<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2422" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2422?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T02:54:49+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2433">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/32ed62c21587032bed733641bd51af0a.pdf</src>
      <authentication>6ba27ccb0ac738deeb51633022996b6a</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="12537">
                  <text>cimcrikci
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
01

10. Januar 1996

BOSNIEN

PERRY, SHALIKASHVILI: FRIEDENSMISSION IN BOSNIEN VERLÄUFT
REIBUNGSLOS
Pressekonferenz in Tuzla

WTO

EINE BILANZ DER WTO - POSITIV ABER
NOCH NICHT PERFEKT
Erklärung des
Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten

FRAUEN

VOICE - DIE STIMME DER FRAU
von Tony Case

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
10. Januar 1996

Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien
verläuft reibungslos
Pressekonferenz in Tuzla
TUZLA - (AD) - Dem amerikanischen Verteidigungsminister William Perry und dem Vorsitzenden der Vereinigten
Stabschefs, General John Shalikashvili, zufolge ist der amerikanische Teil der NATO-Friedensmission erfolgreich.
Im Anschluß an eine zweitägige Inspektion erklärten Perry und Shalikashvili gegenüber Reportern, die amerikanischen Friedenstruppen führten ihre Mission ausgezeichnet aus und die Parteien in Bosnien leisteten beträchtliche Unterstützung.
Nachfolgend veröffentlichen wir das Transkript der Pressekonferenz, an der auch der Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte, Generalmajor William Nash, und der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa der NATO,
General George Joulwan, teilnahmen.

Verteidigungsminister Perry: Dies waren zwei äußerst erfolgreiche und effektive Wochen. Wir haben
sehr viel größere Fortschritte erzielt, als wir alle für
möglich gehalten hätten, und die Operation ist aus
zwei Gründen sehr viel reibungsloser abgelaufen, als
wir erwartet hatten. Erstens - und das scheint mir der
wichtigste Grund - halten alle bisher kriegführenden
Parteien das Friedensabkommen ein. Sie halten es
nicht nur ein, sie nehmen nicht nur von allem Abstand,
was das Abkommen beeinträchtigen könnte, sondern
sie kooperieren aktiv mit der Friedenstruppe IFOR. In
der Tat könnte man sagen, die NATO-Streitkräfte wurden von allen Parteien freundlich aufgenommen. Es
ist ein sehr positives Zeichen, daß die NATO-Streitkräfte als Freunde empfangen werden, die sie tatsächlich sind. Das stimmt mich optimistisch bezüglich der
Zukunft Bosniens. Ich glaube, die Parteien hier sind
des Krieges und des Tötens müde und bereit, den Haß
zu begraben, mit dem Wiederaufbau des Landes zu
beginnen und eine Zukunft für ihre Kinder und Kindeskinder aufzubauen. Es ist jedoch der zweite Grund,
aus dem die Operation so reibungslos abgelaufen ist:
Aufgrund der Kompetenz und des Engagements der
NATO-Streitkräfte, die ins Land gekommen sind.
Ich habe heute einen Großteil meiner Zeit bei den
amerikanischen Truppen verbracht. Ich möchte kurz
darüber sprechen. Unsere Truppen sind wirklich professionell. Sie haben ihre Kompetenz, ihr Geschick

AMERIKA DIENST 01

und ihre erstaunliche Energie unter Beweis gestellt.
Das habe ich natürlich erwartet, aber ich war überrascht von der Stimmung, in der sie ihre Arbeit unter
sehr schwierigen Bedingungen ausführen. Sie sind
guter Stimmung und voller Humor. Was die meisten
von uns als Probleme angesehen haben, sehen sie als
Herausforderung.
Gestern abend sprach ich mit Oberstabsfeldwebel
Hobbs am Ausladebahnhof in Taszar. In den vergangenen Wochen wurden 800 Zugladungen abgefertigt.
Er bezeichnete das als "die Herausforderung am Ausladebahnhof". Diese Formulierung gefiel mir ausgezeichnet. Heute morgen habe ich mit Oberst Steve
Hawkins und seinen Truppen an der Brücke an der
Save gesprochen. Sie bezeichneten es als die "Herausforderung am Fluß" - die sie bewältigt haben.
Ich glaube, die amerikanischen Soldaten, die ich gestern und heute getroffen habe, kann man am besten
damit charakterisieren, daß sie wirklich Mumm haben.
Und meine Reaktion als Verteidigungsminister ist, daß
ich sehr stolz auf das amerikanische Militär bin. In der
Tat können alle Amerikaner sehr stolz auf ihre Truppen
und ihre Leistung in Bosnien sein. Sie bewältigen die
anspruchsvolle, schwierige Aufgabe, diesem tragischen Land Frieden zu bringen. Und sie tun es in guter Stimmung. Die Operation an der Save war ein Tribut an die Stimmung der amerikanischen Soldaten, die

Seite 1

�enorme Probleme beim Bau der Pontonbrücke überwanden, damit die Panzer darüberrollen konnten.

waffe hier, das vor allem mit den Logistikern des Heeres zusammenarbeitet.

Das schlechte Wetter ist jedoch noch nicht vorbei, und
daher liegt noch weitere Arbeit an der Brücke über die
Save vor uns. Wir werden uns ihr mit uneingeschränkter Aufmerksamkeit widmen, und so lösen wir ein Problem nach dem anderen.

Sie sind jetzt wieder ungefähr im Zeitplan. Sie versuchen herauszufinden, wie sie die Streitkräfte durch
Belgrad bringen können. Sie kommen gleichzeitig auf
dem Luftweg, mit Zügen und auf dem Landweg nach
Bosnien.

Die Minen stellen ein weiteres Problem dar. Wir wurden heute ausführlich darüber unterrichtet, was getan
wird, um die Minen zu lokalisieren, identifizieren und zu
räumen sowie über die Vorkehrungen, die die Soldaten
bei ihrer Räumung treffen. In diesem Zusammenhang
möchte ich erwähnen, daß uns die ehemals kriegführenden Parteien sehr bei dieser Arbeit unterstützen,
indem sie uns Karten zur Verfügung stellen, die zeigen, wo die Minen lokalisiert sind, und mit der Räumung der Minen begonnen haben. Als wir heute von
der Save zurückflogen, sahen wir übrigens eine kroatische Minenräumeinheit.

Verteidigungsminister Perry: Ich möchte General
Shalikashvili bitten, etwas zu Ihnen und der amerikanischen Öffentlichkeit zu sagen.

Das Problem der Minen wird weder in dieser Woche
noch in diesem Monat gelöst sein. Es erfordert beständige Aufmerksamkeit. Und ich glaube, unsere Zeit
in Bosnien wird dadurch charakterisiert, daß wir ein
Problem nach dem anderen lösen. Aus diesem Grund
sind zwei Dinge so wichtig: Erstens die Zusammenarbeit, die wir von den Parteien hier erfahren, und
zweitens die Kompetenz und das Engagement der
Truppen, die diese Probleme bewältigen.
Frage: Herr Verteidigungsminister, können Sie etwas
zu den logistischen Operationen sagen, die auf dem
Stützpunkt hier vorgenommen werden?
Verteidigungsminister Perry: Natürlich werde ich die
Frage gerne beantworten, aber General Joulwan ist
hier. Ich möchte ihn bitten, dazu Stellung zu nehmen.
Die logistischen Operationen sind enorm. Ich war außerordentlich beeindruckt von der Kompetenz und
Energie, die hinter diesen logistischen Operationen
stecken.
General Joulwan: Ich möchte nur hinzufügen, wenn
Sie die Statistiken darüber erhalten, was unsere Truppen hier mitten im Winter in einer äußerst schwierigen
Region Europas geleistet haben, werden Sie beeindruckt sein von den Millionen Tonnen, die hier abgeladen wurden, von den Hunderten Flugzeugen, die
gelandet sind und von der Flexibilität der Statistiker
beim Einsatz der Flugzeuge, besonders der C-17, um
die verlorenen Tage wettzumachen. Es ist wirklich
Teamarbeit. Wir haben ein TALCE-Team der US-Luft-

General Shalikashvili: Vielen Dank, Herr Verteidigungsminister. Auch ich möchte meinen Stolz über
jedes Mitglied dieses Superteams zum Ausdruck bringen. Wir sprechen so häufig über die ausgezeichnete
Leistung der Männer und Frauen in Uniform der Vereinigten Staaten und der NATO. Aber sie müssen
einmal in ein Umfeld wie dieses kommen. Sie müssen
über die Brücke gehen, über die sie gegangen sind über die Save - um zu erkennen, wie gut sie sind und
wie gut ihre Stimmung ist, selbst unter so widrigen
Bedingungen. Als Mann in Uniform bin ich außerordentlich stolz darauf, Mitglied einer solchen Organisation zu sein.
Das Zweite, das ich erwähnen möchte, ist, daß wir uns
wirklich um diejenigen kümmern, die die Flugzeuge
fliegen, die Konvoys oder Feldlager wie dieses bewachen. Die von Ihnen gestellte Frage bezüglich der
Logistik erinnert uns jedoch daran, daß es leichter ist,
große Einheiten von einem Punkt zum anderen zu
verlagern und zum Einsatz zu bringen, als sicherzustellen, daß man sie von Anfang an während der guten
und der schlechten Tage versorgen kann.
Logistik ist daher der Schlüssel zu einer Operation wie
dieser, besonders wenn man bedenkt, daß sie erst vor
14 Tagen angelaufen ist und ein Jahr dauern soll. Es
hängt alles davon ab, wie gut wir die Logistik hier bewältigen. Wie General Joulwan äußerte, hatten wir
einen außerordentlich guten Start. Und ich bin äußerst
zuversichtlich, daß wir diese Streitmacht auf lange Zeit
versorgen können.
Was Verteidigungsminister Perry und ich hier während
der vergangenen beiden Tage gesehen haben, ist sehr
ermutigend im Hinblick auf das, was die Soldaten tun,
aber auch im Hinblick darauf, wie die ehemals kriegführenden Parteien reagieren und die Stimmung, mit
der sie diese Operation angehen. Wir wollen hoffen,
daß es so weitergeht, wie es begonnen hat.
Verteidigungsminister Perry: Ich danke Ihnen.

* * *

Seite 2

AMERIKA DIENST 01

�WTO
10. Januar 1996

Eine Bilanz der WTO - positiv, aber noch nicht perfekt
Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten
GENF - (AD) - Die vor einem Jahr gegründete Welthandelsorganisation (WTO) muß im kommenden Jahr ihre
Bestrebungen in verschiedenen schwierigen Bereichen intensivieren, wenn sie mit den Interessen und
Bedürfnissen ihrer Mitglieder Schritt halten will, erklärte der Stellvertretende US-Handelsbeauftragte Jeffrey
Lang am 13. Dezember 1995 in einer Rede vor dem Generalrat der WTO.
Die WTO wird ihr erstes Ministerratstreffen im Dezember 1996 in Singapur abhalten. Das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen (GATT), der Vorläufer der WTO, wird am 31. Dezember 1995 aufgelöst.
Lang zeigte sich besorgt, daß die WTO bislang ihren Entscheidungsfindungsprozeß nicht der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht und sich noch nicht auf einen moralischen Verhaltenskodex geeinigt hat.
Ferner drängte Lang bei der Welthandelsorganisation auf einen Abschluß der Verhandlungen zur globalen
Liberalisierung grundlegender Telekommunikationsdienstleistungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ausführungen von Jeffrey Lang im Wortlaut.
Vor zwei Jahren brachten wir gemeinsam die Uruguay-Runde zu einem erfolgreichen Abschluß. Vor
ungefähr einem Jahr wurde deutlich, daß wir die
erforderlichen Ratifizierungen erreicht hatten, damit
die Welthandelsorganisation (WTO) Anfang dieses
Jahres ihre Arbeit aufnehmen konnte. Jetzt entnehmen wir dem ersten Jahresbericht des Generaldirektors an die Mitglieder der WTO, daß der Organisation derzeit 112 Länder und Zollgebiete angehören.
Wer von uns hätte das vor etwas mehr als neun
Jahren, in Punta del Este, für möglich gehalten?
Dies ist um so unglaublicher, wenn man sich vor
Augen hält, daß die WTO - ebenso wie das GATT
vor ihr - keinen organisatorischen Ansatz auf der
Grundlage eines Modells der Vereinten Nationen,
sondern vielmehr eine bindende vertragliche Vereinbarung ihrer Mitglieder darstellt, die einen beträchtlichen Eintrittspreis fordert und eine fortdauernde
Verpflichtung zur Einhaltung einer Reihe von Regeln
mit sich bringt, die mit der Zeit in gleicher Weise auf
alle Mitglieder der Organisation angewandt werden.
Obwohl das große Drama schon zwei Jahre hinter
uns liegt, sollten wir nicht unsere gemeinsamen
Errungenschaften aus den Augen verlieren.

sehen die WTO als solide Grundlage für weitere
Schritte. Wir haben tiefgreifende Bedenken gegenüber solchen Übereinkünften, die nicht im Einklang
mit der WTO stehen und sind der Ansicht, daß man
solche, die im Einklang mit ihr stehen, nicht zu
fürchten braucht. Im Gegenteil: Sie sollten als eine
Herausforderung für das multilaterale System angesehen werden, mit den Interessen und Bedürfnissen
der Mitglieder Schritt zu halten. Unseres Erachtens
kann die WTO diese Herausforderung bewältigen,
aber es wird große Anstrengungen und harte Arbeit
auf allen Seiten erfordern, das WTO-System weiterhin als etwas anzusehen, das für alle seine Mitglieder
einen greifbaren Wert hat. Ich möchte hier sehr
direkt sein. Ein dynamisches, pulsierendes, offenes,
multilaterales Handelssystem bleibt für die handelspolitischen Ziele der Vereinigten Staaten von zentraler Bedeutung.
Bislang haben wir konkrete Fortschritte gemacht. Sie
waren jedoch bei weitem nicht perfekt. Im Vorfeld
des für kommenden Dezember in Singapur anberaumten ersten Ministertreffens müssen wir bedenken, daß noch viel harte Arbeit vor uns liegt.
Die vor uns liegende harte Arbeit

Wir sollten uns aber auch nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen.
Regionale Handelsübereinkünfte
werden offensichtlich immer beliebter. Diejenigen,
an denen die Vereinigten Staaten beteiligt sind,

AMERIKA DIENST 01

Ich möchte jetzt eine Bewertung unserer derzeitigen
Situation vornehmen.

Seite 1

�Bei institutionellen Fragen, die im ersten Jahr nach
der Gründung der WTO gelöst werden sollten,
haben wir gemischte Erfolge erzielt. Vom amerikanischen Standpunkt aus gesehen hätte es möglich
sein sollen, eine stärkere Gleichstellung der WTO
mit anderen internationalen Institutionen zu erzielen,
die in verwandten Bereichen Verantwortung tragen.

besteht". Wir müssen entsprechend dieser wertvollen
Schlußfolgerung handeln und sicherstellen, daß der
Ausschuß für Handel und Umwelt für das Treffen von
Singapur konkrete Ergebnisse hervorbringt. Das ist
zwar ganz offensichtlich für den Ausschuß nicht der
Endpunkt, aber zweifelsohne ein entscheidender
Punkt.

Ferner machen wir uns Sorgen darüber, daß es
nach so vielen Monaten noch immer nicht möglich
ist, unsere Beziehungen zu Nichtregierungsorganisationen zu definieren, den nutzlosen Schleier der Geheimhaltung zu lüften, der über unseren täglichen
Aktivitäten liegt oder uns auf einen moralischen
Verhaltenskodex zu einigen. Wenn wir die Arbeit in
diesen Bereichen - die für unsere Wählerschaft im
politischen und Privatsektor sichtbar sind - nicht bald
abschließen und umsetzen, werden die Institution
und das System darunter leiden.

Erfolgsgeschichten

Im Hinblick auf unerledigte Geschäfte müssen wir
ein sinnvolles und wichtiges Ergebnis der derzeitigen
Verhandlungen über grundlegende Telekommunikationsdienstleistungen sicherstellen. Hier handelt es
sich um ein Tätigkeitsfeld, das für unser politisches,
wirtschaftliches und soziales Wohlergehen von
zunehmender Bedeutung ist. Telekommunikation ist
das Nervensystem der Weltwirtschaft, und wir
können es uns nicht leisten, die Kontrolle über unser
Nervensystem zu verlieren.
Die Liberalisierung im Telekommunikationsbereich und das bedeutet Wettbewerb - ist für die weitere
Entwicklung ebenfalls wesentlich. Aufgrund der
neuen Technologien ist privater Wettbewerb jetzt
tatsächlich der direkteste Weg zu universellen
Dienstleistungen für alle Menschen. Wenn sich die
Mitglieder der WTO dieser Aufgabe nicht gewachsen
zeigen, erhalten viele WTO-Mitglieder möglicherweise keinen Zugang zu dieser Technologie und stellen
damit nicht nur ihre eigene Entwicklung, sondern die
universellen Dienstleistungen hintan - das Hauptargument für die Ablehnung der Liberalisierung.
Schließlich ist das Abkommen im Telekommunikationsbereich der erste Test dafür, ob die WTO die
sogenannten neuen Probleme, insbesondere die
Wettbewerbspolitik, angemessen angehen kann.
Im Vorfeld des Treffens von Singapur ist auch das
Verhältnis von Umwelt und Handel ein Gebiet, das
unsere volle Aufmerksamkeit verdient. Im Bericht
des Generaldirektors wird festgestellt, die Mitglieder
seien "der Ansicht, daß kein inhärenter Widerspruch
zwischen Schutz und Pflege eines offenen, nicht
diskriminierenden und gerechten multilateralen
Systems einerseits und Umweltschutz sowie der
Förderung nachhaltiger Entwicklung andererseits

Seite 2

Jetzt möchte ich mich unseren Erfolgen zuwenden.
Mit der neuen WTO haben wir einen neuen Generaldirektor bestellt. Die WTO muß, ebenso wie das
GATT, eine "von den Mitgliedern getragene Organisation" sein. Wir danken Ihnen für Ihre Bestrebungen, Herr Generaldirektor, diesen wichtigen Aspekt
der WTO immer wieder zu betonen. Ferner begrüßen wir die jüngste Entscheidung über die Einrichtung einer WTO-Schiedstelle. Es hat vielleicht lange
gedauert, bevor wir zu einer Schlußfolgerung gelangt
sind, aber das Endergebnis ist eine Schiedstelle mit
den hochrangigsten Vertretern, die wir hierfür bestellen konnten, sowie eine Gruppe, in die wir unser
gesamtes Vertrauen setzen können, damit sie mögliche Beschwerden über Entscheidungen eines
Schlichtungsgremiums hört.
Meines Erachtens sollten wir alle einen gewissen
Trost aus der Situation schöpfen, die im Hinblick auf
die Umsetzung substantieller Verpflichtungen unter
der WTO existiert. Es gibt einige Probleme, und
nicht jedes Mitglied ist allen seinen Verpflichtungen
nachgekommen - ein vorzügliches Beispiel hierfür ist
die Erfüllung der zahllosen Benachrichtigungserfordernisse. Wenn wir uns jedoch Landwirtschaft oder
Industrie, Dienstleistungen oder Waren und Güter
anschauen, wurden auf der ganzen Linie Fortschritte
erzielt.
Das Herz der WTO ist das neue System zur Schlichtung von Streitigkeiten. Viele erwarteten, daß die
Einführung der Schiedstelle Anfang dieses Jahres zu
einer Vielzahl neuer Aktionen zur Schlichtung von
Streitigkeiten führen würde, die das System nur unter
Schwierigkeiten absorbieren könnte. Wir müssen
mehr Fälle lösen als vorher, aber wir haben herausgefunden, daß das neue System positive Auswirkungen hat, indem es vor Klagen mit fragwürdiger
juristischer Berechtigung abschreckt und zur bilateralen Lösung von Problemen ermutigt, über die es
keinen Bericht des Gremiums gibt.

Blick auf Singapur
Das nächste Jahr wird der WTO neue Herausforderungen bringen, insbesondere auf Gebieten wie
TRIPS, das vielen Mitgliedern Schwierigkeiten

AMERIKA DIENST 01

�bereiten wird, die substantiellen Verpflichtungen des
Abkommens einzuhalten. Bei der Aushandlung des
Abkommens der Uruguay-Runde einigten wir uns
klugerweise darauf, daß für das Funktionieren der
WTO und die Umsetzung ihres Mandats eine regelmäßigere Einbeziehung von Ministern erforderlich
ist. Die erste solcher regelmäßig stattfindender
Gelegenheiten wird sich im kommenden Jahr in
Singapur ergeben. Das bedeutet, daß wir zu den
Ministertreffen einen etwas anderen Ansatz wählen
müssen als vorher zum GATT. Unseres Erachtens
erfordern die Vorbereitungen für Singapur große
Sorgfalt und Realismus, damit keine unvernünftigen
Erwartungen an das erste einer ganzen Reihe
regelmäßig stattfindender Ministertreffen gestellt
werden.
Wir werden durch den entstehenden
Konsens ermutigt, die Priorität für Singapur auf die
Umsetzung der Übereinkünfte der Uruguay-Runde
zu setzen. Wir können es uns jedoch nicht leisten,
gegenüber der Umsetzung einen zu engen Ansatz
zu wählen.
Ein wichtiger, aus der Umgestaltung des GATTSystems zur WTO resultierender Wandel war die
Errichtung der WTO als ständiges Verhandlungsforum und Ort für die Diskussion neuer Fragen.
Man braucht sich nur die beeindruckende "eingebaute Tagesordnung" anzuschauen, um zu sehen, daß
wir noch sehr viel Arbeit vor uns haben, um dem
nach dem Abschluß der Uruguay-Runde gesetzten
Kurs zu folgen. Gleichzeitig müssen wir jedoch
weiterhin in die Zukunft schauen. Welche Richtung
und welchen Kurs sollten wir verfolgen, wenn die
WTO über Singapur hinausschaut und die eingebaute Tagesordnung verfolgt?
Wir hoffen ebenso wie andere, im Laufe des kommenden Jahres an Diskussionen über die weitere
Tagesordnung für die WTO und die Entwicklung von
Arbeitsprogrammen teilnehmen zu können um zu
gewährleisten, daß die WTO lebensfähig und der
Mittelpunkt der Handelsliberalisierung bleibt. Während traditionelle Handelshemmnisse abgebaut
werden, müssen wir überlegen, wie die WTO zu
einer Verringerung der Korruption beim Handel

*

AMERIKA DIENST 01

beitragen kann. Unabhängige Organisationen äußern
jetzt, Korruption könnte heute das größte nichttarifäre
Handelshemmnis sein.
Die Vereinigten Staaten
verfügen über einige der unseres Erachtens konstruktivsten Ideen zu diesem Thema.
Ferner müssen wir die Wechselwirkung von Handelsund Arbeitsnormen erörtern. Es ist jetzt offensichtlich
geworden, daß eine solche Wechselwirkung existiert
und wir jetzt diese Frage erörtern können, ohne das
Risiko einzugehen, eine Entschuldigung für den
Importprotektionismus zu finden.
Zusammengenommen werden diese Fragen den
Generalrat 1996 mit der gewaltigen Aufgabe konfrontieren, die Notwendigkeit abzuwägen, wie eine
effektive Umsetzung der bereits für uns definierten
Arbeit sichergestellt und gleichzeitig eine WTO-Vision
für die Zukunft präzisiert werden kann. Unseres
Erachtens sind solide Vorbereitungen in Genf,
unterstützt von Arbeit zu Hause sowie zunehmender
Aufmerksamkeit von Regierungsvertretern in den
Hauptstädten der einzige Weg um sicherzustellen,
daß Singapur die Rolle der WTO im Handelssystem
wahrt.
Schlußbemerkung
Ich habe versucht, unsere Einschätzung allgemeiner
Trends zu präsentieren. Wenn ich einen bestimmten
Punkt nicht angesprochen habe, heißt das nicht, daß
er kein Anliegen der Vereinigten Staaten ist. Die
WTO ist viel zu kompliziert, um vollständig in eine
kurze Erklärung des Generalrates einbezogen zu
werden, und wir alle wissen, daß Einzelheiten beim
Handel wichtig sind. Wenn es aber noch ein Gebiet
gibt, das ich unbedingt ansprechen möchte, dann ist
es das des Aufnahmeverfahrens. Da der Beitritt zur
WTO für den Antragsteller - in mehr als einer Weise kostspielig ist, stellt sich die Frage, warum mehr als
20 wichtige Länder und Zollgebiete zu diesem
Zeitpunkt eine Mitgliedschaft in der WTO anstreben
sollten, wenn sie nicht davon überzeugt wären, daß
sie etwas Positives ist? Wir wollen sie nicht enttäuschen.

* * *

*

Seite 3

�FRAUEN
10.Januar 1996

Voice - Die Stimme der Frau
von Tony Case
(AD) - Die New Yorker Zeitung Village Voice ist im Hinblick auf die Einstellung von Frauen in ManagementPositionen außergewöhnlich. Der Verfasser dieses Artikels befaßt sich damit, wie Frauen bei dieser legendären
linksgerichteten Zeitung in mehr als die Hälfte der leitenden Positionen gelangten.
Tony Case ist Redakteur bei Editor &amp; Publisher.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 13. Mai 1995.
Copyright (c) 1995 Editor and Publisher Inc.

In einer Branche, die eindeutig eine Männerdomäne ist,
stellt Village Voice eine einzigartige Zeitung dar, bei
der über die Hälfte der Beschäftigten Frauen sind und
das Verhältnis von weiblichen zu männlichen Mitarbeitern drei zu eins beträgt.
Da die Geschichte der legendären linksgerichteten
New Yorker Wochenzeitung, die 1995 ihr 40jähriges
Bestehen feierte, untrennbar mit der Frauenbewegung
und anderen sozialen Kreuzzügen der sechziger und
siebziger Jahre verbunden ist, sind Frauen dort seit
langem vertreten. Aber erst in jüngster Zeit unternahm
die Zeitung bedeutende Schritte, damit Frauen in Ämter
mit wirklicher Macht gelangten.
Es stimmt, daß die Entscheidungsträger bei Voice,
zumindest auf wirtschaftlicher Seite - der Besitzer
Leonard Stern, der Direktor und Verleger David Schneiderman sowie der geschäftsführende Abteilungsleiter
William Dwyer - Männer sind.
Aber die Posten des Hauptgeschäftsführers, Vertriebsleiters, Chefredakteurs, Art-directors, des Leiters der
Abteilung neue Medien und Technologie, des Abteilungsleiters Werbung und Marketing, des Direktors
der Abteilung Kleinanzeigen, des Leiters von zielgruppenorientiertem Marketing und Werbung sowie des
Personalleiters sind mit Frauen besetzt.
Trotz vielzitierter Bestrebungen der Zeitungen zur
Förderung von Frauen und Einstellung von Minderheiten liest sich das typische Impressum immer noch wie

AMERIKA DIENST 01

das Mitgliedsverzeichnis eines ausschließlich weißen
Männern vorbehaltenen Clubs.
Untersuchungen zufolge hat die Branche in der Vergangenheit unstrittig nur wenige Frauen in Führungspositionen gebracht, obwohl die Geschichte von Voice
bemerkenswert ist.
Der jüngsten Umfrage der National Federation of Press
Women zufolge, die sich mit dem Stand der Frau in
dieser Branche befaßt, haben nur 19,4 Prozent der
Frauen bei amerikanischen Tageszeitungen leitende
redaktionelle Positionen inne, und nur 8,7 Prozent der
Zeitungsverleger des Landes sind Frauen.
Man könnte denken, der heftige Liberalismus der
alternativen Presse und die relative Neuheit des
Genres würden Frauen bei der Voice und ähnlichen
Zeitungen die Tür öffnen.
Wendy Eickmeyer, Vizepräsidentin der Berufsvereinigung Frauen im Kommunikationsbereich, beobachtet: "Alternative Zeitungen neigen zu Schärfe und
führen Trends an ... und sie sind weitaus moderner.
Sie bestehen noch nicht so lange wie die konservativen
Tageszeitungen, die sich hinter ihrer Geschichte
verschanzen und wo es extrem schwierig ist, Althergebrachtes zu überwinden."
Aber die Voice hebt sich von ihresgleichen und den
Tageszeitungen ab. Von den 94 Zeitungen, die dem
Verband alternativer Wochenzeitungen angehören - bei
dem Voice nicht Mitglied ist - haben nur 15 weibliche

Seite 1

�Chefredakteure, und 21 haben weibliche Herausgeber
oder Mitherausgeber.

"Es gibt dort nicht diese Atmosphäre wie im Umkleideraum für Männer."

Warum scheint die Voice Frauen gegenüber so aufgeschlossen zu sein?

Schneidermans Fortschrittlichkeit ist zum jetzigen
Zeitpunkt kaum anachronistisch zu nennen. Seave
bezeichnet ihn als "typischen Mann der neunziger
Jahre". Seine Philosophie entstand jedoch schon in
den Siebzigern, auf dem Höhepunkt der Frauenbewegung, als er direkt von der Johns Hopkins University
Stellvertreter der berühmten Redakteurin der New York
Times, Charlotte Curtis, wurde.

Manche, darunter die Chefin vom Dienst der Zeitschrift
New York, Sarah Jewler, die bei Voice dasselbe Amt
innehatte, vertreten die Theorie, es sei eine Frage der
Logistik: Manhattan biete mehr Chancen als andere
Teile des Landes, weil es dort mehr Publikationen und
eine größere Gruppe von Herausgeberinnen gebe.
Die Manager von Voice jedoch rechnen das dem
Herausgeber Schneiderman als Verdienst an, der ihnen
zufolge bei Einstellungen überhaupt nicht auf das
Geschlecht schaut. "David Schneiderman sieht keinen
Unterschied darin, ob eine Frau oder ein Mann für ihn
arbeitet", erklärt Generalmanagerin Ava Seave. "Und
weil ihm das gleichgültig ist, stellt er einfach nur die
Besten ein."
Seave räumt auch ein, daß die "gewissenhafte" - und
mächtige - Gewerkschaft der Zeitung "Einstellungen
entsprechend dem Verdienst, nicht entsprechend
kultureller Präferenzen" ermutigt.
Kathryn V. Thornton, Abteilungsleiterin für Anzeigen
und Marketing bei Voice, die bei zwei Tageszeitungen
in New Jersey sowie einem Unternehmen zur Entwicklung von Computer-Software für Zeitungen Führungspositionen innehatte, bezeichnete Schneiderman als
"etwas anders als die Verleger, für die ich gearbeitet
habe, da er und das Blatt sehr gut über unterschiedliche Lebensstile unterrichtet sind - die seltsame und
wunderbare Mischung von Menschen auf der Welt."
Das Ergebnis ist eine Atmosphäre, die weitaus weniger
von Testosteron bestimmt ist als an allen bisherigen
Arbeitsplätzen von Thornton.
"Es gab einige Vertreter der alten Schule, die mich
fragten: 'Was willst Du? Warum reicht Dir das nie aus?
Du solltest zu Hause in der Küche stehen'", erinnert
sich die leitende Angestellte. "Ferner wurde mir gesagt,
ich könnte für einen Job Geld bekommen - und ich
wurde in dieser Branche immer sehr gut bezahlt - aber
nicht notwendigerweise einen Titel, denn die Deals
würden in der Herrentoilette abgeschlossen." Solche
großspurigen Einstellungen werden in dem von Schneiderman geförderten frauenrechtlerischen Klima einfach
nicht geduldet.
"Eines der Dinge, die mir an der Arbeit hier gefallen,
besteht darin, daß man nicht an Sitzungen - selbst
wenn ausschließlich Männer zugegen sind - teilnimmt
und sich Scherze über Frauen oder schlüpfrige Witze
anhören muß", äußerte Schneiderman in einem Interview in den Büros von Voice im Herzen von Manhattan.

Seite 2

Schneiderman erinnert die bereits verstorbene Curtis
als einzige Frau mit wirklicher Autorität bei der Zeitung
zu derzeit, als sie die einzige Frau im Impressum war.
Tatsächlich war Curtis die erste Frau, die je im Impressum der Times aufgeführt wurde. (Obwohl die
Times in den letzten Jahren Wert auf Vielfalt gelegt hat,
sind heute nur zwei ihrer Top-Manager Frauen, und mit
einer Ausnahme sind es alles Weiße.)
Schneidermans erste Chefin übte spürbaren Einfluß
aus - nicht nur auf den jungen Redakteur, sondern auf
die Times und andere Tageszeitungen. Bevor sie die
redaktionelle Leitung übernahm, war Curtis eine
äußerst beliebte Gesellschaftsredakteurin, deren
herrlich witziger und geistreicher Stil unter Redakteuren
überall Nachahmung fand.
In ihrem Buch The Girls in the Balcony: Women,
Men and The New York Times beschrieb die ehemalige Times-Reporterin Nan Robertson Curtis als die
erste weibliche Medienberühmtheit der Zeitung.
Die Times sang ihr Lob in der Eigenwerbung, und in
Time, Newsweek, Cosmopolitan sowie im Fernsehen
erschienen Porträts von ihr.
"Ihre Arbeit war ihr Leben. Die Zeitung war ihr Leben.
Sie war immer im Dienst", äußerte Robertson über
Curtis, die sie "die Braut der The New York Times"
taufte.
Schneiderman weist darauf hin, daß er nicht von
vornherein die Absicht hatte, Frauen in leitende Positionen zu bringen, aber einige der interessantesten
Kandidaten für die Management-Riege waren Frauen.
Und natürlich, fügte er hinzu, schafft die Einstellung von
Frauen und Förderung ihrer Karriere ein für andere
talentierte und qualifizierte Frauen attraktives Umfeld.
Schneiderman bemerkt, daß er und andere - weibliche
- Manager von Voice sich, wenn sie zu Zeitungskongressen reisen, unweigerlich in einem Raum voller
Männer wiederfinden. Der einzige Grund für ihn, an
Konferenzen teilzunehmen, ist der, sich erneut vor
Augen zu führen, wie es in der Branche aussieht.
"Wir neigen dazu, dieses Umfeld hier für selbstverständlich zu halten", erklärte er. Aber die Voice ist der

AMERIKA DIENST 01

�Zeitungsberaterin und ehemaligen Herausgeberin von
Gannett, Nancy Woodhull, zufolge eher ein Vorbote als
eine Ausnahme. Im Journalismus gibt es diese entscheidende Masse gut ausgebildeter Frauen, sei es auf
der geschäftlichen oder der redaktionellen Seite, und
man kann so etwas bei mehr Zeitungen erwarten",
prognostiziert Woodhull. "Wenn man sich die Village
Voice anschaut, sieht man die Zukunft."
Nach Ansicht von Schneiderman sollte jeder, der
wirklich Frauen in Führungspositionen haben will, sich
Nike als Anhaltspunkt nehmen und "es einfach tun". Er
rät anderen Verlegern, alle Untersuchungen, Zusammenkünfte und Arbeitsgruppen zu vergessen und
einfach Frauen einzustellen. Eine Studie nach der
anderen in Auftrag zu geben, ist wertlos."
Nach Ansicht von Schneiderman ist es schlicht und
einfach ein gutes Geschäft, Frauen in Führungspositionen zu bringen. "Meiner - äußerst voreingenommenen
- Meinung nach ist dies ein gut funktionierender Ort mit
talentierten, fähigen Menschen im geschäftlichen und
redaktionellen Bereich, und wir haben gezeigt, daß dies
nahtlos möglich ist", so Schneiderman. "Das ist hier
nicht umstritten. Meines Erachtens ist das keine große
Sache."
Es wäre entsetzlich sexistisch - und dazu einfach falsch
- die Voice als eine Art von Utopie anzusehen, nur weil
sie von Frauen geführt wird. Schließlich handelt es sich
um die Voice, deren farbenfrohe Vergangenheit ebenso Unruhen unter den Mitarbeitern, Faust- und Gewerkschaftskämpfe beinhaltet wie linksgerichtete Ideale, den
Gründervater Norman Mailer sowie zwei Pulitzerpreise,
und wer hier arbeitet ist sehr stolz auf den streitsüchtigen, chaotischen Ruf der Zeitung.
Für Seave ist die Zeitung nicht besser oder schlechter,
nur weil an ihrer Spitze so viele Frauen stehen, sondern "zeugt lediglich von mehr Egalitarismus". Die
Management-Struktur mag vielleicht das Ergebnis der
fortschrittlichen Denkweise Schneidermans sein, aber
bei der Voice waren Frauen schon immer eine wesentliche Kraft.
Karen Durbin, die 15 Jahre lang für die Voice gearbeitet hatte und vor einem Jahr als Chefredakteurin
wieder dorthin zurückkehrte, nachdem sie bei der
Zeitschrift Mirabelle für das Feuilleton zuständig
gewesen war, erzählt, ein Drittel der Redaktionsmitglieder der Voice hätte aus Frauen bestanden, als sie
1974 zu der Zeitung gekommen sei, "und damals hatte
man das Gefühl, die Frauen würden das Zepter übernehmen". Sie erinnert sich, daß 1975, als ein zusätzliches Redaktionsmitglied eingestellt werden sollte,
verschiedene Mitarbeiter, einschließlich ihr selbst, eine
Frau für dieses Amt in Betracht zogen. Eine Journalistin rollte mit den Augen und stöhnte: "Oh nein, nicht
noch eine Frau. Wir werden von ihnen überrollt."

AMERIKA DIENST 01

Durbin war völlig verblüfft. Es gab zu diesem Zeitpunkt
nur drei andere Redakteurinnen, einschließlich ihr
selbst. Ich schaute mir das Impressum an und dachte:
"Werden wir das wirklich? Warum habe ich dann das
Gefühl, daß mein Geschlecht eine Belastung für mich
ist?"
Durbin - erst die zweite Frau, die je die Position des
Chefredakteurs innehatte; Marianne Partridge, jetzt
Redakteurin des Santa Barbara Independent in
Kalifornien, war die erste. Sie weist darauf hin, daß die
Voice mit ihrer "befangenen, künstlerischen Sensibilität" und "unkonventionellen, nicht sexistischen Geschichte" schon immer ein Forum für Journalistinnen
bot. "Damals hatten Zeitungen noch eine Frauenseite",
erinnert sich die Redakteurin. "Aber wir hatten Barbara
Long, die über Stierkämpfe schrieb."
In seinem Buch The Great American Newspaper: The
Rise and Fall of The Village Voice bezeichnete Kevin
Michael McAuliffe die Behauptung als "lächerlich", daß
der ursprüngliche Redakteur der Zeitung, Dan Wolf, ein
Sexist sei. Der Autor schrieb: "Wenn in der Tat etwas
Verallgemeinerndes über seine Laufbahn gesagt
werden könnte ... dann, daß Wolf Frauen bevorzugt für
Macht- und verantwortungsvolle Positionen einstellte."
Unter Wolf wurde ein gewisses Murren darüber laut,
daß keine der Redakteurinnen von Voice zum Stab
gehörte. Aber, so berichtete McAuliffe, von den vielen,
die Beiträge für die Zeitung lieferten, erfreuten sich nur
vier der Auszeichnung, zum Stab zu zählen. Darüber
hinaus hatte die Zeitung eine Frau als beigeordnete
Redakteurin und Lokalberichterstatterin, und viele
Frauen sind für den Wirtschaftsteil tätig.
Die Fernseh- und Pressejournalistin Joanna Wolper,
die während der siebziger Jahre für die politische
Berichterstattung der Voice zuständig war, erklärte, sie
hatte Probleme mit der feministischen Bewegung, die
das Jahrzehnt charakterisierte, weil sie bei der Zeitung
den gleichen Stand wie ihre männlichen Kollegen hatte.
"Da war ich, die 20jährige College-Studentin, und
berichtete über Mario Cuomo und Rikers Island, und
andere Frauen waren auf Zentralamerika spezialisiert",
stellte sie fest. "Ich fühlte mich nicht diskriminiert. Ich
wurde ermutigt, Journalistin zu sein und über Geschichten zu berichten, die als männliche Domäne erachtet
wurden."
Durbin erregte vor 20 Jahren Aufsehen als offene
Verfechterin des Feminismus. Die Übernahme der
Position als Redakteurin war jedoch eher wie ein
Sprung ins kalte Wasser.
Die Redakteurin Tina Brown wurde scharf kritisiert, weil
sie den seriösen New Yorker aufmöbelte, nachdem sie
1992 von Vanity Fair dorthin gewechselt hatte.

Seite 3

�Im Frühjahr 1994 war Durbin dran.
Trotz ihrer bekannten bisherigen Beiträge für Voice
rangen die New Yorker Medienbeobachter die Hände
und zeigten sich besorgt, daß Durbin - die ausgerechnet von einer Frauenzeitschrift kam - die Zeitung
verweichlichen würde.
Durbin würde sicherlich ausländische Berichterstattung
ablehnen, fürchteten die Beobachter, um ein Hochglanzmagazin zu schaffen. Es gab Gerüchte, sie
würde das intellektuelle Niveau der literarischen
Beilage VLS senken. Ein Nachrichtenredakteur war
angeblich besorgt, er würde im Kosmetikteil enden.
Viele von Durbins Kritikern fühlten sich bestätigt, als ein
föhnfrisierter Robert Redford in voller Größe und in
Farbe auf der Titelseite abgebildet war - wodurch man
die Voice dieser Woche kaum von People und anderen
vornehmlich über Prominente schreibenden Gazetten
unterscheiden konnte, die die Zeitungskioske überschwemmen.
Dann brachte die New York Post im Januar letzten
Jahres einen Artikel mit dem Vorwurf, Voice zeige unter
Durbins Leitung immer mehr Haut mit dem Hinweis, die
Zeitschrift habe mehrfach Bilder von nackten oder
spärlich bekleideten Damen auf der Titelseite veröffentlicht. Durbin erklärte, ihr habe das Geschwätz
mißfallen, das implizierte, sie sei "ein frivoles, dummes
Weibsbild".
Ihren Aussagen zufolge "war die Reaktion auf meine
Übernahme des Redakteurspostens mit enorm viel
Sexismus befrachtet. Ich hegte die übelsten Verwünschungen. Ich dachte ... Ihr könnt mich mal. Die
Zeitung wird es beweisen."
Die Redakteurin stellt klar, daß sie auf den Ruf von
Voice aufbauen, nicht ihn zerstören will. Sie hegt den
Wunsch, die "Lebensfreude und Pietätlosigkeit" wiederzuerwecken, die Anfang des Jahrhunderts charakteristisch für Voice war, in den achtziger Jahren jedoch
verloren ging.
Während der Reagan-Bush-Ära war die Wochenzeitung aus Durbins Sicht scheinbar "besessen von
Tod und Zerstörung". "Es schien, als ob die Zeitung ein
härenes Hemd zu tragen begann und ein Banner
schwenkte, auf dem stand: Bereue: Das Ende naht!'"
Der Medienkolumnist von Voice, James Ledbetter,
stellte fest: "Meines Erachtens machte Karen kein
Geheimnis daraus, daß sie die Zeitung ein bißchen
heiterer machen wollte. Sie und andere hatten das
Gefühl, die Zeitung sei zu düster, zu besessen vom Tod
und zu zynisch geworden. Sie sah es als Teil ihrer
Aufgabe, sie ein wenig mit anderen Elementen zu
beleben."

Seite 4

In einem letztes Jahr veröffentlichten langen Artikel
anläßlich der Übernahme von Durbin argumentierte die
New York, der "raison d'etre von Voice - nichts weniger als der Kampf um die Befreiung der Gesellschaft endete mit Eugene McCarthy".
Die Zeitung, so wurde behauptet, sei "wie der Großteil
des progressiven Amerika allmählich auf minutiöse
Beschreibungen von Herrschaftsmodellen reduziert
worden. Das heißt: Jammern.
Die Zeitung stellte fest, populäre Publikationen wie die
Times hätten begonnen, auf das Territorium von Voice
überzugreifen, und würden immer mehr Druckerschwärze für Popkultur und Schwulenprobleme aufwenden.
Durbin selbst gibt zu, daß sie Anfang der neunziger
Jahre praktisch aufgehört hatte, die Voice zu lesen.
"Sie gab mir nicht, was ich brauchte, vermittelte mir
nicht, was ich wissen wollte", erklärte sie.
Ledbetter argumentiert, die Leser würden immer noch
nicht alles erfahren, was sie wissen wollen. "Die
Berichterstattung der Zeitung, die einstmals ihre Stärke
war, hat nachgelassen."
Da die Wochenzeitung nur noch einen internationalen
Korrespondenten - James Ridgeway - habe, könne
dieser, so Ledbetter, "nicht die ganze Welt abdecken".
Und obwohl Frauenthemen bei der Voice zweifelsohne
breiter Raum eingeräumt wird, dauern Diskussionen
über die unzulängliche Berichterstattung über Frauen
und Minderheitengruppen - vor allem bei den Redakteuren - an.
Obwohl Durbin die Publikation leitet und eine Vielzahl
der Mitarbeiter und derjenigen, die Beiträge liefern,
Frauen sind, sind alle wichtigen politischen und Medienberichterstatter - einschließlich Ledbetter - weiße
Männer, was nach Ansicht des Kolumnisten nicht so
gut zur Besetzung der Nachrichtenzentrale paßt.
Die Feature-Redakteurin Lisa Kennedy hat das Gefühl,
Voice entspreche vielen Tageszeitungen dahingehend,
"daß die Zeitung sich auf eine gewisse Art von Maskulinität gründet: Das ist Journalismus. Journalist ist
derjenige, der die Story bekommt. Journalismus ist
Woodward und Bernstein. Journalismus ist eine heiße
Story, nicht laue Geschichten."
Kennedy - die Afroamerikanerin und offen lesbisch ist erwähnt die Ironie in den Idealen und Aktionen vieler,
die sich selbst als sozial bewußt erachten.
"Da gibt es diese Gruppe liberaler Menschen, die
denken, sie können praktisch für alle sprechen, damit
sie nicht denken, sie seien nicht vielfältig, weil sie
andauernd über Vielfalt nachdenken", erläuterte sie.

AMERIKA DIENST 01

�"Sie bemerken nicht, daß hier jemand ist, der für Vielfalt
steht."
Kennedy zufolge befinden sich alternative Zeitungen
wie Voice im Augenblick in etwa derselben Lage wie
die Demokratische Partei. "Sie wollen das Richtige tun,
aber sie wollen das Sagen haben, und wenn das
Richtige ist, nichts zu sagen, dann verlangt man von
ihnen, etwas zu tun, von dem sie nicht genau wissen,
wie sie es tun sollen."
Aus diesem Grund sind Gleichstellungsmaßnahmen
laut Kennedy ein zwingendes Gebot - unabhängig von
den Bestrebungen der konservativen Republikaner,
diese Maßnahmen abzuschaffen.

"Bei allem guten Willen in der Welt", so die Redakteurin,
"wird kaum jemand sagen: 'In Ordnung, ich räume
meinen Platz für Dich.'"
Schneiderman unterstrich, daß es "alternative Maßnahmen geben kann, diese Art linker Politik, und immer
noch einen vorwiegend von Männern dominierten
Arbeitsplatz. Hier hat man ein schönes Gleichgewicht
unterschiedlicher Stimmen."
Der Verleger sieht die Voice als Modell - nicht nur für
Zeitungen, sondern für alle Unternehmen. "Ich denke,
so sollte die Welt sein", gibt er unumwunden zu. "So
sollten Unternehmen funktionieren. Sie sollten eine
ausgewogene Mischung von Männern und Frauen,
unterschiedlichen Rassen und ethnischen Gruppen
sein, denn das ist die Welt."

*

AMERIKA DIENST 01

*

Seite 5

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12532">
              <text>10.01.1996</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12533">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12534">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12535">
              <text>Amerikadienst 10.01.1996</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12536">
              <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Perry, Shalikashvili: Friedensmission in Bosnien verläuft reibungslos&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Pressekonferenz in Tuzla&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. WTO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Bilanz der WTO - positiv aber noch nicht perfekt&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung des Stellvertretenden US-Handelsbeauftragten&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;VOICE - die Stimme der Frau&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Tony Case&lt;/em&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
