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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
25. Oktober 1995

30

AUSSENPOLITIK

FUHRUNGSROLLE DER USA IST FÜR SICHERHEIT UND WOHLSTAND ENTSCHEIDEND
Rede von Präsident Clinton

VEREINTE NATIONEN

CLINTON UNTERBREITET NEUE UN-TAGESORDNUNG FÜR DAS 21. JAHRHUNDERT
Rede des Präsidenten vor der
UN-Generalversammlung

USA-IRAN

IRAN - DER PREIS FÜR VERANTWORTUNGSLOSES VERHALTEN
von Peter Tarnoff

NICHTVERBREITUNG

USA DRÄNGEN AUF VERTRAG ÜBER EIN
UMFASSENDES ATOMTESTVERBOT
Rede von ACDA-Direktor Holum

DATENAUTOBAHN

NEUES VON DER DATENAUTOBAHN
Übersicht jüngster Entwicklungen

AIDS

ÜBERLEBEN
von Kathleen Fackelmann

bitte wenden

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�RELIGION

AMERIKA UND SEINE RELIGIONSVIELFALT
von Carolyn J. Mooney

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�AUSSENPOLITIK
25. Oktober 1995

Führungsrolle der USA ist für
Sicherheit und Wohlstand entscheidend
Rede von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - In einer im Weißen Haus weithin als Grundlage für seinen Kampf um eine Wiederwahl
erachteten Rede vor dem Freedom House - einer vor fünf Jahrzehnten gegründeten Privatorganisation zur
Förderung einer überparteilichen Außenpolitik in Amerika - setzte sich Präsident Clinton für eine interventionistische Außenpolitik in einer Zeit haushaltspolitischer Engpässe ein und rief dazu auf, den
Isolationismus zu bekämpfen.
Wenn die Vereinigten Staaten nicht weltweit eine Führungsrolle übernähmen, würden ihre Werte von
Demokratie und Marktwirtschaft nicht überdauern, erklärte der Präsident.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten vom 6. Oktober 1995 im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, hier mit Ihnen allen in Freedom
House zu sein. Seit über 50 Jahren ist Freedom
House eine Stimme für die Menschenwürde. Dank
Ihrer Arbeit geht es Menschen auf der ganzen Welt
besser. Ich freue mich sehr, daß Freedom House
diese buntgemischte und dynamische Gruppe
versammelt hat. Es kommt nicht so oft vor, daß die
Carnegie-Stiftung, das Progressive Policy Institute,
die Heritage Foundation und der American Foreign
Policy Council unter einer Flagge fahren.
Das beweist, daß es in unserem Land ein starkes,
dynamisches Zentrum gibt, das eine fortgesetzte
Führungsrolle Amerikas auf der Welt unterstützt. Wir
alle setzen uns dafür ein. Und ich möchte öffentlich
dem Außenminister und Tony Lake sowie anderen
Mitgliedern unseres außenpolitischen Teams danken. Dank auch an Thomas McLarty, der sich
besonders in Lateinamerika für unsere Belange
eingesetzt hat. Und ich möchte Ihnen allen danken,
die Sie diese ständigen Bestrebungen unterstützen.
Wie Sie wissen, strebte ich 1991 die Präsidentschaft
an, weil es meines Erachtens wichtig war, für alle
Amerikaner den Amerikanischen Traum wiederherzustellen und in der Welt nach dem Kalten Krieg die
Führungsrolle Amerikas erneut zu bekräftigen. Im
Zuge des Übergangs vom Industrie- zum Informationszeitalter, von der Welt des Kalten Krieges zum
Weltdorf, haben wir die außergewöhnliche Chance,
unsere Werte im In- und Ausland zu fördern. Aber
wir sehen uns dabei auch mit einigen schwierigen
Herausforderungen konfrontiert.

AMERIKA DIENST 30

Wir wissen, daß wir in unserem Land die Pflicht
haben, allen Bürgern die Chance zu geben, das
Beste aus Ihrem Leben zu machen, ihre Familien und
Gemeinden zu stärken. Wir wissen auch, daß wir die
Pflicht haben, im Ausland Freiheit und Demokratie,
Wohlstand und den Schutz unseres Planeten zu
fördern. Wir wissen, daß die Kräfte der Integration
und des wirtschaftlichen Fortschritts auch die Saat
der Zerstörung und größerer Ungleichheit beinhalten.
Wir wissen, daß Familien, Gemeinden und Nationen
anfällig für die organisierten Kräfte der Zerstörung
und der siegessicheren Mentalität in Politik und
Wirtschaft sind. Wir haben dieses Wissen und daher
eine um so größere Pflicht zur Förderung unserer
Werte und Interessen.
Freedom House verdient meines Erachtens außerordentliches Lob für den Zeitpunkt dieser Veranstaltung. Ich frage mich, ob Adrian Karatnycky und sein
Kollege wußten, daß die Vereinigten Staaten an den
Tagen vor dieser Diskussion die Chance haben
würden, die Behauptung so lebhaft unter Beweis zu
stellen, die diese Konferenz fördern möchte: Daß die
amerikanische Führungsrolle und ihre überparteiliche
Unterstützung eine absolut notwendige Quelle
unserer Stärke im Inland und unseres Erfolgs im
Ausland sind.
Wir müssen für Demokratie und Freiheit stehen. Wir
müssen für Chancen und Verantwortung auf einer
Welt stehen, in der die Trennlinie zwischen Innenund Außenpolitik zunehmend verwischt wird.

Seite 1

�Unsere persönliche, familiäre und nationale Sicherheit wird zunehmend von unserer Politik gegenüber dem Terrorismus im In- und Ausland beeinflußt.
Unser persönlicher, familiärer und nationaler Wohlstand wird von unserer Marktwirtschaft im In- und
Ausland beeinflußt. Unsere persönliche, familiäre
und nationale Zukunft wird von unserer Umweltpolitik
im In- und Ausland beeinflußt. Das Gemeinwohl im
Inland kann einfach nicht von unseren Bestrebungen
zum Förderung des Gemeinwohls auf der ganzen
Welt getrennt werden. Sie müssen ein und dasselbe
sein, wenn wir in der Welt des 21. Jahrhunderts
wirklich sicher sein wollen.
i

Wir sehen die Vorteile der amerikanischen Führungsrolle und die jetzt in Bosnien gemachten
Fortschritte. In den letzten Wochen haben unser
Militär im Rahmen der NATO und unsere entschlossene Diplomatie in der gesamten Region die Konfliktparteien einer Lösung näher gebracht als zu
jedem anderen Zeitpunkt seit Beginn dieses schrecklichen Krieges vor vier Jahren. Gestern halfen wir
beim Abschluß des Abkommens über einen Waffenstillstand in ganz Bosnien. Jetzt kommen die
Parteien zur Fortsetzung der Friedensgespräche in
den Vereinigten Staaten zusammen, die von unserem Verhandlungsteam sowie unseren europäischen
und russischen Kollegen vermittelt wurden.
Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es
gibt keine Erfolgsgarantie. Aber wir werden unseren
gesamten Einfluß nutzen, um den Konfliktparteien
beim Abschluß eines Friedens zu helfen, der Bosnien als einheitlichen demokratischen Staat erhält
und die Rechte aller Bürger ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit schützt.
Falls und wenn der Frieden kommt, ist damit die
Verantwortung der internationalen Völkergemeinschaft nicht beendet. Nach all dem Blutvergießen,
dem Haß, den verlorenen Jahren wird der Frieden
sicherlich brüchig sein. Die internationale Staatengemeinschaft muß bei seiner Sicherung Beistand
leisten. Die einzige zur starken und wirksamen
Erfüllung dieser Pflichten fähige Organisation ist die
NATO. Und als führendes Bündnismitglied müssen
die Vereinigten Staaten das Ihrige tun und Truppen
entsenden, um unsere mit klaren Regeln für das
Engagement unter dem Kommando der NATO
stehenden Verbündeten zu unterstützen. Sollten wir
scheitern, wären die Konsequenzen für Bosnien und
die Zukunft der NATO gravierend. Wir dürfen nicht
versagen.
Die Vereinigten Staaten werden ihre Truppen nicht
in den Kampf nach Bosnien entsenden. Wir werden
sie nicht in einen Frieden schicken, der nicht aufrechterhalten werden kann. Aber wir müssen unsere

Seite 2

Macht zur Sicherung dieses Friedens einsetzen. Ich
habe zugesagt, den Kongreß zu konsultieren, bevor
ich unsere Beteiligung an einer solchen Aktion
genehmige. Diese Konsultationen haben bereits
begonnen.
Meines Erachtens versteht der Kongreß die Bedeutung dieses Zeitpunkts und der amerikanischen
Führungsrolle. Ich freue mich, daß Herr Livingston
heute den Vorsitz dieser Zusammenkunft führt. Ich
vertrete bereits seit zwei Jahren konsequent die
Meinung, daß wir eine Unterstützung des Kongresses
wünschen und begrüßen. Aber in Bosnien und
andernorts wird die Arbeit nicht getan, wenn die
Vereinigten Staaten nicht die Führung übernehmen.
Wir sahen die Vorteile der amerikanischen Führungsrolle auch vergangene Woche im Weißen Haus, als
Politiker aus dem gesamten Nahen Osten zusammenkamen, um das Abkommen zwischen Israel und
den Palästinensern zu unterstützen. Seit nahezu
einem halben Jahrhundert setzen sich Administrationen der Demokraten und der Republikaner für die
Sache des Friedens im Nahen Osten ein. Das
Verdienst hier gebührt den Friedensstiftern. Aber wir
alle sollten stolz darauf sein, daß unsere Bestrebungen in kritischen Momenten dazu beitrugen, den
Unterschied zwischen Scheitern und Erfolg zu
bewirken.
Vor praktisch genau einem Jahr führten die Vereinigten Staaten die internationalen Bestrebungen an,
Haitis Militärregierung abzusetzen und den Menschen
auf Haiti eine wirkliche Chance für Demokratie zu
geben. Wir waren erfolgreich, weil wir unsere Diplomatie mit Sanktionen und letztlich mit Macht verstärken. Wir waren erfolgreich, weil wir verstanden,
daß der Einsatz für Demokratie in unserer Hemisphäre richtig für die Haitianer und richtig für Amerika war.
Die amerikanischen Bestrebungen in Bosnien, dem
Nahen Osten, Haiti und andernorts erforderten
Investitionen in Form von Zeit, Energie und Mitteln.
Sie erforderten ausdauernde Diplomatie und den
maßvollen Einsatz der stärksten Streitmacht der Welt.
Sie erforderten gleichermaßen Entschlossenheit und
Flexibilität bei unseren Bestrebungen zur Übernahme
einer Führungsrolle und zur Zusammenarbeit mit
anderen Nationen. Und bisweilen mußten wir Entscheidungen treffen, die notwendigerweise kurzfristig
unpopulär waren und sich nicht schon nach Tagen
oder Wochen, sondern erst nach Monaten oder
Jahren auszahlen.
Vielen Amerikanern fiel es manchmal schwer, die
Notwendigkeit dieser Entscheidungen zu verstehen,
weil sie - wie viele Entscheidungen direkt nach dem
Zweiten Weltkrieg - ohne den Vorteil eines über-

AMERIKA DIENST 30

�greifenden Ordnungsprinzips getroffen werden
mußten, wie es lange Jahre vom bipolaren Kalten
Krieg bereitgestellt wurde.
Um eine populäre Analogie aus der heutigen Zeit zu
verwenden: Es scheint keine main-frame-Erklärung
für die PC-Welt zu geben, in der wir leben. Wir
müssen uns von Abstraktionen und Dogmen befreien, beharrlich experimentieren, dabei Irrtümer
einkalkulieren und auf dieser Grundlage eine Politik
verfolgen, die unsere Werte von Freiheit und Demokratie, Frieden und Sicherheit fördert.
Wir müssen weiterhin die Verantwortung einer
weltweiten Führungsrolle übernehmen. Aus diesem
Grund sind Sie hierhergekommen, und darüber
möchte ich heute mit Ihnen sprechen. Es ist mehr
als nur ein glücklicher Zufall, daß die Geburt der
überparteilichen Unterstützungfürdie amerikanische
Führungsrolle auf der Welt mit der Gründung dieser
Organisation durch Eleanor Roosevelt und Wendel!
Willkie im Jahr 1941 zusammenfiel, als Demokraten
und Republikaner, Liberale, Konservative und Gemäßigte gleichermaßen zum ersten Mal unsere besondere Verpflichtung zur Übernahme einer Führungsrolle in der Welt verstanden.
Die Ergebnisse dieser verantwortungsbewußten
Führung waren wirklich beeindruckend: Der Sieg im
Krieg und der Aufbau einer Welt nach dem Kalten
Krieg. Nicht mit abstrakten Dogmen, sondern erneut
über einen Zeitraum von fünf Jahren mit auf den
neuen Gegebenheiten gegründeten Erfahrungen,
durch Experimentieren mit einem unerschütterlichen
Streben nach unseren eigenen Werten schufen wir
die NATO, den Marshallplan, das Bretton WoodsSystem - die Institutionen, die den Frieden in Europa
sicherten, den atomaren Konflikt vermieden, zur
Ausbreitung von Demokratie beitrugen, uns beispiellosen Wohlstand brachten und letztlich den
Triumph der Freiheit im Kalten Krieg sicherstellten.
In diesem Kampf erinnerten Freedom House und
ähnliche Organisationen die Amerikaner daran, daß
unsere Führung von essentieller Bedeutung ist und
zur Förderung unserer Interessen weiterhin in unseren Werten wurzeln und auch in Zukunft Demokratie
und Freiheit unterstützen muß, um Frieden und
Sicherheit, Wohlstand und den Schutz unseres
Planeten zu gewährleisten.
Bei der Verfolgung dieser Ziele ist es wichtig, immer
daran zu denken, daß unsere Werte und unsere
Interessen ein und dasselbe sind. Die Förderung
von Demokratien, die an diesem neuen globalen
Markt teilnehmen, ist genau das Richtige. Trotz ihrer
Mängel fördern sie, was alle Menschen wünschen
und wofür sie oft kämpfen und sterben: Menschen-

AMERIKA DIENST 30

würde, Sicherheit und Wohlstand. Wie wir wissen, ist
es weniger wahrscheinlich, daß diese Demokratien
Krieg führen, sich an terroristischen Aktivitäten
beteiligen, und sie werden sich eher gegen die Kräfte
des Hasses, der Intoleranz und organisierten Zerstörung wenden.
Während des sogenannten amerikanischen Jahrhunderts waren sich Republikaner und Demokraten bisweilen leidenschaftlich - uneins über spezifische
politische Maßnahmen, aber wir waren uns immer
über die Notwendigkeit einig, für die Sache von
Demokratie, Freiheit, Sicherheit und Wohlstand eine
amerikanische Führungsrolle zu übernehmen. Jetzt
ist dieser Konsens wirklich in Gefahr, und interessanterweise in beiden Parteien. Stimmen vom linken
und rechten Spektrum fordern uns auf, uns den
heutigen Herausforderungen zu entziehen, statt sie
anzugehen. Sie drohen, die überparteiliche Unterstützung für unsere Führungsrolle umzukehren, die
seit 50 Jahren für unsere Stärke entscheidend ist.
Manche sind wirklich davon überzeugt, daß die
Vereinigten Staaten nach dem Kalten Krieg in der
Welt eine sekundäre Rolle spielen können, ebenso
wie es einige nach dem Zweiten Weltkrieg dachten
und wofür andere nach dem Ersten Weltkrieg Sorge
trugen.
Wenn Sie sich die Ergebnisse ansehen - von Bosnien
bis Haiti, vom Nahen Osten bis Nordirland - zeigt sich
erneut, daß eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten unerläßlich ist, weil sonst unsere Werte,
unsere Interessen und sogar der Frieden selbst in
Gefahr wären.
Es ist jetzt zu einem Gemeinplatz geworden, den
derzeitigen Isolationismus auf das Ende des Kalten
Krieges zurückzuführen, weil es in dieser PC-Welt
nicht länger eine main-frame-Bedrohung gibt. Bei
meiner Amtsübernahme habe ich jedoch deutlich
gemacht, daß viel Arbeit vor uns liegt, bis wir unser
Haus in Ordnung gebracht haben.
Ich stimme zu, daß Amerika sich im Inland Herausforderungen gegenübersieht, die in Angriff genommen
werden müssen. Wir müssen unsere Wirtschaft
wiederbeleben und Chancen für alle Bürger schaffen.
Wir müssen wieder das Element der Verantwortung
in unsere sozialen Programme einführen sowie
unsere Familien und Gemeinden stärken.
Wir
müssen unsere Regierung reformieren, um sie
"schlanker" und effektiver zu gestalten. Aber wir
können all diese Dinge nicht isoliert von der Welt
erreichen, zu deren Gestaltung wir so viel beigetragen haben und in der wir weiterhin die Führung
übernehmen müssen.

Seite 3

�Betrachten Sie sich die Ereignisse. Viele der neuen
Demokratien auf dieser Welt leisten sehr harte
Arbeit. Ich treffe immer wieder mit ihren führenden
Politikern zusammen. Sie glauben an die Sache der
Freiheit und müssen in ihren Ländern gegen unglaubliche Hindernisse ankämpfen. Aber ihr Fortschritt steht auf tönernen Füßen, und das dürfen wir
nie vergessen. Wir müssen sie als etwas im Wachstum Begriffenes sehen, das Betreuung in einem
Prozeß braucht, der immer noch umgekehrt werden
kann.
Ferner müssen wir uns auch bewußt sein, daß wir
uns einer Bedrohung gegenübersehen, die neue und
bisweile gefährliche Dimensionen angenommen hat:
Die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Im technologischen Zeitalter kann das
einfach nur bedeuten, in einer Tokioter U-Bahn eine
Phiole Saringas zu öffnen. Es könnte bedeuten, sich
ins Internet einzuloggen und zu lernen, wie man eine
Bombe baut, die im Herzen Amerikas ein Regierungsgebäude in die Luft sprengen kann. Diese
Kräfte könnten ebenso wie der Faschismus und der
Kommunismus Dunkelheit statt Licht verbreiten,
Zersplitterung statt Integration, Chaos statt Gemeinschaft. Und diese Kräfte erfordern immer noch eine
Führungsrolle der Vereinigten Staaten.
Ich möchte es noch einmal wiederholen: Die einst
klare Linie zwischen Innen- und Außenpolitik verwischt immer mehr. Wenn ich irgend etwas tun
könnte, um die Sprachgewohnheiten der im öffentlichen Leben Stehenden zu ändern, würde ich dafür
sorgen, daß die Menschen nicht länger über Außenpolitik und Innenpolitik sprechen, sondern vielmehr
beginnen, Wirtschaftspolitik, Sicherheitspolitik, Umweltpolitik - was auch immer - zu erörtern.
Wenn Sie über die Welt nachdenken, in der sie
leben, sehen sie sofort, daß die Unterscheidung
zwischen Außen- und Innenpolitik sich auf tiefgreifende Art verflüchtigt. Und wenn Sie lernen könnten,
auf andere Weise darüber zu sprechen, würde allein
unsere Sprach- und Denkweise meines Erachtens
den Isolationismus als Alternative zu Öffentlichkeitsarbeit vollkommen unmöglich machen.
Wenn in einigen Tagen der mexikanische Präsident
in die Staaten kommt und wir über Drogenprobleme
sprechen, sprechen wir dann über innen- oder
außenpolitische Probleme? Wenn wir über Einwanderung sprechen, geht es dann um eine innenodereine außenpolitische Angelegenheit? Wenn wir
über das Nordamerikanische Freihandelsabkommen
(NAFTA) und den Handel sprechen, geht es dann
um Mexikos Außen- und unsere Innenpolitik? Wir
müssen das auf ganz andere Art und Weise ver-

Seite 4

stehen. Und wir müssen lernen, auf verschiedene
Weise darüber zu sprechen.
Die Isolationisten haben einfach unrecht. Wir mögen
mit einem neuen und veränderten Umfeld konfrontiert
sein, aber um seine Herausforderungen und Chancen
bewältigen zu können und unsere dauerhaften Werte
zu fördern, müssen wir uns in der Welt mehr, nicht
weniger engagieren. Aus diesem Grund unternehmen wir in der Administration alles in unserer Macht
Stehende, um den Kampf gegen die nukleare Bedrohung anzuführen, Demokratie und Menschenrechte zu verbreiten, den Frieden zu fördern, Märkte
zu öffnen, die internationale Völkergemeinschaft zu
vergrößern und zu verteidigen, unsere Bestrebungen
und Werte nicht auf abstrakte, sondern auf praktische
und unmittelbare Weise zum Wohl des amerikanischen Volkes einzusetzen.
Betrachten Sie sich nur einige Beispiele. Heute ist
jeder Amerikaner sicherer, weil wir uns vom nuklearen Abgrund entfernt haben. Russische Raketen sind
nicht länger auf unsere Bürger und amerikanische
Raketen nicht länger auf russische Bürger gerichtet.
Dank der von Präsident Reagan, Präsident Bush und
unserer Administration erzielten Abkommen bauen
unsere beiden Länder ihr Nuklearwaffenarsenal ab.
In den letzten drei Jahren konnten wir die Ukraine,
Kasachstan und Belarus davon überzeugen, auf die
Nuklearwaffen zu verzichten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium
verblieben. Wir überzeugten Nordkorea, sein Nuklearprogramm einzufrieren. Wir stellten die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sicher.
Wir arbeiten hart daran, daß Nuklearmaterial nicht in
den Händen von Terroristen oder internationalen
Verbrechern endet. Und ich hoffe und bete, daß wir
im kommenden Jahr ein umfassendes Atomtest verbot
erzielen.
Die Amerikaner sind sicherer dank unserer harten
Kampagne zur Bekämpfung des Terrorismus, einschließlich engerer Zusammenarbeit mit ausländischen Regierungen, Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde Staaten sowie Erhöhung der Finanzierung, Stärke und Ausbildung unserer Strafverfolgungsbehörden. Dies half uns bei der Erzielung von
Ergebnissen - großen, sichtbaren Ergebnissen wie
erst diese Woche die Verurteilung derjenigen, die
sich an der Terrorkampagne in New York beteiligten
und nicht so sichtbaren, aber dennoch äußerst
wichtigen Dingen wie die Vereitelung geplanter
Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten und
amerikanische Bürger oder der in anderen Ländern
durch unsere Zusammenarbeit sichergestellten
Verhaftungen.

AMERIKA DIENST 30

�Wir haben die Verpflichtung, uns immer stärker dafür
einzusetzen. Und wenn es auf der Welt ein Gebiet
gibt, auf dem kein Unterschied zwischen Innen- und
Außenpolitik besteht, dann ist es zweifellos unsere
gemeinsame Aufgabe, bei der Bekämpfung des
Terrorismus zusammenzuarbeiten.
Aus diesem Grund habe ich bereits vor Oklahoma
City eine Gesetzesvorlage ins Kapitol gesandt, in der
ich zusätzliche Mittel und Hilfe beim Umgang mit der
Bedrohung durch den Terrorismus anforderte. Und
nach Oklahoma City modifizierte und stärkte ich
diese Gesetzgebung. Der Senat verabschiedete den
Gesetzentwurf schnell, aber ich bin sehr enttäuscht
darüber, daß er jetzt im Repräsentantenhaus liegengeblieben ist. Wir brauchen dieses Gesetz.
Meines Erachtens müssen die Strafverfolgungsbehörden der Bundesregierung zur Rechenschaft
gezogen werden. Wir müssen offen über das sprechen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Das
ist jedoch unabhängig von unserer Verpflichtung
sicherzustellen, daß das amerikanische Volk über
die zur Bekämpfung des Terrorismus erforderlichen
Mittel verfügt. Ich wiederhole es nochmals: Ich
hoffe, daß die Antiterrorismusgesetze angenommen
werden. Wir brauchen sie. Die Bedrohung wird
größer, nicht kleiner.
Als wir in Haiti der Demokratie eine weitere Chance
gaben, erklärten viele, dies habe nichts mit den
Vereinigten Staaten zu tun. Das hatte es aber.
Wenn jemand in unser Land kommt und sein Wort
gibt, er würde gehen und die Demokratie zurückbringen, ist es von Bedeutung, daß wir diese Verpflichtung realisieren. Und im Monat vor unserer
Intervention flohen 16.000 Haitianer vor der Tyrannei
und suchten Zuflucht in Florida und andernorts in
der Region; drei Monate nach der Intervention gab
es praktisch gar keine Flüchtlinge mehr.
Als Mexiko in eine Währungskrise geriet, stellten wir
ein Nothilfepaket zusammen, um unseren Nachbarn
wieder auf den Weg der Stabilität und des wirtschaftlichen Fortschritts zu bringen. Den führenden Republikanern im Kongreß gebührt Lob, daß sie diese
Bestrebungen unterstützt haben. Es war jedoch
unmöglich, im Kongreß eine entsprechende Gesetzesvorlage durchzubringen, weil alle Meinungsumfragen belegten, daß das amerikanische Volk mit
80 Prozent gegen und nur 15 Prozent für eine
Rettungsaktion für Mexiko war - ich erinnere mich
der Umfrage von dem Tag, an dem ich die entsprechenden Anweisungen gab. Dies ist ein weiterer Beweis dafür, daß etwas kurzfristig Unpopuläres
langfristig eindeutig im Interesse der Vereinigten
Staaten liegt.

AMERIKA DIENST 30

Wenn ein Nachbar in Schwierigkeiten ist und versucht, das Richtige zu tun, ist es normal, ihm zu
helfen, weil das gut für die nachbarschaftlichen
Beziehungen ist. Betrachten Sie, was geschehen ist,
seit die Vereinigten Staaten einsprangen und versuchten, Mexiko ein guter Nachbar zu sein. Das
Wirtschaftswachstum hat sich, wenn auch noch auf
tönernen Füßen, schneller als erwartet wieder eingestellt; die Exporte sind wieder auf einem Niveau, das
weit über dem vor der Gründung des NAFTA liegt,
und erst gestern rief mich Präsident Zedillo an um zu
sagen, daß Mexiko den Vereinigten Staaten 700
Milionen Dollar seiner Schulden früher als geplant
zurückzahlen wird.
Überlegen Sie, was geschehen wäre, wenn wir die
isolationistische Position bezogen hätten. Was wäre
mit der mexikanischen Wirtschaft geschehen? Was
wäre aufgrund der Reaktion der internationalen
Finanzmärkte hierauf in Argentinien, Brasilien, ganz
Lateinamerika und anderen instabilen, neuentstehenden Demokratien geschehen? Was wäre bei einer
Vielzahl bilateraler Fragen mit unseren Beziehungen
und unserer Zusammenarbeit geschehen?
Wir
haben das Richtige getan. War es eine innenpolitische oder eine außenpolitische Angelegenheit?
Sagen Sie es mir. Ich weiß nur, daß wir jetzt bessere nachbarschaftliche Beziehungen haben und die
Zukunft für das amerikanische und das mexikanische
Volk besser aussieht, weil wir eine Strategie des
Engagements, nicht der Isolation verfolgen.
Sie sehen, was in Europa geschieht, wo wir versuchen, die Nationen einander näherzubringen, uns
für Demokratie und Wirtschaftsreformen in der
ehemaligen Sowjetunion und Zentraleuropa sowie die
Modernisierung der NATO und Stärkung der Partnerschaft für den Frieden einsetzen. Und wiederum
fördert all das unsere Interessen.
Mir wurde erst letzte Woche gesagt, daß mit allen
handelspolitischen Initiativen - vom NAFTA und GATT
bis zu den mehr als 80 von Botschafter Kantor
abgeschlossenen Handelsvereinbarungen, 15 davon
allein mit Japan - das erhöhte Exportvolumen der
Vereinigten Staaten in den letzten zweieinhalb Jahren
über zwei Millionen Arbeitsplätze geschaffen hat, die
überdurchschnittlich gut bezahlt sind.
Mit dem
gesamtamerikanischen Gipfel und dem Forum für
asiatisch-pazifische Zusammenarbeit (APEC) werden
noch mehr geschaffen.
Das Wirtschafts- und das Außenministerium arbeiten
verstärkt und enger denn je zusammen, um den
Amerikanern dabei zu helfen, diese neuen Chancen
zu ergreifen. Sie sind integraler Bestandteil unserer
Außen- und unserer Innenpolitik.

Seite 5

�Ich möchte noch etwas ansprechen: Wir versuchen
ständig, alle Länder auf der Grundlage des Goodwill
zu engagieren und gleichzeitig tür die Werte einzutreten, die unseres Erachtens das Leben lebenswert machen. Wir müssen uns weiterhin dafür
einsetzen, daß alle Menschen ungeachtet ihrer
Nationalität, Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit,
ihrer Religion oder ihres Geschlechts die Möglichkeit
erhalten, das Beste aus ihrem Leben zu machen,
um Freiheit und Chancen zu genießen.
Die überzeugendste Erklärung dieser Art durch ein
Mitglied unserer Administration wurde kürzlich von
der First Lady bei der Pekinger Frauenkonferenz
abgegeben. Die First Lady verurteilte den Mißbrauch von Frauen und ihren Kindern, insbesondere
kleinen Mädchen weltweit und scheute sich auch
nicht, die Probleme von häuslicher Gewalt und
Straßenverbrechen hier in den Vereinigten Staaten
anzusprechen.
Dies sind Dinge, gegen die Amerika auch weiterhin
kämpfen muß. Von Belfast bis Jerusalem hat die
amerikanische Führungsrolle Katholiken und Protestanten, Juden und Arabern geholfen, mit weniger
Angst vor Bomben und Gewalt durch die Straßen
ihrer Städte gehen zu können. Von Prag bis Portau-Prince arbeiten wir an der Konsolidierung der
Vorteile von Demokratie und Marktwirtschaft. Von
Kuwait bis Sarajevo kämpfen unsere tapferen
Männer und Frauen in Uniform gegen Aggression
und für die Freiheit.
In unserer Hemisphäre stellt sich nur ein Land Kuba - weiterhin dem Trend zu Demokratie entgegen. Heute geben wir neue Schritte bekannt, um
einen friedlichen Übergang des Landes zu einer
freien und offenen Gesellschaft zu ermutigen. Wir
werden die Durchsetzung unseres Embargos verschärfen, um den Druck auf Reformen beizubehalten, aber die Demokratie und den freien Fluß von
Ideen aktiver unterstützen. Ich habe die Eröffnung
von Büros unserer Nachrichtenagenturen in Kuba
genehmigt. Wir werden mehr bildungspolitischen
und religiösen Vertretern sowie Menschenrechtlern
die Reise nach Kuba gestatten. Ferner werden wir
jetzt den nichtstaatlichen Organisationen Amerikas
erlauben, sich umfassender in Kuba zu engagieren.
Ich freue mich, heute bekanntgeben zu dürfen, daß
unser erstes Darlehen zur Finanzierung der Arbeit
nichtstaatlicher Organisationen in Kuba dem Freedom House zur Förderung friedlichen Wandels und
zum Schutz der Menschenrechte verliehen wird.
Allein die Erwähnung dieser breiten Palette von
Aktivitäten und der Möglichkeiten einer positiven
Führungsrolle Amerikas zeigt erneut, wie entschei-

Seite 6

dend sie für unsere Sicherheit und unseren Wohlstand ist. Ferner beweist sie erneut, daß die Förderung unserer Werte und Interessen ein und dasselbe
sind.
Angesichts des Ziels dieser Konferenz und ihrer
einzigartigen Schirmherren gehe ich davon aus, daß
jeder hier Anwesende diese Überzeugung teilt. Aber
die isolationistischen Tendenzen in beiden Parteien
sind sehr real. Und vom Standpunkt derjenigen aus
gesehen, die sich von den Veränderungen auf der
Welt bedroht fühlen, sind sie sogar völlig verständlich.
Daher ist es wichtig, sie nicht einfach nur zu verurteilen, sondern vielmehr die Art und Weise zu
erklären, auf die die Welt funktioniert. Und während
die Welt sich durch diese Zeit des Übergangs auf
eine neue Ordnung hinbewegt, in der wir alle Vorteile
des Wandels, der Technologie und Chancen genießen und dabei noch die Bedeutung betonen, jedem
einzelnen eine Chance zu geben, allen Familien eine
Chance zu geben, starke, einigende Gemeinschaften
zu werden, müssen wir versuchen zu erklären, wie
die Welt funktioniert und warum wir engagiert bleiben
und führen müssen.
Verurteilung ist nicht genug. Charakterisierung ist
nicht genug. Wir müssen diese Fragen eingehend
bearbeiten. Das amerikanische Volk ist ein gutes
Volk. Es hat gesunden Menschenverstand. Es ist
betroffen, wenn weltweit Menschen ermordet werden.
Es versteht, daß unsere Söhne und Töchter eines
Tages in einen Krieg andernorts verwickelt werden
könnten. Es weiß, daß wir nicht einfach vorgeben
können, die übrige Welt existiere nicht. Aber viele
Menschen in unserem Volk haben ihre eigenen
Schwierigkeiten. Wir müssen uns stärker für diese
Grundwerte, Interessen und Argumente einsetzen, bis
wir die Kräfte der Isolation mit Leidenschaft und
Vernunft abwehren.
Sie können das leisten. Sie müssen uns dabei
helfen. Jeder von Ihnen, und jeder auf seine eigene
Weise, mit seinen eigenen Einflußsphären, kann das
entschlossen und begründet leisten.
Ich möchte Ihnen ein spezifisches Beispiel nennen:
Ich bin entschlossen, alles in meiner Macht Stehende
zu unternehmen, um unseren Haushalt für internationale Angelegenheiten beizubehalten. Er stellt
letztlich weniger als 2 Prozent unseres Gesamthaushalts dar. Auslandshilfe ist rein theoretisch
betrachtet unpopulär, weil die Amerikaner der Ansicht
sind, wir gäben einen viel größeren Anteil ihres
Geldes für Auslandshilfe aus, als es tatsächlich der
Fall ist. Wenn Sie das amerikanische Volk aber
fragen, wieviel wir ausgeben sollten, antwortet es 3
Prozent, 4 Prozent, 5 Prozent - mehr, als wir de facto
ausgeben.

AMERIKA DIENST 30

�Keine Behörde kann in dieser Zeit des Haushaltsausgleichs von bewußter Kostenersparnis ausgenommen werden. Vizepräsident Gore und ich haben
sehr hart daran gearbeitet, dem amerikanischen Volk
die im Hinblick auf die Zahl der Mitarbeiter kleinste
Regierung seit der Amtszeit Präsident Kennedys zu
geben und Hunderte von Programmen abzuschaffen.
Aber wir müssen über die Instrumente der Diplomatie verfügen.
Die amerikanische Führungsrolle besteht aus mehr
als Worten und dem Verteidigungshaushalt. Obwohl
der Verteidigungshaushalt wichtig ist, benötigen wir
ein Budget für die Diplomatie. Einige Kongreßabgeordnete wollen die Auslandshilfe praktisch aushöhlen
- den Haushalt des Außenministeriums zerstören,
das Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung
(ADCA), das US-Informationsamt (USIA) und das
Amt für internationale Entwicklung (AID) abschaffen.
Sie würden sich vor unseren Pflichten gegenüber
den Vereinten Nationen drücken.
Müssen die Vereinten Nationen reformiert werden?
Ist ein Großteil unserer Gelder und der anderer
Staaten verschwendet worden? Brauchen wir mehr
Aufsicht? Natürlich brauchen wir das. Ist das ein
Grund dafür, die Vereinten Nationen anzugreifen?
Nein.
Wir benötigen Ihre Unterstützung. Wir müssen dies
tun. Es ist das Richtige. Es ist verantwortungsbewußt. Wer wirklich will, daß wir den Vereinten
Nationen den Rücken kehren, von den internationalen Finanzinstitutionen ganz zu schweigen, würde
unsere Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
wirklich in Gefahr bringen.
Wie Sie beispielsweise in Bosnien oder Haiti gesehen haben, ist es bisweilen frustrierend und fast
immer schwierig, einerseits eine Führungsrolle zu
übernehmen und andererseits unsere Bündnisse
aufrechtzuerhalten und im Rahmen der Vereinten
Nationen und der NATO zusammenzuarbeiten. Aber
es ist sehr wichtig. Wir wollen nicht ganz auf uns
gestellt in die Zukunft gehen. Und das bedeutet,
daß wir verantwortungsbewußt im Rahmen dieser
internationalen Organisationen vorzugehen haben.
Und wir müssen unseren gerechten Anteil zahlen.
Jeder Dollar, den wir für Auslandshilfe ausgeben,
kommt mehrfach zurück.
Durch die Verringerung der Gefahr eines Atomkrieges in den neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion konnten wir unsere Ausgaben für strategische Waffen kürzen. Durch die
Unterstützung von demokratischen Reformen und
den Übergang zur freien Marktwirtschaft in der
früheren Sowjetunion und in Zentraleuropa fördern

AMERIKA DIENST 30

wir Stabilität und Wohlstand in einem Gebiet, das in
der Zukunft zu einem riesigen Markt für die Vereinigten Staaten wird. Indem wir den Entwicklungsländern bei ihrem Kampf gegen Überbevölkerung,
AIDS, Drogenschmuggel, Umweltzerstörung und einer
Vielzahl von Problemen zur Seite stehen, stellen wir
sicher, daß ihre Problem von heute nicht zu unseren
Problemen von morgen werden. Die von uns für
Entwicklung, Friedenssicherung oder Katastrophenhilfe aufgewendeten Gelder helfen bei der Verhütung
künftiger Krisen, deren Kosten viel größer wären.
Und das ist das Richtige.
Ich bin sehr besorgt darüber, daß diese Haushalte in
Gefahr sind - einige davon durch den fast willkürlichen Versuch, die Vereinigten Staaten von der
Partnerschaft zu trennen. Ich möchte Ihnen nur noch
einige weitere Beispiele nennen.
Wir haben etwas Geld für umfassende, weltweite
Bestrebungen zur Bekämpfung der Bedrohung der
globalen Erderwärmung aufgewandt. Hierbei handelt
es sich um wissenschaftliche Beweise. Erst in den
vergangenen Tagen haben wir eine Reihe neuer
wissenschaftlicher Beweise erhalten, daß 1995 seit
20.000 Jahren das wärmste Jahr auf dem gesamten
Planeten, das Loch in der Ozonschicht größer als
erwartet ist und der Treibhauseffekt eine reale
Bedrohung darstellt. Wir haben nur ein paar Pfennige dafür aufgewandt. Es ist eines der Ziele, die
abgeschafft werden sollen. Das sind keine Haushaltskürzungen - das ist Ideologie. Solche Kürzungen sind nicht erforderlich für einen ausgeglichenen
Haushalt. Wir müssen uns dagegen wehren und für
die amerikanischen Werte und Interessen eintreten.
Ich möchte noch ein weiteres Beispiel anführen.
Radio Free Europe und Radio Liberty waren die
entscheidenden Waffen im gegen den Kommunismus
geführten Krieg der Ideen. Viele von Ihnen haben
sich dafür eingesetzt und für sie gekämpft. Um die
Herausforderungen des neuen Zeitalters bewältigen
zu können, wurde das Personal der beiden Sender
drastisch abgebaut und ein Umzug von München
nach Prag vorgenommen. Aber einige wollen das
bereits stark reduzierte Budget am Vorabend wichtiger russischer Wahlen weiter kürzen, genau zu dem
Zeitpunkt, an dem die russischen Reformer objektive
Informationen und den freien Gedankenaustausch am
meisten benötigen. Sie wollen dasselbe mit der
Voice of America tun, die auf der ganzen Welt von
Burma bis zum Balkan an den Frontlinien der Demokratie dient.
Rücksichtslose Verfechter von Haushaltskürzungen
wollen zuerst unsere Botschaften schließen und
später über die Konsequenzen nachdenken. Allein
im vergangenen Jahr haben unsere Botschaften

Seite 7

�nahezu zwei Millionen Anträge von Amerikanern im
Ausland bearbeitet. Sie haben amerikanischen
Unternehmen Verträge in Milliardenhöhe verschafft.
Und jeder internationale Geschäftsmann wird Ihnen
sagen, daß das Außenministerium und seine Botschaften härter als je zuvor in der Geschichte der
Weltwirtschaft arbeiten, um unsere Wirtschaftsinteressen zu fördern.
Wenn wir keine Diplomaten in Asien und Lateinamerika hätten, um den Strom der Drogen in unser
Land zu unterbinden, wäre unsere Aufgabe sehr viel
schwerer. Wenn wir keine Vertreter in Nordirland
und dem Nahen Osten hätten, wäre es sehr viel
schwieriger, den Friedensprozeß voranzubringen.
Wenn wir keine mutigen Leute wie Botschafter Bob
Krueger in Burundi oder Ruanda hätten, wäre es
noch schwerer, menschliche Tragödien zu verhindern. Wir brauchen keine halbherzige Diplomatie in
einer Welt neuer Chancen und Krisen rund um die
Uhr.
Ich möchte einen letzten Punkt anschneiden: Einige
Leute sagen, "Herr Präsident, ich bin für ein starkes
Amerika. Ich verstehe nur nicht, warum Sie sich mit
den Vereinten Nationen abgeben. Wir brauchen ein
Amerika, das im Alleingang handelt. Wir werden
entscheiden, was das Richtige ist und es tun. Es
mag der übrigen Welt gefallen oder nicht. Das ist
es, was es heißt, die einzige Supermacht der Welt
zu sein." Das ist auch eine verschleierte Form von
Isolationismus.
Unilateralismus ist keine tragfähige Option in der
Welt, in der wir leben. Wenn unsere lebenswichtigen Interessen auf dem Spiel stehen, müssen wir
natürlich im Alleingang handeln. Aber wir sind klug
beraten, wenn wir mit den Vereinten Nationen
zusammenarbeiten und unsere Rechnungen bezahlen. Wir benötigen die Flexibilität zum Aufbau von
Koalitionen, die Risiken, Verantwortung und die
Kosten der Führungsrolle verteilen, wie Präsident
Bush es bei der Operation Wüstensturm tat und wir
es in Haiti getan haben.

Wenn die vergangenen 50 Jahre uns irgend etwas
gelehrt haben, dann, daß die Vereinigten Staaten die
einzigartige Verantwortung und die einzigartige
Fähigkeit haben, eine Kraft für Frieden und Fortschritt
auf der Welt zu sein, die gleichzeitig Koalitionen von
Menschen aufbaut, die in echter Partnerschaft
zusammenarbeiten können.
Wir können jedoch nur Erfolg haben, wenn wir
weiterhin eine Führungsrolle übernehmen. In diesem
neuen Zeitalter muß unsere Aufgabe dieselbe sein
wie bisher. Unabhängig von unseren politischen
Überzeugungen verfolgen wir meines Erachtens alle
dieselben Ziele. Ich glaube, wir wollen eine Zukunft,
in der die Menschen auf der ganzen Welt die Vorteile
der Demokratie kennen; in der unser Volk sein Leben
frei von Furcht leben kann; in der unsere Söhne und
Töchter nicht zum Kampf in einem Krieg eingezogen
werden, der hätte verhindert werden können; in der
die Menschen nicht länger der Tyrannei in ihrem
Land entfliehen und an unsere Küsten kommen; in
der die Märkte offen für unsere Produkte und Dienstleistungen sind; in der unsere Beschäftigten gute,
hochbezahlte Arbeitsplätze haben; ein Land, in dem
es beispiellosen Frieden und Wohlstand gibt, weil wir
ein traditionelles amerikanisches Mandat des 20.
Jahrhunderts bis weit ins 21. Jahrhundert erfüllt
haben, weil wir - wir - die Welt zu Demokratie und
Freiheit, zu Frieden und Wohlstand geführt haben.
Wenn wir die von mir beschriebene Zukunft wollen,
müssen wir die Last der Führungsrolle übernehmen.
Es gibt einfach keine andere Alternative. Daher bitte
ich Sie, Geduld in diese Aufgabe einzubringen,
Argumente für diese Aufgabe zu finden und das
Gefühl der Dringlichkeit zu vermitteln, das dieses
Land in Zeiten der größten Herausforderung in den
vergangenen 50 Jahren bewegt hat.
Die Zukunft wird meiner Ansicht nach für das amerikanische Volk noch vielversprechender sein als die
letzten 50 Jahre, wenn - wenn - wir unsere Führungsrolle beim Streben nach unseren Werten bewahren
können.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

Seite 8

*

AMERIKA DIENST 30

�VEREINTE

N A T I O N EN
25. Oktober 1995

Clinton unterbreitet neue UN-Tagesordnung
für das 21. Jahrhundert
Rede des Präsidenten vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - In seiner Eröffnungsansprache anläßlich des 50jährigen Bestehens der
Vereinten Nationen forderte Präsident Clinton die versammelten Staats- und Regierungschefs auf, eine neue
Tagesordnung aufzustellen, in der die Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg angesprochen
werden - Terrorismus, Drogenhandel, organisiertes Verbrechen und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. In dieser Woche feiern die Vereinten Nationen ihr 50jähriges Bestehen.
Die
Träume ihrer Gründerväter wurden nicht vollständig
wahr, aber ihr Versprechen dauert an. Der Wert der
Vereinten Nationen ist auf der ganzen Welt sichtbar
- in den genährten Körpern einstmals hungernder
Kinder, in der Lebenskraft der gegen Krankheit
Geimpften, in den Augen von lernbegierigen Schülern, in der geschützten Umwelt, in geretteten
Flüchtlingen, in bewahrtem Frieden und - in jüngster
Zeit - im Eintreten für Menschenrechte und Chancen
für Frauen und ihre Kinder bei der Pekinger Frauenkonferenz.
Die Vereinten Nationen sind ein Produkt des Glaubens und Wissens: Des Glaubens, daß unterschiedliche Menschen für Toleranz, Würde und Frieden
zusammenarbeiten können; des Wissens, daß dieser
Glaube auf ewig von den Kräften der Intoleranz, des
Bösen und der Aggression auf die Probe gestellt
wird. Wir müssen uns jetzt von diesem Glauben
leiten lassen und in diesem Wissen handeln, um die
Herausforderungen eines neuen Zeitalters zu bewältigen.
In den Vereinigten Staaten wird manchmal die Frage
gestellt, warum wir uns mit den Vereinten Nationen
abgeben - Amerika ist stark, wir können im Alleingang handeln. Nun, wir werden alleine handeln,
wenn wir müssen. Aber meine amerikanischen
Mitbürger sollten nicht vergessen, daß unseren
Werte und unseren Interessen auch durch die
Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen gedient
ist.

AMERIKA DIENST 30

Die Vereinten Nationen helfen den Friedensstiftern,
den Hilfsorganisationen, den Verteidigern der Freiheit
und der Menschenrechte, den Architekten von
wirtschaftlichem Wohlstand und den Umweltschützern, das Risiko gemeinsam zu tragen, die Last zu
teilen und den Effekt unserer gemeinsamen Bestrebungen zu verbessern.
Im vergangenen Jahr habe ich versprochen, daß die
Vereinigten Staaten weiterhin einen maßgeblichen
Beitrag zur Finanzierung der Vereinten Nationen
leisten werden. Historisch gesehen waren und sind
die Vereinigten Staaten der größte Beitragszahler der
Vereinten Nationen. Ich bin jedoch entschlossen,
daß wir unseren Verpflichtungen in voller Höhe
nachkommen, und ich arbeite mit dem Kongreß an
einem Plan hierfür zusammen.
Alle, die zur Arbeit der Vereinten Nationen beitragen
und um ihre Zukunft besorgt sind, müssen sich auch
zu Reformen verpflichten - um bürokratische Ineffizienz und veraltete Prioritäten abzuschaffen. Die
Vereinten Nationen müssen unter Beweis stellen
können, daß das Geld, das sie erhalten, Einsparungen fördert und Menschenleben bereichert und nicht
einen unnötigen Wasserkopf schafft.
Reformen
erfordern die Beseitigung bürokratischer Relikte,
überkommener Behörden und die Bewältigung von
mehr Aufgaben mit weniger Mitteln. Die Vereinten
Nationen müssen reformiert werden, um weiterhin
relevant zu sein und eine noch größere Rolle beim
Marsch der Freiheit, des Friedens und Wohlstands zu
spielen.
Wir können es auf der ganzen Welt beobachten, vom
Nahen Osten bis nach Nordirland - die Menschen

Seite 1

�wenden sich von einer gewalttätigen Vergangenheit
zu einer Zukunft des Friedens. In Südafrika und
Haiti sind lange Nächte der Furcht neuen Tagen der
Freiheit gewichen. Auf dieser gesamten Hemisphäre
haben sich alle Nationen mit einer Ausnahme für
Demokratie entschieden, und das Ziel eines integrierten, friedlichen und demokratischen Europa ist
jetzt zum ersten Mal in greifbare Nähe gerückt. Auf
dem Balkan haben die Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft und der NATO die
Aussichten für Frieden vielversprechender gemacht,
als sie vier Jahre lang waren.
Ich möchte die Vereinten Nationen im Namen des
bosnischen Volkes zu ihren Bestrebungen beglückwünschen. Die Nationen, die sich an der UNPROFOR beteiligt haben, zahlten den Blutzoll für diesen
schrecklichen Krieg und die verlorenen Menschenleben, die ungeheilten Wunden, die unterernährten
Kinder, denen es noch viel schlechter hätte gehen
können.
Nächste Woche kommen die Kriegsparteien Bosniens unter der Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen und unserer Partner in der Kontaktgruppe Rußland, Großbritannien, Frankreich und Deutschland - in Dayton (Ohio) zusammen, um die Suche
nach Frieden zu intensivieren. Es bestehen noch
viele grundlegende Differenzen. Aber ich fordere die
Parteien auf, diese Chance für eine friedliche Beilegung des Konflikts zu ergreifen. Wenn wir Frieden
erlangen, werden die Vereinigten Staaten mit ihren
Freunden und Verbündeten dort sein, um zur Sicherung dieses Friedens beizutragen.
Auf der ganzen Welt sehnen sich die Menschen
nach einem Leben in Frieden. Und dieser Traum
wird Wirklichkeit. Aber die Zeit ist nicht frei von
Gefahren. Während der Karte Krieg dem Weltdorf
weicht, sind noch zu viele Menschen Armut, Krankheiten und Unterentwicklung ausgesetzt. Und wir
alle sehen uns mit ethnischem und religiösem Haß,
der rücksichtslosen Aggression verbrecherischer
Staaten, Terrorismus, organisiertem Verbrechen,
Drogenhandel und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen konfrontiert.
Das Entstehen des Informations- und Technologiezeitalters hat uns näher zusammengebracht und
bietet uns außergewöhnliche Chancen zum Aufbau
einer besseren Zukunft. Aber in unserem Weltdorf
können sich Fortschritte ebenso schnell verbreiten
wie Probleme. Probleme am anderen Ende der
Stadt können schnell zu einer Plage für jeden
einzelnen werden. Wir können unsere Nachbarschaft nicht von im Zusammenhang mit der Beschaffung von Drogen stehenden Verbrechen ohne die
Hilfe der Länder befreien, in denen die Drogen

Seite 2

hergestellt werden. Wir können Terroristen nicht
ohne die Unterstützung anderer Regierungen zur
Strecke bringen. Wir können nicht prosperieren oder
unsere Umwelt schützen, solange umweltverträgliche
Entwicklung nicht eine Realität in allen Nationen ist.
Und unsere Wachsamkeit allein kann nicht verhindern, daß auf der anderen Seite der Erdkugel gelagerte Nuklearwaffen in die falschen Hände geraten.
Nirgendwo ist Zusammenarbeit unerläßlicher als bei
der Bekämpfung von immer enger verbundenen
Gruppen, die sich mit Terroranschlägen, organisiertem Verbrechen, Drogenhandel und der Verbreitung
von Massenvernichtungswaffen befassen. Niemand
ist immun - weder in Japan, wo Terroristen Nervengas in der U-Bahn ausströmen ließen und Tausende
vergifteten, weder in Lateinamerika oder Südostasien,
wo Drogenhändler mit importierten Waffen Richter,
Journalisten, Polizeibeamte und unschuldige Spaziergänger ermordet haben, weder in Israel oder Frankreich, wo haßerfüllte Agitatoren Busse und Züge
voller Kinder mit Bomben explodieren ließen, die aus
geschmuggeltem Sprengstoff hergestellt waren,
weder in der ehemaligen Sowjetunion und Zentraleuropa, wo organisierte Verbrecherversuchen, neue
Demokratien zu schwächen und anständige, hart
arbeitende Männer und Frauen berauben. Und auch
nicht in den Vereinigten Staaten, wo amerikanische
Terroristen ein Bundesgebäude im Herzen Amerikas
in die Luft sprengten und ausländische Terroristen
versuchten, einen Bombenanschlag auf das World
Trade Center vorzunehmen und die Zerstörung des
Saals planten, in dem wir heute versammelt sind.
Diese Kräfte gefährden den globalen Trend zu
Frieden und Freiheit, unterminieren noch instabile
neue Demokratien, berauben die Entwicklungsländer
ihrer Stärke und bedrohen unsere Bestrebungen zum
Aufbau einer Welt mit mehr Sicherheit und Wohlstand.
Daher fordere ich heute alle Nationen auf, sich an
unserem Kampf gegen diese Kräfte zu beteiligen.
Unsere gemeinsamen Bestrebungen können Ergebnisse zeitigen. Um die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen abzubauen, arbeiten wir mit Rußland
am Abbau unserer Nuklearwaffenarsenale um zwei
Drittel. Wir haben die Ukraine, Kasachstan und
Belarus bei der Beseitigung von auf ihrem Territorium
befindlichen Atomwaffen unterstützt. Wir haben mit
den Staaten der ehemaligen Sowjetunion an der
Sicherstellung von Nuklearmaterial und seiner Umwandlung zur friedlichen Nutzung zusammengearbeitet. Nordkorea stimmte einem Einfrieren seines
Nuklearprogramms unter internationaler Kontrolle zu.
Viele der hier vertretenen Nationen traten für die
unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ein.

AMERIKA DIENST 30

�Zur Eindämmung des Stroms von Betäubungsmitteln
und des organisierten Verbrechens arbeiten wir mit
einer Vielzahl von Nationen zusammen, tauschen
Informationen aus, bieten militärische Unterstützung
und leiten Bestrebungen zur Bekämpfung von
Korruption in die Wege. Und wir zeitigen Ergebnisse. Gemeinsam mit den kolumbianischen Behörden sind wir gegen die Drogenkartelle vorgegangen,
die den internationalen Kokainmarkt kontrollieren.
Vor zwei Jahren lebten sie außerhalb der Legalität
als Milliardäre; heute leben sie als Gefangene hinter
Gittern.
Zur Bekämpfung von Terroristen verhängen wir
strenge Sanktionen gegen den Terrorismus fördernde und die Rechtsstaatlichkeit verletzende Staaten
wie Iran, Irak, Libyen und Sudan. Wir fordern diese
Länder heute erneut dazu auf, diesen Weg zu
verlassen. Inzwischen verstärken wir unsere Bestrebungen im Bereich der Strafverfolgung sowie die
Zusammenarbeit mit anderen Nationen.
Nichts von dem, was wir unternehmen, wird uns
unverwundbar machen, aber wir alle werden weniger
verwundbar, wenn wir zusammenarbeiten. Aus
diesem Grund gebe ich heute neue Initiativen zur
Bekämpfung des internationalen organisierten
Verbrechens, des Drogenschmuggels, des Terrorismus und der Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen bekannt - Initiativen, die wir im Alleingang
sowie andere, die wir gemeinsam in Form einer
internationalen Erklärung ergreifen, um die Sicherheit der Bürger dieser Welt zu erhöhen.

Und schließlich habe ich das Justizministerium um
die Ausarbeitung von Gesetzen gebeten, damit
unsere anderen Behörden mit den Instrumenten
versehen werden, die für eine Reaktion auf kriminelle
Aktivitäten erforderlich sind.
Da wir diesen Kampf zusammen führen und gewinnen müssen, möchte ich jetzt jeden Staat bitten, sich
an der Aushandlung und Unterstützung einer Erklärung über internationales Verbrechen und Sicherheit der Bürger zu beteiligen. Diese Erklärung
soll erstens die Zusicherung enthalten, Angehörigen
des organisierten Verbrechens, Terroristen sowie
Drogenhändlern und -Schmugglern keine Zuflucht zu
gewähren, damit diese keinen Ort haben, an den sie
flüchten und wo sie sich verstecken können.
Ein zweites Element dieser Erklärung wäre ein
Abkommen zur Bekämpfung des Terrorismus, damit
wir gemeinsam mehr Staaten zur Ratifizierung
existierender Verträge über Terrorismusbekämpfung
auffordern und gemeinsam an der Schließung des
grauen Markts arbeiten können, der Terroristen und
andere Verbrecher mit Schußwaffen und gefälschten
Papieren versorgt.
Drittens, eine Offensive zur Drogenbekämpfung. Der
internationale Drogenhandel vergiftet die Menschen,
sät Gewalt und zerstört das moralische Gefüge
unserer Gesellschaft. Wir müssen unser Vorgehen
gegen die Kartelle sowie den Drogenanbau intensivieren. Und in den Verbrauchernationen wie den
Vereinigten Staaten müssen wir unsere Nachfrage
nach Drogen verringern.

Zunächst möchte ich kurz darlegen, welche Schritte
wir unternehmen. Gestern habe ich unsere Regierung angewiesen, Geldwäsche tolerierende Nationen
zu identifizieren und sie zu verwarnen. Kriminelle
Unternehmen schleusen riesige Summen illegaler
Gewinne vollkommen ungestraft durch das internationale Finanzsystem. Wir dürfen nicht zulassen,
daß sie ihre durch den Verkauf von Drogen, durch
Terror oder organisiertes Verbrechen erlangten
Profite reinwaschen. Die Nationen sollten ihre
Banken und Finanzsysteme in Einklang mit den
internationalen Normen zur Bekämpfung von Geldwäsche bringen. Wir werden ihnen dabei helfen.
Sollten sie sich weigern, werden wir angemessene
Sanktionen in Erwägung ziehen.

Viertes Element ist eine effektive Partnerschaft mit
den Polizeibeamten.
Internationale Verbrecherorganisationen suchen sich Nationen als Ziel aus,
deren Strafverfolgungsbehörden nicht über die
Erfahrung und Möglichkeiten verfügen, ihnen Einhalt
zu gebieten. Zur Unterstützung der Polizei in den
neuen Demokratien Zentraleuropas gründeten
Ungarn und die Vereinigten Staaten in Budapest eine
internationale Strafverfolgungsakademie. Jetzt sollten
wir die Gründung eines weltweiten Netzes von
Zentren für den Austausch der neuesten Verbrechensbekämpfungstechniken und -technologien in
Erwägung ziehen.

Ferner habe ich die Regierung angewiesen, die
Scheinfirmen auszumachen und die Guthaben des
größten Drogenhändlerrings der Welt - des KaliKartells - einzufrieren, um sie von ihrer wirtschaftlichen Lebensader abzuschneiden und den unwissentlichen Handel unseres eigenen Volkes mit
diesen Unternehmen zu unterbinden.

Fünftens sind Bestrebungen zur Kontrolle illegaler
Waffen und todbringenden Materials vonnöten, an
denen wir uns allesamt beteiligen sollten. Ein Päckchen von der Größe des Lunchpakets eines Schulkindes enthielt das Giftgas, das Tokio in Angst und
Schrecken versetzte. Ein Klumpen Plutonium von
der Größe einer Coladose reicht für den Bau einer
Atomwaffe aus. Auf der Grundlage von bereits mit
den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und unse-

AMERIKA DIENST 30

Seite 3

�ren G-7-Partnern begonnenen Bestrebungen werden
wir uns um eine Verbesserung von Nachweis, Lagerung und Sicherung von Material mit massiver
Zerstörungskraft bemühen. Wir sollten die Konvention über biologische Waffen stärken, im kommenden Jahr den Vertrag über ein umfassendes
Atomtestverbot verabschieden und die tödliche
Geißel der Landminen endgültig eliminieren. Wir
müssen in anderen Ländern und in unserem Kongreß auf die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention drängen und damit unsere Bestrebungen zur
Bekämpfung des weltumspannenden Netzes illegaler
Waffen intensivieren, das dem Terrorismus Vorschub
leistet, Drogenkartelle versorgt und tödliche Konflikte
verlängert.
Dies ist eine lange und schwierige Tagesordnung,
die wir zusammen vervollständigen und umsetzen
müssen.
Vor fünfzig Jahren, als in San Francisco die Konferenz zur Gründung der Vereinten Nationen abgehalten wurde, gab ein junger amerikanischer Kriegsheld seine Eindrücke von diesem Ereignis an eine
Zeitung weiter. "Der durchschnittliche Soldat scheint
keine sehr klare Vorstellung davon zu haben, worum
es bei diesem Treffen geht", schrieb der junge John

*

Seite 4

F. Kennedy. Aber ein hochdekorierter Feldwebel
faßte die allgemeine Reaktion zusammen, als er
erklärte: "Ich weiß nicht genau, was hier vor sich
geht, aber wenn es dazu führt, daß wir nicht mehr
kämpfen müssen, bin ich dabei."
Die Vereinten Nationen haben Kriege nicht abgeschafft, sie aber weniger wahrscheinlich gemacht.
Und sie halfen vielen Nationen beim Übergang von
Krieg zu Frieden. Die Vereinten Nationen haben
menschliches Leid nicht abgeschafft, aber die Wunden geheilt und das Leben von Millionen Menschen
verlängert. Die Vereinten Nationen haben nicht
Unterdrückung oder Armut von der Erdoberfläche
verschwinden lassen, aber sie haben die Sache der
Freiheit und des Wohlstands auf jedem Kontinent
gefördert. Die Vereinten Nation sind nicht alles, was
wir uns von ihnen gewünscht hätten, aber sie sind
eine Kraft des Guten und ein Bollwerk gegen das
Böse.
Kurz vor Anbruch eines so vielversprechenden neuen
Jahrhunderts, das aber auch von Gefahren heimgesucht wird, brauchen wir die Vereinten Nationen
immer noch. Und daher können Sie für die nächsten
fünfzig Jahre und darüber hinaus mit den Vereinigten
Staaten rechnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 30

�USA - I R A N
25. Oktober 1995

Iran - der Preis für verantwortungsloses Verhalten
von Peter Tarnoff
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Staatssekretärs für politische Angelegenheiten im USAußenministerium, Peter Tarnoff, der auf dessen Anhörung vor dem Bankenausschuß des Senats vom 11.
Oktober 1995 basiert.

Am 30. April dieses Jahres gab Präsident Clinton
seine Entscheidung bekannt, sämtliche Handels- und
Investitionsverbindungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Iran abzubrechen. Diese neuen Sanktionen demonstrieren den Willen der Vereinigten
Staaten, sogar entgegen den amerikanischen
Interessen Aktionen zur Erhöhung des Preises
durchzuführen, den der Iran für sein verantwortungsloses Verhalten zahlen muß. Der Iran beteiligt sich
am Terrorismus. Er behindert den arabisch-israelischen Friedensprozeß, beschafft Massenvernichtungswaffen, strebt den Aufbau eines bedrohlichen
Militärapparats am Persischen Golf an und verletzt
die Menschenrechte seiner Bürger.
Die Unterbindung von Handels- und Investitionsbeziehungen zum Iran trat vor nur vier Monaten in
Kraft.
Natürlich ist wirtschaftlicher Druck kein
sofortiges Gegenmittel. Es gibt jedoch Anzeichen
dafür, daß das amerikanische Embargo bereits die
iranische Wirtschaft ausblutet, selbst wenn es noch
zu früh für endgültige Ergebnisse ist.
Statt dessen müssen wir auf die Trends blicken, die
eine grundlegende Verschlechterung der wirtschaftlichen Schlüsselindikatoren des Iran indizieren, und
unsere Aktionen beschleunigen diese Verschlechterung. Ferner ist die Administration entschlossen,
wenn nötig im Alleingang zu handeln und wenn
möglich gemeinsam mit anderen, um die Intensität
des internationalen Drucks auf den Iran zu erhöhen.
Die Politik des Iran bedroht nicht nur die Interessen
der Vereinigten Staaten, sondern auch die unserer
Verbündeten in Westeuropa und Japan.
Wir bitten diese Verbündeten, auf die beschränkten
wirtschaftlichen Vorteile des Handels mit dem Iran zu
verzichten und angesichts seines bedrohlichen
Verhaltens eine verantwortungsbewußte Führungsrolle zu übernehmen. Wenn ihre kollektive Stärke
unseren Bestrebungen hinzugefügt wird, stiege der

AMERIKA DIENST 30

Preis erheblich, den die iranische Führung für ihre
verbrecherischen Aktivitäten zahlen muß.
Das größte wirtschaftliche Problem des Iran ist heute
der Mangel an harter Währung im Staat. Unsere
Politik gegenüber dem Land zielt darauf ab, es der
iranischen Regierung noch weiter zu erschweren, in
den Besitz harter Währung zu gelangen und somit
seine Fähigkeit zur Finanzierung seiner unsere
Interessen bedrohenden Politik einzuschränken.
Obwohl unser Embargo erst seit kurzem Wirkung
zeitigt, hat es das iranische Budget bereits auf
dreierlei Weise geschmälert.
Erstens verlor die
iranische Währung, der Rial, nach der Ankündigung
eines Handels- und Investitionsembargos gegen Iran
durch Präsident Clinton ein Drittel seines Wertes. Die
vom Iran zur Stabilisierung des Rial verhängten
strengen Währungskontrollen werden langfristig zu
einem verlangsamten Wachstum oder einer Rezession führen.
Zweitens erzwang unser Embargo eine vorübergehende Verringerung des iranischen Einkommens aus
Erdölverkäufen, da amerikanischen Unternehmen
jetzt der Handel mit iranischem Erdöl verboten ist.
Die Regierung mußte große Anstrengungen unternehmen, um zusätzliche 400.000 Barrel pro Tag zu
verkaufen. Der Iran sah sich mit der Entscheidung
konfrontiert, entweder den Preis für das Erdöl herabzusetzen, um es verkaufen zu können, oder es in
der Hoffnung auf Verkauf zu einem höheren Preis an
einem späteren Zeitpunkt zu lagern. Der Iran entschied sich, zu warten. Zu den Folgekosten gehören
verzögerte Erdöleinnahmen, höhere Kosten für das
Chartern von Tankern sowie gestiegene Rohöllagerkosten. Obwohl diese Kosten kurzfristiger Natur sind,
ist klar, daß durch unser Embargo die Verfügbarkeit
harter Währung im Iran verringert wurde.

Seite 1

�Unser Embargo hatte auch eine dritte Auswirkung.
Indem wir dem Iran immer stärker den Finanzhahn
zudrehen, schwächen wir die Fähigkeit der Regierung zur Deckung ihrer externen Kosten. Ferner
wird sich der finanzielle Ruf des Iran noch weiter
verschlechtern, weil die Schuldenzahlungen der
Regierung sich bis 1996 voraussichtlich verdoppeln
werden.
Unser Embargo hat die Schwierigkeiten des Iran
verschärft, auf einfache Weise Zugang zu ausländischem Kapital zu erhalten. Bevor wir Handelssanktionen verhängten, bezeichneten andere Regierungen den amerikanischen Handel mit dem Iran als
vernünftigen Grund für die Förderung bilateralen
Handels und Bereitstellung von Finanzhilfe für den
Iran. Solche Hilfe, die neue staatliche Kredite und
Entwicklungshilfe beinhaltet, verschafft dem Iran
neue Finanzressourcen.
Durch die Unterbindung wirtschaftlicher Aktivitäten
zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran
erhöhen wir den politischen Preis solcher Beziehungen zu diesem Land. Seit der Verhängung des
Embargos haben die wichtigsten Handelspartner des
Iran keine neuen offiziellen Kredite angeboten.
Selbst wenn andere Regierungen sich nicht drängen,
die amerikanische Politik zu kopieren, haben die von
uns unternommenen Schritte sie dazu ermutigt, das
Ausmaß ihrer Wirtschaftsbeziehungen zum Iran zu
begrenzen. Unsere Investitionssanktionen verbieten
einen amerikanischen Beitrag zur Entwicklung der
iranischen Volkswirtschaft, insbesondere auf dem
Erdölsektor. Aus diesem Grund verhinderte der
Präsident eine Zusammenarbeit des amerikanischen
Unternehmens Conoco mit dem Iran, und aus
diesem Grund ist es für uns wichtig, andere Regierungen von der Notwendigkeit ähnlicher Maßnahmen
zu überzeugen.
Es ist wichtig festzustellen, daß wir die Auswirkungen unserer Politik auf amerikanische Unternehmen
nicht unterschätzen. Diese Schritte waren notwendig
zur Unterstützung unserer Bestrebungen, Druck auf
den Iran auszuüben, die nationalen Interessen
unseres Landes betreffenden Praktiken aufzugeben.
Unseres Erachtens sollten andere Regierungen
ebenfalls verantwortungsvoll handeln und ähnliche
Schritte zur Abwehr des bedrohlichen Verhaltens
des Iran unternehmen.
Die Entscheidung der französischen Firma Total, das
Conoco-Geschäft zu übernehmen, ist äußerst
bedauerlich. Wir fordern Total dringend auf, die
Entscheidung zu überdenken und andere anzuweisen, von vergleichbaren Aktionen Abstand zu
nehmen.
Die hochrangigsten Vertreter dieser
Administration werden weiterhin bei unseren Kolle-

Seite 2

gen aus anderen Ländern für unsere Einstellung
gegenüber dem Iran eintreten.
Es wäre jedoch ein Fehler, wenn die Vereinigten
Staaten die Kluft zwischen unserer Politik gegenüber
dem Iran und der der meisten anderen Industrienationen übertreiben würden. In den von Außenminister
Christopher und mir mit hochrangigen Vertretern der
G-7-Länder geführten Gesprächen brachten unsere
Kollegen beispielsweise ihre gemeinsame Besorgnis
über die Beschaffung von Massenvernichtungswaffen
und die Unterstützung des Terrorismus durch den
Iran sowie die andauernde militärische Aufrüstung
des Landes aufgrund dieser Sorgen zum Ausdruck.
Die G-7-Nationen weigern sich, nukleare Zusammenarbeit in irgendeiner Form mit dem Iran aufzunehmen, und sie verbieten Exporte von Waffen für
sicherheitsempfindliche Mehrzwecktechnologie an das
iranische Militär.
Wir glauben nicht, daß ein Engagement für den Iran wie von einigen unserer Freunde befürwortet - das
abzulehnende Verhalten des Iran ändern wird. Aus
diesem Grund haben wir uns entschieden, die
amerikanische Führungsrolle zu intensivieren, indem
wir einseitig neue Sanktionen verhängen.
Die vor uns liegende Frage lautet, wie können wir
andere Regierungen am besten überzeugen, unserem Beispiel zu folgen? Ein Vorschlag fordert, daß
die Vereinigten Staaten die ausländischen Firmen
boykottieren, die Geschäftsaktivitäten mit dem Iran
aufnehmen. Wir haben diesen Vorschlag sorgfältig
geprüft und ihn aus zwei Gründen abgelehnt. Unserer Ansicht nach würde ein sekundärer uneingeschränkter Boykott unsere gemeinsame Zusammenarbeit bei der Iranpolitik gefährden, insbesondere bei
entscheidenden Fragen wie der Verweigerung von
Waffen für den Iran. Wir glauben auch, daß ein
solches Eingreifen in den internationalen Markt
fehlschlagen und amerikanischen Unternehmen sowie
der amerikanischen Wirtschaft schaden würde.
Ein anderer Vorschlag ist, gezielte Sanktionen gegen
ausländische Firmen zu verhängen, die der iranischen Ölindustrie Geräte oder Technologie liefern.
Ein solches Vorgehen wäre ein zusätzliches Abschreckungsmittel für europäischen Handel mit dem
Iran und Investitionen in das Land. Es könnte auch
negative Auswirkungen auf die amerikanischen
Wirtschaftsinteressen haben, da unsere Beziehungen
zu wichtigen Verbündeten in der ausländischen
Industrie aus dem Gleichgewicht gebracht würden.
Unsere Partner im GATT, der WTO und NAFTA
argumentieren beispielsweise vehement, daß selbst
ein begrenzter sekundärer Boykott unsere Verpflichtungen im Rahmen dieser Abkommen verletzen

AMERIKA DIENST 30

�würde. Darüber hinaus wäre es schwierig, einen
sekundären Boykott der Vereinigten Staaten mit der
Freihandelsrhetorik in Einklang zu bringen, mit der
wir arabische Regierungen drängen, ihre sekundären
und tertiären Boykotte gegen Israel aufzuheben.
Andere von uns anzusprechende Belange sind
unsere Fähigkeit zur umfassenden Überwachung der
Aktivitäten ausländischer Unternehmen, die möglicherweise negativen Reaktionen einiger unserer
Verbündeten und die Auswirkungen auf die amerikanische Wettbewerbsfähigkeit. Am wichtigsten ist
auszuwerten, ob zusätzliche Aktionen zu unserem
Ziel beitragen würden, internationale Unterstützung
für den Druck auf den Iran zu gewinnen.
Unserem derzeitigen Ansatz einer beispielgebenden
Führungsrolle und der kooperativen Zusammenarbeit
mit Verbündeten muß eine echte Chance zu funktionieren eingeräumt werden. Das wird einige Zeit
erfordern. Unsere Geduld ist jedoch nicht grenzenlos. Wenn Diplomatie allein sich nach einer gewis-

*

AMERIKA DIENST 30

sen Zeit bei der Erlangung eines akzeptablen Niveaus multilateraler Unterstützung für unsere Bestrebungen als unzureichend erweist, könnten wir zusätzliche Ansätze in Erwägung ziehen.
Die amerikanische Politik des wirtschaftlichen Drucks
wird ergänzt durch unsere unermüdlichen Anstrengungen, andere Regierungen davon zu überzeugen,
nicht zur Beschaffung von Massenvernichtungswaffen
durch den Iran oder seiner militärischen Aufrüstung
beizutragen.
Wir sind der Auffassung, daß unsere Bemühungen
zur Intensivierung des Drucks auf den Iran Fortschritte machen und das Embargo einen wichtigen
Beitrag leisten wird. Es wird mehr getan, insbesondere um größere Unterstützung unserer Freunde und
Verbündeten zu erlangen, vor allem im Bereich von
Investitionen und Finanzhilfe. Die amerikanische
Führungsrolle ist entscheidend für effektiven Druck
auf den Iran zur Änderung seines Verhaltens und
wird dies auch in Zukunft sein.

* * *

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�NICHTVERBREITUNG
25. Oktober 1995

USA drängen auf Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot
Rede von ACDA-Direktor Holum
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Mit den Worten, "ein Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot
(Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) ist in greifbare Nähe gerückt", forderte der Direktor des Amts für
Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and Disarmament Agency - ACDA) die Regierungen auf, bis
April 1996 einen Vertragsentwurf vorzulegen.
In einer Ansprache vordem Ersten Ausschuß (für Abrüstung und Sicherheitsfragen) der Generalversammlung
der Vereinten Nationen am 17. Oktober 1995 erklärte Holum, die wissenschaftlichen Fortschritte und das durch
die unbegrenzte Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags (NW) Anfang dieses Jahres
herbeigeführte neue politische Klima böten die besten Chancen für einen Erfolg der in Genf geführten
Verhandlungen.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von ACDA-Direktor Holum.

Seit Jahrzehnten haben sich viele Staaten für einen
Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot als
den wichtigsten Schritt zur Erfüllung des N W
eingesetzt. Die NW-Konferenz bekräftigte seine
einzigartige Bedeutung und forderte den Abschluß
eines CTBT "nicht später als" 1996.

effizienten Funktionsweise der anderen drei "Pfeiler"
ausgerichtet ist. Zusammen mit den Vertragsbestimmungen für Konsultationen und Klärung - und den
Vertragsparteien zur Verfügung stehenden nationalen
Mitteln zur Verifizierung - sind diese vier "Pfeiler"
unerläßlich für die effektive Umsetzung des CTBT.

Wir begrüßen die bei der Genfer Abrüstungskonferenz erzielten Fortschritte zum Abschluß eines
Vertrags sowie die Fortschritte zur Einigung auf ein
internationales Überwachungssystem für effektive
Verifizierung. Wir sehen vier sorgfältig gestaltete
und miteinander verbundene "Pfeiler" für dieses
Regime vor.

Präsident Clinton hat sich zum Abschluß des vollständigen Wortlauts des Abkommens bis April
verpflichtet - dem Ende des ersten Teils der Sitzungsperiode 1996 der Genfer Abrüstungskonferenz. Wir
gehen davon aus, daß die neue Sitzungsrunde des
Ersten Ausschusses und die 50. Generalversammlung der Vereinten Nationen den Vertrag unterstützen, so daß er vor Beginn der 51. Generalversammlung unterzeichnet werden könnte.

Erstens sollten auf solide, aber kostengünstige
Weise international Daten aus Netzen mit Fernsensoren unter Anwendung von seismischen, hydroakustischen, radionukliden und Infraschall-Techniken
gesammelt und ausgetauscht werden. Um Mehrdeutigkeiten oder Umgehungsversuche anzusprechen, sollte der Vertrag zweitens ein System unverzüglicher, obligatorischer
Vor-Ort-Inspektionen
vorsehen. Drittens sollte er ein Paket "assoziierter
Maßnahmen" für den Informationsaustausch enthalten, das zur Behebung von Mehrdeutigkeiten beispielweise durch die Netze der Fernsensoren
aufgedeckte Vorfälle - beitragen soll. Und viertens
sollte es ein internationales Umsetzungsgremium
geben, dessen Rolle und Kompetenzen klar definiert
und auf die Erleichterung der reibungslosen und

AMERIKA DIENST 30

Der CTBT ist in greifbare Nähe gerückt. Wissenschaftliche Fortschritte und das Ende des Kalten
Krieges ermöglichen endlich, was Wissenschaftler
und Staatsmänner seit über vier Jahrzehnten anstreben. Ich darf Sie jedoch daran erinnern, daß sich
die politischen und geostrategischen Umstände
konstant verändern. Die sich uns heute bietenden
Chancen könnten ungenutzt verstreichen.
Wir
müssen sie ergreifen, damit nicht eine Verzögerung
die Aussichten für den Vertrag - vielleicht für eine
kurze Zeit, vielleicht auf viele Jahre hinaus - wieder
in Frage stellt.

Seite 1

�Daher fordern wir die an der Arbeit der Genfer
Abrüstungskonferenz beteiligten Nationen auf, ihre
Bestrebungen zum Abschluß eines Vertragstextes zu
beschleunigen und bei Positionen zusammenzukommen, die eine Unterstützung der internationalen
Staatengemeinschaft zwingend erfordern. Es ist an
der Zeit, auf gemeinsamem Terrain zu einem Abschluß zu gelangen.
In diesem Geiste zog Präsident Clinton Ende Januar
dieses Jahres den Vorschlag der Vereinigten Staaten für ein 10jähriges Austrittsrecht zurück - eine
Position, die weder salopp formuliert noch leicht aufzugeben war. Und vor zwei Monaten sendete
Präsident Clinton eine unmißverständliche Botschaft,
daß die NW-Konferenz das Engagement der
Vereinigten Staaten für ein Atomtestverbot nicht
schwächte, sondern vielmehr intensivierte.
Er
forderte einen wirklich absoluten CTBT mit null
Detonationswert - ohne jede Ausnahme, nicht einmal
Atomexplosionen mit einer Sprengkraft von wenigen
Pfunden.
Zusammen mit den parallelen Entscheidungen
Frankreichs und Großbritanniens verleiht diese
Entscheidung den Verhandlungen in Genf echten
Auftrieb. Denn alle Nationen sollten sich für einen
Vertrag aussprechen, in dem das Wort "umfassend"
folgende Bedeutung hat: "Null" atomaren Detonationswert, wobei alle Länder gleich behandelt
werden.
Wie Vizepräsident Gore bei der Konferenz in New
York erklärte, sind wir bereit zu der Feststellung, daß
die Vereinigten Staaten bereits ihren letzten Atomtest durchgeführt haben. Die Entscheidung des
Präsidenten über einen Null-Detonationswert demonstriert, daß wir meinen, was wir sagen.
Der CTBT wird mehr zur Sicherheit aller Staaten
beitragen als alle weiteren Atomtests - überall, von
allen, zu jedem Zweck. Die Nukleararsenale der
Welt sind mehr als ausreichend erprobt worden.
Jetzt sind wir es, die auf die Probe gestellt werden.

Eine weitere Maßnahme, die bei der diesjährigen
NW-Konferenz spezifisch unterstützt wurde, ist das
Verbot der Produktion von spaltbarem Material für
nukleare Sprengkörper.
Ein multilateraler, effektiv verifizierbarer Vertrag über
die Einstellung der Produktion von spaltbarem
Material wird den CTBT ergänzen, indem er weltweit
die Menge des für Nuklearwaffen zur Verfügung
stehenden spaltbaren Materials begrenzt. Er wird
die internationalen Sicherheitsvorschriften auf derzeit
nicht geschützte Produktionseinrichtungen ausdehnen.

Seite 2

Viele Nationen streben seit langem diese Einstellung
der Produktion an. Der indische Premierminister
Nehru forderte dies beispielsweise bereits im Jahr
1954. Vor zwei Jahren unterstützte Präsident Clinton
die Einstellung hier bei den Vereinten Nationen
vehement, und die Generalversammlung verabschiedete einstimmig eine Resolution, die Verhandlungen
zwingend vorschreibt. Dann forderte die diesjährige
NW-Konferenz "die unverzügliche Aufnahme und
einen baldigen Abschluß der Verhandlungen".
Dennoch haben die Verhandlungen - erstaunlicherweise - noch nicht begonnen.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß einige der
Länder, die traditionell die stärksten Verfechter der
Einstellung waren, offensichtlich jetzt den Enthusiasmus dafür verloren haben, da eine Realisierung
potentiell in greifbare Nähe gerückt ist.
Einige wenige Staaten hegen vielleicht Zweifel, ob ein
solches Abkommen ihren Interessen dient - und
wollen sich ihre Optionen offen halten. Sie sollten
sorgfältig erwägen, ob sie sich wirklich einem Wettbewerb aussetzen wollen, der ewig andauern und nie
gewonnen werden kann. Die Geschichte des Wettrüstens bietet reichhaltige Beweise, daß das Streben
nach einem undefinierbaren "genug" vergebliche
Mühe ist.
Andere haben absolut keine Absicht, etwas zu tun,
das nicht im Einklang mit einer Einstellung der
Produktion von spaltbarem Material steht - haben
sogar mit wiederholten einstimmigen Entscheidungen
den Wert eines solchen Abkommens anerkannt werden jedoch von dem Gedanken in Versuchung
geführt, daß seine Aushandlung an andere Ursachen
gebunden sein sollte, beispielsweise einen weiteren
atomaren Verhandlungsprozeß in Genf. Das ist ein
Rezept für Lähmung, nicht für Fortschritt - und
vereitelt daher ein Ziel, das alle NW-Parteien unterstützen.
Niemand sollte auch auf die vertraute Verhandlungstaktik hereinfallen, das Perfekte zum Feind des Guten
zu machen. Die Einstellung der Produktion von
spaltbarem Material kann nicht alle Probleme, jedoch
ein wichtiges lösen - indem die Menge von Material
für Nuklearexplosionen nicht nur in Atomwaffenstaaten, sondern auch in Teilen der Welt begrenzt wird,
die am wenigsten das Risiko eines eskalierenden
Wettrüstens tragen können.
Auch hier könnten Chancen ungenutzt verstreichen.
Daher sollten wir entsprechend handeln und jetzt die
Verhandlungen eröffnen, um den ausdrücklichen
Willen der NW-Konferenz zu erfüllen, das Verbot von

AMERIKA DIENST 30

�Atomtests zu unterstützen und alle Menschen sicherer zu machen.
In der Zwischenzeit praktizieren die Vereinigten
Staaten, was sie predigen. Wir produzieren nicht
länger spaltbares Material für Waffen. Und im März
haben wir 200 Tonnen spaltbares Material aus
unseren Arsenalen abgezogen, die nie wieder für
Nuklearexplosionen verwendet werden.
Ein anderes Element der Abrüstung besteht darin,
die Überrüstung des Kalten Krieges abzubauen.
Lange Zeit wurde argumentiert, ein ständiger N W
würde den Anreiz für solche Bestrebungen zunichte
machen. In der Tat haben jedoch kontinuierliche
Bestrebungen vor und seit der New Yorker Konferenz gezeigt, daß das Gegenteil der Fall ist: Ein
ständiger N W fördert die nukleare Abrüstung, indem
er das globale Sicherheitsumfeld konsolidiert, in dem
er agieren kann.
Anstelle des unerbittlichen Wachstums der Arsenale
in den vergangenen Jahren nehmen sie heute mit
noch größerer Geschwindigkeit ab - angestachelt
durch offizielle Abkommen wie den INF-Vertrag und
die START-Verträge, inoffizielle gegenseitige Zurückhaltung bei taktischen Nuklearwaffen und durch
finanzielle Hilfe bei den Kosten der Zerlegung beschleunigte Reduzierungen.
Solche Fortschritte werden möglich, weil es immer
weniger Gründe für Nuklearwaffen gibt. Nuklearwaffen spielen jetzt eine geringere Rolle in unserer
Sicherheitsstrategie als je zuvor.
Entsprechend
zerlegen die Vereinigten Staaten weiterhin bis zu
2.000 Atomwaffen pro Jahr - die höchste Zahl, die
aufgrund der technischen Begrenzungen möglich ist.
Die amerikanischen Bodentruppen haben keine
Nuklearwaffen mehr unter ihrer Obhut. Nichtstrategische atomare Seestreitkräfte werden nicht länger
disloziert. Und seit 1988 haben wir unser gesamtes
aktives Arsenal um nahezu drei Fünftel reduziert,
unsere strategischen Gefechtsköpfe um fast die
Hälfte und die Gefechtsköpfe unserer nichtstrategischen Nuklearstreitkräfte um bemerkenswerte 90
Prozent.
Natürlich hat jeder Weg seine Krümmungen: Der
START Il-Vertrag muß noch in Kraft treten. Aber
das wird geschehen, weil START II offensichtlich
gleichermaßen im Interesse Rußlands und der
Vereinigten Staaten liegt.
Während sowohl in
Washington als auch in Moskau Bestrebungen zu
seiner Ratifizierung unternommen werden, ist der
Abbau unter START I dem Zeitplan mehr als zwei
Jahre voraus.

AMERIKA DIENST 30

Und wir sind bereit zu weiteren Fortschritten. Die
Vereinigten Staaten und Rußland gehen von einer
Begrenzung der Träger- und Waffensysteme zu einer
sichtbareren und unumkehrbaren Beseitigung nuklearer Gefechtsköpfe über. Die Präsidenten Clinton und
Jelzin wiesen vergangenes Jahr ihre Experten an, die
nächsten Schritte zu prüfen. Wie die Vereinigten
Staaten vor und während der diesjährigen Konferenz
über den N W bekräftigten, bleibt nukleare Abrüstung
unser oberstes Ziel.
Seit Mai hat die Welt bei einem anderen Grundsatz
der Konferenz über den Nichtverbreitungsvertrag
Fortschritte gemacht - der universellen Einhaltung
des N W .
Erst dieses Frühjahr sind dem Vertrag vier weitere
Staaten beigetreten - Chile, die Komoren, Vanuatu
und die Vereinigten Arabischen Emirate, und es
werden noch mehr. Dies stellt eine Ergänzung
verschiedener wichtiger Beitritte während der letzten
Jahre dar, die das NW-System spürbar erweiterten bis zu dem Punkt, an dem es sich dem Mitgliederverzeichnis der Vereinten Nationen annähert und nur
neun Staaten außerhalb des Vertrags bleiben.
Fortschritte werden ebenfalls beim Grundsatz der
NW-Konferenz erzielt, atomwaffenfreie Zonen als
nützliche Ergänzung des N W zu betrachten.
Die Vereinigten Staaten respektieren den RarotongaVertrag, der eine atomwaffenfreie Zone im Südpazifik
errichtet, indem sie in der Region keine Aktionen
unternehmen, die mit den Zielen des Vertrags unvereinbar sind. Die jüngsten Ereignisse einschließlich
der CTBT-Verhandlungen veranlaßten uns zu schnellem Handeln, um zu einer endgültigen Entscheidung
über diesen Vertrag zu kommen. Die Vereinigten
Staaten begrüßen auch den jüngst geschlossenen
Pelindaba-Vertrag, der eine afrikanische atomwaffenfreie Zone vorsieht. Und wir hoffen, daß eine unseren Kriterien entsprechende atomwaffenfreie Zone in
Südostasien geschaffen werden kann.
Jeder Staat im Nahen Osten befürwortet im Prinzip,
was auch bei der diesjährigen Konferenz über den
Nichtverbreitungsvertrag unterstützt wurde: Eine
Zone im Nahen Osten, die frei von Atomwaffen sowie
anderen Massenvernichtungswaffen ist. Die Vereinigten Staaten freuen sich natürlich über den
bemerkenswerten jüngsten Erfolg im Nahostfriedensprozeß. Und wir bekräftigen erneut die Bedeutung
einer frühzeitigen Realisierung des universellen
Beitritts zum N W .
Dem seit langem gehegten Wunsch nach verstärkten
Sicherheitszusagen entsprechen die dieses Jahr von
jeder derfünf Atommächte abgegebenen Erklärungen

Seite 3

�sowie die vom UN-Sicherheitsrat übereinstimmend
angenommene Resolution 984. Diese Aktionen sind
eine direkte Reaktion aut Empfehlungen der Nichtatomwaffenstaaten zur Harmonisierung negativer
Sicherheitszusagen und zur expliziteren Gestaltung
der Rolle des Sicherheitsrates, auf nukleare Aggression gegen dem N W angehörende Nichtatomwaffenstaaten zu reagieren, einschließlich der Handlungsmöglichkeit gemäß Kapitel VII der Charta der
Vereinten Nationen zur Wiederherstellung des
internationalen Friedens und der Sicherheit. Unseres Erachtens stellen diese Maßnahmen substantielle Fortschritte zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit von
Sicherheitszusagen für Nichtatomwaffenstaaten des
N W dar. Bei der NW-Konferenz bestand Einigkeit
darüber, daß weitere Schritte auf diesem Gebiet
erwogen werden sollten.
Die Wirksamkeit des N W steht in engem Zusammenhang mit der Wirksamkeit seiner Sicherheitsklauseln - ein auf der diesjährigen NW-Konferenz
befürworteter wichtiger Grundsatz. Die Vereinigten
Staaten arbeiten eng mit der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) an der Stärkung nuklearer Schutzvorrichtungen durch das "Programm
93 + 2" zusammen. Seit der Konferenz einigte sich
der Verwaltungsrat der Behörde auf die Umsetzung
einer Vielzahl wichtiger Empfehlungen, die seine
Fähigkeit zur Aufdeckung nicht bekanntgegebener
Nuklearaktivitäten beträchtlich erhöhen. Wir fordern
jeden Staat zur Unterstützung dieser Empfehlungen
auf - und erwarten die Unterstützung einer zweiten
Serie zusätzlicher Maßnahmen, die beim Treffen des
Verwaltungsrats im Dezember vorgestellt werden.

zusammenarbeiten, der kein umfassendes Sicherheitsabkommen mit der IAEO abgeschlossen hat.
Und bei der Auswahl von Möglichkeiten für friedliche
nukleare Zusammenarbeit besteht unsere Politik
schon seit langem in der Bevorzugung von Unterzeichnern des N W und des Tlatelolco-Vettrags.
Die Vereinigten Staaten haben solche Chancen aktiv
sondiert.
In den vergangenen Jahren sind wir
beispielsweise Abkommen über die Zusammenarbeit
von Laboratorien mit Ägypten, Marokko, Kenia,
Ghana, Malaysia, Thailand, Peru und Mexiko eingegangen. Und kürzlich unterzeichneten wir ein wichtiges Abkommen über friedliche nukleare Zusammenarbeit mit Südafrika.
Die Vereinigten Staaten unterstützen auf multilateraler Ebene entschieden die Aktivitäten der IAEO im
Bereich technischer Hilfe und leisten konsequent den
größten Beitrag zu zusätzlichen Haushaltsmitteln für
diese Behörde. Wir werden auch in Zukunft die
weltweite Nutzung von Kernenergie bei Landwirtschaft, Medizin, Industrie und zu anderen friedlichen
Zwecken fördern.
Schlußbemerkung
Ebenso wie auf vielen anderen Gebieten ist auch bei
der multilateralen Diplomatie wirklicher Wandel
schwierig. Die herkömmliche Art und Weise wird
immer ihre Anhänger haben, solange das Gedächtnis
die Oberhand über die Phantasie behält.
Aber die Zeit für wirklichen Wandel ist gekommen:

Wir müssen einen neuen Dialog führen.
Wir stellen unser Engagement für das lAEO-System
auch auf andere Arten unter Beweis: Indem wir
alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um
per Gesetz ausreichende Mittel zur Bewältigung der
wachsenden Arbeitsbelastung der IAEO zu erhalten
und zusätzliches spaltbares Material den Sicherheitsbestimmungen unterstellen. Die lAEO-lnspektionen
überschüssigen spaltbaren Materials der Vereinigten
Staaten sind seit letztem Jahr im Gange - und
werden ausgeweitet. Vergangenen Monat beschlossen die Vereinigten Staaten, zusätzliche 20 Tonnen
überschüssigen waffenfähigen Materials für Sicherheitskontrollen der IAEO zugänglich zu machen.
Die Vereinigten Staaten werden auch in Zukunft das
Sicherheitsregime des N W entschieden unterstützen.
Ebenso werden die Vereinigten Staaten weiterhin mit
Überzeugung den friedlichen Einsatz von Atomenergie im Rahmen wirksamer internationaler
Sicherheitskontrollen befürworten. Die Vereinigten
Staaten dürfen von Gesetz wegen auf nuklearem
Gebiet nicht in größerem Umfang mit einem Staat

Seite 4

Der überragende Erfolg der diesjährigen Konferenz
über den Nichtverbreitungsvertrag demonstriert, daß
einst rivalisierende Nationen besser miteinander
arbeiten als aneinander vorbeireden können, daß
Konfrontation wegen rhetorischer Absolutheitsansprüche durch Fortschritt ersetzt werden und internationale Sicherheit über herkömmliche Weltpolitik
triumphieren kann. Unsere Zusammenarbeit bei
dieser schicksalhaftesten multilateralen Rüstungskontrollkonferenz der Geschichte zeigt tatsächlich,
daß ein konstruktiver neuer Dialog bereits begonnen
hat.
Wir müssen diese neue Denkweise auf die großen
Herausforderungen anwenden, denen wir uns in
Zukunft gegenübersehen: Abschluß des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot und Aushandlung eines Vertrags über die Einstellung der Produktion spaltbaren Materials.
Meine heutigen Ausführungen sollten deutlich machen, daß die Vereinigten Staaten es für eine Frage

AMERIKA DIENST 30

�der Ehre halten, abgegebene und vor fünf Monaten
erneut bekräftigte Versprechen einzuhalten. Aber
wir erwarten dasselbe von allen anderen Ländern.
Wer seine früher eingegangenen Verpflichtungen
nicht ernst nimmt, schädigt mehr als nur das N W Regime oder bestimmte Verhandlungen - er schadet
dem Gefüge der internationalen Sicherheit durch
seine zynische Haltung gegenüber den Möglichkeiten der von uns geleisteten Arbeit.
Der N W verkörpert Gleichgewicht und Symmetrie:
Nichtverbreitung und Abrüstung sind geboten, und
alle Staaten müssen ihre Rolle im schlagkräftigen
Kampf des Vertrags gegen Nuklearwaffen übernehmen. Artikel VI ist nicht auf nukleare Abrüstung
oder auf die Atommächte beschränkt. Alle Staaten
müssen für ihre Taten und ihre Worte Rechenschaft
ablegen. Kein Staat ist davon ausgenommen oder
wird automatisch verdächtigt, weil er ein Atomwaffenstaat oder ein Nichtatomwaffenstaat ist oder weil
er früher einem bestimmten Block oder einer bestimmten Ländergruppe angehörte oder nicht. Wer
von anderen Abrüstung fordert, muß sie auch selbst
praktizieren.
Dies sind wichtige Gründe, warum der N W jetzt
unbegrenzt und stärker denn je ist - und warum
seine größten Beiträge zur internationalen Sicherheit
noch zu erwarten sind.
Wenn wir diese Lektionen beherzigen - und erinnern,
daß echter Dialog, ebenso wie der N W selbst, eine
in beide Richtungen führende Straße ist - werden wir

*

AMERIKA DIENST 30

wichtige Schritte zur Erlangung des vollen Versprechens von Rüstungskontrolle und Abrüstung unternehmen.
Zyniker werden das als Rat interpretieren, langsam
voranzuschreiten. Aber es ist tatsächlich ein Ratschlag, Fortschritte zu machen. Wer hätte sich
schließlich noch vor wenigen Jahren träumen lassen,
daß die Vereinigten Staaten an vorderster Front auf
ein umfassendes Atomtestverbot drängen würden?
Oder daß wir zu denjenigen gehören würden, die sich
am stärksten für die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials einsetzen?
Die Vereinigten Staaten fordern alle Staaten auf, sich
gemeinsam mit uns an dem konstruktiven neuen
Dialog im Zeitalter nach der Verlängerung des N W
zu beteiligen. Das wird unsere heutigen Bestrebungen beflügeln - selbst während wir die 50jährige
Arbeit der Vereinten Nationen im Bereich der Abrüstung ehren.
Wenn wir auf diese Art und Weise zusammenarbeiten, können wir eine Welt schaffen, die in unser aller
größtem Interesse liegt: Eine Welt, in der nie wieder
spaltbares Material für waffenfähige Zwecke produziert wird, in der nie wieder Nuklearwaffen gezündet,
sondern diese am Ende beseitigt werden können, in
der Nationen nicht wegen ihrer Waffenarsenale,
sondern wegen der Einhaltung eingegangener
Verpflichtungen geschätzt werden - anderen Nationen
und ihrem eigenen Volk gegenüber.

* * *

*

Seite 5

�DATENAUTOBAHN
25. Oktober 1995

Neues von der Datenautobahn
Übersicht jüngster Entwicklungen
Der nachfolgende Artikel faßt die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten bei Informations- und
Telekomunikationstechnologien zusammen und erörtert Neuheiten auf dem Internet sowie die Entwicklung einer
globalen Informationsinfrastruktur.

Bündnis gegen Pornographie
Dem The Wall Street Journal zufolge bildet eine
Gruppe von Hochtechnologieunternehmen - darunter
IBM, Microsoft, AT&amp;T, MCI, America Online, Netscape Communications, Time Warner und Viacom ein Bündnis zur Bekämpfung von "Cyberpornographie". Koordiniert wird diese Gruppe vom World
Wide Web Consortium des Massachusetts Institute
of Technology, das, so ein Vertreter des Bündnisses,
auch als "Dachorganisation zur Verhinderung interner Kämpfe in der Industrie" dient. "Es soll Normen
entwickeln, die alle Softwareunternehmen erreichen
können." Ein separates Projekt unter Beteiligung
von Microsoft, Netscape, SurfWatch Software und
Progressive Networks wird in die neuen Bestrebungen eingegliedert.
Anstieg von Chip-Diebstählen
Ein weltweiter Mangel an Memory Chips führt zu
einem Anstieg der Diebstähle von RAM Chips in
Colleges und Universitäten, so der Chronicle of
Higher Education. Die Diebe sind anscheinend auf
Memory Chips spezialisiert, für die man 160 bis 200
Dollar je vier-Megabite-Set bekommt und die schwierig, wenn nicht unmöglich aufzuspüren sind.
Spezialisierung auf Internet-Nutzer außerhalb des
englischen Sprachraums
Während immer mehr Länder stark im World Wide
Web präsent sind, wird die Vorherrschaft des Englischen im Internet in Frage gestellt, berichtet der
Investor's Business Daily. Im Juni stammten 19
Prozent der neuen Web Seiten aus Ländern, die
nicht dem englischen Sprachraum angehören, und
im Juli war dieser Prozentsatz dem Marketingdirektor
der Yahoo (Corporation zufolge auf 23 Prozent
angestiegen. Yahoo hat einen beliebten Quellenfinder im Web. Dem Trend entsprechend entwickelt

AMERIKA DIENST 30

Netscape Communications einen Web Browser, um
japanische und chinesische Texte aufrufen zu können, und Übersetzungssoftware wird immer beliebter.
Gesucht: Software zur Verbrechensbekämpfung
Strafverfolgungsbeamte haben die Herstellung von
moderner Software zur Überwachung der über
700.000 elektronischen Geldtransfers vorgeschlagen,
die jeden Tag zwischen amerikanischen Finanzinstitutionen vorgenommen werden, und befürworten
die genauere Überprüfung verdächtiger Transaktionen, schreibt The Wall Street Journal. Ein neuer
Bericht des US-Amts für Technologiebewertung
verweist jedoch darauf, daß eine solche Überwachung es amerikanischen Banken erschweren würde,
Geschäfte aus Europa und anderen Industrienationen
anzuziehen. Die Vereinigten Staaten würden "das
Risiko einer Flucht legitimen Kapitals" von inländischen Banken eingehen, stellt der Bericht fest.
Softwareverkäufe in USA schnellen in die Höhe
Im zweiten Quartal dieses Jahres stiegen die Softwareverkäufe in Nordamerika dem Verband der
Software-Herausgeber zufolge auf 1,57 Milliarden
Dollar.
Immobilienmakler richten Informationsnetz ein
Der nationale Verband der Immobilienmakler richtet
einen Dienst ein, der dem Verband angeschlossenen
Maklern den Austausch von Listen und anderen
Informationen gestattet sowie den Käufern behilflich
ist, berichtet The Wall Street Journal. Das landesweite System würde Zugang zu Landkarten, Verbrechensstatistiken, Informationen über Schulen,
statistische Daten, Steuerdaten und andere Informationen zur Verfügung stellen. Eine halbe Million
Immobilienmakler haben sich dem "The Realtors

Seite 1

�Information Network" genannten Dienst bereits
angeschlossen.

Babel:
http://www.access.digex.net/~ikind/babel95c.html

Interessante Web Sites auf dem Internet
Nachfolgend einige nützliche Adressen auf dem
World Wide Web.

Hierbei handelt es sich um ein Glossar von Computerabkürzungen und Akronyme. Es wird dreimal
jährlich, im Januar, Mai und September, auf den
neuesten Stand gebracht.

Electronic Reference Desk:
http://excalibur.alfred.edu/Ref.html

The Tech Classics Archive:
http Mhe-tech. mit. edu/Classics/

Diese von der Scholes Library in der Alfred University betriebene Site bietet "unverzüglich Auskunft"
durch Verbindungen zu zahlreichen nützlichen
Auskunftsstellen. Zu den Kategorien zählen Wörterbücher, Thesauri und Zitatensammlungen, allgemeine wissenschaftliche Quellen, geographische Daten,
historische Dokumente, Colleges und Universitäten
sowie Wetterstationen.

Diese Quelle klassischer Literatur bietet jetzt 375
Werke von Klassikern in englischer Übersetzung an.
Das gesamte Werk ist attraktiv und logisch zur
unkomplizierten und schnellen Einsicht formatiert. Es
wird von einem verbesserten Suchlaufwerk unterstützt. Das Tech Classics Archive ist eine nichtkommerzielle, von Studenten geschaffene World Wide
Web Site.

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* * * *

AMERIKA DIENST 30

�AIDS
25. Oktober 1995

Überleben
von Kathleen Fackelmann
(AD) - Wissenschaftler führen Studien an Personen durch, die das AIDS-Virus seit längerem überlebt haben,
in der Hoffnung herauszufinden, wie ihr Immunsystem das tödliche Virus in Schach hält. Die Antwort könnte
zu einer Behandlungsmethode oder einem Impfstoff gegen AIDS führen, so die Verfasserin, die Mitarbeiterin
von Science News ist.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Science News, einem wöchentlich
erscheinenden wissenschaftlichen Nachrichtenmagazin. Copyright (c) 1995 von Science Service, Inc.

Für gewöhnlich dauert es acht bis zehn Jahre, bis
eine HlV-infizierte Person AIDS entwickelt. Dennoch
sind einige Personen seit über einem Jahrzehnt
Träger der humanen Immunschwächeviren - und
blieben gesund.

dieser Menschen über einen langen Zeitraum hinweg
robust bleibt. Drei Artikel im New England Journal
of Medicine in der Ausgabe vom 26. Januar 1995
veröffentlichen Daten über Menschen, die dem Tod
vorerst ein Schnippchen geschlagen haben.

Wie halten sie diesen todbringenden Zerstörer des
Immunsystems in Schach?

"Wir wissen seit einiger Zeit, daß es Personen gibt,
die mit einer HIV-Infektion lange gesund bleiben",
erklärt die Koautorin Susan Buchbinder vom Gesundheitsministerium in San Francisco. "Wir fangen jetzt
an zu verstehen, welche Mechanismen für einen
verzögerten oder unterbrochenen Krankheitsverlauf
verantwortlich sind."

Wissenschaftler erforschen dieses Mysterium mit
Leidenschaft. Wenn sie zu einer Lösung gelangen,
könnten ihre Erkenntnisse zu einer Behandlungsmethode für die HIV-Infektion oder sogar einem
Impfstoff gegen das Virus führen.
Am Anfang vermehrt sich das HI-Virus rapide im
Körper und verursacht manchmal eine der Grippe
ähnliche Krankheit. Wochen oder Monate später
dämpft das Immunsystem einer infizierten Person
das Virus, worauf mehrere Jahre relativ guter
Gesundheit folgen. Während dieses Zeitraums setzt
das Virus jedoch seine Angriffe auf die Infektionen
bekämpfenden weißen Blutkörperchen des Körpers
fort. Schließlich gewinnt das HIV die Oberhand.
Das zerstörte Immunsystem kann seine Arbeit nicht
mehr leisten, und normalerweise harmlose Mikroben
fangen an, Amok zu laufen. Die HlV-infizierte
Person entwickelt dann zahllose opportunistische
Infektionen - vor allem Pneumocystis carinii, eine
Lungenentzündung - die die Entwicklung von AIDS
markieren. Der Tod folgt gewöhnlich binnen weniger
Jahre.
Für schätzungsweise fünf bis zehn Prozent der HIVinfizierten Personen brachten die folgenden Jahre
jedoch nicht den finalen Angriff. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, daß die Gesundheit

AMERIKA DIENST 30

Um ein vollständigeres Bild der Personen zu erhalten,
die eine HIV-Infektion seit längerem überleben,
untersuchten Buchbinder und der Immunologe
Giuseppe Pantaleo vom nationalen Institut für Allergien und ansteckende Krankheiten zusammen mit
ihren Kollegen 14 Männer und eine Frau, die seit
über sieben Jahren mit dem HIV lebten. 13 der 15
waren seit mindestens einem Jahrzehnt mit dem
Virus infiziert. Die Probanden berichteten über keine
mit HIV in Verbindung stehende Krankheit.
Noch wichtiger war, daß diese Überlebenden ein
beständiges Blutbild mit CD4 T Lymphozyten hatten den weißen Blutkörperchen, die durch das AIDSVirus zerstört werden. Um in die Studie aufgenommen werden zu können, mußten die Probanden eine
T-Zellenzahl von mindestens 600 pro Kubikmillimeter
Blut haben. Sieben hatten CD4-Zahlen, die gut im
normalen Bereich von 800 bis 1.200 lagen.
Die Forscher untersuchten auch eine Gruppe von 18
HlV-infizierten Personen, deren Krankheitsverlauf zu
AIDS durch das Auftreten von mit der Krankheit

Seite 1

�einhergehenden Symptomen indiziert war. Alle
hatten sich kontinuierlich verringernde CD4-Zahlen ein Anzeichen einer Virusdominanz. Sobald die
Konzentration der CD4-Zellen unter ein kritisches
Niveau sinkt, fallen Horden von Mikroben über den
geschwächten Körper her.
Um herauszufinden, welche Auswirkungen das HIV
auf die Personen hatte, die seit längerem überlebten, konzentrierte sich das Team erst auf die
Lymphknoten - bohnenförmige Knötchen des Immunsystems. Sie erforschten Lymphknotengewebe
von 14 der 15 Überlebenden und fanden keine
Beweise einer mit dem HIV verbundenen Verschlechterung. Die Proben erschienen normal.
In einem Fall konnten die Forscher im Abstand von
neun Jahren entnommene Lymphknotenproben
vergleichen. Die Proben sahen nahezu identisch
aus. Als das Team jedoch seine Aufmerksamkeit
auf die 18 Personen mit einer fortgeschrittenen HIVInfektion lenkte, stellte es fest, daß das Virus eine
alarmierende Spur der Verwüstung hinterlassen
hatte: Das Lymphgewebe dieser Personen zeigte
Degenerierungen und Vernarbungen.
Die Forscher entdeckten auch, daß Nichtprogressive
- diejenigen, bei denen die Krankheit nicht fortschritt
- weniger HIV in ihren Lymphknoten-Keimzentren den Regionen der Zellverbreitung - lagerten als die
18 Probanden mit progressivem Krankheitsverlauf.
Bei den Progressiven scheinen die Lymphknoten als
Infektionsreservoir zu fungieren, erläutert Koautor
Anthony S. Fauci, Direktor des amerikanischen
Instituts für Allergien und ansteckende Krankheiten.
Er spekuliert, daß mit dem HIV beladene Keimzentren Millionen von weißen Blutkörperchen infizieren
können, die auf ihrem Weg zu anderen Teilen des
Körpers durch die Lymphknoten wandern.
In diesem Fall kann das HIV ein gesundes Verteidigungssystem gegen seinen Gastgeber wenden.
"Indem der Körper versucht, das Virus aufzunehmen
und festzuhalten, schafft er ein phänomenales Milieu
oder Umfeld für eine fortschreitende Infektion der
Blutkörperchen", so Fauci.
Andere Teile des Immunsystems der Überlebenden
schienen aktiv trotz der langfristigen HIV-Infektion.
Die Überlebenden hatten beispielsweise verglichen
mit den 18 anderen Probanden sehr hohe Konzentrationen von Antikörpern in ihrer Blutbahn. Antikörper sind vom Immunsystem zur Bekämpfung von
Infektionen erzeugte Proteine.
In der Retorte
zerstörten diese Antikörper den Forschern zufolge
zwei bekannte Stränge des HIV.

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Weitere Beweise einer besonders wirksamen Immunattacke auf das HIV wurden durch den Befund
geliefert, daß die Vermehrung der Viren bei den
Überlebenden langsamer voranschritt als bei den
Progressiven. Die Forscher vermuten, daß das
Immunsystem das HIV nicht ausschalten, aber unter
Kontrolle halten kann. Die HIV-Vermehrung im Blut
und in Lymphknotenproben der Progressiven erschienen vier bis 20 Mal höher als in den Proben, die
den 15 Überlebenden entnommen worden waren.
"Wenn sich das Virus nicht effektiv vermehrt, ist die
Krankheit nicht sehr aktiv", erklärt Pantaleo. "Wenn
die Vermehrung stark ist, bedeutet das, die Krankheit
könnte fortschreiten."
Zusammengenommen legen die Daten den Schluß
nahe, daß für einige Wenige die Infektion mit dem
HIV nicht das unvermeidliche Todesurteil bedeutet.
"Diese Menschen überleben nicht nur 10 oder mehr
Jahre, sie leben auch ohne jeglichen Schaden ihres
Immunsystems weiter", stellt Fauci fest.
David D. Ho und seine Kollegen beim Aaron Diamond AIDS-Forschungszentrum in New York führten
eine ähnliche Studie bei Probanden durch, die die
Krankheit lange überlebt hatten.
Das in der New York University School of Medicine
untergebrachte Forschungsteam untersuchte 10 Hl Vinfizierte Personen, die trotz ihrer 12- bis 15jährigen
Infektion mit HIV keine AIDS-spezifischen Krankheiten durchgemacht hatten. Die Studie umfaßte auch
eine Frau.
Alle Probanden hatten T-Lymphozytenzahlen im
normalen oder fast normalen Bereich - ein Zeichen,
daß das Virus das Immunsystem noch nicht geschädigt hatte. Darüber hinaus hatte keiner über einen
längeren Zeitraum hinweg Medikamente gegen den
Virusinfekt eingenommen.
Diese Daten verweisen auch auf eine gut kontrollierte
HIV-Infektion hin, die keine Krankheiten hervorruft.
Mit den herkömmlichen Techniken zum Anlegen einer
Kultur konnten die Forscher zum Beispiel kein HIV im
Plasma, dem klaren Teil des Blutes, nachweisen.
"Es ist sehr schwierig, das Virus dieser Patienten zu
isolieren", so Koautor Jeffrey Safrit. Mit einem
empfindlicheren Test fanden sie das HIV im Plasma
von vier ihrer Probanden.
Als nächstes erforschten die Wissenschaftler die
äußeren mononuklearen Blutkörperchen - einen
Mischmasch weißer Blutkörperchen einschließlich
CD4 T-Lymphozyten in der Blutbahn. Mit herkömmlichen Techniken fanden sie das HIV in den weißen

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�Blutkörperchen von vier Probanden. Die anderen
sechs hatten jedoch kein nachweisbares Virus in
diesen Blutkörperchen.
Unter Anwendung der
Polymerase-Kettenreaktion, einer Molekulartechnik
zum Kopieren von DNA, fanden die Forscher
schließlich kleine Mengen des Virus in den weißen
Blutkörperchen der sechs Überlebenden.
"Insgesamt war die Virusbelastung (die Menge des
HIV) im Plasma und den weißen Blutkörperchen der
seit längerem Überlebenden enorm viel niedriger als
bei denjenigen mit einem progressiven Krankheitsverlauf", erklärt der Verfasser.
Diese geringe Virusbelastung läßt darauf schließen,
daß die Überlebenden eine wirksamere Immunreaktion auf das HIV entwickeln. Hos Gruppe fand
heraus, daß diese Überlebenden beschleunigte
Aktivitäten der weißen Blutkörperchen, genannt CD8
T-Lymphozyten, aufwiesen.
Diese Immunzellen
machen die HlV-infizierten Blutkörperchen im Körper

aus und töten sie.
Schließlich legen die Forschungsergebnisse des
New Yorker Teams nahe, daß die HIV-Stränge, die
die Überlebenden infizieren, weniger virulent sind als
die Stränge, die zur Krankheit der meisten Infizierten
führen. Das von den seit längerem Überlebenden
isolierte HIV wuchs im Labor sehr schlecht - ein
Hinweis, daß es sich um eine besonders dürftige
Version des Virus handelt.
Ronald C. Desrosiers vom New England Regional
Primate Research Center der Harvard University in
Southborough (Massachusetts) und seine Kollegen
waren auch der Überzeugung, daß einige Menschen
AIDS entgehen, weil sie Träger einer abgeschwächten Form des HIV sind.
Frühere Arbeiten belegten, daß mit dem AffenImmunschwächevirus (SIV) infizierte Rhesusaffen
eine AIDS-ähnliche Krankheit entwickeln. Affen,
denen jedoch ein mutierender Strang von SIV
gegeben wurde, schienen eine kleine Infektion zu
entwickeln ohne je krank zu werden. Und wie die
menschlichen Probanden zeigten diese SlV-infizierten Primaten keine dramatische Verringerung der
CD4 T-Lymphozyten.
Es stellt sich heraus, daß die mildere Version des
SIV einen Defekt in einem als Nef-Gen bekannten
einzelnen Gen hat. Ohne ein richtig funktionierendes Nef-Gen kann sich das SIV nicht wirksam
vermehren - und verschafft so dem Immunsystem
einen Vorteil bei seinem Kampf, das Virus zu zerstören.

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Könnte man dieselbe Schlußfolgerung auf das HIV
anwenden, einen engen Verwandten des SIV? Das
Massachusetts-Team entschied sich, das Nef-Gen bei
fünf Personen zu erforschen, deren Infektion nicht
fortschritt. Einer von ihnen, ein 44jähriger Hämophiler, hatte einen Nef-Defekt.
"Das von uns immer wieder nachgewiesene Virus
zeigt, daß das 118-Basenpaar in dem Nef-Gen fehlt",
erläutert Koautor John L. Sullivan, ein Genetiker an
der University of Massachusetts Medical School in
Worcester.
Der 44jährige erwies sich 1983 als HIV-positiv,
nachdem er bei einer Transfusion verseuchtes Blut
erhalten hatte. Dennoch ist er weiterhin gesund, mit
sehr geringen Konzentrationen des sich spärlich vermehrenden Virus in seinem Blut, stellt Sullivan fest.
"Unseres Erachtens verlangsamt der Defekt die
Fähigkeit des Virus, sich zu vermehren", so Sullivan.
"Das erlaubt dem gastgebenden Immunsystem, die
Oberhand über das HIV zu behalten".
Die Forscher spekulieren, daß der Mann zusätzlichen
Strängen des HIV ausgesetzt war vom Zeitpunkt
seiner Infektion bis Mitte der achtziger Jahre, als die
Zentren routinemäßig Blutprodukte auf das Virus zu
untersuchen begannen. Dennoch hatte dieser Mann
nie eine zweite Infektion mit einer todbringenderen
Form des HIV.
Führte diese erste Infektion zu einer natürlichen
"Impfung"? Wehrt eine schwelende Infektion mit
einem mutierenden Virus eine Attacke durch einen
virulenteren Strang des HIV ab?
Das ist zweifelsohne die Hoffnung. Wenn jedoch das
Nef eine Rolle beim Schutz einiger HlV-infizierter
Personen spielt, dann ist das wahrscheinlich nicht die
ganze Geschichte.
Ho und seine Kollegen wiesen keine Defekte in dem
Nef-Gen beim HIV nach, das sie von den 10 seit
längerem Überlebenden isolierten. Im Journal of
Virology vom Januar 1995 beschrieben sie ihre
Untersuchungen des Nef-Gens bei diesen Patienten.
"Wir gelangen daher zu der Schlußfolgerung, daß
Defekte oder gravierende Sequenzanomalien im Nef
wahrscheinlich keine allgemeingültige Erklärung des
guten Befindens der seit längerem Überlebenden
einer HIV-1-Infektion sind", schreiben die Autoren.
David Baltimore vom Massachusetts Institute of
Technology in Cambridge stimmt dem zu. "Die
Tatsache eines Nef-Defekts bei diesem Patienten
scheint sehr selten zu sein", schrieb Baltimore in

Seite 3

�einem Leitartikel des New England Journal of
Medicine vom 26. Januar.
Das schließt die Möglichkeit nicht aus, daß zusätzliche, jedoch noch nicht identifizierte Mutationen des
HIV anderen Fällen längeren Überlebens zugrunde
liegen. In der Tat jagt Hos Team weiter nach genetischen Defekten im HIV. Desrosiers, Sullivan und
ihre Kollegen tun dasselbe.
"Wir nehmen diese Viren Stück für Stück auseinander und versuchen herauszufinden, wo der Defekt
liegt", erklärt Sullivan.
Sind die seit längerem Überlebenden wirklich so
glücklich wie sie scheinen?
Wissenschaftler können den Gedanken nicht ausschließen, daß einige Nichtprogressive noch eine
Schwelle in ihrem Kampf gegen das AIDS-Virus
überschreiten müssen. Sie könnten einfach Patienten mit Anomalien sein, die zu einer Zerstörung des
Immunsystems verdammt sind und zu irgendeinem
Zeitpunkt in der Zukunft AIDS entwickeln. Die
meisten Forscher glauben jedoch, daß einige dieser
Personen nie der Krankheit anheimfallen.
Die neuen Daten vermitteln den Forschem einige
aufschlußreiche Anhaltspunkte, aber kein Patentrezept für längeres Überleben.
"Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf, was
eine Person zu einem längerfristigen Nichtprogressiven macht", kommentiert Kathleen E. Squires,
stellvertretende Direktorin der AIDS-Klinik an der
University of Alabama in Birmingham.
"Offensichtlich trifft einiges auf diese Patienten zu",
äußert Safrit mit dem Hinweis, daß die im New
England Journal of Medicine veröffentlichten Stu-

*

Seite 4

*

dien nahelegen, daß eine Vielzahl von Faktoren eine
Rolle dabei spielen können, die Gesundheit einer
HlV-infizierten Person zu bewahren. "Es wird wahrscheinlich eine Kombination eines abgeschwächten
Virus und einer starken Immunreaktion sein, dank der
eine Person über einen langen Zeitraum hinweg
überleben kann", stellt er fest.
Wenn die Forscher die Mechanismen des Überlebens
klären können, könnten sie eine Therapie entwickeln,
die die Infektion in ihrer asymptomatischen Phase
einfriert. So könnten die Infizierten zwar nie ihren
Körper vom HIV befreien, aber sie würden ein langes,
gesundes Leben leben.
"Diese Beobachtungen werden uns hoffentlich im
Hinblick auf unterschiedliche Strategien helfen", so
Squires.
Darüber hinaus könnten solche Studien neue Wege
zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen das HIV
eröffnen. Die Forscher fragen sich, ob eine Infusion
eines verkrüppelten HIV die Menschen vor der
Infektion mit den virulenten Strängen des HIV schützen würde, die AIDS verursachen.
Desrosiers
Gruppe und andere suchen nach Mutationen im HIV,
die eine Immunität, aber nicht den Ausbruch der
Krankheit hervorrufen würden. Letztlich könnte ein
solcher Impfstoff Menschen mit einem hohen Infektionsrisiko angeboten werden.
Die Forscher warnen jedoch, daß sie noch sehr viel
grundlegende Laborarbeit leisten müssen, bevor sie
solche Träume in die Realität umsetzen können.
"Wir haben noch nicht genau herausgefunden, was
diese Personen zu langfristigen Nichtprogressiven
macht. Aber wir arbeiten sehr hart daran", stellt
Fauci fest. "Früher oder später werden wir die
Antwort finden."

*

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�RELIGION
25. Oktober 1995

Amerika und seine Religionsvielfalt
von Carolyn J. Mooney
(AD) - Diana L. Eck, Professorin für Indianistik und Religionsvergleiche an der Harvard University in Cambridge
(Massachusetts), leitet ein Forscherteam, das sich mit der religiösen Vielfalt in 25 amerikanischen Städten
befaßt. Eck, Laienmitglied der United Methodist Church, ist sich als eine der ersten eines "multireligiösen
Amerika" bewußt, in dem Islam und Hinduismus neben jüdischen und christlichen Glaubensrichtungen
bestehen.
Die Verfasserin des nachfolgenden Artikels ist Redaktionsmitglied von The Chronicle of Higher Education.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The Chronicle of Higher Education
Copyright (c) The Chronicle of Higher Education.

Diana L. Eck tritt auf die Bremse und verpaßt fast
die Abzweigung zum Hindu-Tempel. Sie biegt links
ab, und schon liegt er vor ihr - ein helles Stuckgebäude, dessen vier kunstvoll gemeißelte Spitzen die
Vorstadtgegend in Ashland (Massachusetts) überragen.
Der Tempel ist von der Straße aus nicht zu sehen
und daher leicht zu verpassen. Aber wer vorbeifährt, verpaßt weitaus mehr als nur einen Tempel,
erklärt Eck, Professorin für Indianistik und Religionsvergleiche an der Harvard University. Er verpaßt ein
Symbol des neuen, multireligiösen Amerika.
Ihr zufolge verändert sich die religiöse Landkarte
Amerikas vor unseren Augen, aber viele Amerikaner
erkennen das noch nicht. Die landesweite Debatte
über Pluralismus läßt die religiöse Dimension außer
acht, und mit ihrem jüngsten Werk will Eck dazu
beitragen, das zu ändern. Sie leitet das Projekt der
Harvard University über Pluralismus, das durch
demographische Forschung, Arbeit vor Ort und
Fallstudien genau dokumentieren soll, wie sich die
religiöse Landkarte der Vereinigten Staaten verändert hat.
"Man kann nicht länger über Weltreligionen dozieren,
als ob es sie woanders gäbe", so Eck. "Wenn man
über die hinduistische Tradition spricht, redet man
von etwas, das nicht an den Grenzen Indiens
haltmacht."
Ein Hindu-Tempel in einem Vorort von Boston, ein
gurdwara der Sikhs in Virginia, eine Moschee am

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Rande eines Maisfelds in Ohio oder in einem großen
Einkaufszentrum - all das sind kleine Bestandteile
des heutigen religiösen Lebens in Amerika. Diese
Veränderung ist vor allem auf die 1965 geänderten
Einwanderungsgesetze zurückzuführen, die zu einem
dramatischen Anstieg von Einwanderern aus Asien
und dem Nahen Osten führten.
Bummel in Banaras
Ebenfalls im Jahr 1965 unternahm Eck die erste ihrer
vielen Reisen nach Indien. Die Studentin vom Smith
College wanderte durch die Gassen und das Hafenviertel von Banaras, einer der heiligen Städte der
Hindus. Die vielen Menschen, die Gerüche, religiösen Rituale, die Badenden und Scheiterhaufen am
Ufer des Ganges faszinierten sie. Dreißig Jahre
später hat ihr langes blondes Haar graue Strähnen,
aber dieses erste Gefühl des Staunens ist geblieben.
Wenn sie Tempel und Moscheen besucht, stellt sie
sich eher als Studentin denn als Professorin vor.
Und sie besucht viele davon. In den letzten vier
Jahren haben sie und ihr Forscherteam - von Studenten im Grundstudium bis zu Doktoranden - religiöse
Vielfalt in 25 amerikanischen Städten erfaßt. Sie
schwärmten im ganzen Land aus, beobachteten
Rituale, führten Interviews und nahmen wahrhaftig
eine Zählung von Tempeln und Moscheen vor.
Das Pluralismusprojekt konzentriert sich insbesondere
auf Glaubensgemeinschaften des Buddhismus,
Hinduismus, Jainismus und Zarathustra, auf Muslime
und Sikhs, verfolgt jedoch umfassendere Ziele. Die

Seite 1

�Forscher untersuchen, wie religiöse Gruppen von
der amerikanischen Gesellschaft geformt werden.
Sie befassen sich mit den medizinischen Bedürfnissen muslimischer Patienten, den Auswirkungen von
Bebauungsvorschriften auf heimische Tempel und
von Gerichtsentscheidungen auf Religionsfreiheit
sowie einer Vielzahl anderer Fragen. Ferner untersuchen sie, wie sich die Amerikaner an die Veränderungen anpassen oder auch nicht.
Im Rahmen des Projekts wird ein umfassendes
Archiv mit Literatur über Tempel, Moscheen und
verschiedene Religionsgruppen angelegt. Außerdem
wurde ein Führer über die verschiedenen Religionsstätten Bostons veröffentlicht, und kürzlich begannen
einige Mitarbeiter mit der Arbeit an einer interaktiven
CD-ROM, die Eck im nächsten Jahr auf den Markt
bringen möchte. Die Nutzer können eine bestimmte
Religion anklicken, sehen, wie sie sich in den
Vereinigten Staaten verbreitet hat und Videoaufnahmen religiöser Zeremonien anschauen.

1995 verliehen, ein mit 150.000 Dollar dotierter Preis,
der gemeinsam vom presbyterianischen theologischen Seminar von Louisville und der University of
Louisville vergeben wird.
Der Ausflug in die Theologie ist für Eck etwas Natürliches. Sie weiß, daß einige Wissenschaftler auf
Religion - das Wort mit dem "R" am Anfang, wie sie
es scherzhaft nennt - empfindlich reagieren. "Aber
Religion ist nicht etwas, das man in einer Schublade
verwahrt", erklärt sie.
"Es ist unter Religionswissenschaftlern üblich, einen
tiefen persönlichen Glauben zu haben, aber es ist
nicht so üblich, ihm auf dem Höhepunkt seiner
Karriere Ausdruck zu verleihen", erklärt Frederick M.
Denny, Professor für Islamistik an der University of
Colorado in Boulder. "Eck integriert ihren Glauben in
ihr umfassenderes Berufsleben und tut das auf
ehrliche und wunderschöne Weise."

Obwohl sich auch andere Wissenschaftler mit den
Weltreligionen in Amerika befassen, untersucht oder
interpretiert keiner die religiöse Vielfalt der Nation in
solchem Umfang - oder von Ecks ungewöhnlichem
Ausgangspunkt.

Eck hat vier weitere wissenschaftliche Bücher geschrieben oder redigiert, die meisten über religiöse
Traditionen Indiens. Das bekannteste ist Banaras:
City of Light (Alfred A. Knopf, 1982), ein Buch über
die Bedeutung der Stadt, des Ganges und der Götter
für die Hindus.

Sie ist sowohl eine auf den Hinduismus spezialisierte
Religionshistorikerin als auch engagierte Christin, die
an religiösen Pluralismus glaubt. Das aktive Laienmitglied der United Methodist Church gehörte 15
Jahre lang einem Gremium an, das im Auftrag des
Weltkirchenrates, einer internationalen christlichen
Organisation, den Dialog zwischen den Religionen
förderte.

Die meisten amerikanischen Religionshistoriker
haben nicht den Blickwinkel, den das Studium einer
anderen großen Tradition mit sich bringt, so John F.
Wilson, einer der drei Wissenschaftler, die das
Zentrum für das Studium amerikanischer Religion an
der Princeton University leiten. Das Zentrum lud Eck
diesen Monat zur Eröffnung einer Konferenz über
religiösen Pluralismus ein.

Ein Ausflug in die Theologie

Eck, die auch dem Ausschuß für Religionsstudien der
Harvard University vorsitzt und gleichzeitig einen
Posten an der Divinity School innehat, befindet sich
derzeit auf Forschungsurlaub und schreibt ein Buch
über das multireligiöse Amerika. Gemeinsam mit
anderen Religionshistorikern ist sie der Überzeugung,
der größte Beitrag des Pluralismusprojekts könnte
seine Funktion als Katalysator für andere Wissenschaftler sein.

Eck vereinigte ihre wissenschaftlichen und religiösen
Interessen in einem 1993 erschienenen Buch mit
dem Titel Encountering God: A Spiritual Journey
from Bozeman to Banaras (Beacon Press). Es ist
in Teilen historisch, in Teilen autobiographisch und
im Unterschied zu ihrem letzten Werk sehr theologisch. Sie argumentiert darin, Christen könnten die
Überzeugungen der Menschen anderer Glaubensrichtungen nicht ignorieren. Eck legt dar, wie ihr
eigener Glaube klarer wurde, als sie ihn mit der
hinduistischen Tradition vergleichen konnte.
In
Abschnitten über Tod und spirituelle Erneuerung
schreibt sie über ihren jüngsten Kampf gegen
Brustkrebs sowie den Selbstmord ihres Vaters und
den gewaltsamen Tod ihres 48jährigen Bruders.
Eck wuchs in Bozeman (Montana) auf, daher der
Verweis im Titel. Im April wurde ihr für ihr Buch der
Louisville Grawemeyer Award in Religion des Jahres

Seite 2

Das Projekt befaßt sich mit wichtigen Entwicklungen,
die zwischen zwei wissenschaftliche Gebiete fallen,
so Bruce B. Lawrence, Islamwissenschaftler an der
Duke University.
Das Studium amerikanischer
Religion wird ihm zufolge von den Wissenschaftlern
der Hauptströmung großer christlich-jüdischer Traditionen dominiert, wohingegen Gelehrte asiatischer
und islamischer Religionen zur Erforschung klassischer Traditionen außerhalb der Vereinigten Staaten
neigen.

AMERIKA DIENST 30

�Eck befaßt sich immer noch mit Indien. Dieser Tage
kann ihre Forschungstätigkeit ebenso wahrscheinlich
einen Wochenendflug nach Los Angeles zum Studium buddhistischer Tempel beinhalten wie lediglich
eine Fahrt zu den Religionsstätten in der Gegend
um Boston.
Eine Moschee und ein Hindu-Tempel
An diesem Frühlingsmorgen plant Eck eine Fahrt zu
zwei Orten - dem Islamic Center of New England in
Sharon (Massachusetts) sowie zum Sri Lakshmi,
dem Hindu-Tempel in Ashland. Sie fährt in ihrem
roten Toyota Camry den Highway entlang und
schüttelt den Kopf über die anderen Autofahrer "nur in Boston" - die mit mehr als 80 Stundenkilometern über die Standspur fahren. Zusammen mit
einem Besucher erreicht sie nach ungefähr einer
Dreiviertelstunde das Islamic Center.
Über 1.000 Muslime sind zusammengekommen, um
"Id al-Adha" zu feiern, den Festtag am Ende der
jährlichen Pilgerreise nach Mekka. Das Zentrum ist
ein modernes weißes Gebäude auf einem grasbewachsenen Hügel mit Blick auf ein ehemaliges
Gestüt.
Die Gründer des Zentrums durften nicht in einer
anderen Stadt bauen, aber in Sharon, einer Gemeinde mit vielen Juden, wo die ansässigen Rabbis
1992 an der Grundsteinlegung teilnahmen, wurde
ihnen ein herzlicher Empfang bereitet. (Eck nahm
ebenfalls daran teil).
Viele Frauen tragen selvar kameez, bunt bestickte
Seidenkleidung, die in ganz Südasien getragen wird.
"Assalamu 'alaykum" - Eck grüßt Bekannte mit
"Frieden sei mit Dir" auf arabisch. Sie schlingt sich
ein Tuch um den Kopf, stellt ihre Schuhe in ein
Regal und betritt die Gebetshalle. Im Vordergrund
sitzen Männer in mit Kreppband markierten Reihen
auf dem Boden. Frauen und Kinder sitzen hinten.
Der erste Prediger eröffnet den Gottesdienst mit
einer Anmerkung zu in den Vereinigten Staaten
lebenden Muslimen. "Man hält uns immer noch für
Terroristen", erklärt er. "Das ist unser Fehler". Er
ruft die Versammelten dazu auf, die Menschen über
islamische Traditionen aufzuklären.
Gemeinsamer Glaube
Während der arabischen Gebete verharren Männer
und Frauen auf den Knien und beugen den Kopf
zum Boden. Später werden sie aufgefordert, für die
Opfer des Bombenanschlags von Oklahoma City zu
beten.

AMERIKA DIENST 30

Anschließend unterhält sich Eck bei Kaffee und
Doughnuts mit mehreren Bekannten. Einer ist Sam
Hassan, dessen Familie seit Jahrzehnten in der
Gegend lebt. Hassan, der mit breitem Bostoner
Akzent spricht, erwähnt, daß er früher einer unitarischen Kirche angehörte. Die Menschen sind sich oft
nicht bewußt, daß Muslime und Christen gemeinsame
religiöse Überzeugungen haben und der Koran Jesus
als einen Propheten Gottes ansieht, äußert er.
Eck sammelt Literatur und informiert sich über die
jüngsten Jugendprogramme der Muslime. Sie regt
sich darüber auf, daß das Zentrum kurz nach dem
Anschlag von Oklahoma City wegen Bombendrohungen vorübergehend schließen mußte.
Wieder im Auto erklärt sie dann, viele Amerikaner
seien tolerant gegenüber Muslimen - solange diese
unsichtbar blieben. "Aber die Muslime in den Vereinigten Staaten treten immer mehr in Erscheinung."
Mit derzeit zwischen vier und sechs Millionen Mitgliedern stellen sie die am stärksten wachsende
Religionsgruppe der Nation dar.
Der nächste Halt ist der Hindu-Tempel, der auf einer
Lichtung in den Wäldern außerhalb von Ashland
steht. Er ist nach Sri Lakshami, der hinduistischen
Göttin des Wohlstands benannt. Vor dem Bau des
Tempels im Jahr 1990 wurde der puja, der Gottesdienst, in den Häusern abgehalten.
Bei der Einweihung des Tempels, an der Eck ebenfalls teilnahm, bildeten 12 Hindu-Priester einen Kreis
um den Tempel. Jeder hielt ein Gefäß mit Weihwasser - aus dem Ganges und dem Mississippi sowie
anderen amerikanischen Flüssen - in der Hand und
besprengte damit die Tempelmauern.
Die Hindu-Tradition
Im Tempelinneren stehen in drei großen Schreinen
Gottheiten aus schwarzem Granit. Die Besucher
haben Gaben in Form von Früchten und Milchtüten
hinterlegt, mit denen die Gottheiten in einem rituellen
Bad übergössen werden.
Besucher haben oft
Schwierigkeiten mit dem Verständnis der HinduTradition, die sowohl polytheistisch als auch monotheistisch ist. Die Hindus glauben an die Existenz
eines Gottes, verehren ihn jedoch mittels einer
Vielzahl von Göttern. "Die Wahrheit ist eine Sache,
aber die Weisen geben ihr viele Namen", steht in der
Rig Veda, der alten hinduistischen Schrift.
Aus zwei Gefäßen steigt Weihrauch auf. Priester in
weiten Gewändern singen Gebete. Nur wenige
Menschen sind da; die meisten kommen aufgrund
ihrer Arbeitszeit am Wochenende. "Namaste", grüßt
Eck die Priester mit einem indischen Ausdruck der

Seite 3

�Ehrerbietung. Die Priester informieren sie über den
Ausbau des Tempels, ihre jüngsten Bestrebungen
zur Aufbringung von Mitteln und den bevorstehenden
Festtag. Eck will versuchen, daran teilzunehmen.
Seminar über die Weltreligionen
Eck lehrt an der Harvard University, seit sie dort
1976 promovierte. Die Idee zu dem Pluralismusprojekt hatte sie 1989, als sie in New England ein
Sonderseminar über Weltreligionen abhielt. Sie
entwickelte das derzeitige Projekt mit Hilfe eines
Stipendiums der Lilly Endowment in Höhe von
403.000 Dollar.
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt stellte sie fest, daß
in Harvard mehr Studenten asiatischer Herkunft
waren. In den nachfolgenden Jahren eröffneten
muslimische Vorbeter Versammlungen, und Har-

vard nahm Lesungen aus dem Koran und der Rig
Veda in die Abschlußfeiern auf.
"Immer mehr Institutionen stellen sich die Frage, was
wir mit 'wir' meinen, wenn wir von uns sprechen.
Das 'wir' ist ein viel komplizierteres 'wir'. Das ist
heute in der ganzen Gesellschaft offensichtlich. Eck
fragt sich beispielsweise, wie konservative Christen,
die ein Schulgebet fordern, reagieren würden, wenn
es aus dem Koran stammte.
Wer von staatlichen Schulen eine Unterweisung in
der Lehre von der Weltschöpfung durch einen allmächtigen Schöpfer fordert, geht ihr zufolge davon
aus, daß die Genesis gelehrt wird. Es gibt aber auch
eine hinduistische Version: Sie berichtet davon, wie
die Schöpfung aus der Lotusblume entstand, die im
Nabel des Gottes Lord Vishnu wuchs.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 30

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