<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2433" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2433?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T01:07:54+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2444">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/47218cc25b8b9da02327f49a2f6cd8a1.pdf</src>
      <authentication>cded1a2df46956c53baa0eeaa0acfed7</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="12605">
                  <text>amcrika
dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
12. Juni 1996

12

AUSSENPOLITIK

NATIONALE SICHERHEIT IM
21. JAHRHUNDERT
Rede von Anthony Lake

NATO

DIE DOPPELTE ERWEITERUNG DER NATO
von Senator Richard Lugar

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE AMERIKA HAUS FRANKFURT
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

SPORT

WARUM SPORT DAS SPIEL MACHT
von Wilfrid Sheed

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn
Tel.: 0228-339 2372

Fax: 0228-333 138
e-mail: bbsbonn@usia.gov
internet: http://www.usia.gov/posts/bonn.html

�AUSSENPOLITIK
12. Juni 1996

Nationale Sicherheit im 21. Jahrhundert
Rede von Anthony Lake

CHICAGO - (AD) - Nach Ansicht des Nationalen Sicherheitsberaters, Anthony Lake, schafft die ClintonAdministration die Grundlage für eine Welt nach dem Kalten Krieg, in der die amerikanischen Interessen
geschützt sind und es den Bürgern gut geht.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Text der Rede, die Lake am 24. Mai 1996 vor dem
Chicago Council on Foreign Relations hielt.

Gegen Ende der ersten Amtszeit der Clinton-Administration möchte ich über die wichtigsten außenpolitischen Herausforderungen sprechen, denen sich

Erstens die Bewältigung von Krisen, wenn sie auftreten. Sei es der Ausbruch von Gewalt in Liberia, der
Versuch zur Sicherung des Waffenstillstands im Nahen

Amerika in den kommenden Jahren gegenübersieht.

Osten oder die Reaktion auf eine Katastrophe wie das

Politiker mögen sich bei Wahlen verändern, aber die
Interessen der Vereinigten Staaten tun das nicht. Die
Art und Weise, wie diese Herausforderungen bewältigt
- oder ignoriert - werden, beeinflußt das Leben jedes
einzelnen Amerikaners und unsere Aussichten für das
kommende Jahrhundert.

Erdbeben von Kobe - der Umgang mit Krisen erfordert
schnelle, hochwertige Arbeit. Sein Erfolg - oder
Scheitern - sind leicht sichtbar und oftmals in den
Schlagzeilen zu finden.

Auf halbem Weg zwischen dem Ende des Kalten
Krieges und dem Anbruch eines neuen Jahrhunderts
lebt unsere Nation in Frieden. Unsere Wirtschaft ist
stark. Die Welle von Demokratie und Marktwirtschaft
breitet sich auf der ganzen Welt aus und beschert
mehr Menschen als je zuvor Freiheit und Wohlstand
und uns neue Chancen.
Diese vielversprechende neue Ära ist jedoch nicht frei
von Risiken. Alte Bedrohungen wie Aggression
verbrecherischer Staaten haben neue und gefährliche
Dimensionen angenommen. Eine Vielzahl moderner
Bedrohungen - von Terrorismus über Drogenhandel
bis zu vom Menschen verursachten Umweltkatastrophen - machen vor Grenzen nicht halt und unterminieren unsere Sicherheit.
In dieser neuen Welt der Chancen - aber auch der
Gefahren - ist die globale Führungsrolle der Vereinigten Staaten wichtiger denn je. Um wirksam eine
Führungsrolle zu übernehmen, muß unsere Nation
zwei Dinge gleichzeitig erledigen.

AMERIKA DIENST 12

Sie wissen, daß derartige außenpolitische Herausforderungen nicht geordnet und zyklisch alle vier Jahre
auftreten. Jede Administration erbt Probleme, die sie
meistern muß. Bei uns war das nicht anders. Drei der
drängendsten waren die Repression in Haiti, der Krieg
in Bosnien und die Eindämmung des Irak. Da wir die
Diplomatie mit Macht untermauerten, gibt es in Haiti
keine Diktatoren mehr, der Strom verzweifelter Flüchtlinge ist versiegt und dieses Jahr fand die erste
demokratische Machtübergabe statt.
Das letzte
Mitglied der amerikanischen Friedenstruppe kam - wie
versprochen - rechtzeitig nach Hause zurück. Da wir
1994 unsere Truppen unverzüglich und entschlossen
an den Persischen Golf entsandten, zog der Irak seine
an der kuwaitischen Grenze massierten Truppen
wieder ab - und wir bewahrten Frieden und Stabilität in
der Region.
Da wir für den Frieden in Bosnien eintraten, wurde das
Gemetzel beendet. Amerikanische Truppen und ihre
Partner in der IFOR helfen dem bosnischen Volk, sich
den Freiraum zu schaffen, den es zum Aufbau des von
ihnen gewählten Friedens benötigt.

Seite 1

�Ich bin stolz darauf, daß unsere Administration bei der
weltweiten Reaktion auf diese Probleme eine führende
Rolle übernahm. Wichtig war jedoch ebenfalls, daß wir
beim Umgang mit diesen Notfällen auch die Projekte
weiterentwickelten, die über die momentäre Krise
hinausgehen und für die Gestaltung der ersehnten
Zukunft unerläßlich sind.
Das ist der zweite Aspekt der Führungsrolle: Zukünftige Probleme zu antizipieren, Investitionen zu tätigen,
die größeren Nutzen bringen oder größere Kosten in
der Zukunft verhindern sowie das Fundament für
Frieden und Wohlstand von morgen zu legen. Selbst
beim Umgang mit den tagtäglichen Ereignissen
müssen wir uns den wichtigsten Sicherheitsbelangen
widmen, die den Alltag der amerikanischen Bürger
beeinflussen.
Meines Erachtens schaffen wir die Grundlage für eine
Welt nach dem Kalten Krieg, in der unsere Interessen
geschützt sind und es unseren Bürgern gut geht. Wer
in den nächsten vier Jahren an der Spitze dieses
Landes steht, wird die Chance und die Pflicht haben,
auf dieser Grundlage aufzubauen.
Welche "Bauprojekte" stehen denn an? Eines ist die
Stärkung und Erweiterung unserer wichtigsten Bündnisse, während wir das Fundament für den Frieden im
21. Jahrhundert legen. Bei der Reise des Präsidenten
nach Asien letzten Monat unterzeichneten wir eine
neue Sicherheitscharta mit Japan. Gemeinsam mit
Südkorea starteten wir eine wichtige Initiative, die
hoffentlich zu einem dauerhaften Frieden zwischen
dem Norden und dem Süden führt und schließlich die
letzte verbleibende Grenze aus der Zeit des Kalten
Krieges beseitigt. Diese Errungenschaften sowie
unsere Bestrebungen, China in einen produktiven
Dialog einzubeziehen, zielen auf die Verwirklichung
der Vision des Präsidenten von einer friedlichen
asiatisch-pazifischen Gemeinschaft auf der Grundlage
gemeinsamer Bestrebungen und Vorteile ab.
Da unsere Asienpolitik derzeit Schlagzeilen macht,
möchte ich drei andere "Bauprojekte" ansprechen, die
für die nächsten vier Jahre geplant sind: Schaffung

eines ungeteilten, demokratischen Europas, Vorbereitung auf die militärischen Bedrohungen der
Zukunft sowie Aufbau eines neuen Welthandelssystems.
Schaffung eines ungeteilten Europas. Die Geschichte
lehrt uns, daß Amerika darunter leidet, wenn in Europa
Unruhe herrscht, und es Amerika gut geht, wenn
Europa in Frieden und Wohlstand lebt. Heute liegt
nach dem Ende des Kalten Krieges ein friedliches,
demokratisches und ungeteiltes Europa in Reichweite.
Wir haben hart an der Realisierung dieser Vision
gearbeitet, indem wir den europäischen Integrationsprozeß unterstützten.
Wir haben den Nationen

Seite 2

Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion bei
der Schaffung von Vorbedingungen für Demokratie
geholfen: faire Wahlen, freie Medien, eine unabhängige Justiz. Wir unterstützten sie beim Wiederaufbau
ihrer zerrütteten Volkswirtschaften.
Diese Bestrebungen zahlen sich aus. Viele Nationen
Zentraleuropas werden von Hilfsempfängern zu
Handelspartnern. Einige - wie Polen und die Tschechische Republik - zählen zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften Europas. Amerika ist heute
der größte Privatinvestor in Rußland, und unser
gesamter Handel mit Rußland ist in den letzten drei
Jahren um 65 Prozent gewachsen. Verstärkter Handel
mit den neuen europäischen Demokratien und ihren
Millionen neuer Verbraucher sowie erhöhte Investitionen in diesen Ländern bedeuten mehr Arbeitsplätze
und höhere Löhne und Gehälter im eigenen Land.
Femer vertiefen wir unsere sicherheitspolitische
Zusammenarbeit mit allen, die unsere Werte und
unsere Vision vom Frieden teilen. Ein wesentlicher
Bestandteil dieses Prozesses ist die NATO-Erweiterung. Die NATO kann für Osteuropa das leisten, was
sie vor 50 Jahren für Westeuropa erreichte: Verhinderung erneuter örtlicher Rivalitäten, Stärkung von
Demokratie gegen zukünftige Bedrohungen, Schaffung
von Bedingungen für das Prosperieren schwacher
Marktwirtschaften.
Vor zwei Jahren legten die Vereinigten Staaten durch
die Gründung der Partnerschaft für den Frieden den
Grundstein für ein neues Europa. Von Rumänien am
Schwarzen Meer bis zu den Sümpfen von Louisiana
bauen PFF-Mitgliedstaaten und NATO-Verbündete
Brücken der Zusammenarbeit. Für einige Länder stellt
die Partnerschaft für den Frieden den Weg zur NATOMitgliedschaft dar, für andere ein aktives Bindeglied
zum Bündnis. Für alle repräsentiert sie eine wirkungsvolle Initiative zur Stärkung von Demokratie, Errichtung
ziviler Kontrolle des Militärs und Entwicklung zu
verantwortungsbewußten Mitgliedern der internationalen Staatengemeinschaft.
Wir sehen bereits die Ergebnisse. Derzeit stehen in
Bosnien Soldaten aus mindestens 13 Mitgliedstaaten
der Partnerschaft für den Frieden Seite an Seite mit
NATO-Truppen. Einer dieser Partner - Ungarn - bietet
den Hauptbereitstellungsraum für den amerikanischen
Beitrag zur NATO-Truppe.
In den kommenden vier Jahren müssen wir diese
Errungenschaften für das 21. Jahrhundert konsolidieren. Das bedeutet eine Weiterentwicklung der NATOErweiterung auf dieselbe stetige und transparente
Weise wie seit Beginn. Das bedeutet, Forderungen
nach allzu schnellem Vorgehen zu widerstehen, die
unser Ziel unterminieren könnten, indem sie den
NATO-Konsens über die Aufnahme neuer Mitglieder
aufs Spiel setzen. Es bedeutet aber auch, daß die

AMERIKA DIENST 12

�Nationen, die einen Beitrag zur Stärkung des Bündnisses zu leisten bereit sind, nicht im ungewissen
gelassen werden dürfen. Ein Aufschub der Erweiterung würde die geschaffene Dynamik zerstören und
die neuen Demokratien entmutigen, die so hart für
Reformen gearbeitet haben. Wir werden solche
Verzögerungen nicht zulassen.
Im Zuge der Erweiterung müssen wir uns auch dafür
einsetzen, die Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland zu einer echten Partnerschaft zu entwickeln.
Unsere Teamarbeit in der Kontaktgruppe sowie unter
unseren Truppen in Bosnien hat gezeigt, daß eine
solche Partnerschaft sowohl möglich als auch produktiv ist. Sie ist der Vorläufer eines ungeteilten Europas,
das vor uns liegt, wenn wir alle über die Vision und
Entschlossenheit zu seiner Erlangung verfügen.
Die Vorbereitung auf die militärischen Bedrohungen
der Zukunft - unser zweites "Bauprojekt" - besteht in
der Vorbereitung auf die realen militärischen Bedrohungen im Zeitalter nach dem Kalten Krieg. Die
Konfrontation der Supermächte ist vorüber. Aber viele
bislang schwelende ethnische und religiöse Konflikte
sind ausgebrochen. Früher konnten verbrecherische
Staaten von denjenigen in Schranken gehalten
werden, die sie bewaffneten und unterstützten. Jetzt
ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, daß sie zur
Erlangung ihrer Ziele den Einsatz von Gewalt wagen.
Die Vereinigten Staaten nehmen diese Entwicklungen
ernst - und wir stärken unsere Verteidigungsfähigkeit
für eine Welt, die gefährlich bleibt. Tatsächlich gelingt
es uns wahrscheinlich besser, uns auf die Bedrohungen einer neuen Ära vorzubereiten als den Nachkriegsgenerationen vor uns. Sie werden sich erinnern,
daß fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg der Abzug
amerikanischer Truppen so weit fortgeschritten war,
daß wir fast von der koreanischen Halbinsel vertrieben
wurden. Fünf Jahre nach Vietnam gab der Stabschef
des Heeres bekannt, wir hätten eine "ausgehöhlte
Armee".
Jetzt, fünf Jahre nach dem Beginn des Abzugs nach
dem Kalten Krieg, hat das amerikanische Militär einen
außergewöhnlichen Transformationsprozeß durchlaufen. Unsere militärische Führungsrolle hat viel
zuwenig Anerkennung für einen der größten Verwaltungserfolge der Geschichte erhalten - den umfangreichen Personalabbau ohne Verlust von Moral
oder erforderlichen Kapazitäten. Ich besuchte heute
morgen das Marineausbildungszentraum im Gebiet der
Great Lakes und war sehr beeindruckt von der Moral
der Marinerekruten, die jetzt Seeleute werden.
Nach der grundlegenden Überprüfung unseres Militärs
- einer Analyse beispiellosen Umfangs - wurden
unsere Streitkräfte zur Bewältigung der Herausforderungen umstrukturiert, denen wir heute und
möglicherweise morgen begegnen. Die Einsatzbereit-

AMERIKA DIENST 12

schaft der Vereinigten Staaten war nie höher - und
unsere Streitkräfte sind für den Umgang mit potentiellen Krisen weltweit vorbereitet und ausgerüstet.
Unsere Strategie verlangt von unseren Streitkräften die
Abschreckung und den notfalls gleichzeitigen Kampf in
zwei großen regionalen Konflikten gleichzeitig. 1994,
als der Irak Kuwait bedrohte, die Spannungen in Korea
wuchsen und die Unruhen in Haiti außer Kontrolle
gerieten, stellten wir unter Beweis, daß unsere Streitkräfte der Aufgabe gewachsen waren - und noch mehr.
Die schnelle, professionelle Dislozierung unserer
Truppen schreckte mögliche Aggression im Nahen
Osten und Asien ab - und gab den Menschen in Haiti
die Chance für eine bessere Zukunft. Ferner führen
sie die Art von neuen Missionen für Frieden und
Freiheit durch, die unser Zeitalter fordert - wie wir in
Haiti, Ruanda und Bosnien gesehen haben.
Zur Wahrung der Überlegenheit unserer Truppen ging
die Clinton-Administration die unerschütterliche
Verpflichtung ein, unseren Soldaten die erforderlichen
Mittel zur Verfügung zu stellen. Aufgrund dieser
Verpflichtung nehmen wir unter veränderten Umständen Anpassungen vor und stellen Mittel bereit. In
den letzten zwei Jahren stockten wir den Militärhaushalt zur Deckung der Kosten unerwarteter Missionen
um nahezu vier Milliarden Dollar auf. Vor dem Hintergrund einer klaren Bestandsaufnahme dessen, was für
Einsatzbereitschaft und Modernisierung erforderlich ist,
entschied Präsident Clinton im Dezember 1994, die
Mittel für unseren langfristigen Verteidigungsplan im
Laufe von sechs Jahren um 25 Milliarden Dollar zu
erhöhen. Der Präsident hat mehrfach erklärt, daß die
Streitkräfte der Vereinigten Staaten die am besten
ausgebildeten, am besten ausgerüsteten und einsatzbereitesten der Welt sind - und wir werden die Mittel
bereitstellen, damit das auch in Zukunft so bleibt.
Ebenso wie sich die Administration für die Wahrung
unseres Vorsprungs im konventionellen Bereich
einsetzt, sind wir entschlossen, die Bedrohung für das
amerikanische Volk durch Massenvernichtungswaffen
zu verringern. Als der Eiserne Vorhang fiel, wurden
Chancen für die Schaffung einer Welt eröffnet, die vor
chemischen, biologischen und atomaren Waffen
sicherer ist.
Somit haben wir die ehrgeizigste Rüstungskontrollund Nichtverbreitungsagenda der Geschichte aufgestellt und halten uns daran.
Aufgrund unseres stetigen Engagements in Rußland
und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen
Sowjetunion sind keine russischen Raketen mehr auf
amerikanische Städte und Bürger gerichtet. START I
und START II - den die russische Duma hoffentlich
bald ratifiziert - sehen die Kürzung der Nuklearwaffenarsenale um zwei Drittel vor, die wir und die Sowjetunion auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges unterhielten. Ferner setzen wir uns für die Stärkung der

Seite 3

�Konvention über biologische Warfen ein und drängen
auf die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention. Wir
fordern den Senat auf, diesen lebenswichtigen Vertrag
unverzüglich anzunehmen.
Wir haben die unbegrenzte und bedingungslose
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sichergestellt. Wir hoffen, daß noch in diesem Jahr ein
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot unterschrieben werden kann - und wir damit die Entstehung
der nächsten Generation von Nuklearwaffen verhindern. Und wir setzen uns dafür ein, daß alle Nationen
die Bestimmungen des Raketentechnologie-Kontrollregimes (Missile Technology Control Regime - MTCR)
befolgen.
Vor nicht allzulanger Zeit fand eine Debatte über den
Wert von Rüstungskontrollverträgen statt. In der Welt
nach dem Kalten Krieg ist die Antwort klar: Diese
Errungenschaften - das Ergebnis entschlossener
Diplomatie von Administrationen der Demokraten und
Republikaner gleichermaßen - sind real und haben die
Sicherheit des amerikanischen Volkes erhöht.
Aber durch Diplomatie allein erhalten wir keine echte
Sicherheit. Die Beibehaltung unserer Streitkräfte zur
Abschreckung - konventioneller und nuklearer - bleibt
der beste Weg, alle Staaten davon abzuhalten, uns mit
Massenvernichtungswaffen herauszufordern. Jeder
potentielle Feind muß wissen, daß unsere Reaktion auf
einen Angriff mit diesen Waffen absolut überwältigend
und vernichtend sein wird. Auf diese Weise haben wir
bereits 50 Jahre den Frieden gewahrt - und es ist
unsere beste Garantie für die nächsten 50 Jahre und
darüber hinaus.
Wir müssen jedoch auch auf die unwahrscheinliche
Möglichkeit vorbereitet sein, durch unsere militärische
Macht, Rüstungskontrollvereinbarungen und nukleare
Abschreckung nicht verhindern zu können, daß
verbrecherische Nationen einen Raketenangriff gegen
die Vereinigten Staaten oder unsere Streitkräfte
starten. Unsere Administration gibt jährlich 3 Milliarden
Dollar für die Entwicklung und Dislozierung von
Raketenabwehrsystemen aus. Unser Ansatz basiert,
wie der Präsident diese Woche bei der Coast Guard
Academy erklärte, "auf realen Bedrohungen und
pragmatischen Antworten". Er fußt auf der vernunftgemäßen Auffassung, daß wir uns über die Bedrohung
im klaren sein müssen, bevor wir eine Raketenverteidigung aufbauen.
Heute - und in den kommenden Jahren - besteht
unsere größte Bedrohung aus Angriffen mit Kurz- und
Mittelstreckenraketen gegen unsere Truppen oder
unsere Verbündeten. Und die am stärksten gefährdeten Regionen sind der Nahe Osten und Asien. Aus
diesem Grund haben wir die kriegsschauplatzgebundene Raketenabwehr zu unserer obersten Priorität
gemacht. Wir haben modernisierte Patriot-Raketen in

Seite 4

Südkorea disloziert. Wir arbeiten mit Japan an der
Modernisierung seiner Abwehrsysteme.
Und wir
schlössen kürzlich ein Abkommen mit Taiwan, um dem
Land Raketenabwehrfähigkeiten zur Verfügung zu
stellen. Wir arbeiten mit Israel an kriegsschauplatzgebundener Abwehr zusammen. Wir treiben die
Entwicklung einer Reihe moderner Kurz- und Mittelstreckenraketenabwehrsysteme voran, beispielsweise
die Patriot PAC-3, Navy Lower Tier und Army THAAD die 1998 eingesetzt werden können - sowie die
leistungsfähigere Navy Upper Tier, die einige Jahre
später eingesetzt werden kann.
Es ist sinnvoll, die gefechtsfeldgebundene Raketenabwehr an erste Stelle zu setzen. Sie befaßt sich mit
jetzt existierenden Bedrohungen. Wir müssen uns
jedoch auch auf vor uns liegende Bedrohungen
vorbereiten. Obwohl unsere Nachrichtendienste nicht
der Ansicht sind, daß verbrecherische Staaten innerhalb der nächsten 15 Jahre die Fähigkeit zur
Entwicklung von Langstreckenraketen beschaffen,
setzen wir uns für die Einführung eines nationalen
Systems der Verteidigung gegen einen Raketenangriff
möglichst bis zum Jahr 2000 ein, das notfalls 2003
disloziert werden kann.
Dies ist eine rationale Reaktion auf eine Möglichkeit,
die zwar in weiter Ferne liegt, deren Konsequenzen
jedoch schrecklich wären.
Die Alternative zu unserem Plan - die letzten März von
Senat und Repräsentantenhaus unterbreitete Gesetzesvorlage - würde von uns verlangen, daß wir uns
heute für ein Raketenabwehrsystem entscheiden, das
2003 disloziert wird.
Das ist nicht die richtige Art und Weise, Amerika zu
verteidigen. Sie würde uns an den heutigen Stand der
Technologie binden - und uns die Vorteile zukünftiger
Weiterentwicklungen verwehren. Wenn irgendein
Diktator in Zukunft skrupellos werden sollte, wollen wir
nicht mit einer Betamax erwischt werden, wenn wir uns
der neuesten Technologie bedienen könnten.
Dieses Gesetz würde auch die Rüstungskontrollabkommen verletzen, die unsere Sicherheit erhöhen.
Es könnte viele Technologien des gescheiterten
Schemas "Krieg der Sterne" wiederbeleben - einschließlich weltraumgestützter Raketen und Laserwaffen sowie antiballistischer Raketenabwehrsysteme seegestützt oder mit mehreren Standorten. Diese
Systeme würden allesamt den ABM-Vertrag verletzen.
Der ABM-Vertrag bleibt der Grundstein unserer
Rüstungskontrollerrungenschaften - und ihn in Frage
zu stellen würde die derzeitige Verringerung des
russischen Nuklearwaffenarsenals gefährden. Den
Abbau Tausender von Gefechtsköpfen aufzugeben,
um sich vor einer noch nicht existierenden Bedrohung
zu schützen, wäre ein schlechtes Geschäft. Es ergibt
einfach keinen Sinn. Wir können den Vertrag beibehal-

AMERIKA DIENST 12

�ten und gleichzeitig die erforderlichen Verteidigungssysteme einsetzen.
Ein solcher Ansatz wäre nicht nur eine schlechte
Strategie, sondern auch schlechtes Haushalten.
Vergangene Woche schätzte das Haushaltsbüro des
Kongresses, das im Gesetz vorgesehene Programm
würde bis zum Jahr 2010 zwischen 31 und 60 Milliarden Dollar kosten. Zu diesem Preis würde es für
unsere Nation sehr schwierig, die erforderliche
Modernisierung unserer konventionellen Streitkräfte
durchzuführen. Daher ist es nicht erstaunlich, daß die
Sponsoren des Gesetzes ihre Vorlage zurückzogen,
als ihnen diese Veranschlagung vorgelegt wurde obwohl seine Befürworter im Senat entschlossen zu
sein scheinen, es durchzubringen.
Es gibt einen richtigen und einen falschen Weg, um
Amerika und seine Bürger gegen einen Raketenangriff
zu verteidigen. Ich hoffe, wir können uns überparteilich auf den richtigen Weg einigen. Den praktischen
Weg. Den klugen Weg. Wie Verteidigungsminister
Perry gestern in einem Interview erklärte, sollten wir
bei dieser Frage gemeinsames Terrain finden, beispielsweise im Tenor des Zusatzes zur nationalen
Politik der Verteidigung gegen einen Raketenangriff,
den der Kongreßabgeordnete John Spratt aus South
Carolina vorlegen möchte, wenn das Repräsentantenhaus über die Gesetzesvorlage zur Verteidigung der
Vereinigten Staaten berät. Auf diese Art und Weise
wird unsere Nation über die erforderliche Verteidigung
mit Raketen gegen Bedrohungen verfügen, die sich
entwickeln könnten ... und unsere Streitkräfte erhalten
das beste Gerät und die beste Ausbildung für alle
Missionen, mit denen sie sich unweigerlich konfrontiert
sehen - konventionell und nuklear. Die von mir bisher
erörterten "Bauprojekte" - die Schaffung eines ungeteilten Europas und der Aufbau der richtigen Verteidigung
gegen militärische Bedrohungen, denen wir uns
tatsächlich gegenübersehen - werden offensichtliche
Auswirkungen auf die Sicherheit des amerikanischen
Volkes haben. Aber wir definieren "nationale Sicherheit" im Hinblick auf das tägliche Leben der
Menschen - und das bedeutet nicht nur die militärische
Sicherheit unserer Nation, sondern auch das wirtschaftliche Wohlergehen unserer Bürger, die Grundlage für ihre persönliche Sicherheit. In einem Zeitalter, in
dem Waren und Ideen auf der ganzen Welt gehandelt
werden und in dem Millionen Dollar mit einem Tastendruck auf dem Computer über den Planeten verschickt
werden, ist es offenkundig, daß unser wirtschaftliches
Wohlergehen mit der übrigen Welt verknüpft ist.
Aus diesem Grund haben wir so hart gearbeitet, um
ein neues globales Handelssystem aufzubauen.
Durch sorgfältige Verhandlungen und realistische
Überzeugungsarbeit öffnen wir Märkte für amerikanische Waren und Dienstleistungen und schaffen neue
Chancen für amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer. Mit regionalen Bestrebungen wie NAFTA,

AMERIKA DIENST 12

APEC und dem gesamtamerikanischen Gipfel, internationalen Verhandlungen wie der Uruguay-Runde sowie
harten
bilateralen
Verhandlungen
wie
dem
amerikanisch-japanischen Abkommen über Autoteile
werden Hemmnisse abgebaut und unsere Exporte
erhöht - und wurden allein in den vergangenen drei
Jahren mehr als eine Million gute, hochbezahlte
Arbeitplätze geschaffen.
Sie können die Ergebnisse unserer Strategie an den
Fortschritten bemessen, die wir in Japan erzielt haben.
Es liegt noch weitere harte Arbeit vor uns, aber in den
letzten drei Jahren haben unsere beiden Nationen 21
separate Handelsabkommen unterzeichnet, die alles
von medizinischen Gütern bis zu Computern abdekken. Unsere Exporte in diese Sektoren sind um rund
85 Prozent gestiegen - das bedeutet mehr Arbeitsplätze und bessere Bezahlung für amerikanische
Arbeitnehmer sowie niedrigere Preise und größere
Auswahl für japanische Verbraucher.
Wir haben auch die erste nationale Exportstrategie der
Vereinigten Staaten eingeführt, damit unsere Unternehmen die Chancen nutzen können, die wir durch
Handelsabkommen eröffnet haben.
Mit unserer
Unterstützung konnten amerikanische Firmen seit
November 1993 ausländische Geschäftsverträge im
Wert von über 57 Milliarden Dollar abschließen.
Um diese Leistungsbilanz aufrechtzuerhalten und den
Wohlstand bis ins 21. Jahrhundert zu wahren, muß
unsere Nation bestehende Handelsabkommen
durchsetzen, darunter die mehr als 180 von der
Clinton-Administration geschlossenen. Wir müssen
unsere Vision von freiem Handel auf dem gesamten
amerikanischen Kontinent in konkrete Ergebnisse
umsetzen, auch durch die Erweiterung des NAFTA um
Chile. Und wir müssen auf unserer Blaupause für
freien Handel in der asiatisch-pazifischen Region
aufbauen - dem am schnellsten wachsenden Markt der
Welt.
Schlußfolgerung
Selbst während wir die Grundlagen für das neue
Jahrhundert schaffen - die Bewältigung der Krisen von
heute sowie die Schaffung eines Rahmens für Stabilität, Sicherheit und Wohlstand von morgen - greifen wir
auf dieselben Instrumente wie stets zurück: Diplomatie
wenn möglich, Gewalt wenn nötig. Zusammenarbeit
mit anderen wenn möglich, Alleingang wenn nötig. Die
Bewahrung eines starken Militärs während wir unsere
Bündnisse an neue Anforderungen anpassen. Die
Aufrechterhaltung konstruktiver Beziehungen zu den
Großmächten der Welt - den Nationen mit den größten
Fähigkeiten, uns bei unseren Bestrebungen behilflich
zu sein oder uns zu behindern. Und wir müssen die
erforderlichen Ressourcen zur Durchführung effektiver
Diplomatie zur Verfügung haben, unsere Hilfsprogram-

Seite 5

�me zur Abwendung künftiger Krisen nutzen und unser
Militär unterstützen.

Verträge eingehalten werden, ebenso wie das Schlaglicht der freien Medien zur Aufdeckung von Korruption
beiträgt.

Ebenso wie wir auf im Lauf der Zeit erprobte Instrumente zurückgreifen, erfüllen wir eine zeitlose
Mission. In vielen Regionen sind die Wurzeln der
demokratischen Gesellschaft - Pluralismus, Toleranz,
Freiheit - noch nicht tief. Wie bisher besteht auch
heute unsere besondere Rolle in der Welt im Schutz
und der Stärkung der Gemeinschaft von Demokratien
und offenen Märkten.

In den nächsten vier Jahren haben wir die Chance,
den Weg zu einem vielversprechenden neuen Jahrhundert zu ebnen - in dem Zentraleuropa, wo zwei
Weltkriege begannen, zu einem Anker der Stabilität in
einem ungeteilten, demokratischen Europa wird. In
dem wir mit unseren Verbündeten und Freunden in der
asiatisch-pazifischen Region zusammenarbeiten, um
unsere Sicherheit zu bewahren und eine Zukunft
wachsenden Wohlstands aufzubauen. In dem die
dunkle Wolke der nuklearen Vernichtung dem Sonnenschein des Friedens weicht. In dem offene Gesellschaften gedeihen, verknüpft und gestärkt durch
offene Märkte. In dem unsere Kinder und Kinder
überall auf der Welt deshalb ihre Talente am besten
zur Verwirklichung ihrer Träume nutzen können.

Die Erweiterung der Demokratie ist ein zentrales
Element aller von mir heute erwähnten Herausforderungen. Ein demokratisches Europa wird wahrscheinlich eher den Frieden bewahren und ein starker
Partner bei Diplomatie, Sicherheit und Handel sein.
Demokratische Nationen werden weniger wahrscheinlich Krieg gegeneinander führen - und wahrscheinlich eher gemeinsam mit uns Rüstungskontrolle
fördern, die Weiterverbreitung sowie die Kräfte der
Zerstörung bekämpfen. Und Demokratie unterstützt
die freien Märkte, die Wohlstand fördern, weil die
Rechtsstaatlichkeit zur Gewährleistung beiträgt, daß

* *

Seite 6

Das ist Amerikas Herausforderung an der Schwelle
zum Jahrtausend. Amerika kann - und muß - sie
meistern. Ich denke, es wird uns gelingen.

*

AMERIKA DIENST 12

�NATO
12. Juni 1996

Die doppelte Erweiterung der NATO
von Senator Richard Lugar

BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die von Senator Richard Lugar am 29. Mai 1996 vor der
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Bonn gehaltene Rede in gekürzter Version.

Es ist ein Privileg, Ihnen meine Gedanken über die
Zukunft der Atlantischen Allianz vermitteln zu dürfen.
Dies ist eine besonders wichtige Zeit für eine Bestandsaufnahme des Bündnisses. In den vergangenen zwei Jahren hat die Allianz zahlreiche Themen
erörtert und analysiert, die von der Erweiterung über
die Reform der Kommandostruktur bis zu umfassenderen strukturellen Reformen des Bündnisses reichen,
damit es neue Missionen durchführen kann.
Die Zeit der Erörterungen und Analysen geht jetzt zu
Ende. In den kommenden zwölf Monaten muß die
NATO in drei Schlüsselbereichen Entscheidungen
treffen, die im nächsten Jahrzehnt die europäische
Sicherheit und die transatlantischen Beziehungen
entscheidend beeinflussen werden.
Angefangen mit dem Ministertreffen in Berlin müssen
die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses
folgendes entscheiden:
1.

Wird die NATO ihre Mitgliederzahl erweitern,
und welche Maßnahmen, Anerkennung und
Sicherheit sollte sie den Ländern gewähren,
die nicht unter die erste Wahl fallen?

2.

Wie wird sich die NATO intern reformieren, um
neue Missionen durchzuführen? Dazu zählen
die Verteidigungsverpflichtungen unter Artikel
5 sowie andere nicht in Artikel 5 enthaltene
Missionen wie Krisenmanagement über die
Grenzen des Bündnisses hinaus.

3.

Wie sollten die Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland während des Erweiterungsprozesses aussehen? Sollte die NATO

AMERIKA DIENST 12

eine parallele kooperative Partnerschaft mit
Moskau ausbauen?
Wie gute Arbeit die NATO bei diesen Themen leistet,
wird weitreichende Auswirkungen haben. Wir sprechen über das Legen von Grundsteinen einer neuen
europäischen Friedensordnung und den Aufbau einer
neuen NATO, die diesen Namen nicht nur in der
Theorie, sondern auch in der Praxis verdient. Wenn
wir Erfolg haben, werden wir die Grundlage für Jahrzehnte des Friedens und Wohlstands in Europa
geschaffen haben. Wenn wir scheitern, könnten
Historiker auf die Zeit unmittelbar nach dem Ende des
Kalten Krieges als Zeit tragisch verpaßter Chancen
zurückblicken.
Vor allem müssen wir uns bewußt machen, daß eine
historische Debatte über die Zukunft der NATO vor uns
liegt, die auf Jahre hinaus Auswirkungen haben wird.
Es ist eine Debatte, die öffentlich und kontrovers sein
wird - wie es einem Bündnis von Demokratien gebührt,
das sich mit so wichtigen Themen befaßt. Ein Großteil
der Diskussion über das Für und Wider der Erweiterung und anderer Fragen war auf Eliten und Experten
begrenzt - und den einen oder anderen Senator oder
Minister. Auch das wird sich ändern.
Ich sehe diesen öffentlichen Diskussionen erwartungsvoll entgegen. Meines Erachtens haben wir die
historische Chance, Schritte zu unternehmen, die
Frieden und Stabilität in Europa sichern und die bei
den Revolutionen von 1989 und dem Zusammenbruch
des Kommunismus gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit festschreiben werden. Meiner Ansicht
nach werden wir in dieser Debatte den Sieg davontragen - sowohl im amerikanischen Senat als auch im

Seite 1

�Bündnis - vorausgesetzt, wir folgen einigen vernünftigen Richtlinien.
Bevor ich diese Richtlinien darlege, möchte ich die
grundlegenden Fragen aufwerfen, mit denen wir uns
im amerikanischen Senat, den Parlamenten der
NATO-Verbündeten sowie in den beitrittswilligen
Ländern konfrontiert sehen.
Die Vision
In den Vereinigten Staaten werden die Politiker häufig
über das befragt, was wir als die "Vision" bezeichnen.
Was wollen sie erreichen und warum? Was ist ihre
Vision und wie werden einzelne Maßnahmen in ein
Gesamtgefüge von Zielsetzungen passen?
Als
amerikanischer Senator werde ich oft von meinen
Kollegen und Wählern gefragt, warum ich mich so
intensiv mit der NATO und Themen wie NATO-Erweiterung befasse, nun, da der Kalte Krieg vorüber ist.
Je weiter wir uns von den berauschenden Tagen
entfernen, in denen die Berliner Mauer fiel und der
Kommunismus zusammenbrach, desto klarer wird,
daß wir in ein neues Zeitalter eingetreten sind. Im
Europa der Nachkriegszeit sind noch immer reichlich
Gefahren vorhanden. Die Revolutionen von 1989
führten nicht nur zum Zusammenbruch des Kommunismus, sondern auch zum Ende der nach zwei
Weltkriegen geschaffenen Friedensordnung. Auf dem
Spiel stehen Ordnung und Stabilität in ganz Europa.
Und aus diesem Grund sind amerikanische Interessen
im Spiel.
Die NATO kann nicht allein alle Probleme Europas
lösen. Aber ohne einen stabilen Sicherheitsrahmen
gehen wir das Risiko ein, daß Reform und Demokratie
im Osten Europas nicht andauern, sondern von
destruktiven Kräften des Nationalismus und der
Unsicherheit unterlaufen werden. Das Scheitern der
Demokratie im Osten würde unweigerlich auch
tiefgreifende Auswirkungen auf die Demokratie in der
westlichen Hälfte des Kontinents haben. Wenn uns die
Geschichte irgend etwas lehrt, dann, daß die Vereinigten Staaten immer in solche europäischen
Konflikte gezogen werden, weil wir mit unseren vitalen
Interessen letztlich, wenn auch verspätet, engagiert
sind.
Das ist ein Grund, warum ich stets für die NATOErweiterung war. Aber das ist nur ein Grund und ein
Teil meiner Vision, die aus dem besteht, was ich
verhindern und was ich aufbauen möchte. Ich möchte
einen neuen transatlantischen Handel mit einem
geeinten und integrierten Europa eingehen - "ungeteilt
und frei" - in einem permanenten Bündnis mit den
Vereinigten Staaten. Es ist eine Vision der Vereinigten
Staaten und Europas in einer gleichberechtigten
Partnerschaft, die sich der Verwaltung der Sicherheit
Europas sowie der Verfolgung gemeinsamer Inter-

Seite 2

essen über Europa hinaus verschrieben hat. Der alte
transatlantische Handel, der den Europäern eine Form
von amerikanischem Schutz als Gegenleistung für
amerikanischen Einfluß bot, muß durch eine neue
transatlantische Vereinbarung ersetzt werden.
Dies ist eine Vision für das Bündnis, die nicht länger
zwangsläufig auf Europa konzentriert oder darauf
begrenzt ist. Es ist auch eine Vision für das Bündnis,
die über die logische Begründung des Kalten Krieges
hinausgeht, das heißt, einen sowjetischen Angriff auf
Westeuropa abzuschrecken und das Land gegebenenfalls dagegen zu verteidigen. Es ist eine Vision für
ein neues Bündnis zwischen den Vereinigten Staaten
und Europa als Kraft zur Förderung westlicher Werte
und Interessen in Europa und darüber hinaus. Wir
benötigen eine neue und sehr viel umfassendere
transatlantische Tagesordnung und einen Dialog, der
sich darauf konzentriert, wo und wie die Vereinigten
Staaten und Europa gemeinsam handeln können und
sollten.
Wie viele von Ihnen wissen, war ich einer der frühesten Befürworter der NATO-Erweiterung in den
Vereinigten Staaten. Ich habe jedoch immer von der
Erweiterung nicht getrennt von, sondern vielmehr als
Teil einer neuen Sicherheitspartnerschaft zwischen
den Vereinigten Staaten und einem geeinten Europa
gesprochen. Die Vereinigten Staaten sind eine globale
Macht, ein Land mit Interessen in Europa und darüber
hinaus. Sie sind auch ein Land, das zunehmend
gleichgesinnte Verbündete und Partner zur Bewältigung dieser internationalen sicherheitspolitischen
Tagesordnung benötigt. Wenn die Amerikaner sich
umblicken, sehen sie keinen besseren Kandidaten als
ihre europäischen Verbündeten in der NATO als
diesen Partner.
Wenn das die Vision ist, wie verwirklichen wir sie
dann? Mir gefällt der Begriff "doppelte Erweiterung",
um auch den Prozeß der Reform einzubeziehen, die
meiner Ansicht nach stattfinden muß. Die NATO muß
sich nach Osten erweitern, um die neuen Demokratien
zu integrieren, und sie muß ihre Mission über die
Verteidigung von Grenzen ausdehnen, um Krisenmanagement und vielleicht Friedenssicherung über die
Grenzen des Bündnisses hinweg einzubeziehen. In
beiden Fällen muß das Bündnis entscheiden, wie weit
es gehen möchte, sowohl im Hinblick auf neue Mitglieder als auch bezüglich neuer Missionen. Man kann
sich der Tatsache nicht entziehen, daß die NATO
gleichzeitig Reformen in beiden Bereichen vornehmen
muß, wenn sie die Herausforderungen bewältigen will,
denen wir uns in den kommenden Jahren wahrscheinlich gegenübersehen. Es ist ein grundlegendes
amerikanisches Interesse, daß das Bündnis nicht nur
zur Stabilisierung Osteuropas erweitert wird, sondern
auch, daß die Erweiterung integraler Bestandteil einer
umfassenderen Umgestaltung ist, die Europa zu einem
zunehmend effektiven strategischen Partner der Ver-

AMERIKA DIENST 12

�einigten Staaten auf dem Kontinent und darüber
hinaus macht.

retten, indem wir Reformen in Osteuropa aufschieben
oder verzögern.

Rußland

Das Bündnis kann und sollte enge strategische
Beziehungen zu Rußland haben. Die NATO und
Rußland sind Verbündete bei der IFOR in Bosnien.
Wir hoffen, daß dies keine einmalige Sache ist,
sondern vielmehr der Beginn langfristigerer und
stabilerer Beziehungen. Ich hoffe, eines Tages zu
erleben, daß die Grenzen zwischen einer erweiterten
NATO und ihren östlichen Nachbarn, einschließlich
Rußlands, ebenso stabil und sicher sind wie alle
anderen in Europa.

Jetzt möchte ich das Thema Rußland ansprechen. Wir
sind uns bewußt, wie wichtig die Zukunft Rußlands für
die Zukunft der europäischen und internationalen
Sicherheit ist. Aber wie paßt Rußland in die Vision der
von mir dargelegten transatlantischen Beziehungen?
Meine Vision des Bündnisses ist nicht von der Existenz
oder dem möglichen Entstehen einer neuen russischen Bedrohung im Osten abhängig. Wir wollen
keine NATO, deren Lebensfähigkeit und Erfolg vom
Scheitern in Rußland abhängt. Wir wollen ein Rußland, das erfolgreich Reformen durchführt und dessen
Erfolg bei den Reformen es zu einem interessanteren
und nützlicheren strategischen Partner für das Bündnis
macht.
Die Vereinigten Staaten und Europa haben enormes
Interesse am Erfolg des Reformprozesses in Rußland.
Ein stabiles und reformiertes Rußland kann ein aktiver
Partner bei der Wahrung der Sicherheit in Europa, der
Lösung regionaler Konflikte und der Bekämpfung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen
sein. Wir wollen eine strategische Partnerschaft mit
Rußland gründen, die der Stellung Rußlands in Europa
Rechnung trägt - eine Partnerschaft, die zu formalisierten Beziehungen zum Bündnis führen könnte und
sollte.
In meiner Vision ist der Platz Rußlands klar. Ich sehe
Rußland nicht als Kandidat für eine Bündnismitgliedschaft. Rußland ist einfach zu groß und zu verschieden. Kein Bündnismitglied wird heute oder in
absehbarer Zukunft bereit sein, eine Garantie gemäß
Artikel 5 bis zur russisch-chinesischen Grenze auszudehnen. Und die Russen sind im Gegensatz zu den
Osteuropäern nicht wirklich daran interessiert, die mit
einer NATO-Mitgliedschaft einhergehenden Pflichten
zu übernehmen. Gleichzeitig wird Rußland in diesem
neuen und erweiterten Bündnis unweigerlich mehr sein
als bloß ein Nachbar. Wir hoffen, daß es zu einem
Partner wird - zu einem Land, mit dem wir eine privilegierte Partnerschaft pflegen.
Die von mir ins Auge gefaßte NATO garantiert Stabilität in Zentraleuropa - eine Stabilität, die ebenso im
Interesse Rußlands liegt wie in unserem eigenen. Die
Russen sollten sich bewußt werden, daß sich die
Erweiterung nicht gegen irgend jemanden richtet, und
ganz sicher nicht gegen sie. Die Stabilisierung der
Demokratie in Osteuropa bedroht nicht die Demokratie
in Rußland. Für Rußland ist es besser, wenn Polen in
der NATO ist anstatt außerhalb. Ein Polen, das im
Bündnis sicher ist, wird weniger antirussisch und
interessierter an Zusammenarbeit und Brückenbau
sein. Wir können nicht die Reformen in Rußland

AMERIKA DIENST 12

Aber dazu gehören zwei. Moskau hat sich in zunehmendem Maße gegen eine Erweiterung ausgesprochen, und einige russische Kommentatoren stellen
bereits eine Liste realer oder erdachter "Gegenmaßnahmen" auf, die Moskau angeblich ergreifen muß.
Solches Gerede ist kontraproduktiv.
Ich gehöre zu denjenigen, die nicht nur von Anfang an
die NATO-Erweiterung befürwortet haben, sondern
auch der Ansicht waren, das Bündnis hätte sich
schneller und entschlossener auf eine Ausweitung
zubewegen sollen. Die Clinton-Administration sowie
das Bündnis als Ganzes wählten einen langsameren
Ansatz, als ich ihn bevorzugt hätte. Sie taten das in
der Hoffnung, daß der Umgang mit Moskau in der
Frage der Bündniserweiterung mit der Zeit einfacher
würde, da Rußland die wahre Motivation der NATO
verstehen würde. Trotz meiner eigenen Zweifel war
ich bereit, im Zweifelsfall der Administration und dem
Bündnis recht zu geben.
Jetzt ist es jedoch meiner Ansicht nach kristallklar, daß
eine Politik, die wichtige Entscheidungen aufschiebt,
unser Leben nicht vereinfacht. Einige in Rußland
haben die Geduld des Westens als Zeichen der
Schwäche und Mangel an Entschlossenheit des
Bündnisses fehlinterpretiert. Einige Russen glauben
immer noch, sie könnten die Erweiterung aufhalten und einige verspüren immer noch die Versuchung, es
zu probieren. Während immer deutlicher wird, daß die
Russen die NATO-Erweiterung nicht unterstützen,
erscheint ihnen unsere Politik zunehmend wie eine Art
chinesischer Wasserfolter.
Über mehrere Jahre
hinweg gab das Bündnis häufig Erklärungen über
seine Erweiterungsabsichten ab, und Moskau fühlte
sich daraufhin verpflichtet, seine Ablehnung einer
Erweiterung kundzutun. Wenn nichts geschieht,
könnten Beobachter in Moskau zu dem Schluß
gelangen, sie hätten den Bündniszug verlangsamt
oder sogar zum Stehen gebracht.
Es ist jetzt zu spät, umzukehren und die politischen
Entscheidungen über den Zeitplan rückgängig zu
machen. Wichtig ist jetzt, daß die NATO sich nicht
beirren läßt, sondern sich an ihren vereinbarten
Zeitplan hält und die ursprüngliche Entscheidung über

Seite 3

�eine Erweiterung voranbringt - ungeachtet des russischen Wahlergebnisses.
Schlußbemerkung
Ich möchte meine Ausführungen zusammenfassen.
Es gibt viele andere Faktoren, die ebenfalls die
amerikanische Politik der NATO-Erweiterung beeinflussen könnten. Sollten die demokratischen Reformen in den beitrittswilligen Ländern ins Stocken
geraten, könnte der gesamte Erweiterungsplan auf Eis
gelegt werden. Ferner wird wichtig sein, wen der
nächste Präsident in Schlüsselpositionen wie die des
Außen- und Verteidigungsministers ernennt. Insgesamt kann man jedoch sagen, daß zwar die Ratifizierung der Aufnahme neuer Mitglieder viele Hindernisse und Fallstricke impliziert, es jedoch wenige
Beweise für die Behauptung gibt, sie sei politisch nicht
möglich.
Die Auswirkungen dieser Schlußfolgerung reichen
über die NATO oder sogar die transatlantischen
Beziehungen hinaus. Sie legt nahe, viele Beobachter
würden den politischen Willen Amerikas unterschätzen, nach dem Kalten Krieg im Ausland zu handeln.
Es ist wichtig, solche Fehleinschätzungen zu korrigieren. Der Prozeß, durch den die Großmächte ihre
Rolle auf der Weltbühne definieren, war stets undurchsichtig. Das gilt insbesondere für die Vereinigten
Staaten, wo der Kongreß so viel unabhängige Entscheidungsgewalt im Bereich der nationalen Außenpolitik hat. Natürlich spielen viele Faktoren eine Rolle:
Kriegsausbruch im Ausland, Erfolg oder Scheitern ei-

*

Seite 4

ner amerikanischen Militäroperation, Basisbewegungen wie die für Menschenrechte oder Rüstungskontrolle, umfassende Tendenzen bei der öffentlichen
Meinungsbildung und selbstverständlich die Stärke
und der Stil der von unseren Präsidenten und ihren
wichtigsten Mitarbeitern übernommenen Führungsrolle.
Heute ist die Haltung Amerikas gegenüber der Welt
äußerst mehrdeutig. Wir zogen uns schnell aus
Somalia zurück, gingen aber schließlich nach Bosnien.
Der Kongreß nahm das NAFTA an, weigerte sich aber,
Beistand zur Rettung des mexikanischen Peso zu
leisten und Chile in das NAFTA aufzunehmen. Die
Amerikaner sind stolz auf unsere Führungsrolle im
Nahen Osten oder Südafrika, sehen jedoch untätig zu,
wie die Geldmittel und andere für die amerikanische
Diplomatie erforderlichen Instrumente gekürzt werden.
Die sich abzeichnende Debatte über die NATOErweiterung bietet eine wichtige Chance zur Demonstration der anspruchsvollen und konstruktiven
Führungsrolle der Vereinigten Staaten sowie zu solider
Zusammenarbeit dieser Führung mit den Nationen, die
unsere gemeinsamen Grundwerte teilen und sie
schützen wollen.
Wir müssen dieser Debatte oberste Priorität einräumen.
Die Lebensqualität in allen von der Zukunft des
Bündnisses beeinflußten Ländern hängt davon ab, ob
wir rechtzeitig Erfolg haben.

* * *

*

AMERIKA DIENST 12

�USA-DEUTSCHLAND
12. Juni 1996

50 Jahre Amerika Haus Frankfurt
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Botschaft der Vereinigten Staaten
von Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 22. Mai 1996 zum 50jährigen Bestehen
des Amerika Hauses Frankfurt gehaltene Rede.

Vielen Dank, daß Sie alle gekommen sind. Am
heutigen Abend feiern wir das 50jährige Bestehen des
Frankfurter Amerika Hauses. Seit fünf Jahrzehnten ist
diese Institution - ebenso wie die anderen Amerika
Häuser in Deutschland - eine Begegnungsstätte für
unsere beiden Völker, ein Ort für freie, offene und
ehrliche Gespräche.
Während dieser 50 Jahre war das Haus Zeuge
dramatischer Veränderungen, die Frankfurt und
Deutschland wandelten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffneten die Vereinigten Staaten mehr als 50 Amerika Häuser in ganz
Westdeutschland. Einige von Ihnen werden sich
erinnern, daß dies eine unglaublich harte und leidvolle
Zeit war. In jenen Tagen der Unruhe und Unsicherheit
waren die Amerika Häuser Stätten der Zuflucht für den
Geist - und vielleicht auch für die Seele.
Anfangs waren es kleine Leseräume, in denen Filme
gezeigt wurden, Vorlesungen, Ausstellungen und
Konzerte stattfanden. Die Deutschen entdeckten
schnell, daß es Orte waren, an denen freie Männer
und Frauen ihre Meinung austauschen, voneinander
lernen und das gegenseitige Verständnis vertiefen
konnten.
Schriftsteller von William Faulkner bis Toni Morrison,
Musiker von John Cage bis Lionel Hampton, Künstler
und Architekten von Edward Steichen bis Mies van der
Rohe - sie alle kamen im Laufe der Jahre ins Frankfurter Amerika Haus.
Als sich die Welt wandelte, wandelte sich auch
Deutschland. Es baute seine eigenen Bibliotheken
und Kulturinstitutionen wieder auf. Es schuf eine

AMERIKA DIENST 12

stabile Demokratie. Frankfurt gewann seine historische Stellung als Kultur- und Handelszentrum wieder.
Während dieser gesamten Entwicklung spielte das
Amerika Haus weiterhin eine bedeutende Rolle. Und
natürlich trugen das Amerika Haus und seine loyalen,
talentierten Mitarbeiter - Deutsche und Amerikaner
gleichermaßen - dazu bei, diese Veränderungen zu
ermöglichen.
Wir sind der Stadt Frankfurt und dem Bundesland
Hessen dankbar für ihre dauerhafte und tatkräftige
Unterstützung des Amerika Hauses.
Ein besonderes Wort des Dankes gilt heute abend
auch den Organisationen und Einzelpersonen, die im
Lauf der Jahre einen so großen Beitrag zum Amerika
Haus geleistet haben.
Unsere Amerika Häuser haben seit ihren bescheidenen Anfängen einen langen Weg zurückgelegt. Die
ursprünglichen Leseräume sind schon lange durch
CD-ROMs ersetzt worden. Durch Investitionen in neue
Dienstleistungs- und Technologiekonzepte bieten die
Amerika Häuser jetzt mehr Einblick in die Vereinigten
Staaten als je zuvor. In ganz Deutschland sind sie
durch ein elektronisches Netz verknüpft, das neueste
Informationen über Amerika anbietet.
Das Frankfurter Amerika Haus ist wie alle Amerika
Häuser in Deutschland in die institutionelle Landschaft
des deutschen Lebens eingefügt. Die Amerika Häuser
reflektieren die Vielfalt unserer beiden Länder: Sie sind
föderalistisch, wie wir föderalistisch sind, und regional,
wie wir regional sind.
Diese regionale Betonung ist für unsere Aktivitäten in
den neuen Bundesländern von besonderer Bedeutung.

Seite 1

�Das neue Amerika Haus Leipzig und das erweiterte
Amerika Haus Berlin engagieren sich für die große
Aufgabe, den Nachholbedarf von Bürgern der fünf
neuen Bundesländer nach nahezu sechs Jahrzehnten
der Isolation vom Westen zu decken - einer durch
ständige Propaganda verstärkten Isolation.
Ich habe darüber gesprochen, was wir in der Vergangenheit getan haben und was wir hoffentlich in Zukunft
unternehmen können. Aber all diese Aktivitäten finden
vor dem Hintergrund jahrhundertealter gemeinsamer
Geschichte und Erfahrungen statt. Wir, die wir am
heutigen Abend hier versammelt sind - Deutsche und
Amerikaner gleichermaßen - wissen, daß unsere
beiden Völker über Jahrhunderte einzigartige Beziehungen entwickelt haben - entstanden durch die
Einwanderung, zerrissen durch Kriege, geheilt und
gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, aufrechterhalten durch zwischenmenschliche Kontakte.
Wir wissen, daß die Geschichte uns auf Gedeih und
Verderb miteinander verbunden hat und das Wohlergehen des einen vom Wohlergehen des anderen
abhängt. Wir wissen auch, daß eine unserer vordringlichsten Aufgaben darin besteht, diese Beziehungen zu
pflegen und Treuhänder ihrer Zukunft zu sein.
Unsere beiden Gesellschaften befinden sich inmitten
eines dynamischen Wandels auf der Suche nach
Lösungen zur Bewältigung der neuen Herausforderungen zunehmend komplexer, multikultureller Gesellschaften. Die Notwendigkeit der Anpassung an neue
Gegebenheiten bleibt bestehen - sei es an das
Informationszeitalter, an ein immer vereinteres Europa
oder an die Forderungen einer wirklich globalen
Wirtschaft.
Das Amerika Haus wird weiterhin unsere Positionen in
glaubwürdiger und bedeutender Weise erklären und
befürworten - Informationen über die offizielle Politik
der Vereinigten Staaten und über die Menschen, Werte
und Institutionen bereitstellen, die diese Politik gestalten und dem deutschen und amerikanischen Publikum
gleichermaßen die Vorteile des internationalen Engagements vermitteln.
Zu dieser Zeit im vergangenen Jahr verlieh die American Chamber of Commerce in Germany in der Paulskirche hier in Frankfurt ihre höchste Auszeichnung den Dr. Leo M. Goodman Award - an alle Amerika
Häuser in Deutschland für ihre über die Jahre erbrachten Leistungen.
An demselben historischen Ort sprach Präsident John
F. Kennedy eine Generation zuvor folgende Worte, die
meines Erachtens noch heute von Bedeutung sind:
"...Denn wir leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeiten sowie der
Unabhängigkeit - einem Zeitalter des

Seite 2

Internationalismus sowie des Nationalismus... Heute gibt es keine
ausschließlich deutschen oder amerikanischen oder sogar europäischen
Probleme.
Es gibt internationale
Probleme, und unsere beiden Länder
und Kontinente sind bei den Aufgaben
des Friedens ebenso wie im Krieg
untrennbar miteinander verbunden."
Wir waren außerordentlich erfolgreich bei unseren
gemeinsamen Unternehmungen. Gemeinsam haben
wir Gegner zu Verbündeten und Diktaturen zu Demokratien gemacht. Wir haben Institutionen aufgebaut,
die unsere Sicherheit und wirtschaftliche Stärke
gewährleisteten. Wir standen Seite an Seite und
haben den Sieg im Kalten Krieg davongetragen.
In Bosnien ist heute der Weg zum Frieden der dramatischste Beweis, daß die transatlantische Partnerschaft
unerläßlich bei dem Streben nach einem friedlichen,
wohlhabenden und ungeteilten Europa ist. Zum ersten
Mal dienen Soldaten jedes Landes und jeder Region
Europas bei der gleichen militärischen Operation.
Russen und Litauer, Griechen und Türken, Polen und
Ukrainer, Briten, Deutsche und Franzosen tragen
gemeinsam mit Amerikanern und Kanadiern die
gleichen Risiken unter der gleichen Flagge zur Erlangung des gleichen hehren Ziels. Während wir zur
Überwindung der Spaltungen in Bosnien beitragen,
tragen wir auch zur Überwindung der Spaltung
Europas bei.
Seit 50 Jahren fördert das Amerika Haus Frankfurt das
Beziehungsgeflecht, das die deutsch-amerikanische
Partnerschaft zu einem der größten Erfolge der
Geschichte gemacht hat.
Heute spielt das Amerika Haus weiterhin eine entscheidende Rolle bei der Bewahrung der lebenswichtigen menschlichen Bande, die die Stärke und
Widerstandskraft unserer Beziehungen sicherstellen.
Es bringt uns als Menschen zusammen und bewahrt
die Bedeutung und Lebenskraft unserer gemeinsamen
Werte in diesen Zeiten des Wandels. Und mit all dem
schafft das Amerika Haus die Grundlage für eine
integriertere, wohlhabendere Weltgemeinschaft.
Mehr denn je zuvor liegt heute das Schicksal von
Nationen in der Hand der informierten Öffentlichkeit,
auf offenen, transparenten Märkten von Ideen und
Waren, auf den Autobahnen und Nebenstraßen des
immer weiter expandierenden Informationszeitalters, in
freien bürgerlichen Institutionen und freiwilligen
Zusammenschlüssen engagierter Einzelpersonen. In
Anbetracht dieser Aufgabe sehe ich der vielversprechenden Zukunft des Amerika Hauses Frankfurt
erwartungsvoll entgegen.
Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 12

�SPORT
12. Juni 1996

Weshalb Sport das Spiel macht
von Wilfrid Sheed

(AD)- Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die faszinierende Interaktion zwischen Sport und
Gesellschaft.
Wilfrid Sheed ist Kritiker, Essayist und Romanautor. Zu seinen Werken zählen unter anderem The Boys of
Winter (1987) und Basebali &amp; Lesser Sports (1991). Sein neuestes Buch In Love With Daylight wurde letzten
Winter bei Simon &amp; Schuster verlegt.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Wilson Quarterly, Winter 1995.
Copyright (c) 1995, Wilfrid Sheed.

Man kann kaum noch genau sagen, wann das neue
Zeitalter anbrach, doch geschah es wohl irgendwann
inmitten der Rauchschwaden des 19. Jahrhunderts,
daß der Sport sich von einer offiziell als schlecht
bezeichneten Sache zu einer wirklich guten wandelte,
quasi zu einer Säule des Staates. England, wo alles
seinen Anfang nahm, war als imperiale Großmacht in
die Jahre gekommen, und die industrielle Revolution
sorgte dafür, daß Jungen vom Land über Nacht zu
Großstadtjungen wurden. Die Wächter der Gesellschaft begannen, jegliche Form der Unterhaltung im
Lichte dieser Entwicklungen zu betrachten, und das
galt insbesondere für den Sport.
So kam es, daß die Prediger, die zuvor den Sport als
Teufelswerk, als offene Einladung zu Brutalität und
Spielsucht verurteilt hatten (wie sich doch die Zeiten
ändern!), nach und nach erkannten, daß man durch
den Sport Rettung und Läuterung im Dienst für den
Herrn erlangen könnte - und was gut für Gott war, war
auch gut für England. Gleichermaßen entschlossen
sich die Schulmeister, die einstmals das unnütze Spiel
bestraft hatten, dem Beispiel zu folgen und nicht länger
Abwehr zu leisten; und so begannen sie damit, den
organisierten Sport mit einer solchen Schärfe durchzusetzen, daß so manches Kind allein schon den
Begriff "körperliche Ertüchtigung" zu verabscheuen
und zu fürchten lernte.

AMERIKA DIENST 12

Und schließlich überlegten es sich auch die letzten
unter den Beharrlichen, die ja am meisten zu verlieren
hatten - Dickens legendäre Fabrikbesitzer, gemeinsam
mit den etwas humaner veranlagten Geschäftsleuten -,
wobei die Grundlage ihres Sinneswandels die Überlegung war, daß die Arbeiter, wenn sie denn schon
arbeitsfreie Zeit brauchten, diese auf üblere Weise als
im regelgebundenen, vom Schiedsrichter kontrollierten
Wettstreit um Fähigkeiten und Stärke unter freiem
Himmel verbringen konnten.
Aber vielleicht liegt der größte Nutzen überhaupt darin
- wenn man von dem Wirbel ausgeht, der darum
gemacht wird - daß der Sport nicht nur das Mogeln
ächtete, sondern die Anhänger sogar darauf trainierte,
Mogeleien untereinander aufzudecken und zu verachten und dieses Prinzip auch auf sich selbst anzuwenden. Das war von entscheidender Bedeutung.
Eine Nation an der Schwelle zu großen Unternehmungen - gleichzeitig auch eine Nation inmitten einer
Bevölkerungsexplosion, durch welche sie über Nacht
auf Dritte-Welt-Status, oder doch zumindest auf das
Niveau von Downtown Los Angeles hätte zurückgeworfen werden können - brauchte eine Bürgerschaft,
der sie vertrauen konnte. In der Tat erhoben die
Engländer das Konzept des Fair Play zu einem
Fetisch, über den man sich auf der ganzen Welt lustig
machte. Dennoch wurde das Empire durch diesen
Fetisch zumindest genauso aufrecht erhalten wie
durch Gewalt, und bis zum Schluß hat das Talent der

Seite 1

�britischen Sportsfreunde, Gerissenheit und Anständigkeit miteinander zu verbinden, zynischere Nationen
immer wieder aufs Neue verblüfft und frustriert.
Doch durch die derartig begeisterte Förderung des
Sports haben die Mächtigen unabsichtlich ein kleines,
selbst geschaffenes Untier von der Kette gelassen,
wenngleich es sich hierbei um eine gesunde Bestie
handelte. Der Kult um den Sport hat sich bis in die
neunziger Jahre dieses Jahrhunderts weiter verbreitet
und eine Eigendynamik entwickelt, die bei weitem das
übertrifft, was Thomas Arnold (1795-1842), der
englische Rektor einer Public School, den man als
Gründervater der Bewegung "Sport und Charakter"
bezeichnen kann, sich in seinen kühnsten Träumen
vorgestellt hatte. Und die Bildungseinrichtungen, die
ihren Zöglingen in aller Ergebenheit den Sport eingetrichtert haben, müssen nun irgendwann aussetzen,
um ihnen - und sich selbst - zu sagen, daß es ja nur
ein Spiel ist, und dann müssen sie ihnen das auch
beweisen - oder aber dabei zusehen, wie der Sport
immer weitere Auswüchse hervorbringt, bis sowohl
das Establishment als auch seine Schulen darunter
begraben werden: Eine Macht, die gegen Sex antritt,
kann mit Leichtigkeit auch das Bildungswesen niederwalzen. Der Rektor einer großen Universität schrieb
vor einigen Jahren in einem Leserbrief an die New
York Times, daß er den akademischen Fächern an
seiner Universität den gleichen Rang wie dem Sport
einräumen wollte, was als röchelnder Aufschrei zu
verstehen ist und vermuten läßt, daß das Untier bereits
auf seinem Brustkorb hockte und ihm die Luft abzudrücken drohte.
Infolgedessen müssen sich die Geistlichen auch über
den Götzendienst und die Sünde der Verehrung von
Abgöttern Sorgen machen, so wie die reine Zeitvergeudung und die Verschwendung emotionaler
Energien durch den Sport der Geschäftswelt Anlaß zur
Sorge bietet. Ein Fan kann - vielleicht sogar in noch
stärkerem Maße als der Sportler selbst, der ja durch
die Ausübung des Sports einen Teil seiner zwanghaften Energie umsetzen kann - psychologisch so in den
Sport verstrickt werden, daß er den Rest des Lebens
nur noch wie einen langweiligen Traum erlebt, den
man irgendwie durchstehen muß. Wer davon überzeugt ist, kann als Schlafwandler nahezu alles überstehen, sei es ein öder Job, ein unterdrückerisches
Regime oder eine Ehe, der möglicherweise etwas
mehr Aufmerksamkeit gut angedeihen würde.
Die guten und die schlechten Seiten des Sports
gleichen sich auch in den besten aller Zeiten auf das
Vorzüglichste aus. Sieg und Niederlage lösen ein
Gefühl der Freude oder der Verzweiflung aus, das
jenseits der normalen menschlichen Erfahrung liegt.
Äußert ein Politiker, daß er etwas bis ins Mark verabscheut - gleichgültig, ob es sich hierbei um John
Major und sein Verhältnis zum Terrorismus oder um
Senator Windbag und seine Einstellung gegenüber

Seite 2

dem Verbrennen von Nationalflaggen handelt - so hat
man doch Zweifel, ob seine Knochen tatsächlich davon
betroffen sind: wie Dr. Samuel Johnson vielleicht
sagen würde, wird die Markklößchensuppe zum
Abendbrot sicher nach seinem Geschmack sein.
Aber ein Sportanhänger, der miterlebt hat, wie ein
sicherer Baseball-Sieg am Ende der neunten Runde
aus den Händen gleitet oder wie die Arbeit einer
ganzen Saison durch eine Entscheidung des Schiedsrichters in der Verlängerung zunichte gemacht wird, ist
unsagbar verzweifelt. Dieses Gefühl ist nicht in Worte
zu fassen, obwohl Sophokles ihm in seinen Beschreibungen recht nahe kommt. Im Jahr 1942 grämte
sich der Verfasser dieses Textes angesichts der
Niederlage der Dodgers im Spiel gegen die Cardinais
in einem Maße, wie man es keinem 11jährigen abverlangen sollte. Fügte ein Erwachsener einem Kind
vergleichbare Schmerzen zu, so würde er sofort im
Gefängnis landen.
Aber ich kam darüber hinweg und engagierte mich
mehr als je zuvor. Ich erholte mich soweit, daß ich die
Mannschaft der Cardinais in ihrem Spiel gegen das
verhaßte Team der Yankees in der World Series
anfeuerte. Dieser Kreislauf der vorgetäuschten Tode
und Wiedergeburten kann in der Tat das Gesundeste
am Sport überhaupt sein, oder aber auch das Gefährlichste, je nachdem, wie man damit umgeht. Im
schlimmsten Falle führt das zu Aufständen und Tod,
aber im günstigsten Falle kann der Schmerz der
Niederlage reinigend und lehrreich sein, eine sehr gute
Übung für das Leben.
Bei der Lektüre des zweiten Bandes von William
Manchesters Biographie über Winston Churchill mit
dem Titel The Last Lion (1988) beeindruckte mich die
Tatsache, daß der Löwe Churchill sich wunderbar
unerschütterlich zeigte, wenn es um Fragen wie den
Aufstieg Hitlers oder den Niedergang Polens ging,
aber völlig demoralisiert reagierte, wenn seine Eitelkeit
angekratzt wurde, wie zum Beispiel durch eine Niederlage bei einer Nachwahl oder wenn ihm ein bestimmter
Kabinettsposten nicht zugestanden wurde. Wenn man
jedoch vom Sport etwas lernen kann, dann daß
weniger wichtige Dinge mehr weh tun können als die
wichtigen - aber dennoch sind sie genau das: Weniger
wichtig, und es gibt ein paar Kniffe, wie man mit ihnen
umgehen kann, nämlich, indem man den Schmerz
auffängt und ins richtige Licht rückt, fast schon in einer
Art Reflexhandlung.
Eine der angenehmen Seiten der menschlichen
Vorstellungskraft ist die Fähigkeit, sich eine alternative
Wirklichkeit zu schaffen und das Leben anderer
Menschen in seiner Emotionalität vollständig nachempfinden zu können, gleichgültig, ob es sich dabei
um Ödipus oder die Mannschaft der Chicago Cubs
handelt (und darin liegt ein weiteres Unterscheidungsmerkmal für das zivilisierte Individuum - die Kunst zum

AMERIKA DIENST 12

�einen und der Sport zum anderen). Wenn man jedoch
nicht lernt, daß eine Sache nicht dadurch wichtig wird,
daß man wegen ihrer weint - wenn man allzulang
vergißt, auf welcher Realitätsebene man sich bewegt,
oder wenn man sich nach dem Spielende in Gedanken
nicht vom Stadion in Wrigley Field entfernen mag dann wäre man möglicherweise besser beraten
gewesen, hätte man nie im Leben den Sport zur
Kenntnis genommen.
Das "Kennenlernen von Triumph und Katastrophe"
(Rudyard Kipling hätte einen, sagen wir mal, interessanten Football-Trainer abgegeben: "Ich will, daß ihr
Männer da raus geht und es den beiden Hochstaplern
mit gleicher Münze heimzahlt, habt ihr gehört?") ist nur
eines der vielen Dinge, die der Sport lehrt, und die er
besser lehrt als sonst ein Medium. Die Schwierigkeit
besteht darin, daß in der Schule, wo viele der sportlichen Lektionen gelernt werden, der Sport immer
häufiger mit anderen Lektionen kollidiert, die ebenfalls
gelernt werden müssen.
Die Disziplin eines Trainers ist ganz anderer Art als die
eines normalen Lehrers, denn der Trainer will dasselbe wie die Klasse - den Sieg! Für einen normalen
Lehrer gibt es kein so deutlich definiertes Ziel. Es
hängt größtenteils von ihm ab, ob ein Schüler im
Unterricht aufmerksam ist oder nicht. Das ist ausschließlich eine Angelegenheit zwischen dem jeweiligen Schüler und dem Lehrer, wobei der Schüler im
Vorteil ist, weil er von Verbündeten umgeben ist, von
denen die Mehrzahl kein besonderes Bedürfnis
verspürt, dem Lehrer zu folgen, und das Tempo nur zu
gerne drosselt.
Der Trainer hingegen kommt erst dann zur Klasse,
wenn diese bereits am Siedepunkt ist: Diese Kinder
werden sich in einem Maße für ihn einsetzen, das in
einem Klassenzimmer unvorstellbar wäre, und sie
werden einen Eifer und eine Begeisterung an den Tag
legen, die im normalen Schulunterricht nur die kreativen Kinder erleben. Ein Englischlehrer muß, wenn er
beim Football-Training zuschaut oder einer Veranstaltung beiwohnt, auf welcher seine Schüler die
Schulmannschaften anfeuern, neidvoll anerkennen,
daß seine Schüler zum nationalen Wunder erklärt
würden, könnte er nur einen Bruchteil ihrer Energie für
seinen Lyrikkurs mobilisieren. Im Klassenzimmer ist
der Lehrer jedoch der einzige, der einen derart starken
Einsatz zeigt, vergleichbar einem Trainer, der Liegestütze und Kniebeugen vormacht, während die
Schüler müßig zuschauen und darauf warten, daß ihr
Interesse geweckt wird.
Trotzdem ist der Sport nicht notwendigerweise der
natürliche Feind des Lehrers. Schließlich haben die
jungen Sportler ihre Disziplin ja irgendwo lernen
müssen, und unter den Sportlern arbeitet niemand
härter als die Cracks oder die ehemaligen Cracks,
wenn es gelingt, ihnen den Sinn der Sache genauso

AMERIKA DIENST 12

nahe zu bringen wie den Sinn des Sports. Der große
afroamerikanische Tennisspieler Arthur Ashe sagte
einmal, wenn die Aufnahme in eine Schulmannschaft
ausschließlich von den Zensuren abhinge, würden
diese auf die eine oder andere Art durch den stark
ausgeprägten Wettkampfgeist erreicht.
Vor allem wissen aber alle Sportler etwas, das viele
andere Schüler niemals erfahren werden, nämlich, daß
man ohne Disziplin gar nichts lernen kann. Und beim
Streben nach den Dingen, die sie wünschen, gewöhnen sich die Athleten ein strenges Regime gegenüber
sich selbst und, sofern nötig, auch gegenüber anderen
an.
Jetzt brauchen die Schulen also scheinbar nur noch zu
zeigen, daß ihrer Meinung nach Bildung genauso
wünschenswert ist wie Siegen, selbst wenn sie das
lediglich dadurch zu erkennen geben, daß den Sportlern unter den Schülern genügend Zeit gegeben wird,
sich Bildung anzueignen. Die Wettkämpfe selbst
stellen eigentlich kein Problem dar, da sie ja ein
gottgegebenes Zuckerbrot sind, ein natürlicher Anreiz,
der dazu beiträgt, mit der Schule zu kooperieren, was
immer sie auch von ihren Schülern fordern mag. Das
eigentliche Problem, das wie ein schlimmer Zahnschmerz immer wieder auftritt, besteht darin, daß
jegliche Mäßigung oder objektives Urteilsvermögen
abhanden kommen, sobald man sich für eine der
großen Sportarten anmeldet. Dann muß man sich
entweder hilflos gemeinsam mit den anderen weiterentwickeln, oder aber die ganze Sache über Bord
kippen, wie es Robert M. Hutchins vor über 50 Jahren
an der University of Chicago getan hat, als er seine
Universität aus der Liga der Big 10 (einer stark wettbewerbsorientierten Liga der Universitäten im Mittelwesten der USA) für immer herausnahm, was eine Flut
von Schlagzeilen nach sich zog. Die einsame Größe
dieser Geste zeugt davon, wie unrealistisch es wäre,
weitere Zeichen dieser Art zu erwarten.
Wenn es schon anno 1939, als man nichts weiter als
die finanziellen Zuwendungen einiger ehemaliger
Studenten zu verlieren hatte, schwierig war, sich
einfach zurückzuziehen, so wäre es nahezu unmöglich, dasselbe heute zu tun, da allerorts so viele
Fernsehgelder in Form von Gebühren für die Übertragungsrechte wichtiger Sportveranstaltungen an
Bildungsinstitutionen gezahlt werden. Die Fernsehgelder sind darüber hinaus daran schuld, daß es schwieriger geworden ist, im Training der jungen Sportler
wahre moralische Weisheiten oder spirituellen Ausgleich unterschwellig anzubringen. Weil die Spieler zu
der Auffassung neigen, daß die Uni bereits viel Geld
an ihnen verdient, ohne daß sie selbst etwas dafür
bekommen - wenn man einmal von unterbewerteten
Abschlüssen absieht - ist ihre Hochschule der letzte
Ort, an dem sie nach einer moralischen Richtschnur
suchen.

Seite 3

�Vor vielen Jahren sagte ein berühmter Trainer an der
Yale University seiner Mannschaft, daß das an diesem
Tag stattfindende Spiel gegen die Mannschaft der
Harvard University das Wichtigste sei, das sie jemals
in ihrem Leben tun würden; und seit diesem Tag ist der
Trainer für diesen Ausspruch verlacht worden.
Subjektiv gesehen war er jedoch im Recht: In dem Teil
der Psyche, die einem vormacht, daß Spiele wichtig
genug sind, um sich für sie zu schinden und für sie zu
leiden, war dieses Spiel tatsächlich die allerwichtigste
Sache und würde es auch immer bleiben. Zumindest
bis zum nächsten großen Spiel.
Aber welche Lesart man auch immer bevorzugen mag,
gibt es keine Geschichte, die den Unterschied zwischen dem Sport damals und heute so gut veranschaulichen könnte wie diese. In jenen Tagen wurden
die Spieler mit nichts anderem als Ruhm belohnt, und
so überschütteten die einflußreichen Autoritäten ihre
Sportler förmlich damit.
Einem Trainer von heute
würde es nicht einmal im Traum einfallen, seinem
Team zu erzählen, es solle für die Alma Mater auch
noch das Letzte geben, denn er weiß ja, daß einige der
Spieler nicht gut auf die Uni zu sprechen sind, und es
wäre in der Tat etwas viel verlangt, sein Leben für eine
Institution zu geben, an der man keinen einzigen
ernstzunehmenden Kurs erfolgreich absolviert hat oder
auch nicht einen einzigen Freund gewinnen konnte,
der nicht aus der Welt des Sports kommt, oder wo
nicht einmal genug Zeit für die Teilnahme an den
Proben des Unichors blieb.
Wenn der einzige Gewinn, den die frischgebackenen
Athleten aus dem College erwirtschaften, in dem
Privileg besteht, die Farben der Schule zu tragen und
dafür zu sorgen, daß diese gut zur Geltung kommen,
dann ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, daß sie für
ihre Leiden in barer Münze bezahlt werden, wie heute
vielerorts gefordert wird. Wenn das große Spiel nichts
anderes als ein weiterer Zahltag und das wichtigste
dabei der Talentsucher auf der Tribüne ist, und wenn
die Kampfeshymne einfach nur nach Katzenmusik
klingt, dann sollten die Spieler in der Tat bezahlt
werden.
Aber dieser Ratschlag wurde aus der Verzweiflung
geboren. Zusätzlich dazu, daß wir einen Reinfall mit
den Lohntabellen, konkurrierenden Geboten und
anderen nichtuniversitären Disziplinen erleben würden,
käme es zu einer Öffnung. Eine Professionalisierung
würde der Isolierung des einzelnen Sportlers einen
offiziellen Charakter geben: Ob man in Zukunft zu ihm
als Profisportler aufblickt oder als bezahlte Kraft auf ihn
herabblickt (was wohl vom Wert des jeweiligen
Spielers für die ganze Mannschaft abhängt) - ganz
sicher wird er nie mehr ein normales Mitglied der
Studentenschaft sein, das ganz offensichtlich nicht für
die Dinge bezahlt wird, die es zwischen den Vorlesungen unternimmt. Die Klassenunterschiede, welche die
Universitäten unter großen Anstrengungen abzublok-

Seite 4

ken versuchen, treten sofort wieder auf, sobald eine
Lohnauszahlung institutionalisiert wird.
Daraufhin könnte ein Kritiker natürlich unverzüglich
einwenden, daß Sportler nun schon eine ganze Weile
keine normalen Mitglieder der Studentenschaft
gewesen sind und es auch in näherer Zukunft nicht
sein werden, und wenn man sie dann als Universitätssportler bezeichnet, so ist das die pure Heuchelei,
unter deren Deckmäntelchen sich die Tatsache
verbirgt, daß man den Sportlern den ihnen zukommenden Anteil nicht ausbezahlt. Eine derartige Kritik wäre
gerechtfertigt. Aber wenn es denn nun so ist und wir
uns von dieser Kritik veranlaßt sehen, von der Möglichkeit Abschied zu nehmen, daß es Gelehrtensportler
geben könnte, dann sollten wir uns vorher ganz genau
bewußt machen, was wir damit aufgeben.
Eine Universität, die ihre Studenten dafür bezahlt, daß
sie für sie an Wettkämpfen teilnehmen, verliert nicht
nur einen Teil ihrer Integrität als Bildungsstätte (d.h. als
unabhängiger Umschlagplatz für akademische Waren
und Dienstleistungen, Vorstellungen und Werte),
darüber hinaus trifft sie auch eine klare Aussage über
das Wesen der Wettkämpfe und ihr Verhältnis zu einer
Vielzahl anderer universitärer Freizeitbetätigungen.
Beispielsweise käme so zum Ausdruck, daß die Band,
die zur Halbzeit die Zuschauer unterhält, das aus Spaß
tut (noch nie hat jemand den Vorschlag gemacht, die
Band zu bezahlen), aber daß jemand, der einen Ball
wirft oder fängt, Arbeit leistet - wobei es von der Art
des dabei verwendeten Balles abhängt, ob diese
Betätigung als Arbeit eingestuft wird oder nicht. Ein
Football steht für Arbeit, ein Volleyball steht für Vergnügen. Was im Fernsehen übertragen wird, fällt
natürlich unter Arbeit, aber auch hier gibt es noch
Unterschiede: Die Spieler arbeiten, die Cheerleader
amüsieren sich. Körbe zu machen ist Arbeit, hinterher
beim Aufräumen zu helfen, ist schon eine Belohnung
an sich.
So würde sich die größte überhaupt denkbare Kluft
zwischen dem Sport und der gesamten restlichen Welt
studentischer Betätigungsfelder auftun, einschließlich
solch aufreibender Dinge wie wochenlanger Nachtschichten zur Fertigstellung der Jahreschronik der
Universität am Stichtag, Proben für Theateraufführungen, bis man vor Erschöpfung schielt, oder auch die
Notwendigkeit, im Labor Überstunden zu machen.
Sämtliche Torturen dieser Art werden als unentbehrlicher Teil der Universitätsjahre betrachtet, so daß man
die Institution sogar dafür bezahlt, das alles zu erleben.
Aber Basketball ist etwas ganz anderes. Für Basketball wird man von der Uni bezahlt.
Ich habe mich nicht nur deshalb so ausführlich mit
dieser hypothetischen Bedrohung auseinandergesetzt,
weil man mancherorts dazu lautstarke Warnungen
vernimmt, sondern weil das Unheil schon so nah ist.

AMERIKA DIENST 12

�Universitätssportler sind schon jetzt eine Kaste für sich
und führen ein behütetes, aber auch ein gefährliches
Leben, das dem der Angehörigen eines Kommandotrupps in Kriegszeiten nicht unähnlich ist, die sowohl
besser als auch schlechter als der Rest der Truppe
dran sind, aber auf alle Fälle immer von ihm getrennt.
Universitätssportler haben oftmals bereits ein gespaltenes Verhältnis zur Verwaltung. Es braucht nicht viel,
um aus einer Mannschaft eine Gewerkschaft zu
machen, die mit einer Beschwerdestelle und dem
fortwährenden Gefühl, Anfeindungen ausgesetzt zu
sein, ausgerüstet ist.
Und die jüngsten Fernsehpräsentationen scheinen zu bestätigen, daß man nicht
mehr weit davon entfernt ist.
Unter diesen Umständen wäre es vergebliche Liebesmüh, von moralischer Unterweisung sprechen zu
wollen, wenn man davon absieht, daß moralische
Unterweisung unvermeidbar ist. Sport ist Unterweisung, das liegt in der Natur der Sache. Er lehrt
Fairneß oder Mogeln, Teamwork oder Egoismus,
Mitgefühl oder Kälte. Ein Trainer, der im Spiel gegen
einen schwachen Gegner dafür sorgt, daß der Punktevorsprung in die Höhe schnellt, hat seiner Mannschaft
viel beigebracht. Und genau das trifft auf den oft
verleumdeten Lou Holtz zu, der am Vorabend eines
Football-Spiels um den Orange Bowl zwei starke
Spieler aus der Aufstellung der Mannschaft von Notre
Dame strich, weil sie seiner Meinung nach ihre
Verachtung für das Team ausgedrückt halten, indem
sie nicht zum Training erschienen waren. Natürlich
kann es aber auch sein, daß die beiden Spieler die Zeit
zum Lernen gebraucht haben, wobei ich nicht sagen
möchte, daß es einfache Lektionen für sie gewesen
sind.
Schulen und Universitäten lehren auch durch die ihnen
eigene Wesensart, und zwar, daß man jetzt für eine
ganze Gemeinschaft und nicht nur für sich selbst
spielt, und wenn man gewinnt, dann wird d&gt;e Gemeinschaft mit einem zusammen eine irrsinnige kollektive
Freude erleben, die früher mehr als nur ein Ausgleich
für die fehlende Bezahlung war. Obwohl es heutzutage anachronistisch und sentimental wirken muß,
auch nur davon zu reden, hat im Laufe der Jahre
gerade diese Erfahrung gleichberechtigt neben
weiteren Faktoren dazu beigetragen, den Stil des
amerikanischen Sports zu definieren, und zwar durch
die simple Tatsache, daß selbst die großen Cracks
ursprünglich vor den und für die ihnen zujubelnden
Kameraden gespielt haben, die sie am nächsten
Morgen im Unterricht wiedersahen.
In dem Maße, in dem wir das verlieren - wenn es denn
zutrifft -, verlieren wir eine Quelle wahrer natürlicher
Rohstoffe und bringen uns um eine Menge Spaß.
Aber die Möglichkeit, daß wir die Athle'en wieder
zurück in die Gemeinschaft werfen könnten, ohne den
Moloch des Universitätssports zu stören, entfernt uns
zu weit vom Sport und bringt uns zum Verhältnis der

AMERIKA DIENST 12

Rassen zueinander. An vielen Universitäten ist den
Schwarzen anscheinend sowieso nicht sehr an der
Gemeinschaft der Weißen gelegen, Sport hin oder her,
und in der Tat ist die Rassenintegration an der Universität wohl in den Sportmannschaften am weitesten
fortgeschritten. Der nächste logische Schritt wäre
dann also, daß die Sportler den Studenten die Werte
vermitteln, die sie im Sport gelernt haben - aber ich
habe Zweifel, ob der Moloch seine Athleten für diese
Zeit entbehren kann.
Wie dem auch sei und was auch immer die Akademiker addieren oder subtrahieren, die Lehre des Sports
pflanzt sich fort und ist dabei wie eine Maschine, die
nicht mehr ausgeschaltet werden kann. Das wirkt sich
auf die gesamte Gesellschaft in einer Weise aus, die
ihr selbst nicht einmal bewußt sein mag. In diesem
Zusammenhang fällt mir ein Erlebnis im Ausland ein,
das ich als ersten Beweis anführen möchte.
Vor einigen Jahren flog ich mit meinem Vater nach Port
of Spain in Trinidad, um dort ein Cricket-Spiel zwischen Australien und der Mannschaft der westindischen Inselstaaten zu sehen. (Wenn ihm der Sinn
danach gestanden hätte, wäre mein Vater sogar zum
Mars geflogen.) Das Match war frühzeitig entschieden,
so daß uns drei Tage blieben, an denen wir nichts mit
uns anzufangen wußten, und deshalb entschlossen wir
uns dann, diese Zeit im Gericht zu verbringen, dem
einer unserer Bekannten zufällig als Richter vorsaß.
Das Klima im Gebäude war drückend, und die großen
Ventilatoren an den Decken machten das Ganze nur
noch schlimmer, indem sie die feuchte Luft in den
Räumen langsam verteilten. Dennoch trugen sowohl
der Richter als auch die Anwälte Perücken und Roben
aus dicken Winterstoffen, und das Gesetz, das sie
Stunde um Stunde in der schwülen Hitze vollstreckten,
war genauso höllisch scharf und gewunden wie alles,
was man an einem kalten Tag im Gericht von Old
Bailey in London zu hören bekommen kann. Man
konnte nicht anders als eine geistige Verbindung
zwischen der sittsam-geziemenden Aggressivität des
Gerichtshofs und den weißgekleideten Figuren zu
ziehen, die wir am Vortage in der gleichen schwülen
Hitze beim Cricket-Spiel erlebt hatten, wie sie ihre
eigene Art von höflicher Härte demonstrierten.
Oberflächlich betrachtet besteht Cricket aus genauso
feingekämmter Seide wie die Regeln bei Gericht oder
der Beginn eines klassischen Kriminalromans: Die
Stimmen sind gedämpft, die Kleidung ist makellos.
Aber innerlich ist die Atmosphäre mörderisch gespannt. Während Amerikaner es bevorzugen, den
Gegner durch Krach und Unverschämtheiten einzuschüchtern, bedienen sich die Engländer und die
Bewohner ihrer ehemaligen Kolonien der Stille und
Höflichkeit eines Tyrannen, so daß der Schlagmann
bei seinem Gang zum Ausgangsmal glaubt, sein
Leben stünde auf dem Spiel.

Seite 5

�Natürlich ist dieser Zusammenhang kein Zufall, es
handelt sich vielmehr um eines der großen Klischees
des Britischen Empire. Zuerst zeigen wir euch unsere
Spiele (sagt Colonel Blimp), und dann werdet ihr
vielleicht auch unsere anderen Institutionen begreifen.
Was mich an den oben beschriebenen Episoden so
beeindruckt hat, ist die Tatsache, daß Trinidad Jahre
zuvor die britische Herrschaft triumphierend abgeworfen hatte, aber sowohl das Spiel als auch die Institutionen uneingeschränkter als je zuvor aufrecht
erhielt.
Wer die Bewohner Trinidads oder Jamaikas oder
Barbados' kennengelernt hat, dem wird ein ganz
eigener Stil aufgefallen sein - höflich, ironisch, hart -,
ein Stil, der nichts mit Rasse und sehr viel mit Kultur zu
tun hat. Und während nur ein Fanatiker behaupten
würde, dieser Stil sei vollständig aus dem Cricket
übernommen, würde ein anderer Fanatiker aus dem
gegnerischen Lager eine Aktivität vollständig ignorieren, auf welche die kleinen Leute in der Gegend mehr
Zeit verwendet haben als sie jemals in der Kirche
zubrachten und der sie mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben als sie jemals in der Schule aufbrachten.
Als ein einheimischer Muslim vor ein paar Jahren
Amok lief und versuchte, eine Geiselnahme als
Zeichen des Protestes zu inszenieren, wie wir das aus
der übrigen Welt ja gut kennen, stellte ein ortsansässiger Professor fest: "Wir tun so etwas nicht in Trinidad.
In unserem Land wird schließlich Cricket gespielt."
Einen solchen Satz hat man in England in den letzten
50 Jahren nicht gehört.
In gewisser Weise war Cricket der Vorzeigesport des
gesamten Viktorianischen Ethos: Das Spiel, das die
meiste Geduld und die meiste Disziplin lehrte und das
während längerer Zeitspannen den wenigsten Spaß
vermittelte und am ehesten der Arbeit glich. Die
Tatsache, daß Cricket heute am besten und am
ursprünglichsten im Land des Calypso und der Sonne
gespielt wird, ist deutlicher Beleg für die Kraft des
Sports, der sich auf die ihm eigene Art durchsetzen
kann und, wo immer er Fuß faßt, seinen Stil zum
Tragen bringt, sofern ihm keine andere Sportart
zuvorkommt.
Diese letztgenannte Tatsache hat in ihrer Umkehrung
kürzlich globale Bedeutung erlangt, da sich ja die
Märkte allerorts öffnen wie Blumen im Frühling, und auf
jedem dieser Märkte werden Tausende neuer Fernsehgeräte eingeschaltet um herauszufinden, was die
übrige Menschheit die ganze Zeit so getrieben hat und
welchen Themen ihr Interesse gilt. Die aktuellsten
Botschaften aus Amerika stammen aus der Welt des
Sports, und das in einem Ausmaß, das nicht sportinteressierte Mitmenschen erstaunen mag, die wahrscheinlich denken, daß es immer noch Dinge wie
Spielfilme, Rockmusik und Fast Food sind, die auf
diese Art verbreitet werden.

Seite 6

Jedes dieser Elemente hat seine Zeit gehabt, um
Amerika anzupreisen, im Guten wie im Schlechten,
aber unsere Filme gibt es jetzt bereits so lange, daß
die Ausländer fast schon glauben, sie hätten sie selbst
gedreht. Rockmusik kann weitestgehend auch vor Ort
produziert werden, und McDonald's ist bereits zum
Klischee geworden. (Der wahre Durchbruch wäre,
wenn es genügend Nahrungsmittel für alle gäbe, egal,
wie lange die Zubereitung dauert.) Die amerikanische
Kultur hat einen derart gründlichen Triumph erlebt, daß
die Menschen kaum noch das Amerikanische daran
wahrnehmen.
Aber was immer noch neu und anders an Amerika ist,
sind die Meisterschaften des Super Bowl, die dank der
außergewöhnlich telegenen Anziehungskraft des
American Football mit der Kraft einer neuen künstlerischen Bewegung oder zumindest mit dem Schwung
eines neuen Modetanzes um den Erdball fegten. Die
Menschen in Europa und Australien bleiben die ganze
Nacht auf, um das Spektakel am Bildschirm mitzuverfolgen, und die Wettbüros in London nehmen
Wetten auf das Ergebnis an.
So öffnet sich ein weiteres Fenster der amerikanischen
Seele, und möglicherweise ist es das aufschlußreichste seit dem Jazz, durch den in den zwanziger Jahren
die schwarzen Amerikaner der übrigen Welt als etwas
anderes als Sklaven präsentiert wurden, nämlich als
wahre Meister, die ihre Kunst beherrschen. Der Sport
wird genau dasselbe tun. Aber durch die Bekanntmachung schwarzer Musiker hat der Jazz auch das
Problem der Schwarzen bekannt gemacht, und der
Sport wird das ebenfalls tun. Wenn Ausländer zum
ersten Mal unsere Mannschaften beim Football oder
beim Basketball beobachten, dann wundern sie sich
über die große Anzahl schwarzer Mitspieler, die in
diesem Land anscheinend eine Universitätsausbildung
erhalten können. Unsere Probleme müßten demnach
also gelöst sein, nicht wahr?
Nun ja, nicht ganz. Der Sport dient dazu, die Welt
daran zu erinnern, daß es in Amerika sehr viele
Schwarze gibt. Aber er erinnert sie auch daran, daß
man in der übrigen Zeit nicht so viel von ihnen mitbekommt. Wer zusieht, wie schwarze Amerikaner einen
großen Teil der amerikanischen Musik und so viele
amerikanische Korbleger machen, muß sich fragen,
was diese Menschen in der Zwischenzeit sonst noch
so tun.
Aber das Rassenproblem ist noch nicht einmal das
Entscheidende. Wie eine Nation spielt, kann Aufschluß darüber geben, wie sie lebt. Hitlers Weltbild,
sein ästhetisches Verständnis und, daraus abgeleitet,
auch seine Absichten sind nirgendwo vielsagender
und eindringlicher zum Ausdruck gebracht worden als
bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin oder in
Leni Riefenstahls Film "Olympia" (1936). Ein Blick auf
die ostdeutsche Schwimmerriege in den letzten Jahren

AMERIKA DIENST 12

�des Bestehens ihrer Nation, wie sie, steroidverquollen
und lustlos, auf ihren Sprungbrettern hockte, zeigte
uns, wie leicht der Kommunismus in eine Form des
Nationalsozialismus zurückgeglitten ist (wenn er sich
überhaupt jemals daraus befreit hatte), wo der Sieg als
das einzig Wahre galt, noch jenseits dessen, was der
theatralisch veranlagte Football-Trainer Vince Lombardi vor Augen hatte.
Ein für uns näherliegendes Beispiel der Perversion des
Sports ist der ekstatische Anarchismus britischer
Fußballfans, welche die Gewalt nach ganz Europa
trugen und aufgrund ihres Verhaltens Ende der
achtziger Jahre wie eine schlimme Krankheit oder ein
tollwütiges Tier vom Festland verbannt wurden. Ein
Land, in dem die Wiege des Parlamentarismus und
des Cricket steht und wo derartiges geschehen kann,
gibt zu denken und ist Anlaß dafür, genauere Betrachtungen anzustellen, denn es zeigt, wie sich ein anderer
Zweig des großen viktorianischen Sportabenteuers
entwickelt hat.
Das Rowdytum der Hooligans im Sport ist kein neues
Entwicklungsphänomen. Vielmehr handelt es sich um
eine Rückentwicklung oder auch einen Atavismus.
Gemäß der Legende entwickelten sich Fußball, Rugby
und damit auch American Football aus einem urzeitlichen Spiel, bei dem sich die Bewohner eines
Dorfes ohne Rücksicht auf Verluste - die Legende
berichtet über keine Regeln - bemühten, einen Gegenstand (der, wie ich vermute, nicht so ausgeklügelt wie
ein Ball war) bis ans hinterste Ende eines anderen
Dorfes zu bringen. Das war der totale Krieg, und jeder
warf sich dafür ins Zeug, und obwohl sich das heutzutage recht kurios ausnimmt, wissen wir aus historischen Aufzeichnungen, daß auch die ersten Schulwettkämpfe in England schlichtweg brutal waren und
immer wieder aufs neue entschärft werden mußten beginnend bei der Regel, nur oberhalb des Knies
zutreten zu dürfen, über die Erlaubnis, auch unterhalb
des Knies zuzutreten, bis hin zum völligen Tretverbot bevor das fromme Werk angegangen werden konnte,
das seinerzeit Thomas Arnold vorgeschwebt hatte.
(Wenn die Schlacht bei Waterloo wirklich "auf den
Spielfeldern Etons" entschieden wurde, dann ist das in
gleichem Maße auf die dort erlernte Brutalität wie auf
sportliche Fairneß zurückzuführen.)
Interessanterweise klingt die Beschreibung einer Wahl
in einem Dorf in Charles Dickens Pickwick Papers
(1837), welche die Politik in dieser Zeit veranschaulicht, wie ein nicht zu weit entfernter Cousin der
legendären Dorfspiele: rauh, korrupt und selbstverständlich heiter, immer heiter.
In dieser Phase ging es beim Cricket tatsächlich
kultivierter als bei den Wahlen zu, wie man der
Beschreibung eines Spiels in demselben Buch entnehmen kann. Cricket war der Sport der Landbewohner,
so wie Fußball der der Stadtbewohner war, doch im

AMERIKA DIENST 12

Laufe des Jahrhunderts gewannen beide Sportarten
ebenso wie die Wahlen an Differenziertheit und
Popularität; beide Bereiche stimmten ihre Schritte
aufeinander ab und paßten gut zueinander. Der Sport
lehrte die demokratischen Tugenden der Fairneß und
des Mannschaftsgeistes, und die Demokratie lehrte im
Gegenzug ihre eigenen Lektionen: Was auch immer
man euch erzählen mag, dieses Spiel gehört euch,
den Spielern. Die Regeln, so rätselhaft sie manchmal
auch erscheinen mögen, wurden euch nicht von oben
aufgezwungen, sondern sind dem Sport selbst entwachsen und so gemacht, daß das Spiel jedes Mal
möglichst gut verläuft, und so liegt es ganz einfach in
eurem Interesse, die Regeln zu beachten. (Die Idee,
die Regeln am Interesse der Zuschauer und schließlich an dem der Fernsehkameras auszurichten, kam
erst sehr viel später auf.)
Man kann den Nutzen des Sports für die Demokratie
übertreiben, was auch viele getan haben. Nirgendwo
werden aber die radikal verschiedenen Auswirkungen
desselben Spiels an unterschiedlichen Schauplätzen
so deutlich wie bei einem Vergleich zwischen Indien
und der westindischen Inselgruppe. Als Rudyard
Kipling über "in Flanell gekleidete Idioten am Mal und
schlammverkrustete Flegel im Tor" schrieb, hat er
vielleicht in einem gewissen Maße die Verzweiflung
eines kurzsichtigen, unsportlichen Mannes kundgetan,
aber es war ebenso völlig legitim, mit dem Finger auf
die selbstgefällige Engstirnigkeit der Engländer zu
zeigen, die von allen Seiten mit ihren Spielsachen
umgeben waren, mit Cricket und Football und dem
übrigen Zeug. Seine ersten Erfahrungen hiermit muß
Kipling in Indien gesammelt haben, wo die britischen
Kolonialherren es gewohnt waren, ihre Male zu
markieren und endlose Zeit dem Cricket zu widmen.
Vermutlich erlernten ihre Bediensteten die Demokratie
dadurch, daß sie für ihre Herrschaft die Fänger
spielten.
In Barbados, das sich Schritt für Schritt zur wohl
besten Cricket-Nation der Welt entwickelte, diente das
Spiel in der Tat dazu, die Sklaven ihren Herren
vorzustellen und dafür zu sorgen, daß man auch in
den Stürmen der Emanzipation noch miteinander
redete und auch danach noch freundlich zueinander
war. Ein pensionierter Lehrer, den ich im Bridgetown
Cricket Club kennenlernte, versicherte mir - nur von
Schwarzen umgeben - daß der Übergang von der
weißen zur schwarzen Herrschaft so schmerzlos
vonstatten gegangen war wie nur eben möglich, und
wenn es überhaupt so etwas wie eine farbenblinde
Gesellschaft gäbe, dann in Barbados. Und beide
Seiten sind sich darüber einig, daß Cricket daran nicht
ganz unbeteiligt war.
Das ist ein weiterer Beweis - wenn es denn noch
eines weiteren Beweises bedarf -, daß man den Sport
nicht einfach sich selbst überlassen sollte, sondern
man allerorts Intelligenz und Weitblick walten lassen

Seite 7

�muß, damit überhaupt etwas dabei herauskommt. In
Barbados hat die weiße Minderheit im Laufe der Jahre
ihre Lektion gelernt: Eine Gesellschaft, die zusammen
spielt, sollte tunlichst auch ein paar andere Dinge
gemeinsam machen, gleichgültig, ob es sich bei dieser
Gesellschaft um eine ehemalige Kolonie oder eine
amerikanische Universität handelt.
Aber letztlich liegt alles an dem, was eine Gesellschaft
von den Spielen erhofft. Die Engländer, die sich in
Barbados niederließen, wollten einen Anteil an dem
neuen Land haben, und so wurde das Spiel zu einer
Art vorläufiger Bürgerversammlung; die Angloinder
hingegen hockten quasi am Rand eines großen
Landes und setzten alles daran, nicht zu weit hineinzugeraten: Ein Kolonialbeamter, der allzu indisch
wurde, war völlig nutzlos. Deshalb war das Spiel
lediglich eine Transaktion, ein Händeschütteln, eine
einsame Begegnung am Nachmittag, wenn man so
will. Hinterher zog man sich in den Club zurück, um
das Englischsein neu zu ordnen.
Als in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts
schließlich der Himmel über ihnen einstürzte, wußten
viele Angloinder noch beinahe genauso wenig über
das Land, in das sie eingefallen waren, wie seinerzeit
bei ihrer Ankunft. Wird ein Sport zu ausschließlich
betrieben, so kann dadurch die Vorstellungskraft
eingeengt und die Neugier geschwächt werden. Am
Ende eines guten Tages fühlt man sich dann erschöpft
und befriedigt und ist sicherlich nicht in der richtigen
Stimmung, um noch etwas zu lernen, geschweige
denn, Reformen anzubringen, und die angloindischen
Cricketspieler hatten kaum Zeit gefunden, das Land
kennenzulernen, geschweige denn, sich damit wirklich
auseinanderzusetzen.
In diesem Sinne enttäuschte der Sport sogar die gute
alte Mutter England. (Auch dem Sport sind irgendwo
Grenzen gesetzt.) Die herrschende Klasse Britanniens
glaubte, die eigene Bevölkerung zu kennen, wie auch
die Kolonialbeamten geglaubt hatten, die Einheimischen zu kennen, weil sie mit ihnen gespielt hatten.
Aber sie hatten ja nur mit einigen Menschen aus der
eigenen Bevölkerung gespielt, und sie hatten nur auf
eine bestimmte Art und Weise gespielt.
Cricket spiegelte weder den Rest Englands wider noch
das Jahrhundert, in dem es angesiedelt war. Mit
wenigen Ausnahmen betrachteten britische Jungen
aus der Arbeiterklasse Cricket gar nicht als ihr Spiel,
sondern - wenn überhaupt - als Symbol im Klassenkampf. Während meiner Zeit in England in den frühen
fünfziger Jahren schienen sich die Massen am Lord's
Cricket-Spielfeld im Ton so sehr von den Massen in
Queen's Park und im Fußballfeld Fulham abzuheben
wie ein Eisenbahnabteil erster Klasse von einem Abteil
der dritten Klasse, oder die Bar in einem vornehmen
Salon von dem Tresen in einer Wirtschaft. (Die
Engländer haben ein Talent, einfach alles in Klassen

Seite 8

aufzuteilen.) Der Sport löste nicht das Klassenproblem,
sondern - falls er überhaupt etwas zu der Frage beitrug
- verfestigte es, und Fußball bleibt von seinem Ansatz
her der Sport der Ablehnung, der Sport der Außenseiter.
Sport ist deshalb also nicht notwendigerweise eine
Kraft, die Gutes hervorbringt, sondern einfach nur eine
Kraft, und sein Wert als Barometer liegt darin, daß er
nicht wie die Wachablösung vor dem Palast oder ein
anderes überkommenes Ritual ist, das einem alles,
was man über ein Land von vor 300 Jahren wissen
muß, sagt. Sport ist eher wie ein Küchenfenster zur
Gegenwart, das zeigt, was die Nachbarn unternehmen, um zu bekommen, was sie in diesem Moment
wollen, wenn sie ganz heiß auf etwas sind und sich
gleichzeitig den schärfsten Wettbewerbsbedingungen
aussetzen, die zu erdenken sie in der Lage sind.
Andere Länder, andere Botschaften.
In seinem
geistreichen und unterhaltsamen Buch You Gotta
Have Wa (1990) beschreibt Robert Whiting eine Art
des Baseball, die so mühsam und beladen mit
schmerzhaften Möglichkeiten ist, daß man sich fragt,
warum sich überhaupt jemand darum schert und es
spielt - wenn man in diesem Fall von Spielen reden
kann.
Whiting vergleicht nämlich eine typische
japanische Besprechung am Wurfmal mit einer
Vorstandssitzung bei Mitsubishi.
Was dort am Wurfmal in nervenaufreibender und die
Dynamik zerstörender Ausführlichkeit besprochen
wird, ist das absolute Gebot, eine Schande persönlicher und kollektiver Art zu vermeiden. Keiner will eine
Entscheidung treffen, durch die er oder seine Kollegen
bloßgestellt werden, und außerdem vermeiden sie,
solange sie sich dort draußen aufhalten, nicht nur das
Schlimmste, sondern sie zementieren und propagieren
ihr Wa, den Mannschaftsgeist, der noch viel kostbarer
als der Sieg ist. In diesem Sinne setzen die Japaner
auch eine Prämie für diejenigen aus, die regelmäßig
zum Training erscheinen, an dem sie in voller Länge
festhalten, auch wenn das Training wegen Regen
verzögert wird und das eigentliche Spiel verschoben
werden muß.
Es war schon immer leicht, sich über japanische
Gebräuche lustig zu machen, die Amerikaner heutzutage ohne weiteres zu verstehen nicht in der Lage
sind, und es wäre falsch, anzunehmen, daß diese
groteske Beschreibung schon die ganze Wahrheit
beinhaltet. In Japan sind Schein und Sein immer zwei
Paar Schuhe. Bisher hat sich die Baseball-Philosophie
der Japaner gegen amerikanische Mannschaften
jedoch nicht behaupten können.
Baseball ist die individualistischste aller Mannschaftssportarten, so daß es durchaus geschehen kann, daß
eine Mannschaft, in der jeder nur für sich selbst spielt,
mit Leichtigkeit ein Team schlägt, das ausschließlich

AMERIKA DIENST 12

�für das Kollektiv arbeitet. (Wieviele der selbstaufopfernden Bunt-Schläge kann man denn schon
verwandeln?) Mit anderen Worten, unser Nationalsport
ist passenderweise genau auf Amerikaner zugeschnitten: Individualismus mit einer Prise Kooperationsbereitschaft und einer Menge Toleranz gegenüber anderen
Individualisten, die einem das Herz brechen können.
Und es bleibt wohl ein Rätsel, warum die Japaner mit
all ihrer Fähigkeit zur oberflächlichen Imitation den
Wert dieser Sache scheinbar nicht erfassen können
oder wollen.
Aber Satire-Themen gibt es sicherlich auch in einem
Land wie dem unsrigen, wo die Spieler über derart
wenig Wa verfügen, daß sie eine Weltmeisterschaft
nicht dazu nutzen, ein neues Wa zu schaffen, sondern
ganz einfach dafür, ihren eigenen Preis in die Höhe zu
treiben. Obwohl jeder einzelne einen Beitrag zur
Weltmeisterschaft in einer Geisteshaltung leistet, die
leicht für Wa gehalten werden könnte, bricht die
eingeschworene Bande meist schon am nächsten Tag
auseinander, und jeder beeilt sich, seinen Anteil an der
Trophäe zu Geld zu machen. Mit anderen Worten, es
handelt sich um eine reine Ad-hoc-Zusammenarbeit.
Niemand möchte sich jedoch darin verzetteln.
Das ist wie ein Witz mit doppelter Pointe oder auch ein
Sketch, bei dem der Japaner die Tugend der Zusammenarbeit bis ins lächerliche Extrem steigert,
während der andere Sketchpartner die Regeln in das
entgegengesetzte Extrem ausdehnt und seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit verwirklicht. Die
Amerikaner haben von jeher das Bild des Freischaffenden vergöttert, der als bezahlter Killer zur rechten Zeit
erscheint und wieder geht, bevor die Zivilisation sprich die Teamarbeit - ihn einholt, und unser Herz
schlägt für denjenigen, der sich auf sich selbst verläßt.
Der Spieler, der einfach nur geduldig abwartet, riskiert
Herz, Nerven und sein Talent, denn wenn er sein
Team nicht voranbringt, kann er sich mit dem Geld
nicht einfach in einer Ecke vergraben; er muß jeden
Tag raus und vor Tausenden von lärmenden und leicht
zu verärgernden Fans, deren Sympathien er so
bereitwillig verspielt hat, seine Position im Feld einnehmen.
Die Amerikaner lieben den Ausgestoßenen, aber es
muß ein Ausgestoßener erster Klasse sein, der sich
um der Herausforderung willen dem Haß aussetzt. Die
Hälfte aller amerikanischen Situationskomödien
scheint darum zu gehen, daß die Mächtigen in irgendeiner Form erniedrigt werden - so die Berühmtheit, die
nicht erkannt wird oder der Vater, der am Ende nicht
recht behält. In einer Demokratie ist das ein Quell
endlosen Vergnügens. Deshalb spielt also ein Sportler, der die Zuschauermassen anzieht, indem er mit
einem solchen Vergnügen lockt, seine Rolle in einem
rituellen Spiel, das für Amerika genauso traditionsreich
ist wie die Teezeremonie in Japan.

AMERIKA DIENST 12

Aber wie bei allen Ritualen gibt es eine richtige und
eine falsche Art der Ausführung. In der letzten Zeit
sind derart viele aufgeblasene Angeber und falsche
Champions auf den Plan getreten, daß es schwerfällt,
sich an die mit einer wahren Herausforderung verbundene Aufregung oder an die kleine Prise des Besonderen, die so einem Ereignis hinzugefügt werden
kann, zu erinnern, wie beispielsweise ein hoher
Wetteinsatz in letzter Minute. Mohammed Alis erfundene Fehden und Prahlereien, die eines Falstaff
würdig waren, füllten nicht nur die Zuschauerränge,
sondern wirkten sich auf das innere Wesen seiner
Kämpfe aus: Seine Gegner kämpften stets gegen
einen Mythos an, gegen seinen Mythos, der von ihm
geschaffen und gelenkt wurde, was bereits beim
Namen anfing.
Heute sollte jedermann an die verrückten Tänze, die
nach einem Touchdown vollführt werden, und die
wilden Umarmungen und das Füßetrampeln, das die
meisten Football-Begegnungen begleitet, gewöhnt sein
- sind sie doch Ergüsse einer Hochstimmung, die
teuflisch ablenken und die Symmetrie des Spiels außer
Kraft setzen können, ähnlich wie Blechdosen in einem
Sinfoniekonzert, die uns aber gleichzeitig daran
erinnern, daß die eigentliche Grundlage des Spiels der
Spaß ist und die schwer gerüsteten Maschinen-Menschen auf dem Spielfeld doch noch eine Spur
Leben in sich tragen. Es ist ein gerechter Tausch Vollkommenheit gegen Menschlichkeit - geradewegs
so, wie wir es heute nun einmal tun.
Aber dieses Schauspiel hat auch eine weniger schöne
Seite zu bieten, die ebenfalls etwas über uns aussagt,
und das ist das Ausmaß, in dem sogar die Mannschaftssportarten zum Instrument der Selbstbehauptung und -Vermarktung geworden sind. Manchmal
scheint jeder einzelne Spieler da draußen sich selbst
zu verkaufen, was viele von ihnen seit ihrer Mittelschulzeit in der Tat getan haben. Wie ja auch große
Flöhe von kleineren Flöhen befallen sind, gibt es
heutzutage keine Ebene des sportlichen Wettkampfs,
die zu niedrig wäre, als daß nicht ein Zuschauer aus
einer etwas höheren Ebene als Talentsucher aufträte
und ad infinitum nach neuen Begabungen suchte. Auf
diese Weise wird das Leben zu einer langen Suche
nach dem kritischen Blick des geheimnisvollen
Talentsuchers.
In Diskussionen über den Sport muß man fortwährend
der Versuchung widerstehen, das als böse zu titulieren, was ganz einfach nur dumm ist. Ausländer
werden wohl nie das Ausmaß begreifen, in dem
Amerikaner Spaß haben und sich gleichzeitig verkaufen können. Sich verkaufen kann natürlich jeder, aber
das so überschwenglich und ohne deutlichen Zynismus oder die geringste Spur von Nuttigkeit zu tun,
das können nur wir.

Seite 9

�Aber letzten Endes ist das alles sinnlos. Ein Stadion
voller Verkäufer, voller Marktschreier, die ihre Ware
anpreisen, wird nicht nur dafür sorgen, daß es nicht
das beste Football-Spiel (oder welches Spiel auch
immer) wird, sondern auch dafür, daß nichts verkauft
wird.
Denselben Rundumschlag haben Angeber ä la Joe
Namath mit leeren Versprechungen vorgenommen, vor
allem mit der Mega-Prahlerei schlechthin, daß ein
Spieler die höchste Summe in der Geschichte des
Sports verlangt, um für ein bestimmtes Team zu
spielen. Zunächst lautete das Geschäft wie folgt: "Gib
mir dein Geld, und ich werde beweisen, daß ich der
Beste bin." Dieser Satz ist nun aber entartet und heißt:
"Wenn ich das Geld kriege, dann muß ich ja wohl der
Beste sein, und beweisen muß ich euch gar nichts."
Die einzige Lücke in dieser Argumentation, die groß
genug ist, um eine ganze Sportart aufzunehmen,
besteht darin, daß der Marktwert sich dadurch bestimmt, auf die breiten Massen eine Anziehungskraft
auszuüben, und neben den Fähigkeiten sind es eine
Menge anderer Dinge, die Massen anziehen.
Mit unseren Sportlern offerieren wir der Welt also eine
bunte Mischung, was auch auf unsere Werte im
allgemeinen zutrifft. Die Figur eines schöntuerischen
Größenwahnsinnigen hat nicht mehr das Geringste mit
dem sportlichen Ideal des 19. Jahrhunderts zu tun,
oder auch mit dem Grund, warum wir überhaupt
Wettkampfspiele veranstalten. Ein solcher Sportler
oder eine solche Sportlerin ist auch irgendwie eine
Karikatur und eine Warnung. Die Tatsache, daß wir
noch vergleichsweise wenig Größenwahnsinnige
haben, ist ein Tribut an die dem Sport innewohnende
gesunde Natur unter dem unglaublichen Druck des
Persönlichkeitskultes.
Eine Sportmannschaft ist ein kleines Parlament, das
auf der Grundlage einer Kriegserklärung arbeitet. Es
wird durch den oft schlechtgemachten Siegeskult
zusammengehalten und am Leben erhalten. Senator
Bill Bradley, ein Demokrat aus New Jersey und
früheres Mitglied der Profi-Basketballmannschaft der
New York Knicks, wurde einmal von einem Journalisten gefragt, ob er nicht meinte, daß die Siegesmanie
bei uns übertrieben wird, wobei er offensichtlich
erwartete, daß der liberale Bill ihm aus vollstem
Herzen zustimmen würde. Aber Bradley wußte zu gut
Bescheid, er hatte ja selbst auf dem Schlachtfeld
gestanden, wo falsches Mitleid genauso wenig bringt
wie in einem richtigen Krieg, und so sagte er: "Nein denn wenn man das Siegen nicht über alles andere
stellt, neigen die Spieler dazu, egoistisch zu werden."
Eine Mannschaft, die gewinnen will, wird sich wie eine
Katze von allem befreien, das ihr Tempo mindert. Will
ein Sportler also angeben und sich selbst darstellen,
so muß er einen Weg finden, das zwischen einzelnen

Seite 10

Pässen oder zwischen einzelnen Spielen zu tun, und
zwar so, daß er das Rampenlicht nicht vollständig
absorbiert und die Mannschaftskameraden, von denen
sich ja vielleicht auch der eine oder andere in Szene
setzen möchte, nicht im Dunkeln stehen läßt. Damit
gelangen wir nun zu einer Gattung disziplinierter
Exhibitionisten, allesamt umgängliche Egotisten, die
nichts so sehr lieben wie abgelichtet zu werden,
während sie gerade ihren Mannschaftskameraden
gratulieren, oder auch interviewt zu werden ("Ich
schätze, keiner kannte Babe Ruth so gut wie ich.") - in
der Tat eine bunte Mischung.
Aber diese Spieler sind ein vereinzeltes Phänomen
unter völlig normalen jungen Leuten, die ihr Land im
Zeitalter des Sports wahrscheinlich genauso einnehmend und korrekt vertreten wie alles, das die Welt
von uns seit den Gls im Zweiten Weltkrieg zu sehen
bekommen hat - und das ebenfalls eine bunte Mischung war. Aber was an ihnen so einnehmend wirkt,
ist eben jene weder von Geld noch vom Fernsehen
verdorbene Kernsubstanz, oder was davon übrig
geblieben ist - eine volkstümliche Eigenart, die der
Sport trotz aller Widrigkeiten aufrechterhält wie eine
alte Religion in einem modernen Land. Das Fernsehen verändert vielleicht das äußere Erscheinungsbild
und auch die Kosten oder sogar die Art und Weise, wie
einige Sportler darüber denken, aber wer das Glück
hatte, mitzuerleben, wie die amerikanische Eishockeymannschaft 1980 in Lake Placid die Russen das
Fürchten lehrte und wie diese Leistung den Spielern
und Fans erst allmählich bewußt wurde, war bei einer
Stemstunde des amerikanischen Sports dabei, die vor
hundert Jahren genauso ausgesehen hätte und sich
auch morgen so ereignen könnte, wenn wir keine
Fehler machen - und wogegen ein Parteitag inzwischen gänzlich gestellt und künstlich sowie im Widerspruch zu seiner eigenen Wesensart erscheint.
Es ist eine große Versuchung zu sagen, daß das, was
der Sportler dem Sport abgewinnt, und was er aus
seinem Leben macht, seine Privatangelegenheit ist
und niemanden etwas angeht. In der Tat ist es aber
ein Anliegen von beträchtlichem öffentlichen Interesse,
daß er so viel wie möglich aus beidem herausholt, weil
der Grat zwischen dem, was ein erfüllter Sportler vom
Leben haben kann und der kaputten Welt des schienbeintretenden Rowdy-Sportlers gefährlich schmal ist,
und zur Zeit wandeln mehr junge Mitbürger darauf als
jemals zuvor in der Geschichte, sei es unsere eigene
oder die der anderen.
Ein Spieler, der über sein Tun nicht nachdenkt, ist wie
ein ungesichertes Gewehr, selbst für seine eigene
Sportart. Da er nicht ganz sicher ist, warum er das
alles tut, tendiert er zur naheliegenden Erklärung: Es
muß am Geld liegen. Und warum auch nicht? Aus
diesem Grund macht es ja auch der Trainer, der
nebenbei einen Vertrag mit dem Sportschuhhersteller
hat, in dessen Produkten unser Spieler jeden Abend

AMERIKA DIENST 12

�antreten muß. Und aus diesem Grund macht es ja
auch die Uni, die danach schielt, an den großen
Ausscheidungen teilzunehmen und im Fernsehen
übertragen zu werden, wofür im Notfall auch die
Unterrichtszeit des Spielers auf null Stunden herabgesetzt wird.
Zu unser aller Glück ergibt sich die beste Gelegenheit
für den Spieler, Geld zu verdienen, aus der Chance,
das Spiel so gut zu spielen, wie er eben kann. Und
das ist auch der Grund, weshalb das System trotzdem
noch zu funktionieren scheint. Aber, wie ich bereits
sagte, ein Spieler mit einer derartigen Motivation ist wie
ein ungesichertes Gewehr. Denn bekommt er kein
Geld oder irgendeine Art von Belohnung neben der
reinen Freude am Spiel, dann kann man bestenfalls
auf seine Unzufriedenheit hoffen, schlimmstenfalls auf
Mogelei und im Normalfall auf Rückzug.
Der Sport in Amerika ist in immer stärkerem Maße
darauf ausgerichtet, den Anschein zu erwecken, daß
alles, was man tut, an etwas anderem orientiert ist das Spiel am Wettkampf, der Wettkampf an einem
wichtigeren Wettkampf im nächsten Jahr, an einer
besseren weiterführenden Schule, einer Universität,
der Profimannschaft, Siege mit der Profimannschaft,
mehr Geld in der Profimannschaft (sonst gehe ich zu
einer anderen, egal welcher), Vertragsklauseln,
Manager, Verdienstmöglichkeiten - so daß man nur
schwerlich zu einem bestimmten Zeitpunkt sagen
kann, das wäre jetzt der Grund. Der Amerikanische
Traum stellt sich derzeit wie ein Befehl dar, sich
weiterzubewegen, bis man von der Kante des Kontinents kippt, und auf gar keinen Fall aufzuhören zu
träumen.
Eine Konstante in dem Ganzen ist natürlich das Geld,
das in jedem Kapitel wie Woody Aliens rätselhafte
Figur des Zelig erscheint und dem Träumer wenigstens etwas Kontinuität gewährleistet. Die psychologische Bedeutung dieser Figur kann man vielleicht nach
der Intensität beurteilen, mit der Ballsportler um
bedeutungslose Zuschläge auf ohnehin schon hohe
Grundgehälter handeln, um aus ihrer jeweiligen
Position das meiste herauszuholen: Wenn man immer
nur wegen des Geldes gespielt hat, dann kann man
jetzt nicht aufhören, obwohl derjenige am meisten
erhält, dessen Vertrag am neusten ist, so daß es
niemals eine Pause gibt.
Die andere Konstante, die sich durch alle Phasen der
Sportabteilung des Amerikanischen Traumes zieht, ist
das Spiel selbst - Baseball, Football, was auch immer
- das, wie eine einsame Heldin des 18. Jahrhunderts,
für gewöhnlich aus dem Labyrinth der Versuchung und
Korruption mehr oder weniger unbeschadet ihrer
Tugenden herausfindet, wenn auch nur, weil bisher
niemand eine gewinnträchtige Art ersonnen hat, es zu
korrumpieren. Im Gegensatz zu Spielfilmen und
anderen Künsten sind Mannschaftssportarten nie

AMERIKA DIENST 12

kommerzieller als wenn sie genau nach Regel gespielt
werden. Selbstverständlich wird das, wenn eine
Kleinigkeit dazu beitragen könnte, den Wettkampf noch
kommerzieller zu machen - dieses entfernen, jenes
kürzen, ein ernannter Schlagmann hier und eine
24-Sekunden-Uhr da - auch getan, aber das Herz des
Sports bleibt rein. Ein Turner, der die rutschige Stange
hinaufklettert, wird dort oben an ein ähnliches Spiel
erinnert, das er als Kind immer gespielt hat - und das
wird für seine Unschuld dort oben garantieren, wenn
sie überhaupt durch irgend etwas gewährleistet
werden kann.
Für Frauen stellt sich hier unter Garantie eine neue
Frage - zu neu, um sie zu beantworten, aber nicht zu
neu, als daß man nicht darüber reden sollte. Wenn
nämlich bestimmte Sportarten in gewisser Weise eine
Lehrzeit zur Vorbereitung auf die Welt der Politik und
der Unternehmen sind sowie eine Flucht daraus, dann
könnte man argumentieren, daß eine große Zahl
Frauen auch diese Sportarten betreiben wollen, wobei
es dahingestellt sei, inwieweit die Spiele ausschließlich
von Männern für Männer geschaffen worden sind beispielsweise Football, wo die wöchentliche Statistik
über Verletzungen wie eine abgemilderte Variante der
Inschrift eines Kriegerdenkmals anmutet.
Deshalb können wir also möglicherweise in Kürze mit
einigen neuen Regeln rechnen, oder sogar auch mit
einem ganz neuen Spiel - doch was ist hierfür die
Richtschnur? Die Frauen waren bisher nur wenig
erfolgreich in ihrem Bemühen, die Geschäftswelt oder
die Politik "freundlicher und sanfter" zu gestalten, weil
die Materie selbst das nicht gestattet: Man kann mit
Aktionärsgeldern nicht freundlich umgehen oder zu
Saddam Hussein sanft sein; man kann ja nicht einmal
sanft gegenüber Margaret Thatcher auftreten, wenn in
ihrem Land etwas nicht stimmt.
Wird sich jedoch der Sport als deutlicher formbar
erweisen? Wieviel Reform ist tragbar, ohne daß die
ursprüngliche Absicht verlorengeht? Die Sachlage läßt
bisher erkennen, daß der Trend üblicherweise in die
entgegengesetzte Richtung geht, so daß der Sport die
Spieler ändert, lange bevor sie den Sport verändern
können. Die meisten Spiele, gleichgültig, ob sie am
Spieltisch oder im Stadion gespielt werden, bestimmen
auf unerklärliche Art nicht nur ganz genau, wie gespielt
werden soll, sondern auch, mit welcher inneren
Einstellung, so daß selbst der sanfteste aller Zeitgenossen plötzlich sein wutverzerrtes Gesicht Stirn an
Stirn mit dem des Schiedsrichters wiederfinden kann,
ohne daß er sich bewußt wäre, wie es dazu kommen
konnte. Und das scheint immer zu gelten, egal, ob
man Andre Agassi oder Martina Navratilova heißt.
Derartige protokollarische Fragen können jedoch
durchaus geklärt werden. Was allerdings nicht geklärt
werden kann, ist das andere, was der Sport bestimmt,
nämlich, daß man die jeweilige Sportart immer so hart

Seite 11

�wie möglich spielen wird, da Gewalt das unvermeidliche und oftmals berauschende Nebenprodukt ist, das
entsteht, wenn man den Fuß von der Bremse nimmt
und zusieht, zu was der Körper imstande ist. Und das
ist ein Bestandteil des Sports, den man nicht wegnehmen kann, ohne den Punkt dahinter zu verlieren.
Wenn man möchte, kann man Boxsportlern Helme
aufsetzen, um die Verletzungsgefahr zu reduzieren,
und man kann den Star der Mannschaft von der
Quarterback-Position auf die Strafbank schicken, um
so den Spielstand niedrig zu halten, was man jedoch
nicht tun kann, ist, diesen Sportlern zu sagen, die
Sache leicht zu nehmen oder "ein Einsehen zu haben".
Und das, und nicht der körperliche Schmerz, ist
sicherlich der für viele Frauen am schwersten zu
schluckende Aspekt des Wettkampfsports, nämlich die
absolute Unversöhnlichkeit und das eiskalte Beharren
auf den Regeln, das einem das Herz brechen kann,
selbst wenn man sanftestes Touch-Football in einer
Ritterrüstung spielte.
Sport ist tatsächlich genauso gefühlskalt wie das
Leben selbst. Der Schiri erteilt Strafstöße gegen die
Mannschaft, selbst wenn sie mit 50 Punkten im
Rückstand ist, und die Punktetabelle zeigt auch
nachträglich kein geschöntes Ergebnis an, das es
gestattete, sich besser zu fühlen. Es gibt keinen
besseren Ort als das Spielfeld, um die Selbstachtung
gründlichst zu zerstören - und das gilt ebenso für das
Schachbrett, wo ein "Schachmatt in drei Zügen"
schlimmer schmerzen kann als ein Angriff von hinten,
bei welchem der Football-Spieler eine Fraktur beider
Beine erleidet. Was man als Gegenleistung für die
rituellen Erniedrigungen bekommt, ist ein Fingerhut
voller Selbsterkenntnis, einen kleinen, aber kostbaren
Eindruck davon, wie das wirkliche Leben funktioniert,
und soviel an Selbstachtung, wie man sich mittels

*

Seite 12

Schweiß und Muskelarbeit verdienen kann - und
hierbei zeigt sich der Sport etwas nachgiebiger: Er
verleiht Nieten, die sich ernsthaft anstrengen, fast
genausoviel Selbstzufriedenheit wie den Champions.
Auf diese Art haben sich die Männer der Moderne in
den zurückliegenden 150 Jahren auf das Leben
vorbereitet. Wenn eine bedeutende Anzahl von
Frauen sich dazu entschließen würde, denselben Weg
einzuschlagen - und es gibt Anzeichen dafür - so wird
das, wenn schon nichts anderes dabei herauskommt,
die unerschütterlichste aller Binsenwahrheiten auf die
Probe stellen, nämlich daß die Männer von Natur aus
gerecht und die Frauen gnädig sind. Es scheint nur
rechtens anzunehmen, daß Männer nicht im eigentlichen Sinn als Gerechte geboren werden, doch wird
ihnen das aufgedrängt, sobald sie zum ersten Mal
jemanden beschummeln wollen, oder wenn jemand sie
beschummeln will und ihnen dann klar wird, daß
Gerechtigkeit die größte Liebenswürdigkeit ist, die man
zwei Menschen mit auseinanderstrebenden Interessen
zur gleichen Zeit gewähren kann. Nachdem man
lange genug einen Sport gespielt hat, wird die dann
noch verbliebene Liebenswürdigkeit in der Tat sehr
stabiler Natur sein - und natürlich ist die Großzügigkeit
der Athleten gegenüber ihren Mannschaftskameraden
legendär, was auf die Gegner beinahe im gleichen
Maße zutrifft. Worauf man hoffen könnte, wäre, daß
die Frauen oder sonst jemand dieses Kirchturmdenken
aufbrechen, damit der Rest der Welt daran teilhaben
kann.
Wenn das jemals geschehen sollte, bleibt mir nur noch
festzustellen, daß es um ein Vielfaches leichter wäre,
als Fürsprecher der Segnungen des Sports aufzutreten, als es mir in diesem Beitrag möglich gewesen
ist.

*

AMERIKA DIENST 12

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12600">
              <text>12.06.1996</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12601">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12602">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12603">
              <text>Amerikadienst 12.06.1996</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12604">
              <text>&lt;strong&gt;1. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nationale Sicherheit im 21. Jahrhundert &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Anthony Lake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die doppelte Erweiterung der NATO&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Senator Richard Lugar&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. USA-Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;50 Jahre Amerika Haus Frankfurt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Sport&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Warum Sport das Spiel macht&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Wilfrid Sheed&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
