an der Ostküste des Bundesstaates, wo der Romanschriftsteller John Barth
jahrelang vorherrschend war, finden wir ein neues
Talent - Christopher Tilghman - der diese Wasserstraßen in den Mittelpunkt seines Oeuvre stellt.
Fährt man von Baltimore aus die Autobahn in Richtung
Süden, kommt man in die Hauptstadt der Vereinigten
Staaten. In Anbetracht der Vielzahl populärer politischer und globaler spannender Abenteuer, die entweder in Washington stattfinden oder im Laufe der
Erzählung dorthin führen, mögen Leser den Eindruck
haben, daß Washington in amerikanischen Romanen
einen besonderen Platz einnimmt. Das sind jedoch
nicht echte Washingtoner Romane. Diese Bezeichnung verdienen eher die Werke von Ward Just, einem
ehemaligen internationalen Korrespondenten, der eine
zweite Laufbahn einschlug und in seinen Romanen die
Welt schuf, die er am besten kennt - die von Journalisten, Kongreßabgeordneten, Diplomaten und Militärs
bewohnte Welt - und sich dabei nicht auf politische
Machenschaften oder weltweite Krisen, sondern
vielmehr auf emotionale Feinheiten und psychologi-

AMERIKA DIENST 16

�sehe Effekte konzentrierte. Jenseits von Richmond
(Virginia), dem Schauplatz der Verbrechen, in die die
Hauptfigur von Patricia Cornwells Kriminalromanen,
Kay Scarpetta, verstrickt wird, erreichen wir North
Carolina. Dieser Bundesstaat ist die Heimat von
Algonquin Books sowie einer reichhaltigen literarischen Tradition, die unter anderem Thomas Wolfe
aufzuweisen hat.
Kürzlich wurde Anne Taylers
Mentor, Reynolds Price, von einem Kritiker als überholter Vertreter eines von einer Universität eingeladenen "Gastautors" in den Südstaaten bezeichnet,
obwohl andere aus jener Zeit diesen Titel viel eher
verdient hätten. Price konzentrierte sich auf die
Menschen und das Land im Osten von North Carolina,
schrieb verschiedene Bücher über eine junge Frau
namens Rosacoke Mustian, ging anschließend auf
andere Themenschwerpunkte über und entschied sich
erst 1986 wieder für eine Protagonistin. Jill McCorkle,
die noch in den Dreißigern ist, vertritt die jüngste
Schriftstellergeneration North Carolinas. Ihre Romane
und Kurzgeschichten spielen großenteils in den
kleinen Städten dieses Bundesstaates und behandeln
hauptsächlich Themen, die von den Geheimnissen von
Teenagern im Herzen Amerikas bis zu den besonderen Empfindlichkeiten der Frauen von heute in den
Südstaaten reichen. Das Sagen- und Märchengut
sowie die Geschichte der in den südlichen Appalachen
lebenden Menschen stehen im Mittelpunkt der schlichten Romane von Lee Smith, während die empfindlichen Antennen von Clyde Edgerton - dem Mark Twain
unserer Tage - auf die Einwohner von Carolina
eingestellt sind, die reif für Satire erscheinen. Wenn
Edgerton aus demselben Holz geschnitzt ist wie Mark
Twain, dann ist T.R. Pearson der Faulkner seiner
Generation - wobei Neely (North Carolina) an die
Stelle von Yoknapatawpha County (Mississippi) tritt.
South Carolina wurde von Pat Conroy verewigt. Seine
erfrischenden autobiographischen Romane über seine
- von dem tyrannischen, häufig ausfallend werdenden
Vater dominierte - Familie sind voller Ambivalenzen,
während er den pessimistischen Ausführungen über
seine gestörte Familie die ausführlichen Beschreibungen der natürlichen Schönheit des Tieflandes an der
Ostküste der Vereinigten Staaten entgegensetzt.
Bevor er sich jedoch mit den Unbilden seines Familienlebens und der Schulzeit auseinandersetzte, schrieb er
das wunderschöne Buch The Water is Wide. Darin
berichtet er von seiner Zeit als junger, unerfahrener
Lehrer, der auf einer Insel vor der Küste von South
Carolina Kinder aus dem Armenviertel unterrichtet.
Der Mittelwesten im Herzen Amerikas bringt weiterhin
eine Fülle talentierter Schriftsteller hervor - Nachfahren
von Willa Cather und Eudora Welty - und auch wilder
städtischer Literaten wie Saul Bellow. Wenn auch die
städtische Literatur in diesen Tagen nicht viel von sich
reden macht, so lassen Chicagoer Schriftsteller wie
Scott Turow - dessen juristische Dramen einen
Standard für dieses Genre gesetzt haben - und Stuart

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Dybek - Autor von Romanen, die vom ethnischen
Umfeld der Stadt handeln - die Stadt nicht in Vergessenheit geraten. Jane Smiley, die Schriftstellerei an
der University of Iowa unterrichtet, ist eine prominente
Vertreterin städtischer Talente. Bevor sie das akademische Leben in ihrem jüngsten Buch Moo aufs Korn
nahm, gewann sie 1992 den Pulitzerpreis in Belletristik
für A Thousand Acres, eine Anpassung von Shakespeares King Lear an das zeitgenössische Amerika.
In dem Buch wird die bittere Familienfehde beschrieben, die ausbricht, als ein alternder Bauer die Entscheidung trifft, sein Land seinen drei Töchtern zu
vermachen. Nicht weit davon entfernt hat Louise
Erdrich, eine Halbindianerin von Stamm der Chippewa,
mehrere in North Dakota spielende eindrückliche
Romane geschrieben, die sich mit den Irrungen und
Wirrungen des Lebens indianischer Familien befassen.
Sie ist eine Vorläuferin einer jüngeren Gruppe indianischer Schriftsteller, die in den Ebenen und im
Westen leben, zu der Susan Power, Linda Hogan und
Sherman Alexie zählen.
In einem etwas populäreren Tenor hat Larry McMurty,
eine feste Größe auf den Bestsellerlisten, die
Geschichte von Texas vom Treck nach Westen bis
zum heutigen Freeway durchlaufen, und während
seine Charaktere Las Vegas und Hollywood verlassen,
verändert auch er seine Umgebung. In der Zwischenzeit hat sich Sandra Cisneros zur starken Fürsprecherin der ethnischen Gruppen in Texas gemacht. Ihre
Kurzgeschichten unter dem Titel Woman Hollering
Creek and other Stories über Amerikaner mexikanischer Herkunft in San Antonio und anderen Grenzgemeinden schließen nahtlos an ihre erste Anthologie
The House on Mango Street an, die von einem
jungen hispanoamerikanischen Mädchen in Chicago
handelt.
Ein anderer erwähnenswerter Schriftsteller, der sich
mit der Grenzproblematik befaßt, ist der viel zu wenig
gewürdigte Douglas C. Jones. Er hat den Treck nach
Westen und das Verschwinden der Grenze in einer
Reihe äußerst beziehungsreicher Romane meisterhaft
verfolgt, die sich hauptsächlich auf eine Familie
konzentrieren und deren Leben von der Mitte des 19.
Jahrhunderts bis in die dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts über einen Landstrich von Tennessee bis zur
Continental Divide in den Rocky Mountains beschreiben. Weitere Schriftsteller aus dem Süden, die nicht
unerwähnt bleiben sollten, sind Bobbie Ann Mason die Chroniken über das zeitgenössische Familienleben
im Bundesstaat Kentucky verfaßt - und Lewis Nordan
aus Mississippi, der von Algonquin Books entdeckt
wurde und dessen Romane vornehmlich vom Amerikanischen Bürgerkrieg und der beginnenden Integration
handeln.
Die Hochebene der Rockies ist zu einem fruchtbaren
literarischen Pfad geworden. Cormac McCarthy ist
hier zu finden, der den Südwesten der Vereinigten

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�Staaten in mehreren seiner Bücher erkundet, nachdem
er selbst von Tennessee dorthin zog. Diesem zurückgezogen lebenden Schriftsteller mit grenzenloser
Phantasie wurde erst in den vergangenen Jahren
gebührende Ehre erwiesen. Allgemein als der rechtmäßige Erbe der "Southern Gothic Tradition" angesehen, ist McCarthy ebenso gefangengenommen von der
Wildheit der Landschaft wie von der Unzivilisiertheit
und Unberechenbarkeit der Menschen. Die in New
Mexico geborene und aufgewachsene indianische
Autorin Leslie Marmon Silko zieht mit ihren Romanen,
insbesondere The Almanac of the Dead ein breites
Publikum an. Dieses Buch gibt einen Überblick über
die Region von den frühen Stammesmigrationen bis zu
den heutigen Drogenhändlern und korrupten Landerschließungsgesellschaften, die Profite aus der
Ausbeutung des Landes schlagen (ein Thema, das
häufig auch von dem Krimiautor Carl Hiassen vor der
Kulisse Floridas abgehandelt wird). Es ist eine
perfekte Ergänzung zu den Kriminalromanen von Tony
Hillerman aus Santa Fe, dessen Detektivgeschichten
zwei zurückhaltende Navajo-Polizisten als Protagonisten haben. John Nichols hat das kulturelle Erbe
und die Empfindlichkeiten ethnischer Gruppen in New
Mexico mit Zuneigung, gutem Humor und Intelligenz in
einer vielgerühmten Trilogie beschrieben, zu der als
herausragendstes Buch The Milagro Beanfield War
zählt.
Der hispanoamerikanische Romanschriftsteller und
Dichter Rudolfo Anaya fügt der Literatur dieser Region
mystische und spirituelle Themen hinzu.
Montana im Norden muß etwas Besonderes haben,
um so viele und unterschiedliche schriftstellerische
Talente hervorzubringen. Die wilden fiktiven Erzählungen von Ivan Doig, darunter eine Familientrilogie,
handeln von "der Ausdehnung dieses Kontinents nach
Westen" - wie er es formuliert. Seine Bücher English
Creek und Dancing at the Rascal Fair werden
ergänzt durch die minimalistischen Sachbücher von
Rick Bass, die sich um Berge und Wildnis drehen, und
die unzufriedenen, entwurzelten Antihelden der
Romane von Thomas McGuane. Nicht unerwähnt
bleiben sollte auch der indianische Dichter und
Romanschriftsteller James Welch, der sich mit dem
Kampf der Angehörigen dieser ethnischen Gruppe
auseinandersetzt, einen Sinn in den historischen
Spannungen in ihrem Leben zu finden.
Seit Jahrzehnten personifizieren zwei Autoren den Far
West, insbesondere Kalifornien. Wallace Stegner,
gebürtig aus Iowa, verbrachte den Großteil seines
Lebens an unterschiedlichen Orten zwischen den
Rockies und dem Pazifischen Ozean. Schon bevor es
in Mode kam, hatte er eine regionale Sichtweise, und
viele Schriftsteller sehen heute in ihm ihren Vorfahr
und Mentor. Seine erste größere Arbeit, The Big
Rock Candy Mountain (1943), schildert das Leben
einer Familie, die nach dem Verschwinden der Grenze

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im Westen die Erfüllung des Amerikanischen Traums
anstrebt. Das Epos umspannt das ganze Gebiet von
Minnesota im Mittelwesten bis zum Bundesstaat
Washington im Nordwesten und befaßt sich mit
"diesem Ort unglaublicher Schönheit, der eine ganze
Nation nach Westen zog", so Stegners Worte. 1972
erhielt er den Pulitzerpreis für Angle of Repose, eine
Betrachtung über das Gefühl für den Ort in der Persönlichkeit einer Illustratorin und Chronistin des Old West.
Stegners vorzeitiger Tod bei einem Autounfall im Jahr
1993 beraubte die amerikanische Literatur eines
Künstlers in der Blüte seiner Produktivität. Über die
Jahre hinweg ergänzte Joan Didion das Werk von
Stegner - eine Journalistin und Romanschriftstellerin,
die das zeitgenössische Kalifornien 1968 in ihrem
Sachbuch Slouching towards Bethlehem und in
ihrem bissigen, schockierenden Roman von 1971 über
die Ziellosigkeit der Szene Hollywoods, Play it as it
Lays, verewigte. In ihren jüngeren Büchern wandte
sie sich jedoch anderen Interessengebieten zu. Ihre
Rolle als kalifornische Schriftstellerin wurde zum Teil
von jüngeren Talenten übernommen, darunter Lisa
See - die die turbulente Geschichte der asiatischen
Migration nach Kalifornien und an die Westküste
schilderte - sowie zwei Krimiautoren, Sue Grafton, die
das Gefühl melancholischer Sehnsucht der Strandbewohner des südlichen Kaliforniens von heute vermittelt, und Walter Mosley, dessen afroamerikanischer
Held seine Fälle im Los Angeles der Nachkriegszeit
ermittelt. Auch andere ethnische Gruppen, insbesondere die Amerikanerinnen asiatischer Abstammung Amy Tan und Fae Myenne Ng sowie (an
der Ostküste) Gish Jen und Chang-Rae Lee verwenden den "Ort" als Hintergrund für die Erforschung ihrer
Herkunft.
Weit im Nordwesten, in Oregon und Washington,
herrscht das Gefühl für den Ort in den Werken des
Naturalisten Barry Lopez und des Romanschriftstellers
und Essayisten David Guterson vor. Guterson ist in
der Tat mit dem andauernden Erfolg seines ersten
Romans Snow Falling on Cedars zu einer Art Kultfigur geworden. Das Buch ist eine Studie der den
Mordprozeß gegen einen Fischer japanischer Herkunft auf einer kleinen Insel vor der Küste des Staates
Washington umgebenden Ereignisse. Und Sherman
Alexie, der große Freude und Vergnügen an seiner
indianischen Tradition findet, wird als einer der vielversprechendsten jungen Schriftsteller der heutigen Zeit
gefeiert. Weit vor der Küste ist die literarische Expansion Hawaiis in den Werken von Garrett Hongo
offenkundig - insbesondere in seinen Memoiren,
Volcano, und den ausgefallenen Romanen von LoisAnn Yamanaka.
Zwei heute in dem "Ort" verwurzelte parallele Literaturformen verdienen es erwähnt zu werden. Die Verbindung der einen - Dichtung - mit dieser Sensibilität ist
der Kunstform inhärent. Dichter haben äußerst wenig
Zeit, die Aufmerksamkeit des Lesers zu wecken - im

AMERIKA DIENST 16

�Gegensatz zu Verfassern von Romanen oder Sachbüchern, die den Luxus von Absätzen und Seiten
geniessen. Und daher kommt unweigerlich, wenn es
angebracht ist, ein Gefühl für den Ort ins Spiel. In der
Vergangenheit brüsteten sich die Vereinigten Staaten
mit Walt Whitman und Carl Sandburg. Heute zählen
zu den Dichtern, die sich mit dem "Ort" befassen, Amy
Clampitt, W.S. Merwin und Gary Snyder.
Dramen sind jedoch ein noch besseres Beispiel. In
beträchtlichem Maße kann die Erweiterung des
Gefühls für den Ort im zeitgenössischen Theater direkt
der zunehmenden regionalen Theaterbewegung
zugeschrieben werden.
Diese gemeinnützigen
institutionellen Firmen, die vor allem seit Mitte der
sechziger Jahre zu Kulturzentren in der städtischen
und vorstädtischen Szene wurden, sind der amerikanischen Stiftung für die Künste - und verstärkter
Förderung durch Unternehmen - zu Dank verpflichtet.
Und mit der Gründung erstklassiger Truppen außerhalb von New York - an Orten wie New Haven und
Hartford ( Connecticut) sowie Louisville (Kentucky) - ist
parallel eine Gruppe talentierter junger Dramatiker auf
die Bildfläche getreten. Man fragt sich, wie das
amerikanische Theater und die amerikanische Literatur heute ohne die brillant zersplitterte Gesellschaft

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AMERIKA DIENST 16

aussehen würden, die in den Werken von Sam
Shepard dargestellt wird, dem einsilbigen, stakkatoartigen Chicagoer Straßenslang von David Mamet, der
Bandbreite des Lebens im 20. Jahrhundert der Helden
und Heldinnen von August Wilsons andauerndem
Spielzyklus, den introspektiven Einblicken in das
Leben im Mittelwesten und dessen tägliche Belange
bei Lanford Wilson, sowie den südlichen Exzentrizitäten von Beth Henley. Wo ihre Vorgänger Eugene O'Neill, William Inge und Tennessee Williams ihre Stücke an das zentralisierte Theaterpublikum von
New York richteten, wurden die neueren Dramatiker
durch ihre Regionen und andere geprägt, bevor sie
sich dieser fremden städtischen Bühne stellten.
So viele Schriftsteller bringen ihre eigenen ungewöhnlichen Impressionen in die amerikanische Literatur ein.
Sie sind leidenschaftlich bewegt, während sie für Leser
auf der ganzen Welt beschreiben und analysieren, was
sie auf der Oberfläche, hinter der Landschaft und
jenseits des Horizonts sehen. Literarisch wie im
übertragenen Sinne bringen sie neue Töne, neue
Perspektiven und eine neue Bedeutung - durch die
Literatur - an die Orte in ihrem Herzen über die
gesamten Vereinigten Staaten hinweg.

* * * *

Seite 5

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