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dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

&lt;o
^7-IQN

^

Z12462 C
7. Februar 1996

03

RATIFIZIERUNG DES START ll-VERTRAGS
STELLT HISTORISCHEN SCHRITT DAR
Erklärungen des Präsidenten und des
Außenministers

ABRÜSTUNG

HINTERGRUNDINFORMATIONEN ZUR
RATIFIZIERUNG DES START ll-VERTRAGS
Mitteilung des Weißen Hauses

PFF

PERRY: PFF VERÄNDERT ZENTRAL- UND
OSTEUROPA
Rede des Verteidigungsministers bei der
Wehrkundetagung

NATO

NEUE SICHERHEIT FÜR EIN UNGETEILTES
UND FREIES EUROPA
Rede von Robert E. Hunter

NICHTVERBREITUNG

CTB-VERTRAG IST BOLLWERK GEGEN
WEITERVERBREITUNG VON NUKLEARWAFFEN
Rede von ACDA-Direktor Holum

MENSCHENRECHTE

SHATTUCK SIEHT FORTSCHRITTE BEI
MENSCHENRECHTSSITUATION IN BOSNIEN
Anhörung vor Ausschuß des Repräsentantenhauses

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�ABRÜSTUNG
7. Februar 1996

Ratifizierung des START Il-Vertrags stellt
"historischen Schritt" dar
Erklärungen des Präsidenten und des Außenministers

WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge ist die Ratifizierung des START Il-Vertrags zur Reduzierung von
Atomwaffen durch den US-Senat ein "historischer Schritt", der "die Sicherheit aller Amerikaner, aller Russen und
aller Menschen auf der ganzen Welt erhöht".
Der Senat stimmte dem Vertrag, der die Anzahl atomarer strategischer Angriffswaffen in weitaus stärkerem Maße
reduziert als der START I-Vertrag, mit 87 zu 4 Stimmen zu. Der Vertrag muß jetzt noch vom Präsidenten
unterzeichnet werden.
Der Vorsitzende des Senatsausschusses für auswärtige Beziehungen, Jesse Helms, hatte das Votum über den
START Il-Vertrag hinausgezögert, um die Verabschiedung einer Haushaltsvorlage zu erzwingen, durch die drei
für auswärtige Angelegenheiten zuständige Bundesbehörden geschlossen und ihre Aufgaben dem
Außenministerium übertragen werden sollten. Ein im Dezember von Demokraten und Republikanern erzielter
Kompromiß in dieser Frage machte den Weg für die Abstimmung im Senat über START II frei.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Präsident Clinton und Außenminister Christopher kurz nach der
Ratifizierung von START II durch den Senat am 26. Januar 1996 abgegebenen Erklärungen im Wortlaut.

Präsident Clinton:
Heute haben Demokraten und Republikaner im
Kongreß durch Zusammenarbeit die Sicherheit des
amerikanischen Volkes erhöht, indem sie den mit
Rußland geschlossenen START Il-Vertrag über den
Abbau von Nuklearwaffen ratifizierten. Ich begrüße
diesen historischen Schritt. Wie ich in meinem Bericht
zur Lage der Nation diese Woche erklärte, wird
dadurch die Sicherheit aller Amerikaner, aller Russen
und aller Menschen auf der ganzen Welt erhöht.
START II fordert einschneidende Kürzungen bei den
Nuklearwaffenarsenalen unserer beiden Länder.
Zusammen mit dem START I-Vertrag, den wir im
Dezember 1994 in Kraft setzten, wird er Unterseeboot-,
bomber- und landgestützte Raketenabschußvorrichtungen beseitigen, die mehr als 14.000 Sprengköpfe trugen - zwei Drittel des Nuklearwaffenarsenals, das
die Vereinigten Staaten und die ehemalige Sowjetunion auf der Höhe des Kalten Krieges unterhielten.

AMERIKA DIENST 03

START II wird auch den destabilisierendsten Typ von
Nuklearwaffen beseitigen - ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen. Angefangen
mit Präsident Nixon haben sechs US-Präsidenten
beider Parteien sich für die Kontrolle und Verringerung
der Zahl von Nuklearwaffen eingesetzt. Präsident
Bush handelte START II aus und legte den Vertrag
dem Senat im Januar 1993 vor. Ich bin stolz darauf,
daß wir die sich mit dem Ende des Kalten Krieges
bietende Gelegenheit genutzt haben, uns diesen
großen Schritt vom nuklearen Abgrund zu entfernen.
Meine größte Pflicht als Präsident besteht darin, die
Sicherheit des amerikanischen Volkes zu gewährleisten. Aus diesem Grund habe ich die Verringerung
der nuklearen Bedrohung zu meiner obersten Priorität
gemacht.
Infolgedessen sind erstmals seit Anbruch des Atomzeitalters keine russischen Rakteten auf unser Volk
gerichtet. Wir haben die Ukraine, Belarus und Kasach-

Seite 1

�stan überzeugt, auf die nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion auf ihrem Territorium zurückgebliebenen
Nuklearwaffen zu verzichten.
Wir überzeugten
Nordkorea, sein gefährliches Atomwaffenprogramm
unter internationaler Kontrolle einzufrieren.
Wir
arbeiten mit Ländern auf der ganzen Welt an der
Sicherung und Zerstörung von Nuklearwaffen und
-material - damit es nicht in die Hände von Terroristen
oder Verbrechern fällt. Wir führen die globalen
Bestrebungen an, eine unbegrenzte Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags zu erzielen, der die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen an Nichtatomwaffenstaaten verbietet.
Wie ich in dem Bericht zur Lage der Nation forderte,
müssen wir noch mehr unternehmen, um dem amerikanischen Volk echte und dauerhafte Sicherheit zu
geben. Wir können den Wettlauf zur Schaffung neuer
Nuklearwaffen beenden, indem wir noch in diesem
Jahr einen Vertrag über ein wirklich umfassendes
Atomtestverbot unterzeichnen. Wir können Giftgas für
immer verbieten, wenn der Senat noch in diesem Jahr
die Chemiewaffenkonvention ratifiziert. Wir können
den Kampf gegen Terroristen gewinnen, die den Besitz
schrecklicher Massenvernichtungswaffen anstreben,
wenn der Kongreß endlich die von mir nach dem
Bombenanschlag von Oklahoma City vorgelegten
Gesetze verabschiedet, der amerikanischen Strafverfolgung ein noch stärkeres Arsenal an die Hand zu
geben.
Meines Erachtens können und werden wir durch
Zusammenarbeit diese wichtigen Schritte zur Erhöhung der Sicherheit des amerikanischen Volkes
unternehmen.

Außenminister Christopher:
Ich freue mich außerordentlich, daß der US-Senat
heute dem START Il-Vertrag zugestimmt hat. Die
Vereinigten Staaten sehen dem möglichst baldigen
Inkrafttreten des START Il-Vertrags erwartungsvoll
entgegen. Ich fordere die russische Duma dazu auf,
START II unverzüglich zu ratifizieren und damit
sicherzustellen, daß unsere beiden Länder und die
gesamte Welt die Vorteile dieser tiefgreifenden
Reduzierungen genießen können.
Die Ratifizierung dieses historischen Abrüstungsvertrags wird die Sicherheit jedes Amerikaners erhöhen.
Das heutige Votum demonstriert die Überparteilichkeit,
die seit langem ein Merkmal erfolgreicher amerikanischer Außenpolitik ist, insbesondere bei der Rüstungskontrolle.
Präsident Clinton hat den Schutz der Amerikaner vor
der Bedrohung atomarer Zerstörung an die oberste
Stelle seiner außenpolitischen Tagesordnung gesetzt.
Nicht nur, daß keine russischen Raketen mehr auf
unsere Städte gerichtet sind - die einschneidenden
Kürzungen der russischen und amerikanischen
Nuklearwaffenarsenale unter START II werden dazu
beitragen, die Angst vor einem atomaren Konflikt
großen Ausmaßes Vergangenheit werden zu lassen.
Nach ihrer vollständigen Umsetzung werden START II
und sein Vorläufer START I die strategischen Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten und Rußlands um
zwei Drittel reduzieren. Die Durchsetzung der weitreichenden Bestimmungen von START II wird die
Vereinigten Staaten und Rußland auch bei der Zusammenarbeit zur Eindämmung der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen unterstützen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 03

j

�ABRÜSTUNG
7. Februar 1996

Hintergrundinformationen zur Ratifizierung
des START Il-Vertrags
Mitteilung des Weißen Hauses

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir aus Anlaß der Ratifizierung des START Il-Vertrags durch
den US-Senat am 26. Januar 1996 vom Weißen Haus freigegebene Hintergrundinformationen über START II.

Zielsetzung
Das wichtigste amerikanische Ziel bei der strategischen Rüstungskontrolle besteht in der verbesserten
Stabilisierung von Nuklearwaffen auf wesentlich
niedrigerem Niveau. START II ist ein gerechtes und
wirklich verifizierbares Abkommen zur Verringerung
der Anzahl von Trägersystemen für strategische
Nuklearwaffen und ihre Gefechtsköpfe. Die strategischen Nuklearstreitkräfte insgesamt werden über die
unter dem START I-Vertrag vorgesehenen 9.000
Sprengköpfe hinaus um zusätzliche 5.000 Gefechtsköpfe reduziert.
Vertragsparteien
Der START Il-Vertrag wurde zwischen 1991 und 1992
von den Vereinigten Staaten und Rußland ausgehandelt und nach seiner Unterzeichnung im Januar
1993 von Präsident Bush dem Senat vorgelegt.
Hauptmerkmale
Der START Il-Vertrag baut auf dem am 31. Juli 1991
unterzeichneten START I-Vertrag zwischen den
Vereinigten Staaten und der Sowjetunion auf. Alle
Bestimmungen von START I bleiben bestehen, außer
wenn sie in dem neuen Vertrag explizit modifiziert
werden. Sie bleiben während der Dauer von START I
in Kraft (START I hat eine Dauer von 15 Jahren und
kann durch eine Übereinkunft zwischen den Vertragsparteien jeweils um 5 Jahre verlängert werden).
Der Vertrag setzt gleiche Obergrenzen für die Anzahl
strategischer Nukiearwaffen fest, die von beiden

AMERIKA DIENST 03

Seiten disloziert werden können. Die Obergrenzen
werden für zwei Phasen festgelegt: Phase Eins endet
sieben Jahre nach Inkrafttreten des START I-Vertrags
(START I trat am 5. Dezember 1994 in Kraft), Phase
Zwei im Jahr 2003. Phase Zwei könnte Ende des
Jahres 2000 abgeschlossen sein, wenn sich die
Vereinigten Staaten an der Finanzierung der Beseitigung strategischer Angriffswaffen in Rußland beteiligen.
Phase Eins: Am Ende der ersten Phase muß jede
Seite die Gesamtzahl ihrer dislozierten strategischen
Nuklearsprengköpfe auf 3.800 bis 4.250 reduziert
haben. Darunter fallen die Gefechtsköpfe auf dislozierten ballistischen Interkontinentalraketen (intercontinental ballistic missiles - ICBMs), unterseebootgestützten
ballistischen Raketen (submarine-launched ballistic
missiles - SLBMs) sowie die Anzahl von Gefechtsköpfen, mit denen schwere Bomber für Nuklearmissionen bestückt sind. Mit den insgesamt 3.800 bis
4.250 Gefechtsköpfen dürfen nicht mehr als 1.200
ballistische Interkontinentalraketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRVed ICBMs), nicht mehr als 2.160
SLBMs und nicht mehr als 650 schwere ICBMs
bestückt werden.
Phase Zwei: Am Ende der zweiten und letzten Phase
muß jede Seite die Gesamtzahl ihrer stationierten
strategischen nuklearen Gefechtsköpfe auf 3.000 bis
3.500 reduziert haben. Mit ihnen dürfen keine MIRVed
ICBMs, einschließlich schwerer ICBMs, bestückt
werden. Somit müssen alle MIRVed ICBMs der
stationierten Streitkräfte jeder Seite beseitigt werden;
lediglich ICBMs mit nur einem Gefechtskopf sind
gestattet. Die SLBMs dürfen nicht mit mehr als 1.700

Seite 1

�bis 1.750 Gefechtsköpfen bestückt sein. Es gibt kein
Verbot für MIRVed SLBMs.

schossen werden können. Die verbleibenden 64 SSIS-Silos müssen gemäß diesem Vertrag zerstört
werden.

Downloading
Der Vertrag gestattet eine Reduzierung der Anzahl der
Sprengköpfe auf bestimmten ballistischen Raketen.
Diese Reduzierung - "downloading" - wird in Abänderung der Bestimmungen von START I auf sorgfältig strukturierte Weise gestaltet.
Jede Seite wird in der Lage sein, zwei existierende
Typen ballistischer Raketen um jeweils bis zu vier
Gefechtsköpfe zu reduzieren - zusätzlich zu der
amerikanischen Minuteman III und der russischen SSN-18. Es gibt keine Gesamtobergrenzen für die
Reduzierung der Anzahl von Sprengköpfen pro
Rakete.
Bei insgesamt 105 ICBMs von einem dieser Typen darf
die Sprengkopfzahl um bis zu jeweils fünf reduziert
werden. Eine solche ICBM darf nur in Silos stationiert
werden, in denen sie zum Zeitpunkt der Unterzeichnung von START disloziert war.
Damit ist eine Reduzierung der mit drei Gefechtsköpfen ausgestatteten amerikanischen Minuteman III
ICBM, der mit vier Sprengköpfen bestückten russischen SS-17 ICBM und von 105 der mit sechs Gefechtsköpfen ausgerüsteten russischen SS-19 ICBMs
auf nur einen Gefechtskopf möglich, um der Erfordernis der Beseitigung aller MIRVed ICBMs nachzukommen. Die amerikanischen Peacekeeper ICBMs
und die schweren russischen SS-18 und SS-24 ICMBs
müssen gemäß dem START-Verfahren allesamt
beseitigt werden.
Verschrottung der Raketensysteme
Unter START I dürfen die stationierten SLBMs und die
meisten stationierten ICBMs entweder durch Zerstörung ihrer Abschußvorrichtungen (silogestützte
ICBMs, mobile Abschußrampen für mobile ICBMs und
Unterseebootabschußvorrichtungen für SLBMs) oder
die Konvertierung dieser Vorrichtungen, so daß sie nur
eine andere - erlaubte - Raketenart abschießen
können, von der Nachweispflicht befreit werden.
Einzige Ausnahme sind die SS-18; unter dem START
I-Vertrag muß die Forderung nach einer Beseitigung
von 154 dislozierten SS-18 durch die Zerstörung von
Silos, nicht durch Konversion, erfüllt werden.
Unter START II finden diese Vorschriften weiterhin
allgemein Anwendung. Die wichtigste Ausnahme sind
wiederum die SS-18. 90 SS-18 Silos werden für
Raketen mit Einfachgefechtskopf konvertiert - Rußland
zufolge der Typ SS-25. Der Vertrag wird spezifische
Vorgeh3nsweisen festlegen, einschließlich Inspektionen vor Ort, um sicherzustellen, daß von diesen
konvertierten Silos nie wieder schwere ICBMs abge-

Seite 2

Im Austausch für das Recht auf Beibehaltung von bis
zu 90 konvertierten SS-18 Silos fordert der Vertrag,
daß alle SS-18 Raketen und Kanister - sowohl stationierte als auch nicht stationierte - bis zum 1. Januar
2003 verschrottet werden. Dies stellt gegenüber dem
START I-Vertrag eine wichtige Änderung dar. Allgemein strebte START I nicht die Zerstörung von
Raketen an. Aber in START II stimmten die Russen
der Beseitigung aller SS-18-Raketen zu - stationierter
und nicht stationierter. Dadurch wird das seit langem
gehegte Ziel der Amerikaner einer vollständigen
Verschrottung schwerer ICBMs erreicht.
Schwere Bomber
Im Start I-Vertrag unterliegen schwere atomare
Langstreckenbomber einer flexibleren Zählweise als
ballistische Raketen. Jeder schwere Bomber, der nur
für die Beförderung von Kurzstreckenraketen oder
Freifallbomben ausgerüstet ist, zählt soviel als ein
Gefechtskopf. Die zur Beförderung atomarer Marschflugkörper (air launched cruise missiles - ALCMs)
größerer Reichweite ausgerüsteten schweren Bomber
zählen jeweils als 10 Gefechtsköpfe, die für die
Beförderung atomarer ALCMs größerer Reichweite
ausgerüsteten schweren sowjetischen Bomber zählen
jeweils als 8 Gefechtsköpfe.
Unter START II erfolgt die Zählweise für die schweren
Bomber anhand der Anzahl von Nuklearwaffen - seien
es atomare ALCMs größerer Reichweite, Kurzstrekkenraketen oder Freifallbomben - für die sie ausgerüstet sind. Diese Zahl wird im Vertragsvermerk über
Zuschreibung spezifiziert und durch eine einmalige
Vorführung für Inspektoren sowie Routineinspektionen
vor Ort gemäß START bestätigt.
Ein weiteres neues Merkmal des Vertrags ist die
Bestimmung, daß bis zu 100 schwere Bomber, für die
unter dem START I-Vertrag nie eine Nachweispflicht
als atomare ALCMs größerer Reichweite bestand,
jetzt eine neue konventionelle Rolle bekommen.
Solche Bomber zählen nicht für die im Vertrag festgelegten Gefechtskopfobergrenzen. Sie werden von den
für Nuklearwaffen ausgerüsteten schweren Bombern
getrennt und lediglich für nichtnukleare Missionen
eingesetzt, und sie weisen sichtbare Unterschiede zu
anderen Bombern desselben Typs auf, die keine
konventionelle Rolle erhalten. Solche schweren
Bomber können mit einer Benachrichtigungsfrist von
drei Monaten erneut eine nukleare Rolle erhalten,
jedoch danach nicht wieder für konventionelle Zwecke
umgerüstet werden.

AMERIKA DIENST 03

�Verifizierung
Das umfassende Verifizierungsregime des START IVertrags wird in dem neuen Vertrag weiterhin angewandt. Zusätzlich wird START II einige neue Verifizierungsmaßnahmen enthalten, beispielsweise die Über-

wachung der Konversion von SS-18 Silos und der
Raketenzerlegungsverfahren, Vorführungen
und
Inspektionen aller schweren Bomber zur Bestätigung
von Waffenladungen sowie Vorführungen von schweren Bombern, die eine konventionelle Rolle erhalten,
um ihre sichtbaren Unterschiede zu bestätigen.

* * * * *

AMERIKA DIENST 03

Seite 3

�PFF
7. Februar 1996

Perry: PFF verändert Zentral- und Osteuropa
Rede des Verteidigungsministers bei der Wehrkundetagung

MÜNCHEN - (AD) - In seiner Rede bei der 33. Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik erklärte
Verteidigungsminister William Perry am 4. Februar 1996, durch die Partnerschaft für den Frieden beziehe die
NATO die neuen freien Nationen Europas und der ehemaligen Sowjetunion ein. Darüber hinaus eröffne sie einen
Weg zu Freiheit und Wohlstand, deren sich Westeuropa seit 50 Jahren erfreue.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Verteidigungsminister Perry im Wortlaut.

Hinter meinem Schreibtisch im Pentagon hängt ein Bild
des großen Staatsmannes George C. Marshall.
Marshall - der dritte Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten - ist ein Vorbild für mich. Er hatte eine
große Vision für Europa - ein vom Atlantik bis zum Ural
in Frieden, Freiheit und Demokratie vereintes Europa,
und eine durch überparteiliche politische Unterstützung in den Vereinigten Staaten getragene starke
transatlantische Partnerschaft.
Marshall hatte nicht nur diese Vision, er hatte auch
einen Plan, diese Vision im Europa der Nachkriegszeit
Realität werden zu lassen. Und in seiner berühmten
Rede an der Harvard University im Jahr 1947 legte er
das Konzept dar, das zum Marshallplan wurde.
Wenig bekannt ist, daß auch der berühmte Dichter T.S.
Eliot an jenem Tag zusammen mit Marshall auf dem
Podium saß, der 10 Jahre zuvor folgendes geschrieben hatte:
Footfalls echo in the memory
Down the passage we did not take
Towards the door we never opened.
Diese Worte von T.S. Eliot sagten das Schicksal des
Marshallplans in Ost- und Mitteleuropa voraus. Denn
an jenem Tag vor 50 Jahren, als der Tritt des Zweiten
Weltkriegs noch über einen zerstörten Kontinent hallte,
bot der Marshallplan Europa einen neuen Weg zu
Wiederaufbau und Erneuerung. Halb Europa schlug
diesen Weg ein und öffnete die Tür zu Wohlstand und
Freiheit. Halb Europa wurde dieser Weg verweigert,

AMERIKA DIENST 03

als Josef Stalin die Tür vor Marshalls Angebot zuschlug. Und 50 Jahre lang hallten die Tritte dessen,
was hätte gewesen sein können, in unserer Erinnerung
nach.
Heute, während der Kalte Krieg zum Echo in unserer
Erinnerung wird, haben wir eine zweite Chance,
Marshalls Vision Realität werden zu lassen: Den Weg
einzuschlagen, den wir vor 50 Jahren nicht gegangenen sind, zu der Tür, die wir nie geöffnet haben. Hinter
dieser Tür liegt George Marshalls Europa. Um diese
Tür zu öffnen, benötigen wir keinen zweiten Marshallplan, sondern wir müssen uns von Marshalls Vision
leiten lassen.
Marshall erkannte, daß Frieden, Demokratie und
Wohlstand letztlich untrennbar sind. Und Marshall
verstand, daß die Menschen die erforderliche harte
Arbeit zur Erlangung ihrer Ziele leisten werden, wenn
man herausfindet, was sie sich am meisten wünschen
und ihnen einen Weg zeigt, dies zu erreichen.
Was sich die westeuropäischen Länder Ende der
vierziger Jahre am meisten wünschten, war der
Wiederaufbau ihrer Gesellschaften und Volkswirtschaften. Der Marshallplan bot einen Weg zur Erlangung dieses Ziels. Indem sie diesen Kurs einschlugen, bauten die Nationen Westeuropas ein
wirtschaftliches Kraftwerk auf. Und gleichzeitig bauten
sie starke Demokratien und eine starke Sicherheitsinstitution auf - genannt NATO.

Seite 1

�Heute kämpfen die Länder in der anderen Hälfte
Europas mit dem Wiederaufbau ihrer Gesellschaften
und Volkswirtschaften, und das einzige, das sie alle
wünschen, ist größere Sicherheit. Die Herausforderung für die NATO besteht darin, diesen Europäern
einen Weg zur Erlangung ihres Sicherheitsziels zu
bieten. Und wir wünschen uns sehr, daß sie gleichzeitig starke Demokratien und starke Volkswirtschaften
aufbauen.
Zu der anderen Hälfte Europas zählen die Nationen
Zentral- und Osteuropas sowie die neuen unabhängigen Staaten, darunter Rußland. Und die Nationen des
ehemaligen Jugoslawiens. Heute bezieht die NATO all
diese Regionen ein und bietet einen Weg zu Marshalls
Europa.
Der wichtigste von der NATO gebotene Weg ist die
Partnerschaft für den Frieden - PFF. Ebenso wie der
Marshallplan funktionierte, weil er fest im Eigeninteresse der Vereinigten Staaten und Europas verwurzelt
war, funktioniert auch die Partnerschaft für den
Frieden, weil sie fest im Eigeninteresse der NATO und
der Partnernationen verwurzelt ist.
Die PFF bezieht die neuen freien Nationen Europas
und der ehemaligen Sowjetunion in die Sicherheitsarchitektur Europas als Ganzes ein. Unsere Nationen
arbeiten und üben bei gemeinsamen militärischen
Manövern zusammen.
Um Mißverständnissen
vorzubeugen: Die Partnerschaft für den Frieden ist
jedoch mehr als nur gemeinsame Übungen. Ebenso
wie der Marshallplan weit über die Volkswirtschaften
Westeuropas hinausgehende Auswirkungen hatte,
geht der Widerhall der PFF über den Sicherheitsbereich in Zentral- und Osteuropa hinaus und reicht
auch in den politischen und wirtschaftlichen Bereich
hinein.
Ebenso wie der Marshallplan die wirtschaftliche
Wiederbelebung als Katalysator für politische Stabilisierung - und letztlich die Entwicklung des modernen
Europas benutzte - nutzt die PFF sicherheitspolitische
Zusammenarbeit als Katalysator für politische und
wirtschaftliche Reformen.

Nationen ist das Streben nach einer NATO-Mitgliedschaft zu dem Fels geworden, auf den alle führenden
politischen Parteien ihre Plattformen gründen. Sie
bietet denselben Konsens, den die NATO-Mitgliedschaft in den NATO-Mitgliedstaaten erzeugt, der
Kompromisse und Aussöhnung ermöglicht.
In Ungarn stimmten alle sechs führenden politischen
Parteien im Parlament für die Verabschiedung einer
Resolution zur Unterstützung der IFOR - der Friedenstruppe für Bosnien - mit 300 zu 1 Stimme. In Polen
bekräftigte der neue Präsident - ein ehemaliges
Mitglied der früheren kommunistischen Partei - das
Streben Polens nach NATO-Mitgliedschaft. In der
Slowakei, Ungarn und Rumänien lösen die Regierungen stillschweigend ihre Grenzstreitigkeiten und führen
den Schutz ethnischer Minderheiten ein. Für diese
Länder wird die Partnerschaft für den Frieden ein Weg
zu Demokratie und marktwirtschaftlichen Reformen
sowie zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit mit
dem Westen.
Aber selbst die Länder, die keine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, erkennen viele der politischen und sozialen
Vorteile einer aktiven Beteiligung an der PFF. Darüber
hinaus bietet die PFF ihnen die Instrumente und
Chancen, um engere Beziehungen zur NATO zu
entwickeln sowie von ihr zu lernen - selbst wenn sie es
vorziehen, außerhalb des Bündnisses zu bleiben. Und
die PFF schafft Verbindungen zu den Partnernationen
- sogar außerhalb des Kooperationsrahmens mit der
NATO.
Aus diesem Grund haben die Verteidigungsminister
vieler Partnernationen mir gesagt, daß sie, selbst
wenn sie eines Tages der NATO beitreten, ihre aktive
Beteiligung an der PFF aufrechterhalten wollen. Mit
anderen Worten: Durch die Gründung der Partnerschaft für den Frieden tut die NATO mehr als nur die
Grundlage für die Erweiterung aufzubauen. Tatsächlich schafft sie eine neue Zone der Sicherheit und
Stabilität in ganz Europa.

Die Mitglieder der PFF arbeiten darauf hin, die Demokratie zu bewahren, Vielfalt zu tolerieren, die Rechte
von Minderheiten und sowie die Redefreiheit zu
respektieren. Sie arbeiten am Aufbau von Marktwirtschaften. Sie arbeiten hart daran, die demokratische
Kontrolle über ihre Streitkräfte einzuführen, gute
Nachbarn zu sein und die souveränen Rechte außerhalb ihrer Grenzen zu achten. Und sie arbeiten
hart daran, ihre Streitkräfte mit denen der NATO
kompatibel zu machen.

Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, daß die Gründung der Partnerschaft für den Frieden eines der
bedeutendsten Ereignisse der Zeit nach dem Kalten
Krieg war. Indem sie ein Geflecht von Menschen und
Institutionen geschaffen hat, die bei der Bewahrung
der Freiheit, Förderung von Demokratie und dem
Aufbau freier Märkte zusammenarbeiten, ist die PFF
heute ein Katalysator für die Umgestaltung Zentralund Osteuropas, ebenso wie der Marshallplan Westeuropa in den vierziger und fünfziger Jahren umgestaltete. Sie ist der Weg, den diese Hälfte Europas 1947
nicht einschlug. Sie ist die Tür, die wir nie geöffnet
haben.

Für die Partnerländer, die in der PFF den Weg zur
NATO-Mitgliedschaft sehen, sind diese Aktionen der
Schlüssel zur Öffnung dieser Tür. Für viele dieser

Um die Vorteile der Reformen festzuschreiben, muß
die NATO sicherstellen, daß die von uns in der PFF
geschaffenen Bande sich weiter vertiefen und wir den

Seite 2

AMERIKA DIENST 03

�schrittweisen und sorgfältigen, aber stetigen Prozeß
der Einbeziehung und Ost-Erweiterung fortsetzen. Die
NATO-Erweiterung ist unvermeidlich. Und wenn die
NATO-Erweiterung das Zuckerbrot zur Ermutigung von
Reformen ist, dann dürfen wir dieses Zuckerbrot nicht
dauernd außer Reichweite halten. Es ist daher
entscheidend, daß wir die beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats im Dezember vereinbarte zweite
Phase der NATO-Erweiterung durchführen.

Erstens, sagte ich, wenn ich ein russischer Politiker
wäre, sollten sich die Vereinigten Staaten für die
Sicherheit Europas engagieren. Diesem Postulat
stimmten sie zu.

Und selbst während einige Länder der NATO beitreten,
muß die Tür für andere offengehalten werden, die sich
noch auf dem Weg dorthin befinden.

Drittens, sagte ich, wenn ich ein russischer Politiker
wäre, sollte Rußland in die Sicherheitsarchitektur
Europas integriert und nicht außerhalb isoliert sein.
Auch diesem Postulat stimmten sie zu.

Wie müssen sicherstellen, daß die PFF weiterhin einen
Platz in der europäischen Sicherheitsarchitektur
bereitstellt, so daß wir die Tür zu Marshalls Europa
auch für die Nationen offenhalten, die keine NATOMitgliedschaft anstreben.
Damit Marshalls Vision wirklich erfüllt werden kann,
muß als eines der Länder Rußland durch diese Tür
gehen. Rußland ist seit über 300 Jahren einer der
Hauptakteure im Bereich der europäischen Sicherheit.
Was auch immer geschieht, Rußland wird in den
kommenden Jahren ein Hauptakteur bleiben. Unsere
Aufgabe ist es, die Dinge zum Guten zu wenden.
Anders als beim Marshallplan vor 50 Jahren hat sich
Rußland heute zur Beteiligung an der Partnerschaft für
den Frieden entschlossen. Und im Geiste Marshalls
begrüßen wir die Beteiligung Rußlands und hoffen,
daß das Land mit der Zeit eine führende Rolle in der
PFF im Einklang mit seiner Bedeutung als Großmacht
übernehmen wird.
Damit Rußland jedoch gemeinsam mit uns als vollwertiger und aktiver Partner an der Erfüllung von
Marshalls Vision mitarbeiten kann, müssen die NATO
und Rußland auf gemeinsamem Terrain aufbauen,
selbst wenn wir mit den Schlußfolgerungen des
anderen nicht übereinstimmen. Man kann zu Recht
sagen, daß die meisten Mitglieder des politischen
Establishment Rußlands die Pläne der NATO für eine
Erweiterung weder willkommen heißen, geschweige
denn akzeptieren. Jeder der das gestern noch
bezweifelt hat, erkannte nach der Rede des Stellvertretenden Verteidigungsministers Andrej Kokoschin
das Ausmaß der Opposition gegen die NATO-Erweiterung in Rußland.
Als ich im Juni letzten Jahres in Rußland war, führte
ich eine Reihe von Gesprächen mit russischen
Regierungsvertretern und Mitgliedern der Duma über
die Zukunft der europäischen Sicherheit. Ich bot ihnen
einige Postulate zu dieser Zukunft. Ich sagte ihnen,
wenn ich in den Schuhen Rußlands stecken würde,
sollte das Sicherheitsumfeld in Europa folgende
Kriterien haben:

AMERIKA DIENST 03

Dann, sagte ich, wenn ich ein russischer Politiker
wäre, sollte Deutschland integraler Bestandteil der
europäischen Sicherheitsstruktur sein.
Und sie
stimmten diesem Postulat zu.

Schließlich fragte ich sie, wie ein russischer Politiker
diese Ziele am besten erreichen könnte.
Ich folgerte, sie könnten nur durch eine gesunde und
aktive NATO erreicht werden. Das heißt, die NATO
trägt - weit davon entfernt, eine Bedrohung für Rußland
zu sein - tatsächlich zur Sicherheit Rußlands sowie zur
Sicherheit ihrer eigenen Mitglieder bei.
Als ich zu dieser Schlußfolgerung gelangte, waren die
meisten Russen diametral entgegengesetzter Meinung. Sie stimmten allen meinen Prämissen zu - aber
nicht meiner Schlußfolgerung. Ohne die NATO und
ihre Partnerschaftsarrangements sehe ich jedoch
keinen Weg zur Erlangung dieses Ziels - unseres
gemeinsamen Ziels - eines sicheren und friedlichen
Europas.
Ich muß Ihnen sagen, daß ich meine russischen
Kollegen mit meinen Argumenten nicht überzeugen
konnte. Ich bin jedoch der Auffassung, daß sich
Rußland mit der Verstärkung seines Engagements für
die NATO von der Richtigkeit meiner Schlußfolgerung
sowie meiner Prämissen überzeugen läßt. Und ich
glaube, daß Rußland kooperative Beziehungen zur
NATO und eine führende Rolle in der Partnerschaft für
den Frieden haben will. Rußland wird zu dem Verständnis gelangen, daß die NATO-Erweiterung die
Erweiterung einer Zone der Sicherheit und Stabilität
bedeutet, die stark im Interesse Rußlands liegt und
keine Bedrohung für Rußland darstellt.
Damit dieses neue Verständnis vermittelt werden kann,
muß die NATO jedoch weiterhin Rußland einbeziehen,
nicht nur von oben nach unten, sondern auch von
unten nach oben. Bei der Wehrkundetagung im
vergangenen Jahr habe ich den Vorschlag unterbreitet,
daß die NATO und Rußland einen separaten Plan von
Aktivitäten außerhalb der Partnerschaft
für den
Frieden erarbeiten. Inzwischen haben wir alle diesen
Vorschlag im Prinzip erörtert und ihm sogar zugestimmt, ihn jedoch noch nicht zu Papier gebracht. Das
müssen wir tun. Wir dürfen nicht zulassen, daß
Meinungsverschiedenheiten über die Theorie" des
Aufbaus von Beziehungen zwischen der NATO und

Seite 3

�Rußland dem "hier und jetzt" der Zusammenarbeit, wo
sich unsere Interessen eindeutig überschneiden, im
Wege stehen. Statt unsere Praxis von der Theorie
diktieren zu lassen, sollte unsere Praxis die Theorie
definieren.
Ein Beispiel, wo die Vereinigten Staaten dies bereits
tun, ist unser Programm bilateraler Übungen mit
Rußland. Im vergangenen Jahr haben wir vier solcher
Manöver abgehalten, die alle ein großer Erfolg waren
und im Geiste des Vertrauens und Goodwill durchgeführt wurden. Im kommenden Sommer werden die
Vereinigten Staaten und Rußland über die bilaterale
Ebene hinausgehen und gemeinsam an größeren
regionalen Übungen im Rahmen der Partnerschaft für
den Frieden mit Streitkräften aus der Ukraine, Rußland, den Vereinigten Staaten und anderen regionalen
Mächten teilnehmen.
Unser bilaterales Kontaktprogramm mit Rußland
beschränkt sich nicht auf gemeinsame Übungen oder
nur auf den Sicherheitsbereich. Durch die GoreTschernomyrdin-Kommission erstreckt sie sich auf die
Gebiete Wissenschaft und Technologie, Weltraum,
Konversion der Rüstungsindustrie, Unternehmensentwicklung, Umwelt, Gesundheitswesen und Landwirtschaft.
Erst in der vergangenen Woche kam die Kommission
in Washington zusammen, und der Stellvertretende
Verteidigungsminister Kokoschin und ich nahmen am
Programm der Kommission zur Konversion der
Rüstungsindustrie teil. Ich fordere alle NATO-Mitgliedstaaten auf, sich dieses Modell zum Vorbild zu nehmen. Bei diesen Zusammentreffen findet ein wichtiger
Informationsaustausch statt. Sie tragen zur Überwindung von Jahren des Mißtrauens und der Verdächtigungen bei. Sie binden die Russen in das persönliche und professionelle Gefüge ein, das die Beziehungen zwischen allen Verbündeten seit langem charakterisiert. Solche Aktivitäten schaffen Vertrauen zwischen
Rußland und der NATO. Und solche Aktivitäten
werden Rußland auf dem Weg zur Integration in
Europa halten, damit es durch diese offene Tür gehen
kann.
Im Oktober vergangenen Jahres nahmen Verteidigungsminister Gratschow und ich an einer gemeinsamen amerikanischen Übung in Kansas teil. Nach
dem Manöver sprachen wir mit den amerikanischen
und russischen Soldaten, die dieses Manöver durchgeführt hatten. Gratschow sagte den russischen
Soldaten, daß ihre Arbeit sehr wichtig sei, daß sie die
amerikanischen Soldaten an ihrer Freundschaft und
Zusammenarbeit teilhaben lassen sollten und dies die
Grundlage für den Aufbau einer friedlichen Welt für
ihre Kinder sei. Die amerikanischen Soldaten waren
ebenso interessiert an seinen Worten wie die russischen, das kann ich Ihnen versichern.

Seite 4

Ironischerweise ist Bosnien der Ort, an dem sich die
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland in der
Praxis vollziehen. Während wir hier versammelt sind,
dient eine russische Brigade in der amerikanischen
multinationalen Division der IFOR. Es erforderte
ungeheure Arbeit, damit dies geschehen konnte.
Verteidigungsminister Gratschow und ich kamen im
Verlauf von zwei Monaten viermal zusammen, um die
Einzelheiten zu klären. Die Generäle Joulwan und
Nash arbeiteten jeden Tag eng mit ihren Amtskollegen
General Schwetsow und Oberst Lentsow zusammen.
Heute unterhalten die NATO und Rußland besondere
Beziehungen in Bosnien, und Rußland demonstriert
seine Verpflichtung zur Beteiligung an der künftigen
Sicherheitsarchitektur Europas.
Der Grund, warum wir alle so hart arbeiten, um diese
Beziehungen erfolgreich zu gestalten, liegt nicht nur in
den zusätzlichen Truppen, die Rußland nach Bosnien
entsendet, sondern auch darin, daß die Beteiligung
Rußlands in Bosnien in den kommenden Jahren
enorme Auswirkungen auf die Sicherheit Europas
haben wird. Wenn wir uns mit dem wichtigsten
Sicherheitsproblem befassen, mit dem sich Europa seit
dem Ende des Kalten Krieges konfrontiert sieht, wollen
wir, daß Rußland diesem Kreis angehört und mit uns
zusammenarbeitet, und nicht außerhalb steht und
Steine nach uns wirft.
Je mehr man darüber nachdenkt, was die NATO und
Rußland in Bosnien tun, desto erstaunlicher wird es.
Ich kann mir kaum vorstellen, was General Eisenhower, der erste Oberste Alliierte Befehlshaber Europa
(Supreme Allied Commander Europe - SACEUR),
denken würde, wenn er einen russischen General
neben General Joulwan, den heutigen SACEUR, im
Obersten Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in
Europa (Supreme Headquarters Allied Powers Europe
- SHAPE) bei der Erörterung eines geheimen NATOPlans sitzen sähe. Wir müssen auf dieses Modell
aufbauen, es institutionalisieren und erweitern, damit
es die gesamte Bandbreite der sich überschneidenden
Sicherheitsinteressen Rußlands und der NATO
abdeckt. So können die NATO und Rußland Fortschritte als gleichberechtigte Partner bei der Erfüllung
von Marshalls Vision machen.
Ebenso wie die Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland in Bosnien gefestigt werden, gilt dies auch für
die Zukunft der NATO selbst. Vor einigen Wochen war
ich in Bosnien. Ich war beeindruckt von dem Engagement und der Professionalität der Einheiten aus allen
beteiligten Ländern. Ich war auch beeindruckt von
dem starken Kontrast zwischen der Zerstörung und
dem Leid, das ich in Sarajevo gesehen hatte, und der
Wiedergeburt und Erneuerung, die ich in anderen
Hauptstädten Zentral- und Osteuropas beobachten
konnte.

AMERIKA DIENST 03

�Wenn neue unabhängige Nationen sich auf alten Haß
statt neue Herausforderungen konzentrieren, kommt
es zu einem zweiten Bosnien. Vor vier Jahren entschieden einige im ehemaligen Jugoslawien, sich nicht
an Marshalls Europa zu beteiligen. Die Toten und das
Blutvergießen, die Folge davon waren, werden lange
in unserer Erinnerung verhaftet sein. Aber heute ist
die Tür zu Marshalls Europa wieder für sie geöffnet und diese Tür wird von der NATO, Rußland und den
seit kurzem freien Völkern Zentral- und Osteuropas
offen gehalten.
Der Erfolg oder das Scheitern der IFOR ist entscheidend dafür, ob wir Marshalls Vision erfüllen können
oder nicht. In Bosnien senden wir die Botschaft, daß
die NATO das Fundament ist, auf dem die künftige
Sicherheit und Stabilität Europas aufgebaut wird. In
Bosnien erntet die NATO erstmals die Früchte gemeinsamer Übungen zur Friedenssicherung mit unseren
neuen Friedenspartnern. In Bosnien zeigen sich die
künftigen NATO-Mitglieder bereit und willens, die
Lasten der Mitgliedschaft zu übernehmen. Und in
Bosnien stellen wir unter Beweis, daß wir als Partner
mit russischen Streitkräften zusammenarbeiten
können. Bosnien ist keine Übung zur Friedessicherung - Bosnien ist real.
Bosnien lehrt uns auch wichtige Lektionen über die
NATO, die Marshalls Europa erfordert. Seit dem Ende
des Kalten Krieges hat die NATO unablässig mit der
Erarbeitung von Mechanismen gekämpft, um neue
Missionen unter Verwendung von NATO-Ressourcen
und mit der freiwilligen Beteiligung der NATO-Mitgliedstaaten durchzuführen.
Im Konferenzraum ist es uns bisher nicht gelungen,
Einigung zu Alliierten Streitkräftekommandos (Combined Joint Task Force - CJTF) zu erzielen. Wir sind
jedoch über das Stadium der theoretischen Argumentation hinausgekommen und haben die IFOR gegründet, die gleichbedeutend mit einer CJTF ist. Ebenso
wie bei den Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland müssen wir die bei der Zusammensetzung
der IFOR gelernten praktischen Lektionen anwenden,
bis wir eine funktionierende CJTF haben.
Bosnien beleuchtet auch schlaglichtartig etwas, das
wir seit einiger Zeit vermutet haben: Es ist an der Zeit,
daß die NATO sich intern anpaßt, um die neuen
Herausforderungen dieses neuen Zeitalters bewältigen
zu können. Für die Bosnien-Mission war die NATO
nicht gut strukturiert. Zu einer Zeit, in der unser
politisches und geostrategisches Denken sich völlig
neu orientierte - wie durch unsere Partnerschaft mit
ehemaligen Gegnern bei der Friedenssicherung
demonstriert - und zu einer Zeit, in der unsere jeweiligen Streitkräfte abgespeckt und für das Schlachtfeld
der Zukunft modernisiert wurden, ist die Kommandound Entscheidungsstruktur der NATO immer noch auf

AMERIKA DIENST 03

die Herausforderungen und Schlachtfelder der Vergangenheit ausgerichtet. Es ist an der Zeit, die NATO
abzuspecken und zu modernisieren in der Erkenntnis,
daß unsere Herausforderung nicht länger einfach darin
besteht, einen bekannten Plan mit bereits eingeteilten
Streitkräften durchzuführen, wie es während des
Kalten Krieges war.
Wir müssen die Kommandostruktur der NATO reaktionsfähiger und flexibler machen, den Prozeß der
Planung und Truppenvorbereitung vereinfachen sowie
den gesamten Entscheidungsfindungsprozeß beschleunigen. Und wir müssen die Aufgabe vollenden,
den europäischen Mitgliedstaten der NATO eine
stärkere Identität innerhalb des Bündnisses zu verleihen. Diese internen Veränderungen werden die NATO
auf die Erweiterung vorbereiten und es uns gestatten,
besser auf die künftigen Herausforderungen der
europäischen Sicherheit und Stabilität zu reagieren.
In diesem Zusammenhang begrüßen wir die Entscheidung Frankreichs zu größerer Beteiligung an den
militärischen Gremien der NATO. Wir sehen der
Zusammenarbeit mit Frankreich erwartungvoll entgegen bei der Umgestaltung des Bündnisses und der
Verwirklichung von Marshalls Vision eines in Frieden,
Freiheit und Demokratie vereinten Europas.
Im Jahr 1947 erklärte Marshall, Amerika müsse "der
Verantwortung gerecht werden, die unserem Land von
der Geschichte auferlegt wurde". Heute ist es nicht nur
Amerika, sondern auch Rußland, es sind nicht nur die
NATO-Nationen, sondern ganz Europa - wir alle
müssen der Verantwortung gerecht werden, die uns
von der Geschichte auferlegt wurde. Das bedeutet, die
anderen nicht nur im Geiste der Freundschaft einzubeziehen, sondern auch im Geiste des Eigeninteresses. Das bedeutet, auf unsere Ziele hinzuarbeiten,
nicht nur von oben nach unten, sondern auch von
unten nach oben. Und es bedeutet die Erkenntnis,
daß wir unsere Institutionen einer genauen Überprüfung unterziehen müssen um herauszufinden,
welche Veränderungen erforderlich sind, wenn sich die
Welt dort draußen wandelt.
Wenn wir all dies tun, können wir im nächsten Jahr bei
den Feiern zum 50. Jahrestag des Marshallplans
sagen, daß wir Marshalls Vision zu unserer eigenen
gemacht haben. Daß die Partnerschaft für den
Frieden ein starker, beständiger Pfeiler der europäischen Sicherheitsarchitektur ist. Daß die NATO und
Rußland Beziehungen unterhalten, bei denen Vertrauen, Verständnis und Zusammenarbeit eine Gegebenheit, nicht länger ein Ziel sind. Daß alle Nationen
des ehemaligen Jugoslawiens zur Sicherheit Europas
beitragen, nicht sie schmälern. Und daß wir den Weg
zu einem neuen Europa eingeschlagen und die Tür zu
einem neuen Zeitalter des Friedens, der Freiheit und
Demokratie geöffnet haben.

Seite 5

�NATO
7. Februar 1996

Neue Sicherheit für ein ungeteiltes und freies Europa
Rede von Robert E. Hunter

BONN - (AD) - Der Ständige Vertreter der Vereinigten Staaten bei der NATO, Botschafter Robert E. Hunter, hielt
auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung nachfolgende Rede.

Vielen Dank, Herr Vorsitzender, für Ihre freundlichen
einführenden Worte. Es ist mir eine Ehre und ein
Vergnügen, wieder in Bonn und insbesondere bei der
Friedrich-Ebert-Stiftung zu sein, der ich mich seit
langem eng verbunden fühle. Wenn ich mich hier im
Saal umsehe, entdecke ich viele Menschen, die ich
schon lange zu meinen Freunden zähle und auch als
meine Lehrer ansehe - nicht nur in deutscher Politik,
sondern auch bei unseren gemeinsamen Bestrebungen zum Aufbau einer stärkeren, sichereren und
freieren westlichen Gesellschaft. Daher ist es eine
besondere Ehre, wieder in Bonn zu sein, und ich freue
mich, daß Sie so zahlreich erschienen sind.
Wir befinden uns jetzt an einem Punkt der westlichen
Sicherheit, in einem großen Augenblick der Geschichte, in dem sich uns neue Möglichkeiten eröffnen.
Jeder von uns in diesem Raum, und zweifelsohne
jeder von uns bei der NATO, ist in diesem Augenblick
mit Aufgaben betraut, so daß die nächste Generation
zurückblicken und sagen kann, daß wir der Verantwortung unserer Zeit gerecht geworden sind, die in
nichts weniger besteht als dem Aufbau eines ungeteilten und freien Europas. Unsere Ahnen sind die
herausragenden Persönlichkeiten der Nachkriegszeit:
Diejenigen, die nach dem letzten Krieg entschieden,
daß es einen besseren Weg zur Organisation der
Sicherheit in Europa gibt, darunter viele Menschen in
diesem Land und einige der großen Namen der
europäischen Geschichte. Ich schätze mich sehr
glücklich, Willy Brandt gekannt zu haben, der einer der
ersten dieser prominenten Persönlichkeiten war, auf
deren Bestrebungen die Zukunft jetzt aufgebaut
werden kann.
Wir haben den Kalten Krieg gewonnen. Nicht nur wir
Amerikaner oder wir Deutschen oder wir im Westen,

AMERIKA DIENST 03

sondern wir Menschen - ja, wir Europäer - und ich
sehe mein Land als ein europäisches Land an, weil wir
hier sind und hier bleiben werden. Der Sieg im Kalten
Krieg wurde von allen Männern und Frauen auf diesem
Kontinent geteilt, unabhängig davon, ob sie unserem
großartigen NATO-Bündnis angehörten oder das
Unglück hatten, sich auf der anderen Seite des
Eisernen Vorhangs wiederzufinden. Das Ende des
Kalten Krieges war ein Sieg für die Menschheit, ein
Sieg für den menschlichen Geist und eröffnete Möglichkeiten. Aber jetzt befinden wir uns an einem Punkt,
an dem es nicht ausreicht zu sagen, der Kalte Krieg ist
vorüber und beendet. Es reicht nicht aus zu sagen,
daß die großen Ideale der westlichen Gesellschaft, die
hier in diesem Teil des Kontinents Bestand hatten, jetzt
garantiert sind und überall Bestand haben.
Jede Errungenschaft geht mit einer neuen Herausforderung einher. Und ich muß sagen, daß wir uns
jetzt mit einer Herausforderung von ungefähr der
gleichen Größenordnung konfrontiert sehen, nicht nur
für unsere eigene Sicherheit, sondern für die Sicherheit, Hoffnung und die Zukunft von Hunderten
Millionen von Menschen, die so lange unter dem
Kommunismus gelitten haben - eine Herausforderung,
die so groß ist wie die der vergangenen 50 Jahre.
Meines Erachtens können wir sie meistern, aber nur,
wenn wir klar erkennen, was wir tun müssen und dies
in die Praxis umsetzen.
Ich möchte kurz zu Ihnen über einen Teil dieser
Bestrebungen sprechen - was wir bei der NATO tun.
Wir sind uns jedoch bewußt, daß für uns alle sehr viel
mehr zu tun bleibt, wenn wir der nächsten Generation
sagen wollen, daß wir das von uns zu dieser Zeit
Geforderte getan haben.

Seite 1

�Nach dem Kalten Krieg stellten wir fest, daß viele
Institutionen beim Aufbau der neuen Sicherheit eine
zentrale Rolle spielen müssen. Die Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
Europäische Union. Der Europarat. Die Westeuropäische Union. Aber in den letzten drei oder vier Jahren
sind zwei unweigerliche Tatsachen sehr deutlich
geworden: Die eine lautet, wenn wir eine für ein
ungeteiltes und freies Europa effektive neue Sicherheit
aufbauen wollen, muß die NATO hierbei eine Führungsrolle übernehmen. Und wenn die NATO effektiv
arbeiten soll, müssen viele Länder dazu beitragen. Ein
unerläßlicher Aspekt ist jedoch die Notwendigkeit der
Führungsrolle und des Engagements meines eigenen
Landes - der Vereinigten Staaten. Ich freue mich
sagen zu können, daß die Führungsrolle und das
Engagement heute vorhanden sind und von Präsident
Clinton verkörpert werden, und in der Zukunft - meiner
Ansicht nach - in Person jedes einzelnen ernsthaften
Politikers beider politischer Parteien der Vereinigten
Staaten verkörpert sein werden. In Europa für unsere
eigene Sicherheit und für unsere Gemeinsamkeiten
engagiert zu sein, ist - meines Erachtens - was wir in
meiner und anderen Gesellschaften als eine gelöste
historische Frage bezeichnen würden.
Denken Sie daran, was wir als Amerikaner in unserer
etwas mehr als 200jährigen Geschichte seit wir ein
unabhängiges Land wurden, geleistet haben: Mein
Land hat mehr Blut vergossen und Güter aufgewandt mit Ausnahme unseres Unabhängigkeitskriegs vor 130
Jahren - um Europas Freiheit und Unabhängigkeit zu
bewahren als für irgend etwas, das wir in unserer
gesamten Geschichte getan haben. Unser Engagement hier ist etwas Reales, Tiefes, und meiner Überzeugung nach Unveränderliches.
Eines der erfreulichen Dinge, die ich als NATOBotschafter- selbst nach den letzten Wahlen, als meine
Partei die Mehrheit im Kongreß der Vereinigten
Staaten verloren hat - entdeckt habe, ist, daß jeder
Politiker beider politischen Parteien, der nach Brüssel
gekommen ist oder den ich in Washington getroffen
habe, dieses grundlegende Versprechen gegeben hat.
Und aus meiner Sicht hat es Bestand.
Es gibt noch etwas anderes, das ebenso beständig,
aber auch ebenso entscheidend ist, wenn die amerikanischen Beziehungen hier in Europa funktionieren
sollen. Ja, viele Dinge und viele Beziehungen werden
benötigt. Aber die deutsch-amerikanische Partnerschaft ist der Fels, auf den die NATO gegründet ist, sie
hat heute Bestand und muß auch in der Zukunft
Bestand haben. Das, was wir - unsere beiden Länder
- zusammen tun, wird absolute Notwendigkeit, wenn
wir eine sichere Zukunft haben wollen. Ich freue mich
sagen zu können, daß in Ihrer Politik, die manchmal
ebenso kompliziert wie unsere ist, die Verpflichtung zur
Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten ebenso tief
in Ihre Gesellschaft eingebettet ist. Wir haben gemein-

Seite 2

sam sehr viel erreicht, und wir werden in Zukunft noch
mehr erreichen.
Die NATO hat heute ihren Weg gefunden. Die Zeit des
Aufbaus ist vorüber. Die Zeit der Gestaltung ist
vorüber. In den vergangenen vier Jahren haben wir
die NATO neu strukturiert, neue Zielsetzungen geschaffen und befinden uns jetzt auf dem Weg zum
Aufbau der Zukunft. Dies erinnert mich ein bißchen an
das, was mit dem östlichen Teil Ihres Landes geschehen ist, den ich vor einigen Jahren bei meinen Reisen
besuchte, in dem es viele alte Fabriken gab. Als sie
von der Treuhandanstalt übernommen wurden und
man die Gebäude betrat, stellte man fest, daß die
Geräte veraltet waren und nicht benutzt werden
konnten: Sie mußten vollständig überholt werden. Die
Außenwände sind vielleicht geblieben, aber wenn man
jetzt hineingeht, sieht man sich einer völlig neuen
Einrichtung gegenüber, die entsprechend moderner,
demokratischer, westdeutscher Produktionslinien
gebaut worden ist.
Dasselbe haben wir mit der NATO getan. Sie können
in unser Hauptquartier nach Brüssel kommen. Es ist
dasselbe alte Gebäude mit demselben alten Schild an
der Tür, aber wenn Sie hereinkommen, stellen Sie fest,
daß sich alles sehr verändert hat. Sie sehen russische
Offiziere in Uniform durch die Halle gehen. Hätten Sie
sie vor einigen Jahren in einem unserer Gebäude
angetroffen, hätte der Bundesnachrichtendienst an die
Tür geklopft.
Am 8. November, unmittelbar vor dem 6. Jahrestag
des Falls der Berliner Mauer, hatte ich eine Besprechung in meinem Büro, bei der die abschließende
Planung für die Entsendung der Truppen nach Bosnien
unter NATO-Kommando stattfand. Eines der vorbereiteten Dokumente und Diagramme war bereit zur
Paraphierung. Eine der Personen, die es paraphierte,
war der Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten,
William Perry. Die zweite Person, die es paraphierte,
war der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa,
General Joulwan. Die dritte Person, die es paraphierte, war ein Generaloberst namens Schewtsow, den ich
heute morgen im SHAPE-Gebäude gesehen habe das ihm wirklich ziemlich gut zu gefallen scheint - und
die vierte Person, die dieses Dokument paraphierte,
war ein Mann namens Gratschow aus Moskau. Es
war ein bemerkenswertes Ereignis. An eben diesem
Ort, an dem während des Kalten Krieges die Eindämmung des Kommunismus betrieben wurde,
einigten sich ein russischer Generaloberst und der
russische Verteidigungsminister auf ein Engagement in
Bosnien im Rahmen der NATO. Es war eine wirklich
bemerkenswerte Leistung, die vielversprechend für die
Zukunft ist.

Wir haben herausgefunden und entschieden, daß wir
in der Zukunft vier umfassende Zielsetzungen für die

AMERIKA DIENST 03

�NATO haben. Die erste habe ich bereits angesprochen: Amerika ist in Europa, um hier zu bleiben. Wir
sind hier als europäische Macht. Wenn wir aufgefordert würden, nach Hause zu gehen, könnten wir
natürlich versucht sein, dies zu tun. Aber glücklicherweise hören wir keine solchen Stimmen. Quer über
Europa hinweg vernehmen wir den Wunsch, daß
Amerika mit Entschlossenheit und vor allem mit den
Werten, die wir alle teilen, bleibt. Dies ist ein Fels, auf
den die neue Sicherheit aufgebaut werden kann.
Zielsetzung Nummer zwei besteht darin, das von uns
Erreichte zu bewahren. Wenn wir betrachten, was in
den letzten 50 Jahren geschehen ist, so haben wir
innerhalb der NATO eine großartige bürokratische
Institution aufgebaut. Viele haben die NATO beschuldigt, sich selbst am Leben zu erhalten, einfach weil sie
eine alte Institution ist, die nicht weiß, wie sie sterben
soll. Ich habe diese Idee lange Zeit verfochten, bis mir
klar wurde, daß alte bürokratische Institutionen, die
weiterhin bestehen, großen Wert haben, denn eines
der wichtigsten Dinge, die wir erreichen müssen, ist um einen hehren Begriff zu verwenden - die Renationalisierung der Verteidigung zu verhindern. Was
haben wir heute? Wir haben 16 Länder. Wenn sie an
europäische Sicherheit denken, denken sie an die
NATO. Das ist eine bemerkenswerte Leistung. Der
Kalte Krieg ging zu Ende, und die 16 Länder dachten
weiterhin an gemeinsame Bestrebungen.
Ich wohne 15 Kilometer von der Stadt Waterloo
entfernt. Am Montag morgen, dem 19. Juni 1815, traf
der Duke of Wellington General Blücher in einer
kleinen Stadt namens La Belle Alliance. Blücher sagte:
"Warum nennen wir die Schlacht nicht S_a Belle
Alliance'?", und Wellington antwortetete: "Nein, wir
wollen sie Waterloo nennen" - das war seine Sicht der
Geschichte.
Sie tranken ein Glas Champagner
zusammen und jeder ging seiner Wege.
Bei der NATO kam jeder nach dem angenommenen
Ende des Kalten Kriegs zur Arbeit wie gewöhnlich! Das
ist ein erstaunlicher Triumph. Wir sind hier versammelt, sechs oder sieben Jahre nach dem Kalten
Krieg, nach der Beseitigung der grundlegenden
Herausforderung des Westens durch die sowjetische
Macht und den Kommunismus und denken immer
noch an Zusammenarbeit. Eine beachtliche Leistung.
Zwei andere Aspekte sind ebenso wichtig, von denen
einer hier sehr angebracht ist: Die NATO ist weiterhin
eine Institution, der sich die deutschen Streitkräfte
verpflichtet haben, ebenso wie Sie sich der Europäischen Union uneingeschränkt verpflichtet haben.
Ich hoffe, Sie vergeben mir, wenn ich Ihren derzeitigen
Kanzler zitiere. Ich bin sicher, wenn Willy Brandt
Kanzler gewesen wäre, hätte es dasselbe gesagt. Ich
war in Ostberlin am Abend der Wahlen vom 17. März
1990, als ungefähr um 19.35 Uhr mit dem Wahl-

AMERIKA DIENST 03

ergebnis klar wurde, daß Deutschland von jenem
Moment an vereinigt war. Am nächsten Morgen war
ich hier in Bonn, und der Kanzler sprach - es war das
erste Mal seit 1949 oder noch früher, daß ein deutscher Politiker sagen konnte, was er wollte. Und was
sagte er? Er zitierte Thomas Mann. Er sprach: "Wir
brauchen kein deutsches Europa. Wir brauchen ein
europäisches Deutschland. Wir wollen die gemeinsamen Institutionen auf dem Kontinent weiter stärken."
Nun, eine dieser gemeinsamen Institutionen ist die
NATO.
Aber es gibt auch etwas, das jetzt als so selbstverständlich und banal erachtet wird, daß man kaum
darüber sprechen kann: Während dieser Periode nach
dem Zweiten Weltkrieg und bis zum Ende des Kalten
Krieges geschah hier etwas, das in der gesamten
Geschichte der Menschheit seinesgleichen sucht.
Betrachtet man die 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union, so haben sie nicht weniger geleistet, als
den Krieg als Instrument der Beziehungen untereinander abzuschaffen. Wenn Sie heute zu einigen
Teenagern sagen würden: "Was würde geschehen,
wenn Deutschland und Frankreich einen Krieg miteinander beginnen würden?", würden sie Sie ansehen,
als wären Sie verrückt geworden. Und offen gesagt,
ist dies eine Verrücktheit, die sich lohnt, weil es eine
der großen Errungenschaften der menschlichen
Geschichte ist.
Ich bezeichne dies als den europäischen zivilen Raum.
Innerhalb dieses Raumes haben die Bestrebungen von
Menschen in so vielen Ländern - und nirgends mehr
als hier in Deutschland - die europäische Politik
entschieden über tausend Jahre der Geschichte
hinausgeführt. Dies ging soweit, eine Einstellung
gegenüber der menschlichen Gesellschaft und den
Beziehungen zwischen Staaten zu schaffen, die in der
Tat - wenn ich dies sagen darf - sogar das Kräftegleichgewicht in diesem Teil des Kontinents beseitigt
hat. Das ist eine wirklich bemerkenswerte Leistung,
die zu erringen und bewahren sich lohnt, und die
Existenz der NATO trägt zur Gewährleistung bei, daß
dies geschieht.
Es gibt jedoch eine dritte umfassende Zielsetzung, die
- das haben wir inzwischen verstanden - von zentraler
Bedeutung für unsere Sicherheit im weitesten Sinne
des Wortes ist. Um sie zu beschreiben, muß ich kurz
auf den Marshallplan zurückkommen. In Washington
haben wir letzte Woche eine Feierstunde zum Gedenken an den 50. Jahrestag des Marshallplans
abgehalten. Winston Churchill bezeichnete ihn als
"den am wenigsten schmutzigen Akt der Geschichte".
Aber der Marshallplan war auch ein Akt der Sicherheit.
Er war die Erkenntnis, daß den Menschen in ihrem
Leben und in ihren Gesellschaften die Fähigkeit
vermittelt würde, ihre Zukunft selbst in die Hand zu
nehmen, sowie ein grundlegendes Gefühl der Stärke
und Sicherheit, wenn wir erneut freie Gesellschaften,

Seite 3

�eine freie Politik und freie Volkswirtschaften schaffen
könnten.
Ebenso wie andere Institutionen erkannten wir bei der
NATO, daß wir - nachdem wir die Berliner Mauer und
den vom Osten verhängten Eisernen Vorhang niedergerissen hatten - nicht eine neue Mauer der Indifferenz
gegenüber diesen Menschen und Gesellschaften,
ihren Hoffnungen und ihrem Streben schaffen durften.
Wenn wir uns und unseren Interessen wie Sicherheit
sowie unseren Werten gegenüber ehrlich wären,
müßten wir bereit sein, unser Konzept der Sicherheit
und des Engagements auch auf ganz Zentraleuropa
auszuweiten.
Die NATO wurde bereits erweitert. Wir begannen
1991 mit dem Nordatlantischen Kooperationsrat. Wir
erweitern sie jeden Tag mit den Interaktionen, die wir
mit den Männern und Frauen einzelner zentraleuropäischer Länder haben - sei es in der NATO, in ihren
Ländern, in Bosnien heute, oder anhand der Dutzenden bilateraler Beziehungen und Begegnungen, die für
diesen Prozeß entscheidend sind. Dies ist eine
Aufgabe, bei der diese Institution stets eine wichtige
Rolle gespielt hat und weiterhin spielen wird. Die
deutschen Stiftungen, einschließlich der FriedrichEbert-Stiftung, haben durch ihre Arbeit das grundlegende Verständnis dieser Veränderungen im Leben
von Menschen auf individueller menschlicher Basis,
die den Menschen die Chance zu Sicherheit im
weitesten Sinne bieten, unter Beweis gestellt. Daher
wissen wir bei der NATO, wenn wir für uns arbeiten,
müssen wir auch für sie arbeiten.
Die vierte umfassende Zielsetzung für die neue NATO
besteht in der Erkenntnis, daß es immer noch nur ein
Land gibt, dessen Zukunft auf absehbare Zeit die
entscheidendsten Auswirkungen darauf haben wird, ob
wir eine hoffentlich vielversprechende Zukunft haben
werden oder zu dem zurückkehren, was wir in den
vergangenen 50 Jahren hatten. Und das Land ist
Rußland.
Wir bei der NATO und wir im Westen sind uns bewußt,
daß wir ein fundamentales Interesse am Erfolg des
russischen Experiments haben. Ein fundamentales
Interesse daran, daß Rußland eine Demokratie wird,
seine - politischen und sozialen - Institutionen umgestaltet, seine Volkswirtschaft umgestaltet und ja, eine
uneingeschränkte und aktive Rolle in der europäischen
Sicherheit spielt. Wir müssen alles in unserer Macht
Stehende tun, um Rußland zu helfen, in die Welt dort
draußen zu treten. Ja, die Spielregeln einzuhalten,
aber seine rechtmäßige und legitime Rolle in der
Gesellschaft dort draußen zu spielen. Und die NATO
spielt eine entscheidende Rolle dabei.
Diese vier miteinander verbundenen Zielsetzungen für
die NATO werden Amerika hier halten, um das von uns
im westlichen Teil des Kontinents Erreichte zu bewah-

Seite 4

ren und zu erweitern, um beträchtliche Verantwortung
in Zentraleuropa zu übernehmen und dann zu versuchen, Rußland in die Welt dort draußen einzubeziehen.
Ich werde sie im Hinblick auf die NATO-Erweiterung
zusammenfassen. Wenn wir uns anschauen, was wir
in physischer, geistiger und politischer Hinsicht,
jenseits der alten Grenzen des Bündnisses im Hinblick
auf die Aufnahme neuer Mitglieder unternehmen - und
wir werden neue Mitglieder aufnehmen, diese Entscheidung ist bereits getroffen - werden wir mit fünf
grundlegenden Problemen konfrontiert.
Das erste Problem ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß die NATO nicht nur ein Vertrag auf dem
Papier ist. Wir wiederholen nicht die zwanziger und
dreißiger Jahre. Wir geben keine Versprechen, die wir
nicht halten können. Die NATO hat in ihrer Geschichte
immer ihre Zusagen eingehalten. Und sie wird nur
solange ein wertvolles Bündnis sein, wie wir diesen
Grundsatz beibehalten. Wenn wir soweit sind, daß wir
ein, zwei oder drei Länder zum NATO-Beitritt auffordern, müssen wir sicher sein, daß beispielsweise
der Bundestag seine Zustimmung zum Beitritt dieses
neuen Landes gibt. Wenn wir den Senat der Vereinigten Staaten um seine Zustimmung mit einer
Zweidrittelmehrheit bitten, müssen wir sicher sein
können, daß er "Ja" sagt, denn das NATO-Engagement ist nicht irgend etwas, das lediglich durch die
Unterschrift einiger Politiker geschaffen wurde. Das
Engagement muß tief in der Gesellschaft verwurzelt
sein, wie jeder in diesem Raum, der sich mit der Frage
des amerikanischen Engagements während des
Kalten Krieges befaßt hat, sehr gut versteht. Wir
müssen das richtig verstehen.
Zweitens. Wir müssen sicherstellen, daß die Länder,
die der NATO beitreten wollen, nicht nur Sicherheit
genießen, sondern auch schaffen. Das hier ist keine
Trittbrettfahrt. Wenn ein Land der NATO angehören
möchte, muß es bereit sein, seinen Teil dazu beizutragen.
Drittens. Wir wissen noch nicht, wieviele Länder wir in
das Bündnis aufnehmen. Aber eines wissen wir: Wir
werden sie einzeln aufnehmen, nicht blockweise.
Vielleicht treten beim ersten Mal mehrere Länder
gleichzeitig bei. Wir werden auch nicht ein Land oder
zwei und dann überhaupt keine Länder mehr aufnehmen. Es wird eine Entwicklung sein. Wenn wir
uns die geographische Lage ansehen, wird uns auch
folgendes deutlich: Ungeachtet dessen, wieviele
Länder wir in das Bündnis aufnehmen, wird es immer
einige Beitrittswillige geben, die hierzu nicht in der
Lage sind. Entscheidend ist, daß wir nicht einigen
Ländern Sicherheit auf Kosten der Sicherheit anderer
Länder bieten. Wir sind entschlossen, keine Grauzonen zu schaffen, keine Pufferstaaten und keine
Einflußsphären, die für Nichtmitgliedstaaten der NATO
vorgesehen sind. Wir müssen einen Weg finden,

AMERIKA DIENST 03

�damit die Länder, die nicht der NATO beitreten,
Sicherheit genießen.
Viertens. Wir wollen neue Mitglieder aufnehmen,
jedoch keine neue Trennlinie durch Europa ziehen.
Der Eiserne Vorhang existierte lange genug, und es
wäre für uns unseres Erachtens sinnlos, einfach nur
ein paar neue Länder aufzunehmen und damit eine
neue Spaltung auf dem Kontinent herbeizuführen und
vielleicht sogar dabei die Art von Bedrohung zu
schaffen, die wir zu vermeiden suchen.
Fünftens. Wenn möglich wollen wir die NATO-Erweiterung auf eine Art und Weise vornehmen, die
nicht die Demokratie in den östlichen Staaten unterhöhlt, und - um direkt zu sein - möchten wir das in
einer Weise tun, die nicht die Demokratie in Rußland
unterhöhlt.
Ich habe hier eine Reihe äußerst schwieriger Herausforderungen umrissen. Wir gehen sie an, um sie auf
drei grundlegende Arten zu lösen.
Die erste ist die Erweiterung selbst. Wir hätten
natürlich einfach ein paar Länder einladen können, den
NATO-Vertrag zu unterschreiben, die Flagge zu hissen
und sich als Verbündete zu bezeichnen. Diejenigen
unter Ihnen, die so hart kämpften, um genau zu
wissen, wo ihre Sicherheit liegt und um während des
Kalten Krieges auf sie vertrauen zu können, wissen,
daß das nur wenig Wert hätte. Wir müssen die
Erweiterung richtig vornehmen, damit sie funktioniert.

Wir tun das Schritt für Schritt.
Vergangenes Jahr führten wir eine Studie über das
"Wie und Warum" der NATO-Erweiterung durch. Dafür
gab es zwei Gründe: Der erste bestand darin, die
beitrittswilligen Länder über die Rechte, aber auch die
Pflichten eines NATO-Mitglieds aufzuklären, darüber,
wozu sie als Bündnismitglied bereit sein müßten. Dies
sind nicht nur Verpflichtungen, die wir gegenüber den
Ländern in Zentraleuropa eingehen. Es sind auch
Verpflichtungen, die sie uns gegenüber eingehen, und
zu denen sie bereit sein müssen.
Der zweite Grund bestand darin, die Mitglieder des
Bündnisses zu klarem Denken zu veranlassen. Wie
wird die NATO aussehen, wenn sie aus 17, 18, 19
oder 20 Mitgliedern besteht? Wie können wir sicherstellen, daß wir ebenso stark bleiben, wenn wir größer
als heute sind? Das ist eine äußerst schwierige Frage.
Wir haben das Buch über die NATO geschrieben. Ich
nenne es "Betriebsanleitung für die NATO". Man kauft
ein neues Auto, öffnet das Handschuhfach und findet
darin ein Buch darüber, wie das Auto funktioniert. So
etwas haben wir verfaßt, um es allen Ländern zukommen zu lassen, die der NATO beitreten wollen,
aber auch für uns selbst, um unsere Zuversicht zu
stärken.

AMERIKA DIENST 03

Meiner Meinung nach wurde das echte Engagement
für die NATO-Erweiterung nach Abschluß dieser
Untersuchung stärker als je zuvor.
Jetzt befinden wir uns bereits in der nächsten Phase.
Wir werden mit einzelnen Ländern einen Dialog
anknüpfen, uns hinsetzen und die Details besprechen.
Was bedeutet die Mitgliedschaft für ein bestimmtes
Land? Was muß das Land tun? Wir werden nicht
sagen: "Ihr braucht nur dieses Formular auszufüllen,
und schon seid ihr automatisch Bündnismitglied. Aber
wenn Ihr der NATO beitreten wollt, müßt Ihr dies und
jenes im Hinblick auf das Militär und die zivile Kontrolle
unternehmen. Dies müßt Ihr als NATO-Mitglieder tun.
Laßt uns darüber sprechen."
Das wird einen guten Teil des Jahres erfordern. Am
Ende des Jahres - oder vielleicht etwas früher, aber wir
erwarten eher, daß es das ganze Jahr erfordern wird sind wir wohl in einer besseren Position, um die
nächsten Fragen zu stellen. Wen wollen wir in die
NATO aufnehmen, und wann sollten wir das tun? Wir
sind uns bewußt, daß jeder Schritt ein organischer
politischer Akt sein muß, und wenn wir ihn tun, wissen
wir, was wir tun und sind auf beiden Seiten zuversichtlich, daß diese Länder natürlicher Teil des Bündnisses
mit allen gegenseitigen Stärken werden.
Schritt Nummer zwei betrifft die Partnerschaft für den
Frieden. Jeder hier Anwesende kennt sie wohl, aber
sie ist nicht so gut bekannt, wie sie sein sollte. Tatsächlich entstand die Idee vor ungefähr zweieinhalb
Jahren bei einem Essen in meinem Hause in Brüssel.
Vergangene Woche sind es zwei Jahre her, daß
Präsident Clinton die PFF ins Leben rief. Jetzt hat die
Partnerschaft 27 Mitglieder. Einige arbeiten hart
daran, andere weniger. Dadurch unterscheiden sie
sich bereits: Die Länder, die ernsthafter an einer
Zusammenarbeit mit uns interessiert sind, arbeiten
härter an der Partnerschaft. Und wie sie daran
arbeiten! Zunächst unterzeichnen sie ein Dokument, in
dem sie sich zu den Werten, der Politik und den
Sicherheitsanforderungen verpflichten, die uns allen
gemeinsam sind. Sie schicken Vertreter zur NATO.
Heute haben wir 15 im Manfred Wörner-Flügel, und es
werden noch mehr. Sie schicken Beamte zum Obersten Befehlsbereich Europa. Und zufällig nahmen sie
ihre Arbeit in einem Gebäude namens Live Oak
Building auf, wo wir die zweite Luftbrücke planten. Es
ist eine ziemliche Ironie, daß russische Offiziere hinter
einem Stück der Berliner Mauer sitzen und dazu
beitragen, eine Zukunft in Freiheit zu planen.
Die Partner halten mit uns gemeinsame Ausbildungsveranstaltungen und Manöver ab, sie übernehmen
unsere Art des Rechnungswesens. Sie durchlaufen
ein äußerst intensives Verfahren militärisch-ziviler
Beziehungen - befreien diese Gesellschaften vom
Kommunismus und geben ihnen eine Grundlage für
die Rolle des Militärs in einer zivilen Gesellschaft. Und

Seite 5

�es gibt noch einen zusätzlichen Punkt: Wenn wir damit
bei den militärischen Institutionen Erfolg haben, kann
sich das hoffentlich in der gesamten Gesellschaft
verbreiten.
Jetzt sind 14 unserer Partner mit uns in Bosnien und
beteiligen sich an einem äußerst praktischen Engagement.
Drittens versuchen wir bei unserem Bemühen um
Beantwortung der fünf grundlegenden Fragen, direkte
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
herzustellen. Sie waren unausgeglichen. Sie durchliefen verschiedene Etappen. Es ist nicht einfach, die
Russen davon zu überzeugen, daß diese Institution
NATO, die sich so lange der Konfrontation widmete,
dem postsowjetischen Rußland eine Chance bietet,
sich positiv für die europäische Sicherheit zu engagieren. Aber sie sind der Partnerschaft für den Frieden
beigetreten. Sie haben mit uns die Dokumente
ausgetauscht, die Einzelheiten darüber enthalten, was
sie direkt mit uns tun werden. Und wir haben mit
Rußland ein besonderes Verhältnis geschaffen - durch
Konsultationen und Kooperation mit der NATO in
Bereichen wie nukleare Weiterverbreitung, wo wir
etwas Besonderes anbieten können.
Am wichtigsten ist vielleicht, daß gestern der überwiegende Teil der russischen Streitkräfte in Bosnien
eintraf, wo er mit der amerikanischen Division verbunden wird. Wir wissen, was von verschiedenen führenden Politikern in Rußland geäußert wurde, insbesondere in den letzten Tagen, als ein neuer Außenminister
ernannt wurde, gerade Wahlen waren und weitere
Wahlen anstehen. Aber manchmal sprechen die
Taten so laut für sich, daß man nicht so klar hören
kann, was die Politiker sagen. Die Ankunft dieser
russischen Streitkräfte - nicht als unabhängige Einheit,
sondern als Teil der amerikanischen Division - spricht
Bände. Das ist keine Garantie, daß die Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland sich positiv entwikkeln, aber es ist zumindest ein Anfang. Ich möchte
eines betonen: Die Beziehungen zwischen der NATO
und Rußland sind nicht nur eine Idee des Bündnisses
oder Rußlands. Sie sind etwas, auf dem unsere
zentraleuropäischen Freunde bestehen. Die besten
Worte hierzu fand Vaclav Havel, er äußerte: "Ich
möchte ein Teil der NATO sein, aber ich möchte, daß
diese NATO konstruktive Beziehungen zu Rußland
unterhält." Wir haben diese Ansicht gehört und
unternehmen, was wir können, um sie möglich zu
machen.
Ich muß mich jedoch deutlich ausdrücken. Die
Entscheidungen der NATO über ihre Erweiterung
werden von der NATO getroffen, und von keinem
anderen.
Ich habe fünf Vorhaben unterbreitet: Die Ratifizierung
neuer Beitritte durch die Parlamente, die Erhöhung der

Seite 6

Sicherheit durch neue Bündnismitglieder, enge und
dauerhafte Beziehungen der NATO zu Nichtmitgliedstaaten, die Vermeidung neuer Trennlinien inmitten
des Kontinents und keine Unterhöhlung von Demokratien. Wenn man sich diese fünf Erfordernisse ansieht,
bieten die von uns unternommenen drei Dinge die
Möglichkeit, jedem einzelnen von ihnen zu entsprechen. Am wichtigsten ist vielleicht die Partnerschaft für
den Frieden. Wir wollen, daß diese Partnerschaft so
wirksam funktioniert, so dauerhaft ist und ein so
starkes Engagement ermöglicht, daß für ein Land, das
nicht der NATO beitritt, der Unterscheid zwischen der
Mitgliedschaft in der PFF und dem Bündnis so klein ist,
daß er fast nicht spürbar ist - mit Ausnahme der
atomaren Garantie selbst. Daher wird die Partnerschaft Sicherheit bieten.
Jetzt kommen wir zu Bosnien. Viele Länder sind beim
Umgang mit Bosnien gescheitert. Anfangs war die
NATO nicht sehr effektiv. Dasselbe gilt für die Europäische Union und für die Vereinten Nationen. Dies ist
meines Erachtens vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, daß keiner von uns auf das Produkt eines
Auftauens der Geschichte vorbereitet war. Niemand
war auf die außergewöhnlichen Anforderungen des
Umgangs mit einem Konflikt in einem Land vorbereitet,
das aller Logik zu trotzen schien und den Instrumenten
widerstand, die wir über viele Jahre hinweg für den
Umgang damit entwickelt hatten, was wir für das Risiko
eines Konflikts in Europa hielten und als solches
fürchteten.
Nach drei Jahren begriffen wir jedoch endlich, was wir
tun mußten. Wir begannen mit einem gemeinsamen
Ziel aller großen Mächte Europas: Der Eindämmung
des Konflikts, der Verhütung seiner geographischen
Ausbreitung, und wir hatten Erfolg. Wir mußten jedoch
mit der Notwendigkeit rechnen, im Hinblick auf den
ernsthaftesten Konflikt in Europa seit 1945 politische
und moralische Verantwortung zu übernehmen. Wir
mußten verstehen, daß wir alle Dinge tun konnten,
über die ich bei der NATO gesprochen habe, aber
immer noch scheitern würden, wenn wir nicht dieser
grundlegenden unmittelbaren Tragödie und dem
menschlichem Leid begegnen, die sich nicht etwa auf
der anderen Erdhalbkugel zutragen, sondern hier
inmitten der europäischen Familie.
Als wir die Schwelle zu dem Verständnis überschritten
hatten, daß es uns nur gutgehen kann, wenn wir
wegen Bosnien etwas Entscheidendes unternehmen,
taten wir das auch schließlich. Letzten Sommer - am
25. Juli und 1. August - waren wir in der NATO endlich
in der Lage, eine gemeinsame Entscheidung über
Luftangriffe zu treffen, hinter der alle 16 Bündnismitglieder wirklich standen. Es stimmt - wir haben im
Nordatlantikrat viele solcher Entscheidungen getroffen,
aber sie wurden bei der UNO in New York, am Boden
oder in der Luft in Bosnien ihres Wesens beraubt.

AMERIKA DIENST 03

�Nach den Greueltaten in Srebrenica und Zepa jedoch
meinten wir es ernst. Als der ungeheuerliche Anschlag
auf den Zentralmarkt verübt wurde, begann die NATO
ihre Luftangriffe, die drei Wochen lang Wirkung
zeitigten. Dadurch wurde nicht nur der Weg für Dayton
und das dort abgeschlossene Friedensabkommen
eröffnet, sondern die NATO gewann auch die Zuversicht, daß wir unter diesen äußerst schwierigen
Umständen tatsächlich den grundlegenden Sicherheitsanforderungen genügen können. Wir gewannen
die Zuversicht, daß wir in Zukunft notfalls noch einmal
so handeln könnten.
In Bosnien tragen jetzt seit 29 Tagen Streitkräfte der
NATO die Verantwortung. Das sind 29 Tage nach
dem Stichtag. Wir werden in ganz Bosnien insgesamt
etwas mehr als 60.000 Soldaten haben - auf beiden
Seiten der Konfrontationslinie, auf beiden Seiten der
Trennzonen, die bis morgen früh evakuiert werden,
und diese Streitkräfte werden dort ein Jahr lang
bleiben. Wir beschlossen ganz präzise, dort nicht in
einer Situation mit offenem Ende zu bleiben, damit wir
nicht ein Problem wie den Libanon oder Zypern
bekommen. Statt dessen wollen wir den Menschen in
Bosnien eine Chance geben, sich für eine ganz andere
Zukunft zu entscheiden als die, die in den letzten vier
Jahren entweder für sie ausgewählt oder ihnen
aufgezwungen wurde.
Wir bei der NATO sind zuversichtlich, daß wir unsere
Aufgabe erledigen können. Der größere Teil des
Problems liegt jedoch außerhalb des Verantwortungsbereichs der NATO. Es ist der Zivilbereich. Was kann
im Zivilbereich im Laufe dieser 12 Monate im Hinblick
auf den Aufbau einer Nation, im Hinblick auf Wahlen
und wirtschaftlichen Wiederaufbau unternommen
werden? Was kann getan werden, wenn wir Ende
dieses Jahres soweit sind, wenn Politiker und andere
Urteile fällen? Sie werden es als wichtiger erachten,
auf der Grundlage der Bilanz dieses Jahres eine
Zukunft zu gestalten, anstatt wieder die Art von Zukunft
zu wählen, die sie während der letzten vier Jahre
durchlitten.

*

AMERIKA DIENST 03

Ich kann den Erfolg nicht garantieren. Aber ich kann
garantieren, daß wir zumindest eine Chance haben,
das durchzuführen und die NATO in diesem Jahr ihre
Rolle übernehmen zu lassen.
Abschließend möchte ich noch kurz darauf zu sprechen kommen, was wir unternehmen. Historisch
gesehen ist das wirklich bemerkenswert. Ich kenne
keine andere Zeit in der modernen europäischen
Geschichte oder vielleicht überhaupt in der europäischen Geschichte, in der alle Großmächte Europas, zu
denen ich mein Land zähle, auf derselben Seite
standen. Wir halten alle zusammen und versuchen,
dasselbe Ziel ohne Konfrontation zu erreichen.
Wenn das funktioniert, kann viel geschehen. Dies ist
ein fantastischer Anfang für Länder in der Partnerschaft für den Frieden, zu zeigen, was sie tun können
und tun werden, um auf Dauer Partner und vielleicht
sogar Bündnismitglied zu werden. Es ist eine Situation, in der sowohl Rußland als auch das Bündnis nur
gewinnen können - indem Rußland unter Beweis stellt,
daß es tatsächlich in der Welt eine konstruktive Rolle
spielen kann und daß Jelzin Recht hatte, als er auf
Reformen und Beziehungen zum Westen setzte. Und
das wird vielleicht Bestandteil der grundlegendsten
philosophischen Bestrebungen werden, die wir
unternehmen: Das Konzept des europäischen zivilen
Raums in diesen Teil des Kontinents zu bringen und zu
sehen, ob es nach Osten getragen werden kann, um
mehr Ländern und Menschen innerhalb dieses
Rahmens die Möglichkeit zu bieten, erstmals in der
europäischen Geschichte über die sterile Realpolitik
der Vergangenheit hinauszugehen und sich den
äußerst reichen und produktiven Einstellungen,
Verhaltensmustem und Errungenschaften anzunähern,
die dieses Land und gleichzeitig Westeuropa während
der vergangenen 50 Jahre charakterisiert haben.
Ich danke Ihnen, Herr Vorsitzender.

*

Seite 7

�NICHTVERBREITUNG
7. Februar 1996

CTB-Vertrag ist Bollwerk gegen Weiterverbreitung
von Nuklearwaffen
Rede von ACDA-Direktor Holum

GENF - (AD) - Ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) wäre
ein Bollwerk gegen die Weiterverbreitung von Nuklearwaffenfähigkeiten und ein "notwendiger Schritt zum
übergeordneten Ziel nuklearer Abrüstung", erklärte der Direktor des Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(Arms Control and Disarmament Agency - ACDA), John Holum, am 23. Januar 1996 bei der Genfer
Abrüstungskonferenz.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache von John Holum im Wortlaut.

Herr Präsident, die Vereinigten Staaten gratulieren
Ihnen zur Übernahme des Vorsitzes bei diesen
entscheidenden Eröffnungswochen. Seien Sie bei
Ihren Bestrebungen und denen Ihrer Kollegen der
vollen Kooperationsbereitschaft der US-Delegation
versichert. Weiterhin möchte ich denjenigen danken,
die den vergangenes Jahr bei den Verhandlungen
über ein Atomtestverbot gemachten bemerkenswerten
Fortschritt überwachten: Botschafter Dembinski von
Polen, Botschafter Norberg von Schweden und
Botschafter Ramaker von den Niederlanden.
Ich freue mich außerordentlich, zur Abrüstungskonferenz zurückzukehren und erneut eine Botschaft
des Präsidenten der Vereinigten Staaten übermitteln
zu dürfen, die folgendermaßen lautet:
"Die bei der Genfer Abrüstungskonferenz
geleistete harte Arbeit hat eine bedeutende
Errungenschaft in Reichweite gerückt: Einen
wirklich umfassenden und unbegrenzten
Vertrag über ein Atomtestverbot mit null
Detonationswert.
Die internationale Staatengemeinschaft hat
ihrer Entschlossenheit Ausdruck verliehen,
den CTBT noch in diesem 50. Jahr des Bestehens der Vereinten Nationen zu unterzeichnen. Jetzt obliegt es Ihnen, die Vision Realität
werden zu lassen, die Ministerpräsident

AMERIKA DIENST 03

Nehm, die US-Präsidenten Eisenhower und
Kennedy sowie viele andere führende Politiker
aus der ganzen Welt in den vergangenen vier
Jahrzehnten hatten.
Ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot ist von elementarer Bedeutung für die
Eindämmung sowohl der Weiterverbreitung
als auch der Weiterentwicklung von Nuklearwaffen. Und er wird zur Erfüllung unserer
gegenseitigen Versprechen beitragen, auf
einen nuklearen Rüstungswettlauf zu verzichten und uns auf das übergeordnete Ziel einer
atomwaffenfreien Welt zuzubewegen.
Bei der Genfer Abrüstungskonferenz wurden
bemerkenswerte Fortschritte erzielt. Die von
Ihnen in nur zwei Jahren gemachten Fortschritte haben es ermöglicht, daß der CTBT in
den nächsten Monaten abgeschlossen werden kann. Jetzt müssen dringliche politische
Entscheidungen der einzelnen Länder Ihre
gewissenhafte Arbeit in Genf ergänzen, damit
die Konferenz der UN-Generalversammlung
im Juni einen abgeschlossenen CTBT vorlegen kann.
Ich sichere Ihnen die volle und nachdrückliche
Unterstützung der Vereinigten Staaten beim
zügigen Abschluß des so lange angestrebten

Seite 1

�und so lange verweigerten Vertrags zu. Jetzt
wollen wir diesen historischen Schritt gemeinsam unternehmen."

Nuklearwaffen sind oder sich die Nuklearoption
offenhalten - und insbesondere eine Beschränkung für
die fünf Atommächte.

Die Botschaft Präsident Clintons unterstreicht die
willkommene Realität, daß das jahrzehntelange
Streben nach einer Beendigung aller Nuklearexplosionen bald Früchte tragen wird. Die Gründe für den
Abschluß und die Unterzeichnung eines umfassenden
Vertrags über ein Atomtestverbot in diesem Jahr - wie
letzten Monat bei der UN-Generalversammlung
befürwortet - sind dieselben, die dieses Streben von
Anfang an untermauerten. Das Testverbot ist sowohl
ein Bollwerk gegen die Weiterverbreitung und Weiterentwicklung von Nuklearwaffenfähigkeiten als auch ein
notwendiger Schritt zum übergeordneten Ziel nuklearer
Abrüstung.

Es ist unverständlich, wie Länder ohne ein Interesse
an Atomwaffen und mit großem Interesse an einem
sichereren Planeten diese Abmachung nicht attraktiv
finden können. Denn wir sind nach Genf gekommen,
um zu sagen: "Wir wollen gemeinsam unsere Atomwaffenprogramme beschränken".

Dennoch muß ich einräumen, daß der CTBT hier in
Genf in Gefahr ist.
Im Mai vergangenen Jahres beschlossen fast alle
Länder der Welt in New York die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW). Alle
werden sich an die von einigen vertretene Meinung
erinnern, im Falle einer unbegrenzten Verlängerung
des N W würden die Nuklearwaffenstaaten das
Interesse an einem umfassenden Atomtestverbot
verlieren. Das ist falsch. Vor kurzem haben wir das
Argument gehört, das Testverbot sollte nicht verhandelt werden, weil der N W dauerhaft verlängert worden
ist. Das ist ebenso falsch.
Die heutige Bedrohung des Testverbots hat ein gütiges
Gesicht. Sie trägt die Maske eines noch stärkeren
Einsatzes für Rüstungskontrolle. Es wurde vorgeschlagen, das Testverbot solle mit einem zeitlichen
Rahmen für die vollständige Beseitigung von Nuklearwaffen verbunden oder ihm notfalls sogar geopfert
werden.
Als Reaktion darauf möchte ich drei Behauptungen
aufstellen: Erstens ist ein umfassendes Atomtestverbot
an sich schon eine tiefgreifende neue Beschränkung,
insbesondere von Seiten der Atomwaffenstaaten.
Zweitens ist der CTBT ein unerläßlicher Schritt, wenn
je eine vollständige Beseitigung von Atomwaffen erzielt
werden soll. Und drittens wird man, wenn man ein
wichtiges Ziel einem anderen opfert, bei beiden
scheitern.
Was die erste Behauptung anbelangt, sollten Sie sich
betrachten, was das Testverbot faktisch bedeutet.
Bedenken Sie, daß nahezu alle Länder der Welt sich
als Teil ihrer umfassenderen Verpflichtung unter dem
Nichtverbreitungsvertrag tatsächlich einzeln zum
Verzicht auf Tests verpflichtet haben. Damit stellt das
Atomtestverbot im Grunde genommen nur für die
Länder eine Beschränkung dar, die im Besitz von

Seite 2

Halten Sie sich das Ausmaß dieser Beschränkung vor
Augen. Es stimmt, daß der CTBT kein Weg durch das
Hintertürchen für ein Verbot von Nuklearwaffen ist.
Tatsächlich wurde ein Testverbot heute teilweise
deshalb ein realistisches Ziel, weil Veränderungen im
internationalen Sicherheitsumfeld die Rolle von
Nuklearwaffen dramatisch verringert haben. Und
unseres Erachtens können die weitaus weniger
verbleibenden Waffen sicher und verläßlich ohne
Nuklearexplosionen beibehalten werden.
Aber die sichere Instandhaltung bestehender Waffenprojekte ist etwas ganz anderes als die Entwicklung
neuer Waffen. Letzteres erfordert Tests mit Atomexplosionen, die der CTBT ausschließen würde.
Niemand sollte denken, eine solche Beschränkung sei
bedeutungslos, das Zerstörungspotential des Atoms
sei bereits vollständig erforscht und genutzt worden.
Selbst die zugängliche Literatur weist auf ein breites
Spektrum neuer Waffenentwicklungen hin, die mit Hilfe
von Tests selbst in den Staaten für zukünftige Militärprogramme dienen könnten, die bereits eine Vielzahl
von Atomtests durchgeführt haben.
Viele würden atomgetriebene Waffen beinhalten Möglichkeiten, die Freisetzung von Energie mit
größerer Präzision vorzunehmen als jetzt möglich ist
und militärische Wirkungen zu erzielen, die über die
jetzt erreichbaren hinausgehen. Ohne Atomtests sind
die Atomwaffenstaaten nicht in der Lage zur selbstbewußten Entwicklung von Technologien wie dem von
Nuklearexplosionen angetriebenen Röntgenlaser, der
sogenannten nuklearen Schrotflinte, beschleunigten
elektromagnetischen Impulswaffen, Mikrowellenwaffen
sowie verstärkten Strahlungswaffen. Das ist eine
echte Beschränkung - wie all jene wohl wissen, die
sich an frühere Diskussionen in diesem Raum über
verstärkte Strahlungswaffen erinnern.
Und das
vollständige Testverbot mit null Detonationswert wird
auch die Mini- und Mikroatombombenkonzepte außer
Reichweite rücken - Technologien zur Nutzung kleiner
Mengen von nuklearem Explosivmaterial.
Durch die Abwehr solcher Entwicklungen wird der
CTBT zur Verringerung der Wahrscheinlichkeit eines
Atomkrieges beitragen und den heutigen Trend zu
kleineren Atomwaffenarsenalen mit abnehmender
Bedeutung für die nationale Verteidigung beibehalten.

AMERIKA DIENST 03

�Natürlich streben die Staaten mit der Entwicklung von
Nuklearwaffenprogrammen die effizientere Nutzung
von Nuklearmaterial an - Erhöhung der Sprengkraft,
Verringerung von Gewicht und Volumen, Veränderung
im Design. Dieses Streben nach Effizienz und Flexibilität ist der Hauptgrund dafür, warum von manchen
Ländern Tests durchgeführt werden. Es ist auch der
wirksamste Katalysator für dem Rüstungswettlauf.
Seine Vermeidung ist der größte Wert des Testverbots.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Der CTBT
verhindert die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen.
Aber seine großen praktischen Auswirkungen gelten
auch für die Rüstungskontrolle - die Beendigung der
Entwicklung hochmoderner neuer Waffen und die
Verhinderung der Entstehung neuer militärischer
Anwendungen.
Diese grundlegende Erkenntnis widerspricht auch der
Behauptung, der CTBT würde irgendwie zur Kodifizierung eines diskriminierenden Regimes beitragen und
die Welt zwischen Atomwaffenstaaten und nuklearen
"Habenichtsen" spalten. In Wirklichkeit ist es möglich,
einfache Nuklearwaffen ohne die Erprobung des
nuklearen Sprengkörpers herzustellen, und dies wird
auch in Zukunft so sein. Die fundamentale Auswirkung
des CTBT besteht daher weniger in der Verhinderung
einer Beschaffung von Nuklearwaffen an sich, die der
N W anspricht, sondern vielmehr in der Eindämmung
der Weiterentwicklung von Nuklearwaffenfähigkeiten
eines Landes.
Der CTBT wird dies tun, indem er alle Länder gleich
behandelt. Den Vertrag über ein Atomtestverbot als
diskriminierend zu bezeichnen, hieße, ihn für Dinge
verantwortlich zu machen, die völlig außerhalb seines
Geltungsbereichs liegen. Was noch wichtiger ist: Das
Atomtestverbot aus solchen Gründen zu verteidigen
oder zum Scheitern zu bringen, würde bedeuten, als
Antwort auf die Diskriminierung mehr statt weniger
Nuklearwaffenstaaten zu verordnen. Welcher Teilnehmer dieser Konferenz möchte eine solche perverse
Kur verschreiben?
Mein zweiter Vorschlag bezieht sich auf die bei der
Überprüfungs- und Verlängerungskonferenz des N W
bekräftigte Verpflichtung zum obersten Ziel der
Abschaffung von Nuklearwaffen. In einer unsicheren
Welt ist der Weg zu diesem Ziel nicht klar markiert.
Klar ist jedoch, daß das oberste Ziel nur durch realistische Schritte nach vorn im Rahmen realer Sicherheitsbelange erzielt wird, wobei jeder Schritt auf dem
vorherigen aufbaut. Und es sollte offenkundig für alle
sein, daß der CTBT der nächste erreichbare Schritt auf
diesem Weg ist.
Führen Sie sich auch vor Augen, daß der Beitrag des
CTBT zum Prozeß der nuklearen Abrüstung weit über
seine unmittelbaren Auswirkungen auf die Länder
hinausgeht. Er liefert einen Beitrag, der detailliert in

AMERIKA DIENST 03

zahllosen Erklärungen dieses Gremiums, der Vereinten Nationen und auf Podien in den Hauptstädten
der ganzen Welt beschrieben wurde. Er leistet einen
Beitrag, für den kleine und große Länder in West und
Ost sowie auch blockfreie Staaten mit Enthusiasmus
seit über einem Vierteljahrhundert in Resolutionen der
Generalversammlung der Vereinten Nationen gestimmt
haben, selbst wenn die Vereinigten Staaten nicht in der
Lage waren, diese Resolutionen zu unterstützen. Er
ist ein Beitrag, der in der Präambel des Moskauer
Vertrags von 1963 - dem Vertrag zur Begrenzung von
Atomversuchen (Limited Test Ban Treaty - LTBT) vorhergesehen war, dem 115 Staaten der internationalen Gemeinschaft beigetreten sind, darunter alle
nuklearfähigen Länder, die nicht Mitglied des Nichtverbreitungsvertrags sind. Er leistet einen Beitrag, der in
der Präambel des N W selbst seinen Niederschlag
gefunden hat, der jetzt mehr als 180 Staaten als
Vertragsparteien hat. Er ist ein Beitrag, der einstimmig
in den Entscheidungsdokumenten der Überprüfungsund Verlängerungskonferenz des N W verabschiedet
wurde.
Dieser Beitrag besteht vor allem in der Verkörperung
der politischen Verpflichtung der internationalen
Staatengemeinschaft, ihre Versprechen einzulösen,
die Chance zu ergreifen, wenn sie sich schließlich
bietet - und nicht zu einem äußerst späten Zeitpunkt
neue Forderungen zu stellen und neue Hindernisse für
einen konkreten Schritt zu errichten, den alle Staaten
sowohl aufgrund seiner inhärenten als auch symbolischen Bedeutung anerkennen. Da unsere politische
Verpflichtung zur Abrüstung so eng an diese Entscheidung geknüpft ist, sieht die praktische Realität
meines Erachtens folgendermaßen aus: Wir werden
nie eine von Nuklearwaffen freie Welt schaffen, wenn
wir nicht erst eine von Nuklearexplosionen freie Welt
schaffen.
Das wollen wir in Angriff nehmen.
Dieselbe Logik gilt für meine dritte Behauptung - daß
die Strategie des Junktims eine Strategie des Scheiterns ist. Um zu dieser Schlußfolgerung zu gelangen,
muß man nur ehrlich erwägen, wie es weiteren
Rüstungskontrollbestrebungen ergehen wird, wenn der
Teststopp scheitern sollte - wenn wir alle von Genf
nach Hause zurückkehren müssen mit nichts vorzuweisen als Gegenbeschuldigungen und Diskussionspunkten für die nächste internationale Konferenz.
Ein Junktim würde sich hier als besonders gegenläufig
erweisen. Denn es würde effektiv Ziele gegeneinander
ausspielen, die sich gegenseitig verstärken sollten.
Und in diesem Fall ist es auch offenkundig absurd. Die
Antwort auf eine Welt mit zu vielen Nuklearwaffen ist
offensichtlich nicht eine Welt mit mehr Nuklearexplosionen.
Kurz: Der CTBT kann entweder die Erprobung von

Seite 3

�nuklearen Sprengkörpern beenden, oder zu einerkrummen und ineffektiven Brechstange für andere
Ziele umfunktioniert werden. Wenn wir ihn jedoch mit
beiden Aufgaben befrachten, wird er brechen und
keines von beidem tun.
Es wäre nicht nur eine Ironie des Schicksals, sondern
eine Tragödie, wenn eines der höchsten Ziele der
internationalen Staatengemeinschaft seit vierzig
Jahren plötzlich seine Anziehungskraft verlieren
würde, gerade dann, wenn die Welt dabei ist, es zu
erreichen. Die Anziehungskraft des Unerreichbaren
kann Thema großartiger Liebesgedichte sein - ist
jedoch keine vernünftige Politik oder Diplomatie. Wir
sollten keine widernatürliche Abkehr vom CTBT
vornehmen, weil er endlich in greifbare Nähe gerückt
ist.
Es ist vielmehr an der Zeit, daß die Welt den Preis im
Auge behält, der unmittelbar und greifbar vor ihr steht:
Ein wirklich umfassendes Verbot aller Testexplosionen
für Nuklearwaffen oder aller anderen Nuklearexplosionen.
Vor uns liegt die große, aber nicht unüberwindliche
Herausforderung, die uns von der Völkergemeinschaft
gesetzten Normen zu erfüllen.
Resolution 50/65 der UN-Generalversammlung fordert
den Abschluß der Verhandlungen, damit der Vertrag
vor der Einberufung der 51. Generalversammlung
unterschriftsreif ist. Wenn er nicht bis April abgeschlossen ist, muß die Konferenz ernsthaft Bilanz
ziehen, wie sie die verbleibenden Wochen vor dem
Ende des zweiten Teils dieser Sitzungsrunde nutzt.
Denn es ist unerläßlich, der Generalversammlung den
vollständigen Text des CTBT allerspätestens bis Juni
vorzulegen, wenn wir die Zeit für seine Überprüfung in
den Hauptstädten und für die darauffolgende Zustimmung der Generalversammlung einräumen wollen,
daß er zum vereinbarten Zeitpunkt zur Unterschrift
vorgelegt wird.
Alle kennen den Rolltext und seine über tausend
Klammern. Diese unverzüglich zu beseitigen, ist eine
schwierige Aufgabe. Sie kann jedoch bis zum Ende
des ersten Teils dieser Sitzungsrunde geleistet
werden. Warum stelle ich solch eine kühne Behauptung auf? Weil tatsächlich entschieden weniger
als tausend ungeklärte Probleme in den Klammern
enthalten sind. Es sind nur wenige grundlegende
Fragen, und ihre Lösung - vornehmlich eine Angelegenheit politischer Entscheidungen - wird die unverzügliche Entfernung oder Komprimierung großer
Passagen des umstrittenen Textes gestatten.
Wir müssen uns jedoch äußerst bewußt sein, daß
dieser Augenblick beispielloser Chancen vergänglich
ist und das vor uns geöffnete Fenster bereits in diesem
Sommer zugeschlagen werden kann. Entsprechend

Seite 4

müssen wir handeln.
Das heißt, wir alle müssen im sachlichen Geiste des
Entgegenkommens und Kompromisses handeln. Dies
erfordert, daß wir keine neuen Hindernisse errichten,
sondern vielmehr den Text von Unterholz befreien und
"Platzhalter"-Sprachregelungen aufgeben - Positionen,
die mit der Absicht bezogen worden waren, sie eines
Tages aufzugeben, nichtige Positionen, die keine
ernsthafte internationale Unterstützung erzwingen. Es
ist an der Zeit, auf gemeinsamem Terrain zu einem
Abschluß zu kommen.
In diesem Geiste zog Präsident Clinton im vergangengen Jahr den Vorschlag der Vereinigten Staaten zu
einem 10jährigen Austrittsrecht zurück. Im gleichen
Geiste gab Präsident Clinton im August die Verpflichtung der Vereinigten Staaten zu einem CTBT mit
absolut null Detonationswert bekannt - ohne jegliche
Ausnahme. Wir haben hart daran gearbeitet, um
gemeinsames Terrain bei anderen offenen Fragen zu
erlangen.
Aber die Zeit ist kurz: Bis zum Ende des ersten Teils
dieser Sitzungsrunde bleiben uns nur noch 49 Verhandlungstage. Daher müssen wir alles Erforderliche
tun - in den Hauptstädten ebenso wie hier in Genf - um
sicherzustellen, daß jede Stunde dieser 49 Tage
höchst effektiv genutzt wird.
Jede Abweichung von diesem ehrgeizigen Zeitplan
könnte für den Vertrag fatale Folgen haben. Und
Verzögerungen würden den Vertrag nur weiteren
Risiken aussetzen.
Ein nochmals verschobener
Vertrag könnte das Scheitern des umfassenden
Atomtestverbots bedeuten.
Meine Botschaft lautet also folgendermaßen: Wir sind
näher am Erfolg, als viele denken mögen. Wir können
den Termin einhalten - wenn wir unser Augenmerk
nicht auf die Bewahrung von Optionen oder Verhandlungspunkten lenken, sondern auf den Abschluß dieser
historischen Mission.
Schlußfolgerung
Das umfassende Atomtestverbot stand seit der
Eröffnungssitzung dieses Gremiums als erster Punkt
auf der Tagesordnung. Wie unsere Vorgänger nur zu
gut wissen, ist die Geschichte des CTB lang und
verschlungen und ermangelt noch immer eines ihr
gerechten Abschlusses.
Aber die ganze Zeit sind zwei Dinge konstant geblieben. Es wurden weiterhin Atomtests durchgeführt.
Und der Wissensstand der Welt über die Funktionsweise von Nuklearwaffen hat sich erweitert - ein Ende
ist nicht in Sicht.
In diesem Augenblick der Chancen und Gefahren

AMERIKA DIENST 03

�stehen wir vor zwei Verlockungen. Die eine ist der
Endspurt zu einem wirklich umfassenden Verbot aller
Atomexplosionen. Die andere ist nur zu vertraut - das
Wettrüsten, das der Welt so viele tödliche Waffen zu
einem so hohen Preis an Talenten und Gütern gebracht hat.
In den kommenden zehn Wochen können wir das
erste Wettrennen gewinnen und so zur Beendigung
des zweiten für alle Zeit beitragen.
Und wenn die Abrüstungskonferenz ihre Arbeit nicht
abschließen kann, wird unser Scheitern nicht nur ein
gravierender Rückschlag für die Rüstungskontrolle,
sondern auch für die multilateralen Institutionen und
die multilaterale Diplomatie im umfassenderen Sinn.

*

AMERIKA DIENST 03

Es wird Munition für die Zyniker sein, die behaupten,
nichts wirklich Wichtiges sollte solchen Gremien
anvertraut werden.
Die Nuklearwaffen der Welt wurden in über 2.000
Explosionen an mehr als 20 Orten auf der ganzen Welt
erprobt. Ihre tödliche Effizienz ist nur allzu deutlich.
Heute steht hier in diesem Gremium der Versuch zu
einem anderen Weg einer Lösung der Meinungsverschiedenheiten der Menschheit auf dem Prüfstand.
Jetzt sind wir es, die getestet werden.
Wir dürfen nicht scheitern. Unser Erfolg wird sich in
der Zukunft niederschlagen.

* * *

*

Seite 5

�MENSCHENRECHTE
7. Februar 1996

Shattuck sieht Fortschritte bei Menschenrechtssituation
in Bosnien
Anhörung vor Ausschuß des Repräsentantenhauses
WASHINGTON - (AD)
Repräsentantenhauses
Shattuck, es könnten
Friedensabkommens für

- Bei einer Anhörung vor dem Ausschuß für internationale Beziehungen des
erklärte der Abteilungsleiter für Menschenrechte im US-Außenministerium, John
"gute Fortschritte" bei der Umsetzung der Menschenrechtsbestimmungen des
Bosnien beobachtet werden.

Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext der Anhörung in gekürzter Version.

Herr Vorsitzender, verehrte Ausschußmitglieder, ich
freue mich, heute über die Menschenrechtssituation in
Bosnien Bericht erstatten zu können. Andere Regierungsvertreter haben bereits zu Ihnen über unsere
umfassenderen Ziele gesprochen, diesem vom Krieg
erschütterten Land Frieden zu bringen. Der Krieg in
Bosnien war der schlimmste Konflikt in Europa seit
dem Zweiten Weltkrieg und die größte Bedrohung des
Zusammenhalts und der Stabilität Europas seit dem
Kalten Krieg.
Ohne die mühevollen Bestrebungen und die Führungsrolle der Vereinigten Staaten hätte es kein Friedensabkommen gegeben, und die amerikanische Führungsrolle ist weiterhin erforderlich, wenn der Frieden
Fuß fassen soll. Unseres Erachtens ist der Erfolg des
Friedensprozesses untrennbar mit der erfolgreichen
Umsetzung der Menschenrechtsbestimmungen des
Abkommens von Dayton verbunden. Aus diesem
Grund ist die Durchführung der Menschenrechtselemente von Dayton eine der höchsten Prioritäten der
US-Administration für Bosnien.
Jedes Mal, wenn ich in der Vergangenheit vor diesem
Ausschuß erschienen bin, habe ich die Bedeutung von
Menschenrechtsfragen als grundlegendem Pfeiler der
amerikanischen Außenpolitik unterstrichen. Dies gilt
umso mehr in Bosnien und Herzegowina, wo Europa
Zeuge der schrecklichsten Verbrechen gegen die
Menschheit seit dem Holocaust wurde.

entsetzlichen
Menschenrechtsverletzungen
aufzudecken und zu beenden. Wir haben die bosnische
Menschenrechtstragödie bereits im August 1992 vor
die Vereinten Nationen gebracht. Anfang 1993 führten
wir die Bestrebungen des UN-Sicherheitsrats zur
Gründung einer Expertenkommission zur Ermittlung
von Kriegsverbrechen an. Danach waren wir der
Vorreiter bei der Gründung des internationalen Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien.
Wir waren der wichtigste Befürworter des Tribunals
und haben Finanzhilfe, Personal, politische Unterstützung und Informationen zur Verfügung gestellt. Die
Vereinigten Staaten haben als erstes Land Informationen über die Massengräber und andere Beweise von
Kriegsverbrechen veröffentlicht und dem Tribunal als
erstes Land den Zugang zu Zeugen, Opfern und den
Orten der Greueltaten erleichtert.
Ich selbst habe Bosnien, Kroatien und Serbien bei acht
verschiedenen Missionen zur Förderung der Menschenrechtsziele besucht.
Meine Bestrebungen
konzentrierten sich auf die Aufdeckung von Menschenrechtsverletzungen aller Parteien. Sie hatten den
freien Zugang zu allen Teilen Bosniens für internationale Ermittler und die Medien zum Ziel sowie die
Vorbereitung der Freilassung von Gefangenen und
Inhaftierten, die Zusammenarbeit mit dem internationalen Kriegsverbrechertribunal und die Erleichterung
der Einhaltung des Friedensabkommens. Ich werde
meine persönlichen Aktivitäten gleich im einzelnen
erörtern.

Seit Beginn des tragischen Konflikts in dieser Region
haben die Vereinigten Staaten sich verpflichtet, die

AMERIKA DIENST 03

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�Unser Ansatz zur Menschenrechtssituation in Bosnien
ist von vier umfassenden Zielsetzungen geleitet:
Erstens der Beendigung der gravierenden
Menschenrechtsverletzungen,
zweitens der Förderung von Institutionen, um
den einzelnen zur Rechenschaft für Kriegsverbrechen zu ziehen, damit der Gerechtigkeit
Genüge getan wird,
drittens die Freilassung von Gefangenen und
Inhaftierten zu gewährleisten und Vermißte
aufzuspüren sowie
viertens der Einführung institutioneller Strukturen, die zur Gewährleistung eines friedlichen
und sicheren Umfelds beitragen, in dem die
Menschen des vom Krieg erschütterten Bosnien sich der Menschrechte erfreuen können.
Die meisten dieser Fakten sind den heute hier anwesenden Mitgliedern dieses Ausschusses bekannt.
Wenn Sie es wünschen, werde ich jedoch gerne im
einzelnen darauf eingehen und Ihnen die gewünschten
Details in der anschließenden Fragestunde geben.
Ich möchte meine heutigen Ausführungen auf das
Friedensabkommen von Dayton und die von uns seit
November geleistete Arbeit zur Umsetzung dieses
Abkommens konzentrieren. Wie Sie wissen, war ich in
Dayton persönlich an der Aushandlung der Vereinbarung beteiligt. Seitdem bin ich dreimal nach Europa
und in das ehemalige Jugoslawien gereist, um die
einzelnen Aspekte der Durchführung zu verfolgen. Ich
werde morgen in Begleitung von Außenminister
Christopher zur Fortsetzung unserer Arbeit erneut in
die Region reisen.
Aus der Menschenrechtsperspektive ist das Abkommen von Dayton ein bemerkenswertes Dokument.
Nie zuvor hat ein Friedensvertrag so große Betonung
auf Menschrechtsbelange gelegt. Diese Betonung
spiegelt unsere Überzeugung wider, daß Menschenrechtsfragen das Kernstück unserer Bestrebungen
sind, dem ehemaligen Jugoslawien Frieden zu bringen. Ich möchte Ihnen einige Elemente des Abkommens von Dayton darlegen und im einzelnen
darauf eingehen.
Erstens beinhalten die Vereinbarungen eine neue
Verfassung für Bosnien, die allen Menschen dieses
Landes das höchste Maß an international anerkannten
Menschenrechten und Grundfreiheiten garantiert.
Bosnien und Herzegowina werden als einheitlicher
Staat mit zwei Einheiten weiterbestehen - der Föderation Bosnien und Herzegowina sowie der Serbischen
Republik. Das Land wird effektive föderale Institutionen haben, über die der Großteil der internationalen
Hilfe verteilt wird, einschließlich einer Präsidentschaft,

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einer Zweikammergesetzgebung und einem Verfassungsgericht, dessen Mitglieder zu einem Drittel vom
Europäischen Menschenrechtsgerichtshof ernannt
werden. Der Schutz von 15 verschiedenen internationalen Menschenrechtsinstrumenten ist in der neuen
Verfassung verankert. Insbesondere wird die europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte in
allen Fällen Vorrang vor bosnischem Recht haben.
Die Vereinbarungen sehen die Gründung eine Menschenrechtskommission zum Schutz der verfassungsmäßig garantierten Rechte vor. Die Kommission
besteht aus zwei Teilen: Einem unabhängigen Menschenrechtsombudsmann und einer Menschenrechtskammer.
Der Ombudsmann wurde von der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
ernannt. Dieses Amt hat Gret Haller aus der Schweiz
inne, die ihre Arbeit bereits begonnen hat. In dieser
Funktion hat sie die Befugnis, bei Menschenrechtsverletzungen zu ermitteln, Streitigkeiten zu schlichten
und Verfahren vor die Menschenrechtskammer zu
bringen.
Die aus 14 Mitgliedern bestehende Menschenrechtskammer wird Fälle der Verletzung von Menschenrechten und Beschwerden anhören, die von den Bürgern
Bosniens und Herzegowinas, in ihrem Namen oder
vom Ombudsmann vorgelegt werden. Sie hat die
Befugnis, Hilfe für die Opfer anzuordnen und die
Parteien anzuweisen, Aktionen einzustellen oder von
ihnen Abstand zu nehmen, die Menschenrechtsverpflichtungen verletzen. Die Mitglieder der Menschenrechtskammer werden in ihrer Mehrheit vom Europarat
ernannt.
Zusätzlich können Gerichte beim bosnischen Verfassungsgericht Berufung einlegen, auch bei Menschenrechtsfragen. Drei seiner neun Richter werden vom
Präsidenten des Europäischen Menschenrechtsgerichtshofs ernannt.
Das Abkommen von Dayton sieht die Veranstaltung
freier und demokratischer Wahlen in ganz Bosnien und
Herzegowina in der zweiten Jahreshälfte vor, um einen
Präsidenten und eine gesetzgebende Versammlung
für die Föderation, die Präsidenten und gesetzgebenden Versammlungen für die beiden Einheiten sowie falls möglich - Kommunalpolitiker zu wählen.
Das Abkommen von Dayton verpflichtet die Parteien
zur Schaffung von Bedingungen, unter denen freie
Wahlen abgehalten werden können, indem sie die
Ausübung des Wahlrechts ohne Angst vor Einschüchterung sowie Rede-, Presse- und Koalitionsfreiheit
schützen. Die OSZE muß bescheinigen, daß die
Voraussetzungen für freie Wahlen gegeben sind.

AMERIKA DIENST 03

�Die Vorbereitung der Wahlen wird von der OSZE
organisiert und überwacht.
Diese Bestrebungen
erfolgen in Verbindung mit einem Wahlausschuß, dem
ein OSZE-Vertreter vorsitzt und der sich aus internationalen Experten und Vertretern beider Einheiten
zusammensetzt.
Flüchtlinge und aufgrund des Konflikts Vertriebene
haben das Recht, in ihrer ursprünglichen Heimat zur
Wahl zu gehen, sofern sie nicht einen anderen Ort
vorziehen. Alle bei der bosnischen Volkszählung von
1991 erfaßten Personen sind ab dem 18. Lebensjahr
wahlberechtigt.
Das Abkommen verpflichtet alle Parteien, unverzüglich
alle Zivilisten und Kombattanten - einschließlich der
Zwangsarbeiter - freizulassen, die im Zusammenhang
mit dem Konflikt festgehalten werden und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Zugang zu
allen Festgehaltenen zu gewähren. Dieser Prozeß hat
bereits begonnen.
Das Abkommen verpflichtet die Parteien zur Zusammenarbeit mit dem IKRK bei der Suche nach
Vermißten sowie der Gewährung freien Zugangs für
die Menschenrechtsbehörden der UNO, die OSZE und
nichtstaatliche Organisationen zur Überwachung der
Menschenrechtssituation.
Schließlich verpflichtet das Abkommen von Dayton die
Parteien zur umfassenden Zusammenarbeit mit dem
internationalen Kriegsverbrechertribunal für das
ehemalige Jugoslawien bei seinen Untersuchungen
von Kriegsverbrechen und anderen Verletzungen
internationaler Menschenrechtsgesetze sowie zur
Befolgung seiner Anordnungen.
Diese Verpflichtung ist bindend für alle Parteien,
einschließlich Serbiens, Kroatiens, Bosniens und
Herzegowinas und der serbischen Republik.
Die Verpflichtung zur Befolgung der Anordnungen des
Kriegsverbrechertribunals ist auch in der neuen
Verfassung für Bosnien und Herzegowina verankert.
Alle Parteien müssen dem Tribunal unbegrenzten
Zugang zu allen Orten und Personen gewähren. Sie
sind zur Zusammenarbeit mit den Ermittlern des
Tribunals verpflichtet sowie zur Auslieferung von
festgenommenen Verdächtigten, wenn das Tribunal
das fordert.
Das Abkommen sieht vor, daß der Kriegsverbrechen
Angeklagte, die sich nicht den Anordnungen des
Tribunals fügen, in Bosnien und Herzegowina nicht für
die Wahl oder Nominierung für ein Amt kandidieren
oder ein solches innehaben dürfen.

*

AMERIKA DIENST 03

Die vom UN-Sicherheitsrat nach Dayton angenommene Resolution über eine Aufhebung der Sanktionen
enthält Verfügungen für die Durchsetzung dieser
Bestimmungen. Wenn die Parteien sich beträchtlicher
Unterlassungen bei der Erfüllung ihrer Verpflichtungen
zuschulden kommen lassen, werden auf Empfehlung
des Befehlshabers der Friedenstruppe IFOR oder des
Hohen Repräsentanten erneut Sanktionen verhängt,
sofern der UN-Sicherheitsrat keinen anderen Beschluß
faßt.
Zusätzlich bleibt ein "äußerer Wall" von Sanktionen
verfügbar, falls nötig in Form einer Verweigerung des
Zugangs unnachgiebiger Parteien zu internationalen
Organisationen, internationalen Finanzinstitutionen und
Auslandshilfe. Nach Gesprächen mit unseren europäischen Verbündeten haben wir uns geeinigt, daß die
Wirtschaftshilfe für die Parteien teilweise an ihre
Menschenrechtsbilanz gebunden wird.
Schließlich werden die Resolutionen des Sicherheitsrats die Zusammenarbeit mit dem Tribunal zu einer
bindenden Verpflichtung für alle Nationen machen, die
notfalls durch weitere Aktionen des Sicherheitsrats
erzwungen werden kann. Wir freuen uns, daß die
Vereinigten Staaten durch Paragraph 1342 des
Bevollmächtigungsgesetzes
des
Verteidigungsministeriums ihrer internationalen Verpflichtung zur
Zusammenarbeit mit dem Kriegsverbrechertribunal
nachkommen. Wir begrüßen die umfassende überparteiliche Unterstützung im Kongreß für diese Bestimmung und hoffen, daß dadurch andere ermutigt
werden, unserem Beispiel zu folgen.
Sie werden mir daher wohl zustimmen, daß das
Abkommen von Dayton sehr strenge Bestimmungen
zu Menschenrechten enthält. Die Übereinkünfte sind
weitaus mehr als eine bloße Grundsatzerklärung. Sie
schaffen neue Strukturen für den Schutz von Menschenrechten, verpflichten die Parteien zu einer
Vielzahl von Schritten zu ihrer Befolgung und sehen
eine internationale Überwachung der Menschenrechtssituation vor.
Seit Dayton sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, diese Bestimmungen in die Praxis umzusetzen. Wir machen gute Fortschritte, obwohl wir
uns noch beträchtlichen Hürden gegenübersehen.
Wir müssen das enorme Mißtrauen und die Böswilligkeit überwinden, die im Gefolge dieses schrecklichen
Krieges das politische Klima durchdringen. Wir
werden bei unserem Bemühen um Fortschritte wahrscheinlich Probleme und Rückschläge vor uns haben.
Dennoch wollen wir uns entschlossen für das Funktionieren dieses Verfahrens einsetzen. Wir haben große
Anstrengungen für seine Umsetzung unternommen.

* * *

*

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