<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<item xmlns="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5" itemId="2421" public="1" featured="0" xmlns:xsi="http://www.w3.org/2001/XMLSchema-instance" xsi:schemaLocation="http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5 http://omeka.org/schemas/omeka-xml/v5/omeka-xml-5-0.xsd" uri="https://www.amerikahaus-archiv.de/items/show/2421?output=omeka-xml" accessDate="2026-11-04T03:04:11+00:00">
  <fileContainer>
    <file fileId="2432">
      <src>https://www.amerikahaus-archiv.de/files/original/3b357fe0f4ff693576412ac2c67194ce.pdf</src>
      <authentication>0b66aa01c8cdbbb735f4d51d2ad9f76a</authentication>
      <elementSetContainer>
        <elementSet elementSetId="4">
          <name>PDF Text</name>
          <description/>
          <elementContainer>
            <element elementId="52">
              <name>Text</name>
              <description/>
              <elementTextContainer>
                <elementText elementTextId="12531">
                  <text>amcrikci
dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
6. Dezember 1995

33

CLINTON: DER RUF ZUM FRIEDEN
Rede des Präsidenten vor den Truppen

BOSNIEN

UNTERSTÜTZUNG DER USA FÜR
DAUERHAFTEN FRIEDEN IN BOSNIEN
ERFORDERLICH
Erklärung von Außenminister Christopher

AUSSENPOLITIK

DIE ROLLE DER VEREINIGTEN STAATEN ALS
WELTWEITER VERMITTLER
von Amitai Etzioni

WIRTSCHAFT

DIE AMERIKANISCH-EUROPÄISCHEN
WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN - DER NEUE
TRANSATLANTISCHE MARKT
Übersicht des Weißen Hauses

MENSCHENRECHTE

USA APPELLIEREN AN NATIONEN ZUR
EINHALTUNG DER MENSCHENRECHTE
Rede von Botschafterin Albright

TERRORISMUS

DAS ZEITALTER DES SUPERTERRORISMUS
von James Kitfield

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
6. Dezember 1995

Clinton: Der Ruf zum Frieden
Rede des Präsidenten vor den Truppen
BAUMHOLDER - (AD) - In einer Ansprache vor den Truppen der 1. Panzerdivision, die die Vorhut der 60.000
Soldaten umfassenden Friedenstruppe (implementation force - IFOR) bilden werden, erklärte Präsident Clinton
am 2. Dezember 1995: "Ich habe dem amerikanischen Volk versprochen, Euch nicht nach Bosnien zu
entsenden, wenn ich nicht absolut sicher bin, daß das für Euch gesteckte Ziel klar und realistisch ist und in
ungefähr einem Jahr erreicht werden kann. Ich habe auch gelobt, Euch erst nach Bosnien zu entsenden, wenn
ich sicher bin, daß wir alles getan haben, um die Risiken für Eure Sicherheit auf ein Minimum zu reduzieren."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

General Joulwan, General Nash, General Crouch,
Herr Minister. Mein besonderer Gruß geht an einen
guten Freund Amerikas, Bundeskanzler Kohl, der ein
wunderbarer Partner für unser Land war, und mein
herzlicher Dank an Deutschland für die Partnerschaft
mit dieser herausragenden Einheit.

zung des Friedensabkommens gebeten. Es liegt im
Interesse unserer Nation und steht im Einklang mit
unseren Werten, dafür zu sorgen, daß dieser Frieden
Erfolg hat und von Bestand ist. Und wir zählen auf
Euch, die Männer und Frauen der Task Force Eagle,
damit diese Arbeit geleistet wird.

Ich bin sehr stolz, heute hier bei den Männern und
Frauen der 1. Panzerdivision "Ironside" sein zu
können. Ihr seid wirklich Amerikas Soldaten aus
Eisen. Frühere Generationen der Soldaten aus
Eisen haben den Ruf unserer Nation mit legendärem
Geschick und Mut beantwortet. Bisher war es jedes
Mal ein Ruf in den Krieg. Von Nordafrika bis Italien
verhalfen sie im Zweiten Weltkrieg der Freiheit zum
Triumph über die Tyrannei. Dann hielt ihre mächtige
Präsenz hier 20 Jahre lang die sowjetische Bedrohung in Schach und trug zum Sieg im Kalten
Krieg bei. Und vor nur vier Jahren, als Saddam
Hussein Kuwait angriff, schlug die furchteinflößende
Macht der 1. Panzerdivision den Irak zurück und
gewährleistete die Sicherheit am Persischen Golf.

Drei Jahre lang habe ich mich geweigert, unsere
amerikanischen Streitkräfte nach Bosnien zu entsenden, wo sie in einen Krieg hätten einbezogen werden
können. Aber ich möchte, daß Ihr zu einer Mission
des Friedens dorthin geht. Nachdem ich mit Euren
Befehlshabern gesprochen und Euch allen zugehört
habe, hege ich keinen Zweifel, daß diese Eingreiftruppe bereit zum Abmarsch ist.
Eure Mission: Den vom Krieg erschöpften Menschen
zu helfen, den von ihnen gewählten Frieden zu halten
- den Frieden, den zu bewahren sie Euch gebeten
haben.

Ich weiß, daß viele von Euch dort waren. Aber ich
möchte Euch daran erinnern, daß Ihr in nur 89
Stunden Kampf 40 feindliche Panzer, 485 Schützenpanzer, 190 Kanonen und 137 Luftabwehrkanonen
zerstört habt. Ihr könnt sehr stolz auf diese bemerkenswerte Bilanz sein.

Vor nur zwei Wochen vereinbarten die in Bosnien
kriegführenden Parteien in Dayton, ihre Waffen
niederzulegen, ihre Truppen und schweren Waffen
zurückzuziehen, freie Wahlen abzuhalten, mit dem
Wiederaufbau ihrer Häuser, Städte und ihres Lebens
zu beginnen. Aber sie benötigen Hilfe dabei, und sie
haben Amerika, unsere NATO-Verbündeten und
andere bereitwillige Länder um diese Hilfe gebeten.

Jetzt ruft Amerika Euch erneut zum Dienst. Dieses
Mal nicht mit einem Ruf in den Krieg, sondern mit
einem Ruf in den Frieden. Die Präsidenten von
Bosnien, Kroatien und Serbien haben zugestimmt,
vier lange Jahre des Krieges und der Greueltaten zu
beenden. Sie haben um Eure Hilfe bei der Umset-

Sie benötigen diese Hilfe, weil nach vier Jahren
schrecklicher Brutalität Vertrauen in Bosnien rar gesät
ist und sie Euch vertrauen, die Arbeit richtig zu
machen. Jede Seite möchte, daß die NATO ihr dabei
behilflich ist, die von ihr eingegangenen Verpflichtungen zu erfüllen, sicherzustellen, daß alle Armeen sich

AMERIKA DIENST 33

Seite 1

�hinter die Trennlinie zurückziehen und dort bleiben,
den Waffenstillstand aufrechtzuerhalten, damit der
Krieg nicht erneut ausbricht, und allen Parteien das
erforderliche Vertrauen zu vermitteln, um ihr Wort zu
halten - und ihnen auch das Vertrauen zu geben,
daß die andere Seite ebenfalls Wort hält.
Ich habe dem amerikanischen Volk versprochen,
Euch nicht nach Bosnien zu entsenden, wenn ich
nicht absolut sicher bin, daß das für Euch gesteckte
Ziel klar und realistisch ist und in ungefähr einem
Jahr erreicht werden kann. Diese Mission erfüllt
diese unerläßlichen Kriterien. Ich habe auch gelobt,
Euch erst nach Bosnien zu entsenden, wenn ich
sicher bin, daß wir alles getan haben, um die Risiken für Eure Sicherheit auf ein Minimum zu reduzieren.
Ihr wißt besser als jeder andere, daß jede Dislozierung ihre Risiken birgt. Es kann Unfälle geben. In
einem ehemals feindlichen Umfeld könnte es Zwischenfälle mit Menschen geben, die ihren Haß
immer noch nicht überwunden haben. Als Präsident
übernehme ich die volle Verantwortung für Euer
Wohlergehen. Aber ich bin auch von Stolz erfüllt in
dem Wissen, daß wir diese Mission so sicher wie
möglich machen.
Ihr werdet Euren Befehl von General Joulwan
erhalten, der Oberster Alliierter Befehlshaber Europa
(SACEUR) ist. Es wird keine Verwirrungen mit der
Befehlskette geben. Ihr seid ausgezeichnet vorbereitet, und Ihr werdet schwer bewaffnet sein.
Noch wichtiger ist vielleicht, daß Ihr gut ausgerüstet
sein werdet mit dem Ruf, der Euch vorausgeht. Dies
zusammen mit der Technologie und Ausbildung, die
Euch schützen, wird dazu führen, daß diejenigen,
die Euch angreifen wollen, es sich zweimal überlegen. Aber Ihr werdet auch ganz klare Regeln des
Engagements haben, die die wichtigste Regel von
allen in großen, fetten Buchstaben enthält: Wenn
Euch ein Angriff droht, könnt Ihr unverzüglich und
mit entschiedener Macht reagieren. Jeder sollte
wissen, daß Amerika sich um die Seinen kümmert,
wenn Amerika zur Umsetzung des Friedens beiträgt.
Eure Präsenz hier wird helfen, das von Bosnien
benötigte Klima der Sicherheit zu schaffen. Es wird
der internationalen Staatengemeinschaft gestatten,
ein massives Programm für humanitäre Hilfe und
den Wiederaufbau einzuleiten. Es wird den Menschen in Bosnien die Nahrungsmittel, die Medikamente, die Unterkunft und die Kleidung bringen, die
ihnen so lange verweigert wurden. Es wird ihnen
beim Wiederaufbau ihrer Straßen und Städte, der
Wiedereröffnung ihrer Schulen und Krankenhäuser,
ihrer Fabriken und Geschäfte helfen. Es wird vom

Seite 2

Krieg auseinandergerissene Familien wieder zusammen und Flüchtlinge in ihre Heimat zurückführen.
Es wird den Menschen wieder die stillen Segnungen
eines normalen Lebens bringen.
Nachdem ich mich zwei Tage lang für den Frieden in
Nordirland eingesetzt habe, traf ich heute morgen am
Flughafen von Dublin mit Zlata Filopovic zusammen,
einem jungen bosnischen Mädchen, deren berühmtes
Tagebuch ihrer Kriegserlebnisse in Sarajevo Millionen
von Menschen auf der ganzen Welt bewegte. Sie ist
so alt wie meine Tochter - gerade 15. Aber sie hat
Dinge gesehen, die nicht einmal Menschen, die dreioder viermal so alt sind wie sie, sehen sollten. Ich
habe ihr für ihren ergreifenden Brief gedankt, den sie
mir von einigen Tagen zur Unterstützung unserer
Friedensbemühungen in Bosnien schrieb. Und dann
habe ich ihr gesagt, daß ich Euch hier besuchen
würde.
Daraufhin sagte sie mir folgendes: "Herr Präsident,
wenn Sie in Deutschland sind, danken Sie bitte in
meinem Namen den amerikanischen Soldaten. Ich
möchte wieder nach Hause." Sie bat mich auch,
Euch und dem amerikanischen Volk dafür zu danken,
daß Ihr - mit ihren Worten - "die Tür zur Zukunft für
sie und alle Kinder in Bosnien öffnet".
Ohne Euch wird sich diese Tür schließen, wird der
Frieden scheitern, der Krieg wiederkehren, werden
die Greueltaten erneut beginnen. Der Konflikt könnte
sich dann auf die gesamte Region ausweiten, unsere
Partnerschaft mit Europa schwächen und unsere
Führungsrolle auf anderen, für unsere Sicherheit
entscheidenden Gebieten unterminieren. Ich weiß,
daß Ihr das nicht zulassen werdet.
Bei der Vorbereitung Eurer Mission bitte ich Euch, an
das zu denken, was wir alle in den letzten vier Jahren
in Bosnien gesehen haben - ethnische Säuberungen,
Massenexekutionen, Vergewaltigung von Frauen und
jungen Mädchen als Instrument des Krieges, junge
Männer, die gezwungen wurden, ihr eigenes Grab zu
schaufeln und die dann wie Tiere abgeschossen
wurden, endlose Ströme verzweifelter Flüchtlinge,
verhungernde Menschen in Konzentrationslagern.
Bilder dieses schrecklichen Unrechts haben seit
nahezu vier Jahren weltweit unsere Wohnzimmer
überflutet. Jetzt hat die Gewalt ein Ende gefunden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß sie wieder einsetzt.
Seit Jahrzehnten ist sich unser Volk der Bedeutung
eines stabilen, starken und freien Europas für unsere
Sicherheit bewußt.
Deshalb haben wir in zwei
Weltkriegen gekämpft. Deswegen sind wir nach dem
Zweiten Weltkrieg Verpflichtungen eingegangen, die
Europa Freiheit und Frieden gaben und für uns und
die Europäer einzigartigen Wohlstand geschaffen

AMERIKA DIENST 33

�haben. Aus diesem Grund seid Ihr - selbst nach
dem Ende des Kalten Krieges - immer noch hier.

Herausforderungen und des Wandels die Stärke
unseres Landes zu bewahren.

Europa kann unser stärkster Partner bei der Bekämpfung dessen sein, was die Sicherheit unserer
Kinder bedroht - Terrorismus, organisiertes Verbrechen, Drogenhandel, die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Es kann jedoch nur dann
ein starker Partner sein, wenn wir den im Herzen
Europas - in Bosnien - wütenden Krieg beenden.
Wir müssen hieran mit den Europäern zusammenarbeiten, wenn wir auch alle anderen Probleme
angehen wollen, die in Zukunft unsere Sicherheit
gefährden.

Eure Mission in Bosnien ist klar. Ihr seid stark, Ihr
seid gut vorbereitet, und die Situation erfordert eine
Führungsrolle Amerikas, die Ihr bietet. Ihr hört das
nicht nur von mir. Ich selbst habe es von Euren
Kindern gehört. Eine Englischlehrerin der siebten
Klasse der Baumholder High School, Patricia Dengel,
forderte ihre Schüler auf, Briefe an ihre Eltern zu
schreiben, die sich auf den Einsatz in Bosnien
vorbereiten. Ich habe einige dieser Briefe gesehen
und war bewegt. Ich war bewegt aufgrund der von
ihnen ausgedrückten Ängste, aber noch mehr von
ihrem Stolz auf Euch und dem Vertrauen, das sie in
Euch setzen.

Wenn die Menschen fragen - und bisweilen tun sie
das in unserem Land, weil sie sich solche Sorgen
um Euch machen - warum die Europäer das nicht
ohne uns tun können, dann erinnert Euch daran,
daß wir bei der Operation Wüstensturm viele Nationen um Hilfe baten, die uns zur Seite standen,
obwohl sie es nicht mußten. Und als wir in Haiti
eine Führungsrolle übernahmen, erhielten wir
Unterstützung von vielen anderen Nationen, die kein
direktes Interesse an Haiti hatten, jedoch unserem
Ruf Folge leisteten und an unserer Seite standen.
Jetzt werden wir in Bosnien gebraucht. Ihr werdet
gebraucht.
Männer und Frauen der Task Force Eagle, ich weiß,
daß die Last der Führungsrolle unseres Landes jetzt
am schwersten auf Euch und Euren Familien ruht.
Jeder einzelne von Euch, der sich freiwillig zum
Dienst an diesem Land gemeldet hat, bringt große
Opfer. Wir werden Euch für eine lange Zeit weit fort
von der Heimat schicken. Wir trennen Euch von
Euren Kindern und Euren Lieben. Das ist die Last,
die Ihr für Amerika tragt: Für unsere Werte einzutreten, unseren Interessen zu dienen, in dieser Zeit der

*

AMERIKA DIENST 33

*

Justin Zimmermans Vater, Hauptmann Ronald
Zimmerman, ist Kompaniekommandeur beim 40.
Pionierbataillon. Justin schrieb folgendes: "Vati, ich
weiß, daß es Dir nach der ganzen Ausbildung, die Du
hattest, in Bosnien gutgehen wird. Ich werde Dich
vermissen und die Tage zählen, bis wir Dich wiedersehen." Und Rachel Bybee, deren Vater, Major Leon
Bybee, Arzt bei der Sanitätstruppe ist, teilt ihm mit:
"Ich bin stolz auf Deine Arbeit, die darin besteht,
anderen zu helfen. Es muß für Dich ein wunderbares
Gefühl sein, Leben zu retten."
Eure Kinder wissen, daß Ihr Helden für den Frieden
seid, und die Kinder in Bosnien werden es auch bald
wissen. Euer Land und ich salutieren vor Euch. Wir
wünschen Euch für die kommenden Tage und
Monate Gottes Segen. Ihr tut etwas, das äußerst
wichtig für Eure Nation, äußerst wichtig für die Welt,
äußerst wichtig für die Zukunft ist, die Ihr Euren
Kindern wünscht.
Gott schütze Euch alle, und Gott schütze Amerika.

*

*

Seite 3

�BOSNIEN
6. Dezember 1995

Unterstützung der USA für dauerhaften Frieden
in Bosnien erforderlich
Erklärung von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - "Jetzt haben wir dank der Stärke und Diplomatie Amerikas die Chance zur Sicherung
eines dauerhaften Friedens" in Bosnien, erklärte Außenminister Christopher, aber "wir werden unser Ziel nur
dann erreichen, wenn Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernimmt". Bei der ersten einer Reihe von
Anhörungen im Kongreß zur amerikanischen Politik gegenüber Bosnien nach der Paraphierung des
Abkommens von Dayton (Ohio) teilte US-Außenminister Warren Christopher dem Ausschuß des
Repräsentantenhauses für internationale Beziehungen am 30. November 1995 mit: "In Dayton haben wir
jedoch auf konkreten und detaillierten Zusagen bei den entscheidenden, die Parteien spaltenden Fragen
bestanden. Weil das Abkommen umfassend ist, wird es sehr viel wahrscheinlicher Bestand haben."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Eingangserklärung Außenminister Christophers bei der Anhörung im
Wortlaut.

Am Montag abend (27. November) sprach Präsident
Clinton zur Nation und erklärte, warum amerikanische Truppen gemeinsam mit unseren NATOVerbündeten dazu beitragen sollten, daß der Frieden
in Bosnien-Herzegowina Fuß fassen kann. Verteidigungsminister Perry, General Shalikashvili und
ich sind hier, um unsere Ziele und Pläne näher zu
erläutern, Ihre Fragen zu beantworten und Ihre
Unterstützung anzustreben.
Wir haben eine grundlegende Entscheidung zu
treffen. Wie der Präsident deutlich machte, wird es
keine NATO-Streitmacht geben, wenn sich die
Vereinigten Staaten nicht daran beteiligen. Wenn es
keine NATO-Streitmacht gibt, wird es keinen Frieden
in Bosnien geben, und der Krieg flammt erneut auf.
Wir brauchen uns die Konsequenzen gar nicht
auszumalen. Wir wissen, was geschehen würde:
Es gäbe weitere Massaker, weitere Konzentrationslager, mehr Hunger, die reale Bedrohung eines
größeren Krieges sowie enormen Schaden für
unsere Führungsrolle in der NATO, in Europa und
auf der Welt. Das ist die Alternative, die wir vermeiden können und müssen. Wir müssen weiterhin
den Frieden sichern.
Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ist eine
Bedrohung für die Interessen unserer Nation und ein
Affront gegen die Werte unserer Nation. Wir wurden
Zeuge der Schrecken und Greueltaten, die meine
Generation - die im Zweiten Weltkrieg kämpfte -

AMERIKA DIENST 33

einst als der dunklen und entfernten Vergangenheit
zugehörig erachtete. Wir wurden mit der ständigen
Bedrohung eines größeren, noch schrecklicheren
Krieges in einem instabilen Teil Europas konfrontiert.
Wir mußten die Möglichkeit in Erwägung ziehen, daß
unsere Truppen aufgefordert würden, unsere in
Bosnien unter Beschuß geratenen Verbündeten zu
retten.
Diesen Sommer erreichte der Konflikt in Bosnien
einen kritischen Punkt. Der Präsident leitete eine
sorgfältig geplante Initiative ein, die uns Schritt für
Schritt von den schrecklichsten Ereignissen des
Krieges - dem Fall von Srebrenica und Zepa - bis zu
diesem hoffnungsvollen Punkt führte.
Auf der Londoner Konferenz im Juli überredeten wir
unsere Verbündeten, entschiedene Maßnahmen zur
Sicherung der in Bosnien verbliebenen Schutzzonen
zu ergreifen. Wir flogen NATO-Bombenangriffe, um
die bosnischen Serben zu überzeugen, daß eine
Fortsetzung des Krieges keine weiteren Gewinne
bringen kann. Unsere Diplomatie führte zu einem
Waffenstillstand und einer Reihe verfassungsmäßiger
Grundsätze für einen einheitlichen bosnischen Staat.
Und vergangene Woche führten wir die Parteien zu
einem umfassenden Abkommen in Dayton. Die
offizielle Unterzeichnung dieses Abkommens findet
am 14. Dezember in Paris statt.
Als Ergebnis der Initiative des Präsidenten wurden
die Kämpfe eingestellt. Jetzt haben wir dank der

Seite 1

�Stärke und Diplomatie Amerikas die Chance zur
Sicherung eines dauerhaften Friedens. Wir werden
unser Ziel nur dann erreichen, wenn Amerika weiterhin eine Führungsrolle übernimmt. Die Parteien sind
um des Friedens willen Risiken eingegangen, und
wir müssen sie auch weiterhin unterstützen.
Wir haben ganz offensichtlich ein nationales Interesse an der Umsetzung des Abkommens von
Dayton.
Wir haben großes Interesse an der Beendigung der
schlimmsten Greueltaten in Europa seit dem Zweiten
Weltkrieg - Greueltaten, die um so schlimmer sind,
als sie gegen bestimmte Gruppen von Menschen
aufgrund ihres Glaubens begangen wurden. Durch
unseren Beitrag zur Schaffung des Friedens können
wir sicherstellen, daß die Menschen in Bosnien keine
Tage mehr im Kugelhagel, keine Winter mehr mit
frisch ausgehobenen Gräbern, keine Jahre der
Isolation von der sie umgebenden Welt verbringen
müssen.
Wir haben großes Interesse daran sicherzustellen,
daß sich dieser Konflikt nicht ausweitet. Bosnien
liegt an einer gefährlichen Stelle in einer unbeständigen Region Europas. Im Süden gelegen sind der
Kosovo, Albanien und die ehemals jugoslawische
Republik Makedonien - die wahrscheinlichsten
Brennpunkte eines größeren Krieges - sowie die
beiden NATO-Mitglieder Griechenland und die
Türkei. Im Norden und Osten befinden sich Ungarn,
Rumänien und Bulgarien - noch auf tönernen Füßen
stehende neue Demokratien, für die die Aussicht
eines ethnischen Konflikts auf dem Balkan eine
große Gefahr darstellt. Im Norden liegt auch die
ostslawonische Region Kroatien, von der ein regionaler Krieg ausgehen könnte, wenn das Abkommen
von Dayton nicht umgesetzt wird.
Der Frieden in diesem Teil Europas ist für die
Vereinigten Staaten von Bedeutung, weil Europa für
die Vereinigten Staaten von Bedeutung ist. Wir
haben zweimal in diesem Jahrhundert Millionen
amerikanischer Soldaten über den Atlantik in den
Krieg geschickt. Der erste große Krieg dieses
Jahrhunderts begann mit Gewalt in Sarajevo. Der
zweite begann mit Aggression in Zentraleuropa
sowie mit Schrecken, die von der Welt ignoriert
wurden, bis es zu spät war. Seitdem haben unsere
führenden Politiker - Republikaner und Demokraten
gleichermaßen - zum Schutz unseres elementaren
Interesses an europäischer Stabilität gehandelt.
Wenn wir diese Chance für den Frieden nicht
ergreifen, könnten wir mit der Aussicht auf weitaus
kostspieligere und gefährlichere Aktionen konfrontiert
werden, als wir sie jetzt erörtern.

Seite 2

Die Vereinigten Staaten haben auch ein elementares
Interesse an der Beibehaltung ihrer weltweiten
Führungsrolle. Jetzt in Bosnien zu handeln, ist eine
Feuerprobe amerikanischer Führung. Nachdem wir
diese Chance für den Frieden geschaffen haben,
können wir es uns nicht leisten, ihr den Rücken zu
kehren. Aus meiner persönlichen Erfahrung als
Außenminister kann ich Ihnen sagen: Wenn wir als
Staat angesehen werden, der seine eigenen Initiativen nicht zu Ende bringt, wird sich uns niemand
anschließen - nicht in Europa, nicht im Nahen Osten,
nicht in Asien, nirgends.
Herr Vorsitzender, das in Dayton paraphierte Abkommen fördert unsere nationalen Interessen und
gibt uns allen Grund zu glauben, daß der Frieden in
Bosnien Fuß fassen kann. Das Abkommen wurde
vor dem Hintergrund von vier Jahren blutigen Krieges
in 21 Tagen ausgehandelt. Es enthält viele hart
erkämpfte Kompromisse. Bei jeder wichtigen Frage
hält es jedoch die grundsätzlichen und praktischen
Normen ein, auf denen mein Verhandlungsteam und
ich bestanden haben. Dieses Abkommen beinhaltet
nicht nur Ziele, sondern auch Mittel.
Es bewahrt Bosnien als einheitlichen Staat mit
föderalen Institutionen, die kroatische, muslimische und serbische Volksgruppen gleichermaßen
vertreten.
Es vereinigt Sarajevo erneut innerhalb der Föderation von Bosnien und Herzegowina und verbindet Gorazde durch einen sicheren Landkorridor
mit der Föderation.
Es gibt den Menschen in Bosnien das Recht auf
Freizügigkeit im gesamten Land. Es gibt den
Flüchtlingen das Recht auf Rückkehr in ihre
Häuser. Und es schafft einen Mechanismus zur
Regelung von Besitzansprüchen.
Es ermöglicht die Veranstaltung demokratischer
Wahlen unter internationaler Kontrolle im nächsten
Jahr. Ich habe in Dayton Stunden gebraucht, um
die Parteien davon zu überzeugen, daß die
Flüchtlinge selbst entscheiden sollen, ob sie an
ihrem derzeitigen Aufenthaltsort zur Wahl gehen
oder in ihrer ursprünglichen Heimat.
Das Abkommen schließt aus, daß Kriegsverbrecher ein Amt übernehmen. Und es verpflichtet
alle Parteien explizit, bei der Ermittlung und
Verfolgung von Kriegsverbrechen zusammenzuarbeiten.
Es schützt Menschenrechte und schafft neue
Institutionen zur Ermittlung und Bestrafung von
Menschenrechtsverletzungen.

AMERIKA DIENST 33

�Vor allem beendet es den Krieg und verlangt von
den Parteien, ihre Streitkräfte hinter vereinbarte
Linien zu verlegen.
Bei Verhandlungen wie diesen ist man manchmal
versucht, das Verfahren abzukürzen und die schwierigsten Themen in mehrdeutiger Weise zu behandeln. In Dayton haben wir jedoch auf konkreten und
detaillierten Zusagen bei den entscheidenden, die
Parteien spaltenden Fragen bestanden. Weil das
Abkommen umfassend ist, wird es sehr viel wahrscheinlicher Bestand haben.
Langfristig wird der Wiederaufbau der bosnischen
Gesellschaft enorme Anstrengungen erfordern. Aber
zumindest kann jetzt damit begonnen werden.
Schließlich hat Bosnien nur mit dem Frieden eine
Chance, als einheitlicher Staat zu existieren. Nur mit
dem Frieden hat es eine Chance zum Aufbau einer
multiethnischen Demokratie. Nur mit dem Frieden
werden wir eine Chance haben, Kriegsverbrecher
vor Gericht zu bringen und sicherzustellen, daß
keine weiteren Kriegsverbrechen begangen werden.
Das Abkommen von Dayton erfordert von den
Parteien, außerordentlich schwierige Schritte auf
dem Weg zum Frieden zu unternehmen. Meines Erachtens ist jeder bereit, seine Verpflichtungen zu
übernehmen, aber nur, wenn alle Vertrauen haben,
daß die anderen Parteien ihre übernehmen. Alle
Parteien haben eindeutig klargestellt, daß sie nur zu
einer Lösung gelangen, wenn die NATO bereit ist,
die Truppe zur Umsetzung des Friedens (Implementation Force - IFOR) anzuführen.
Verteidigungsminister Perry und General Shalikashvili werden im einzelnen auf unsere Beteiligung
an der IFOR eingehen. Ich möchte jedoch einige
der Fragen ansprechen, von denen ich weiß, daß sie
Sie beschäftigen.
Ich weiß, daß viele Amerikaner sich fragen, warum
Europa nicht alle Bodentruppen für diese NATOStreitmacht zur Verfügung stellen kann. Die NATO
ist auf die Teilung der Lasten und Risiken gegründet.
Wir sind das größte Mitglied der NATO, das Kernstück ihrer Stärke und Entschlußkraft. Das Bündnis
kann nicht die größte Mission in seiner Geschichte
durchführen, wenn wir nicht unseren Beitrag leisten.
Gleichzeitig sollten wir uns vor Augen führen, daß
andere Nationen, darunter nahezu alle unsere
NATO-Verbündeten, Rußland und viele andere
unserer neuen Partner in Zentraleuropa zwei Drittel
der Truppen für die IFOR bereitstellen.
Andere haben gefragt, ob die Parteien nach vier
Jahren des Blutvergießens bereit sind, dieses Abkommen umzusetzen.
Wir müssen uns daran

AMERIKA DIENST 33

erinnern, daß wir dieses Abkommen erzielten, weil
der Frieden der Schlüssel zu dem ist, was die Parteien vom Wiederaufbau, von der Justiz, vom erneuten
Beitritt zur internationalen Staatengemeinschaft
erwarten. Wir haben das Abkommen formuliert um
zu gewährleisten, daß es durchgeführt wird. Wir
haben sichergestellt, daß die Sanktionen gegen
Serbien, unser Hauptdruckmittel gegen das Land,
wieder verhängt werden, wenn das Abkommen nicht
umgesetzt wird. Die Sanktionen gegen die bosnischen Serben bleiben in Kraft, bis sie ihre Truppen
hinter die vereinbarte Grenze der Serbischen Republik zurückziehen. Darüber hinaus werden unsere
Truppen die Stärke und Befugnis zur Durchsetzung
der entscheidenden militärischen Bestimmungen des
Abkommens haben.
Ich möchte auch unterstreichen, es reichte mir nicht
aus, daß Präsident Milosevic speziell befugt war, das
Abkommen im Namen der bosnischen Serben
auszuhandeln. Ich habe darauf bestanden, daß es
auch von den bosnischen Serben paraphiert wird. In
Dayton versprach Präsident Milosevic, ihre Zustimmung binnen zehn Tagen einzuholen. Es stellte sich
heraus, daß es ihm in nur zwei Tagen gelang. Diese
Art von Reaktion vertieft mein Vertrauen, daß dieses
Abkommen umgesetzt wird.
Herr Vorsitzender, während unserer Verhandlungen
in Dayton haben wir konstant auf einem Abkommen
bestanden, daß unser Militär durchführen und in Kraft
setzen kann. Jeder Teil des Abkommens war sorgfältig so formuliert, daß er den Erfordernissen unserer
Streitkräfte und dem Rat der Militärs in unserem
Team Rechnung trug. Infolgedessen enthält der
Anhang mit den militärischen Bestimmungen des
Abkommens die Art von detaillierten Verfügungen, die
unser Militär für seine Aufgabe als unerläßlich erachtete.
Ich darf Ihnen versichern, daß die IFOR-Mission
genau definiert und begrenzt ist. Unsere Truppen
werden die militärischen Aspekte des Abkommens
umsetzen - die Durchsetzung des Waffenstillstands,
die Überwachung des Abzugs der Streitkräfte und die
Einrichtung einer Trennzone zwischen ihnen. Aber
das Militär wird nicht gebeten, den Erfolg der Demokratie oder des Wiederaufbaus zu garantieren, oder
als Polizist aufzutreten. Eine der Lektionen, die wir
in den vergangenen Jahren gelernt haben, lautet, daß
unser Militär nicht der ständige Garant des Friedens
sein sollte. Es sollte Chancen schaffen, die andere
dann ergreifen müssen.
Weil die IFOR-Mission genau definiert ist, haben wir
einen klaren Endpunkt, den Verteidigungsminister
Perry im einzelnen erläutern wird. In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen, daß wir uns

Seite 3

�zur Erlangung eines stabilen militärischen Gleichgewichts in Bosnien und zwischen den Staaten des
ehemaligen Jugoslawien verpflichtet haben, damit
der Frieden von Dauer sein wird. Dies sollte weitgehend durch Rüstungsbegrenzungen und -reduzierungen erreicht werden.
Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, daß Rüstungskontrollmaßnahmen allein ausreichen werden, um
eine militärische Stabilisierung herbeizuführen. Die
Streitkräfte der Föderation, die durch das Waffenembargo am härtesten betroffen waren, werden voraussichtlich Gerät und Ausbildung benötigen, um eine
effektive Fähigkeit zur Selbstverteidigung aufzubauen.
Die Vereinigten Staaten werden ihrerseits
sicherstellen, daß die Streitkräfte der Föderation die
erforderliche Unterstützung erhalten. Weder die
IFOR noch das amerikanische Militär werden direkt
an diesem Vorhaben beteiligt sein. Der beste
Ansatz für die Vereinigten Staaten - und der, den wir
verfolgen werden - ist die Koordinierung der internationalen Bestrebungen zur Bereitstellung der
erforderlichen Hilfe.
Zivile Behörden auf der ganzen Welt werden ein
getrenntes Programm durchführen, um den Menschen in Bosnien beim Wiederaufbau behilflich zu
sein. Unsere europäischen Verbündeten werden
den Großteil dieses lebenswichtigen zivilen Unternehmens finanzieren. Internationale Organisationen
werden auch eine wichtige Rolle spielen. Die OSZE
wird die Wahlen überwachen. Der UNHCR wird die
Rückkehr der Flüchtlinge koordinieren. Die Weltbank und der IWF werden bei der Gesundung der
bosnischen Wirtschaft behilflich sein, wobei auch die

EU eine führende Rolle übernimmt. Die Vereinten
Nationen werden bei der Überwachung und Ausbildung der örtlichen Polizei helfen.
Aber keine dieser wichtigen Aufgaben wird durchgeführt, wenn das Friedensabkommen nicht Bestand
hat. Es gibt kein Mittelding zwischen Frieden und
Krieg in Bosnien. Und bei der Wahl zwischen
Frieden und Krieg "muß Amerika den Frieden wählen", wie Präsident Clinton es am Montagabend so
einfach formulierte.
In vielen Jahren werden die Menschen zweifelsohne
auf diesen Monat der Geschichte als den entscheidenden Wendepunkt für die Vereinigten Staaten und
Europa zurückblicken. Er soll als der Augenblick
erinnert werden, in dem unser Land die von uns
geschaffene Chance für Frieden ergriff, nicht als der
Augenblick, in dem wir zögerten zu handeln.
Der Präsident hat seine Wahl getroffen. Die Vereinigten Staaten müssen als die große Nation handeln, die sie sind. Wir müssen unsere Interessen
schützen. Wir müssen für unsere Ideale eintreten.
Wir müssen unsere Versprechen halten. Und wir
müssen eine Führungsrolle übernehmen.
In den kommenden Tagen, Herr Vorsitzender, wird
die Administration weiterhin enge Konsultationen mit
Ihnen und dem Kongreß führen. Wir werden weiterhin ebenso hart auf die überparteiliche Zustimmung
des Kongresses hinarbeiten wie auf die Unterstützung und das Verständnis des amerikanischen
Volkes. Es ist offensichtlich, daß wir weitermachen
müssen.

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 33

�AUSSENPOLITIK
6. Dezember 1995

Die Rolle der Vereinigten Staaten als weltweiter Vermittler
von Amitai Etzioni
(AD) - Der Verfasser des nachfolgenden Artikels beschäftigt sich mit der produktiven Rolle der Vereinigten
Staaten als Vermittler in verschiedenen Konfliktsituationen im Zeitalter nach dem Kalten Krieg und vertritt die
Ansicht: "Verfechter der reinen Realpolitik möchten vielleicht nur handeln, wenn die nationalen Interessen der
Vereinigten Staaten direkt betroffen sind, aber im Zeitalter der Massenkommunikation spielt die öffentliche
Meinung eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen, und die idealistische Seite der öffentlichen
Meinung - die Facetten der öffentlichen Psychologie, die ihren Ausdruck in den Rufen nach Hilfe für die
Menschen in Ruanda und nach Verteidigung des belagerten Bosnien fanden - kann nicht ignoriert werden.
Vermittlung ist eine konstruktive Antwort auf diese mitfühlende Seite der amerikanischen Natur."
Der Verfasser ist Professor an der George Washington University, Gründer und Vorsitzender von The
Communitarian Network und Autor von The Spirit of Community (1994).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Washington Quarterly, Band 18,
Nr. 3, Sommer 1995, S. 75-87, Amitai Etzioni, "Mediation as a World Role for the United States". Copyright
(c) 1995 Center for Strategie and International Studies sowie das Massachusetts Institute of Technology.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine gekürzte Version des Artikels von Amitai Etzioni.

Allmählich und in gewisser Weise unbeabsichtigt
haben die Vereinigten Staaten in der Welt nach dem
Kalten Krieg eine neue Rolle entwickelt. Diese neue
Rolle ist von Zurückhaltung geprägt und paßt zu der
Notwendigkeit, sich auf vernachlässigte innenpolitische Fragen wie den Abbau des Haushaltsdefizits
und die Reform des Sozialwesens zu konzentrieren.
Selbst im außenpolitischen Bereich ist das neue
diplomatische Paradigma von einem großen Thema
überschattet, das noch aus früheren Zeiten stammt der Vorstellung, daß die Vereinigten Staaten auf der
ganzen Welt Demokratie und Menschenrechte
fördern können und sollten.
Die neue Rolle der Vereinigten Staaten ist die eines
weltweiten Vermittlers. Statt als Weltpolizist zu
fungieren, hat Amerika bei verschiedenen Gelegenheiten den Konfliktparteien seine guten Dienste
angeboten und sich um die Lösung seit langem
schwelender Konflikte bemüht.
Normalerweise
befanden sich die betroffenen Parteien in einer
Pattsituation und waren der Ansicht, die Hilfe einer
dritten Partei könnte nützlich sein. Die Bestimmungen von dank Vermittlung erzielten Lösungen und
ihre Einhaltung werden den versöhnten Parteien
normalerweise nicht von den Vereinigten Staaten
oder einer anderen Macht aufoktroyiert, sondern

AMERIKA DIENST 33

freiwillig befolgt. In manchen Fällen bieten die
Vereinigten Staaten wirtschaftliche Anreize, um die
Parteien zu einer Fortsetzung ihrer Versöhnungsarbeit zu ermutigen, die zu einer Lösung des Konflikts
Gelangten zu belohnen oder die Schwierigkeiten des
Übergangs für die betroffenen Parteien zu verringern
- aber weiter geht die Rolle der Vereinigten Staaten
nicht. Die Möglichkeit, Streitkräfte zwischen die
ehemaligen Konfliktparteien zu stellen, wurde ebenfalls erwähnt, beispielsweise für die Golanhöhen,
aber im Grunde genommen setzen sich die Ergebnisse der Vermittlung - weil sie von den betroffenen
Parteien freiwillig akzeptiert wurden - von selbst
durch.
Die Verdienste der weltweiten Vermittlungstätigkeit
hervorzuheben bedeutet nicht, daß es sich hier um
die einzige Rolle handelt, die Amerika übernimmt
oder übernehmen sollte. Wenn der Irak in SaudiArabien einmarschieren würde, müßten die Vereinigten Staaten zweifellos ihren Verpflichtungen als
Verbündeter nachkommen und ihre militärische Macht
einsetzen, anstatt zu vermitteln. Während des Kalten
Krieges gab es Gelegenheiten, bei denen die Vereinigten Staaten vermittelnd tätig waren. Es besteht
jedoch ein großer Unterschied zwischen Vermittlung
als einem Instrument unter vielen in einer ganzen

Seite 1

�diplomatischen Trickkiste und Vermittlung als Hauptinstrument der Vereinigten Staaten in der Welt nach
dem Kalten Krieg, in der zahlreiche Parteien befreit
von ihren früheren Verpflichtungen gegenüber einem
Block herauszufinden versuchen, wie sie in dem
neuen internationalen Umfeld vorgehen sollen.
Die von den Vereinigten Staaten geförderte Versöhnung bietet entscheidende wirtschaftliche und
soziale Vorteile und trägt zusätzlich zur Vermeidung
der Möglichkeit bei, daß ungelöste Konflikte zu
Kriegen führen, beispielsweise zwischen Syrien und
Israel. Im Zuge der längerfristigen Verringerung von
Spannungen setzen immer mehr Länder ihre vormals für Streitkräfte, Waffen und Nachrichtendienste
aufgewandten beträchtlichen Ressourcen für friedliche Zwecke ein. Neue Stabilität in den Beziehungen
zwischen Nachbarländern kann die Chance für
Handel mit Außenseitern erhöhen und Auslandsinvestitionen fördern. Diese anfänglich durch eine
Abnahme zwischenstaatlicher Spannungen und
Konflikte hervorgerufenen Entwicklungen untermauern wiederum den entstehenden Frieden.
Mit der Zeit fand die Rolle Amerikas bei der Förderung dieser Entwicklungen Anerkennung und sogar
Lob. In dieser Hinsicht sind die lokalen und internationalen Reaktionen positiv - im Vergleich zu den
typischen Reaktionen auf amerikanische Militärinterventionen, wirtschaftlichen Boykott und Druck auf
bestimmte Länder zur Umsetzung wirtschaftlicher
Stabilisierungsprogramme.
Im Falle eines Scheiterns der amerikanischen
Vermittlungsbemühungen ist andererseits das Risiko
für die Vereinigten Staaten sehr gering. Die Gefahr
einer militärischen Verwicklung oder der Schwierigkeit, sich wieder zurückzuziehen, der sich die
amerikanischen Truppen in Somalia, ganz zu
schweigen von Vietnam, gegenübersahen, hat stark
abgenommen.
Es besteht nur eine geringe Notwendigkeit für große
wirtschaftliche Auslagen, denn Vermittlung beinhaltet
in der Regel wenig mehr als den Einsatz geschickter
Diplomaten, Pendeldiplomatie, Staatsbesuche und
ähnlichem. Wie bereits erwähnt, boten die Vereinigten Staaten bei mehreren Gelegenheiten
Wirtschaftshilfe an, um den Vermittlungsprozeß
voranzubringen. Diese Hilfe ist jedoch kein wesentlicher Bestandteil des Prozesses, da mehrere Vermittlungsbemühungen auch ohne wirtschaftliches
Zuckerbrot erfolgreich waren. Wenn diese Hilfe
gewährt wurde, erschien sie im Vergleich zu der als
führendem außenpolitischen Instrument Eingesetzten
relativ gering.

Seite 2

Ein wichtiger Grund dafür, daß Vermittlung zumindest
einige Früchte trägt, liegt darin, daß die Parteien sich
normalerweise dann an einen Tisch setzen, wenn sie
des Konflikts müde und ihre eigenen Bestrebungen
zur Überwindung der Differenzen gescheitert sind.
Mit anderen Worten: Sie kommen, wenn ihr Konflikt
"reif" für die Vermittlung ist und die von den Vereinigten Staaten gebotene Chance von ihnen gesucht
oder zumindest begrüßt wird. Im Gegensatz dazu
wurde die Hilfe der Vereinigten Staaten, wenn diese
eine andere internationale Rolle übernahmen, nicht
so offensichtlich gesucht und nicht so gut aufgenommen.
Selbst im Falle des Scheiterns eines Vermittlungsversuchs ist es oftmals offensichtlich, daß der Fehler
bei einer unnachgiebigen Partei (oder mehreren)
liegt, und nicht beim Vermittler. Und weil ein Dialog
stattfand, besteht oft die begründete Vorstellung, daß
zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft zusätzliche
Vermittlungsbemühungen stattfinden und schließlich
erfolgreich sein könnten. Somit werden die grundlegende Rolle der Vereinigten Staaten und ihre Absichten selbst unter diesen Umständen gewürdigt wenn auch nicht von allen Beteiligten, so doch
sicherlich von der übrigen Welt. Das kann man
jedoch nicht von der Rolle behaupten, die die Vereinigten Staaten übernahmen, als sie an Orten wie
Nicaragua, Grenada und Panama aggressiver vorgingen.
Ein Grund dafür, daß die Vereinigten Staaten ihre
Rolle als weltweiter Vermittler nicht weiterentwickelten, und eine wichtige Begründung, warum ihr Beitrag
keine volle Anerkennung fand, liegt darin, daß ihre
führenden Politiker eine Überschattung dieser Rolle
von den oftmals vergeblichen Bestrebungen nach
einer Fortsetzung veralteter Außenpolitik zuließen.
Überkommene Vorstellungen sind bei so schwierigen
Initiativen am Werk wie den Versuchen, China zu
einer Respektierung der Menschenrechte zu veranlassen, die Republiken der ehemaligen Sowjetunion zur Einführung echter Demokratie zu bewegen
sowie - und das ist eine Sisyphusarbeit - die Demokratie in Haiti "wiederherzustellen" (wo es sie nie gab
und es sehr unwahrscheinlich ist, daß sie Fuß faßt,
ungeachtet dessen, was die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten unternehmen). Selbst diejenigen,
die weitaus optimistischer als der Autor hinsichtlich
der Fähigkeit der Vereinigten Staaten sind, die Welt
zur Demokratie zu führen, sollten die Vorteile einer
weltweiten Vermittlerrolle als Zentrum der Außenpolitik würdigen - auch wenn die Vereinigten Staaten
weiterhin ihrem Anliegen einer Förderung der Menschenrechte und idealerweise auch der Demokratie
Ausdruck verleihen.

AMERIKA DIENST 33

�Die Vereinigten Staaten als Vermittler
In mehr oder minder großem Ausmaß und bisweilen
auf indirekte Weise übernahmen die Vereinigten
Staaten auf der internationalen Bühne eine Rolle als
Vermittler. Bei den Verhandlungen zwischen Israel
und der PLO waren die Vereinigten Staaten 1993
zunächst bestenfalls indirekt an einer Einleitung von
Verhandlungen beteiligt. Ihre vermittelnde Tätigkeit
wurde im Zuge der Fortsetzung des eingeleiteten
Prozesses zunehmend wichtiger. Wie bei vielen
anderen Vermittlungsbestrebungen ist die Arbeit
noch lange nicht getan, und man weiß nie, ob die
Errungenschaften des vergangenen Jahres nicht
einmal wieder rückgängig gemacht werden.
Beim Verhältnis zwischen Israel und Jordanien
waren die Vereinigten Staaten ein zentraler Faktor,
und auch zwischen Israel und Syrien griffen sie
vermittelnd ein, als Syrien nach dem Zusammenbruch der früheren Sowjetunion ihre Schutzmacht
verloren und Interesse an Friedensgesprächen
bekundet hatte.
Im Baltikum ermöglichte Amerika den Abschluß des
russischen Rückzugs aus den baltischen Staaten
und trug insbesondere zur Beseitigung verbleibender
Schwierigkeiten zwischen Rußland und Estland bei.
Durch die Vermittlung zwischen Rußland und der
Ukraine erzielten die Vereinigten Staaten eine
Umkehr des Prozesses der Weiterverbreitung von
Atomwaffen: Ein ehemals im Besitz von Atomwaffen
befindliches Land verzichtete freiwillig auf diese
Waffen, ohne daß ein einziger Schuß fiel. Dies lag
im Interesse der beteiligten Länder, Amerikas und
der ganzen übrigen Welt.
Die von Amerika übernommene Rolle im Nordirlandkonflikt führte zu einem Waffenstillstand, der
mit jedem weiteren Tag dauerhafter wird und nach
anfänglicher Kritik auf Seiten britischer und amerikanischer Journalisten, Politiker und Bürokraten jetzt
breite Zustimmung findet.
Im Fall von Griechenland und Makedonien unternahmen die Vereinigten Staaten den Versuch,
Abkommen über eine Beendigung des griechischen
Embargos auszuhandeln und eine Anerkennung von
Makedonien durch die EG (jetzt EU) zu ermöglichen.
Ohne daß für sie direkt etwas auf dem Spiel stand,
bewältigten die Vereinigten Staaten geschickt eine
lange Liste großenteils symbolischer Fragen und
erreichten eine Annäherung der Parteien. Ferner
trugen sie zur Anerkennung Makedoniens als
unabhängigem Staat bei. Hier handelt es sich um
einen Fall präventiver Vermittlung: Die Vermeidung

AMERIKA DIENST 33

von Konflikten, bevor sie überhaupt auftreten, was
oftmals die beste Art von Vermittlung ist.
Die Entwicklungen in Nordkorea 1994 sind ein
Beispiel für Vermittlung im eingegrenzten Sinn, die
durch andere Mittel ergänzt wurde und Bestandteil
eines vielschichtigen außenpolitischen Ansatzes ist.
In Haiti war nicht Vermittlung, sondern die Drohung
mit militärischer Stärke der wichtigste Auslöser für die
Aufgabe der haitianischen Generäle. Hier fand keine
Vermittlung zwischen zwei anderen Staaten statt,
sondern der ehemalige Präsident Jimmy Carter
vermittelte zwischen Haiti und den Vereinigten
Staaten. Es handelt sich um einen Grenzfall, bei
dem die Vermittlung einen Beitrag leistete, die
Vereinigten Staaten jedoch nicht ihre neue Rolle als
Vermittler in der Zeit nach dem Kalten Krieg ausübten.
Zwei Herausforderungen
Die These, daß die Vereinigten Staaten klug ihre
Rolle als internationaler Friedensstifter durch Vermittlung statt auf der Spitze von "Peacemakers" genannten Raketen entwickeln, muß zwei Fragen ansprechen. Welche Beziehung besteht zwischen Vermittlung und anderen Instrumenten der Außenpolitik, weil
niemand behauptet, dies sei das einzige Instrument?
Und welche Beziehung besteht zwischen Vermittlung
und elementarer Gerechtigkeit, weil Vermittlung die
Lösung des Konflikts anstrebt, selbst wenn es die
Beschwichtigung von Tyrannen bedeutet - eine
Frage, die durch Präsident Carters Bemühungen auf
diesem Gebiet aufgeworfen wurde?
Vermittlung ist eindeutig Teil eines Pakets von
Instrumenten, die ineinander übergreifen. Die Vermittlung in Korea (und Carters Rolle in Haiti) wäre
wahrscheinlich nicht möglich gewesen, wenn ihr nicht
die implizite Androhung von Gewalt und Wirtschaftssanktionen vorausgegangen wäre. Und dasselbe gilt
auch andersherum: Wenn die Vermittlerrolle nicht
erfolgreich gewesen wäre, hätten die Vereinigten
Staaten Gewalt anwenden oder Sanktionen verhängen müssen, auch wenn sie aus zahlreichen Gründen
nicht dazu geneigt gewesen wären. Der Punkt ist
jedoch nicht, daß man Vermittlung zum einzigen
Instrument der Außenpolitik machen kann oder sollte,
oder daß es keine nützliche Interaktion zwischen
diesen Instrumenten gibt, sondern, daß dieses
besondere Instrument angesichts der neuen globalen
Situation und der innenpolitischen Erfordernisse der
Vereinigten Staaten sehr viel mehr Beachtung
erfahren sollte.
Die Sorge um Gerechtigkeit ist sehr viel ärgerlicher.
Studien über Scheidungen ergeben, daß die Einigung

Seite 3

�sehr viel weniger schmerzlich, sehr viel billiger, aber
häufig unfair gegenüber Frauen ist, wenn die Paare
Vermittler und nicht die Gerichte aufsuchen. (Männer verweigern den Müttern oft das Sorgerecht für
die Kinder, das die Mütter im allgemeinen besorgt
anstreben, bis die Männer günstige wirtschaftliche
Konditionen erhalten). Entsprechend wurde argumentiert, die Vermittlungsbestrebungen im Falle
Nordkoreas enthielten zu viele Konzessionen an
einen Tyrannen. Beobachter, die sich dieser Falle
bewußt sind, müssen jeden Fall gesondert prüfen.
Im großen und ganzen hat jedoch eine friedliche
Lösung einen hohen Wert, und wenn die Kosten auf
das Prestige (oder das "Gesicht wahren") begrenzt
sind, scheinen sie in der Regel ihren Preis wert zu
sein.

che von periphärer Bedeutung: Die weltweite Konfrontation zwischen den Supermächten, eine Konfrontation, in der die entscheidenden politischen
Instrumente der Vereinigten Staaten die Abschrekkung der Arsenale nuklearer und konventioneller
Waffen, militärische Auslandshilfepakete, der amerikanische Geheimdienst CIA und andere verdeckte
Operationen, massive Wirtschaftshilfe und ideologische Kriegführung waren. Darüber hinaus waren alle
Vermittlungsbestrebungen für gewöhnlich so strukturiert, daß sie - nicht einmal indirekt - das Hauptziel
der "Eindämmung" des Kommunismus und der
Unterstützung der sogenannten freien Wert nicht
unterminierten. In diesem Zusammenhang wurde der
direkte Umgang mit - beispielsweise Syrien - nicht
ernsthaft in Erwägung gezogen, weil Syrien ein
sowjetischer Vasall war.

Vermittlung im historischen Kontext
Vermittlung ist natürlich ein jahrhundertealtes außenpolitisches Instrument und spielte auch während des
Kalten Krieges eine Rolle. Zu jener Zeit wurde es
jedoch anders angewandt und nahm eine wesentlich
weniger zentrale Rolle ein. Vermittlung während des
Kalten Krieges erfolgte häufig unter den Supermächten stellvertretend für ihre Vasallen. Als die Differenzen zwischen Syrien und Israel diskutiert wurden,
vollzog sich ein Großteil der Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten
eher zwischen zwei Parteien als mit Hilfe der von
einer dritten Partei bereitgestellten Vermittlerrolle.
Die Vermittlung unter Ländern innerhalb desselben
Blocks kam der Norm näher, wie durch die Vereinbarung von Camp David anschaulich belegt ist.
Aber auch hier standen die Erwägungen von Supermächten im Hintergrund - beispielsweise, wie
Konflikte unter Nationen in einem Block verhindert
werden können, damit gegenüber dem anderen
Block eine einheitliche Front gebildet werden konnte,
oder wie Konflikte zwischen den Mitgliedern eines
Blocks und blockfreien Nationen verhindert werden
könnten, damit man sie nicht zu dem anderen Block
drängt. Und obwohl Vermittlung stattfand, ruhte das
Fundament der "Weltordnung" auf den Beziehungen
zwischen den Supermächten.
Diese frühere Ära zeichnete sich aus durch die
Pendeldiplomatie Henry Kissingers im Nahen Osten,
und Präsident Carter trug direkt zur Aushandlung
des Vertrags zwischen Israel und Ägypten bei. In
der Tat hatten diese frühen Vermittlungsbestrebungen ähnlich attraktive Züge:
Geringes Risiko,
begrenzte wirtschaftliche Kosten und beträchtlichen
humanitären und politischen Nutzen.
Dennoch
wurden sie damals wie heute als vornehmlich für
Länder innerhalb des westlichen Orbits relevante
Nebenvorstellungen oder diplomatische Bestrebungen angesehen. Daher waren sie für die Hauptsa-

Seite 4

Mit anderen Worten: Die Rolle des Vermittlers wurde
nicht als maßgebliche internationale Rolle für die
Vereinigten Staaten erachtet, und die Architekten der
Außenpolitik legten dies auch nicht nahe.
Die
Vereinigten Staaten waren eine Supermacht, die
einer anderen Supermacht feindlich gegenüberstand,
nicht ein weltenbummelnder Makler friedlicher Lösungen. In der neuen Ordnung nach dem Kalten Krieg
(oder in Ermangelung einer solchen) kann Vermittlung - echte Vermittlung, die großenteils frei von
äußeren Erwägungen ist - eine sehr viel zentralere
Rolle spielen.
Die Einbeziehung der Vermittlung als wichtiges
Element der amerikanischen Außenpolitik ist in einer
Periode besonders angebracht, in der die Vereinigten
Staaten versuchen, ihr eigenes Haus in Ordnung zu
bringen. Die Konzentration hierauf nützt den Vereinigten Staaten, weil die Kosten der Vermittlung sehr
viel niedriger sind als die mit Interventionen wie
denen in Somalia und Haiti einhergehenden. Da
Vermittlung auch sehr viel weniger dramatisch ist,
lenkt sie den Präsidenten und das Land weniger von
ihren innenpolitischen Missionen ab. Darüber hinaus
sollte festgestellt werden, daß im Land keine breite
Unterstützung für eine aktivistischere Außenpolitik
besteht. Gleichzeitig herrscht das Gefühl zugunsten

einer bestimmten Form von internationalem Engagement vor. Verfechter der reinen Realpolitik möchten
vielleicht nur handeln, wenn die nationalen Interessen
der Vereinigten Staaten direkt betroffen sind, aber im
Zeitalter der Massenkommunikation spielt die öffentliche Meinung eine wichtige Rolle in den internationalen Beziehungen, und die idealistische Seite der
öffentlichen Meinung - die Facetten der öffentlichen
Psychologie, die ihren Ausdruck in den Rufen nach
Hilfe für die Menschen in Ruanda und nach Verteidigung des belagerten Bosnien fanden - kann nicht
ignoriert werden. Vermittlung ist eine konstruktive

AMERIKA DIENST 33

�Antwort auf diese mitfühlende Seite der amerikanischen Natur.
Zweifelsohne ist es keine vollständige Antwort. Die
Erfüllung der außenpolitischen Ziele und Ideale der
Vereinigten Staaten erfordert, daß sie weiterhin ihre
Führungsrolle zur Stärkung des Völkerrechts durch
die Beteiligung an den Vereinten Nationen und
verschiedenen anderen internationalen und regionalen Bündnissen beitragen. Sie müssen auch in
Zukunft den Abbau von Schranken unter Nationen
ermutigen und ein wichtiger Faktor bei der Aushandlung internationaler Handelspakte bleiben. Wo das
Wohlergehen ihrer Bürger oder lebenswichtige

*

AMERIKA DIENST 33

Interessen bedroht sind, müssen die Vereinigten
Staaten bereit sein, Macht nach außerhalb ihrer
Grenzen zu projizieren. Und wo die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Demokratisierung existieren,
könnten die Vereinigten Staaten vorsichtig versuchen,
bei ihrer Entwicklung behilflich zu sein, obwohl sie wenn sie dies tun - es mit mehr Bescheidenheit und
Ernsthaftigkeit tun müssen als in der Vergangenheit.
Der Erfolg wird leichter erzielt, wenn die Vermittlung,
für die sich die Vereinigten Staaten bereits mit
beträchtlichem Erfolg auf der ganzen Welt engagieren, die Anerkennung und Aufmerksamkeit erhält, die
ihr gebührt.

* * *

*

Seite 5

�WIRTSCHAFT
6. Dezember 1995

Die amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen
- der neue transatlantische Markt
Übersicht des Weißen Hauses
MADRID - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Büro des Pressesprechers des Weißen Hauses
am 3. Dezember 1995 in Madrid herausgegebene Übersicht.

Beim Gipfel der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union am 3. Dezember 1995 in Madrid
starteten Präsident Clinton, Ministerpräsident Gonzalez und EU-Kommissionspräsident Santer die im Juni
bei amerikanisch-europäischen Gipfel vereinbarte
transatlantische Initiative. Sie verabschiedeten eine
neue transatlantische Agenda, um die transatlantischen Beziehungen vom Stadium der Konsultationen
zu dem gemeinsamer Aktionen bei einer Vielzahl
von Fragen zu führen. Dies ist ein Bestandteil der
Bestrebungen des Präsidenten zur Bewältigung der
nach dem Ende des Kalten Krieges gegebenen
Herausforderungen, einschließlich der Notwendigkeit
zur Schaffung einer starken transatlantischen Gemeinschaft demokratischer Marktwirtschaften. Der
neue transatlantische Markt ist eine Schlüsselkomponente dieser Bestrebungen. Er wird nicht nur die
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen stärken,
sondern im Vorfeld der für 1996 in Singapur anberaumten WTO-Ministertagung auch die Weichen für
eine weitere multilaterale Handelsliberalisierung
stellen.
Der neue transatlanische Markt gründet auf starken
Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen den
Vereinigten Staaten und der Europäischen Union.
1994 exportierten die Vereinigten Staaten Waren
im Wert von 108 Milliarden Dollar in die EU, die
wiederum im Wert von 119 Milliarden Dollar in
die Vereinigten Staaten exportierte.
Ferner
erreichte der Handel im Dienstleistungsbereich 50
Milliarden Dollar in jeder Richtung.
Nahezu die Hälfte aller Auslandsinvestitionen
amerikanischer Unternehmen - 225 Milliarden
Dollar - werden in Europa getätigt. Fast 60
Prozent der Investitionen europäischer Firmen oder 237 Milliarden Dollar - fließen in die Vereinigten Staaten.

AMERIKA DIENST 33

Diese ausgeglichenen transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen stellen 14 Millionen Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten und Europa.
Europäische Unternehmen beschäftigen 3 Millionen amerikanischer Arbeitnehmer, und einige
Analysten schätzen, daß die Löhne und Gehälter
dieser Arbeitnehmer um 18 Prozent höher liegen
als bei den durchschnittlichen amerikanischen
Arbeitsplätzen. Da bereits amerikanische Waren
und Dienstleistungen von mehr als 150 Milliarden
Dollar über den Atlantik hinweg exportiert werden,
könnte sogar ein einprozentiger Exportanstieg
20.000 neue amerikanische Arbeitsplätze schaffen.
Die Erschließung von Märkten in Europa ist ein
wesentlicher Bestandteil der allgemeinen internationalen Wirtschaftspolitik der Clinton-Administration.
Diese Initiative wird nicht nur die Hindernisse für den
transatlantischen Handel abbauen, sondern auch zur
Integration der beiden Volkswirtschaften beitragen,
die zusammen mehr als die Hälfte des Welthandels
abwickeln. Im besonderen werden sich die Vereinigten Staaten und Europa in folgenden Bereichen
auf konkrete Schritte einigen:
Vereinbarungen über gegenseitige Anerkennung.
Die Vereinigten Staaten und die EU werden auf den
Abschluß von Abkommen im nächsten Jahr hinarbeiten, mit denen die Erprobung und Genehmigung
von Produkten in einer Reihe von Sektoren anerkannt
wird. Das wird amerikanischen Firmen gestatten, ihre
Produkte in Europa nach einem einzigen Labortest
zu verkaufen, statt sie den gleichen teuren Testverfahren in Europa unterziehen zu müssen. Die
amerikanische Computer-, Telekommunikations- und
Bürogeräteindustrie schätzt, daß sie dank eines
Abkommens über die gegenseitige Anerkennung
jedes Jahr über 1 Milliarde Dollar einsparen könnte.

Seite 1

�Transatlantische Informationsgesellschaft. Um
unsere Volkswirtschaften in eine transatlantische
Informationsgesellschaft zu integrieren, werden wir
Verhandlungen zu einem Abkommen über Informationstechnologie in die Wege leiten, das Zölle für
Informationsprodukte abbauen und die Entwicklung
einer globalen Informationsinfrastruktur unterstützen
soll. Die Industrien werden nicht länger die Entscheidung zu treffen haben, wo sie aufgrund unterschiedlicher Zölle nach Produkten suchen sollen.
Dies ist ein zunehmend wichtiger Teil der amerikanischen und der Weltwirtschaft. Die Computer- und
Halbleiterindustrien stellen zusammen Arbeitsplätze
für über 1,25 Millionen Amerikaner. Im Jahr 1994
exportierten die Vereinigten Staaten Halbleiter,
Computer, Software und Telekommunikationsgerät
im Wert von 18,5 Milliarden Dollar in die EU. Dies
entspricht mehr als 17 Prozent der amerikanischen
Gesamtexporte in die EU.
Staatliche Beschaffung. Der potentielle staatliche
Beschaffungsmarkt in Ländern, die das neue staatliche Beschaffungsprogramm der WTO noch nicht
unterschrieben haben, beläuft sich schätzungsweise
auf Hunderte Milliarden Dollar. Als Teil der neuen
Initiative zum transatlantischen Markt werden die
Vereinigten Staaten und die EU an mehreren Fronten auf die größere Liberalisierung der staatlichen
Beschaffungsmärkte weltweit hinarbeiten. Wir haben
uns zur Zusammenarbeit verpflichtet, um alle WTOMitglieder von der Übernahme multilateraler Handelsdisziplinen bei staatlicher Beschaffung zu
überzeugen. Darüber hinaus werden die Vereinigten

Staaten und die EU weiterhin auf bilateraler Ebene
auf die erweiterte Abdeckung durch die WTO über
die bereits vereinbarten Möglichkeiten in Höhe von
200 Milliarden Dollar hinaus hinarbeiten.
Zollsenkungen. Die Vereinigten Staaten und die EU
werden die Möglichkeit sondieren, der beschleunigten
Umsetzung der in der Uruguay-Runde vereinbarten
und weiterer Zollsenkungen zuzustimmen. Derzeit
betragen die Zölle in den Vereinigten Staaten und der
EU durchschnittlich 3 - 4 Prozent, in einigen Sektoren
gibt es jedoch beträchtliche europäische Zölle. Die
EU-Zölle auf Aluminiumprodukte belaufen sich
beispielsweise weiterhin auf 7 Prozent.
Gemeinsame Studien. Die Vereinigten Staaten und
die EU werden im Laufe des nächsten Jahres eine
gemeinsame Studie über Hemmnisse für den transatlantischen Handel und mögliche Optionen für ihren
Abbau erstellen. Beim Gipfel im kommenden Jahr
werden die Staats- und Regierungschefs ihre in
dieser Studie enthaltenen Empfehlungen bezüglich
der nächsten Schritte überprüfen.
Multilaterale Koordinierung. Wir werden unsere
Bestrebungen zur Erlangung eines multilateralen
Abkommens über Investitionen in der OECD und ein
Abkommen über Telekommunikationsdienstleistungen
in der WTO koordinieren.
Präsident Clinton und die Staats- und Regierungschefs der EU werden die Fortschritte zu diesen Zielen
bei ihrem Treffen im nächsten Jahr überprüfen.

* * * *

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 33

�MENSCHENRECHTE
6. Dezember 1995

USA appellieren an Nationen zur
Einhaltung der Menschenrechte
Rede von Botschafterin Albright
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In ihrer Rede vordem Dritten Ausschuß der UN-Generalversammlung, der sich
mit Menschenrechtsfragen befaßt, gab die Botschafterin der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen,
Madeleine Albright, am 28. November 1995 einen Überblick über die Menschenrechtssituation auf der Welt
und stellte fest, in einer Reihe von Ländern würden die international anerkannten Menschenrechte nicht
ausreichend respektiert. Die Vereinigten Staaten appellierten an alle Regierungen, die Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte einzuhalten und die Würde ihrer Bürger zu achten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Botschafterin Albright im Wortlaut.

Herr Vorsitzender, in diesem Jahr feiern wir das
50jährige Bestehen der Vereinten Nationen und ihrer
Gründungscharta. In der Präambel dieser Charta
bekräftigen alle Nationen ihren "Glauben an die
Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der
menschlichen Persönlichkeit, an die Gleichberechtigung von Mann und Frau."
Damit übernimmt jede Nation die Verpflichtung, den
ihrer Rechtsprechung Unterstehenden diese Grundrechte nicht zu versagen - weder in den Gesetzeswerken noch in der Praxis. Die Charta läßt keine
Ausnahmen zu. Es gibt keine historischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Gründe oder ein souveränes Vorrecht, die es entschuldigen oder zulassen,
den Menschen seiner Würde zu berauben.
Als Mitglieder dieser Organisation haben unsere
Regierungen das universelle und unveräußerliche
Wesen der Menschenrechte anerkannt. Aber die
Ausübung dieser Rechte ist nicht möglich in Abwesenheit von politischer Freiheit.
Die Allgemeine Erklärung stipuliert, "der Wille des
Volkes soll die Grundlage der Regierungsbefugnis
sein. Diesem Willen soll in regelmäßigen und
echten Wahlen, durch universelles und gleichberechtigtes Wahlrecht und geheime Stimmabgabe Ausdruck verliehen werden."
Meine Regierung hat seit vielen Jahrzehnten und in
vielen Foren das Argument vorgebracht, daß demokratische Prinzipien nicht nur den einzelnen schützen, sondern wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt
beschleunigen. Menschen, die frei sind zu denken,

AMERIKA DIENST 33

Ideen auszutauschen und ihre Energien sowie ihr
Kapital zu investieren, werden mehr zu einer Gesellschaft beitragen als diejenigen, die unterdrückt sind.
Die Macht dieses Arguments und seine Wahrheit
werden heute in den aufstrebenden Demokratien der
Welt offenkundig.
Bedauerlicherweise ist dieser Trend zu Demokratie,
obwohl weitverbreitet, nicht universell. Viele Regierungen verlassen sich auch weiterhin für ihre Befugnis nicht auf die Zustimmung der Regierten, sondern
auf Zwang. Burma ist ein Beispiel.
Hier stehen die Regierungsbehörden vor einer
historischen Entscheidung zwischen der andauernden
Verweigerung von Grundrechten und der Bewegung
zu Demokratie. Es ist ermutigend, daß die Regierung
dem Wunsch nach internationaler Achtung, ausländischen Investitionen, Tourismus und demokratischen Reformen Ausdruck verleiht. Es ist ermutigend, daß die Regierung im vergangenen Jahr eine
Reihe politischer Gefangener, darunter die Nobelpreisträgerin und Anführerin der Demokratiebewegung, Aung San Suu Kyi, freigelassen hat.
Es ist jedoch äußerst entmutigend, daß die Regierung bisher keinen ernsthaften politischen Dialog mit
Aung San Suu Kyi und anderen Vertretern der
Demokratiebewegung sowie ethnischen Gruppen
aufgenommen hat. Es ist entmutigend, daß die zum
Entwurf einer neuen Verfassung aufgeforderte
Nationalversammlung nicht repräsentativ für das
burmesische Volk ist. Und es ist entmutigend, daß
die Regierung so wenig getan hat, um die durch ihre
bisherigen und aktuellen Maßnahmen für politische

Seite 1

�und soziale Freiheit verursachte Angst und Unterdrückung zu beenden.
In diesem Jahr wird meine Regierung die Generalversammlung drängen, ihre Unterstützung für
Demokratie und Achtung international anerkannter
Menschenrechte in Burma in klaren und zwingenden
Formulierungen zu wiederholen. Die Versammlung
sollte die Freilassung der verbliebenen politischen
Gefangenen, ein Ende der Folterungen, ein Ende
von Zwangsarbeit und ein Ende von Verschleppungen und Ermordungen von Zivilisten durch das
Militär fordern.
Die Regierung von Burma hat die Wahl. Und die
internationale Staatengemeinschaft hat die Wahl.
Wir müssen uns zur Ermutigung Burmas entscheiden, eine kluge Wahl zu treffen: Den leichten, aber
letztlich katastrophalen Kurs des Status quo aufzugeben und den Weg zu Demokratie zu beschreiten.
Die Freilassung von Aung San Suu Kyi bietet
zumindest die Hoffnung, daß sich in Burma - mit
ausreichendem internationalen Interesse und Unterstützung - die Menschenrechtssituation verbessern
wird. Im Hinblick auf den Irak ist es sehr viel schwerer, Anlaß zu Hoffnung zu haben. Die Politik von
Saddam Hussein hat sich nicht geändert - seine
Übergriffe auf das irakische Volk dauern ebenso an
wie seine Lügen gegenüber der Welt.
Seit Jahren haben die Irakis geleugnet, daß sie je
ein Programm zur Herstellung biologischer Kampfstoffe besaßen. In diesem Jahr erfuhren wir, daß
sie genug Anthrax und Botulin produziert hatten, um
alle Menschen der Welt umzubringen - und daß sie
vor dem Golfkrieg Artilleriegeschosse mit diesen
todbringenden Giften bestückt hatten. Einer der
größten Dienste, den die Vereinten Nationen im
Namen der Menschenrechte erbringen können, ist
die Gewährleistung, daß dem Irak nie wieder die
Herstellung von Massenvernichtungswaffen gestattet
wird.
Die Gesetzlosigkeit des Regimes in Bagdad hat das
Leben vieler Menschen im Ausland gefordert, aber
die jüngsten Opfer waren in unmittelbarer Nachbarschaft zu beklagen. Während Saddam Hussein
seine Ressourcen für Paläste für sich und seine
Vettern verschwendet, muß das irakische Volk
leiden.
Das irakische Regime hat die Resolutionen des
Sicherheitsrats abgelehnt, die speziell für den
Erwerb humanitärer Hilfsgüter formuliert wurden. Es
inhaftiert, foltert und exekutiert weiterhin Dissidenten
und diejenigen, die oppositioneller Gedanken ver-

Seite 2

dächtigt werden. Im Norden blockiert es weiterhin
Hilfslieferungen. Im Süden hat es 90 Prozent der
Marschen zerstört und 80 Prozent der Bevölkerung
ermordet oder ins Exil vertrieben. Und in dem
vergeblichen Bestreben, seine unsägliche Bilanz vor
der Welt zu verstecken, verweigert es dem Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen nach wie vor
die Einreise.
Der Irak weiß, was er tun muß, um der Gemeinschaft
zivilisierter Nationen erneut beizutreten. Das Land
muß die relevanten Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, einschließlich Resolution 688, einhalten und die
Unterdrückung seines Volkes beenden.
Der Irak ist nicht das einzige Land in der Region, das
kontinuierliche und gravierende Verletzungen international anerkannter Menschenrechte begeht. Seit
Jahren hat der Iran ähnliche Besorgnis hervorgerufen. Trotz Teherans Bestrebungen, seine Menschenrechtsverletzungen zu verdecken, wurden wiederholte
Fälle von Folterung, Massenexekutionen, willkürlichen
Verhaftungen, unerklärlichen Verschleppungen, das
Fehlen ordentlicher Gerichtsverfahren, die Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten und der Religionsfreiheit bekannt. Darüber hinaus wurde dem Sondervertreter der Vereinten Nationen für die Menschenrechte im Iran seit 1991 kein Besuch gestattet.
Die Vereinigten Staaten fordern den Iran auf, die
Unterdrückung des iranischen Volkes zu beenden
und einen Besuch des neuen UN-Sondervertreters zu
gestatten.
In einer Reihe von Ländern, darunter Kuba, sind die
Vereinigten Staaten weiterhin besorgt über den
Mangel an Demokratie und Respektierung international anerkannter Menschenrechte. Das CastroRegime ist heute die einzige Regierung der westlichen Hemisphäre, die ihren Bürgern die Grundrechte der Versammlungs-und Redefreiheit verweigert.
Es gibt immer noch politische Gefangene, oppositionelle politische Aktivitäten sind immer noch verboten,
unabhängige Organisationen werden immer noch
schikaniert und die Kubaner werden weiterhin ohne
Grund verhaftet.
Der UN-Hochkommissar Ayala Lasso stattete Kuba
vergangenes Jahr einen Besuch ab, der jedoch nicht
zu einer allgemeinen Verbesserung der Menschenrechtssituation führte. Im April verurteilte ein Militärgericht den führenden Menschenrechtler Francisco
Chaviano wegen falscher Anschuldigungen zu 15
Jahren Gefängnis. Und Kuba verweigert einem UNSonderberichterstatter für Menschenrechte weiterhin
die Einreise.

AMERIKA DIENST 33

�Damit Kuba prosperieren und wachsen kann, sind
echte politische Reformen erforderlich. Dazu ist eine
grundlegend veränderte Einstellung der Regierung
zu politischen und Menschenrechten erforderlich.
Meine Regierung würde einen solchen Wandel
begrüßen.

tum und eine internationale Führungsrolle nachkommt, und sie verdienen sie jetzt.

Wir rufen Kuba auf, das Recht auf die Gründung
politischer Parteien und unabhängiger Gewerkschaften anzuerkennen, Versammlungs- und Redefreiheit
zuzulassen, ordentliche Gerichtsverfahren zu respektieren, nationalen und internationalen humanitären
Gruppen die Inspektion von Gefängnissen zu gestatten und den UN-Sonderberichterstatter ins Land zu
lassen.

Im vergangenen Jahr gab es zunehmend Berichte
über Sklaverei und Zwangsarbeit von Frauen und
Kindern, die rassischen, ethnischen und religiösen
Minderheiten angehören. Wir haben Informationen
darüber, daß die Greueltaten gegen Einheimische
intensiviert wurden.
Wir wissen von wahllosen
Luftangriffen gegen zivile Ziele. Wir haben gehört,
daß unbegleitete Minderjährige für den Militärdienst
verpflichtet werden. Und wir hören nichts von Untersuchungen - wie sie meine Regierung heute zum
wiederholten Male fordert - des Mordes an Sudanesen, die für ausländische Hilfsorganisationen und
Regierungen arbeiteten.

Nigeria ist ein weiteres Land, in dem ein grundlegender Wandel bei der Haltung der Regierung gegenüber den Menschenrechten erforderlich ist. Die
Hinrichtung des Umweltschützers und Menschenrechtlers Ken Saro-Wiwa und acht weiterer Menschen am 10 November war - maskiert als gesetzliche Handlung - ein gesetzloser Akt eines Regimes,
das den Zweck von Gesetzen mißversteht. Die
Opfer wurden nicht in einem ordentlichen Gerichtsverfahren verurteilt, hatten keinen angemessenen
Zugang zu Rechtsbeistand, und die elementaren
Rechte eines ordentlichen Gerichtsverfahrens
wurden ihnen verweigert.
Obwohl diese Hinrichtungen ungewöhnlich viel
öffentliche Aufmerksamkeit erregten, waren es - im
heutigen Nigeria - keine ungewöhnlichen Ereignisse.
Frühere Regierungen führten Nigeria zu internationaler Berühmtheit und gewannen für ihr Land den
Respekt der Region und der Welt. Die heutige
Regierung ist nicht gewillt, diese Normen einzuhalten.
Statt das nigerianische Volk zu respektieren, beteiligt
sich die Regierung an Mißbrauch in vollem Umfang,
einschließlich willkürlicher Festnahmen, Folter, der
Verfolgung von Menschenrechtsbeobachtern, dem
Verbot politischer Aktivitäten der Opposition sowie
Beschränkungen der Rede- und Versammlungsfreiheit. Ferner unterminierte die Regierung systematisch die Glaubwürdigkeit, Fairness und Effektivität der nigerianischen Justiz.
Meine Regierung ruft die Regierung Nigerias zur
umgehenden Wiederherstellung der zivilen demokratischen Herrschaft und Achtung von Menschenrechten durch die Freilassung politischer Gefangener, Wiedereinführung der Habeascorpusakte,
Aufhebung der Beschränkungen politischer Aktivitäten und Garantie der Meinungs- und Koalitionsfreiheit auf. Die Nigerianer verdienen eine Regierung, die den Anforderungen an nationales Wachs-

AMERIKA DIENST 33

Die Regierung des Sudan verletzt auch weiterhin auf
eklatante Weise die international anerkannten Menschenrechte.

Der einzige Silberstreifen am Horizont der Menschenrechtssituation im Sudan war im August die
Freilassung einer Anzahl politischer Gefangener
sowie die von der Regierung bekundete Absicht, im
nächsten Jahr freie Wahlen abzuhalten.
Der Bürgerkrieg im Sudan ist eine andauernde
Tragödie, bei der keine der Splittergruppen die
grundlegenden Menschenrechte des sudanesischen
Volkes ernst nimmt. Jetzt ist für die Regierung und
die Oppositionsführer der Zeitpunkt zur Beilegung
ihrer Differenzen auf der Grundlage von Dialog,
Demokratie und Anstand gekommen. Wenn sie dazu
bereit sind, wird die internationale Völkergemeinschaft
ihnen helfen; andernfalls werden wir sie weiterhin
verurteilen.
Die Menschenrechtspraktiken der chinesischen
Regierung sind für die Vereinigten Staaten schon seit
langem ein Anlaß zur Sorge, insbesondere die
Aktionen zur Einschränkung des friedlichen Ausdrucks abweichender politischer, sozialer und religiöser Anschauungen. Diese Rechte werden in der
Allgemeinen Menschenrechtserklärung
konkret
aufgeführt. In diesem Zusammenhang sind viele
Amerikaner zutiefst betroffen über die vor kurzem
erfolgte offizielle Festnahme des bekannten und seit
langer Zeit festgehaltenen Dissidenten Wei Jingsheng.
Wir erwarten von der chinesischen Regierung konkrete Schritte zur Einhaltung der internationalen
Menschenrechtsnormen, einschließlich der Freilassung derjenigen, die lediglich festgenommen wurden,
weil sie ihren Ansichten auf friedliche Weise Ausdruck
verliehen und das einzigartige kulturelle, sprachliche
und religiöse Erbe Tibets erhalten wollen.

Seite 3

�Menschenrechtsfragen sind Gegenstand eines
ständigen offiziellen und inoffiziellen bilateralen
Austauschs zwischen meiner und der chinesischen
Regierung. Obwohl der Dialog unterbrochen wurde,
hoffen wir, daß er angesichts der jüngsten Gespräche zwischen unseren beiden Präsidenten bald
wiederaufgenommen wird.
Herr Vorsitzender, in den letzten Jahren ist in
zahlreichen Regionen der Welt wiederaufgetaucht,
was historisch als "Nationalitätenproblem" bezeichnet
wird. Die Ausbeutung ethnischer und nationalistischer Leidenschaften hat zu blutigen Konflikten in
Bosnien, Ruanda, Liberia, dem Kaukasus und
andernorts geführt. Die Opfer dieser Konflikte sind
oftmals nicht diejenigen, die für den Krieg ausgebildet wurden und darauf vorbereitet waren, sondern
Männer und Frauen, Jungen und Mädchen, mit
denen nicht aufgrund dessen, was sie taten, sondern
aufgrund dessen, wer sie sind, Mißbrauch getrieben
wird.
In Ruanda und Burundi werden diplomatische
Bestrebungen unternommen, um erneute ethnische
Konflikte zu verhindern. Der Erfolg wird teilweise
von der Bereitschaft der beteiligten Regierungen
abhängen, Sicherheitsanforderungen mit Respektierung der Menschenrechte und Dialog in Einklang zu
bringen. Ferner wird er davon abhängen, ob die
Politiker und die Bevölkerung im allgemeinen Gewalt
als die Sackgasse ablehnen, die sie ist und in gutem
Glauben Bestrebungen zur Beilegung von Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln unternehmen.
Im ehemaligen Jugoslawien wurde ein Durchbruch
erzielt. Im Falle seiner Umsetzung wird das letzte
Woche paraphierte Friedensabkommen die schrecklichsten Menschenrechtsverletzungen beenden, die
seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem
europäischen Kontinent stattfanden.
Gemäß dem Abkommen sollen die Rechte der
Menschen in Bosnien und Herzegowina verfassungsmäßig anerkannt und von einem MenschenrechtsOmbudsmann sowie einem außerordentlichen Menschenrechtsgerichtshof geschützt werden. Die im
Zusammenhang mit dem Konflikt in Gefängnissen
oder Arbeitslagern Festgehaltenen sollen freigelassen werden. Alle Parteien stimmen der Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz, den
Organen der Vereinten Nationen und den Organisationen zur Überwachung der Menschenrechte zu.
Es wird ein Ausschuß für Flüchtlinge und Vertriebene geschaffen, der kriegsbedingte Streitigkeiten
schlichten soll. Und jede Partei verpflichtet sich zur
umfassenden Zusammenarbeit bei internationalen
Ermittlungen und der Verfolgung von Kriegsverbrechen.

Seite 4

Herr Vorsitzender, zweimal in diesem Jahrhundert
wurden wir als direkte Konsequenz von nationalistischen Ausschreitungen und Haß von einem Weltkrieg
heimgesucht. Heute gibt es keine größere Kraft der
Instabilität und keinen größeren Grund für Menschenrechtsverletzungen als ethnische Gewalt und Intoleranz. Die Unverwüstlichkeit dieser giftigen Leidenschaften war das wichtigste Motiv für die Gründung
der Vereinten Nationen.
Wir alle sind stolz auf die Nation, der wir angehören.
Aber es ist ein Grundprinzip der zivilisierten Welt, daß
Loyalität gegenüber einer Nation nicht den Verrat an
universellen Werten rechtfertigt.
Die Gründerväter der Vereinten Nationen betrachteten ebenso wie die Gründerväter der Vereinigten
Staaten die Nation nicht als Selbstzweck, sondern als
Instrument von Gesetz, Gerechtigkeit, Freiheit und
Toleranz. Sie stimmten mit Goethe darin überein,
daß über den Nationen die Menschlichkeit steht,
sowie mit Diderot, daß es unter dem Joch der Tyrannei keine echte Staatsbürgerschaft und daher keine
echte Nation geben kann. Nach Ansicht Diderots ist
Nationalismus einbeziehend, nicht ausgrenzend. Das
ist beispielsweise der Unterschied zwischen der
echten Nation Südafrika von heute und dem Mutanten Südafrika der letzten Jahrzehnte.
Wenn wir die physiologischen, kulturellen und historischen Unterschiede respektieren, die uns trennen,
dürfen wir nie das gemeinsame Menschsein vergessen, das uns verbindet. Wir sind unterschiedliche
Völker, aber eine Spezies - eine Spezies, die sich
nicht nur durch ihre Fingerfertigkeit auszeichnet,
sondern auch durch die Fähigkeit, konzeptionell zu

denken, große Zivilisationen sowie Meisterwerke der
Kunst zu schaffen und über die Geheimnisse des
Lebens nachzudenken.
Die größte Kluft in der heutigen Welt besteht nicht
zwischen Ost und West, Nord und Süd, rechts oder
links, sondern zwischen denjenigen, die sich in
Gewohnheiten und Haß der Vergangenheit verstrickt
haben und denen, die die Zukunft gestalten wollen.
Demgemäß ruft meine Regierung alle Regierungen
auf:
Wir wollen alle Bestrebungen unterstützen, den lange
geplagten Regionen, einschließlich des Nahen
Ostens, Zentralafrikas und des ehemaligen Jugoslawien dauerhaften Frieden zu bringen.
Wir wollen alle die untrennbare Verbindung zwischen
menschlicher Entwicklung und menschlicher Freiheit
anerkennen.

AMERIKA DIENST 33

�Wir wollen alle die in der Charta der Vereinten
Nationen eingegangenen Verpflichtungen erfüllen.
Wir wollen uns an die Allgemeine Erklärung der
Menschenrechte halten.

Wir wollen die Würde unserer Bürger respektieren.
Und bei alledem wollen wir unserer gemeinsamen
Verantwortung für die Zukunft und die Kinder gerecht
werden, deren Erbe wir treu verwalten.

* * * * *

AMERIKA DIENST 33

Seite 5

�TERRORISMUS
6. Dezember 1995

Das Zeitalter des Superterrorismus
von James Kitfield
(AD) - Der Autor befaßt sich mit dem neuen Potential des Einsatzes von nuklearen, chemischen und
biologischen Massenvernichtungswaffen durch Terroristen und Maßnahmen wie dem Nichtverbreitungsvertrag
(NW), der Chemiewaffenkonvention sowie diplomatischen und nachrichtendienstlichen Bestrebungen zur
Bekämpfung dieser Bedrohung. Das Gesetz über Terrorismusbekämpfung von 1995 ist ein umstrittener
Versuch zur Bewältigung des Terrorismusproblems in den Vereinigten Staaten und im Ausland.
Der Verfasser ist Redakteur beim Government Executive. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher
Genehmigung von Government Executive, Juli 1995. Copyright (c) 1995 National Journal, Inc. Alle Rechte
vorbehalten.

Die seit langem gehegte Befürchtung, daß Massenvernichtungswaffen von Terroristen gegen Zivilisten
eingesetzt werden könnten, wurde am 20. März
1995 Realität - dem Tag, an dem todbringendes
Nervengas in der Tokioter U-Bahn ausströmte.
Kurz nach dem Anschlag, bei dem 12 Menschen
getötet und über 5.000 verletzt wurden, klingelte das
Telefon in Dr. Frederick Sidells Büro beim Forschungsinstitut für chemische Verteidigung der USArmee in Aberdeen Proving Ground (Maryland).
Sidell, einer der führenden Experten der Welt auf
dem Gebiet der Behandlung von Opfern chemischer
Kriegführung, erfuhr, daß er zusammen mit Experten
des Zentrums für die Bekämpfung und Verhinderung
von Krankheiten entsandt würde, um den Opfern mit
medizinischer Beratung und Hilfe zur Seite zu
stehen.
In Tokio beriet er sich mit über 30 Ärzten, bestätigte,
daß der Wirkstoff des Nervengases tatsächlich das
todbringende Gas Sarin gewesen war und gelangte
zu einer düsteren Schlußfolgerung: Der Vorfall hätte
sehr viel schlimmer sein können. Ein anderer
hochrangiger Experte der Armee für nukleare,
biologische und chemische Waffen - die als Massenvernichtungswaffen eingestuft werden - formulierte es noch krasser: "Es hätte Tausende von Toten
geben können."
Ebenso wie die ersten Ermittler am Tatort nach dem
Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993
und vor kurzem auf das Alfred P. Murrah-Bundesgebäude in Oklahoma City, erkannten die Terrorismusbekämpfungsexperten, daß in Tokio eine neue

AMERIKA DIENST 33

Dimension erreicht worden war. Alle drei Anschläge
deuten auf das Auftreten einer neuen und virulenteren Art von Terrorismus.
Der Bombenanschlag auf das World Trade Center
war der erste größere Anschlag internationaler
Terroristen auf amerikanischem Boden, und in
diesem Fall deckten die Ermittler Pläne von Terroristen auf, noch mehrere andere bedeutende Gebäude
in New York in die Luft zu sprengen, und Tausende
waren als Ziele erfaßt. "Der Bombenanschlag auf
das World Trade Center bewies, daß transnationale
Terrorgruppen die Vereinigten Staaten ins Visier
genommen haben", so Generalleutnant a.D. Robert
Schweitzer, ehemaliges Mitglied des Nationalen
Sicherheitsrats und jetzt beim Globalen Strategierat
der Vereinigten Staaten - einer Denkfabrik des
Geheimdienstes.
"Wir werden sie wiedersehen,
wahrscheinlich mit biologischen oder sogar Nuklearwaffen ausgerüstet."
Oklahoma City war der todbringendste Terroranschlag auf dem Boden der Vereinigten Staaten in
ihrer Geschichte und eine "entschiedene Abkehr" von
früheren Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten, erklärt Mark Kennon, Terrorismusbekämpfungsexperte im US-Außenministerium.
Die früheren
Anschläge erfolgten für gewöhnlich mit Schußwaffen
oder Rohrbomben und hatten relativ wenige Opfer zu
Folge.
In seinem Jahresbericht "Muster des globalen Terrorismus" stellt das Außenministerium weltweit einen
offensichtlichen Trend zu noch destruktiveren Akten
des Terrorismus fest. Obwohl die Anzahl der Terror-

Seite 1

�anschlage beträchtlich gesunken ist, nimmt die
todbringende Wirkung solcher Anschläge zu. Der
Angriff auf die Tokioter U-Bahn und ein kleinerer,
weniger publik gemachter Nervengasanschlag in
Japan im Jahr zuvor stehen für eine besonders
schlimme Eskalation terroristischer Kriegführung:
Dem ersten Einsatz von Massenvernichtungswaffen.
Und "es wird noch schlimmer werden", prognostiziert
Marvis Cetron, Koautor des demnächst veröffentlichten Buchs Terrorismus 2000. The Future Face of
Terrorism, das im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums geschrieben wurde. In dem Buch sagt
Cetron ein Zeitalter des "Superterrorismus" voraus,
in dem die Terroristen eine zunehmende Bereitschaft
und Fähigkeit zeigen, solche Massenvernichtungswaffen einzusetzen.
Experten sehen die böswillige Hand der Terroristen
und ihrer Agenten, die immer todbringendere Mittel
der Zerstörung sondieren. Kriminelle, die versuchen,
Nuklearmaterial aus der ehemaligen Sowjetunion
herauszuschmuggeln, wurden beispielsweise in den
vergangenen Jahren mindestens viermal abgefangen, und Quellen des Verteidigungsministeriums
zufolge sind iranische Agenten aktiv bestrebt,
Nuklearmaterial auf dem Schwarzmarkt in der
früheren Sowjetunion zu kaufen. Der Iran wird als
der weltweit aktivste Förderer ultragewalttätiger
Terrorgruppen wie der Hisbollah angesehen und soll
für den Bombenanschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum in Buenos Aires im letzten Jahr verantwortlich sein, bei dem nahezu 100 Zivilisten getötet
wurden.
Wochen nach dem Anschlag von Tokio fanden
Arbeiter chemische Grundstoffe von Zyanid auf einer

Toilette des Tokioter Shinjuku-Bahnhofs. Wenn sie
nicht entdeckt worden wären, hätten die durch die
Reaktion der Grundstoffe freigesetzten Gase Tausende töten können. In der Zwischenzeit ermittelte
die Polizei in Columbus (Ohio) gegen einen Labortechniker und vermutliches Mitglied der um die
Vorherrschaft der Weißen kämpfenden Gruppe
Aryan Nation, der seine für die Firma ausgestellte
staatliche Lizenz benutzte, um illegal drei Phiolen mit
Beulenpest verursachenden Bakterien zu beschaffen.
"Weil die Beulenpest durch jemanden übertragen
werden kann, der einen nur anatmet, könnte ein
Terrorist mit einigen dieser Viren buchstäblich eine
Epidemie starten", erklärt ein Pentagon-Experte für
biologische Kriegführung. "Es steht außer Frage,
daß die Bedrohung zunimmt."

Seite 2

Das Verbreitungsproblem
Die Bundesregierung hat eine massive Reaktion auf
die Bedrohung durch Superterrorismus mobilisiert.
Ihre wichtigsten Verteidigungswaffen sind Rüstungskontrollverträge und schärfere Kontrollen für waffenfähige Technologien und Material, die den Zugang
von verbrecherischen Staaten und Terrorgruppen zu
Massenvernichtungswaffen begrenzen sollen. Die
Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste nehmen darüber hinaus die Terrorgruppen aggressiver
ins Visier und arbeiten enger bei der Terrorismusbekämpfung im Aus- und Inland zusammen. Schließlich
hat das Verteidigungsministerium eine umfassende
Initiative zur Nichtverbreitung in die Wege geleitet,
um das amerikanische Militär - durch passive Verteidigung und aktive Prävention - besser auf die
Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen vorzubereiten.
"Die Bedrohung durch Massenterrorismus unter
Einsatz von Massenvernichtungsmaterialien, die
durch die Gasangriffe von Tokio realer wurde, stellt
eine neue Herausforderung dar", äußerte Botschafter
Philip Wilcox, der Koordinator für Terrorismusbekämpfung des Außenministeriums, bei einer Pressekonferenz im April. "Diese Gefahr, plus zunehmende
Mobilität, technische Kompetenz und Erfindungsreichtum der Terroristen bedeutet, daß wir unsere
Anstrengungen gegen internationale Terroristen im
Ausland ebenso verdoppeln müssen wie im Inland."
Obwohl der Anschlag von Tokio eine schreckliche
Warnung war, sind der Alptraum, der die Experten
am meisten beunruhigt, mit Nuklearwaffen ausgerüstete Terroristen. Und die Gefahr der Weiterverbreitung hat mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dramatisch zugenommen, so John Holum,
Direktor des amerikanischen Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA). "Viele der von den Sowjets verhängten Kontrollen und Maßnahmen existieren jetzt
nicht mehr", beobachtet er.
Letztes Jahr fingen deutsche Behörden in einem
Zeitraum von vier Monaten drei getrennte Lieferungen
von Nuklearmaterial ab, die vermutlich aus der
Sowjetunion stammten. In jüngerer Zeit wurden
Lieferungen von hochangereichertem Uran in der
Tschechischen und der Slowakischen Republik
abgefangen. Man benötigt nur rund 25 Pfund solchen Urans, um eine Bombe der Größe herzustellen,
wie sie 1945 über Hiroshima explodierte. "Die
Tatsache, daß Nuklearmaterial bei diesen Stichproben in Deutschland und Osteuropa auftaucht,
belegt das Potential für ein enormes Verbreitungsproblem", erläutert Holum.

AMERIKA DIENST 33

�Das Problem kann nicht leicht durch herkömmliche
Nichtverbreitungsprogramme behoben werden, die
sich auf die Überwachung der zur Herstellung von
waffenfähigem Nuklearmaterial erforderlichen großen
und modernen Produktionseinrichtungen verlassen.
"Der Schmuggel von waffenfähigem Nuklearmaterial
in einen verbrecherischen Staat wäre die bei weitem
gefährlichste Art der Verbreitung", erklärt Michael
Mazaar, Analyst am Zentrum für strategische und
internationale Studien in Washington. "Das Land
muß nur die Waffen selbst entwerfen, was technologisch nicht so hohe Anforderungen stellt. Weil man
nicht weiß, wo das Waffenprogramm ist, hat man
weder eine militärische Option noch ist man an ein
sichtbares Produktionsprogramm gebunden, das die
Verhängung internationaler Sanktionen zur Folge
hätte."
Spaltbares Material wäre in den Händen von Terroristen außerordentlich gefährlich, selbst wenn es nicht
zur Herstellung von Nuklearwaffen verwendet würde.
"Wenn es um die Hülle eines konventionellen
Sprengkörpers gewickelt würde, könnte dieses
Material ein Gebiet so verseuchen, daß acht oder
zehn Jahre lang kein menschliches Leben dort
möglich wäre", stellt Cetron fest. "Und die nachrichtendienstlichen Erkenntnisse deuten darauf hin, daß
Terrorgruppen diese Ideen prüfen."
Verträge und ihre Grenzen
Die erste Verteidigungslinie gegen solch ein erschreckendes Szenarium ist das von den Senatoren
Sam Nunn (Demokrat aus Georgia) und Richard
Lugar (Republikaner aus Indiana) geförderte NunnLugar-Programm zur kooperativen Bedrohungsverringerung. Seit der Einführung des Programms im
Jahr 1991 haben die Vereinigten Staaten 1,27
Milliarden Dollar aufgewandt, um den Staaten der
ehemaligen Sowjetunion bei der sicheren Entsorgung ihrer Massenvernichtungswaffen behilflich zu
sein.
Das Programm enthält Initiativen zur Gewährleistung
der Sicherheit von Nuklearwaffen während des
Transports zu den Zerlegungseinrichtungen, finanzielle und technische Hilfe beim Entwurf neuer
Lagereinrichtungen für Nuklearmaterial und Verbesserungen bei den Kontroll- und Zählsystemen in
Rußland sowie die Einrichtung von Wissenschaftsund Technologiezentren in Moskau und Kiew, um
mehreren Tausend Atomwissenschaftlern und
Ingenieuren Arbeit zu bieten.
"Die Situation in der ehemaligen Sowjetunion beunruhigt mich weiterhin am meisten, und meine Hauptsorge ist nicht, daß aus Feindschaft Nuklearwaffen
auf uns abgefeuert werden, sondern vielmehr, daß

AMERIKA DIENST 33

sie von einer nicht autorisierten oder Terrorgruppe
abgefeuert werden", so Ashton Carter, Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium für nukleare
Sicherheit und Nichtverbreitung und der Weichensteller des Pentagon für nukleare Sicherheit.
"Die Dinge können sich sehr rasch verändern, und
während der ganzen Zeit haben wir 30.000 Nuklearwaffen, Hunderte Tonnen spaltbaren Materials und
Zehntausende Tonnen chemischer Waffen in dieser
Region - und das Problem wird noch lange Zeit
existieren", fügt Carter mit dem Hinweis hinzu, selbst
bei optimistischen Prognosen laufe der Zeitplan für
die Beendigung der Nunn-Lugar-Initiativen bis zum
Jahr 2001.
Da das Nunn-Lugar-Programm Teil eines Gesamthilfepakets für Rußland ist, das bei den Republikanern unpopulär ist, wird es jedoch wahrscheinlich
nicht fristgerecht ablaufen. Im Mai stimmte der
nationale Sicherheitsausschuß des Repräsentantenhauses für die Kürzung von 171 Millionen Dollar des
Antrags der Administration in Höhe von 371 Millionen
Dollar für das Nunn-Lugar-Programm im Jahr 1996.
Mit der unbegrenzten Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags im Mai 1995 errang die ClintonAdministration einen entscheidenden Sieg bei der
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen. Der N W ist das
wichtigste rechtliche Instrument, das die fünf erklärten
Nuklearstaaten (die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, China und Rußland) verpflichtet,
keine Verlegung von Nuklearwaffen und Nuklearwaffentechnologie vorzunehmen, und den nicht im Besitz
von Atomwaffen befindlichen Staaten die Beschaffung
von Nuklearwaffen untersagt. Der N W verpflichtet
die 178 Unterzeichner des Abkommens (von den 185
Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen) zu beschleunigten Inspektionen der Internationalen AtomenergieOrganisation, dem nuklearen Wachhund der Welt.
"Ungeachtet seiner Einschränkungen ist der N W
meines Erachtens das erfolgreichste Rüstungskontrollregime der Geschichte", stellt ACDA-Direktor
Holum mit der Anmerkung fest, daß es heute sehr
viel weniger Nuklearstaaten gibt, als bei der Aushandlung des Vertrags im Jahr 1968 vorhergesagt
wurde. Und nachdem bekannt wurde, daß der Irak
als NW-Unterzeichnerstaat ein sehr viel moderneres
Nuklearwaffenprogramm unterhielt als Experten vor
dem Golfkrieg vermutet hatten, wurden die Verifizierungsrichtlinien im Rahmen des Vertrags verbessert
und konzentrieren sich jetzt auf Ad-hoc-lnspektionen
nicht erklärter Einrichtungen.
Zusätzlich zum N W hat das ACDA eine Chemiewaffenkonvention ausgehandelt, die noch vom Senat
genehmigt werden muß. Den Unterzeichnern wäre

Seite 3

�die Entwicklung, Lagerung und Verlegung chemischer Waffen untersagt. "Im Hinblick auf ihre
Verbote und die Genauigkeit ihres Inspektionsregimes wird die Chemiewaffenkonvention das
weitreichendste Rüstungskontrollabkommen sein,
das je ausgehandelt wurde", erklärt Holum.
Nachrichtendienstlichen Erkenntnissen zufolge
haben rund zwei Dutzend Nationen bestätigte oder
vermutete Programme zur chemischen Kriegführung,
und zehn haben angeblich Programme zur biologischen Kriegführung. ACDA-Vertreter räumen ein,
daß der aktuelle Vertrag über die Verbreitung von
biologischen Waffen nicht in Kraft gesetzt werden
kann und verbessert werden muß.
"Obwohl der Trend bei der Nichtverbreitung meiner
Ansicht nach günstig ist, insbesondere im nuklearen
Bereich, bin ich konstant besorgt über die generelle
Verfügbarkeit dieser Technologien und das Potential
für verbrecherische Staaten, die erforderlichen
Materialien von Scheinfirmen oder Schmugglern zu
kaufen", so Holum.
Kontrolle des "Superterrorismus"
Über diplomatische und nachrichtendienstliche
Kanäle haben die Vereinigten Staaten einen zweigleisigen Ansatz zur Bekämpfung terroristischer
Gruppen verfolgt, die Massenvernichtungswaffen
beschaffen wollen.
Im diplomatischen Bereich
konzentrierte sich das US-Außenministerium auf die
Stärkung des Gesetzesrahmens, der Druck auf
internationale Terroristen ausübt. Seit 1986 hat sich
die Zahl der internationalen Verträge und Konventionen, in denen sich die Regierungen zur Bekämpfung
von Terroristen verpflichten, von 5 auf 10 verdoppelt,
und die Vereinten Nationen, die Minister europäischer Regierungen, die Organisation Amerikanischer
Staaten sowie die Organisation der Islamischen
Konferenz verabschiedeten vor kurzem
n Resolutionen zur entschiedenen Bekämpfung des
Terrorismus.
"Viele der politischen

Meinungsverschiedenheiten

über den Terrorismus, die während des Kalten
Krieges eine internationale Zusammenarbeit verhinderten, wurden beigelegt, als sich die Länder der
Welt zunehmend mit einer Stimme gegen den
Terrorismus aussprachen", so Kennon vom USAußenministerium.
Obwohl die Anzahl von Staaten, die den Terrorismus
aktiv unterstützen, nach der Auflösung des Warschauer Pakts sank, wurden Experten zufolge die
jüngsten Anschläge von inländischen Terroristen
verübt, deren Motive weniger gut verstanden werden. "Eine beängstigende Gesetzmäßigkeit, die

Seite 4

Oklahoma City und Tokio miteinander verbindet, ist
die Tatsache, daß in beiden Fällen die Waffen
vollständig im Land gebaut wurden, so daß sie nicht
unter die Exportkontrollen fielen", erklärte der stellvertretende Abteilungsleiter für Nichtverbreitungspolitik im US-Verteidigungsministerium, Mitchell
Wallerstein. "Und weil beide Gruppen aus dem
Inland stammen, erregten sie nicht die Aufmerksamkeit der internationalen Nachrichtendienste."
Ein weiterer beunruhigender Trend ist das Aufkommen "staatenloser" Terrorgruppen, die extrem schwer
zu überwachen sind und in die man nur schwer
jemanden einschleusen kann. "Nach dem Verlust
eines Großteils ihrer Infrastruktur und ihrer Unterstützung aus Osteuropa beobachten wir das Phänomen kleinerer und nur lose miteinander verbundener
Terrorgruppen, die an Orte wie Afghanistan oder den
Libanon gehen, wo es praktisch keine Regierung
gibt", so Kennon.
Bestrebungen zum Aufspüren dieses weltweiten
Netzes von Terroristen werden von der 1986 gegründeten interministeriellen Terrorismusbekämpfungsgruppe koordiniert, die ihren Sitz beim amerikanischen Geheimdienst CIA hat. Vertreter des amerikanischen Bundeskriminalamts FBI, der nationalen
Sicherheitsbehörde und der Nachrichtendienste des
Verteidigungsministeriums bemühen sich um eine
Koordinierung ihrer Operationen. Obwohl die Regeln
für internationale Ermittlungen der Geheimhaltung
unterliegen, weisen Experten der Nachrichtendienste
zufolge einige der jüngsten Erfolge darauf hin, daß
die koordinierten Bestrebungen zur Bekämpfung des
Terrorismus funktionieren.
Ramzi Ahmed Yousef, der der Mittäterschaft an dem
Bombenanschlag auf das World Trade Center verdächtigt wird und Angriffe auf amerikanische Flugzeugträger in Asien plante, wurde Anfang des Jahres
in Pakistan festgenommen und an die Vereinigten
Staaten ausgeliefert. Amerikanische Agenten nahmen auch die Flugzeugentführer Fawaz Yunis und Ali
Rezaq fest. Und Mitarbeiter des Nachrichtendienstes
identifizierten Imad Mughniyah, einen shiitischen
Anführer des Islamischen Heiligen Krieges aus dem
Libanon, der 1983 vermutlich am Bombenanschlag
auf die Kaserne in Beirut beteiligt war. Der Versuch
seiner Festnahme bei einem Zwischenstopp in SaudiArabien durch FBI-Agenten wurde jedoch von der
saudiarabischen Regierung vereitelt.
Regierungsvertreter weisen auch auf die Aufdeckung
einer Anzahl Fälle von Nuklearschmuggel hin, über
die in den Medien berichtet wurde und die das
Ergebnis erfolgreicher Stichproben durch die amerikanischen und internationalen Nachrichtendienste sind.

AMERIKA DIENST 33

�"Die Nachrichtendienste haben definitiv sowohl die
Terrorismusbekämpfung als auch den Kampf gegen
Weiterverbreitung von Waffen als hohe Priorität und
wachsende Bedrohung identifiziert. Dies führte zur
Bildung einer Antiterrorismusgruppe, die unterschiedliche Ressourcen der Regierung zusammenfaßt", so
der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates. Er warnt
jedoch, daß es ein Kampf gegen Windmühlen sei,
Terroristen Massenvernichtungswaffen vorzuenthalten.
"Insbesondere chemische und biologische Waffen
kann man im eigenen Keller herstellen. Und die
Idee, sie überhaupt nicht in die Hände von Terroristen zu lassen, ist technisch einfach nicht zu realisieren", äußert er. "Die beste Abschreckung besteht
darin, diese Menschen zu fassen, damit die anderen
sehen, daß man mit so etwas nur verlieren kann."
Zur Vorbereitung auf einen solchen Eventualfall
führte die Regierung im Oktober 1994 eine Terrorismusbekämpfungsübung durch, bei der Mitarbeiter
des FBI und des Energieministeriums in New Orleans nach drei fiktiven atomaren Gefechtsköpfen
suchten. Eine ähnliche Übung wurde vergangenes
Jahr in New York mit der simulierten Freisetzung
eines biologischen Kampfstoffes in einer U-Bahn
abgehalten.
Kampf gegen den Terrorismus auf amerikanischem Boden
Als Teil einer Reihe nach dem Bombenanschlag von
Oklahoma City unterbreiteter Vorschläge würde die
Clinton-Administration im FBI eine inländische Version des internationalen Terrorismusbekämpfungszentrums des CIA einrichten. Bei einer Anhörung
vor dem Justizunterausschuß des Repräsentantenhauses für Verbrechensbekämpfung im Mai argumentierte FBI-Direktor Louis Freeh, solch eine
zentralisierte Organisation sei zur Bekämpfung einer
terroristischen Bedrohung erforderlich, die keine
Grenzen achte und in zunehmendem Maße in den
Zuständigkeitsbereich mehrerer Bundesbehörden
eindringe.
"Das Antlitz und die Hand des Terrorismus verändern sich auf dramatische Weise ... und wir
können nicht unser Land und unseren Lebensstil
schützen ... wenn wir die Bedrohung durch Terrorismus von allen Seiten - aus dem In- und Ausland nicht ernstnehmen", so Freeh. "Es besteht kein
wirklicher Unterschied zwischen den hier und den im
Ausland gegen amerikanische Bürger geplanten
oder durchgeführten Anschlägen."
Im Mai bewilligte der Kongreß zusätzliche 100
Millionen Dollar zur Terrorismusbekämpfung, darunter Mittel zur Bezahlung von 25 nachrichtendienst-

AMERIKA DIENST 33

lichen Analysten für das neue Terrorismusbekämpfungszentrum sowie 190 FBI-Überwachungsspezialisten und 143 Mitarbeitern zur Unterstützung.
Das ehemalige Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates, Robert Schweitzer, befürwortet die Betonung
präventiver nachrichtendienstlicher Tätigkeit. "Bis
heute haben wir unser gesamtes Geld in die Reaktion
auf inländischen Terrorismus nach einem erfolgten
Anschlag gesteckt und waren dabei sehr erfolgreich",
erklärt er. "Mit der Verhütung von Terroranschlägen,
wofür die Nachrichtendienste maßgeblich sind, tun
wir uns jedoch sehr schwer."
Wenn es nach dem Willen der Clinton-Administration
geht, wird das FBI viel mehr Spielraum und Mittel
erhalten, um den Terrorismus auf amerikanischem
Boden zu bekämpfen. Als Teil des Gesetzes über
Terrorismusbekämpfung von 1995 schlägt die Administration eine erweiterte elektronische Überwachung
vermeintlicher Terroristen sowie größeren Zugang zu
Telefon-, Motel- und Reiseaufzeichnungen vor, ferner
die beschleunigte Abschiebung verdächtigter Terroristen ohne Bekanntgabe der nachrichtendienstlichen
Entdecker und das Verbot des Aufbringens von
Geldern für als terroristische Organisationen bezeichnete Gruppen. Darüber hinaus regte die Administration die Einstellung von 1.000 zusätzlichen Mitarbeitern beim FBI und anderen Behörden des Justizministeriums zur Terrorismusbekämpfung an.
Zivile Vertreter des Prinzips der Handlungsfreiheit
kritisieren viele dieser Vorschläge mit dem Hinweis,
daß sich in den sechziger Jahren frühere inländische
Spionageabwehreinheiten der Spionage gegen
Pazifisten und Bürgerrechtler schuldig gemacht
hatten. Mitarbeiter des FBI warnen jedoch, ohne eine
verstärkte Überwachung verdächtigter Terroristen im
Inland sei die Behörde dazu verurteilt, hauptsächlich
zu reagieren.
"Ich bin kein Befürworter umfassender und Undefinierter Bestrebungen zur Sammlung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse, aber die Strafverfolgungsbehörden müssen etwas über jene Individuen und
Gruppen wissen, die tödliche Gewalt als Mittel zur
Förderung ihrer Sache befürworten", äußerte Freeh
vor dem Justizunterausschuß des Repräsentantenhauses für Verbrechensbekämpfung.
"Die erste
Regel der Selbstverteidigung lautet, den Feind zu
kennen, der Dich zerstören will."
Eine Rolle für das Militär
Der vielleicht umstrittenste Aspekt des Gesetzes über
Terrorismusbekämpfung ist ein Vorschlag zur Abänderung des Posse Comitatus Act von 1878, das
die Durchsetzung ziviler Gesetze durch das Militär

Seite 5

�verbietet. Dadurch sollen sich Militärexperten an der
Untersuchung von mit Hilfe atomarer, biologischer
und chemischer Waffen begangener inländischer
Verbrechen beteiligen können.
Der Vorschlag trägt der Tatsache Rechnung, daß
nahezu das gesamte Fachwissen und die unterstützende Infrastruktur für den Umgang mit Massenvernichtungswaffen beim Militär zu finden sind. Das
Heer vernichtete zwar 1973 seine biologischen
Waffen, aber Forscher beim medizinischen Forschungszentrum für ansteckende Krankheiten der
US-Armee arbeiten weiterhin an der Identifizierung
biologischer Kampfstoffe und entsprechenden Impfstoffen. Ebenso unterhält die Armee, obwohl sie
ihre Produktion chemischer Waffen einstellte, immer
noch landesweit acht Chemiewaffenlager sowie ein
stabiles Programm zur Entdeckung und Identifizierung chemischer und biologischer Waffen und zum
Schutz ihrer Soldaten.
"Bei einer massiven Verseuchung eines städtischen
Gebietes durch chemische oder biologische Waffen
verfügt nur die US-Armee über das Fachwissen,
darauf zu reagieren", so Wallerstein vom US-Verteidigungsministerium. Das Militär hat unter anderem hochmodernes Gerät zum Aufspüren und
Identifizieren chemischer und biologischer Kampfstoffe, medizinisches Personal mit Reserven von
Impfstoffen und Gegengiften für den Kriegsfall sowie
Gerät und Fachwissen zur Dekontamination.
Regierungsvertretern zufolge stellte das Verteidigungsministerium Reaktionsteams zusammen, die in
jedem Teil des Landes auf Vorfälle mit Massenvernichtungswaffen reagieren können.
Unter den
derzeitigen Gesetzen kann das Verteidigungsministerium jedoch den inländischen Strafverfolgungsbehörden nur Unterstützung im Hintergrund bieten.
"Wenn Sie darüber sprechen, daß wir uns an der
ersten Reaktionstruppe beteiligen und unsere
Jungens neben den FBI-Agenten stehen, drängt Ihr
uns genau in die Ecke der durch das Posse Comitatus Act verhängten Beschränkungen", erklärt ein
Experte für Massenvernichtungswaffen der USArmee.
Angesichts des bedauerlichen Mangels an Vorbereitung der Zivilisten für den Fall eines Angriffs mit
chemischen oder biologischen Waffen haben die
Behörden unter Umständen keine andere Wahl, als
in einem Notfall die Armee zu Hilfe zu rufen. "Bei
dem Angriff auf die Tokioter U-Bahn wurden die
Opfer in 200 medizinische Einrichtungen gebracht.
In einer typischen amerikanischen Stadt wäre es
jedoch sehr schwierig, auch nur zwei Krankenhäuser
zu finden, in denen diese Art von Verletzungen
richtig behandelt werden kann", so Sidell vom

Seite 6

medizinischen Institut für chemische Verteidigung der
Armee. Was die Ausbildung mit Gegengiften und
ihre Verfügbarkeit, Schutzkleidung und Dekontaminationsgerät anbelangt, sind ihm zufolge die Nothilfeorganisationen und medizinischen Einrichtungen der
Vereinigten Staaten schlichtweg unvorbereitet. "Das
Problem besteht darin, daß wir in Amerika einfach
nicht über diese Art von Problemen nachdenken",
stellt er fest.
"Eine Organisation, die nicht einfach nur über das
Undenkbare nachdenkt, sondern auch für den Tag
plant und ausbildet, an dem das Land von Superterroristen bedroht wird, ist der U.S. Special Operations
Command (SOCOM) auf dem Luftwaffenstützpunkt
MacDill in Florida. SOCOM, bereits mit Terrorismusbekämpfung und
Sonderaufklärungsmissionen
beauftragt, würde gemäß einem kürzlich unterbreiteten Vorschlag die Verantwortung für Nichtverbreitungsmissionen übernehmen, die die Suche nach
Massenvernichtungswaffen und ihre Bergung in einer
feindlichen Umgebung beinhalten. Laut informierten
Quellen führt die geheime Delta Force-Kommandoeinheit des SOCOM regelmäßig Übungen durch, um
mit Nuklearwaffen ausgerüstete Terroristen kampfunfähig zu machen und notfalls zu töten - sei es im
In- oder Ausland.
Verschiedenen Berichten und Quellen zufolge widersetzen sich führende Militärs jedoch den Bestrebungen des Weißen Hauses, eine noch größere Rolle
des Militärs bei der Untersuchung terroristischer
Vorfälle auf amerikanischem Boden gesetzlich
festzuschreiben. Selbst unter den derzeitigen Bestimmungen können amerikanische Präsidenten bei
innenpolitischen Notfällen das aktive Militär einsetzen,
was sie auch taten - in jüngster Zeit bei den Unruhen
in Los Angeles 1992 und in der Vergangenheit beim
Pullman Eisenbahnstreik im Jahr 1894. Auf der Höhe
des "Drogenkrieges" durchkämmten sogar vollständig
bewaffnete Spezialeinheiten der Nationalgarde
isolierte Behelfsflugplätze in Florida.
In seiner Ansprache vor Abgängern der Luftwaffenakademie im Mai machte Präsident Clinton seine
Bereitschaft deutlich, das Militär bei der Terrorismusbekämpfung einzusetzen. Zum Posse Comitatus Act
äußerte er: "Die einzige Ausnahme hierbei ist die
Fähigkeit der amerikanischen Strafverfolgungsbehörden, sich im Falle einer potentiellen Bedrohung in
Form von Nuklearwaffen in den Händen der falschen
Leute des einzigartigen Fachwissens des Militärs zu
bedienen. Alles, was wir nach dem schrecklichen
Vorfall in der Tokioter U-Bahn fordern, ist derselbe
Zugang zu demselben Fachwissen im Falle eines
Einsatzes chemischer und biologischer Waffen...
Heute kommen Menschen aus Übersee zu Terroranschlägen in unser Land und greifen unsere natio-

AMERIKA DIENST 33

�nale Sicherheit an. Wir müssen die Bedrohungen
als das erkennen, was sie sind und eine Antwort

AMERIKA DIENST 33

darauf finden, die auf ihrer wahren Natur basiert und nicht nur dort, wo sie auftreten.

Seite 7

�</text>
                </elementText>
              </elementTextContainer>
            </element>
          </elementContainer>
        </elementSet>
      </elementSetContainer>
    </file>
  </fileContainer>
  <collection collectionId="4">
    <elementSetContainer>
      <elementSet elementSetId="1">
        <name>Dublin Core</name>
        <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
        <elementContainer>
          <element elementId="50">
            <name>Title</name>
            <description>A name given to the resource</description>
            <elementTextContainer>
              <elementText elementTextId="6534">
                <text>Dokumente</text>
              </elementText>
            </elementTextContainer>
          </element>
        </elementContainer>
      </elementSet>
    </elementSetContainer>
  </collection>
  <itemType itemTypeId="19">
    <name>Digitalisat</name>
    <description>Umwandlung eines physischen Dokumentes in ein digitales Medium.</description>
  </itemType>
  <elementSetContainer>
    <elementSet elementSetId="1">
      <name>Dublin Core</name>
      <description>The Dublin Core metadata element set is common to all Omeka records, including items, files, and collections. For more information see, http://dublincore.org/documents/dces/.</description>
      <elementContainer>
        <element elementId="40">
          <name>Date</name>
          <description>A point or period of time associated with an event in the lifecycle of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12526">
              <text>06.12.1995</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="51">
          <name>Type</name>
          <description>The nature or genre of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12527">
              <text>Digitalisat</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="39">
          <name>Creator</name>
          <description>An entity primarily responsible for making the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12528">
              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="50">
          <name>Title</name>
          <description>A name given to the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12529">
              <text>Amerikadienst 06.12.1995</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
        <element elementId="41">
          <name>Description</name>
          <description>An account of the resource</description>
          <elementTextContainer>
            <elementText elementTextId="12530">
              <text>&lt;p&gt;&lt;strong&gt;1. Bosnien &lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Clinton der Ruf zum Frieden &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Rede des Präsidenten vor den Truppen&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Unterstützung der USA für dauerhaften Frieden in Bosnien erforderlich&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Außenminister Cristopher&lt;/em&gt; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. Außenpolitik&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Die Rolle der Vereinigten Staaten als weltweiter Vermittler&lt;br /&gt;&lt;em&gt; von Amitai Etzioni&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Die amerikanisch-europäischen Wirtschaftsbeziehungen - der neue transatlantische Markt &lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;Übersicht des weißen Hauses&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;USA appellieren an Nationen zur Einhaltung der Menschenrechte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;Rede von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Terrorismus&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;Das Zeitalter des Superterrorismus&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;von James Kitfield&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&#13;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;</text>
            </elementText>
          </elementTextContainer>
        </element>
      </elementContainer>
    </elementSet>
  </elementSetContainer>
</item>
