<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2423" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2423?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T02:56:12+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2434">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/15b67dd25d89d51c5b9a50677eed297a.pdf</src>
      <authentication>f07d1269075ec98043c56301100721c6</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="12543">
                  <text>amcrika
dicrv&gt;t

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462C
25.Januar 1996

02

LACE DER NATION

CLINTON: USA SETZEN SICH FÜR
WELTFRIEDEN EIN
Bericht zur Lage der Nation

HAUSHALT

AUSGEGLICHENER HAUSHALT LIEGT IN
REICHWEITE
Erklärung des Präsidenten

AUSSENPOLITIK

EINE FÜHRUNGSROLLE FÜR DAS NÄCHSTE
AMERIKANISCHE JAHRHUNDERT
Rede von Außenminister Christopher

PFF

PERRY: PFF KÖNNTE DEM MARSHALLPLAN
VERGLEICHBARE WIRKUNG HABEN
Rede des Verteidigungsministers

DATENAUTOBAHN

DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES
INTERNET
von Edwin Diamond und Stephen Bates

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�LAGE

DER

NATION
24.Januar 1996

Clinton: USA setzen sich für Weltfrieden ein
Bericht zur Lage der Nation

WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Berichts zur Lage der
Nation, den Präsident Clinton am 23. Januar 1996 beiden Häusern des Kongresses vorlegte.

Mr. Speaker, Herr Vizepräsident, sehr geehrte Mitglieder des 104. Kongresses, verehrte Gäste, liebe
Mitbürger.
Zunächst möchte ich unseren Männern und Frauen in
Uniform auf der ganzen Welt und insbesondere
denjenigen, die dazu beitragen, daß der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann, meinen Dank aussprechen.
Amerika ist sehr stolz auf Euch.

Und während diese Zahlen sinken, verbessern sich die
Aussichten für die Zukunft der Vereinigten Staaten.
Wir leben in einem Zeitalter der Möglichkeiten. Vor
hundert Jahren zogen wir von den Bauernhöfen in die
Fabriken. Heute befinden wir uns im Zeitalter der
Technologie, Information und des globalen Wettbewerbs. Die Veränderungen haben enorme neue
Chancen eröffnet, aber sie stellen uns auch vor große
Herausforderungen.

Heute abend habe ich die Aufgabe, den Bericht zur
Lage der Nation vorzulegen - nicht zur Lage unserer
Regierung, sondern zur Lage unserer amerikanischen
Gemeinde, und unsere Verantwortungsbereiche
darzulegen, um - mit den Worten unserer Gründerväter
- eine "perfektere Union zu schaffen".
Die Lage unserer Nation ist gut.
Unsere Volkswirtschaft ist gesünder als je zuvor in den
vergangenen drei Jahrzehnten. Wir haben die niedrigste Arbeitslosen- und Inflationsrate seit 27 Jahren.
Wir haben nahezu acht Millionen neue Arbeitsplätze
geschaffen, über eine Million davon in Branchen wie
der Bau- und Automobilindustrie. Die Vereinigten
Staaten verkaufen zum ersten Mal seit den siebziger
Jahren mehr Autos als Japan, und seit drei aufeinanderfolgenden Jahren verzeichnen wir eine Rekordzahl von Unternehmensneugründungen.
Unsere Führungsrolle in der Welt ist stark und birgt
neue Hoffnungen auf Frieden. Am wichtigsten ist
jedoch vielleicht, daß wir wieder beginnen, unsere
grundlegenden Werte zu bewahren. Die Verbrechensrate, die Anzahl der Sozialhilfeempfänger, die Zahl der
Armen und die schwangerer Teenager ist gesunken.

AMERIKA DIENST 02

Mehr Amerikaner haben ein

besseres Leben, aber zu viele unserer Mitbürger
arbeiten härter für ihren Lebensunterhalt und streben
nach größerer Sicherheit für ihre Familien.
Wir müssen drei grundlegende Fragen beantworten:
Wie können wir den Amerikanischen Traum zur
Realität für alle werden lassen, die dafür zu arbeiten
bereit sind? Wie bewahren wir unsere althergebrachten und beständigen Werte auf dem Weg in die
Zukunft? Und wie meistern wir diese Herausforderungen gemeinsam, als ein Amerika?
Wir wissen, daß ein großer Regierungsapparat nicht
alle Antworten bereit hält. Es gibt kein Programm für
jedes Problem. Wir wissen, daß wir eine abgespeckte,
weniger bürokratische Regierung in Washington
benötigen, die ihren Verhältnissen entsprechend lebt.
Aber was sind die Pflichten der Regierung? Ich
glaube, die Regierung kann helfen, und sie kann
schaden.
Meines Erachtens muß unsere neue, schlankere
Regierung in herkömmlicher amerikanischer Art und
Weise handeln - gemeinsam mit unseren Bürgern, mit
Hilfe der bundesstaatlichen und Kommunalverwaltungen, am Arbeitsplatz, in religiösen, Wohlfahrts- und
Bürgervereinigungen. Unser Ziel muß lauten: Unser
gesamtes Volk in die Lage zu versetzen, das meiste

Seite 1

�aus seinem Leben zu machen, mit stärkeren Familien,
besseren Bildungschancen, wirtschaftlicher Sicherheit,
sichereren Straßen, einer saubereren Umwelt und
einer sichereren Welt.
Um die Lage unserer Nation zu verbessern, müssen
wir alle mehr von uns verlangen, mehr voneinander
erwarten und uns gemeinsam den Herausforderungen
stellen.
Das Zeitalter aufgeblähter Regierungen ist vorüber.
Aber wir dürfen nicht in die Zeiten zurückfallen, in
denen unsere Bürger auf sich selbst angewiesen
waren. Wir müssen als ein Amerika in die Zukunft
blicken - als eine Nation, die zusammenarbeitet, um
die uns konfrontierenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Selbstvertrauen und Teamwork sind
keine gegensätzlichen Tugenden - wir müssen beides
haben.
Unsere Aufgabe hier beginnt mit dem Ausgleich des
Haushalts in einer für alle Amerikaner fairen Weise.
Es besteht jetzt breite überparteiliche Übereinstimmung, daß das ständige Deficit-spending beendet
werden muß.
Ich beglückwünsche die Republikaner zu der Energie
und Entschlossenheit, mit der sie diese Aufgabe in
Angriff genommen haben. Und ich danke den Demokraten für die Verabschiedung des umfassendsten
Plans der Geschichte zum Abbau des Defizits seit
1993, der das Defizit in nur drei Jahren bereits nahezu
um die Hälfte reduziert hat.
Seit damals konnten wir alle die Vorteile des Defizitabbaus beobachten: Niedrigere Zinssätze haben den
Unternehmen die Schaffung von Arbeitsplätzen
erleichtert und die Kosten von Hypotheken für Eigenheime, Ratenzahlungen für die Anschaffung eines
Autos sowie die Zinsen für Kreditkarten für alle Bürger
gesenkt. Unser Haushalt wäre heute im Plus, wenn
wir nicht die Zinsen für die Defizite zahlen müßten, die
in den 12 Jahren vor 1993 erwirtschaftet wurden. Jetzt
ist es an der Zeit, die Arbeit abzuschließen. Obwohl
noch Differenzen bestehen, sind die nach zähen
Haushaltsverhandlungen vorgeschlagenen, in beiden
Plänen enthaltenen Einsparungen mehr als genug, um
den Haushalt unter Zuhilfenahme der Zahlen des
Haushaltsbüros des Kongresses in sieben Jahren
auszugleichen und bescheidene Steuersenkungen
vorzunehmen.
Und diese Steuersenkungen beschneiden nicht unsere Verpflichtungen gegenüber
unseren Eltern, unseren Kindern und unserer Zukunft,
indem sie Medicare, Medicaid, das Bildungswesen
oder die Umwelt gefährden.
Wir wollen weiter über unsere Meinungsverschiedenheiten reden. Ich bitte Sie jedoch, zumindest diese
Einsparungen gesetzlich zu verankern, damit wir dem
amerikanischen Volk einen ausgeglichenen Haushalt,

Seite 2

Steuersenkungen, niedrigere Zinssätze und eine
vielversprechendere Zukunft bieten können.
Ich bin überzeugt, daß wir den Haushalt ausgleichen
werden und die permanenten Defizite zum Vermächtnis von gestern machen.
Es ist jetzt an der Zeit, sich den Herausforderungen
von heute und morgen zu stellen. Amerika wurde auf
Herausforderungen gegründet, nicht auf Versprechungen. Herausforderungen, die wir von der Stunde
unserer Geburt bis heute bewältigt haben. Wenn wir
zusammenarbeiten, versagen wir nie. Das ist der
Schlüssel zu einer perfekteren Union: Die Träume
jedes einzelnen müssen durch unsere gemeinsamen
Bestrebungen verwirklicht werden.
Heute abend möchte ich über die Herausforderungen
sprechen, denen wir uns als Volk gegenübersehen.
Unsere erste Herausforderung ist die Erziehung
unserer Kinder und die Stärkung der amerikanischen
Familie.
Die Familie ist die Grundlage des amerikanischen
Lebens. Wenn wir stärkere Familien haben, werden
wir eine stärkere Nation.
Starke Familien beginnen mit der Übernahme größerer
Verantwortung für unsere Kinder. Eltern haben es
heute nicht leicht, aber es ist noch schwieriger, ein
Kind zu sein. Wir alle - unsere Unternehmen, unsere
Eltern, unsere Medien, unsere Schulen, unsere Lehrer,
unsere Gemeinden und Regierungen - tragen die
Verantwortung, daß unsere Kinder es zu etwas
bringen.
An die Medien gewandt sage ich: Ihr solltet Filme, CDs
und Fernsehprogramme machen, an denen Eure
Kinder und Enkelkinder Freude hätten. Ich fordere den
Kongreß auf, eine Bestimmung zu erlassen, daß in
Fernsehgeräte ein Kontrollmechanismus - ein "V-Chip"
- eingebaut wird, damit die Eltern bestimmte Programme ausblenden können, die ihres Erachtens ungeeignet für ihre jüngeren Kinder sind. Wenn die
Eltern kontrollieren, was die Kinder sehen, ist das
keine Zensur. Es bedeutet, den Eltern mehr Verantwortung für ihre Kinder zukommen zu lassen. Und ich
fordere sie dringend auf, sie zu übernehmen. Die
Vorschrift des "V-Chip" ist Bestandteil des jetzt vorliegenden Telekommunikationsgesetzes. Es wird von
beiden Parteien unterstützt, und ich fordere Sie zu
seiner unverzüglichen Verabschiedung auf.
Damit der "V-Chip" funktioniert, appelliere ich an die
Fernsehindustrie, das zu tun, was die Filmindustrie
getan hat - eine inhaltliche Bewertung der Programme
vorzunehmen, um den Eltern behilflich zu sein, ihre
Kinder zu schützen.

AMERIKA DIENST 02

�Ich lade die Direktoren führender Medienanstalten und
der Unterhaltungsindustrie im nächsten Monat ins
Weiße Haus ein, um mit uns konkrete Wege zu
erarbeiten, wie das Fernsehangebot für unsere Kinder
verbessert werden kann. Ich bin zur Zusammenarbeit
mit Ihnen bereit.
An die Hersteller und Vermarkter von Zigaretten
gewandt sage ich: Jedes Jahr fangen eine Million
Kinder an zu rauchen. 300.000 haben infolgedessen
ein verkürztes Leben. Meine Administration hat
Schritte zur Eindämmung der massiven Marketingkampagnen unternommen, die unseren Kindern gefallen.
Wir sagen: Vermarktet Eure Produkte an Erwachsene,
wenn Ihr wollt - aber haltet sie von unseren Kindern
fern.
An die Sozialhilfeempfänger gewandt sage ich: Zu
lange hat unser Sozialhilfesystem die Werte unserer
Familie und unsere Arbeit untergraben, statt sie zu
unterstützen. Der Kongreß und ich nähern uns einer
Einigung zu einer tiefgreifenden Sozialreform. Wir
stimmen im Hinblick auf die Dauer der Leistungen,
strenge Arbeitsanforderungen und die durchgreifendsten Bestimmungen zu Unterhaltszahlungen für Kinder
überein. Aber wir müssen auch Kindertagesstätten
einrichten, damit die Mütter ohne Sorge um ihre Kinder
zur Arbeit gehen können. Ich fordere den Kongreß
daher auf: Unterbreitet mir eine überparteiliche
Sozialreform, dank der die Menschen wirklich von der
Sozialhilfe weg an einen Arbeitsplatz kommen und die
unseren Kindern gerecht wird, und ich unterzeichne
sie.
Aber die Verabschiedung eines Gesetzes ist nur der
erste Schritt. Der nächste besteht darin, es durchzuführen. Ich fordere die Sozialhilfeempfänger auf,
diese Chance zu Unabhängigkeit bestens zu nutzen.
Und ich fordere die amerikanischen Unternehmen auf,
ihnen diese Chance zu bieten. Wir sind dankbar für
die Arbeit der Kirchen und Gemeinden, die sich um die
Armen kümmern. Mehr als jeder andere wissen sie
um die Schwierigkeit dieser Aufgabe und sind in der
Lage zu helfen. Wir alle sollten ihnen behilflich sein.
Um die Familie zu stärken, müssen wir alles in unserer
Macht Stehende tun, damit die Zahl von TeenagerSchwangerschaften sinkt. Sie ist immer noch viel zu
hoch. Ich freue mich, heute abend ankündigen zu
können, daß ein Gruppe prominenter Amerikaner auf
die Herausforderung mit der Gründung einer Organisation reagiert hat, die Bestrebungen an der Basis der
Gemeinden mit einer nationalen Kampagne gegen
Teenager-Schwangerschaften unterstützt. Und ich
fordere jeden Amerikaner auf, sich ihnen anzuschließen.
Ich fordere die amerikanischen Männer und Frauen
auf, sich gegenseitig zu respektieren. Wir müssen uns
von der tödlichen Geißel häuslicher Gewalt befreien.

AMERIKA DIENST 02

Ich fordere die amerikanischen Familien auf, zusammenzubleiben.
Insbesondere fordere ich die Väter auf, ihre Kinder zu
lieben und sich um sie zu kümmern. Wenn Ihre
Familie getrennt ist, müssen Sie Unterhalt für Ihre
Kinder zahlen. Wir tun mehr als je zuvor um sicherzustellen, daß Sie es tun, und wir werden noch mehr
unternehmen. Aber wir müssen zugeben: Ein Scheck
kann nie Ersatz für die Liebe und leitende Hand eines
Vaters sein, und nur Sie können die Entscheidung
treffen, zur Erziehung Ihrer Kinder beizutragen unabhängig davon, wer Sie sind, ist es Ihre grundlegendste menschliche Pflicht.
Unsere zweite Herausforderung besteht darin, den
Amerikanern die Bildungschancen zu bieten, die wir
für eine neues Jahrhundert benötigen.
Jedes Klassenzimmer in Amerika muß mit Computern,
guter Software und gut ausgebildeten Lehrern an die
Datenautobahn angeschlossen werden. Wir arbeiten
mit der Telekommunikationsindustrie, Ausbildern und
Eltern zusammen, um bis zum Frühjahr 20% der
Klassenzimmer in Kalifornien sowie jedes Klassenzimmer und jede Bibliothek in Amerika bis zum Jahr
2000 an die Datenautobahn anzuschließen. Ich
fordere den Kongreß zur Unterstützung unserer
Technologieinitiative für das Bildungswesen auf, um
dieser nationalen Partnerschaft zum Erfolg zu verhelfen.
Jedes Diplom sollte Bedeutung haben. Ich fordere
jede Gemeinde, Schule und jeden Bundesstaat zur
Einführung nationaler Leistungsstandards und von
Kontrollmaßnahmen auf, ob die Schulen diese Normen
erfüllen, ich fordere sie zur Abschaffung bürokratischer
Vorschriften auf, damit die Schulen mehr Flexibilität für
Reformen an der Basis haben und dazu, sie zu
Ergebnissen zu verpflichten, indem sie sich unserer
Initiative Goals 2000 anschließen.
Ich fordere alle Bundesstaaten auf, den Eltern das
Recht zur Entscheidung einzuräumen, welche öffentliche Schule ihre Kinder besuchen, und die Lehrer neue
Schulen gründen zu lassen, an denen sie nur bleiben
können, wenn sie gute Arbeit leisten.
Ich fordere alle Schulen auf, den Charakter zu bilden:
mit Werten und Staatsbürgerkunde. Und wenn das
bedeutet, daß Teenager aufhören, sich gegenseitig
wegen der Jacke einer bestimmten Gang umzubringen, dann sollten öffentliche Schulen Schuluniformen
einführen können.
Ich fordere die Eltern auf, die ersten Lehrer ihrer
Kinder zu sein. Schalten Sie den Fernseher ab.
Achten Sie darauf, daß die Hausaufgaben gemacht
werden. Nehmen Sie an Elternversammlungen teil.

Seite 3

�Weiterführende Bildung ist heute wichtiger als je zuvor.
Wir haben ein neues Kreditprogramm für Studenten
eingeführt, das die Aufnahme und Rückzahlung von
Krediten erleichtert und die Rate nicht zurückgezahlter
Kredite drastisch gesenkt hat. Dank Americorps,
unserem nationalen Sozialdienst, werden in diesem
Jahr 25.000 Studenten das Geld für den Collegebesuch durch den Dienst an der Gemeinde verdienen.
Diese Initiativen sind richtig für Amerika, und wir sollten
sie erhalten.
Wir sollten die Türen der Colleges noch weiter öffnen.
Ich fordere den Kongreß auf, weitere Arbeitsstudien
durchzuführen und einer Million jungen Amerikanern
behilflich zu sein, bis zum Jahr 2000 das Geld für den
Collegebesuch zu verdienen, ein Stipendium in Höhe
von 1.000 Dollar für die besten fünf Prozent der
Absolventen aller High Schools anzubieten, die Pell
Grant-Stipendien für ausgezeichnete Studenten zu
erweitern und erneut bis zu 10.000 Dollar pro Jahr an
Collegegebühren steuerlich absetzbar zu machen.
Unsere dritte Herausforderung besteht darin, allen
Amerikanern bei der Erlangung wirtschaftlicher
Sicherheit behilflich zu sein.
Hart arbeitende Menschen benötigen immer noch
Unterstützung, um in der neuen Volkswirtschaft
voranzukommen: Lebenslange Bildung und Ausbildung, mehr Förderung von Familien bei der Erziehung ihrer Kinder, Rentensicherheit und Zugang zu
Krankenversicherung.
Immer mehr Amerikaner stellen fest, daß die Ausbildung, die sie als Kinder erhalten haben, nicht ein
Leben lang ausreicht. Ich fordere den Kongreß zur
Konsolidierung von 70 sich überschneidenden Ausbildungsprogrammen zu einem einfachen Voucher im
Wert von 2.600 Dollar für arbeitslose oder nicht ihrer
Ausbildung entsprechend beschäftigte Arbeitnehmer
auf, den sie für die Gebühren eines Gemeindecollege
oder eine andere Ausbildung verwenden können.
Verabschieden sie dieses Gl-Gesetz für die Arbeitnehmer Amerikas.
Immer mehr Amerikaner arbeiten hart ohne eine
Gehaltserhöhung. Der Kongreß setzt den Mindestlohn
fest. In einem Jahr wird der Mindestlohn auf den
niedrigsten Stand seit vierzig Jahren fallen. Von 4,25
Dollar pro Stunde kann man nicht leben. Aber Millionen von Amerikanern und ihre Kinder versuchen,
damit auszukommen. Ich fordere Sie zur Erhöhung
des Mindestlohns auf.
Im Jahr 1993 hat der Kongreß die Steuern für 15
Millionen einkommensschwache Arbeitnehmerfamilien
gesenkt um sicherzustellen, daß kein vollbeschäftigter
Elternteil seine Kinder in Armut großziehen muß.
Dieser erweiterte Einkommenssteuerfreibetrag beläuft
sich jetzt auf rund 1.800 Dollar pro Jahr für eine

Seite 4

vierköpfige Familie mit einem Einkommen von 20.000
Dollar. Die Gesetzesvorlage, gegen die ich mein Veto
eingelegt habe, hätte diese Leistungen abgeschafft
und die Steuern für nahezu acht Millionen Menschen
dieser Einkommensgruppe erhöht. Das dürfen wir
nicht zulassen.
Wir benötigen einen Steuerfreibetrag für Arbeitnehmerfamilien mit Kindern. Darüber sind wir uns fast alle
einig. Und dies sollte Bestandteil einer endgültigen
Einigung zum Haushalt sein.
Ich fordere jedes Unternehmen, das es sich irgendwie
leisten kann, zur Einrichtung von Rentenzahlungen für
seine Beschäftigten und den Kongreß zur Verabschiedung eines von der Konferenz des Weißen Hauses
über mittelständische Unternehmen
empfohlenen
Vorschlags auf, der mittelständischen Betrieben und
Firmen die Einführung von Pensionsplänen erleichtem
würde. Das ist etwas, auf das sich Republikaner und
Demokraten einigen können.
Wir sollten auch die bestehenden Pensionspläne
sichern. Mit überparteilicher Unterstützung haben wir
vor zwei Jahren die Renten von acht Millionen Arbeitnehmern gesichert und die Renten für weitere 32
Millionen stabilisiert. Der Kongreß sollte nicht zulassen, daß Firmen die Pensionsfonds ihrer Beschäftigten
gefährden. Ich habe im vergangenen Jahr mein Veto
gegen einen solchen Vorschlag eingelegt und würde
dies wieder tun.
Wenn Arbeitnehmerfamilien in der neuen Volkswirtschaft Erfolg haben sollen, müssen sie Krankenversicherungspolicen erwerben können, die sie nicht
verlieren, wenn sie den Arbeitsplatz wechseln oder ein
Familienmitglied krank wird. In den letzten beiden
Jahren verloren über eine Million amerikanische
Arbeitnehmerfamilien ihre Krankenversicherung. Wir
müssen mehr unternehmen, damit jeder Amerikaner
eine Krankenversicherung bekommen kann. Und der
Kongreß sollte den Anfang mit der Verabschiedung
des von den Senatoren Kassebaum und Kennedy
vorgelegten überparteilichen Gesetzentwurfs machen,
der von Versicherungsgesellschaften fordert, Versicherungsnehmer nicht länger aufgrund eines Arbeitsplatzwechsels auszuschließen oder ihnen den Versicherungsschutz aufgrund bereits vorhandener Krankheitssymptome zu verweigern.
Wir müssen auch die durch Medicare und Medicaid
gebotene Grundversorgung erhalten, nicht nur für die
Armen, sondern auch für Arbeitnehmerfamilien
einschließlich ihrer Kinder, für Behinderte, AIDSKranke und ältere Mitbürger in Pflegeheimen. In den
vergangenen drei Jahren haben wir allein durch die
Bekämpfung von Krankenversicherungsbetrug und
-mißbrauch 15 Milliarden Dollar eingespart. Wir
können noch mehr sparen. Aber wir dürfen uns nicht
unserer grundlegenden Verantwortung gegenüber den

AMERIKA DIENST 02

�Menschen entziehen, die auf Medicare und Medicaid
angewiesen sind. Amerika kann nicht stärker werden,
wenn sie schwächer werden.
Das Gl-Gesetz für Arbeitnehmer, Steuererleichterungen für Ausbildung und Kindererziehung, Verfügbarkeit
und Sicherung von Renten, Zugang zu Gesundheitsfürsorge, der Erhalt von Medicare und Medicaid, diese
Dinge - sowie das 1993 erlassene Gesetz über Urlaub
aus familiären und gesundheitlichen Gründen - werden
verantwortungsbewußten, hart arbeitenden amerikanischen Familien helfen, das meiste aus ihrem Leben
zu machen.
Aber Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen das Ihrige
tun, wie es in so vielen unserer besten Unternehmen
geschieht - indem sie zusammenarbeiten und langfristigen Wohlstand über kurzzeitige Profite stellen.
Während die Arbeitnehmer ihre Arbeitszeiten und
Produktivität erhöhen, sollten die Arbeitgeber sicherstellen, daß sie die erforderlichen Fertigkeiten erwerben können, und sie sollten die Gewinne der guten
Jahre sowie die Lasten der schlechten teilen. Wenn
Unternehmen und Arbeitnehmer als Team zusammenarbeiten, geht es ihnen besser - und Amerika ebenfalls.
Unsere vierte große Herausforderung besteht darin,
unsere Straßen von Verbrechen, Gangs und Drogen
zu befreien.
Wir haben endlich einen Weg zur Verringerung von
Verbrechen gefunden - durch Bildung von Gemeindepartnerschaften mit Polizeikräften vor Ort zur Festnahme von Verbrechern und Verhütung von Verbrechen. Diese als bürgernahe Polizei bezeichnete
Strategie funktioniert bereits. In ganz Amerika nehmen
schwere Verbrechen ab.
In New York ist die Mordrate um 25% gesunken, in St.
Louis um 18%, in Seattle um 32%. Wir haben jedoch
noch einen langen Weg vor uns, bis unsere Straßen
sicher und unsere Menschen frei von Angst sind.
Das Gesetz zur Verbrechensbekämpfung von 1994 ist
für den Erfolg der bürgernahen Polizei von entscheidender Bedeutung. Es stellt die Mittel für die Einstellung von 100.000 neuen Polizisten in Gemeinden
jeder Größenordnung zur Verfügung. Wir haben in
diesem Bereich bereits ein Drittel des Weges hinter
uns gelegt. Ich fordere den Kongreß dazu auf, diese
Arbeit zu beenden. Wir wollen uns an eine funktionierende Strategie halten und die Verbrechensrate weiter
senken.
Eine bürgernahe Polizei erfordert ein Vertrauensverhältnis zwischen unseren Bürgern und unserer
Polizei. Ich rufe alle Amerikaner dazu auf, unsere
Polizei zu respektieren und zu unterstützen. Und ich
sage an unsere Polizisten gerichtet: Unsere Kinder

AMERIKA DIENST 02

brauchen Euch als Vorbilder und Helden. Enttäuscht
sie nicht.
Durch das Brady-Gesetz wurden bereits 44.000
Menschen mit einem Vorstrafenregister am Kauf von
Waffen gehindert. Das Verbot von halbautomatischen
Waffen führt dazu, daß gewalttätige Gangs nicht in den
Besitz von 19 verschiedenen Arten halbautomatischer
Waffen gelangen können. Ich fordere den Kongreß
auf, diese Gesetze beizubehalten.
Unser nächster Schritt bei der Verbrechensbekämpfung besteht darin, so gegen die Gangs vorzugehen,
wie wir mit dem Pöbel umgingen. Ich habe das FBI
und andere Ermittlungsbehörden angewiesen, sich mit
Gangs zu befassen, die Jugendliche zu Gewaltverbrechen anstiften und die Befugnis zu erwirken,
Teenager, die wie Erwachsene morden und verstümmeln, strafrechtlich auch wie Erwachsene zu
verfolgen.
Und ich sage den Wohnungsbehörden und Mietervereinen: Die Mitglieder krimineller Gangs und Drogenhändler zerstören das Leben anständiger Mieter. Von
jetzt an sollte für Mieter, die Verbrechen begehen und
mit Drogen handeln, gelten: Ein Vergehen und Ihr fliegt
raus.
Ich fordere jeden Bundesstaat auf, sich der Politik der
Bundesregierung anzupassen und sicherzustellen,
daß schwerer Verbrechen Schuldige mindestens 85
Prozent ihrer Strafe abbüßen.
Mehr Polizei und mehr Bestrafung sind wichtig, aber
nicht genug. Wir müssen mehr junge Leute aus
Schwierigkeiten heraushalten - mit Präventionsstrategien, die nicht von Washington diktiert, sondern
innerhalb der Gemeinden entwickelt werden. Houston
hat seit 19 Jahren die wenigsten Morde zu verzeichnen, und die Jugendlichen begehen weniger Verbrechen, weil es dort mehr bürgernahe Polizisten gibt
und Tausende junger Menschen sich in Sportvereinen
und anderen Projekten engagieren, wo ihnen Werte
beigebracht werden, sie Vorbilder haben und Teamarbeit erlernen. Ich fordere alle Gemeinden und
Erwachsenen auf, diesen Kindern eine Zukunft zu
bieten, zu der sie Ja sagen können. Und ich fordere
den Kongreß auf, die Unterstützung dieser Bestrebungen im Rahmen des Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung nicht aufzugeben.
Zur Verringerung von Verbrechen und Gewalt müssen
wir schließlich auch das Drogenproblem lösen. Die
Herausforderung beginnt zu Hause - damit, daß Eltern
offen und entschlossen mit ihren Kindern reden. Sie
bezieht auch unsere Kirchen, Jugendgruppen und
Schulen ein. Ich fordere den Kongreß auf, unsere
Unterstützung für drogenfreie Schulen nicht zu kürzen.
In ganz Amerika verändern Bestrebungen zur Drogenbekämpfung in unseren Schulen das Leben unserer

Seite 5

�Kinder. Drogenbeauftragte machen so großen Eindruck auf Grundschüler, daß sie die Kraft finden, zum
richtigen Zeitpunkt Nein zu sagen.
In der Zwischenzeit setzen wir unsere Bestrebungen
fort, den Fluß von Drogen in unser Land zu verringern.
Heute abend ernenne ich einen Helden des Golfkrieges und Oberbefehlshaber des Militärkommandos
Süd der Vereinigten Staaten, General Barry McCaffrey,
zum führenden Kämpfer Amerikas gegen den Drogenhandel. Er führte unser Militär geschickt bei seinen
einzigartigen Bestrebungen zur Eindämmung des
Drogenhandels.
General McCaffrey wurden bei seinem Kampf für
Amerika drei Verwundetenabzeichen Purple Heart und
zwei Silver Stars verliehen. Heute bitte ich ihn darum,
den Kampf unserer Nation gegen Drogen im In- und
Ausland anzuführen. Hierzu benötigt er eine größere
Truppe, als er je befehligt hat. Er braucht uns alle. Wir
alle haben in seinem Team eine Rolle zu spielen. Ich
danke Ihnen, General McCaffrey, daß Sie Ihre Zustimmung gegeben haben, Ihrem Land nochmals zu
dienen.
Unsere fünfte Herausforderung besteht darin, der
nächsten Generation eine sichere und saubere
Umwelt zu hinterlassen.
Aufgrund überparteilicher Bestrebungen einer Generation sind unser Wasser und unsere Luft sauberer
geworden. Der Bleigehalt im Blut von Kindern ist um
70 Prozent, die toxischen Emissionen von Fabriken
sind um die Hälfte gesunken. Der Eriesee war tot.
Jetzt ist er eine gedeihende Ressource.
Aber 10 Millionen Kinder unter 12 Jahren leben immer
noch weniger als 6 Kilometer von Giftmülldeponien
entfernt. Ein Drittel von uns atmet Luft ein, die unsere
Gesundheit schädigt. Und allzu viele Gemeinden
haben kein sauberes Trinkwasser. Wir haben noch
viel Arbeit vor uns.
Trotzdem hat der Kongreß beschlossen, die Mittel für
den Umweltschutz um 25 % zu kürzen. Das bedeutet
mehr toxische Chemikalien in unserem Wasser, mehr
Smog in unserer Luft, mehr Pestizide in unserer
Nahrung. Die Lobbyisten der Umweltverschmutzer
dürfen Gesetzeslücken schaffen, die Gesetze zum
Schutz von Gesundheit und Sicherheit unserer Kinder
schwächen. Einige Kongreßmitglieder wollen jedoch,
daß der Steuerzahler die Rechnung für den Giftmüll
bezahlt und die Verursacher davon befreit werden.
Ich fordere den Kongreß auf, die Prioritäten anders zu
setzen. Wir brauchen das Verursacherprinzip. Wir
können die Wirtschaft ankurbeln, ohne der Umwelt zu
schaden. Tatsache ist, daß wir langfristig mehr
Arbeitsplätze schaffen können, wenn wir die Umwelt
sanieren.

Seite 6

Wir müssen Unternehmen und Gemeinden dazu
auffordern, mehr Initiative zu ergreifen, und ihnen das
auch erleichtern. Den Unternehmen sagen wir: Wenn
Ihr einen kostengünstigeren und effizienteren Weg als
staatliche Vorschriften findet, strenge Umweltschutznormen einzuhalten, dann tut es - solange Ihr es richtig
macht.
Wir stärken die Gesetze über das Recht der Gemeinden auf Informationen der Verursacher über ihre
Emissionen und fordern Bürgergruppen dazu auf,
diese Informationen für die Zusammenarbeit mit
Unternehmen zur Verringerung der Verschmutzung zu
nutzen. Die Menschen haben ein Recht darauf zu
wissen, daß ihre Luft und ihr Wasser sauber sind.
Unsere sechste Herausforderung besteht in der
Wahrung der Führungsrolle Amerikas im Kampf für
Freiheit und Frieden.
Aufgrund der Führungsrolle der Vereinigten Staaten
leben mehr Menschen als je zuvor in Freiheit und
Frieden, und die Amerikaner genießen bereits seit 50
Jahren Wohlstand und Sicherheit.
Dank hierfür
schulden wir insbesondere unseren Veteranen sowie
den Menschen an der Heimatfront der Freiheit, die das
Feuer am Brennen hielten.
Menschen auf der ganzen Welt blicken auf uns. Sie
vertrauen darauf, daß wir ihnen helfen, die Segnungen
von Frieden und Freiheit anzustreben.
Während der Kalte Krieg in den Hintergrund rückt,
rufen die Stimmen der Isolationisten, Amerika solle
sich von seiner Verantwortung zurückziehen. Das ist
meiner Meinung nach falsch. Die uns Amerikaner
konfrontierenden Bedrohungen kennen keine nationalen Grenzen - Terrorismus, die Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, ethnisch und religiös bedingter Haß, Aggression verbrecherischer Staaten,
Umweltzerstörung. Wenn wir diese Bedrohungen nicht
heute angehen, werden wir morgen unter den Konsequenzen dieses Versäumnisses leiden.
Wir können nicht überall sein. Wie können nicht alles
tun. Aber wo unsere Interessen und unsere Werte auf
dem Spiel stehen - und wo wir etwas bewirken können
- muß Amerika eine Führungsrolle übernehmen. Wir
dürfen weder Isolationisten noch sollten wir der
Weltpolizist sein. Aber wir können der weltweit beste
Friedensstifter sein: Indem wir unser Militär stark
halten, wenn möglich Diplomatie und wenn nötig
Gewalt einsetzen, indem wir die Risiken und Kosten
unseres Einsatzes mit anderen teilen, bewirken wir
etwas für die Menschen hier und auf der ganzen Welt.
Erstmals seit Beginn des Atomzeitalters sind keine
russischen Raketen mehr auf amerikanische Kinder
gerichtet. Nordkorea hat sein gefährliches Nuklearwaf-

AMERIKA DIENST 02

�fenprogramm eingefroren. In Haiti gibt es keine
Diktatoren mehr, die Demokratie hat eine neue
Chance, und es kommen keine Ströme verzweifelter
Flüchtlinge mehr an unseren Küsten an.
Durch insgesamt mehr als 80 strengere Handelsvereinbarungen hat Amerika Märkte im Ausland erschlossen. Unsere Exporte sind auf dem Höchststand,
wachsen schneller als die Importe und schaffen
amerikanische Arbeitsplätze.
Wir standen an der Seite derjenigen, die um des
Friedens willen Risiken eingingen - in Nordirland, wo
katholische und protestantische Kinder ihren Eltern
jetzt sagen, daß es nie wieder Gewalt geben darf, und
im Nahen Osten, wo Araber und Juden, die einst zum
ständigen Kampf gegeneinander verurteilt zu sein
schienen, jetzt Wissen, Ressourcen und Träume
miteinander teilen.
Und wir traten für den Frieden in Bosnien ein. Erinnern
Sie sich an die zum Skelett abgemagerten Gefangenen, junge Männer in Massengräbern, Feldzüge von
Vergewaltigung und Folter, endlose Schlangen von
Flüchtlingen, die Gefahr einer Ausweitung des Krieges
- all dies ist jetzt der Hoffnung auf den Frieden gewichen. Jetzt tragen unsere Soldaten und eine starke
NATO in Zusammenarbeit mit ihren neuen Partnern in
Zentraleuropa und andernorts dazu bei, daß dieser
Frieden Fuß fassen kann.
Durch diese Bestrebungen haben wir die Sicherheit
des amerikanischen Volkes erhöht. Aber bedeutende
Herausforderungen bleiben bestehen. Der START IIVertrag mit Rußland wird unser Nukleararsenal um
weitere 25% verringern, und ich fordere den Senat auf,
dem Vertrag - jetzt - zuzustimmen. Wir müssen den
Wettlauf um den Bau neuer Atomwaffen beenden,
indem wir noch in diesem Jahr einen wirklich umfassenden Vertrag über das Verbot von Atomtests
unterzeichnen. Wir können Giftgas für immer ächten,
wenn der Senat - noch in diesem Jahr - die Chemiewaffenkonvention annimmt. Wir können den Kampf
gegen Terroristen und das organisierte Verbrechen im
In- und Ausland intensivieren, wenn der Kongreß jetzt - die von mir nach dem Bombenanschlag in
Oklahoma City unterbreiteten Gesetze zur Terrorismusbekämpfung verabschiedet. Wir können mehr
Menschen helfen, von Haß zur Hoffnung überzugehen
- wenn der Kongreß uns die Mittel gibt, führend für den
Frieden einzutreten.
Die von mir hier erörterten sechs Herausforderungen
bestehen für alle Amerikaner. Aber unsere siebte
Herausforderung richtet sich an die heute abend hier
Versammelten.
Wenn wir in Washington unserer Pflicht nachkommen
wollen, dem amerikanischen Volk bei der Bewältigung
dieser Herausforderungen zu helfen, benötigen wir

AMERIKA DIENST 02

eine andere Art von Regierung. Sie muß schlanker
und weniger bürokratisch sein. Sie muß sich stärker
auf Ergebnisse als auf Vorschriften konzentrieren. Sie
muß partnerschaftlicher mit den Regierungen der
Bundesstaaten und Gemeinden, mit Bürgergruppen
und dem Privatsektor zusammenarbeiten. Und sie
muß sich den Respekt und das Vertrauen des amerikanischen Volkes verdienen.
Im vergangenen Jahr wandte dieser Kongreß auf sich
selbst die Gesetze an, die für alle anderen gelten. Er
verbot die Entgegennahme von Geschenken und
Essenseinladungen von Lobbyisten und zwang diese
offenzulegen, wer für sie zahlt und welche Gesetze sie
verabschieden oder zu Fall bringen wollen. Ich
begrüße das.
Jetzt fordere ich den Kongreß auf, weiterzugehen:
Den Einfluß bestimmter Interessengruppen in der
Politik einzudämmen, indem er das erste wahrhaft
parteiübergreifende Gesetz zur Reform der Wahlkampffinanzierung seit einer Generation verabschiedet. Zeigen Sie dem amerikanischen Volk, daß wir die
Ausgaben begrenzen und allen Kandidaten Zugang
zum Äther verschaffen können.
Und ich rufe den Kongreß dazu auf, mir wie versprochen das selektive Vetorecht zu gewähren.
Darüber hinaus bilden wir eine Regierung, die besser
funktioniert und weniger Kosten verursacht. Dank der
Arbeit von Vizepräsident Gore schaffen wir 16.000
Seiten unnötiger Regeln und Vorschriften ab und
verlagern die Entscheidungsgewalt von Washington
stärker in die Bundesstaaten und Gemeinden.
Während wir uns auf ein Zeitalter mit einem ausgeglichenen Haushalt und einer schlankeren Regierung
zubewegen, müssen wir die Menschen auf neue Art
und Weise in die Lage versetzen, das Beste aus ihrem
Leben zu machen. Wir unterstützen die amerikanischen Gemeinden - nicht mit Bürokratie, sondern mit
Chancen -durch unsere erfolgreichen Ermächtigungszonen und Gemeindeentwicklungsbanken, die den
Menschen in städtischen und ländlichen Gebieten
helfen, Arbeit zu finden und Unternehmen zu gründen.
Und wir tun das durch steuerliche Anreize für Unternehmen, die vernachlässigte Industrieanlagen sanieren und dort Arbeitsplätze schaffen, wo sie dringend
benötigt werden.
Es gibt jedoch einige Gebiete, auf denen die Bundesregierung direkt und entschieden handeln muß. Eines
davon ist das Problem illegaler Einwanderung. Nach
jahrelanger Vernachlässigung hat diese Administration
entschlossen Position bezogen, um den Schutz
unserer Grenzen zu verbessern. Wir erhöhen unsere
Grenzpatrouillen um 50 %; wir verstärken die Kontrollen am Arbeitsplatz zum Aufspüren illegaler Einwanderer. Heute gebe ich bekannt, daß ich einen

Seite 7

�Präsidialerlaß unterzeichnen werde, der die Vergabe
staatlicher Beschaffungsaufträge an Unternehmen
verbietet, die illegale Einwanderer beschäftigen. Um
Mißverständnissen vorzubeugen: Wir sind immer noch
eine Nation von Einwandereren, und wir achten alle
Einwanderer, die hart arbeiten, um sich einbürgern zu
lassen. Aber wir sind auch eine Nation mit Gesetzen.
Ich möchte mich auch speziell an diejenigen wenden,
die für die Bundesregierung arbeiten. Heute gibt es
200.000 weniger Regierungsangestellte als am Tag
meiner Amtsübernahme. Die Bundesregierung hat
weniger Mitarbeiter als in den 30 Jahren zuvor und
speckt jeden Tag weiter ab. Die meisten von Ihnen
wußten das wahrscheinlich nicht, und dafür gibt es
einen guten Grund.
Die verbleibenden Angestellten sind Amerikaner, die
härter und patenter arbeiten um zu gewährleisten, daß
die Qualität unserer Dienstleistungen nicht abnimmt.
Beispielsweise Richard Dean. Er arbeitet seit 22
Jahren für die Sozialversicherung. Vergangenes Jahr
leistete er harte Arbeit im Bundesgebäude von Oklahoma City, als durch einen Terroranschlag 169 Menschen getötet wurden und alles um ihn herum einstürzte. Er ging viermal in das Gebäude und rettete
drei Frauen das Leben. Er ist heute abend bei uns.
Ich möchte Richard würdigen und sowohl seinen
Dienst für die Öffentlichkeit als auch seinen außerordentlichen Heldenmut hervorheben.
Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Im
November wurde er im Zuge der Schließung unserer
Bundesbehörden in den Zwangsurlaub geschickt. Bei
der zweiten Schließung setzte er seine Arbeit für
Sozialhilfeempfänger fort, ohne dafür bezahlt zu
werden. Im Namen von Richard und seiner Familie
fordere ich Sie alle in dieser Kammer auf, nie - nie wieder Behörden der Bundesregierung zu schließen.
Im Namen aller Amerikaner fordere ich den Kongreß
auf, den vollständigen Glauben an die Vereinigten
Staaten und das Vertrauen in sie zu bewahren, unsere
Verpflichtungen zu erfüllen, wie wir es seit 220 Jahren
getan haben, sich über Parteizugehörigkeit hinwegzusetzen und direkt eine Erhöhung der Schuldengrenze zu bewirken.
Ich habe heute abend eine Menge von Amerika
gefordert. Aber ich bin zuversichtlich. Wenn die
Amerikaner zu Hause, in der Schule, in der Kirche, in
Bürgergruppen oder am Arbeitsplatz zusammenarbeiten, können sie jede Herausforderung bewältigen.
Ich sage es noch einmal: Das Zeitalter des "Big
Government" ist vorbei. Aber wir können nicht zu der
Zeit zurückkehren, als unsere Bürger sich selbst
überlassen waren. Wir müssen vorwärts gehen - ins
Zeitalter der Zusammenarbeit - als Gemeinde, als
Team, als ein Amerika - um unsere Probleme zu
lösen.

Seite 8

Und das alles wird nicht funktionieren, wenn nicht Sie alle Menschen in Amerika - sich über Trennlinien
hinwegsetzen und versuchen, Gemeinsamkeiten zu
finden. Wir müssen ein Klima der Spaltung, der
Diskriminierung und des Hasses ablehnen. Wir
müssen zusammenarbeiten.
Ich möchte Ihnen heute zwei Menschen vorstellen, die
das tun: Dr. Lucius Wright ist Lehrer an einer öffentlichen Schule in Jackson (Mississippi). Der VietnamVeteran bildete Teams, die Kindern aus den Innenstädten helfen, Gangs den Rücken zu kehren und eine
Zukunft zu gestalten, an die sie glauben können. Und
Wachtmeisterin Jennifer Rogers ist Polizistin in
Oklahoma City. Ebenso wie Richard Dean half sie,
ihre Mitbürger aus den Trümmern zu befreien und mit
dieser entsetzlichen Tragödie umzugehen.
Sie
erinnert uns daran, daß die Bürger von Oklahoma City
mit ihrer Reaktion auf jene Greueltat uns allen durch
ihren Sinn für Werte und Gemeinschaft ein Beispiel
gaben.
Lucius Wright und Jennifer Rogers sind ganz besondere Amerikaner. Ich habe heute die Ehre bekanntzugeben, daß sie die ersten von mehreren
tausend Amerikanern sind, die ausgewählt werden,
diesen Sommer das olympische Feuer auf seiner
langen Reise von Los Angeles zum hundertjährigen
Jubiläum der modernen Olympischen Spiele in Atlanta
zu tragen - nicht weil sie herausragende Athleten,
sondern weil sie herausragende Bürger sind - Helden
der Gemeinden, die die Herausforderungen Amerikas
bewältigen - Amerikas wirkliche Champions.
Jeder von uns muß in seinem eigenen Leben die
Fackel der Staatsbürgerschaft hochhalten. Aber
keiner von uns kann das Rennen alleine beenden. Wir
können unser Schicksal nur zusammen meistern eine Hand, eine Generation, ein Amerikaner verbunden mit dem nächsten.
Es gab schon immer Dinge, die wir gemeinsam tun
konnten - Träume, die wir wahr werden ließen, was wir
als einzelner nie bewirkt hätten. Wir Amerikaner
haben unsere Identität geschaffen, unsere Union, aus
jedem Blickwinkel und jedem Ort dieses Planeten.
Verbunden durch einen Glauben, der mächtiger ist als
alle uns trennenden Doktrinen - unseren Glauben an
Fortschritt, unsere Freiheitsliebe und unsere unablässige Suche nach Gemeinsamkeiten - hat Amerika
immer Herausforderungen gesucht und bewältigt.
Wer würde behaupten, daß wir jetzt, nachdem wir
gemeinsam so weit gekommen sind, nicht gemeinsam
weitergehen können? Wer würde behaupten, daß der
Augenblick unseres größten Potentials nicht allen
Amerikanern gehört?

AMERIKA DIENST 02

�Amerika war und ist ein großartiges und gutes Land.
Aber das Beste liegt noch vor uns - wenn wir alle das
Unsrige tun.

Ich danke Ihnen. Gott segne Sie, und Gott segne die
Vereinigten Staaten von Amerika.

* * * * *

AMERIKA DIENST 02

Seite 9

�HAUSHALT
24.Januar 1996

Ausgeglichener Haushalt liegt in Reichweite
Erklärung des Präsidenten

(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Präsidenten bei der Pressekonferenz am 11. Januar 1996
abgegebene Eingangserklärung im Wortlaut.

Guten Tag. Am heutigen Nachmittag möchte ich Ihnen
und dem amerikanischen Volk von den Fortschritten
berichten, die wir im Hinblick auf einen ausgeglichenen
Haushalt gemacht haben, der unsere Werte widerspiegelt. Zuerst möchte ich jedoch über unsere Aktionen sprechen, den Millionen von Menschen an unserer
Ostküste zu helfen, die von dem Schneesturm betroffen sind.
Ich habe den Direktor des Amts für Katastrophenhilfe
(FEMA), den Verkehrs- und den Verteidigungsminister
gebeten, zusammenzuarbeiten und alle erforderlichen
Schritte einzuleiten. Heute habe ich bekanntgegeben,
daß die Bundesregierung in den Fällen Katastrophenhilfe anbietet, in denen die Regierungen der Bundesstaaten und Kommunen überfordert sind. Insbesondere werden wir Gelder zur Einrichtung von Nothilfewegen in Gemeinden schaffen, nachdem die Bundesstaaten diese Hilfe beantragt haben und das Amt für Katastrophenhilfe ihre Notwendigkeit bestätigt, damit Krankenwagen, Feuerwehr und andere Katastrophenhelfer
ihre Arbeit erledigen können.
Heute habe ich diese Hilfe für Maryland und den District of Columbia zugesagt. Ferner erhielt das Amt für
Katastrophenhilfe ein Hilfeersuchen aus New York,
und wir erwarten in Kürze weitere Hilfsgesuche aus
New Jersey, Pennsylvania, Virginia, North Carolina
und Delaware. Wir werden umgehend auf diese Anfragen reagieren.
Dies sind harte Zeiten für alle Betroffenen. Oft fördern
erst Naturkatastrophen das Beste im Menschen zutage. Während wir uns aus dem Schneesturm von 1996
herausschaufeln, werden die Amerikaner in ihren Gemeinden hoffentlich auch nach ihren Nachbarn sehen,

AMERIKA DIENST 02

die Hilfsbedürftigen unterstützen und zusammenstehen. Wir hier werden alles in unserer Macht Stehende
unternehmen.
Jetzt möchte ich auf den Haushalt eingehen. Nach
wochenlangen öffentlichen und privaten Diskussionen
liegt eine historische Vereinbarung über einen ausgeglichenen Haushalt in Reichweite, wenn wir Parteipolitik beiseite lassen und den Augenblick nutzen. Ich
bin optimistisch, daß wir den Haushalt ausgleichen
können, und ich weiß, daß wir schon zu weit gekommen sind, um diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.
In den 12 Jahren vor meiner Amtszeit stieg unser
Haushaltsdefizit erstmals in der amerikanischen Geschichte zu Friedenszeiten sprunghaft an. Unsere
Administration hat das Defizit bereits fast um die Hälfte
verringert. Aber die erforderlichen Zinszahlungen für
die in den letzten 12 Jahren gemachten Schulden verursachen ein Defizit. Müßten wir nicht die Zinsen für
die in diesen 12 Jahren vor meiner Amtszeit gemachten Schulden zahlen, wäre unser Haushalt heute ausgeglichen.
Wir haben die Bundesregierung bereits um über
200.000 Mitarbeiter reduziert, so daß sie schlanker als
zu jedem anderen Zeitpunkt seit 1965 ist. Gemessen
an der Erwerbsbevölkerung ist die Bundesregierung
die kleinste seit 1933. Wir haben Hunderte von Programmen gestrichen. Wir schaffen 16.000 Seiten mit
Vorschriften und Bestimmungen ab. Aber es ist an der
Zeit, die Arbeit abzuschließen.
Ich möchte eindeutig klarstellen: Wir können den
Haushalt ausgleichen. Wir können es in einer Weise

Seite 1

�tun, die in unser Volk investiert und unsere Werte reflektiert - Chancen für alle, unsere Pflicht gegenüber
unseren Eltern und unseren Kindern zu tun, unsere
Gemeinden, unsere Familien und Amerika zu stärken.
Wie Sie wissen, habe ich einen Plan zum Ausgleich
des Haushalts in sieben Jahren auf der Grundlage
konservativer Schätzungen des Haushaltsbüros des
Kongresses vorgelegt. Ich möchte wiederholen: Mit
diesem Brief, den ich hier bei mir habe, um alle daran
zu erinnern, daß wir ihn geschrieben haben, bestätigen
die Wirtschaftswissenschaftler des Kongresses, was
wir die ganze Zeit gesagt haben. Wir können den
Haushalt ohne übermäßige Kürzungen bei Medicare
und Medicaid ausgleichen ohne bei Bildung und Umweltschutz Einschnitte vornehmen oder die Steuern für
unsere am stärksten betroffenen Arbeitnehmerfamilien
erhöhen zu müssen.
Wie Sie alle wissen, bestehen die Republikaner im
Kongreß auch auf Kürzungen bei Medicare, Medicaid,
Bildung und Umweltschutz, die meines Erachtens weit
über das für den Haushaltsausgleich Notwendige hinausgehen, weit über das, was für die Sicherstellung
der Liquidität dieser Programme erforderlich ist und
weit über das, was wir aus der Sicht des Haushaltsbüros zum Ausgleich des Haushalts tun müssen.
Wir alle wissen auch, daß die Bestrebungen der Republikaner von zwei Gedanken geleitet sind. Es besteht der echte Wunsch nach einem Ausgleich des
Haushalts, den ich teile. Aber es gibt auch diejenigen,
die den ausgeglichenen Haushalt und enorme Steuersenkungen nutzen wollen, um unsere Bundesregierung und unser Land der Fähigkeit zu berauben, unsere Arbeit hier in Washington zu leisten, um den Menschen in unseren Gemeinden bei der Bewältigung der

sie konfrontierenden Herausforderungen behilflich zu
sein. Wir dürfen unsere grundlegende Übereinstimmung zu einem ausgeglichenen Haushalt nicht zum
Faustpfand einer eng gefaßten Tagesordnung machen, die zu verhindern versucht, daß Amerika älteren
Mitbürgern Medicare oder qualitativ hochwertige Unterbringung in einem Pflegeheim, oder Bildungschancen
für junge Menschen oder Umweltschutz für uns alle
bieten kann.
Wir könnten schnell gemeinsames Terrain beim Ausgleich des Haushalts finden und die entsprechenden
bescheidenen Steuersenkungen einführen - wir könnten dies in 15 Minuten tun, nach den Stunden und
Stunden, die wir bereits gemeinsam diskutiert haben.
Was dieses Abkommen bisher verhindert hat, ist das
Beharren der Republikaner auf Kürzungen bei Medicare, Medicaid, im Bildungswesen und beim Umweltschutz, die meines Erachtens überzogen sind. Und
das Bestehen auf drastischen Steuererhöhungen für
die Arbeitnehmerfamilien mit den geringsten Einkommen. Diese Dinge sind für den Ausgleich des Haushalts nicht erforderlich.
Wir haben schon einiges erreicht. Wir haben uns auf
weit über 600 Milliarden Dollar an Einsparungen geeinigt - weit mehr als zum Ausgleich des Haushalts
erforderlich ist. Dies sollte ein Augenblick nationaler
Einheit sein, eine Zeit, Parteipolitik beiseite zu lassen,
ideologische Differenzen zu überwinden und gemeinsames Terrain für das Gemeinwohl zu finden. Einen
ausgeglichenen Haushalt, der das Beste beider Parteien, das Beste unserer Werte widerspiegelt und der
der nächsten Generation ein stärkeres Amerika hinterläßt - er ist in greifbare Nähe gerückt. Wir sollten diese Aufgabe jetzt erledigen, und ich glaube, es wird uns
in naher Zukunft gelingen.

* * * * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 02

�AUSSENPOLITIK
24.Januar 1996

Eine Führungsrolle für das nächste
Amerikanische Jahrhundert
Rede von Außenminister Christopher

CAMBRIDGE (MASSACHUSETTS) - (AD) - Im kommenden Jahr werden sich die Vereinigten Staaten USAußenminister Christopher zufolge besonders auf drei Ziele konzentrieren: "Erstens das Streben nach Frieden
in Regionen von elementarem Interesse für die Vereinigten Staaten, zweitens die Inangriffnahme der neuen
transnationalen Sicherheitsbedrohungen und drittens die Förderung von offenen Märkten und Wohlstand."
In seiner Rede an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University zum Thema "Eine
Führungsrolle für das nächste Amerikanische Jahrhundert", die vom State Department als große außenpolitische
Rede bezeichnet wurde, hob Christopher hervor: "...vor allem müssen wir erkennen, daß die Vereinigten Staaten
über die Vision und Stärke verfügen, die Errungenschaften der vergangenen Jahre zu konsolidieren und eine
noch bessere Welt zu schaffen".
Nachfolgend veröffentlichen wie die Rede von Außenminister Christopher im Wortlaut.

Zunächst möchte ich Joe Nye danken - nicht nur für
seine herzlichen einleitenden Worte, sondern auch
dafür, daß er eine hartnäckig bestehende fälschliche
Annahme über diese herausragende Institution
entkräftet hat. In einigen Kreisen wurde behauptet, die
Kennedy School sei ein Platz für Verschwörer zur
Infiltrierung der Bundesregierung. Joe Nye's Ernennung beweist, daß das Gegenteil zutrifft: Tatsächlich
ist die Bundesregierung ein Ort für Verschwörer zur
Infiltrierung der Kennedy School.
Vor einem Jahr traf ich mit Ihnen zusammen, um die
außenpolitischen Leitlinien dieser Administration sowie
unsere Prioritäten für 1995 darzulegen. Heute bin ich
hier, um eine Einschätzung einer Zeit bemerkenswerter Leistungen der amerikanischen Diplomatie
vorzunehmen und unsere für 1996 gesteckten wichtigsten Ziele zu erläutern.
Das Ende des Kalten Krieges gab uns eine einzigartige Chance zur Gestaltung einer Welt mit mehr
Sicherheit, offenen Gesellschaften und offenen
Märkten - einer Welt, in der sich amerikanische
Interessen und Ideale entwickeln können. Wir sind
aber auch mit ernsthaften Bedrohungen konfrontiert,

AMERIKA DIENST 02

vor denen uns keine Grenze schützen kann - Terrorismus, Weiterverbreitung von Waffen, Verbrechen und
Umweltzerstörung.
Dies ist nicht das Ende der Geschichte, sondern
Geschichte in schneller Bewegung. Vor acht Jahrzehnten, als der erste Balkankrieg dieses Jahrhunderts endete, mußte eine internationale Kommission
rekonstruieren, was geschehen war. Jetzt werden die
Bilder der Gewalt in Sarajevo direkt auf der ganzen
Welt ausgestrahlt. Vor sechs Jahrzehnten dauerte es
mehrere Jahre, bis die Weltwirtschaftskrise zu einer
weltweiten Katastrophe wurde.
Jetzt kann eine
Wirtschaftskrise in Mexiko die Weltwirtschaft in
Sekundenschnelle erschüttern.
In dieser Zeit beschleunigten Wandels muß die
amerikanische Führungsrolle konstant bestehen
bleiben. Wir müssen unsere Interessen klar und
umsichtig verteidigen. Vor allem müssen wir erkennen, daß nur die Vereinigten Staaten über die Vision
und Stärke verfügen, die Errungenschaften der
vergangenen Jahre zu konsolidieren und eine noch
bessere Welt zu schaffen.

Seite 1

�Sechs Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind
einige immer noch der Ansicht, wir könnten den
Problemen der Welt entfliehen, indem wir Amerika mit
Mauern umgeben. Die Beweise der letzten drei Jahre
sollten jedoch die Debatte über Amerikas Rolle in der
Welt beenden. Da Präsident Clinton den Weg des
Rückzugs ablehnte, haben wir Leistungen erbracht,
die den dauerhaften Wert der Führungsrolle und des
Engagements der Vereinigten Staaten unter Beweis
stellen.
Der Präsident hat die Vereinigten Staaten mit Hilfe von
Internationalisten aus beiden Parteien zur weltweiten
Triebkraft für Frieden gemacht. Halten Sie sich das
vor Augen. Hätten wir keine Führungsrolle übernommen, würde der Krieg in Bosnien heute andauern,
würden weiterhin Unschuldige sinnlos sterben,
bestände die Gefahr einer Ausweitung des Krieges
und der Unterminierung der NATO. Hätten wir keine
Führungsrolle übernommen, gäbe es keine Aussicht
auf einen umfassenden Frieden im Nahen Osten. Und
es gäbe kaum Hoffnung auf Versöhnung in Nordirland.
Ohne die amerikanische Führungsrolle wären in Haiti
immer noch Verbrecher an der Macht, und Tausende
haitianischer Flüchtlinge würden versuchen, unsere
Küsten zu erreichen. Die mexikanische Wirtschaft
befände sich in freiem Fall, würde unseren Wohlstand
bedrohen und entstehenden Märkten sowie der
Weltwirtschaft schaden. Wir hätten nicht die Fortschritte beim möglichst umfassenden Nachweis über
den Verbleib amerikanischer Kriegsgefangener und
Vermißter gemacht, die uns gestatteten, Vietnam
anzuerkennen. Wir hätten nicht die unbegrenzteVerlängerung des Nichtverbreitungsvertrags erzielt die wichtigste Barriere gegen die Verbreitung von
Nuklearwaffen. Und Nordkorea könnte Atomwaffen
bauen.
Die Lektion ist klar. Wenn wir eine Führungsrolle
übernehmen, können wir den Schwung erhalten, der
den Kommunismus besiegte, uns von der Gefahr des
Nuklearkrieges befreite und auf der ganzen Welt die
Fahne der Freiheit hißte. Unsere Stärke ist ein Segen,
keine Last. Präsident Clinton ist entschlossen, sie klug
und entschlossen einzusetzen.
Die Bewahrung unserer Stärke ist nicht billig. Dennoch haben der Präsident und ich seit einem Jahr
gegen jene Kräfte im Kongreß angekämpft, die unser
außenpolitisches Budget so stark kürzen wollen, daß
wir uns aus unserer Führungsposition zurückziehen
müßten - durch die Schließung wichtiger Botschaften,
Beendigung von Friedensmissionen und selbstzerstörerische Kürzungen bei unseren internationalen
Programmen. Das sind keine verantwortungsbewußten Vorschläge. Sie würden Amerika genau zu jenem
Zeitpunkt schwächen, an dem wir stark bleiben
müssen, genau zu jenem Zeitpunkt, an dem andere
Nationen von uns eine Führungsrolle erwarten. Sie

Seite 2

zeigen einen Mangel an Anerkennung für die Errungenschaften Amerikas während der letzten 50 Jahre
sowie mangelndes Vertrauen, daß unsere große
Nation die Zukunft gestalten kann.
Die jüngste Schließung von Behörden der US-Regierung war für mich besonders beunruhigend, weil sie
unseren internationalen Ruf von Zuverlässigkeit und
Integrität unterminierte. Bei meinen jüngsten Auslandsreisen wurde ich mit den weitreichenden Konsequenzen der Schließungen konfrontiert. Führenden
Politikern und den Bürgern in vielen Teilen der Welt
schien es, als ob die weltweit mächtigste Nation ihren
Betrieb einstellte. Es entspricht nicht einer großen
Nation, ihre Rechnungen und ihre Angestellten nicht
mehr bezahlen zu können. Das darf nicht noch einmal
geschehen.
Vor drei Wochen wurde ich von der Zeitschrift
Newsweek als "wirklich davon überzeugt" bezeichnet,
"daß Amerika sich in der Welt engagieren muß". Ich
bekenne mich schuldig. Ich habe die Jahre nach dem
Zweiten Weltkrieg erlebt, in denen unsere führenden
Politiker die Investitionen tätigten, deren Vorteile wir
heute alle genießen. Ich bin kein Politiker. Aber ich
habe eine Vorliebe - für die Art von Außenpolitik, die
Amerika zu einer verläßlichen und prinzipientreuen
Führungsmacht macht, für eine Außenpolitik, die
Amerikas einzigartiges Zielbewußtsein und seine
Stärke projiziert. Ich hoffe, daß jeder Präsidentschaftskandidat diese bedeutenden Wegweiser im Kopf
behält.
Unser Engagement für eine Führungsrolle ist der erste
der zentralen Grundsätze unserer Außenpolitik, die ich
vergangenes Jahr hier dargestellt habe. Ein zweiter
damals von mir formulierter Grundsatz ist die Notwendigkeit einer Stärkung der Institutionen, die eine
dauerhafte Grundlage für weltweiten Frieden und
Wohlstand bieten. Diese Institutionen - wie die
Vereinten Nationen, die NATO, die Weltbank - helfen
uns bei der Aufteilung der Lasten und Kosten einer
Führungsrolle. In diesem Jahr wird der Zusammenarbeit mit dem Kongreß höchste Priorität bei der
Erfüllung unserer finanziellen Verpflichtungen gegenüber den Vereinten Nationen beigemessen, die ein
grundlegendes Reformprogramm durchführen.
Ein dritter Grundsatz besteht darin, daß die Unterstützung von Demokratie und Menschenrechten unsere
Ideale widerspiegeln und unsere Interessen stärken
soll. Unser Einsatz für universelle Werte ist eine
bedeutende Quelle der Autorität und Glaubwürdigkeit
unseres Landes. Ohne sie können wir keine Führungsrolle übernehmen. Unsere Interessen werden
am besten in einer Welt gewahrt, in der dem Volk
verantwortliche Regierungen die Stabilität stärken und
politische Rechte sowie freie Marktwirtschaften durch
eine rechtsstaatliche Ordnung geschützt werden. Aus
diesem Grund haben wir den mutigen Reformen in

AMERIKA DIENST 02

�Nationen wie Südafrika, Mexiko und den neuen
Demokratien in Zentraleuropa so starke Unterstützung
zukommen lassen. Aus diesem Grund freuen wir uns
so sehr darüber, daß in den drei Jahren unserer
Amtszeit nach freien Wahlen in dieser Hemisphäre 16
Amtseinführungen stattfanden. Ein weiteres wichtiges
Ziel in diesem Jahr wird die Unterstützung des Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien
und für Ruanda sein, damit die für die beiden größten
Tragödien in diesem Jahrzehnt Verantwortlichen zur
Rechenschaft gezogen werden.
Ein vierter Grundsatz ist die entscheidende Bedeutung
konstruktiver Beziehungen zu den Großmächten.
Diese Nationen - unsere Verbündeten in Europa und
Japan sowie Rußland und China - verfügen über die
größten Fähigkeiten, Einfluß auf unsere Sicherheit und
unseren Wohlstand zu nehmen.
In den letzten Jahren wurde von einigen behauptet, die
Vereinigten Staaten und Europa würden unweigerlich
auseinanderdriften. Das hat sich als falsch erwiesen.
Unsere gemeinsamen Aktionen in Bosnien haben das
transatlantische Bündnis dramatisch gestärkt und neue
Perspektiven für eine dauerhafte europäische Sicherheitszusammenarbeit eröffnet. Und die neue
transatlantische Agenda, auf die sich die Vereinigten
Staaten und die Europäische Union vergangenen
Monat in Madrid einigten, wird nicht nur unsere
Wirtschaftsbeziehungen ausweiten, sondern auch die
Zusammenarbeit bei den weltweiten politischen und
sicherheitspolitischen Herausforderungen verstärken.

Mit Japan stellen wir jede Säule unseres Bündnisses im sicherheitspolitischen, wirtschaftlichen und politischen Bereich - auf eine solide Grundlage. Eine von
Joe Rye und Abteilungsleiter Winston Lord durchgeführte einjährige Überprüfung unserer Beziehungen
hat unsere Sicherheitsbande erneut gestärkt. Wir
schlössen 20 Marktzugangsabkommen, die zu der
drastischen Verringerung unseres bilateralen Handelsdefizits beitrugen.
Ferner verfolgten wir unsere Interessen bei der
Stärkung unserer Zusammenarbeit mit Rußland und
China zu einem Zeitpunkt, an dem sich beide Länder in
einer schwierigen Übergangszeit befinden.
Seit Beginn seiner Amtszeit ist sich Präsident Clinton
der Tatsache bewußt, daß wir unsere nationalen
Interessen nur durch ein Engagement in Rußland
schützen können. Unsere Strategie führte zu konkreten Verbesserungen bei der Sicherheit unseres
Volkes. Wir erreichten einen massiven Abbau der
Nukleararsenale sowie mehr Sicherheit beim Umgang
mit Nuklearmaterial. Durch die Zusammenarbeit mit
Rußland förderten wir unsere Ziele von Frieden in
Bosnien und dem Nahen Osten.
Natürlich ist es einfach, unsere Meinungsverschieden-

AMERIKA DIENST 02

heiten mit Rußland aufzuführen, beispielsweise im
Hinblick auf atomare Zusammenarbeit mit dem Iran
oder auf den Krieg in Tschetschenien. Die Ereignisse
dieser Woche bieten weitere Beweise dafür, daß der
derzeitige militärische Ansatz in Tschetschenien nur zu
einer Verschlimmerung dieses Krieges führt. Der
Zyklus der Gewalt kann nur durch Verhandlungen
unterbrochen werden.
Wie ich bereits ausgeführt habe, kann ich mir nicht den
Luxus leisten, eine Liste von Differenzen mit Rußland
aufzustellen und es dabei zu belassen. Meine Aufgabe besteht darin, Bereiche der Übereinstimmung zu
schaffen und Maßnahmen zur Beilegung unserer
Differenzen zu erarbeiten.
1993 stellte ich in meiner ersten Rede als Außenministerfest, der Kampf Rußlands um seine Umgestaltung würde lang und hart, und der Erfolg sei keineswegs garantiert. Das ist auch heute noch meine
Meinung. Positiv ist, daß in den vier Jahren nach dem
Zusammenbruch der Sowjetunion die russische
Wirtschaft zunehmend von marktwirtschaftlichen
Prinzipien beherrscht wird. Freie Wahlen, die noch vor
wenigen Jahren undenkbar erschienen, werden
Tatsache. Rußland hat sein ruinöses Vermächtnis von
sieben Jahrzehnten Kommunismus noch nicht hinter
sich gelassen - ein Vermächtnis, das sich in Form von
Verbrechen, Korruption und Armut manifestiert.
Die jüngsten Ereignisse enthalten beunruhigende
Anzeichen dafür, daß die russischen Reformbestrebungen Belastungen ausgesetzt sind. Das russische
Volk muß bei den Präsidentschaftswahlen im Juni eine
bedeutende Entscheidung treffen. Letztlich kann nur
das russische Volk seine Regierung wählen und seine
Zukunft bestimmen.
Unsere Verpflichtung - die
Verpflichtung der Vereinigten Staaten - liegt in der
Förderung demokratischer Werte und demokratischer
Institutionen sowie in der Verfolgung unserer nationalen Interessen zu jedem Zeitpunkt.
Wenn ich mit dem neuen russischen Außenminister
Primakow zusammentreffe, werde ich ihm mitteilen,
daß die Vereinigten Staaten zur Fortsetzung der
Zusammenarbeit mit Rußland bei unseren zahlreichen
gemeinsamen Herausforderungen entschlossen sind.
Ich werde jedoch keinen Zweifel daran lassen, daß die
Integration Rußlands in die westlichen Institutionen die in unserem gegenseitigen Interesse liegt - von der
Bereitschaft Rußlands zur Einhaltung internationaler
Normen und zur Fortsetzung der Reformen abhängt.
Ich möchte mich nun China zuwenden. Wir haben
großes Interesse daran sicherzustellen, daß diese
mächtige Nation ihre Modernisierung auf eine Art und
Weise fortsetzt, die insgesamt zu Sicherheit und
Wohlstand der Region beiträgt - um unserer selbst
sowie unserer Freunde und Verbündeten willen. Aus
diesem Grund verfolgen wir eine Strategie des Enga-

Seite 3

�gements. Sie soll China in die internationale Staatengemeinschaft integrieren und unsere Zusammenarbeit
bei gemeinsamen Problemen wie dem nordkoreanischen Nuklearprogramm, Drogenhandel und Menschenschmuggel verbessern.
Wir haben weiterhin wichtige Differenzen mit China bei
Fragen wie Menschenrechten, Weiterverbreitung von
Waffen und Handel. In den vergangenen Monaten
haben wir bei unseren Beziehungen zu China schwierige Zeiten durchlebt. Die Vereinigten Staaten sind
bereit zur Wiederherstellung der positiven Dynamik
unseres Verhältnisses zu China. Wir haben unsere
Politik bekräftigt, nur ein China anzuerkennen, und
lehnen den kurzsichtigen Rat derjenigen ab, die China
isolieren oder eindämmen wollen. Der chinesische
Staatschef hat erklärt, daß auch sein Land positive
Beziehungen anstrebt. Um es eindeutig zu formulieren: Die Vereinigten Staaten werden das Ihrige
unternehmen, aber wenn wir dauerhafte, produktive
Beziehungen anstreben, muß China bedeutende
Schritte unternehmen, um unsere Anliegen anzusprechen und international anerkannte Grundsätze zu
respektieren.
Im kommenden Jahr werden wir uns besonders auf
drei Ziele konzentrieren: Erstens das Streben nach
Frieden in Regionen von elementarem Interesse für
die Vereinigten Staaten, zweitens die Inangriffnahme
der neuen transnationalen Sicherheitsbedrohungen
und drittens die Förderung von offenen Märkten und
Wohlstand.
Vor einem Jahr war der Krieg in Bosnien das größte
uns konfrontierende ungelöste Problem. Natürlich ist
in Bosnien noch nichts gewährleistet, aber durch den
Einsatz von Gewalt und Diplomatie haben wir die von
einigen als hoffnungslos eingestufte Situation in eine
verwandelt, in der Wiederaufbau, Versöhnung und
Gerechtigkeit möglich sind. Der Besuch des Präsidenten bei unseren Truppen in der vergangenen
Woche führte uns erneut die Einstellung und das
Vertrauen vor Augen, das sie ihrer Mission entgegenbringen.
Das von uns in Dayton erarbeitete Friedensabkommen
bedeutet, daß wir über vier Jahre des Schreckens
hinausblicken können - die Konzentrationslager, die
ethnischen Säuberungen, Hunger und Tod. Im Jahr
1996 besteht unsere unmittelbare Herausforderung in
der Umsetzung der militärischen und zivilen Aspekte
des Abkommens von Dayton. Wir erwarten die
vollständige Einhaltung der Verpflichtungen durch alle
Parteien im Rahmen dieses sorgfältig ausgehandelten
Abkommens.
Man muß sich auch bewußt machen, daß der Erfolg in
Bosnien tiefgreifende Auswirkungen auf unser Ziel
eines in Frieden lebenden integrierten Europas haben
wird. Unsere Aktionen in Bosnien haben unter Beweis

Seite 4

gestellt, daß die NATO als Garant der transatlantischen Sicherheit Bestand hat. Es steht fest, daß
dieser Krieg ohne die Aktionen der NATO heute noch
andauern würde.
Die von uns geschmiedete und angeführte Koalition
hat aufgrund ihrer Natur historische Implikationen.
Dies ist das erste Mal, daß Soldaten aus allen Regionen Europas an einer Militäraktion beteiligt sind.
Russen und Litauer, Griechen und Türken, Polen und
Ukrainer, Briten, Deutsche und Franzosen teilen
gemeinsam mit Amerikanern und Kanadiern die
gleichen Risiken unter derselben Flagge zur Erlangung
desselben hehren Ziels. Während wir zur Überwindung der Spaltungen in Bosnien beitragen, helfen
wir auch, die Teilung Europas selbst zu überwinden.
Die Mission in Bosnien wird einigen unserer neuen
Partner in der Partnerschaft für den Frieden eine
Chance bieten zu beweisen, daß sie die Herausforderungen der Mitgliedschaft in einem erweiterten
NATO-Bündnis meistern können. Der Prozeß der
Erweiterung macht die NATO bereits jetzt zu einer
Kraft der Stabilität und Demokratie im Osten. Wir
haben unseren Partnern gegenüber eindeutig klargestellt, daß sie für die Erlangung der NATO-Mitgliedschaft demokratische Reformen konsolidieren, ihre
Streitkräfte fester ziviler Kontrolle unterstellen und die
Streitigkeiten mit ihren Nachbarn beilegen müssen.
In Zentral- und Osteuropa muß den größten Bedrohungen der europäischen Sicherheit - ethnische
Konflikte, Weiterverbreitung und Armut - begegnet
werden. Aus diesem Grund wäre es unverantwortlich,
halb Europa aus den Strukturen auszuschließen, die
Sicherheit und Wohlstand auf dem Kontinent gewährleisten. Darum entwirft die Europäische Union eigene
Pläne zur Aufnahme neuer Mitglieder. Die NATOErweiterung sollte ungefähr parallel dazu verlaufen.
Wir sind uns bewußt, daß die NATO-Erweiterung
schrittweise, freiwillig und auf transparente Art erfolgen
muß, während Rußland seine internationale Rolle neu
definiert. Aber Rußland sollte verstehen, daß das
Bündnis, mit dem das Land in Bosnien so eng zusammenarbeitet, seine Sicherheit nicht bedroht. In der
Tat ermutigen wir Rußland weiterhin zum Aufbau
langfristiger, besonderer Beziehungen zur NATO.
Auch im Nahen Osten ist die amerikanische Führungsrolle unerläßlich. Zum ersten Mal seit einem halben
Jahrhundert stehen wir heute kurz vor der Beendigung
des arabisch-israelischen Konflikts: Ein umfassender
Frieden zwischen Israel und seinen unmittelbaren
Nachbarn, und in der Tat mit der gesamten arabischen
Welt, ist nicht länger ein Traum, sondern eine realistische Möglichkeit.
Ich bin gerade von meiner 16. Reise in die Region
zurückgekehrt. Vergangene Woche kam ich mit König

AMERIKA DIENST 02

�Hussein von Jordanien an dem Tag zusammen, als er
zum Gedenken an den ermordeten Ministerpräsidenten Rabin eine Station für Traumatologie übergab
- es ist kaum zu glauben, aber es war in einer Klinik in
Tel Aviv. Es gibt wenige Ereignisse, die besser
verdeutlichen, wie sehr sich das Umfeld der Region
gewandelt hat. Noch wichtiger ist, daß in nur zwei
Tagen nahezu eine Million Palästinenser bei den
ersten freien Wahlen im Westjordanland und im
Gazastreifen ihre Stimme abgeben werden.
Wir müssen jetzt auf die Vervollständigung des
Friedens im Nahen Osten hinarbeiten. Der Schüssel
liegt in einem Durchbruch der Lage zwischen Israel
und Syrien. Beide Seiten sind der Auffassung, daß die
Vereinigten Staaten entscheidend bei diesen Bemühungen sind. Unter unserer Schirmherrschaft führen
Israel und Syrien jetzt intensive Verhandlungen an der
Küste von Maryland. Obwohl noch sehr viel mehr
getan werden muß, überschreiten wir wichtige Grenzen und streben ein Abkommen für 1996 an. Die
Vereinigten Staaten sind entschlossen, zur Vervollständigung dieser historischen Aufgabe beizutragen.
Wir werden auch weiterhin auf die Lösung von Konflikten und den Aufbau von Sicherheit in anderen
Regionen hinarbeiten. Wir werden Initiativen an Orten
wie Nordirland, Haiti, Zypern, Angola, Burundi, Peru
und Ecuador weiterverfolgen. Wir werden die Grundlagen von Frieden und Sicherheit in der asiatischpazifischen Region durch die Vertiefung der Sicherheitszusammenarbeit mit unseren Bündnispartnern
und unsere Beteiligung an dem äußerst vielversprechenden regionalen ASEAN-Forum verstärken.
Und in dieser Hemisphäre werden wir die neue Ebene
der politischen Zusammenarbeit aufbauen, die wir
beim gesamtamerikanischen Gipfel in Miami erzielt
haben.
Als zweiten wichtigen Bereich, auf den wir uns in
diesem Jahr konzentrieren, werden wir uns neuen
Herausforderungen der globalen Sicherheit stellen.
Wieder Präsident in einer bahnbrechenden Rede vor
den Vereinten Nationen im Oktober vergangenen
Jahres betonte, gefährden Bedrohungen wie Weiterverbreitung, Terrorismus, internationales Verbrechen
und Umweltzerstörung uns alle in unserer interdependenten Welt.
Wir werden auch in Zukunft auf die Eindämmung der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen hinarbeiten - die gravierendste potentielle Bedrohung der
Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten. Vor
dreißig Jahren traten die Nuklearmächte mit der
Unterzeichnung des Vertrags zur Begrenzung von
Atomversuchen "einen Schritt vom Schatten des
Krieges" zurück - wie Präsident Kennedy es formulierte. Wir müssen jetzt den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot zur Unterzeichnung in diesem Jahr
vervollständigen. Und in diesem Jahr müssen wir die

AMERIKA DIENST 02

Chemiewaffenkonvention ratifizieren.
Wir müssen auch die einschneidenden Reduzierungen
der Nukleararsenale der Vereinigten Staaten und der
Länder der ehemaligen Sowjetunion festschreiben. Ich
fordere den Senat und die russische Duma zur
Ratifizierung des START Il-Vertrages auf, mit dem
5.000 zusätzliche Gefechtsköpfe aus den Arsenalen
unserer beiden Länder entfernt werden.
Unsere regionalen Nichtverbreitungsbestrebungen
sind ebenfalls unerläßlich. Es ist entscheidend, daß
das Nuklearprogramm Nordkoreas weiterhin eingestellt bleibt und auf dem Weg zur Verschrottung ist.
Und die Bemühungen von Pariastaaten wie Irak, Iran
und Libyen zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen müssen gestoppt werden. Die Informationen,
die UN-Inspektoren über das Programm für biologische Waffen des Irak aufgedeckt haben, sind erschreckend. Es ist jetzt klar, daß Saddam Hussein im
Besitz von biologischen Waffen war und kurz vor ihrem
Einsatz gegen Zivilisten im Golfkrieg stand. Diese
Enthüllungen sind eine dringliche Erinnerung, daß
Saddam Hussein nach wie vor eine Bedrohung
darstellt und die Sanktionen gegen den Irak aufrechterhalten werden müssen.
Präsident Clinton hat auch die Verfolgung internationaler Verbrecher, Terroristen und Drogenhändler
zum Kernstück unserer Außenpolitik erklärt. Wir sind
entschlossen in unserem Vorgehen, solchen internationalen Verbrechern das Handwerk zu legen. Wir
haben beispiellose Schritte gegen das Kali-Kartell
unternommen, und viele seiner Anführer sind jetzt
hinter Gittern. Wir werden weiterhin Terroristen und
Drogenbaronen den Zugang zu ihrem Vermögen
verweigern, wir werden entschiedenen Druck auf
Regierungen ausüben, die solche Organisationen
tolerieren, und wir werden Operationen zur Bekämpfung von Verbrechen und Drogenhandel an der Quelle
verstärken.
Der Schutz unserer verletzbaren Umwelt hat ebenfalls
tiefgreifende, langfristige Auswirkungen für unser Land,
und 1996 streben wir die uneingeschränkte Integration
unserer umweltpolitischen Ziele in unsere Diplomatie
an - das ist bislang einmalig. Wir werden die Treibhausgase weiter reduzieren und auf die Zustimmung
des Senats zu Konventionen über die Artenvielfalt und
das Seerecht drängen. In enger Zusammenarbeit mit
dem Vizepräsidenten habe ich mich auch darauf
konzentriert, wie wir Umweltinitiativen zur Förderung
umfassenderer strategischer und wirtschaftlicher Ziele
besser nutzen können. Das bedeutet beispielsweise
die Ermutigung gemeinsamer Wasserprojekte im
Nahen Osten, zunehmende Kooperation bei Umweltproblemen mit unseren globalen Partnern sowie
Hilfestellung für unsere Umweltindustrien bei der
Erfassung eines größeren Anteils des globalen
Marktes im Wert von 400 Milliarden Dollar.

Seite 5

�Das dritte Element unserer Tagesordnung ist, auf den
wirtschaftlichen Errungenschaften aufzubauen, die ein
dauerhaftes Vermächtnis der Clinton-Administration
sein werden. Präsident Clintons Führungsrolle in der
NAFTA, der Uruguay-Runde, beim Forum für
asiatisch-pazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit
APEC und beim gesamtamerikanischen Gipfel hat die
Vereinigten Staaten zum Mittelpunkt eines zunehmend
offenen globalen Handelssystems gemacht. In diesem
Jahr lautet unsere Losung Umsetzung - sicherzustellen, daß die von uns erzielten Handelsabsprachen und
-abkommen konkrete Chancen hervorbringen, damit
amerikanische Unternehmen und Arbeitnehmer
gleichberechtigt im Ausland konkurrieren können. In
der asiatisch-pazifischen Region durch das APEC, mit
der Europäischen Union durch den transatlantischen
Markt und in dieser Hemisphäre durch den Prozeß von
Miami bauen wir Hemmnisse für Handel und Investitionen ab und öffnen Märkte für amerikanische
Produkte. Wir verpflichten uns auch, das Fast-trackMandat des Präsidenten zu erhalten, um den Beitritt
Chiles zur NAFTA auszuhandeln.
Während dieses Jahr des Präsidentschaftswahlkampfes beginnt, hören wir erneut von denen, die ein
Loblied auf Protektionismus und Isolationismus singen.
Amerika und die Welt sind diesen Weg in den dreißiger
Jahren gegangen - und unser Fehler führte zur
Weltwirtschaftskrise und ebnete den Weg für den
Zweiten Weltkrieg. Die Abschottung Amerikas von der
Welt wäre heute ebenso rücksichtslos wie vor sechzig
Jahren. Wie Präsident Clinton zu Beginn seiner
Amtszeit erklärte, "müssen wir uns der Konkurrenz
stellen und dürfen uns nicht zurückziehen".
Meine Damen und Herren, wo immer ich hingehe,
stelle ich fest, daß die Nationen der Welt auf die Ver-

einigten Staaten als eine von Prinzipien geleitete
und verläßliche Führungsmacht blicken. Sie sehen
amerikanische Soldaten, die Brücken über Flüsse
schlagen und Berge versetzen, damit der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann. Sie sehen, wie wir im
Nahen Osten auf Frieden und in Korea auf Sicherheit
hinarbeiten. Sie sehen, wie wir Handelsabkommen
schließen, damit jede Nation von neu entstehenden
Märkten profitieren kann. Sie sehen, wie die mächtigste Nation der Welt für verfolgte Völker auf der ganzen
Welt eintritt, weil wir der Überzeugung sind, daß es das
Richtige ist und weil diejenigen, die für Freiheit kämpfen, die Zukunft darstellen.
Die Welt sieht uns als optimistisches Volk, das durch
die umfassende Sichtweise seiner Interessen motiviert
und auf lange Sicht von seinem Potential geleitet ist.
Die Völker folgen uns, weil sie verstehen, daß der
Kampf der Vereinigten Staaten für Frieden und Freiheit
der Kampf der Welt ist. Am Ende des Amerikanischen
Jahrhunderts ist Präsident Clinton entschlossen, daß
wir auch weiterhin im Einklang mit den höchsten
Traditionen unserer Nation und unseres Volkes
handeln.
Die Antwort des Präsidenten auf die Stimmen des
Isolationismus ist klar. Wir können unsere Nation
ebensowenig von der Welt isolieren wie wir unsere
Familien von ihren Nachbarn oder unsere Nachbarn
von unseren Städten isolieren können.
Als eine globale Macht mit globalen Interessen ist
Rückzug keine verantwortungsvolle Option für die
Vereinigten Staaten. Wir müssen weiterhin eine
Führungsrolle übernehmen. Wenn wir dies tun, kann
das Ende dieses Jahrtausends den Beginn eines
zweiten Amerikanischen Jahrhunderts markieren.

*

Seite 6

*

AMERIKA DIENST 02

�PFF
24.Januar 1996

Perry: PFF könnte dem Marshallplan vergleichbare
Wirkung haben
Rede des Verteidigungsministers

WASHINGTON - (AD) - Verteidigungsminister William Perry vertritt die Auffassung, daß die Gründung der
Partnerschaft für den Frieden "eines der bedeutendsten Ereignisse der Zeit nach dem Kalten Krieg" sein könnte.
In einer am 10. Januar 1996 beim Marshall Legacy Symposium gehaltenen Rede erklärte Perry, daß die Partnerschaft
für den Frieden "ein Instrument mit derselben Macht zur Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem Kalten Krieg ist
wie der Marshallplan im Zeitalter nach dem Zweiten Weltkrieg".
Ebenso wie der Marshallplan in den vierziger Jahren schaffe die PFF heute ein ganz Europa umspannendes Netz von
Menschen und Institutionen, die gemeinsam an der Bewahrung von Freiheit sowie der Förderung von Demokratie und
freien Märkten arbeiten.
Der nach George C. Marshall benannte Marshallplan war ein von den Vereinigten Staaten unterschriebenes Programm zum Aufbau der zerstörten Volkswirtschaften Europas nach dem Zweiten Weltkrieg. Es wurde in der Zeit
erarbeitet, als Marshall Präsident Trumans Außenminister war und wird generell als wichtigste und erfolgreichste
außenpolitische Initiative der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert angesehen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Verteidigungsminister Perry.

Hinter meinem Schreibtisch im Pentagon hängt ein Bild
von George C. Marshall. Marshall - der dritte Verteidigungsminister - ist ein Vorbild für mich, nicht nur, weil er
ein großer militärischer Führer, sondern auch, weil er ein
visionärer internationaler Staatsmann war. George Marshalls Vision war ein vom Atlantik bis zum Ural in Frieden, Freiheit und Demokratie vereintes Europa. Zur Erlangung dieses Ziels sah er auch eine starke transatlantische Partnerschaft voraus - eine auf Vertrauen und enge
Zusammenarbeit gegründete und durch überparteilichen
Konsens in den Vereinigten Staaten unterstützte Partnerschaft.
George Marshalls Instrument zur Verwirklichung seiner
Vision war natürlich der Marshallplan. Auf den ersten
Blick war der Marshallplan ein Instrument zum Wiederaufbau der europäischen Volkswirtschaften nach dem
Zweiten Weltkrieg. Kernstück des Marshallplans war
jedoch der Wiederaufbau friedlicher, marktwirtschaftlicher Demokratien. Marshall lebte lange genug, um einen

AMERIKA DIENST 02

Teil seines Traums verwirklicht zu sehen, aber der Kalte
Krieg verhinderte, daß Europa vollständig vereint oder
ganz demokratisch wurde. Mit dem Ende des Kalten
Krieges haben wir heute die Chance, die von Marshall
begonnene Arbeit zu beenden - Europa als ein sicheres,
stabiles, demokratisches Ganzes zu vereinen.
Dieses Symposium dient dem Austausch und der Schärfung unserer Gedanken, damit wir diese historische Gelegenheit ergreifen können und nicht ungenutzt verstreichen lassen. Bei diesem Symposium wird die Initiative
Marshall Legacy ins Leben gerufen - eine Bestrebung
der amerikanischen Regierung, in den kommenden anderthalb Jahren der Vision europäischer und transatlantischer Zusammenarbeit von George Marshall und Senator Vandenberg zu gedenken, sie zu feiern und zu verwirklichen. Im Namen von Präsident Clinton möchte ich
allen danken, die dieses Symposium ermöglicht haben.
Insbesondere möchte ich unseren Kovorsitzenden, Jack
Marsh und Hodding Carter, danken. Beide stehen für

Seite 1

�herausragende Leistung und ein Engagement für den
öffentlichen Dienst, auf das George Marshall und Senator
Vandenberg stolz gewesen wären. Mein Dank gilt auch
Präsident Stephen Trachtenberg und der The George
Washington University, die diese Veranstaltung mit organisiert haben.
Dieses Symposium beschäftigt sich mit der Vielzahl von
Instrumenten, die wir zur Erfüllung von Marshalls Vision
schaffen und bewahren. Heute konzentriert sich das
Symposium auf die Partnerschaft für den Frieden und
den Aufbau neuer Partnerschaften zur Stärkung und
Ermutigung von Demokratie. Morgen werden wir uns mit
Wohlstand durch Partnerschaften befassen. Und am
Freitag werden die Redner erörtern, wie wir Marshalls
Vermächtnis in die Zukunft übertragen können.
Viele der Instrumente beinhalten den Aufbau von Partnerschaften an der Basis zwischen Amerikanern und
allen Europäern. Die treibende Kraft bei vielen dieser
Partnerschaften sind nicht die Zentralregierungen unserer Nationen, sondern die Verbindungen zwischen den
Gemeinden in den Vereinigten Staaten und in Europa
sowie den neuen unabhängigen Staaten. Wir werden die
Rolle nichtstaatlicher Organisationen stärken und mehr
Chancen für Partnerschaften zwischen Einzelpersonen
schaffen. Größere Beteiligung wird der Initiative Marshall
Legacy nicht nur mehr Bedeutung verleihen, sie ist in
dieser Zeit haushaltspolitischer Engpässe auch sinnvoll.
Heute wollen wir uns auf ein Instrument konzentrieren die Partnerschaft für den Frieden. Die Partnerschaft für
den Frieden, oder PFF, ist der greifbare Beweis für Präsident Clintons Gelöbnis, daß die Vereinigten Staaten "es
nicht zulassen werden, daß der Eiserne Vorhang durch
einen Schleier der Indifferenz ersetzt wird". Die PFF ist
ein Instrument für die Integration der seit neuem freien
Nationen Zentral- und Osteuropas und der neuen unabhängigen Staaten in die Sicherheitsarchitektur Europas als Ganzes. Die Partnerschaft ist jedoch nicht nur
ein militärisches oder Sicherheitsprogramm. Weil sie
Frieden, Freiheit und Demokratie als Grundlage hat, trägt
sie dazu bei, Marshalls Vision Realität werden zu lassen.
Eine der wichtigen Lektionen des 20. Jahrhunderts lautet,
daß die Sicherheit Amerikas untrennbar mit der Sicherheit Europas verbunden ist. Amerika ist eine europäische Macht, weil das transatlantische Bündnis entscheidend für die Sicherheit auf beiden Seiten des Ozeans ist.
Diese Tatsache blieb nach dem Ende des Kalten Krieges
bestehen. Die Art und Weise, in der wir diese Verbindung bewahren und wie wir eine neue Ära der Sicherheit
für uns beide garantieren, unterscheidet sich heute jedoch. Die Partnerschaft für den Frieden wurde vor zwei
Jahren ins Leben gerufen. Sie war ein durchschlagender
Erfolg. Heute wehen die Flaggen von 43 Ländern NATO-Mitgliedstaaten und Partnerländern - über der
Partnerschafts-Koordinierungszelle in Mons in Belgien.
Im vergangenen Jahr übten und arbeiteten 20 Nationen
zusammen bei 10 gemeinsamen militärischen Übungen

Seite 2

wie Cooperative Bridge, Cooperative Venture, Cooperative Spirit und Cooperative Nugget. Zahlreiche andere
Übungen wurden "im Geiste" der PFF abgehalten. Im
Jahr 1996 werden wir Hunderte von Übungen und
andere PFF-Aktivitäten durchführen.
Im August nahm ich an den Eröffnungsfeierlichkeiten für
Cooperative Nugget teil, dem ersten Partnerschafts-Manöver auf amerikanischem Boden. Es war ein erfreulicher Anblick, die Truppenparade der 14 beteiligten Partnernationen zu sehen. Vor nur wenigen Jahren unterhielten die Vereinigten Staaten absolut keine Sicherheitsbeziehungen zu den meisten dieser Nationen. Aber hier
waren sie versammelt: Amerikaner, Ungarn, Bulgaren,
Albaner, Rumänen, Slowenen und Ukrainer, Slowaken,
Polen und Kirgisen, Kasachen, Usbeken und Tschechen,
Litauer, Letten und Esten - alle marschierten, übten und
schwitzten gemeinsam unter der heißen Sonne von Louisiana. Es war ein wirklich bemerkenswerter Tag in der
Geschichte der transatlantischen Zusammenarbeit.
Bei der PFF geht es jedoch um sehr viel mehr als militärische Übungen für Missionen in der Zeit nach dem
Kalten Krieg wie Friedenssicherung, humanitäre Hilfe
sowie Such- und Rettungsübungen. Bei der PFF geht es
auch darum, Partnernationen beim Aufbau eines neuen
Verteidigungsapparats unter ziviler Kontrolle behilflich zu
sein. Das Konzept der zivilen Kontrolle des Militärs ist für
viele Partnernationen völlig neu - aber sie arbeiten hart
daran, es zu lernen und in die Praxis umzusetzen.
Dies lernen sie unter anderem in einer Schule in Garmisch unter Leitung des U.S. European Command. Dort
kommen Offiziere aus den zentral- und osteuropäischen
Nationen sowie Rußland und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu sechsmonatigen Kursen zusammen, um über die zivile Kontrolle des Militärs zu lernen.
Ich habe mit allen Abschlußklassen gesprochen. So
wichtig wie die Arbeit in den Kursen ist die ihnen gebotene Chance, mit ihren Kollegen sowie Offizieren und Zivilisten aus NATO-Ländern zusammenzutreffen und persönliche Kontakte in einem Umfeld von Zusammenarbeit
und Vertrauen herzustellen. Die in dieser Schule geschlossenen Freundschaften sind eine Investition in die
demokratische Zukunft Europas. Es sollte niemanden
überraschen, daß die Schule The Marshall Center heißt.
Auch im Rahmen der Partnerschaftsprogramme, die viele
Partnernationen mit Einheiten der bundesstaatlichen
Nationalgarde unterhalten, erlernen die Partnernationen
die zivile Kontrolle des Militärs. Sie werden im weiteren
Verlauf des Tages mehr über dieses ausgezeichnete
Programm hören. Aber die Partnerschaft für den Frieden
ist den Nationen nicht nur dabei behilflich, die zivile Kontrolle des Militärs zu erlernen - sie hilft ihnen auch bei der
Umsetzung in die Praxis. Die PFF ermutigt die Partnernationen beispielweise zur Zusammenarbeit beim Verteidigungsplanungsprozeß und dem Austausch von Informationen in der gleichen Weise, wie die NATO-Länder es
tun. Darüber hinaus legen jetzt einige Partner ihren Par-

AMERIKA DIENST 02

�lamenten die Verteidigungspläne zur Genehmigung vor
und ermöglichen damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Überwachung der militärischen Planung durch die
Legislative.
Die positiven Auswirkungen der PFF gegen weit über die
Sicherheitssphäre hinaus. Bei meinen Reisen in nahezu
alle 27 Partnernationen stellte ich fest, daß sie auch im
politischen und wirtschaftlichen Bereich bedeutende,
indirekte Wirkungen zeitigt. In der Tat trägt die Beteiligung an der PFF ebenso wie die angestrebte NATOMitgliedschaft dazu bei, die politischen und wirtschaftlichen Reformen anzutreiben. Ich möchte erklären, warum.
Für einige Partnernationen wird die PFF ein Sprungbrett
für die NATO-Mitgliedschaft. Wir haben den Partnernationen gegenüber deutlich gemacht, daß jedes neue
Bündnismitglied den Grundsätzen der NATO-Mitgliedschaft entsprechen muß - Bereitschaft zur Verteidigung
des Bündnisses mit Berufssoldaten, Arbeit innerhalb der
NATO-Konsensvereinbarungen, Offenlegung der Haushalte und Planung sowie Einhaltung der NATO-Verteidigungsdoktrin mit viel Gerät, insbesondere im Kommunikationsbereich. Diese Qualitäten gewährleisten, daß die
NATO-Mitgliedschaft auch in Zukunft wirkliche Bedeutung hat und ebenso erfolgreich ist wie seit über 40 Jahren.
Vor dem Hintergrund dieser Grundsätze der NATO-Mitgliedschaft müssen die neuen Mitglieder fünf elementare
Kriterien berücksichtigen, die die Bestrebungen aller
potentiellen Beitrittsländer bei ihren Vorbereitungen leiten
sollen.
Erstens müssen die neuen Mitglieder die Demokratie
fördern, worunter auch die Respektierung von Vielfalt, die
Achtung von Minderheitenrechten und die Respektierung
der Redefreiheit fallen. Zweitens müssen die neuen Mitglieder Marktwirtschaften sein. Drittens müssen ihre
Streitkräfte ziviler Kontrolle unterstehen. Viertens müssen sie gute Nachbarn sein und Souveränität außerhalb
ihrer Grenzen respektieren. Und fünftens müssen sie auf
Kompatibilität mit den NATO-Streitkräften hinarbeiten.
Weil so viele Partnernationen hart an der Einhaltung
dieser Kriterien arbeiten, verändert die PFF die politische
und ökonomische Landkarte Zentral- und Osteuropas.
Bei dem Bestreben, diesen Kriterien zu entsprechen,
unternehmen die Partnernationen Dinge, die sie sonst
nicht oder zumindest nicht mit derselben Prioritätensetzung und Intensität unternommen hätten. In vielen Nationen ist das Streben nach NATO-Mitgliedschaft zu dem
Felsen geworden, auf den alle politischen Parteien ihr
Parteiprogramm gründen - und somit besteht derselbe
übergeordnete Konsens, der Kompromisse und Versöhnung ermöglicht, wie es in unserer eigenen freien Marktwirtschaft der Fall ist. Diese Nationen haben eine prosperierende Demokratie, und sie bemühen sich zügig um
eine Liberalisierung ihrer Märkte und Integration in die

AMERIKA DIENST 02

wirtschaftlichen Institutionen des Westens. Eine Bündnismitgliedschaft anstrebende Länder legen friedlich ihre
Grenzstreitigkeiten bei und schaffen Schutzmechanismen für ethnische Minderheiten, die Reibungen mit ihren
Nachbarn verhindern.
Darüber hinaus erachten inzwischen viele Partnernationen die PFF als wichtig um ihrer selbst willen, unabhängig von einer NATO-Mitgliedschaft. Viele meiner Amtskollegen in Partnernationen äußerten mir gegenüber, sie
wollten weiterhin der PFF angehören, selbst wenn sie
letztlich der NATO beitreten würden - so wichtig sind
ihnen der Lernprozeß innerhalb der PFF und die von ihr
geförderten Werte. Und selbst einige Partnernationen,
die wahrscheinlich nie der NATO beitreten werden, erkennen, daß sie mehr Vorteile aus dem PFF-Programm
ziehen können, wenn sie die Kriterien für eine NATOMitgliedschaft erfüllen.
Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, daß die Gründung
der PFF wahrscheinlich eines der bedeutendsten Ereignisse der Zeit nach dem Kalten Krieg darstellt. Ich
mag voreingenommen sein, aber ich bin auch davon
überzeugt, daß die PFF ein Instrument mit derselben
Macht zur Umgestaltung Europas in der Zeit nach dem
Kalten Krieg ist wie der Marshallplan im Zeitalter nach
dem Zweiten Weltkrieg. Ebenso wie der Marshallplan in
den vierziger Jahren schafft die PFF heute ein ganz Europa umspannendes Netz von Menschen und Institutionen, die gemeinsam an der Bewahrung von Freiheit sowie der Förderung von Demokratie und freien Märkten
arbeiten.
Im Rückblick auf die vierziger Jahre erinnern wir uns,
daß die Sowjetunion sich nicht am Marshallplan beteiligte. Joseph Stalin wies das Angebot George Marshalls
zur Teilnahme zurück. Stalin hinderte diejenigen, die
hinter dem Eisernen Vorhang zurückblieben, ebenfalls an
einer Beteiligung. Das verurteilte Europa zu vierzigjähriger Spaltung und verhinderte die umfassende Verwirklichung von Marshalls Traum. Die PFF überwindet diese
Spaltungen und verfügt sogar über das Potential, das in
Rußland zu tun.
Glücklicherweise entschloß sich Rußland zur Teilnahme
an der PFF. Im Geiste von George Marshall begrüßen
wir das. Ferner freuen wir uns über die Bereitschaft Rußlands zu einer Beteiligung an dem separaten Aktivitätenplan mit der NATO außerhalb der PFF. Dadurch wird
Rußland bewußt werden, daß die NATO keine Bedrohung darstellt und selbst ihre unvermeidliche Erweiterung
Rußland nicht bedroht, denn Rußland wird partnerschaftlich mit der NATO zusammenarbeiten.
Die beiden Wege der Zusammenarbeit - Rußland mit der
NATO und Rußland auf bilateraler Ebene mit den Vereinigten Staaten - werden zum Aufbau von Vertrauen und
zur Kooperation in ganz Europa beitragen und damit für
alle Länder von Vorteil sein. In den vergangenen anderthalb Jahren haben die Streitkräfte Rußlands und der

Seite 3

�Vereinigten Staaten - die einst dazu ausgebildet wurden,
einander in einem Krieg zu bekämpfen - vier friedliche
gemeinsame Manöver abgehalten. Jede dieser Übungen wurde im Geist von Vertrauen und Goodwill veranstaltet. Diesen Sommer werden wir über die bilaterale
Ebene hinausgehen und ein Manöver größeren Stils mit
Streitkräften der Vereinigten Staaten, Rußlands, der
Ukraine und anderen Nachbarstaaten Rußlands abhalten. Diese Übungen werden uns ein Sprungbrett für
umfassendere Zusammenarbeit bieten. Wir wünschen
uns eine aktive Beteiligung Rußlands an der NATO und
eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit uns an der
Verwirklichung des Traums von George Marshall.
Ironischerweise ist Bosnien der Ort, an dem alles zusammenkommt - die Schwierigkeiten und die Früchte der
Reform, militärische Zusammenarbeit zwischen allen
Nationen Europas sowie die Zusammenarbeit zwischen
der NATO und Rußland. Am Montag abend kehrte ich
von einer Reise nach Bosnien zurück. Als ich die Straßen von Sarajevo entlangfuhr, war ich betroffen über den
großen Unterschied zwischen der Zerstörung und dem
Leiden, die ich dort sah und dem, was ich im Laufe des
vergangenen Jahres in den anderen Hauptstädten
Zentral- und Osteuropas gesehen hatte. Die an der Partnerschaft für den Frieden teilnehmenden Nationen haben
einen äußerst schwierigen, aber auch lohnenden Weg für
Reformen gewählt. Die Völker in der Region haben bereits Vorteile daraus gezogen. Sie genießen mehr Sicherheit, Freiheit und Wohlstand. Durch die Konzentration auf nicht beigelegte Haßgefühle aus der Vergangenheit anstelle von Reformen wählten einige Nationen
im ehemaligen Jugoslawien einen Weg voller Blutvergießen und Tragödien.
Heute haben diese Nationen jedoch den Weg des Friedens gewählt. Es ist jetzt unsere Aufgabe - die der
NATO und Europas - diesem Frieden eine Chance zu
geben. Und schon bald werden sich mehr als ein Dutzend PFF-Nationen sowie Rußland an der Friedenstruppe der NATO - IFOR -beteiligen. Dann werden wir einige Vorteile der gemeinsamen Friedenssicherung unserer
Nationen im Rahmen der PFF und in ihrem Geiste genießen.
Lange vor der Entsendung der IFOR nach Bosnien starben bereits drei Amerikaner bei ihrer Suche nach Frieden
in dem geplagten Land. Als Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew vergangenen August in der Nähe von Sarajevo ihr Leben ließen, wurde die Welt dreier talentierter
Politiker und ernsthafter Friedensstifter beraubt. Sie starben im Dienste der Vision George Marshalls von einem
friedlichen Europa. Joe Kruzel war mein enger Freund,
und sein Tod hinterläßt eine schmerzhafte Lücke in meinem Leben. Die beiden größten politischen Aufgaben
auf seiner Tagesordnung - und die beiden Fragen, bei
denen ich mich am meisten auf seinen Rat verließ - wa-

ren Bosnien und die PFF. Tatsächlich zählte Joe zu den
Gründervätern der PFF. Nach seinem Tod erhielt mein
Büro eine Flut von Briefen führender europäischer Politiker - Präsidenten, Außenministern, Verteidigungsministern und Militärs. Sie alle kannten Joe, sie alle respektierten seine Leistungen und hielten seine Vision in Ehren.
Wir können Joe, Bob Frasure oder Nelson Drew nie ersetzen. Aber der beste Weg, die Erinnerung an sie in
Ehren zu halten, besteht in der Fortsetzung ihrer Arbeit.
Die Mitgliedstaaten der IFOR tun das derzeit in Bosnien.
Aber es ist unser aller Aufgabe, noch weiter zu gehen
und ein neues Europa zu schaffen, das frei von der brutalen, ruhmlosen und schrecklichen Verwüstung des
Krieges ist. Die PFF - und alle in ihrem Geiste unternommenen Aktivitäten in den Bereichen Regierung, Politik
und Wirtschaft - bringen uns diesem Ziel näher. Sie gestatten uns allen, übereinander und voneinander zu lernen. Sie gestatten uns, einander nicht durch das Prisma
des Kalten Krieges, sondern als menschliche Wesen zu
sehen. Und sie bringen uns der Verwirklichung von Marshalls Vision näher.
Wenn in den nächsten Tagen bei diesem Symposium
über Wege zur Schaffung neuer Instrumente für die vollständige Realisierung von Marshalls Vision gesprochen
wird, müssen wir uns bewußt machen, daß wir vor enormen Hindernissen stehen. Aber ungeachtet dessen, ob
dieses Feld Sicherheit, Regierung oder Wirtschaft ist,
dürfen wir nicht zulassen, daß diese Hindernisse der
Zukunft die Tür vor der Nase zuschlagen. Wir müssen,
um es mit den Worten George Marshalls auszudrücken,
'die Verantwortung übernehmen, die uns die Geschichte
auferlegt". Tun wir das, werden Amerika, Europa, jedes
unserer Länder Vorteile genießen, und unsere Kinder
und Enkel werden es uns danken.
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, den Marshall zu
verhindern suchte, umriß John F. Kennedy seine Vision
der Partnerschaft zwischen Amerika und den Nationen
Europas. Er erklärte: "Wir müssen ... eine Welt anstreben, in der Frieden nicht ein bloßes Zwischenspiel zwischen Kriegen ist, sondern ein Anreiz zur Mobilisierung
kreativer Energien der Menschheit.... Die Hindernisse
sind groß und bedrohlich. [Aber] von dieser atlantischen
Generation soll nicht behauptet werden, daß wir [unsere]
Ideale und Visionen hinter uns ließen.... Wir haben zu
viel erreicht und zu viele Opfer gebracht, um jetzt die
Zukunft nicht hoch genug zu bewerten."
In den nächsten vier Tagen sollten wir uns alle an diese
Worte erinnern, während wir uns am Aufbau und der
Gestaltung Europas nach dem Kalten Krieg beteiligen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 02

�DATENAUTOBAHN
24.Januar 1996

Die Entstehungsgeschichte des Internet
von Edwin Diamond und Stephen Bates

(AD) - Die Verfasser des nachfolgenden Artikels schaffen den Mythos ab, das Internet sei von freidenkerischen
Hackern gegründet worden und erzählen die Geschichte einer Partnerschaft zwischen der US-Regierung,
amerikanischen Universitäten und der Industrie, die zur Geburt des Internet führte.
Edwin Diamond ist Professor für Journalistik an der New York University und Verfasser von "Behind the TIMES:
Inside the New 'New York Times'". Stephen Bates ist Fellow des Annenberg Washington Program und Verfasser
von "Battleground: One Mother's Crusade, the Religious Right, and the Struggle for Control of Our Schools"
(Henry Holt).
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von American Heritage, Oktober 1995.
Copyight© 1995 American Heritage, Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Das Internet scheint so sehr dem Informationszeitalter

anzugehören, daß für seine begeisterten Anhänger die
Umstände seiner Geburt schwer zu verstehen sind.
Das Zehntausende von Nutzern verbindende Computernetz ist - wenn auch unbeabsichtigt - vor allem ein
modernes Monument für militärische Pläne zum
Führen von drei Kriegen. Das Netz verdankt seine
Existenz insbesondere den Schlachtplänen der
Alliierten während des Zweiten Weltkriegs, dem
geopolitischen Druck des Kalten Krieges sowie den
Vorbereitungen für die Apokalypse nach einem
nuklearen Holocaust (dem nie geführten "letzten Krieg"
mit der Sowjetunion).
Cyberenthusiasten verfolgen diese Linie nicht. Ein im
September 1994 in der The New York Times veröffentlichtes überschwengliches Porträt des Vaters des
Internet ging mit keinem Wort auf die Umstände seiner
Cybervaterschaft ein, während einen Monat früher in
Newsweek eine detaillierte Geschichte über die
Geburt des Internet die Unterstützung durch das
amerikanische Militär als marginalen Grund angab,
jedoch nichts darüber aussagte, aus welchem Grund
das US-Verteidigungsministerium das Projekt überhaupt finanziert hatte. Vielleicht sind diese seltsamen
Auslassungen verständlich.
Die Sponsoren des
Internet haben sofort eine Mythologie geschaffen,
welche die das Prinzip der Willensfreiheit vertretende
"Ethik der Hacker" als "freie und ungebundene,

AMERIKA DIENST 02

unzähmbare Seele" des Cyberspace bezeichnet (um
eine vor kurzem in der Zeitschrift Time veröffentlichte
überschwengliche Lobeshymne zu zitieren). Die
Bezeichnung als "Regierungsangelegenheit" scheint
einen Teil der heißen Luft freizusetzen. Eine offene
Rekonstruktion der Geschichte des Internet läßt Raum
für individuelle Auszeichnungen, bekräftigt jedoch
auch, wie einst Regierung, Universitäten und Industrie
gemeinsam an der Produktion dessen arbeiteten, was
der verstorbene Ithiel de Sola Pool vom Massachusetts
Institute of Technology (MIT) als "die größte je vom
Menschen gebaute Maschine" bezeichnete.
Wie bei den meisten großen Fortschritten in der
Geschichte der Ideen gab es nicht nur ein entscheidendes Internet-Ereignis. Dem Cyber-Isaac Newton
fiel kein Apfel auf den Kopf. Und es zog auch kein
Visionär aus, um ein neues Kommunikationsmedium
zu schaffen. Der Anfang war vielmehr ein zu Beginn
des Zweiten Weltkriegs entworfenes, bescheidenes
analytisches System, das die Weichen für ein die
Forschung förderndes Umfeld und die wichtigsten
technologischen Entwicklungen stellte, die das weltumspannende Netz von heute entstehen ließen.
Das als Betriebsforschung bezeichnete analytische
System wendete wissenschaftliche Grundsätze auf
militärische Planung an. Die erste Betriebsforschung
wurde von Wissenschaftlern aus dem Militär und

Seite 1

�Technologen aus dem zivilen Leben für die Alliierten
durchgeführt. Diese Wissenschaftler führten statistische Studien von Taktiken zur Bekämpfung von
Unterwasserbooten durch, die zeigten, wie die Alliierten die Abschußquote von U-Booten erhöhen konnten,
indem sie die Sprengladungen so verteilten, daß sie in
unterschiedlicher Tiefe explodierten. Ferner wurde im
Rahmen der Betriebsforschung eine Möglichkeit zur
Koordination radarbetriebener Flugabwehrbatterien mit
den Flugmustern befreundeter Abfangjäger ersonnen,
um den Abschuß von Jagdflugzeugen der Alliierten zu
vermeiden. Es wurde offensichtlich, daß die moderne
Kriegführung zu kompliziert ist, um sie der Intuition zu
überlassen; erforderlich waren Messungen und
mathematische Analysen. (Hitler verließ sich auf einen
seiner Träume, daß keine deutsche V-2-Rakete jemals
England erreichen würde, und verschob daher das
Programm der Nazis für die Entwicklung von Raketen
um einen entscheidenden Zeitraum. Viele Truppen der
Alliierten und englische Zivilisten verdanken dieser
unwissenschaftlichen Entscheidung ihr Leben.)
Zur Durchführung solcher Analysen ersann das Militär
stärkere
Rechnungsvorrichtungen.
1944 stellte
Howard Aiken, ein Physikprofessor aus Harvard, den
automatischen sequenzkontrollierten Rechner vor,
dem er den Spitznamen Harvard Mark I gab. Diese
riesige - mehr als 15 Meter lange, aus 750.000
Einzelteilen bestehende und 35 Tonnen schwere Maschine wurde nahezu umgehend eingesetzt, um
Ballistikübersichten für die Marine herzustellen.
In
der Zwischenzeit entwickelten vom Heer bezahlte
Ingenieure der University of Pennsylvania eine
Maschine für die Berechnung der Flugbahn von
Artilleriegeschossen. Ihr Werk - ENIAC (Electronic
Numerical Integrator and Computer) - stellte eine
wichtige Entwicklung in der Computertechnologie dar,
obwohl sie nicht den Bestrebungen der Alliierten
diente. Es wurde nur wenige Wochen nach Kriegsende vorgestellt.
Nach den Siegen in Europa und Japan wandten die
amerikanischen Militärplaner ihre Aufmerksamkeit den
neuen Feinden in der Zeit des Kalten Krieges zu,
vorwiegend der Sowjetunion, aber auch China (damals
als Rotchina bekannt). Die drei Teilstreitkräfte des
amerikanischen Militärs vergaben Arbeit aus dem
Bereich der Betriebsforschung an Universitäten und
gemeinnützige Vereinigungen.
Dies führte unter
anderem zur Gründung des vom Franklin Institute
verwalteten Center for Naval Analysis in Philadelphia
(Pennsylvania), des der Johns Hopkins University in
Baltimore (Maryland) unterstehenden und vom Heer
geförderten Betreibsforschungsbüros sowie - vielleicht
am effektivsten - der RAND Corporation, des wichtigsten Beratungsgremiums der US-Luftwaffe. RAND,
ursprünglich ein technisches Anhängsel der Douglas
Aircraft Company aus Santa Monica, trennte sich 1948
von dem Flugzeughersteller und wurde nach kalifornischem Gesetz als gemeinnützig eingestuft (der

Seite 2

Name RAND ist ein Acronym für Research und
Development - Forschung und Entwicklung). Das
ursprüngliche Budget in Höhe von 3 Millionen Dollar
stammte vorwiegend von der US-Luftwaffe. Bruce
Smith, einem in Harvard ausgebildeten Politologen
zufolge, der in den sechziger Jahren für RAND
arbeitete, konnte die Luftwaffe - der jüngste und am
wenigsten traditionsgebundene Zweig des Militärs "leichter mit neuen Organisationsformen experimentieren".
Am 4. Oktober 1957, einem Freitagabend, wurden die
Analysten von RAND, Vertreter des US-Verteidigungsministeriums und die amerikanische Öffentlichkeit
durch Sputnik I wachgerüttelt. Die Sowjetunion ließ
Sputnik einen weiteren Satelliten folgen, der den Hund
Laika an Bord hatte. Es spielte keine Rolle, daß Laika
nicht aus dem All zurückkam - Amerika hatte erwartet,
als erstes Land in den Weltraum zu fliegen. Das
Image der Nation als technologische Supermacht und
seine angebliche Führungsrolle im Kalten Krieg waren
stark erschüttert. Am furchterregendsten war, daß
Amerikas Städte plötzlich anfällig für sowjetische
Angriffe zu sein schienen. Einer der Verfasser dieses
Artikels war ein tüchtiger junger Reporter, der während der Aufregung um den Sputnik für den International News Service aus dem US-Verteidigungsministerium berichtete. Er erinnert sich noch an den
überhitzten Aufmacher seines Artikels am folgenden
Samstag, der von Zeitungen im ganzen Land groß
herausgebracht wurde: "Dieselbe sowjetische Rakete,
die am Freitag einen Satelliten ins All brachte, kann
einen ballistischen Interkontinalraketengefechtskopf
nach New York und Washington schießen..."
In Panik wurde alles neu überprüft. In der Hoffnung
auf Absolventen, die bessere Ideen als die Sowjets
hätten, schraubten High-Schools und Colleges ihre
Anforderungen bei Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern nach oben. Der Rektor der
Harvard University, James Bryant Conant, äußerte
Eltern gegenüber, sie sollten ihre Kinder ermahnen:
"Um Euer selbst und um der Nation willen - macht Eure
Hausaufgaben". Der "Wettlauf im Weltraum" (auch als
"Raketenlücke" bezeichnet), hatte ebenfalls Auswirkungen auf den Haushalt der Universitäten. Das
Verteidigungsministerium rief eine weitere Betriebsforschungsgruppe ins Leben - das Amt für hochentwikkelte Forschungsprojekte (Advanced Research
Projects Agency - ARPA) und beauftragte es mit der
Verteilung von Forschungsgeldem im Hochtechnologiebereich.
Zu den obersten Prioritäten von ARPA zählten
Führungs- und Kommunikationsprojekte für den
Kriegsfall (von Kriegsplanern als "C3" - für "command,
control und communication" - bezeichnet).
Das
Verteidigungsministerium wollte Computer nicht nur im
Pentagon, sondern auch an der Front einsetzen.
Sperrige, unhandliche Zentraleinheiten, wie es sie

AMERIKA DIENST 02

�damals gab, waren für das Schlachtfeld ungeeignet,
weshalb das ARPA eine Kommunikationslösung
ersann. Von einem Arbeitsplatz auf dem Schlachtfeld
entsandte Signale, die einen Großrechner im Hauptquartier erreichen sollten, mußten von der Leitung über
Funk zu einem Satelliten und zurück übertragen
werden. Das war einmalig. Tatsächlich beinhaltete
damals das meiste Computer-Timesharing Transport
anstelle von Kommunikation: Computerspezialisten
tippten ihre Arbeit auf Papierstreifen oder Lochkarten
und schickten sie dann an das nächste Computerzentrum.
Gleichzeitig vergruben sich die Kommandostellen
Amerikas im Namen von C3 sowie der "atomaren
Überlebensfähigkeit" im Untergrund. NORAD, das
Hauptquartier für Luftverteidigung, grub ein Kontrollzentrum in einen Felsen in Colorado. In Washington
wurden Pläne für den Fall eines Atomkrieges geschmiedet, in denen eine Evakuierung des Präsidenten sowie hochrangiger Regierungsvertreter in
hochgeheimen, abgesicherten Zufluchtsorten in den
Catoctin-Bergen im nahegelegenen Maryland vorgesehen wurde, während sich alle 535 Kongreßabgeordneten in einem komplizierten Komplex unter dem
Greenbrier Hotel in White Sulphur Springs (West
Virginia) verkriechen sollen. Aus diesen unterirdischen
Verstecken würden die Regierungsmitglieder die
Nation - oder was von ihr übrigbliebe - regieren.
Die Notwendigkeit einer Kriegsplanung durch das
Militär und die Forschungsinteressen von Computerspezialisten näherten sich immer mehr aneinander an.
Das Pentagon bat RAND um eine Analyse zur Kommunikationsfähigkeit des Militärs nach einem Atomkrieg (per Telefon sowie mit Datenschaltungen). Das
existierende Telefonnetz schien einer solchen Aufgabe
nicht gewachsen. Bei jedem Anruf schlössen die
Schalter im Netz eine Verbindung zwischen den
beiden Parteien; wenn ein Teil des Schaltkreises
unterbrochen wurde - sei es durch eine ballistische
Interkontinentalrakete oder einen verirrten Bagger mußte die Verbindung ganz neu wiederhergestellt
werden.
Die von Paul Baran, der für die Luftwaffe arbeitete,
entwickelte Lösung von RAND war ein Netz, das
Schaden umgehen und die Kommunikation fortsetzen
konnte. In einem solchen System, schrieb Baran,
"würde es keinen klaren zentralen Führungspunkt
geben, aber alle verbleibenden Punkte könnten im
Falle eines Angriffs an irgendeiner Stelle durch
redundante Anschlußfähigkeit den Kontakt neu
knüpfen". Der Schlüssel für die Schaffung dieses
überlebensfähigen Versorgungsnetzes wurde später
als Paketschaltung bekannt.
Mit Hilfe der Paketschaltung, wie Baran und andere sie
sich vorstellten, hätten Computer kein Monopol auf
einen Schaltkreis für die Dauer ihrer Kommunikation,

AMERIKA DIENST 02

wie das beim Telefon der Fall ist.
Stattdessen würden die Informationen in kleine Pakete
aufgesplittert, die in einem Strom mit anderen Paketen
fließen, die alle genügend Informationen tragen, um ihr
Ziel zu finden. Pakete mit einer einzigen Information
können unterschiedliche Wege zum Ziel finden. Wenn
ein Paket nicht durchkommt, wird der Adressat den
Sender benachrichtigen, es erneut zu schicken. Wenn
alle Pakete angekommen sind, setzt der Adressat die
Botschaft wieder zusammen. Dieser Ansatz wäre
langsamer als ein zugewiesener Pfad zwischen zwei
Punkten, aber er wäre sehr viel stabiler. Wenn eine
Verbindung zusammenbricht, würden die Informationen selbst den Umweg finden. Die "Intelligenz" des
Systems läge im Computer des Nutzers und in den
Paketen selbst, nicht in zentralisierten, verletzlichen
Schaltzentralen.
Baran bei RAND führte die Grundlagenforschung zu
Paketschaltungen durch, aber ein Großteil seiner
Berichte waren klassifiziert. Donald Davies vom
National Physical Laboratory in Großbritannien legte
unabhängig davon dasselbe Allgemeinkonzept vor und
steuerte das Wort "Paket" für die Informationsbestandteile bei. Auch andere Forscher begannen, sich auf
die Idee einer Architektur für Paketschaltungen zu
konzentrieren.
ARPA gefiel diese Idee, insbesondere dem FührungsForschungsbüro, das von dem Computerwissenschaftler J.C.R. Licklider geleitet wird. In den sechziger Jahren wurde ARPA zum Vorreiter der Computerforschung, ein Medici neben dem mathematischen
Michelangelo.
Das Amt finanzierte Forschungsarbeiten für die zahllosen Aspekte der Hardware- und
Softwareentwicklung, darunter Graphiken, Simulationen, Cyberhelme, Parallelverarbeitung und Vernetzung. Mit ARPA-Stipendien wurde Mitte der sechziger
Jahre der mächtigste Computer produziert, der ILLIAC
IV der University of Illinois, sowie praktisch die gesamte künstliche nachrichtendienstliche Forschung in
den sechziger Jahren. "Weit davon entfernt, böse
Kriegstreiber zu sein", erklärte der Computerwissenschaftler Eugene Miya etwas defensiv, "haben sie gute
Arbeit geleistet."
Miya und andere Hacker (der Begriff hatte damals
keine negative Konnotation) waren echte Verweigerer
und versuchten, sich von den Strömungen der Opposition gegen den Vietnamkrieg zu isolieren, die sich in
vielen Campussen breit machten. Obwohl ihre Arbeit
fast ausschließlich vom "bösen" Pentagon finanziert
wurde (eine der prominentesten Persönlichkeiten der
digitalen Revolution der neunziger Jahre erklärte uns,
95 Prozent seines Budgets in den entscheidenden
ersten Jahren seiner Labortätigkeit kamen vom Militär),
bestanden die Computer-Wissenschaftler weiterhin
darauf, daß die Finanzierung durch das ARPA sie
nicht zum Bestandteil des militärisch-industriellen

Seite 3

�Komplexes machte. Ich möchte glauben", sagte der
Computerwissenschaftler Alan Periis später, "daß die
Aufgabe des Militärs in der Unterstützung des ARPA
besteht, und der Zweck des ARPA die Unterstützung
von Forschung ist."
Als Teil dieser Unterstützung stimmte das ARPA der
Finanzierung eines experimentellen Computernetzes
zu. Das Netz, so hofften Vertreter von ARPA, würde
die Durchführbarkeit einer ferngesteuerten Sammlung
von Daten vom Kriegsschauplatz demonstrieren und
das Potential eines militärischen Kommunikationsnetzes in der Zeit nach dem Weltkrieg testen. Darüber
hinaus könnten dank des Netzes Forscher in allen
Teilen der Welt die wenigen Supercomputer des
Zeitalters nutzen, so daß das Verteidigungsministerium
nicht einen für jeden Vertragsnehmer kaufen müßte.
1968 holte ARPA Angebote für ein erweiterungsfähiges Netz ein, das vier Standorte verbinden sollte,
die bereits ARPA-Forschung durchführten: Die
Campusse der University of California in Los Angeles
(UCLA) und Santa Barbara (UCSB), das Stanford
Forschungsinstitut (SRI) in Stanford (Kalifornien) und
die University of Utah in Salt Lake City.
Während die Angebote eingingen, kam eine Handvoll
von Vertretern dieses vorgeschlagenen ARPAnetKnotens zusammen, um die Zukunft zu erörtern. "Wir
hatten viele Fragen", erinnerte sich Stephen D.
Crocker, zu jener Zeit im Abschlußsemester an der
UCLA. Man fragte sich, wie die Computer vernetzt
würden und was sie leisten könnten. "Keiner hatte
Antworten, aber die Aussichten schienen aufregend."
Die Männer entschieden sich, mehr Treffen einzuberufen. Die Netzwerk-Arbeitsgruppe, wie sie sich
nannte, erwies sich als so fließend und nichthierarchisch, wie das Internet selbst letztlich sein würde.
"Wir hatten keine offizielle Charta", stellte Crocker fest.
"Die meisten von uns standen kurz vor dem Examen,
und wir erwarteten, daß eine professionelle Crew
auftauchen und dann übernehmen würde...". Natürlich
gab es keine Veteranen. Die Studenten und Professoren mußten ihr eigenes Team bilden.
Der Konstruktionsvertrag für das ARPAnet wurde an
Bolt Beranek &amp; Newman (BBN) vergeben, eine in
Cambridge (Massachusetts) ansässige Forschungsfirma mit engen Verbindungen zum MIT. BBN schickte
die neue Kommunikations-Software im August 1969 an
die UCLA und im Oktober an das SRI. Bei einer
Vorführung im November tauschten die beiden
Maschinen in Kalifornien Daten aus. Das erste
Fernnetzwerk für Paketschaltungen war in Betrieb.
Ende des Jahres waren alle vier Netzknoten online.
Zu diesem Zeitpunkt beginnt der prominente Computerwissenschaftler Vinton Cerf, den The New York
Times als den Vater des Internet bezeichnete, eine
führende Rolle in der Erzählung einzunehmen. 1943
in New Haven (Connecticut) geboren, wandte Cerf der

Seite 4

Yale University den Rücken, studierte Mathematik an
der Stanford University und ging dann an die UCLA,
wo er seinen Magister in Computerwissenschaften
erwarb und promovierte. 1969 arbeitete Cerf als
graduierter Student beim Netzwerk-Meßzentrum der
UCLA und beobachtete, wie das ARPAnet mit vier
Knoten funktionierte - und was man tun mußte, damit
es abstürzte. "Wir haben das Netz oft mit Belastung
zum Absturz gebracht", erinnert sich Cerf.
Bald arbeitete er mit Robert Kahn zusammen, einem
Mathematikprofessor am MIT, der eine Gastprofessur
am BBN hatte. Cerf und Kahn entwickelten eine Reihe
von Software-Trotokollen", mit denen unterschiedliche
Computer trotz variierender Paketgrößen und Computergeschwindigkeiten Pakete austauschen konnten.
Das Ergebnis - TCP/IP - wurde 1973 veröffentlicht (zu
der Zeit unterrichtete Cerf in Stanford). TCP - Transmission Control Protocol (Transmissions-Kontroilprotokoll) - wandelt Informationen in Paketströme um
und setzt sie wieder zusammen. IP - Internet Protocol
(Internet-Protokoll) - transportiert die Pakete über
verschiedene Knoten, sogar über verschiedene Arten
von Netzen. Ebenso wie TCP/IP für eine ganze "Reihe
von Protokollen" - nicht nur diese beiden - steht, hatte
auch das Internet mehrere Väter. Cerf schreibt das
Verdienst der Erfindung des uns heute geläufigen
Computernetz-Kommunikationssystems vielen Personen zu , "Tausenden inzwischen".
Nachdem er 1977 von Stanford zum ARPA gegangen
war, das damals DARPA hieß - das D für "Defense"
(Verteidigung) wurde 1972 hinzugefügt - arbeitete Cerf
an einer anderen Art von Verbindungen. Von einem
Kleinbus, der die Autobahn an der San Franciso Bay
entlangfuhr, sendete ein Computer Informationen, die
per Paket über Radio, Satellit und Landlinien insgesamt 150.400 km zurücklegten. "Wir haben überhaupt nichts verloren", erinnerte sich Cerf später. Das
Projekt demonstrierte, daß Computer vom und zum
Kriegsschauplatz kommunizieren können. ARPA
finanzierte nicht länger reine Computerforschung.
DARPA bestand jetzt auf "militärisch interessanten" wie Cerf es bezeichnete - Projekten wie diesem. Cerfs
C3 Innovation kam zum Ende des Kalten Krieges eine Reminiszenz an ENIAC, das am Ende des
Zweiten Weltkriegs geliefert worden war.
Cerf hat seit seiner Geburt einen gravierenden Gehörschaden und trägt seitdem er 14 war ein Hörgerät. Es
war daher ein glücklicher, aber passender Zufall, daß
sein TCP/IP das heute so populäre textgestützte
Netzkommunikationssystem ermöglichte, einschließlich der elektronischen Post (E-Mail), Diskussionslisten, Dateiindexierung und Hypertext. E-Mail ist
natürlich der am meisten benutzte, praktischste und
funktionellste Netzdienst.
Ray Tomlinson von BBN wird das Verdienst zugeschrieben, die Software erfunden sowie 1972 und

AMERIKA DIENST 02

�1973 die ersten E-Mail-Nachrichten über das ARPAnet
verschickt zu haben. Zuerst benutzten die Wissenschaftler die E-Mail zur Zusammenarbeit bei Forschungsprojekten. Ihre Computergespräche wurden
so geführt, wie es sich für ein ernsthaftes O.R.-Projekt
gebührt, das seinen Ursprung in sowjetisch-amerikanischen militärischen Rivalitäten hatte. Man mußte
auch Regeln befolgen. ARPA begrenzte die Nutzung
des Netzes auf Dienstsachen. Darüber hinaus waren
einige Anwender besorgt, daß das Versenden persönlicher Nachrichten per E-Mail irgendwie das Postgeheimnis verletzen könnte. "Ihr werdet binnen Kürze
im Gefängnis landen", warnte Paul Baran von RAND
seine Kollegen.
Bald machte sich jedoch eine Hacker-Manier unter den
graduierten Studenten breit. Die Software für Versandlisten gestattete großen Gruppen von Menschen die
Erörterung gemeinsamer Interessen und machte die EMail sowohl zu einem Massenmedium als auch zu
einer Verbindung von Punkt zu Punkt. Die erste Liste,
SF-LOVERS, verband Science-fiction-Fans. "ARPA
war ziemlich liberal ... aber manchmal wurde ein
Machtwort gesprochen", erinnerte sich Bernie Cosell,
ein früher ARPAnet-User später. Als das Management
von ARPA sich beschwerte, wurde SF-LOVERS
eingestellt, nur um einige Monate später wieder
aufzutauchen, nachdem die Benutzer ARPA davon
überzeugen konnten, daß die Versandliste dem
elementaren Zweck der Erprobung der Versandkapazität des Netzes diente. Bald enthielt das Netz
Rubriken wie NETZ-HACKER, WEINTESTER und eine
ganze Reihe anderer Versandlisten. ARPA hatte sich
seit C3 enorm weiterentwickelt. Der Science-fictionSchriftsteller Bruce Sterling kleidete das Phänomen am
besten in Worte: Es war "als ob ein grausiger Falloutschild sich geöffnet hätte und ein ganzer Karnevalszug
herausgekommen wäre".

*

AMERIKA DIENST 02

Mitte der achtziger Jahre verband TCP/IP das ARPAnet mit anderen Netzwerken, darunter das NSFnet der
National Science Foundation, einer weiteren Bundesbehörde, und Usenet, das von graduierten Studenten
an der University von North Carolina (Raleigh) und der
ebenfalls in North Carolina (Durham) gelegenen Duke
University entwickelt worden war. Das Ergebnis wurde
erst ARPA-Internet, dann einfach das Internet genannt. ARPAnet wurde aufgeteilt, wobei die militärische Kommunikation auf das MILNET ging und die
Computerforscher schließlich ARPAnet vollständig
übernahmen. ARPAnet wurde 1990 geschlossen und
NSFnet wurde im April vergangenen Jahres eingestellt.
Die am meisten befahrenen Routen der Datenautobahn sind jetzt in privater Hand. Praktisch alle Netze
benutzten die TCP/IP-Sprache. "Ich bin sehr stolz auf
die Tatsache, daß das Internet sich an die Spitze aller
in den vergangenen 12 Jahren erfundenen Kommunikationsfähigkeiten katapultiert hat", äußerte Cerf 1994
gegenüber Computerworld. "Ich finde, das ist keine
schlechte Leistung."
Er schieb auch Hacker-Gedichte. Als ARPAnet im Juni
1990 eingestellt wurde, merkte es kaum jemand.
Andere Elemente des Internet übernahmen nahtlos
alle seine Funktionen. Cerf schrieb ein "Requiem für
das ARPAnet". Es endet folgendermaßen:
"Nun verweile einen Augenblick mit
mir, vergieße ein paar Tränen. Im
Gedenken an die gute alte Zeit, die
Liebe, die vielen Jahre treuen Dienstes und die geleistete Arbeit weine
ich. Leg'jetzt dein Paket nieder, mein
Freund, und schlafe."

*

Seite 5

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12538">
              <text>25.01.1996</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12539">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12540">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12541">
              <text>Amerikadienst 25.01.1996</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12542">
              <text>&lt;strong&gt;1. Lage der Nation&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: USA setzen sich für Weltfrieden ein&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Bericht zur Lage der Nation&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Haushalt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ausgeglichener Haushalt liegt in Reichweite&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Präsidenten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Führungsrolle für das nächste amerikanische Jahrhundert&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Außenminister Christopher&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. PFF&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Perry: PFF könnte dem Marshallplan vergleichbare Wirkung haben&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Verteidigungsministers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Datenautobahn&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Entstehungsgeschichte des Internet&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Edwin Diamond und Stephen Bates&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
