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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
06

20. März 1996

NAHER OSTEN

CLINTON VERPFLICHTET SICH DEM
STREBEN NACH FRIEDEN
Eröffnungsansprache des Präsidenten
beim Anti-Terror-Gipfel

AUSSENPOLITIK

NEUE SICHERHEITSPOLITISCHE
HERAUSFORDERUNGEN IN DER WELT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Rede von Anthony Lake

DEMOKRATIE

UNTERSTÜTZUNG FÜR DEMOKRATIE UND
DIE NATIONALEN INTERESSEN DER USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers

ABRÜSTUNG

LEDOGAR: ABSCHLUSS DES CTBT IN
DIESEM JAHR MÖGLICH
Rede beim UN-Seminar in Genf
VERHINDERUNG DER NUKLEAREN
ANARCHIE
Auszüge aus Harvard-Studie

WIRTSCHAFT

PRIVATSEKTOR MUSS BEI UMSCHULUNG
VON ARBEITSLOSEN BEHILFLICH SEIN
von Robert Reich

WAHRUNG

DIE NEUEN 100-DOLLAR-NOTEN
Versand an örtliche Banken

USIS Germany richtet Internet-Home Page ein.
Nähere Informationen entnehmen Sie
bitte dem folgenden Brief.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�Liebe Amerika Dienst-Leser,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß das US-Informationsamt (U.S.
Information Service - USIS) auf dem World Wide Web des Internet eine Home Page
für die diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten von Amerika in der
Bundesrepublik Deutschland eingerichtet hat. Die Adresse (URL) für diese Leitseite
lautet: www.usia.gov/posts/bonn.html
Diese Seite enthält eine kurze Beschreibung der diplomatischen Vertretung der
Vereinigten Staaten in Deutschland und eine Liste hochrangiger Mitarbeiter sowie
Informationen über alle Elemente der Mission. Ferner finden sich auf der Home Page
deutsch- und englischsprachige Texte, die unseres Erachtens für die Leser des
Amerika Dienst von Interesse sind.
Alle im Amerika Dienst erscheinenden Artikel können jetzt auch auf der Home Page
von USIS Germany abgerufen werden. Die Artikel werden direkt nach ihrer
Fertigstellung auf die Home Page gesetzt. Damit erhalten Sie jetzt elektronischen
Zugang zur deutschsprachigen Version bedeutender Reden und anderer politischer
Texte, sobald diese übersetzt worden sind.
Zusätzlich ist die vom US-Informationsamt in Deutschland erstellte Dokumentation
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Unsere neue Home Page verfügt auch über einen Briefkasten für elektronische Post,
über den Sie uns Ihren Kommentar oder Vorschläge zukommen lassen können. Ich
lade Sie ein, unsere neue Home Page aufzurufen und würde gerne von Ihnen hören,
ob sie für Sie interessant und nützlich ist.
Mit freundlichen Grüßen

Robert L. Earle
Gesandter-Botschaftsrat
für öffentliche Angelegenheiten

�NAHER

OSTEN
20. März 1996

Clinton verpflichtet sich dem Streben nach Frieden
Eröffnungsansprache des Präsidenten beim Anti-Terror-Gipfel

SCHARM EL SCHEICH - (AD) - "Wir, die wir uns heute in Ägypten versammelt haben, sind dem Streben nach
Frieden verpflichtet. Schon unsere Präsenz hier unterstreicht die Tiefe unseres Engagements", äußerte Präsident
Clinton in seiner Eröffnungsansprache beim Anti-Terrorismus-Gipfel am 13. März 1996.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Als erstes möchte ich Präsident Mubarak für seine
außerordentlichen Anstrengungen in den vergangenen
beiden Wochen danken, dieses Treffen anzuberaumen
und uns hier willkommen zu heißen. Mein Dank geht
auch an Präsident Jelzin, der gemeinsam mit mir den
Friedensprozeß fördert, und an Sie alle, die kurzfristig
einen so weiten Weg zurückgelegt haben, um an
diesem äußerst wichtigen Treffen teilzunehmen.
Aus der ganzen Welt sind wir zur Sinaihalbinsel
gekommen, um eine einfache, einheitliche Botschaft zu
verkünden: Der Frieden wird obsiegen.
Dieses
Gipfeltreffen ist einzigartig in der Geschichte des
Nahen Ostens. Vor wenigen Jahren wäre es noch
undenkbar gewesen. Es steht als Beweis und Versprechen, daß diese Region für immer verändert ist.
Staats- und Regierungschefs aus Israel und der
arabischen Welt, aus Europa, Asien und Nordamerika
- 29 von uns - haben sich Seite an Seite der Unterstützung des Friedens verschrieben. Wir haben uns
schon früher versammelt, um neue Meilensteine auf
unserem Weg zu feiern, und heute stellen wir uns
gemeinsam denjenigen entgegen, die unsere Bestrebungen zunichte machen wollen. Wir sind hier, weil
wir wissen, was auf dem Spiel steht.
In den 18 Jahren, seit Ägypten und Israel das Wunder
von Camp David vollbrachten, haben Israelis und
Araber den Lauf der Geschichte in ihrem Land verändert. Schritt für Schritt haben sie mutig mit der
Vergangenheit gebrochen, die Waffen des Krieges
niedergelegt und einander die Hände gereicht. Aber
mit jedem Meilenstein auf dem Weg zu Frieden und
Fortschritt wurden die Feinde des Friedens rücksichts-

AMERIKA DIENST 06

loser und grausamer. Sie wissen, daß sie auf dem
Markt der Ideen nicht konkurrieren können, sie wissen,
daß sie nichts anzubieten haben außer Leid und
Verzweiflung. Und so greifen sie auf mörderische
Anschläge zurück, die ein Affront gegen die zivilisierte
Welt und die moralischen Grundsätze sind, die das
Kernstück der drei hier vertretenen Glaubensrichtungen bilden, wie Präsident Mubarak es so eloquent
formulierte.
In den belebten Straßen von Jerusalem, Ashqelon und
Tel Aviv verursachten Selbstmordkommandos eine
Welle des Terrors, um so viele Israelis wie möglich zu
ermorden. Männer und Frauen im Bus auf dem Weg
zur Arbeit, Familien, die für die Feiertage einkauften,
unschuldige Kinder in ihren Purim-Gewändern wurden
wegen des in ihren Adern fließenden Blutes ermordet.
Unser Mitgefühl gilt dem Volk Israels und allen Opfern
dieser Greueltaten, unter denen auch Palästinenser
und Amerikaner sind. Viele der heute hier vertretenen
Nationen haben den Alptraum des Terrors erlebt. Der
Tod unterscheidet nicht zwischen den Opfern der
Terroristen. In den vergangenen beiden Wochen
wurden die Verluste nicht nur von Israelis und Palästinensern, sondern auch von Amerikanern und Marokkanern verspürt.
Die hart erkämpften Errungenschaften des palästinensischen Volkes werden unterminiert. Die Händler des
Terrors wollen ihre Zukunft verspielen und ihre Träume
gegen Verzweiflung eintauschen. Und arabische
Mütter und Väter, die ein besseres Leben für ihre

Seite 1

�Kinder wünschen, erkennen, daß die Feinde des
Friedens auch sie ins Visier genommen haben.
Niemand sollte die Bedeutung unserer heutigen
Zusammenkunft unterschätzen.
Heute steht die
Trennwand nicht zwischen Arabern und Israelis. Sie
steht zwischen denen, die ein besseres Morgen
anstreben und denjenigen, die damit hadern; zwischen
denjenigen, die mit Haß und Terror handeln und
denjenigen, die auf den Frieden hinarbeiten.
An die Kräfte des Hasses und der Gewalt gewandt
sage ich, und wir alle sollten es sagen: Ihr tötet Euch
und andere mit dem Ziel, den Frieden zu töten, aber
wie Ihr heute seht, überlebt der Frieden. Und der
Frieden wird stärker werden. Ihr werdet keinen Erfolg
haben. Eure Zeit ist um. Ihr habt die Felder des
Hasses gepflügt, aber jetzt kommen wir, um Einheit
und neue Kraft zu ernten, um Euch zu besiegen und
um das Versprechen des Friedens und die Hoffnung
darauf am Leben zu erhalten.
Wir, die wir uns heute in Ägypten versammelt haben,
sind dem Streben nach Frieden verpflichtet. Schon
unsere Präsenz hier unterstreicht die Tiefe unseres
Engagements. Aber Worte und Gesten sind nicht
genug. Die Welt blickt auf uns, damit wir handeln, und
wir müssen unsere kollektive Entschlossenheit auf drei
spezifische Bereiche konzentrieren. Erstens müssen
wir unmißverständlich diejenigen verurteilen, die auf
Terror zurückgreifen. Gewalt hat keinen Platz in der
Zukunft, die wir alle für den Nahen Osten anstreben.
Zweitens müssen wir unsere gemeinsame Suche nach
einem umfassenden Frieden verstärken. Wir müssen
weitermachen, bis sich der Kreis des Friedens geschlossen hat. Und wir müssen darauf hinarbeiten,
den Menschen hier die Früchte des Friedens in ihren
Alltag zu bringen, denn wenn die Menschen ihre
Hoffnung auf Frieden verlieren, haben die Terroristen
Erfolg gehabt. Das wäre der grausamste Sieg, und wir
dürfen nicht zulassen, daß dies geschieht.

Seite 2

Drittens müssen wir aktiv mit allen uns zur Verfügung
stehenden Mitteln die Terroristen bekämpfen sowie
unsere Anstrengungen und unsere Stärke bündeln, um
ihre bösartigen Ziele zu vereiteln. Der PLO-Vorsitzende Arafat und die palästinensischen Behörden reagieren auf diese Herausforderung. Jeder von uns hier
muß das Seine beitragen, um ihnen bei ihrer Mission
zum Erfolg zu verhelfen. Wir wissen, daß wir keinen
"lOOprozentigen Erfolg garantieren können, aber wir
alle müssen den anderen und uns 100prozentige
Anstrengungen abverlangen.
Die uns konfrontierende Gefahr drängt, die Herausforderung ist klar, aber die Solidarität der Friedensstifter wird die Kräfte der Teilung besiegen, wenn wir
entschlossen sind, diese Solidarität zu bewahren.
Wir befinden uns heute nicht weit von dem Berg
entfernt, an dem Gott Moses das Evangelium gab, das
Gesetz der Menschheit, der Toleranz und des Glaubens, das uns heute leitet. Wir sind die Erben dieses
moralischen Vermächtnisses - seien wir Moslems,
Juden oder Christen. Wir kommen aus vielen Ländern
und haben unterschiedliche Traditionen, aber heute
sprechen wir alle die Sprache des Friedens.
In der Bibel steht geschrieben, daß Isaak, der Patriarch
der Juden, und Ismael, der Patriarch der Araber, sich
nur einmal trafen, als sie erwachsen waren. Sie
kamen beim Tode Abrahams zusammen, des gemeinsamen Vaters, des Vaters beider Völker. Heute haben
sich die Nachfahren von Isaak und Ismael im Geiste
der Wiedergeburt versammelt, um das gemeinsame
Versprechen eines Lebens in Frieden für alle Menschen in dieser Region zu bewahren. Diejenigen von
uns, die heute hierhin gekommen sind, um ihnen zur
Seite zu stehen, dürfen nicht zulassen, daß die Kräfte
der Vergangenheit ihnen die Zukunft verweigern, die
sie, die wir alle anstreben.
Möge unsere Sache heute vom Sinai aus weitergetragen werden, und wir werden den Kampf um Frieden
gewinnen. Ich danke Ihnen.

AMERIKA DIENST 06

�AUSSENPOLITIK
20. März 1996

Neue sicherheitspolitische Herausforderungen in der
Welt nach dem Kalten Krieg
Rede von Anthony Lake

WASHINGTON - (AD) - Wenn Diplomatie und die Macht des Beispiels der Vereinigten Staaten scheitern, müssen
sie zur Verteidigung ihrer nationalen Interessen auf das Beispiel ihrer Macht zurückgreifen, erklärte der Nationale
Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten, Anthony Lake.
In seiner am 6. März 1996 an der George Washington University gehaltenen Rede umriß Lake mehrere
Prinzipien der amerikanischen Außenpolitik im Hinblick auf den Einsatz von Gewalt.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede des Nationalen
Sicherheitsberaters im Wortlaut.

Heute möchte ich über die schwierigste Frage sprechen, mit der ein Präsident konfrontiert werden kann:
Den Einsatz von amerikanischer Gewalt im Ausland.
Dies ist ein guter Zeitpunkt, das zu erörtern. In sechs
Wochen werden die letzten der mehr als 20.000
amerikanischen Soldaten der UNO-Mission in Haiti
nach Hause zurückkehren. Eine ähnlich große Zahl
leistet in Bosnien Dienst, um den dort gewonnenen
Frieden sichern zu helfen. Beide Missionen sind
Antworten auf die schwierige Frage nach dem Wann
und insbesondere dem Wie eines Einsatzes von Gewalt.
Zunächst einmal möchte ich meine Gedanken in einen
größeren Zusammenhang einordnen.
Auf halbem Weg zwischen dem Ende des Kalten
Krieges und dem Beginn eines neuen Jahrhunderts
leben wir in einem Augenblick der Hoffnung. Unsere
Nation ist sicher. Unsere Wirtschaft ist stark. Auf der
ganzen Welt leben mehr Menschen in Frieden und
Freiheit als jemals zuvor.
Aber den Versprechungen dieses Augenblicks kommen auch seine Gefahren gleich - woran uns die
verzweifelten und verabscheuungswürdigen Taten der
Feinde des Friedens im Nahen Osten auf traurige
Weise erinnern. Alte Bedrohungen wie ethnisch oder

AMERIKA DIENST 06

religiös bedingte Gewalt und Aggression verbrecherischer Staaten haben neue und gefährliche Dimensionen angenommen. Und niemand ist immun gegenüber
einer Vielzahl von Zerstörern der Chancengleichheit:
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel,
Umweltzerstörung. Jeder einzelne könnte unsere
zunehmende Sicherheit unterminieren. Gemeinsam
verfügen sie über das Potential, ein entsetzliches
Chaos zu verursachen.
Angesichts der Versprechungen und der Probleme
unserer Zeit möchten einige - im linken und rechten
Lager sowie in beiden politischen Parteien - daß sich
Amerika von seinen Pflichten zurückzieht.
Einige verkünden, Amerika müsse engagiert bleiben,
verweigern uns dann aber die Instrumente und Mittel,
um ihrer Rhetorik zu entsprechen. Diese heimlichen
Isolationisten wollen uns an der Zusammenarbeit mit
anderen zur Teilung der Risiken und Kosten des
Engagements hindern. Sie möchten unsere diplomatische Bereitschaft zerstören und unsere Unterstützung
derjenigen kürzen, die um des Friedens willen Risiken
eingehen. Sie erkennen jedoch nicht, daß der weltweite Trend zu Demokratie und freien Märkten - und
den dadurch für unsere Menschen entstehenden
Chancen - weder unvermeidlich noch unumkehrbar ist.

Seite 1

�Er erfordert unsere Unterstützung, unsere Ressourcen
und unsere Führung.
Andere - nennen wir sie Neonichtwisser - argumentieren, daß es nach dem Sieg im Kalten Krieg sicher sei,
sich in eine Festung Amerika zurückzuziehen. Es ist
nicht die amerikanische Art, sich zurück- oder dem
Wettbewerb zu entziehen. Keine Mauer kann hoch
genug und kein Graben tief genug sein, um die
Bedrohungen für unser Wohlergehen abzuwehren oder um uns von der Weltwirtschaft zu isolieren. Wie
Präsident Clinton in seinem Bericht zur Lage der
Nation in diesem Jahr erklärte, müssen wir uns diesen
Herausforderungen jetzt stellen - oder später einen
weitaus höheren Preis für unsere Indifferenz zahlen.
Die Geschichte unseres Jahrhunderts belegt diese
Wahrheit sehr deutlich. Nach dem Ersten Weltkrieg
zog sich Amerika aus der Welt zurück und hinterließ
ein Vakuum, das von den Kräften des Hasses und der
Tyrannei gefüllt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg
waren wir weiterhin engagiert, arbeiteten mit anderen
zusammen und übernahmen mit Geduld, Ausdauer
und Pragmatismus eine Führungsrolle. Und wir
beteiligten uns an der Schaffung der Institutionen, die
dem amerikanischen Volk bereits ein halbes Jahrhundert lang Sicherheit und Wohlstand beschert
haben.
In den letzten drei Jahren baute die Clinton-Administration auf diesem überparteilichen Vermächtnis
einer Führungsrolle auf - durch die Verringerung der
atomaren Bedrohung, die Förderung des Friedens, die
Ausbreitung der Demokratie, die Öffnung von Märkten.
Ich bin stolz auf die Ergebnisse - für unser eigenes
Volk und die Menschen auf der ganzen Welt.
Wir bleiben - trotz unserer Differenzen - in Rußland
und den anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion
engagiert, weil das im Interesse des amerikanischen
Volkes liegt. Es sind keine russischen Raketen mehr
auf unsere Städte und Bürger gerichtet. Die Ukraine,
Belarus und Kasachstan verzichten auf die nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium zurückgelassenen Nuklearwaffen. Wir sichern
Nuklearmaterial und zerstören Atomwaffen, damit sie
nicht in die falschen Hände gelangen. Und wir haben
eine Führungsrolle bei der Sicherung, Ausweitung und
Förderung von bahnbrechenden Abrüstungsabkommen übernommen: START I und START II, dem
Nichtverbreitungsvertrag, dem Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot, der Chemiewaffenkonvention.
Wir übten auf Nordkorea beharrlich und geduldig
Druck aus. Jetzt hat es sein gefährliches Atomwaffenprogramm eingefroren.
Wir führen eine harte Kampagne zur Terrorismusbekämpfung mit strengeren Gesetzen, mehr Geldern,

Seite 2

Personal und Ausbildung für die Strafverfolgungsbehörden, Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde Staaten und engere Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen. Die für den Bombenanschlag
auf das World Trade Center Verantwortlichen sind
hinter Gittern. Wir vereitelten Anschläge in New York
und auf unsere Flugzeuge. Wir spürten weltweit
Terroristen auf und brachten sie vor Gericht.
Wir schickten unsere Soldaten, Schiffe und Flugzeuge
an den Persischen Golf, als Saddam Hussein seine
Streitkräfte an die kuwaitische Grenze verlegte. Jetzt
sind Kuwait und die Energieversorgung der Welt
sicher.
In Haiti unterstützten wir die Diplomatie mit Macht.
Jetzt gibt es dort keine Diktatoren mehr. Haiti feierte
die erste demokratische Machtübergabe seiner
Geschichte, und es gibt keine Flüchtlingsströme mehr
an unseren Küsten.
Unsere Soldaten setzen sich in Bosnien für den
Frieden ein. Jetzt sind ihre Einsatzbereiche nicht
länger Felder des Todes. Ein gefährliches Feuer im
Herzen Europas lodert nicht mehr wie in den vergangenen vier Jahren. Die Menschen in Bosnien haben
ihre erste echte Chance für Frieden.
Wir stehen an der Seite derjenigen, die um des
Friedens willen Risiken auf sich nehmen - in guten und
in schlechten Zeiten.
In Nordirland wird durch die Entschlossenheit von
Premierminister Major und seinem Amtskollegen
Bruton der Friedensprozeß wieder auf den richtigen
Weg gebracht - mit einem festgesetzten Verhandlungsdatum und hoffentlich einem neuen Waffenstillstand.
Wir wissen, daß sich die Fanatiker im Nahen Osten
durch nichts davon abhalten lassen, die Hoffnung auf
Frieden zu zerstören. Wie Sie wissen, gab der
Präsident Anweisung für eine Reihe von Schritten, um
die Friedensstifter bei ihrem Kampf gegen den Terrorismus unserer vollständigen Unterstützung zu versichern.
Ferner dürfen wir nicht die enormen Fortschritte aus
den Augen verlieren, die zu einer umfassenden
Lösung gemacht wurden - oder die Tatsache, daß die
überwältigende Mehrheit der Menschen Frieden will.
Wir werden nicht ruhen, bis dieser Wunsch erfüllt ist.
Durch die Öffnung von Märkten im Ausland schlössen
wir einen guten Handel für Amerika ab. Derzeit
exportieren wir mehr denn je, und es wurden Hunderttausende von Arbeitsplätzen für Amerikaner geschaffen. Allein mit Japan hat diese Administration 20
separate Handelsabkommen abgeschlossen. Die
unter diese Abkommen fallenden Sektoren - von
Autoteilen bis zu medizinischem Gerät - konnten einen

AMERIKA DIENST 06

�80prozentigen Anstieg ihrer Exporte verzeichnen. Das
ist fast doppelt so viel wie die Exporte anderer Sektoren - die ebenfalls schnell ansteigen.
Keine dieser Errungenschaften war einfach oder
automatisch zu erzielen. Sie sind darauf zurückzuführen, daß wir ein starkes Militär beibehielten und
gleichzeitig unsere Bündnisse an neue Erfordernisse
anpaßten; daß wir gemeinsam mit anderen handelten,
wenn möglich, und im Alleingang, wenn nötig; daß wir
geduldig genug waren, um bei der Diplomatie zu
bleiben, aber bereit zum Einsatz von Gewalt blieben;
daß wir Isolationismus zurückwiesen, uns aber bewußt
waren, daß wir nicht der Weltpolizist sein können; daß
wir zu jedem Zeitpunkt unsere Interessen und Werte
zusammen einbrachten; daß wir immer dort handelten,
wo wir etwas bewirken konnten.

sten Mittel sind weiterhin die Diplomatie und Macht
unseres Beispiels. Bisweilen müssen wir aber auch
auf das Beispiel unserer Macht zurückgreifen. Keine
Frage ist wichtiger als das Wann und Wie ihres
Einsatzes. Aus unserer Erfahrung mit der Abwehr
traditioneller Aggression - wie im Persischen Golf - und
dem Umgang mit neuen Krisen - wie in Haiti und
Bosnien - haben wir einige Grundsätze für den Einsatz
von Gewalt aufgestellt, die ich gerne mit Ihnen erörtern
würde.
Zunächst möchte ich ein grundlegendes und dauerhaftes Prinzip erwähnen: Zur Verteidigung unserer
nationalen Interessen werden wir immer zum Einsatz
von Gewalt bereit sein. Bis sich die Natur des Menschen ändert, werden Macht und Gewalt weiterhin im
Zentrum internationaler Beziehungen stehen.

Manche beklagen sich mit etwas seltsamer Sehnsucht
nach dem Kalten Krieg, unserer Politik fehle ein
übergeordnetes Prinzip - daß sie nicht mit einem
kurzen Satz zusammengefaßt werden kann. Aber
obwohl wie in einem völlig veränderten internationalen
Umfeld operieren, hat Amerikas grundlegende Mission
Bestand. Dieselben Ideen, die vom Kommunismus
und davor vom Faschismus attackiert wurden, bleiben
auch heute noch Angriffsziel. Wir verteidigen heute
ebenso wie damals eine Idee, die viele Namen hat Toleranz, Freiheit, Staatsbürgerlichkeit, Pluralismus aber immer ein und dasselbe Gesicht: Das Gesicht der
demokratischen Gesellschaft.
Unsere besondere
Rolle in der Welt besteht heute wie damals in der
Verteidigung, Erweiterung und Stärkung der Gemeinschaft demokratischer Nationen.

Das wirft die Frage auf, worin genau diese Interessen
bestehen. Ich möchte sieben Umstände anführen,
unter denen - allein oder in Kombination - der Einsatz
von Gewalt oder Streitkräften erforderlich sein kann:

Bei der Fortsetzung dieser Mission nähern sich unsere
Interessen und Ideale einander an. Wir wissen aus
Erfahrung, daß Demokratien nur selten gegeneinander
Krieg führen oder die Rechte ihrer Bürger mißbrauchen. Sie sind bessere Handelspartner. Und jede ist
ein möglicher Verbündeter im Kampf gegen die Kräfte
des Hasses und der Intoleranz - mögen diese Kräfte
in Form von verbrecherischen Staaten, ethnisch oder
religiös bedingtem Haß oder mit Massenvernichtungswaffen handelnden Terroristen auftreten.

Zur Bewahrung, Förderung und Verteidigung
von Demokratie, die unsere Sicherheit erhöht
und unsere Werte verbreitet.

Wir haben die Gewißheiten und Vereinfachungen der
Vergangenheit hinter uns gelassen, was nicht unbedingt schlecht ist. Während des Kalten Krieges
konnten die Politiker jede Handlung mit einem Wort
rechtfertigen: Eindämmung. Wir machten die wichtigen Dinge richtig - unsere Politik der Eindämmung
führte zu unserem Sieg im Kalten Krieg. Aber selbst
die beste Politik kann zur schlimmsten Zwangsjacke
werden, wenn sie zu starr und rückbezüglich verfolgt
wird - wie wir in Vietnam sahen.
Jetzt haben wir die Chance, erneut über die besten
Wege zum Schutz und zur Förderung amerikanischer
Interessen und Ideale nachzudenken. Unsere wichtig-

AMERIKA DIENST 06

Zur Verteidigung gegen direkte Angriffe auf die
Vereinigten Staaten, ihre Bürger und Verbündeten.
Zur Abwehr von Aggression.
Zur Verteidigung unserer wichtigsten Wirtschaftsinteressen, denn auf diesem Gebiet
steht für die meisten Amerikaner bei unserem
internationalen Engagement am meisten auf
dem Spiel.

Zur Verhinderung der Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen, von Terrorismus,
internationalem Verbrechen und Drogenhandel.
Zur Bewahrung unserer Verläßlichkeit, denn
wenn unsere Partnerschaften stark sind und
das Vertrauen in unsere Regierung groß ist,
können wir andere eher zur Zusammenarbeit
mit uns bewegen.
Zu humanitären Zwecken, zur Bekämpfung
von Hungersnöten, Naturkatastrophen und
gravierenden Verletzungen der Menschenrechte.
Keine dieser Interessen an sich - mit offensichtlicher
Ausnahme eines Angriffs auf unsere Nation, unser
Volk und unsere Verbündeten - sollte automatisch zum
Einsatz von Gewalt führen. Aber je größer die Zahl
und das Gewicht der auf dem Spiel stehenden Inter-

Seite 3

�essen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß wir
Gewalt zum Einsatz bringen - nachdem alle friedlichen
Mittel probiert wurden und scheiterten und nachdem
wir Kosten und Nutzen der Mission in menschlicher
und finanzieller Hinsicht abgewogen haben.
In Haiti sahen wir, wie das Volk der Demokratie
beraubt wurde. Als in unserer Hemisphäre die Herrschaft der Brutalität Fuß faßte, ein Strom von Flüchtlingen an unsere Küsten kam, internationale Übereinkünfte ständig verletzt wurden und Bestrebungen zur
Überwindung der Pattsituation durch Verhandlungen
und Sanktionen scheiterten, war die Notwendigkeit
einer Intervention zwingend. In Bosnien fanden die
schlimmsten Greueltaten in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg statt, ein gefährliches Feuer wütete im
Herzen des Kontinents.
Unsere Verpflichtungen
gegenüber unseren Verbündeten in der NATO sowie
ein Friedensabkommen der Parteien erforderten, daß
wir handelten.
Mehr als das "Wann" eines Einsatzes von Gewalt
unterstreichen Haiti, Bosnien und einige andere
jüngste Interventionen die Grundsätze für das "Wie"
eines Einsatzes von Gewalt.
Erstens kann die Androhung eines Einsatzes von
Gewalt dasselbe Ergebnis erzielen wir ihre tatsächliche Anwendung - jedoch nur, wenn man diese Drohung auch auszuführen bereit ist. Die am besten
ausgebildete, am besten ausgerüstete und am besten
vorbereitete Streitmacht der Welt hat eine einzigartige
Fähigkeit, die Gedanken ihrer Gegner zu konzentrieren, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern. Als
das Militärregime in Haiti erfuhr, daß das 82. Luftlandegeschwader im Anflug war, machte es den Weg frei.
Im Persischen Golf zog der Irak seine Truppen aus
Kuwait ab, sobald Präsident Clinton amerikanische
Streitkräfte in die Region entsandt hatte. Und durch
die Untermauerung der Diplomatie mit der Präsenz
amerikanischer Streitkräfte zur Abschreckung eines
Angriffs auf den Süden überzeugten wir Nordkorea,
sein gefährliches Nuklearwaffenprogramm einzufrieren.
Das zweite Prinzip lautet, daß der selektive aber
substantielle Einsatz von Gewalt manchmal angemessener ist als ihr massiver Einsatz - vorausgesetzt, die Streitmacht ist der Aufgabe gewachsen.
Präsident Clinton weigerte sich, unsere Truppen in
einen Bodenkrieg in Bosnien zu verwickeln, weil er
wußte, daß keine äußere Macht den Parteien den
Frieden aufzwingen konnte. Ein solcher Versuch hätte
uns in eine ähnliche Klemme gebracht wie damals der
Vietnamkrieg. Aber diesen Sommer überzeugten eine
Kombination aus schweren und kontinuierlichen
Luftangriffen der NATO, Gewinne der Bosnier und
Kroaten am Boden sowie unsere entschlossene
Diplomatie die bosnischen Serben, den Krieg zu
beenden und mit der Schaffung des Friedens zu

Seite 4

beginnen. Jetzt sind unsere Soldaten nicht in Bosnien,
um Krieg zu führen, sondern um einen Frieden zu
sichern, den sie durch den sorgfältigen und wohldosierten Einsatz von Gewalt herbeiführten.
Der letzte Grundsatz lautet: Bevor wir unsere Truppen
in ein anderes Land schicken, sollten wir wissen, wann
und wie sie es wieder verlassen. Das hört sich einfach
und einleuchtend an. Aber sorgfältig definierte Abzugsstrategien für Interventionen im Ausland waren bis
jetzt kein Merkmal unserer Außenpolitik. Jetzt sind sie
es - was für Amerika und das Volk, dem wir helfen
wollen, sinnvoll ist.
Ich möchte kein engstirniger Prinzipienreiter sein und
eine Doktrin über eine Abzugsstrategie aufstellen. Bei
der Abschreckung von externer Aggression - wie im
Persischen Golf oder auf der koreanischen Halbinsel oder der Verteidigung unserer elementarsten Sicherheitsinteressen in einem Krieg sind Verpflichtungen mit einem offeneren Ende erforderlich. Unsere
Interessen bedingen jedoch in zunehmendem Maße,
daß unser Militär nach innenpolitischen Konflikten den
Frieden sichert. Für den Erfolg dieser Operationen
müssen genau darauf zugeschnittene Missionen und
klare Fristen für den Rückzug die Norm werden.
Der erste Schritt besteht darin, unseren Streitkräften
eine klare Aufgabe mit erreichbaren militärischen
Zielen zu geben - wie es Präsident Clinton in Haiti und
Bosnien getan hat. In Haiti sollten unsere Soldaten die
gewählte Regierung wieder an die Macht bringen und
ein Klima der Sicherheit wiederherstellen, damit
Zivilisten eine Polizeitruppe aufstellen, Wahlen abhalten und den Versöhnungsprozeß beginnen konnten.
In Bosnien überwachen unsere Soldaten die Durchsetzung der militärischen Seite des Abkommens von
Dayton - Truppenentflechtung, Bewahrung des
Waffenstillstands, Sicherung abgetretener Gebiete während die Zivilbehörden den Menschen in Bosnien
beim Wiederaufbau ihres Lebens und ihres Landes
behilflich sind. An beiden Orten sind unsere Truppen
gut ausgebildet, schwer bewaffnet und haben ganz
klare Einsatzregeln. Die Exekutive und der Kongreß
sind geeint in ihrer Verpflichtung zu den Zielen und
dem Erfolg des Militärs, wie es auch bei der Operation
Desert Storm der Fall war.
Vergleichen Sie diese Operationen mit Vietnam, dem
Libanon und Somalia. Dort waren keine klaren und
erreichbaren Missionen für unser Militär definiert. In
Vietnam machte unsere Gesellschaft unsere Soldaten
für eine Niederlage verantwortlich, die nicht ihre war.
Weil wir nicht die richtigen Fragen stellten und nicht
von Anfang an klare militärische Ziele steckten, zahlten
die Männer und Frauen unserer Streitkräfte einen
schrecklichen Preis - sowohl in Vietnam als auch bei
ihrer Rückkehr nach Hause. Wir dürfen sie nie wieder
in eine solche Lage bringen. Nie wieder.

AMERIKA DIENST 06

�Der nächste Schritt besteht darin, anhand der Ziele der
Mission Fristen für den Rückzug aufzustellen. In Haiti
informierte unser Militär den Präsidenten, daß unsere
Truppen ihre militärischen Aufgaben in anderthalb
Jahren abschließen könnten und in Bosnien in etwa
einem Jahr, was sie auch tun werden.
Die Festsetzung von Terminen ist aus folgenden
Gründen von großer Bedeutung:
Weder wir noch die internationale Staatengemeinschaft verfügen über die Verantwortung oder die Mittel,
alles Notwendige für den Wiederaufbau von Nationen
zu veranlassen. Hierfür gibt es viele Gründe.
Erstens bietet die Bereitstellung einer Sicherheitsdecke ohne deutlichen Hinweis darauf, daß sie
geliehen und nicht von Dauer ist, denjenigen, denen
wir helfen wollen, die bequeme Möglichkeit, sich ihrer
Verantwortung zu entziehen. Sie schafft unbegründete
Erwartungen, daß andere die harte Arbeit für sie
erledigen.
Zweitens. Durch die Übernahme von allzuviel Verantwortung für die Zukunft einer Nation entsteht die
Tendenz zur Unterminierung genau der Regierung, der
man zu helfen versucht. Je mehr Verantwortung wir in
Vietnam der schwachen Administration in Saigon
abnahmen, desto abhängiger wurde sie - und desto
offener für Vorwürfe, sie sei eine von Ausländern
abhängige Marionettenregierung. Wenn man nicht
ganz deutlich macht, daß eine Mission im Hinblick auf
Umfang und Dauer begrenzt ist, riskiert man den
Verlust von Legitimität der Regierung in den Augen
ihres eigenen Volkes.
Drittens. Eine zu lange andauernde Präsenz führt
letztlich zu Ressentiments gegenüber unserer Anwesenheit und bietet eine leichte Zielscheibe für Kritik,
wenn etwas schiefläuft. Diese Zielscheibe sind wir.
Durch die sorgfältige Definition der Mission und eine
klare Zielsetzung demonstrieren wir, daß unserer
einziges Ziel darin besteht, den Regierungen und
Völkern den für die Lösung ihrer Probleme nötigen
Freiraum zu geben. Diese Politik einer "harten Liebe"
mag einigen grausam, anderen wie ein Hasardspiel
vorkommen.
Betrachten Sie sich jedoch die Alternative: Völlig
sinnlose Bestrebungen zur Übernahme von Pflichten,
die nicht unsere sind, zur Schaffung von nicht tragfähigen Abhängigkeiten, anstatt den Nationen die
Chance zu geben, ihren Weg unabhängig zu gehen.
Es ist gefährlich und vermessen anzunehmen, wir
könnten andere Nationen wiederaufbauen. Aber wo
unsere eigenen Interessen auf dem Spiel stehen,
können wir den Nationen Hilfe zur Selbsthilfe geben und ihnen Zeit lassen, einen Anfang zu machen.

AMERIKA DIENST 06

Meines Erachtens können wir die Vorteile unserer
Doktrin für eine Abzugsstrategie in Haiti und Bosnien
sehen.
Als sie die Chance erhielten, konzentrierten sich die
Menschen in Haiti schnell auf Wahlen statt Waffen,
auf Handel statt Terror, auf Hoffnung statt Verzweiflung. In nur anderthalb Jahren hielten sie mit unserer
Hilfe Präsidentschafts-, Parlaments- und Kommunalwahlen ab, bildeten eine Polizeitruppe aus, verbesserten die Menschenrechtssituation erheblich und
begannen mit einer Umkehr des wirtschaftlichen
Abschwungs der Jahre des Staatsstreichs. Haiti ist
nach wie vor die ärmste Nation auf dem amerikanischen Kontinent. Es gibt keine Garantie dafür, daß
die Demokratie Fuß faßt oder die Wirtschaft prosperiert. Aber die Menschen in Haiti haben jetzt eine
echte Chance für den Aufbau einer besseren Zukunft
für sich und ihre Kinder - und für die amerikanischen
Streitkräfte, die wie versprochen abziehen werden,
wenn wir sagen "Mission erfüllt".
Dieselbe Logik gilt auch für Bosnien. Die Bosnier
verstehen, daß unser Militär ihnen die Chance gab, in
Frieden über ihre Zukunft zu entscheiden - ihre
eigenen Politiker frei zu wählen, ihre Straßen und
Schulen, Fabriken und Krankenhäuser wiederaufzubauen, Kinder wieder mit ihren Eltern zusammenund Familien in ihre Heimat zurückzuführen. Wenn am
Ende dieses Jahres unsere Truppen abziehen, haben
wir berechtigten Grund zu der Hoffnung, daß die
Menschen in Bosnien mehr Interesse am Frieden als
am Krieg haben - daß der Frieden sein eigenes Leben
und seine eigene Logik entwickelt.
Einen Punkt möchte ich jedoch eindeutig klarstellen:
Der Freiraum, den unser Militär in Haiti und Bosnien
schafft, muß mit dem Sauerstoff der Wiederaufbauhilfe
gefüllt sein. Was wir als zivile Umsetzung bezeichnen,
ist der lebenswichtige und notwendige Begleiter jeder
Friedenssicherungsoperation. Unsere Verbündeten
stimmen dem zu. Aus diesem Grund stellen sie
ungefähr 80 Prozent der zivilen Hilfe für Haiti und
Bosnien. Je eher die Menschen in Konfliktgebieten
wieder die Segnungen eines normalen Lebens
genießen, desto größer sind die Chancen, daß unsere
Truppen ein Vermächtnis von Frieden und Hoffnung
hinterlassen.
Aus diesem Grund sollte der Kongreß eine bescheidene Menge ausstehender Entwicklungshilfe für Haiti zur
Finanzierung der Grundschulbildung, für
Kinderbetreuung und Impfungen freigeben - und zwar jetzt.
Aus diesem Grund arbeiten wir mit dem Kongreß an
unserem Ersuchen für 200 Millionen Dollar zur Unterstützung des zivilen Wiederaufbaus in Bosnien Gelder zur Förderung von wirtschaftlicher Erholung
und von Reformen, zur Entsendung internationaler
polizeilicher Beobachter sowie zur Entschärfung von
Minen. Dieses Geld wird jetzt benötigt.

Seite 5

�In Haiti und Bosnien gleichermaßen tun unsere
Soldaten alles, was wir von ihnen erwarten - und mehr.
Wir sollten uns ein Beispiel an ihnen nehmen. Ihre
Missionen werden nur erfolgreich sein, wenn die zivile
Seite das Ihrige tut. Die für Hilfe und Wiederaufbau
erforderlichen Gelder zurückzuhalten, dient nicht
unseren Soldaten, dient nicht den Menschen, denen
wir zu helfen versuchen, und dient nicht den Interessen unserer Nation.
Eines der großen Privilegien meiner Arbeit besteht
darin, die Welt zu bereisen und den Respekt für
unsere Nation aus erster Hand zu erleben. Die
Menschen erwarten von uns die Übernahme einer
Führungsrolle - nicht nur wegen der Größe und Stärke
unseres Landes, sondern auch wegen dem, wofür wir
eintreten, sowie dem, wogegen wir einzutreten bereK
sind. Mehr als zu jedem anderen Zeitpunkt in der
Geschichte hat Amerika die einzigartige Möglichkeit,
etwas für sein eigenes Volk und für die Menschen auf
der ganzen Welt zu bewirken.
Es ist unsere Pflicht, diese Macht so klug wie möglich
einzusetzen - und uns dabei von unseren Interessen
und Idealen leiten zu lassen. Präsident Clinton hat be-

reits erklärt, daß wir nicht überall sein und alles tun
können. Aber wo diese Interessen und Ideale es
erfordern, und wo wir etwas bewirken können, dürfen
wir nicht zögern, eine Führungsrolle zu übernehmen.
Das haben wir in der Vergangenheit nicht getan und
werden es auch in Zukunft nicht tun.
Wir dürfen auch hier nicht zögern. Viele Anwesende
beginnen eine Karriere in der Außenpolitik. Ob Sie das
als Lehrer oder Forscher, Regierungsbedienstete oder
Journalisten tun - Sie werden die Chance haben, bei
den großen außenpolitischen Fragen unserer Zeit
mitzusprechen - mit Leidenschaft, mit Argumenten vor allem aber, mitzusprechen. Amerika muß Ihre
Stimmen hören. Es muß Ihre Begeisterung spüren.
Derzeit ist keine Frage grundlegender und kein
Resultat wichtiger als die Rolle Amerikas in der Welt.
Wir können nur Erfolg haben, wenn wir weiterhin
führen. Das ist die Lektion des sogenannten Amerikanischen Jahrhunderts. Wenn wir seinem Ruf folgen,
bleiben wir eine Kraft für Freiheit und Fortschritt auf der
ganzen Welt sowie für echte Sicherheit und Wohlstand
in unserem Land. Und auch das nächste Jahrhundert
wird ein Amerikanisches Jahrhundert.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 06

�DEMOKRATIE
20. März 1996

Unterstützung für Demokratie und die
nationalen Interessen der USA
Rede des Stellvertretenden Außenministers

WASHINGTON - (AD) - Der Stellvertretende Außenminister der Vereinigten Staaten, Strobe Talbott, forderte in
einer am 1. März 1996 gehaltenen Rede vor der Carnegie-Stiftung für internationalen Frieden, während der
schmerzlichen Übergangszeit zu Demokratie und offenen Märkten Geduld und Verständnis zu zeigen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der Rede des Stellvertretenden Außenministers im Wortlaut.

Vielen Dank Mort und Ihnen allen für die Gelegenheit,
heute hier sein zu dürfen. Mein Thema am heutigen
Nachmittag ist die Unterstützung von Demokratie als
Faktor der amerikanischen Außenpolitik sowie als
Mittel für die Förderung unserer nationalen Sicherheitsinteressen im Ausland. Natürlich ist das nicht der
einzige Faktor.
Demokratisierung ist Teil eines
umfassenderen, komplexeren, langgezogenen, oft
schmerzlichen und unberechenbaren Prozesses
politischer, sozialer und wirtschaftlicher Umgestaltung.
Dennoch ist sie auch ein wesentlicher Bestandteil
dieses übergeordneten Prozesses.
Isaias Berlin schrieb in seinem berühmten Essay über
Tolstoi über den Unterschied zwischen dem Fuchs,
"der über viele Dinge Bescheid weiß" und dem Igel,
"der über eine große Sache Bescheid weiß". Sir Isaias
unterschied zwischen denjenigen, die alles einem
einzigen universellen Organisationsprinzip unterordnen wollen einerseits und denjenigen, die den
ganzen Umfang menschlicher Erfahrungen und
Interessen einbeziehen - mit all seiner Unordnung,
Vielfalt und seinen inhärenten Widersprüchen.
Auf den ersten Blick erscheint die amerikanische
Außenpolitik im Zeitalter nach dem Kalten Krieg für den
Fuchs am besten geeignet. Anstatt uns auf ein
einziges, übergeordnetes Ziel zu konzentrieren beispielsweise die Eindämmung des sowjetischen
Kommunismus - werden wir jetzt mit einer Vielzahl
konkurrierender wirtschaftlicher und sicherheits-

AMERIKA DIENST 06

politischer Belange konfrontiert, die gleichzeitig unsere
aktive, ständige Aufmerksamkeit erfordern.
Um die offensichtlichsten und drängendsten zu
nennen: Unser Wohlstand hängt von unserer Fähigkeit
zur Schaffung von Chancen für internationalen Handel
und Investitionen ab. Unsere Gesundheit und Sicherheit sind abhängig von unserem Erfolg bei der
Bekämpfung transnationaler Bedrohungen wie Umweltzerstörung, Terrorismus und Weiterverbreitung
atomarer, chemischer und biologischer Waffen.
Unsere Sicherheit erfordert konstruktive Beziehungen
zu den anderen Großmächten - unseren langjährigen
Verbündeten in Westeuropa und Japan sowie unseren
ehemaligen Gegnern in Rußland und China. Gleichzeitig haben wir mit Bedrohungen durch verbrecherische und gescheiterte Staaten zu kämpfen sowie mit
regionalen Konflikten - vom Balkan über Zentralafrika
bis zum Persischen Golf und der koreanischen
Halbinsel.
Trotz alledem gibt es im Bereich der amerikanischen
Außenpolitik Platz für den Igel. Wir werden die von mir
gerade aufgezählten Ziele und auch andere fördern,
wenn wir Zusammenschlüsse von etablierten Demokratien sowie den Übergang zur Demokratie in Staaten
unterstützen, die Diktatur oder zivile Unruhen erlebt
haben. Mit anderen Worten: Wir müssen die Demokratie verteidigen, erhalten und fördern, wo immer das
möglich ist, selbst wenn wir mit einer Vielzahl anderer
Aufgaben konfrontiert sind.

Seite 1

�Das ist natürlich kein neues Thema der amerikanischen Außenpolitik. Weit gefehlt. Es ist althergebracht und überparteilich. Die Förderung der
Demokratie geht nicht nur auf Trumans logische
Begründung für den Marshallplan, Franklin Roosevelts
für Lend-Lease und Woodrow Wilsons für seine
Vierzehn Punkte zurück, sondern auch auf Henry
Clays American System und Thomas Paines aggressive Verteidigung von "The Rights of Man".
Als amerikanische Soldaten und Seeleute in diesem
Jahrhundert in zwei Weltkriegen kämpften, wußten sie,
daß sie die amerikanischen Ideale und Interessen
verteidigen würden. Beim Kalten Krieg ging es im
Grunde genommen ebenfalls nicht nur um das internationale Verhalten von Staaten, sondern in hohem
Maße auch um konkurrierende Visionen der Beziehungen zwischen dem einzelnen Bürger und seiner
Regierung.
Obwohl sich die NATO als erfolgreichstes Militärbündnis in der Geschichte erwiesen hat, ist sie auch das
erfolgreichste demokratische Bündnis. Und der Kalte
Krieg wurde schließlich beendet, weil es auf beiden
Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs Verfechter
der Demokratie gab.
Heute gibt es weltweit mehr Unterstützung von
Demokratie an der Basis als zu jedem anderen
Zeitpunkt in der Geschichte des Menschen. Dies ist
teilweise auf das moderne Kommunikationswesen
zurückzuführen. Das kommunistische System der
ehemaligen Sowjetunion brach nicht nur zusammen,
weil es durch militärische Macht eingedämmt worden
war, sondern auch, weil es von Informationen und
Ideen durchdrungen und untergraben wurde. Selbst
die am stärksten gefestigten Grenzen wurden immer
durchlässiger - erst für das Radio, dann für das
Fernsehen und schließlich für interaktive Einflüsse wie
Telefax und elektronische Post. Im Gegensatz zu
George Orwells Vorhersage für 1984 wurde Big
Brother durch die technologische Entwicklung eher
geschwächt als gestärkt.
Der Zusammenbruch des Kommunismus sowjetischen
Stils bot den Vereinigten Staaten eine historische
Gelegenheit, eine weltweite Koalition zu bilden und
anzuführen, die auf demokratischen Prinzipien gründet
und diese fördert. Im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte haben wir in dieser Hinsicht wirkliche
Fortschritte gemacht. Jimmy Carter institutionalisierte
die Förderung der Menschenrechte im Außenministerium durch die Einrichtung eines Büros für ihre Unterstützung und Verteidigung (übrigens unter der Aufsicht
des damaligen Stellvertretenden Außenministers
Warren Christopher).
Die Reagan-Administration
übernahm unter anderem eine Schlüsselrolle bei der
Absetzung von Ferdinand Marcos und öffnete fast auf
den Tag genau vor zehn Jahren - in der letzten
Februarwoche 1986 - der Macht des Volkes die Tür.

Seite 2

Unser Gastgeber, Mort Abramowitz, zählt zu denjenigen, denen das Verdienst gebührt, Cory Aquino und
alles, was sie vertritt, beharrlich unterstützt zu haben.
George Bush reagierte auf den Fall der Berliner Mauer
mit einer Reihe von Initiativen zur Gewährleistung
eines ungeteilten und freien Europas.
Eine Priorität der Präsidentschaft Bill Clintons ist die
Unterstützung politischer Reformen in ganz Zentralund Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion, wo
zwei Dutzend Länder mit unterschiedlichem Erfolg für
die Überwindung von jahrzehntelanger totalitärer
Herrschaft kämpfen. Ferner in Lateinamerika, Afrika
und Südasien, wo eine Generation junger Demokratien
sich um die Beseitigung des durch Militärregime,
Präsidenten auf Lebenszeit und andere Formen des
Despotismus verursachte Schäden bemüht; im Nahen
Osten, wo die Befürworter friedlichen politischen
Wandels sich denjenigen mutig entgegenstellen, die
auf Terrorismus und Mord zurückgreifen; in Ostasien
und im pazifischen Raum, wo die Bürger der jungen
Industrienationen in zunehmendem Maße ihre politischen Rechte geltend machen.
Wir tun das alles aus einem Grund, den Bill Clinton
bereits in seiner ersten Wahlkampfrede im Dezember
1991 an der Georgetown University anführte und
seitdem viele Male wiederholte: Die Förderung von
Demokratie ist ein Mittel zur Förderung amerikanischer
Interessen sowie amerikanischer Werte. Sie ist nicht
nur ein Thema der Moralpolitik, sondern auch der
Realpolitik. Warum? Weil Demokratien wahrscheinlich verläßlichere Partner in Handel und Diplomatie
sind und eher eine mit amerikanischen Interessen
vereinbare Außen- und Verteidigungspolitik verfolgen.
Die Wahrscheinlichkeit ist geringer, daß Demokratien
gegeneinander Krieg führen, Flüchtlingsströme
hervorrufen, Umweltkatastrophen verursachen oder
sich an terroristischen Aktivitäten beteiligen. Während
die Grenzen durchlässiger werden und ein Fluß von
Menschen, Technologien, Ideen, Waffen und Geld - sei
es schmutzig oder nicht - in beide Richtungen zu
beobachten ist, haben die Amerikaner ein zunehmendes Interesse daran, wie andere Gesellschaften auf
der ganzen Welt sich regieren - sei es gut oder
schlecht. Je größer und dichter geknüpft das Netz von
Demokratien ist, desto sicherer und wohlhabender sind
wir Amerikaner.
Die neuen Demokratien stellen für die amerikanische
Diplomatie jedoch eine besondere Herausforderung
dar. Unsere Erfahrung der letzten Jahre ist zwar in
vielerlei Hinsicht ermutigend, enthält aber auch viele
lebhafte Erinnerungen daran, daß demokratische
Politik oft schmutzig, unberechenbar und voller
Widersprüche - zwischen den Anforderungen für eine
Wahl und Wiederwahl einerseits und den Erfordernissen guter Regierungsführung und solider Staatskunst andererseits - ist. Das gilt selbst für Länder mit
einer langen Geschichte parlamentarischer Regierung

AMERIKA DIENST 06

�und etablierter Institutionen, einschließlich unseres
eigenen. Es ist daher wohl nicht erstaunlich, daß in
neuentstehenden Demokratien - in Ländern, wo die
Wunden des Bürgerkrieges noch schmerzen und das
Vermächtnis der Tyrannei noch groß ist - die Politik
besonders unbeständig sein kann. Die regierenden
Eliten des alten Systems und gewalttätige Splittergruppen suchen nach Wegen, die neue Ordnung zu
beherrschen - oder sich die alte Unordnung zunutze zu
machen. Neugewählte Politiker, die sich ihrer Macht
nicht sicher oder ihrer Unfehlbarkeit und Unersetzlichkeit allzu sicher sind, gehen manchmal hart gegen die
Opposition vor.
Demokratie ist abhängig von der Effektivität von
Institutionen wie einer unparteiischen Polizei, einer
unabhängigen Justiz sowie von ziviler Kontrolle
militärischer Institutionen, die in den Ländern, die
gerade erst ihre diktatorische Vergangenheit hinter
sich gelassen haben, entweder völlig fehlen oder
erbärmlich unzureichend sind. Zudem müssen die
institutionellen Reformen mit einer Veränderung der
öffentlichen Einstellung einhergehen, die bisweilen als
politische Kultur bezeichnet wird. Die Demokratie
hängt von der Bereitschaft ab, sich mit alten Feinden
zu versöhnen und abweichende Meinungen zu
tolerieren. Sie bedeutet den Bau von Brücken zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten
und Klassen.
Umgekehrt tendiert die Demokratie zum Zusammenbruch - beziehungsweise die im Übergang befindlichen
Staaten können sie nie verwirklichen - wenn die
Wählertreue übermäßig oder ausschließlich auf
ethnischer und Gruppenzugehörigkeit, religiöser oder
regionaler Loyalität gründet anstatt auf der Entscheidung für Parteien oder Kandidaten aufgrund ihres
Programms oder ihrer Politik. Wenn Gruppenzugehörigkeit zum Vorwand dafür wird, dem einzelnen Bürger
seine grundlegenden Rechte als Mensch und Staatsbürger zu verweigern, dann ist die Demokratie in
tödlicher Gefahr.
Ein weiterer Punkt: Alle Demokratien - und alle
Wahlen - stehen unter dem Slogan "Es ist die Wirtschaft, Du Dummkopf!". Und viele im Anfangsstadium
befindliche Demokratien haben mit großen wirtschaftlichen Nachteilen zu kämpfen. Armut, Unterentwicklung und wirtschaftliche Stagnation sollten nicht
zum Alibi für Tyrannei werden, aber es steht außer
Frage, daß sie Hindernisse für die Demokratie sind.
Diese Bedingungen sind jedoch oft in den Staaten
gegeben, die gerade erst die Diktatur hinter sich
gelassen haben. In einem Großteil Afrikas und Asiens
tragen sie die zusätzliche Last eines nicht tragfähigen
Bevölkerungswachstums.
Selbst bei einer wohlmeinenden, aufgeklärten politischen Führung ist es weniger wahrscheinlich, daß ein
erbärmlich armes Land eine demokratische Herrschaft

AMERIKA DIENST 06

aufrechthält. Ohne dauerhafte umfassende Wirschaftsentwicklung werden die Wähler wahrscheinlich
von der Politik und den Politikern und damit von der
Demokratie selbst enttäuscht.
Insbesondere in der postkommunistischen Welt ist das
Gefühl der Erleichterung und Befreiung angesichts des
Zusammenbruchs des alten, ineffektiven Befehlssystems einer weitverbreiteten Ablehnung der oft als
Unberechenbarkeit und Ungleichheit des Marktes
aufgefaßten Situation gewichen sowie der Unsicherheit
angesichts eines fehlenden Sicherheitsnetzes. Erst
seit kurzer Zeit wahlberechtigte Bürger neigen zu
unrealistisch hohen Erwartungen im Hinblick darauf,
was die von ihnen gewählten Politiker erreichen
können, wie lange sie dafür benötigen und wie groß
die damit einhergehenden Härten und der Schmerz
sind. Werden diese Erwartungen enttäuscht, werden
die Wähler anfällig für Demagogie und dumme, sogar
gefährliche Patentrezepte, die auf Sehnsucht nach der
Vergangenheit oder Angst vor der Zukunft gründen.
Aus all diesen Gründen haben wir es zu einer Priorität
der amerikanischen Außenpolitik gemacht, jungen
Demokratien während ihrer größten Schwächeperioden Beistand zu leisten. Wir taten das durch eine
Vielzahl von Mechanismen - einige bilateral, andere
multilateral - auf eine Art und Weise, die sich auf die
wirtschaftliche und politische Infrastruktur der im
Übergang befindlichen Länder konzentriert.
Ich
möchte Ihnen vier ganz unterschiedliche Beispiele
dafür nennen, wo das amerikanische Engagement
bereits förderlich war und weiterhin entscheidend ist.
Ich konzentriere mich absichtlich auf Fälle, die das mit
der Förderung von Demokratie einhergehende Dilemma und die Schwierigkeiten illustrieren sowie das
Gebot, diese Unterstützung fortzusetzen: Kambodscha, Haiti, Südafrika und Rußland.
Kambodscha hat unter äußerst schwierigen Umständen in kurzer Zeit einen langen Weg zurückgelegt.
Ich erinnere mich, Ende der siebziger Jahre Mort in
Bangkok besucht zu haben, und seine Frau Sheppy
verbrachte einen Großteil ihrer Zeit mit kambodschanischen Flüchtlingen an der Grenze. Kambodscha hat
bereits den Ausdruck "Felder des Todes" in unseren
Sprachschatz eingeführt, und in dem Land wurden die
schrecklichsten Massenmorde seit dem Holocaust
begangen.
Aber vor zweieinhalb Jahren war eine Mission der
Vereinten Nationen mit starker Unterstützung zunächst
der Bush- und dann der Clinton-Administration den
Kambodschanern dabei behilflich, die ersten freien,
fairen und umfassenden Wahlen in der Geschichte
ihres Landes abzuhalten. Über 90 Prozent der in
Frage kommenden Wähler beteiligten sich, und viele
von ihnen mußten buchstäblich Minenfelder überqueren, um zu den Wahlurnen zu gelangen. Seit jener
Wahl und der Gründung einer Koalitionsregierung ist

Seite 3

�die politische Gewalt drastisch zurückgegangen, rund
370.000 Flüchtlinge sind in ihre Heimat zurückgekehrt
und haben wieder ein normales Leben aufgenommen.
Dennoch - und Mort wird mir zustimmen - hat Kambodscha noch einen langen Weg vor sich. Das Land
leidet unter weitverbreiteter Korruption, einer personell
unzureichend besetzten und ausgebildeten Judikative
sowie inzwischen selteneren, aber anhaltenden
Überfällen der Roten Khmer. Und obwohl wir uns der
Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der politischen
Stabilität in einer prekären Situation bewußt sind, sind
wir auch besorgt über die andauernde Mißhandlung
rivalisierender Politiker und die Angriffe auf oppositionelle Zeitungen.
Vor den Kambodschanern liegt ein schwieriger Weg.
Sie werden es einfach nicht schaffen, wenn sie ihn
allein gehen müssen. Wir werden sie begleiten,
ebenso wie Japan und Australien - zwei der ältesten
Demokratien der Region - zusammen mit Frankreich der ehemaligen Kolonialmacht der Region.
Ein Handicap, das die Kambodschaner - und ihre
Freunde in der internationalen Staatengemeinschaft überwinden müssen, ist, daß Kambodscha in einer
äußerst unfreundlichen Nachbarschaft angesiedelt ist.
Von seinen vier südostasiatischen Nachbarn ist nur ein
Staat - Thailand - eine Demokratie. Laos und Vietnam
sind Anachronismen in der Hinsicht, daß sie sich
immer noch unter kommunistischer Herrschaft befinden. Das von einem brutalen Militärregime regierte
Burma ist einer der größter Exporteure illegaler Drogen
der Welt.
Im Gegensatz dazu lebt Haiti in einer guten Nachbarschaft, die natürlich auch unsere Nachbarschaft ist.
Noch vor 17 Jahren litten die meisten Nationen dieser
Hemisphäre unter irgendeiner Form der Diktatur.
Heute hat jede Regierung mit Ausnahme einer, mit der
wir uns im Augenblick stark befassen - Kuba - einen
Anspruch auf demokratische Legitimität.

in Port-au-Prince beiwohnen zu dürfen, der in einer
feierlichen Atmosphäre friedlich die Nachfolge eines
anderen antrat. Dies geschah zum ersten Mal in der
Geschichte Haitis. Im Gegensatz zu den Vorhersagen
vieler ist Jean-Bertrand Aristide jetzt aus dem Präsidentenpalast in Port-au-Prince ausgezogen. Er rief
eine private Stiftung ins Leben, die sich der Bekämpfung des Analphabetentums und der Förderung von
Demokratie verschrieben hat, weil er den Zusammenhang zwischen beidem versteht.
Aristides Streben nach Führung seines Volkes - wie er
es wiederholt formulierte - "aus dem Elend zur Armut
mit Würde" - findet auch in ganz Afrika seinen Widerhall. Es sind fast zwei Jahre vergangen, seit
Nelson Mandela den Amtseid als Südafrikas erster
öffentlich gewählter Präsident abgelegt hat. Dieses
Ereignis hatte Auswirkungen für die gesamte Region.
Nach Jahrzehnten des Kampfes gegen die Apartheid
konzentrieren heute die regionalen Politiker einen
Großteil ihrer Energien erneut auf die Stärkung der
demokratischen Herrschaft - nicht nur in ihren Staaten,
sondern auch durch eine "gutnachbarschaftliche
Politik", die wir aktiv unterstützen.
Aber selbst in Südafrika ist die harte Arbeit des
Aufbaus einer multiethnischen, multirassischen
Demokratie noch lange nicht beendet. Obwohl die
politische Gewalt im Land abgenommen hat, erreicht
die kriminelle Gewalt gefährliche Ausmaße. Die alte,
auf Apartheid gegründete und mit überflüssig gewordenen Büros für jede Rasse und jedes Homeland
durchsetzte Bürokratie verschwendet immer noch
enorme Ressourcen. Diese Ressourcen müssen
besser verwendet werden, damit die Regierung ihr
Versprechen von Arbeitsplätzen und Wohnungen
erfüllen kann.

Dieser Trend zu Demokratisierung in Lateinamerika

Ebenso wie die Zukunft Südafrikas dramatische
Auswirkungen auf alle anderen Länder in der Region
hat, wird auch das Schicksal der Demokratie in
Rußland weit über seine Grenze hinausreichende
Folgen haben - sicherlich für ganz Eurasien. Und es
wird auch tiefgreifende Auswirkungen für uns haben -

und der Karibik hat sich selbst verstärkt. Als die

für unsere Zukunft und unsere Sicherheit.

Demokratie in Guatemala im Juni 1993 bedroht war,
unternahmen die 34 Mitgliedstaaten der Organisation
Amerikanischer Staaten (OAS) unverzüglich und
einmütig Schritte, um einen Staatsstreich gegen den
Präsidenten abzuwehren. In den vergangenen Jahren
haben die OAS-Mitgliedstaaten auch unerläßliche
Unterstützung für die Demokratie in El Salvador, Peru,
Nicaragua, Surinam und die Dominikanische Republik
geleistet.

Die hohe Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen
vom Dezember legt nahe, daß die Russen sich an die
Wahl ihrer Politiker gewöhnen. Aber während die
Präsidentschaftswahlen im Juni näherrücken, machen
sich beunruhigende Trends bemerkbar. Kommunisten
und Ultranationalisten erzielen gute Ergebnisse in
Meinungsumfragen und im Parlamentswahlkampf,
während die Reformer und Zentristen gespalten sind.

Haiti ist heute endlich Bestandteil dieses regionalen und zunehmend globalen - Konsenses. Im vergangenen Monat hatten meine Frau und ich die Ehre, als
Mitglieder der Delegation von Madeleine Albright der
Einführung eines demokratisch gewählten Präsidenten

Selbst wenn - oder vielleicht sollte ich sagen: Insbesondere weil - die Richtung der russischen Politik
unsicher ist, müssen die Grundlagen der amerikanischen Politik klar und beständig bleiben. Eine dieser
Grundlagen ist, daß wir die Demokratie in Rußland

Seite 4

AMERIKA DIENST 06

�ebenso unterstützen wie andernorts. Es ist nicht an
uns, die Politiker Rußlands zu wählen. Das war noch
nie so. Das russische Volk hat jetzt die Macht, das
selbst zu tun. Und das ist gut. Es ist und bleibt eine
grundlegende Prämisse der amerikanischen Politik,
daß die Wahlberechtigung der russischen Bürger wenn sie beibehalten wird - gut für das Land, die Welt
und die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten
ist.
Ich möchte folgendes Argument vorbringen: Die
Schwierigkeiten, die Haiti, Kambodscha, Südafrika und
Rußland durchmachen, sollten uns auf keinen Fall von
der Unterstützung der Demokratie in diesen Ländern
oder andernorts abhalten. Ganz im Gegenteil. Wir
müssen den Mut unserer eigenen demokratischen
Überzeugungen haben. Die Freiheit der Entscheidung
und die Redefreiheit werden mit der Zeit diesen und
anderen neuen Demokratien zu einer bürgerlichen
Gesellschaft, Rechtsstaatlichkeit und den anderen
Eigenschaften von Staaten verhelfen, die als vollständig integrierte und konstruktive Mitglieder der
internationalen Staatengemeinschaft willkommen
geheißen werden.
Wir sollten dem Gedanken widerstehen und ihn
ablehnen, daß einige Rassen oder Kulturen für
Demokratie ungeeignet sind. Wir sollten uns vor
Stereotypen über den nationalen Charakter hüten,
insbesondere solchen, die - wenn sie zur Grundlage
unserer Politik werden - ganze Nationen zu Tyrannei,
Bürgerkrieg oder unendlichem Chaos aufgrund der
perversen Theorie verdammen würden, das sei das
Schicksal, das sie verdienen, oder das sei das ihren
Genen innewohnende Schicksal.
Die eher düsteren und warnenden Aspekte der von mir
zitierten vier Fälle sollten uns davon abhalten, von
einer "demokratischen Revolution" zu sprechen.
Demokratisierung ist per definitionem überhaupt nicht
revolutionär - sie ist evolutionär. Keine Gesellschaft
kann die Art ihrer Regierungsform über Nacht ändern.
Selbst mit Unterstützung der Vereinigten Staaten und
unserer demokratischen Verbündeten wird es in vielen
dieser Nationen Jahrzehnte oder sogar Generationen
dauern, diesen Übergang zu vollziehen. Zum Teil ist
das darin begründet, daß die Einführung einer echten
Demokratie mehr bedeutet als nur eine Verfassung zu
entwerfen und eine einzige Wahl, oder sogar zwei oder
drei fristgerecht abzuhalten. Unsere eigenen Gründerväter verstanden, daß das von ihnen im Jahr 1787 -11
Jahre nachdem wir die Unabhängigkeit erlangt hatten entworfene Stück Papier von der Rechtsstaatlichkeit
und der Garantie der Freiheiten des einzelnen abhing.
Und es lohnt, sich ins Gedächtnis zu rufen, daß die
Afroamerikaner den in der Bill of Rights enthaltenen
Schutz erst in den sechziger Jahren erhielten - nahezu
zwei Jahrhunderte zu spät. Mit anderen Worten:
Unsere eigene Erfahrung spricht für eine gewisse
Nachsicht mit anderen, die sich in den Frühstadien

AMERIKA DIENST 06

eines Experiments befinden, dessen Erfolg in unserem
Interesse liegt.
Unsere jüngste und derzeitige Erfahrung spricht auch
für ein grundlegendes Vertrauen, daß die Vorteile und
Macht der Demokratie die Unzulänglichkeiten und
Rückschläge überwinden werden. Führende Politiker und Apologeten - autoritärer Regime behaupten
manchmal, rückständige oder sich entwickelnde
Länder seien irgendwie "nicht bereit" für Demokratie.
Das vergangene halbe Jahrhundert hat uns jedoch
bewiesen, daß arme Nationen Demokratie ebenso
benötigen wie reiche, und sie brauchen sie aus
wirtschaftlichen und politischen Gründen. Selbst in
den ärmsten Ländern der Welt - von Haiti und Nicaragua bis zu Malawi, Albanien und Kambodscha - haben
demokratisch gewählte Führer eher als ihre autoritären
oder totalitären Vorgänger die Tendenz gezeigt, die
wirtschaftlichen und sozialen Maßnahmen zu ergreifen, die ihrem Volk am besten dienen. Weil sie
wissen, daß sie an der Wahlurne zur Rechenschaft
gezogen werden, lenken gewählte Führer eher die
Aufmerksamkeit auf die grundlegenden Bedürfnisse
ihrer Bürger. Der Harvard-Ökonom Amartya Sen
argumentierte anhand umfassender Statistiken, daß "in
einem Land mit einer demokratischen Regierungsform
und einer relativ freien Presse nie eine größere
Hungersnot stattgefunden hat".
Entsprechend haben vom Volk gewählte Regierungen
in weiter entwickelten Staaten von Argentinien über
Estland bis zu den Philippinen eher die Legitimität das heißt, die Unterstützung der Wähler - um schmerzliche aber notwendige wirtschaftliche Entscheidungen
zu treffen. Und an der Schwelle zum nächsten
Jahrhundert werden offene Gesellschaften am besten
vorbereitet sein, von den neuen Informationstechnologien zu profitieren: Im Zeitalter des Mikrochip und des
Modem wird die Wirtschaftsentwicklung scheitern,
wenn die Bürger mißtrauische, diktatorische Behörden
bekämpfen müssen, nur um ein Faxgerät besitzen,
Fotokopien eines Dokuments machen oder am Telefon
sprechen zu dürfen. Die Wahrheit wird immer offenkundiger, nicht nur für die Dissidenten und Reformer in
diesen Ländern, sondern auch für die zukünftigen
Mächte, oder zumindest die übernehmende Generation.
Ein abschließender Punkt: Was auch immer die
innenpolitischen Hindernisse für die Demokratisierung
sein mögen, das internationale Umfeld für den Prozeß
ist zunehmend günstig. Die Demokratisierung in
Rußland, Kambodscha, Haiti und Südafrika findet vor
dem Hintergrund von Globalisierung, Interdependenz
und der Kommunikationsrevolution statt - dem gleichen
Komplex von Trends, einige revolutionär, andere
evolutionär, die den Eisernen Vorhang niederrissen,
den Philippinen Machtbefugnis verliehen und die in
den achtziger Jahren die Oberste in Lateinamerika in
die Kasernen zurückschickten. Alle diese Fakten des

Seite 5

�internationalen Lebens werden weiterhin heilsame
Auswirkungen auf das nationale Leben von Ländern
haben, die mit dem Übergang zur Demokratie kämpfen.
Die Rolle der Vereinigten Staaten als Unterstützer und
Förderer dieses Prozesses wird auch in Zukunft
entscheidend sein - und uns auch in Zukunft Dividenden bringen. Wir profitieren nicht nur vom Erfolg der
Demokratie in anderen Ländern, sondern auch von
unserem eigenen Eintreten für die Sache der Freiheit.
Die Bilanz unseres Landes beim Verfechten demokratischer Ideale verleiht uns eine einzigartige Befugnis
und Glaubwürdigkeit in internationalen Angelegenheiten. Die Welt blickt weiterhin auf uns für eine Führungsrolle - nicht nur wegen unserer wirtschaftlichen
und militärischen Macht, sondern auch, weil wir am

besten sind, wenn wir die gleichen politischen Prinzipien im Ausland fördern und verteidigen, die wir hier zu
Hause wertschätzen. Kurzum: Unsere Außenpolitik
muß sich weiterhin auf unser Wesen als Gesellschaft
und unsere Interessen als Staat gründen. Das ist nicht
eine Frage der Nächstenliebe oder "Sozialarbeit" - es
ist eine Frage der Sicherung und Erweiterung der
internationalen Staatengemeinschaft, die unsere Werte
teilt und deren Interessen sich daher mit unseren
decken. Es ist eine Investition in unsere langfristige
Sicherheit. Die Losung der amerikanischen Außenpolitik sollte lauten: Geduld, Festigkeit und Konzentration. Wenn Tiere sprechen könnten, würden Sie das
von einem Igel hören.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

* * * * *

Seite 6

AMERIKA DIENST 06

�ABRÜSTUNG

20. März 1996

Ledogar: Abschluß des CTBT in diesem Jahr möglich
Rede beim UN-Seminar in Genf

GENF - (AD) - Die Vereinigten Staaten sind der Auffassung, daß der Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) in diesem Jahr abgeschlossen werden kann, dies
jedoch "harte Arbeit, schwierige Entscheidungen ... und Kompromisse" erfordern wird, äußerte der amerikanische
Vertreter bei der Genfer Abrüstungskonferenz (Conference on Disarmament - CD), Stephen Ledogar, am 8. März
1996 in seinen Ausführungen bei einem von den Vereinten Nationen in Genf veranstalteten Seminar.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafter Ledogar im Wortlaut.

Heute um Mitternacht hat die Genfer Abrüstungskonferenz die ersten sieben Wochen ihrer Sitzungsperiode 1996 hinter sich. Nahezu 30 Prozent des
Verhandlungsjahres sind verstrichen. Die drängende
Frage lautet: Wird die Konferenz den CTBT rechtzeitig
zur Vorbereitung einer Unterzeichnungszeremonie im
September vor Beendigung der Feierlichkeiten zum
50jährigen Bestehen der Vereinten Nationen abschließen können?

bin ich der Ansicht, daß dieser Weg zum Erfolg
unseres gemeinsamen Ziels führt und den gleichen
Ansatz beinhaltet, den die Konferenz 1992 zum
Abschluß der Chemiewaffenkonvention einnahm. Der
CTBT kann nur durch die Verdoppelung unserer
Anstrengungen, erneute Überprüfung der nationalen
Positionen, Einbeziehung der Probleme, Trennung des
Wichtigen vom Unwichtigen und Kompromisse Realität
werden.

Meine Antwort auf diese Frage ist JA. Wir können es
schaffen. Der CTBT kann in diesem Jahr abgeschlossen werden. Wie Australien bei der Plenarsitzung der CD in der vergangenen Woche erklärte, ist
der Abschluß des Vertrags jedoch nicht "unvermeidlich", oder wie wir in den Vereinigten Staaten sagen,
der CTBT ist nicht "sicher". Obwohl es zutrifft, daß die
Konferenz in den vergangenen Wochen eine zunehmende Dynamik entwickelt hat, insbesondere mit der
Vorlage von zwei Modell-Vertragstexten durch den Iran
und Australien, ist es hinreichend bekannt, daß bei
allen Verhandlungen dieser Größenordnung die Dynamik jeden Augenblick umschlagen kann. Positive
Dynamik kann von allen Parteien nur durch entschlossenes Engagement und Ausdauer bewahrt werden.

Der zweite Weg ist verhängnisvoll und voller böser
Omen. Die Konferenzteilnehmer könnten selbstzufrieden und faul werden. Noch schlimmer wäre,
wenn die Delegationen starrköpfig und gierig werden
und auf nationalen Positionen beharren, die keine
Chance haben, eine umfassende Verhandlung zu
überleben. Die Konferenzteilnehmer können der
Verhandlung auch neue Erfordernisse wie ein Junktim
zwischen dem CTBT und weiteren Verpflichtungen im
Bereich der nuklearen Abrüstung auferlegen. Meiner
Ansicht nach führt dieser letztere Weg zu Katastrophen
und Enttäuschungen.

Die Konferenz nähert sich rasch einem entscheidenden Punkt, einer Wegegabelung auf der Straße, die zu
zwei unterschiedlichen und entgegengesetzten Wegen
führt. Der erste Weg ist der schwierigere. Er erfordert
harte Arbeit, schwierige Entscheidungen, Opfer und ist
äußerst zeitaufwendig und arbeitsintensiv. Natürlich

AMERIKA DIENST 06

Viele haben über die Chance gesprochen, die dieses
Jahr für den Abschluß des CTBT besteht. Der lange
und etwas gewundene Weg zu einem CTBT ist in der
Tat hinreichend bekannt und dokumentiert, wie Dr.
Goldblats Hintergrundpapier über ein Atomtestverbot
anschaulich erörtert. In den vergangenen Jahrzehnten
haben sich mehrfach, wenn auch nur geringe Chancen
für den CTBT eröffnet, die jedoch kurz danach verstrichen waren. 1996 scheint das anders zu sein.

Seite 1

�Bei der UN-Generalversammlung im Dezember
vergangenen Jahres erklärte die internationale
Staatengemeinschaft, 1996 sei "das Jahr des CTBT",
und die UN-Mitgliedstaaten empfahlen einen Zeitplan
für unsere Verhandlungen. Bisher ist es kaum vorgekommen, daß so viele Länder - über 180 - sich
hinter ein gemeinsames Abrüstungsziel gestellt haben.
So bietet sich wieder einmal eine Chance für den
CTBT mit gerade genug Zeit in diesem Kalenderjahr
für den Abschluß und die Unterzeichnung des Vertrags. Dennoch belegt die Geschichte, wie schnell
sich die Dinge wandeln können. Vorsicht. Die sich
jetzt für den CTBT bietende Chance kann jeden
Augenblick verstreichen, und der entstehende Schaden ist sehr wahrscheinlich irreparabel.
Ich fordere meine Kollegen an diesem Tisch und die
Mitglieder der Presse auf, die Konsequenzen eines
nicht in diesem Sommer abgeschlossenen CTBT zu
prüfen. Die verpaßten Chancen könnten enorm sein.
Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einige lenken.
Der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und
Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency ACDA), John Holum, erklärte bei der Eröffnungssitzung der CD am 23. Januar, der CTBT würde den
Atomwaffenstaaten neue Beschränkungen auferlegen,
insbesondere bei der Entwicklung moderner neuer
Waffen. Er fügte hinzu, der CTBT würde die Entwicklung neuer militärischer Anwendungen im nuklearen
Bereich verhindern. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit
auch auf einen kürzlich erschienenen SIPRI-Artikel von
Eric Arnett lenken, in dem er die beträchtliche Anzahl
bestehender und möglicher Nuklearwaffenprogramme
erörtert, die durch einen CTBT begrenzt werden
könnten. Diese Begrenzung würde uneingeschränkt
auf die fünf Atomwaffenstaaten und die nuklearen
Schwellenländer Anwendung finden.
Der CTBT wird auch ein unerläßlicher Schritt sein,
wenn die endgültige Beseitigung von Atomwaffen je
erzielt werden soll. Wenn wir jetzt - wie einige vorschlagen - ein Junktim zwischen der CD und den
beiden Abrüstungszielen in demselben Vertrag
herstellen, nämlich der Einstellung von Atomwaffentests und anderen Atomexplosionen sowie kontinuierlichen Fortschritten bei der Beseitigung von Nuklearwaffen, werden wir sicherlich scheitern. Ich bin der festen
Überzeugung, daß diejenigen, die ein Junktim anstreben, diese Verhandlungen vereiteln wollen. Ich

* *

Seite 2

bitte Sie inständig, die Motive derjenigen in Frage zu
stellen, die ich als "Meister des Junktims" bezeichne.
Sind sie besorgt, daß der Vertrag vorzeitig ihre
bestehenden Nuklearprogramme einfriert? Oder sind
sie besorgt, daß sie ihre Arsenale nicht aufstocken
oder ihre existierenden Atomwaffen nicht modernisieren können?
Diejenigen, die behaupten, der CTBT sei nutzlos,
solange er nicht einen expliziten Bezug zu einem
zeitgebundenen Rahmen für die vollständige Beseitigung von Nuklearwaffen enthält, argumentieren
unlogisch und machen viel heiße Luft. Der CTBT ist
eine wichtige Rüstungskontrollmaßnahme. Warum
hätten seit Ende der fünfziger Jahre sonst so viele
Länder so große Anstrengungen dafür unternommen?
Warum würden die UN-Generalversammlung und die
Parteien des Nichtverbreitungsvertrags sonst den
Abschluß des CTBT im Jahr 1996 fordern?
Der CTBT verfolgte stets ein einziges Ziel: Die
Einstellung von Atomwaffentests und anderen Nuklearexplosionen für alle Zeiten. Dankenswerterweise
gehen mit diesem Vertrag noch andere Vorteile einher.
Zusätzlich zu den von mir bereits erwähnten wird der
CTBT auch effektiv zur Verhinderung der Weiterverbreitung von Nuklearwaffen mit allen ihren Aspekten,
zum Prozeß der nuklearen Abrüstung und daher zur
Verbesserung des internationalen Friedens und der
Sicherheit beitragen. Diese Worte sind nicht aus der
Luft gegriffen. Diese Worte entstammen dem Mandat,
das die CTBT-Verhandlungen seit 1993 leitet.
Die Atomwaffenstaaten geben mit der Unterzeichnung
des CTBT sehr viel auf. Wir vereinbaren, unserem
defensiven militärischen Einsatzkonzept zahlreiche
Beschränkungen aufzuerlegen. Offen gesagt waren
die Vereinigten Staaten nicht immer so großzügig bei
dieser Rüstungskontrollinitiative. Ich fordere meine
Verhandlungspartner auf, die Chance zu ergreifen,
bevor es zu spät ist. Obwohl es so aussieht, als hätten
wir das Verhandlungsjahr gerade erst begonnen, wird
die Zeit knapp. Die Zahl der Verhandlungstage im
Jahr 1996 ist stark begrenzt. Die Vereinigten Staaten
vertreten die Auffassung, daß der Erfolg in greifbare
Nähe gerückt ist, wir aber hart dafür arbeiten müssen.
Wir müssen denselben Weg verfolgen und das gleiche
Engagement an den Tag legen. Die Teilnehmer der
Konferenz - und nur sie - können das bewirken. Die
Entscheidung liegt bei uns.

* *

*

AMERIKA DIENST 06

�ABRÜSTUNG
20. März 1996

Verhinderung der nuklearen Anarchie
Auszüge aus Harvard-Studie

WASHINGTON - (AD) - Die neue Bedrohung eines nuklearen "Lecks" durch den Diebstahl und die Umleitung von
Nuklearmaterial nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat das Problem der Weiterverbreitung für die
Vereinigten Staaten und andere Nationen verändert, so die Schlußfolgerung einer vom Zentrum für Wissenschaft
und internationale Angelegenheiten der Harvard University veröffentlichten Studie.
Neben anderen Empfehlungen fordert der Bericht die Förderung von Programmen zur direkten Verbesserung der
nuklearen Sicherheit, den Aufbau konstruktiver Beziehungen zur russischen Regierung sowie die Erarbeitung und
Umsetzung eines langfristigen Plans für die Verwaltung von spaltbarem Material.
Die Autoren der Studie sind Graham T. Allison, Owen R. Cote, Jr., Richard A. Falkenrath und Steven E. Miller.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus dem Bericht.

Das nukleare Leck

Sechs bekannte Vorfälle

Seit 1991 waren in der Presse zahlreiche Berichte
über den Diebstahl von Nuklearmaterial und Atomwaffen aus der ehemaligen Sowjetunion und den illegalen
Handel damit zu lesen. Über buchstäblich Hunderte
von Vorfällen wurde berichtet, aber in der Mehrzahl
waren es Falschmeldungen oder sie bezogen sich
nicht auf waffenfähiges Material. Dennoch geben die
Fakten aus mindestens vier Gründen Anlaß zu großer
Sorge. Erstens legt die große Anzahl realer oder
betrügerischer Bestrebungen zum Verkauf von
Nuklearmaterial in der früheren Sowjetunion die
weitverbreitete Erkenntnis nahe, daß solches Material
Marktwert hat. Zweitens weisen diese Fakten auf
beträchtliche Anstrengungen zur Erfüllung des Bedarfs
auf einem entstehenden nuklearen Schwarzmarkt hin.
Drittens ist es unwahrscheinlich, daß jeder Versuch
eines Nuklearschmuggels aufgedeckt und berichtet
wird. Per definitionem finden erfolgreiche Transaktionen auf dem Schwarzmarkt verdeckt und unbemerkt statt. Und viertens versteckt sich hinter der
großen Anzahl angeblicher Fälle eine kleine Zahl sehr
ernsthafter Vorfälle.

Seit 1992 wurden sechs Fälle von Diebstahl oder
illegalem Handel mit spaltbarem Material bekannt. Ein
Angestellter stahl Mitte 1992 ungefähr 1,7 kg hochangereichertes Uran (HEU) aus der Wissenschaftlichen Produktionsanlage Luch im russischen Podolsk.
Ein Kapitän der russischen Marine entwendete im
November 1993 rund 4,5 kg HEU aus einem U-BootTreibstofflager in Murmansk. Die deutsche Polizei
entdeckte im Mai 1994 per Zufall 5,6 Gramm superwaffenfähiges Plutonium in der Garage eines verdächtigten Banknotenfälschers in Tengen. Im Juni 1994
beschlagnahmte die bayerische Polizei in Landshut 0,8
Gramm HEU bei einem Scheingeschäft. Ein Scheingeschäft führte im August 1994 auch zur Beschlagnahme von einem halben Kilo beinahe waffenfähigem
Plutonium auf dem Münchner Flughafen. Und 2,7 kg
HEU wurden im Dezember 1994 in Prag beschlagnahmt. Um dies in einen Zusammenhang zu setzen:
Aus der ehemaligen Sowjetunion wurde mehr spaltbares Material gestohlen als die Vereinigten Staaten in
den ersten drei Jahren des Manhattan Project produzieren konnten.

AMERIKA DIENST 06

Seite 1

�Warum das Leck wahrscheinlich größer wird
Obwohl jedes Leck Anlaß zur Sorge gibt, hat ein
katastrophaler Zusammenbruch des russischen
Nuklearkomplexes, der eine enorme Menge von
Atomwaffen oder spaltbarem Material auf den internationalen Schwarzmarkt schwemmen würde, noch nicht
stattgefunden. Bedauerlicherweise gibt es eine Reihe
von Gründen für die Annahme, daß das atomare Leck
in Rußland weiterbestehen wird und leicht größer
werden kann: Die Ordnung der russischen Gesellschaft ist infolge sozialer und wirtschaftlicher Härten,
politischem Opportunismus und einer überhand
nehmenden Kriminalisierung empfindlich gestört. Der
weit verstreute russische Nuklearkomplex scheint sich
im endgültigen Stadium des wirtschaftlichen Niedergangs zu befinden. Das während der Sowjetära
entwickelte repressive innenpolitische Sicherheitssystem ist mehr oder weniger zusammengebrochen,
und die Integrität des noch vorhandenen ist fraglich.
Rußland hat kein nationales oder für die jeweiligen
Anlagen bestimmtes Inventursystem für den Bestand
an spaltbarem Material. Rußlands Nukleareinrichtungen verfügen über unzulängliche Sicherheitsvorkehrungen gegen Diebstahl - insbesondere Bedrohungen
von innen - und der Prozeß der Zerlegung der überschüssigen Gefechtsköpfe Rußlands übersteigt die
russischen Kapazitäten zur Lagerung der verbleibenden überschüssigen Waffenkomponenten. Angesichts
dieser Situation ist eine Ausweitung des nuklearen
Lecks wahrscheinlich, ernsthafte Vorfälle mit ausreichenden Mengen von spaltbarem Material sind eine
echte Möglichkeit, und das Risiko eines katastrophalen
Zusammenbruchs des russischen Überwachungssystems ist nach wie vor beunruhigend hoch.
Das nukleare Leck:
Die größte Bedrohung der nationalen Sicherheitsinteressen der USA
Das nukleare Leck ist heute und in absehbarer Zukunft
die ernsthafteste direkte Bedrohung elementarer
amerikanischer Interessen. Die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion entstandene neue Bedrohung hat das Problem der Weiterverbreitung für die
Vereinigten Staaten (und andere ernsthaft mit Weiterverbreitung befaßte Länder) verändert. Um diese
Bedrohung richtig einschätzen zu können, müssen vier
vorherrschende Mythen über Nuklearwaffen und
spaltbares Material über Bord geworfen werden:
Erstens, daß der Bau einer Atomwaffe schwierig ist.
Zweitens, daß spaltbares Material zu gefährlich oder
zu schwer zu schmuggeln ist. Drittens, daß eine
Atomwaffe in die Vereinigten Staaten zu schmuggeln
eine Herausforderung ist und viertens, daß es keine
Nachfrage nach illegal beschafften Nuklearwaffen oder
spaltbarem Material gibt. Alle vier Annahmen sind
völlig falsch und zutiefst schädigend in dem Maße, in
dem sie die nationale Sicherheitspolitik eines Staates
leiten.

Seite 2

Die Verfügbarkeit von spaltbarem Material erleichtert die Herstellung von Atomwaffen
Die Verhinderung des Zugangs zu spaltbarem Material
ist das einzig verläßliche Mittel zur Verhinderung des
Zugangs zu Atomwaffen. Die Konstrukteure amerikanischer Waffen haben diese Binsenwahrheit seit
Anfang der siebziger Jahre wiederholt, als John
Foster, ein ehemaliger Direktor des Lawrence Livermore Nuklearwaffenlabors erklärte: "Das einzig
Schwierige bei der Herstellung einer Atombombe ist
die Bereitstellung von spaltbarem Material mit ausreichender Reinheit. Die Konstruktion der Bombe
selbst ist relativ leicht." Amerikanische Waffenkonstrukteure sind sich einig, daß die meisten Staaten und
viele Terrorgruppen eine einfache Nuklearwaffe bauen
könnten, wenn ihnen die ausreichende Menge von
spaltbarem Material zur Verfügung gestellt wird. Der
Zerfall der Sowjetunion und der darauf folgende
Zusammenbruch des Überwachungssystems für das
sowjetische nukleare Erbe hat einen schwachen Punkt
für den Transport von spaltbarem Material geschaffen,
da Staaten und wahrscheinlich sogar in Staaten
agierende Gruppen jetzt das kaufen oder stehlen
können, was sie vorher selbst herstellen mußten.
Der Transport ist leicht
Viele scheinen sich mit der Annahme zu beschwichtigen, daß die zur Herstellung von Waffen erforderliche
Menge spaltbaren Materials zu groß ist, um leicht
transportiert werden zu können, oder daß Nuklearschmuggler von den gesundheitlichen Gefahren
abgeschreckt würden, die mit der Handhabung
spaltbaren Materials einhergehen. Beide Ansichten
sind falsch. Die einfachste Bombenkonstruktion - wie
die über Hiroshima abgeworfene - erfordert wenig
mehr als 45 kg HEU. Eine etwas weiter entwickelte,
aber immer noch einfache Implosionswaffe kann mit
weniger als 9 kg Plutonium oder rund 18 kg HEU
gebaut werden. Solche Gewichte könnten physisch
von einer Person getragen werden und haben aufgrund der Dichte von spaltbarem Material einen sehr
geringen Umfang.
Im Gegensatz zur gängigen
Überzeugung kann waffenfähiges Material darüber
hinaus sicher gehandhabt werden: Plutonium ist
radioaktiv und emittiert Alphapartikel, aber diese
Partikel können die Haut nicht durchdringen. HEU ist
praktisch gar nicht radioaktiv.
Schmuggel in die Vereinigten Staaten ist leicht
Als die offenste Gesellschaft der Welt hat Amerika
außerordentlich durchlässige Grenzen. Die Menge an
Menschen und Gütern, die durch die legalen Einreiseorte in die Vereinigten Staaten kommt, ist enorm
und wird im großen und ganzen nicht kontrolliert.
Ferner müssen diejenigen, die Atomwaffen oder das
Material zu ihrer Herstellung in die Vereinigten Staaten
zu schmuggeln versuchen, nicht die legalen Ein-

AMERIKA DIENST 06

�reiseorte wählen. Das Aufspüren von Atomwaffen
oder spaltbarem Material durch Strafverfolgungsbeamte ist nicht leicht. Zum Aufspüren von Nuklearmaterial entworfene Technologien haben nur eine
äußerst geringe Reichweite und werden derzeit nur in
sicheren Lagereinrichtungen von wenigen speziellen
Suchteams verwendet. Und schließlich sind die
Möglichkeiten, solches Material in die Vereinigten
Staaten zu bringen, praktisch unbegrenzt. In Ermangelung der von den nuklearen Supermächten
bevorzugten interkontinentalen Trägersysteme würde
ein Terrorist oder verbrecherischer Staat mit an
Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf unkonventionelle Abschußvorrichtungen wie ein Schiff in
einem Hafen, eine Autobombe oder ein Flugzeug
zurückgreifen. Da sie keinen Absender hinterlassen,
sind unkonventionelle Angriffe schwer abzuschrecken
oder zu vergelten.

dieser Angelegenheit auf dem Spiel stehen. Während
der ersten drei Jahre nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion wurden praktisch keinerlei Fortschritte zur
Reduzierung der Wahrscheinlichkeit erzielt, daß eine
Atomwaffe oder eine Menge spaltbaren Materials aus
Rußland herausgeschmuggelt würde. Im Jahr 1995
wurden nach der sowjetischen Ära einige hoffnungsvolle Schritte in wenigen Bereichen des nuklearen
Archipels unternommen. Dennoch waren die meisten
der relevanten Einrichtungen Ende 1995 nicht sicherer
als beim Zerfall der Sowjetunion. Und obwohl jetzt
mehrere wichtige Einzelerfolge der amerikanischen
Politik ausgemacht werden können, ist nicht genug
getan worden, um die generelle Anfälligkeit des
nuklearen Überwachungssystems Rußlands zu
beheben.
Viele amerikanische Programme, aber zu langsame
Fortschritte

Die Nachfrage besteht
Niemand kann bezweifeln, daß eine Nachfrage für
Nuklearwaffen besteht: Sie wurde von über einem
Dutzend Staaten demonstriert, angefangen mit den
Kombattanten im Zweiten Weltkrieg. Die Frage, die
einige jedoch stellen, lautet, ob es eine Nachfrage für
gestohlendes oder illegal beschafftes spaltbares
Material oder Atomwaffen gibt. Bisher gibt es wenig
konkrete Beweise für die Existenz dieser besonderen
Form von Nachfrage nach Nuklearwaffen. Der Mangel
an Beweisen hat wahrscheinlich mit der Tatsache zu
tun, daß die illegale Beschaffung erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine mögliche Verbreitungsoption war. Da es Staaten gibt, die für die
Beschaffung von Nuklearwaffen jahrelange Anstrengungen und Milliarden von Dollar zu investieren
bereit sind, ist es nicht plausibel, daß sie den Diebstahl
oder Kauf von spaltbarem Material oder sogar der
Waffen selbst ablehnen würden, wenn sich eine
Chance böte. Und obwohl es keine konkreten Beweise für die Nachfrage nach Nuklearwaffen unter
Terroristen oder anderen innerhalb von Staaten
agierenden Gruppen gibt, ist diese Tatsache kein
Grund zur Beruhigung: Spaltbares Material befand sich
noch bis vor einigen Jahren außerhalb der Reichweite
von Terroristen, das trifft jedoch nicht länger zu. Selbst
angesichts der größeren Verfügbarkeit von Nuklearwaffen durch das nukleare Leck bestätigen einige
Beobachter, daß Terroristen einfach uninteressiert an
der Beschaffung oder dem Einsatz von Nuklearwaffen
sind. Eine ähnliche Einstellung hatte man gegenüber
Terroristen und chemischen Waffen, bis Sarin in der
Tokioter U-Bahn ausströmte.
Die amerikanische Reaktion auf die Bedrohung des
nuklearen Lecks: Unzureichend
Die amerikanische Reaktion auf diese neue Bedrohung des nuklearen Lecks steht in keinem Verhältnis zu den Interessen der Vereinigten Staaten, die bei

AMERIKA DIENST 06

Im Rahmen der derzeitigen politischen Zwänge hat die
Clinton-Administration ein breites Spektrum innovativer
Programme eingeführt, mit denen die vielen unterschiedlichen nuklearen Probleme in der ehemaligen
Sowjetunion bewältigt werden sollen. Diese Programme fallen in drei grundlegende Kategorien: Programme, mit denen die Sicherheit von Nuklearwaffen und
-material in der früheren Sowjetunion direkt verbessert
werden soll; Programme, die eine permanente Verlegung von spaltbarem Material anstreben und Programme, die "Vertrauen durch Offenheit" aufbauen wollen,
indem sie die Transparenz der russischen und amerikanischen nuklearen Rüstungsindustrie verbessern.
Im Hinblick auf die Verbesserung der Sicherheit von
Nuklearmaterial hat es einige wichtige Errungenschaften gegeben, aber im allgemeinen erfolgten die
amerikanischen Bestrebungen in diesem Bereich
langsam und in kleinem Rahmen und haben wenig
Chancen, eine kurzfristige Reduzierung der gravierenden Bedrohung durch das nukleare Leck
herbeizuführen. Auch die Verhandlungen über eine
langfristige Verlegung von spaltbarem Material und
Transparenz sind extrem langsam vorangekommen.
Obwohl einige bescheidene Erfolge bei der Frage der
langfristigen Verlegung zu verzeichnen waren, wurden
die Verhandlungen über Transparenz im großen und
ganzen durch die russische Kompromißlosigkeit
vereitelt.
Warum die Fortschritte langsam waren
Die amerikanischen Bestrebungen zur Reduzierung
der Bedrohung des nuklearen Lecks wurden durch die
mangelnde
Kooperationsbereitschaft
Rußlands,
finanzielle Engpässe, politische Gegebenheiten und
vom Kongreß auferlegte rechtliche Einschränkungen,
die unterschiedlichen Prioritäten der Clinton-Administration selbst sowie die kärglichen Beiträge der
amerikanischen Verbündeten behindert. Die grundlegende Schwäche der Reaktion der Clinton-Administra-

Seite 3

�tion auf die Bedrohung des nuklearen Lecks war das
Fehlen konzertierter Bestrebungen auf hoher Ebene
zur Überwindung dieser Hindernisse, insbesondere
unter Einbeziehung der Zusammenarbeit mit der
russischen Regierung und der Überzeugungsarbeit im
Kongreß, der amerikanischen Öffentlichkeit und den
anderen modernen Industrienationen, daß eine
ehrgeizigere und besser finanzierte Kampagne gegen
die Bedrohung des nuklearen Lecks notwendig ist.
Empfehlungen
Zur Bekämpfung der Bedrohung durch das nukleare
Leck müssen die politisch Verantwortlichen Rußlands,
der Vereinigten Staaten und der anderen führenden
Industrienationen einen Weg zur Überwindung der
Hindernisse für schnellere Fortschritte finden, mit
denen sie sich in den vergangenen vier Jahren
konfrontiert sahen. Der Präsident und seine hochrangigen Mitarbeiter sollten auf breitester Ebene mehr Zeit
und Energie auf die Schaffung des politischen Spielraums verwenden, den die Administration benötigt,
wenn sie beim Schutz der Vereinigten Staaten gegen
künftige nukleare Bedrohungen Erfolg haben will. Da
die bereits erwähnten politischen Zwänge hauptsächlich von Moskau und dem Capitol Hill ausgehen, sollte
die Clinton-Administration ihre Bestrebungen darauf
konzentrieren. Die Vereinigten Staaten sollten sich
auch intensiver auf die Sicherstellung der Zusammenarbeit mit ihren Freunden und Verbündeten sowie
deren Unterstützung konzentrieren. In der Annahme,
daß solche Bestrebungen den zur Bekämpfung des
nuklearen Lecks erforderlichen politischen Spielraum
vergrößern, sollten die Vereinigten Staaten Programme einführen, die zu folgenden drei Zielsetzungen
beitragen können:

Sicherheitsanalyse aller amerikanischen und russischen Nukleareinrichtungen vorschlagen.
Aufbau konstruktiver Beziehungen zur russischen
Regierung, insbesondere Minatom
Rasche Fortschritte bei wichtigen Programmen zur
Verringerung der Bedrohung eines nuklearen Lecks
sind nur im Kontext starker, kooperativer Beziehungen
zur russischen Regierung und vor allem dem Überwachungssystem der weit verstreuten nuklearen Arsenale
möglich. Aus diesem Grund sollte die US-Regierung
größere Betonung auf die Definition und Förderung
nuklearer Sicherheitsprogramme legen, die den
institutionellen Interessen führender russischer
Vertreter und den amerikanischen nationalen Sicherheitsinteressen gleichermaßen dienen. Daher
sollten die Vereinigten Staaten
1.

den amerikanischen Plan zum Kauf von
russischem HEU in einer Weise umändern,
die Minatom bessere wirtschaftliche Anreize
zur Zusammenarbeit mit den Vereinigten
Staaten bietet,

2.

gemeinsame nukleare Technologieprojekte
zwischen Minatom und westlichen Firmen
finanzieren,

3.

die gemeinsame Beseitigung der Altlasten bei
wichtigen Nuklearwaffeneinrichtungen
in
beiden Ländern finanzieren,

4.

das Programm für Industriepartnerschaften
(Industrial Partnering Program - IPP) erweitern
- das erfolgreichste amerikanische Programm,
das die Konversion der russischen Atomwaffenindustrie für nichtmilitärische kommerzielle
Zwecke zum Ziel hat,

5.

den beiden russischen Städten, in denen noch
waffenfähiges Plutonium hergestellt wird,
kurzfristig eine alternative Energiequelle zur
Verfügung stellen, so daß die russische
Regierung ihre drei verbliebenen Plutonium
produzierenden Reaktoren stillegen kann.

Förderung von Programmen, die nukleare Sicherheit direkt verbessern
Die oberste Priorität der amerikanischen Nichtverbreitungspolitik muß in der Überzeugung Rußlands
bestehen, unverzüglich konkrete Schritte zur Verringerung der Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Lecks in
absehbarer Zukunft zu unternehmen. Um das vordringliche Ziel der größtmöglichen Reduzierung der
Bedrohung des nuklearen Lecks in möglichst kurzer
Zeit zu erreichen, gibt es mindestens vier Programme,
die von den Vereinigten Staaten eingeführt oder mit
größerer Dringlichkeit verfolgt werden sollten. Erstens
sollten sie den Kauf von russischem HEU durch die
Vereinigten Staaten ausweiten und beschleunigen.
Zweitens sollte die amerikanische Regierung den Kauf
von Rußlands überschüssigem waffenfähigen Plutonium anbieten. Drittens sollten die Vereinigten Staaten
alles in ihrer Macht Stehende tun, um Sicherheitsverbesserungen in allen Nukleareinrichtungen der
ehemaligen Sowjetunion einzuführen oder zu beschleunigen. Und schließlich sollte die US-Regierung
Moskau eine gemeinsame Bestandsaufnahme und

Seite 4

Erarbeitung und Umsetzung eines langfristigen
Plans zur Verwaltung von spaltbarem Material
Schließlich sollten die Vereinigten Staaten in Zusammenarbeit mit Rußland und den anderen wichtigen
Atomwaffenstaaten einen langfristigen Plan zur
Handhabung des weltweiten Überschusses an
spaltbarem Material erarbeiten und die zur Umsetzung
dieses Plans erforderlichen Ressourcen bereitstellen.
Die langfristige Verwaltung von spaltbarem Material ist
eine Aufgabe globalen Ausmaßes, die auf der Grundlage von enger internationaler Zusammenarbeit und
Konsultationen durchgeführt werden könnte. Ange-

AMERIKA DIENST 06

�sichts ihres einzigartigen Status als nukleare Supermächte müssen die Vereinigten Staaten und Rußland
die Führungsrolle auf diesem Gebiet übernehmen. In
Anbetracht der Dringlichkeit der Bedrohung eines
nuklearen Lecks sollte eine langfristige Strategie zur
Handhabung von überschüssigem spaltbaren Material
zur Verstärkung der kurzfristigen Bestrebungen
entwickelt werden, ein nukleares Leck in der ehemaligen Sowjetunion zu verhindern. In diesem Zusammenhang sollten die Vereinigten Staaten
1.

ein Schritt für Schritt einzuführendes internationales Überwachungsregime für spaltbares
Material erarbeiten und einführen, das auf
bilateraler Basis mit Rußland beginnt und
allmählich multilaterale Kriterien annimmt,

2.

eine internationale Plutoniumbank oder ein
"Depot" als Interimlösung für die Verlegung
von Plutonium einrichten und

3.

die Führungsrolle bei konzertierten Bestrebungen der führenden Strafverfolgungsbehörden
und Nachrichtendienste der Welt übernehmen, um die zur effektiven und systematischen Bekämpfung von illegalem Handel mit
Nuklearmaterial erforderlichen Fähigkeiten
und Verfahren zu entwickeln sowie das Gerät
bereitzustellen - Bestrebungen, die kurz als
die Einrichtung einer "nuklearen Interpol"
bezeichnet werden.

* * *

AMERIKA DIENST 06

Seite 5

�WIRTSCHAFT
20. März 1996

Privatsektor muß bei Umschulung
von Arbeitslosen behilflich sein
von Robert Reich

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Arbeitsministers Robert Reich, der
erstmals am 6. März 1996 in der Financial Times erschien.

Pat Buchanan könnte im Endspurt um die Präsidentschaft im November von der politischen Bühne
verschwinden. Aber sein Wahlkampf wird angeheizt
vom Ärger über den sinkenden Lebensstandard vieler
Amerikaner, der sich wahrscheinlich nicht so schnell
verbessert.
Seit Ende der siebziger Jahre hat sich das Gehaltsgefälle vergrößert und die Reallöhne sind gesunken.
Obwohl die Clinton-Administration den Zuwachs an
Arbeitsplätzen wiederhergestellt sowie das Defizit
abgebaut hat und die Durchschnittslöhne nicht weiter
fallen, bleibt die langfristige Herausforderung der
Wiederherstellung des Lohnwachstums bestehen.
Aber während Buchanan das richtige Thema anspricht,
sind seine Lösungen unverantwortlich und gefährlich.
Der Fehler liegt nicht bei den Einwanderern, der
Welthandelsorganisation, dem Nordamerikanischen
Freihandelsabkommen, von Sozialhilfe abhängigen
Müttern,
Gleichstellungsmaßnahmen,
korrupten
Unternehmen oder habgierigen Geschäftsführern. Er
liegt in den beiden riesigen Veränderungen der
Organisation der Wirtschaft.
Die erste Veränderung ist der enorme Druck, unter den
das alte Massenproduktionssystem, das gute Arbeitsplätze für die Mittelschicht bereitstellte, durch neue
Informationstechnologien sowie globalen Handel und
Investitionen geriet. Dies verursachte solche Verwerfungen in der Wirtschaft, daß sich Millionen von
Amerikanern auf der falschen Seite einer großen Kluft
wiederfanden.

AMERIKA DIENST 06

Im Gegensatz zur Meinung einiger Neo-Ludditen gibt
es im Ergebnis nicht weniger Arbeitsplätze. Es gibt
sehr viele neue Arbeitsplätze, aber die guten liegen auf
der anderen Seite der Kluft. Sie erfordern technisches
oder problemlösendes Geschick und die Fähigkeit,
ständig neue Qualifikationen zu erwerben. Maschinisten werden durch Operator von computergestützten
Werkzeugmaschinen ersetzt, Automechaniker von
Automobiltechnikern, die die elektronischen Spielereien der Autos von heute reparieren können, Büroangestellte durch Bürotechniker, die im Umgang mit
Computern für die Speicherung und Aktualisierung von
Daten geschult sind.
In jeder modernen Volkswirtschaft verlagert sich die
Nachfrage schnell zugunsten derjenigen mit solchen
Qualifikationen und zum Nachteil derjenigen ohne sie.
Die Einkommen der ersteren steigen, die der letzteren
fallen (oder - wie in einem Großteil Westeuropas - sie
sind arbeitslos).
Diejenigen, die in der alten Volkswirtschaft verhaftet
bleiben, wissen entweder nicht, welche Qualifikationen
erforderlich sind, können die Kosten für Weiterbildung
nicht aufbringen, fühlen sich zu alt, um zu lernen oder
haben nicht die Kraft, dorthin umzuziehen, wo gute
Arbeitsplätze zu finden sind. Infolgedessen erzielen
die meisten Amerikaner, die ihren Arbeitsplatz verlieren und einen neuen finden, nie wieder ihr vorheriges
Einkommen.
Die zweite große Veränderung ist, daß sich der
inhärente Sozialvertrag aufgelöst hat, der die Unternehmen mit ihren Arbeitnehmern verband. Vor dreißig
Jahren konnte eine Firma, die gesunde Profite erwirt-

Seite 1

�schattete, ihren Angestellten sichere Arbeitsplätze mit
steigenden Gehältern und Sozialleistungen anbieten und die Gemeinden konnten mit kontinuierlichen
Steuereinnahmen rechnen.
Wenn die Konjunktur abflaute, konnten die Beschäftigten vorübergehend entlassen werden. Aber wenn sich
die Wirtschaft belebte, gab es wieder Arbeit. Der
Begriff "vorübergehende Entlassung" legte an sich
schon eine temporäre Trennung nahe. Die Gewerkschaften spielten eine wichtige Rolle bei der Bewahrung dieses Sozialvertrags, aber er wurde vornehmlich
durch die Erwartungen der Öffentlichkeit umgesetzt eine unausgesprochene aber weithin akzeptierte
Norm, daß es den Beschäftigten und Gemeinden
ebenfalls gut ging, wenn es einem Unternehmen gut
ging. Es erschien ungebührlich, daß eine Firma die
Früchte ihres Erfolges nicht teilen würde.
Diese Zeiten sind vergangen aufgrund des sich
intensivierenden Wettbewerbs um Investitionen.
Deregulierung hat Flug- und Telefongesellschaften,
Versorgungsunternehmen, Verteilernetze und Finanzmärkte gezwungen, die Bilanz im Auge zu behalten.
Die Informationstechnologie hat die Zeiten für Transaktionen zwischen Lieferanten und Kunden verringert.
Leichter Zugang zu den Kapitalmärkten hat mittelständischen Unternehmen die Eroberung von Marktanteilen der Großunternehmen gestattet.
Hinzu kommt die Bequemlichkeit, mit der riesige
Kapitalmengen jetzt mit einem Tastendruck auf dem
Personalcomputer bewegt werden können, und das
Ergebnis ist "elektronischer Kapitalismus" - ein weltweites System, um unverzüglich Finanzwerte dorthin
zu verlagern, wo sie die höchsten Erträge erwirtschaften.
Für immer verschwunden ist das Investitionssystem
gentlemanlike, das einst Geschäftsführern das Abwägen der Interessen von Aktionären gegen die der
Beschäftigten und Gemeinden gestattete. Heute
riskieren Geschäftsführer Ärger, wenn sie ihre Beschäftigten und Gemeinden nicht im Stich lassen,
sollte die Bilanz es erfordern - während diejenigen, die
es tun, Vergünstigungen und Börsenoptionen in
Millionenhöhe kassieren. Sogar der Ausdruck "vorübergehende Entlassung" hat nicht mehr die gleiche
Bedeutung wie früher.
Die meisten vorübergehenden Entlassungen sind
inzwischen von Dauer. Man braucht ein neues Wort
zur Beschreibung dieses Phänomens - vielleicht
"ausrangiert" anstatt "vorübergehend entlassen".
Diese Veränderung des impliziten Sozialvertrags
erschwert den Umgang mit dem stärker auf Konkurrenz ausgerichteten wirtschaftlichen Umfeld. Die
ausschließliche Konzentration moderner Unternehmen
auf die Maximierung von Aktionärsdividenden verrin-

Seite 2

gert ihre Fähigkeit, der Erwerbsbevölkerung den
Übergang zu der neuen Wirtschaft zu erleichtern.
Einer Nation geht es insgesamt besser, wenn die
Arbeitgeber den Arbeitnehmern grundlegende oder
branchenspezifische Fähigkeiten vermitteln, die über
das für ihre derzeitige Arbeit Erforderliche hinausgehen. Volkswirtschaften als Ganzes sind flexibler und
produktiver, wenn die Arbeitgeber dafür sorgen, daß
nicht länger benötigte Arbeitskräfte für einen neuen
Arbeitsplatz ausgebildet werden und diesen erhalten.
Da jedoch die Aktionäre nicht in den vollen Genuß der
Früchte solcher Investitionen kommen, ist selbst der
fortschrittlichste Manager nur wenig geneigt, sie in dem
Ausmaß zu tätigen, das die Gesellschaft benötigt.
Was für ein einzelnes Unternehmen rational erscheinen mag, ist für die Gesellschaft irrational.
Nahezu drei Viertel des nationalen Outputs resultiert
von der menschlichen Arbeitskraft und nur ein Viertel
von Maschinen. Die Qualität des Arbeitskräftepotentials einer Nation ist der Motor für Wirtschaftswachstum; das physische Kapital ist das Fahrzeug.
Wenn einem großen Teil der Arbeitnehmerschaft die in
der neuen Wirtschaft benötigten Kenntnisse fehlen, ist
der Lebensstandard jedes einzelnen in Gefahr. Eine
Zunahme von Ungleichheit und Unsicherheit trägt auch
zu Kriminalität und einer Gefährdung der öffentlichen
Gesundheit bei.
Kann die Regierung die Lücke füllen? Nur teilweise.
Die Regierung kann zwar den Menschen bei der
Suche nach einem Arbeitsplatz helfen und ihnen im
Falle der Arbeitslosigkeit Unterstützung gewähren,
aber der massive Anstieg der öffentlichen Verschuldung in den letzten 15 Jahren erfordert Sparmaßnahmen. Wie Präsident Clinton bereits in seinem
Bericht zur Lage der Nation erklärte: "Das Zeitalter des
'Big Government' ist vorbei."
Natürlich kann die Regierung die ihr zur Verfügung
stehenden Mittel wirksamer einsetzen. Beispielsweise
hat die Administration Schritte unternommen, um die
Arbeitslosenversicherung, die während vorübergehender Entlassungen Einkommenshilfen gewährt, in ein
Wiederbeschäftigungssystem umzuwandeln, das den
Menschen schnell zu einem neuen Arbeitsplatz
verhelfen soll.
Der Präsident möchte die bundesstaatlichen Berufsausbildungsprogramme in Voucher umwandeln, die
arbeitslose oder schlecht bezahlte Arbeitnehmer in
Gemeindecolleges oder an technischen Schulen zum
Erwerb von Qualifikationen einlösen können. Ferner
schlug er beträchtliche Steuerfreibeträge vor, um
Familien für die Kosten eines Hochschulstudiums oder
einer Berufsausbildung zu entschädigen.

AMERIKA DIENST 06

�Aber der öffentliche Sektor kann diese Arbeit nicht
alleine leisten. Der Privatsektor muß mehr Verantwortung übernehmen, um den Amerikanern bei der
Überwindung der großen Kluft zwischen der alten und
der neuen Wirtschaft zu helfen.
Die Unternehmen benötigen Anreize für Projekte, die
nicht unbedingt die Dividenden der Aktionäre erhöhen,
aber der Gesellschaft als Ganzes zugute kommen.
Eine Möglichkeit (und dies ist weit von einem formalen
Gesetzesvorschlag entfernt) besteht in der Senkung
oder Abschaffung der Körperschaftssteuer für Unternehmen, die bestimmte Mindestanforderungen erfüllen
- beispielsweise die allgemeinen Kenntnisse von
Arbeitnehmern erhöhen, ihnen einen größeren Anteil
an den Gewinnen zukommen lassen und ihnen im
Falle einer Entlassung Umschulung sowie einen neuen
Arbeitsplatz anbieten.
Das ist eine bescheidene Maßnahme. Gemeinnützige
Unternehmen sind bereits von der Einkommensteuer
ausgenommen, und auch Handelsgesellschaften und
Einzelunternehmen erhalten Steuervergünstigungen.
Diese Unterschiede spiegeln Einschätzungen der
sozialen Vorteile und Pflichten wider, die von diesen
unterschiedlichen Organisationsformen herrühren.
Dieselbe Logik kann auf die Wirtschaft angewendet
werden: Die Verbesserung der Qualifikation und
Flexibilität der Arbeitskräfte hat soziale Vorteile, ihr
Fehlen verursacht der Gesellschaft Kosten. Bestimmte
Unternehmen sind zur Maximierung dieser Vorteile
und Minimierung dieser Kosten in der Lage - eher als
andere und zweifellos eher als die Regierung. Die
Gesellschaft sollte diese Unternehmen hierzu ermutigen und sie entsprechend belohnen.
Wer am Altar der freien Marktwirtschaft betet, braucht
nicht die Gotteslästerung zu fürchten. Unternehmen

*

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werden nicht aufgefordert, Arbeitnehmer zu behalten,
die insgesamt keinen Beitrag leisten oder in bestimmten Gemeinden zu bleiben, wenn es bessere Produktionsstandorte gibt. Es wäre ein einfaches Quidproquo; geringere oder gar keine Körperschaftssteuer
bei der Übernahme von mehr Verantwortung für die
sozialen Kosten und Vorteile des wirtschaftlichen
Wandels.
Wo können die verlorenen Einkünfte wiedergewonnen
werden? Eine mögliche Quelle wäre die Beendigung
der Vielzahl von Sondersubventionen und Steuerlükken für bestimmte Unternehmen, die der Öffentlichkeit
keine nennenswerten Vorteile bringen. Derartige
Unterstützung von Unternehmen beläuft sich Schätzungen der Denkfabriken des politischen Spektrums
zufolge in den Vereinigten Staaten jährlich auf über
100 Milliarden Dollar.
Manche werden andere Ideen dazu haben, wie
Unternehmen am besten auf die wachsende Ungleichheit und Unsicherheit reagieren, mit denen in der
alten Wirtschaft verhaftete Arbeitnehmer konfrontiert
sind. Aber die Diskussion über die angemessene
Rolle eines Unternehmens in diesem einzigartigen
Moment der Geschichte ist nicht weniger wichtig als
die derzeitige Diskussion über die Rolle der Regierung.
Wenn so viele trotz Rekordgewinnen und steigenden
Aktienkursen scheitern, gefährdet die mangelnde
Reaktionsfähigkeit des Privatsektors Wohlstand und
Stabilität. Wenn sich zu viele Menschen von den
Profiten des Wirtschaftswachstums ausgeschlossen
und von seinen Risiken und Kosten unverhältnismäßig
überlastet fühlen, werden sie letzten Endes eine Politik
unterstützen, die Wachstum der wirtschaftlichen
Sicherheit opfert - beispielsweise Protektionismus,
Kapitalkontrollen und unflexible Beschäftigungsvorschriften.

* * * *

Seite 3

�WAHRUNG

20. März 1996

Die neuen 100-Dollar-Noten
Versand an örtliche Banken

WASHINGTON - (AD) - US-Finanzminister Rubin und
der Vorsitzende der Federal Reserve - des
amerikanischen Zentralbankrates - haben heute
bekanntgegeben, daß die neugestalteten 100-DollarNoten ab dem 25. März 1996 vom Bundeszentralbanksystem an Banken für öffentliche Gelder
ausgegeben werden.
An diesem Tag werden die 37 Büros und
Niederlassungen des Federal Reserve System weltweit
damit beginnen, die 1996er-Serie der 100-Dollar-Noten
an Banken für öffentliche Gelder in verschiedenen
Gegenden des Landes zu verschicken. Zusätzlich wird
die Zentralbank Banknoten an US-Banken senden, die
im Auftrag von ausländischen Banken für öffentliche
Gelder neue Banknoten bestellt haben.
Nach dem ersten Versand wird die Zentralbank
Bestellungen von 100-Dollar-Noten nur noch mit den
neuen Scheinen nachkommen und die von den Banken
bei der Zentralbank deponierten Gelder durch die neue
Serie der 100-Dollar-Noten ersetzen. Diese neuen
Banknoten werden bei einigen Banken für öffentliche
Gelder am 26. März erscheinen und für die meisten
Kunden ab Ende März oder Anfang April erhältlich sein.
Demzufolge werden die neuen 100-Dollar-Scheine
nicht sofort allen Banken für öffentliche Gelder und
deren Kunden zur Verfügung stehen.
Die alten Banknoten werden nicht aus dem Verkehr
gezogen oder entwertet. Die Banknoten der alten
Serie werden zusammen mit den neuen Geldscheinen
im Umlauf sein und immer gültiges Zahlungsmittel
bleiben.
"Banken für öffentliche Gelder haben uns geholfen,
eine Strategie zu entwickeln, um eine geordnete
Einführung der neuen Banknoten zu gewährleisten",
sagte der Vorsitzende Greenspan. "Wir haben hart
gearbeitet, Bargeldinstitutionen sowohl im Inland als
auch im Ausland über die neuen Eigenschaften der

AMERIKA DIENST 06

Banknoten und den Einführungsprozeß zu informieren,
und ich erwarte einen reibungslosen Ablauf."
Die neuen Banknoten haben einige Verbesserungen,
die den USA helfen, die Sicherheit der Währung gegen
Fälschung zu gewährleisten. Die 100-Dollar-Note ist
die erste Banknote, die neu gestaltet wurde. Die
kleineren Banknoten werden in Abständen von etwa
einem Jahr folgen.
"Diese Änderung wird gewährleisten, daß die USWährung die sicherste und geachtetste der Welt bleibt",
erklärte Rubin. "Die US-Regierung hat sich der
Erhaltung der Integrität und Sicherheit ihrer Währung
verschrieben. Die von uns entwickelten Eigenschaften
sorgen dafür, daß unsere Banknoten einen Vorsprung
vor den neuen und bestehenden Vervielfältigungstechnologien und deren Möglichkeiten zur Falschgeldherstellung behalten."
Die neugestaltete Währung ist fälschungssicherer bei
gleichzeitiger Bewahrung des traditionellen "amerikanischen" Aussehens.
Größe, Farbe, Papier sowie
historische Porträts und Darstellungen werden bei den
Banknoten der neuen Serie beibehalten.
Die offensichtlichste Änderung ist ein vergrößertes
Porträt von Benjamin Franklin, welches leicht aus der
Mitte verschoben ist. Die Banknote hat außerdem
folgende Kennzeichen:
Ein Wasserzeichen rechts des historischen
Porträts, das dieselbe Figur wie das Porträt
darstellt. Das Wasserzeichen ist nur sichtbar,
wenn die Banknote gegen das Licht gehalten
wird.
Einen Sicherheitsfaden, der unter ultraviolettem Licht rot leuchtet. Der Faden befindet
sich bei jedem Nennwert an einer anderen
Stelle.

Seite 1

�Changierende Druckfarbe. Die Notenwertzahl
in der unteren rechten Ecke auf der Vorderseite der Banknote wechselt bei seitlicher
Betrachtung von grün zu schwarz.

Richard Schmierer, Presseattache,
Amerikanische Botschaft Bonn
Tel.
0228-339 2131
FAX: 0228-333 318

Mikrodruck in den Zahlen in der unteren linken
Ecke der Banknote sowie auf dem Porträt von
Benjamin Franklin.

Walter Theurer, Pressesprecher,
Außenstelle
der Amerikanischen Botschaft Berlin

Konzentrische feine Linien im Hintergrund des
Porträts und auf der Rückseite der Banknote.
Diese Art des Drucks ist ebenfalls schwierig zu
kopieren.
Andere Kennzeichen zur Erkennung und Verarbeitung der Währung mit Hilfe von Maschinen.
Während die 100-Dollar-Note alle diese Kennzeichen
hat, können die kleineren Banknoten mit weniger
Kennzeichen ausgestattet sein.
Zusätzliche Informationen und Veröffentlichungen sind
von folgenden Stellen erhältlich:
Interaktives Faxsystem des US-Finanzministeriums unter 001 202 622-2040 (fragen
Sie nach Dokument #591 als kompletten Index
des erhältlichen Materials).
Fernsehstationen können durch einen Anruf
beim Bureau of Engarving and Printing unter
001 202 874-3019 eine Kopie des Originals
erhalten.
Internet-Adresse des US-Finanzministeriums:
http:/www.ustreas.gov/.

Weitere Informationen erhalten Sie bei:

Tel.

030-238 5174

FAX:

030-238 6214

Craig Springer, Direktor
Amerika Haus Frankfurt
Tel.
069 - 971 448 0
FAX: 069 - 720 205
Lee James Irwin, Direktor
Amerika Haus Hamburg
Tel.
040-450 104 0
FAX: 040 - 444 705
Sandra Kaiser, Direktorin
Amerika Haus Köln
Tel.
0221-209 010
FAX: 0221 - 255 543
Greg Lynch, Direktor
Amerika Haus Leipzig
Tel.
0341-213 8420
FAX: 0341-213 8432
William Graves, Direktor
Amerika Haus München
Tel.
089 - 552 537 0
FAX: 089 - 553 578
Richard Gilbert, Vanessa Anderson,
Mike Johnson
Global Information Center, London
Tel. 0044 171 831 6262

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Seite 2

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              <text>&lt;strong&gt;1. Naher Osten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton verpflichtet sich dem Streben nach Frieden&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Eröffnungsansprache des Präsidenten beim Anti-Terror-Gipfel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Neue sicherheitspolitische Herausforderungen in der Welt nach dem Kalten Krieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Anthony Lake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Demokratie&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Unterstützung für Demokratie und die nationalen Interessen der USA&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Stellvertretenden Außenministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Abrüstung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ledogar: Abschluss des CTBT in diesem Jahr möglich&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede beim UN-Seminar in Genf&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Verhinderung der nuklearen Anarchie&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Auszüge aus Harvard-Studie&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Privatsektor muss bei Umschulung von Arbeitslosen behilflich sein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Reich&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;6. Währung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die neuen 100-Dollar-Noten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Versand an örtliche Banken&lt;/em&gt;</text>
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