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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
17. April 1996

08

UMWELT

AMERIKANISCHE DIPLOMATIE UND DIE
GLOBALEN UMWELTPROBLEME DES
21. JAHRHUNDERTS
Rede von Außenminister Christopher

USA-EUROPA

DIE VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
GLOBALE HERAUSFORDERUNGEN UND
GLOBALE ANTWORTEN
Rede von Botschafter Charles E. Redman

EUROPA SOLLTE NICHT NUR UNTER DEM
ASPEKT DER OST-WEST-BEZIEHUNGEN
GESEHEN WERDEN
Rede von General John Sheehan

BOSNIEN

DER WIEDERAUFBAU BOSNIENS
von Lawrence H. Summers

MENSCHENRECHTE

FRAUENRECHTE SIND MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafterin Ferraro

Informationen über die Politik der US-Regierung und
die Vereinigten Staaten im allgemeinen können
auf der Home Page von USIS-Deutschland
im World Wide Web des Internet unter
http://www.usia.gov/posts/bonn.html
abgerufen werden.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�-

•«
•

�UMWELT
17. April 1996

Amerikanische Diplomatie und die globalen
Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts
Rede von Außenminister Christopher

PALO ALTO - (AD) - In einer Rede vor der Stanford University erklärte Außenminister Warren Christopher am 9.
April 1996, die Vereinigten Staaten müßten sich "der Herausforderung stellen, globale Umweltfragen zu einem
wesentlichen Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik zu machen".
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede des Außenministers.

Vielen Dank für die freundliche Einführung. Es ist mir
eine besondere Ehre, daß Gerhard die einleitenden
Worte gesprochen hat, den ich seit vielen Jahren
kenne und schätze. Selbst wenn ich meine persönlichen Verbindungen außer acht lasse, kann ich mir
keinen besseren Ort für meine heutigen Ausführungen
über die globalen Umweltprobleme vorstellen als diese
Universität. Von der Gründung des Sierra Club im
Jahr 1892 bis zum ersten Tag der Erde im Jahr 1970
haben die Fakultätsmitglieder und Studenten der
Stanford University Bestrebungen zum Erhalt der
natürlichen Ressourcen unseres Landes für künftige
Generationen angeführt. Ihre Zentren für Naturschutz
und die Funktionsweise des globalen Ökosystems
haben Pionierarbeit geleistet. Ich möchte hinzufügen,
daß ich persönlich äußerst dankbar für die Arbeit von
Mr. Montgomery und Mr. Willingham bin, die sich für
die Kontrolle der kalifornischen Bärenpopulation
einsetzen.
Unter der starken Führung von Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore hat unsere Administration von
Anfang an erkannt, daß unsere Fähigkeit zur Förderung unserer globalen Interessen untrennbar mit der
Art und Weise verbunden ist, in der wir die natürlichen
Ressourcen der Erde verwalten. Aus diesem Grund
haben wir beschlossen, Umweltfragen dort auf die
Tagesordnung zu setzen, wo sie hingehören: Ins
Zentrum der amerikanischen Außenpolitik. Ich weiß
diese Gelegenheit außerordentlich zu schätzen,
unsere weitreichende Tagesordnung zur vollständigen
Integration unserer Umweltziele in unsere Diplomatie
und unsere Prioritäten für die Zukunft darzulegen.

AMERIKA DIENST 08

Die Umwelt hat in zweierlei Weise tiefgreifende
Auswirkungen auf unsere nationalen Interessen:
Erstens überschreiten Umweltbelange Grenzen und
Ozeane und bedrohen direkt die Gesundheit, den
Wohlstand und die Arbeitsplätze amerikanischer
Bürger. Zweitens ist es häufig entscheidend für die
Erlangung von politischer und wirtschaftlicher Stabilität
sowie die Verfolgung unserer strategischen Ziele auf
der Welt, das Thema natürliche Ressourcen anzusprechen.
Die Vereinigten Staaten übernehmen die Führungsrolle
bei der Förderung von Frieden und Wohlstand weltweit. Wir müssen auch beim Schutz der globalen
Umwelt führend sein, von der Wohlstand und Frieden
letztlich abhängen.
Im Jahr 1946, als ich als Jurastudent nach Stanford
kam, war die Verbindung zwischen Umwelt und
Außenpolitik nicht so offenkundig. Im Inland erlebten
die Amerikaner eine Periode beispiellosen Wohlstands, der durch anscheinend unerschöpfliche
Ressourcen genährt wurde. Im Ausland begannen wir
uns auf den Kampf zwischen den Vereinigten Staaten
und der Sowjetunion zu konzentrieren. Und ich
versuchte, die Tücken von Verträgen, Delikten und
sogenannten Rechtsmitteln in den Griff zu bekommen,
die von der Stanforder Version von John Houseman
gelehrt wurden. Ich versuchte auch, den hohen
Standards gerecht zu werden, die ein junger neuer
Dekan, Carl Spaeth, setzte, der gerade eine äußerst
vielversprechende Karriere im Außenministerium
aufgegeben hatte, um nach Stanford zu kommen, und

Seite 1

�der als erster mein Interesse an der Arbeit weckte, mit
der ich mich nun täglich befasse.
Aber seit 1946 haben Bevölkerungswachstum,
wirtschaftlicher Fortschritt und technologische Neuerungen unsere Welt grundlegend umgestaltet. Es
dauerte mehr als 10.000 Generationen, um eine
Weltbevölkerung von gerade zwei Milliarden zu
erreichen. Allein während der Dauer meines Lebens eine Periode, die vielen der Studenten im Auditorium
als eine Ewigkeit erscheinen mag - hat sich die
Weltbevölkerung auf über fünfeinhalb Milliarden
nahezu verdreifacht.
Aufgrund dieser Veränderungen sind unsere globalen
Ressourcen enormem Druck ausgesetzt. Von 1960
bis 1990 schrumpften die Wälder weltweit in einem
Ausmaß, das der Hälfte des Landgebiets der Vereinigten Staaten entspricht. Zahllose Tierarten und
Pflanzen sind vom Aussterben bedroht, darunter viele
mit potentiellem Wert für die Landwirtschaft und
Medizin. Die Luft- und Wasserverschmutzung bedroht
unsere Gesundheit und unsere Zukunft.
Bei der Umsetzung der amerikanischen Außenpolitik
werden wir natürlich unsere Diplomatie unterstützt von
starken Streitkräften einsetzen, um herkömmliche
Bedrohungen unserer Sicherheit ebenso zu bewältigen
wie neue Bedrohungen in Form von Terrorismus,
Weiterverbreitung von Waffen, Drogenhandel und
internationalem Verbrechen. Wir müssen jedoch auch
die enorme neue Gefahr in den Griff bekommen, der
unsere nationalen Interessen durch die Zerstörung der
Umwelt ausgesetzt sind und die zu globaler und
regionaler Instabilität führen.
Als das Flaggschiff der amerikanischen Außenpolitik
muß das Außenministerium Bestrebungen der Regierung zur Bewältigung dieser Umweltbedrohungen
anführen.
Zusammen mit anderen Regierungsbehörden setzen wir unsere Umweltprioritäten - global,
regional, bilateral und in Partnerschaften mit Unternehmen und nichtstaatlichen Organisationen. Jede dieser
vier Dimensionen ist unerläßlich für den Erfolg unserer
Strategie.

verändernder Stürme. Gefährliche Chemikalien wie
PCB und DDT, die hier verboten sind aber andernorts
noch verwendet werden, legen in der Luft und im
Wasser große Entfernungen zurück. Die Überfischung
der Weltmeere hat Tausende Amerikaner arbeitslos
gemacht. Eine Außenpolitik, die diese Probleme nicht
anspricht, würde die Bedürfnisse des amerikanischen
Volkes ignorieren.
Jede Nation muß individuell Schritte zur Bekämpfung
dieser Umweltbedrohungen unternehmen - wir werden
jedoch keinen Erfolg haben, wenn wir sie nicht gemeinsam effektiv angehen. Von dieser Erkenntnis waren
die bahnbrechenden Bestrebungen der Vereinten
Nationen bei der Stockholmer Konferenz über das
menschliche Umfeld vor 25 Jahren und dem historischen Gipfel von Rio über Umwelt und Entwicklung vor
vier Jahren geleitet. Dort erarbeitete die internationale
Staatengemeinschaft eine neue globale Verpflichtung,
"das Ökosystem der Erde zu erhalten, zu schützen und
wiederherzustellen" sowie wirtschaftliche Entwicklung
in einer Weise zu fördern, die auch unsere natürlichen
Ressourcen erhält.
Seit Rio haben die Vereinigten Staaten ihre globalen
Bestrebungen intensiviert. Wir waren führend bei der
Erlangung eines Abkommens über das schrittweise
Verbot von die Ozonschicht schädigenden Substanzen, bei einem Verbot der Entsorgung von gering
radioaktivem Giftmüll im Meer sowie bei der Erarbeitung eines Konsenses in Kairo über die Stabilisierung des Weltbevölkerungswachstums.
Wir arbeiten an der Reform und Stärkung der wichtigsten Programme der Vereinten Nationen für Umwelt
und tragfähige Entwicklung. Wir haben mit der
Weltbank zusammengearbeitet, um solide umweltpolitische Maßnahmen in Kreditvergabeprogramme
einzubeziehen und Projekte über die globale Umweltfazilität zu finanzieren, die direkt unserer Gesundheit und unserem Wohlstand zugute kommen. Und
über die neue Welthandelsorganisation versuchen wir,
die komplexen Spannungen zwischen der Förderung
von Handel und dem Schutz der Umwelt zu lösen - und
sicherzustellen, daß das eine nicht auf Kosten des

anderen geht.
Erstens muß unser Ansatz zu diesen Problemen global
sein, weil Umweltverschmutzung keine Grenzen
respektiert und die wachsende Nachfrage nach
begrenzten Ressourcen in einem Teil der Welt unweigerlich Druck auf die Ressourcen in anderen ausübt.
In den Vereinigten Staaten leiden die Amerikaner unter
den Konsequenzen der Umweltzerstörung, die weit
von unseren Grenzen entfernt stattfindet. Durch
Kraftwerke, Autos und brennende Wälder auf der
ganzen Welt freigesetzte Treibhausgase beeinträchtigen unsere Gesundheit und unser Klima und
verursachen potentiell Schäden in Milliardenhöhe
aufgrund des Anstiegs des Meeresspiegels und sich

Seite 2

In diesem Jahr werden wir mit der Aushandlung von
Abkommen mit dem Potential beginnen, 1997 zum
wichtigsten Jahr für die Umwelt seit dem Gipfel von Rio
zu machen. Wir streben eine Einigung bezüglich der
weiteren Verringerung der Treibhausgase an, um die
Auswirkungen auf den Klimawandel auf ein Minimum
zu reduzieren. Wir werden eine Führungsrolle in dem
internationalen Prozeß zur Inangriffnahme der durch
toxische Chemikalien verursachten Probleme übernehmen, die in unseren Boden und in unser Wasser
gelangen und sie über Generationen hinweg vergiften.
Wir werden eine Strategie für die nachhaltige Bewirtschaftung der weltweiten Wälder entwickeln - eine

AMERIKA DIENST 08

�Ressource, die jede große Zivilisation als "unerläßlich
für den Fortbestand des Lebens" entdeckt hat, wie der
römische Historiker Pliny einmal schrieb. Wir werden
mit dem Kongreß bei der Ratifizierung der Konvention
über die Artenvielfalt zusammenarbeiten, die Vorteile
für die amerikanische Landwirtschaft und Unternehmen verspricht. Wir streben ferner die Ratifizierung
des Seerechts-Vertrags an, der unseren Zugang zu
ozeanischen Ressourcen gewährleistet. Wir werden
die erforderliche Führungsrolle übernehmen um
sicherzustellen, daß der UN-Gipfel in Istanbul im Juni
dieses Jahres die drängenden Probleme wirksam in
Angriff nimmt, die mit dem explosionsartigen Wachstum der Städte in den Entwicklungsländern einhergehen.
Das Außenministerium wird Ende 1997 eine Konferenz
über Strategien zur Verbesserung der Einhaltung
internationaler Umweltabkommen veranstalten - um
sicherzustellen, daß diese Abkommen dauerhafte
Ergebnisse und nicht nur Versprechungen hervorbringen.
Das ist eine beeindruckende globale Tagesordnung.
Die Erlangung dieser Ziele wird Zeit und Durchhaltevermögen erfordern. Aber ich erinnere mich oft an
Don Kennedys Rat an Collegeabsolventen, "sich einen
höheren Standard zu setzen, als man bequem erreichen kann".
Das zweite Element unserer Strategie - das regionale
Element - besteht in der Inangriffnahme der Umweltverschmutzung und dem Mangel an Ressourcen in
Bereichen, in denen sie die Spannungen innerhalb und
zwischen Nationen dramatisch verschärfen. Das ist
nirgendwo offenkundiger als in den ausgedörrten
Tälern im Nahen Osten, wo der Kampf um Wasser
direkte Auswirkungen auf die Sicherheit und Stabilität
hat. Bei meinen zahlreichen Reisen in die Region
habe ich gesehen, wie rasches Bevölkerungswachstum und Umweltverschmutzung Streitigkeiten über die
Wasservorräte verschärfen können, die so alt sind wie
das Alte Testament. Schimon Peres hat einmal zu mir
gesagt: "Der Jordan führt mehr Geschichte mit sich als
Wasser." Wir helfen den Parteien im Nahostfriedensprozeß bei der Verwaltung der Wasserressourcen der
Region - um eine Quelle des Konflikts zu einer Kraft
des Friedens zu machen.
Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Aufbau
stabiler marktwirtschaftlicher Demokratien in der
ehemaligen Sowjetunion und in Zentraleuropa unsere
eigene Sicherheit verstärken wird. Damit diese neuen
Nationen Erfolg haben, müssen wir ihnen jedoch bei
der Säuberung der giftigen Fabriken, der rußgeschwängerten Luft und verschmutzten Flüsse helfen,
die ein bitteres Vermächtnis des Kommunismus sind.
Die Erfahrung dieser Region demonstriert, daß
Regierungen, die ihre Bürger zu häufig ausbeuten,

AMERIKA DIENST 08

allzu häufig ein ähnliches Konzept für die Umwelt
haben.
Vor drei Wochen ging ich in Kiew über die Kinderstation eines Krankenhauses, das die Opfer des
Reaktorunfalls von Tschernobyl behandelt. Ich sah mit
eigenen Augen die Schäden, die diese Katastrophe,
die sich vor zehn Jahren ereignete, immer noch den
Menschen der Region zufügt. Wir helfen der Ukraine
sicherzustellen, daß es kein zweites Tschernobyl
geben wird. In Zentralasien sind wir den Nationen
dabei behilflich, sich von den sowjetischen Bewässerungspraktiken zu erholen, die einen Großteil des
Aralsees austrocknen ließen.
Unser regionales
Umweltzentrum in Budapest unterstützt die Bürgerrechtsgruppen in Zentraleuropa, die unerläßlich für
eine gesunde Demokratie und eine gesunde Umwelt
sind.
Die Vereinigten Staaten haben ebenfalls großes
Interesse an der Konsolidierung demokratischer
Institutionen und Öffnung von Märkten in ihrer Hemisphäre.
Zur Vertiefung des bemerkenswerten
Umgestaltungsprozesses, der derzeit in Lateinamerika
und der Karibik stattfindet, fördern wir die Agenda für
tragfähige Entwicklung, die unsere 34 Demokratien
beim gesamtamerikanischen Gipfel in Miami annahmen. Um der Demokratie zum Erfolg zu verhelfen,
müssen wir beispielsweise die Belastung durch
Abholzung und schnelles Bevölkerungswachstum
beseitigen, die sich auf den kahlen Hügeln und
überfüllten Straßen Haitis manifestiert.
Zur Aufrechterhaltung unseres Wohlstands müssen wir die
reiche Vielfalt des Lebens bewahren, die ich im
Regenwald am Amazonas sah. Damit die Wunden
alter Konflikte verheilen können, müssen wir die
Umweltschäden beseitigen, die wirtschaftliche Chancen verringern und illegale Einwanderung aus El
Salvador bewirkten. Und um zur Bekämpfung von
Drogenhandel und -kriminalität beizutragen, ermutigen
wir eine tragfähige Landwirtschaft als Alternative zum
Anbau von Mohn für die Opiumherstellung sowie
Kokapflanzen von Guatemala bis Kolumbien. Diese
Ziele werden beim Gipfel über tragfähige Entwicklung
im Dezember in Bolivien ganz oben auf unserer
Tagesordnung stehen.
In Afrika zielen unsere umweltpolitischen Bestrebungen darauf ab, Tausende von Menschenleben zu
retten, bewaffnete Konflikte zu verhüten und die
Notwendigkeit einer kostspieligen internationalen
Intervention zu vermeiden. Unsere Initiative für das
Hörn von Afrika befaßt sich beispielsweise mit den
Wurzeln der Umweltprobleme, durch die eine Dürre
zur Hungersnot und eine Hungersnot zum Bürgerkrieg
werden kann. Wir dürfen nicht die harten Lektionen
aus Ruanda vergessen, wo erschöpfte Ressourcen
und übermäßiges Bevölkerungswachstum die politischen und wirtschaftlichen Zwänge verschärften, die
schließlich in einer der größten Tragödien dieses

Seite 3

�Jahrzehnts eskalierten. Ferner haben wir ein nationales Interesse daran, den Nationen der Region bei
der Bewältigung der AIDS-Krise zu helfen, die eine
ganze Generation junger Afrikaner dezimiert und die
wirtschaftlichen Ressourcen verschwendet, die
afrikanische Nationen so dringend benötigen, um
stabile Regierungen und eine bessere wirtschaftliche
Zukunft zu schaffen.
Zur Intensivierung unserer regionalen umweltpolitischen Bestrebungen werden wir in den Botschaften
von Schlüsselländern Umweltzentren einrichten.
Diese sollen sich mit drängenden Fragen regionaler
natürlicher Ressourcen befassen, Ziele tragfähigen
Wachstums fördern und amerikanische Unternehmen
beim Verkauf von Umwelttechnologie, bei der sie
führend sind, unterstützen.
Das dritte Element unserer Strategie ist die bilaterale
Arbeit mit bedeutenden Partnern auf der ganzen Welt,
angefangen natürlich mit unseren Nachbarn. Sei es
der Fischfang an der Georges Bank oder im Golf von
Mexiko oder sauberes Trinkwasser von den Great
Lakes oder dem Rio Grande - wir können unsere
Umweltinteressen nicht von denen Kanadas oder
Mexikos trennen.
Wir erweitern unsere jahrhundertealte Zusammenarbeit mit Kanada, um in der Region der Great Lakes
sauberes Wasser zu gewinnen und sie vor Überschwemmungen zu schützen. Wir verbessern den
Naturschutz in unseren angrenzenden Nationalparks.
Im Rahmen der amerikanisch-kanadischen gemeinsamen Kommission schützen wir die Gesundheit des
Menschen und die natürlichen Lebensräume. Und wir
bilden mit allen unseren Nachbarn im Norden eine
Partnerschaft zum Schutz dieser gefährdeten Region.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen mit Mexiko haben
seit der Inkraftsetzung des Nordamerikanischen
Freihandelsabkommens NAFTA vor zwei Jahren an
Bedeutung zugenommen. Im Rahmen der Zusatzabkommen des NAFTA über die Umwelt riefen wir
neue Institutionen ins Leben, die Gemeiden auf beiden
Seiten der Grenze beim Schutz gemeinsamer natürlicher Ressourcen Beistand leisten sollen. Gegen Ende
dieses Frühlings werden wir ein innovatives Programm
ins Leben rufen, das führende Wirtschafts- und
Regierungsvertreter aus Texas, New Mexiko und
Ciudad Juarez beim Kampf gegen eine der weltweit
stärksten Luftverschmutzungen unterstützen soll.
Wenn die Kabinette unserer beiden Nationen kommenden Monat in Mexiko City zusammentreffen, werde ich
die Bedeutung einer fortgesetzten Stärkung von
Umweltnormen durch Mexiko unterstreichen.
Im Rahmen unserer gemeinsamen Agenda mit Japan
bündeln die beiden größten Volkswirtschaften der Welt
ihre Ressourcen und Expertise, um das Bevölkerungswachstum zu stabilisieren, Polio auszurotten, AIDS zu

Seite 4

bekämpfen und neue "grüne" Technologien zu entwikkeln.
Unsere neue transatlantische Agenda mit der Europäischen Union verstärkt unsere globalen Bestrebungen
bei Fragen wie Klimawandel und toxischen Chemikalien. Gemeinsam fördern wir bereits unsere Umweltziele in Zentraleuropa und den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Rußland und China werden beide mit großen Umweltproblemen konfrontiert, die tiefgreifende Auswirkungen
auf ihre - und unsere - Zukunft haben werden.
In Rußland könnte das Schicksal der Demokratie von
ihrer Fähigkeit abhängen, den Lebensstandard des
russischen Volkes anzuheben und der schockierenden
Abnahme der Lebenserwartung Einhalt zu gebieten.
Von Murmansk bis Wladiwostok werden unzureichend
gesicherte Lagerstätten mit nuklearen Abfällen noch
über Jahrhunderte hinaus eine Gefahr für das menschliche Leben darstellen. Wirtschaftsreformen werden
nicht ihr volles Potential entfalten, wenn ein Sechstel
der russischen Landmasse so verschmutzt bleibt, daß
sie selbst für industrielle Zwecke ungeeignet ist, und
wenn russische Kinder durch die Gifte, die sie einatmen und zu sich nehmen, Behinderungen bekommen.
Wir arbeiten mit Rußland an der Bewältigung dieser
Herausforderungen zusammen. In zehn Tagen wird
Präsident Clinton mit Präsident Jelzin und anderen
führenden Politikern in Moskau beim Gipfel über
nukleare Sicherheit zusammentreffen, der den sicheren Betrieb von Nuklearreaktoren und die geeignete
Lagerung von Nuklearmaterial fördern soll. Vizepräsident Gore und Ministerpräsident Tschernomyrdin
leiten gemeinsame Initiativen zum Schutz der arktischen Umwelt, Verringerung der Treibhausgasemissionen und Förderung des richtigen Umgangs mit
elementaren natürlichen Rohstoffen. Wir bedienen uns
sogar der Satellitenbilder, die früher zum Aufspüren
von Raketen und Panzern genutzt wurden, um Altlasten von Militärstützpunkten zu beseitigen und die
Verschmutzung der Meere nachzuweisen.

Wie wir heute morgen in Ihrem Institut für internationale Studien erörterten, sind die umweltpolitischen
Herausforderungen Chinas wahrhaft ernüchternd.
China, auf das 22 Prozent der Weltbevölkerung
entfaHen, besitzt nur sieben Prozent des Trinkwassers
und bebaubaren Landes der Erde, drei Prozent ihrer
Wälder und zwei Prozent der Erdölvorkommen. Die
Kombination von Chinas schnellem Wirtschaftswachstum mit der explosionsartigen Zunahme seiner Bevölkerung vergrößert die enormen Umweltbelastungen,
denen das Land bereits ausgesetzt ist. Dies ist einer
von vielen Gründen, warum unsere Politik des Engagements in China auch die Umwelt einbezieht. Ende
dieses Monats wird Vizepräsident Gore eine Initiative

AMERIKA DIENST 08

�zur Erweiterung der amerikanisch-chinesischen
Zusammenarbeit im Bereich tragfähiger Entwicklung
ins Leben rufen, die auch Elemente wie Energiepolitik
und Landwirtschaft enthält.
Bei anderen bilateralen Beziehungen haben wir
Partnerschaften ins Leben gerufen, die unsere Bande
verstärken und gleichzeitig das veraltete Denken hinter
sich lassen, das früher den unvermeidlichen Kampf
zwischen Nord und Süd bestimmte. Im Rahmen der
vergangenes Jahr mit Indien unterzeichneten gemeinsamen Agenda für die Umwelt arbeiten wir beispielsweise an einer Vielzahl gemeinsamer Anliegen
zusammen - von Investitionen in Umwelttechnologien
bis zur Kontrolle von Pestiziden und toxischen Chemikalien. Während meiner Brasilienreise letzten Monat
stärkten wir eine ähnliche gemeinsame Agenda durch
Abkommen über Zusammenarbeit im Weltraum, die
unser Wissen über Klimaveränderungen vergrößern
und den Umgang mit der Ressource Wald verbessern
wird.
Das vierte und letzte Element unserer Strategie
verstärkt diese diplomatischen Ansätze durch den
Aufbau von Partnerschaften mit Privatunternehmen
und nichtstaatlichen Organisationen.
Amerikanische Unternehmen wissen, daß eine
gesunde globale Umwelt für unseren Wohlstand
unerläßlich ist. Sie erkennen in zunehmendem Maße,
daß die Gegenüberstellung von Wirtschaftswachstum
und Umweltschutz zu "einer falschen Entscheidung"
führt, wie Präsident Clinton es nannte. Beide sind
notwendig, und beide sind eng miteinander verbunden.
Umweltschutz eröffnet auch neue wirtschaftliche
Chancen. Wir engagieren uns für die Unterstützung
amerikanischer Unternehmen bei der Erhöhung ihres
bereits dominierenden Anteils an dem 400-MilliardenMarkt für Umwelttechnologien. Dies war eine der
vielen Bestrebungen meines verstorbenen Kollegen
und Freundes, Wirtschaftsminister Ron Brown. Sein
letzter Besuch in Afrika verhalf einem amerikanischen
Unternehmen zu einem Vertrag, durch den Fischbestände und Trinkwasservorräte für 30 Millionen
Menschen in Uganda, Tansania und Kenia geschützt
werden. Bei meiner jüngsten Reise nach El Salvador
traf ich mit Vertretern amerikanischer Firmen, nichtstaatlicher Organisationen und ihren mittelamerikanischen Partnern zusammen, die bei der Nutzung von
Sonnen- und Windenergie in Kraftwerken Pionierarbeit
leisten.
Mit dem Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) zusammenarbeitende nichtstaatliche Organisationen spielten eine
entscheidende Rolle bei der Förderung unserer
Umweltziele im Ausland. Beispielsweise setzt sich der
Sierra Club seit vielen Jahren für internationale
bevölkerungspolitische Belange ein und leistete einen

AMERIKA DIENST 08

bedeutenden Beitrag zur Kairoer Konferenz. Als Teil
dieser gemeinsamen Bestrebungen hilft der World
Wildlife Fund beim Schutz der Artenvielfalt in über 40
Ländern, das World Resources Institute bekämpft die
Abholzung der Wälder in Afrika, und Nature Conservancy schützt Gehege mit wildlebenden Tieren in
ganz Lateinamerika. Im Rahmen der neuen "Partnerschaft für Umwelt und Außenpolitik" des Außenministeriums werden Umweltschutzorganisationen,
Wirtschaftsvertreter und Außenpolitiker zusammentreffen, um unsere Zusammenarbeit bei der Bewältigung umweltpolitischer Herausforderungen zu verbessern.
Es ist die Pflicht des Außenministeriums, eine Führungsrolle bei der Gewährleistung des Erfolgs jedes
der vier Elemente dieser Strategie zu übernehmen, die
ich heute erörtert habe - auf globaler, regionaler,
bilateraler Ebene sowie bei Partnerschaften mit der
Wirtschaft und nichtstaatlichen Organisationen. In
enger Zusammenarbeit mit dem Präsidenten und dem
Vizepräsidenten habe ich unsere Dienststellen und
Botschaften angewiesen, den Einsatz von Diplomatie
zur Förderung unserer Umweltziele zu verbessern.
Wir werden diese Fragen bei jeder Gelegenheit
anschneiden, bei der unser Einfluß nützlich sein kann.
Wir werden unsere Fähigkeit zur Verbindung von
Diplomatie und Wissenschaft sowie zur Aushandlung
globaler Abkommen über den Schutz unserer Gesundheit und unseres Wohlergehens verbessern. Wir
werden dem Staatssekretär für globale Angelegenheiten, dessen Amt zu Beginn unserer Administration für
die Behandlung transnationaler Angelegenheiten
geschaffen wurde, mehr Einfluß geben. Wir werden
unsere gemeinsamen Bestrebungen mit AID zur
Förderung tragfähiger Entwicklung durch wirksame
Umweltschutz- und Familienplanungshilfe verstärken.
Und wir werden die Umweltpartnerschaften untermauern, die wir mit dem Umweltschutzamt sowie dem
Verteidigungs-, Energie-, Wirtschafts-, Innen- und
Landwirtschaftsministerium gebildet haben.
Ferner gebe ich heute bekannt, daß das Außenministerium beginnend mit dem Tag der Erde 1997
einen Jahresbericht über globale Herausforderungen
an die Umwelt veröffentlichen wird. Dieser Bericht wird
ein wichtiges Werkzeug unserer Umweltdiplomatie
darstellen und eine Bewertung globaler Umwelttrends,
weltpolitischer Entwicklungen sowie amerikanischer
Prioritäten für das kommende Jahr vornehmen.
Ich werde weiterhin mit dem Kongreß zusammenarbeiten, um den Erfolg unserer umweltpolitischen
Bestrebungen sicherzustellen. Der derzeitige Kongreß
kürzte die wichtige Finanzierung erforderlicher Umweltprogramme im In- und Ausland. Wir werden den
Kongreß dringend auffordern, die zur Erledigung der
Arbeit notwendigen Mittel bereitzustellen.

Seite 5

�Unsere Stärke als Nation lag immer darin, unsere
Demokratie für die Bewältigung neuer Bedrohungen
unserer Sicherheit und unseres Wohlstands einzusetzen. Unser Credo als Volk lautete stets, das
Morgen für uns und unsere Kinder besser zu gestalten.
In Anlehnung an dieselben Ideale und Interessen, die
Amerikaner von Teddy Roosevelt bis Ed Muskie dazu
veranlaßten, dem Schutz unseres Bodens, unserer

Luft und unseres Wassers Priorität einzuräumen,
müssen wir uns der Herausforderung stellen, globale
Umweltfragen zu einem wesentlichen Bestandteil der
amerikanischen Außenpolitik zu machen. Um künftiger
Generationen willen müssen wir Erfolg haben.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 08

�USA-EUROPA

17. April 1996

Die Vereinigten Staaten und Europa
- globale Herausforderungen und globale Antworten
Rede von Botschafter Charles E. Redman

BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Botschafter der Vereinigten Staaten von
Amerika in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, am 2. April 1996 anläßlich der Initiative BerlinUSA hielt.

Es ist mir eine Ehre, heute abend hier sein und vor
diesem erlesenen Publikum sprechen zu dürfen. Und
natürlich freue ich mich immer sehr, wieder in Berlin zu
sein - einer Stadt mit einer langen Tradition deutschamerikanischer Freundschaft.
Seit Jahrzehnten haben wir Amerikaner zusammen mit
unseren britischen und französischen Verbündeten an
der Seite aller Berliner gestanden - sowohl der in den
westlichen Sektoren in einer freien Enklave 200
Kilometer hinter dem Eisernen Vorhang isolierten als
auch jener im Osten, deren Isolation weitaus größer
war.

Schließlich sind wir angeblich die Vertreter des
Zweitältesten Gewerbes der Welt. Und wie beim
ältesten Gewerbe der Welt sind auch für uns die
Amateure unsere größte Konkurrenz.
Natürlich gibt es mehrere Berufe, die den Anspruch
darauf erheben könnten, der weltweit älteste zu sein.
Chirurgen beispielsweise könnten argumentieren,
einer von ihnen hätte Adam eine Rippe entnommen
und damit die menschliche Rasse geschaffen.
Ingenieure könnten darauf erwidern, es sei notwendig
gewesen, aus dem Chaos des Universums heraus die
Erde zu schaffen, bevor Adam und Eva das Paradies
genießen konnten. Aber wir Diplomaten sind immer
noch berechtigt zu fragen: "Und wer war Ihrer Meinung
nach verantwortlich für dieses ganze Chaos?"

Im Verlauf ihrer jahrzehntelangen Teilung wurde diese
Stadt zum Symbol unseres Strebens nach Freiheit.
Dieses Streben hat Erfüllung gefunden. Das geeinte
Berlin liegt im Zentrum Europas - dem Zentrum seiner
Kultur, seiner Wirtschaft und seiner Zukunft. Berlin ist
erneut gleichbedeutend mit Freiheit und Offenheit.
Keine Stadt der Welt außerhalb unserer Grenzen steht
den Amerikanern so nahe. Vor nahezu zwei Generationen wurde durch den Mut, den diese Stadt und die
unerschrockenen amerikanischen und alliierten Flieger
zeigten, die die Luftbrücke ermöglichten, eine dauerhafte Freundschaft geboren - eine Freundschaft, die
von Ihrer Organisation verkörpert und gepflegt wird.

Wer immer auch verantwortlich sein mag, es steht
außer Frage, daß auf der Weltbühne heute immer
noch viel Unruhe und Unsicherheit herrschen. Wandel
ist die einzige Konstante. Das geteilte Europa, das wir
ein halbes Jahrhundert lang kannten, ist mit erstaunlicher Geschwindigkeit Geschichte geworden. Heute
sind weder Deutschland noch Europa geteilt. Die
Sowjetunion existiert nicht mehr, und der Eiserne
Vorhang - und die Berliner Mauer - sind bereits
verblassende Erinnerungen.

Ich bin besonders dankbar, daß Sie sich heute abend
die Zeit nehmen, einem amerikanischen Diplomaten
zuzuhören. Wenn man die Zeitungen liest, sollte man
meinen, daß jeder Redakteur oder Gelehrte besser als
wir Diplomaten weiß, wie die Probleme der Welt gelöst
werden können. Aber das ist ein altes Dilemma.

Die Welt ist aber noch immer ein gefährlicher Ort.
Frieden und Wohlstand werden noch immer von
ethnischem Haß, nationalistischem Extremismus und
religiösem Fanatismus bedroht. Dies ist bereits eine
gefährliche Mischung. Aber sie wird wirklich tödlich
durch die Kombination mit der Weiterverbreitung von

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�Massenvernichtungswaffen, Nuklearschmuggel und
internationalem Terrorismus.

jetzt ein umfassendes Atomtestverbot für alle Länder in
greifbarer Nähe.

In den letzten Monaten wurden wir immer wieder daran
erinnert, wie gefährlich die Welt sein kann: Von
Selbstmordanschlägen in Israel über Bombenanschläge auf das World Trade Center in New York und das
Bundesgebäude in Oklahoma City bis zu der Androhung von Anschlägen der kurdischen Arbeiterpartei
PKK hier in Deutschland.

Als Ergebnis der Rüstungskontrollvereinbarungen mit
Rußland haben wir bereits Tausende von Nuklearwaffen vernichtet. Die Vereinigten Staaten ratifizierten den
START Il-Vertrag, und wir hoffen, daß auch Rußland
bald folgen wird. START II ist das ehrgeizigste
Rüstungskontrollabkommen der Geschichte und wird
zu einer Reduzierung der Nuklearwaffenarsenale
unserer beiden Länder um zwei Drittel führen.

Diese Kräfte des Zerfalls führen einen Krieg gegen die
Menschheit. Ebenso wie Kommunismus und Faschismus versuchen sie, Dunkelheit statt Licht zu verbreiten. Und ebenso wie Kommunismus und Faschismus werden sie nur besiegt, wenn freie Völker sich für
eine gemeinsame Sache einsetzen.
Dies sind die neuen Herausforderungen der "nationalen Sicherheit" im 21. Jahrhundert. Sie haben
globaleren Charakter als je zuvor. Sie können nur mit
Hilfe internationaler Zusammenarbeit bewältigt werden.
In unserem Weltdorf kann sich Fortschritt schnell
verbreiten - aber dasselbe gilt auch für Unruhe. Vor
sechs Jahrzehnten dauerte es mehrere Jahre, bis die
Wirtschaftskrise zu einer globalen Katastrophe wurde.
Heutzutage kann eine Wirtschaftskrise in Mexiko die
Weltwirtschaft innerhalb weniger Stunden beeinträchtigen.
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert entwickeln sich
Schwierigkeiten an einem Ende der Stadt schnell zu
einer Plage für jeden. Wir können nicht die Drogenkriminalität ohne die Hilfe der Länder bekämpfen, in
denen Drogen hergestellt werden.
Wir können
Terroristen nicht ohne die Hilfe anderer Regierungen
aufspüren.
Um sicherzustellen, daß Massenvernichtungswaffen
nicht in die falschen Hände geraten, benötigen wir
internationale Zusammenarbeit. Man schätzt, daß
derzeit 40 Länder die Fähigkeit zur Entwicklung von
Nuklearwaffen besitzen.
Mehr als 15 Nationen
verfügen über ballistische Raketen, und viele von
ihnen streben den Erwerb von Massenvernichtungswaffen an oder besitzen sie bereits. Wir vermuten,
daß bereits mehr als zwei Dutzend Länder Chemiewaffenprogramme haben.
Dies sind nicht länger hypothetische Gefahren. Sie
sind äußerst real. Der tödliche Giftgasanschlag in der
Tokioter U-Bahn war der erste Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen die Zivilbevölkerung einer
Stadt - nicht durch eine Regierung, sondern durch
Terroristen.
Jetzt ist es an der Zeit, zu handeln. Die Welt unternahm vergangenes Jahr einen großen Schritt mit der
Entscheidung über die unbegrenzte Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags. Als nächster Schritt liegt

Seite 2

Diese Arsenale stellen jedoch weiterhin eine Gefahr
dar. Durch den Abrüstungsprozeß werden riesige
Mengen von Nuklearmaterial hinterlassen - ein
verlockendes Ziel für verbrecherische Staaten und
Terroristen. Um es deutlich auszudrücken: Nuklearschmuggel ist nicht mit anderen Arten von illegalem
Schmuggel vergleichbar. Eine kleine Menge Plutonium - von der Größe einer Pampelmuse - reicht aus,
um eine Stadt zu vernichten. Im Zusammenhang mit
Nuklearmaterial können wir es uns nicht leisten, daß
auch nur ein einziger Schmuggelfall erfolgreich
durchgeführt wird.
Auch chemische und biologische Waffen stellen eine
Bedrohung dar. Wir müssen die Chemiewaffenkonvention möglichst bald ratifizieren. Dadurch würde
unsere Fähigkeit zur Kontrolle der Weiterverbreitung
dieser schrecklichen Waffen maßgeblich verbessert.
Wie ich bereits erwähnte, können Fragen dieser Art
nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst
werden. Globale Probleme erfordern globale Antworten. Dies ist einer der zwingenden Gründe für die
Aufrechterhaltung und Erweiterung der Bündnisse, die
wir im Kalten Krieg eingingen. Jetzt müssen wir die
Vorteile - und Pflichten - der politischen und wirtschaftlichen Partnerschaften, die in den vergangenen
50 Jahren unsere Stärke darstellten, in möglichst
vielen Teilen der Welt zum Tragen bringen.
Dieser Integrationsprozeß wird uns helfen, eine
gemeinsame Zukunft mit ehemaligen Feinden und
Gegnern zu gestalten, die jetzt nach Wegen suchen, in
ihren Ländern Demokratie und Marktwirtschaft zu
verankern. Der Zusammenbruch des Kommunismus
zerstörte die Diktaturen, aber er hinterließ politische
und Rechtsinstitutionen, die immer noch instabil sind.
Einige würden argumentieren, diese seit kurzem
befreiten Nationen hätten den leichten Teil ihrer
Umgestaltung abgeschlossen - die Zerstörung der
alten Systeme. Jetzt bemühen sie sich - innerhalb von
wenigen Jahren - um die Schaffung neuer Strukturen
und neuer Verhaltensformen, deren Entwicklung im
Westen Jahrzehnte - wenn nicht Jahrhunderte
erforderte.

AMERIKA DIENST 0»

�Dieser Prozeß ist von elementarer Bedeutung. In die
Zukunft Europas führt einer von zwei sehr unterschiedlichen Wegen: Entweder entzweiende Intoleranz, die Bosnien in Schutt und Asche legte, oder
demokratische Integration, nach der die meisten
Nationen Zentraleuropas streben. Damit die richtige
Wahl getroffen wird, muß jede dieser Nationen die
Verantwortung für die Schaffung demokratischer
Stabilität von innen heraus übernehmen. Freie Wahlen
und freie Märkte sind nur der erste Schritt.
Die Schaffung einer wirklich demokratischen Kultur
erfordert nicht nur Toleranz, sondern auch die Respektierung von Menschenrechten und den Meinungen von
Minderheiten. Sie setzt eine freie Presse, freie
Gewerkschaften und ein Netz von Privatorganisationen voraus, die nicht von der Regierung kontrolliert
werden. Dies ist die Herausforderung für die neue
Generation dieser neuen Demokratien.
Die vor uns allen liegenden Herausforderungen sind
tatsächlich gewaltig, aber dasselbe gilt auch für die
Möglichkeiten.
Wir haben jetzt eine historische
Chance zur Erfüllung des Versprechens eines ungeteilten Europas freier Nationen, das sich von Rußland
im Osten bis zum Atlantik im Westen erstreckt.
Es steht enorm viel auf dem Spiel. Die Entscheidungen, die wir jetzt nach dem Ende des Kalten Krieges
treffen, werden unsere Zukunft ebenso beeinflussen,
wie es die bedeutenden Entscheidungen weitblickender Politiker der Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg
taten. Vor fünfzig Jahren schufen der Marshallplan,
die NATO, das GATT und die internationalen Finanzinstitutionen von Bretton Woods die Grundlage für
unsere Gemeinschaft westlicher Demokratien und für
eine zunehmend interdependente Weltwirtschaft.
Obwohl diese Nachkriegsinstitutionen zur Schaffung
von einzigartigem Frieden und Wohlstand für ein
halbes Jahrhundert beitrugen, kam unglücklicherweise
nur die Hälfte des europäischen Kontinents in den
Genuß ihrer Vorteile. Und mit dieser Trennlinie
begann der Kalte Krieg.
Heute haben wir uns zu einem ungeteilten Europa
verpflichtet. Ferner sind wir entschlossen, unser Wort
gegenüber unseren neuen demokratischen Nachbarn
zu halten. Jetzt müssen wir die Tür öffnen, die Stalin
ins Schloß warf, als er den Marshallplan ablehnte.
Keine Nation in Europa sollte je wieder zu einer
Pufferzone zwischen zwei Großmächten oder zur
Einflußsphäre einer anderen Nation gemacht werden.
Aus diesen Grund streben wir die Öffnung unserer
Institutionen für jene ehemals kommunistischen
Länder an, die willens und bereit sind, sich zu multiethnischer Demokratie und offenen Märkten zu verpflichten. Wir arbeiten an der Schaffung eines neuen
transatlantischen Rahmens für das 21. Jahrhundert,

AMERIKA DIENST 08

der diesen Kontinent wieder vereinen und die überholten Grenzen des Kalten Krieges beseitigen wird.
Zur Erreichung dieses Ziels haben wir eine breitgefächerte Strategie für die europäische Sicherheit eingeleitet. Sie beinhaltet eine wiederbelebte NATO, die
Unterstützung für stärkere und umfassendere europäische Integration sowie starke und produktive Beziehungen zu Rußland.
Diese Strategie legt besondere Betonung auf die
Stärkung jener Organisationen, die durch die Schaffung einer Grundlage für Frieden und Wohlstand ihren
Wert unter Beweis gestellt haben. Wir verfügen bereits
über eine solide Basis mit Institutionen wir der NATO,
der Europäischen Union und der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
Diese Organisationen waren auf einen geteilten
Kontinent zugeschnitten. Jetzt müssen wir sie an die
neuen Gegebenheiten anpassen und einen neuen
Sicherheitsrahmen schaffen, der auf Integration und
Einbeziehung gründet.
Ein zentrales Element dieser Bestrebungen sind starke
transatlantische Bande. Die Geschichte lehrt uns
unmißverständlich, daß das strategische Engagement
Amerikas in Europa für die Sicherheit von Europäern
und Amerikanern gleichermaßen notwendig ist.
Gemeinsam haben wir Gegner in Verbündete und
Diktaturen in Demokratien umgewandelt. Wir haben
Institutionen geschaffen, die unsere Sicherheit und
wirtschaftliche Stärke gewährleisteten. Wir haben
Seite an Seite gestanden und im Kalten Krieg obsiegt.
Derzeit ist der Weg zum Frieden in Bosnien der
dramatischste Beweis dafür, daß die transatlantische
Partnerschaft für das Streben nach einem friedlichen,
wohlhabenden und ungeteilten Europa von elementarer Bedeutung ist. Bosnien bietet den anschaulichsten
Beweis dafür, daß Amerika der europäischen Sicherheit verpflichtet bleibt.
Trotz Bosnien argumentieren einige, Amerika sei
seiner internationalen Verpflichtungen müde. Ich
stimme dem nicht zu. Die Amerikaner sind dreimal in
diesem Jahrhundert nach Europa gekommen zweimal in heißen Kriegen, einmal in einem kalten
Krieg. Jedesmal taten wir das aus Gründen, die nicht
nur unsere nationale Großzügigkeit und ein Gefühl für
unsere internationalen Verpflichtungen widerspiegeln,
sondern auch ein Eingeständnis unserer lebenswichtigen Eigeninteressen sind.
In den Vereinigten Staaten wird jedoch derzeit eine
ernsthafte Debatte geführt. Einige sind tatsächlich
überzeugt, wir könnten in der Welt eine untergeordnete
Rolle spielen, ebenso wie es manche nach dem
Zweiten Weltkrieg für möglich hielten, und wofür

Seite 3

�andere bereits nach dem Ersten Weltkrieg Sorge
trugen.

Hauptinstitution des amerikanischen Engagements für
die europäische Sicherheit.

Ein Großteil dieser Debatte betrifft die Vereinten
Nationen. Einige Amerikaner fragen, warum wir uns
mit der UNO belasten sollen. Andere beklagen sich
über ihre bürokratische Ineffizienz und veraltete
Prioritätensetzung.

Die NATO ist auch konkreter Ausdruck der transatlantischen Beziehungen.
Der Abzug unserer
Truppen aus Europa ist fast abgeschlossen. Aber
Abzug ist nicht dasselbe wie Disengagement. Mehr
als 80.000 amerikanische Soldaten sind noch in
Deutschland; über 100.000 verbleiben in Europa.
Diese Zahlen reflektieren nicht ein verringertes
amerikanisches Engagement für Europa, sondern nur
eine verringerte Bedrohung.

Diese Argumente sind nicht leicht zu entkräften. Die
Vereinten Nationen sind eindeutig nicht in jeder
Hinsicht das, was wir uns unter ihnen vorstellten, aber
sie sind eine Kraft des Guten und ein Schutz vor dem
Bösen. Sie haben den Krieg nicht abgeschafft, ihn
aber weniger wahrscheinlich gemacht.
Natürlich müssen die Vereinten Nationen reformiert
werden. Wie alle modernen Organisationen müssen
sie ihre allgemeinen Unkosten verringen und lernen,
mit weniger Mitteln mehr zu tun. Hierzu unterbreiteten
die Vereinigten Staaten dem UN-Haushaltsausschuß
spezifische Reformvorschläge, dank derer die Organisation Millionen Dollar sparen könnte.
In der Zwischenzeit dürfen wir nicht vergessen, daß
die Vereinigten Staaten immer noch der größte
Beitragszahler der Vereinten Nationen sind. 1995
zahlten wir mehr als doppelt soviel ein wie jede andere
Regierung und bestritten ein Drittel aller Ausgaben der
Organisation.
Insgesamt bin ich zuversichtlich, daß Amerika 50
Jahren des Erfolgs nicht den Rücken kehren wird.
Wenn diese Jahre uns irgend etwas gelehrt haben,
dann die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten die
einzigartige Pflicht und die einzigartige Fähigkeit
haben, auf der ganzen Welt eine Kraft für Frieden und
Fortschritt zu sein. Aber wir können nur erfolgreich
sein, wenn wir weiterhin eine Führungsrolle übernehmen.
Das bedeutet nicht, daß Amerika jedes Problem lösen
kann. Wir können und sollten nicht der Weltpolizist
sein. Aber wie Präsident Clinton erklärte, gibt es
Zeiten, in denen Amerika und die amerikanische
Führungsrolle den Unterschied zwischen Frieden und
Krieg bewirken.
Durch die Entscheidung, führend an der Beendigung
des tragischen Krieges in Bosnien mitzuwirken,
bekräftigen die Vereinigten Staaten erneut, daß ihr
Engagement für die Zukunft Europas eine nationale
Verpflichtung darstellt, die auf einem gemeinsamen
strategischen Ziel, kollektiven Wirtschaftsinteressen
und gemeinsamen Werten fußt.
Kern dieser Verpflichtung ist die NATO. Die NATO
bringt die amerikanische Macht und Zielsetzung auf
dem europäischen Kontinent zum Tragen. Sie ist auch
weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und die

Seite 4

Mit Blick auf die Zukunft müssen wir verständlicherweise alles Gute aus der Vergangenheit bewahren.
Die NATO muß ein effektives, funktionierendes
Militärbündnis bleiben, das über die Streitkräfte und
integrierte Befehlsstruktur zur Verteidigung seiner
Mitglieder verfügt.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle wichtigen Institutionen muß
sich auch die NATO kreativ an veränderte Gegebenheiten anpassen. Sie muß eine neue Strategie
entwickeln und eine neue Mission in Angriff nehmen.
Sie muß zur Stärkung der Demokratisierung und
regionalen Stabilität bei unseren neuen demokratischen Nachbarn beitragen.
Zu diesem Zweck hat die NATO bereits neue Initiativen
eingeleitet. Die Partnerschaft für den Frieden beispielsweise ist zur wichtigsten strategischen Entwicklung für die europäische Sicherheit seit dem Ende des
Kalten Krieges geworden. Im Rahmen der PFF halten
Nationen, die in der Vergangenheit Gegner waren, jetzt
gemeinsame friedenssichernde Manöver ab.
In Bosnien stellt die NATO unter Beweis, daß sie dort
ein Garant der transatlantischen Sicherheit ist. Die
bosnische Erfahrung zeigte erneut, daß eine wirksame
Außenpolitik selbst im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
immer noch die Fähigkeit voraussetzt, eine glaubwürdige Androhung militärischer Macht zu projizieren.
Somit demonstrierte Bosnien die Notwendigkeit einer
Beteiligung der Vereinigten Staaten und der NATO an
der Wahrung des Friedens in Europa.
Darüber hinaus hat die neue Koalition in Bosnien
historische Implikationen. Dies ist das erste Mal, daß
Soldaten aus jedem Staat und jeder Region Europas
an derselben Militäroperation teilnehmen. Russen und
Litauer, Griechen und Türken, Polen und Ukrainer,
Briten, Deutsche und Franzosen gehen gemeinsam mit
Amerikanern und Kanadiern dieselben Risiken ein unter derselben Flagge zur Erreichung desselben
hehren Ziels. Wenn wir bei der Überwindung der
Spaltung Bosniens helfen, tragen wir auch zur Überwindung der Spaltung Europas bei.

AMERIKA DIENST OB

�Die Mission in Bosnien gibt einigen unserer PFFPartner eine Chance zu beweisen, daß sie die mit der
Mitgliedschaft in einem erweiterten Bündnis einhergehenden Verpflichtungen erfüllen können. Sie sind
sich bewußt, daß sie vor Aufnahme in das Bündnis
demokratische Reformen konsolidieren, ihre Streitkräfte ziviler Kontrolle unterstellen und Streitigkeiten
mit ihren Nachbarn beilegen müssen.
Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis hat
sich zur Aufnahme neuer Mitglieder verpflichtet. Es
wird die neuen Demokratien nicht ewig warten lassen.
In diesem Jahr ist die NATO in die zweite Phase des
Erweiterungsprozesses eingetreten, die langsam,
bewußt und transparent verlief. Es wurden intensive
Konsultationen mit interessierten Partnern aufgenommen um zu entscheiden, was diese zur Vorbereitung
ihrer Mitgliedschaft tun müssen und was das Bündnis
tun muß.
Die Erweiterung wird kommen. Aber um erfolgreich zu
sein, muß sie auf eine Art und Weise stattfinden, die
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent
stärkt - für Mitgliedstaaten und Nichtmitgliedstaaten
gleichermaßen. Und vor allem darf sie keine neue
Spaltung in Europa bewirken.
Hierbei ist es von entscheidender Bedeutung, daß
Rußland in dem neuen Europa seinen rechtmäßigen
Platz einnimmt. Wir haben klar erkannt, daß die
Zukunft Rußlands im Zentrum unseres Strebens nach
europäischer Stabilität steht. Unser Ziel ist die Evolution eines friedlichen, stabilen und demokratischen
Rußlands, das fest in die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integriert ist.
Natürlich darf sich Rußland nicht isolieren. Seine
Integration wird ebenso wie die Zentraleuropas von
den Entscheidungen seiner führenden Politiker und
Bürger abhängen. Auf vielen Gebieten trifft Rußland
die richtigen Entscheidungen. Die Wirtschaft wird
zunehmend von marktwirtschaftlichen Prinzipien
bestimmt. Freie Wahlen werden Tatsache. Aber
Rußland hat noch nicht das ruinöse Vermächtnis von
sieben Jahrzehnten des Kommunismus überwunden ein Erbe, das in Form von Verbrechen, Korruption und
Armut sichtbar wird.
Das Rad der Geschichte kann nicht zurückgedreht
werden. Vor fünf Jahren entschieden sich Millionen
von Bürgern der ehemaligen Sowjetunion für die
Unabhängigkeit. Die Vereinigten Staaten werden sich
weiterhin dafür einsetzen, daß sie ihr Recht darauf
wahrnehmen können.
Von Beginn der Amtszeit dieser Administration an
wußte Präsident Clinton, daß wir nur durch Engagement in Rußland unsere nationalen Interessen schützen können. Unser Engagement brachte konkrete
Ergebnisse hervor, darunter einen massiven Abbau

AMERIKA DIENST 08

unserer Nuklearwaffenarsenale. Gleichzeitig setzten
wir uns für die Beilegung unserer Differenzen über
Fragen wie nukleare Zusammenarbeit mit dem Iran
oder den Krieg in Tschetschenien ein.
Wir sind uns bewußt, daß der Umgestaltungsprozeß
lang und hart wird und es keine Erfolgsgarantie gibt.
Aber wir unterstützen Reformen, weil sie langfristig
nicht nur von Vorteil für das russische Volk, sondern
auch für Europa und Amerika sind.
Wir sind entschlossen, unsere Zusammenarbeit mit
Rußland wo immer möglich fortzusetzen. Wir ermutigen Rußland weiterhin, langfristige besondere Beziehungen zur NATO aufzubauen. Wir sind bereit zu
helfen, aber Rußland muß wissen, daß seine Integration in die westlichen Institutionen von seiner
Bereitschaft abhängt, internationale Normen einzuhalten und auf dem Reformkurs zu bleiben.
Jetzt möchte ich auf die Europäische Union zu sprechen kommen. Diese ist zweifelsohne ein Eckpfeiler
der zukünftigen Sicherheit Europas und bietet die
Grundlage für Wirtschaftswachstum und Wohlstand
auf dem gesamten Kontinent. Nur die EU kann die von
den kürzlich liberalisierten Volkswirtschaften benötigten Märkte bieten. Nur durch eine EU-Mitgliedschaft
können die entscheidenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Reformen in diesen neuentstehenden Demokratien konsolidiert werden.
Wir sind uns bewußt, daß sich die EU in den kommenden Jahren großen Herausforderungen stellen muß,
die wahrscheinlich zu einer Umgestaltung ihrer
Institutionen, Operationen und Identität führen werden.
Die EU muß im Zuge ihrer Erweiterung die Notwendigkeit effizienterer Entscheidungsfindungsprozesse mit
den Anforderungen an eine große und wachsende
Mitgliedschaft in Einklang bringen.
Die Vereinigten Staaten ihrerseits begrüßen Bestrebungen zur Stärkung und Erweiterung der EU, ebenso
wie wir den Prozeß der europäischen Integration in
den vergangenen 50 Jahren unterstützt haben.
Amerikanische Administrationen - Demokraten und
Republikaner gleichermaßen - sind geeint in ihrer
Überzeugung, daß ein starkes Europa starke Vereinigte Staaten bedeutet. Unseres Erachtens trägt
eine erweiterte EU-Mitgliedschaft zur Schaffung eines
stabilen und demokratischen Europas bei.
Ferner fördern wir Schritte der Europäischen Union,
die sie sowohl in Europa als auch weltweit zu einem
stärkeren Partner machen. Um ein solcher Partner zu
werden, dessen politische und diplomatische Stärke
seiner wirtschaftlichen und handelspolitischen Macht
entspricht, muß die EU Wege finden, die über ihren
derzeitigen, oftmals begrenzten Ansatz bei vielen
außenpolitischen Fragen hinausgehen.

Seite 5

�Ich bin optimistisch, daß die Herausforderungen der
EU erfolgreich bewältigt werden. Gemeinsam führen
die Vereinigten Staaten und Europa die Welt zu
offenen Märkten und mehr Wohlstand. Seit einem
halben Jahrhundert haben sie eine gemeinsame Vision
von zunehmend offenem Welthandel, für deren
Realisierung sie sich zusammen einsetzten. Aber
unsere Arbeit ist noch nicht beendet. Wir haben immer
noch die Aufgabe, uns gemeinsam dem Protektionismus zu widersetzen und die Weltmärkte zu öffnen.
Nach dem Abschluß der Uruguay-Runde und der
Gründung der Welthandelsorganisation müssen wir mit
der Schaffung eines transatlantischen Konsenses über
zukünftige Richtungen unseres bilateralen Handels
und der Entwicklung eines gemeinsamen Ansatzes für
die weitere Öffnung der Weltmärkte beginnen.
Insbesondere müssen wir in den Bereichen auf
Fortschritte drängen, in denen die größten verbleibenden Hindernisse für die Ausweitung des transatlantischen Handels bestehen: Öffentliche Versorgungsbetriebe, Beschränkungen im audiovisuellen Bereich
sowie unnötige Normen und Vorschriften. Und es ist
unerläßlich, in dem Bereich schnelle Fortschritte zu
machen, der in der heutigen Weltwirtschaft wohl den
wichtigsten Wachstumssektor darstellt - beim Telekommunikationswesen.
Die Regierung der Vereinigten Staaten traf in den
vergangenen Monaten bedeutende Entscheidungen,
die zu einer weiteren Öffnung des amerikanischen
Telekommunikationsmarktes für ausländische Investoren führen.
Diese Entscheidungen werden
Anreize für Privatinvestitionen geben, den Wettbewerb
fördern, Zugang zur Datenautobahn bieten, universelle
Dienstleistungen verbessern und ein flexibleres
Regelsystem errichten.
Das Gesetz hierzu ist ein weiterer Hinweis auf die
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten, bei ihrer
Telekommunikationspolitik einen fortschrittlichen Kurs
zu verfolgen.
Dadurch wird der amerikanische
Telekommunikationsmarkt noch attraktiver für Investitionen ausländischer Unternehmen. Außerdem
unterstreicht das Gesetz, wie wichtig wir Privatinvestitionen und offenen Wettbewerb erachten.
Dies sind wesentliche Schritte zur Öffnung des
Telekommunikationsmarktes weltweit. Sie bieten eine
große Chance, die Europäer und andere nicht verpassen dürfen. Wie der Handelskommissar der Europäischen Union, Sir Leon Brittan, kürzlich äußerte, muß
auch Europa unbedingt seinen Telekommunikationsmarkt öffnen. In diesem Zusammenhang sehen wir
der für Ende dieses Jahres zugesagten Reform des
Telekommunikationswesens in Deutschland erwartungsvoll entgegen.
Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt, unsere Wirtschaftsbeziehungen als selbstverständlich hinzuneh-

Seite 6

men. Ohne die Zwänge des Kalten Krieges können wir
nicht länger erwarten, daß handelspolitische Differenzen automatisch den gemeinsamen Sicherheitsanliegen untergeordnet werden. Wir dürfen jedoch
nicht zulassen, daß die unvermeidbaren Kontroversen
bei unseren Handelsbeziehungen die übergeordneten
Vorteile unserer Wirtschaftspartnerschaft unterminieren.
Bei den amerikanisch-europäischen Beziehungen
steht in wirtschaftlicher Hinsicht enorm viel auf dem
Spiel. Europa ist natürlich unser größter und wichtigster Handelspartner. Die jüngsten Zahlen zeigen, daß
die amerikanischen Exporte in die Europäische Union
sich jährlich auf 130 Milliarden Dollar belaufen, damit
noch vor Kanada, unserem zweitgrößten Absatzmarkt,
liegen und mehr als doppelt so hoch sind wir die nach
Japan, unserem drittgrößten Absatzmarkt. Die EU ist
der größte Markt für 29 der 50 amerikanischen Bundesstaaten, einschließlich der im Westen gelegenen
wie Kalifornien und Washington.
Die Zahlen sind nur ein Teil der Geschichte. Der
Großteil internationaler Geschäftstätigkeit erfolgt durch
Investitionen und Produktion auf ausländischen
Märkten - nicht durch Exporte. Während die weltweiten amerikanischen Exporte von Waren und
Dienstleistungen sich auf ungefähr 700 Milliarden
Dollar belaufen, betragen die Verkäufe von Tochtergesellschaften amerikanischer Unternehmen im Ausland
ungefähr 1,6 Billionen Dollar. Mehr als die Hälfte
dieses Absatzes findet in Europa statt. Und wieder ist
es eine in beide Richtungen führende Straße: Die
Niederlassungen europäischer Unternehmen in den
Vereinigten Staaten setzen nahezu 700 Milliarden
Dollar ab.
Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union
sind der größte Investor im anderen Land mit Investitionen von jeweils 270 Milliarden Dollar. Das sind
mehr als die Hälfte der amerikanischen Direktinvestitionen im Ausland - 40 Prozent mehr als in Lateinamerika und Asien zusammengenommen.
Die Tochterfirmen europäischer Unternehmen in den
Vereinigten Staaten beschäftigen drei Millionen
amerikanische Arbeitnehmer, und eine ebenso große
Anzahl von Europäern ist bei amerikanischen Firmen
in Europa angestellt.
Die Vermögenswerte amerikanischer Unternehmen in
Europa belaufen sich auf nahezu eine Billion Dollar weitaus mehr als die amerikanischen Vermögenswerte
in Asien in Höhe von 200 Milliarden Dollar. Und die
amerikanischen Neuinvestitionen in Europa sind immer
noch, größer als die Neuinvestitionen in Asien - trotz
des schnellen Wachstums der asiatischen Märkte.
Insgesamt beläuft sich der amerikanisch-europäische
Handel auf rund 1,7 Billionen Dollar jährlich - eine

AMERIKA DIENST 08

�überwältigende Zahl, die nahezu 50 Prozent höher ist
als unser transpazifischer Handel.
Natürlich haben sowohl Europa als auch Amerika
andere bedeutende kommerzielle Interessen. Die
Vereinigten Staaten wollen den Freihandel in Asien
und im Pazifik sowie in der westlichen Hemisphäre
erweitern. Europa möchte den Binnenmarkt weiter
integrieren sowie Zentral- und Osteuropa in diesen
Markt einbeziehen. Das sind wichtige Anliegen.
Unsere Interessen an anderen Orten der Welt lenken
jedoch nicht von der zentralen Bedeutung der
amerikanisch-europäischen Beziehungen ab.
Im
Dezember vergangenen Jahres unternahmen die
Vereinigten Staaten und Europa in Madrid bedeutende
Schritte zur Erweiterung und Vertiefung dieser Beziehungen, indem sie eine neue Tagesordnung der
politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit
vereinbarten.
Diese neue transatlantische Tagesordnung unterstreicht das breite Spektrum der Beziehungen und
befaßt sich nicht nur mit traditionellen Handelsfragen,
sondern auch mit einer großen Bandbreite politischer
und wirtschaftlicher Initiativen auf der ganzen Welt.
Gemeinsam werden wir versuchen, unser enormes
Gewicht und unseren Einfluß auf vielfältige Weise
einzusetzen. Zum einen werden wir unsere Bestrebungen zur Förderung von Frieden, Entwicklung und
Demokratie - sei es in Bosnien, dem Nahen Osten, der
Türkei oder andernorts - weiter koordinieren.
Wir werden die Zusammenarbeit bei den von mir
bereits erwähnten
globalen
Herausforderungen
erweitern - der Bekämpfung von organisiertem Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus sowie der
Bewältigung von Umweltproblemen, AIDS und anderen
Epidemien.
Wir haben zugestimmt, eine Führungsrolle bei der
Erweiterung des Welthandels durch die Unterstützung
der Welthandelsorganisation und mit konkreten
Schritten zum Abbau oder der Beseitigung von
Hindernissen für den Fluß von Waren, Dienstleistungen und Kapital zu übernehmen. Wir werden die
nichttarifären Hemmnisse für freien transatlantischen
Handel ansprechen, wie etwa widersprüchliche
Normen, doppelte Erprobungs- und Genehmigungsverfahren sowie andere Widersprüche bei den Bestimmungen.
Das mögen nur kleine Schritte sein. Wenn man sich
jedoch den Umfang der amerikanisch-europäischen
Beziehungen vor Augen hält, bedeutet eine Maßnahme, die den Handel um nur ein Prozent erhöht,
ungefähr 2 Milliarden Dollar an zusätzlichem Handel.
Das ist viel Geld. Und eine einprozentige Aufstockung
- oder mehr - ist in greifbare Nähe gerückt.

AMERIKA DIENST 08

Und schließlich haben wir uns bezüglich der andauernden Notwendigkeit geeinigt, Brücken über den
Atlantik zu schlagen, die bessere Kommunikation
zwischen unseren Bürgern, Wissenschaftlern, Lehrern,
Forschungsinstitutionen und unseren Geschäftsleuten
fördern.
Insgesamt gesehen hoffen wir, daß diese neue
transatlantische Tagesordnung den Rahmen und die
erforderliche Disziplin bietet, um unsere Zusammenarbeit effektiver und kohärenter zu gestalten. Sie wird
die EU für amerikanische Politiker transparenter
machen und das erste Mal markieren, an dem wir uns
umfassend mit der Europäischen Union auseinandergesetzt haben, nicht nur als politische Kraft mit
dem Potential, als Partner an der Seite der Vereinigten
Staaten bei einer Vielzahl außenpolitischer und
diplomatischer Initiativen zu stehen.
Die neuen transatlantischen Verbindungen von heute
werden auch durch ein reiches Vermächtnis kultureller
und familiärer Bande verstärkt, die Jahrhunderte
zurückreichen. Seit dem 17. Jahrhundert haben über
sieben Millionen Deutsche Europa verlassen, um in
Amerika ein neues Leben zu beginnen - und viele von
ihnen kamen aus dieser großartigen Stadt. Heute
zählen die Nachfahren dieser Einwanderer ungefähr
60 Millionen - und machen rund ein Viertel der amerikanischen Bevölkerung aus.
Diese elementaren menschlichen Bande tragen zur
Stärke und Widerstandskraft unserer politischen und
sicherheitspolitischen Beziehungen bei. Es ist unsere
Aufgabe, darauf zu achten, daß diese Verbindungen
konstant erneuert werden. Seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs haben ungefähr 15 Millionen amerikanische
Soldaten und ihre Familienangehörigen in Deutschland
gelebt. Sie sind als Millionen "Botschafter" für Ihr Land
nach Amerika zurückgekehrt.
Während diese Präsenz verringert - oder wie in Berlin
vollständig abgebaut - wird, müssen wir kreativer beim
Sondieren neuer Wege sein, um Amerikaner und
Deutsche in Kontakt zueinander zu bringen. Wir
müssen weiterhin zusammenarbeiten, um die Relevanz und Lebensfähigkeit unserer gemeinsamen
Werte in diesen Zeiten des Wandels sicherzustellen.
Wir sehen uns heute vielfältigen Herausforderungen
gegenüber. Es sind jedoch nicht die ersten, denen wir
uns gemeinsam stellen, und es gibt keinen Grund zu
Pessimismus.
Die uns heute konfrontierenden
Gefahren unterscheiden sich von denen des Kalten
Krieges, aber unsere Antwort muß sich auf dieselben
Prinzipien gründen, die uns seit 50 Jahren so erfolgreich leiten. General Omar Bradley sagte nach dem
Zweiten Weltkrieg einmal: "Jetzt ist es an der Zeit,
anhand der Sterne zu steuern und nicht anhand der
Lichter jedes vorbeiziehenden Schiffs."

Seite 7

�Einer der am hellsten leuchtenden Sterne ist die
transatlantische Partnerschaft. Durch Zusammenarbeit haben wir beispiellosen Frieden und Wohlstand
geschaffen. Dies ist sicherlich nicht die richtige Zeit,
denen Glauben zu schenken, die Protektionismus und
Isolationismus predigen. Amerika und die Welt haben
diesen Kurs in den dreißiger Jahren eingeschlagen und unser Fehler führte zur Weltwirtschaftskrise und
bereitete den Weg für den Zweiten Weltkrieg.

Im Gegenteil, jetzt ist es an der Zeit für Engagement
und Führung. Gemeinsam haben wir jetzt eine
historische Chance zum Aufbau neuer Partnerschaften
über diesen Kontinent hinweg und auf der ganzen
Welt: Rückzug ist keine Option.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 8

AMERIKA DIENST 08

�USA-EUROPA

17. April 1996

Europa sollte nicht nur unter dem Aspekt der
Ost-West-Beziehungen gesehen werden
Rede von General John Sheehan

WILLIAMSBURG - (AD) - "Wir können es uns nicht mehr leisten, Europa ausschließlich unter dem Aspekt der
Ost-West-Beziehungen zu sehen, und wir dürfen Sicherheit nicht nur in einem militärischen Kontext definieren",
erklärte General John Sheehan von der US-Armee am 12. April 1996 bei einer Konferenz über westliche
Sicherheit in Williamsburg (Virginia). Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Generals bei der Konferenz
mit dem Titel "Streben nach westlicher Sicherheit angesichts globaler Unsicherheit", die vom College of William
and Mary und dem Obersten Alliierten Befehlshaber Atlantik (SACLANT) gemeinsam organisiert wurde.

Es ist mir eine Freude, Sie alle begrüßen zu dürfen.
Diese Konferenz ist eine weitere Errungenschaft bei
den beruflichen Beziehungen zwischen dem College of
William and Mary und dem Obersten Alliierten Befehlshaber Atlantik (SACLANT) der NATO. Unsere intellektuelle Verbindung kommt beiden Institutionen zugute.
Aber als jemand, der für zwei Studenten von William
and Mary die Studiengebühren bezahlt hat, sollte ich
nicht unerwähnt lassen, daß ich auch eine finanzielle
Beziehung zu dieser großartigen Universität habe.

Keiner von uns war aufgrund der Entfernung von den
Schrecken in Bosnien abgesondert. Im Zeitalter von
Skynet und CNN gelangen diese Konflikte täglich in
unsere Wohnzimmer.

Das Thema der diesjährigen Konferenz "Streben nach
westlicher Sicherheit angesichts globaler Unsicherheit"
ist höchst aktuell.

Ob es einem gefällt oder nicht: Die Zukunft der NATO
wird von ihrem Erfolg oder Scheitern in Bosnien
beeinflußt. Eine Wiederkehr des Krieges in diesem
Land könnte den Frieden, die Sicherheit und den
Wohlstand aller Nachbarstaaten des ehemaligen
Jugoslawiens bedrohen.

Derzeit versuchen in Bosnien 60.000 Soldaten,
Seeleute, Flieger und Marineinfanteristen aus Mitgliedstaaten und Nichtmitgliedstaaten der NATO, dem
Frieden in dem vom Krieg zerrütteten Land eine
Chance zu geben.
Sie befinden sich dort auf einer noblen, aber schwierigen und komplexen Mission, deren Konsequenzen
weit über die geographischen Grenzen Bosniens oder
sogar des ehemaligen Jugoslawiens hinausgehen.
Die Männer und Frauen der IFOR bemühen sich um
die Beendigung eines Bürgerkrieges, der bereits zum
schlimmsten Blutvergießen in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg geführt hat.

AMERIKA DIENST 08

Mit Bosnien als ernüchterndem Hintergrund erörtert
das transatlantische Bündnis heute einen Sicherheitsrahmen sowie seine eigene Zukunft im Hinblick auf die
potentiellen Auswirkungen eines noch unsicheren
Ergebnisses.

Wir haben seit jenen Tagen überschwenglicher
Begeisterung im Dezember 1989, als wir voller
Staunen Zeugen des Falls der Berliner Mauer wurden,
einen weiten Weg zurückgelegt. Damals prognostizierten viele, das Ende des Kalten Krieges signalisiere
das Ende von Konflikten.
Manche, wie Lady Thatcher, wußten es jedoch besser.
Sie warnte uns, "Euphorie ist ein schlechter Lehrmeister".
Während wir weiterhin eine Zeit dramatischer politischer Veränderungen und Unsicherheit auf der Welt

Seite 1

�erleben, ist die Notwendigkeit veränderter Perspektiven, nüchterner Einschätzungen sowie neuer Ideen
größer als jemals zuvor.
Diese Konferenz, an der Redner und Delegierte von
unterschiedlicher Herkunft, aus verschiedenen
Kulturen und Generationen teilnehmen, sollte uns
helfen, die Chancen und Erfordernisse für den entstehenden Sicherheitsrahmen zu artikulieren.
In der heutigen Welt ohne die Gewißheit der Regeln,
Parameter und Lösungen von vier Jahrzehnten des
Kalten Krieges mangelt es vielen Diskussionen über
die europäische Sicherheit oft an Substanz und Fokus.
Wenn man die Oberfläche ankratzt, wird klar, daß die
konzeptuelle Grundlage vieler Diskussionen immer
noch die Denkweise eines vergangenen, bipolaren
Zeitalters ist.
Wir können es uns nicht mehr leisten, Europa ausschließlich unter dem Aspekt der Ost-West-Beziehungen zu sehen, und wir dürfen Sicherheit nicht nur in
einem militärischen Kontext definieren.
Die heutigen Herausforderungen sind zu komplex und
diffus. Die Schaffung einer gemeinsamen Vision und
die Suche nach einer koordinierten Antwort erfordert,
daß wir neben der gewohnten militärischen Dimension
die politische, wirtschaftliche, kulturelle und sogar
umweltpolitische Dimension der heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen erkennen.
Wenn wir diese Fragen erörtern, sollten wir auch die
Konsequenzen eines möglichen Scheiterns ansprechen. Politiker, Journalisten und Gelehrte gleichermaßen gebrauchen - oder überstrapazieren - oft
Worte wie Krise oder Katastrophe, wenn sie darlegen,
was geschehen wird, wenn wir die heutigen Herausforderungen einer Anpassung und Stärkung existierender Sicherheitsstrukturen nicht bewältigen.
Die fortgesetzte starke Verringerung der Verteidigungsausgaben aller NATO-Mitgliedstaaten sowie der
Wahlkampf in den Vereinigten Staaten zeigen, daß
viele Bürger unserer Nationen nicht von der Notwendigkeit eines weiteren Engagements überzeugt sind.
Bei meinem Versuch, das derzeitige europäische
Sicherheitsumfeld zu verstehen, griff ich kürzlich zu
einem Buch über europäische Geschichte, das von
einem Professor der University of Chicago verfaßt
wurde. Im letzten Kapitel des Buches mit dem Titel "An
der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert" (On the
Threshold of a New Century) führt der Autor die
zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften europäischer Nationen im vergangenen
Jahrhundert sowie ihre Bedeutung für die Zukunft
Europas auf.

Seite 2

Der Verfasser legt überzeugend dar, politische und
wirtschaftliche Interaktion signalisierten, daß Europa in
ein neues Zeitalter eintrat, in dem Diplomatie, Verhandlungen und Kooperation an die Stelle von Konflikten
treten sollten.
Bedauerlicherweise war die Hypothese des Autors ein
wenig zu optimistisch. Sein Buch wurde nämlich 1911
veröffentlicht. In den sieben Jahren nach seinem
Erscheinen kamen in Europa 10 Millionen Menschen,
darunter mehr als 100.000 Amerikaner und 60.000
Kanadier, ums Leben - in einer als Erstem Weltkrieg
bezeichneten Auseinandersetzung, dem "Krieg zur
Beendigung aller Kriege".
Trotz dieser tragischen Verluste waren die Sieger nicht
in der Lage, nach dem Ersten Weltkrieg ein funktionierendes Sicherheitssystem zu schaffen, und innerhalb
eines Vierteljahrhunderts forderte ein weiterer Krieg in
Europa 50 Millionen Menschenleben, darunter das
von 250.000 Amerikanern und 42.000 Kanadiern.
Wenn man etwas über die Ereignisse der Jahre nach
dem Ersten Weltkrieg liest, ist man erstaunt darüber,
wie der Völkerbund trotz seines großen Versprechens
kollektiver Sicherheit aufgrund der Uneinigkeit und
dem Mißtrauen zwischen den Verbündeten scheiterte.
Nach dem Blutbad des Zweiten Weltkriegs waren
Menschen mit Weitblick und Mut entschlossen, die von
ihren Vorgängern in Versailles gemachten Fehler nicht
zu wiederholen. Einer dieser Visionäre, George C.
Marshall, hatte die mit der Schaffung globaler Sicherheit aus der Asche eines Weltkrieges einhergehenden Herausforderungen verstanden, als er
erklärte:
"Wenn der Mensch eine Lösung findet, um Frieden auf der Welt zu
schaffen, wird das der revolutionärste
Umbruch sein, den wir jemals erlebt
haben."
Als Veteran des Ersten Weltkriegs kannte er die
Konsequenzen, falls sich die wirtschaftlichen, politischen und Verteidigungsinstitutionen Europas nicht
vom Zweiten Weltkrieg erholen sollten. Er verstand
auch die Schwierigkeit der Nationen bei der Beibehaltung ihres Fokus und Engagements in einem Nachkriegsumfeld.
Seine Vision war von ihrem Fokus her einbeziehend
und von ihrem Ton her nicht kriegerisch. In seiner
berühmten Rede in Harvard, die später als Marshallplan bekannt wurde, erklärte er:
"Unsere Politik richtet sich nicht gegen irgendein Land oder eine Doktrin,
sondern gegen Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos. Ihr Ziel sollte

AMERIKA DIENST 08

�die Wiederbelebung einer funktionierenden Weltwirtschaft sein, damit
politische und soziale Bedingungen
geschaffen werden, unter denen freie
Institutionen existieren können."

Trotz anfänglicher Erfolge der IFOR müssen wir uns
immer wieder fragen: Ist es ein Zufall, daß ein großer
Konflikt jeweils am Anfang und am Ende dieses
Jahrhunderts sein Epizentrum an einem Ort namens
Sarajevo hatte?

Die Vision und Errungenschaften General Marshalls
am Ende des Zweiten Weltkriegs führten zu einem
wohlhabenden und friedlichen Westeuropa, aber seine
Vision eines geeinten Europas wurde schon bald vom
Kalten Krieg vereitelt.

Sind unsere Sicherheitsabkommen und -institutionen
der Aufgabe gewachsen, echte kollektive Sicherheit zu
bieten, oder sind sie die modernen Äquivalente des
Versailler Vertrags und des Völkerbundes?

Aufgrund der Lektionen der Zeit nach dem Zweiten
Weltkrieg verfolgen unsere Politiker heute eine kluge
Politik des Engagements bei unseren ehemaligen
Gegnern, anstatt sie während ihrer Übergangszeit zu
isolieren.
Bis heute haben die NATO und ihre Mitgliedstaaten
hart daran gearbeitet, das Militär von NATO-Ländern
und den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts
nach dem Kalten Krieg zusammenzubringen.
Das wichtigste Mittel für diese Interaktion war das im
Januar 1994 eingeleitete Programm der Partnerschaft
für den Frieden (PFF). Seitdem haben wir verschiedene Manöver und Ausbildungsaktivitäten mit einer
Anzahl von Ländern des früheren Warschauer Pakts
und den neuen Militärs der ehemaligen Sowjetunion
durchgeführt.
Beispielsweise veranstalteten wir vergangenes Jahr
die erste Übung der PFF auf amerikanischem Territorium. Bei einem "Cooperative Nugget" genannten
Manöver in Fort Polk (Louisiana) kamen mehr als
4.300 Soldaten aus 14 PFF-Ländern, Kanada, Großbritannien und den Vereinigten Staaten sowie Beobachter aus 11 weiteren PFF-Staaten drei Wochen
lang zu intensiven Friedenssicherungsübungen
zusammen.
Vergangenes Jahr führten wir auch zwei bilaterale
Übungen durch, im Rahmen derer ukrainische und
russische Truppen in die Vereinigten Staaten kamen,
um dort mit ihren amerikanischen Kollegen zusammenzuarbeiten.
Diese Kontakte zwischen den Militärs verschiedener
Länder haben bereits beeindruckende Dividenden
erbracht. Heute zählen Rußland und die Ukraine zu
den vielen PFF-Nationen, die Seite an Seite mit den
Vereinigten Staaten und anderen NATO-Mitgliedstaaten als Teil der IFOR in Bosnien tätig sind.
Vorläufige Berichte weisen auf ein Ausmaß der
Zusammenarbeit zwischen der IFOR und der PFF hin,
das weit über das von einigen Prognostizierte hinausgeht.

AMERIKA DIENST 08

Obwohl die dieses Jahrhundert dominierenden
ideologischen Spaltungen verschwunden sind, tritt jetzt
älterer und sogar noch bösartigerer kultureller und
religiöser Haß an die Stelle dieser Ideologien.
Die Geschichte lehrt uns, daß die Verhütung von
Konflikten weitaus mehr erfordert als guten Willen oder
Wunschdenken. Sie erfordert klare Analyse, intellektuelles Engagement, einen Plan sowie ausreichende
Mittel zu seiner Durchführung.
Obwohl sie nicht perfekt ist, lehrt uns die von der
NATO während des vergangenen halben Jahrhunderts
gemachte Erfahrung, daß kollektive Sicherheit funktioniert. Damit kollektive Sicherheit wirklich effektiv sein
kann, sind ein ernsthaftes Engagement aller Beteiligten
sowie größere Investitionen in Form von Zeit, Mühe
und Ressourcen erforderlich.
Während wir uns dem Ende des gewaltsamsten und
zerstörerischsten Jahrhunderts der Geschichte
nähern, besteht unsere Herausforderung darin, aus
den teuer bezahlten Lektionen des 20. Jahrhunderts
zu lernen, damit wir praktische Lösungen für andauernde Sicherheitsprobleme finden und einen
erneuten Rückfall in die Selbstisolation verhindern.
Bei diesem Symposium geht es um den Austausch
und die Erläuterung unserer Ideen, damit wir diese
historische Chance ergreifen können - die Erfüllung
von Marshalls Vision.
In den kommenden beiden Tagen werden wir vielen
herausragenden Rednern zuhören: Diplomaten,
Wissenschaftlern, Journalisten und einer ehemaligen
Regierungschefin - Lady Thatcher.
Ein solcher intellektueller Austausch ist von elementarer Bedeutung, wenn wir diese neuentstehende Welt
sinnvoll gestalten wollen und - noch wichtiger - die
Saat der Zusammenarbeit säen wollen, die uns helfen
wird, im Zeitalter nach dem Kalten Krieg das zu
erreichen, wofür sich General Marshall und seine
Zeitgenossen nach dem Zweiten Weltkrieg so stark
einsetzten.
Wenn Sie diesen herausragenden Rednern zuhören,
sollten Sie sich daran erinnern, daß unser Ziel die
Bewertung zeitgenössischer amerikanischer und

Seite 3

�europäischer Sicherheitsfragen und die Entwicklung
neuer Ideen oder eines Konsenses darüber sein
sohlte, wie wir unseren Sicherheitsrahmen zur Bewältigung der Herausforderungen des kommenden Jahrhunderts umgestalten.
Da wir Neuland betreten, können wir alle zur Entwicklung neuer Strategien und innovativer Programme
beitragen, die uns einen klugen Einsatz unserer
begrenzten Mittel beim Umgang mit dem neuen
globalen Sicherheitsumfeld gestatten.

Am wichtigsten ist, daß diese Konferenz uns hoffentlich bei der Entwicklung einer gemeinsamen Vision
helfen wird - einer Vision davon, wo wir in der Zukunft
stehen wollen, die unabhängig von unserem derzeitigen Standort ist und definitiv unabhängig davon,
wo wir in der Vergangenheit standen.
Nur dann kann General Marshalls Vision von einem
sicheren, stabilen und demokratischen Bündnis
verwirklicht werden.
Ich danke Ihnen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 08

�BOSNIEN
17. April 1996

Der Wiederaufbau Bosniens
von Lawrence H. Summers

WASHINGTON - (AD) - Im Vorfeld der in Brüssel anberaumten Konferenz der Geberländer über die
Wiederaufbauhilfe für Bosnien verfaßte der Stellvertretende Finanzminister und Leiter der US-Delegation bei der
Konferenz, Lawrence H. Summers, nachfolgenden Artikel.

Im vergangenen Jahr spielten die Vereinigten Staaten
in Zusammenarbeit mit ihren europäischen Partnern
eine zentrale Rolle bei der Herbeiführung des Friedens
in Bosnien. Aber die Unterzeichnung des Abkommens
von Dayton ist nur der Anfang eines Prozesses, der
beträchtliche internationale Beteiligung erfordern wird,
wenn wir einen dauerhaften Frieden schaffen wollen.
Die Friedenstruppe der NATO - IFOR - entsendete
unverzüglich ihre Soldaten, und die Gewehre wurden
im großen und ganzen zum Schweigen gebracht.
Wenn es jedoch einen echten und dauerhaften Frieden
für Bosnien geben soll, wenn die Waffen für immer
niedergelegt werden sollen, dann muß das bosnische
Volk eine Friedensdividende erhalten. Die - durch vier
Kriegsjahre verwüstete - Volkswirtschaft des Landes
muß wiederaufgebaut und reformiert werden, damit die
Kombattanten für sich und ihre Kinder im Frieden eine
vielversprechendere Zukunft sehen als in der Rückkehr zum Krieg.

der Föderation ist arbeitslos, und 80 Prozent
der Bosnier bedürfen humanitärer Hilfe.
Die Weltbank hat eine Führungsrolle bei der Erarbeitung eines internationalen Plans mit dreijähriger
Laufzeit in Höhe von 5,1 Milliarden Dollar für den
Wiederaufbau Bosniens übernommen.
Dieses
Programm umfaßt zehn Sektoren der Volkswirtschaft darunter Energie, Landwirtschaft und Verkehr - und
führt die Projekte sowie die erforderliche Unterstützung
der Geberländer für den Wiederaufbau der zerstörten
bosnischen Volkswirtschaft auf. Diese Bestrebungen
verdienen zusammen mit den außergewöhnlichen
Schritten der Bank, den Geldfluß für Bosnien zu
mobilisieren, besonderes Lob.

Dies ist eine enorme Herausforderung, und es steht
sehr viel auf dem Spiel.

Im Dezember vergangenen Jahres veranstalteten die
EU-Kommission und die Weltbank eine Minikonferenz
der Geberländer, um Starthilfe für den Wiederaufbau
zu leisten. Über 600 Millionen Dollar wurden bereits
zugewiesen, darunter 62,5 Millionen Dollar aus den
Vereinigten Staaten sowie großzügige Unterstützung
von Europa und der Weltbank.

Das Pro-Kopf-Einkommen der muslimischen
Bevölkerung sank von 1.900 Dollar vor dem
Krieg auf ungefähr 500 Dollar Ende 1995. Bei
Kriegsende betrug die Industrieproduktion
weniger als 10 Prozent der Zahlen vor dem
Krieg.

An diesem Wochenende werde ich die amerikanische
Delegation bei einer Konferenz der Geberländer für
Bosnien leiten, bei der die restlichen für den Wiederaufbau im Jahr 1996 benötigten 1,2 Milliarden Dollar
aufgebracht werden sollen. Die Vereinigten Staaten
werden ihren Beitrag leisten.

Rund 35 Prozent der bosnischen Straßen, 40
Prozent der Brücken und über 50 Prozent der
Grundschulen wurden zerstört oder beschädigt. Ungefähr 75 Prozent der Bevölkerung

Am 29. März bewilligte der Kongreß ein zusätzliches
Hilfspaket für Bosnien in Höhe von 198 Millionen
Dollar. Präsident Clinton erklärte wiederholt, der
Beitrag der Vereinigten Staaten zum Wiederaufbau
Bosniens würde sich in den nächsten drei Jahren auf

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�600 Millionen Dollar belaufen. Mit diesen Geldern soll
ein bereits eingeleitetes wirksames amerikanisches
Programm finanziert werden. Wir werden die grundlegende Infrastruktur wiederaufbauen und die kommunalen Dienstleistungen wiedereinführen. Wir werden
technische Hilfe zum Aufbau einer marktwirtschaftlichen Ordnung und demokratischen Gesellschaft
gewähren.

besondere in Europa und Japan auf, gemeinsam mit uns einen möglichst großzügigen
Beitrag zu leisten.
Der wirtschaftliche Wiederaufbau muß beschleunigt werden. Wir alle müssen den Mut
haben, unsere Wirtschaftshilfe so bald wie
möglich bereitzustellen. Zusagen müssen in
Auszahlungen umgewandelt werden. Die
Geberländer müssen vor Ort sein und ihre
Aktivitäten enger und intensiver mit dem
Programm der Weltbank koordinieren.

Diese Bestrebungen sind Bestandteil eines weitaus
umfassenderen Engagements der internationalen
Staatengemeinschaft zur Unterstützung der Menschen
in Bosnien beim Wiederaufbau ihrer Nation. Die NATO
trägt einen Großteil der Last bei der Wahrung des
Friedens. Die Vereinigten Staaten und Europa stellen
weiterhin humanitäre Hilfe großen Umfangs bereit, und
Hunderttausende von Flüchtlingen haben in ganz
Europa Zuflucht gefunden. Die internationale Staatengemeinschaft engagiert sich stark, den Menschen in
Bosnien bei der Vorbereitung freier und fairer Wahlen
in diesem Sommer zu helfen, die Rückkehr von
Vertriebenen und Flüchtlingen zu fördern, unerläßliche
staatliche Strukturen zu schaffen, Menschenrechte zu
schützen, eine effektive und fair arbeitende Polizei
aufzubauen und Millionen von Landminen zu entschärfen.
Das sind starke und kooperative Bestrebungen. Aber
die Herausforderungen sind enorm.
Der Bedarf an Ressourcen in Bosnien ist groß,
und wir alle sehen uns mit haushaltspolitischen Engpässen konfrontiert. Damit diese
Konferenz der Geberländer erfolgreich sein
kann, rufe ich alle unsere Verbündeten, ins-

Die Vertreter der Bosnischen Föderation
müssen beim Aufbau grundlegender staatlicher Institutionen und Strukturen bessere
Arbeit leisten. Sie müssen Zölle und Steuern
erheben, ein Haushaltsgesetz verabschieden
und eine solide Währung fördern. Andernfalls
kann ein Großteil unserer Hilfe nicht effektiv
eingesetzt werden und versickert.
Sowohl die Föderation als auch die Republik
Srpska müssen weiterhin das Ihrige zur
Unterstützung des Friedensprozesses unternehmen, indem sie alle Aspekte des Daytoner
Abkommens uneingeschränkt befolgen.
Das dieses Wochenende in Brüssel stattfindende
Treffen ist wirklich von elementarer Bedeutung. Es ist
wesentlicher Bestandteil der Arbeit der internationalen
Staatengemeinschaft zur Förderung eines dauerhaften
Friedens in Bosnien. Um erfolgreich zu sein, müssen
wir zusammenarbeiten und alles in unserer Macht
Stehende tun.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 08

�MENSCHENRECHTE

17. April 1996

Frauenrechte sind Menschenrechte
Rede von Botschafterin Ferraro

GENF - (AD) - In ihrer Rede vor der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf erklärte die
Leiterin der amerikanischen Delegation, Botschafterin Geraldine Ferraro, am 10. April 1996, es sei leicht, die
Worte "Frauenrechte sind Menschenrechte" zu sagen, aber schwierig, sie in die Praxis umzusetzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Ferraro im Wortlaut.

Herr Vorsitzender,
ein frischer, sauberer Wind weht durch diese Hallen
und treibt den Staub der Ungerechtigkeit und Vorurteile
vor sich her. Er steht für ein Konzept, das so alt ist,
daß es jahrhundertelang übersehen wurde, aber doch
so neu ist, daß es häufig Kontroversen auslöst. Er
gründet auf ein Prinzip, das so rein wie das Lachen
eines Kindes, so solide wie ein alpiner Berggipfel und
so gerecht ist, wie eine menschliche Sache sein kann.
Es ist beeindruckend in seiner Einfachheit, revolutionär
in seiner Reichweite und mächtig dank der darin
enthaltenen Möglichkeiten.
Drei Worte formen diesen mutigen neuen Wind - drei
einfache, leichte Worte. Aber sie verändern unsere
Denkweise über die Hälfte der Weltbevölkerung. Ja,
Herr Vorsitzender, wir haben diese Worte bei der
Menschenrechtskommission und bei der Pekinger
Frauenkonferenz gesprochen. Wir haben sie in
unseren Häusern geflüstert und am Arbeitsplatz
wiederholt. Und jetzt sagen wir sie zu Regierungen
auf der ganzen Welt. Diese drei Worte lauten: Frauenrechte sind Menschenrechte.
Wie leicht ist es, sie auszusprechen, wie belebend,
den Lauf der Geschichte zu fühlen, der durch sie fließt.
Und dennoch ist es so schwierig, sie in die Praxis
umzusetzen. Denn Gewalt bedroht Frauen noch
immer und überall. Sie ist eine Pest, die keine Grenzen respektiert. Kein Land und kein Bereich der
Gesellschaft ist vor Ansteckung gefeit.

AMERIKA DIENST 08

Gewalt gegen Frauen ist ein Angriff auf die grundlegenden Menschenrechte aller - Mann oder Frau. Und
dennoch werden in jedem Augenblick des Tages
Frauen geschlagen und mißbraucht; neugeborene
Mädchen ausgesetzt, weil ihre Familien einen Jungen
wollen; junge Mädchen verstümmelt im Namen
althergebrachter Sitten; Teenager in sexuelle Sklaverei
verkauft; Bräute auf dem Altar der Habgier geopfert;
Frauen als Politik des Krieges vergewaltigt; Mütter
gegen ihren Willen sterilisiert; weibliche Flüchtlinge in
die Prostitution gezwungen, weil sie Nahrungsmittel
brauchen und Witwen verbrannt, nur weil ihre Männer
vor ihnen starben.
Und dennoch wendet das Gesetz, das diese Frauen
schützen sollte, allzuoft sein Gesicht ab. Das können
wir nicht länger hinnehmen. Wir haben es viel zu
lange toleriert - als wären Vergewaltigung, Prügel und
Mißbrauch irgendwie eine natürliche Beigabe zur
Weiblichkeit, eine zu schmerzliche und zu alltägliche
Tatsache, als daß in der Öffentlichkeit darüber gesprochen würde.
Es gibt noch eine andere Art der Gewalt, die Frauen
bedroht. Es ist die Gewalt der Beraubung: Frauen und
Kindern die benötigten Nahrungsmittel, Bildung,
Gesundheitsfürsorge oder das Eigentum zu verweigern, um volle und produktive Mitglieder der Gesellschaft zu werden, als ob eine Frau in der Gesellschaft
weniger Wert hätte als ihr Bruder. Das Versagen,
Grundnahrungsmittel und Zugang zu unerläßlicher
Gesundheitsfürsorge bereitzustellen, verurteilt Millionen von Menschen zu Krankheit und sorgt dafür, daß
es künftigen Generationen an der erforderlichen Kraft

Seite 1

�ermangelt, um gesunde und produktive Bürger zu
werden.
Ein Anzeichen ist die Zunahme von
HIV/AIDS-Infektionen unter Frauen. In der Tat sind die
Frauen die am schnellsten zunehmenden Opfer von
HIV/AIDS-Infektionen: Pro Tag infizieren sich ungefähr
3.000. Auch diese Art von Gewalt können wir nicht
hinnehmen, Herr Vorsitzender. Wir haben sie viel zu
lange toleriert, als wären diese Praktiken irgendwie
natürlich, wenn man arm und eine Frau ist.
Die Politik der Machtlosigkeit hält die meisten Frauen
der Welt immer noch in wirtschaftlicher Not gefangen.
Die Statistiken belegen, daß Frauen nur 10 Prozent
des Wohlstands der Weltbevölkerung und ein Prozent
des Landes besitzen, obwohl sie die Hälfte der
Weltbevölkerung ausmachen. Eine solche Ungerechtigkeit ist heutzutage völlig inakzeptabel, denn dadurch
wird sichergestellt, daß Frauen in den Nationen, in
denen sie leben, wenig Einfluß haben.
Aber die Zeiten ändern sich. Und heute stellen Frauen
auf der ganzen Welt - und nicht nur in einigen wenigen
Ländern, sondern in jedem Land - zum ersten Mal in
der Geschichte die Gesetze und Sitten in Frage, die
sie zweitklassig gemacht haben. Durch ihre Leistungen in der Regierung und in allen Lebensbereichen
zwingen sie die Welt, von dem Wandel Notiz zu
nehmen.
Die Zeit unseres Schweigens und unserer Unterwerfung geht zu Ende. Ein neuer Tag bricht für die Hälfte
der Menschen an, und in der Tat für alle. Die Frauen
haben die Worte gefunden, die ihnen vorenthalten
wurden. Frauenrechte sind Menschenrechte. Wir
werden diese schlichte Wahrheit jeder Regierung
gegenüber und in jedem Forum auf der ganzen Welt
äußern. Und mißverstehen Sie mich nicht: Die uns
konfrontierende Gewalt und Ungerechtigkeit werden
ein Ende haben.
Denn bei der Pekinger Frauenkonferenz ist etwas
geschehen. 40.000 Frauen und Männer haben sich
dort versammelt. Sie kamen aus jeder Region der
Welt, vertraten 189 Regierungen, Tausende von
Privatorganisationen - und manchmal nur sich selbst.
Und dort legten sie ein Gelübde ab: Frauen werden
nicht länger die Gefangenen des Schweigens sein.
Aber wir werden nicht nur mit Worten kämpfen. Die
bei der Pekinger Frauenkonferenz verabschiedete
Aktionsplattform bietet eine solide Grundlage, auf die
wir unsere künftigen Aktionen gründen können. In ihr
verpflichteten sich die Nationen der Welt zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen in allen ihren Formen.
Sie vereinbarten, daß Mädchen ebenso wie Jungen
geschützt und geschätzt werden müssen, daß Frauen
Zugang zu Bildung und Gesundheitsfürsorge sowie zu
den Schalthebeln der Wirtschaft und politischen Macht
haben müssen, daß die Verantwortung für die Familie
gleichermaßen getragen werden muß, daß Frauen das

Seite 2

Recht zur Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit und zu Gleichberechtigung bei sexuellen Beziehungen haben
müssen und schließlich, daß sie die Freiheit haben
müssen, ihre Ansichten zum Ausdruck zu bringen,
denn Redefreiheit ist eine Voraussetzung für andere
Menschenrechte.
Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten hegen den
starken Wunsch, daß jede Nation, die der Plattform
zugestimmt hat, ihre Bestimmungen einhält. Wir
beglückwünschen alle Teilnehmer zu den aussagekräftigsten politischen Erklärungen, die je von der
internationalen Staatengemeinschaft im Hinblick darauf
abgegeben wurden, Frauen mehr Befugnis zu verleihen.
Aber wir blicken nicht nur auf andere Nationen bei der
Verwirklichung der Pekinger Plattform.
Unsere
Regierung nimmt ihre Verpflichtung, sie in die Praxis
umzusetzen, sehr ernst. Nach der Pekinger Konferenz
hat Präsident Clinton beispielsweise einen interministeriellen Rat für Frauen eingerichtet, der fordert,
daß jedes Ministerium die Empfehlungen der Plattform
durchführt. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Das
Büro für Gewalt gegen Frauen des Justizministeriums
hat infolgedessen umfassende nationale Bestrebungen
zur Bekämpfung von häuslicher und anderen Formen
von Gewalt gegen Frauen in die Wege geleitet und
dabei strenge Bundesgesetze mit Unterstützung für
Bundesstaaten und Kommunen bei der Strafverfolgung, Hilfe für Opfer und Verhinderung von Verbrechen kombiniert. Und im Rahmen unserer auswärtigen Beziehungen hat das Amt für internationale
Entwicklung (Agency for International Development AID) neue Programme eingeführt, um die Beteiligung
von Frauen an Kleinstunternehmen zu ermutigen und
dabei auf unsere bisherigen Programme aufgebaut,
verarmten Frauen den Zugang zum politischen Leben
zu ermöglichen.
Herr Vorsitzender, die Menschenrechtskommission hat
von buchstäblich Millionen Frauen gehört, die Petitionen mit der Forderung unterzeichneten, Frauenrechte
als Menschenrechte zu behandeln. Die Antwort der
Kommission bestand in der Einrichtung des Amts eines
Sonderberichterstatters für Gewalt gegen Frauen, der
in diesem Jahr Neuland erschlossen hat, indem er sich
auf Gewalt in Familien als Menschenrechtsanliegen
konzentrierte. Die Kommission hat auch ihre Sonderberichterstatter und Vertragskörperschaften angewiesen, die Rechte von Frauen in ihre Arbeit zu integrieren. Und in über 30 Resolutionen haben die Kommissionsmitglieder im vergangenen Jahr klargestellt, daß
die Rechte von Frauen in der Tat besondere Beachtung verdienen.
Es wird Menschen geben, die versuchen, uns von
unserem Kurs abzubringen, Kräfte, die darauf hinarbeiten, daß die Ergebnisse der Pekinger Frauenkonferenz Worte bleiben und nicht in Taten münden.

AMERIKA DIENST 08

�Aber diejenigen, die so denken, werden sich auf der
falschen Seite der Geschichte wiederfinden - dazu
verurteilt, daß sie ihnen jeden Tag schneller entflieht.
Denn es gibt einen Lauf der menschlichen Geschichte,

und er steht auf unserer Seite. Frauenrechte sind
Menschenrechte. Wir blicken dem Tag äußerst
erwartungsvoll entgegen, an dem diese drei einfachen,
leichten Worte für jeden Realität geworden sind. Ich
danke Ihnen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 08

Seite 3

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