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                  <text>&lt;^°?^

amcrika
dienet

Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
24. Juli 1996

14

AUSSENPOLITIK

SCHUTZ DER AMERIKANISCHEN INTERESSEN
IST ABHÄNGIG VON FÜHRUNGSROLLE
Rede von Außenminister Warren Christopher

USA-KUBA

AUSSETZUNG VON TITEL III DES
HELMS-BURTON-GESETZES
Erklärung von Präsident Clinton

USA-RUSSLAND

DEMOKRATIE, FREIHEIT UND
WOHLSTAND ALS VERMÄCHTNIS
Ansprache von Vizepräsident AI Gore

AMERIKA MUSS DIE ÄRMEL HOCHKREMPELN
UND SICH AN DIE ARBEIT MACHEN
Rede des Stellvertretenden Außenministers

TERRORISMUS

NEUE TERRORISTISCHE BEDROHUNG IN
DER GOLFREGION
Erklärung von General John M. Shalikashvili

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�CIVITAS

STAATSBÜRGERKUNDE KOMMT ALTEN UND
NEUEN DEMOKRATIEN ZUGUTE
von Penn Kemble

DEMOKRATIE

MALAISE UND FLEXIBILITÄT
von Seymour Martin Lipset

OLYMPIADE

OLYMPIONIKEN BEWEISEN, WAS IN
FREIHEIT ERREICHT WERDEN KANN
Radioansprache des Präsidenten

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

�AUSSENPOLITIK
24. Juli 1996

Schutz amerikanischer Interessen
ist abhängig von Führungsrolle
Rede von Außenminister Warren Christopher

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die Außenminister Warren Christopher am
18. Juli 1996 vor mehr als 100 Rundfunk- und Fernsehjournalisten im Rahmen einer politischen
Veranstaltungsreihe der Regierung in mehreren Städten zum Thema amerikanische Außenpolitik hielt.

Ich begrüße Sie im US-Außenministerium. Wir alle
waren heute morgen entsetzt und äußerst betroffen
über den Absturz des TWA-Flugzeugs über Long
Island. Ich möchte den Familien und Freunden aller
Opfer dieser schrecklichen Tragödie mein aufrichtiges
Beileid aussprechen.
Die erforderlichen Untersuchungen wurden umgehend und gezielt eingeleitet.
Sie werden verstehen, daß ich zum jetzigen Zeitpunkt
keinen Kommentar zu dem Thema abgeben kann. Es
wäre unverantwortlich, Spekulationen über die
Ursache dieser Tragödie anzustellen.
Das heutige Treffen ist Bestandteil eines umfassenden
Informationsprogramms für die Öffentlichkeit, das wir
vor drei Jahren eingeleitet haben. Allein in diesem
Jahr organisieren wir 23 Veranstaltungen in Städten
von Anchorage bis Boston. Dabei spricht jeweils eine
Gruppe hochrangiger Regierungsvertreter über die
entscheidenden Herausforderungen, mit denen sich
die Vereinigten Staaten weltweit konfrontiert sehen um sicherzustellen, daß die amerikanische Außenpolitik den Amerikanern nicht fremd ist. Bei diesen
Zusammenkünften sind wir auch ganz besonders
bestrebt, die regionalen Medien einzubeziehen, denn
sie sind die Hauptinformationsquelle für die Mehrheit
der Amerikaner.
Bei jeder Veranstaltung ist das Echo überwältigend.
Das bestätigt meine Überzeugung, daß sich die
meisten Amerikaner an einer ernsthaften Diskussion
über die Rolle Amerikas in der Welt beteiligen möchten
- einer Diskussion, die nicht nur an der Oberfläche
bleibt. Ferner wird dadurch bestätigt, was viele

AMERIKA DIENST 14

Meinungsumfragen belegen: Das amerikanische Volk
ist einer zielgerichteten und prinzipientreuen Führungsrolle der Vereinigten Staaten verpflichtet. Bei
einigen Fragen ist die Öffentlichkeit den Politikern in
Washington bereits voraus.
Das amerikanische Volk mißt den Erfolg der
Außenpolitik der Administration auf einfache Weise:
Hat sie unserer Nation zu mehr Sicherheit und
Wohlstand verholten als noch vor dreieinhalb Jahren?
Hat sie unsere Werte gefördert? Meiner Überzeugung
nach lautet die Antwort Ja. Ich möchte Ihnen darlegen,
was wir auf vier Gebieten erreicht haben, die für die
Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung sind.
Damit biete ich hoffentlich einen Rahmen für
nachfolgende Diskussionen.
Erstens bin ich der Ansicht, daß wir beim Streben nach
Frieden und Stabilität in den Regionen effektiv waren,
die für die Vereinigten Staaten von elementarem
Interesse sind.
Durch den Einsatz von Gewalt
unterstützte amerikanische Diplomatie setzte dem
Töten in Bosnien ein Ende, beseitigte die daraus
resultierende Bedrohung der europäischen Stabilität
und bekräftigte die Stärke der NATO sowie unserer
Partnerschaft mit Europa. Die uns heute in Bosnien
konfrontierenden Herausforderungen sind die Herausforderungen des Friedens, nicht des Krieges. Die
von uns gebildete Koalition, der auch Truppen aus
Rußland und Zentraleuropa sowie NATO-Soldaten
angehören, hilft uns bei der Weiterentwicklung unserer
Strategie zur Verhütung künftiger Konflikte in einem
integrierteren Europa.

Seite 1

�Diese Strategie hat enorme Fortschritte gemacht. Die
Partnerschaft für den Frieden (PFF) bringt bereits die
Staaten Europas einander näher. Die Pläne für eine
Erweiterung der NATO wurden schon beachtlich
weiterentwickelt, seit Präsident Clinton 1994 den
Vorschlag dazu unterbreitete. Das von uns bei der
Schaffung eines integrierten Europas Erreichte sollte
jedem Amerikaner Zuversicht einflößen - Zuversicht,
daß Konflikte wie der im ehemaligen Jugoslawien
abgeschreckt werden können, daß die Demokratiebewegung in Zentral- und Osteuropa von Dauer ist,
daß unsere Truppen nie wieder in einem großen Krieg
auf dem Kontinent kämpfen müssen, von dem die
beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts ausgingen.
In der asiatisch-pazifischen Region fördern wir mit
starker Unterstützung unserer asiatischen Verbündeten Frieden und Stabilität durch die weitere
Stationierung von 100.000 Soldaten. Wir haben für
unser wichtiges Bündnis mit Japan eine noch stabilere
Grundlage geschaffen.
Das nordkoreanische
Nuklearprogramm, das beim Amtsantritt unserer
Administration eine unmittelbare und furchtbare
Bedrohung darstellte, wird eingestellt.
Die
Entscheidung des Präsidenten zur Entsendung von
Seestreitkräften in die Straße von Taiwan im März
führte zum Abbau der gefährlichen Spannungen
zwischen Taipeh und Peking.
Im Nahen Osten trug die amerikanische Diplomatie zur
Veränderung der Lage bei. Die Palästinenser im
Gazastreifen und in den meisten Städten des
Westjordanlandes haben jetzt eine Selbstverwaltung,
und ihre gewählten Politiker arbeiten mit Israel bei der
Bekämpfung des Terrorismus zusammen. Israel hat
mit Jordanien Frieden geschlossen und mit
zahlreichen
Ländern
der
arabischen
Welt
diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen
geknüpft. Die bereits erzielten Abkommen stellen für
die Vereinigten Staaten und die Länder in der Region
einen strategischen Gewinn dar. In einer Zeit des
Übergangs und der Herausforderungen sind wir zur
Zusammenarbeit mit Israel und unseren arabischen
Partnern entschlossen, um das bereits Erreichte zu
erhalten und darauf aufzubauen.
Auch in unserer Hemisphäre waren die Vereinigten
Staaten eine wirksame Kraft für Stabilität. Unsere
Truppen kamen friedlich nach Haiti und verließen das
Land rechtzeitig nach der Wiederherstellung der
demokratischen
Herrschaft,
Eindämmung des
Flüchtlingsstroms und Verteidigung des Grundsatzes,
daß Demokratie nicht ungestraft zerstört werden kann.
In Südamerika trug unsere Diplomatie zur Beendigung
des Konflikts zwischen Peru und Ecuador sowie zur
Bekämpfung von Bedrohungen der Demokratie in
Guatemala und Paraguay bei.
Jetzt möchte ich ein zweites Gebiet ansprechen, auf
dem wir viel erreicht haben: Wir haben der Pflege

Seite 2

konstruktiver Beziehungen zu den Großmächten der
Welt hohe Priorität eingeräumt. Ich erwähnte bereits
Europa und Japan, aber wir verstärken auch unsere
Zusammenarbeit mit Rußland und China zu einem
Zeitpunkt, an dem sich beide Länder inmitten eines
gewaltigen und schwierigen Übergangsprozesses
befinden.
Vor zwei Wochen passierte Rußland bei seiner
Entwicklung zu einer stabilen Demokratie einen
wichtigen Meilenstein. Wir wissen seit langem, daß
Rußlands Weg zu Reformen lang und steinig sein
würde. Die Wiederwahl Präsident Jelzins bedeutet
jedoch, daß das russische Volk trotz der erlittenen
Härten zu weiteren Fortschritten entschlossen ist. Der
demokratische Prozeß bewirkt eine Umgestaltung
Rußlands. Mit jedem Tag macht er eine Rückkehr zu
der repressiven Vergangenheit weniger wahrscheinlich
und eröffnet unseren beiden Ländern enorme
Chancen. Wir nutzen diese Chancen beispielsweise
zur Verringerung unserer Nuklearwaffenarsenale,
Bekämpfung der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen
und dem Schmuggel damit sowie für die Arbeit am
Frieden in Bosnien und im Nahen Osten.
Wir haben auch unserem Verhältnis zu China neue
positive Dynamik verliehen, nachdem wir in unseren
Beziehungen schwierige Zeiten durchlebt haben. Wir
schlössen nützliche Abkommen zur Kontrolle der
nuklearen Weiterverbreitung und zum Schutz geistigen
Eigentums der Vereinigten Staaten. Wir werden diese
mächtige Nation zu einer Fortsetzung ihrer
Modernisierung auf eine Art und Weise ermutigen, die
einen Beitrag zu Sicherheit und Wohlstand der Region
leistet.
Drittens. 1993 erklärte der Präsident, wir würden die
Wirtschaftspolitik zum Mittelpunkt unserer Außenpolitik
machen, und das ist geschehen. Das Ergebnis war
eine Reihe bedeutender Handelsvereinbarungen und
-Verpflichtungen, die für jedes exportabhängige
amerikanische Unternehmen und die Millionen dort
Beschäftigter von Vorteil sind. Die Liste umfaßt das
Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA),
die Uruguay-Runde des GATT, die Verpflichtung von
Miami zur Erlangung von freiem und offenem Handel in
unserer Hemisphäre bis zum Jahr 2005 sowie die
Verpflichtung des Forums für asiatisch-pazifische
wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC), dasselbe Ziel
bis zum Jahr 2020 zu erreichen. Ferner beinhaltet sie
21 Abkommen mit Japan über Marktöffnung. Die
Entscheidung des Präsidenten, Mexiko bei der
Erholung von seiner Wirtschaftskrise zu helfen, war ein
deutliches Beispiel für die vom Präsidenten im
Alleingang übernommene Führungsrolle und meines
Erachtens eine seiner besten Entscheidungen.
Ebenso wichtig ist aber auch unsere Fähigkeit, unser
wirtschaftliches Haus in Ordnung zu bringen.
Während meiner ersten Monate als Außenminister

AMERIKA DIENST 14

�erinnerten uns unsere Verbündeten beständig an die
Notwendigkeit, etwas zur Bekämpfung unseres
Haushaltsdefizits und seiner negativen Auswirkungen
auf die Weltwirtschaft zu unternehmen. Wir haben
riesige Fortschritte gemacht. Beim Wirtschaftsgipfel
der G-7 in Lyon vergangenen Monat wurde deutlich,
daß wir von der ganzen Welt um unsere Wirtschaft
beneidet werden, und das stärkte spürbar unsere
Glaubwürdigkeit. Es ist eine anschauliche Illustration,
wie nahtlos Innen- und Außenpolitik ineinander
übergehen.
Viertens hat der Präsident erkannt, daß die
zunehmende Offenheit und Interdependenz des
internationalen Systems, das uns so große Vorteile
bringt, auch eine Reihe neuer Gefahren hervorbringt Gefahren wie internationales Verbrechen, Terrorismus,
Drogenhandel,
Umweltzerstörung
und
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Präsident
Clinton hat die Bekämpfung dieser Bedrohungen ins
Zentrum unserer Außenpolitik gestellt. Ich persönlich
habe die Bekämpfung des Terrorismus - und der
Terrorismus fördernden Staaten - an die oberste Stelle
der Tagesordnung des Außenministeriums gesetzt.
Wir haben eindeutig klargestellt, daß sich die
Vereinigten Staaten nicht durch Terroranschläge
einschüchtern lassen. Auf Initiative des Präsidenten
wurde beim Lyoner Gipfeltreffen ein Paket mit 40
spezifischen Empfehlungen zur Bekämpfung von
internationalem Verbrechen und Terrorismus verabschiedet.
Ich habe auch die Integration der umweltpolitischen
Zielsetzungen der Vereinigten Staaten in die Arbeit des
Außenministeriums und unserer Diplomaten im
Ausland zu einer persönlichen Priorität erklärt.
Unter der Führung des Präsidenten schützen wir das
amerikanische Volk vor der Bedrohung der nuklearen
Weiterverbreitung.
Die
letzten
nuklearen
Gefechtsköpfe haben jetzt im Rahmen unseres
trilateralen Abkommens mit der Ukraine und Rußland
die Ukraine verlassen. Die in Rußland verbliebenen
Gefechtsköpfe sind nicht länger gegen unsere Städte
und Häuser gerichtet. Im vergangenen Jahr trugen die
Vereinigten Staaten zur unbegrenzten Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags ( N W ) bei. Da jedes
Land der Welt zum N W seine Stimme abgeben

konnte, mußten unsere Diplomaten in jeder Hauptstadt
der Welt präsent sein, um dieses Ziel zu
erreichen, was uns nachdrücklich die Notwendigkeit
zur Beibehaltung unserer globalen Präsenz vor Augen
führt. Heute arbeiten wir auf die Erlangung eines
umfassenden Vertrags über die Ächtung von
Atomtests hin und erfüllen damit ein von Präsident
Kennedy vor drei Jahrzehnten gesetztes Ziel.
Ich habe Ihnen das breite Spektrum amerikanischer
Interessen auf der Welt dargelegt. Ich möchte jedoch
auch betonen, daß wir diese Interessen nicht ohne die
Beibehaltung unserer Führungsrolle schützen können.
Natürlich ist es leicht, über Führung zu sprechen. Der
Prüftein wird jedoch sein, ob wir die erforderlichen
Ressourcen zur Erfüllung unserer Versprechen
aufbringen können. Bloße Rhetorik ohne Ressourcen
projiziert Schwäche, nicht Stärke.
Um zu führen, müssen die Vereinigten Staaten auch
die Unterstützung ihrer Verbündeten, Freunde und der
internationalen Institutionen zur Erlangung gemeinsamer Ziele mobilisieren. Einige sagen, wir können es
uns leisten, unsere vor einem halben Jahrhundert
eingegangene Verpflichtung gegenüber internationalen
Institutionen wie den Vereinten Nationen und der
Weltbank einzuschränken. Aber wir können nicht den
Institutionen den Rücken kehren, die uns die Kosten
der Führungsrolle tragen helfen, es sei denn, wir
wollen ein Amerika, das der einzige Weltpolizist,
Rettungsdienst und die einzige Kreditanstalt ist.
Amerika wird im Alleingang handeln, wenn es seine
Interessen verteidigen muß. Wir sollten uns jedoch
nicht der Fähigkeit berauben, Lasten zu teilen, wenn
wir können.
Bei meinen Reisen ins Ausland wird mir überdeutlich
klar, warum Amerika immer noch die vorherrschende
Macht der Welt ist. Die Nationen der Welt blicken auf
uns als
verläßliche Führungsmacht mit hohen
Grundsätzen. Sie sehen uns als optimistisches Volk,
das durch seine Interessen motiviert und von seinem
Potential geleitet ist.
Sie folgen uns, weil sie
verstehen, daß Amerikas Kampf für Frieden und
Freiheit der Kampf der Welt ist. Wenn wir unsere
Führungsrolle erhalten wollen, müssen wir weiterhin
gemäß den besten Traditionen unserer Nation und
unseres Volkes handeln.

* *

AMERIKA DIENST 14

*

Seite 3

�USA-KUBA
24. Juli 1996

Aussetzung von Titel III des Helms-Burton-Gesetzes
Erklärung von Präsident Clinton

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton beschloß die Aussetzung des Rechts amerikanischer Staatsbürger und
Unternehmen, ausländische Firmen zu verklagen, die Geschäfte mit durch das Castro-Regime in Kuba
verstaatlichtem amerikanischem Eigentum machen. Gleichzeitig riet der Präsident die Verbündeten der
Vereinigten Staaten dazu auf, gemeinsam mit Amerika konkrete Schritte zur Förderung der Demokratie in Kuba
zu unternehmen. Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der von Präsident Clinton am 16. Juli 1996
abgegebenen Erklärung.

Seit Beginn meiner Amtszeit habe ich mich einer
überparteilichen Politik verpflichtet, die den friedlichen
Übergang zu Demokratie in Kuba fördert. Im Einklang
mit dem Cuban Democracy-Gesetz und den Bestrebungen meiner Vorgänger halte ich ein hartes Wirtschaftsembargo gegen das kubanische Regime
aufrecht und unterstütze gleichzeitig das kubanische
Volk bei seinem Kampf für Freiheit und Wohlstand.
Die Vereinigten Staaten waren in diesem Kampf oft auf
sich selbst angewiesen, da unsere Verbündeten und
Freunde der Ansicht waren, es sei falsch, Kuba zu
Veränderungen zu zwingen.
Vor fünf Monaten wurde der Welt eine harte Lektion
erteilt, warum wir mehr Druck auf Kuba ausüben
müssen. Am hellen Tag und ohne Rechtfertigung
schössen kubanische Militärflugzeuge über internationalen Gewässern zwei unbewaffnete amerikanische
Zivilflugzeuge ab, wobei vier Amerikaner und ExilKubaner ums Leben kamen. Ich ergriff sofort Maßnahmen, um meine Entschlossenheit zu demonstrieren, in Kuba den Wandel zu fördern. Diese
umfaßten auch die Unterzeichnung des Gesetzes
Cuban Liberty and Democratic Solidarity (LIBERTAD),
das die Sanktionen verschärft, die Sache der Freiheit
in Kuba fördert und die Interessen amerikanischer
Staatsbürger schützt, die vom kubanischen Regime
enteignet wurden. Und ich rief die internationale
Staatengemeinschaft auf, die kubanischen Aktionen zu
verurteilen.
Jetzt ist es an der Zeit, daß unsere Verbündeten und
Freunde gemeinsam mit uns konkrete Schritte zur

AMERIKA DIENST 14

Förderung der Demokratie in Kuba unternehmen. Aus
diesem Grund gebe ich heute eine Maßnahme bezüglich Titel III des LIBERTAD-Gesetzes bekannt, die
unsere Verbündeten zur Zusammenarbeit mit uns und
Beschleunigung des Wandels in Kuba ermutigen soll.
Titel IM gestattet amerikanischen Staatsbürgern,
ausländische Firmen zu verklagen, die Geschäfte mit
vom kubanischen Regime beschlagnahmtem amerikanischem Eigentum machen. Ferner gibt das Gesetz
mir die Befugnis, entweder die Inkraftsetzung von Titel
IM auszusetzen oder die Frist zu verschieben, bis zu
der Amerikaner das Recht zu solchen Klagen haben,
wenn mir das für unsere nationalen Interessen erforderlich erscheint und den Übergang zu Demokratie
in Kuba beschleunigt. Ich habe beschlossen, kraft der
mir vom Kongreß verliehenen Befugnisse die Wirksamkeit von Titel III zu maximieren, indem ich unsere
Verbündeten zur Zusammenarbeit mit uns bei der
Förderung der Demokratie in Kuba ermutige.
Ich werde die Inkraftsetzung von Titel III zulassen.
Infolgedessen werden alle in Kuba tätigen Unternehmen hiermit in Kenntnis gesetzt, daß sie bei Geschäften mit enteignetem amerikanischem Besitz mit einem
Prozeß in den Vereinigten Staaten rechnen müssen
und dort haftbar gemacht werden. Dies wird als
Abschreckung von solchen Geschäften dienen - ein
wichtiges Ziel des LIBERTAD-Gesetzes.
Gleichzeitig setze ich das Recht, Klage zu erheben,
ein halbes Jahr aus. Während dieser Zeit wird meine
Administration darauf hinarbeiten, die Unterstützung

Seite 1

�der internationalen Staatengemeinschaft bei einer
Reihe von Schritten zur Förderung der Demokratie in
Kuba zu gewinnen. Diese Schritte beinhalten folgendes: Verstärkung des Drucks auf das Regime zur
politischen und wirtschaftlichen Öffnung, Unterstützung
der Kräfte des Wandels auf der Insel, Aussetzung von
Auslandshilfe für Kuba und Förderung von Geschäftspraktiken, die Demokratie an den kubanischen Arbeitsplatz bringen.
Am Ende dieses Zeitraums werde ich entscheiden, ob
die Aussetzung teilweise oder vollständig aufgehoben
wird - abhängig davon, ob andere sich uns bei der
Förderung der Demokratie in Kuba anschließen.
Unsere Verbündeten und Freunde werden einen
starken Anreiz zu wirklichen Fortschritten erhalten,
denn bei Gültigkeit von Titel III können auch während
der Zeit der Aussetzung unumkehrbare Urteile über
Haftbarkeit gefällt werden, und es könnte sofort nach
der Aufhebung der Aussetzung Klage erhoben werden.
Und aus demselben Grund werden ausländische
Unternehmen einen starken Anreiz erhalten, Geschäfte mit beschlagnahmtem Besitz umgehend
einzustellen - die einzige sichere Möglichkeit, in
Zukunft Prozesse zu vermeiden.
Unsere Verbündeten und ausländischen Geschäftspartner wissen aufgrund unserer Aktionen während
der vergangenen vier Monate, daß meine Administration zur nachdrücklichen
Durchsetzung des
LIBERTAD-Gesetzes entschlossen ist. Beispielsweise
verbietet Titel IV den Personen die Einreise in die
Vereinigten Staaten, die mit beschlagnahmtem
Eigentum amerikanischer Staatsbürger Geschäfte
machen. Meine Administration hat bereits mehrere
Ausländer benachrichtigt, daß sie nicht mehr in die
Vereinigten Staaten einreisen dürfen. Um das zu
vermeiden, hat sich bereits eine beträchtliche Anzahl
ausländischer Unternehmen zum Verlassen Kubas
entschlossen, wodurch der Ressourcenzufluß verringert wird, den das Regime zur Aufrechterhaltung
seiner Macht nutzt.
Die heutige Maßnahme stellt den besten Weg zur

Seite 2

Erlangung unserer gemeinsamen, parteiübergreifenden Ziele dar: Isolierung der kubanischen Regierung
und Ausübung starken internationalen Drucks auf die
kubanische Führung bei gleichzeitiger Wahrung der
sehr realen Möglichkeit einer vollständigen Inkraftsetzung von Titel III, falls das nötig erscheinen sollte.
Indem wir mit unseren Verbündeten vorgehen - nicht
gegen sie - vermeiden wir eine Spaltung, die das
kubanische Regime zweifelsohne ausnutzen würde.
Die Bildung eines internationalen Konsenses vermeidet Handelsstreitigkeiten, die amerikanischen Arbeitnehmern und Unternehmen schaden sowie Arbeitsplätze im Inland zerstören würden. Und er wird zur
Wahrung unserer Führungsrolle bei internationalen
Organisationen beitragen.
Wir werden wenn möglich mit unseren Verbündeten
zusammenarbeiten. Sie müssen jedoch verstehen,
daß Länder und ausländische Unternehmen, die
Vorteile aus verstaatlichtem Besitz ziehen, vor eine
klare Wahl gestellt werden: Sie können ihre Geschäfte
mit diesem Eigentum einstellen. Sie können sich
unseren Bestrebungen zur Förderung des Übergangs
zu Demokratie in Kuba anschließen. Oder sie können
das Risiko einer vollständigen Inkraftsetzung von Titel
IM eingehen. Wie unsere Verbündeten von unserer
Durchsetzung anderer Bestimmungen des Gesetzes
während der vergangenen vier Monate wissen, nimmt
meine Administration diese Verantwortung sehr ernst.
In den letzten vier Jahrzehnten haben sich Administrationen von Republikanern und Demokraten gleichermaßen für den Übergang zu Demokratie im letzten
nichtdemokratischen Regime unserer Hemisphäre
eingesetzt. Die internationale Staatengemeinschaft
sollte bereit sein, das zu ihrem Anliegen zu machen.
Bei einer Durchsetzung entsprechend der heutigen
Entscheidung bietet Titel III des LIBERTAD-Gesetzes
uns ein wirksames Instrument für die Bildung einer
stärkeren internationalen Koalition für Demokratie in
Kuba, falls möglich - und starkes Rüstzeug zur Führung dieses Kampfes im Alleingang, falls nötig. Das
liegt im besten Interesse unseres Landes und im
besten Interesse des kubanischen Volkes.

AMERIKA DIENST 14

�USA-RUSSLAND

24. Juli 1996

Demokratie, Freiheit und Wohlstand als Vermächtnis
Ansprache von Vizepräsident AI Gore

MOSKAU - (AD) - Nach Ansicht von Vizepräsident AI Gore haben die Mitglieder der amerikanisch-russischen
Kommission für wirtschaftliche und technische Zusammenarbeit eine "einmalige Chance, nachfolgenden
Generationen die Gaben der Demokratie, Freiheit und des Wohlstands als Vermächtnis zu hinterlassen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Vizepräsident AI Gores vom 15. Juli 1996 bei der Plenarsitzung der
Kommission, deren Vorsitz er sich mit dem russischen Ministerpräsidenten Viktor Tschernomyrdin teilt.

Herr Ministerpräsident, auch im Namen meiner
Kollegen möchte ich Ihnen für Ihre aufmerksame und
bewegende Geste danken, eine Schweigeminute für
Ron Brown einzulegen.
Ich freue mich sehr, wieder in Moskau zu sein und
mich erneut der bedeutenden und historischen
Aufgabe unserer Kommission zuzuwenden, produktive, dynamische und vor allem normale Beziehungen
zwischen unseren Nationen und unseren Völkern
herzustellen.
Wie Rußland der Welt vor wenigen Tagen bei den
Wahlen zeigte, sind unsere Nationen und unsere
Völker durch weitaus mehr verbunden als nur geographische Gegebenheiten und gegenseitige Interessen.
Wir teilen auch den elementaren Glauben an die Ideale
der Freiheit, die Macht der Demokratie und das Recht
jedes einzelnen Bürgers, ungeachtet seiner gesellschaftlichen Stellung oder seiner Wirtschaftslage
gehört zu werden und eine bessere Zukunft in Aussicht
gestellt zu bekommen. Am 3. Juli hatte das russische
Volk die Wahl. Es entschied sich für die Gestaltung
einer vielversprechenden eigenen Zukunft. Im Namen
aller Amerikaner - und vielleicht darf ich im Namen
aller Menschen sprechen, die sich für Demokratie
einsetzen - möchte ich dem russischen Volk gratulieren.
Dies ist wirklich ein ganz besonderer Augenblick für
unsere Nationen. Es ist wahrhaft ein Scheideweg für
die Zukunft Rußlands als freie Nation. Die Geschichte
hat dem russischen Volk diese Chance nur einmal in

AMERIKA DIENST 14

einem Jahrtausend geboten. Wir hier haben jetzt als
Mitglieder dieser Kommission die gleiche Chance,
dauerhafte gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit,
Freundschaft und Freiheit zu schaffen, die ein weiteres
Jahrtausend überdauern. Aus diesem Grund ist die
von dieser Kommission geleistete Arbeit von elementarer Bedeutung.
Bei sieben Gesprächsrunden während mehr als drei
Jahren harter Arbeit sind die besten und klügsten
Staatsbeamten unserer Nationen für eine gemeinsame
Sache hier in Moskau und in Washington zusammengetroffen, um die Strukturen zu vervollkommnen, auf
denen langfristig die Zukunft der russisch-amerikanischen Beziehungen ruht: Freie Marktwirtschaft und
freie Gedanken sowie Gesetze und Institutionen, die
im Bereich von Handel und Investitionen zwischen
unseren Nationen freies Unternehmertum ermöglichen.
Die gemeinsamen Bestrebungen erstrecken sich auch
auf die Vertiefung des Wissens über unseren Planeten
und die gerechte und sichere Welt, die wir gemeinsam
aufbauen müssen. Von gemeinsamen Weltraumprojekten bis zu innovativen Partnerschaften in
größerer Nähe zur Erde bahnt die Zusammenarbeit
unserer Länder inzwischen einen Weg zu einem
neuen Zeitalter des Friedens und Wohlstands für
unsere Nationen und unsere Bürger.
Jetzt ist es an der Zeit, diese Strukturen zu vervollkommnen. Jetzt ist es an der Zeit, daß wir uns mit
Herz und Verstand für den Abschluß der Revolution
einsetzen, die wir begonnen haben. Ich weiß, daß wir

Seite 1

�gemeinsam die Tür zu Investitionen und Handel öffnen
können. Wir können die Hindernisse im wirtschaftlichen Bereich beseitigen und an ihrer Stelle Chancen
für unsere Bürger eröffnen, die so grenzenlos sind wie
der Ideenreichtum und die Ausdauer unserer Unternehmer.
Gemeinsam können wir Schritte zur Ausrottung von
Krankheiten wie Diphterie unternehmen, die keine
Grenzen kennen. Gemeinsam können wir die Sicherheit und sichere Lagerung des auf unserem
Boden verbleibenden Nuklearmaterials fördern.
Gemeinsam können wir uns auf so unterschiedlichen
Gebieten wie Weltraumforschung, Energiewirtschaft,
Rüstungskonversion, Landwirtschaft, Wissenschaft
und Technologie auf die großen Herausforderungen
des 21. Jahrhunderts vorbereiten. Dabei werden wir
die Fähigkeiten dieser Kommission auf die Probe
stellen, denn wir können unsere Ziele nur durch die
Vergrößerung unseres Aktionsradius erlangen.
Wir können unsere Fähigkeit zur Beseitigung von
Hindernissen nur testen, wenn wir uns den Herausforderungen unseres Zeitalters stellen. Nur durch
offenen und ehrlichen Dialog werden wir die Partnerschaft und Freundschaft zwischen unseren großartigen Nationen vertiefen. Ich bin stolz auf die von
uns geleistete gemeinsame Arbeit und sehe den vor
uns liegenden Chancen erwartungsvoll entgegen.
Die ganze Welt hat großen Respekt vor den vom
russischen Volk in den vergangenen fünf Jahren
erzielten enormen Fortschritten. 60 Prozent der
Produktion entfallen jetzt auf den Privatsektor, in dem
bereits mehr russische Bürger arbeiten als in verschiedenen anderen westeuropäischen Nationen.
Rußland hält die Inflationsrate unter Kontrolle, hat die
Preise freigesetzt, entwickelt Kapitalmärkte und läßt
seine Bürger Erfahrungen mit Privatbesitz machen.
Diese Veränderungen sind wahrhaft revolutionär, aber
zweifelsohne wird sich in unseren beiden Ländern
noch weitaus mehr wandeln.
Wir müssen kühnere, konkretere Schritte unternehmen
um sicherzustellen, daß Russen und Amerikaner
miteinander Geschäfte abwickeln können. Wir müssen
dynamischer zusammenarbeiten, um übereinstimmende und kalkulierbare Steuer- und Investitionskodizes,
Zollstrukturen und Vorschriften für Unternehmen zu
entwickeln, die den Wirtschaftsbeziehungen förderlich
sind. Noch wichtiger ist jedoch, daß sie von Vorteil für
das russische Volk sind und ihm die angestrebten
Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Sicherheit vermitteln. Diese Kommission leistet harte Arbeit zur
Erlangung dieser Ziele.
Wir machen echte Fortschritte. Ich bin überzeugt, daß
jedesmal, wenn ein Amerikaner ein russisches Labor

Seite 2

betritt, jedesmal, wenn ein Russe eine amerikanische
Universität besucht, jedesmal, wenn Russen und
Amerikaner sich im Weltraum die Hände reichen, der
Austausch von Wissen die Zukunft unserer Länder
weiter sichert. Wir haben bei unseren sieben Gesprächsrunden viele Fortschritte gemacht. Jetzt ist der
Zeitpunkt gekommen, diesen Prozeß zu beschleunigen
und das Versprechen von beherzten Reformen in
Rußland zu erfüllen.
Rußland hat ganz offensichtlich großes Interesse
daran, daß wir dies tun. Aber es ist auch ein großes
Interesse der Vereinigten Staaten, denn Fortschritte
beim weiteren Vorgehen lassen Rußland zu einer
stabileren, stärkeren Großmacht werden, die Offenheit
und Konkurrenzfähigkeit auf den russischen Märkten
schafft, was eindeutig im Interesse Rußlands liegt. Wir
werden die Unterstützung für Demokratie und Reformen konsolidieren, die die russischen Wähler am 3.
Juli auf so eloquente und historische Weise an der
Wahlurne bekundeten. Das ist der Kern der vor uns
liegenden Chancen.
Wir dürfen bei unserer Aufgabe nicht scheitern. Wir
dürfen uns nicht durch Unsicherheit oder Angst
entmutigen lassen. Wir dürfen nicht diese außergewöhnliche Chance verpassen. Es ist eine einmalige
Chance, nachfolgenden Generationen die Gaben der
Demokratie, Freiheit und des Wohlstands als Vermächtnis zu hinterlassen.
Viktor Stepanowitsch, liebe Freunde, ich bin sehr stolz
und fühle mich geehrt, gemeinsam mit Ihnen an
diesem großartigen Unterfangen teilzuhaben und freue
mich auf unseren Erfolg. Gestatten Sie mir, die
Mitglieder der Kommission auf unserer Seite vorzustellen: Leon Fuerth, Botschafter Thomas Pickering,
der Stellvertretende Wirtschaftsminister Barry Carter,
Wirtschaftsminister Mickey Kantor, Energieministerin
Hazel O'Leary, Gesundheitsministerin Donna Shalala,
die Direktorin der Umweltbehörde Carol Browner, der
Wissenschafts- und Technologieberater des Präsidenten Dr. Jack Gibbons, der Stellvertretende
Landwirtschaftsminister Rieh Rominger, Kommissar
Isaac Hunt vom Ausschuß für Effekten und Wechselverkehr, NASA-Direktor Dan Golden, Staatssekretär
Jim Baker vom Nationalen Amt für Ozeanographie und
Meteorologie (NOA), der Stellvertretende Außenminister Strobe Talbott, der Stellvertretende Finanzminister Larry Summers, der Vizepräsident der
Entwicklungsgesellschaft OPIC, Dan Riordan, Botschafter James Collins, Botschafter Richard Morningstar sowie der Leiter unserer Behörde für kleine und
mittelständische Unternehmen, Phil Lader.
Herr
Ministerpräsident, wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Ihnen und allen unseren russischen Freunden.

AMERIKA DIENST 14

�USA-RUSSLAND
24. Juli 1996

Amerika muß die Ärmel hochkrempeln
und sich an die Arbeit machen
Rede des Stellvertretenden Außenministers

WASHINGTON - (AD) - Nachdem das russische Volk zum ersten Mal in seiner tausendjährigen Geschichte das
Staatsoberhaupt gewählt hat, werden die Vereinigten Staaten in den kommenden Monaten die Ärmel
hochkrempeln und sich mit den Russen an die Arbeit machen, äußerte der Stellvertretende Außenminister Strobe
Talbott in einer Rede vor dem amerikanisch-russischen Unternehmensrat am 11. Juli 1996.
Die Vereinigten Staaten werden sich bei der Zusammenarbeit mit dem russischen Volk auf drei umfassende
Bereiche konzentrieren: Sicherheit, regionale Kooperation sowie Wirtschaft und Handel.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Stellvertretenden Außenministers in wesentlichen
Auszügen.

Die amerikanisch-russischen Beziehungen:
Die nächste Phase
Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, heute hier sein zu
dürfen. Ich kann mir kein geeigneteres Publikum für
eine Rede über die amerikanisch-russischen Beziehungen vorstellen. Die amerikanische Regierung und
der amerikanische Privatsektor sind in sehr realer
Weise Partner bei dem gemeinsamen Unternehmen,
die Reformen in Rußland zu fördern, daran teilzuhaben
- und davon zu profitieren. Sie haben ein geschäftliches Interesse daran, daß Rußland beim Übergang
vom Sowjetkommunismus zu Demokratie und Marktwirtschaft sowie der vollständigen Integration in die
übrige Welt Erfolg hat - und wir haben ein nationales
Sicherheitsinteresse daran. Von unseren unterschiedlichen Standpunkten aus und mit unseren
unterschiedlichen Ressourcen arbeiten wir bei der
Unterstützung dieses Übergangs zusammen.
In den vergangenen Jahren und insbesondere in den
letzten Monaten haben wir die Höhen und Tiefen, die
Ecken und Kanten der russischen Politik erlebt.
Gemeinsam haben wir sie erlebt - mit einem unterschiedlichen Maß an Skepsis. Die herkömmlichen
Meinungen über Rußland vermischten sich - wie schon
so oft - mit Pessimismus, sogar Panik und verzweifelten Ratschlägen. Seit Januar haben wir Experten

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gehört, die zunächst im Brustton der Überzeugung
prognostizierten, daß Boris Jelzin die Wahl verlieren
würde; dann, daß er sie absagen würde; dann, daß er
Wahlbetrug begehen würde; dann, daß er sie nicht
überleben würde. Von Anfang an und im gesamten
Verlauf dieser langen Periode der Spannung, Tumulte
und Kontroversen stellten Präsident Clinton und
Außenminister Christopher sicher, daß wir für jedes
Ergebnis gerüstet waren. Sie bewahrten sich jedoch
auch das Vertrauen in die Demokratie und die kluge
Politik eines aktiven, geduldigen Engagements für ein
sich reformierendes Rußland. Mit der Entscheidung
für diese Strategie und ihrer Beibehaltung wiesen sie
die Ratschläge der Niedergangspropheten zurück, die
tatsächlich eine Rückkehr zur Politik der Eindämmung
und Konfrontation aus der Zeit des Kalten Krieges
forderten.
Und dies ist unsere Sichtweise der Ereignisse der
letzten Woche in Rußland. Für das russische Volk war
die Wahl eine Chance, seine Hoffnungen und Ängste
bezüglich einer Reihe von Themen zum Ausdruck zu
bringen: Von Kriminalität und Korruption über Tschetschenien und Privatisierung bis zu sozialer Sicherheit
und Unsicherheit. Aber im umfassendsten und tieferen
Sinne war es eine Abstimmung darüber, ob man den in
den vergangenen fünf Jahren eingeschlagenen

Seite 1

�schwierigen Kurs beibehalten oder die Uhr zurückdrehen sollte.
Präsident Clinton hat die Entscheidung vor zweieinhalb
Jahren präzise formuliert. Während seines ersten
Besuchs in Moskau als Präsident im Januar 1994
stellte er dem russischen Volk eine grundlegende
Frage. "Wie werden Sie Ihre Rolle in der Welt als
Großmacht definieren?", fragte er. "Werden Sie sie
anhand der Bedingungen von gestern oder der von
morgen definieren?"
In der vergangenen Woche beantwortete eine eindeutige Mehrheit der Russen diese Frage mit ihrer
Stimme für Reformen, für die Zukunft und gegen einen
Kandidaten, der eine Partei repräsentiert, deren Name
schon ein Synonym für die Vergangenheit ist. Und als
die Russen zum ersten Mal in ihrer tausendjährigen
Geschichte ihr Staatsoberhaupt wählten, stimmten sie
auch entschieden für die Demokratie selbst. Über 72
Millionen Bürger, über 67 Prozent der in Frage kommenden Wähler gingen in die 96.000 Wahllokale von
Kaliningrad bis Wladiwostok über die elf Zeitzonen der
Russischen Föderation hinweg. Diese Zahlen sind
ebenso beeindruckend und bedeutend wie der Wahlsieg mit 14 Prozent Vorsprung.
Die russische Demokratie und die amerikanische
Unterstützung der russischen Demokratie haben also
beide eine wichtige Probe bestanden. Aber es war
natürlich kein endgültiger Test - ganz und gar nicht.
Die Reformen sind schwierig und noch im Gange. Sie
werden eine Generation oder länger dauern. Sie sind
von Unzulänglichkeiten und dem, was die Marxisten erinnern Sie sich an sie? - als "interne Widersprüche"
bezeichnen würden, gekennzeichnet. Viele Russen
setzen Reformen immernoch mit Härten und Gefahren
gleich. Schließlich stimmten 40 Prozent für Sjuganow.
Und nicht alle, die Boris Jelzin wählten, sind mit dem
Leben heute zufrieden.
Dennoch wird Präsident Jelzin, wenn er seine zweite
Amtszeit beginnt, einen bedeutenden neuen Aktivposten zur Bewältigung der ihn konfrontierenden
beängstigenden Herausforderungen haben. Er hat
jetzt ein klares Mandat des russischen Volkes zur
Fortsetzung seines Reformprogramms. Während er
dieses Mandat nutzt, kann er mit unserem kontinuierlichen Engagement rechnen. Er kann auch mit unserer
vollständigen Offenheit bezüglich der Bedingungen
dieses Engagements rechnen. Unsere Unterstützung
für Rußland ist nicht bedingungslos. Das war nie der
Fall. Wie Präsident Eisenhower einmal sagte: "Ich
habe eine Meßlatte, mit der ich jedes Problem teste: Ist
es gut für Amerika?" Präsident Clinton wendet dieselbe Meßlatte an. Jedes Mal, wenn wir uns einem
neuen Problem gegenübersehen oder ein altes
wiederauftaucht, messen wir es an unseren eigenen
Interessen und wägen unsere Politik entsprechend ab.

Seite 2

Die erste große Chance unseres Engagements für die
Jelzin-Administration der zweiten Amtszeit bietet sich
an diesem Wochenende, wenn unser Vizepräsident
zum siebten Treffen der Gore-TschernomyrdinKommission nach Rußland reist. In Begleitung des
Vizepräsidenten befinden sich Verteidigungsminister
Perry, Wirtschaftsminister Kantor, Energieministerin
O'Leary, Gesundheitsministerin Shalala und eine
Reihe weiterer hochrangiger Regierungsvertreter.
Dazu zählen zwei Kollegen, die diesem Publikum gut
bekannt sind: Jim Collins und Dick Morningstar, die
dank der jüngsten Aktionen des Senats jetzt als
Botschafter angesprochen werden, oder - wenn Sie
dies bevorzugen - als Ihre Exzellenz. Wie Sie alle
wissen, hat sich diese Kommission als unschätzbarer
Mechanismus erwiesen. Die starken persönlichen und
beruflichen Bande, die der Vizepräsident mit dem
Ministerpräsidenten entwickelt hat, waren eine Kraft für
Stabilität in den amerikanisch-russischen Beziehungen
und für Fortschritte bei den russischen Reformen.
Wir erachten es als bedeutend und ermutigend, daß
Präsident Jelzin die Bildung seiner neuen Regierung
damit begonnen hat, Herrn Tschernomyrdin zu bitten,
als sein Ministerpräsident im Amt zu bleiben. Viktor
Stepanowitsch hat sich als unerschütterlich in seiner
Befürwortung der Reformen und effektiv bei ihrer
Umsetzung erwiesen. Er hat eine Schlüsselrolle bei
der Umgestaltung einer autoritären, zentral gelenkten
Wirtschaft, der Privatisierung des industriellen Sektors,
Bekämpfung der Inflation, Entwicklung von Kapitalmärkten sowie dabei gespielt, den Russen erste
Erfahrungen mit Privatbesitz zu verschaffen. Er hat
sich effektiv mit der Führung des Industriemanagement-Programms und führenden Vertretern unserer
eigenen Regierung auseinandergesetzt.
Es bleibt jedoch noch viel Arbeit zu tun. In den
kommenden Monaten werden wir die GoreTschernomyrdin-Kommission und andere Foren
nutzen, um unsere Ärmel hochzukrempeln und uns mit
den Russen an die Arbeit zu begeben. Wir werden
uns auf drei umfassende Bereiche konzentrieren:
Sicherheit, regionale Kooperation sowie Wirtschaft und
Handel. Ich möchte kurz auf jedes Gebiet unter
besonderer Berücksichtigung des dritten eingehen.
Erstens Sicherheit - die wirklich an erster Stelle
kommen sollte, da sie das grundlegendste aller
Probleme betrifft: Unsere Sicherheit, in der Tat unser
Überleben als Nation. In den vergangenen dreieinhalb
Jahren haben wir bereits unsere jeweiligen Nukleararsenale um 9.000 Gefechtsköpfe reduziert. Wir werden
auf weitere Reduzierungen drängen und zusätzliche
3.000 Gefechtsköpfe zerlegen. Wir werden weiterhin
mit den Russen bei der Verringerung der Waffenarsenale, der Einstellung von Atomtests und der
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen und Massenvernichtungswaffen auf der ganzen Welt zusammenarbeiten.

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�Zweitens arbeiten wir - wann immer und wo immer
möglich - in den Krisenregionen der Welt zusammen,
anstatt miteinander zu konkurrieren.
Das beste
Beispiel ist Bosnien, wo amerikanische und russische
Soldaten Seite an Seite Dienst tun. Verteidigungsminister Perry wird bei seinen Gesprächen in Moskau
kommende Woche Fragen der Sicherheit und regionalen Zusammenarbeit ansprechen.
Jetzt möchte ich mich dem Gebiet zuwenden, das für
Sie von unmittelbarem Interesse ist. Der Ausgang des
russischen Reformprozesses im allgemeinen hängt
tatsächlich insbesondere davon ab, was mit den
russischen Wirtschaftsreformen geschieht.
Die
Erhöhung von Sicherheit, Stabilität und Wohlstand, die
Millionen Russen vergangene Woche mit ihrer Stimme
bei den Wahlen forderten, bleibt außer Reichweite,
wenn Rußland nicht der Übergang von einer Kommandowirtschaft zu einer offenen Marktwirtschaft gelingt.
Die amerikanischen Unternehmer müssen eine
entscheidende Rolle übernehmen, damit Rußland
diesen Übergang vollziehen kann. Sie, meine Damen
und Herren, besitzen die erforderlichen Ressourcen
und das Fachwissen.
Boris Jelzin weiß das. Bei seinem Telefongespräch
mit Präsident Clinton vergangenen Freitag übermittelte
er eine wichtige Botschaft. Er bat die Vereinigten
Staaten eindringlich, bei der Mobilisierung von Privatinvestitionen in großem Umfang zu helfen. Präsident
Clinton erwiderte, die Vereinigten Staaten würden alles
in ihrer Macht Stehende unternehmen, um Rußland bei
der Erlangung dieses Ziels behilflich zu sein. Dabei
erwähnte er insbesondere zwei Institutionen: Erstens
wird die amerikanische Regierung im Rahmen der
Gore-Tschernomyrdin-Kommission vorgehen und
zweitens werden die amerikanischen Unternehmer bei
einer Verbesserung der Investitionsbedingungen ihr
Engagement auf zahlreichen Ebenen intensivieren,
von denen eine der amerikanisch-russische Unternehmensrat ist.
Ich bin sicher, daß alle hier Anwesenden realistisch
hinsichtlich der verbleibenden Herausforderungen
sind. Und wir werden durch die jüngsten Entwicklungen ermutigt. Wir in der Regierung wissen, daß wir
bei einer Vielzahl äußerst schwieriger diplomatischer
und sicherheitspolitischer Fragen harte Arbeit vor uns
haben. Sie als Unternehmer haben Hindernisse zu
bewältigen, die dauerhafte, feste Bestandteile der
russischen Landschaft zu sein scheinen. Der Vizepräsident wird nächste Woche mit Vertretern von über 600
amerikanischen Unternehmen zusammentreffen, die
Büros in Moskau haben. Er weiß, daß nur ungefähr
ein Drittel von ihnen in den Bereichen Handel und
Investitionen tätig ist und nur die Hälfte nennenswerte
Investitionen tätigte. Und er kennt den Grund dafür.
Obwohl Rußland beeindruckende Fortschritte dabei
machte, die Kontrolle der Wirtschaft durch den Staat
zu beenden, muß das Land noch die Institutionen und

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gesetzlichen Strukturen schaffen, die seiner sich
entwickelnden freien Marktwirtschaft Ordnung und
Effizienz bringen.
Der Vizepräsident weiß auch, daß den Möglichkeiten
von Ministerpräsident Tschernomyrdin und seiner
Regierung, diesen Übergang zu beschleunigen und zu
leiten, Grenzen gesetzt sind. Mein Freund und Kollege
beim Finanzministerium, Larry Summers, erklärte: "Die
Schaffung eines sicheren Wirtschaftsklimas, das den
Investoren Vertrauen gibt, erfordert nicht nur von der
Regierung eingeleitete Reformen, sondern auch vom
Volk ausgehende Veränderungen. Es geht nicht nur
darum, neue Vorschriften zu erlassen, sondern darum,
daß sie angewendet werden und wer dafür zuständig
ist."
Dennoch ist das heute in Rußland herrschende Klima
diesen vom Volk ausgehenden Reformen förderlicher
als noch vor zehn Tagen. Direkt nach den Wahlen
waren auf den russischen Finanzmärkten bereits
Anzeichen für ein neues Leben zu beobachten. Die
Aktienkurse steigen stetig an, und die Kurse für
festverzinsliche Wertpapiere sind ein Zeichen für
größeres Vertrauen in die Regierung. Präsident Jelzin
und Ministerpräsident Tschernomyrdin sind sich voll
und ganz bewußt, daß dieser Trend fortgesetzt werden
muß. Sie wissen, daß Investitionskapital nicht nur aus
dem Ausland ins Inland zurückkommen muß, wo so
viel Kapitalflucht stattfand. Es muß auch im Land
bleiben, Arbeitsplätze schaffen und den Lebensstandard des Durchschnittsbürgers erhöhen.
Das ist sowohl für die Politik als auch für die Wirtschaft
ein Thema. Denn nur wenn sich die Wirtschaft so
entwickelt, daß sich das Leben der russischen Bürger
spürbar verbessert, können die Politiker in Rußland
zuversichtlich sein, daß bei den nächsten Wahlen
weniger, und nicht mehr Russen gegen Reformen
stimmen.
Aus genau demselben Grund - nämlich weil es ein
Gebot des politischen Überlebens sowie eine Selbstverständlichkeit guter Regierungsführung ist - müssen
Präsident Jelzin, Ministerpräsident Tschernomyrdin
und ihre Kollegen die Epidemie von Verbrechen und
Korruption unter Kontrolle bringen. Die weitverbreitete
Gesetzlosigkeit in Rußland ist heute eine große
Bedrohung für das Vertrauen der Öffentlichkeit in die
Regierung, eine Bedrohung der Reformen sowie eine
Bedrohung des politischen Geschicks der Reformer.
Das gute Abschneiden von General Lebed bei der
ersten Wahlrunde spiegelt diese Besorgnis der
Öffentlichkeit wider. Ich brauche vor diesem Publikum
wohl kaum hinzuzufügen, daß Verbrechen und
Korruption auch eine Bedrohung der Bereitschaft und
Fähigkeit Ihrer Unternehmen darstellen, hier geschäftlich tätig zu werden.

Seite 3

�Lassen Sie mich zusammenfassen, was wir unsererseits unternehmen werden, um die Verpflichtung
Präsident Clintons zur Unterstützung der Wirtschaftsreformen in Rußland in Taten umzusetzen. Vizepräsident Gore wird kommende Woche in Moskau die
Regierung Jelzin-Tschernomyrdin dazu auffordern, die
notwendigen Gesetze, Vorschriften und Institutionen
zu schaffen, damit die Investoren das für die Ausweitung ihrer Aktivitäten erforderliche Vertrauen
gewinnen. Er und andere Mitglieder der amerikanischen Delegation werden sich auf vier Fragen
konzentrieren, die für die Weltwirtschaft von besonderer Bedeutung sind.
Die erste ist die Besteuerung. Das derzeitige System
ist verwirrend, schlecht kalkulierbar und oftmals
übertrieben und irrational. Es werden keine Unternehmen in Rußland investieren, wenn sie keine Gewinne
machen können, und sie können keine Gewinne
machen, wenn ihre Einnahmen beschlagnahmt
werden. Aus diesem Grund muß Rußland in seinem
eigenen Interesse unverzüglich einen neuen Steuerkodex entwickeln, der Investitionen ermutigt.
Zweitens wird der Vizepräsident Rußland zur Annahme neuer Gesetze und Vorschriften für den
Energiesektor auffordern. Die derzeitige Gesetzgebung beinhaltet zu viel Konfliktstoff sowie unzureichende Schlichtungsmittel. Ein stabiler Gesetzesund Steuerrahmen würde die 50 bis 60 Milliarden
Dollar nicht realisierter Investitionen im Öl- und
Gasbereich freisetzen.
Drittens wird bei der siebten Gesprächsrunde der
Gore-Tschernomyrdin-Kommission
erstmals
die
wachsende Besorgnis über Wirtschaftskriminalität
angesprochen. Die Russen haben mit der jüngsten
Annahme eines Strafgesetzbuches bereits Fortschritte
in diesem Bereich erzielt. Gestern versprach Präsident Jelzin in einer Grundsatzrede, daß der Reformprozeß fortgesetzt wird und "die Bekämpfung der
Korruption auf allen Ebenen ein äußerst wichtiger
Bestandteil meiner Arbeit sein wird". Vizepräsident

*

Seite 4

Gore wird den Ministerpräsidenten dazu ermutigen,
eine Strafprozeßordnung zu erlassen, Gesetze zur
Bekämpfung von Korruption und Geldwäsche sowie
andere Schlüsselbestandteile der Gesetzgebung im
Bereich der Verbrechensbekämpfung zu verabschieden. Nach den Sitzungen der Gore-TschernomyrdinKommission in Moskau werden wir weiterhin mit den
russischen Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten, um eine nachdrückliche Umsetzung dieser
neuen Gesetzgebung zu gewährleisten.
Und schließlich wird der Vizepräsident unser Engagement zur engen Zusammenarbeit mit dem
Industriemanagement-Programm und multilateralen
Entwicklungsbanken bekräftigen. Seit 1993, als die
Vereinigten Staaten die Bestrebungen zur Mobilisierung von Unterstützung der Reformen durch die
internationalen Finanzinstitutionen in der gesamten
ehemaligen Sowjetunion leiteten, haben diese Organisationen beim Entwurf und der Finanzierung von
Programmen geholfen, die für Wachstum und Stabilität
erforderlich sind. Dazu zählen auch die beängstigende aber unerläßliche Aufgabe der Stabilisierung
der Währung und Aufrechterhaltung niedriger Inflationsraten sowie die Fortsetzung von Strukturreformen wie Privatisierung, Reform des Bankwesens und
Milderung der Auswirkungen industrieller Verschlankung.
Abschließend möchte ich unterstreichen, daß die
Wahlen in der vergangenen Woche ein großer Schritt
für Rußland waren - ein Schritt in die richtige Richtung.
Ferner waren sie eine Bekräftigung - ich bin sogar
versucht zu sagen, eine Rechtfertigung - der Politik
unserer Administration, den russischen Reformprozeß
engagiert zu unterstützen. Sie waren für uns ein
Anreiz, den Kurs der russischen Reformen einzuhalten, solange Rußland ihn hält. Und schließlich waren
sie ein neuer Anreiz für die amerikanische Regierung
und den amerikanischen Privatsektor, ihre Zusammenarbeit - und ihr gemeinsames Unterfangen - zu
verstärken, um Rußland um seinet- und um unseretwillen zum Erfolg zu verhelfen.

* * *

*

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�TERRORISMUS
24. Juli 1996

Neue terroristische Bedrohung in der Golfregion
Erklärung von General John M. Shalikashvili

WASHINGTON - (AD) - Der Schutz der vitalen Interessen der Vereinigten Staaten am Persischen Golf ist dem
Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General John M. Shalikashvili, zufolge aufgrund der "signifikanten
neuen terroristischen Bedrohung" zu einer äußerst schwierigen Herausforderung geworden. Nachfolgend
veröffentlichen wir die am 9. Juli 1996 bei einer Anhörung vor dem Streitkräfteausschuß des US-Senats
abgegebene Erklärung von General Shalikashvili.

Herr Vorsitzender, sehr geehrte Ausschußmitglieder,
normalerweise freue ich mich immer, mit Ihnen zu
sprechen. Heute erörtern wir jedoch ein für uns hier
und alle Angehörigen unserer Streitkräfte sehr
schmerzliches Thema. Wir sind uns alle bewußt, daß
wir zusammengekommen sind, weil zum zweiten Mal
innerhalb von sieben Monaten Terroristen einen
Anschlag auf unsere Streitkräfte in Saudi-Arabien
verübt haben. Dabei starben 19 Angehörige der
Luftwaffe, und das Sicherheitsumfeld in dieser für die
Vereinigten Staaten äußerst wichtigen Region wurde
verändert.
Ich möchte nochmals den Familien der tapferen
Flieger, die ihr Leben verloren, mein Beileid aussprechen. Den Verletzten wünsche ich eine baldige
Genesung.
In den vergangenen anderthalb Jahren stieg die
terroristische Bedrohung in der Region am Persischen
Golf von einem relativ niedrigen auf ein sehr hohes
Maß an. Heute besteht unsere Herausforderung in
dieser Region daher im weiteren Schutz unserer
vitalen Interessen angesichts einer signifikanten neuen
terroristischen Bedrohung. Es ist jetzt eine viel
schwierigere Herausforderung, bei der wir die Gefährdung unserer vitalen nationalen Interessen gegen die
Gefährdung unserer Streitkräfte abwägen müssen.
Dieses Abwägen von Risiken ist ein integraler Bestandteil meiner Arbeit. Als höchster Militärberater des
Verteidigungsministers, des Nationalen Sicherheitsrats
und des Präsidenten leite ich die strategische Planung,

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überwache die Spannungsfalloperationen und unterstütze den Präsidenten und den Verteidigungsminister
bei der strategischen Führung unserer Streitkräfte.
Von allen meinen Aufgaben ist keine wichtiger für mich
als die angemessene Definition von Missionen und die
Strukturierung unserer Streitkräfte, wenn unsere
Männer und Frauen in Uniform sich in Gefahr begeben
müssen. Gleichzeitig möchte ich sicherstellen, daß wir
ständig nach neuen Möglichkeiten suchen, den Schutz
unserer Streitkräfte bei der Durchführung ihrer vielfältigen, unterschiedlichen Missionen im In-und Ausland
zu verbessern.
Bei meinen Reisen um die Welt werde ich ständig
daran erinnert, wie wertvoll unsere Männer und Frauen
in Uniform für unser Land sind und wie kostbar ihr
Leben für ihre Familien und für das amerikanische
Volk ist.
Der Schutz der Truppe und ihrer Gesundheit, die
Gewährleistung der physischen Sicherheit unserer
Männer und Frauen in Uniform und ihrer Familien sind
jedesmal für mich das wichtigste Anliegen, wenn ich
die Annahme eines Plans empfehle oder dem Verteidigungsminister den Befehl für eine operative Dislozierung zur Unterschrift vorlege.
Das war der Fall, als wir unsere Truppen nach Haiti
entsenden mußten, und das ist der Grund, warum wir
in der Sommerhitze Bosniens Kevlarhelme und
Flakwesten tragen. Einzelheiten im Zusammenhang
mit dem Schutz unserer Truppen - von Spezialausbildung über Richtlinien für die Gefechtseröffnung und

Seite 1

�Fortführung bis zu operativen Verfahren - haben
immer oberste Priorität, sei es bei der Evakuierung von
Nichtkombattanten aus Liberia oder bei Operationen
von saudiarabischem Gebiet aus, die Saddam Hussein
von einer erneuten Invasion Kuwaits abschrecken
sollen.
Das Wissen, daß wir unser Bestes tun werden, um sie
in Gefahrensituationen zu schützen, ist ein wichtiger
Grund dafür, daß unsere Soldaten, Seeleute, Flieger
und Marineinfanteristen so viel geleistet haben und so
viele operative Erfolge verbuchen konnten. Das galt
für die Operation Wüstensturm und trifft heute in
Bosnien, in Korea und am Persischen Golf zu.
Während meiner Reise in die Golfregion Ende Mai
stellte ich fest, daß dort überall ein starkes Bewußtsein
für die terroristische Bedrohung und großes Verständnis für die Bedeutung des Schutzes der Truppe
vorherrschte. Angesichts der erwarteten Bedrohung
hatten alle Einheiten, die ich besuchte, umfassende
Maßnahmen für den Schutz der Truppe ergriffen sowohl im Hinblick auf die physische Sicherheit als
auch bei der Aufklärung und Ausbildung auf dem
Gebiet der Terrorismusbekämpfung. Da Aktionen zur
Abschreckung von Terroristen von Dauer sein müssen
und wir uns nie zufriedengeben dürfen, waren zusätzliche Maßnahmen zur weiteren Erhöhung der Sicherheit
in Vorbereitung.
Weniger als einen Monat vor dem Bombenanschlag
sprach ich auf dem Luftwaffenstützpunkt King Abdul
Aziz in Dahran mit einigen dieser Flieger, die in den
Khobar Towers lebten. Wie all unsere jungen Männer
und Frauen in Uniform, die ich überall auf der Welt
besuche, waren sie eine äußerst beeindruckende
Gruppe. Ihre Moral war sehr gut, und sie waren sich
bewußt, daß ihre Arbeit wichtig für unsere Nation ist
und in hohem Maße Frieden und Sicherheit dient.
Sie wußten in der Tat, daß sie eine lebenswichtige
Mission erfüllen. Sie wußten, daß das 4404. Composite Wing täglich Flüge über irakischem Gebiet absolvierte, um Saddam Hussein von einem erneuten
Einmarsch bei seinen Nachbarn und einer Gefährdung
der weltweiten Energieversorgung abzuschrecken.
Und sie verstanden auch folgendes: Wenn sie nicht
dort wären, müßten wir eines Tages vielleicht wieder
kämpfen, um unsere regionalen Verbündeten zu
verteidigen, und das geschähe wahrscheinlich auf
Kosten des amerikanischen Steuerzahlers und
amerikanischer Menschenleben.
Die Angehörigen des 4404. Composite Wing, mit
denen ich sprach, waren auch über Terrorismus und
die Notwendigkeit ständiger Wachsamkeit informiert.
Ich bin überzeugt, sie wußten, daß die terroristische
Bedrohung real war und daß aufgrund zahlreicher
Verbesserungen im Sicherheitsbereich und dank der

Seite 2

Wachposten auf dem Dach der Khobar Towers viele
Menschenleben gerettet wurden.
Zwar müssen alle unsere Streitkräfte weltweit mit
Terroranschlägen rechnen, aber die Soldaten in SaudiArabien waren nach der Explosion einer Autobombe
vor dem Büro des Programmanagers für die Modernisierung der saudiarabischen Nationalgarde, dem
sogenannten OPM SANG-Gebäude, besonders
wachsam. Bei diesem Terroranschlag in Riad wurden
5 Amerikaner und 2 Mitarbeiter aus Drittstaaten
getötet.
Dieser tragische Verlust an Menschenleben war in der
Tat ein Weckruf für unsere Nation. Plötzlich sahen wir
uns in Saudi-Arabien mit einer anderen terroristischen
Bedrohung konfrontiert und mußten unsere Anstrengungen zur Verstärkung unserer Verteidigung
verdoppeln:
Als erste Maßnahme ordnete der Verteidigungsminister am 14. November, dem Tag nach dem
Anschlag auf das OPM SANG-Gebäude, an, daß das
Verteidigungsministerium alle Sicherheits- und Terrorismusbekämpfungsverfahren im In- und Ausland
überprüft. Der Zweck dieser Überprüfung bestand
nicht nur in der Schärfung unseres Bewußtseins
bezüglich Sicherheitsbedrohungen und unseres
Einsatzkonzepts, sondern auch der Förderung einer
Einstellung, mit der die Chancen eines erfolgreichen
Terroranschlags auf Amerikaner und amerikanische
Einrichtungen in Zukunft verringert würden.
Zweitens gründeten der Verteidigungsminister und ich
eine Einsatztruppe des Verteidigungsministeriums zur
Terrorismusbekämpfung. Im Rahmen dieser Bestrebungen entsandten wir ein Team mit Offizieren im
Generalsrang zu jedem gemeinsamen Kommando im
Ausland, um die Sicherheitserfordernisse und Terrorismusbekämpfungspraktiken unter besonderer Berücksichtigung der Gebiete mit hohem Sicherheitsrisiko zu
prüfen.
Die Einsatztruppe sollte politische Empfehlungen
erarbeiten, dank derer die Antiterrorbestrebungen des
Verteidigungsministeriums gestärkt werden sollten. Im
vergangenen Monat bestätigte der Verteidigungsminister die Erkenntnisse der Einsatztruppe, und die
Arbeit an ihren Empfehlungen hat begonnen. Der
Bericht der Einsatztruppe zur Terrorismusbekämpfung
wurde vor kurzem veröffentlicht.
Der Plan der Einsatztruppe verwies auf unverzüglich
und kurzfristig vorzunehmende Änderungen, um den
Mitarbeitern des Verteidigungsministeriums eine neue
Denkweise über terroristische Bedrohungen und die
Reaktion darauf zu vermitteln. Zu den zahlreichen
Empfehlungen des Berichts zählen:

AMERIKA DIENST 14

�Die Entwicklung eines separaten, vom Büro
des Verteidigungsministers verwalteten Programmelements für Antiterrorprojekte hoher
Priorität.
Zahlreiche Veränderungen der nachrichtendienstlichen Verfahren und die Einführung von
Bedrohungsanalyseverfahren des Verteidigungsministeriums.
Die Einbeziehung von Terrorismusszenarien
in militärische Übungen aller Art und
die Entwicklung von Ausbildungshilfen für das
gesamte Verteidigungsministerium, darunter
ein neues Handbuch zur Terrorismusbekämpfung und ein Video mit Kommandoinformationen.
Die Teilstreitkräfte wurden auch angewiesen, Antiterrormaßnahmen in ihren Haushalten oberste Priorität
einzuräumen und sie bei allen Inspektionen durch den
Generalinspekteur zu einem Punkt von besonderem
Interesse zu machen.
Da das OPM SANG der Zuständigkeit des amerikanischen Botschafters in Saudi-Arabien untersteht,
haben wir darüber hinaus im Überprüfungsgremium für
Rechenschaftspflicht des US-Außenministeriums
mitgearbeitet, dessen Zweck es war, die sicherheitsbezogenen Aspekte des Anschlags zu prüfen sowie
über die Erkenntnisse und Empfehlungen zu berichten.
Wir arbeiten weiterhin Hand in Hand mit dem Außenministerium bei der Umsetzung der Empfehlungen des
Berichts. In Anbetracht der Tatsache, daß viele der
hier aufgedeckten politischen Probleme die interministerielle Zusammenarbeit im Ausland betreffen,
klärt der Bericht die Verantwortungsbereiche des
Außen- und Verteidigungsministeriums im Ausland und

*

AMERIKA DIENST 14

wird eine engere Koordinierung zwischen den Missionschefs in den einzelnen Ländern und den regional
orientierten gemeinsamen Befehlshabern sicherstellen.
Und natürlich gewähren wir General Downings Bericht
jegliche Unterstützung. Es sollte hier nicht unerwähnt
bleiben, daß General Peay, der regionale Oberbefehlshaber, selbst um diese Überprüfung gebeten hat.
Aber angesichts des allgegenwärtigen und sich stets
verändernden Charakters des Terrorismus müssen
Terrorismusbekämpfungsmaßnahmen ein kontinuierlicher Prozeß sein. Wir können es immer noch besser
machen, und wir werden nie aufhören, es zu versuchen. In der Zukunft müssen wir uns jedoch einer
harten Tatsache stellen: Es wird mehr Terroranschläge
geben.
Terrorismus wird immer ein schwaches Glied suchen
und den indirektesten Ansatz für seine Zwecke
wählen. Terrorismus wird alle Anstrengungen unternehmen, an der entscheidenden Stelle zuzuschlagen
und statt militärischer Nützlichkeit einen Schockeffekt
und Schlagzeilen anstreben. Die Terroristen werden
weiterhin geduldig und zerstörerisch vorgehen.
Niemand, nicht einmal die Israelis, die über mehr
Erfahrung als jedes andere Volk bei der Bewältigung
des Terrorismus verfügen, haben einen Weg zu seiner
entschiedenen Bekämpfung in absehbarer Zukunft
gefunden.
In den Bereichen, in denen wir großes Interesse
haben, müssen wir dieses Risiko akzeptieren, während wir gleichzeitig konsequent und methodisch auf
die größtmögliche Verringerung des Risikos für unsere
Männer und Frauen in Uniform hinarbeiten. Der
Downing-Bericht ist ein weiterer Schritt in diesem
kontinuierlichen Prozeß. Aber letztlich können wir
nicht zulassen, daß Akte des Terrorismus uns von der
Verfolgung unserer vitalen Interessen abhalten.

* * * *

Seite 3

�CIVITAS
24. Juli 1996

Staatsbürgerkunde kommt alten und neuen
Demokratien zugute
von Penn Kemble

WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist Stellvertretender Direktor des US-Informationsamts (U.S. Information
Agency - USIA). Der Artikel basiert auf seiner am 9. Juli 1996 vor der Interamerikanischen Entwicklungsbank in
Washington gehaltenen Rede.

Staatsbürgerkunde ist unerläßlich für den Bestand der
Demokratie in den Vereinigten Staaten, für die großen
Demokratien in Lateinamerika und für die Beziehungen
zwischen diesen Staaten, während die Welt an der
Schwelle zu einem neuen Jahrtausend steht.
Als die Mauern der Tyrannei zu fallen begannen und
die Diktaturen auf der ganzen Welt zusammenbrachen, wurden sich die Menschen in den entwickelten
Demokratien der Verpflichtung bewußt, den aufstrebenden Demokratien bei der Handhabung der
Mechanismen der Demokratie behilflich zu sein. Wir
wissen, wie die Parlamente arbeiten, wie Wahlen
abgehalten werden, wie Gerichte Recht sprechen, wie
die verschiedenen anderen Instrumente einer demokratischen Gesellschaft und Regierung operieren. Und
so haben wir eine Vielfalt von Hilfsprogrammen in die
Wege geleitet, die den neueren Demokratien halfen,
die Funktionsweise einer Demokratie zu erlernen.

können wir beobachten, daß diese Mechanismen in
einigen Fällen fast wie ein fremdes Organ transplantiert wurden, das nur arbeiten kann, wenn es nicht
abgestoßen wird.
Mit Demokratie geht eine Fülle überlieferten Guts
einher - kleine Dinge, die Menschen nicht verstehen,
wenn sie nicht die Erfahrungen gemacht haben. Wie
strengt man einen Prozeß an, wenn man sich in einem
zivilrechtlichen Streitfall ungerecht behandelt fühlt?
Wie geht man mit dem ordnungswidrigen Verhalten
eines Polizisten um? Wie meistert man einen Streit in
der Nachbarschaft?
Wir in entwickelten Demokratien haben diese Probleme die ganze Zeit. Aber unsere Kulturen haben mit
derzeit gelernt, wie sie mit Hilfe der Mechanismen der
Demokratie bewältigt werden können.

Wir stellten jedoch schnell fest, daß Demokratie mehr
als ein Mechanismus ist - in Wirklichkeit ist sie eine
Kultur. Um Freiheit zu fördern und zu stabilisieren,
muß man nicht nur den externen Apparat von Gesellschaft und Regierung verändern, man muß eine Art
subjektiver Transformation durchmachen. Die Menschen müssen aufhören, passive Untertanen des
Staates zu sein - die Anweisungen entgegennehmen und verantwortungsbewußte Bürger mit Rechten in
einer freien Gesellschaft werden.

Dennoch gehen wir dieses Studiengebiet in den
Vereinigten Staaten nicht mit dem Gefühl an, alle
Antworten parat zu haben. In der Tat war unser
Engagement für Staatsbürgerkunde unter anderem
von der wachsenden Erkenntnis geleitet, daß wir den
Geist der Staatsbürgerschaft erneuern müssen. Wir
haben die Probleme der Apathie, Kriminalität und den
Niedergang einer gemeinsamen Kultur, der an Balkanisierung grenzt. Wir haben Schwierigkeiten mit der
Funktionsweise unserer Institutionen. Die Regierung
ist nicht vor Korruption gefeit.

Mit anderen Worten: Sie erhalten Befugnisse. Und nur
wenn man diese subjektive Transformation in einer
Gesellschaft hat, können die Mechanismen der
Demokratie effektiv funktionieren. Auf der ganzen Welt

Und lange Zeit haben wir selbst die Staatsbürgerkunde
vernachlässigt. Die vor 1980 an den amerikanischen
High Schools gelehrten Kurse in Staatsbürgerkunde
wurden zu trockenem Unterricht in Geschichte oder

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�den grundlegenden Funktionen der Regierung, weil es
den Lehrern zu schwerfiel, die großen Kontroversen
der letzten Generation in der Klasse anzusprechen Krieg und Frieden, Rassentrennung, Gerechtigkeit,
Armut, Klassenkonflikte, Religion.
Aber in den achtziger Jahren begann die ganze Nation
zu erkennen, daß wir etwas sehr Wichtiges vernachlässigt hatten - daß wir ein gemeinsames Gefüge
von Institutionen, eine gemeinsame staatsbürgerliche
Praxis und eine Fülle von Werten haben, die jeder
Generation vermittelt werden müssen, wenn unsere
Demokratie überleben soll. So begannen wir genau zu
dem Zeitpunkt der Umgestaltung, die zum Zusammenbruch der Sowjetunion führte und die geballte demokratische Energie nach Lateinamerika brachte, eine
Wiederbelebung der staatsbürgerlichen Erziehung.
Das US-Informationsamt stellte fest, daß Menschen in
anderen Ländern es ständig darum baten, bei der
Beschaffung von Lehrmaterial behilflich zu sein, wie
Demokratie funktioniert und wie ein Student in einer
offenen Wirtschaft arbeiten kann. Bei der Erfüllung
dieses Bedarfs merkten wir, daß die Menschen in den
neuen Demokratien manchmal bessere Ideen hatten
als wir, wie diese Fächer unterrichtet werden können.
Zusammen mit einer Reihe nichtstaatlicher Organisationen und dem Europarat haben wir im vergangenen
Jahr ein Treffen in Prag veranstaltet. Die Teilnahme
war überwältigend. Die Dozenten, die kamen, wollten
keine Reden von Leuten wie mir hören. Sie wollten
miteinander reden. Wir hatten eine Materialbörse, zu
der Lehrbücher und Videokassetten gebracht wurden.
Der Stand war die ganze Zeit besucht von Leuten, die
Lehrmaterial austauschten und sich das Material des
anderen anschauten. Und wir erkannten, daß im
Bereich der Staatsbürgerkunde eine internationale
Staatengemeinschaft geboren wurde, die enorme
Auswirkungen haben wird.
Wir schufen eine neue, Civitas genannte Gruppe, die
gerade als nichtstaatliche Organisation eingetragen
wird. Sie ist mit dem Europarat und einer Reihe
anderer Gruppen assoziiert. Beispielsweise werden
ungefähr 40 Lehrer nach Sarajevo zu einem Treffen
mit Lehrern aus ganz Bosnien reisen, um ihnen bei der
Erarbeitung von Material behilflich zu sein und Lehrer
im Demokratieunterricht auszubilden.

Wir haben darüber hinaus eine internationale Webseite
für Staatsbürgerkunde eingerichtet. Alle beteiligten
Länder beginnen, ihr Material einzugeben.
Nach dem Erfolg von Prag traf sich im Oktober vergangenen Jahres eine kleine Gruppe in Bonn, um einen
Ansatz zu erarbeiten, wie man die Unterstützung der
internationalen Staatengemeinschaft gewinnen könnte.
Im Anschluß daran unterzeichnete Präsident Clinton
beim Gipfeltreffen der Vereinigten Staaten und der
Europäischen Union in Madrid die transatlantische
Initiative. Die Initiative beinhaltet die Förderung
kooperativer Programme für Staatsbürgerkunde.
Alle diese Themen werden eingehend bei der bevorstehenden Konferenz Civitas Panamericano erörtert,
die vom 29. September bis 2. Oktober 1996 in Buenos
Aires stattfindet. Sie steht unter der Schirmherrschaft
von USIA, der Interamerikanischen Entwicklungsbank
und Conciencia Argentina, einer argentinischen
nichtstaatlichen Organisation, die sich Staatsbürgerkunde widmet.
In Buenos Aires und überall, wo wir Staatsbürgerkunde
fördern könnten, wollen wir auch Materialien für junge
Menschen entwickeln, damit sie das Wirtschaftsleben
verstehen können - was sie benötigen, wenn sie sich
auf Arbeitssuche begeben, ein Geschäft gründen, ein
Haus kaufen oder ein Handwerk lernen wollen - Dinge,
die zum Überleben in einer Volkswirtschaft unerläßlich
sind. Das muß nicht auf herablassende Weise
geschehen. Man kann Menschen sogar höhere
Ökonomie beibringen, indem man sie zuerst auf der
Ebene anspricht, an der sie ein direktes Interesse
haben.
Wo es politische Stabilität sowie größeres öffentliches
Verständnis der Regierung und staatsbürgerlichen
Praxis gibt, kann unseren Interessen bezüglich
nationaler Sicherheit, Wirtschaftswachstum, sozialer
Gerechtigkeit, der Umwelt und so weiter nur gedient
sein.
Wir in den Vereinigten Staaten werden davon profitieren, weil wirtschaftliche und soziale Entwicklung gut für
uns ist. Wir sind der wichtigste Handelspartner
Lateinamerikas, und wir leben in der gleichen Hemisphäre. Unserer Ansicht nach ist der wirtschaftliche
und gesellschaftliche Handel in der Neuen Welt kein
Nullsummenspiel, bei dem es Gewinner und Verlierer
gibt. Wir denken, wir können alle Gewinner sein.

* *

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AMERIKA DIENST 14

�DEMOKRATIE

24. Juli 1996

Malaise und Flexibilität
von Seymour Martin Lipset

(AD) - Dem Soziologen Seymour Martin Lipset zufolge engagieren sich Amerikaner aktiver in Freiwilligenverbänden und sind eher bereit zu Spenden für nichtstaatliche Organisationen als die Bürger anderer Länder.
Lipset, dessen Gedankengut das Studium der Bedingungen, Werte und Institutionen der Demokratie in den
Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt maßgeblich beeinflußt hat, bestätigt, daß die Amerikaner immer
noch die stärksten Repräsentanten des unabhängigen Sektors sind, trotz offenkundiger Anzeichen eines
politischen Disengagements. Der nachfolgende Beitrag basiert auf einem Artikel mit demselben Titel, der in der
Ausgabe vom Juli 1995 des Journal of Democracy veröffentlicht wurde.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Johns Hopkins University Press. Copyright
© 1995. Aus Journal of Democracy, Juli 1995.

Der Harvard-Politologe Robert Putnam behauptet, daß
das herkömmliche Gefüge, das Amerikaner mit
gemeinsamen Ansichten und Interessen zusammenführte und zum Bestand der politischen Parteien und
der politischen Beteiligung beitrug, in den vergangenen
Jahrzehnten an Bedeutung verloren hat.
Obwohl das Postulieren einer Beziehung zwischen der
abnehmenden Mitgliedschaft in Verbänden und dem
Rückgang der politischen Beteiligung logisch ist, legt
eine genaue Betrachtung der Fakten den Schluß nahe,
daß die bürgerliche Gesellschaft in den Vereinigten
Staaten nach wie vor einigermaßen gesund ist.
Vergleichende Daten bestätigen beispielsweise immer
noch de Tocquevilles Erkenntnis, daß die Amerikaner
sich stärker für staatsbürgerliche Belange engagieren
als die meisten anderen Völker der Welt. Der World
Values-Umfrage aus dem Jahr 1990 zufolge verzeichnen die Vereinigten Staaten beträchtlich höhere
Mitgliederzahlen bei Freiwilligenorganisationen als
jede andere Nation. 82 Prozent der Amerikaner
gehören mindestens einer der 16 verschiedenen
Kategorien von Freiwilligenorganisationen an, verglichen mit 53 Prozent der Deutschen, 39 Prozent der
Franzosen, 36 Prozent der Italiener und 36 Prozent
der Japaner. Darüber hinaus haben die Amerikaner
die höchste Mitgliederzahl bei allen 16 verschiedenen
Organisationsformen, wobei die Gewerkschaften die
größte Ausnahme darstellen. 1990-91 waren 49

AMERIKA DIENST 14

Prozent der Amerikaner im karitativen oder sozialen
Bereich tätig, verglichen mit 13 Prozent der Deutschen
und 19 Prozent der Franzosen. Ein höherer Prozentsatz der Amerikaner - 73 Prozent - spendete Geld für
solche Belange, im Vergleich zu 43 bis 44 Prozent der
Franzosen und Deutschen. Die Amerikaner spendeten auch pro Kopf mehr. Der Anteil der erwachsenen
Bevölkerung in den Vereinigten Staaten, der sich
freiwillig an Gemeindearbeit beteiligt, stieg einer
Gallup-Umfrage zufolge von 27 Prozent im Jahr 1977
auf 54 Prozent im Jahr 1989, bevor er 1994 auf 46
Prozent fiel.
Religiöse und sonstige Gruppen
Die Amerikaner sind zweifelsohne das religiöseste
Volk der christlichen Welt, mit Ausnahme einiger
weniger Länder wie Irland und Polen, wo Religion und
Nationalismus Hand in Hand gehen. Es gibt jedoch
widersprüchliche Angaben über die Trends. Im
Hinblick auf kirchliche Gruppen berichtet das nationale
Meinungsforschungszentrum
(National
Opinion
Research Center - NORC) einen Rückgang von 42
Prozent im Jahr 1974 auf 35 Prozent im Jahr 1993,
wobei der größte Rückgang Ende der siebziger Jahre
zu verzeichnen war. Andererseits belegt eine Studie
von Gallup, daß die Mitgliedschaft in Kirchen und
Synagogen sich kontinuierlich bei zwei Dritteln hielt
und die Rate der wöchentlichen Kirchenbesuche nur

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�gering fluktuierte, wobei die Zahlen für 1994 (38
Prozent) praktisch identisch mit denen für 1950 (39
Prozent) und 1987 (40 Prozent) waren.
Zwischen 1974 und 1993 führte das NORC regelmäßige Umfragen zu den zwischenmenschlichen
Beziehungen der Amerikaner durch und stellte drei
verschiedene Fragen bezüglich der Häufigkeit von
Besuchen bei Verwandten, Nachbarn und Freunden.
Der Prozentsatz der Amerikaner, die angaben, sie
besuchten ihre Nachbarn "täglich bis mehrmals im
Monat" fiel von 44 Prozent im Jahr 1974 auf 33,5
Prozent im Jahr 1993. Im gleichen Zeitraum ging der
Prozentsatz derjenigen, die "regelmäßig Zeit mit
Verwandten verbringen" sehr viel weniger zurück - von
57 auf 52 Prozent. Der Prozentsatz derer, die "sich
regelmäßig mit Freunden treffen", stieg hingegen von
40 auf 45 Prozent.
Daten über die Mitgliedschaft in sonstigen Gruppen
sind hier offenkundig relevant. Robert Wuthnows auf
einer Gallup-Umfrage, persönlichen Interviews und
eingehenden Fallstudien basierende, 1990 durchgeführte Studie über kleine Gruppen belegte, daß 40
Prozent der Amerikaner über 18 Jahren regelmäßig in
kleinen Gruppen zusammenkommen, in denen sie
gegenseitige Fürsorge und Unterstützung erfahren.
Die für den Beitritt zu diesen Gruppen angegebenen
Hauptgründe sind "ein Gefühl der Gemeinschaft zu
erhalten" und "Anregungen zu bekommen". Im
Einklang mit der pragmatischen Ausrichtung dieser
Gruppen gibt es keine umständlichen Aufnahme- und
Austrittsvertahren, und an die Mitglieder werden keine
hohen Anforderungen gestellt. Trotz der Flexibilität
dieser "Regeln" bestehen drei Viertel dieser Gruppen
seit über fünf Jahren, und die meisten sogar länger.
Wuthnows Schlußfolgerung lautet, daß diese Gruppen
den Mitgliedern zwar ein Gefühl der Geborgenheit
vermitteln, von den Mitgliedern aber nicht fordern,
einen maßgeblichen Beitrag für andere oder die
gesamte Gemeinde zu leisten.
Die These, daß die sich im Grad der Beteiligung an
Freiwilligenorganisationen widerspiegelnde Lebensfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft an die Stärke
der Demokratie gebunden ist, ist nahezu 200 Jahre alt.
Sie impliziert, so Putnam, daß die beiden wie ein
Tandem funktionieren. Ein Großteil der verfügbaren
Fakten über Trends erhärtet Putnams Schlußfolgerung, daß die Beteiligung der Amerikaner an Freiwilligenorganisationen abgenommen hat.
Dennoch
stehen genügend gegenteilige Daten zur Verfügung,
um das schottische Urteil "Schuldbeweis nicht erbracht" zu rechtfertigen - dem man ein "aber wahrscheinlich" hinzufügen würde. Offenkundig ist mehr
Forschung in diesem Bereich erforderlich.

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Das Überleben des Amerikanischen Traums
Was erklärt die kontinuierliche Stabilität des amerikanischen politischen Systems angesichts der schlechten Nachrichten über die Einstellung zur Regierungsführung in den Vereinigten Staaten? Warum ist die von Ross Perot angeführte - wichtigste Protestbewegung im Grunde politisch in der Mitte angesiedelt,
sogar konservativ im Hinblick auf die Wirtschafts- und
Sozialpolitik? Die Antwort liegt zum Teil in der beständigen, wenn vielleicht auch etwas verringerten Stärke
der amerikanischen staatsbürgerlichen Kultur. Wie
oben ausgeführt, haben Freiwilligenarbeit für karitative
Zwecke, einige Arten organisierter Mitgliedschaft und
religiöse Aktivitäten zugenommen oder sind konstant
geblieben, und die Vereinigten Staaten stehen immer
noch an der Spitze der Nationen bei der Beteiligung
der Bürger an Freiwilligeninstitutionen. Noch wichtiger
ist vielleicht die Tatsache, daß die meisten Amerikaner
nicht unglücklich mit ihrem Leben oder ihren Zukunftsaussichten sind - in der Tat sind sie ziemlich optimistisch bezüglich ihrer Zukunft. Sie sehen die Vereinigten Staaten immer noch als ein Land, in dem sich
persönliche Integrität und harte Arbeit bezahlt machen,
als eine Nation die - abgesehen von Regierung und
Politik - immer noch "funktioniert".
Der Amerikanische Traum existiert noch, selbst wenn
die Regierung und andere Institutionen als korrupt und
ineffizient angesehen werden. Eine auf einer Umfrage
von 1994 basierende, für das Hudson Institute durchgeführte Studie ergab, daß über vier Fünftel der
Amerikaner, oder 81 Prozent, der Aussage "Ich bin
optimistisch bezüglich meiner persönlichen Zukunft"
zustimmten. Drei Viertel, oder 74 Prozent, teilten die
Meinung, "Wenn man in Amerika hart arbeitet, kann
man es zu etwas bringen." Es überrascht daher nicht,
daß über drei Viertel, oder 76 Prozent, sich bei der
Wahl zwischen "der Chance zu Erfolg" und "der
Sicherheit vor einem Scheitern" für die erste Option
entschieden, und nur ein Fünftel Sicherheit vorzog.
Eine 1994 für Times Mirror durchgeführte GallupUmfrage gelangte zu ähnlichen Ergebnissen. Über
zwei Drittel der Befragten, oder 67 Prozent, antworteten, sie erwarteten, daß sich ihre finanzielle
Situation "sehr" oder "etwas" verbessern würde; nur 14
Prozent gaben an, sie würde schlechter werden.
Große Mehrheiten wiesen die Aussage zurück, "Erfolg
im Leben wird größtenteils durch Kräfte außerhalb
unserer Kontrolle bestimmt." Die meisten bekräftigten
die traditionelle amerikanische Laisser-faire-ldeologie,
88 Prozent stimmten dem Satz zu, "Ich bewundere
Menschen, die durch harte Arbeit reich werden", und
85 stimmten überein, daß "Arme zu abhängig von
staatlichen Hilfsprogrammen geworden sind." Am
ausschlaggebendsten ist jedoch vielleicht, daß 78
Prozent die Ansicht teilten, "Die heutige Stärke dieses
Landes gründet sich vor allem auf den Erfolg amerikanischer Unternehmen."

AMERIKA DIENST 14

�Einkommensgefälle
Solche Meinungen herrschen trotz der offenkundigen
Tatsache vor, daß das Einkommensgefälle zunimmt
und in den Vereinigten Staaten größer ist als in den
meisten europäischen Nationen und Japan. Die
Erklärung dafür könnte in der Betonung der Leistungsgesellschaft und des sozialen Aufstiegs in den Vereinigten Staaten liegen. Und in den Vereinigten
Staaten steigen mehr Menschen in die privilegierteren
Schichten der Gesellschaft auf als in anderen Ländern.
Angesichts dieses Dranges überrascht es nicht, daß
Amerikaner eher geneigt sind, hohe Gagen für "Stars"
in der Unterhaltungsbranche, Sportler und auf dem
Markt im allgemeinen gut zu heißen - also für Erfolgreiche auf allen Ebenen. Vergleichende Forschungsstudien belegen, daß die Amerikaner beträchtliche
Einkommensunterschiede sehr viel leichter hinnehmen
als die Europäer oder die Japaner. Die Unterstützung
des Systems insgesamt wird auch durch eine relativ
geringe Arbeitslosenrate verstärkt - zur Zeit zwischen
fünf und sechs Prozent. Zweifelsohne besteht eine ge-

*

AMERIKA DIENST 14

wisse Unzufriedenheit mit der Wirtschaftslage und der
Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten, die
wiederum andere Gründe für die politische Malaise
verstärkt, aber sie ist entschieden weniger offenkundig
als andernorts.
Offensichtlich ist das amerikanische politische System
- obwohl ihm mißtraut wird und es ineffektiv bei der
Bewältigung größerer sozialer Probleme ist - nicht
wirklich in Gefahr. Die meisten Amerikaner sind nach
wie vor höchst patriotisch und religiös, glauben, daß
sie in der besten Gesellschaft der Welt leben und
denken, daß ihr Land ihnen - trotz seiner Probleme immer noch Chancen und gute Aussichten für wirtschaftliche Sicherheit bietet. Obwohl die Auswirkungen der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre in den
Vereinigten Staaten gravierender waren als im größten
Teil Europas, ging Amerika daraus mit seinem Parteiensystem, staatlichen Institutionen und intakten
materiellen Werten hervor. Der Staat wird ohne
Zweifel auch die derzeitige Welle der politischen
Malaise überstehen.

* * *

*

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�OLYMPIADE
24. Juli 1996

Olympioniken beweisen, was in Freiheit
erreicht werden kann
Radioansprache des Präsidenten

WASHINGTON - (AD) - In einer Rundfunkansprache am 20. Juli 1996 erklärte Präsident Clinton, die Mitglieder
des amerikanischen olympischen Teams "sind lebende Beispiele für das, was mit Frieden und Freiheit, Chancen
und Verantwortung und der Verpflichtung zu einer Gemeinschaft erreicht werden kann, die zusammenwächst
statt auseinanderzubrechen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache im Wortlaut.

In dieser Woche forderte der tragische Flugzeugabsturz der TWA-Maschine das Leben von 230
Menschen. Meine Frau und ich möchten den Familien
und Freunden gemeinsam mit unserer Nation unser
aufrichtiges Beileid übermitteln. Wir tun alles in
unserer Macht Stehende, um die Ursache der Katastrophe zu ermitteln, und wir werden sie herausfinden.

gearbeitet haben, um ihr höchstes Potential zu erreichen und ihre Träume Realität werden zu lassen.
Unsere Sportler werden bis an die Grenzen ihrer
Leistungsfähigkeit gehen. Und dabei werden sie
Menschen aller Altersgruppen inspirieren, aber ich
hoffe, insbesondere junge Menschen werden aus
ihrem Beispiel lernen.

16 der Opfer waren Schüler aus einer kleinen Stadt in
Pennsylvania auf dem Weg nach Paris, um etwas von
der Welt zu sehen und ihr Französisch zu verbessern.
Indem sie aufbrachen, um ihren Horizont zu erweitern
und ihr Wissen zu vertiefen, versuchten diese Schüler,
ihrem von Gott gegebenen Potential zu entsprechen.
Mehr können wir von unseren Kindern nicht erwarten.

Denn sei es im Sport oder im täglichen Leben - man
kann etwas aus dem lernen, was unsere Olympioniken
geleistet haben und wie sie es geleistet haben. Sie
sind Menschen, denen die Chance zum Erfolg geboten
wurde, aber sie haben sie auch voll und ganz genutzt.
Sie haben die persönliche Verantwortung übernommen und die harte Arbeit geleistet. Für einige bedeutete es, vor Tagesanbruch aufzustehen und Laufen oder
Schwimmen zu gehen, oder Übungen auf dem Schwebebalken zu machen. Für andere war es noch härter.

Wir wollen uns daher des Traums erinnern, den diese
Kinder hatten - den Traum, das Beste aus ihrem Leben
zu machen. Und als Nation sollten wir alle jungen
Menschen dazu ermutigen, so zu denken und sicherstellen, daß sie die Chance haben, ihre Träume zu
erfüllen. Unsere Kinder haben viele unterschiedliche
Stärken, Talente und Fähigkeiten, aber jedes Kind
kann etwas leisten, und gemeinsam können sie alle
eine vielversprechendere Zukunft für Amerika herbeiführen.
Wie diese Lektion mit Leben erfüllt wurde, konnten wir
gestern bei der Eröffnung der Jahrhundertspiele in
Atlanta beobachten. In den nächsten beiden Wochen
werden wir die heroischen Anstrengungen junger
Amerikaner beobachten und feiern, die ein Leben lang

AMERIKA DIENST 14

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem Carla
McGhee ins Weiße Haus kam, um das olympische
Feuer von dort auf seinem Weg nach Atlanta zu
tragen. Carla wurde bei einem Autounfall schwer
verletzt. Damit schien ihre brillante Karriere als
Basketballstar beendet zu sein. Aber allen Widrigkeiten zum Trotz hatte sie ein Comeback. Und jetzt
spielt sie für unser olympisches Basketballteam der
Frauen. Sie tat etwas, das kein anderer für sie tun
konnte - sie gab nicht auf.
Wir wissen aber auch, daß jeder unserer Olympioniken
nicht nur seine persönliche Leistung erbringt, sondern

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�auch Mitglied einer größeren Gemeinschaft ist. Die
Sportler gehören vielen verschiedenen Rassen,
Glaubensrichtungen und Kulturen an, sind jedoch
durch gegenseitigen Respekt und gemeinsame Werte
miteinander verbunden. Denn selbst bei Einzelsportarten gewinnt niemand alleine. Im Hintergrund steht
immer die lebenslange Unterstützung durch Familie
und Freunde, Trainer und Fans, Lehrer und Vorbilder.
Immer wenn die Nationalhymne gespielt und einem
Sportler eine Goldmedaille umgehängt wird, kann man
sicher sein, daß die Gemeinschaft an seinem Triumph
teilhat.
Es geht uns allen besser, wenn wir zusammenarbeiten
und uns gegenseitig helfen, unsere Träume zu verwirklichen, unsere Herausforderungen zu bewältigen
und unsere Werte zu schützen. Diese Spiele erinnern
uns wirklich daran, daß wir trotz aller Unterschiede und
trotz unseres krassen amerikanischen Individualismus'
immer noch eine amerikanische Gemeinschaft sind.
Wir feuern unsere Sportler nicht wegen ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe an - bisweilen verstehen wir nicht einmal alle Aspekte ihrer Disziplin - wir
feuern sie an, weil sie Amerikaner sind.
Diese Olympischen Spiele zeigen das Gute an Amerika. Und die herausragenden Bestrebungen Atlantas
bei der Veranstaltung der Olympiade zeigen das Gute
an Amerika. Meines Erachtens gibt es noch einige
andere Aspekte bei diesen Spielen, die Amerikas
positive Seiten zeigen. Beispielsweise haben dieses
Jahr 197 Nationen Mannschaften nach Atlanta geschickt, die unter anderem auch aus Regionen
kommen, denen die Vereinigten Staaten bei ihrem
Streben nach Frieden und Freiheit Beistand geleistet
haben. Und sogar dort, wo die Arbeit für Frieden und
Freiheit noch nicht abgeschlossen ist, wurden zumindest genügend Fortschritte erzielt, damit eine
Olympiamannschaft aufgestellt werden konnte.
Gestern traf ich einen jungen Mann aus Kroatien, der
mir für die Arbeit dankte, die wir zum Aufbau dieser

*

Seite 2

vom Krieg zerrütteten Region leisten. Und ich mußte
an Minister Ron Brown und die Wirtschaftsvertreter
denken, die ihr Leben opferten, um den Kroaten
Frieden zu bringen. Bosnien hat hier jetzt wieder eine
Mannschaft, was noch vor vier Jahren undenkbar
gewesen wäre. Haiti hat eine Mannschaft, ebenso wie
Südafrika. Ich traf ein Mitglied der irischen Mannschaft, das mir für den Einsatz der Vereinigten Staaten
für den Frieden dankte und mich bat, alles in meiner
Macht Stehende zu unternehmen, um den Frieden
wiederherzustellen. Und ich traf einen Palästinenser,
der zu mir sagte: "Herr Präsident, die Palästinenser
sind ein sehr altes Volk, aber sie hatten noch nie eine
Olympiamannschaft.
Ich danke Ihnen und den
Vereinigten Staaten für Ihren Beitrag zur Schaffung
des Friedens in unserer Region und bitte Sie, diese
Bestrebungen fortzusetzen."
All diese Menschen spiegeln auf ihre eigene Weise
das Gute an Amerika wider. In vielen anderen Ländern gibt es Sportler, die in den Vereinigten Staaten
studierten, an Wettkämpfen teilnahmen und eine gute
Ausbildung erhielten. Wir gaben Ihnen die Chance,
das Beste aus ihrem Leben zu machen, und jetzt
geben sie ihrem Heimatland etwas zurück. Auch sie
spiegeln das Gute an Amerika wider.
Und am wichtigsten sind die Mitglieder unserer
Olympiamannschaft. Wir jubeln ihnen zu, wenn sie
gewinnen, und weinen mit ihnen, wenn sie es nicht tun.
Aber wir sind immer stolz auf sie. Sie sind lebende
Beispiele für das, was mit Frieden und Freiheit,
Chancen und Verantwortung und der Verpflichtung zu
einer Gemeinschaft erreicht werden kann, die zusammenwächst statt auseinanderzubrechen.
Sie werden Amerika auf der Weltbühne von seiner
besten Seite zeigen. Wir sind sehr stolz auf sie und
wünschen ihnen das Allerbeste.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 14

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