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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
8. November 1995

31

NAHER OSTEN

WER FRIEDEN LIEBT, MUSS RABINS KAMPF
WEITERFÜHREN
Ansprache von Präsident Clinton beim
Staatsbegräbnis

BOSNIEN

USA BETEILIGEN SICH AN NATO-MISSION IN
BOSNIEN
Rede von Präsident Clinton

DEMOKRATIE

DIE ELEKTRONISCHE REPUBLIK
von Lawrence Grossman

BÜRGERRECHTE

DER LANGE KAMPF UM BURGERRECHTE
IN DEN USA
Rede vor der Black Lawyers Association

VETERANS DAY

AMERIKANISCHE STREITKRÄFTE FORDERN
DEMOKRATIE UND FRIEDEN
Proklamation zum 11. November

SPORT

DIE OLYMPISCHEN SPIELE
von Stephen E. Roulac

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�NAHER

OSTEN
8. November 1995

Wer Frieden liebt, muß Rabins Kampf weiterführen
Ansprache von Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis
JERUSALEM - (AD) - Der israelische Ministerpräsident Yitzhak Rabin "hat den Weg geebnet und jetzt ist es
an uns allen, die den Frieden lieben, ... den Kampf fortzuführen, den er ins Leben rief und für den er sein
Leben ließ", äußerte Präsident Clinton beim Staatsbegräbnis für Rabin auf dem Har Herzl-Friedhof in
Jerusalem. Der Präsident erklärte, der Geist des ermordeten israelischen Politikers "wird weiterhin den Weg
weisen. Sein Geist lebt fort in dem wachsenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn. Er lebt fort
in den Augen der Kinder, der jüdischen und arabischen Kinder, die eine Vergangenheit der Angst für eine
Zukunft der Hoffnung hinter sich lassen. Er lebt fort in dem Versprechen echter Sicherheit."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Grabrede des Präsidenten im Wortlaut.

Liebe Leah, liebe Familienangehörige, Präsident
Weizman, amtierender Ministerpräsident Peres,
Mitglieder der israelischen Regierung und der
Knesset, verehrte Staats- und Regierungschefs aus
dem Nahen Osten und der ganzen Welt, Seine
Majestät König Hussein - herzlichen Dank für Ihre
bemerkenswerten und schönen Worte -, Präsident
Mubarak, daß Sie diese historische Reise nach hier
angetreten haben, liebe Israelis.
Das amerikanische Volk trauert mit Ihnen um den
Verlust Ihres Ministerpräsidenten. Und ich trauere
mit Ihnen, denn er war mein Partner und Freund.
Jeder mit ihm verbrachte Augenblick war eine
Freude, denn er war ein guter Mann, und eine
Inspiration, denn er war auch ein großer Mann.
Leah, ich weiß, daß Sie zu häufig im Leben dieses
Landes gefordert waren, den Müttern und Vätern,
den Ehemännern und Ehefrauen, den Söhnen und
Töchtern beizustehen und Trost zu spenden, die
einen geliebten Angehörigen durch Gewalt und
Rache verloren hatten. Sie gaben ihnen die Stärke.
Jetzt wollen wir hier und die Millionen Menschen auf
der ganzen Welt Ihnen in aller Bescheidenheit und
Ehrerbietung unsere Stärke anbieten. Möge Gott
Sie trösten unter all den Trauernden von Zion und
Jerusalem.
Yitzhak Rabin lebte die Geschichte Israels - mit jeder
Prüfung und mit jedem Triumph - dem Kampf für
Unabhängigkeit, den Kriegen ums Überleben, dem
Streben nach Frieden - und bei all dem diente er an
der Frontlinie - dieser Sohn Davids und Salomons

AMERIKA DIENST 31

ergriff die Waffen, um Israels Freiheit zu verteidigen
und ließ sein Leben, um Israels Zukunft zu sichern.
Er war ein Mann ohne jegliche Verstellung, wie alle
seine Freunde wußten. Ich habe gelesen, daß David
Ben Gurion ihn 1949, nach dem Unabhängigkeitskrieg, als Vertreter Israels zu den Waffenstillstandsgesprächen nach Rhodos entsandte - und er hatte
bis damals noch nie eine Krawatte getragen und
wußte nicht, wie man sie bindet. Das Problem wurde
von einem Freund gelöst, der die Krawatte vor seiner
Abreise für ihn band und ihm zeigte, wie man den
Knoten bewahrt, indem man einfach die Krawatte
lockert und über den Kopf zieht. Das letzte Mal als
wir zusammen waren, vor nicht einmal zwei Wochen,
erschien er zu einer Veranstaltung, bei der ein
Smoking als Kleidung vorgeschrieben war - aber
ohne Fliege. Also borgte er sich eine Fliege, und ich
hatte die Ehre, sie für ihn zurechtzurücken. Diesen
Augenblick werde ich solange ich lebe im Gedächtnis
bewahren. Für ihn waren Zeremonien und Worte
weniger wichtig als Handeln und Taten.
Vor sechs Wochen - wie sich König Hussein und
Präsident Mubarak erinnern werden - waren wir zur
Unterzeichnung des israelisch-palästinensischen
Abkommens im Weißen Haus. Es wurden viele
Reden gehalten. Ich habe gesprochen, der König
sprach, der PLO-Vorsitzende Arafat sprach, Präsident
Mubarak sprach, alle unsere Außenminister sprachen. Und schließlich erhob sich Ministerpräsident
Rabin um zu sprechen und sagte: "Zuerst die gute
Nachricht - ich bin der letzte Redner."

Seite 1

�Er wußte jedoch auch um die Macht der Worte und
der Symbolik. "Sehen Sie auf das Podium", äußerte
er in Washington, "der König von Jordanien, der
Präsident von Ägypten, der PLO-Vorsitzende Arafat,
und wir, der Ministerpräsident und der Außenminister
von Israel - alle auf diesem Podium versammelt.
Bitte betrachten Sie sich das ganz genau. Was Sie
sehen, war vor nur drei Jahren noch völlig undenkbar. Nur Dichter träumten davon. Und zu unserem
großen Schmerz mußten Soldaten und Zivilisten ihr
Leben lassen, damit dieser Moment Wirklichkeit
werden konnte." Das waren seine Worte.
Heute bitte ich Sie alle auf der ganzen Welt, sich
dieses Bild genau zu betrachten. Blicken Sie auf die
Staats- und Regierungschefs aus dem Nahen Osten
und der ganzen Welt, die heute wegen Yitzhak
Rabin und für den Frieden hierhin gereist sind.
Obwohl wir nicht länger seine tiefe, wohlklingende
Stimme vernehmen, ist er es, der uns erneut hier in
Worten und Taten für den Frieden zusammengeführt
hat.
Jetzt ist es an uns allen, die den Frieden lieben und
die ihn liebten, den Kampf fortzuführen, den er ins
Leben rief und für den er sein Leben ließ. Er hat
den Weg geebnet, und sein Geist wird weiterhin den
Weg weisen. Sein Geist lebt fort in dem wachsenden Frieden zwischen Israel und seinen Nachbarn.
Er lebt fort in den Augen der Kinder, der jüdischen
und arabischen Kinder, die eine Vergangenheit der
Angst für eine Zukunft der Hoffnung hinter sich
lassen. Er lebt fort in dem Versprechen echter
Sicherheit.
Daher möchte ich dem Volk Israels sagen, selbst in
der Stunde der Dunkelheit lebt sein Geist fort, und
so dürfen Sie nicht Ihren Mut verlieren. Betrachten
Sie das von Ihnen Geleistete - Sie bringen eine einst
öde Wüste zum Blühen, Sie bauen eine aufstrebende Demokratie in feindlichem Terrain auf, Sie
gewinnen Schlachten und Kriege und erlangen jetzt
den Frieden, der der einzig dauerhafte Sieg ist.
Ihr Ministerpräsident war ein Märtyrer des Friedens
und wurde ein Opfer des Hasses. Wenn wir eines
aus seinem Martyrium lernen sollten, dann folgendes: Wenn die Menschen nicht ihren Haß gegen
ihre Feinde aufgeben können, riskieren sie, Haß
unter sich selbst zu säen.
Ich bitte Sie, das israelische Volk, im Namen meiner
Nation, die selbst eine lange Litanei des Verlustes
kennt - von Abraham Lincoln über Präsident Kenne-

*

Seite 2

dy bis zu Martin Luther King - dies nicht mit Ihnen
geschehen zu lassen.
Bleiben Sie auf dem richtigen Kurs - in der Knesset,
in Ihrem Heim, in Ihren Gotteshäusern. Wie Moses
zu den Kindern Israels sagte, als er wußte, daß er
nicht ins Gelobte Land kommen würde: "Seid mutig
und stark. Fürchtet euch nicht, denn dein Gott ist es,
der mit dir zieht. Er wird dich weder im Stich lassen
noch dich gänzlich verlassen."
Präsident Weizmann, amtierender Ministerpräsident
Peres, dem Volk Israels gelobe ich, während Sie den
Kurs des Friedens halten: Auch Amerika wird euch
nie gänzlich verlassen.
Die Legende belegt, daß seit Menschengedenken in
jeder Generation von Juden ein gerechter Führer
auftrat, um sein Volk zu schützen und ihm den Weg
in die Sicherheit zu weisen. Ministerpräsident Rabin
war solch ein Führer. Er wußte, als er vor zwei
Jahren auf dem Rasen des Weißen Hauses seine
Worte an die Welt richtete, daß die Zeit gekommen
ist, "eine neue Zeitrechnung in den Beziehungen
zwischen Menschen, zwischen vom Krieg ermüdeten
Eltern, zwischen Kinder zu beginnen, die den Krieg
nicht kennenlernen werden". Hier in Jerusalem bin
ich festen Glaubens, daß er sein Volk zu diesem
Gelobten Land führte.
In dieser Woche lesen Juden auf der ganzen Welt
den Teil der Thora, in dem Gott den Glauben von
Abraham, des Patriarchen der Juden und Araber, auf
die Probe stellt. Er befiehlt Abraham, Isaak zu
opfern. "Nimm bitte deinen Sohn, deinen einzigen
Sohn, den du so liebst." Als Abraham in seiner
Gottesfürchtigkeit seinen Sohn töten wollte, verschonte Gott Isaak, wie wir wissen. Jetzt stellt Gott
unseren Glauben auf noch viel schrecklichere Weise
auf die Probe, denn er hat Yitzhak von uns genommen. .
Aber Israels Bündnis mit Gott - für Freiheit, Toleranz,
Sicherheit und für Frieden - dieses Bündnis muß
halten. Dieses Bündnis war Ministerpräsident Rabins
Lebenswerk. Jetzt müssen wir es zu seinem dauerhaften Vermächtnis machen. Sein Geist muß in
uns fortleben.
Das Kaddisch, das jüdische Gebet für Verstorbene,
spricht nie vom Tod, aber häufig vom Frieden. Die
letzten Worte lauten: "Mögen eure Herzen ein Maß
an Trost und eure Seelen die ewige Hoffnung finden."

* * *

*

AMERIKA DIENST 31

�BOSNIEN
8. November 1995

USA beteiligen sich an NATO-Mission in Bosnien
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, das keinen Feind benötigt, um nützlich und
geeint zu bleiben, erklärte Präsident Bill Clinton bei einem Dinner des Truman Library Institute am 25. Oktober
1995. Sollten die Vereinigten Staaten jedoch keine Bodentruppen nach Bosnien entsenden, würde das
Bündnis zersplittern und Washington seine Führungsrolle in der NATO aufgeben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons im Wortlaut.

Ich wurde gebeten, über die Bedeutung des Vermächtnisses von Harry Truman für die Gegenwart
und die Zukunft zu sprechen. Aufgrund der Gespräche, die ich gerade bei den Vereinten Nationen
geführt habe und der Arbeit, die wir 50 Jahre nach
der Gründung dieser Organisation leisten, halte ich
es für angebracht, Ihnen einige meiner Gedanken
über das Vermächtnis Harry Trumans und seine
Bedeutung heute und morgen darzulegen.
Jeder amerikanische Präsident, einschließlich meiner
beiden herausragenden Vorgänger, die heute abend
hier sprachen, ist in die Fußstapfen Harry Trumans
getreten und hat die Führungsrolle Amerikas in der
Welt weiterentwickelt. Diese Tradition einer Fortsetzung der Führungsrolle und des Engagements
der Vereinigten Staaten war so erfolgreich und
wurde von Präsidenten aus den Reihen der Demokraten und der Republikaner gleichermaßen so
konsequent beibehalten, daß einige von uns vergessen, welchen Mut sie am Anfang erforderte.
Bevor ich heute abend hierherkam, waren Ministerpräsident Rabin und ich in einer Besprechung über
den Friedensprozeß im Nahen Osten. Harry Truman
erkannte als erster führender Politiker der Welt den
Staat Israel an. Und sein Engagement, uns die
Fähigkeit zu verleihen, zu führen und uns für den
Frieden einzusetzen, leitete einen Prozeß ein, der
sich wie ein silberner Faden bis zu den außergewöhnlichen Errungenschaften Präsident Carters und
all den Dingen zog, die wir seitdem erreicht haben.
Die Trumandoktrin, der Marshallplan, das NATOBündnis - das alles waren einzigartige Schritte.
Die NATO, die Präsident Truman zu Recht als eine
seiner größten Errungenschaften betrachtete, war
unser erstes in Friedenszeiten eingegangenes

AMERIKA DIENST 31

Bündnis. Vor der NATO-Gründung hatten wir nie ein
Militärbündnis in Friedenszeiten. Dieser entscheidende Wandel entstand aus der Überzeugung heraus
- die von General Marshall, Senator Vandenberg,
Dean Acheson und vielen anderen geteilt wurde daß wir uns niemals wieder von der Welt zurückziehen können. Schließlich hatten wir uns nach dem
Ersten Weltkrieg isoliert und mußten einander daher
bekämpfen. Harry Truman beschloß, daß dies nicht
noch einmal geschehen dürfe. Und er mußte sich
fast direkt der furchterregenden Aussicht auf den
Kalten Krieg stellen und sämtliche Entscheidungen
zur Einleitung einer Politik treffen, die letztlich zuließ,
daß in diesem Krieg die Freiheit die Oberhand
gewann.
Er mußte das mit einer Nation erreichen, die des
Krieges und des Engagements müde war, in der die
Menschen sich danach sehnten, sich nur auf die
kleinen alltäglichen Dinge des Lebens zu konzentrieren, die den meisten von uns so viel bedeuten.
Weil Truman diese Entscheidung traf, feiern wir jetzt
das 50jährige Bestehen der Vereinten Nationen. Es
gab keinen weiteren Weltkrieg, es wurden keine
Atombomben mehr abgeworfen, und wir sind weltweit
Zeuge der Bewegung für Frieden, Freiheit und
Demokratie.
Was werden wir unternehmen, um auf Trumans
Leistungen aufzubauen? Was müssen wir tun, um im
kommenden Jahrhundert den Frieden zu sichern?
Die neuen Errungenschaften der Freiheit ermöglichen
es uns meines Erachtens, zum Aufbau eines Europas
beizutragen, das demokratisch, friedlich und erstmals
seit dem Entstehen von Nationalstaaten auf diesem
Kontinent ungeteilt ist.

Seite 1

�Wir können ein Europa schaffen, das sich für Freiheit, Demokratie und Wohlstand engagiert, das auf
dem gesamten Kontinent wirklich sicher ist und zum
ersten Mal überhaupt mit anderen, gleichgesinnten
Völkern zusammengeschlossen ist. Und ich verpflichte mich, alles in unserer Macht Stehende zu
unternehmen, um dieses Europa zu gestalten, das
auf drei Grundsätzen basiert: Erstens, der Förderung von Demokratie in den seit kurzem freien
Nationen Europas. Zweitens, der Erhöhung der
wirtschaftlichen Lebensfähigkeit in Europa mit Hilfe
Amerikas und anderer Partner durch offene Märkte
und erweiterten Handel, und zur Unterstützung der
ehemals kommunistischen Staaten bei der Vervollständigung ihres Übergangs zur Marktwirtschaft - ein
Zug, der die Demokratie dort stärken und zur Eindämmung von extremem Nationalismus und ethnischem Haß beitragen wird.
Und schließlich scharfen wir die transatlantische
Gemeinschaft von morgen, indem wir unsere sicherheitspolitische Zusammenarbeit vertiefen, anstatt
uns zurückzuziehen. Jetzt, da die übergreifende
Bedrohung durch den Kommunismus verschwunden
ist, sind Haß und Intoleranz immer noch gegenwärtig, haben aber ein anderes Gesicht: Ethnische
und religiöse Konflikte, organisiertes Verbrechen und
Drogenhandel, staatlich geförderter Terrorismus, die
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen. Amerika kann sich von diesen Bedrohungen ebensowenig
isolieren, wie es sich nach dem Zweiten Weltkrieg
isolieren konnte. Tatsächlich haben wir hierfür sogar
weniger Optionen, da die Welt immer enger zusammenwächst.

die Zuversicht, ihren alten Haß zu überwinden. Es
gab ihnen die Sicherheit, den Wohlstand zu säen,
den wir heute genießen.
Durch die Gründung der NATO tat Amerika von
unserem Blickwinkel aus sogar etwas noch Wichtigeres. Wir schufen die Sicherheit, die für unser Gedeihen und Wohlergehen wichtig ist. Jetzt müssen wir
auf den Errungenschaften Präsident Trumans aufbauen. Bei der Bekanntgabe der Trumandoktrin
erklärte er: "Die Welt ist nicht statisch, und der
Status quo nicht geheiligt. Wir müssen die NATO
anpassen, und meines Erachtens sollten wir die
Türen der NATO für neue Mitglieder öffnen." Das
Ende des Kalten Krieges kann nicht das Ende der
NATO bedeuten, und es kann keine der Vergangenheit verhaftete NATO bedeuten, denn es gibt keinen
anderen Eckpfeiler für ein integriertes, sicheres und
stabliles Europa der Zukunft.
Der Erfolg der NATO beinhaltet die Förderung von
Sicherheitsinteressen, Werten, Demokratie und
wirtschaftlichen Chancen. Wir haben buchstäblich
eine Werte- und Interessengemeinschaft sowie ein
gemeinsames Verteidigungsbündnis geschaffen.
Jetzt wollen die neuen Demokratien Zentral- und
Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetunion sich
daran beteiligen, den Kreis von Ländern mit gemeinsamen Zielen zu erweitern und dadurch unsere
eigene Sicherheit zu erhöhen.
Aus diesem Grund haben wir die Partnerschaft für
den Frieden ins Leben gerufen. In weniger als zwei
Jahren haben wir 26 Nationen in ein Programm zur
Förderung von Vertrauen und Freundschaft eingebracht. Ehemalige Gegner nehmen jetzt während
des ganzen Jahres an Manövern teil und knüpfen
Bande, anstatt Schlachtpläne zu schmieden. Das ist
gut für uns und gut für Europa.

Indem wir uns unseren Verbündeten anschließen
und andere mit einbeziehen, die unsere Wertvorstellungen teilen, können wir uns zwar nicht von
diesen Bedrohungen isolieren, aber wir können mit
Sicherheit eine bessere Verteidigung bereitstellen.
Der Erfolg der NATO ist ein Beweis für das, was wir
bewirken können, wenn wir zusammenarbeiten. Die
NATO verbindet die westlichen Demokratien durch
ein gemeinsames Ziel und gemeinsame Werte. Und
ich bin fest davon überzeugt, daß die Einheit oder
der Nutzen der NATO nicht von der ständigen
Präsenz eines Feindes abhängen.

Jetzt sollten diese Nationen in der Region, die ihre
Demokratie bewahren, weiterhin Wirtschaftsreformen
fördern und sich verantwortungsbewußt verhalten, in
die Lage versetzt werden, der NATO beizutreten.
Das wird ihnen das Vertrauen geben, ihre Freiheit zu
konsolidieren, ihre Volkswirtschaften aufzubauen und
unsere Sicherheit zu erhöhen.

Das Bündnis stärkt all seine Mitglieder von innen
und verteidigt sie vor Bedrohungen von außen. Sie
sehen das, wenn Sie die heute in Westeuropa
herrschende Stabilität, wirtschaftliche Stärke und
Harmonie mit den Bedingungen vor wenigen Jahrzehnten zur Zeit Präsident Trumans vergleichen.
Das Bündnis brachte ehemalige Gegner zusammen,
stärkte die Demokratie, bot mit dem Marshallplan
schwachen Volkswirtschaften einen Schutz und
brachte sie wieder in Gang. Das gab den Völkern

Die NATO hat eine Studie darüber abgeschlossen,
wie sie neue Mitglieder aufnehmen sollte. Wir wollen
vorsichtig, überlegt und offen vorgehen und die
Schlußfolgerungen dieser Studie allen zugänglich
machen, die sich an der Partnerschaft für den Frieden beteiligen. Wir müssen jetzt jedoch stetig und
sorgfältig zur nächsten Stufe übergehen, überlegen,
wer die neuen Mitglieder sein sollten und wann sie
zum Beitritt aufgefordert werden können. Während
dieses Prozesses werde ich mit dem Kongreß und

Seite 2

AMERIKA DIENST 31

�dem amerikanischen Volk in Verbindung stehen und
die Art von parteiübergreifender Partnerschaft anstreben, die Harry Trumans bedeutende Errungenschaften ermöglicht hat.
Ich möchte einen wichtigen Punkt betonen: Die
Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO wird die
Sicherheit eines jeden in Europa, einschließlich
Rußlands, der Ukraine und der anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken erhöhen, nicht unterminieren. Wir
haben Rußland versichert, daß die NATO ist, was
sie immer war - ein Verteidigungsbündnis. Die
Erweiterung der Zone von Sicherheit und Demokratie in Europa kann zur Verhinderung neuer Konflikte
beitragen, die sich in vielen Fällen im Laufe von
Jahrhunderten aufgebaut haben. Für Rußland und
alle seine Nachbarn ist dies ein besserer Weg.
Ich möchte Sie auch wissen lassen, daß wir - wie
Sie an dem Foto mit Präsident Jelzin und mir sehen
können, auf dem wir beide lachen - positive Beziehungen zu Rußland aufbauen. Wer sich mit der
Geschichte dieses großartigen Landes auskennt
weiß, daß seine heroischen Bestrebungen, eine
zuversichtliche und stabile Demokratie zu werden, zu
den bedeutendsten Entwicklungen unserer Zeit
gehören.
Einer unserer früheren Kollegen, Präsident Nixon,
der nicht länger unter uns weilt, schrieb mir einen
Monat vor seinem Tod einen Brief zum Thema
Rußland - den ich verwahrt habe und hin und wieder
lese - in dem er die außergewöhnliche historische
Bedeutung des mutigen Strebens der Russen nach
Demokratie und Freiheit unterstreicht.
Auch Rußland kann in dem neuen Europa einen
Beitrag leisten, und wir haben dem Land ein starkes
Bündnis mit der NATO sowie Zusammenarbeit im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden angeboten. Diese Partnerschaft wird vertieft. Morgen
werden die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und
Rußlands unter der Schirmherrschaft der Partnerschaft für den Frieden in Fort Riley (Kansas) gemeinsame Manöver zur Friedenssicherung beginnen.
Wir möchten mit ihnen tägliche, umfassende, routinemäßige Beziehungen unterhalten. Wir wollen
jeden Schritt des Weges gehen, Vertrauen, Sicherheit und ein demokratisches Rußland zu schaffen.
Wir sind jedoch nicht der Meinung, daß die Öffnung
der NATO nach Osten und unsere Beziehungen zu
Rußland sich gegenseitig ausschließen.
Ich möchte noch etwas hervorheben: Die NATO ist
genau in diesem Moment für uns am Werke - sie
stellt in Bosnien unter Beweis, wie entscheidend sie
für die Sicherung des Friedens in Europa ist. Die
Bestrebungen unserer Unterhändler, die militäri-

AMERIKA DIENST 31

schen Veränderungen am Boden und die Luftangriffe
der NATO haben diese Parteien an den Verhandlungstisch gebracht und zu einem Abkommen über
die Grundprinzipien einer Lösung sowie eines landesweiten Waffenstillstands geführt.
Nächste Woche werden die Präsidenten Bosniens,
Kroatiens und Serbins zu einem historischen Treffen
zur Regelung der verbleibenden Fragen nach Dayton
(Ohio) reisen. Die sich abzeichnende politische
Lösung wird Bosnien als einheitlichen Staat erhalten
und einen fairen Kompromiß für eine territoriale
Lösung bieten. Die Parteien werden zur Veranstaltung freier Wahlen, Gründung demokratischer Institutionen und Respektierung der Menschenrechte
verpflichtet.
Viele Menschen haben eine Rolle dabei übernommen, diesen Prozeß so weit zu bringen. Ich möchte
einem von ihnen am heutigen Abend für seine
herausragenden Bestrebungen danken - Präsident
Carter. Aufrichtigen Dank für das von Ihnen Bewirkte.
Es gibt keine Garantie für den Frieden, aber er ist
dank der NATO in hohem Maße möglich. Abschließend möchte ich Sie noch um etwas bitten: Nachdem der Friede ausgehandelt worden ist, muß die
NATO zur Durchsetzung der Vereinbarung bereit
sein. Es gibt keinen Frieden ohne eine internationale
Militärpräsenz in Bosnien, eine Präsenz, die glaubwürdig sein muß. Die NATO ist hierfür unerläßlich,
um den Parteien den Rückhalt zu bieten, den sie für
einen Friedensschluß benötigen.
Ich möchte Ihnen folgende Frage stellen: Würde
Harry Truman, wenn er noch Präsident wäre, von den
Vereinigten Staaten als führendem NATO-Mitglied
erwarten, Truppen nach Bosnien zu entsenden? Ich
denke, Sie kennen die Antwort. Die Antwort lautet
Ja. Und wir müssen dementsprechend handeln.
Meine amerikanischen Mitbürger, ich möchte Mißverständnissen vorbeugen: Wenn wir nicht in Bosnien
sind, werden viele unserer Partner ihre Verpflichtungen erneut überdenken. Wenn wir nicht dort sind,
wird Amerika seine Führungsrolle in der NATO
opfern. Wenn wir nicht dort sind, begehen wir einen
schweren Fehler. Ich bin entschlossen, uns an
dieser NATO-Mission zu beteiligen.
Ich arbeite mit dem Kongreß zusammen und führe
einen wichtigen Dialog. Ich traf vor nicht allzulanger
Zeit mit einer überparteilichen Gruppe von Politikern
zusammen. Heute möchte ich Senator Nunn ein
besonderes Wort des Dankes für seinen bemerkenswerten Beitrag zu dieser Zusammenkunft sagen
sowie für seinen bemerkenswerten Beitrag zu unse-

Seite 3

�rem Land, den wir alle vermissen werden, wenn er
gegangen ist.
Meine amerikanischen Mitbürger, wenn Sie wollen,
daß vier Jahre des blutigen Konflikts enden, müssen
Sie das gemeinsame Vorgehen der Vereinigten
Staaten und der NATO bei der Umsetzung des
Friedensabkommens unterstützen. Wir haben keine
Truppen in den Kampf entsandt. Wir haben nicht
Partei ergriffen. Wir waren nicht an der UNPROFOR-Mission am Boden beteiligt. Aber wir müssen
dies tun, wenn Sie wollen, daß Ihr Land und die
NATO in der heutigen Zeit so effektiv sind, wie es
Präsident Trumans Vision zu seiner Zeit war.
Ich möchte nochmals wiederholen, wenn wir dies
nicht tun, wären die Konsequenzen für unser Land
in der Tat gravierend. Dies ist der schwerwiegendste Konflikt auf dem Kontinent seit dem Ende des
Zweiten Weltkriegs. Die NATO muß zu seiner
Beendigung beitragen. Wenn es uns nicht gelingt,
diesen Frieden zu sichern, wie können wir dann ein
integriertes, friedliches und geeintes Europa schaffen? Wenn es uns nicht gelingt, diesen Frieden zu
sichern, werden unsere Erfolge auf der Welt und ein
Großteil unseres Erfolgs im Inland, der von der
amerikanischen Führungsrolle herrührt, geschwächt.
Wenn es uns nicht gelingt, diesen Frieden zu
sichern, könnte der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien auf andere Nationen übergreifen und unsere
Söhne und Töchter in einen Konflikt in Europa
einbeziehen.
Abschließend möchte ich sagen, daß wir vor wenigen Tagen Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II.
in den Vereinigten Staaten begrüßen durften. Ich
habe ungefähr eine halbe Stunde alleine mit ihm
verbracht, und er begann die ungewöhnlichste

Unterhaltung, die ich je mit ihm oder einem anderen
Staatsoberhaupt geführt habe.
Er sagte: "Ich
möchte über die Welt sprechen, und ich möchte
wissen, was Sie denken." Ich antwortete: "Die
Welt?" Er meinte: "Ja, die ganze Welt." Und ich
entgegnete: "Wo sollen wir anfangen?" Er erwiderte:
"Fangen Sie mit Bosnien an."
Also sprachen wir über Bosnien. Und dann über die
ganze Welt. Am Ende sagte er: "Sie wissen, ich bin
nicht mehr jung. Ich habe den Großteil dieses
Jahrhunderts durchlebt. Das 20. Jahrhundert begann
mit einem Krieg in Sarajevo. Herr Präsident, Sie
dürfen nicht zulassen, daß das 20. Jahrhundert mit
einem Krieg in Sarajevo endet."
Ich bitte Sie, daran zu denken, meinen amerikanischen Mitbürger, an diesen ersten Krieg in Sarajevo das war Harry Trumans Krieg. Das war der Krieg, an
dem er teilnahm, obwohl er alt genug und sein
Augenlicht schlecht genug war, ihn davor zu bewahren. Das ist der Krieg, der den Menschen die Führungsfähigkeiten bewies, über die er verfügte. Und
unser Versagen nach diesem Krieg führte Franklin
Roosevelt in einen anderen Krieg, führte dazu, daß
Harry Truman diesen Krieg mit schwierigen, schmerzlichen Entscheidungen beendete - darunter den
Abwurf der Atombombe - und veranlaßte ihn zu der
Entscheidung, dies nie wieder zuzulassen. Aus
diesem Grund tat er all die Dinge, die wir heute
abend feiern.
Wenn er hier wäre, würde er sagen: "Wenn Ihr mich
wirklich ehren wollt, bereitet Euch auf die Zukunft vor,
wie ich es getan habe."
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 31

�DEMOKRATIE
8. November 1995

Die elektronische Republik
von Lawrence Grossman
(AD) - Lawrence Grossman, Präsident von Horizons Cable Network und ehemaliger Präsident des Public
Broadcasting Service und von NBC News, ist der Autor von The Electronic Dialogue: Reshaping
Democracy in the Information Age.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Übersetzung der unwesentlich gekürzten Einleitung zu seinem Buch.
Copyright (c) Lawrence K. Grossman, 1995. Alle Rechte vorbehalten. Herausgegeben von Viking Penguin,
einer Abteilung von PENGUIN Books USA Inc.

In den Vereinigten Staaten nimmt ein neues politisches System Gestalt an. An der Schwelle zum 21.
Jahrhundert verwandelt sich Amerika in eine elektronische Republik, ein demokratisches System, das
die tägliche Einflußnahme des Bürgers auf die
Entscheidungen des Staates enorm vergrößert.
Neue Elemente der direkten Demokratie werden
unserer traditionellen repräsentativen Regierungsform aufoktroyiert, verändern die Natur des politischen Prozesses und stellen einige der grundlegenden Voraussetzungen für das politische Leben in
Frage, die seit der Gründung der Nation vor über
200 Jahren existieren.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß sich die
Amerikaner zunehmend machtlos, zynisch und
frustriert fühlen, während sich tatsächlich die Distanz
zwischen den Regierten und den Regierenden
dramatisch verringert. Sehr viel mehr Bürger erhalten ein größeres Mitspracherecht bei der Gestaltung
der öffentlichen Politik als je zuvor seit der direkten
Demokratie der griechischen Stadtstaaten der Antike
vor rund 2.500 Jahren. Populistische Maßnahmen
wie eine Begrenzung der Amtszeit, Zusatzartikel
über den Haushaltsausgleich, direkte Vorwahlen in
den Bundesstaaten und Parteiversammlungen sowie
der zunehmende Einsatz von Wahlinitiativen und
Referenden verringern die Machtbefugnis der
gewählten Regierungsvertreter, ermöglichen den
Wählern die Entscheidung für ihren eigenen Präsidentschaftskandidaten, umgehen Gesetze und
ermächtigen das Volk zur Formulierung seiner
eigenen Gesetze. Ständige Meinungsumfragen und
immer moderneres interaktives Telekommunikationsgerät setzen die Regierung unverzüglich in Kenntnis
über den Willen des Volkes - und sie reagiert darauf.
Einige sagen, zu stark - für das Wohl des Volkes.

AMERIKA DIENST 31

Während die Gewählten versuchen, auf jede Stimmung der Wählerschaft einzugehen, übernehmen die
Bürger insgesamt eine direktere Rolle in der Regierung als die Gründerväter je beabsichtigten.
Diese demokratische politische Umgestaltung wird im
großen und ganzen von zwei Entwicklungen getragen
- dem 200 Jahre langen Marsch zu politischer Gleichberechtigung für alle Bürger und der explosionsartigen Zunahme neuer Telekommunikationsmedien,
der bemerkenswerten Konvergenz von Fernsehen,
Telefon, Satelliten, Verkabelung und Personalcomputern. Dies ist die erste Generation von Bürgern, die
ihre Politiker gleichzeitig und unverzüglich sieht, hört
und beurteilen kann. Es ist auch die erste Generation von Politikern, die zur gesamten Bevölkerung
sprechen kann und unmittelbar ein Feedback darüber
erhält, was die Menschen denken und wollen.
Interaktive Telekommunikation verleiht dem Durchschnittsbürger immer direkteren Zugang zu den
wichtigen politischen Entscheidungen, die ihr Leben
und Eigentum betreffen.
Die aufstrebende elektronische Republik wird eine
politische Hybride sein. Die Bürger werden nicht nur
die sie Regierenden wählen können wie bisher,
sondern sie werden sich auch in zunehmendem
Maße an der Formulierung der Gesetze und Maßnahmen beteiligen können, von denen sie regiert werden.
Durch den Einsatz von immer moderneren digitalen
Zweiwege-Breitbandtelekommunikationsnetzen erlangen die Mitglieder der Öffentlichkeit einen eigenen
Sitz am Tisch der politischen Macht. Selbst während
die Ungeduld der Öffentlichkeit mit der Regierung
zunimmt, verwandelt der unerbittliche Fortschritt der
Demokratisierung zusammen mit bemerkenswerten
Fortschritten bei interaktiver Telekommunikation das

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�Volk selbst in den neuen vierten Zweig der Regierung. In der elektronischen Republik wird es nicht
länger die Presse, sondern die Öffentlichkeit sein,
die als die mächtige "vierte Gewalt" neben der
Exekutive, der Legislative und der Judikative funktioniert.
Der Aufstieg der elektronischen Republik mit ihrer
wahrscheinlich unvermeidlichen Tendenz, schnell auf
alle Aspekte der öffentlichen Meinung zu reagieren,
wird einige der am meisten geschätzten verfassungsmäßigen Schutzmechanismen gegen potentielle Exzesse von Impulsen der Mehrheit aushöhlen wenn nicht sogar grundlegend verändern. Diese
Schutzmechanismen wurden von den Gründervätern
eingeführt, die gegenüber der reinen Demokratie so
wachsam waren wie sie die Regierungsbefugnis
fürchteten. Die Verfassung versuchte nicht nur, das
Volk vor der überragenden Macht der Regierung zu
schützen, sondern auch die neue Nation vor den
überragenden Ansprüchen des Durchschnittsbürgers, insbesondere der Armen, zu schützen.
Telekommunikationstechnologie hat die traditionellen
Barrieren von Zeit und Raum abgebaut. Auf die
gleiche Weise kann sie auch die traditionellen
verfassungsmäßigen Barrieren der gegenseitigen
Kontrolle und gemeinsamen Verantwortung von
Kongreß und Regierung sowie der Gewaltenteilung
abbauen, zu deren Erhalt die neue Nation James
Madison zufolge aufgrund ihrer reinen Größe und
Komplexität beitragen würde. "Erweitert die Sphäre,
und ihr bezieht eine größere Vielfalt von Parteien
und Interessen ein; ihr macht es weniger wahrscheinlich, daß eine Mehrheit des Ganzen ein
gemeinsames Motiv hat, in die Rechte anderer
Bürger einzugreifen." Während jedoch Distanzen
verschwinden und Telekommunikation sich in der
Sphäre verliert, während der exekutive und legislative Zweig der Regierung enger mit der öffentlichen
Meinung und den Ansprüchen der Öffentlichkeit
verflochten werden, könnten nur die Gerichte als
effektive Bastion gegen die Tyrannei der Mehrheit
übrigbleiben.
Die Judikative, der Zweig der Regierung, der am
wenigsten auf die Gefühlsbewegungen des Volkes
reagieren soll, wird die immer schwierigere und
schwerere Last tragen, die Rechte des einzelnen vor
einem Angriff des Volkes zu schützen.
Direkte Demokratie, auf die wir unerbittlich zuzusteuern scheinen, war die früheste Form der Demokratie.
Sie entstand im fünften Jahrhundert vor Christus in
den kleinen, unabhängigen Stadtstaaten des klassischen Griechenland.
Während der 200 Jahre
währenden direkten Demokratie Athens, im antiken
Stadtstaat, über dessen Regierungsführung wir am

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meisten wissen, waren einige privilegierte Bürger
gleichzeitig Regierende und Regierte, erließen
Gesetze und führten sie selbst aus. "Obwohl die
Staatsbürgerschaft im alten Athen auf männliche
einheimische Erwachsene beschränkt war, garantierte
sie die umfassende und aktive Beteiligung an jeder
Entscheidung des Staates ungeachtet von Besitzstand oder Klassenzugehörigkeit." Die Demokratie in
Athen ging so weit, wie es auch in der heutigen Zeit
der Fall wäre.
Im Gegensatz dazu ist die repräsentative Regierung die zweite Form der Demokratie - ein relativ neues
Phänomen, das vor etwas mehr als zwei Jahrhunderten in den Vereinigten Staaten entstand. In der
repräsentativen Demokratie können die Amerikaner zuerst wenige Privilegierte und jetzt jeder Bürger über
18 Jahren - diejenigen wählen, die die Gesetze
erlassen, denen sie unterliegen. Im Unterschied zum
alten Griechenland spezifiziert unsere Verfassung
eine Regierung, bei der die Regierenden von den
Regierten getrennt sind. Sie verbindet das Volk
durch Wahlen mit der Regierung, distanziert die
Regierung aber vom Volk, indem sie die Gewählten
zu denjenigen macht, die tatsächlich die Gesetze
erlassen und die Regierungsgeschäfte führen. Ein
Politologe formulierte es folgendermaßen:
"Der
verfassungsmäßige Raum ist das Genie der amerikanischen Republik. Er hält den Demokratisierungsprozeß unter Kontrolle und verhindert, daß unsere
Demokratie sich selbst ruiniert, indem sie ins Extrem
verfällt."
Heute schrumpft dieser verfassungsmäßige Raum.
Neue populistische Prozesse und Telekommunikationstechnologien verstärken die Stimme des Volkes
insgesamt und bringen die Öffentlichkeit voll in den
Entscheidungsfindungsprozeß der Regierung ein.
Während die Macht der öffentlichen Meinung steigt,
nimmt die Rolle der traditionellen politischen Vermittler - der Parteien, der Experten in den Massenmedien, der regierenden Elite - ab. Institutionen, die
den Willen des Volkes behindern oder zwischen ihm
und den Aktionen der Regierung stehen, werden
übergangen.
Telekommunikationstechnologien - Computer, Satelliten, interaktives Fernsehen, Telefon und Radio überwinden die uralten Hindernisse von Zeit und
Raum, die ursprünglich die Bürger daran hinderten,
direkt für die Gesetze und Maßnahmen zu stimmen,
von denen sie geleitet werden. Die allgemeine
Überzeugung lautet, daß die repräsentative Regierung die einzige Form der Demokratie ist, die in den
ausufernden heterogenen Nationalstaaten von heute
möglich ist. Interaktive Telekommunikation ermöglicht
es Millionen weit verstreut lebender Bürger, die
Informationen zu erhalten, die sie zur Ausführung der

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�Regierungsarbeit, für den Zugang zur Politik und für
die Kontrolle ihres eigenen Lebens sowie der Güter
benötigen, die Politiker ihrer Ansicht nach vergeuden.
Die elektronische Republik hat also bereits begonnen, die traditionelle Rolle der Bürger und der
politischen Führung neu zu definieren. Heute ist es
mindestens so wichtig, die Wählerschaft - die
Öffentlichkeit als Ganzes - anzusprechen und die
öffentliche Meinung zu beeinflussen wie die Vertreter
der Öffentlichkeit, die Gesetze erlassen und die
Maßnahmen umsetzen. Der Literaturkritiker Sven
Birkerts formulierte es in seinem Buch The Gutenberg Elegies über das Lesen in einer elektronischen
Kultur folgendermaßen: "Der Anbruch des Computerzeitalters und die durch unsere elektronischen
Kommunikationsmedien erzielte erstaunliche technische Perfektion haben zusammengenommen eine
Vielzahl isolierter Veränderungen systematisch
geordnet. Die Art und Weise, in der die Menschen
die Welt erleben, hat sich in den vergangenen 50
Jahren mehr verändert als in den vielen Jahrhunderten zuvor."
Das Entstehen der elektronischen
Republik erfordert ein neues Denken, neue Vorgehensweisen, neue Maßnahmen und sogar neue
politische Institutionen um sicherzustellen, daß in
kommenden Jahrhunderten die Impulse der Mehrheit
nicht auf Kosten der Rechte des einzelnen und
unpopulärer Minderheiten gehen.
Wir müssen uns der vom interaktiven Telekommunikationszeitalter hervorgebrachten bemerkenswerten Veränderungen in unserem politischen
System bewußt werden. Wir müssen die Konse-

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AMERIKA DIENST 31

*

quenzen des Marsches zur Demokratisierung verstehen. Wir müssen mit den Versprechen und
Gefahren der elektronischen Republik umgehen. Sie
ermöglicht es der Regierung, intensiv auf die Stimmungen des Volkes zu reagieren. Und sie kann die
Reaktionsfähigkeit auf die Spitze treiben, womit
Manipulation, Demagogie oder Tyrannei der Mehrheit
Tor und Tür geöffnet wird, die "eine Flamme entfacht
... und im gesamten Land eine Feuersbrunst auslöst".
Die meisten Studien der Regierung, Politik und der
Medien beginnen an der Spitze mit der Untersuchung
der Führungsqualitäten, die das politische Leben
definieren. Meine Botschaft lautet jedoch, daß im
kommenden Zeitalter staatsbürgerliche Qualitäten
ebenso wichtig sind wie die politischer Führung. In
einer elektronischen Republik wird es entscheidend
sein, Politik nicht nur von oben nach unten, sondern
auch von unten nach oben zu betrachten.
Was ist erforderlich, um die Vereinigten Staaten in
eine Nation qualifizierter Bürger umzuwandeln, die
nicht als isolierte Individuen ihre eigenen Ziele
verfolgen, sondern sich als engagierte Mitglieder der
Öffentlichkeit für das Allgemeinwohl engagieren? In
einer elektronischen Republik ist es von essentieller
Bedeutung, die Antwort auf diese Frage zu finden.
Um Thomas Jefferson zu zitieren: "Ich kenne keinen
sichereren Verwahrungsort für die höchste Gewalt
der Gesellschaft als den Menschen selbst, und wenn
wir ihn nicht für aufgeklärt genug halten, seine
Kontrolle mit einem gesunden Maß an Besonnenheit
auszuüben, liegt die Lösung nicht darin, ihn der
Kontrolle zu berauben, sondern vielmehr darin, ihn so
zu informieren, daß er besonnen handeln kann.

*

*

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�BURGERRECHTE
8. November 1995

Der lange Kampf um Bürgerrechte in den USA
Rede vor der Black Lawyers Association
WASHINGTON - (AD) - Der längste idealistische Kampf in der Geschichte der Vereinigten Staaten "ist der
Kampf um Bürgerrechte, unser Streben nach Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit", so Deval Patrick,
Abteilungsleiter für Bürgerrechte im US-Justizministerium.
Die Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre führte ihm zufolge zu zahllosen mutigen und mitfühlenden
Taten, und ihre Dramen sind jetzt triumphierend in die Annalen der Geschichte eingegangen, aber wir sind
noch nicht am Ziel.
Patrick zufolge besteht in vielen amerikanischen Städten, wenn auch nicht de jure, so doch de facto
Rassentrennung, und die Abteilung für Bürgerrechte im Justizministerium erhält jährlich Tausende ernsthafter
Beschwerden über Diskriminierung verschiedenster Art.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede, die Deval Patrick im Rahmen eines Programms des
US-Informationsamts vor der Black Lawyers Association in Johannesburg hielt.

Der größte idealistische Kampf der Vereinigten
Staaten zu meinen Lebzeiten und der längste
idealistische Kampf in der Geschichte unserer Nation
ist der Kampf um Bürgerrechte, unser Streben nach
Gerechtigkeit, Fairness und Gleichheit.
Es gab eine Zeit, in der ganz Amerika die Hoffnung
der von Dr. Martin Luther King Jr. ausgesandten
Botschaft verspürte, in der wir das Gefühl hatten, die
von uns selbst geschaffenen Probleme auch lösen
zu können.
Auf die eine oder andere Weise wurden alle Amerikaner von der Macht der Bürgerrechtsbewegung in
den sechziger Jahren beeinflußt. Denn die einfache
Gerechtigkeit, um die es dabei ging, wurde nie in
Frage gestellt. Es ging darum, das amerikanische
Versprechen der Freiheit zu erfüllen, die durch
Gleichheit, Chancen und Fair play definiert wird.
In diesem Sinne repräsentierte die amerikanische
Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre die
besten Ideale der Vereinigten Staaten. Sie führte zu
zahllosen mutigen und mitfühlenden Taten - kleinen
und großen. Ihre Dramen sind jetzt triumphierend in
die Annalen der Geschichte eingegangen:
Wie der Sohn eines afroamerikanischen
Gepäckträgers namens Thurgood Marshall
brillant die Strategie konzipierte und umsetzte,

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die das Oberste Bundesgericht überzeugte,
Rassentrennung in öffentlichen Schulen zu
beenden.
Wie eine am Ende ihres langen Arbeitstages
müde Afroamerikanerin namens Rosa Parks
sich weigerte, in einem Bus in Montgomery
(Alabama) ihren Sitzplatz für einen Weißen
freizumachen und damit einen Boykott auslöste, der Jim Crow (die nach einem Variet6Künstler des 19. Jahrhunderts benannte und
jetzt verfassungswidrige Reihe von Gesetzen
über die Rassentrennung) zu Fall brachte.
Wie die Welt Zeuge der Macht, Leidenschaft
und Nachdenklichkeit eines jungen Geistlichen
namens Martin Luther King wurde, der mit
einer eloquenten eindringlichen Rede aus einer
Gefängniszelle in Birmingham heraus das
Gewissen Amerikas aufrüttelte.
Wie mutige Männer und Frauen aus allen
Lebensbereichen und allen Teilen des Landes
ihre Körper und allzuoft ihr Leben opferten um
sicherzustellen, daß jeder Bürger wählen darf.
Seit Jahrhunderten wurde den amerikanischen
Idealen von Gleichheit, Chancen und Fair play durch
die Politik und die Praktiken der Teilung und des
Ausschlusses entgegengewirkt. Langsam, schmerz-

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�haft, im Verlauf mehrerer Jahrzehnte haben Männer
und Frauen guten Willens und mit Weitblick, Menschen wie die von mir Erwähnten und ihresgleichen
überall, Menschen, die sich der Kluft zwischen der
Realität und unseren Idealen stellten und sich für die
Ideale einsetzten, Druck ausgeübt, Forderungen
gestellt und sich dafür engagiert, diese Kluft zu
schließen.
Es erforderte viel harte Arbeit, Opfer und Vertrauen,
um dorthin zu gelangen, wo wir jetzt stehen. Millionen von Amerikanern aus allen Lebensbereichen
und von überall folgen ihrem Gewissen. Gefordert
waren der politische Mut und die Staatskunst von
Demokraten und Republikanern gleichermaßen.
Nötig waren die Wachsamkeit von Gerichten und
unabhängigen Anwälten, die sich dem Geist unserer
Verfassung und ihrer Forderung nach gleichem
Schutz für alle verpflichteten. Und es bedurfte der
unermüdlichen Bestrebungen engagierter Regierungsangestellter in der Abteilung für Bürgerrechte
im Justizministerium, die immer wieder ihre Bereitschaft unter Beweis stellten, sich den zahllosen
Versuchen der Obstruktionspolitiker entgegenzustellen, grundlegende Gesetzesbestimmungen zu
umgehen.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dank dieser
Arbeit, dieser Opfer, dieses Glaubens genießt
unsere Gesellschaft heute mehr Freiheit, mehr
Demokratie, mehr Integration und mehr Gleichheit
als zu jedem anderen Zeitpunkt in der Geschichte.
Aber wir sind noch nicht am Ziel angelangt.
Drei Jahrzehnte nachdem Dr. King uns von seinem
Traum erzählte, besteht in vielen unserer Städte,
wenn auch nicht de jure, so doch de facto Rassentrennung.
Nahezu vier Jahrzehnte nach ihrer Gründung bekommt die Abteilung für Bürgerrechte im Justizministerium weitertiin Tausende ernsthafter Beschwerden
über Diskriminierung aller Art. Die Kommission für
Chancengleichheit am Arbeitsplatz, eine unabhängige Bundesbehörde, die sich auch mit Vorwürfen
wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz befaßt,
erhielt allein im letzten Jahr über 90.000 Beschuldigungen der Voreingenommenheit am Arbeitsplatz.
Die Antidiffamierungsliga berichtet, daß Haßverbrechen landesweit den höchsten Stand erreicht
haben.
Wir in den Vereinigten Staaten waren in wenigen
Jahrzehnten nicht in der Lage, die Auswirkungen
von mehr als drei Jahrhunderten der Erniedrigung,
Entbehrung und Diskriminierung zu heilen. In der

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Zwischenzeit haben die Kämpfe anderer benachteiligter rassischer, ethnischer und religiöser Gruppen,
von Frauen und Behinderten ihren rechtmäßigen
Platz an der Seite des Kampfes der Afroamerikaner
eingenommen.
Manche verleihen ihrer Bestürzung darüber Ausdruck,
daß wir als Nation noch einen so weiten Weg vor uns
haben. Aber Präsident Lincoln erklärte uns vor
langer Zeit eine nützliche Wahrheit. Er wußte, daß
der Kampf zur Förderung von Gleichheit, zur Bereitstellung von Chancen und Sicherstellung von Fairness ein andauernder, wenn auch kein ewiger Kampf
sein würde. Er sagte uns, diese grundlegenden
amerikanischen Werte "sollten allen geläufig sein und
von allen hochgehalten werden; sie sollten konstant
beachtet werden, und wir sollten konstant dafür
arbeiten; und obwohl sie nie vollkommen erreicht
werden können, sollten wir uns ständig darum
bemühen, damit sie ihren Einfluß verbreiten und
vertiefen, das Glück und die Lebensqualität von
Menschen aller Hautfarbe überall erhöhen".
Er wußte, was President Thomas Jefferson meinte,
als er schrieb, "ständige Wachsamkeit ist der Preis
der Freiheit". Und er wußte, daß Rasse in Amerika
eine Gewissensfrage darstellt, mit der jede Generation konfrontiert wird.
Während des Großteils meines Lebens hatte unsere
Nation mit den mahnenden Worten Präsident Lincolns zu kämpfen. Es ist das Verdienst unserer
Nation, daß wir unser Bestes gegeben und an der
Ausweitung des Gleichstellungsideals gearbeitet
haben, um uns der Rassentrennung in unserer Nation
zu stellen und sie zu beheben. Bisweilen schien es,
daß nur ganz langsame Fortschritte gemacht wurden,
und unser Erfolg war nur sehr unvollständig. Aber
wir sind uns im Grunde genommen über unser Ziel
einig. Wir glauben an eine gerechte und integrierte
Gesellschaft. Und wir haben trotz der uns behindernden Neinsager, Demagogen und Zyniker auf weitere
Fortschritte gedrängt, wie wir es in der gesamten
Menschheitsgeschichte getan haben.
Jetzt fürchte ich allerdings, daß wir uns rückläufig
entwickeln. Heute haben sehr viele Afroamerikaner
und andere benachteiligte ethnische Gruppen das
Gefühl, weniger Chancen zu erhalten. Sie fühlen
sich ihrer Gleichstellung nicht mehr so sicher und
vertrauen weniger auf faire Behandlung als während
sehr vieler Jahre.
Heute scheint das kollektive Nachdenken unserer
Gesellschaft über die Bedeutung von Chancen mit
dem Thema Gleichstellung anzufangen und aufzuhören. Diese Debatte ist wenig konstruktiv. Wir
scheinen die Erfordernisse der Verbrechensbekämp-

AMERIKA DIENST 31

�fung und den Nutzen von Meinungsumfragen höher
zu bewerten als die grundlegenden Konzepte, sich
an die Spielregeln zu halten und alles seinen geregelten Gang gehen zu lassen. Heute wird der
Begriff Gleichheit nie in öffentlichen Debatten erwähnt, als ob die Umgehung des Begriffs zu einer
Umgehung des Problems führen würde. Manche
stellen öffentlich die Frage, ob die Bürgerrechtsbewegung zu weit gegangen ist und verhalten sich,
als ob die Geschichte Amerikas eine Geschichte der
Diskriminierung von Weißen gewesen wäre. Andere,
darunter viele Afroamerikaner, fragen sich, ob
Integration je ein richtiges Ziel gewesen ist.
Bedauerlicherweise gehen täglich unzählige Bilder
von Rückzug und Rückschritt über meinen Schreibtisch und den meiner Kollegen in den Bundesstaaten
und Gemeinden. Man braucht sich nicht auf in die
Öffentlichkeit getragene Beispiele zu beschränken,
sondern muß nur einen Afroamerikaner - männlichen
oder weiblichen Geschlechts, von den erfolgreichsten bis zu den erfolglosesten - ansprechen, um
eine herzzerreißende Geschichte nach der anderen
über rassisch motivierte Ungerechtigkeit, Feindschaft
oder sogar Gewalt zu hören.
Ich möchte Ihnen versichern, daß dies nicht nur
unsere Ängste sind. Es sind auch die Ängste weißer
Frauen, Hispanoamerikaner, Amerikaner asiatischer,
jüdischer und anderer Abstammung, die aufgrund
dessen, wer sie sind und was sie glauben, allzuoft
Ungerechtigkeit ausgesetzt sind. Tatsache ist, daß
dies die Ängste aller Amerikaner mit gutem Willen
und Weitblick sind, ungeachtet ihrer Rasse, ethnischen Zugehörigkeit, ihres Glaubens oder Geschlechts.
Sie sind Zeuge zunehmender Intoleranz. Sie sind
Zeuge von Bestrebungen zur Zerstörung unseres
nationalen Konsenses über Bürgerrechte und zur
Rassentrennung um des politischen Vorteils oder
Schlimmerem willen. Viele Menschen in unserem
Land fragen sich, ob wir als Nation bei unserem
Kampf um gleiche Chancen und grundlegende
Fairness einen riesigen Rückschritt machen.
In diesem besonderen und in mancherlei Hinsicht
unverantwortlichen Umfeld findet unsere wachsende
nationale Debatte über Gleichstellung statt. Reduziert auf beißende, aber sinnlose Äußerungen,
unterstützt von Mythen, aber wenig nützlichen Daten,
angetrieben von der Politik der Trennung kämpft
unsere Nation mit der tiefgründigen Frage, ob ihr
trauriges Vermächtnis des Ausschlusses aufgrund
von Rasse, ethnischer Zugehörigkeit oder Geschlecht wirklich hinter ihr liegt - und falls nicht, ob
wir über den kollektiven Willen verfügen, etwas
dagegen zu unternehmen. Für solch ein entschei-

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dendes Thema, das so eng mit der Frage verbunden
ist, was für eine Gesellschaft wir sein werden, mangelt es der Debatte wirklich an Perspektive. Deshalb
hat Gleichstellung meines Erachtens eine symbolische Bedeutung, die überhaupt nicht mit ihren
praktischen Auswirkungen in Einklang steht.
Die Gleichstellungsgegner bestreiten die Angemessenheit (manche halten es für eine Ironie) eines
rassenbewußten Heilmittels. Sie stellen die Haltbarkeit eines solchen Heilmittels ebenso in Frage wie
die Angemessenheit einer Abkehr von einem sogenannten "farbenblinden" Ideal.
Für besonnene
Menschen sind diese Fragen nicht einfach zu beantworten. Dasselbe gilt auch für mich und für die
gesamte amerikanische Öffentlichkeit.
Wir alle müssen verstehen, daß einige Amerikaner
das Gefühl haben, sie müßten für die von anderen
begangenen Sünden zahlen und Gleichstellung
räume Minderheitengruppen unfairerweise bestimmte
Präferenzen ein. Ihrer Ansicht nach sollten wir uns
als "farbenblinde" Gesellschaft bezeichnen, in der
weder Weiße noch Minderheiten aufgrund ihrer
Rasse auf irgendeine Art bevorzugt oder benachteiligt
werden. Nicht alle, die ein solches "farbenblindes"
Ideal fordern, betreiben Obstruktion. Manche sind
nachdenkliche Menschen guten Willens und vielleicht
etwas naiv. Ihrer Ansicht nach ist es einfach nur an
derzeit, daß unsere Gesellschaft aufhört, in Rassenkategorien zu denken. Als ihre Mitbürger sind wir
ihnen zumindest den Versuch schuldig, sie zu verstehen. Andernfalls gibt es keine Hoffnung auf eine
sinnvolle Debatte.
Natürlich haben nicht alle Kritiker die besten Motive.
Manche, die eine "farbenblinde" Gesellschaft befürworten, gehören zu denen, die seit Jahren jeden
Versuch zur Förderung der Bürgerrechte bekämpft
haben - sogar Versuche zur Ächtung unserer eigenen
Form der Apartheid, der veralteten amerikanischen
Jim Crow-Gesetze. Einige sind Heuchler erster Güte,
die noch vor kurzem Gleichstellung forderten, sie jetzt
jedoch als offensichtlich "falsch" kritisieren. Einige
beteiligen sich an einem simplen Rassenwettbewerb
und versuchen, politische Vorteile zu erlangen, indem
sie bei den Präsidentschaftswahlen 1996 im Topf der
Gleichstellung rühren, ebenso wie andere bei vielen
vergangenen Präsidentschaftswahlkämpfen
aus
politischen Gründen im Topf der rassischen Intoleranz rührten. Einige weigern sich, irgendwelche
Unterschiede zwischen Gleichstellung (die gesetzmäßig ist) und Quoten (die es nicht sind) anzuerkennen
- trotz der Entscheidungen und klaren Bestimmungen
des Obersten Bundesgerichts. Sie sehen in jedem
Gleichstellungsplan Quoten, ebenso wie Kinder in
jedem dunklen Schrank ein Monster sehen. Sie
leisten keinen Beitrag zur Verständigung oder zu

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�konstruktivem Handeln, sondern "sie entflammen
nur", wie Leonard Fein es nennt.
Die Befürworter der Gleichstellungspolitik, einschließlich vieler benachteiligter rassischer und ethnischer
Gruppen, hegen den Verdacht, "Farbenblindheit" sei
nur ein hochfliegendes Konzept, das die Fortschritte
der Gesellschaft zu Chancengleichheit hemmen soll.
Für viele Minderheiten hat der Ruf nach "Farbenblindheit" etwas Surrealistisches: Wir sollen unverdienterweise besondere Privilegien erhalten, obwohl
wir wissen, daß kaum ein Weißer heute freiwillig mit
uns tauschen würde.
Der Mangel an Perspektive in dieser Debatte ist auf
die Tatsache zurückzuführen, daß wir nicht definieren, worüber wir sprechen. Gleichstellungspolitik in
den Vereinigten Staaten besteht tatsächlich aus
einer Vielzahl von Mitteln. An einem Ende des
Spektrums steht Einbeziehung und Einstellung - das
Spannen eines großen Netzes im traditionellen und
in anderen Bereichen für qualifizierte Minderheiten
und Frauen, damit sie sich am Wettbewerb beteiligen können. Kaum jemand ist dagegen - zumindest
in der Öffentlichkeit. Am anderen Ende des Spektrums befinden sich diejenigen, die in zunehmender
Zahl in der Schule oder am Arbeitsplatz von speziell
für Angehörige bestimmter Gruppen reservierten
Plätzen profitieren - ungeachtet ihrer Qualifikationen.
Gegen diese Praktik gibt es vielleicht die größte
Opposition. Das ist die Art von Quote, die ich und
jedes andere Mitglied der Clinton-Administration
verurteilen und die die Gerichte unseres Landes
ziemlich konsequent ablehnen.
Mir scheint, daß es bei der wirklichen Debatte um
einen Mittelweg geht. Das bezeichne ich als "Erwägung von Gleichstellung", wobei Rasse, ethnische
Zugehörigkeit oder Geschlecht bei der Bewertung
qualifizierter Kandidaten ein Faktor, jedoch nicht
notwendigerweise entscheidend sind. Diese Art von
Gleichstellung gibt überhaupt keine Garantie. Sie
fördert Leistung. Sie betont Qualifikationen. Sie
verkörpert Flexibilität und das Streben nach Integration am Arbeitsplatz oder in der Schule. Diese Art
von Gleichstellung wurde von ihren frühen Verfechtern - Republikanern und Demokraten - unterstützt.
Heute sehe ich jedoch geteilte Unterstützung für
diese Gleichstellungsmethode. Dafür gibt es zwei
Gründe: Erstens hat sie zweifelsohne in bestimmten
Formen und bei bestimmten Gelegenheiten einfach
nicht funktioniert. Faule, nachlässige oder bisweilen
übereifrige Arbeitgeber oder Schulbehörden haben
gelegentlich solche Bestrebungen in Zahlenspiele
verwandelt und dabei Leistung, Qualität und Urteilsvermögen der als "Quote" bezeichneten numerischen Zwangsjacke geopfert. Firmen in Besitz von

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Mehrheiten, die sich hinter Minderheitenfirmen
"verstecken", um Verträge zu bekommen, andere
kleine Vergehen und unlogische Erfordernisse für die
Anerkennung von Unternehmern sind zu beobachten.
Wir müssen diese Probleme ohne zu zögern angehen. Wir müssen sie lösen, und auf Bundesebene
werden wir dies tun. Das sollte uns jedoch ebensowenig verleiten, vom Prinzip abzuweichen, wie
Mißbrauch der Vertragsnehmer bei der Beschaffung
im Verteidigungsbereich die US-Luftwaffe dazu
verleiten sollte, keine Flugzeuge mehr zu kaufen oder
die Wahl eines durchschnittlichen Kongreßabgeordneten uns dazu verleiten sollte, die Demokratie
aufzugeben.
Der zweite Grund, warum die Unterstützung für die
Erwägung von Gleichstellungsmaßnahmen geteilt ist,
liegt in der gekonnten, übelwollenden Rhetorik. Die
Werbeindustrie hat uns gelehrt, daß Wiederholung
und Schock die beiden erfolgreichsten Mittel sind,
uns von etwas zu überzeugen. Einzelne Fälle von
Mißbrauch des Gleichstellungsprinzips sind daher
zum Mythos geworden. Wir sollen glauben, daß es
eine vollständige Entrechtung der Chancen anderer
Amerikaner (vermeintlich derjenigen, die es besser
"verdienen") gibt, einfach deswegen, weil sie nicht
identifizierbaren benachteiligten rassischen oder
ethnischen Gruppen angehören.
Aber die Fakten geben dem nicht recht. Von allen
Klagen über Diskriminierung bei der Beschäftigung,
die in den vergangenen vier Jahren bei unseren
Bundesgerichten eingereicht wurden, war nur ein
winziger Bruchteil sogenannte "umgekehrte Diskriminierung" - Diskriminierung männlicher Weißer und weniger als eine Handvoll wurden als begründet
angesehen. In der Tat sind nicht einmal zwei Prozent der bei der Bundeskommission für Chancengleichheit am Arbeitsplatz anhängigen Verfahren
Klagen von männlichen Weißen. Unser Oberstes
Bundesgericht hat - zuletzt im vergangenen Sommer
- konsequent die Meinung zurückgewiesen, daß alle
Gleichstellungsmaßnahmen an sich schon unrechtmäßige Diskriminierung sind.
Tatsache ist: Diskriminierung aufgrund von Rasse,
ethnischer Zugehörigkeit und Geschlecht besteht in
den Vereinigten Staaten immer noch. Die Gesellschaft, in der wir leben, straft die angebliche Sonderbehandlung für Benachteiligte und Frauen Lügen.
Die Arbeitslosenrate für schwarze Männer in den
Vereinigten Staaten ist immer noch doppelt so hoch
wie die weißer Männer.
Selbst Schwarze und
Hispanier mit Collegeausbildung sowie Frauen aller
Rassen und ethnischen Zugehörigkeit werden
schlechter bezahlt als entsprechend gebildete und
ausgebildete weiße Männer. Es ist immer noch

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�schwieriger für Schwarze und Lateinamerikaner und in einigen Fällen für Frauen - eine Wohnung zu
mieten, eine Hypothek zu bekommen, eingestellt
oder befördert zu werden, an manchen Orten sogar
wählen zu dürfen, als für Weiße.
Wir haben uns zur Fortsetzung der Bestrebungen
zur Öffnung unserer Gesellschaft und der Gewährleistung verpflichtet, daß alle Amerikaner gleiche
Chancen haben, ihr anzugehören. Das heißt, daß
wir unseren Kampf zur Abschaffung der Diskriminierung ebenso offen wie geschickt, offenkundig und
diskret weiterführen müssen. Das bedeutet auch,
daß wir die Probleme von Gewaltverbrechen und
Zerfall der Familien ansprechen und unsere öffentlichen Schulen dazu bringen müssen, arme Kinder
nicht länger zu benachteiligen. Die Volkswirtschaft
muß auf allen Ebenen Chancen verbessern.
Wir dürfen jedoch nicht vorgeben, daß es keine
Diskriminierung mehr gibt, oder daß ihre Vergangenheit keine weitverbreiteten Auswirkungen auf die
Gegenwart hat. Wo das Vermächtnis dieser Diskriminierung Frauen und andere benachteiligte
Gruppen der Chance beraubt, sich um einen Arbeitsplatz oder einen Platz in der Schule auf gleicher
Basis mit anderen Amerikanern zu bewerben, unterstützt das Gesetz zu Recht diese Mittel, die Chancengleichheit für alle sicherstellen.
Manchmal könnte dies Gleichstellung bedeuten,
wenn es richtig gehandhabt wird: Flexibel, vernünftig, praktisch, rechtmäßig und ohne Qualifikationen zu opfern.
Präsident Clinton äußerte vor kurzem: "Wir unterstützen Gleichstellung ohne Quoten, ohne bei der
Qualität Abstriche zu machen, ohne sogenannte
umgekehrte Diskriminierung, ohne Betrug und Mißbrauch." Ich möchte es noch krasser formulieren:
Wir unterstützen Gleichstellung ohne Täuschung,
ohne Angst und ohne Entschuldigungen.
Die Regierung spielt dabei jedoch nur eine relativ
kleine Rolle. Die meisten Gleichstellungsmaßnahmen haben heute nichts mit der Regierung zu tun.
An allen Arbeitsplätzen in der Privatwirtschaft und
den Gemeinden Amerikas haben die Arbeitgeber
den prognostizierten Arbeitsmarkt von morgen sowie
die Bedürfnisse und Wünsche ihrer jeweiligen
Kunden berücksichtigt und versuchen freiwillig, eine
gewisse Vielfalt bei ihren Beschäftigten zu haben.
Universitäten und Colleges haben den erzieherischen Wert einer gemischten Studentenschaft
erkannt und darauf reagiert - nicht indem sie Wettbewerbsnormen opferten, sondern indem sie aus
allen amerikanischen Gemeinden Menschen zusammenführten, die diese Normen erfüllen können.

AMERIKA DIENST 31

Es gibt Bestrebungen - Bestrebungen, das tägliche
amerikanische Leben zu integrieren - die wir in
unserem Land seit Jahrzehnten begrüßt und ermutigt
haben. Wenn diese Bestrebungen flexibel gehandhabt werden, ohne das Verdienst zu opfern und ohne
die berechtigten Interessen des anderen zu verletzen,
gibt es kein Gesetz, das sie verbietet. Und kein
Gesetz sollte sie verbieten.
Die Perspektive erfordert, daß wir die Debatte über
Gleichstellung im größeren Kontext dessen betrachten, was unsere Nation zu dem macht, was sie ist.
Die Menschen sind aus aller Welt, in allen möglichen
Booten an die amerikanischen Küsten gekommen
und haben aus der Wildnis eine der außergewöhnlichsten Gesellschaften der Erde aufgebaut. Wir sind
besonders bemerkenswert, nicht nur aufgrund dessen, was wir geschaffen haben, sondern aufgrund der
Ideale, denen wir uns verschrieben haben. Wir
haben unsere Ideale im Lauf der Zeit mit den Prinzipien der Gleichheit, Chancen und des Fair play
definiert.
Bürgerrechte sind der Kampf für diese Ideale. Es
geht nicht um ein abstraktes rassisches Gewinnsystem.
Es geht darum, künstliche Schranken
jeglicher Art gegen Gleichheit, Chancen und Fair play
niederzureißen. Es geht darum, allen eine faire
Chance zur Leistung zu gewährleisten. Es geht
darum, dieses grundlegend amerikanische Gefühl der
Hoffnung einzulösen. Es geht darum, unsere fundamentalen Werte und unser Streben als Nation zu
bekräftigen.
Künftiger Fortschritt hängt ebenso von der nächsten
Generation ab wie der heutige Fortschritt von uns
abhängt. Bürgerrechte sind, wie ein Freund es
formulierte, "ein Staffellauf für Gerechtigkeit". Unser
Vorwärtsdrang als eine Gesellschaft hängt von der
Klarheit und Perspektive ab, mit der die nächste
Generation die Herausforderung sieht und der
Kreativität, mit der sie sie in Angriff nimmt. Das
wiederum hängt davon ab, ob sie die amerikanischen
Ideale der Gleichheit, Chancen und des Fair play
versteht und annimmt - und sich inspiriert fühlt,
danach zu handeln.
Die Politiker und Erwachsenen von heute müssen
diese Verantwortung übernehmen. Wenn wir den
Idealismus der jungen Menschen von heute nicht
nähren und sein Wachsen nicht ermutigen, wenn wir
nicht "ihr besseres Wesen" hervorbringen wie andere
es zu unserer Zeit getan haben, dann werden die
Protagonisten verlogener Rhetorik und zynischer
Politik gewinnen und zwar zu einem unsäglichen
Preis. In unserem Land gab es nationale Zielsetzungen - wie die Bürgerrechte - und nationale Helden wie Martin Luther King - die an unseren Idealismus

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�appellierten und diese Nation mit einer Gewissensherausforderung konfrontierten. In Anfällen und
Anwandlungen von Mut und Schmerz reagierten wir
auf diesen Appell und überwanden unsere Unterschiede, wenn auch nur vorübergehend, um unserer
Menschheit gewahr zu werden.
Wie in allen anderen Zeiten ist der menschliche
Geist heute gleichgeblieben. Junge Menschen
nähren immer noch einen Idealismus - ein wenig
schüchtern vielleicht und mit einer gewissen Zurückhaltung. Was sollen wir ihnen anbieten? Wer wird
ihren Idealismus hervorbringen? Wer wird seine
eigene Entmutigung und seinen Überdruß lange
genug ablegen, um ein Feuer der Zielsetzungen zu
schüren? Was wird die Geschichte über das Vermächtnis und die Herausforderung berichten, die wir
ihnen hinterlassen?
Während wir das abstrakte Verdienst der Farbenblindheit diskutieren, gibt es Millionen junger Menschen im ganzen Land, Kinder, die nicht einbezogen
und zurückgelassen werden - die niemals Ärzte oder
Rechtsanwälte oder Lehrer oder Polizisten oder
etwas ähnliches werden - deren latenter Idealismus
nie befreit wird, um zu Mitgefühl und Handlungsfähigkeit zu wachsen - weil es keinen Lehrer, keinen
Rechtsanwalt oder Arbeitgeber oder Kirchenvertreter
gab, der sie durch sein Handeln oder sein Vorbild
leise inspirierte; ihnen zeigte, nach oben zu blicken,
nicht nach unten; ihnen half, an der Realisierung
ihrer eigenen Träume und denen ihrer Nachbarn mitzuwirken; ein Leben berührte und damit einem
anderen einen Grund zur Hoffnung gab. Das ist es,
was heute in den Vereinigten Staaten auf dem Spiel
steht.

Und was müssen wir die nächste Generation lehren,
wenn nicht sogar auch unsere eigene? Daß Bürgerrechte ein Kampf für das amerikanische Gewissen
sind und immer waren. Und daß wir alle ein Interesse an diesem Kampf haben. Wenn ein Afroamerikaner für Qualität und integrierte Ausbildung eintritt,
tritt er für uns alle ein. Wenn eine Hispanierin für die
Chance eintritt, für den Kandidaten ihrer Wahl zu
stimmen, tritt sie für uns alle ein. Wenn eine Rollstuhlfahrerin für eine leicht zugängliche Wohnung
eintritt, tritt sie für uns alle ein. Wenn ein Jude sich
gegen diejenigen wehrt, die sein Gotteshaus verwüsten, wehrt er sich für uns alle. Weil Bürgerrechte
immer noch unsere grundlegenden Werte und unser
Streben als Menschen und als Nation bekräftigen.
Es geht um die beständige amerikanische Herausforderung, die anderen einzubeziehen - über die
willkürlichen und künstlichen Schranken von Rasse,
Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Behinderung
und Klasse und Religion hinweg, über unsere Furcht
und Hoffnungslosigkeit hinweg - um unserer Menschheit gewahr zu werden und unser Interesse daran zu
sehen.
Dies ist ein entscheidender Augenblick in der Geschichte: Junge Menschen werden zunehmend von
der bürgerlichen Gesellschaft entfremdet, und zu
viele von uns übrigen haben ihr Leben von Zynismus
und Egoismus definieren lassen. Menschen in ganz
Amerika suchen nach einem Grund für Hoffnung und
beobachten ängstlich, ob wir immer noch die Gesellschaft sind, die zu werden wir uns zum Ziel gemacht
haben. Soll die Geschichte festhalten, daß wir uns
zu unserer Zeit mit der Herausforderung konfrontiert
sahen, uns zu erinnern, wer wir sind und schließlich
zu glauben, "daß wir mehr sind als unseres Bruders
Hüter, daß wir auf dieser Erde sein Retter sind und er
unserer".

*

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AMERIKA DIENST 31

�VETERANS

DAY
8. November 1995

Amerikanische Streitkräfte fördern
Demokratie und Frieden
Proklamation zum 11. November
WASHINGTON - (AD) - In seiner jährlichen Proklamation zum Veterans Day lobt Präsident Clinton die Loyalität
und den Mut der amerikanischen Streitkräfte und verweist darauf, daß die Vereinigten Staaten aufgrund ihrer
Bestrebungen ein Symbol der Hoffnung für all jene sind, die Demokratie und Frieden suchen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus am 24. Oktober 1995 herausgegebenen Text der
Proklamation des Präsidenten.

In Kriegs- und in Friedenszeiten haben die Streitkräfte der Vereinigten Staten dazu beigetragen, die
in unserer Verfassung garantierten grundlegenden
Rechte und Freiheiten zu schützen. Unsere Männer
und Frauen in Uniform sind jeden Tag rund um die
Uhr wachsam um sicherzustellen, daß unsere Nation
keinen Schaden nimmt und unsere Bürger frei von
Angst leben können. Die von den amerikanischen
Truppen erbrachten Opfer, ihr in der gesamten
Geschichte gezeigtes Engagement und Pflichtbewußtsein haben Demokratie und Menschenwürde
auf der ganzen Welt gefördert.
Seit Generationen reagieren mutige Bürger aus allen
Lebensbereichen auf den Ruf zum Wehrdienst und
kämpfen für die Verteidigung der Ideale, die uns lieb
und teuer sind. In langen Jahren der Trennung und
Härte haben die von unseren Veteranen geleisteten
selbstlosen Beiträge die Segnungen der Freiheit
bewahrt. Während wir ihre heroischen Taten ehren,
sollten wir auch der Familien gedenken, deren
Unterstützung und Gebete so viel bewirkt haben.
Wir schulden all jenen aufrichtigen Dank, deren
Einsatz und Mühe - sowohl auf dem Schlachtfeld als
auch in den Gemeinden im gesamten Land - die
starke Grundlage für den Frieden und die Sicherheit
legten, deren wir uns heute erfreuen.
50 Jahre nach der Beendigung des Zweiten Weltkriegs ehren wir mit besonderem Stolz diejenigen,
die den Vereinigten Staaten während dieses
schrecklichen Konflikts dienten - die 16.535.000
Männer und Frauen, die ihr Leben aufs Spiel setzten, um die Unterdrückung zu bekämpfen. Das
darauffolgende halbe Jahrhundert führte zu umwälzenden Veränderungen bei den globalen Angelegenheiten, und die Veteranengeneration, die über

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die Tyrannei triumphierte, hat weiterhin einen besonderen Platz im Herzen unserer Nation.
Den Veteranen aus anderen in der Geschichte
unserer Nation geführten Kriegen gebührt nicht
weniger Ehre. Heute gibt es in Amerika ungefähr 27
Millionen Veteranen, deren Dienst vom Ersten
Weltkrieg über den Kalten Krieg bis zum Golfkrieg
und unsere jüngsten Militärmissionen auf dem
gesamten Globus reicht. Dank ihrer Loyalität und
ihres Mutes bleibt dieses Land auch in Zukunft ein
Symbol der Hoffnung für all jene, die Demokratie und
Frieden anstreben. Am Veterans Day sowie an
jedem anderen Tag im Jahr wollen wir der Opfer
unserer Veteranen gedenken und unsere Verpflichtung erneuern, das Schicksal ihrer Kameraden in
Uniform zu erforschen, die unbekannt und unbestattet
auf fernen Schlachtfeldern gefallen sind.
Um denjenigen Ehre zu erweisen, die in unseren
Streitkräften Dienst taten, legte der Kongreß fest
(5 U.S.C. 6103(a)), daß der 11. November jedes
Jahres dafür vorgesehen ist, den amerikanischen
Veteranen Anerkennung zu zollen.
Aufgrund dessen erkläre ich, William J. Clinton,
Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika,
hiermit Samstag, den 11. November 1995, zum
Veterans Day. Ich fordere alle Amerikaner auf, die
Entschlossenheit und das Engagement unserer
Veteranen durch angemessene öffentliche Feiern und
private Gebete zu ehren. Ich rufe die Staatsbediensteten auf nationaler, bundesstaatlicher und kommunaler Ebene auf, die Flagge der Vereinigten
Staaten zu hissen, patriotische Aktivitäten in ihren
Gemeinden zu ermutigen und daran teilzunehmen.
Ich fordere Bürgergruppen und Vereine, Religions-

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�Stätten, Schulen, Unternehmen, Gewerkschaften und
die Medien dazu auf, diesen nationalen Gedenktag
mit angemessenen Feierlichkeiten und Programmen
zu begehen.

Unterzeichnet am 24. Tag des Oktober im Jahre des
Herrn 1995 und im 220. Jahr der Unabhängigkeit der
Vereinigten Staaten von Amerika,

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AMERIKA DIENST 31

�SPORT
8. November 1995

Die Olympischen Spiele
von Stephen E. Roulac
(AD) - Die Veranstaltung der Olympischen Sommerspiele 1996 bietet der Stadt Atlanta (Georgia) eine Chance,
sich der Welt als attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten darzustellen. Der Verfasser unterbreitet Vorschläge,
wie die Stadt ihr Prestige und ihre Bekanntheit infolge der Olympischen Spiele verbessern kann und gibt
Empfehlungen, wie Fehler bei der Veranstaltung vermieden werden können.
Der Autor ist Partner der Roulac Gruppe, einer Wirtschafts-Beratungsfirma. Er blickt auf langjährige Erfahrung
in der Vermarktung von Sportveranstaltungen zurück und hat eine Reihe von Städten beraten, darunter Atlanta
und Los Angeles.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Futurist, Ausgabe
November/Dezember 1993, herausgegeben von der World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450,
Bethesda, MD 20814, USA. Copyright (c) 1993 World Future Society.

Wahrscheinlich kommt keine andere Veranstaltung
in der gegenwärtigen Gesellschaft den Auswirkungen der Olympischen Spiele auf die Wirtschaft, das
Selbstbewußtsein und die Rolle einer Region in der
internationalen Staatengemeinschaft gleich. Das
olympische Schlaglicht fällt auf die Stadt, die Gastgeber für Athleten, Regierungsvertreter und Besucher aus allen Kontinenten und nahezu 200 Ländern
ist, die sich vor weltweit 3 Milliarden Fernsehzuschauern versammeln.
Positive und negative Aspekte der Region werden
vorgestellt und wie durch eine Lupe betrachtet.
1984 genoß Los Angeles großes Ansehen bei der
internationalen Staatengemeinschaft aufgrund der
erfolgreichen Ausrichtung der Olympiade, bei der
guter Wille und finanzieller Erfolg in krassem Gegensatz zu den Querelen und wirtschaftlichen Belastungen früherer Olympiaden standen. Nachdem die
Wahl auf Atlanta (Georgia) als Veranstalter der
hundertsten Olympischen Sommerspiele 1996
gefallen ist, muß die Stadt die Euphorie aufgrund der
Entscheidung mit der Realität des langfristigen
Pragmatismus in Einklang bringen.
Die Olympiade wird nicht automatisch positive
Publicity und wirtschaftlichen Wohlstand über die
auserwählte Stadt bringen. Aber die Spiele bieten
den gastgebenden Städten die Chance, in der Welt
bekannt zu werden und sich als attraktiver Ort zum
Leben und Arbeiten darzustellen.

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Die Unterstützung der Gemeinden von Los Angeles
für die Sommerspiele 1984 erfolgte anfänglich wenig
begeistert, nahm jedoch kurz vor den Spielen rasch
zu, als offenkundig war, daß die Spiele ein finanzieller, logistischer und künstlerischer Erfolg würden. Die
Spiele von Atlanta beginnen mit beträchtlichem
lokalem Enthusiasmus und Stolz, aber während die
Aufregung über die außerordentliche Leistung,
Ausrichter der Spiele von 1996 zu sein, abnimmt, ist
die Bewahrung des Enthusiasmus und der kommunalen Unterstützung entscheidend. Die Programme müssen die breitgefächerte Beteiligung an der
Planung und Veranstaltung der Spiele beinhalten.
Wirtschaftliche Erwägungen
Die Olympischen Spiele in Los Angeles sollen
Berichten zufolge brutto rund 1,4 Milliarden Dollar
gekostet und ungefähr 75.000 temporäre Arbeitsplätze geschaffen haben. Erste Schätzungen für die
Olympischen Spiele in Atlanta belaufen sich auf 3,5
Milliarden Dollar an primären und sekundären Aufwendungen der Volkswirtschaft von Georgia und die
Schaffung von ca. 83.000 Arbeitsplätzen.
Die Vorteile der Ausrichtung der Spiele liegen vielleicht nicht immer sofort auf der Hand. Die Olympiade ist die einmalige Chance, bekannt zu werden. Die
Bekanntheit, die Barcelona durch die Veranstaltung
der Sommerspiele 1992 erhielt, war eine wichtige
Erwägung bei Entscheidungen über Unternehmensexpansionen in Spanien und von internationalen

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�Firmen, die sich in Spanien ansiedeln wollten.
Entsprechend war Calgary in Alberta (Kanada) vor
der Veranstaltung der Winterolympiade 1988 nicht
besonders bekannt, wurde danach jedoch zu einer
führenden Touristenattraktion insbesondere für
Asiaten.
Für Atlanta gilt, daß eine Veranstaltung wie die
Olympischen Spiele das Niveau der Stadt hebt, aber
nicht einen Zustrom sich ansiedelnder Unternehmen
garantiert. Solche Entscheidungen müssen letztlich
auf Unternehmensgrundsätzen basieren.
Eine Olympiade kann jedoch neues Vertrauen in die
Region wecken, Investoren motivieren, die vorher
diese Region nicht als Ziel für Kapitalaufwendungen
in Betracht gezogen hatten. Dieses Phänomen ist in
Atlanta offenkundig, wo Investoren, die bisher nicht
geneigt waren, Hotelinvestitionen vorzunehmen, jetzt
neues Vertrauen in die Region zeigen und aktiv
Hotelinvestitionschancen suchen.
Die Olympischen Spiele können die Anziehungskraft
eines Ausrichtungsortes weltweit und unter den
Ortsansässigen verstärken. Aber die Anziehungskraft garantiert nicht andauernde wirtschaftliche
Lebensfähigkeit und soziale Harmonie, wie durch die
Rassenspannungen und wirtschaftlichen Härten in
Los Angeles in den letzten Jahren lebhaft demonstriert wurde. Ein noch dramatischeres Beispiel der
Dominanz des Ausrichtungsortes über den Zauber
der Olympischen Spiele war das Versagen der
Winterolympiade in Sarajevo 1984, den Weg zu
innenpolitischer Harmonie zu ebnen. Statt dessen
gab es bürgerliche Konflikte und Unruhen, die ein
Jahrzehnt später zu einem Konflikt eskaliert waren.
Das Gepränge der olympischen Feiern ist kein
Ersatz für die Anziehungskraft des Ortes: Als Ort
zum Leben und Arbeiten, mit einer gut ausgebildeten
und motivierten Erwerbsbevölkerung, verfügbarem
und finanzierbarem Wohnraum, guten Verkehrsanbindungen, einer Regierung, die Unternehmen
keine ungebührlichen Restriktionen und hohen
Steuern auferlegt und vor allem - Lebensqualität.
"Gewinnen" bei den Olympischen Spielen
Vor dem außergewöhnlichen Erfolg der Spiele von
Los Angeles bestand ein wachsender Konsens
darüber, daß die Auswahl der Stadt für die Veranstaltung Olmypischer Spiele die klassische Geschichte mit einer guten und einer schlechten
Nachricht war, wobei die gute Nachricht das Prestige
und die Werbung für die Stadt, die schlechte Nachricht die resultierenden finanziellen Verpflichtungen
waren. Tatsächlich war die finanzielle Bilanz der
Olympischen Spiele vor Los Angeles katastrophal.

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Montreal (Gastgeber der Sommerspiele von 1976)
machte Berichten zufolge Verluste in Höhe von 1
Milliarde Dollar.
Sowohl Montreal als auch Moskau (Sommerspiele
1980) tätigten beträchtliche Ausgaben für den Bau
von Einrichtungen, während Los Angeles weitgehend
auf bestehende Einrichtungen zurückgreifen konnte,
die zum Teil für die Sommerspiele 1932 errichtet
worden waren. Das Fahrradrennen von 1984 wurde
auf den Straßen der Gemeinde Mission Viejo abgehalten, während in Moskau speziell für den olympischen Wettbewerb ein 12 Kilometer langer Straßenabschnitt gebaut wurde. Obwohl sie damals eine der
besten Einrichtungen für Fahrradrennen der Welt
darstellte, war die Straße bereits ein Jahrzehnt später
baufällig, und durch ihre Risse wuchs Unkraut. Die
Anwohner führen dort ihre Hunde aus.
Einer der größten Vorteile der Ausrichtung Olympischer Spiele ist ihre anregende Wirkung auf den
Ausbau der Infrastruktur. Die Spiele von Los Angeles
boten einen wichtigen Anreiz für umfangreiche
Renovierungsarbeiten des internationalen Flughafens
von Los Angeles. Da der Flughafen oft den ersten
Kontakt eines Besuchers mit der Region darstellt,
sollten seine Einrichtungen neu, sauber und effizient
sein. Besondere Aufmerksamkeit sollte der Begrüßung von Besuchern und ihrer reibungslosen Beförderung in ihre Quartiere gewidmet werden. Diese
Bestrebungen erhöhen die Chance, daß die Besucher
der Olympischen Spiele guter Laune eintreffen.
Langfristige Verbesserungen
Die wirtschaftlichen Kosten größerer Kapitalaufwendungen zur Verbesserung der Qualität von
Unterbringungs- und Erholungseinrichtungen sind so
groß, daß die Veranstalter sich keine Ausgaben
leisten können, die ineffizient sind oder keinen
langfristigen Nutzen haben. Man kann von den in
New Orleans (Louisiana) und Knoxville (Tennessee)
gemachten Fehlem lernen: In Erwartung der Nachfrage bei der Weltausstellung fand am oberen Ende
des Hotelmarktes eine dramatische Bauaktivität statt,
die zu einem beträchtlichen Überschuß an Hotelzimmern führte. In Atlanta wären die Planer gut beraten,
sich auf den Bau von Häusern für die "mittlere
Einkommensklasse" zu konzentrieren, die nach den
Spielen umgebaut und als dauerhafter Wohnraum
genutzt werden können.
Alles in allem erwiesen sich die Olympischen Spiele
von Los Angeles als große wirtschaftliche Belebung
der Region. Sie erfüllten die Menschen mit Stolz,
motivierten sie zur Zusammenarbeit und ermutigten
die überwiegend positive Entwicklung der Infrastruktur. Letztlich waren die Olympischen Spiele ein

AMERIKA DIENST 31

�Wendepunkt für eine Stadt, die man nicht verstand.
Atlanta kann durch angemessene Planung und
gemeinsame Bestrebungen ein ähnlich positives
Ergebnis erzielen.
Atlanta könnte sogar noch mehr von der mit den
Olympischen Spielen einhergehenden weltweiten
Aufmerksamkeit profitieren als Los Angeles. Da At-

*

AMERIKA DIENST 31

lanta in anderen Ländern nicht besonders bekannt ist
- man assoziiert die Stadt vor allem als Schauplatz
von "Vom Winde verweht" - könnten die langfristigen
Vorteile erfolgreicher Olympischer Spiele sehr groß
sein. Der hundertste Jahrestag der modernen
Olympischen Spiele bietet Atlanta eine einzigartige
Chance, sich zu einer wichtigen Weltstadt des 21.
Jahrhunderts zu entwickeln.

* * * *

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