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Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
27. September 1995

28

VEREINTE NATIONEN

CHRISTOPHER UNTERSTREICHT NOTWENDIGKEIT EINER REFORM DER UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung

AUSSENPOLITIK

VORGESCHLAGENE HAUSHALTSKÜRZUNGEN
GEFÄHRDEN AMERIKANISCHE FÜHRUNGSROLLE
Rede von Außenminister Christopher

AMERIKA AUF DER SUCHE NACH EINER
PAROLE
von Maynard Glitman

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE HESSEN
Grußwort von Präsident Clinton

"WIEDER ZUSAMMEN"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman

WEITERVERBREITUNG

EINE NEUE SICHERHEITSPOLITISCHE
TAGESORDNUNG
Kampf gegen den Nuklearschmuggel

TELEKOMMUNIKATION

USA SOLLTEN FÜHRUNGSROLLE BEI DER
REFORM DES TELEKOMMUNIKATIONSWESENS ÜBERNEHMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

bitte wenden
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228-339 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�GESUNDHEIT

"NEIN" ZUR LEGALISIERUNG VON
MARIHUANA
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala

LUFT- UND RAUMFAHRT

LUFT- UND RAUMFAHRT ALS SCHLÜSSELELEMENT DER AMERIKANISCHEN WIRTSCHAFTS- UND SICHERHEITSPOLITIK
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

�VEREINTE

N A T I O N EN
27. September 1995

Christopher unterstreicht Notwendigkeit
einer Reform der UNO
Rede vor der UN-Generalversammlung
VEREINTE NATIONEN - (AD) - Die Vereinten Nationen müßten ihre begrenzten Ressourcen für die obersten
Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf die Aufgaben konzentrieren, die sie am besten erfüllen können,
erklärte US-Außenminister Warren Christopher am 25. September 1995 in einer Rede vor der UNGeneralversammlung in New York.
Die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen müßten "ihre Tagesordnung so gestalten, als würden wir die
Institution neu gründen... An jedes Programm muß ein einfacher Maßstab angelegt werden - es muß einen
sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen leisten."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Herr Präsident, Herr Generalsekretär, Exzellenzen,
verehrte Gäste. Es ist mir eine Ehre, heute im
Namen der Vereinigten Staaten zu Ihnen sprechen
zu dürfen. Vor einem halben Jahrhundert kam die
Generalversammlung erstmals in New York zusammen - auf der anderen Seite des Flusses in
einer umgebauten Eislauf halle in Flushing Meadows.
In dieser bescheidenen Umgebung begannen unsere
Vorgänger mit der Schaffung eines ehrgeizigen
Rahmens, von dem sie hofften, daß er bei der
Sicherung des Friedens ebenso erfolgreich sein
würde wie sie es vorher bei der Kriegführung waren.
In den nachfolgenden Jahren trugen die Vereinten
Nationen dazu bei, zahllosen Menschen weltweit
Frieden, Wohlstand und Hoffnung zu bringen. Der
technologische Wandel brachte die Nationen einander näher, als die Gründerväter der UNO vorhersehen konnten. Die Vereinten Nationen selbst
sahen sich mit ungeahnten Herausforderungen
konfrontiert. Sie mußten komplizierte humanitäre
Notfälle bewältigen - von Bürgerkriegen über Flüchtlingswellen bis zu Epidemien. Diese Evolution stellte
für die Organisation eine große Belastung dar und
zeigte die Notwendigkeit, sie umfassend zu verändern.
Die Clinton-Administration vertritt im Kongreß und
vor unserem Volk energisch eine Fortsetzung der
Führungsrolle Amerikas in den Vereinten Nationen.
Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich vor 50
Jahren der UN-Charta. Wir sind entschlossen,

AMERIKA DIENST 28

unserer Verpflichtung nachzukommen, einschließlich
unserer finanziellen Verpflichtungen.
Wir werden immer daran denken, daß die Vereinten
Nationen für Millionen Menschen weltweit alles
andere sind als eine gesichtslose Institution. Sie
stehen, wie Harry Truman es einmal formulierte, für
"ein Paket mit Nahrungsmitteln oder Schulbüchern,
einen Arzt, der die Kinder impft, einen Experten, der
beim Anbau von mehr Reis oder Weizen hilft". Für
Millionen weiterer Menschen symbolisieren die
Vereinten Nationen den Unterschied zwischen
Frieden und Krieg.
Wirtschaftliche und soziale Entwicklung sowie der
Schutz der Menschenrechte stehen weiterhin im
Zentrum der Aufgaben der Vereinten Nationen. Die
UNO muß sich jedoch wandeln, um diesen Erfordernissen wirksamer zu entsprechen. Wenn in New
York, Genf oder Wien Geld verschwendet wird und
durch Unbeweglichkeit der Bürokratie Zeit verloren
geht, zahlen diejenigen den Preis dafür, die Hunger,
Krankheit und Gewalt am stärksten ausgesetzt sind.
Es ist an der Zeit für die Erkenntnis, daß die Vereinten Nationen ihre begrenzten Ressourcen für die
obersten Prioritäten der Welt einsetzen und sich auf
die Aufgaben konzentrieren müssen, die sie am
besten erfüllen können. Der Verwaltungsapparat der
UNO sollte abgebaut werden und eine klare Organisationsstruktur sowie eine deutliche Abgrenzung der
einzelnen Verantwortungsbereiche erhalten.
An
jedes Programm mu ß ein einfacher Maßstab angelegt

Seite 1

�werden - es muß einen sichtbaren Beitrag zu Freiheit, Sicherheit und Wohlergehen der Menschen
leisten.
In den letzten beiden Jahren wurden unter der
Führung von Generalsekretär Boutros-Ghali die
Grundlagen für substantiellen Wandel gelegt. Die
Vereinten Nationen verfügen über ein Büro mit den
Aufgaben eines Generalinspekteurs sowie über ein
Mandat, gegen Verschwendung und Betrug vorzugehen. Der stellvertretende Generalsekretär Joe
Connor leitete eine aggressive Kampagne zur Verbesserung der Managementkultur der Vereinten
Nationen ein, die wir umfassend unterstützen. Das
UN-Sekretariat schlug den richtigen Kurs ein, als es
einen Haushalt mit Ausgabenkürzungen vorlegte.
Jetzt muß den Reformen mehr Nachdruck verliehen
werden. Ich möchte eine konkrete Agenda vorschlagen:
Erstens müssen wir die Programme der Vereinten
Nationen einstellen, die ihr Ziel erreicht haben, und
diejenigen konsolidieren, die sich überschneiden insbesondere bei den Ämtern für wirtschaftliche und
soziale Fragen. Innerhalb der Vereinten Nationen
gibt es mehr als ein Dutzend Organisationen, die für
Entwicklung, Soforthilfe und Statistik zuständig sind.
Wir sollten in Erwägung ziehen, für jede dieser
Funktionen eine einzige Behörde zu schaffen. Wir
sollten die regionalen Wirtschaftsausschüsse der
UNO verkleinern. Wir sollten sicherstellen, daß sich
die Funktionen der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) nicht mit
denen der neuen Welthandelsorganisation (WTO)
decken. Und wir sollten ein Moratorium für die
großen, von der UNO veranstalteten Konferenzen
verhängen, nachdem die jetztige Serie abgeschlossen ist, und uns statt dessen auf die Einhaltung der
Verpflichtungen konzentrieren, die wir bei den
abgehaltenen Konferenzen eingegangen sind.
Zweitens müssen wir das UN-Sekretariat umstrukturieren, um es effizienter, stärker rechenschaftspflichtig und transparenter zu gestalten. Jeder Teil
des UN-Systems sollte der Kontrolle eines Generalinspekteurs unterliegen. Die Vereinten Nationen
dürfen keinen ethischen oder finanziellen Mißbrauch
dulden, und ihre Führungskräfte sollten auf der
Grundlage ihrer Verdienste ernannt oder befördert
werden.
Drittens sollten wir die Vorschläge für neue und
erweiterte Friedensmissionen einer genauen Überprüfung unterziehen und die Fähigkeit der Vereinten
Nationen verbessern, nach der Billigung neuer
Missionen schnell zu reagieren. Wir müssen uns auf
ein angemessenes Ausmaß von Friedensicherungs-

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missionen einigen, das den heutigen wirtschaftlichen
Gegebenheiten Rechnung trägt. Und wir sollten über
einen Gemeinschaftshaushalt für Friedenssicherungsoperationen verfügen.
Schließlich müssen wir die Effektivität des UN-Sicherheitsrates wahren. Deutschland und Japan
sollten Ständige Mitglieder werden. Wir müssen
sicherstellen, daß alle Regionen der Welt gerecht
vertreten sind, ohne daß der Rat schwerfällig wird.
Wir begrüßen die Bildung einer hochrangigen Reformgruppe unter der Leitung des scheidenden
Präsidenten der Generalversammlung Essy. Es muß
unser Ziel sein, noch vor Ende der 50. Sitzungsperiode der UN-Generalversammlung im kommenden
Herbst einen praktischen Plan für eine UN-Reform zu
verabschieden. Der vor uns liegende Weg ist klar:
Wir haben bereits zahllose Studien und Berichte
vorliegen. Jetzt ist es an der Zeit, gemäß den besten
Vorschlägen zu handeln.
Wie Sie wissen, gibt es in meinem Land ernsthafte
Bestrebungen zur Einschränkung unserer Unterstützung für die Vereinten Nationen. Nach Ansicht
der Clinton-Administration wäre es leichtsinnig, einer
Organisationen den Rücken zuzuwenden, die andere
Nationen zur Unterstützung von Zielen mobilisiert, die
im Einklang mit amerikanischen und globalen Interessen stehen. Um die Unterstützung der Vereinten
Nationen unter den Amerikanern und anderen Völkern aufrechtzuerhalten, reicht eine Verteidigung der
Institution jedoch nicht aus. Das beste Argument
gegen Rückzug sind weitere Reformen. Greifbare
Fortschritte werden uns dabei helfen, den Kampf um
Beistand für die UNO zu gewinnen, den wir derzeit in
den Vereinigten Staaten führen.
Nach Abschluß des Reformprozesses müssen die
Vereinten Nationen besser zur Erlangung ihrer
grundlegenden Ziele in der Lage sein, einschließlich
der Wahrung von Frieden und Sicherheit. Von Korea
über den Persischen Golf bis Haiti haben die Vereinten Nationen ihren Mitgliedern durch die Erfüllung
dieser Pflichten ein Mandat verschafft. Die UNOBlauhelme halfen Völkern bei der Schaffung der
grundlegenden Bedingungen für Frieden in einigen
äußerst schwierigen Situationen, obwohl sie ihr
erklärtes Ziel nicht immer erreicht haben.
Vor kurzem wurde ein junger Vater in Haiti gefragt,
was die Friedenssicherungskräfte in seinem Land
bewirkt hätten. "Wir können uns frei bewegen",
antwortete er. "Wir können ruhig schlafen. Niemand
kommt nachts, um uns abzuholen." In Haiti haben
die Vereinten Nationen ebenso wie in Kambodscha,
Mosambik und El Salvador unter Beweis gestellt, daß

AMERIKA DIENST 28

�die Friedenssicherung trotz aller Beschränkungen
ein äußerst nützliches Instrument ist.

diese neuen Integrationskräfte auch die Saat des
Zerfalls und der Zerstörung beinhalten."

Eine Region, in der die UNO-Soldaten und die
internationale Staatengemeinschaft eine entscheidende Rolle übernahmen, ist der Nahe Osten. Am
Donnerstag wird in Washington ein weiterer historischer Meilenstein gesetzt, wenn Israel und die
Palästinenser ihr Abkommen zur Inkraftsetzung der
zweiten Phase ihrer Grundsatzerklärung unterzeichnen. Diese Übereinkunft wird einem erstmals im
Abkommen von Camp David gesteckten Ziel Leben
einhauchen: Die Sicherheit Israels zu schützen und
den Palästinensern im gesamten Westjordanland
Kontrolle über ihr tägliches Leben zu geben. Die
internationale Staatengemeinschaft und die Vereinten Nationen müssen diesen Prozeß auch in
Zukunft politisch und wirtschaftlich unterstützen.

Obwohl die neuen Technologien uns einander
nähergebracht haben, erleichtern sie es Terroristen,
Drogenhändlern und anderen internationalen Kriminellen auch, in den Besitz von Massenvernichtungswaffen zu gelangen, Kokain-Kartelle aufzubauen und
ihre unrechtmäßig erworbenen Gewinne zu verstecken. Der Zusammenbruch des Kommunismus
hat Diktaturen zerstört. Aber er machte die politischen und juristischen Institutionen der kürzlich
befreiten Nationen auch anfälliger für diejenigen, die
sie untergraben wollen.

Zweifelsohne waren die Vereinten Nationen nie mit
einer schwierigeren Mission konfrontiert als der im
ehemaligen Jugoslawien.
Die Beschränkungen
dieser Mission sind wohlbekannt. Wir müssen uns
aber auch vor Augen halten, daß die UNO Hunderttausenden Hilfe gewährte und Tausende von Menschenleben gerettet hat. Heute befinden sich die
Vereinigten Staaten und die internationale Staatengemeinschaft mit Hilfe ihrer von Macht unterstützten Diplomatie auf einem Weg, der Hoffnung auf
wirkliche Ergebnisse weckt. Die Vereinten Nationen
und die NATO arbeiten wirksam zusammen, um der
Region Frieden zu bringen. Am 8. September
akzeptierten die Konfliktparteien in Genf das vom
Sicherheitsrat oft formulierte grundlegende Ziel - den
Fortbestand Bosnien-Herzegowinas als ein Staat
innerhalb seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen.
Wenn ich heute mit den Außenministern Bosniens,
Kroatiens und Serbiens zusammentreffe, werde ich
sie auffordern, die treibende Kraft für den Frieden
aufrechtzuerhalten und konstitutionelle Strukturen für
Bosnien zu schaffen.
Die Verfasser der Charta der Vereinten Nationen
gründeten diese Institution, um den durch Aggression und bewaffnete Konflikte hervorgerufenen
Bedrohungen für Frieden und Sicherheit zu begegnen. Diese Bedrohungen sind immer noch äußerst
präsent. Die Welt sieht sich aber auch mit einer
Anzahl neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen konfrontiert, darunter Weiterverbreitung, Terrorismus, internationales Verbrechen und Drogenhandel sowie die weitreichenden Konsequenzen der
Umweltzerstörung. Diese Bedrohungen haben in
einer interdependenteren Welt ein neues und gefährliches Ausmaß angenommen. Präsident Clinton
erklärte im Juni in San Francisco: "Wir wissen, daß

AMERIKA DIENST 28

Obwohl diesen Bedrohungen gelegentlich von Staaten Vorschub geleistet wird, kommen sie nicht
unbedingt aus einem bestimmten Land. Jeder von
uns muß diese Feinde vehement selbst bekämpfen.
Wir werden jedoch erst dann wirklich sicher sein,
wenn wir sie effektiv gemeinsam bekämpfen. Das ist
die neue sicherheitspolitische Herausforderung fürdie
Völkergemeinschaft, und es muß die neue sicherheitspolitische Mission der Vereinten Nationen sein.
Es gibt keinen Bereich, in dem die Vereinten Nationen einen maßgeblicheren Beitrag leisten können als
die Nichtverbreitung. Vor fünfzig Jahren waren die
Vereinigten Staaten das einzige Land, das eine
Atombombe herstellen konnte. Heute verfügen viele
Länder über die Technologie, mit der sie einen
faustgroßen Klumpen Plutonium in eine Bombe
verwandeln können, die so klein wie ein Koffer ist.
Das ist ein Grund, warum über 170 Länder auf der
von Botschafter Dhanapala im Mai hier geleiteten
Konferenz zugestimmt haben, den Nichtverbreitungsvertrag auf unbegrenzte Zeit zu verlängern.
Erstens sollten wir einen Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot unterschriftsreif haben, wenn wir
uns hier im nächsten Jahr wieder treffen. Wie
Präsident Clinton im vergangenen Monat bekanntgegeben hat, verpflichten sich die Vereinigten Staaten zu einem wirklich absoluten Testverbot. Wir
fordern andere Nationen auf, unserem Beispiel zu
folgen.
Zweitens sollten wir unverzüglich Verhandlungen zu
einem Vertrag über die Einstellung der Produktion
von spaltbarem Material aufnehmen. Diejenigen, die
sich am vehementesten für nukleare Abrüstung
einsetzen, sollten sich bewußt machen, daß dies für
ein Verbot der zukünftigen Produktion von spaltbarem
Material für Nuklearwaffen unabdingbar ist.
Drittens sollten wir die historischen Reduzierungen
der Nukleararsenale der Vereinigten Staaten und der
Länder der ehemaligen Sowjetunion voranbringen.

Seite 3

�OlgtB*. " m » . t .

Ich fordere den amerikanischen Senat und die
russische Duma auf, dem START Il-Vertrag zuzustimmen, damit wir einschneidende Kürzungen
unserer strategischen Nuklearwaffenarsenale festschreiben können. Darüber hinaus arbeiten die
Präsidenten Clinton und Jelzin darauf hin, die Sicherheit, Transparenz und Unumkehrbarkeit der
Reduzierung von Atomwaffen sicherzustellen.
Als Teil dieses Prozesses wird Präsident Jelzin
kommendes Frühjahr in Moskau einen Gipfel über
nukleare Sicherheit veranstalten. Das Gipfeltreffen
sollte eine ehrgeizige Tagesordnung haben, einschließlich einer Grundsatzerklärung über die Sicherheit von Atomreaktoren. Wir erwarten von dem
Gipfel, daß das weltweite Problem der Entsorgung
von Atommüll angesprochen wird, darunter die
Entsorgung im Meer. Das Gipfeltreffen sollte auch
einen Aktionsplan mit Sicherheitsvorschriften für
Nuklearmaterial fördern. Dieser Plan sollte neue
Maßnahmen enthalten, um Kriminelle und Terroristen von der Beschaffung von waffenfähigem Nuklearmaterial abzuhalten.
Schließlich sollten wird auf ein frühestmögliches
Inkrafttreten der Chemiewaffenkonvention drängen.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Senat
aufgefordert, die Konvention unverzüglich zu ratifizieren und aufzuhören, sie und den START Il-Vertrag
mit Themen in Verbindung zu bringen, die nicht im
Zusammenhang damit stehen. Die Welt ist in
diesem Jahrhundert zu häufig Zeuge der Auswirkungen von Giftgas geworden - auf europäischen
Schlachtfeldern während des Ersten Weltkriegs, in
Äthiopien und der Mandschurei in den dreißiger
Jahren und bei iranischen Soldaten und unschuldigen kurdischen Zivilisten während der achtziger
Jahre. Die Chemiewaffenkonvention wird jede
Nation sicherer machen, und wir brauchen sie jetzt.
Die Vereinten Nationen spielen auch eine unschätzbare Rolle dabei, die Aufmerksamkeit auf drängende
regionale Weiterverbreitungsprobleme zu lenken. Im
Irak decken die UNSCOM und ihr Leiter Rolf Ekeus

immer schrecklichere Einzelheiten über Saddam
Husseins Massenvernichtungswaffen auf.
Unter Saddam Hussein entwickelte der Irak im
Geheimen eine todbringende biologische Waffenfähigkeit. Das Land führte Forschungen durch, um
einige der toxischsten Substanzen, die dem Menschen bekannt sind, in Kriegswaffen umzuwandeln.
Wir wissen, daß Saddam Hussein Erfolg dabei hatte,
Bomben und Raketengefechtsköpfe mit Anthrax und
Botulismus zu bestücken. Im Dezember 1990
dislozierte er sie mit der eindeutigen Absicht, sie
gegen die internationale Koalition und unschuldige
Zivilisten einzusetzen. Er wurde nur durch die

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unerschütterliche Entschlossenheit der Vereinigten
Staaten und der internationalen Völkergemeinschaft
davon abgehalten.
Angesichts des von Botschafter Ekeus Aufgedeckten
können wir nur zu der Schlußfolgerung gelangen, daß
Saddam Hussein während der letzten viereinhalb
Jahre über den vollen Umfang des irakischen Waffenprogramms gelogen hat. Es sollte keine Lockerung
des Sanktionsregimes geben, bis die irakische
Regierung alle Forderungen des Sicherheitsrats erfüllt
und unter Beweis stellt, daß sie sich geändert hat.
Die Vereinten Nationen sollten auch Verantwortungsbewußtsein fördern und den Transfer konventioneller
Waffen verhindern. Im vergangenen Jahr hat Präsident Clinton bei der Generalversammlung die Abschaffung von gegen lebende Ziele gerichteten
Landminen vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde
von der Generalversammlung verabschiedet. Bei
meiner jüngsten Reise nach Kambodscha habe ich
die schrecklichen Schäden gesehen, die diese
versteckten Killer anrichten können. In diesem Jahr
werden wir die anderen Länder erneut auffordern,
gemeinsam mit uns den Export von Landminen
einzustellen.
Vor zwei Jahren forderte Präsident Clinton die
internationale Staatengemeinschaft auf, ein wirklich
internationales System zu entwickeln, das den
Transfer konventioneller Waffen und sicherheitsempfindlicher Mehrzwecktechnologie regelt. Ich war
erfreut, daß die Russische Föderation zusammen mit
den Vereinigten Staaten und 26 anderen Ländern
gemeinsamen Prinzipien für die Kontrolle der Modernisierung gefährlicher konventioneller Waffen zugestimmt hat. Wir hoffen, dieses "Neues Forum"
genannte globale Regime bis Ende des Jahres zu
aktivieren.
Die Verbreitung von Waffen hat einer uns alle konfrontierenden anderen Bedrohung eine beunruhigende Dimension hinzugefügt: internationalem Terrorismus. Der Saringasanschlag in Tokio in diesem Jahr
ist in der Tat eine bittere Warnung, was geschehen
kann, wenn Terroristen Massenvernichtungswaffen
beschaffen.
Mehr Nationen schließen sich dem Kampf gegen die
Einzelpersonen und Gruppen an, die Zivilisten aus
politischen Gründen angreifen. Die Vereinten Nationen haben diese Bestrebungen in wichtiger Hinsicht
unterstützt. Der UN-Sicherheitsrat trug der Bedeutung der Bekämpfung von staatlich gefördertem
Terrorismus Rechnung, indem er Sanktionen gegen
Libyen für den Bombenanschlag gegen Flug 103 der
Pan Am und UTA 772 verhängte.

AMERIKA DIENST 28

�Terroristen sollten wie Kriminelle behandelt werden,
und es darf keinen Ort geben, an dem sie sich vor
den Konsequenzen ihrer Taten verstecken können.
Staaten, die Terroristen fördern, sollten das volle
Gewicht der Sanktionen zu spüren bekommen, die
von der internationalen Staatengemeinschaft verhängt werden können. Wir dürfen uns nichts vormachen: Jeder Dollar, der in das Staatssäckel eines
Terrorismus fördernden Landes wie Iran fließt, hilft,
die Kugeln oder Bomben eines Terroristen zu
bezahlen. Die Rolle des Iran als erster Förderer von
Terrorismus macht sein geheimes Streben nach
Massenvernichtungswaffen noch alarmierender. Wir
müssen gemeinsam dem Iran entgegentreten, um
das Land von der Beschaffung solch gefährlicher
Fähigkeiten abzuhalten.
Die Vereinigten Staaten haben eine führende Rolle
bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus
übernommen. Wir haben unsere Sanktionen gegen
den Iran verschärft.
Im Januar gab Präsident
Clinton außerdem einen Präsidialerlaß bekannt, der
Finanztransaktionen mit Terrorgruppen und Einzelpersonen verbietet, die den Nahostfriedensprozeß
bedrohen. Wir fordern unseren Kongreß auf, die
Einwanderungs- und Strafgesetze zu verschärfen,
um Terroristen abzuschrecken oder sie hinter Gitter
zu bringen.
Die Vereinigten Staaten unterstützen die beim Gipfel
von Halifax angekündigten Antiterrormaßnahmen der
G-7 und Rußlands uneingeschränkt, und wir erwarten, daß das P-8-Ministertreffen über Terrorismus in
Ottawa einen konkreten Aktionsplan für die Umsetzung dieser Maßnahmen hervorbringt.
Andere Arten internationaler Verbrechen bedrohen
ebenfalls die Sicherheit unserer Bürger und das
Gefüge unserer Gesellschaften. Und die Globalisierung birgt neue und erschreckende Dimensionen für
das Verbrechen. Die Androhung von Verbrechen ist
für junge Demokratien besonders erschreckend. Sie
schwächt das Vertrauen in Institutionen, plündert das
Wertvollste und unterminiert Marktreformen.
Natürlich muß jedes Land eigene Maßnahmen zur
Bekämpfung dieser Bedrohungen ergreifen. Die
Clinton-Administration schließt zur Zeit eine Überprüfung unseres Ansatzes zu grenzüberschreitenden
Verbrechen ab, die eine bessere, koordiniertere
Inangriffnahme des Problems zur Folge haben wird.
Um anderen Ländern bei der Bewältigung krimineller
Bedrohungen behilflich zu sein, haben die Vereinigten Staaten und Ungarn in Budapest die internationale Strafverfolgungs-Akademie gegründet, um
Polizei- und Strafverfolgungsbeamte aus Zentraleuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjet-

AMERIKA DIENST 28

union auszubilden. Bilateral und über das UNDrogenprogramm bieten wir ähnliche Hilfe für Länder,
deren Gesetze durch Drogenkartelle unterwandert
werden.
Eine besonders heimtückische Form des Verbrechens ist die Geldwäsche. Alle Nationen sollten die
Empfehlungen der OECD umsetzen und die Geldwäsche bekämpfen. Die Nationen dieser Hemisphäre
sollten auch die beim gesamtamerikanischen Gipfel
vom Dezember letzten Jahres eingeführten Initiativen
zur Bekämpfung der Geldwäsche fördern. Gemeinsam müssen wir das schmutzige Geld aus unserem
globalen Finanzsystem herausziehen.
Dank der UNO-Konventionen über Drogen und
Verbrechen verfügt die internationale Staatengemeinschaft über hohe Standards, die wir jetzt verwirklichen müssen. Wir fordern die UNO-Mitgliedstaaten auf, die der UNO-Drogenkonvention von 1988
noch nicht beigetreten sind, dies zu tun. Die Länder,
die der Konvention zugestimmt haben, sollten ihre
wichtigsten Bestimmungen unverzüglich umsetzen.
Wir werden uns zunehmend bewußt, daß Umweltzerstörung und unkontrolliertes Bevölkerungswachstum die Sicherheit unserer Nationen und das Wohlergehen unserer Völker bedrohen. Die schädlichen
Auswirkungen sind in Hungersnöten, Kindersterblichkeitsraten, Flüchtlingskrisen und dem Abbau der
Ozonschicht sichtbar. An Orten wie Ruanda und
Somalia führen sie zu Bürgerkriegen und Katastrophen, die nur durch kostenintensive internationale
Intervention gelöst werden können. Wir müssen die
bei der Kairoer Konferenz im vergangenen Jahr und
der Konferenz von Rio vor drei Jahren eingegangenen Verpflichtungen ausführen.
Unsere Probleme waren nie komplexer. Es war nie
offenkundiger, daß diese Probleme alle Nationen
betreffen - Entwicklungs- und Industrieländer gleichermaßen. Nur durch Zusammenarbeit können wir
effektiv die uns alle konfrontierenden Bedrohungen
bewältigen.
Aus diesem Grund müssen wir im 50. Jahr des
Bestehens der Vereinten Nationen ihre Tagesordnung
so gestalten, als würden wir die Institution neu
gründen. Ebenso wie die Gründer der UNO einen
neuen Rahmen zur Abschreckung von Aggression
und bewaffneten Konflikten schufen, müssen die
Vereinten Nationen, und vor allem der Sicherheitsrat,
jetzt der Bekämpfung der durch Weiterverbreitung,
Terrorismus, internationales Verbrechen, Drogenhandel und Umweltverschmutzung entstandenen Bedrohung dieselbe Priorität einräumen. Wir sollten
unsere Bestrebungen in der UNO und andernorts
darauf richten, unseren globalen Konsens bezüglich

Seite 5

�dieser Bedrohungen in konkrete Aktionen umzusetzen. Wir müssen die Vereinten Nationen nicht um

ihretwillen, sondern um unsertwillen erneuern und
reformieren.
Ich danke Ihnen.

* * * *

*

,

Seite 6

AMERIKA DIENST 28

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Vorgeschlagene Haushaltskürzungen gefährden
amerikanische Führungsrolle
Rede von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - US-Außenminister Warren Christopher zufolge stellen die vom Kongreß erwogenen
einschneidenden Kürzungen des Haushalts für auswärtige Angelegenheiten eine ernsthafte Bedrohung der
amerikanischen Interessen sowie "einen fundamentalen Bruch mit der amerikanischen Führungstradition" dar.
In einer am 20. September 1995 vor dem Council on Foreign Relations in Washington gehaltenen Rede
äußerte Christopher, die direkteste Bedrohung seien die jüngsten Aktionen des Bewilligungsausschusses des
Senats, den Haushalt des Außenministeriums um nahezu 300 Millionen Dollar zu kürzen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Außenministers im Wortlaut.

Vielen Dank, Pete, für Ihre einleitenden Worte. Ich
hege große Bewunderung für Sie und die vielen von
Ihnen im öffentlichen und privaten Sektor geleisteten
Beiträge. Im letzten Jahrzehnt hat niemand mehr
getan, um dem Land die Dringlichkeit einer Lösung
der Frage des Haushaltsdefizits zum Bewußtsein zu
bringen. Ich hatte die Ehre, unter Ihnen als Vizepräsident des Councils zu fungieren - aber unsere
wirkliche Wesensverwandtschaft liegt in unseren
gemeinsamen Wurzeln in der Prärie - Petes in
Nebraska und meine in North Dakota. Obwohl wir
schließlich beide in großstädtischen Wolkenkratzern
landeten, hatte es gewisse Vorteile, im weiten Land
im Herzen der Staaten aufgewachsen zu sein.
Wie Sie wissen, hatte ich ursprünglich vor, heute
über die Verbindung zwischen der Wirtschaft und
unserer Außenpolitik zu sprechen. Aber heute
abend habe ich etwas weitaus Dringlicheres im Kopf:
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
und die Notwendigkeit angemessener Ressourcen
zu ihrer Beibehaltung. Diese Notwendigkeit wird
durch zwei Gebiete illustriert, mit denen ich mich
diese Woche befaßt habe - das ehemalige Jugoslawien und der Nahe Osten. Ich möchte zunächst
kurz auf jede dieser Fragen eingehen, bevor ich
mich meinem Hauptthema zuwende.
Die internationale Staatengemeinschaft konnte in
mehr als drei Jahren keine friedliche Beilegung des
Konflikts im ehemaligen Jugoslawien herbeiführen.
Dank der von Präsident Clinton übernommenen
Führungsrolle sowie einer erneuerten Entschlossenheit der internationalen Staatengemeinschaft ma-

AMERIKA DIENST 28

chen wir jetzt jedoch auf diplomatischer und militärischer Ebene Fortschritte, die wirklich Hoffnung auf
Ergebnisse wecken.
Vor zwei Monaten überzeugten wir unsere Verbündeten in London, daß den serbischen Angriffen auf die
Schutzzonen mit substantiellen und entschiedenen
Luftschlägen begegnet werden sollte.
Seitdem
konnten Sie beobachten, wie unsere äußerst effektiven NATO-Streitkräfte diese Entscheidung in die Tat
umsetzen. Vor zwei Wochen half unsere Verhandlungsdelegation, die Parteien davon zu überzeugen,
den Fortbestand Bosniens als ein Staat innerhalb
seiner derzeitigen international anerkannten Grenzen
zu akzeptieren.
Unsere Unterhändler kehrten heute morgen zu
Konsultationen und zur Entgegennahme weiterer
Anweisungen nach Washington zurück.
In den
nächsten Tagen werden sie ihre intensive Pendeldiplomatie fortsetzen und ausreichende Übereinstimmung über Schlüsselfragen anstreben, damit direkte
Verhandlungen über eine endgültige Lösung beginnen können.
Ohne unsere militärischen Fähigkeiten und die
Bereitschaft zu ihrem Einsatz befänden wir uns in
Bosnien immer noch in einer Sackgasse. Andererseits schafft militärische Stärke ohne Diplomatie allein
nicht die Bedingungen zur Ermöglichung eines
dauerhaften Friedens. Diplomatie und Stärke sind
untrennbare Instrumente amerikanischer Macht, sei
es in Europa oder in anderen wichtigen Regionen.

Seite 1

�Im Nahen Osten war die amerikanische Diplomatie
unerläßlich für den Erfolg der arabisch-israelischen
Verhandlungen. In den letzten Wochen waren wir
hinter den Kulissen aktiv bemüht, Israel und den
Palästinensern bei der Erzielung eines Abkommens
über die Umsetzung der erst vor zwei Jahren in
Washington unterzeichneten Grundsatzerklärung
behilflich zu sein.
Die Verhandlungen über die Durchführung der
zweiten Phase der Grundsatzerklärung sind ein sehr
kompliziertes Unterfangen, das Truppenverlegungen,
Sicherheitsvorkehrungen, Wahlen und die Übertragung von Befugnissen beinhaltet. Es ist daher
nicht erstaunlich, daß die Aushandlung dieses
Abkommens viel Zeit erforderte. Erstaunlich ist
vielmehr, daß die Parteien so schwierige Fragen
überwinden und kurz vor einer Übereinkunft stehen.
Dieses Abkommen wird Israels verständliche Sicherheitserfordernisse widerspiegeln und mehr als
zwei Millionen Palästinenser im gesamten Westjordanland in die Lage versetzen, Kontrolle über die
grundlegendsten Aspekte ihres täglichen Lebens
auszuüben. Wieder erwarten die Parteien von uns
die Übernahme einer zentralen Rolle, um die für die
Verwirklichung des Friedens erforderliche Unterstützung zu gewähren.
Bosnien und der Nahe Osten sind Beispiele für die
komplexen Konflikte, mit denen wir in der Welt nach
dem Ende des Kalten Krieges weiterhin konfrontiert
sind. Die in den letzten Wochen erzielten Fortschritte beinhalten eine deutliche Lektion: Wenn die
Welt sich großen Herausforderungen gegenübersieht, kann ohne eine Führungsrolle der Vereinigten
Staaten sehr wenig erreicht werden. Und unsere
Führungsrolle kann nicht auf die billige Art aufrechterhalten werden.
Wie Sie alle wissen, wurde der Council on Foreign
Relations vor sieben Jahrzehnten gegründet, um für
eine amerikanische Führungsrolle einzutreten. Nach
dem Ersten Weltkrieg und unserem Rückzug in den
Isolationismus befaßte sich die erste Generation der
Mitglieder des Rates mit einer der großen Herausforderungen in unserer Demokratie: Sie begann die
Bildung eines dauerhaften Konsenses über den
Vorschlag, man müsse Verpflichtungen eingehen
und die Ressourcen für ein starkes Amerika und
eine bessere Welt aufwenden.
Jetzt, nach dem Ende des Kalten Krieges, haben wir
die einzigartige Chance, unsere Interessen und
Werte zu fördern. Wohin ich auch gehe - Amerika
ist aufgerufen, Orientierung und Führung zu bieten.
Auf jedem Kontinent entstehen offene Märkte und
offene Gesellschaften und geben uns die große
Chance zur Förderung von Wohlstand und Stabilität.

Seite 2

Diese vielversprechende Situation wird jedoch nur
andauern, solange wir an ihrer Aufrechterhaltung und
Weiterentwicklung arbeiten. Wir können die von uns
angestrebte Welt nicht bloß herbeiwünschen.
Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle ist
eine zentrale Lektion dieses Jahrhunderts.
Als
Weltmacht mit globalen Interessen stellt Rückzug für
die Vereinigten Staaten keine verantwortungsvolle
Option dar.
Die Welt bleibt gefährlich. In den letzten Jahren fand
auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, wo
immer noch Tausende von Nuklearwaffen stationiert
sind, ein halbes Dutzend bewaffneter Konflikte statt.
Wir müssen ständig wachsam sein um sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und Nordkorea nicht in
den Besitz von Massenvernichtungswaffen gelangen
und ihre Nachbarn damit bedrohen können. Dieses
Gebot wird durch die jüngste und eindeutige Bestätigung unterstrichen, daß Saddam sich bemüht, ein
massives biologisches Waffenprogramm zu verstecken. Terrorismus und organisiertes Verbrechen
gefährden auch unsere Sicherheit sowie das Überleben der neuen Demokratien.
Mit Blick auf die heutige Wert haben der Präsident
und ich große Hoffnungen, aber keine Illusionen.
Unser Haushalt ist das Spiegelbild unseres Verständnisses der uns konfrontierenden Chancen und
Bedrohungen und strebt die Bereitstellung der Mittel
an, die Amerika zu ihrer Bewältigung benötigt. In
einer Welt ohne Gefahren wären die jüngsten Versuche des Kongresses, diese Mittel zu verweigern,
vielleicht verständlich. Aber in der realen Welt
würden diese Aktionen Amerika zu einem Zeitpunkt
schwächen, an dem wir stark bleiben müssen.
Wie Pete Petersen uns so oft vor Augen führte, sieht
sich unsere Nation keiner größeren Herausforderung
gegenüber als der, unser wirtschaftliches Haus in
Ordnung zu bringen. Seit den frühen achtziger
Jahren hat das Haushaltsdefizit unsere Handlungsfähigkeit eingeschränkt und unsere Glaubwürdigkeit
bei unseren Verbündeten und Handelspartnern
geschwächt. Vor diesem Hintergrund betrachte ich
das Paket des Präsidenten von 1993 zur Verringerung des Haushaltsdefizits als eine der wichtigsten
außenpolitischen Leistungen.
Das Außenministerium ist nicht von den Haushaltskürzungen ausgenommen und sollte es auch nicht
sein. Tatsächlich wurden unsere Ausgaben für
auswärtige Angelegenheiten im letzten Jahrzehnt real
um 45 Prozent reduziert. Unter meiner Leitung
haben wir 1.300 Stellen gestrichen und die Verwaltungsausgaben innerhalb von zwei Jahren um 5
Prozent gesenkt.

AMERIKA DIENST 28

�Das amerikanische Volk verlangt zu Recht, daß wir
bei der Entscheidung über die Verwendung seiner
Steuergelder äußerst strenge Maßstäbe anlegen.
Gleichzeitig erwartet es im Grunde genommen, daß
seine Regierung das zur Gewährleistung von Sicherheit und Wohlstand Amerikas Erforderliche
unternimmt. Daher haben der Präsident und ich
eine Linie gezogen: Wir wenden uns gegen Haushaltskürzungen, die so radikal sind, daß sie den
Interessen unserer Nation schaden und unsere
Fähigkeit zur Übernahme einer Führungsrolle
beschneiden.
Bedauerlicherweise scheinen zu viele Kongreßabgeordnete diese Linie überschreiten zu wollen. Die
führenden Vertreter des neuen Kongresses fordern
bei jeder Gelegenheit eine Führungsrolle Amerikas.
Aber allzuviele wollen uns das Minimum an Mitteln
verweigern, das jede Administration zur Erfüllung
dieser Aufgabe benötigen würde. Wenn der Senat
sich an die vom Bewilligungsunterausschuß für das
Wirtschafts-, Justiz- und Außenministerium genehmigten Größenordnungen hält, würde der Haushalt
des Außenministeriums innerhalb eines Jahres um
20 Prozent gekürzt - die größte Kürzung bei den
Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten in der
amerikanischen Geschichte. Wenn diese Kürzungen
beschlossen werden, haben wir keine andere Wahl,
als den Präsidenten um sein Veto gegen diese
Gesetzesvorlage zu bitten.
Vergangenen November befand ich mich am Tag
nach den Kongreßwahlen in Seoul, der ersten
Station meiner langen Asienreise. Damals war ich
ebenso wie heute davon überzeugt, daß die Kongreßwahlen keinen Freibrief darstellen, unsere
globalen Interessen oder die Notwendigkeit einer
überparteilichen Außenpolitik aus den Augen zu
verlieren. Daher habe ich zugesagt, daß die Vereinigten Staaten fest und unerschütterlich zu ihren
weltweiten Verpflichtungen stehen werden.
Der überparteiliche Konsens bezüglich des amerikanischen Engagements in der Welt ist ein Zeichen der
amerikanischen Stärke.
Vor fünf Jahrzehnten
ermöglichte dieser Konsens es Demokraten wie
Truman und Republikanern wie Vandenberg zusammenzukommen, um die NATO und den Marshallplan ins Leben zu rufen. Wenige Jahre später
kandidierte Dwight Eisenhower zum Teil für die
Präsidentschaft, um die Republikanische Partei fest und wie er hoffte, für immer - für globales Engagement zu gewinnen. In den vergangenen zwei
Jahren widerstand dieses Engagement den Kräften
des Isolationismus und Protektionismus bei NAFTA
und GATT und hat unsere Unterstützung für Reformen in der ehemaligen Sowjetunion und den Nahost-Friedensprozeß gefördert.

AMERIKA DIENST 28

In diesem Zusammenhang war ich erfreut, als gestern der frühere Präsident Bush vor den "Kräften der
Isolation" warnte und der New Yorker Bürgermeister
Giuliani "die mächtige Woge des Isolationismus, die
unseren politischen Diskurs erneut infiziert", kritisierte.
Ich hoffe noch immer, daß diese Sichtweise im
Kongreß vorherrschen wird.
Überparteilichkeit hat nie Differenzen in Fragen der
Politik ausgeschlossen. Sie erfordert jedoch die
Übereinstimmung, daß wir unsere Interessen nicht
schützen können, wenn wir nicht die mit unseren
Verpflichtungen einhergehenden Ressourcen klug
verwalten. Wir können nicht alles haben. Diejenigen,
die sagen, sie wollen ein starkes Amerika, haben die
Pflicht, Amerikas Stärke zu bewahren. Und diplomatische Bereitschaft ist unsere erste Verteidigungslinie großenteils damit wir nicht gezwungen sind, unsere
Männer und Frauen in Uniform unnötigen Risiken
auszusetzen. Moral, Ausrüstung und Kommunikation
sind für unsere Diplomaten nicht weniger wichtig als
für unsere Soldaten.
Bedauerlicherweise haben beide Häuser des Kongresses in den vergangenen Monaten drakonische
Maßnahmen zur Kürzung unseres Haushalts für
auswärtige Angelegenheiten vorgeschlagen. Die
jüngsten Aktionen des Senats-Bewilligungsausschusses stellen die vielleicht unmittelbarste Bedrohung
unserer nationalen Interessen dar.
Die für die Bewilligungen zuständigen Senatsbeamten
wollen beispielsweise das grundlegende Betriebsbudget des Außenministeriums um nahezu 300
Millionen Dollar kürzen. Das könnte uns zwingen,
rund 50 Botschaften und Konsulate zu schließen das entspräche allen Missionen in Asien oder Afrika.
Es könnte uns zwingen, zahlreiche Entlassungen und
unfreiwilligen unbezahlten Urlaub, die Schließung von
Paßbüros sowie die Einstellung der Modernisierung
unserer Kommunikationssysteme in Erwägung ziehen
zu müssen.
Unser Opfer wäre das Prinzip der Universalität
unserer Vertretung im Ausland - das Prinzip, daß es
praktisch in jedem Land eine amerikanische Mission
geben sollte. Universelle Vertretung hat sich zu
Beginn dieses Jahres als unschätzbar erwiesen, als
über 170 Länder der Welt von Albanien bis Zaire
gleiches Mitspracherecht bei der Verlängerung des
Nichtverbreitungsvertrags hatten und gleichermaßen
von der amerikanischen Diplomatie überzeugt werden
mußten. Sie ist ebenfalls unerläßlich, wenn unerwartet eine Krise ausbricht, sei es in Burundi oder
Belarus, und wenn amerikanische Staatsbürger an
irgendeinem Ort der Welt in Gefahr sind.

Seite 3

�Tag für Tag hängt unsere Fähigkeit zur Bewältigung
dieser Herausforderungen von unseren Mitarbeitern
vor Ort ab. Sie sind für die Rüstungskontrollabkommen mit der Ukraine und Rußland verantwortlich.
Sie sind es, die Einzelheiten unseres Abkommens
über den Schutz geistigen Eigentums mit China
ausgearbeitet haben und seine Umsetzung sicherstellen müssen. Sie müssen die kriegführenden
Parteien in Bosnien überzeugen, sich für den Frieden zu entscheiden - mit hohem Risiko für ihr
Leben, wie wir gesehen haben. Deshalb werde ich
so ärgerlich, wenn ich abfällige Bemerkungen über
Diplomaten im Nadelstreifenanzug und in Limousinen höre.
Im vergangenen Jahr haben die Mitarbeiter unserer
Vertretungen im Ausland nahezu zwei Millionen
Anträge von Amerikanern in Übersee beantwortet.
Wir haben über sechs Millionen Pässe ausgegeben.
In den vergangenen Jahren haben unsere Mitarbeiter amerikanischen Firmen Kontakte für Gewinne in
Milliardenhöhe verschafft. Unsere Missionen sind
auch die Arbeitsbasis für über 38 andere Dienststellen etwa des Verteidigungs-, Wirtschafts- und
Landwirtschaftsministeriums, des FBI und der Drogenbekämpfungsbehörde.
Wenn der Kongreß einschneidende und verheerende
Kürzungen vorschreibt, frage ich mich oft, ob er sich
Gedanken darüber gemacht hat, an welchen Orten
der Welt wir einen Rückzug beginnen sollten.
Sollten wir unsere Mitarbeiter von den Botschaften
im Nahen Osten zu einem für den Friedensprozeß
entscheidenden Zeitpunkt abziehen? Sollten wir
Vertretungen in Asien schließen, dem dynamischsten
Markt für unsere Exporte weltweit? Sollten wir
weniger Vorbereitungen für den nächsten Gipfel der
westlichen Hemisphäre treffen und den dramatischsten Marsch der Welt zu Demokratie ignorieren?
Wären Kürzungen dieser Größenordnung vor wenigen Jahren genehmigt worden, frage ich mich, wo
sie vorgenommen worden wären. Bei Haiti? Auf
dem Balkan? Im Falle Nordostasiens?
Eine Hauptaufgabe unserer Diplomaten besteht in
der Verhinderung von Krisen, die uns sonst teuer zu
stehen kommen würden. Dank unseres vereinbarten
Rahmenabkommens mit Nordkorea, mit dem das
Nuklearprogramm des Landes eingefroren wurde,
sparen wir beispielsweise jetzt Millionen Dollar.
Ohne es hätten wir uns gezwungen gesehen, unsere
Streitkräfte in Nordostasien drastisch aufzustocken.
Dennoch haben wir Schwierigkeiten, den Kongreß
zur Genehmigung von 20 Millionen Dollar für die
Umsetzung des Abkommens als unseren bescheidenen Beitrag zu den Milliarden, nicht Millionen Dollar
zu bewegen, die Südkorea und Japan aufzuwenden
bereit sind.

Seite 4

Ich bin auch entschlossen, mich den drastischen
Kürzungen zu widersetzen, die für unsere Beiträge zu
internationalen Institutionen vorgeschlagen wurden.
Die für die Bewilligungen Zuständigen im Senat
wollen unsere Mittel für internationale Institutionen um
nahezu 400 Millionen Dollar reduzieren.
Diese
Maßnahmen könnten unsere Verpflichtungen gegenüber der NATO beeinträchtigen. Sie würden uns
zwingen, die Unterstützung für die Internationale
Atomenergie-Organisation einzuschränken, die für
unsere Bestrebungen von entscheidender Bedeutung
ist, sicherzustellen, daß Länder wie der Irak und
Nordkorea nicht Nuklearwaffenstaaten werden. Sie
würden die Weltgesundheitsorganisation betreffen,
die führend beim Kampf gegen Krankheiten wie AIDS
und Ebola ist.
Unsere Beiträge zur Friedenssicherung würden auf
nur 250 Millionen Dollar begrenzt. Das würde den
Abzug von Friedenstruppen und Monitoren aus
lebenswichtigen Krisengebieten erzwingen, einschließlich des Nahen Ostens. Die Friedenssicherung hat nicht immer ihren beabsichtigten Zweck
erreicht. Aber ebenso sicher hat sie uns die Förderung unserer Interessen ermöglicht, ohne unsere
Truppen zu zwingen, alle Risiken zu tragen oder den
Steuerzahler, alle Rechnungen zu bezahlen. Ohne
die Friedenssicherung wären wir jedes Mal, wenn
eine Krise entsteht, mit einer inakzeptablen Entscheidung konfrontiert - der Entscheidung, im Alleingang zu handeln oder gar nichts zu tun.
Wenn wir unsere Beiträge zur Friedenssicherung
nicht zahlen, setzen wir auch unsere Fähigkeit aufs
Spiel, auf die Reform der Vereinten Nationen und
anderer Institutionen zu drängen. Zweifelsohne sind
weitreichende Veränderungen erforderlich. Aber wir
werden unsere Verbündeten nicht für die Unterstützung unserer Vorschläge gewinnen, wenn sie
denken, wir nehmen die Reformen als Vorwand,
unsere Verpflichtungen zu umgehen. Wir können
nicht reformieren und uns gleichzeitig zurückziehen.
Die Mitglieder des Bewilligungsauschusses haben
auch dafür gestimmt, das Amt für Rüstungskontrolle
und Abrüstung (Arms Control and Disarmament
Agency - ACDA) um über 50 Prozent zu reduzieren.
Wie Sie wissen, stehen wir unmittelbar vor einem
wichtigen Durchbruch in diesem Bereich, einschließlich eines Vertrags über ein umfassendes Atomtestverbot. Warum sollten wir diesen Moment wählen,
um die zur Aushandlung und Verifizierung solch
lebenswichtiger und komplexer Rüstungskontrollabkommen erforderlichen Ressourcen zu dezimieren?
Der Senat will auch die Mittel für das US-Informationsamt (United States Information Agency - USIA)
sowie für internationale Fernseh- und Rundfunksen-

AMERIKA DIENST 28

�düngen kürzen - des Sprachrohrs für unsere Werte
und mit der kostengünstigste Weg zur Projizierung
unseres Einflusses.
Ich möchte hinzufügen, daß ACDA, USIA und das
Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) spezifische Missionen haben, die beibehalten werden sollten. Hier
geht es um Ressourcen, nicht Reorganisation.
Zu den von mir bereits angesprochenen Kürzungen
kommen noch andere Vorschläge des Kongresses,
die im Falle ihrer Verabschiedung die Auslandshilfe
um fast 3 Milliarden Dollar kürzen würden. Das
würde die Finanzierung für multilaterale Entwicklungsbanken und bilaterale Hilfe zunichte machen.
Ich glaube nicht, daß Präsident Eisenhower unrecht
hatte, als er Amerikas Auslandshilfe als "beste
Investition" bezeichnete. Ich glaube nicht, daß jeder
seit dem Zweiten Weltkrieg gewählte Kongreß
unrecht hatte, als erden amerikanischen Diplomaten
vor Ort stetige Unterstützung gewährte. Ich glaube
nicht, daß jede Administration seit den Tagen von
Franklin D. Roosevelt unrecht hatte bezüglich der
vitalen Bedeutung internationaler Organisationen.
Die vorgelegten Haushaltsvorschläge enthüllen
meiner Ansicht nach, wir kurz unser historisches
Gedächtnis ist. Sie spiegeln einen beunruhigenden
Mangel an Verständnis dafür wider, was die Vereinigten Staaten in den vergangenen 50 Jahren in
der Welt geleistet haben - und wie wir es geleistet
haben. Kürzungen dieser Größenordnung würden
schlicht und einfach einen fundamentalen Bruch mit

*

AMERIKA DIENST 28

der amerikanischen Führungstradition bedeuten. Sie
sind nicht verantwortlich. Die Fähigkeit dieses und
jedes zukünftigen Präsidenten zur Wahrung amerikanischer Interessen steht auf dem Spiel.
Abgesehen von den Budgetkürzungen sollte ich
erwähnen, daß der Senatsausschuß für auswärtige
Angelegenheiten im Augenblick die Nominierungen
von Botschaftern für 30 Länder zurückhält. Er
verweigert auch die Abstimmung über zwei Verträge START II und die Chemiewaffenkonvention - zu
denen praktisch einhellige Zustimmung besteht.
Zusammengenommen verkörpern die von mir heute
abend beschriebenen Aktionen einen beispiellosen
Angriff auf die Fähigkeit zur Durchführung einer
effektiven Außenpolitik eines Landes.
Ich schätze den Rat als Ort lebhafter Diskussionen
und einer gesunden Debatte. Welche Meinungsverschiedenheiten wir über spezifische politische Themen auch haben mögen - ich bitte Sie, folgendes in
Erwägung zu ziehen: Wenn diese Kürzungen vorgenommen werden, könnten wir in wenigen Jahren
nicht die Mittel zur Umsetzung einer Außenpolitik
haben, für die es sich einzutreten lohnt. Und das
wäre eine Tragödie für das Land und die Welt
gleichermaßen.
Die Zeit ist knapp. Jeder von uns muß bessere
Arbeit bei der Verteidigung des andauernden Bedarfs
nach einer amerikanischen Führungsrolle leisten.
Wenn wir Erfolg haben, können wir hoffentlich zu der
Debatte zurückkehren, die wir haben sollten - der
Debatte darüber, wie Amerikas Stärke genutzt wird,
statt darüber, ob wir stark sein sollten.

* * *

*

Seite 5

�AUSSENPOLITIK
27. September 1995

Amerika auf der Suche nach einer Parole
von Maynard Glitman
(AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel von Maynard Glitman über die amerikanische Außenpolitik
nach dem Kalten Krieg. Der Verfasser ist Professor für Politikwissenschaften an der University of Vermont,
ehemaliger amerikanischer Botschafter in Belgien und Chefunterhändler der Amerikaner bei den
Verhandlungen über beiderseitige und ausgewogene Truppenreduzierungen sowie über Atomraketen mittlerer
Reichweite. Glitman absolvierte kürzlich ein Programm als Gastredner in der Türkei, Bulgarien, Frankreich und
Kanada.

Amerika wurde während des Großteils seiner Geschichte von hehren, inspirierenden Zielen motiviert,
die oftmals mit dem Bestand der Gesellschaft in
Zusammenhang standen. Charakteristisch für die
ersten Jahre waren die Ansiedlung von Europäern
und ihr Überleben sowie das Bestreben, Unabhängigkeit zu erlangen und zu bewahren. Die Entwicklung und Einführung eines auf die amerikanische
Erfahrung zugeschnittenen
Regierungssystems
sowie der Kampf um die Aussöhnung des unvereinbaren Nebeneinanders von Demokratie und Sklaverei gipfelte im anschließenden Bürgerkrieg.
Während dieser Zeit und bis weit ins letzte Jahrzehnt
des 19. Jahrhunderts wurde der greifbare Ausdruck
von Amerikas "Manifest Destiny" von der großen
Westbewegung, der "Frontier", beherrscht. Als die
"Frontier" nicht mehr existierte, liebäugelte Amerika
kurze Zeit mit dem Ziel der Gründung eines kolonialistischen Imperiums.
Der Eintritt in den Ersten Weltkrieg, Roosevelts
Bestrebungen zur Überwindung der Weltwirtschaftskrise und insbesondere der Zweite Weltkrieg waren
ebenfalls Beispiele für profunde und weithin akzeptierte nationale Ziele mit noblem Charakter, die unter
anderen Tagesfragen hervorstachen, zu einer Parole
für die Nation wurden und anschließend nahezu
mythische Eigenschaften annahmen.
Der Sieg im Kalten Krieg war das letzte dieser
großen nationalen Ziele. Der erste Krieg war lang,
"total" und hatte Auswirkungen auf die nationale
Politik, Wirtschaft und Psyche. Kennzeichnend für
den Kalten Krieg waren seine Länge und Intensität.
Überschattet von der Angst vor der "Bombe", im Sog
einer subversiven Bedrohung war das Gebot, den
Kalten Krieg zu gewinnen, nahezu ein halbes Jahr-

AMERIKA DIENST 28

hundert lang die dominante Realität der nationalen
Existenz. Es veranlaßte Amerika dazu, Aktionen zu
unternehmen und sich auf eine Art und Weise zu
verhalten, die bisweilen dem Selbstbildnis des
Landes widersprach. Ferner verschlang es große
Mengen der intellektuellen und finanziellen Ressourcen des Landes und förderte mit durch eine Vielzahl
von Krisen verursachter Intensität eine Kultur, die
relativ mehr Betonung auf schnelle als auf überlegte
Reaktion legte.
Obwohl der Kalte Krieg so lange Bestandteil des
amerikanischen Lebens war, endete er auf relativ
undefinierbare Weise, ohne daß eine gegnerische
Armee auf dem Schlachtfeld besiegt wurde und die
amerikanischen Streitkräfte zu einer Siegesparade
nach Hause zurückkehrten. Im Gegenteil: Obwohl
die Nation bereit war, ihre Aufmerksamkeit auf die
Überwindung der negativen Auswirkungen des Kalten
Krieges auf ihre innenpolitische Gesundheit zu
konzentrieren, sah sie sich bald gezwungen, außenund sicherheitspolitischen Themen wie dem Golfkrieg
und Bosnien einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit zu
widmen.
All diese Faktoren tragen dazu bei, die Anpassung an
die Gegebenheiten der Welt nach dem Kalten Krieg
schwierig zu gestalten. Der Umgang mit dem Erfolg
im Kalten Krieg erweist sich als ebenso schwierig wie
der Umgang mit der Feindschaft während des Kalten
Krieges. Daher ist es verständlich, daß nur wenige
Jahre nach der Verkündigung der Beendigung dieses
Krieges noch kein neues, übergeordnetes Ziel zum
Vorschein gekommen war, das die amerikanische
Nation einen könnte.
Nicht, daß amerikanische Politiker keine neuen
Parolen ausgegeben hätten.
In Anbetracht der

Seite 1

�Tatsache, daß auswärtige Angelegenheiten den
Kern der Bestrebungen des Kalten Krieges darstellten und eine Rolle bei den anderen großen nationalen Bestrebungen Amerikas spielten, ist es nicht
erstaunlich, daß sie Bestandteil der Versuche in der
Zeit nach dem Kalten Krieg waren, ein neues,
umfassendes nationales Ziel zu entwickeln. Folglich
unterbreitete Präsident Bush das Konzept einer
"neuen Weltordnung" und der Entwicklung eines
Zusammenschlusses freier Nationen "von Vancouver
bis Wladiwostok". Präsident Clinton forderte Amerika auf, die Ausweitung der Demokratie zu unterstützen - zusammen mit seiner innenpolitischen
Tagesordnung unter Betonung wirtschaftlicher
Umstrukturierung und der Einführung eines nationalen Gesundheitsprogramms.
Keine dieser Initiativen schürte jedoch die nationale
Phantasie. Ohne ein übergeordnetes Ziel scheint
die Politik der Vereinigten Staaten, insbesondere die
Außenpolitik, von einem Gefühl der Orientierungslosigkeit charakterisiert zu sein. Dieses Gefühl
wurde verstärkt durch ausgeprägte regierungsfeindliche Gefühle, für die das Ergebnis der Wahlen
von 1994 ein Beispiel ist, die selbst die Rolle der
Regierung in Zweifel zogen. Es ist wahrscheinlich,
daß die Entwicklung eines neuen nationalen Ziels,
das breite Unterstützung findet, bis zur Lösung
dieser Frage an der Wahlurne warten muß.
Eine politische Führungsrolle kann einem neuen
nationalen Ziel Gestalt, Form und Dynamik verleihen.
Sie muß einem tiefempfundenen und weithin unterstützten Bedürfnis nach der Erreichung eines nationalen Ziels entspringen. Die Amerikaner sind dafür
bekannt, daß sie sich kurzlebigen Modeerscheinungen hingeben. Das für die Einigung der Nation in
Größe erforderliche Ziel muß weitaus tiefer verwurzelt sein. Selbst große Wissenschafts- oder Bauprojekte eignen sich hierfür wahrscheinlich nicht.
Daher ist es durchaus möglich, daß noch mehr Zeit
vergehen wird, bis ein Konsens über eine neue
Parole gefunden wird.
Die Welt (und Amerikas innenpolitische Bedürfnisse)
werden jedoch kein Charakteristikum der Zeit sein,
bis die Generation des Zeitalters nach dem Kalten
Krieg in Amerika ihr "Rendevouz mit dem Schicksal"
erkennt. Man wird Maßnahmen entwickeln und
durchführen müssen. Ohne den Impuls eines neuen
nationalen Ziels werden sie wahrscheinlich keine
heroische Dimension haben. Aber die Außenpolitik
während dieser Zeit könnte ein Erfolg sein, wenn sie
drei Kriterien erfüllt: Die Beibehaltung der Fähigkeit
Amerikas, Ereignisse auf der Welt zu beeinflussen,
die Förderung der amerikanischen Sicherheitsinteressen und die Stärkung ihres wirtschaftlichen Wohlergehens.

Seite 2

Eine erste Debatte darüber, wie dieses Ergebnis im
Bereich der Außenpolitik erreicht werden kann, hat
bereits begonnen. Einige sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß im Zeitalter nach dem Kalten Krieg
die Priorität bei der Gewährleistung der amerikanischen Handlungsfreiheit liegen sollte, selbst auf
Kosten einer Schwächung früherer Bündnisse,
insbesondere der NATO, die ihrer Ansicht nach
überflüssig geworden sind.
Es ist das Verdienst des transatlantischen Bündnisses, daß es mehr als jede andere im Kalten Krieg
entstandene Institution die Notwendigkeit des Wandels erkannte. Seine Streitkräfte wurden abgebaut
und umstrukturiert. Es paßte sich an die Evolution
der transatlantischen Partnerschaft an, indem es ein
neues funktionierendes Verhältnis zwischen der
NATO und der WEU schuf. Nach der Gründung des
Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) wurden
ehemalige Gegner eingeladen, an den Konsultationen
im Hauptquartier des Bündnisses teilzunehmen.
Ferner wurden gemeinsame Militärübungen sowie der
Austausch von Personal und Informationen mit
diesen Ländern aufgenommen, was jetzt im Programm Partnerschaft für den Frieden seinen Niederschlag findet, und eine aktive Erwägung der Aussichten und Modalitäten der Aufnahme neuer Mitglieder wurde begonnen.
Um effektiv zu bleiben, muß das Bündnis jedoch vor
allem seine gewohnheitsmäßige Konsultation und
Kooperation im politischen, Sicherheits- und Verteidigungsbereich beibehalten sowie seine Fähigkeit
bewahren, gemeinsame politische oder militärische
Unternehmungen durchzuführen - entweder unter der
Schirmherrschaft des Bündnisses oder eines anderen
Gremiums. Dies wiederum bedeutet, daß Foren des
Bündnisses, insbesondere der Nordatlantikrat und
Mechanismen wie die integrierte Kommandostruktur
und gemeinsame Manöver auf eine Art und Weise
genutzt werden müssen, die allen Mitgliedern gewährleistet, daß sie dank der NATO - sichtlich - über
die Fähigkeit verfügen, eine Bedrohung ihrer Sicherheit abzuwehren und solche Bedrohungen
notfalls zu überwinden.
Die gewohnheitsmäßige Zusammenarbeit und die
Fähigkeit hierzu sind vielleicht das kostbarste Vermächtnis, das die amerikanischen Gründerväter und
diejenigen, die in den langen Jahren des Kalten
Krieges ihre Arbeit taten, nachfolgenden Generationen hinterließen. Es sollte nicht weggeworfen,
sondern mit anderen geteilt werden, beispielsweise
im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden.
In der Tat haben die Mitglieder des Bündnisses diese
Gewohnheiten und diese Fähigkeit in der Zeit nach
dem Kalten Krieg in Teilen der Welt im sogenannten

AMERIKA DIENST 28

�bündnisfremden Gebiet, wo ihre entscheidenden
Interessen auf dem Spiel standen, effektiv genutzt,
vor allem während des Golfkriegs. Obwohl die
NATO als NATO nicht beteiligt war, spielten die im
Bündnis entstandenen Gewohnheiten sowie die
Fähigkeit zur Kooperation und Zusammenarbeit eine
Schlüsselrolle beim Erfolg der politischen und
militärischen Bestrebungen am Golf.
Wir können nicht erwarten, daß alle künftigen Krisen
so klar und eindeutig sind wie der Golfkrieg. Der
Aggressor war klar definiert sowie leicht und zutreffend als eine Bedrohung dargestellt. Das Vorgehen
hatte daher legale und moralische Rechtfertigung.
Das gemeinsame Interesse der Bündnispartner an
der Gewährleistung, daß dieser Aggressor nicht
vitale Ressourcen in die Hand bekommt, war ebenfalls offenkundig und lieferte die realpolitische
Grundlage für die Militäraktion.
Wir können auch nicht erwarten, daß alle künftigen
Krisen so komplex und verwirrend sein werden wie
die im ehemaligen Jugoslawien. Der Klarheit der
Situation am Golf, einschließlich eines Gefühls für
die betroffenen nationalen Interessen, steht in der
Balkansituation das genaue Gegenteil gegenüber.
Auf jeden Fall haben die langwierigen und bisher
erfolglosen Bestrebungen zu einer Lösung dieser
Situation nicht nur viele Menschenleben gefordert,
sondern uns auch ein starkes Gefühl des Scheiterns
vermittelt, das im Westen das Selbstvertrauen
unterminiert und das Gefühl "gemeinsamer strategischer Interessen" geschwächt hat, selbst wenn die
Verbündeten dies in ihrem Kommunique vom Mai
1995 proklamierten.
Aber das Scheitern bezieht sich eher auf die Analyse sowie das Verständnis der Geschichte der Region
und des Temperaments seiner Völker als auf mangelnde Willenskraft. Der Wille wäre dagewesen,
wenn wir uns einer der Zeit und dem Ort angemessenen Politik verschrieben hätten.
Wäre zum Beispiel frühzeitig erkannt worden, daß
Jugoslawien sich nicht durchwursteln kann und
auseinanderbrechen würde; wäre erkannt worden,
daß die serbischen Minderheiten zwar bereit wären,
in von kroatischen und slawischen Muslimen dominierten Republiken im Kontext eines föderalen
Jugoslawien zu leben, sie sich jedoch weigern
würden, in solchen Republiken zu leben, wenn diese
unabhängige Staaten geworden wären; wäre das
Widerstreben der westlichen Öffentlichkeit und der
Politiker, in den Krieg einzugreifen, um die serbischen Minderheiten zu zwingen, Teil von Kroatien
und Bosnien zu bleiben, garantiert gewesen; wäre
verstanden worden, daß Menschen nicht mit Bomben zu liebevollen Beziehungen gezwungen werden

AMERIKA DIENST 28

können, sondern daß im Gegenteil, wie durch den
Abzug der Krajina-Serben vor kurzem demonstriert
wurde, viele wünschen oder sich genötigt sehen
würden, lieber umzusiedeln, als in einem von den
anderen jugoslawischen ethnischen/religiösen Gruppen dominierten Staat zu leben, insbesondere
nachdem das Blutvergießen begonnen hatte - dann
wäre der Ansatz zu diesem Problem anders gewesen.
Die Betonung hätte von Anfang an auf der Schaffung
einer neuen Struktur und deren finanzieller Unterstützung gelegen, einschließlich eines lebensfähigen
Staates slawischer Muslime (mit hoffentlich einigen
Rudimenten der Multiethnizität) entlang vornehmlich
slowenischer, serbischer und kroatischer Staaten.
Die Verpflichtung aller vier zu starken Minderheitenrechten wäre ein sine qua non für offizielle Anerkennung gewesen. Hilfsprogramme wären eingerichtet
worden, einschließlich der Entschädigung für zurückgelassenes Eigentum und Hilfestellung bei der
Rückführung, wie sie im Falle von Griechenland und
Bulgarien sowie von Griechenland und der Türkei im
Anschluß an ähnlich blutige ethnische Konfrontationen Anfang der zwanziger Jahre erfolgte.
Selbst aus der gegenwärtigen Perspektive betrachtet,
ist dies zwar kein perfektes Ergebnis und ein schwacher Trost für diejenigen von uns, die den Schmelztiegel-Ansatz befürworten, es ist jedoch sicherlich das
geringste Übel. In der Tat legen Berichte über den
Inhalt des letzten von den Vereinigten Staaten
unterstützten Friedensplans für die Region nahe, daß
er sich auf eben solche Prämissen stützt, einschließlich der Bereitschaft, den Ansatz der Kompromißlosigkeit aufzugeben, der ein Merkmal früherer, den
kriegführenden Slawen im Süden vorgelegter Pläne
war. Darüber hinaus haben die bosnisch-serbische
Führung und das Parlament (noch vor Beginn der
Bombardierungen) ein Interesse an einer Verhandlungslösung auf der Grundlage dieses Vorschlags
zum Ausdruck gebracht.
Die Zeit wird weisen, ob das letztliche Ergebnis der
Balkan-Tragödie einen Teil des Selbstbewußtseins
wiederherstellen wird, das die Verbündeten in den
vergangenen Jahren verloren haben. Die jüngste
Demonstration der Entschlossenheit gekoppelt mit
dem neuen, realistischeren, politischen Ansatz sollte
hierbei behilflich sein.
Neue Vorschläge für die Stärkung der transatlantischen und europäischen sicherheitspolitischen
Beziehungen wurden ebenfalls vor kurzem unterbreitet.
Dazu zählen Vorschläge bezüglich der
Chartas, Pakte und Freihandelszonen, die in Wirklichkeit breite, übergreifende und häufig interpretierende
Ansätze einzusetzen versuchen, um alten Arran-

Seite 3

�gements neues Leben einzuhauchen oder die
Kluften in neuen zu überbrücken. Herausragend
dabei sind die Rufe nach einer neuen transatlantischen Charta, um Richtlinien für die Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und
Europa in der Zeit nach dem Kalten Krieg aufzustellen sowie die Erarbeitung einer Art von Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland.
Ein ähnliches, aber konkreteres Konzept betrifft die
Entwicklung einer Freihandelszone, die Nordamerika
mit der Europäischen Union (EU) verbindet. Dieser
Vorschlag hat bereits zu Debatten über ihre Auswirkungen auf die neue Welthandelsorganisation
geführt, die Handel auf globaler Basis ausweiten soll.
Sie würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Wunsch, wenn nicht sogar den Zwang
vergrößern, daß die europäischen Nichtmitglieder
der EU entweder Mitglieder werden oder ihre Assoziierungsarrangements mit der EU erweitern, wenn sie
nicht einen enormen kommerziellen Nachteil hinnehmen wollen.
In der derzeitigen Situation ist es am wichtigsten,
daß die Regierungen diesen Weg nur verfolgen,
wenn sehr gute Aussichten auf Erfolg bestehen.
Denn das Scheitern eines Abschlusses der Verhandlungen über eine neue transatlantische Charta, eine
transatlantische Freihandelszone oder einen Sicherheitspakt zwischen dem Bündnis und Rußland
könnte den Beziehungen, die sie stärken sollen,
großen Schaden zufügen.
Letztlich werden weder diese Ansätze noch die
anderen in der europäischen Sicherheitsarchitektur
vorgenommenen Änderungen Erfolg haben, wenn
die Mitglieder des Bündnisses nicht der Auffassung
sind, daß sie immer noch gemeinsame Interessen
haben, die eine Fortsetzung erstrebenswert machen.
Mit dem Ende des Kalten Krieges besteht zweifelsohne nicht mehr das fundamentale gemeinsame
Interesse, einer Bedrohung der Existenz freier
Gesellschaften durch die Sowjetunion zu widerstehen. Infolgedessen werden die Bündnispartner
Differenzen in Bereichen wie Handel, einschließlich
des Handels mit Mehrzwecktechnologien, nicht so
leicht immer noch vitalen, aber nicht allumfassenden
Sicherheitserwägungen unterordnen.
*

Seite 4

Dennoch gibt es immer noch mehr als genug Gebiete
gemeinsamen Interesses, die die Bewahrung eines
umstrukturierten Bündnisses rechtfertigen. Natürlich
denkt man an den Golfkrieg. Man könnte jedoch
auch die Bereitwilligkeit anführen, mit der die Mitglieder sich an das Bündnis wandten, ein Forum für
die Erörterung des gescheiterten Putsches in Moskau
vom August 1991 und den innenpolitischen Konflikt
zwischen Präsident Jelzin und der russischen Duma
im Oktober 1993 zu bieten. Die andauernde operative Unterstützung, die sich die Bündnispartner in
Gebieten wie Afrika gewährten, sowie der Wert ihrer
Zusammenarbeit in internationalen Foren wie den
Vereinten Nationen sind andere Beispiele. Besteht
irgendein Zweifel, daß es weitere geben wird?
Es ist offensichtlich, daß es Meinungsverschiedenheiten geben wird, zum Beispiel darüber, wie man mit
der Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung durch
den Iran umgeht. Dennoch sind Differenzen über die
Bewältigung solcher Probleme nicht völlig neu und
traten auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges auf.
Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit
und der Bewahrung der Bündnispartnerschaft angesichts dieser Meinungsverschiedenheiten und in
Abwesenheit einer existentiellen gemeinsamen
Bedrohung ist, die Kommunikationskanäle offenzuhalten, frühzeitig, häufig und offen zu konsultieren
sowie Überraschungen und Faits accomplis zu
vermeiden. Die Gewohnheit der Kooperation sowie
der Wille und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit
erfordern Kompromisse und Rücksichtnahme und
werden die Handlungsfreiheit beschneiden, aber sie
haben in diesem neuen und unsicheren Zeitalter nach
wie vor großen Wert. In der Tat, wenn Handlungsfreiheit wünschenswert ist, so gilt dasselbe für
Verbündete, wenn man sie braucht.
Diese Arbeit zu leisten, erfordert kompetente Führung. Es ist nicht der Stoff, aus dem heroische
Legenden gemacht sind, oder zu dem sich Politiker
hingezogen fühlen. Es ist jedoch unerläßlich sicherzustellen, daß Amerika und seine Verbündeten immer
noch die Option haben, mit Hilfe und innerhalb eines
starken Rahmens internationaler Bündnisse zu
arbeiten, wenn die nächste Parole ausgegeben wird.

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AMERIKA DIENST 28

�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

50 Jahre Hessen
Grußwort von Präsident Clinton
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir ein Grußwort Präsident Clintons an die Bevölkerung des
Bundeslandes Hessen, das der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Bundesrepublik
Deutschland, Charles E. Redman, beim offiziellen Festakt in der Frankfurter Paulskirche aus Anlaß der
Gründung des Bundeslandes Hessen durch die amerikanische Militärregierung vor 50 Jahren verlas.

Als General Dwight D. Eisenhower am 19. September 1945 seine "Proklamation Nummer 2" unterzeichnete, setzte er weit mehr in Bewegung als eine
neue Regierung für das Bundesland Hessen.
Hessische Bürgerinnen und Bürger aus allen Lebensbereichen haben den Neubeginn von 1945
genutzt, um eine starke Tradition repräsentativer
Demokratie, freien Meinungsaustauschs, verfassungsgemäßen Regierens und gemeinsamen
Wohlstands aufzubauen. Die Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens von Hessen
bieten eine zeitgemäße Gelegenheit, über Ihre
segensreichen politischen und wirtschaftlichen
Leistungen zu reflektieren.

Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, von
denen viele ihre Vorfahren bis zu der historischen
Region Hessen zurückverfolgen können, sind stolz
darauf, während der vergangenen fünfzig Jahre Ihr
Partner gewesen zu sein. Während dieser Zeit
haben Sie dauerhafte demokratische Traditionen
entwickelt, die uns miteinander verbinden. Wir freuen
uns auf die Fortsetzung unserer Partnerschaft in den
nächsten fünfzig Jahren und darüber hinaus.
Mit den besten Wünschen
William J. Clinton

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AMERIKA DIENST 28

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�U S A - D E U T S C H LAND
27. September 1995

"Wieder Zusammen"
Ansprache von Botschafter Charles E. Redman
EINSENACH - (AD) - Anläßlich der Eröffnung der Veranstaltungsreihe "Wieder Zusammen - Amerikanische
Tage in Thüringen" hielt der Botschafter der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles
E. Redman, am 20. September 1995 in Eisenach die nachfolgende Ansprache.

Herr Ministerpräsident,
Mr. Stevens,
Mr. Hermann,
sehr geehrte Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute nachmittag
"Wieder Zusammen - Amerikanische Tage in Thüringen" eröffnen zu dürfen. Mit "Wieder Zusammen"
werden die erneuerten Kontakte zwischen den
Vereinigten Staaten und den Bürgern Thüringens
gefeiert. Die Veranstaltung steht für unser großes
Engagement in diesem wichtigen Teil Deutschlands.
Es ist äußerst angemessen, daß wir diese Feier hier,
bei Opel in Eisenach, abhalten. Denn hier sehen wir
die starke amerikanische Präsenz in den neuen
Bundesländern und die Auswirkungen, die diese
Präsenz haben kann, am deutlichsten. Der motivierte, von Teamgeist geleitete Ansatz der Opel AG zur
Problemlösung dient als Modell für die gesamte
ostdeutsche Industrie. Ich möchte Mr. Stevens und
Mr. Hermann persönlich für Ihre Gastfreundschaft
am heutigen Tag danken und Ihnen allen "Herzliche
Glückwünsche zum Geburtstag" sagen.
Die Amerikaner sind aktiv am Aufbau der wirtschaftlichen Zukunft der neuen Bundesländer beteiligt - der
dynamischsten Wachstumsregion im heutigen
Europa. Ungefähr ein Viertel aller ausländischen
Investitionen entfällt auf amerikanische Unternehmen, die rund 15.000 Arbeitsplätze in einer Vielzahl
von Bereichen stellen - Coca Cola, McDonalds,
führende Hotelketten, Banken, MIBRAG (NRG und
Morrison), Dow Chemical und Otis Elevator. Und
natürlich auch Lear Seating, von denen die Stühle
hergestellt wurden, auf denen Sie heute sitzen.
Die Amerikaner sind auch Partner in vielen kleinen
und mittelständischen Betrieben mit weniger als 100
Beschäftigten. Allied Signal plant die Entwicklung

AMERIKA DIENST 28

eines Zentrums für synthetisches Material in Rudolstadt. Applied Materials aus Santa Clara in Kalifornien hat einen Vertrag in Höhe von 80 Millionen DM
für die Installation moderner Technologie in der
neuen Siemensfabrik in Dresden.
Darüber hinaus haben wir in Umwelttechnologie,
Hoch- und Tiefbau, medizinisches Gerät, Verbrauchsgüter und Dienstleistungen, Unternehmensberatung
und Werkzeugmaschinen investiert.
Die Amerikaner sind ebenfalls stark engagiert bei der
Entsorgung von Altlasten der neuen Bundesländer.
In Brandenburg sind amerikanische Firmen beispielsweise Teil eines innovativen Programms für die
Behebung der von den abgezogenen russischen
Truppen hinterlassenen Schäden durch die Umrüstung verlassener Militärstützpunkte in Hochtechnologieparks.
Dow Chemical hat sich bei der Übernahme der
Werke in Buna und Leuna zu einer umweltverträglichen Umgestaltung dessen verpflichtet, was früher
industrielle Einöde war.
Dieses amerikanische Engagement wird durch eine
wichtige Konferenz in Erfurt am 6. und 7. Oktober
unterstrichen, die gemeinsam von der Amerikanischen Botschaft und der American Chamber of
Commerce veranstaltet wird. Diese Konferenz ist die
dritte einer Serie, die im letzten Jahr in Berlin und
Leipzig begonnen wurde und die kooperative Rolle
der US-Regierung bei der Ankurbelung von Investitionen in den neuen Bundesländern hervorhebt.
Mit Blick in die Zukunft wollen wir ein neues Netz
menschlicher Bande zwischen Amerika und den
östlichen Bundesländern aufbauen. Diese wurzeln in
einer Tradition, die auf die vielen Tausenden von
Deutschen zurückreicht, die diese Region über die
Jahrhunderte hinweg verließen, um in der Neuen

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�Welt ein neues Leben zu beginnen. Sie gehörten zu
den über sieben Millionen Deutsch sprechenden
Europäern, die nach Amerika emigrierten. Heute
haben 60 Millionen Amerikaner deutsche Vorfahren ein Viertel der US-Bevölkerung.
Zusammen haben wir über die Jahrhunderte eine
Gemeinschaft von Werten und Interessen mit
kulturellen und familiären Banden aufgebaut, die die
Nationen des Nordatlantikraums verbinden. Diese
lebenswichtigen Bande tragen dazu bei, die Stärke
und Flexibilität unserer politischen und sicherheitspolitischen Beziehungen zu garantieren.
Es ist unsere Pflicht sicherzustellen, daß diese
Bande stark bleiben.
Millionen amerikanischer
Soldaten und ihre Familien haben seit dem Ende
des Zweiten Weltkriegs im westlichen Teil Deutschlands gelebt. Die Menschen in diesem Teil Deutschlands hatten jedoch nicht die Chance zu dieser Art
von intensiven Kontakten mit Amerikanern. Jetzt
müssen wir die verlorene Zeit aufholen, indem wir
Amerikaner und Deutsche in Kontakt miteinander
bringen.
Aus diesem Grund haben wir unser auch für Sachsen und Thüringen zuständiges Amerika HausProgramm in Leipzig eingerichtet, das jetzt erweitert
wird. Mit der starken Unterstützung der Freunde des
Amerika Hauses Berlin werden unsere Programme
in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und MecklenburgVorpommern ebenfalls erweitert. Wir bauen Brücken
wieder auf und stellen Verbindungen wieder her, die
sechs lange Jahrzehnte unterbrochen waren.
Der Jugendaustausch ist von besonderer Bedeutung. Ausgezeichnete Programme wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/Bundestag und das Deutsch-Amerikanische Partnerschaftsprogramm bieten Tausenden junger Menschen die Gelegenheit, zusammen zu leben und zu
arbeiten. Seit 1990 hat die Amerikanische Botschaft
nahezu Tausend jungen Deutschen in den neuen
Bundesländern ein Stipendium für einen Besuch in
den Vereinigten Staaten gewährt.
Auch der Austausch auf Universitätsebene hat sich
als unschätzbar erwiesen. Seit 1952, als das
deutsch-amerikanische
Fulbright-Programm ins
Leben gerufen wurde, haben 25.000 deutsche und
amerikanische Studenten, Dozenten und Professoren Zeit im jeweils anderen Land verbracht. Dies
hatte nicht nur bedeutende Auswirkungen auf ihre
Persönlichkeitsbildung, sondern auch auf Fortschritte
in der Wissenschaft und anderen Forschungsgebieten.

Die RIAS Berlin Kommission hat damit begonnen,
engere Kontakte im Bereich der Medien zu fördern,
indem sie Austauschprogramme für Journalisten aus
den fünf neuen Bundesländern durchführt.
•
In Zusammenarbeit mit der Universität Halle-Wittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen beteiligen
wir uns aktiv an der Einrichtung eines Center for
Advanced English and U.S. Studies in der Lutherstadt
Wittenberg. Radio Charlie der Voice of America hat
in Berlin auf der Frequenz des alten AFN den Sendebetrieb aufgenommen. Eine weitere interessante
neue Institution, die Amerikanische Akademie zu
Berlin, konzentriert sich auf Kulturaustausch über den
Atlantik hinweg und in ganz Zentraleuropa.
Ich möchte betonen, daß wir nicht nur neue Bande
knüpfen, sondern auch alte wiederherstellen. Seit
der Vereinigung Deutschlands haben wir unsere
zahlreichen historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verbindungen gestärkt. Wir sind wirklich alte
Freunde, die nach langer Zeit wieder vereint sind.
Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Thüringen haben eine lange Geschichte. Goethe, der stets am amerikanischen Experiment interessiert war, hatte in den Vereinigten Staaten großen
Einfluß - und nicht nur infolge seines berühmten
Gedichtes "Amerika, Du hast es besser". Bereits
1817 stiftete er der Harvard University eine Kopie
seiner gesammelten Werke.
John Augustus Röbling stammt ebenfalls aus Thüringen. Er war, wie Sie vielleicht wissen, Ingenieur und
der Architekt der weltberühmten Brooklyn Bridge, die
lange Zeit die längste Hängebrücke der Welt war.
In diesem Jahrhundert hatte die Bauhaus-Bewegung,
die eng mit Weimar in Verbindung steht, weitreichenden Einfluß auf die Vereinigten Staaten im Hinblick
auf Industriedesign und Architekturstil.
Diese Bande waren jahrzehntelang unterbrochen.
Ihre Wiederherstellung ist eine Aufgabe, die Jahre
erfordern wird. Ich freue mich jedoch, daß wir in so
kurzer Zeit so viel erreicht haben.
Mit "Wieder Zusammen" wollen wir den Thüringern
und anderen Bürgern in den neuen Bundesländern
helfen, die Vereinigten Staaten kennenzulernen. In
den kommenden zwei Wochen werden wir unsere
Bande mit 42 verschiedenen Programmen verstärken:
Konzerten, Ausstellungen, Lesungen amerikanischer
Literatur und Filmvorführungen in zwölf Städten
Thüringens.
Heute nachmittag - im Schatten der Wartburg, die
seit Jahrhunderten ein Symbol deutscher Einheit und

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AMERIKA DIENST 28

�des deutschen Beitrags zur westlichen Kultur ist kann ich sagen, daß ich mich über das bereits von
uns Erreichte freue, Amerika und die neuen Bundesländer einander näherzubringen, und daß ich der
Zukunft erwartungsvoll entgegensehe. Ich fordere
alle hier Anwesenden auf, sich an "Wieder Zusam-

men" zu beteiligen und mit uns die Erneuerung der
uns verknüpfenden familiären und kulturellen Bande
zu feiern.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 28

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�WEITERVERBREITUNG
27. September 1995

Eine neue sicherheitspolitische Tagesordnung
Kampf gegen den Nuklearschmuggel
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Botschafter der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, am 14. September 1995 bei der
in Garmisch-Partenkirchen veranstalteten "Internationalen Fachtagung über Nuklearschmuggel" hielt, auf der
Zollexperten von über 30 Ländern eine künftige engere Zusammenarbeit beschlossen.

Vielen Dank für die Einladung am heutigen Abend.
Ich freue mich immer, in dieser herrlichen Alpenlandschaft zu sein. Das einzige Problem ist - es ist so
schön hier, daß es schwierig werden kann, sich auf
die vor uns liegende harte Arbeit zu konzentrieren.
Ich muß nicht darauf hinweisen, daß wir in einer Zeit
tiefgreifenden, sogar revolutionären Wandels leben.
Ihre Anwesenheit am heutigen Tag ist ein Beweis für
diese Tatsache. Eine solche Zusammenkunft - mit
vielen Nationen, die einst Gegner waren - wäre noch
vor wenigen Jahren unmöglich gewesen. Diese
Konferenz ist ein konkreter Beweis für die neue Art
von Vertrauen und Zusammenarbeit, um deren
Aufbau wir uns bemühen.
Obwohl der Kalte Krieg vorüber ist, haben wir noch
keine neue Welt des Friedens und Wohlstands
geschaffen. Vielmehr sehen wir uns mit veränderten
und schwierigen Herausforderungen konfrontiert.
Die Weltbühne kann heutzutage nur als verwirrend
und voll neuer, beunruhigender Gefahren bezeichnet
werden.
Es sollte uns nicht überraschen, daß der Umgang
mit solch dramatischen Veränderungen so beschwerlich ist. Schließlich ist die Welt, wie wir sie
ein halbes Jahrhundert lang kannten, mit erstaunlicher Geschwindigkeit Geschichte geworden. Die
unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges sind
verschwunden. An ihre Stelle ist eine Vielzahl
subtilerer Bedrohungen getreten - von denen keine
als einzelne bedrohlich ist, die aber zusammengenommen ebenso beängstigend sind.
Heute
sprechen wir weniger über nukleare Konfrontation
und mehr über Herausforderungen wie die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, ethnische
Konflikte, Überbevölkerung, Umweltzerstörung,
Flüchtlingsströme und Migration sowie humanitäre
Krisen.

AMERIKA DIENST 28

Die Verbreitung von - nuklearen, chemischen und
biologischen - Massenvernichtungswaffen ist eine der
unmittelbarsten und dramatischsten Gefahren, mit
denen wir uns konfrontiert sehen. Nuklearwaffen und
das zu ihrer Herstellung erforderliche Material sind
zunehmend verfügbar. Ballistische Raketen und
andere Trägersysteme sind einfacher zu beschaffen.
Zudem sind wir der Ansicht, daß jetzt mehr als zwei
Dutzend Länder über Chemiewaffenprogramme
verfügen.
In direktem Zusammenhang mit der Gefahr einer
Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen steht die
Bedrohung durch den internationalen Terrorismus,
eine weitere Bedrohung, die eine konzertierte internationale Reaktion erfordert. Die Vereinigten Staaten
arbeiten mit anderen betroffenen Ländern an der
Verbesserung von Koordination und Austausch
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse im Kampf gegen
Terroristen und terroristische Organisationen.
Unsere Arbeit wird durch die Tatsache erschwert,
daß einige Länder den internationalen Terrorismus
aktiv unterstützen. Im Fall Irans, der vielleicht der
schlimmsten Vergehen schuldig ist, werden die
Vereinigten Staaten weiterhin Druck ausüben, damit
Teheran seine Unterstützung von Terrorismus und
Gewalt sowie seine Bestrebungen zur Unterminierung
des Nahost-Friedensprozesses einstellt.
In größerer Nachbarschaft bleiben die Länder Zentraleuropas und die neuen unabhängigen Staaten der
ehemaligen Sowjetunion anfällig für ethnische Konflikte, Gebietsstreitigkeiten und den besessenen Eifer,
reales und eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Diese Kräfte - die in Teilen des
Balkan und des Transkaukasus bereits außer Kontrolle geraten sind - traten an die Stelle des sowjetischen Expansionismus als gefährlichste Bedrohung
für politischen Fortschritt und wirtschaftliche Entwick-

Seite 1

�lung in Europa. Rußland ist weiterhin ein großes,
kompliziertes Land inmitten politischer und sozialer
Unruhen. Es muß sich noch für eine postkommunistische Identität entscheiden.
Aber obwohl wir zu diesem Zeitpunkt der Geschichte
mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert sind, haben wir auch eine einzigartige Chance
zur Gestaltung einer neuen Welt, die unsere Interessen stärker fördert und eher im Einklang mit
unseren Werten steht - eine Welt offener Gesellschaften und offener Märkte.
Insbesondere hier auf diesem Kontinent haben wir
die Chance, die Grundlage für ein neues, integriertes
Europa zu schaffen. Präsident Clinton drückte das
vergangenes Jahr klar und deutlich vor dem Brandenburger Tor aus: "Die Berliner Mauer ist gefallen.
Unsere Generation muß nun entscheiden: Was
werden wir an ihrer Stelle aufbauen? ... Ein Europa,
in dem alle Nationen unabhängig und demokratisch
sind. In dem freie Märkte und Wohlstand grenzüberschreitend sind. In dem unsere Sicherheit auf dem
Aufbau von Brücken, nicht von Mauern beruht."
Wo beginnen wir den Prozeß der Errichtung eines
neuen Sicherheitsrahmens für Europa? Ich würde
vorschlagen, daß unsere oberste Priorität die Wahrung des bereits Erreichten ist. Wir verfügen schon
über eine starke Grundlage, einschließlich bewährter
Institutionen wie der NATO, der Europäischen Union
und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Diese Organisationen
waren auf einen geteilten Kontinent zugeschnitten,
in dem die Sicherheit auf der Verteidigung eines
Blockes gegen den anderen basierte. Jetzt müssen
wir sie an neue Gegebenheiten anpassen, indem wir
einen neuen sicherheitspolitischen Rahmen auf der
Grundlage von Integration und Einbeziehung schaffen.
Im Mittelpunkt dieses Rahmens stehen starke
transatlantische Verbindungen. Die Geschichte lehrt
unmißverständlich, daß das strategische Engagement der Vereinigten Staaten in Europa notwendig
für unser aller Sicherheit ist.
Einige werden argumentieren, Amerika sei seiner
internationalen Verpflichtungen müde geworden. Ich
stimme dem nicht zu. Tatsache ist, daß die Unterstützung der Öffentlichkeit für fortgesetztes amerikanisches Engagement in der Welt stark bleibt.
Meinungsumfragen belegen, daß mindestens zwei
Drittel des amerikanischen Volkes eine Führungsrolle
der Vereinigten Staaten in der Welt wünschen.
Ich bin zuversichtlich, daß Amerika 50 erfolgreichen
Jahren nicht den Rücken zuwendet. Zudem hängt

Seite 2

das Engagement Amerikas für die Zukunft Europas
nicht von einem Präsidenten, einem Kongreß oder
einer politischen Partei ab. Es ist eine nationale
Verpflichtung, die auf gemeinsamen strategischen
Zielen, kollektiven Wirtschaftsinteressen und gemeinsamen Werten basiert.
Das Kernstück dieser Verpflichtung bildet die NATO.
Die NATO bringt auf dem europäischen Kontinent
amerikanische Macht und Ziele zum Tragen. Die
NATO ist weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und die Hauptinstitution für amerikanisches
Engagement in europäischen Sicherheitsfragen.
Die NATO ist auch konkreter Ausdruck der transatlantischen Verbindungen. Der 1990 begonnene
Abzug unserer Streitkräfte in Europa ist nahezu
abgeschlossen. Aber Abzug ist nicht dasselbe wie
Rückzug oder Disengagement. In Deutschland sind
noch mehr als 80.000 Soldaten; über 100.000 bleiben
in Europa stationiert. Diese Zahlen sind nicht das
Spiegelbild eines verringerten amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit, sondern nur
einer verringerten Bedrohung.
Mit Blick auf die Zukunft müssen wir offensichtlich
alles Gute aus der Vergangenheit bewahren. Die
NATO muß ein effektives, funktionierendes Militärbündnis bleiben und über die zur Verteidigung ihrer
Mitglieder erforderlichen Streitkräfte und integrierte
Kommandostruktur verfügen.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle lebenswichtigen Institutionen muß sich die NATO kreativ an veränderte
Gegebenheiten anpassen. Sie muß eine neue
Strategie entwickeln und neue Aufgaben übernehmen. Wir befinden uns jetzt inmitten dieses Prozesses.
Die NATO stellt der Westeuropäischen Union jetzt
umfassende politische und militärische Unterstützung
zur Verfügung. Die Stärkung der europäischen Säule
des Bündnisses leistet einen Beitrag zur europäischen Stabilität und transatlantischen Lastenteilung
gleichermaßen.
Und außerdem verbessert sie
unsere kollektive Handlungsfähigkeit.
Am wichtigsten ist, daß die NATO bereits die Entscheidung über eine Förderung der Sicherheit jenseits ihrer alten Grenzen getroffen hat. 1991 gründete sie den Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR),
einen Zusammenschluß von NATO-Staaten und
Mitgliedern des ehemaligen Warschauer Pakts. In
jüngster Zeit rief sie die Partnerschaft für den Frieden
ins Leben, die wichtigste strategische Entwicklung im
Bereich der europäischen Sicherheit seit dem Kalten
Krieg.

AMERIKA DIENST 28

�Mit ihren 26 Mitgliedern dient die Partnerschaft für
den Frieden zwei umfassenden Zielen. Für einige
Länder ist sie eine notwendige Zwischenstation auf
dem Weg zur NATO-Mitgliedschaft, der Übergang
zum Status eines wirklichen Verbündeten. Für
andere stellt sie ein Verbindungsglied zu praktisch
allem dar, was die NATO tut - aber ohne die offizielle Sicherheitsgarantie des Washingtoner Vertrags
und die Mitgliedschaft in der integrierten militärischen Struktur.

In Wahrheit hat Rußland die Wahl. Das Land kann
sich über seine Vergangenheit oder seine Zukunft
definieren.

Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis
verfolgt ein aktives Programm zur Vorbereitung einer
Erweiterung, erörtert die logischen Gründe einer
Erweiterung, die Leitlinien für diesen Prozeß und die
Auswirkungen einer erweiterten Mitgliedschaft. Zu
Herbstbeginn wird die NATO bereit sein, interessierten Ländern die Ergebnisse ihrer Studien mitzuteilen.
Mit Blick in die Zukunft wird die NATO dann bereit
zur Erwägung der nächsten Schritte sein, die zu
Entscheidungen über die tatsächliche Aufnahme
neuer Mitglieder führen.

Die Wirtschaftsreformen dauern an. Ein ehrgeiziges
Privatisierungsprogramm hat das wirtschaftliche
Umfeld Rußlands verändert. Der Privatsektor steht
inzwischen für über 50 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts.

Dieser Prozeß wird stetig, überlegt und transparent
verlaufen. Jedes mögliche Mitglied wird dieselben
Informationen bekommen, jedes wird Zugang zu
allen Aspekten des Gedankenguts des Bündnisses
erhalten.
Das Ziel der Erweiterung bleibt die Stärkung von
Sicherheit und Stabilität auf dem gesamten Kontinent
- für Mitglieder und Nichtmitglieder gleichermaßen.
Die NATO ist nicht länger ein gegen irgend jemanden gerichtetes Bündnis. Sie hat nicht den Wunsch,
neue Trennlinien entstehen zu sehen - ganz im
Gegenteil. Die NATO widmet sich der Ausdehnung
der europäischen Einheit sowie der Förderung der
Integration unserer neuen demokratischen Freunde
in Zentraleuropa.
In diesem Zusammenhang sind wir uns bewußt, daß
ein dauerhafter und stabiler Sicherheitsrahmen für
Europa die Nationen der ehemaligen Sowjetunion
einbeziehen muß. Insbesondere die Zukunft Rußlands ist für unser Streben nach Stabilität in Europa
von zentraler Bedeutung. Es gibt kein höheres
strategisches Ziel in Europa als die Evolution eines
friedlichen, stabilen und demokratischen Rußland,
das fest in die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integriert ist.
Unsere Politik gegenüber Rußland basiert auf klarem
Verständnis. Wie Präsident Clinton erklärte, lehnen
wir eine oberflächliche Karikatur Rußlands ab, die
besagt, das Land sei prädestiniert für Diktatur oder
wirtschaftliches Scheitern. Gleichzeitig geben wir
uns nicht der Illusion hin, der Erfolg sei sicher.

AMERIKA DIENST 28

In vielen Bereichen trifft Rußland mutig die richtigen
Entscheidungen. Das Land hat einen frei gewählten
Präsidenten, ein Parlament und eine demokratische
Verfassung. Es verfügt über eine unabhängige
Presse, die oftmals die Politik der Regierung kritisiert.
Die Debatten im Parlament sind lebhaft und offen.

Zweifelsohne muß sehr viel mehr getan werden.
Kapitalmärkte müssen entwickelt werden, die ausund inländische Investitionen anziehen. Rußland
muß sein chaotisches Steuersystem in den Griff
bekommen, ein stabiles Rechtssystem schaffen und
weitere wirtschaftliche Stabilisierung herbeiführen.
Bei alledem dürfen wir jedoch nicht das enorme
Interesse aus den Augen verlieren, das wir alle am
Ergebnis der kontinuierlichen Umgestaltung Rußlands
haben. Ein stabiles, demokratisches Rußland ist für
den Aufbau eines sicheren Europas erforderlich. Ein
instabiles Rußland, das in Autoritarismus oder
Anarchie zurückfällt, wäre eine Katastrophe für uns
alle.
Ferner ist die erfolgreiche Umgestaltung des ehemaligen sowjetischen Imperiums in eine Region souveräner, demokratischer Staaten ein großes Anliegen
für uns. Diese neuen Nationen machen ein Sechstel
der Erdoberfläche aus. Auf ihrem Territorium sind
Zehntausende Nuklearwaffen stationiert. Ihre Bevölkerung und natürlichen Ressourcen verleihen ihnen
ein enormes wirtschaftliches Potential.
Diese Nationen kämpfen darum, das lähmende
Vermächtnis der kommunistischen Herrschaft hinter
sich zu lassen. Sie streben die Aufnahme in die
internationale Staatengemeinschaft als freie, respektierte und verläßliche Partner an. Ebenso wie in
Rußland ist auch hier das Ergebnis dieses Kampfes
noch ungewiß.
Aber wenn alle - oder die meisten von ihnen - dabei
Erfolg haben, wird jeder von uns sicherer sein. Die
Bedrohung einer nuklearen Vernichtung wird weiter
verringert. Wir werden neue Chancen für Wirtschaftswachstum haben. Für unsere Geschäftsleute
bedeutet es neue Märkte und neue Lieferquellen.

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�Damit diese neuen unabhängigen Staaten wirklich
verläßliche Partner werden, müssen sie sich für
demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
entscheiden und bei dieser Entscheidung bleiben.
Sie müssen sich von den Gewohnheiten und Strukturen despotischer Regierungen befreien. Sie
müssen Volkswirtschaften aufgeben, in denen alles
dem Staat gehörte und alles von der Partei entschieden wurde.
Die neuen Staaten müssen ihren eigenen Kurs
wählen, die Risiken und die Last tragen. Es liegt
jedoch in unserem Interesse, daß sie Erfolg haben
und auch die Vorteile der Integration in die neue
Architektur erlangen, die wir aufbauen.
Gemeinsam mit der NATO wird die Europäische
Union eindeutig einen Eckpfeiler der zukünftigen
Sicherheit Europas bilden. Obwohl die EU vornehmlich ein politisches und wirtschaftliches Gebilde ist,
leistet sie einen wichtigen Beitrag zur europäischen
Sicherheit als mächtige Integrationskraft. Ihre Erweiterung nach Osten wird gleichermaßen politisch wie
wirtschaftlich als Teil des Integrationsprozesses und
der Stabilisierung der beiden Hälften Europas von
großer Bedeutung sein.
Die EU wird auch eine zentrale Rolle dabei spielen,
zur Erweiterung und Intensivierung der transatlantischen Kooperation und Koordination bei wirtschaftlichen und sozialen Themen beizutragen, die einen so
großen Teil unserer Beziehungen ausmachen. Wir
wissen, daß die EU sich in den kommenden Jahren
wichtigen Herausforderungen stellen muß - Herausforderungen, die wahrscheinlich ihre Institutionen,
Operationen und ihre Identität verändern werden.
Die erste Herausforderung ist die Bewältigung ihrer
eigenen Erweiterung - ein Prozeß, der den ursprünglich für sechs Mitgliedstaaten gegründeten und
seitdem kaum veränderten EU-Institutionen beträchtliche Lasten auferlegen wird. Die EU wird einen
effizienteren Entscheidungsfindungsprozeß im Einklang mit zunehmender Mitgliedschaft anstreben.
Gleichzeitig muß sie sich mit der grundlegenden
Frage auseinandersetzen, was sie sein sollte: Ein
föderales Europa oder ein Europa der Nationen. Die
zwischenstaatliche Konferenz von 1996 wird diese
Fragen ansprechen, die vielfältige Auswirkungen auf
die neue europäische Sicherheitsarchitektur haben
werden.
Die Vereinigten Staaten begrüßen Bestrebungen zur
Stärkung und Erweiterung der EU ebenso, wie wir in
den vergangenen 45 Jahren den Prozeß der europäischen Integration unterstützt haben. Die demokratischen und republikanischen Administrationen
haben gleichermaßen die Ansicht vertreten, daß ein

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starkes Europa starke Vereinigte Staaten bedeutet daß unsere transatlantische Brücke an jedem Ende
so starke Pfeiler wie möglich benötigt. Im Einklang
mit dieser Sichtweise wird eine erweiterte EU unseres
Erachtens zur Schaffung eines stabilen und demokratischen Europas beitragen.
Während sich diese Evolution vollzieht, dürfen die
Vereinigten Staaten und Europa jedoch nicht ihre
Mission vernachlässigen, bei der Bekämpfung von
Protektionismus und dem Aufbau zunehmend offener
globaler Märkte zusammenzuarbeiten. Wir haben in
den letzten 50 Jahren viel erreicht, aber unsere Arbeit
ist noch nicht getan. Nun, da die Uruguay-Runde
abgeschlossen und die Welthandelsorganisation eine
Tatsache ist, müssen wir einen transatlantischen
Konsens zur künftigen Richtung unseres bilateralen
Handels und gemeinsamen Ansatzes zur weiteren
Öffnung der Weltmärkte erzielen. Es ist jetzt nicht die
Zeit, unsere Wirtschaftsbeziehungen als selbstverständlich hinzunehmen.
Wir dürfen auch nicht zulassen, daß die unvermeidlichen Differenzen in unseren Handelsbeziehungen
das übergeordnete Ziel unserer wirtschaftlichen
Partnerschaft unterminieren. Hier ist konstante
Wachsamkeit angesagt. In Ermangelung einer uns
einigenden militärischen Bedrohung können wir nicht
länger erwarten, daß unsere Meinungsverschiedenheiten beim Handel automatisch gemeinsamen
Sicherheitsbelangen untergeordnet werden.
Und wir werden Differenzen haben wie über das
Bananenregime der EU, ihre audiovisuellen Maßnahmen, Flugzeugsubventionen und ähnliches. Ohne
den Druck des Kalten Krieges werden sich die
Dispute wahrscheinlich eher dahinziehen und erbitterter werden. Es wäre jedoch eine Tragödie, wenn die
Irritationen das Vertrauen, die Zuversicht und den in
50 Jahren erfolgreicher Partnerschaft entwickelten
Kooperationsgeist aushöhlen würden.
Wir dürfen nicht zulassen, daß die Tatsache unserer
Wettbewerbssituation auf den Weltmärkten unsere
Verpflichtung zur weiteren Liberalisierung untergräbt.
Unsere Beziehungen müssen weiterhin umfassend
und kooperativ sein, unsere gemeinsame Vision und
unsere gemeinsamen Ziele betonen sowie stets den
enormen Wert dessen im Auge behalten, was wir in
den vergangenen 50 Jahren durch die äußerst enge
wirtschaftliche Partnerschaft erreicht haben.
Zusammen mit der NATO und der EU kann auch die
OSZE eine wichtige Rolle bei der europäischen
Sicherheit spielen. Sie ist dafür ausgerüstet, eine
Vielfalt von Herausforderungen zu bewältigen, die
weder die NATO noch die EU ansprechen kann.
Unserer Ansicht nach kann die OSZE das entschei-

AMERIKA DIENST 28

�dende Instrument dabei sein, uns durch die Zeit
nach dem Kalten Krieg zu leiten. Sie kann zur
Förderung der europäischen Integration beitragen
und gleichzeitig unsere flexible erste Verteidigungslinie gegen regionale und ethnische Konflikte werden.

persönlich bin ein Optimist. Schließlich sind die
Herausforderungen von heute nicht die ersten, die wir
gemeinsam angegangen sind. Wenn wir auf die
letzten 50 Jahre zurückblicken, sehen wir viele große
Leistungen angesichts ebenso schrecklicher Prognosen der Hoffnungslosigkeit und des Verhängnisses.

Wenn wir auf die letzten 20 Jahre zurückblicken,
erkennen wir, daß die in der Schlußakte von Helsinki
niedergelegten Prinzipien der territorialen Integrität
und friedlichen Beilegung von Streitigkeiten sich als
revolutionär erwiesen haben. Die Schlußakte verankerte Menschenrechte als legitimes Thema internationaler Gespräche. Sie definierte gemeinsame
demokratische Normen, die jetzt grundsätzlich von
allen Ländern Europas anerkannt werden. Damit
ebnete sie den Weg für die demokratische Umgestaltung des Ostens. Sie ist nach wie vor eine
kohärente und zwingende Grundlage für politische
Reform und regionale Stabilität.

Noch vor wenigen Jahren schien die Ost-WestKonfrontation endlos, und der nukleare Holocaust
täglich möglich. Man dachte, die Berliner Mauer
würde ewig stehen. Es wurde gesagt, das letzte
Kapitel über Deutschland als geeinte Nation sei
geschrieben und die Teilung Europas permanent. Es
wurde gesagt, die amerikanischen Legionen würden
wie die des Alten Roms auf unbegrenzte Zeit in
Berlin und an anderen Vorposten des Kalten Krieges
Wache harten.

Der große Vorteil der OSZE besteht darin, daß sie
sowohl europäisch als auch transatlantisch ist. Sie
umfaßt alle europäischen Staaten plus Kanada und
die Vereinigten Staaten. Sie bietet ihren 53 Mitgliedern - von Vancouver bis Wladiwostok - ein
einzigartiges Instrument für Konsensbildung. Statt
Verhaltensweisen über rechtliche oder militärische
Aktionen durchzusetzen, strebt sie die Schaffung von
Sicherheit durch den Aufbau neuer Formen der
Kooperation an.
Lassen Sie uns folgendes eindeutig klarstellen: Die
OSZE wird weder Ersatz für die NATO noch ein
Instrument zur Beendigung von Kriegen. Aber mit
aufgestockten Ressourcen und modernisierten
Konsultationsmechanismen könnte sie eine größere
Rolle bei der Krisenbewältigung und der Verhinderung regionaler Konflikte spielen.
Zusammengenommen verkörpern diese Institutionen
die institutionelle Grundlage eines wirklich integrierten Europas. Werden sie sich jedoch den Anforderungen des 21. Jahrhunderts stellen können? Ich
*

AMERIKA DIENST 28

Heute wissen wir, wie unrecht wir hatten. Die Ereignisse von 1989 und 1991 bewiesen über jeden
Zweifel hinaus die Anziehungskraft und Macht
westlicher Werte. Die uns heute konfrontierenden
Gefahren unterscheiden sich von denen des Karten
Krieges, aber unsere Reaktion muß auf denselben
Prinzipien gründen, die uns 50 Jahre lang geleitet
haben - und auf der transatlantischen Partnerschaft,
die ihnen Leben und Vitalität verliehen hat. Uns wird
eine ganze Reihe neuer Chancen geboten, um
positive Beziehungen von beiderseitigem Nutzen über
diesen Kontinent hinweg aufzubauen. Das ist der
Grund Ihres Hierseins.
Ich danke Ihnen, daß Sie mir heute abend zuhören.
Als die Treuhänder und Wächter des Handels und
der Reisen zwischen Nationen ist Ihre Rolle in diesen
ungeordneten aber vielversprechenden Zeiten sowohl
wichtig als auch notwendig. Ich hoffe, daß diese
Konferenz für Sie von Nutzen sein wird, während Sie
über nationale Grenzen hinweg zusammenarbeiten.
Ich bitte Sie alle, sich erneut dazu zu verpflichten, die
Welt zu einem besseren Ort für uns alle zu machen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 5

�TELEKOMMUNI

KATION
27. September 1995

USA sollten Führungsrolle bei der Reform des
Telekommunikationswesens übernehmen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident Gore erklärte, die Vereinigten Staaten sollten bei der weltweiten Reform
des Telekommunikationswesens "einen Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben".
Beide Häuser des Kongresses haben unabhängig voneinander Telekommunikationsgesetze verabschiedet.
Ein Konferenzausschuß von Senat und Repräsentantenhaus muß einer Version der ausstehenden
Gesetzesreform zustimmen, über die dann beide Kammern abstimmen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident Gore am 12. September 1995 bei der Konferenz
über die vernetzte Wirtschaft hielt.

Eine Redensart besagt, wenn sich ein Stoßzahn
durch Deine Zeltwand bohrt, kannst Du dahinter
einen Elefanten vermuten. Diejenigen von uns in
Washington, die sich mit der Telekommunikationsreform befassen, verbringen manchmal zuviel Zeit
damit, sich auf Stoßzähne zu konzentrieren, und
zuwenig mit dem, was vor dem Zelt steht.
Heute möchte ich mich auf Information als zunehmend zentrale Organisationskraft unserer Gesellschaft und der Welt konzentrieren, wie sie in der
entstehenden Globalen Informationsinfrastruktur
(Global Information Infrastructure - Gll) dargestellt
ist.
Die Vereinigten Staaten wurden aus der Verpflichtung zum freien Fluß von Ideen und Kommunikation
geboren - Religions-, Versammlungs- und Redefreiheit. "Keine Versteuerung ohne Volksvertretung"
war vor 200 Jahren der Schlachtruf gegen eine
Zentralregierung, die den Bitten ihrer Bürger gegenüber taub ist. Es ist kein Zufall, daß der erste
Zusatzartikel zu unserer Verfassung Redefreiheit
garantiert.
Während unserer gesamten Geschichte definierten
wir uns über unseren Wunsch, mit dem Stern am
Horizont zu kommunizieren. Vom Pony Express
über den Telegraphen und die transkontinentale
Eisenbahn bis hin zum die Bundesstaaten verbindenden Autobahnsystem haben wir einen Traum
nach dem anderen aufgebaut, um die Bande zu
stärken, die unsere Nation zusammenhalten.

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Als Neil Armstrong auf dem Mond landete, erkannten
wir, daß unsere Träume über unsere Nation hinaus
auf die gesamte Welt ausgeweitet werden können.
Aber unser heutiger Traum besteht nicht darin,
Geschwindigkeitsrekorde zu brechen oder Pioniere
an eine neue Grenze zu schicken. Er handelt von
der Überwindung der Hindernisse, die unser Wissen
über die Welt, unsere Nachbarn und uns selbst
begrenzen.
Er handelt von Millionen einzelner
Reisen zur Erforschung der Grenzen des Wissens sei es die Konversation eines Kindes über E-mail mit
einem Forscher am Südpol, eine Tour im Louvre
direkt aus dem eigenen Wohnzimmer heraus oder
eine Exkursion zu den jüngst entdeckten Höhlenmalereien, die Frankreich jetzt ins Internet gebracht hat.
Wir werden nicht alle Vorteile der Nationalen Informationsinfrastruktur (National Information Infrastructure Nil) genießen, wenn sie nicht mit dem weltweiten
Netz der Netze, der globalen Informationsinfrastruktur
verbunden ist, die alle Länder, Städte und Dörfer
miteinander verbindet und nicht nur Telefondienste,
sondern auch mit Hochgeschwindigkeit Daten und
Video bereitstellt. Ein solches globales Netz würde
die Amerikaner in die Lage versetzen, über nationale
Grenzen und Kontinente hinweg ebenso leicht zu
kommunizieren wie heute über Bundesstaaten
hinweg. Zeitzonen, nicht Kosten werden das größte
Hindernis dabei darstellen, mit Angehörigen, Freunden und Kollegen ungeachtet ihres Aufenthaltsortes
Kontakt zu pflegen.
Wir sprechen über die Gll als wäre sie ein Ding, ein
Produkt, eine Sammlung von Hardware und Software,

Seite 1

�Satelliten und Telefonen, Schaltern und Fasern. Sie
ist all das - und viel mehr. Sie ist ein Konzept, das
unsere Vorstellung von unserem menschlichen
Potential geändert hat.
Sie ist das Erbe einer Reihe großer gedanklicher
Durchbrüche, die die Menschheit veränderten - von
der Vision des Kopernikus, die zur Erdumsegelung
herausforderte, über die Entdeckung elektromagnetischer Energie, die uns jetzt die Umrundung der Erde
mit Satelliten gestattet, Zellulartelefonen und Computern bis zur Geburt der modernen Physik aufgrund
der gedanklichen Experimente Einsteins, die zu
dramatischen, fast über unser Verständnis hinausgehenden Fortschritten in den Bereichen Energie, Elektronik und Computern führten.
Ich möchte heute nicht über die im Zusammenhang
mit dem Gll stehenden Technologien sprechen, die
Sie allzugut kennen, sondern über die Wahl, die wir
alle in Anbetracht dieser neuen globalen Realität
treffen müssen.
Da Informationen immer reichhaltiger angeboten
werden, anstatt zum knappen Gut zu werden,
schaffen die Nationen das Telekommunikationsmonopol der Vergangenheit ab und ersetzen staatliche Kontrolle durch Privatinvestitionen und Wettbewerb. Dabei entdecken sie, daß ihre Herausforderungen nicht so sehr technologischer wie
politischer und strategischer Natur sind.
Zwei Fragen tauchen immer wieder auf.
Erstens: Was ist die Vision für die Gll?
Und zweitens: Welche Werte wird sie fördern?
Ich möchte über unsere Vision für die Gll sprechen die der Clinton-Administration und vieler Menschen
in unserem Land - über die Werte, die sie definieren
sollten und wie wir zur Erlangung der Vision und der
Werte zusammenarbeiten können.
Angefangen mit der ersten internationalen Konferenz
über die Entwicklung im Telekommunikationswesen,
die Anfang 1994 in Buenos Aires stattfand, förderten
die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll,
welche auch die nach Ansicht dieser Administration
für den Erfolg unserer NM entscheidenden Grundsätze einbezieht. Diese fünf Grundsätze - Privatinvestitionen, Wettbewerb, Universalität der Dienstleistungen, offener Zugang und flexible Bestimmungen wurden seitdem auf industriellen und politischen
Foren weltweit angenommen und befürwortet,
beispielsweise dem APEC-Treffen der Telekommunikationsminister im koreanischen Seoul, dem
interamerikanischen Gipfel in Miami vergangenen

Seite 2

Dezember, dem G-7-Ministertreffen vergangenen
Februar in Brüssel und dem G-7-Gipfel in Halifax.
Obwohl man leichter für diese Grundsätze eintreten
kann als sie zu erlangen, sind sie sichtbare Anzeichen für Fortschritt.
Die APEC-Nationen haben Schritte zur Öffnung der
Märkte für Telekommunikationsgerät und -dienstleistungen unternommen. Die Staaten der Europäischen Union haben eine Liberalisierung des Marktes
für elementare Telefondienstleistungen bis Januar
1998 zugesagt. Die jetzt bei der Welthandelsorganisation in Genf geführten Gespräche bewegen sich
eindeutig auf ein multilaterales Abkommen im Frühjahr kommenden Jahres zur Öffnung der Telekommunikationsmärkte hin. Zusätzlich unterzeichneten
die Vereinigten Staaten jetzt bilaterale Abkommen mit
Chile, Argentinien, der Ukraine, Rußland und anderen
Staaten zur Zusammenarbeit bei der Förderung von
Investitionen und Wettbewerb im Telekommunikationssektor. Wir werden uns diesen Herbst bei der
Weltrundfunkkonferenz in Genf für die Förderung
stärkerer internationaler Verbindungen einsetzen. Wir
führen bilaterale Gespräche mit Südafrika und
nehmen dort nächstes Frühjahr an einem internationalen Treffen über die Rolle der Telekommunikation
in weniger entwickelten Ländern teil.
Die unserer Vision zugrundeliegenden Prinzipien
bieten ein Modell für die Entwicklung der Gll in
Ländern mit stark variierenden Bedürfnissen, Kulturen
und Technologien. In den Entwicklungsländern
fördern und unterstützen wir mit Hilfe dieser Grundsätze die Telekommunikationsentwicklung als wichtigen Bestandteil von Wirtschaftswachstum und Entwicklung, nicht als luxuriöses Ergebnis von Wachstum. Unseren Konkurrenten und Handelspartnern
haben wir in Aussicht gestellt, unsere verbleibenden
Hindernisse für Auslandsinvestitionen bei den Telekommunikationsdienstleistungen zu beseitigen, wenn
sie es auch tun.
In allen Fällen sind globale und nationale Entwicklung
nicht möglich ohne Privatinvestitionen, offenen
Marktzugang und Wettbewerb - und wir setzen uns
dafür ein, das weltweit zu erreichen. Die Gll wird das
Ergebnis Tausender von Bestrebungen weltweit sein,
unsere Nationen und Bürger zu verbinden. Wie ein
wunderschönes, zerbrochenes Bild, dessen Teile
dem Ganzen in seiner Organisationsstruktur und
Gestalt in jeder Hinsicht ähneln. Entsprechend wird
sie als komplexes System ein Niveau der Selbstorganisation erreichen, das neue Funktionen und
Eigenschaften hervorruft, die nicht im Vorfeld konstruiert oder prognostiziert werden können.

AMERIKA DIENST 28

�Es ist unvermeidlich, daß die unsere Bestrebungen
bei der Entwicklung der GM leitenden Werte zusammen mit dem System als Ganzem kopiert werden. Aus diesem Grund machen sich so viele
Menschen Sorgen, wenn alles, was sie über die GM
hören, aus futuristischen, utopischen Szenarien
besteht, die von technologischen Wundern und
seltsamem Vokabular dominiert sind. Sie fürchten,
indem wir die Zukunft der Technologie entwerfen,
würden wir die Zukunft der Demokratie vergessen;
bei der Förderung direkter Kommunikation würden
wir die universelle Bildung und Ausbildung vergessen; bei unserem ehrgeizigen Streben nach
erhöhter Produktivität und neuen Quellen des
Wohlstands würden wir vergessen, das wirtschaftliche Wohlergehen und den Lebensstandard aller
Gesellschaftsschichten zu verbessern. Und sie
fragen mit Recht: "Welches sind die Werte dieses
neuen Informationszeitalters?"
Es gibt Tausende konkurrierender Visionen über die
Entwicklung und Erlangung der GM. Jedes Unternehmen, jeder Industriezweig, jeder Sektor hat seine
eigenen Strategien für Erfolg und zukünftige technologische Dominanz. Aber wer macht sich Sorgen
über die nächste Generation und nicht nur über den
nächsten Dollar?
Wer räumt dem öffentlichen
Interesse einen Platz an der Tafel ein? Wer kann es
sich leisten, über direkte Eigeninteressen hinaus auf
die Eigenschaften des Systems als Ganzes zu
schauen? Und wie können wir diese Aufgaben
erfüllen, ohne den Sektor zu belasten, der verantwortlich für den Aufbau der Gll ist?
Ich bin fest davon überzeugt, daß die angemessene
Rolle der Regierung bei der Entwicklung der Gll
darin besteht, auf jeder Stufe des Wachstums, bei
jedem Stand der Tätigkeit, auf jedem Niveau die im
öffentlichen Interesse liegenden Werte Demokratie,
Bildung und Ausbildung, wirtschaftliches und soziales Wohlergehen all unserer Bürger zu fördern und
zu erlangen. Wenn wir nicht versuchen sicherzustellen, daß jedes Projekt, jedes Netzwerk, jedes
System von Anfang an dem öffentlichen Interesse
dient, stellt sich die Frage, wann man es berücksichtigt. Wie können wir erwarten, daß das Endprodukt
oder System diesen Werten Rechnung trägt, wenn
wir sie nicht von Anfang an in die DNA einfügen?
Die Wahrnehmung des öffentlichen Interesses ist
nicht die einzige Rolle der Regierungen der Welt.
Sie müssen die Verantwortung dafür übernehmen,
die meisten Hindernisse für Privatinvestitionen und
Wettbewerb aus dem Weg zu räumen. Die Förderung und der Schutz des öffentlichen Interesses
müssen jedoch ihr Hauptanliegen sein. Das gleiche
gilt für die Privatindustrie: Obwohl es das Anliegen
der Privatindustrie ist, Profite zu erwirtschaften, sollte

AMERIKA DIENST 28

dies nicht ihre einzige Aufgabe sein. Die Privatindustrie kann die Innovationen und Visionen bieten,
um die Vorteile der Gll in finanzierbarer und nützlicher Weise in jeden Winkel der Welt zu bringen.
Wenn die Vereinigten Staaten eine Vision für die Gll
darlegen sollen, die diese Werte einbezieht, müssen
wir sie in Worte und Taten umsetzen. Wir können
keine Führungsrolle übernehmen, indem wir anderen
sagen, was sie tun sollen und nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Welche Maßnahmen können wir
also ergreifen, welche Maßnahmen ergreifen wir, um
zu beweisen, daß es uns mit unserer Vision und
unseren Werten ernst ist?
Meines Erachtens gibt es zwei Bereiche, in denen die
Vereinigten Staaten ihre Verpflichtung zu den Prinzipien des Wettbewerbs, offenen Zugangs, universeller
Dienstleistungen, Privatinvestitionen und flexibler
Bestimmungen im Dienste der Werte von Demokratie,
Ausbildung und wirtschaftlichen Chancen demonstrieren können.
Ein Bereich ist natürlich die Reform des derzeit im
Kongreß erörterten Kommunikationsgesetzes von
1934, in dem jedes der fünf Prinzipien gestärkt
werden sollte. Der andere Bereich ist die Art, in der
wir unsere nationalen Ressourcen zur Förderung
dieser Werte im In- und Ausland aufwenden sollten.
Die dem Kongreß zur Verabschiedung vorliegenden
Gesetzesvorlagen zur Reform des Telekommunikationswesens sollten eine große Chance zur Auswertung des uns von vorigen Generationen Hinterlassenen darstellen, die den Weitblick zur Wahrnehmung des öffentlichen Interesses und zur Planung
der Zukunft hatten, indem sie Chancen verbesserten,
universelle Dienstleistungen erweiterten, Ausbildung
und Bildung förderten sowie die Wirtschaft stärkten.
Statt einer Verpflichtung für die Zukunft sind diese
Gesetzentwürfe, insbesondere die Vorlage des
Repräsentantenhauses, ein Vertrag mit 100 Unternehmen. Diejenigen mit dem höchsten Angebot nicht die höchsten Prinzipien - waren der Maßstab.
Im Veto des Präsidenten zum Gesetzentwurf des
Repräsentantenhauses ist es präzise formuliert: "Ein
Gesetz ist erforderlich, um Investitionen anzuziehen,
Wettbewerb zu fördern, offenen Zugang zu Informationsnetzen bereitzustellen, universelle Dienstleistungen zu stärken und zu verbessern sowie flexible
Bestimmungen für diesen wichtigen Industriezweig
anzubieten. Die Verbraucher sollten in den Genuß
der Vorteile von niedrigeren Preisen, besserer
Qualität und größerer Auswahl bei ihren Telefon- und
Kabeldiensten kommen, und sie sollten weiterhin von
einer Vielfalt der Meinungen und Gesichtspunkte im
Radio, Fernsehen und in den Printmedien profitieren."

Seite 3

�Bedauerlicherweise erreicht die Gesetzesvorlage
H.R. 1555 in ihrer verabschiedeten Form keines
dieser Ziele. Statt Investitionen und Wettbewerb zu
fördern, unterstützt sie Fusionen und die Konzentration von Macht. Statt offenen Zugang und die
Vielfalt von Inhalten und Sichtweisen zu fördern,
gestattet sie, daß weniger Menschen die Kontrolle
über eine größere Zahl von Femseh-, Radio- und
Zeitungseinrichtungen in den Gemeinden haben.
Dieses Gesetz würde:
die Beschaffung einer unbegrenzten Anzahl von
Rundfunksendern in jeder Gemeinde und landesweit durch eine einzige Institution gestatten,
das zur Zeit bestehende Verbot des gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Rundfunkstationen aufheben, das für den Schutz unserer Demokratie vor dem sicheren Mißbrauch von solcher
Bedeutung ist,
den Bell-Telefongesellschaften das Angebot
eines Fernsprechdienstes gestatten, bevor es
beim lokalen Dienst echten Wettbewerb gibt, mit
praktisch überhaupt keinen Schutzmechanismen
und ohne die Entscheidung des Justizministeriums, daß das Unternehmen Wettbewerb nicht
verhindert,
eine übermäßige Zahl von Abfindungen zwischen
Telefongesellschaften und Kabelbetreibern
gestatten, mit denen Wettbewerb durch Konsolidierung ersetzt wird, die Verbraucher in
ländlichen Gebieten und Kleinstädten in den
meisten Fällen keinen Schutz vor überhöhten
Gebühren durch Monopolanbieter haben und in
absehbarer Zeit kein Wettbewerb zu erwarten ist.
Kein Wettbewerb und keine Bestimmungen sind
ein Traum für einige und ein Alptraum für andere,
die Kabelprogrammierungsdienste und Gerätegebühren deregulieren, bevor sich die Kabelbetreiber echtem Wettbewerb ausgesetzt sehen und
keine Vorschriften für den Schutz der Verbraucher nach der Deregulierung vorsehen,
den Bundesstaaten bei der Einführung bestimmter Gebührenvorschriften zuvorkommen und ihren
lokalen Telefonmarkt für bestimmte Arten von
Wettbewerb öffnen, sollten sie sich dafür entscheiden.
Die kumulativen Auswirkungen dieser Bestimmungen
wären nachteilig für den Wettbewerb und würden die
Vorteile für die Öffentlichkeit schmälern.
Seit der Verabschiedung der Gesetzesvorlagen von
Repräsentantenhaus und Senat hat der Senat das

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Budget des Bundeskommunikationsausschusses
(Federal Communications Commission - FCC) um 20
Prozent gekürzt. Wie Sie vielleicht wissen, übertrugen beide Gesetzentwürfe dem FCC mehr Verantwortung für die Durchführung der Telekommunikationsreform, und infolgedessen impliziert dieses
Vorgehen, daß die Telekommunikationsreform selbst
entweder gescheitert oder ein Betrug ist. Gescheitert, weil der Kongreß die Umsetzung durch den FCC
nicht ernst gemeint hat, oder ein Betrug, weil der
Kongreß vorgab, dem FCC die Macht für Entscheidungen im öffentlichen Interesse zu übertragen, aber
nicht daran interessiert ist, ihm die Mittel zuzuweisen,
dies tatsächlich zu tun.
Das ist nicht die richtige Art, die Welt ins Informationszeitalter zu führen. Und glauben Sie mir, die
Welt beobachtet, was wir tun - und sie beobachtet
sehr genau. Ich fordere den Kongreß auf, das
Telekommunikationswesen überparteilich zu behandeln. Man sollte es nicht als eine Möglichkeit ansehen, nur Trophäen für Finanzgeber zu sammeln und
vorzuzeigen. Unterstützen und verbessern Sie die
internationale Führungsrolle und das Wohlergehen
Hunderter von Unternehmen, indem Sie dem Präsidenten ein Reformgesetz vorlegen, das er unterzeichnen kann.
Die Vereinigten Staaten sollten bei der Reform einen
Vorsprung - wenn auch keinen allzu großen - haben.
Wir sollten die Führungsrolle in der Welt dabei
übernehmen, dem öffentlichen Interesse eine Rolle in
unserem Telekommunikationssystem zu übertragen.
Der zweite Bereich, in dem wir unser Engagement für
unsere eigene Vision und unsere Werte unter Beweis
stellen müssen, ist der Haushalt. Und auch hier
scheint der Kongreß unsere Vergangenheit außer
acht zu lassen und blind gegenüber unserer Zukunft
zu sein. Die Führungsrolle unserer Nation bei der
Entwicklung der globalen Informationsinfrastruktur
gründet sich auf unsere Führungsposition in Wissenschaft und Technologie - eine Führungsposition, die
durch 50 Jahre beispielloser überparteilicher Verpflichtungen ermöglicht wurde.
Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner
eine technologische Basis aufgebaut, die uns heute
wirtschaftlich belohnt, indem neue Arbeitsplätze
geschaffen und neue Industriezweige hervorgebracht
werden. Es ist eine bemerkenswerte Geschichte,
einzigartig in der gesamten Geschichte der Menschheit. In der Tat waren Innovationen in den vergangenen 50 Jahren verantwortlich für mindestens ein
Viertel - und möglicherweise sogar fast die Hälfte des Wirtschaftswachstums unserer Nation. Möchte
wirklich jemand ernsthaft das Argument vorbringen,

AMERIKA DIENST 28

�dies wäre ohne eine maßgebliche Rolle der Regierung möglich gewesen?
Die staatlichen Investitionen in technologische
Forschung und Entwicklung haben die wesentlichen
Bausteine der Nil ermöglicht. Es war eine vor über
25 Jahren zwischen der Bundesregierung, der
Industrie und der akademischen Welt begonnene
kreative Partnerschaft bei Hochleistungscomputern
und Kommunikationsleistungen, die Forschung beim
inzwischen als Internet bekannt gewordenen Netzwerk unterstützte und zur Evolution der Kommunikations- und Informationsindustrie beigetragen hat und zur Schaffung neuer Unternehmen, die aus dem
Nichts aufzutauchen scheinen, tatsächlich aber auf
einer soliden Grundlage visionärer technologischer
Unterstützung durch die Regierung, die akademische
Welt und den Privatsektor aufgebaut sind.
Die technologische Zukunft Amerikas sieht sich
heute jedoch Angriffen seitens kurzsichtiger Ideologen ausgesetzt, die vorgeben, die Geschichte zu
verstehen, jedoch überhaupt kein Verständnis
haben. Einer Analyse der amerikanischen Akademie
für die Förderung der Wissenschaft zufolge würde
der von den Republikanern im Kongreß vorgeschlagene Plan für einen Haushaltsausgleich die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung
ziviler Technologie kürzen und zu einem Rückgang
der F &amp; E-Investitionen in den nächsten sieben
Jahren um ein Drittel führen. Darüber hinaus
würden die Bewilligungsmaßnahmen des Repräsentantenhauses die Finanzierung für praktisch jedes
wichtige Technologieprogramm beschneiden Programme, die für die Umsetzung unserer Verpflichtung für die Zukunft entscheidend sind. Zu
diesen Programmen zählen das moderne Technologieprogramm, unsere Initiative zu technologischen
Reinvestitionen, entscheidende Aktivitäten des
Energieministeriums einschließlich der Partnerschaft
für eine neue Generation von Fahrzeugen und
unsere Initiative zur Umwelttechnologie.
Der Senat folgt demselben Irrweg. Er hat die nationale Telekommunikations- und Informationsverwaltung (National Telecommunications and Information
Administration - NTIA) drastisch abgebaut - das Amt,

*

AMERIKA DIENST 28

*

das mit der Förderung eben der Initiativen beauftragt
war, die der Kommunikationsindustrie größeren
Wettbewerb bringen und das einzige Amt, das in
nicht genügend bediente und ländliche Gebiete
investiert, um moderne Telekommunikationsdienste
zur Förderung von Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge und wirtschaftlicher Entwicklung anzubieten. Und der Senat hat die Nil-Stipendien der
NTIA abgeschafft.
Dies ist absolut der falsche
Zeitpunkt, um Investitionen in Innovationen zu kürzen
und die Blaupause zu zerstören, die zu der beispiellosen Zunahme von Aktivitäten nach dem
Zweiten Weltkrieg führte.
Präsident Clinton versteht, wie wichtig ein ausgeglichener Haushalt für unsere wirtschaftliche Zukunft ist.
Er weiß auch, wie entscheidend diese technologischen Investitionen für die Gewährleistung unseres
künftigen Wirtschaftswachstums sind. Aus diesem
Grund hat er den Haushalt so ausgeglichen, daß die
Führungsrolle der Nation bei Wissenschaft und
Technologie bewahrt wird.
Ich habe dem Zeitalter, in das wir jetzt eintreten,
erwartungsvoll entgegengesehen, seit ich vor nahezu
zwanzig Jahren zum ersten Mal ein Faseroptikkabel
in der Hand hielt. Ich bin mit vielen Experten aus
allen Bereichen zusammengekommen, die Fortschritte erzielt haben, die dies ermöglichten. Ich
glaube an die Macht der Technologie, der Welt und
unseren Bürgern Gutes zu bringen. Wir müssen
jedoch den Mut haben, unsere Vision zu leben und
unsere Werte in unserer täglichen Arbeit zum Ausdruck zu bringen, wenn wir die Welt bei dieser
unglaublich aufregenden Reise anführen sollen.
Jeder von uns und jede Nation hat die Aufgabe, die
Welt in die nächste Generation zu leiten. Die von
uns beim Aufbau der Gll geleistete Arbeit besteht
nicht im Dienst an Kabeln und Satelliten, sondern im
Dienste einer globalen Vision, die in jeder Nachbarschaft der Welt realisiert werden kann. Ich begrüße
Ihre Verpflichtung zu dieser Vision und bitte Sie heute
um Zusammenarbeit, damit sie zu einer Realität im
Dienste der von uns allen hochgeschätzten Werte
wird.

*

*

Seite 5

�GESUNDHEIT
27. September 1995

"Nein" zur Legalisierung von Marihuana
von Gesundheitsministerin Donna E. Shalala
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel wurde von der amerikanischen Gesundheitsministerin, Donna
E. Shalala, verfaßt und erschien auf Deutsch erstmals in der Frankfurter Rundschau vom 14. September 1995.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Wall Street Journal, 18.8.95, (c)
1995. Dow Jones &amp; Co., Inc. Alle Rechte vorbehalten.

Anfang des Sommers veranstaltete das amerikanische Gesundheitsministerium erstmals eine nationale
Forschungskonferenz über Marihuana, bei der
Wissenschaftler Hintergrundinformationen über die
Gefahren des Marihuanakonsums präsentierten.
Ihre Ausführungen haben Auswirkungen auf alle
Unternehmen, alle Bürger und alle Eltern, insbesondere in Anbetracht erneuter Forderungen nach einer
Legalisierung von Marihuana.
Peter Fried von der Carleton University in Ottawa
erläuterte seine vorläufigen Ergebnisse, der Konsum
von Marihuana während der Schwangerschaft
schädige die geistigen Fähigkeiten von Kindern ein
Jahrzehnt oder noch länger nach ihrer Geburt. Mit
Hilfe eines Abhängigkeitsmodells von Tieren stellte
Billy Martin von der Virginia Commonwealth University unter Beweis, daß der zwanghafte Konsum von
Marihuana eine Abhängigkeit hervorrufen kann, die
der von anderen illegalen Drogen vergleichbar ist.
Diese Erkenntnisse sind besonders beunruhigend
angesichts der Tatsache, daß wir unter amerikanischen Teenagern seit drei Jahren einen Anstieg des
Marihuanakonsums beobachten - zu einem Zeitpunkt, an dem stärkere Formen von Marihuana leicht
zu bekommen sind: 13 Prozent der Achtklässler
sollen 1994 mindestens einmal Marihuana versucht
haben - im Vergleich zu 9,2 Prozent im Jahr 1993,
7,2 Prozent 1992 und 6,2 Prozent 1991. Bei der
Bekämpfung dieses Anstiegs müssen wir uns jedoch
vor Augen halten, daß es auch wichtige positive
Nachrichten gibt. Der Marihuanakonsum Erwachsener bleibt weit hinter dem der späten siebziger und
frühen achtziger Jahre zurück. Das bedeutet, daß
die meisten jungen Menschen kein Marihuana
rauchen, und wir müssen sie immer wieder auf die
Gefahren dieser Droge hinweisen.

AMERIKA DIENST 28

Ein Kardinalfehler
Angesichts dieser Tatsachen ist es erstaunlich, daß
in der Bundeshauptstadt Washington und andernorts
von einigen immer wieder der Vorschlag einer
Legalisierung von Marihuana und anderen illegalen
Drogen gemacht wird. Das wäre ein Kardinalfehler.
Erstens stellt Marihuana in unserem Land ein Problem dar, weil es schädlich ist - nicht weil es verboten ist. Die Forschung zeigt, daß es das Kurzzeitgedächtnis schädigt, die Wahrnehmung beeinträchtigt, Urteilsfähigkeit und komplizierte motorische
Bewegungen behindert, den Herzschlag verändert, zu
schweren Angstzuständen führen und Verfolgungswahn sowie Lethargie verursachen kann.
Der
Marihuanakonsum junger Leute führt eindeutig dazu,
daß die Jugendlichen öfter die Schule schwänzen, in
der Schule schlechter werden oder Straftaten begehen. Neue Forschungen von Roger Roffman und
Robert Stephens von der University of Washington
belegen, daß Langzeitkonsumenten, die mit dem
Konsum von Marihuana aufhören wollen, ernsthafte
Schwierigkeiten damit haben.
Zweitens führt der Konsum von Marihuana zu hohen
Kosten und großen Konsequenzen für die ganze
Gesellschaft - nicht nur für die Konsumenten. Junge
Marihuanakonsumenten werden wahrscheinlich eher
als Nichtkonsumenten illegale Drogen nehmen,
Autounfälle haben und verhaftet werden. Die Wahrscheinlichkeit bei ihnen ist geringer, daß sie ihr
akademisches Potential entfalten, was langfristig die
nationale Produktivität beeinträchtigt. Bei ihnen ist
das Risiko größer, daß sie eine kostspielige Versorgung in der Notaufnahme benötigen, was für uns
kurzfristig teuer ist. 1993 endeten doppelt so viele
Teenager wegen Marihuanakonsums in den Notaufnahmen als wegen Heroin- und Kokainkonsums
zusammengenommen.

Seite 1

�Im weiteren Sinne verursacht der Drogenkonsum,
einschließlich Marihuana, beträchtlichen Schaden an
unseren Arbeitsplätzen. Wenige Amerikaner sind
sich bewußt, daß drei Viertel der regelmäßigen
Konsumenten erwerbstätig sind. Der amerikanischen Handelskammer zufolge sind drogenabhängige Angestellte 33 Prozent weniger produktiv als ihre
nichtabhängigen Kollegen. Und die Wahrscheinlichkeit ist 300 Prozent höher, daß sie medizinische
Kosten verursachen und Leistungen in Anspruch
nehmen.
Drittens würde die Legalisierung von Marihuana
sicherlich mehr junge Menschen dazu veranlassen,
Marihuana und andere Drogen zu nehmen und
davon abhängig zu werden.
Das ist teilweise darauf zurückzuführen, daß die
Legalisierung von Drogen ein bedeutendes Abschreckungsmittel vom Drogenkonsum beseitigt.
Zudem haben wir seit Beginn unserer Untersuchungen des Drogenkonsums beobachtet, daß sich die
Zahl der Konsumenten immer dann erhöht, wenn der
Prozentsatz der jungen Menschen sinkt, die Marihuana für schädlich halten. Die Legalisierung von
Marihuana würde den Jugendlichen unweigerlich
nahelegen, Marihuana sei nicht schädlich - was ein
wichtiges Hindernis gegen den Konsum beseitigen
würde.
Noch schlimmer ist, daß die Legalisierung - weil
Gesetze in unserer Demokratie von den Bürgern zu
Recht als Ausdruck nationaler Werte angesehen
werden - implizieren würde, der Konsum von Marihuana werde als gesellschaftliche Praxis akzeptiert und sei akzeptabel. Für viele Teenager würde
dadurch der ohnehin beträchtliche Gruppenzwang
zum Konsum von Drogen intensiviert. Unsere
Töchter und Söhne hätten nicht länger die moralische Autorität unserer Gesetze auf ihrer Seite, um
ihre Ablehnung von Drogen und ihren Wunsch, sie
nicht zu nehmen, zu untermauern.
In der Tat könnte eine Umkehrung des Kurses und
Legalisierung von Marihuana Jugendliche dazu
veranlassen, die Warnungen der Regierung und der
Gesellschaft über andere illegale Drogen wie Crack,
Kokain und Heroin in den Wind zu schlagen - eine
Unterminierung des Vertrauens, die niemals zugelassen werden darf.
Was steht hinter dem Ruf nach der Legalisierung
von Marihuana? Manchmal ist es ein Mythos - wie
die fälschliche Annahme, Marihuana sei eine "weiche" Droge. Manchmal ist es der Trugschluß, die
Legalisierung sei der Weg zur Einschränkung der
Verbreitung von Drogen in unserem Land.

Seite 2

Meiner Ansicht nach gibt es einen Weg zu einer
drogenfreien Gesellschaft - aber es gibt kein Patentrezept. Die Clinton-Administration hat eine umfassende Drogenstrategie verabschiedet - massive
Bestrebungen zur Reduzierung von Angebot und
Nachfrage gleichermaßen. Bei diesen Bemühungen
spielt das Gesundheitsministerium eine entscheidende Rolle: Wir arbeiten mit zahlreichen Partnern
zusammen, um Drogenmißbrauch zu verhindern,
effektive Therapie anzubieten, Forschung zu Drogenproblemen durchzuführen und Informationen an
Experten und die Öffentlichkeit weiterzugeben.
Insbesondere im Hinblick auf Marihuana haben wir
eine Reihe entscheidender, gezielter Schritte unternommen. Wir finanzieren weiterhin wichtige Forschungsprojekte über die Auswirkungen von Marihuanakonsum auf das Verhalten. Im Laufe des
kommenden Jahres erwarten wir beispielsweise die
Veröffentlichung der Ergebnisse einer staatlich
geförderten Studie über den Zusammenhang zwischen akutem Marihuanakonsum und den Auswirkungen des gerauchten Marihuanas auf die Arbeitsleistung.
Auf der Grundlage unseres zunehmenden Wissens
über Marihuana haben wir eine aggressive Kommunikationsstrategie entwickelt. Wir wissen zum
Beispiel, daß es entscheidend ist, junge Menschen
frühzeitig mit sachlichen Informationen über Marihuana und konstruktiven Alternativen für ihre Freizeitgestaltung zu erreichen, bevor sie mit dem Drogenmißbrauch beginnen. Kinder haben für gewöhnlich eine
starke Antipathie gegen Drogen - es ist unerläßlich,
sie darin zu bestärken.
Wir wissen auch, daß wir Jugendlichen eindeutige
und kontinuierliche Botschaften senden müssen, um
den Marihuanakonsum zu unterbinden. Infolgedessen arbeiten wir mit zahlreichen Medien und Partnern
zusammen, um den jungen Menschen zu sagen:
"Fang nicht an, Marihuana zu rauchen, und wenn Du
bereits begonnen hast, hör sofort damit auf. Der
Konsum von Marihuana ist illegal, gefährlich und
ungesund. Es ist nicht 'cool'. Es ist schlecht für den
Körper. Und es ist sicherlich nicht Mode unter jungen
Leuten." Das ist die Botschaft, die wir gar nicht
genug betonen können.
Auch unsere Forschung sagt uns etwas. Wir wissen,
daß junge Menschen Botschaften gegen Drogenmißbrauch dort hören müssen, wo sie leben, lernen,
arbeiten, spielen und wo sie ihre Zeit verbringen. Mit
anderen Worten, obwohl die Bundesregierung eine
Führungsrolle übernehmen muß, kann sie das
Drogenproblem nicht alleine lösen - und sollte dies
auch nicht versuchen. Wir können Eltern und andere
Familienangehörige motivieren, jungen Menschen ein

AMERIKA DIENST 28

�Beispiel für ein drogenfreies Leben zu geben und mit
ihnen über Drogen zu sprechen. Wir helfen Schulen, Gemeindegruppen, religiösen Organisationen,
dem Privatsektor sowie den Verwaltungen auf
bundesstaatlicher und Gemeindeebene, sich zusammenzuschließen und den Jugendlichen etwas
anzubieten, zu dem sie "Ja" sagen können. Wir
treffen uns mit den Medien und der Unterhaltungsindustrie, um Programme zu fördern, die Drogenmißbrauch und andere riskante Verhaltensweisen
entmystifizieren. Und wir fordern die jungen Menschen zur Zusammenarbeit mit uns auf in dem
Wissen, daß Teenager eine einzigartige Gabe
haben, Einfluß auf den anderen und sein Verhalten
auszuüben.

Suchtmittelmißbrauch, für geistige Gesundheit und
Therapieprojekte. Das Repräsentantenhaus strich
darüber hinaus 300 Millionen Dollar des Programms
für sichere und drogenfreie Schulen, womit allein im
Jahr 1996 23 Millionen Schülern die Beratung entzogen wurde. Ein Bewilligungsunterausschuß des
Senats schlug die Abschaffung des Drogenkoordinators im Weißen Haus vor.

Eine nationale Herausforderung

Diese Umkehr ist bemerkenswert kurzsichtig. In einer
Zeit steigenden Marihuanakonsums ist die Grundlage
unseres Erfolgs Aufklärung, Prävention, Therapie,
Forschung, Strafverfolgung, Drogenbeschlagnahme
und massives Engagement der Gemeinde - nicht
Legalisierung oder Beschneidung unseres nationalen
Engagements zur Bekämpfung des Drogenmißbrauchs.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sehen uns mit
einer nationalen Herausforderung konfrontiert, und
die Jugendlichen beobachten unsere Reaktion
genau. Wir dürfen nicht zögern. Es ist jedoch
bedauerlich, daß die republikanische Mehrheit im
Kongreß versucht, unser Engagement für die Unterbindung des Drogenmißbrauchs drastisch zu beschneiden. Am 4. August kürzte das Repräsentantenhaus 401 Millionen Dollar der Mittel des Gesundheitsministeriums für Präventionsmaßnahmen gegen

Während wir beim Staatshaushalt den Gürtel enger
schnallen und Umfang und Rolle der Bundesregierung überdenken, dürfen wir nicht vergessen, was
das Drogenproblem für unsere nationale Zukunft
bedeutet. Es geht hier um Menschen - junge Leute,
die in sich sowohl eine Vielfalt von Talenten als auch
eine Zerbrechlichkeit tragen, die sie empfänglich für
dumme Entscheidungen und riskantes Verhalten
machen. Wir müssen für sie da sein. Wir müssen
das tun, was für sie und die Nation richtig ist.

*

AMERIKA DIENST 28

* * * *

Seite 3

�LU F T -

UND

RAUMFAHRT
27. September 1995

Luft- und Raumfahrt als Schlüsselelement der
amerikanischen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 18. September 1995 im Bonner Wasserwerk
bei einer Expertentagung über Zusammenarbeit im Bereich Luft- und Raumfahrt hielt.

Vielen Dank für Ihre Einladung. Heute vormittag
haben wir eine ausgezeichnete Gelegenheit, die
Luft- und Raumfahrtdimensionen unserer gemeinsamen Sicherheit zu erörtern. Als Vertreter einer
entfernt liegenden, aber dennoch europäischen
Macht ist es mir ein Vergnügen und eine Ehre,
gemeinsam mit herausragenden Vertretern der
Bundesregierung und der Industrie das Podium zu
teilen: Staatsminister Dr. Hoyer, Staatssekretär
Schönbohm, Staatssekretär Dr. Lammert und Dr.
Bischoff. Ihre Anwesenheit belegt, wie wichtig die
politischen, militärischen und wirtschaftlichen Aspekte unserer gemeinsamen Sicherheit für uns alle in
einer veränderten Welt sind.
Deutschland hat nach über einem Jahrhundert des
Konflikts nach dem Kalten Krieg geeint und frei
seinen Platz im Zentrum Europas gefunden. Diese
veränderte Welt hat uns alle - Amerikaner und
Europäer gleichermaßen - jedoch gezwungen,
unsere Politik zu überdenken und neu auszurichten.
Unsere Welt hat die Klarheit des Ost-West-Konflikts
verloren und uns diffuse und weniger drängende
Probleme hinterlassen. Ich bin ganz sicher, daß die
politische Debatte in den Vereinigten Staaten zu
einem neuen Konsens führen wird, der unser Engagement für die europäische Sicherheit bekräftigt.
In dieser Zeit des Wandels müssen wir uns auf
kontinuierliche Zusammenarbeit zur Stärkung des
bestehenden Bündnisses konzentrieren.
Einige
Europäer haben daraus abgeleitet, das amerikanische Engagement für Europa habe sich verringert
und Europa sollte daher seinen eigenen Weg gehen.
Obwohl die Bundeswehr die Anzahl ihrer Soldaten
auf 340.000 reduziert hat, war in den letzten Jahren
eine unglaublich enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit zu beobachten, darunter im Golfkrieg, in
Bosnien sowie bei gemeinsamen militärischen

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Übungen Tausender von Bundeswehrsoldaten in den
Vereinigten Staaten.
Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Ungeachtet dessen, wie verändert Europa den Amerikanern
vorkommen mag, bleiben wir der europäischen
Sicherheit verpflichtet. Wir weisen die Idee zurück,
die Europäer könnten unabhängig von den Vereinigten Staaten Sicherheit schaffen. Unsere Maxime
lautet, daß die europäischen Sicherheitsstrukturen
getrennt werden können, aber nicht getrennt sind.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Combined Joint Task
Force CJTB (Alliierte Streitkräftekommandos). Wir
Amerikaner haben von unseren gemeinsamen
Erfahrungen in diesem Jahrhundert gelernt, daß
amerikanische und europäische Sicherheit nicht
voneinander getrennt werden können.
Die von uns während der vergangenen fünfzig Jahre
verteidigten Werte leiten uns noch immer. Wir wollen
in einer stabilen, friedlichen und wohlhabenden Welt
leben. Seit dem Fall der Berliner Mauer 1989 hat
sich viel verändert, aber die Grundlage der europäisch-amerikanischen Beziehungen ist gleich geblieben: Eine durch die Werte demokratischer Regierungsführung und Marktwirtschaft verbundene Gemeinschaft von Nationen.
Unsere Herausforderung besteht darin, den Erfolg der
transatlantischen Solidarität zu bewahren, die vor nur
wenigen Jahren für die gesamte Welt unter Beweis
gestellt wurde, als friedfertige Männer und Frauen
sich in Zentral- und Osteuropa erhoben, um die
Diktatur abzuschütteln und den Weg zu einer besseren Zukunft zu ebnen.
Mißverstehen Sie mich nicht. Die Vereinigten Staaten sind der europäischen Sicherheit nach wie vor
stark verpflichtet. Wir haben zugesagt, weiterhin rund
100.000 Soldaten in Europa zu stationieren und

Seite 1

�erzielen Fortschritte mit neuen Initiativen zur Stärkung und Erweiterung der NATO, wie der Partnerschaft für den Frieden und den Alliierten Streitkräftekommandos.
Das sind keine Aktionen eines Landes, dessen
Engagement für Europa in Frage steht. Gemeinsam
mit Deutschland und anderen europäischen Partnern
reichen wir die Hand der Freundschaft, um Rußland
und die anderen ehemals kommunistischen Staaten
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem zu
integrieren.
Die Dynamik für Frieden, die wir jetzt in Bosnien
beobachten können, gründet auf einem gemeinsamen amerikanisch-europäischen Ansatz sowie
gemeinsamem Verständnis und gemeinsamen
Zielen. Wir Amerikaner können zu Recht stolz sein
auf unsere Führungsrolle in dieser kritischen Zeit.
Wir übernehmen auch eine Führungsrolle durch
unsere starke Unterstützung europäischer Verteidigungsinitiativen. Wir begrüßen die Westeuropäische Union als Pfeiler unserer Sicherheitsarchitektur.
Wir sind erfreut über die Schritte zur Gründung des
Eurocorps. Aber obwohl wir größeres europäisches
Selbstvertrauen ermutigen, wäre es ein schrecklicher
Fehler, wenn Europa sich für europäische Lösungen
entscheiden würde, nur weil sie europäisch sind.
Wir alle werden konfrontiert mit schrumpfenden
Märkten für die Rüstungsindustrie, immer knapperen
öffentlichen Mitteln und zunehmendem Wettbewerb
auf den Weltmärkten. Die zukünftigen Entwicklungen bei der Luft- und Raumfahrt werden wahrscheinlich alle ein gemeinsames Merkmal haben:
Einen Markt, auf dem sich nur einige wenige große
Produzenten - bisweilen nur einer - halten können.
In dieser Situation ist Wettbewerb, bei dem nur ein
Unternehmen gewinnt und alle anderen zum Scheitern verurteilt sind, riskant. Ein weitaus besserer
Ansatz ist Zusammenarbeit. Starke Unternehmen
können Konkurrenten und Partner gleichermaßen
sein.
Die Vereinigten Staaten stellen die Hälfte des
Marktes für zivile Luftfahrt und einen ähnlich hohen
Anteil der Märkte für militärisches Gerät, Raumfahrt
und andere Hochtechnologieprodukte. Wir bieten
unseren Markt und unsere Technologien, die für
optimale Betriebsvergrößerungen und die Vermeidung von selbstmörderischem Wettbewerb erforderlich sind. Viele amerikanische Firmen sind bereits
Konkurrenten und Partner europäischer Luft- und
Raumfahrtunternehmen. Das gilt auch für Aufklärungssatelliten, Großtransportflugzeuge und
Jäger.

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Unsere Partnerschaft ist expansiv. Beispielsweise
stellt das amerikanische Militär pro Jahr logistische
Unterstützung in beträchtlicher Höhe für den deutschen Verteidigungsapparat bereit. Deutschland und
die Vereinigten Staaten sind führende Mitglieder des
Konsortiums, das an dem 25 Milliarden Dollar teuren
Euro-Stinger Produktionsprogramm beteiligt ist. In
Zukunft wird das Luftverteidigungssystem mittlerer
Reichweite MEADS die deutschen, amerikanischen,
französischen und italienischen Streitkräfte vor
taktischen Luftschlägen aller Art schützen.
Bei der Luft- und Raumfahrttechnologie zu nichtmilitärischen Zwecken erhielt Siemens, der größte
Hersteller in ausländischer Hand in den Vereinigten
Staaten, einen bedeutenden Prozentsatz seines F &amp;
E-Budgets für photovaltaische Zellen - seinem
größten amerikanischen Geschäftsfeld - durch
Darlehen des amerikanischen Energieministeriums.
Das bilaterale zivile Luftfahrtabkommen von 1994
führte zu einer stetigen Erhöhung des Luftverkehrs
zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten
sowie der Aussicht auf ein neues Abkommen über
Offene Himmel. Zu diesem Trend trägt die verbesserte Lage bei Lufthansa und United Airlines bei, die
vorwiegend auf den 1994 eingegangenen Zusammenschluß zurückzuführen ist.
Die Vereinigten Staaten unterzeichneten im letzten
halben Jahr ähnliche Abkommen mit acht weiteren
europäischen Ländern.
Deutschland steht bei
Reformen auf diesem Gebiet an der Spitze und wird
hoffentlich eine Führungsrolle dabei übernehmen, die
Vorteile der Liberalisierung des Luftverkehrs auf den
ganzen Kontinent auszuweiten.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland arbeiten
seit über dreißig Jahren bei der Raumfahrt zusammen. Dazu gehören wissenschaftliche und technologische Forschung an vielen verschiedenen Orten und
in verschiedenen Disziplinen in unseren beiden
Ländern.
Es ist eine Erfolgsgeschichte: Ebenso wie das in
Bremen von VFW-Fokker ERNO (jetzt Teil von
DASA) hergestellte Weltraumlabor Spacelab, erfordern die D-1 und D-2 Weltraummissionen und andere
große Projekte umfassende finanzielle und personnelle Ressourcen unserer beiden Länder.
Dank INTELSAT, der durch gemeinsame Forschung
der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Deutschlands entwickelt wurde,
konnten Menschen in ganz Amerika und der übrigen
Welt sich gemeinsam mit Ihnen freuen, als sie den
Fall der Berliner Mauer live im Fernsehen sahen.

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�In die Zukunft blickend sehen wir die internationale
Weltraumstation als erstes wirklich internationales
Weltraumprojekt unter Beteiligung der Vereinigten
Staaten, der Europäischen Union, Japans, Kanadas
und Rußlands.
Zusammenfassend kann man sagen, die Vereinigten
Staaten und Europa haben ein Vertrauensverhältnis
entwickelt, das sich im Laufe der Zeit in diversen
Krisen bewährt hat. Wir brauchen einander, um

*

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*

unsere Sicherheit und unseren Wohlstand zu gewährleisten. Gemeinsam bilden wir eine Werte- und
Vertrauensgemeinschaft. Der Härtetest für unser
Bündnis besteht darin, den jüngst errungenen Frieden
zu halten, unseren Wohlstand zu gewährleisten und
unser gegenseitiges Vertrauen zu vertiefen, um damit
unsere gemeinsame Zukunft zu sichern.
Ich danke Ihnen.

*

*

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�</text>
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