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cimGrikci
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Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

SroN ^

Z 12462 C
29

11. Oktober 1995

NATO

ÜBERLEGUNGEN ZUR
BÜNDNISERWEITERUNG
NATO-Übersicht

NAHER OSTEN

WEITERE UNTERSTÜTZUNG FÜR DEN
NAHOSTFRIEDENSPROZESS GEFORDERT
Ansprache von Präsident Clinton

MARSHALLZENTRUM

REGIONALE KONFLIKTE - DIE NEUE
GEFAHR FÜR DEN WELTFRIEDEN
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

KAPITAL, ENGAGEMENT UND
VERTRAUEN - SYNERGIEN AMERIKANISCHER
INVESTITIONEN
Chancen für den Mittelstand
in den neuen Bundesländern

UMWELT

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG IST
"ZENTRALE HERAUSFORDERUNG" UNSERER
ZEIT
Rede von Vizepräsident Gore

HANDEL

USA KÖNNEN KEIN VOLLKOMMEN
MERKANTILISTISCHES LAND SEIN
Ansprache von Staatssekretär Garten

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Tel. 0228 - 339 23 72
Deichmanns Aue 29
Um Übersendung von
Fax 0228 - 33 31 38
D 53170 Bonn
Belegexemplaren
Internet bbsbonn@usia.gov
wird gebeten

�NATO
11. Oktober 1995

Überlegungen zur Bündniserweiterung
NATO-Übersicht
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine vom Hauptquartier des Nordatlantischen
Bündnisses am 28. September 1995 in Brüssel herausgegebene Übersicht, in der die wichtigsten Punkte einer
Studie über eine mögliche NATO-Erweiterung zusammengefaßt werden.

Die Staats- und Regierungschefs der 16 Mitgliedstaaten des Nordatlantischen Bündnisses bekräftigten bei einem Gipfeltreffen im Januar 1994 in
Brüssel die Offenheit des Bündnisses und erklärten,
sie würden eine Osterweiterung der NATO als Teil
eines evolutionären Prozesses erwarten und begrüßen, der den politischen und sicherheitspolitischen
Entwicklungen in Gesamteuropa Rechnung trägt.
Die Außenminister des Bündnisses leiteten im
Dezember 1994 einen Überprüfungsprozeß innerhalb der NATO ein, um das Wie einer NATO-Erweiterung, die Grundsätze dieses Verfahrens und die
Auswirkungen der Mitgliedschaft festzulegen.

Es

wurde beschlossen, den interessierten Partnern die
Ergebnisse dieser Studie noch vor dem nächsten
Ministertreffen im Dezember 1995 in Brüssel vorzulegen.
Die Ausarbeitung der Studie dient einer Klärung des
"Warum und Wie" einer Erweiterung sowie dessen,
was die NATO und ihre potentiellen neuen Mitglieder
zur Vorbereitung einer Erweiterung unternehmen
müssen. Das "Wer und Wann" einer Erweiterung
wurde noch nicht erörtert und ist Gegenstand
weiterer Diskussionen und Entscheidungen.
Das Warum einer Nato-Erweiterung
Nach dem Ende des Kalten Krieges besteht sowohl
die Notwendigkeit als auch die einzigartige Gelegenheit, im gesamten euroatlantischen Raum eine
verbesserte Sicherheitsstruktur zu schaffen, ohne
erneut Trennlinien zu ziehen. Die NATO-Erweiterung wird ein weiterer Schritt in Richtung auf das
grundlegende Ziel des Bündnisses einer Erhöhung
der Sicherheit und Ausweitung der Stabilität im
gesamten euroatlantischen Raum sein - im Kontext
einer umfassenden europäischen Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage echter Zusammenarbeit.
Die NATO-Erweiterung wird den neuen Mitgliedern
die Vorteile gemeinsamer Verteidigung und Integra-

AMERIKA DIENST 29

tion in die europäischen und euroatlantischen Institutionen bieten. Die NATO-Erweiterung stellt für
niemanden eine Bedrohung dar. Die NATO ist und
bleibt ein rein defensives Bündnis, dessen grundlegendes Ziel die Wahrung des Friedens im euroatlantischen Raum sowie der Sicherheit ihrer Mitglieder ist.
Die NATO-Erweiterung trägt durch folgende Maßnahmen zu mehr Stabilität und Sicherheit für alle Länder
im euroatlantischen Raum bei: Ermutigung und
Förderung demokratischer Reformen, einschließlich
ziviler und demokratischer Kontrolle über das Militär;
Unterstützung von gewohnheitsmäßiger Zusammenarbeit, Konsultationen und Konsensbildung, die
bereits die Beziehungen zwischen den jetzigen
Mitgliedstaaten charakterisieren; Förderung gutnachbarlicher Beziehungen im gesamten euroatlantischen
Raum; Erhöhung von Transparenz bei Verteidigungsplanung und Verteidigungshaushalt und somit des
Vertrauens zwischen den Staaten; Bekräftigung der
Tendenz zu Integration und Kooperation in Europa;
Stärkung der Fähigkeit des Bündnisses, einen Beitrag
zu europäischer und internationaler Sicherheit zu
leisten und Friedenssicherung unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen oder der OSZE zu
unterstützen sowie Stärkung und Erweiterung der
transatlantischen Partnerschaft.
Grundsätze der Erweiterung
Die Erweiterung des Bündnisses findet durch Beitritt
der neuen Mitgliedstaaten zum Washingtoner Vertrag
im Einklang mit Artikel 10 des Vertrages statt. Alle
neuen Mitglieder genießen unter dem Washingtoner
Vertrag alle Rechte und übernehmen alle Pflichten
einer Mitgliedschaft. Vom Zeitpunkt ihres Beitritts an
akzeptieren sie seine Grundsätze, Maßnahmen und
Verfahren, die von allen Bündnismitgliedern beschlossen wurden und richten sich danach. Der Wille
und die Fähigkeit zur Einhaltung dieser Verpflichtungen - nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der

Seite 1

�Praxis - stellen bei jeder Entscheidung über den
Beitritt eines Landes einen wichtigen Faktor dar.
Das Bündnis gründet sich auf gemeinsame Überzeugungen und die Verpflichtung, sich für Konsens
einzusetzen. Teil der Überprüfung der Qualifikationen für eine mögliche neue Mitgliedschaft ist das
sichtbare Engagement eines Landes für diesen
Prozeß und diese Werte. Insbesondere will das
Bündnis eine Situation vermeiden, in der ein neues
Mitglied die Tür hinter sich schließt und den Beitritt
anderer Länder verhindert, die ebenfalls eine Mitgliedschaft anstreben.
Staaten mit ethnischen
Konflikten oder externen Gebietsstreitigkeiten, einschließlich irredentistischer Forderungen, oder mit
internen juristischen Streitigkeiten, müssen diese auf
friedliche Weise im Einklang mit den Prinzipien der
OSZE lösen. Die Beilegung solcher Streitigkeiten
wäre ein Faktor bei der Entscheidung, welche
Staaten zur Mitgliedschaft aufgefordert werden.
Letztlich wird die Fähigkeit potentieller Mitglieder,
einen militärischen Beitrag zur kollektiven Verteidigung, Friedenssicherung und anderen neuen Missionen des Bündnisses zu leisten, ein Faktor bei der
Entscheidung sein, ob sie aufgefordert werden, dem
Bündnis beizutreten.
Das Bündnis engagiert sich für die Wahrung der
Bedeutung, Lebensfähigkeit und Glaubwürdigkeit
des Nordatlantischen Kooperationsrates (NAKR) und
der Partnerschaft für den Frieden (PFF). Im Zuge
der Erweiterung werden die beiden kooperativen
Rahmen ein wichtiges Element für die Stärkung der
Beziehungen zu den Partnern sein, die dem Bündnis
erst zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht

beitreten. Obwohl die Partnerschaft für den Frieden
interessierten Partnern bei der Vorbereitung einer
eventuellen Mitgliedschaft hilft, ist sie weder ein
Ersatz für Mitgliedschaft noch eine Garantie für eine
automatische Mitgliedschaft.
Entscheidung über die Erweiterung
Die Entscheidung über die Erweiterung liegt bei der
NATO.
Die Erweiterung wird ein allmählicher,
überlegter und transparenter Prozeß sein, der Dialog
mit allen interessierten Parteien beinhaltet. Es gibt
keine feste oder starre Kriterienliste dafür, neue
Mitglieder zum Beitritt aufzufordern.
Über die
Erweiterung wird von Fall zu Fall entschieden, und
einige Nationen könnten vor anderen Mitglied
werden. Neue Mitglieder sollten nicht aufgrund ihrer
Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Kategorie
aufgenommen oder abgelehnt werden. Letztlich
werden die Verbündeten die Aufnahme eines neuen
Mitglieds im Einklang mit ihrer Entscheidung beschließen, ob dieser Beitritt zu dem Zeitpunkt, an
dem eine solche Entscheidung gefällt wird, Sicher-

Seite 2

heit und Stabilität im nordatlantischen Raum erhöht.
Kein Land außerhalb des Bündnisses sollte in diesem
EntScheidungsprozeß ein Vetorecht oder ein droit de
regard haben.
Kollektive Verteidigungsarrangements
Vor dem Hintergrund bestehender Arrangements als
Beitrag zur kollektiven Verteidigung werden die
Bündnispartner wissen wollen, wann mögliche neue
Mitglieder einen Beitrag zur kollektiven Verteidigung
der NATO leisten wollen und werden alle Aspekte
dieser Frage im Detail durch einen bilateralen Dialog
vor den Beitrittsverhandlungen sondieren.
Neue Mitglieder sollten die NATO-Doktrin und Maßnahmen annehmen, die auf die Gewährleistung der
Interoperabilität der Streitkräfte ausgerichtet sind. Für
die Truppenstruktur der NATO ist es von Bedeutung,
daß die Streitkräfte der Verbündeten - wenn und falls
es angemessen ist - auf dem Territorium neuer
Mitglieder stationiert werden können. Das Bündnis
hat keinen a priori Bedarf für die Stationierung der
Bündnistruppen auf dem Territorium neuer Mitglieder.
Der in Artikel 5 des Washingtoner Vertrags vorgesehene Schutz - einschließlich der nuklearen
Komponente - wird auf die neuen Mitglieder Anwendung finden. Es gibt keinen a priori Bedarf für die
Stationierung von Nuklearwaffen auf dem Territorium
neuer Mitglieder. In absehbarer Zukunft wird das
derzeitige nukleare Einsatzkonzept der NATO die
Anforderungen eines erweiterten Bündnisses erfüllen.
NATO-Erweiterung und die OSZE, EU und WEU
Eine gestartete OSZE, eine erweiterte NATO, ein
aktiver NAKR und eine aktive PFF würden zusammen
mit anderen Foren ergänzende Teile einer umfassenden, einbeziehenden europäischen Sicherheitsarchitektur bilden, die das Ziel eines ungeteilten Europas
unterstützt.
Die Verpflichtung der NATO, von Fall zu Fall und im
Einklang mit den Verfahren des Bündnisses friedenssichernde Aktivitäten unter der Schirmherrschaft der
OSZE und friedenssichernde Operationen unter der
Vollmacht des UN-Sicherheitsrats zu unterstützen,
behält auch nach der Erweiterung ihre Gültigkeit. Ein
erweitertes Bündnis hätte größere Fähigkeiten zur
Unterstützung solcher friedenssichernden Aktivitäten
und Operationen.
Die Erweiterung der NATO verläuft parallel und
ergänzend zur Europäischen Union. Beide Erweiterungsprozesse werden maßgeblich zur Ausweitung
der Sicherheit, Stabilität und des Wohlstands der

AMERIKA DIENST 29

�Bündnismitglieder auf andere, gleichgesinnte, demokratische europäische Staaten beitragen.
Alle Vollmitglieder der WEU sind auch Mitglieder der
NATO. Die Aufrechterhaltung dieses Junktims ist
wegen der kumulativen Auswirkungen der Sicherheitsvorschriften der beiden Organisationen unerläßlich. Die Erweiterung beider Organisationen sollte
daher kompatibel sein, und sie sollten sich gegenseitig unterstützen.
Eine letztlich umfassende Übereinstimmung der
europäischen Mitgliedschaft in der NATO, EU und
WEU hätte positive Auswirkungen auf die europäische Sicherheit. Die Studie über die NATO-Erweiterung stellt fest, daß das Bündnis daher zum gegebenen Zeitpunkt die Länder mit einer Perspektive für
eine EU-Mitgliedschaft und Interesse am NATOBeitritt besonders berücksichtigen sollte, damit
erwogen werden kann, wie sie im Rahmen des
Washingtoner Vertrags zur transatlantischen Sicherheit beitragen können und um herauszufinden,
ob man sie zum NATO-Beitritt auffordern sollte.

Die Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
müssen auf Wechselseitigkeit, gegenseitigen Respekt
und Vertrauen gründen und "überraschende" Entscheidungen jeder Seite vermeiden, die die Interessen des anderen betreffen könnten. Die Umsetzung des individuellen Partnerschaftsprogramms im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden sowie
unser Dialog und die Zusammenarbeit mit Rußland
über die PFF hinaus werden wichtige Schritte in
diese Richtung sein. Die NATO möchte ungefähr
parallel zur NATO-Erweiterung die Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland noch weiter stärken.
Das Bündnis spricht die von Rußland geäußerten
Bedenken im Hinblick auf die NATO-Erweiterung im
Rahmen der Entwicklung seiner umfassenderen
Beziehungen zu Rußland an. Wie bereits festgestellt,
dürfen Nichtmitgliedstaaten weder ein Veto gegen
NATO-Entscheidungen einlegen oder ein droit de
regard ableiten, noch kann das Bündnis einer anderen europäischen Sicherheitsinstitution unterstellt
werden.

Die Beziehungen zu Rußland

Nächste Schritte

Die NATO-Erweiterung bedroht niemanden und ist
nicht gegen Rußland oder einen anderen Staat
gerichtet. Die Bündnispartner sind der Auffassung,
daß der Beitritt neuer Mitglieder zum Bündnis zur
erweiterten Sicherheit ganz Europas beitragen wird,
was auch im Interesse Rußlands liegt. Ebenso wie
die NATO hat Rußland einen wichtigen Beitrag zur
europäischen Stabilität und Sicherheit zu leisten.
Stärkere Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland sollten den Eckpfeiler einer neuen, integrierenden und umfassenden Sicherheitsstruktur in
Europa bilden.

Im Anschluß an kollektive Informationsveranstaltungen für interessierte Partner am 28. September 1995
und individuelle Briefings in Brüssel oder den Hauptstädten der Partnerländer in den folgenden Wochen
auf Bitte der interessierten Partner werden die NATOAußenministerdie Studie über die NATO-Erweiterung
und die Reaktionen der Partnerländer vorliegen
haben, wenn sie am 5. Dezember 1995 in Brüssel
zusammenkommen und Konsultationen über den
weiteren Weg abhalten.

* *

AMERIKA DIENST 29

*

Seite 3

�NAHER

OSTEN
11. Oktober 1995

Weitere Unterstützung für den
Nahostfriedensprozeß gefordert
Ansprache von Präsident Clinton
WASHINGTON - (AD) - "Wenn wir im Nahen Osten Frieden schaffen können, wenn wir den dort lebenden
Menschen helfen können, ihren eigenen Frieden zu schaffen, hat das eine besondere Bedeutung für uns und
die Welt im 21. Jahrhundert", erklärte Präsident Clinton bei einem Empfang für die Staats- und Regierungschefs nach der Unterzeichnung des erweiterten Autonomieabkommens für das Westjordanland durch den
israelischen Ministerpräsidenten Rabin und den PLO-Vorsitzenden Arafat am 28. September 1995.
In seiner Ansprache in der Corcoran Gallery äußerte der Präsident, die übrigen Länder sollten zur
Unterstützung von Israelis und Palästinensern gemeinsam mit ihnen den Terrorismus bekämpfen und nach den
mit dem Frieden einhergehenden Vorteilen streben.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Präsidenten im Wortlaut.

Ich danke Ihnen. Die First Lady und ich, der Vizepräsident und Frau Gore sowie Außenminister
Christopher freuen sich, heute Besucher aus aller
Welt hier begrüßen zu dürfen, insbesondere die
Ministerpräsidenten und Außenminister aus dem
Nahen Osten, Frau Rabin, Frau Arafat sowie Frau
Mubarak und ihre Majestät Königin Noor.
Es ist uns eine außerordentliche Freude, daß wieder
die vier großen Staatsmänner hier sind, die gerade
das Wort ergriffen haben. Als seine Majestät König
Hussein erklärte, er sei fast 60 Jahre alt, kam mir in
den Sinn, daß er bereits seit über 40 Jahren auf
dem Thron sitzt. Ich dachte bei mir, ich habe nichts
gegen Beschränkungen der Amtszeit, aber ich freue
mich sehr, daß er ihnen nicht unterliegt, denn der
Nahe Osten hat sich dadurch, daß König Hussein
sich während dieser Jahrzehnte für den Frieden
eingesetzt hat, völlig verändert.
Ich danke Präsident Mubarak für das von ihm
gegebene Beispiel und seine dauerhafte Entschlossenheit. Vor nicht allzulanger Zeit beteten meine
Familie und ich ebenso wie viele andere Amerikaner
für seine Sicherheit. Wir freuen uns, daß es ihm gut
geht und er eine führende Rolle übernommen hat,
die Welt zum Frieden zu führen.
Ich stimme mit Ministerpräsident Rabin darin überein, daß der PLO-Vorsitzende Arafat eine gute - und
leidenschaftliche - Rede gehalten hat. Sein Leben
hat eine interessante Wende genommen, und wir

AMERIKA DIENST 29

alle können uns glücklich schätzen, daß er sich entschlossen hat, für den Frieden Risiken einzugehen.
Herr Ministerpräsident, Sie haben selber eine gute
Rede gehalten. Ich glaube, sie war so gut, weil allen
offensichtlich war, daß jedes von Ihnen geäußerte
Wort von Herzen und Verstand gleichermaßen
kommt. Wir danken Ihnen.
Und meinen amerikanischen Mitbürgern und allen
hier Anwesenden möchte ich sagen: Wir haben
heute viele wunderbare Worte gehört. Ich möchte
abschließend drei Punkte ansprechen, die meines
Erachtens betont werden sollten. Erstens möchte ich
den Verhandlungspartnern - Außenminister Peres,
Herrn Abu Mazin, Herrn Uri Savir und Herrn Abu Alaa
- und ihren Teams danken. Sie haben dieses Abkommen herbeigeführt, und ihnen gebührt unser
Applaus.
Ich war heute im Kabinettszimmer dabei, als der
Ministerpräsident und der Vorsitzende Arafat dieses
Dokument paraphierten, zu dem 26 verschiedene
Landkarten gehören und das Tausende von beiden
Seiten getroffene Entscheidungen beinhaltet. Nach
langen und mühsamen Verhandlungen fanden sie
eine gemeinsame Basis. Es war eine erstaunliche
Leistung: Die von ihnen bewiesene Mühe, Sorgfalt
und Rücksicht sowie die für den Abschluß des
Abkommens erforderlichen Anstrengungen waren
wirklich außerordentlich. Ich möchte nicht, daß das
irgend jemandem entgeht.

Seite 1

�Zweitens möchte ich darauf hinweisen, daß dieses
Abkommen für die Amerikaner unter uns die Dinge
verkörpert, an die wir am meisten glauben, denn
dieses Abkommen erfordert neben der Übernahme
von Verantwortung auch die Bekräftigung von
Freiheit und Unabhängigkeit.
Dieses Abkommen verlangt von den Menschen, sich
über die Interessen ihrer Kinder und die von ihren
Eltern gebrachten Opfer Gedanken zu machen.
Dieses Abkommen erforderte große Mühe, um auf
der Grundlage von Prinzipien Kompromisse zu
schließen, Gemeinsamkeiten und übergeordnete
Ziele zu finden. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Dieses Abkommen erforderte von den Entscheidungsträgern Dinge, die kurzfristig vielleicht
unpopulär sind. Sie wissen jedoch, daß sie in 10,
20 oder 30 Jahren für die Menschen, die sie lieben,
den einzigen Weg in die Zukunft darstellen.
Das führt mich zu einem zweiten Aspekt, den ich
ansprechen möchte: Welche Pflichten haben die
übrigen von uns? Wir können diesen Staatsmännern applaudieren. Aber sie müssen morgen zurück
an die Arbeit. Wenn der Glanz verblaßt und der
Applaus abgeebbt ist, haben sie wieder harte Arbeit
vor sich. Wir können jedoch zweierlei für sie tun.
Das Allerwichtigste ist, uns mit ihnen dem Terrorismus entgegenzustellen, denn er ist überall der Feind
des Friedens.
Wir in Amerika wissen, was es heißt, wenn Eltern
den Tod ihrer Kinder beklagen, Kinder den ihrer
Eltern, weil manche glauben, Terrorismus sei nur
Politik mit anderen Mitteln. Uns brach es das Herz,
und jetzt wissen wir es besser. Wir müssen uns
jetzt gemeinsam mit ihnen dem Terrorismus entgegenstellen.
Zweitens müssen wir mit ihnen zusammenarbeiten,
um die Vorteile des Friedens zu erlangen, denn der
Friede muß den Menschen die Chance geben, in
Würde zu arbeiten, ihre Kinder aufzuziehen, ihre
Umwelt zu schützen und in ihre Zukunft zu investieren. Hunderte und Aberhunderte von Amerikanern

*

Seite 2

*

arabischer und jüdischer Abstammung haben die
Fähigkeit, partnerschaftlich mit diesen Menschen an
der Gestaltung der Zukunft des Nahen Ostens zu
arbeiten. Und ich wiederhole nochmals: Wir wollen
das Unsrige tun.
Schließlich möchte ich allen Kongreßabgeordneten
hier und denjenigen, die heute nachmittag dabei
waren, für ihre Anwesenheit und ihre Unterstützung
dieses Prozesses danken.
Wir wissen, daß in diesem Zeitalter, in dem die
bipolare Welt des Kalten Krieges von einem Weltdorf
mit vielfältigen neuen und veränderten Bedrohungen
unserer Sicherheit abgelöst wurde, nur die Vereinigten Staaten weltweit für die Sache der Freiheit,
Demokratie und Chance stehen können. Wir sind
uns dessen bewußt und müssen auch weiterhin so
handeln - nicht nur um der Menschen im Nahen
Osten, sondern auch um unserer selbst willen.
Denn wenn wir uns für den Frieden in Nordirland,
Südafrika, Haiti und in Bosnien einsetzen, wenn wir
uns um die Verringerung der Gefahr eines Atomkrieges und die Bekämpfung des Terrorismus bemühen, tun wir das auch für uns selbst und für die
Zukunft unserer Kinder.
Aber ich möchte nochmals wiederholen, was ich
heute gesagt habe: Wenn wir im Nahen Osten
Frieden schaffen können, wenn wir den dort lebenden
Menschen helfen können, ihren eigenen Frieden zu
schaffen, hat das eine besondere Bedeutung für uns
und die Welt im 21. Jahrhundert - aus dem einfachen
Grund, daß die Anhänger der drei großen Weltreligionen von der Überzeugung ausgehen, daß wir von
einem Gott erschaffen wurden, der über uns wacht
und uns letztlich für unsere Taten zur Rechenschaft
zieht - und wir alle haben das im Koran, in der Thora,
in der Heiligen Schrift gelesen. Wenn sie ihre
Differenzen beilegen, können wir der ganzen Welt
Frieden bringen.
Ich danke Ihnen und Gott schütze Sie alle.

*

*

AMERIKA DIENST 29

�MARSHALLZENTRUM
11. Oktober 1995

Regionale Konflikte - die neue Gefahr für den Weltfrieden
Rede von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Verteidigungsminister William J. Perry erklärte am 22. September 1995
in einer Rede im Marshallzentrum, die Zunahme regionaler Konflikte stelle eine neue Bedrohung für den
Weltfrieden dar.
"Um regionale Konflikte zu verhindern, benutzen wir zahlreiche der uns vom Kalten Krieg hinterlassenen
Instrumente sowie einige neue", erklärte er. Zwei der wichtigsten Instrumente sind ihm zufolge die
Verringerung der nuklearen Bedrohung sowie die Bewahrung und Stärkung der im Kalten Krieg geschaffenen
Bündnisse.
Perry erinnerte an die Bestrebungen General George C. Marshalls nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufbau

eines von Haß und Mißtrauen befreiten Europas und verglich sie mit dem derzeitigen Streben der Vereinigten
Staaten nach Versöhnung zwischen den ehemaligen Gegnern der Zeit des Kalten Krieges.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Verteidigungsminister Perry in Garmisch-Partenkirchen gehaltene Rede
im Wortlaut.

In diesem Jahr begehen wir den 50. Jahrestag der
Beendigung des Zweiten Weltkriegs. Wir ehren die
Helden, trauern um die Toten, feiern den Frieden,
den sie uns gaben und sind uns bewußt, wie zerbrechlich er ist. Niemand war sich der Zerbrechlichkeit des Friedens bewußter als General George C.
Marshall, nach dem dieses Zentrum benannt ist.
Zwei Tage vor Kriegsende sandte Marshall dem
amerikanischen Kongreß einen Bericht, in dem er
äußerte: "Wenn der Mensch die Lösung für den
Weltfrieden findet, wird das die revolutionärste
Umkehrung dieser Leistungen sein, die es je gab."
Man kann Marshall nicht dafür verurteilen, daß er
pessimistisch war.
Der Zweite Weltkrieg war
schrecklich: Mehr als 50 Millionen Tote, in Schutt
und Asche liegende Städte, zerstörte Gesellschaften
und Volkswirtschaften. Aber so entsetzlich schon
der Zweite Weltkrieg war - in der Zukunft könnte ein
Weltkrieg die Menschheit vernichten. Auf dem
Höhepunkt der nuklearen Konfrontation während des
(weltweiten) Kalten Krieges erklärte der russische
Nuklearphysiker Andreij Sacharow: "Die Verringerung des Risikos einer Vernichtung der Menschheit
durch einen Atomkrieg hat absolute Priorität vor
allem anderen." Das traf damals zu und tut es auch
heute noch. Heute stellt die Verringerung dieses
Risikos ebenso wie im Kalten Krieg bei der nationa-

AMERIKA DIENST 29

len Sicherheitsplanung der Vereinigten Staaten die
oberste Priorität dar.
Bei Ihren Studien haben Sie sich auch damit befaßt,
wie die nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten
Staaten formuliert ist. Heute soll dieses Thema mit
Leben erfüllt werden, insbesondere durch Konzentration auf die Formulierung der amerikanischen
Sicherheitsstrategie zur Verringerung der Konfliktgefahr. Der erste und beste Weg zur Verringerung der
Gefahr eines Konflikts ist eindeutig die Verhinderung
der Bedingungen, die zu Konflikten führen - vergleichbar mit der Präventivmedizin. In dieser Hinsicht ist
die Geschichte nicht sehr inspirierend. Nach dem
Ersten Weltkrieg wurde ein Versuch zur Verhinderung
der Bedingungen unternommen, die zu einem zweiten Weltkrieg führen könnten. Aber die Sieger in
Europa waren mehr an Rache und Reparationszahlungen interessiert als an Versöhnung und Wiederaufbau. Und die Versuche zur Schaffung einer
weltweiten Sicherheitsorganisation scheiterten, als die
Vereinigten Staaten dem Völkerbund nicht beitraten.
Und somit führte die nächste Generation einen
weiteren Weltkrieg.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden entschiedenere
Bestrebungen zur Verhinderung eines dritten Weltkrieges unternommen.
Die Vereinigten Staaten
reichten ihren ehemaligen Gegnern die Hand der

Seite 1

�Versöhnung und der Wirtschaftshilfe: Deutschland,
Italien und Japan. Die Besetzung dieser Länder war
gekoppelt mit dem Bestreben, die Volkswirtschaften
von Gegnern und Freunden gleichermaßen wiederaufzubauen.
George Marshall steckte seine beträchtliche Energie
in den Aufbau eines neuen Europa - eines Europa,
das von Haß und Mißtrauen befreit war, die es
während des vorigen Jahrhunderts dominiert hatten,
eines durch die Bande gegenseitiger Sicherheit,
Stabilität und Demokratie geeinten Europa. Er
erreichte diese Ziele und rettete Europa durch die
später als Marshallplan bekanntgewordenen Mechanismen. Es war ein außerordentlicher Erfolg, der zu
einem friedlichen, demokratischen und wohlhabenden Westeuropa führte. Aber die Sowjetunion lehnte
den Marshallplan für Ost- und Mitteleuropa ab - er
blieb somit unvollständig, und Europa wurde vom
Kalten Krieg heimgesucht. Während des gesamten
Kalten Krieges waren wir mit der Bedrohung eines
nuklearen Holocaust und der Gefahr eines Blitzkrieges in Mitteleuropa konfrontiert. Nachdem es
uns nicht gelungen war, die Bedingungen für einen
Konflikt zu verhindern, griffen wir auf die Strategie
der Abschreckung zurück. Nukleare Abschreckung
im Westen basierte auf dem von den Vereinigten
Staaten entwickelten riesigen Nuklearwaffenarsenal.
Die konventionelle Abschreckung im Westen gründete auf dem Atlantischen Bündnis. Die Abschreckung
funktionierte, und der Kalte Krieg eskalierte nicht zu
einem dritten Weltkrieg.
Jetzt ist der Kalte Krieg glücklicherweise beendet.
Und wieder fördern die Vereinigten Staaten die
Versöhnung mit ehemaligen Gegnern, dieses Mal
mit ehemaligen Gegnern aus dem Kalten Krieg.
Unser Ziel besteht darin zu verhindern, daß die Saat
des Konflikts erneut sprießt. Daher ist die Hauptstrategie für den Umgang mit der Gefahr eines
weltweiten Konflikts nicht mehr Abschreckung,
sondern Verhinderung.
Kern unserer Verhinderungsstrategie ist der Aufbau
einer pragmatischen

Partnerschaft

mit

Rußland,

unserem Hauptgegner während des Kalten Krieges.
Ein Element dieser Partnerschaft ist das NunnLugar-Programm, das Rußland beim Abbau seiner
überschüssigen Nuklearwaffen hilft und Belarus,
Kasachstan und die Ukraine dabei unterstützt,
atomwaffenfrei zu werden. Die Mittel für das NunnLugar-Programm stammen aus dem amerikanischen
Verteidigungshaushalt. Aus der Waffenproduktion
abgezogene Dollars werden für die Zerlegung von
Waffen verwendet. Wir bezeichnen das als Verteidigung mit anderen Mitteln. Ein weiteres Element
ist die Gore-Tschernomyrdin-Kommission, deren
gemeinsamen Vorsitz der amerikanische Vizepräsi-

Seite 2

dent und der russische Ministerpräsident innehaben.
Sie fördert die amerikanisch-russische Zusammenarbeit zur Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung in Rußland. Sie zielt auf Joint-ventures zwischen russischen und amerikanischen Unternehmen
zum Zwecke der Rüstungskonversion, der Schaffung
neuer Weltraumprogramme und der Entwicklung
neuer Energiesysteme ab. Diese Bestrebungen sind
von Vorteil für unsere beiden Nationen. Durch ihre
Zusammenarbeit in diesen und anderen Bereichen
haben die Vereinigten Staaten und Rußland Geschäftsbeziehungen, Sicherheitsverbindungen und
sogar persönliche Beziehungen entwickelt, die uns
allesamt beim Umgang mit Sicherheitsproblemen
helfen können, wenn diese auftreten.
Während sich das Risiko eines dritten Weltkriegs
verringert hat, ist das Risiko regionaler Konflikte auf
der Welt jedoch gestiegen. Diese regionalen Konflikte können enorme Opfer an Menschenleben und
Gütern erfordern, wie durch den Koreakrieg, den
Vietnamkrieg und Operation Wüstensturm unter
Beweis gestellt wurde. Und heute bergen solche
Konflikte das zusätzliche Risiko des möglichen
Einsatzes von Massenvernichtungswaffen.
Wie
gehen wir damit um? Während des Kalten Krieges
konzentrierten wir uns auf die Bewältigung der
Bedrohung eines konventionellen und atomaren
Krieges mit der Sowjetunion. In diesem Zeitraum
erachteten wir alle anderen Bedrohungen, alle
regionalen Bedrohungen, als "geringere, aber dennoch berücksichtigte Bedrohungen". Das heißt, wir
planten oder bauten unsere Streitkräfte nicht so auf,
als ob sie auf die Bedrohung eines regionalen
Konfliktes reagieren sollten. Statt dessen wurden
unsere Streitkräfte strukturiert, um auf die sowjetische
Bedrohung zu reagieren, und wir gingen dann davon
aus, daß solche Streitkräfte in der Lage sein würden,
alle anderen geringeren Bedrohungen zu meistern.
Da sich die Bedrohung eines weltweiten Konflikts
heute verringert hat, wurde unsere Streitkräftestruktur
entsprechend angepaßt. Aber die Bedrohung regionaler Konflikte ist weder geringer noch ist sie berücksichtigt. Unsere Verteidigungsstrategie konzentriert
sich heute daher vornehmlich auf die Vorbereitung
der Bewältigung der Bedrohung durch regionale
Konflikte. Das heißt, regionale Konflikte, die unsere
Verbündeten bedrohen oder die Bedrohungen für
lebenswichtige amerikanische Interessen darstellen,
zu verhindern, abzuschrecken und gegebenenfalls zu
bekämpfen und zu überwinden.
Um regionale Konflikte zu verhindern, benutzen wir
zahlreiche der uns vom Kalten Krieg hinterlassenen
Instrumente sowie einige neue.

AMERIKA DIENST 29

�Das wichtigste Instrument ist die Verringerung der
nuklearen Bedrohung, um den Einsatz oder den
angedrohten Einsatz von Nuklearwaffen bei regionalen Konflikten zu vermeiden. Unsere Bestrebungen
zur Abschreckung der Aggression seitens des Irak
würden beispielsweise außerordentlich verkompliziert, wenn der Irak ein Nukleararsenal besäße.
Aus diesem Grund wurden die Sanktionen gegen
den Irak verhängt. Wegen des Risikos, daß regionale Konflikte zu nuklearen eskalieren, war die unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags
ein historischer Schritt zu Frieden in der Zeit nach
dem Kalten Krieg. Diese diplomatischen Maßnahmen stehen nicht isoliert da - sie sind integraler und
entscheidender Bestandteil unserer Sicherheitsstrategie.
Die zweite Art und Weise, in der wir zur Verhinderung regionaler Konflikte beitragen, besteht in der
Beibehaltung und Stärkung der während des Kalten
Krieges aufgebauten Bündnisse. Hier in Europa
haben die Vereinigten Staaten und ihre europäischen Verbündeten die NATO auf die Chancen der
Zeit nach dem Kalten Krieg konzentriert, indem sie
Europa und Zentralasien in die Unterstützung des
Aufbaus von Demokratie und Stabilität einbezogen.
Das ist der Grund, warum wir Sie alle ins Marshallzentrum eingeladen haben. Im Marshallzentrum
kann unser ziviles und militärisches Personal Sicherheitsbeziehungen auf persönlicher Ebene
praktizieren. Und deswegen haben wir im Januar
1994 die Partnerschaft für den Frieden ins Leben
gerufen. Diese Partnerschaft ist zu einer dynamischen Kraft für die Bildung von Vertrauen und
Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen geworden. Heute wehen die Fahnen Ihrer Länder und die
Fahnen der NATO-Mitgliedstaaten gemeinsam über
der Partnerschaftskoordinierungszelle in Belgien.
Diese Fahnen stehen für 40 Länder, die mit dem
Aufbau einer neuen Sicherheitsarchitektur in Europa
begonnen haben, gegründet auf die beiden Pfeiler
NATO und Partnerschaft für den Frieden.
Während der in den vergangenen beiden Jahren
unter der Schirmherrschaft der Partnerschaft für den
Frieden abgehaltenen gemeinsamen Übungen
konnten wir einen Großteil dieses Engagements und
der harten Arbeit beobachten. Vor nur sechs
Wochen nahm ich an den Eröffnungsfeierlichkeiten
für die erste dieser Übungen auf amerikanischem
Boden, genannt Cooperative Nugget, teil.
Die
Truppen von 17 Nationen waren beteiligt - 3 aus
NATO-Mitgliedstaaten und 14 aus Ländern der
Partnerschaft für den Frieden. Wir sahen Armeen,
die Jahrzehnte mit dem Aufbau eines Gleichgewichts
des Schreckens verbracht hatten, die jetzt ein
Gleichgewicht des Vertrauens aufbauten. Vertrauen,

AMERIKA DIENST 29

das letztlich zur Verhinderung von Konflikten in
Europa führen kann.
Wir werden jedoch nie sicherstellen können, daß
regionale Konflikte nicht stattfinden. Und wenn wir
regionale Konflikte nicht verhindern können, müssen
wir sie abschrecken können. Die erste Anforderung
an Abschreckung sind starke Streitkräfte, sowohl der
NATO als auch der Vereinigten Staaten.
Heute gründen sich die amerikanischen Streitkräfte
auf die Notwendigkeit, in zwei größeren regionalen
Konflikten gleichzeitig zu kämpfen und zu siegen.
Wenn wir tatsächlich einen Kampf führen müssen,
wollen wir, daß unsere Streitkräfte entschieden,
schnell und mit minimalen Verlusten gewinnen
können. All diese Anforderungen, insbesondere die
minimaler Verluste, bedingen, daß unsere Streitkräfte
in einem Zustand hoher Bereitschaft stehen. Sie
bedingen Vornepositionierung, einschließlich 100.000
Soldaten in Europa und weitere 100.000 auf dem
pazifischen Gefechtsfeld. Sie bedingen die weitere
Voreinlagerung von Gerät in Europa, am Persischen
Golf und in Korea. Und sie bedingen FlugzeugträgerEinsatzverbände und Marine-Expeditionseinheiten,
die rasch zu jedem Krisenherd gelangen können.
Und schließlich bedingen sie, daß wir in den Vereinigten Staaten Streitkräfte in hoher Bereitschaft
haben zusammen mit Luft- und Seetransportfähigkeiten, die sie rasch in jede Konfliktregion transportieren
können.
Das sind die Anforderungen, die mit der Strategie
einhergehen, in zwei größeren regionalen Konflikten
kämpfen und gewinnen zu können. Unsere Streitkräfte von heute erfüllen diese Anforderungen. Aber
obwohl die Fähigkeit, zu kämpfen und zu siegen eine
notwendige Voraussetzung für Abschreckung ist,
reicht sie nicht aus.
Abschreckung entstammt
militärischer Fähigkeit gekoppelt mit politischem
Willen. Dieser politische Wille muß sowohl real als
auch erkennbar sein. 1990 beispielsweise versagte
die Abschreckung, als der Irak unseren politischen
Willen zur Verteidigung Kuwaits und Saudi-Arabiens
bezweifelte. Daher mußten wir einen Krieg führen,
um die irakischen Streitkräfte aus Kuwait zu vertreiben. Im Gegensatz dazu hatte die Abschreckung
im vergangenen Jahr, im Oktober 1994, Erfolg, als
der Irak erneut seine Streitkräfte an die kuwaitische
Grenze verlegte. Dieses Mal wurde unser politischer
Wille durch die rasche Stationierung amerikanischer
Streitkräfte an den Golf demonstriert. Binnen weniger
Tage nach der Bewegung der irakischen Streitkräfte
an die kuwaitische Grenze hatten wir 200 Jagdflugzeuge, eine Panzerbrigade, eine Marine-Expeditionseinheit und einen gemischten Fugzeugträgerverband an den Kriegsschauplatz disloziert. Diese
Streitkräfte schufen in wenigen Tagen die militärische

Seite 3

�Präsenz, die im Jahr 1990 zahlreiche Wochen
erforderte. Und mit dieser Präsenz konfrontiert,
schickte Saddam Hussein seine Brigaden in die
Kasernen zurück. Weil wir starke, einsatzbereite
Streitkräfte hatten - und ihre rasche Dislozierung
bewies unzweifelhaft politischen Willen - konnten wir
diesen Konflikt abschrecken.

Verschwendung. Kampfhandlungen hinterlassen ein
unauslöschliches Mal an denen, die gezwungen sind,
ihn durchzumachen. (Aber) bis das Jahrtausend
kommt und die Länder aufhören zu versuchen,
andere zu versklaven, wird es notwendig sein, seine
Verantwortung zu übernehmen."

Viele glaubten, das Ende des Kalten Krieges würde
zu einer Beendigung militärischer Konflikte führen und dem Ende der Geschichte, sozusagen. Aber
Geschichte wird weiterhin jeden Tag geschrieben in den Wüsten von Kuwait, in den Bergen von Korea
und in den Straßen von Sarajevo. Wir dürfen also
nicht selbstgefällig sein.

Heute haben wir die Verantwortung, die brutale,
unrühmliche und schreckliche Verschwendung des
Krieges zu verhindern und abzuschrecken. Diese
Pflicht findet sich in der Hauptstädten unserer Nationen, in den Worten unserer Politiker, in der Arbeit
unserer Diplomaten, in den Kursen unserer Zentren
des Lernens wie diesem und in den Herzen unserer
Bürger, einschließlich aller der heute hier in diesem
Raum Versammelten.

Vor einigen Jahren schrieb ein amerikanischer
Veteran des Zweiten Weltkriegs in seinen Memoiren:
"Krieg ist brutal, unrühmlich und eine schreckliche

Ich danke Ihnen.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 29

�USA-DEUTSCHLAND
11. Oktober 1995

Kapital, Engagement und Vertrauen - Synergien
amerikanischer Investitionen
Chancen für den Mittelstand in den neuen Bundesländern
ERFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 7. Oktober 1995 bei der American
Business Conference in Erfurt hielt.

Einleitung
Zunächst einmal möchte ich den Mitgliedern der
American Chamber of Commerce - mittels ihres
Vorsitzenden Fred Irwin - für ihre Zusammenarbeit
danken, die diese Konferenz ermöglicht hat. Diese
Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Regierung
ist ein gutes Beispiel für das Wort "Synergie" "gemeinsame Aktionen oder Organisation". Und
Synergie ist das Thema unserer nächsten Diskussionsrunde: "Synergien amerikanischer Investitionen
in den neuen deutschen Bundesländern".
Vor etwas mehr als fünf Jahren, am Vorabend der
deutschen Vereinigung, war ich amerikanischer
Gesandter in der DDR, einem den Vereinigten
Staaten von Amerika auf allen Gebieten - politisch,
sozialpolitisch und im Investitionsbereich - feindlich
gesinnten Land. Jetzt sind die Vereinigten Staaten
hier der größte Investor, und wir sind stolz darauf,
zur wirtschaftlichen Wiederbelebung dieses Teils von
Deutschland beitragen zu können. Heute bin ich
wieder amerikanischer Gesandter - in einem neuen
und geeinten Deutschland - und freue mich, daß wir
zwei hochrangige Experten begrüßen dürfen, die
über ihre Investitionen berichten.
Synergie
Die Globalisierung der Märkte, die Intensivierung des
Wettbewerbs, die Betonung von Qualität, Kundendienst, auf den Kundenbedarf zugeschnittener
Produkte und Kosteneffizienz auf dem Weltmarkt
beherrschen die Debatte über den Standort Deutschland. Aber die Produktionsvergabe nach außen,
nachgelagerte Produktion und die Produktentwicklung in Zusammenarbeit mit den Verkäufern - die
allesamt unter den Begriff "Synergie" fallen - gewinnen zunehmend an Bedeutung.

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Ebenso wie das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit wird das Wirtschaftswunder in den neuen Bundesländern vom Mittelstand
und seiner Synergie mit großen Investitionen abhängen. Der Mittelstand ist von einer prosperierenden industriellen Basis abhängig. Deutschland
kann nicht lediglich als Dienstleistungsgesellschaft
überleben, und ohne Industrie werden die neuen
Bundesländer niemals unabhängig. Erforderlich ist
eine Wiedergeburt existierender Industriezweige
sowie die Entwicklung neuer Industrien unter Beteiligung von Unternehmen jeder Größenordnung.
Amerikanisches Engagement In den neuen Bundesländern
Die amerikanischen Unternehmen warten nicht
einfach nur darauf, daß dies alles geschieht. Sie sind
bereits fast überall in der Wirtschaft dieser Region am
Werke: Von Treuhand-Akquisitionen bis zu Investitionen in unerschlossenen Gebieten, von Joint-ventures
bis zu Verkaufsvertretungen bieten sie Unterhaltung,
High-Tech, Autos, Trinkwasseraufbereitung, Hamburger und vieles mehr an.
Sie sind fast überall zu sehen - von der Vielzahl der
Baukräne in der Friedrichstadt-Passage in Berlin,
Europas größter Baustelle, bis zur hocheffizienten
Fabrikanlage der Opel AG in Eisenach; von den
riesigen Kohlebergwerken in Sachsen bis zu einer
nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüsteten
Halbleiterfabrik in Frankfurt an der Oder. Nahezu
300 verschiedene amerikanische Unternehmen sind
bereits in den neuen Bundesländern tätig. Die
amerikanischen Gesamtinvestitionen in der Region
belaufen sich auf nahezu 8 Milliarden Dollar oder 12
Milliarden DM.
Diese Unternehmen sind im gesamten Spektrum
aktiv, einschließlich Investitionen in existierende

Seite 1

�Betriebe, Grundstückserschließung und Bauwirtschaft, Fertigung, Unternehmensberatung und
Handel. Unseren Schätzungen zufolge wurden als
Ergebnis dieser amerikanischen Investitionen zwischen 50.000 und 55.000 Arbeitsplätze gesichert
oder geschaffen.
Die gesamten bilateralen Investitionsverbindungen
wurden in den letzten Jahren dramatisch verstärkt.
Die Direktinvestitionen der Vereinigten Staaten in
Deutschland beliefen sich 1994 auf insgesamt 40
Milliarden Dollar - im Vergleich zu 1993 eine Erhöhung um 3 Milliarden. Seit 1992 sind die amerikanischen Investitionen in Deutschland um 18 Prozent
angestiegen. Die meisten Neuinvestitionen der
Vereinigten Staaten in Deutschland werden auf den
Gebieten Fertigung und Großhandel getätigt - und
zwar in den fünf neuen Bundesländern.
Die amerikanischen Importe aus Deutschland
stiegen in demselben Zeitraum um aufsehenerregende 19 Prozent auf ungefähr 18 Milliarden Dollar an.
Die Vereinigten Staaten haben weiterhin einen 7,4
prozentigen Anteil am gesamten deutschen Importmarkt.
Führend bei Investitionen - Synergie
Neue Synergien führen zu neuen Arbeitsplätzen.
Die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes
in der Europäischen Union und Deutschland wird
unweigerlich riesige neuen Chancen für den Mittelstand mit sich bringen. Eine Anzahl großer amerikanischer Unternehmen sind Partnerschaften mit
deutschen Firmen eingegangen - zuerst beim
Mobilfunk, anschließend bei der grundlegenden
Sprach- und Netzwerkinfrastruktur. Diese Unternehmen wiederum hängen von Tausenden amerikanischer und deutscher Zulieferer ab, um die Größe
und Vielfalt des deutschen Telekommunikationsmarktes auszuweiten. Im Zuge des Informationszeitalters nehmen auch die neuen Telekommunikationswege zu, ebenso wie die Nachfrage nach neuen
Ausrüstungsgegenständen und Dienstleistungen des

Gewährleistung fairer und transparenter Beschaffungspraktiken bei den Versorgungsunternehmen
erlassen werden. Wir werden weiterhin Kaufgebote
amerikanischer Unternehmen bei Projekten in
Deutschland unterstützen.
Die Sponsoren dieser Konferenz sind ein wichtiger
Bestandteil dieses Prozesses. Beispielsweise unterzeichnete Dow Chemical kürzlich ein Abkommen über
eine Übernahme von 4 Milliarden DM zur Mehrheitsbeteiligung an drei Chemieunternehmen in den neuen
Bundesländern. Coca Cola investierte bereits mehr
als eine Milliarde Mark in ihre verschiedenen Abfüll-,
Vertriebs- und Verkaufszentren in der gesamten
Region. Und die Investitionen der Opel AG in ihre
hochmoderne Automobilfertigung in Eisenach werden
als ein Modell für das Wirtschaftspotential der Region
angesehen.
Am heutigen Nachmittag geht es aber natürlich
vorwiegend um die direkten und sichtbaren Vorteile
dieser Investitionen für den Mittelstand. Als Beispiel
dafür möchte ich ein Unternehmen anführen, das ich
kürzlich in Apolda, im "Optical Valley" in der Gegend
von Jena besucht habe. Ein tatkräftiger amerikanischer Investor bei Fresnel Optics - ein Kleinunternehmer - kombiniert seine Energien und Talente zur
Herstellung von Linsen für den europäischen Markt.
In kurzer Zeit eroberte er eine wichtige Marktnische,
und sein spezielles Fachwissen stellt eine Ergänzung
zur Massenproduktion und Vermarktung der Industriegiganten dar. Darum geht es bei Synergien.
Schlußbemerkung
Die deutsch-amerikanischen Beziehungen werden
auch in Zukunft zu den wichtigsten der Welt gehören.
Ich bin stolz darauf, daß amerikanisches Fachwissen,
Innovationen und Betriebe diesen wunderbaren
Unternehmungsgeist widerspiegeln. Mit Hilfe von
Kapital, Engagement und Vertrauen in den Markt
helfen sie nicht nur bei der Sanierung dieser Region,
sondern tragen auch zur Schaffung eines neuen,
stärker integrierten Europas bei.

Mittelstandes - und seine Chancen.
Der Energiebereich ist ein weiterer Sektor, auf dem
verstärkte Liberalisierung und Wettbewerb zu neuen
Chancen für den Mittelstand führen. Da dieser
Markt komplexer und schwieriger zu erschließen ist,
scheinen größere amerikanische Investitionen und
Verkäufe von Ausrüstungsgegenständen erforderlich,
um die Chancen für Lieferanten zu erhöhen. Wir
hoffen, daß in Deutschland und andernorts in der
Europäischen Union neue Richtlinien über die
*

Seite 2

*

Ich sehe unseren Diskussionen erwartungsvoll
entgegen. Jetzt möchte ich David Herman von der
Adam Opel AG das Wort erteilen. Anschließend wird
Norbert von Koczian von Dow Europe Plastics zu uns
sprechen. Beide Unternehmen haben eine große
Erfolgsgeschichte über ihre beträchtlichen Investitionen hier zu vermelden.
Ich danke Ihnen.

*

*

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�UMWELT
11. Oktober 1995

Nachhaltige Entwicklung ist
"zentrale Herausforderung" unserer Zeit
Rede von Vizepräsident Gore
WASHINGTON - (AD) - In einer Rede bei der Konferenz der Weltbank über "effektive Finanzierung
umweltverträglicher Entwicklung" in der National Academy of Sciences erklärte US-Vizepräsident AI Gore am
4. Oktober 1995, nachhaltige Entwicklung stelle die zentrale Herausforderung unserer Zeit dar. Er rief alle
Einzelpersonen, multilateralen Organisationen, den Privatsektor, nichtstaatliche Organisationen und
Regierungen auf, zur Erlangung dieses Ziels zusammenzuarbeiten.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

Durch Ihre Anwesenheit hier engagiert sich jeder
einzelne von Ihnen für eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit - das Streben nach umweltverträglicher Entwicklung. Zweifellos bringen die
hier Versammelten unterschiedliche Erfahrungen,
viele verschiedene Fähigkeiten und viele verschiedene Ansätze ein. Wir sind jedoch geeint in unserer
Sorge, unserem Interesse an dieser lebenswichtigen
Frage sowie unserem Engagement dafür.
Welche Rolle können Sie bei der Förderung nachhaltiger Entwicklung spielen? Eine zentrale Rolle.
Die Menschen hier können Ideen realisieren und
Träume in Projekte umsetzen, die das Leben der
Menschen verändern. Nachhaltige Entwicklung wird
durch die Aktionen von Einzelpersonen, multilateralen Organisationen, des Privatsektors, nichtstaatlicher Organisationen und Regierungen erreicht.
Jeder spielt eine wesentliche Rolle. Nachhaltige
Entwicklung ist eine gewaltige Aufgabe. Aber es ist
ein Ziel, das wir anstreben und erreichen müssen.
Wir leben in einer Welt großer Gegensätze. Obwohl
Millionen Menschen weltweit in der Geschichte der
Menschheit einzigartigen Wohlstand genießen, lebt
mehr als eine Milliarde Bürger der Erde in bitterer
Armut, und ungefähr zwei Milliarden Menschen
haben keinen Zugang zu grundlegender Gesundheitsfürsorge und sanitären Einrichtungen. Obwohl
einige Teile der Welt beträchtliche Fortschritte beim
Umweltschutz gemacht haben, sind entscheidende
Probleme wie Luft- und Wasserverschmutzung,
Zerstörung der Wälder oder Abnahme der Fischbestände noch weit verbreitet. Wie Sie heute
morgen von einer herausragenden Gruppe von
Wissenschaftlern hörten, stellen der Verlust der

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Artenvielfalt und der Klimawandel große neue Herausforderungen für die Gesellschaft dar.
Ich habe vorher über die radikalen Veränderungen
der Umwelt gesprochen, die allein während meines
bisherigen Lebens stattfanden. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, daß dieser tiefgreifende Wandel in
den Beziehungen zwischen der Menschheit und der
Erde auf den Zusammenfluß dreier Faktoren zurückzuführen ist.
Der erste dieser Faktoren ist die Bevölkerungsexplosion. Die Weltbevölkerung brauchte 10.000 Generationen - ungefähr 200.000 Jahre - um die 2 Milliarden-Marke zu erreichen. Die Zunahme um weitere
zwei Milliarden dauerte weniger als 50 Jahre. Heute
beläuft sich die Weltbevölkerung auf 5,6 Milliarden
und wird in den nächsten Jahrzehnten auf bis zu 9
oder 10 Milliarden anwachsen.
Die zweite Veränderung ist die wissenschaftliche und
technologische Revolution, die im Durchschnitt den
Einfluß jedes einzelnen der Milliarden auf der Erde
lebenden Menschen auf die Umwelt dramatisch
vergrößert hat.
Die Industrialisierung und ihre
zahlreichen Nebenprodukte haben viele Facetten
unseres Planeten verändert.
Der dritte Faktor ist subtiler, vielleicht jedoch der
wichtigste. Unsere Ansichten über unsere Pflicht, die
zukünftigen Konsequenzen unserer derzeitigen
Aktionen in Betracht zu ziehen, haben sich verändert.
Bisweilen hören wir sogar, unser Handeln könnte gar
keine bedeutsamen Auswirkungen auf die Umwelt der
Erde haben.

Seite 1

�Die Umweltprobleme werden noch durch die Beschränkungen unseres Wirtschaftssystems verschärft. Unser Wirtschaftssystem ist manchmal
blind. Es mißt und kontrolliert sorgfältig den Wert
einiger Dinge wie Nahrungsmittel, Kleidung oder
Fertigwaren. Aber seine ausgeklügelten Kalkulationen unterschätzen oder ignorieren sogar oft den
Wert anderer Dinge, die schwieriger zu kaufen oder
zu verkaufen sind: Trinkwasser, saubere Luft, die
Schönheit der Berge, die Vielfalt des Lebens und die
Beschaffenheit der Welt, die wir zukünftigen Generationen hinterlassen.
Oft werden diese dem Wirtschaftssystem immanenten Beschränkungen auch noch durch politische
Fehler verschärft. Aus diesem Grund freue ich mich
außerordentlich, daß die Weltbank jetzt den wahren
Wert einer Nation nicht nur anhand ihres industriellen Outputs, sondern auch anhand des natürlichen
Kapitals, sozialen Kapitals und Humankapitals mißt.
Unsere nächste Herausforderung besteht darin, von
Messungen zu Aktionen überzugehen. Ein Land,
das seiner Umwelt keine Beachtung schenkt, kann
auch seine Menschen nicht von der Armut befreien.
Ein verarmtes Land kann seine Umwelt nicht sauberhalten.
Betrachten Sie sich Haiti, das ärmste Land in dieser
Hemisphäre. Die Menschen dort haben Staatsstreiche und Diktaturen durchlebt und leiden immer
noch unter großer Armut. Ihre Bestrebungen, sich
vom Joch der Armut zu befreien, werden jedoch
durch die fast vollständige Zerstörung der Wälder
dieser einst üppig bewachsenen Insel behindert.
Von den Böden, die früher ein hungriges Volk
ernähren konnten, sind jetzt nur noch Sand und
Lehm übrig. Aber der Wandel zeichnet sich bereits
ab. Die Menschen auf Haiti haben schon die ersten
Schritte zur Förderung von Demokratie unternommen. Weder Autokratie noch Tyrannei waren je dem
menschlichen Geist oder der Umwelt freundlich
gesinnt.
Die Menschen müssen wissen, daß sie die Zukunft
bestimmen - und sie ihnen nicht einfach vorgesetzt
wird. Bevor sie bereit zum Schutz der Ressourcen
sind, von denen sie eines Tages leben, müssen sie
erkennen, daß ihre Zukunft auf dem Spiel steht. Ich
hoffe, in Haiti diese Botschaft übermitteln zu können,
wenn ich in zwei Wochen dorthin reise. Und diese
Idee trifft nicht nur auf Haiti, sondern auf die ganze
Welt zu. Aus diesem Grund ist Demokratie ein solch
integraler Bestandteil von nachhaltiger Entwicklung.
Bei der Förderung von nachhaltiger Entwicklung
steht die Finanzierung an vorderster Front. Es ist
gut, über nachhaltige Entwicklung zu sprechen -

Seite 2

aber es reicht nicht aus. Nachhaltige Entwicklung
erfordert reale Projekte, reale Unternehmen und reale
Programme. Sie benötigt kreative und engagierte
Menschen.
Menschen wie Dr. Mohammed Yunus. In der Finanzwelt gibt es kein inspirierenderes Beispiel für Kreativität und Engagement als Dr. Yunus. Wie viele von
Ihnen wissen, ist Dr. Yunus der Gründer der Grameen Bank, die vor über 17 Jahren im ländlichen
Bangladesch ihre Geschäftstätigkeit aufnahm. Die
Grameen Bank verfolgt ein einfaches Ziel: Armen
Menschen Zugang zu Krediten zu verschaffen, damit
sie ein Geschäft eröffnen können. Die Darlehen
belaufen sich im Durchschnitt auf 100 Dollar und
erfordern keine Bürgschaft. Die überwältigende
Mehrheit der Kunden sind Frauen. Heute hat die
Grameen Bank über zwei Millionen Kreditnehmer,
mehr als 1.000 Geschäftsstellen und eine Rückzahlungsquote von 98 Prozent. Sie trug dazu bei,
zahllose Menschen von der Armut zu befreien. Noch
außergewöhnlicher ist vielleicht die Art und Weise, in
der die einfache Idee von Dr. Yunus sich von Bangladesch auf die ganze Welt ausbreitete. Daher ist
es mir eine besondere Freude, daß Dr. Yunus heute
hier ist.
Ein weiterer kreativer und innovativer Ansatz zur
Förderung nachhaltiger Entwicklung ist die Globale
Umweltfazilität (Global Environment Facility - GEF).
Die GEF wurde 1991 ins Leben gerufen, um den
Entwicklungsländern bei der Bewältigung der weltweiten Umweltprobleme Klimawandel, Verlust der
Artenvielfalt, Abnahme der Ozonschicht und weltweite
Wasserverschmutzung zu helfen. Bis heute hat die
GEF über 2 Milliarden Dollar für die Finanzierung von
Projekten auf der ganzen Welt mobilisiert. Es gibt
bereits wichtige Erfolgsgeschichten. Beispielsweise
werden im Rahmen des "hocheffizienten Lichtprojekts" in Mexiko durch den Austausch von Glühbirnen
gegen Leuchtstoffröhren Treibhausgasemissionen
und die lokale Verschmutzung verringert. Dieses
Projekt wird die institutionelle Kapazität für technologischen Wandel und Energieeinsparung erhöhen und
die Fähigkeiten stärken, tragfähiges nachfrageorientiertes Management zu praktizieren.
Die GEF ist eine vielversprechende Entwicklung.
Aber obwohl sie in gewisser Weise über viele Mittel
verfügt, verblassen diese neben den gesamten
Ressourcen der multilateralen Entwicklungsbanken.
1994 stellte die Weltbankgruppe den Entwicklungsländern Kredite in Höhe von mehr als 25 Milliarden
Dollar zur Verfügung. Diese Institutionen haben
starken Einfluß auf weltweite nachhaltige Entwicklung.
In den letzten Jahren hat die Weltbank wichtige
Schritte zur Förderung nachhaltiger Entwicklung

AMERIKA DIENST 29

�unternommen. Die Darlehensgewährung für Umweltprojekte ist ebenso angestiegen wie die für
Bevölkerungsprogramme, die Entwicklung menschlicher Ressourcen und die Bekämpfung der Armut
insgesamt. Kredite für Projekte auf allen Gebieten
unterliegen jetzt einer verstärkten Umweltverträglichkeitsprüfung. Die Maßnahmen auf dem Energieund Forstwirtschaftssektor werden verbessert. Die
Bank leistet zunehmend Beistand bei der Erkennung
und Beseitigung wirtschaftlicher Verzerrungen, die zu
einer Verschwendung natürlicher Ressourcen führen.
Besonders wichtig sind die Bestrebungen zur Verbesserung von Transparenz und Einbeziehung
betroffener Gemeinden in den Entscheidungsprozeß.
Die Informationspolitik der Weltbank sowie die
Gründung ihres Inspektionsgremiums sind beides
bedeutende und positive Entwicklungen. Ich begrüße die jüngste Überprüfung der Informationspolitik
des Kreditrahmens für den Privatsektor bei der
Asiatischen Entwicklungsbank und der Interamerikanischen Entwicklungsbank. Diese revidierten Maßnahmen sind gute Beispiele, die eine eingehende
Untersuchung durch die Bankgruppe als Ganzes
verdienen.
Natürlich bleiben Herausforderungen bestehen. Die
Durchsetzung der Maßnahmen wird harte Arbeit und
Hartnäckigkeit erfordern. Die Konzentration auf die
Qualität - und nicht die Quantität - der Investitionen
ist von entscheidender Bedeutung. Umweltpolitische
Überlegungen müssen in politisch basierte Kreditvergabe einbezogen werden. Um effektiv zu sein,
müssen die Mitglieder der Weltbankgruppe den
Aufbau von Partnerschaften mit allen Teilen der
Gesellschaft anstreben.
Ich möchte ein Beispiel für die konstruktive Rolle
geben, die eine Entwicklungsbank bei der Förderung
nachhaltiger Entwicklung übernehmen kann: Die
jüngste Arbeit der Interamerikanischen Entwicklungsbank zugunsten von Suriname. Surinames Regenwälder sind eine seltene und außerordentliche
Kostbarkeit. Die derzeit dem Parlament Surinames
vorliegenden Vorschläge würden jedoch mehr als ein
Drittel des gesamten Landes zur Abholzung freigeben. Dank des weitblickenden Enrique Iglesias, des
Präsidenten der Interamerikanischen Entwicklungsbank, sowie des costaricanischen Präsidenten Jos§
Maria Figueres werden die Menschen in Suriname
glücklicherweise zusätzliche Optionen erhalten, wenn
sie über die Nutzung ihrer Regenwälder entscheiden. Sie werden jetzt eine Vielzahl tragfähiger
Ansätze zur Nutzung ihrer Regenwälder in Erwägung ziehen, einschließlich einer Untersuchung der
Gegend auf das Vorhandensein von Lagerstätten,
Ökotourismus und Abkommen zur Verringerung von
Kohlenstoff.

AMERIKA DIENST 29

Sogar die Mittel der multilateralen Banken werden
von denen des Privatsektors in den Schatten gestellt,
auf den die meisten der weltweiten Investitionen
entfallen. Infolgedessen können Veränderungen des
privaten Verhaltens einen großen Unterschied bewirken, während wir uns auf eine umweltverträgliche
Welt zubewegen.
Die Integration umweltpolitischer Belange in Unternehmensbilanzen sowie die Schaffung von Wettbewerbsvorteilen bei verbessertem Umweltverhalten
und sozialem Verantwortungsbewußtsein verbreiten
sich immer stärker.
Ich möchte folgendes betonen:
Unsere größte
Chance zur Erzielung nachhaltiger Entwicklung sind
Investitionen in umweltverträgliche Praktiken und
Technologien, die für die Privatwirtschaft und für
Privatinvestitionen attraktiv sind. Die Bereitstellung
dieser Gelder muß für die Weltbankgruppe eine
Herausforderung darstellen, einschließlich der internationalen Finanzierungsgesellschaft (International
Finance Corporation - IFC) und der mulitlateralen
Behörde für Investitionsgarantien (Mulitlateral Investment Guarantee Agency - MIGA), um die Welt
wirklich zu nachhaltiger Entwicklung zu führen. Einer
neuen Untersuchung zufolge beläuft sich die Nachfrage nach Umweltgütern und -dienstleistungen
weltweit auf ungefähr 400 Milliarden Dollar jährlich,
was die Weltmärkte für pharmazeutische Produkte,
Luftfahrt, Plastik, Papier oder Zellstoffprodukte
übertrifft. Und diese Zahlen beinhalten nicht den
Weltmarkt für Energieeinsparung und Stromerzeugung, der jährlich mehrere Milliarden Dollar beträgt
und im Wachstum begriffen ist.
Wir werden jedoch mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert. Erstens sehen wir selbst
angesichts hochentwickelter Kapitalmärkte weltweit,
daß Umwelttechnologieunternehmen Schwierigkeiten
haben, Privatkapital aufzubringen.
Zweitens deuten die Marktschätzungen klar darauf
hin, daß die Möglichkeit eines erweiterten Kapitalmangels langfristige nachhaltige Entwicklung bedroht.
Schätzungen des Erdgipfels von Rio im Jahr 1992
zufolge werden im verbleibenden Jahrzehnt zwischen
500 und 625 Milliarden Dollar zur Erlangung der Ziele
der Agenda 21 benötigt. Die Entwicklungsländer
haben den weitaus größten Bedarf.
Zur Deckung dieser Bedürfnisse muß der Löwenanteil
der Gesamtkosten vom Privatsektor gedeckt werden.
Das bedeutet, daß die Entwicklungsinitiativen für die
Finanzierung des Privatsektors - und die Ermutigung
effektiver Investitionen der Gastregierung - von
essentieller Bedeutung sind.

Seite 3

�Ein Anbieter von Risikokapital äußerte mir gegenüber kürzlich: "Kapital führt nicht an, sondern folgt
nach. Es ist ziemlich einfach: Wenn wir kein Geld
machen können, kommen wir nicht." Wir in der
Regierung und den internationalen Finanzinstitutionen müssen dafür sorgen, daß das Kapital in nachhaltigere Lösungen fließt.
Wir alle müssen uns Maßnahmen entgegenstellen,
die der Bekämpfung von Armut und Umweltverschmutzung im Weg stehen. Eine Politik zur Subventionierung einer Verschwendung von Ressourcen
- wie das Unterbieten der Preise für Energie und
Wasser - muß beendet werden. Dasselbe gilt für
makroökonomische Maßnahmen und eine restriktive
Handelspolitik, die Wachstum behindern, lebenswichtige ausländische Investitionen sowie die Verbreitung neuer Technologie abschrecken und die
exzessive Nutzung verfügbaren natürlichen Kapitals
anregen. Kontraproduktive gesetzliche und soziale
Maßnahmen haben ebenfalls schädliche Auswirkungen auf Wachstum und Umwelt, indem sie die
Bildungsmöglichkeiten einschränken, Investitionsrisiken erhöhen und keinen Schutz für Rechte geistigen Eigentums bieten.
Was können wir zum Schutz nachhaltiger Entwicklung unternehmen?
Wir können uns Informations- und Telekommunikationstechnologien zunutze machen, um die
Märkte effizienter zu gestalten, indem wir Informationen über nachhaltige Praktiken und neue
Marktchancen verbreiten.
Wir können bei der Prüfung und Vorstellung
neuer Ideen helfen, dadurch die Glaubwürdigkeit
neuer, nachhaltiger Ansätze erhöhen und sowohl
für Investoren als auch für Verbraucher die
Risiken reduzieren.
Wir können die oft schwierigen, aber notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung wirtschaftlicher
Verzerrungen und zur Förderung von Chancen
für Handel und Investitionen durchführen und
damit zur Verringerung von Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung beitragen.
Wir können sicherstellen, daß bei Kreditprogrammen auf politischer Grundlage umweltpolitische
Erwägungen vollständig in die Entscheidungen
einbezogen werden.
Schließlich können wir durch unser Beispiel eine
Führungsrolle übernehmen. Die Regierungen
können ihre Macht beispielsweise im Beschaffungswesen dazu einsetzen, Fahrzeuge mit
sparsamem Kraftstoffverbrauch, Energieeinspa-

Seite 4

rung fördernde Gebäude und andere umweltfreundliche Produkte zu kaufen.
Ich fordere die hier Anwesenden dazu auf, auf diesen
Optionen aufzubauen und innovative Wege zu
entwickeln, umweltverträgliche Investitionen in nachhaltige Entwicklung zu tätigen.
Jetzt möchte ich noch zwei weitere Punkte ansprechen.
Erstens: Humankapital, der Schlüssel zur Erhöhung
des Wohlstands einer Nation. Für Präsident Clinton
und mich stehen Bildung, Ausbildung und lebenslanges Lernen oben auf unserer Prioriätenliste. Wer
an der Kairoer Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung teilnahm, hat erkannt, daß die Ausbildung von Frauen und Mädchen und mehr Befugnisse für sie von entscheidender Bedeutung sind,
wenn wir die Wachstumsrate der Bevölkerung verringern wollen, wodurch auch die wirtschaftlichen
Chancen erhöht werden, die eine wesentliche Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung sind. In den
letzten Wochen gab die Weltbank die Gründung einer
Stiftung zu Ehren von Lew Preston bekannt, um in
Entwicklungsländern Stipendien und andere Programme zu finanzieren, damit mehr arme Mädchen Grundund weiterführende Schulen besuchen und dort einen
Abschluß machen können.
Zweitens möchte ich ausdrücklich betonen, daß die
Clinton-Administration sich dazu verpflichtet, unsere
Nation auf dem Weg zu nachhaltiger Entwicklung
voranzubringen. Wir sind besonders stolz auf die von
unserem Land in der letzten Generation gemachten
Fortschritte beim Schutz unserer Umwelt. Wir
unterstützen entschieden langfristige Umweltforschung, Energieforschung und Entwicklung, die
Verringerung der Treibhausgasemissionen, Pflege
des Ökosystems und Verhinderung von Verschmutzung, um nur wenige wichtige Bereiche zu nennen.
Wir setzen uns entschlossen dafür ein, unseren
gerechten Anteil am Montrealer Treuhandfonds, der
Globalen Umweltfazilität und den multilateralen
Entwicklungsbanken als Ganzem zu zahlen.
Bedauerlicherweise bemüht sich der amerikanische
Kongreß, wie viele von Ihnen wissen, derzeit um eine
Umkehr des großartigen Fortschritts, den wir in
diesem Land beim Schutz unserer Umwelt und der
Förderung von nachhaltiger Entwicklung erzielt
haben. Der Kongreß versucht, die von uns angeforderten Beiträge zu den multilateralen Entwicklungsbanken um die Hälfte zu kürzen. Aber die extremen
Elemente, die auf diese Agenda dringen, lernen
etwas: Sie werden nicht vom amerikanischen Volk
unterstützt.

AMERIKA DIENST 29

�Einige Kongreßabgeordnete setzen sich leidenschaftlich für die Bekämpfung des staatlichen
Haushaltsdefizits ein - eine Leidenschaft, die Präsident Clinton und ich mit ihnen teilen. Was ich nicht
verstehe ist jedoch, daß diese Republikaner bereit
sind, ihren Kindern und Enkeln ein ökologisches
Defizit zu hinterlassen. Meines Erachtens ist es
unmoralisch, unseren Kindern riesige Schulden seien sie finanzieller oder umweltpolitischer Art - zu
hinterlassen.
Meine Damen und Herren, ich bin davon überzeugt,
daß ein neues Zeitalter anbricht. Meines Erachtens
können wir alle zum Schutz der Umwelt, zur Bekämpfung der Armut und zur Schaffung von Wohlstand zusammenarbeiten.

wissen, steht in der Schöpfungsgeschichte, daß Gott,
nachdem er die Erde geschaffen hatte, sah, "es war
sehr gut". Allen unseren jüdischen Freunden wünsche ich an diesem Versöhnungstag "L'Shana Tova"
- ein frohes neues Jahr.
Zudem haben Präsident Clinton und ich diese Woche
die Ehre, mit seiner Heiligkeit, Papst Johannes Paul
II., zusammenzutreffen. Viele von Ihnen werden
wissen, daß der Papst sich stark für Umweltschutz
ausgesprochen hat. Ich möchte heute mit einem
Zitat von ihm schließen:
"Angesichts der weitverbreiteten Zerstörung
der Umwelt kommen die Menschen überall zu
der Erkenntnis, daß wir nicht weiter so mit den
Gütern der Erde umgehen können wie bisher.
Die Öffentlichkeit und die Politiker machen sich
über dieses Problem Sorgen, und Experten
einer Vielzahl von Disziplinen beschäftigen sich
mit seinen Ursachen. Es entsteht ein neues
Umweltbewußtsein, das ... ermutigt werden
sollte, damit es sich zu konkreten Programmen
und Initiativen entwickelt."

Abschließend möchte ich kurz auf die wichtige Rolle
religiöser Werte beim Streben nach nachhaltiger
Entwicklung eingehen. Die Achtung der Erde und
der Natur ist den meisten Weltreligionen gemeinsam.
In meiner eigenen religiösen Erfahrung und Erziehung - ich bin Baptist - ist die Pflicht zum Schutz der
Erde in der grundlegenden Beziehung zwischen
Gott, der Schöpfung und der Menschheit verwurzelt.
Ich möchte die Rolle religiöser Werte für nachhaltige
Entwicklung aus zwei Gründen ansprechen. Erstens
ist heute Yom Kippur, nach der jüdischen Religion
der heiligste Tag im Jahr. Wie viele auf der Welt

Ein neues Umweltbewußtsein entsteht. Jetzt ist der
Zeitpunkt für konkrete Initiativen.
Gemeinsam
können wir die vor uns liegenden Herausforderungen
bewältigen.

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AMERIKA DIENST 29

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�HANDEL
11. Oktober 1995

Die USA können kein vollkommen
merkantilistisches Land sein
Ansprache von Staatssekretär Garten
WASHINGTON - (AD) - Die Handelspolitik der Vereinigten Staaten fördert multilaterale Lösungen - wie die
Welthandelsorganisation (WTO) - und wendet sich nur von ihnen ab, wenn das zur Stärkung des multilateralen
Systems beiträgt, erklärte der Staatssekretär tür Welthandel im US-Wirtschaftsministerium, Jeffrey Garten, am
2. Oktober 1995 in einer Ansprache bei der Konferenz des Rats für Wirtschaft und Technologie der USA und
des Verbands Südostasiatischer Nationen (Association of South-East Asian Nations - ASEAN).
Der Staatssekretär äußerte sich auch zu seiner jüngsten Reise in verschiedene ASEAN-Staaten und erklärte,
in der Region habe es große Besorgnis wegen bestimmter Aspekte der amerikanischen Handelspolitik
gegeben. Garten bezeichnete die amerikanische Politik als "völlig richtig" und vertrat die Ansicht, die
Vereinigten Staaten könnten kein vollkommen merkantilistisches Land sein, sondern würden auch weiterhin
Menschen- und Arbeitnehmerrechte sowie Umweltschutz in ihre handelspolitischen Überlegungen einbeziehen,
unabhängig davon, welche Regierung gerade in den USA regiert.
Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus der von Staatsekretär Garten bei der Konferenz gehaltenen
Ansprache.

So optimistisch wir auch hinsichtlich des Wachstumspotentials in der ASEAN-Region sowie der Ausweitung des Handels sein mögen, sehen sich
amerikanische Firmen doch außerordentlichem
Wettbewerb gegenüber. Ihre Konkurrenten sind die
Europäer, andere asiatische Länder wie Taiwan und
Korea und insbesondere Japan, das Milliarden Dollar
an Auslandshilfe in die Region pumpt, während wir
praktisch nichts unternehmen. Bemerkenswert fand
ich beispielsweise die Diskrepanz zwischen Japans
Hilfe für die Philippinen, die sich jährlich auf ungefähr eine Milliarde Dollar beläuft, wovon das meiste
Geld für die Entwicklung der Infrastruktur aufgewendet wird, und den weniger als 50 Millionen Dollar,
die wir ausnahmslos zur Deckung grundlegender
menschlicher Bedürfnisse geben. Oder betrachten
Sie sich ein Land wie Indonesien, in das die Japaner
jährlich 2 Milliarden Dollar stecken, wir hingegen
weniger als 100 Millionen, wobei ihr Geld wiederum
für wirtschaftliche, unseres für humanitäre Zwecke
eingesetzt wird.
Bemerkenswert fand ich auch die Aggressivität
einiger japanischer Unternehmen, die amerikanische
Firmen - insbesondere auf dem Energiesektor anscheinend um bis zu 50 Prozent unterbieten. Ich
höre das nicht zum ersten Mal. Mir kam das schon
vor einigen Monaten zu Ohren, als ich in der Türkei

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war. In bezug auf den Wettbewerb ist also einiges in
Bewegung, das uns dazu veranlassen sollte, aufzuhorchen und uns einige Fragen darüber zu stellen,
wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern
können.
In der Region bestand ferner große Besorgnis über
bestimmte Aspekte der amerikanischen Handelspolitik. Natürlich hört man die üblichen Klagen, die
Vereinigten Staaten gingen bilateral oder unilateral
vor, anstatt im Rahmen der WTO. Aber die Gemüter
erregen sich noch viel mehr, wenn es um Arbeitnehmerrechte und Menschenrechte geht, oder um
Handel, der Aspekte des Umweltschutzes tangiert.
Ich habe alles getan, um unsere Politik zu verteidigen, die in meinen Augen völlig richtig ist. Ich habe
dargelegt, daß wir den Multilateralismus hundertprozentig unterstützen und nur aus einem ganz
speziellen Grund davon abweichen, jedoch immer mit
dem Ziel einer Stärkung des multilateralen Systems
vor Augen. Im Zusammenhang mit den Werten
Menschenrechte und Arbeitnehmerrechte lautete die
Antwort, die sie vielleicht nicht gerne hörten, daß die
Vereinigten Staaten einfach kein vollkommen merkantilistisches Land sein können, und wir - ungeachtet
dessen, welche Administration regiert - bei unserer
Wirtschaftspolitik auch in Zukunft Menschen- und

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�Arbeitnehmerrechte sowie Umweltschutz berücksichtigen werden.
Ich entdeckte große Besorgnis über vergangene
oder bestehende Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Japan sowie den Vereinigten
Staaten und China. Das war tür mich sehr interessant, denn man sieht die Welt auf ganz andere
Weise, wenn man auf den Philippinen, in Singapur
oder Malaysia ist. Und wenn die Giganten Kämpfe
austragen, oder es auch nur so scheint, sind die
Spannungen in dieser Region spürbar. Und natürlich habe ich alles mir Mögliche getan, um zu
erklären, daß unser Ziel in bezug auf Japan in der
Aufrechterhaltung eines möglichst engen Bündnisses
besteht und wir versuchen, die Elemente dieses
Bündnisses besser als vorher ins Gleichgewicht zu
bringen. Im Hinblick auf China war unser Ziel die
Handelsdiplomatie, die zu mehr, nicht zu weniger
Engagement führen soll. Ich stellte fest, daß immer
noch starke Besorgnis wegen des amerikanischen
Engagements in Asien besteht. Das hat mich etwas
überrascht, denn die Clinton-Administration hat zumindest aus meiner Sicht - sehr viel unternommen, um die Länder in der Region unseres umfassenden Engagements zu versichern. Ich versuchte, unser starkes militärisches Engagement zu
betonen und erklärte, daß unser Ziel in der möglichst
starken Ausweitung unserer wirtschaftlichen Bande
sowie unserer Präsenz in der Region besteht.
Ich war wirklich beeindruckt von der enormen
Vielfalt, die ich zu sehen bekam. Wir können über
ASEAN sprechen, über die Fortschritte zu stärkerer
Liberalisierung. Tatsache ist jedoch, daß jedes der
ASEAN-Mitgliedstaaten einen ganz anderen Rhythmus hat: Die Philippinen kommen erstmals mit sich
selbst ins reine, und der Fortschritt liegt bei ihnen in
der Luft. Wenn Sie dann nach Malaysia gehen - es
ist nur ein Katzensprung - macht man sich Sorgen
über eine neue Industriepolitik, Mangel an Arbeitskräften, weiteres Anspruchsdenken. Und kommt
man dann nach Singapur, hört man etwas über die
innovativste Wirtschaftspolitik, die man sich vorstellen kann, einschließlich der Exporte Singapurs in
die Industrieparks und -Städte Chinas und wahrscheinlich bald auch Vietnams.
Diese Unterschiede beziehungsweise Vielfalt wurden
in einer Diskussion mit 20 jungen - ich vermute, sie
waren alle unter 40 - Führungskräften in Singapur
deutlich. Es ging um asiatische Werte.
Im Zusammenhang mit der Vielfalt taucht die Frage
auf, ob - und wie - die ASEAN-Staaten neue Mitglieder aufnehmen: Vietnam, Laos und andere Län-

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der, die zusätzliche Komplikationen bringen und
Staaten, die in wirtschaftlicher Hinsicht noch weit
hinter den fortschrittlicheren ASEAN-Mitgliedern
zurückliegen. In diesem Kontext möchte ich kurz
etwas zu Vietnam sagen. Wir waren noch nicht in
Vietnam. Eine Delegation des Wirtschaftsministeriums wird bald dorthin reisen. Das ist natürlich für die
Administration von großer Bedeutung. Nach der
Normalisierung der Beziehungen müssen wir unser
Augenmerk jetzt auf die wirtschaftlichen Aspekte
richten. Das wird nicht einfach sein. Viele gesetzliche Hindernisse müssen beseitigt werden. Wir
brauchen eine Normalisierung unserer Handelsbeziehungen zu Vietnam, die wir in enger Abstimmung mit dem Kongreß erreichen müssen. Es kann
einiges getan werden, und wir werden uns in naher
Zukunft darauf konzentrieren.
Jetzt, da ASEAN ein großer, aufstrebender Markt und
Vietnam ein Teil davon ist, verfügen wir bereits über
einen Rahmen für unsere Wirtschaftsbeziehungen.
Wenn wir Handelsemissäre in die ASEAN-Staaten
entsenden, wenn wir Delegationen schicken, die sich
mit Telekommunikation, Verkehr oder Umwelttechnologie befassen, können sie auch in Vietnam haltmachen. Wenn wir über Ausbildungsprogramme sprechen, können wir diese in allen ASEAN-Staaten und
auch in Vietnam durchführen. Das Bündnis für
gegenseitiges Wachstum mit seiner Betonung von
Verbindungen zwischen kleinen und mittelständischen
Betrieben kann auch in Vietnam direkte Anwendung
finden. Unser Programm zur Förderung von Exporten in die ASEAN-Staaten kann auch direkt in Vietnam angewandt werden. Wir haben bereits entsprechende Bestrebungen eingeleitet.
Ich bin der Ansicht, daß die nächsten zwölf Monate
für die amerikanische Handelsförderung das Jahr des
ASEAN sein sollten. Die Größe des Marktes, die
Dynamik der Liberalisierung, die problemlose Kommunikation zwischen den Vereinigten Staaten und
diesen Ländern lassen das natürlich erscheinen. In
anderen großen, aufstrebenden Märkten Asiens ist
großes Potential vorhanden, aber offen gesagt
werden die Fortschritte in China, Indien und Korea
weitaus langsamer vonstatten gehen. In diesen
Ländern und auf diesen Märkten werden wir bestenfalls zwei Schritte vor und einen Schritt zurück
beobachten. Aber wenn wir engere Wirtschaftsbeziehungen zu den ASEAN-Staaten schmieden
können, werden meines Erachtens alle Seiten - nicht
nur unser Land, sondern auch die Staaten der
ASEAN-Region - sowohl kurz- als auch langfristig
echte Ergebnisse sehen.
Ich danke Ihnen.

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