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                  <text>^s»?^

S w *'

amcrika
dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C
13. September 1995

27

FRAUEN

HILLARY CLINTON: FRAUENRECHTE SIND
MENSCHENRECHTE
Rede bei der Weltfrauenkonferenz

USA ERLÄUTERN NEUE PROGRAMME FÜR
FRAUEN
Hintergrundpapier über die amerikanischen
Initiativen

ARBEITSMARKT

DIE AMERIKANISCHE
ERWERBSBEVÖLKERUNG
Rede von Arbeitsminister Reich

DATENAUTOBAHN

NEUE TECHNOLOGIEN FÜR NEUE
DIENSTLEISTUNGEN
Betrachtungen zu Plänen für Bibliotheken
in den Amerika Häusern

KUNST

LEBENSLANGES LERNEN MIT DEN KÜNSTEN
von Ernest L. Boyer

I
»

•

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Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�FRAUEN
13. August 1995

Hillary Clinton: Frauenrechte sind Menschenrechte
Rede bei der Weltfrauenkonferenz
PEKING - (AD) - "Wenn diese Konferenz eine Botschaft übermitteln kann", erklärte die First Lady Hillary
Rodham Clinton bei der 4. Weltfrauenkonferenz am 5. September 1995, "dann ist es die: Menschenrechte sind
Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Hillary Clinton im Wortlaut.

Frau Mongella, verehrte Delegierte und Gäste,
ich möchte dem UN-Generalsekretär für die Einladung zur 4. Weltfrauenkonferenz der Vereinten
Nationen danken. Dies ist wirklich eine Feier - eine
Feier für den Beitrag, den Frauen zu jedem Aspekt
des Lebens leisten: zu Hause, bei der Arbeit, in
ihren Gemeinden, als Mütter, Ehefrauen, Schwestern, Töchter, Lernende, Arbeiterinnen, Bürgerinnen
und Führungskräfte.
Es ist auch eine Zusammenkunft der Art, in der
Frauen jeden Tag in jedem Land zusammenkommen.
Wir kommen auf dem Feld und in Fabriken zusammen. Auf Dorfmärkten und in Supermärkten. In
Wohnzimmern und Konferenzräumen.
Sei es während wir mit unseren Kindern im Park
spielen oder Kleider in einem Fluß waschen, eine
Kaffeepause machen - wir kommen zusammen und
sprechen über unsere Wünsche und Sorgen. Und
immer wieder wendet sich unser Gespräch unseren
Kindern und unseren Familien zu.
So unterschiedlich wir auch sein mögen, es gibt sehr
viel mehr, das uns verbindet als trennt. Wir teilen
eine gemeinsame Zukunft. Und wir sind hier, um
gemeinsames Terrain zu sondieren, damit wir
Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt neue
Würde und Respekt verleihen können - und dabei
auch unseren Familien neue Stärke und Stabilität
geben können.
Durch unser Treffen in Peking konzentrieren wir die
Aufmerksamkeit der Welt auf Themen, die im Leben
von Frauen und ihren Familien am wichtigsten sind:
Zugang zu Bildung und Ausbildung, Gesundheits-

AMERIKA DIENST 27

fürsorge, Arbeitsplätze und Kredite, die Chance,
Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen und
sich uneingeschränkt am politischen Leben ihres
Landes beteiligen zu können.
Einige stellen den Anlaß für diese Konferenz in
Frage. Sie sollten den Frauen in ihrem Zuhause, in
der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz zuhören.
Andere fragen sich, ob das Leben von Frauen und
Mädchen für den wirtschaftlichen und politischen
Fortschritt auf der Welt von Bedeutung ist. Sie
sollten auf die hier und in Huairou versammelten
Frauen blicken - die Hausfrauen, Krankenschwestern,
Lehrerinnen, Juristinnen, Politikerinnen und selbständigen Geschäftsfrauen.
Es sind Konferenzen wie diese, die Regierungen und
Menschen überall auf der Welt zwingen, zuzuhören,
zuzusehen und sich den drängendsten Problemen
der Welt zu stellen.
War es nicht nach der Frauenkonferenz in Nairobi vor
zehn Jahren, als sich die Welt zum ersten Mal mit
dem Problem häuslicher Gewalt befaßte?
Heute vormittag habe ich an einem Forum der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilgenommen,
indem Regierungsvertreter, nichtstaatliche Organisationen und Einzelpersonen Wege zur Bewältigung der
Gesundheitsprobleme von Frauen und Mädchen
ausarbeiten.
Morgen werde ich einem Treffen des UN-Entwicklungsfonds für Frauen beiwohnen. Die Diskussionen
dort werden sich auf lokale - und außerordentlich
erfolgreiche - Programme konzentrieren, die hart
arbeitenden Frauen Zugang zu Krediten verschaffen,

Seite 1

�so daß sie ihr Leben und das ihrer Familien verbessern können.

das Leben von Kindern nach der Reaktorkatastrophe
von Tschernobyl zu retten.

Auf der ganzen Welt lernen wir, wenn Frauen
gesund und gut ausgebildet sind, wird es ihren
Familien gut gehen. Wenn Frauen frei von Gewalt
sind, wird es ihren Familien gut gehen. Wenn
Frauen eine Chance haben, zu arbeiten und als
vollwertige und gleichberechtigte Partner in einer
Gesellschaft Geld zu verdienen, wird es ihren
Familien gut gehen.

Die große Herausforderung dieser Konferenz besteht
darin, den Frauen überall auf der Welt Gehör zu
verschaffen, deren Erfahrungen unberücksichtigt
bleiben, deren Worte ungehört verhallen.

Und wenn es den Familien gut geht, wird es den
Gemeinden und Nationen gut gehen.
Aus diesem Grund hat jede Frau, jeder Mann, jedes
Kind, jede Familie und jede Nation auf unserem
Planeten ein Interesse an den hier stattfindenden
Diskussionen.
In den vergangenen 25 Jahren habe ich mich
kontinuierlich mit Themen befaßt, die Frauen, Kinder
und Familien betreffen, in den letzten zweieinhalb
Jahren hatte ich die Chance, mehr über die Herausforderungen zu erfahren, mit denen sich die Frauen
in meinem Land und auf der ganzen Welt konfrontiert sehen.
Ich habe Mütter im indonesischen Jojakarta getroffen, die regelmäßig in ihrem Dorf zusammenkommen, um die Ernährung, Familienplanung und
Kinderversorgung zu besprechen.
Ich habe berufstätige Eltern in Dänemark getroffen,
die über das beruhigende Gefühl sprechen, das sie
bei dem Wissen haben, daß ihre Kinder nach der
Schule in kreativen, sicheren und fürsorglichen
Tagesstätten versorgt werden.
Ich habe Frauen in Südafrika getroffen, die den
Kampf zur Beendigung der Apartheid mitanführten
und jetzt zum Aufbau einer neuen Demokratie
beitragen.
Ich habe die führenden Frauen der westlichen
Hemisphäre getroffen, die jeden Tag auf die Bekämpfung des Analphabetentums und bessere
Gesundheitsfürsorge für ihre Kinder und ihr Land
hinarbeiten.
Ich habe Frauen in Indien und Bangladesch getroffen, die Kleinkredite aufnehmen, um Milchkühe,
Rikschas, Garn und anderes Material zu kaufen, um
für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu
verdienen.
Ich habe Ärztinnen und Krankenschwestern in
Belarus und der Ukraine getroffen, die versuchen,

Seite 2

Frauen machen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung aus. 70 Prozent der Armen der Welt und zwei
Drittel derjenigen, die weder lesen noch schreiben
können, sind Frauen.
Es sind vornehmlich Frauen, die die Kinder und
älteren Menschen der Welt versorgen. Dennoch wird
ein Großteil der von uns geleisteten Arbeit nicht
gewürdigt - weder von den Wirtschaftswissenschaftlern, den Historikern, der Kultur noch von den Regierungsvertretern.
In diesem Augenblick, während wir hier sitzen,
bringen Frauen überall Kinder auf die Welt, erziehen
sie, kochen Mahlzeiten, waschen, putzen, säen,
arbeiten am Fließband, führen Unternehmen und sind
Staatsoberhäupter.
Frauen sterben an Krankheiten, denen man hätte
vorbeugen oder die man hätte behandeln sollen; sie
müssen zusehen, wie ihre Kinder an von Armut und
wirtschaftlicher Not verursachter Unterernährung
sterben; ihre eigenen Väter und Brüder verweigern
ihnen das Recht auf Schulbesuch; sie werden zur
Prostitution gezwungen und dürfen nicht an die
Wahlurnen oder den Bankschalter gehen.
Diejenigen von uns, die hier sein können, haben die
Pflicht, im Namen derjenigen zu sprechen, die nicht
kommen konnten.
Als Amerikanerin möchte ich im Namen der Frauen
meines Landes sprechen - Frauen, die von einem
Mindestlohn Kinder erziehen, die sich keine Gesundheitsfürsorge für sich oder Betreuung für ihre Kinder
leisten können, deren Leben durch Gewalt bedroht
ist, darunter Gewalt in den eigenen vier Wänden.
Ich spreche für Mütter, die für gute Schulen, eine
sichere Wohngegend, saubere Luft und saubere
Radio- und Fernsehsendungen kämpfen. Für ältere
Frauen, einige davon Witwen, die ihre Kinder großgezogen haben und jetzt entdecken, daß ihre Fähigkeiten und Lebenserfahrung in der heutigen Arbeitswelt
keinen Wert haben. Für Frauen, die nachts als
Krankenschwestern, in Hotels und Imbißstuben
arbeiten, damit sie tagsüber bei ioder Betreuung für
ihre Kinder leisten können, deren Leben durch
Gewalt bedroht ist, darunter Gewalt in den eigenen
vier Wänden.

AMERIKA DIENST 27

*i
.

�Ich spreche für Mütter, die für gute Schulen, eine
sichere Wohngegend, saubere Luft und saubere
Radio- und Fernsehsendungen kämpfen. Für ältere
Frauen, einige davon Witwen, die ihre Kinder großgezogen haben und jetzt entdecken, daß ihre
Fähigkeiten und Lebenserfahrung in der heutigen
Arbeitswelt keinen Wert haben. Für Frauen, die
nachts als Krankenschwestern, in Hotels und Imbißstuben arbeiten, damit sie tagsüber bei ihren Kindern
sein können. Und für Frauen überall, die einfach
nicht die Zeit für alles finden, was tagtäglich von
ihnen verlangt wird.
Wenn ich heute zu Ihnen spreche, spreche ich für
jede einzelne von ihnen, ebenso wie jede von uns
im Namen der Frauen auf der ganzen Welt spricht,
die nicht zur Schule oder zum Arzt gehen, keinen
Besitz und keine Kontrolle über ihr eigenes Leben
haben dürfen - aus dem einfachen Grund, weil sie
Frauen sind.

Tragischerweise sind es meistens die Frauen, deren
Menschenrechte verletzt werden. Selbst gegen Ende
des 20. Jahrhunderts wird Vergewaltigung weiterhin
als Instrument in bewaffneten Konflikten eingesetzt.
Frauen und Kinder machen den Großteil der Flüchtlinge weltweit aus. Und wenn Frauen aus dem
politischen Leben ausgeschlossen werden, sind sie
dem Mißbrauch noch stärker ausgesetzt.
Meines Erachtens ist am Vorabend eines neuen
Jahrtausends der Zeitpunkt gekommen, unser
Schweigen zu brechen. Es ist an der Zeit, hier in
Peking der ganzen Welt zu sagen, daß es nicht
länger akzeptabel ist, Frauenrechte von Menschenrechten zu trennen.
Diese Mißstände konnten fortbestehen, weil die
Geschichte der Frauen allzulange eine Geschichte
des Schweigens war. Selbst heute gibt es einige, die
uns hier zum Schweigen bringen wollen.

Tatsache ist, daß die meisten Frauen weltweit die
Hausarbeit erledigen und auch berufstätig sind,
normalerweise aus finanziellen Gründen.

Die Stimmen bei dieser Konferenz und der Frauen in
Huairou müssen laut und klar vernommen werden
können:

Wir müssen uns bewußt sein, daß es kein Patentrezept gibt, wie eine Frau ihr Leben führen sollte.
Aus diesem Grund müssen wir die Entscheidungen
respektieren, die jede Frau für sich und ihre Familie
trifft. Jede Frau hat das Recht auf die Chance, ihre
von Gott gegebenen Talente zu entfalten.

Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Babys nicht gefüttert, ertränkt oder erstickt werden,
ihr Rückgrat gebrochen wird, nur weil sie als Mädchen geboren wurden.

Ferner müssen wir erkennen, daß Frauen erst dann
wirklich in Würde leben können, wenn ihre Menschenrechte anerkannt und geschützt werden.
Unsere Ziele bei dieser Konferenz - die Stärkung
von Familien und Gesellschaften, indem Frauen in
die Lage versetzt werden, mehr Kontrolle über ihr
eigenes Leben auszuüben - können nur dann
umfassend erreicht werden, wenn alle Regierungen hier und auf der ganzen Welt - ihre Pflicht zum
Schutz und zur Förderung international anerkannter
Menschenrechte akzeptieren.
Die internationale Staatengemeinschaft hat schon
seit langem anerkannt und vor kurzem in Wien
bekräftigt, daß sowohl Frauen als auch Männer das
Recht auf Schutz und persönliche Freiheiten haben vom Recht auf persönliche Sicherheit bis zum Recht,
frei über die Anzahl der Kinder und den zeitlichen
Abstand zwischen ihren Geburten zu entscheiden.
Niemand sollte aus Angst vor religiöser oder politischer Verfolgung, Festnahme, Mißhandlung oder
Folter zum Schweigen gezwungen werden.

AMERIKA DIENST 27

Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen und Mädchen in die Sklaverei der Prostitution
verkauft werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen mit Benzin übergössen, angezündet und
verbrannt werden, weil ihre Mitgift als zu gering
erachtet wird.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen einzeln oder zu Tausenden systematisch als
Taktik oder Preis des Krieges vergewaltigt werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn die
Haupttodesursache weltweit bei Frauen zwischen 14
und 44 Jahren die Gewalt in ihren eigenen vier
Wänden ist.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Mädchen der schmerzhaften und entwürdigenden
Praxis der Verstümmelung ihrer Genitalien unterworfen werden.
Es ist eine Verletzung der Menschenrechte, wenn
Frauen das Recht auf Familienplanung verweigert
wird, und das schließt erzwungene Abtreibungen oder
Sterilisationen ein.

Seite 3

�Wenn diese Konferenz eine Botschaft übermitteln
kann, dann ist es die: Menschenrechte sind Frauenrechte. Und Frauenrechte sind Menschenrechte.

Während eines halben Jahrhunderts war der Frieden
an den meisten Orten vorherrschend. Wir haben
einen weiteren Weltkrieg verhindert.

Wir dürfen nicht vergessen, daß dazu auch das
Recht auf freie Meinungsäußerung gehört. Und das
Recht darauf, gehört zu werden.

Wir haben jedoch nicht die anderen, tiefverwurzelten
Probleme gelöst, die weiterhin das Potential der
Hälfte unserer Weltbevölkerung schwächen.

Frauen müssen das Recht auf umfassende Beteiligung am sozialen und politischen Leben ihrer
Länder haben, wenn Freiheit und Demokratie auf
Dauer Bestand haben sollen.

Es ist jetzt an der Zeit, im Namen aller Frauen zu
handeln.

Es ist unhaltbar, daß viele Frauen aus nichtstaatlichen Organisationen, die an dieser Konferenz teilnehmen wollten, nicht kommen konnten - oder ihnen
die Teilnahme verboten wurde.
Ich möchte eindeutig klarstellen: Freiheit bedeutet
das Recht der Menschen, sich zu versammeln,
zusammenzuschließen und offen zu debattieren. Es
bedeutet, die Ansichten derjenigen zu respektieren,
die nicht mit ihrer Regierung übereinstimmen. Es
bedeutet, Menschen nicht von ihren Angehörigen zu
trennen und einzusperren, zu mißhandeln oder ihnen
ihre Freiheit oder Würde zu nehmen, weil sie ihren
Ideen und Meinungen auf friedliche Weise Ausdruck
verleihen.
In meinem Land feierten wir kürzlich den 75. Jahrestag des Frauenwahlrechts. Nach der Unterzeichnung unserer Unabhängigkeitserklärung brauchten
die Frauen 150 Jahre, um das Wahlrecht zu erhalten. Es erforderte 72 Jahre des organisierten

Wenn wir kühne Schritte unternehmen, um das
Leben der Frauen zu verbessern, werden wir auch
kühne Schritte unternehmen, um das Leben von
Kindern und Familien zu verbessern. Familien
erwarten von Müttern und Ehefrauen emotionalen
Beistand und Fürsorge; Familien erwarten von
Frauen Hausarbeit und zunehmend auch einen
Beitrag zum Familienbudget, der für die Erziehung
gesunder Kinder und Fürsorge für ihre Verwandten
erforderlich ist.
Solange Diskriminierung und Ungleichheit weltweit an
der Tagesordnung sind - solange Mädchen und
Frauen geringer geschätzt, schlechter und zuletzt
ernährt, überarbeitet, unterbezahlt, nicht ausgebildet
und Gewalt im eigenen Heim unterworfen sind - kann
das Potential der Menschheit zur Schaffung einer
friedlichen, prosperierenden Welt nicht voll entfaltet
werden.
Diese Konferenz soll uns - und die Welt - zum
Handeln auffordern.

Kampfes zahlreicher mutiger Frauen und Männer.

Und wir wollen dieser

Es war einer der entzweiendsten philosophischen
Kriege Amerikas. Aber es war auch ein unblutiger
Krieg. Das Wahlrecht wurde erlangt, ohne daß ein
einziger Schuß fiel.

schenken, damit wir eine Welt schaffen können, in
der jede Frau mit Respekt und Würde behandelt wird,
jeder Junge und jedes Mädchen gleich behandelt und
geliebt werden, jede Familie Hoffnung auf eine gute
und sichere Zukunft hat.

Wir wurden am vergangenen Wochenende bei den
Feierlichkeiten aus Anlaß der Beendigung des
Krieges im Pazifik auch an das Gute erinnert, das
entsteht, wenn Männer und Frauen gemeinsam
gegen die Kräfte der Tyrannei und für eine bessere
Welt kämpfen.

* *

Seite 4

Aufforderung

Beachtung

Ich danke Ihnen.
Gott schütze Sie, Ihre Arbeit und alle, die davon
profitieren.

*

*

AMERIKA DIENST 27

�FRAUEN
13. September 1995

USA erläutern neue Programme für Frauen
Hintergrundpapier über die amerikanischen Initiativen
PEKING- (AD) - In einer ausführlichen Präsentation bei der 4. Weltfrauenkonferenz gab die amerikanische
Botschafterin Madeleine Albright am 6. September 1995 neue Initiativen der Vereinigten Staaten zum Abbau
der Schranken für gleichberechtigte Beteiligung von Frauen bekannt.
Nachfolgend veröffentlichen wir das amerikanische Papier.

Die Vereinigten Staaten geben Initiativen für vier
Bereiche bekannt, die amerikanische Frauen als
Prioritäten ausgemacht haben: Gleichberechtigung
und Teilhabe an der Macht; wirtschaftliche Sicherheit, einschließlich einer ausgewogenen Aufteilung
zwischen Arbeit und familiären Pflichten; die Menschenrechte von Frauen unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt gegen Frauen sowie Gesundheit.
I. Gleichberechtigung
Macht

Das Frauenbüro des Arbeitsministeriums wird eine
Kampagne einleiten, die sich mit den Zusagen von
Arbeitgebern, Organisationen und Gemeindegruppen
befaßt, systematische Veränderungen bei Maßnahmen und Praktiken am Arbeitsplatz zugunsten von
Frauen und ihren Familien vorzunehmen.

und Teilhabe an der

Ein interministerieller Rat, der vom neugegründeten
Büro für Frauenfragen des Weißen Hauses aus
operiert, wird einen einjährigen Prozeß der Umsetzung der Aktionsplattform leiten und einen langfristigen Plan zur Förderung vermehrter Befugnisse
für Frauen und deren Status entwickeln. Die amerikanische Delegation bei der Konferenz, die aus
Regierungsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) eines breiten geographischen und demographischen Spektrums zusammengesetzt ist, wird als Beratungsgremium für
den Rat dienen. Dieser Prozeß wird auf die starke
Partnerschaft zwischen nichtstaatlichen Organisationen und der Regierung aufbauen, die sich während
der Vorbreitung für die Frauenkonferenz entwickelt
hat.
Das US-Amt für internationale Entwicklung (U.S.
Agency for International Development - USAID) leitet
zwei sich gegenseitig verstärkende internationale
Programme im Rahmen einer Initiative für die
politische Beteiligung von Frauen und deren Rechte
in die Wege.

AMERIKA DIENST 27

II. Wirtschaftliche Sicherheit einschließlich einer
ausgewogenen Aufteilung zwischen Arbeit und
familiären Pflichten

Das Finanzministerium wird über den Fonds der
Finanzinstitutionen für Gemeindeentwicklung jährliche
Auszeichnungen des Präsidenten für hervorragende
Leistungen in Kleinunternehmen verleihen und eine
neue staatliche Initiative für Mikrountemehmen
koordinieren.
Der interministerielle Ausschuß für weibliches Unternehmertum und der nationale Rat für Unternehmerinnen wird einen Jahresbericht des Ausschusses an
den Kongreß weiterleiten, um den Bereich weibliches
Unternehmertum zu stärken.
USAID wird weiterhin Mikrounternehmensprogramme
für Frauen unterstützen.
III. Die Menschenrechte von Frauen unter besonderer Berücksichtigung von Gewalt gegen
Frauen
Das neue Büro für Gewalt gegen Frauen im Justizministerium wird umfassende nationale Bestrebungen
zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und anderer
Verbrechen gegen Frauen durch die Kombination
strenger neuer Bundesgesetze mit Hilfen für Bundesstaaten und Gemeinden bei Strafverfolgung, Unterstützung der Opfer, Strafverfahren und Verhinderung
von Verbrechen anführen.

Seite 1

�Die Administration bekräftigt ihre Verpflichtung zur
Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung
aller Formen von Diskriminierung der Frau.
IV. Gesundheit
Das Gesundheitsministerium wird Maßnahmen zu
einer Reihe von Problemen von Frauen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund, unter besonderer
Berücksichtigung von Frauen mit niedrigem Einkommen und ethnischen Minderheiten verabschieden:
Ein umfassender Plan zur Verringerung des Rauchens unter Kindern und Jugendlichen um 50 Prozent, einschließlich des Verbots von Tabakwaren für
sie.
Verhinderung von Schwangerschaften unter Teenagern durch Ermutigung von Enthaltsamkeit und
persönlicher Verantwortung bei gleichzeitigem
Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungsdiensten sowie Gesundheitserziehung in Schulen.
Gründung eines Leitenden Rats für Kinder und
Jugendliche, der eine Strategie mit einem Budget für
Kinder entwickeln wird, Prioritätsbereiche für vermehrte Aufmerksamkeit und Ressourcen empfiehlt,
Kommunikation innerhalb der Regierung aufbaut,
Partnerschaften mit Regierungen und Gemeinden
unterstützt sowie Forschung und Auswertung der
Tagesordnung koordiniert.
Bewältigung der gesundheitlichen Bedürfnisse älterer
Frauen durch die neue Gesundheitsinitiative für
Frauen, die Studien über Haupttodesursachen,
Behinderung und Gebrechen von Frauen nach der
Menopause vornimmt.
Förderung der Gesundheit insgesamt und Vorbeugung gegen Krankheiten durch eine Vielzahl von
Initiativen zu Brust- und Gebärmutterhalskrebs,
Einbeziehung von Frauen in klinische Tests sowie
größere Konzentration auf die Auswirkungen von mit
Armut in Verbindung stehenden Krankheiten bei
Frauen, die Gründung eines neuen nationalen
Clearinghauses für die Gesundheit von Frauen und
eine gebührenfreie Rufnummer mit Informationen
über die Gesundheit der Frau.
Forschung und Entwicklung bei Kontrazeptiva, unter
besonderer Berücksichtigung von Mikrobiziden und
der Abtreibungspille RU-486.
Erarbeitung einer politischen Tagesordnung zu
HIV/AIDS speziell für Frauen, Jugendliche und
Kinder.

Seite 2

I. Gleichberechtigung und Teilhabe an der Macht
A. Der Umsetzungsprozeß
Im Einklang mit den Verfügungen der Aktionsplattform, die bei der 4. Weltfrauenkonferenz verabschiedet werden soll, der festen Absicht der US-Regierung
zur Förderung vermehrter Befugnisse für Frauen und
deren Status sowie dem starken, von amerikanischen
nichtstaatlichen Organisationen zum Ausdruck
gebrachten Interesse an der Durchführung beinhalten
die Bestrebungen der Vereinigten Staaten im Anschluß an die Konferenz einen einjährigen Prozeß für
die Erarbeitung eines umfassenden Umsetzungsplans
bis zum Jahr 2000. Darüber hinaus werden zahlreiche spezifische Schritte unternommen, um die Worte
der Plattform in die Tat umzusetzen.
Diese Partnerschaft zwischen dem öffentlichen und
dem Privatsektor wird den bei der Vorbereitung der 4.
Weltfrauenkonferenz begonnenen Prozeß fortsetzen zweibahnige Kommunikation, die Regierungen und
Bürger in direkten Kontakt miteinander bringt, um
einen Umsetzungsplan zu erleichtern.
Ein interministerieller Rat, der vom neugegründeten
Büro für Frauenfragen des Weißen Hauses aus
operiert, wird die Umsetzung und die anschließenden
Bestrebungen gemeinsam mit dem Privatsektor und
den nichtstaatlichen Organisationen leiten. Die
amerikanische Delegation bei der Konferenz, die aus
Regierungsvertretern und Angehörigen nichtstaatlicher Organisationen eines breiten geographischen
und demographischen Spektrums zusammengesetzt
ist, wird als Beratungsgremium für den Rat dienen.
Der interministerielle Rat und das Beratungsgremium
für die Umsetzung werden Einsatzgruppen bilden, die
aus ihren Mitgliedern sowie mit anderen interessierten und wichtigen Einzelpersonen und Organisationen
zusammengesetzt sind, um die Empfehlungen der
Plattform und ihre Bedeutung für die Vereinigten
Staaten zu analysieren, amerikanische Frauen über
die Konferenz sowie ihre Prioritäten und Empfehlungen zu befragen und Mechanismen und Prozesse für
die kontinuierliche Umsetzung zu sondieren.
Ferner werden sie die Kommunikation zwischen der
Regierung und den NGOs herstellen, mögliche
juristische Schritte oder Reformen auf Bundes-,
Bundesstaats- und Gemeindeebene in Erwägung
ziehen, Jugendinitiativen erarbeiten und sich mit den
Sorgen der Jugendlichen befassen, Empfehlungen
einer Einsatzgruppe Jugendlicher entgegennehmen,
die aus Jugendvertretern inner- und außerhalb der
Regierung besteht und - was am wichtigsten ist - den
jungen Menschen selbst.

AMERIKA DIENST 27

�B. Initiative für politische Teilhabe und legale
Rechte

die gemachten Erfahrungen und besten Ansätze zu
informieren.

Der rechtliche Status der Frauen ist eng verbunden
mit ihrer politischen Beteiligung und hat Auswirkungen auf ihre Fähigkeit, zum wirtschaftlichen und
sozialen Fortschritt beizutragen und von ihm zu
profitieren. Um diese entscheidenden Entwicklungsprobleme anzusprechen, leitet USAID eine Initiative
in die Wege, die aus zwei unterschiedlichen, aber
sich gegenseitig verstärkenden Programmen besteht:

Zu den geförderten Programmen zählen diejenigen,
mit denen die Belesenheit von Frauen in Rechtsfragen verbessert wird, die Integration von geschlechtsspezifischen Problemen in den Lehrplan der
juristischen Fakultäten, Ausbildung der Gesetzgeber
in geschlechtsspezifischen Fragen, Bereitstellung
oder Unterstützung von Kliniken, Engagement in
einem direkten politischen Dialog mit Gesetzgebern
zur Förderung gerechterer Gesetze und Maßnahmen
sowie die Erleichterung von Partnerschaften und
Netzen über die Sektoren hinweg. Die Zusammenarbeit zwischen Freiwilligen- und nichtsstaatlichen
Organisationen, Ausbildung von Juristen, Frauengruppen und anderen mit den legalen Rechten von
Frauen befaßten Organisationen werden ein wichtiges Ergebnis dieses Programmelements sein.

Das Ziel des Programms für die politische Teilhabe
von Frauen ist der verbesserte Zugang von Frauen
zu politischen Prozessen und Wahlen sowie ihre
Beteiligung daran in im Übergang befindlichen und
sich konsolidierenden Demokratien auf der ganzen
Welt. Die Hilfe wird in vier Bereichen bereitgestellt:
Ausbildung in politischer Führung, Vernetzung,
staatsbürgerlicher und Wählerausbildung, technischer Ausbildung und Führungsqualifikationen.
Zu den erwarteten Ergebnissen zählen die zunehmende Zahl von Frauen, die sich zur Wahl registrieren lassen, politischen Parteien beitreten, sich
wählen lassen, Führungspositionen in der Legislative
und Exekutive übernehmen und die effektive Nutzung traditioneller politischer Instrumente wie Koalitionsbildung, Lobbying, politische Analyse und
Gründung von Frauenwahlkreisen durch Frauen.
Die institutionelle Unterstützung wird darüber hinaus

die Fähigkeiten zu finanziellem Management, Organisationsstruktur, demokratischen Prozessen für die
Entscheidungsfindung und Auswahl von Führungspersonen entwickeln und stärken.
Die USAID-Initiative für die legalen Rechte von
Frauen wird eine Strategie verabschieden, um
sowohl Wissen über den rechtlichen Status von
Frauen zu erarbeiten und Informationen darüber zu
verbreiten als auch die Fähigkeit von NGOs, Freiwilligenorganisationen und anderen Institutionen zur
Durchführung von Korrekturprogrammen und Aktionen aufzubauen. Die Betonung wird darauf gelegt,
die Frauen betreffenden Rechtsprobleme von
höchster Priorität nach Regionen und auf Landesebene auszumachen; festzustellen, auf welchen
Ebenen die größten Hindernisse für die legalen
Rechte der Frauen bestehen (Legislative, Judikative,
Bewußtsein/Akzeptanz der Gemeinde) und Identifizierung der Arten von Programmintervention, die am
effektivsten für Veränderungen beim rechtlichen
Status von Frauen sind. Zur Verbreitung der Erkenntnisse zählt der Informationsaustausch innerhalb
der betroffenen Länder und Regionen. Besondere
Betonung wird auf die Stärkung und Entwicklung des
Süd-Süd-Netzes gelegt, um sich gegenseitig über

AMERIKA DIENST 27

II. Wirtschaftliche Sicherheit
A. Ausgewogene Aufteilung zwischen Arbelt und
familiären Pflichten
In diesem Monat wird das Frauenbüro des Arbeitsministeriums eine einjährige Kampagne beginnen, um
die Arbeitssituation für Frauen und ihre Familien zu
verbessern. Das Büro wird sich mit den Zusagen von
Arbeitgebern, Organisationen und Gemeindegruppen
befassen, systematische Veränderungen bei Maßnahmen und Praktiken am Arbeitsplatz zugunsten von
Frauen und ihren Familien vorzunehmen. Diese
Zusagen werden in einer Publikation über berufstätige Frauen festgehalten, die vom Büro veröffentlicht wird, um andere zur Durchführung ähnlicher
Änderungen zu ermutigen.
Diese Änderungen können in drei umfassenden
Kategorien zusammengefaßt werden:
Verbesserte Bezahlung und Sozialleistungen.
Insbesondere Gesundheitsleistungen, um wirtschaftliche Sicherheit zu erlangen. Beispielsweise wird eine
Gruppe von Kleinuntemehmen kollektiv die Krankenversicherungfür Angestellte und ihre Familien kaufen;
eine nationale gemeinnützige (nichtstaatliche) Organisation wird anteilmäßig den Krankenurlaub auf
Teilzeit- und vorübergehend Beschäftigte aufteilen.
Arbeit und Familie. Veränderungen der Arbeitsplatzsituation, um zu einer Ausgewogenheit zwischen
Arbeit und familiären Pflichten beizutragen. Beispielsweise wird eine Organisation des öffentlichen
Dienstes eines Landkreises lokalen Gruppen Geld
anbieten, damit sie innovative Kinderbetreuungsleistungen anbieten können, auch für Kinder, deren
Eltern nachts und am Wochenende arbeiten. Ein

Seite 3

�Schulbezirk wird seinen Busfahrplan umstellen,
damit Kinder leichter an Betreuungsprogrammen
nach der Schule teilnehmen können.

punkt für Kleinunternehmerprogramme im ganzen
Land darstellen, die der Selbsteinschätzung und dem
Lernen von erfolgreichen Kollegen dienen.

Höhere Bewertung der Arbeit von Frauen. Eine
Gemeindestiftung wird beispielsweise drei Jahre lang
Geld aufbringen, um Hunderten von Erziehern
Ausbildung zu gewähren. Eine Berufsorganisation
wird einen Stipendienfonds für die Ausbildung von
Frauen bereitstellen, die wieder ins Arbeitsleben
eintreten.

Das Finanzministerium wird über den CDFI-Fonds
zum Koordinator einer neuen bundesweiten Kleinunternehmensinitiative, die einen Zusammenhang
zwischen der Vielzahl mikroökonomischer Programme der einzelnen Bundesbehörden herstellt. Diese
Initiative soll gewährleisten, daß Wachstum und
Entwicklung auf mikroökonomischem Gebiet mit
Geldern der Bundesregierung wirksam unterstützt
werden. Das Finanzministerium wird über den CDFIFonds Anforderungen an die Programme koordinieren, die Datenerfassung und Berichterstattung
vereinheitlichen, gegebenenfalls Schritte zur Harmonisierung der Vorschriften unternehmen, komplementäre Elemente von Programmen identifizieren und die
Möglichkeit einer Anlaufstelle sondieren, die Informationen über bundesstaatliche Kleinunternehmerprogramme bereitstellt.

Ziel der Kampagne ist es, Tausende von Veränderungen bei Maßnahmen und Programmen herbeizuführen, die eine Million Menschen betreffen. Zielgruppe sind Arbeitgeber, Unternehmen, bundesstaatliche und Gemeindeverwaltungen, Gewerkschaften, Fördergruppen und Einzelpersonen.
B. MikroÖkonomie: Ausweitung wirtschaftlicher
Chancen
Mehr Amerikanerinnen als je zuvor machen sich
selbständig, und Frauen stellen die große Mehrheit
der Amerikaner, die sich über Darlehen für Kleinunternehmen Kredite verschaffen. Mikroökonomieprogramme haben Besitzern sehr kleiner Unternehmen, insbesondere Frauen, erfolgreich dabei
geholfen, sich erstmals Zugang zu den für die Verbesserung ihres Lebens entscheidenden Ressourcen
zu verschaffen. Die Vereinigten Staaten werden
verschiedene bedeutende Maßnahmen ergreifen, um
Selbständigkeit und Kleinunternehmertum im Land
zu unterstützen.
Das US-Finanzministerium gründete vor kurzem den
Fonds für die Entwicklung der Finanzinstitutionen der
Gemeinden (Community Development Financial
Institutions Fund - CDFI-Fonds). Der Fonds fördert
Geber von Kleindarlehen sowie andere Finanzinstitutionen, die sich der Entwicklung in ihrer Gemeinde
mit Hilfe finanzieller und technischer Unterstützung
sowie der Schulung von Kleinkreditgebem verschrieben haben. Ferner wird er Informationen über
optimalen Beistand für Kleinunternehmen identifizieren und verbreiten.

Das fortgesetzte Engagement von USAID wird eine
beträchtliche Unterstützung durch das Amt über seine
Kleinunternehmerinitiative sicherstellen, die sich
erneut darauf konzentriert, Frauen und die Armen zu
erreichen. Zu den Höhepunkten dieser Strategie
gehören das 125 Millionen Dollar umfassende Kleinunternehmer-Innovationsprojekt sowie die Förderung
erhöhter Konzentration hochrangiger Politiker auf die
MikroÖkonomie durch die neue Beratungsgruppe zur
Förderung der Ärmsten (Consultative Group to Assist
the Poorest - CGAP), die durch das von der Weltbank zusammengerufene Konsortium von Gebern
verwaltet wird.
C. Weibliches Unternehmertum

Präsident Clinton wies kürzlich den Finanzminister
an, zwei zusätzliche Programme zur weiteren
Förderung des Kleinunternehmertums in den Vereinigten Staaten durchzuführen.

Diesen Monat legte der interministerielle Ausschuß
für weibliches Unternehmertum dem Präsidenten und
dem Kongreß seinen ersten Jahresbericht vor. Der
1994 gegründete, aus Vertretern von zehn Behörden
bestehende Ausschuß soll die Bestrebungen der
Regierung unterstützen, das Wachstum auf dem
Sektor der von Frauen geführten Unternehmen zu
fördern. Der Ausschuß arbeitet partnerschaftlich mit
dem nationalen Rat für Unternehmerinnen zusammen, einer Gruppe des Privatsektors, die sich aus
erfolgreichen Unternehmerinnen und Förderern des
weiblichen Unternehmertums aus dem nichtstaatlichen Bereich zusammensetzt.

Das Finanzministerium wird über den CDFI-Fonds
ein neues Programm ins Leben rufen und verwalten,
durch das herausragenden Gebern von Kleinkrediten
eine Auszeichnung des Präsidenten verliehen wird.
Durch die Bekanntgabe dieser Leistungen werden
die Auszeichnungen Herausforderung und Bezugs-

Der Ausschuß nimmt eine Einschätzung von Programmen für Unternehmerinnen aller Bundesbehörden über die grundlegenden Dimensionen vor, die
Frauen als wichtig erachten. Es wurden funktionierende innovative Programme identifiziert, die allen
Behörden und Frauen im ganzen Land zugänglich

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

�gemacht werden. Das Büro für Kleinunternehmerinnen hat jetzt im World Wide Web eine Home Page
und einen Newsletter, und über den nationalen Rat
für Unternehmerinnen werden Partnerschaften
geschlossen. Vier Bereichen wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet:
Öffnung des Marktes für freien und offenen
Wettbewerb bei der staatlichen Beschaffung von
Waren und Dienstleistungen zur Erreichung des
Ziels, daß in jeder Behörde 5 Prozent der Verträge und Nebenverträge mit Frauen abgeschlossen werden.
Die Sammlung von Daten und die Forschung
über weibliches Unternehmertum werden durch
neue, von der amerikanischen Zentralbank und
dem Statistischen Bundesamt geförderte Untersuchungen vorangetrieben. Im November findet
an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der
Northwestern University eine nationale Konferenz
zur Aufstellung einer langfristigen Forschungsagenda statt.
Ausweitung des Unternehmertums durch technische Unterstützung, Ausbildung und Information
für Unternehmerinnen.
Vermehrter Zugang zu Kapital bei Unternehmensgründungen sowie bei Vergrößerungen von
Frauen geführter Unternehmen.

III. Gewalt gegen Frauen
A. Das Büro für Gewalt gegen Frauen
Anfang des Jahres gab Präsident Clinton die Gründung eines Büros im Justizministerium für Gewalt
gegen Frauen im Gefolge des 1994 erlassenen
Gesetzes zur Verbrechensbekämpfung bekannt, das
einen Abschnitt über Gewalt gegen Frauen enthält.
Das neue Büro für Gewalt gegen Frauen wird
führend bei den umfassenden nationalen Bestrebungen zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und anderer
Verbrechen gegen Frauen sein.
Diese Bestrebungen verbinden strenge neue bundesstaatliche Gesetze mit der Unterstützung von
Bundesstaaten und Gemeinden zur Erzielung
wirklicher Fortschritte bei strafrechtlicher Verfolgung,
der Unterstützung von Opfern und der Verhütung
von Verbrechen.
Durch Initiativen zur Einbeziehung und Information
der Öffentlichkeit und der Zusammenarbeit mit ihr
wird das Büro die öffentliche Haltung gegenüber
diesen Verbrechen verändern und der Einstellung
entgegenwirken, Gewalt gegen Frauen sei eine

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Privatangelegenheit, die keiner öffentlichen Prüfung
oder gerichtlichen Entscheidung unterworfen werden
müsse.
Der Direktor des Büros für Gewalt gegen Frauen wird
in enger Zusammenarbeit mit einem Beratergremium
die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stärker auf das
Problem von Gewalt gegen Frauen und auf laufende
Programme lenken, um diese Gewalt durch landesweit organisierte Zusammenkünfte mit Vertretern der
Strafverfolgungsbehörden und Fördergruppen sowie
durch öffentliche Auftritte und Medienarbeit zu
verhindern.
Das Gesetz bewilligt für die nächsten Jahre 1,6
Milliarden Dollar an bundesstaatlichen Geldern. Im
kommenden Jahr wird das Büro 200 Millionen Dollar
für diese Bestrebungen aufwenden und sich darauf
konzentrieren, der amerikanischen Rechtsprechung
landesweit bei der Aufstellung von Spezialeinheiten
der Polizei und Strafverfolgungseinheiten gegen
sexuelle und häusliche Gewalt zu helfen sowie die
Ausbildung von Polizisten, Staatsanwälten, Richtern
oder Gerichtspersonal zu fördern.
Ferner wird das Büro die Durchführung von Reformen, neuen Vorgehensweisen und Vorschriften für
Sexual- oder häusliche Gewaltverbrechen in der
amerikanischen Gesetzgebung unterstützen. Darunter fallen Entschädigungen für die Opfer, die eine
Vorlage von Beweisen, daß der Angeklagte andere
Sexual- oder häusliche Gewaltverbrechen begangen
hat, in Fällen zulassen, die mit solchen Verbrechen in
Zusammenhang stehen; Gewährleistung der Vertraulichkeit in bezug auf Adresse und Aufenthaltsort
des Opfers sowie seine Verbindungen zu Beratern,
Therapeuten und Rechtsanwälten; Einführung von
Erfassungssystemen für Kinderschänder und andere
Sexualverbrecher sowie Ermutigung der Erstellung
polizeilicher Führungszeugnisse landesweit für
Angestellte aus den Bereichen Kinderbetreuung,
Behindertenversorgung und Altenpflege.
B. Inkraftsetzung des Gesetzes über freien Klinikzugang
Die Vereinigten Staaten wenden beträchtliche Gelder
für die Umsetzung des Gesetzes über freien Klinikzugang von 1994 durch das Justizministerium auf,
einschließlich der Beteiligung der drei Hauptuntersuchungsbehörden - dem Bundeskriminalamt FBI,
dem Büro für alkoholische Getränke, Tabakwaren
und Schußwaffen und der Polizeibezirksdirektion sowie Rechtsanwälten aus den Abteilungen für
Strafrecht, Zivilrecht und Bürgerrecht.
Unter der Leitung amerikanischer Rechtsanwälte
tätige Arbeitsgruppen bestehen aus Strafverfolgungs-

Seite 5

�beamten der nationalen, bundesstaatlichen und
kommunalen Ebene und werden weiterhin Pläne
ausarbeiten, um die Sicherheit der Kliniken für
reproduktive Gesundheit zu gewährleisten.
Unter der Führung der Justizministerin werden die
Polizeibezirksdirektionen der Vereinigten Staaten
weiterhin Kontakte zwischen Kliniken und Strafverfolgungsbeamten auf nationaler, bundesstaatlicher
und kommunaler Ebene im Hinblick auf mögliche
Androhung von Gewalt erleichtern und koordinieren.
C. Ratifizierung der Konvention über die Abschaffung aller Formen von Diskriminierung
der Frau
Die Administration legte dem Senat ihr Paket zur
Ratifizierung vor und bekräftigte ihre Verpflichtung,
alle für die Ratifizierung erforderlichen Anstrengungen zu unternehmen.
IV. Gesundheit
A. Das Gesundheitsministerium wird im Zusammenhang mit einer Vielzahl von Problemen aktiv, mit
denen sich Frauen aller Herkunft im Laufe ihres
Lebens konfrontiert sehen.
Kampf gegen das Rauchen unter Kindern und
Jugendlichen. Ein umfassender Plan zur Verringerung des Rauchens von Kindern und Jugendlichen
um 50 Prozent, einschließlich eines Verbots des
Verkaufs von Tabakwaren an Personen unter 18
Jahren.
Verhinderung von Schwangerschaften unter
Teenagern. Ermutigung von Enthaltsamkeit und
persönlicher Verantwortung bei gleichzeitigem Zugang zu Gesundheits- und Familienplanungsdiensten
sowie Gesundheitserziehung in Schulen.
Jugendliche und Kinder. Ein Leitender Rat für
Kinder und Jugendliche wird eine umfassende und
koordinierte Strategie für Kinder und Jugendliche mit
einem Budget für Kinder entwickeln und Empfehlungen hinsichtlich der Prioritäten bei finanziellen und
anderen Investitionen geben, Kommunikationsverbindungen innerhalb des Regierungsapparats aufbauen, Partnerschaften zwischen Regierungen und
Gemeinden bilden und eine Forschungs- und Entwicklungsagenda aufstellen.

Ältere Frauen. Erfüllung der gesundheitlichen
Bedürfnisse älterer Frauen durch Initiativen wie die
Frauengesundheitsinitiative, die größte klinische
Forschungsstudie über die Hauptursachen für Tod,
Behinderung und Gebrechen von Frauen nach der
Menopause.
Forschung und Entwicklung im Bereich der
Kontrazeptiva. Durchführung und Finanzierung
umfassender Forschungs- und Entwicklungsarbeit mit
besonderer Betonung von mikrobiziden Hormonimplantaten, Immunokontrazeptiva und der Abtreibungspille RU 486.
HIV/AIDS. Verfolgung einer politischen Tagesordnung für HIV/AIDS, die besonders auf Frauen,
Jugendliche und Kinder ausgerichtet ist und sich auf
Forschung, Aufklärung und Prävention konzentriert.
Beispiele hierfür sind:
1. Veröffentlichung von Richtlinien für Mediziner,
allen Schwangeren routinemäßig Aufklärung über
HIV und Tests auf freiwilliger Basis anzubieten als Reaktion auf wissenschaftliche Erkenntnisse,
daß Zidovudine (ZDV oder AZT) bei einigen
infizierten Frauen und ihren Babys die pränatale
HIV-Übertragung um zwei Drittel verringern
könnten.
2. Entwicklung einer behördenübergreifenden Studie
zu HIV-Infektionen unter Frauen, einer Langzeitstudie großen Stils, die Auswirkungen von HIVInfektionen auf Frauen in den Vereinigten Staaten
untersucht.
3. Gründung einer interministeriellen Arbeitsgruppe
zu AIDS im Namen des Präsidenten, die einen
koordinierten Ansatz zur HIV/AIDS-Epidemie
sicherstellt und einen nationalen Plan entwickelt,
der die Ziele der US-Regierung beim Kampf
gegen AIDS darlegt.
Förderung von Gesundheit und Verhütung von
Krankheit. Neben der Arbeit für eine Reform des
Gesundheitswesens durch das Streben nach Veränderungen zur Verbesserung der Effizienz und
Kostendämpfung im Gesundheitswesen werden die
Vereinigten Staaten sich durch folgende Initiativen mit
den gesundheitlichen Bedürfnissen von Frauen
befassen:
Dem nationalen Aktionsplan für Brustkrebs,

Behinderte Frauen und Mädchen. Behördenübergreifende Koordination zur Integration von behinderte Frauen und Mädchen betreffenden Gesundheitsfragen in eine allgemeine Gesundheitsagenda.

neuen Grenzen für die Entdeckung von Brustkrebs,
dem Gesetz über Qualitätsnormen der Mammographie,

Seite 6

AMERIKA DIENST 27

�der Ausweitung des nationalen Programms für
die Frühentdeckung von Brust- und Gebärmutterhalskrebs,

Erweiterte Familienplanungsdienste sowie gegebenenfalls Untersuchung auf sexuell übertragbare
Krankheiten und ihre Behandlung.

der Einbeziehung von Frauen in klinische Tests,

Einbeziehung nichtstaatlicher Organisationen in die
tatsächliche Bereitstellung von Dienstleistungen,
insbesondere die von Frauen angebotenen und
verwalteten.

dem nationalen Clearinghaus für die Gesundheit
der Frau,
der Ausweitung des Programms für die Verhütung von Unfruchtbarkeit.
B. Das Amt für internationale Entwicklung setzt
seine Unterstützung für folgende Projekte
fort:
Kampagnen in der Öffentlichkeit, um diese über die
reproduktive und sexuelle Gesundheit von Frauen
und die Verfügbarkeit von Dienstleistungen in den
Bereichen Gesundheit, Bildung und Rechtswesen
aufzuklären.
*

AMERIKA DIENST 27

Sicherung des universellen Zugangs zu sicheren,
effektiven und kulturell angemessenen Dienstleistungen im Bereich der reproduktiven Gesundheit,
einschließlich Familienplanung, zur Verbesserung der
Gesundheit von Frauen und Familien und der Gewährleistung größerer Selbstbestimmung der Frau.
Die Verhütung der Ausbreitung von HIV/AIDS unter
besonderer Berücksichtigung der Tatsache, daß in
den Entwicklungsländern im Verlauf des kommenden
Jahrzehnts mehr Frauen als Männer infiziert werden.

* * * *

Seite 7

�ARBEITSMARKT
13. September 1995

Die amerikanische Erwerbsbevölkerung
Rede von Arbeitsminister Reich
WASHINGTON - (AD) - Den amerikanischen Arbeitnehmern gehe es nicht so gut wie der amerikanischen
Wirtschaft, erklärte Arbeitsminister Robert Reich in einer Ansprache am 31. August 1995 im Center for National
Policy anläßlich des bevorstehenden Labor Day am 4. September 1995.
In seinen an den von den Republikanern beherrschten Kongreß gerichteten Ausführungen kritisierte Reich
diejenigen, denen Maßnahmen für höhere Mindestlöhne, höhere Steuerfreibeträge für die armen Arbeitnehmer,
Abschreibung der Collegegebühren und ähnliche Maßnahmen zu teuer erscheinen. Reich zufolge müsse der
Kongreß sich der Tatsache stellen, daß die Sicherung von Arbeitsplätzen weder leicht noch billig ist.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Arbeitsministers.

Wie hat sich die amerikanische Volkswirtschaft seit
dem letzten Labor Day entwickelt?
Vor einem Jahr betrug die Arbeitslosenrate 6,1
Prozent.
Die Arbeitslosenzahlen vom August
werden uns erst morgen vorliegen, aber Juli war der
elfte aufeinanderfolgende Monat, in dem sie unter 6
Prozent lagen. Vor einem Jahr florierte die amerikanische Wirtschaft mit 114 Millionen Arbeitsplätzen.
Heute boomt sie mit 116 Millionen. Vor einem Jahr
war der Wertpapiermarkt stark. Heute hat er schwindelerregende Höhen erreicht. Unternehmensprofite
steigen. Die gestern veröffentlichten Zahlen belegen, daß die Profite im vergangenen Jahr um 5,2
Prozent gestiegen sind. Am Labor Day 1995 blickt
die Volkswirtschaft anhand praktisch aller gängigen
Kriterien auf ein solides Jahr zurück.
Aber wenn ich durch das Land reise und amerikanischen Arbeitnehmern und ihren Familien zuhöre,
vernehme ich Stimmen, die nicht mit dieser Schlußfolgerung übereinstimmen. Der Wirtschaftsteil der
Zeitung mag gut aussehen, sagen sie, aber aus
meiner Perspektive geht es der Volkswirtschaft nicht
so gut. Bei mir zu Hause leben wir immer noch von
der Hand in den Mund. Wir können nicht für's Alter
sparen. Wenn ich genug verdienen will, um die
Rechnungen zu bezahlen, kann ich nicht genug Zeit
mit meinen Kindern verbringen und sie richtig
erziehen. Weder mein Arbeitsplatz noch meine
Krankenversicherung sind allzu sicher. Und wie
sollen wir das College bezahlen? Über wessen
Volkswirtschaft, fragen sie mich, sprechen Sie?

AMERIKA DIENST 27

Die Volkswirtschaft hat Feuer gefangen. Aber die
Vorteile haben sich für die meisten Arbeitnehmer in
Rauch aufgelöst. Letztes Jahr um diese Zeit brachte
der Durchschnittsarbeiter in diesem Land 479 Dollar
pro Woche nach Hause. Dieses Jahr beträgt der
Durchschnittslohn inflationsbereinigt 475 Dollar pro
Woche - vier Dollar weniger bei jedem wöchentlichen
Lohnstreifen. Und sowohl dieses als auch letztes
Jahr waren die Zahlen niedriger (wiederum inflationsbereinigt) als der durchschnittliche Wochenlohn von
498 Dollar im Jahr 1979.
Am Labor Day 1995 sind die Einkommen der meisten
Amerikaner auf dem gleichen Stand geblieben oder
sinken. Millionen von White-collar-Vorgesetzten und
Manager der mittleren Ebene fallen zusammen mit
den Produktionsarbeitern im Blaumann in eine
gemeinsame Kategorie - die der "zerschlissenen
Hemdkragen" in "goldenen Zeiten".
In makroökonomischer Hinsicht prosperiert die
Nation. Aber die Amerikaner leben nicht von der
Makroökonomie. Sie leben von der Binnenwirtschaft.
Sie leben nicht von offiziellen Statistiken. Sie leben
von der Zahl, die am wichtigsten ist: Der Zahl auf
ihrem Lohnstreifen.
Die amerikanische Erwerbsbevölkerung steht am
Labor Day nicht schlecht da, aber paradoxerweise
lange nicht so gut wie die Volkswirtschaft. Die Profite
sind höher. Die Zahl auf dem Lohnstreifen nicht.

Seite 1

�Wir sollten uns über das Glück der Amerikaner
freuen, die wohlhabender werden - der hochqualifizierte und gut ausgebildete Teil der Arbeitnehmer.
Etwas ist jedoch zutiefst falsch und zutiefst unamerikanisch an der Tatsache, daß der Wohlstand der
amerikanischen Volkswirtschaft an so vielen arbeitenden Menschen vorbeigeht. Ich beziehe mich
nicht auf den glücklosen Teil der Bevölkerung. Ich
spreche von den meisten Vollzeitbeschäftigten.
Die Überbrückung der Kluft zwischen Lohnstreifen
und Profiten ist unsere große verbliebene Herausforderung. Der stete Rückgang des Durchschnittslohns und der immer größer werdende Abstand
zwischen den Reichen und den übrigen bedroht die
Stabilität und den Wohlstand unserer Nation. Es gibt
viele Indikatoren für diesen Trend, und ich möchte
Ihre Aufmerksamkeit auf den Anhang mit Fakten
lenken, den die Ökonomen in meinem Büro zusammengestellt haben und der meiner Rede beiliegt.
Statt Zahlen abzulesen, möchte ich eine Geschichte
erzählen - nur die jüngste Geschichte eines Arbeiters der Kategorie "zerschlissene Hemdkragen" in
"goldenen Zeiten". In dieser Woche haben wir
erfahren, daß weitere 12.000 amerikanische Arbeitsplätze verschwinden werden. Für die meisten von
uns sind 12.000 Arbeitsplätze weniger - 12.000
betroffene Familien - schlechte Nachrichten. Aber
diese Nachricht wurde ziemlich erfreut aufgenommen.
Als zwei Großbanken - Chemical und Chase Manhattan - in dieser Woche eine Fusion beschlossen,
feierte die Wall Street. Die Ankündigung ließ die
Aktienkurse beider Banken steigen, und die Aktionäre konnten insgesamt 2,5 Milliarden Dollar an
Profiten einstreichen. Die Geschäftsführer der
beiden Unternehmen, die das Geschäft ausgehandelt hatten, wurden für ihre Vision und ihre Härte
gelobt. Dasselbe galt für den Fondsverwalter, der
zu dem Geschäft beigetragen hatte. Die Juristen
und Investmentbanker, die die Details ausgearbeitet
hatten, schnitten ebenfalls gut ab. Ziemlich vergessen inmitten der Feiern waren die Menschen, die
diese 12.000 Arbeitsplätze verlieren würden.
Es gibt verständliche Gründe, warum Banken eine
Fusion beschließen - Kostendegression durch
optimale Betriebsvergrößerung und effizientere
Nutzung neuer Technologien. Letztlich wird keiner
von uns prosperieren, wenn wir versuchen, den
technologischen Fortschritt aufzuhalten oder uns aus
der Weltwirtschaft zurückzuziehen. Chase und
Chemical sind nicht die Schurken in dieser Geschichte.

Seite 2

Diese Episode ist jedoch nur ein weiteres Symptom
der Losgelöstheit der Lohnstreifen vom Wirtschaftsteil
der Zeitung. Arbeitsplätze verschwinden, und die
Märkte freuen sich. Irgend etwas an diesem Bild ist
falsch.
Die Männer und Frauen, die diese 12.000 Stellen
verlieren, werden wahrscheinlich neue finden obwohl vielleicht nicht sofort und vielleicht nicht so
gute. Aber ihre landesweit miterlebte Erfahrung
intensiviert das vorherrschende Gefühl unter den
Durchschnittsarbeitern heute, daß sie Glück haben,
den Arbeitsplatz zu behalten, den sie haben. Die
amerikanischen Arbeitnehmer wurden durch diese
und tausend andere solcher Demonstrationen ihrer
leichten Ersetzbarkeit zum Schweigen gebracht. Sie
werden sich nicht beschweren, wenn sie keine
Lohnerhöhung bekommen, selbst wenn ihr Unternehmen jede Menge Geld verdient. Viele werden
sogar eine Kürzung ihrer Bezahlung oder der Sozialleistungen hinnehmen. Wenn man seine Entscheidung auf "entweder das, oder gar nichts" reduziert
sieht, kann man nicht viel sagen.
Daher wollen wir an diesem Wochenende diese
schweigende Mehrheit der amerikanischen Arbeitnehmer feiern. Und wir wollen nicht vergessen, daß am
kommenden Dienstag, dem 5. September, wenn
Labor Day vorbei ist, Abermillionen dieser hart
arbeitenden Amerikaner bei Tagesanbruch aufstehen,
die Kinder anziehen, Frühstück machen, zur Kindertagesstätte oder Schule fahren, einen langen Tag
arbeiten, die Kinder abholen, das Abendessen
fertigmachen, die Kinder ins Bett bringen, das Haus
putzen und immer noch die Energie finden, ihren
Kindern zuzuhören, mit ihnen über ihre Probleme und
Ängste zu sprechen und ihnen eine Gutenachtgeschichte vorzulesen.
Das sind die wirklichen Helden der amerikanischen
Volkswirtschaft. Diese Amerikaner brauchen den
Wind im Rücken, wenn sie je die Kluft zum Wohlstand überschreiten wollen.
Was heißt das im einzelnen? Es heißt erstens einen
höheren Mindestlohn. Der derzeitige Mindestlohn
von 4,25 Dollar pro Stunde nähert sich einem 40jährigen Tiefstand. Jemand, der Vollzeit für diesen Lohn
arbeitet, bringt 8.500 Dollar für die Arbeit eines
Jahres nach Hause - nicht genug, um eine Familie zu
ernähren. Und ungefähr 40 Prozent dieser Menschen sind der einzige Ernährer der Familie.
Den amerikanischen Arbeitnehmern eine faire Pause
zu gönnen, bedeutet auch, höhere Steuerfreibeträge
bei der Einkommensteuer, durch die sich das Arbeiten auszahlt, weil Geld in die Taschen von 15 Millio-

AMERIKA DIENST 27

�nen steuerzahlenden Arbeitnehmerfamilien
bescheidenen Einkommen zurückfließt.

mit

Es bedeutet gute Schulen - Schulen, die Ihren
Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen.
Wir können nicht erwarten, daß Kinder in Klassen
von 30 oder mehr Schülern mit Lehrern lernen, die
ihre Zeit und Energie darauf verwenden müssen, an
einem Schultag mit knapp fünf Stunden Unterricht
wenigstens die Ordnung herzustellen.
Es bedeutet direkte Kredite für den Collegebesuch
zu niedrigen Zinsen für alle Studenten, die weiterführende Bildung anstreben - und einen Steuerfreibetrag beim Familieneinkommen für die Collegeausbildung - die wichtigste Investition, die eine Familie
tätigen kann.
Es bedeutet Lehrstellen für Jugendliche, die vielleicht
nicht direkt das College besuchen wollen, damit sie
am Arbeitsplatz lernen können. Und einen Ausbildungsvoucher für Leute, die ihren Arbeitsplatz
verlieren und an einem Gemeindecollege vor Ort
neue Qualifikationen erwerben müssen.
Es bedeutet finanzierbare und sichere Kinderbetreuung. Und Freistellung von der Arbeit zur Pflege
eines kranken Kindes oder Elternteils.
Es bedeutet die Umsetzung der Arbeitsgesetze des
Landes, hartes Durchgreifen gegenüber Arbeitgebern, die ihre Arbeitnehmer betrügen und ausnutzen
sowie die Schließung von Ausbeutungsbetrieben, die
keinen Platz in einem zivilisierten Land haben.
Es bedeutet eine starke Gewerkschaftsbewegung,
damit die Arbeitnehmer ihre Stellung bei Tarifverhandlungen verbessern können, um das Einkommen
für die Familie zu verdienen.
Und es bedeutet Unternehmen, die ihre Arbeitnehmer als Vermögenswerte betrachten, die weiterentwickelt werden können, und nicht als Kosten, die
gesenkt werden müssen. Unternehmen, die keine
Kündigungen ausstellen, während sie Profite anhäufen. Unternehmen, die Arbeitnehmern den Anteil
des Wohlstands zugestehen, den ihre harte Arbeit
geschaffen hat. Unternehmen, die in die Qualifikationen ihrer Arbeitnehmer investieren - nicht nur in
Maschinen, die sie ersetzen.
Darum geht es hier. Und das ist die Tagesordnung,
die wir anstreben. Es ist eine auf die heimische
Wirtschaft konzentrierte Tagesordnung - eine Tagesordnung für die Arbeitnehmer aller Schichten, die
darum kämpfen, ein einigermaßen gutes Leben für
ihre Familien aufzubauen. Ein Teil dieser Tagesordnung ist bereits erledigt. Aber es bleibt sehr viel

AMERIKA DIENST 27

mehr zu tun. Der langfristige Rückgang des Durchschnittslohns und die breiter werdende Kluft zwischen
den Gutsituierten und der durchschnittlichen Arbeitnehmerfamilie kann weder leicht noch schnell überbrückt werden. Wir sind dabei, aber es wird ein
langer Weg.
Dennoch gibt es einige, die diesen Kurs umkehren
wollen. Häufig reiten sie unter dem Banner der
"Familienwerte", aber sie führen eine Parade an, die
nach hinten marschiert.
Sie weigern sich, die Mindestlöhne anzuheben. Sie
wollen die Kinderbetreuung, Head Start und den
Steuerfreibetrag für die armen Arbeitnehmer kürzen.
Sie wollen die Kredite für den Collegebesuch senken,
die Chancen für junge Menschen verringern, den
Übergang von der Schule ins Arbeitsleben zu meistern sowie andere Mittel für Bildung und Ausbildung
am Arbeitsplatz streichen.
Sie behaupten, der Haushaltsausgleich sei ihr Ziel.
Aber die Einzelheiten ihres Plans strafen die Werte
lügen, die sie vorgeben, in Ehren zu halten.
Für das am 1. Oktober beginnende Haushaltsjahr
wollen sie zusätzliche 7 Milliarden Dollar für die
nationale Verteidigung ausgeben - 7 Milliarden Dollar
mehr als selbst das Pentagon angibt zu benötigten
oder verwenden zu können - 7 Milliarden Dollar, die
sie von den Bereichen Bildung, Ausbildung am
Arbeitsplatz, Head Start und anderen Investitionen in
die wirtschaftliche Sicherheit unserer Familien abzweigen wollen.
In der Zwischenzeit weigern sie sich, Milliarden von
Dollar aus Steuerlücken und Subventionen für
bestimmte Industriezweige und Unternehmen anzurühren - Vergünstigungen, die gutbetuchte Unternehmenslobbyisten gesetzlich festgeschrieben haben
- milde Gaben, die Firmen in dauerhafter Abhängigkeit vom Staat halten. Als der Vorsitzende des
Haushaltsausschusses des Repräsentantenhauses
seinen Kollegen aus der republikanischen Partei
Anfang des Jahres einen Plan zur Schließung einer
Steuerlücke vorlegte, wunderten diese sich. Trotz
ihrer Forderung nach wirtschaftlichen Einschränkungen für die Erwerbsbevölkerung ist dieser Kongreß
der Wirtschaft gegenüber offen.
Sie wollen Milliarden Dollar zusätzlicher Steuererleichterungen für die Unternehmen zum Kauf neuer
Maschinen, aber nicht einen Penny für neue Steuervergünstigungen für Investitionen in die Fähigkeiten
erwerbstätiger Männer und Frauen.
Sie wollen den Einkommensteuerfreibetrag für
Arbeitnehmerfamilien abschaffen und planen eine

Seite 3

�Belohnung des Einkommens gutbetuchter Amerikaner auf der anderen Seite des Wohlstandsgefälles in
Form von Steuererleichterungen für Kapitalerträge.

hilfereform, aber es ist eine zynische Lüge zu behaupten, die meisten Sozialhilfeempfänger zögen
einen Scheck einem Arbeitsplatz vor.

Ihre Logik erinnert sehr an Alice im Wunderland.
Befreit die Wirtschaft durch Deregulierung und
Steuervergünstigungen für die Unternehmen und die
Reichen, und allen Amerikanern wird es gut gehen behaupten sie. Aber die Wirtschaft ist bereits ausreichend befreit, um die Mehrheit der Amerikaner
weit hinter sich zu lassen. Das Problem besteht
darin, daß die Löhne und Gehälter stagnieren,
während die Gewinne steigen - wie also können
höhere Gewinne die ganze Lösung sein?

Selbstgerechtes Gerede ist einfach und billig. Den
Menschen einen sicheren und guten Arbeitsplatz zur
Verfügung zu stellen, ist weder einfach noch billig.

Viele dieser Politiker sprechen mit großem Eifer von
Familienwerten, lassen aber die einheimische Wirtschaft außen vor. Sie sprechen leidenschaftlich über
den Zusammenbruch amerikanischer Familien,
erwähnen aber nicht den Zusammenbruch von
Familieneinkommen.
Sie sind sich der Frustrationen von Arbeitnehmerfamilien bewußt. Aber sie richten diese Frustrationen
gegen die falschen Ziele: gegen Einwanderer,
gegen von der Sozialhilfe lebende Mütter, gegen die
Politik der beruflichen Gleichstellung, gegen unsere
eigene Regierung.
Die Politik des Ressentiments - der Vorwürfe und
Intoleranz - bietet ein verzerrtes Spiegelbild der
Werte, die die meisten Familien den Kinder zu
vermitteln versuchen. Diese Technik spielt Arbeitnehmerfamilien gegen Arbeitnehmerfamilien oder
gegen die Ärmsten aus - im Kampf um einen immer
kleineren Anteil am Volkseinkommen.

Oder nehmen sie die Frage, die in den kommenden
Monaten in Washington wahrscheinlich das Hauptgesprächsthema sein wird - der bevorstehende Zusammenbruch des Bundeshaushalts. Nach Meinung
der Experten ist das ein Drama - ein Billionen-DollarSpiel, in dem eine Seite Entgegenkommen zeigen
oder die Regierung zumachen muß.
Für viele
Menschen außerhalb Washingtons könnte dieses
Drama jedoch viel persönlichere Konsequenzen
haben. Denn draußen in Amerika, wo die Arbeitnehmer die Arbeit tun, die das Land in Gang hält, gibt es
bereits einen Schiffbruch - eine entsetzliche Kollision
zwischen dem benötigten Arbeitsplatz und den
Familien, die sie lieben.
Der Kongreß kann eine haushaltspolitische Katastrophe verhindern, indem er das wahre wirtschaftliche
Problem in diesem Land angeht - die Volkswirtschaft.
Wenn er sich jedoch weigert, wenn er dieses Kernproblem des Landes ignoriert, wird der Präsident dem
alten Sprichwort, die Feder sei mächtiger als das
Schwert, eine moderne Bedeutung verleihen. Wenn
der Kongreß das Schwert gegen die Familie
schwingt, wird der Präsident sich mit seiner Feder für
die Familie einsetzen. Wenn der Senat ebenso wie
bereits das Repräsentantenhaus die Initiativen zur
Förderung der Familie kürzt, wird der Präsident sein
Veto gegen diesen Plan einlegen und ihn zurückschicken.

Der wirkliche Test für die Gesellschaft ist ihre Bereitschaft, ihre Kernprobleme anzugehen - sie nicht
abzustreiten, keine Sündenböcke zu suchen, sich
nicht durch momentane Dinge ablenken oder sich
schnell entmutigen zu lassen, wenn es keine einfache Lösung für die Probleme gibt - sondern
stetiges Engagement zu zeigen und einen fairen
Anteil an den erforderlichen Opfern zu bringen.

Vor nicht allzulanger Zeit äußerte ein anderer Präsident: "Wirtschaftliche Angelegenheiten sind heutzutage die wichtigste soziale Frage. Die die Vereinigten
Staaten konfrontierende wirtschaftliche Katastrophe
schadet den Familienwerten, zerstört die Ersparnisse
von Familien und beraubt die Familien ihrer wichtigsten Hoffnungen und Träume."

Beispielsweise wird der Senat nächste Woche über
die Reform der Sozialhilfe debattieren. Es wird oft
mit der Faust auf den Tisch gehauen und es werden
auch fromme Erklärungen über den Niedergang
familiärer Werte zu hören sein. Aber bezweifelt
irgend jemand wirklich, daß die beste Maßnahme
gegen Armut und zur Förderung der Familie ein
guter Arbeitsplatz ist? Daß die Aussicht auf einen
Arbeitsplatz und eine Karriere nach dem Schulabschluß arme Teenager eher dazu veranlaßt, die
Schule abzuschließen und davon abhält, auf die
schiefe Bahn zu geraten? Wir brauchen eine Sozial-

Gibt es einen besseren Anlaß, diese Worte Ronald
Reagans zu zitieren, als den Labor Day? Was wäre
ein besserer Zeitpunkt als das Wochenende vor dem
Labor Day, unser nationales Engagement für die
Familien zu bekräftigen, die verzweifelt und hart
arbeiten und das Beste für ihre Kinder wollen? Was
wäre ein besserer Zeitpunkt, Familienwerte hochzuhalten, indem wir alles in unserer Macht Stehende
unternehmen, die Familie aufzuwerten? Was wäre
ein besserer Moment, das Verprechen abzugeben,
das Leben der schweigenden Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung Amerikas zu verbessern?

Seite 4

AMERIKA DIENST 27

�DATENAUTOBAHN
13. August 1995

Neue Technologien für neue Dienstleistungen
Betrachtungen zu Plänen für
Bibliotheken in den Amerika Häusern
KÖLN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 5. September 1995 von der Direktorin für Informationsdienste des US-Informationsamts (United States Information Service - USIS), Mary Boone, bei der Konferenz
über New Library Strategies in Köln gehaltene Rede.

Amerika Häuser in Deutschland, 1945-1995
In diesem Jahr wichtiger Gedenkfeiern beging das
US-Informationsamt den 50. Jahrestag der Amerika
Häuser in Deutschland, die ihren Ursprung in der
Gründung kleiner amerikanischer Bibliotheken in den
Städten im Amerikanischen Sektor in den Monaten
nach Kriegsende hatten.
In der Erkenntnis, daß viele Deutsche nach Informationen aus der Welt dort draußen dürsteten, begannen die amerikanischen Besatzungsoffiziere spontan
mit der Zusammenstellung kleiner Buchsammlungen,
die häufig von den abziehenden amerikanischen
Soldaten gespendet wurden. Am 4. Juli 1945 wurde
in Bad Homburg die erste amerikanische Bibliothek
eröffnet, die bei ihrem Umzug nach Frankfurt im
September desselben Jahres bereits einen Bestand
von 700 Bänden hatte. In den nächsten Monaten
tauchten kleine Bibliotheken an vielen ungewöhnlichen Orten auf: Im Lesesaal einer medizinischen
Einrichtung in München, in einer Ecke der Frankfurter Börse, in einem zerbombten Gebäude in Berlin
und in einem historischen Gasthaus in Marburg. In
den ersten Jahren unterstanden diese kleinen
Zentren dem amerikanischen Militär und dem USAußenministerium. 1953 wurden sie vom neugegründeten US-Informationsamt übernommen.
Nachdem staatliche Mittel der US-Regierung zur
Unterstützung dieser Bibliotheken bereitgestellt
wurden, erhöhte sich die Zahl der Lesesäle Anfang
der fünfziger Jahre auf 100, und einige wurden zu
den als Amerika Häuser bekannten Kultur- und
Informationszentren. Das Ziel der Amerika Häuser
war es, als Forum für den Gedankenaustausch
zwischen unseren beiden Kulturen zu dienen, um
gegenseitiges Verständnis zu fördern. Die in den

AMERIKA DIENST 27

Amerika Häusern untergebrachten Bibliotheken waren
zusammen mit zu Gast weilenden amerikanischen Künstlern, Schriftstellern, Musikern und Wissenschaftlern ein wichtiges Element bei der Erlangung dieses Ziels.
In den letzten 50 Jahren haben sich diese amerikanischen Kulturzentren weiterentwickelt, während die
deutsch-amerikanischen Beziehungen gereift sind.
Nachdem die Zahl der Amerika Häuser und Lesesäle
Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre
rasch zugenommen hatte, verringerte sie sich danach
allmählich wieder, als Westdeutschland seine eigenen
Bibliotheken und Kulturinstitutionen aufbaute. Mit
dem Fall der Berliner Mauer wurde das erste Amerika
Haus in Ostdeutschland am 30. Juni 1992 in Leipzig
eröffnet.
Heute gibt es sechs Amerika Häuser in Deutschland:
Berlin, Köln, Frankfurt, Hamburg, Leipzig und München.
Amerika Haus-Bibliotheken im Jahr 1995
Heute, 50 Jahre später, befinden wir uns an einem
Scheideweg. Wir haben um uns geblickt und festgestellt, daß sich die Welt verändert hat und wir uns mit
ihr verändern müssen. Wir haben uns ernsthafte
Fragen bezüglich der Zukunft gestellt. Wir mußten
die Entscheidung treffen, wie wir unsere Mission am
besten erfüllen können, ein Forum für den Gedankenaustausch zu sein und den Politikern des heutigen
Deutschland, Regierungsmitgliedern, der akademischen Welt, den Medien sowie den ernsthaften
Studenten, die Führungskräfte von morgen sein
werden, aktuelle, umfassende Informationen über die
Vereinigten Staaten, ihre Regierung, Gesellschaft und
ihre Kultur bieten zu können.

Seite 1

�Um in eingehender, systematischer Weise Antworten
auf diese Fragen finden zu können, verabschiedeten
wir das Modell für einen strategischen Planungsprozeß, das wir im vergangenen Jahr umgesetzt
haben. Mit einer klaren Definition und dem Verständnis unserer grundlegenden Mission und unseres Publikums folgten wir den drei Phasen dieses
Modells:
1. Analyse der derzeitigen Situation des Bibliotheksprogramms, der Mutterinstitution - in unserem
Fall USIS-Deutschland - und der Umfelder.
2. Entwurf einer Vision für die Zukunft des Bibliotheksprogramms, und
3. Erarbeitung eines Durchführungsplans, der
umfassende Ziele in greifbare Ergebnisse umsetzt und Prioritäten definiert, die Mittelzuweisungen bestimmen.
Zur Analyse des Umfelds, in dem wir operieren,
zählte:
a. Das politische Umfeld: Mit dem Ende des
Kalten Krieges und der Vereinigung Deutschlands
sind die Themen, die einst unsere bilateralen Gespräche beherrschten, wie die Ost-West-Konfrontation und der Rüstungswettlauf, praktisch verschwunden und neuen Themenkomplexen, neuen Problemen und neuen Debatten gewichen. Obwohl die
transatlantische politische Sicherheit weiterhin ein
wichtiges Thema für uns ist, insbesondere da sie die
Zukunft der NATO betrifft, befaßt sich der bilaterale
Dialog zwischen den Vereinigten Staaten und
Deutschland heute ebenso häufig mit Fragen der
wirtschaftlichen Sicherheit und Handel. Bei der
Auswertung dieses Umfelds gelangten wir zu der
Schlußfolgerung, daß wir das Ausmaß der von uns
angebotenen Informationen erweitern müssen, um
den Erfordernissen von heute gerecht zu werden.
Wir konzentrieren uns nach wie vor auf den Bereich
aktueller Angelegenheiten im Zusammenhang mit
den deutsch-amerikanischen Beziehungen, Sozialwissenschaften und dem Studium der Vereinigten
Staaten, haben jetzt jedoch die amerikanische
Wirtschaft hinzugefügt.
b. Das wirtschaftliche Umfeld: Seit ihrer Amtsübernahme im Jahr 1992 hat die Clinton-Administration unter der Führung von Vizepräsident Gore die
Aufgabe übernommen, die amerikanische Regierung
"umzustrukturieren" sowie neue Wege zu eröffnen,
um Geschäfte gezielter und kostengünstiger abzuwickeln. Als Ergebnis der letzten beiden Wahlen
in den Vereinigten Staaten beherrscht jetzt eine
neue Generation von Gesetzgebern unseren Kongreß, die eine ernsthafte Reduzierung unserer

Seite 2

Regierungsaktivitäten und der staatlichen Ausgaben
fordern. Alle Behörden für auswärtige Angelegenheiten, einschließlich USIS, sind von diesen Kürzungen betroffen. Wir haben in diesem Jahr bereits zwei
Amerika Häuser geschlossen und erwarten in der
Zukunft noch weitere Einschnitte. Wir mußten ein
Programm planen, mit dem wir weiterhin Informationsdienstleistungen von Qualität mit weniger Mitteln
und weniger Einrichtungen anbieten können. Aus
diesem Grund haben wir entschieden, daß wir unser
Programm auf unser wichtigstes Publikum, die
Bundesregierung, die akademische Gemeinde und
die Medien konzentrieren müssen, deren Interessen
aktuelle Informationen über aktuelle Themen, Politik
und Trends erfordern. Obwohl die Studenten immer
noch uneingeschränkten Zugang zu allen unseren
Informationsquellen haben, können wir nicht länger
Originaltexte amerikanischer Literatur, Geschichte
oder Philosophie zur Verfügung stellen, die oft in den
örtlichen Buchhandlungen erhältlich sind.
c. Das Informationsumfeld: Als Bibliotheks- und
Informationsspezialisten sind wir uns der enormen
Veränderungen voll und ganz bewußt, die sich heute
in unserem Beruf vollziehen und von denen viele hier
bei dieser Konferenz erörtert werden. Mit der Entwicklung der elektronischen Medien finden im Bereich
der wissenschaftlichen Kommunikation revolutionäre
Veränderungen statt, und wenige Debatten in der
Gesellschaft von heute sind so interessant und
polarisiert wie die Diskussion über die Zukunft der
Print- und elektronischen Medien.
Das eine Extrem sind elektronische Gurus, die
erklären, in naher Zukunft würden wir in einer digitalen Welt völlig ohne Papier am Arbeitsplatz oder zu
Hause leben. Der Fernseher wird durch ein zentralisiertes Computersystem ersetzt, von dem aus wir
eine enorme Bandbreite elektronisch übertragener
Informationen und Unterhaltung auswählen können.
Wir müssen nicht länger ein Fernsehprogramm
ansehen, wenn der Sender sich für seine Ausstrahlung entscheidet, sondern können vielmehr Programme wählen, die wir ansehen, wann es uns Spaß
macht. Wir benötigen nicht länger ausgefeilte Druckund Verteilersysteme oder Verkaufsstellen für Herausgeber und Buchhändler, sondern wir werden
vielmehr das neue Buch direkt vom Autor gegen eine
Gebühr downloaden.
Wir werden nicht länger
gedruckte Zeitungen auf unserer Türschwelle vorfinden, sondern nur die uns interessierenden Themen
aus einem auf den Computer zu Hause übertragenen
Menü auswählen und so unsere eigene persönliche
Zeitung herstellen. In der Tat existiert das bereits:
The Washington Post, die wichtigste Zeitung der
Bundeshauptstadt, gab im Juli bekannt, daß sie jetzt
für die Abonnenten vor Ort in elektronischer Form
erhältlich ist, mit Graphiken, mit Suchfunktionen und

AMERIKA DIENST 27

�mit auf die jeweilige Nachbarschaft zugeschnittenen
besonderen Features. Es wurden sogar Artikel
geschrieben, die die Zukunft des Textes selbst in
Frage stellen - des Schreibens, wie wir es kennen mit der Spekulation, daß er durch elektronisch
übertragene interaktive Multimedien ersetzt wird.
Andererseits wird in der Debatte von einigen die
Meinung vertreten, elektronisch übermittelte Informationen könnten niemals ein zufriedenstellender
Ersatz für Gedrucktes sein. Beispielsweise wird
argumentiert, elektronisch verfügbare Artikel unterlägen oftmals keiner Überprüfung, die für wissenschaftliche Publikationen vorgeschrieben ist, was
Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommen läßt.
Ferner könnten elektronisch übermittelte Schriftstücke verändert, kopiert und umverteilt werden, was
ihre Echtheit in Frage stelle. Die übermittelte helle
und unzureichende Auflösung der elektronischen
Wiedergabe ermüde den Leser viel schneller als die
reflektierte helle und scharte Auflösung des bedruckten Papiers, was ihren Einsatz einschränke.
Eine logische Schlußfolgerung aus diesen Argumenten lautet, daß gedruckte Bücher weiterhin das
angemessene Format für schöngeistige Literatur und
andere lange und tiefgehende Werke sind, die Ideen
und Gespräche übermitteln, linear gelesen werden
sollten, daß jedoch elektronische Übermittlung das
bevorzugte Medium für den schnellen Transfer
dynamischer Informationen sein sollte, die ständig
auf den neuesten Stand gebracht werden.

hochqualifizierte, zweisprachige Fachleute, deren
Wissen über Informationsquellen zu den Vereinigten
Staaten und das Land selbst sie in die Lage versetzt,
angemessene Informationen aufzuspüren und für
unser deutsches Publikum aufzubereiten.
Alle
Mitglieder des Systems sind durch die elektronische
Post miteinander verbunden, die Kommunikation
beschleunigt und erleichtert, sowie durch Telefon,
Fax und die sogenannte "normale Post" oder
"Schneckenpost".
Diese Vision geht von der Idee aus, Zugang zu
neuesten elektronischen Informationen genau zum
richtigen Zeitpunkt ("just in time") zu bieten, statt
statische Printmaterialien nur für den Notfall ("just in
case") anzuschaffen.
Über die kommerziellen amerikanischen OnlineDatenbanken wie Dialog, Lexis-Nexis und Legi-Slate
sowie über Internet haben wir direkten Zugang zu
amerikanischen Informationsquellen. Beispielsweise
können wir die bereits von mir erwähnte The
Washington Post um 10.00 Uhr morgens am Tag
ihres Erscheinens elektronisch abrufen - trotz der
sechs Stunden Zeitverschiebung zwischen Washington und Bonn. Wegen der für die Herstellung einer
Verbindung erforderlichen Zeit und der Telekommunikationskosten für die Online-Suche sowie der für
die Suche in Online-Datenbanken erforderlichen
Fähigkeiten werden diese Dienstleistungen von
unseren Mitarbeitern erbracht.
Derzeit hat die
Öffentlichkeit keinen direkten Zugang zu ihnen,
obwohl wir das später einmal ändern wollen.

Zukunftsvision
Unsere Vision der Zukunft des Bibliotheksprogramms
für USIS-Deutschland ist - auf der Grundlage dieser
Analysen - ein dynamisches elektronisches Informations- und Kommunikationsnetz, durch das wir uns
aus unabhängigen, traditionellen Leihbibliotheken in
ein System von Informationszentren verwandeln
können, die sich auf den Transfer von Informationen
statt auf das Ausleihen von Texten konzentrieren.
Wir werden in unseren Bibliotheken eine umfangreiche Mischung von Material sammeln, darunter
Bücher, Zeitschriften und Regierungsdokumente aus
den Vereinigten Staaten, denn nicht alle von uns
benötigten Informationen sind elektronisch abrufbar.
Jede dem System angehörende Bibliothek wird nicht
nur über eine Sammlung grundlegender Nachschlagequellen verfügen, sondern sich auch auf bestimmte Themengebiete spezialisieren, durch die wir
Umfang und Tiefe unserer Sammlungen und das
Fachwissen unserer Mitarbeiter vergrößern können.
Wir werden diese einzigartigen Ressourcen, die in
unserem automatisierten Gesamtkatalog leicht zu
finden sind, allen Bibliotheken im System zugänglich
machen. Die Bibliothekare unseres Systems sind

AMERIKA DIENST 27

Der Zugang der Öffentlichkeit zu elektronischen
Informationsquellen auf CD-ROM ist jedoch ein
wichtiger Bestandteil unserer elektronischen Bibliotheken, die allesamt über eine Full-image Zeitungsdatenbank auf CD-ROM mit dem gesamten Text von
400 Zeitschriften verfügen, die einen Zeitraum von
fünf Jahren abdecken sowie mit Auszügen von
Artikeln aus zusätzlichen 400 Zeitschriften. Wir
abonnieren Dokumentenzustelldienste in den Vereinigten Staaten, von denen wir Zeitschriftenartikel
anfordern können, die uns innerhalb von wenigen
Minuten nach Deutschland gefaxt werden.
Über diese Dokumentenzustelldienste haben wir jetzt
erstmals Zugriff auf Artikel aus amerikanischen
Zeitschriften am Tag ihres Erscheinens. Unsere
Vision umfaßt auch die fortgesetzte Entwicklung
elektronischer Ausrüstung und in unseren Bibliotheken verfügbarer Quellen, die letztlich zu einem
CD-ROM-Netzwerk in jeder Bibliothek führen soll.
Unser Ziel besteht darin, leichten Zugang zu einem
möglichst breiten Spektrum amerikanischer Informationsquellen zu bieten. Da digitale Bibliotheken und

Seite 3

�Datenbanken wachsen, wird die Fülle der unseren
Nutzern zur Verfügung stehenden Informationen
immer größer. Beispielsweise hat die Yale University ihre Bibliothekssammlungen im Bereich Sozialwissenschaften zentralisiert und entwickelt einen
umfassenden elektronischen Datenservice, der die
Verfügbarkeit sozialwissenschaftlicher Informationen
stark erhöhen wird. Aufgrund unseres Interesses an
den Sozialwissenschaften ist dieses Projekt für die
USIS-Bibliotheken von großem Nutzen.
Einige Bibliotheksbenutzer mögen zunächst bedauert
haben, nicht ein Buch mit nach Hause nehmen und
in Ruhe lesen zu können. Wir hoffen jedoch, daß
sie damit zufrieden sein werden, Fotokopien mehrerer Seiten eines Buches mit nach Hause zu nehmen,
das immer im Regal steht, mit ganzseitigen Ausdrucken verschiedener aktueller Artikel und einer
Diskette mit Daten aus einer auf CD-ROM geladenen Informationsquelle, die jeden Monat auf den
neuesten Stand gebracht wird.
Da hier in Deutschland die Verbindung zum Internet,
der sogenannten "Datenautobahn", noch nicht auf
demselben Stand ist wie in den Vereinigten Staaten,
können wir vielen unserer Nutzer, die sonst noch
keinen Zugang dazu hätten, die "letzten Kilometer"
des Zugangs zu dieser Datenautobahn bieten.
Viele unserer wichtigsten Kunden sind Juristen,
Professoren, Journalisten und Wirtschaftsexperten,
die keine Zeit haben, unsere Bibliothek persönlich
aufzusuchen. Zu unserer Vision gehört daher die
Schaffung eines hochentwickelten Informationspakets zum richtigen Zeitpunkt, das darauf zugeschnitten ist, ihnen präzise Informationen über
spezifische Fragen zu bieten, die derzeit von Interesse sind. Die Herstellung dieser "Mehrwertinformationsprodukte", das Erlernen des Umgangs mit
neuen Computersystemen und Datenbanken sowie
die Entwicklung von Fachwissen auf neuen Themenfeldern erfordern ein hohes Maß an Wissen und
Fähigkeiten von unseren Informationsspezialisten.
Zu unserer Vision gehört auch das engagierte
Bemühen, ihnen laufend die erforderliche Weiterbildung zukommen zu lassen.
Um unseren Nutzern das unseres Erachtens höchste
Niveau an Informationen anbieten zu können,
müssen wir sie oftmals darum bitten, die Kosten mit
uns zu teilen. Wir erheben Gebühren für Fotokopien, Ausdrucke, Disketten und die Suche auf
Online-Datenbanken. Unseres Erachtens sind diese
Gebühren nicht zu hoch, und die gesammelten
Gelder fließen wieder in die Bibliotheken, wo sie für
den Erwerb neuer Materialien und Ausrüstung
verwendet werden.

Seite 4

Information USA
Zur Umsetzung unserer Vision schufen wir Information USA, ein offenes, nahtloses Netz von Informationsquellen, -produkten und -dienstleistungen in den
sechs über Deutschland verteilten Amerika Häusern
aus jeweils drei Elementen:
1. Auskunftsdienst. Er stellt aktuelle Informationen
über die Vereinigten Staaten aus einer Kombination von Print- und elektronischen Medien zur
Verfügung, darunter Bücher, Zeitschriften, Dokumente der US-Regierung, Online-Datenbanken
und CD-ROMS über politische, wirtschaftliche,
soziale und kulturelle Themen der Vereinigten
Staaten.
2. Business Information Centers.
Sie stellen
spezialisierte Wirtschaftsinformationen bereit,
beispielsweise Übersichten über Gesetze und
Vorschriften, Unternehmensprofile oder Listen
über Industriekontakte, die die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten fördern und weiterentwickeln sollen.
3. Study In the USA. Programme, Publikationen
und Beratungsdienste für Studenten, die sich für
ein Studium in den USA interessieren. Besonders
ausgebildete Fachleute bieten Studenten Beratung
über Bildungsmöglichkeiten und Bewerbungsmodalitäten in den Vereinigten Staaten an.
Das Information USA-System öffnete seine Türen
am 15. Mai 1995. Wir haben unsere Ausleihe
eingestellt und Belletristik und andere Literatur sowie
viele Standardwerke öffentlichen Bibliotheken und
Universitätsbibliotheken in den Städten gestiftet, in
denen es Amerika Häuser gibt. Es bleibt noch viel
für uns zu tun, aber wir haben bereits ein gutes Stück
des Weges zurückgelegt, unsere Vision zu verwirklichen.
USIS-Deutschland bietet seit neuestem elektronische
Produkte an. Um viel mehr Menschen als nur den
Besuchern der Amerika Häuser Informationen über
die Vereinigten Staaten zur Verfügung zu stellen,
haben wir einen elektronischen Bulletin Board Service, genannt Information USA Online, eingerichtet,
der Texte der US-Regierung und Informationen über
die Vereinigten Staaten in englischer und deutscher
Sprache enthält. Ferner richtete unsere Zentrale in
Washington sowohl eine Gopher-Seite (gopher.usia.
gov.port 1776) als auch eine World Wide Web-Seite
(www.usia.gov/usis.html) auf dem Internet ein, die
nicht nur neueste Informationen über die Vereinigten
Staaten, sondern auch direkten Zugang zu anderen
Internet-Seiten der US-Regierung bieten, einschließlich des Weißen Hauses, des US-Außenministeriums

AMERIKA DIENST 27

�und des Kongresses. Wir hoffen, in den nächsten
Monaten diesen Internet-Seiten unser deutschsprachiges Material hinzufügen zu können.

Wir sehen der von uns angestrebten Zukunft erwartungsvoll entgegen und laden Sie ein, mit uns auf der
Datenautobahn zu fahren, die durch die Überwindung
aller Zeit- und Ortshindernisse wirklich ein "Weltdorf"
geschaffen hat.

* * * * *

AMERIKA DIENST 27

Seite 5

�KUNST
13. August 1995

Lebenslanges Lernen mit den Künsten
von Ernest L. Boyer
(AD) - Die Künste sind notwendig, um menschliche Emotionen vollständig ausdrücken zu können, und
lebenslanges Lernen mit den Künsten sollte in den ersten Jahren im Leben eines Kindes beginnen, damit es
sein volles Potential entwickeln kann, so der Verfasser dieses Artikels.
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, der in Anlehnung an eine am 16. April 1994 in Chicago (Illinois)
vor der Nationalen Stiftung für die Künste gehaltenen Rede verfaßt wurde.
Ernest L. Boyer ist Präsident der Carnegie-Stiftung für die Förderung der Lehre.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day, 15. Oktober
1994, BandLXI, Nr. 1.

In der Öffentlichkeit wächst die Erkenntnis, daß die
Qualität einer Kultur und die Qualität der Kunst
untrennbar miteinander verbunden sind. Wir beginnen zu verstehen, daß wir nicht nur unsere Zivilisation, sondern auch unsere Menschlichkeit verlieren,
wenn wir nicht unsere Kinder mit dem bildende
Kunst genannten Symbolsystem vertraut machen.
Keine Bildung ist vollständig ohne die Kunst, und ich
finde es äußerst ermutigend, daß die Künste [im
März 1994] per Gesetz zum wichtigen Fach für alle
Schulen der Nation erklärt wurden.
Ich bin fest davon überzeugt, daß künstlerischer
Ausdruck eine der grundlegenden Formen menschlicher Sprache ist. Die Spezies Mensch ist in
vielerlei Hinsicht weitaus schlechter ausgerüstet als
andere Kreaturen auf dem Planeten. Wir können
uns an Stärke nicht mit dem Löwen messen, an
Geschwindigkeit nicht mit dem Vogel Strauß, an
Schwimmkünsten nicht mit dem Delphin, an Sehschärfe nicht mit dem Falken. Als Menschen ragen
wir jedoch mit dem feinen Einsatz von Symbolen
heraus, die uns in die Lage versetzen, alle anderen
Lebensformen bei dem, was wir sehen, fühlen und
wissen, zu überflügeln.
Mit anderen Worten: Man muß zu einer unbestreitbaren Schlußfolgerung gelangen. Die Künste sind
kein schmückendes Beiwerk. Sie sind tief in das
eingebettet, was uns wahrhaft zu Menschen macht.
Und lebenslanges Lernen mit den Künsten ist aus
fünf Gründen von entscheidender Bedeutung.

AMERIKA DIENST 27

Erstens benötigen wir die Künste, um Gefühlen und
Ideen Ausdruck zu verleihen, die man nicht in Worte
fassen kann. In den Anfängen der Zivilisation bedienten sich unsere Vorfahren der einfachen Gesten
und Geräusche, um Gefühle und Ideen zu übermitteln. Dann wurden Worte gebildet, ein Wortschatz
nahm Gestalt an, gefolgt von schriftlichen Symbolen,
die gestatteten, Botschaften von einem Ort zum
anderen zu schicken und Wissen wundersamerweise
von einer Generation zur nächsten weiterzugeben.
Aber trotz der Schönheit des geschriebenen und
gesprochenen Wortes war die Sprache unvollständig.
In der Tiefe des menschlichen Geistes blieben
Erfahrungen, die nicht von den als Worte bezeichneten menschlichen Äußerungen erfaßt werden konnten. Worte können nicht ausreichend die Freude
eines Frühlingsmorgens oder die Früchte der Ernte
im Herbst oder die Trauer und Einsamkeit am Ende
einer Liebesbeziehung ausdrücken. Sie können nicht
ausreichend das Plätschern eines Baches oder die
Schönheit eines Sonnenuntergangs vermitteln.
Das ganze Spektrum menschlicher Erfahrungen physische, emotionale und geistige - kann nicht allein
in Worte gekleidet werden. Für die innersten und
bewegendsten Ereignisse benötigen wir subtilere
Symbole. Aus diesem Grund haben sich Männer und
Frauen im gesamten Verlauf der Geschichte der
Musik, dem Tanz und den bildenden Künsten zugewandt.

Seite 1

�Vor einigen Jahren las ich ein Interview mit dem
Physiker Victor Weisskopf, der die Urknalltheorie
erörterte. Gegen Ende des provokativen Gesprächs
erklärte Weisskopf, wenn man die Theorie des
Urknalls verstehen wolle, solle man "den Werken
Haydens lauschen". Ich war zunächst amüsiert und
ein wenig befremdet über diesen Vorschlag. Bei
näherem Nachdenken wurde mir die Sache jedoch
absolut klar. Weisskopf erinnerte uns daran, daß
menschliche Erfahrungen bisweilen so tiefgehend, so
intellektuell und gefühlsmäßig überwältigend sind,
daß ihnen nur mit Hilfe von Symbolen Ausdruck
verliehen werden kann, die über Worte oder Zahlen
hinausgehen. Er erklärte, die Urknalltheorie müsse
nicht nur gedacht, sondern auch gefühlt werden.
Der Dirigent Murry Sidlin formulierte es folgendermaßen:
"Wenn Worte unzulänglich sind und unsere
Leidenschaft größer, als wir auf die übliche
Art und Weise ausdrücken können, wenden
sich einige Menschen der Kunst zu. Manche
greifen zu Pinsel und Leinwand, andere
stehen auf und tanzen. Aber wir alle gehen
über unsere normalen Kommunikationsmittel
hinaus, und das ist die gemeinsame menschliche Erfahrung aller Bewohner dieses Planeten."
Zweitens brauchen Kinder die Künste. Besonders
unwiderstehlich ist die Art und Weise, in der Kinder,
noch bevor sie sprechen lernen, sich instinktiv
Rhythmus und Gesang, Farben und Formen zuwenden. Lebenslanges Lernen mit den Künsten muß
lange vor dem Schulbesuch beginnen. Das Wissen
eines Kindes wächst in seinen ersten Lebensjahren
exponentiell an. In dieser Zeit ist die Neugierde sehr
stark, Kinder nehmen ihre Umwelt aktiv wahr, hören,
berühren, sehen die Welt und lernen somit.
Es wäre wunderbar, wenn Gesang, Malerei und
Rhythmus ein Bestandteil jeder Familie wären, wenn
jede Vorschule und jede Tagesstätte ein Ort der
Schönheit wäre und jede Wohngegend den Kindern
Musik, Tanz und Theater anbieten könnte.
In den Vereinigten Staaten haben wir heute 19
Millionen Kinder im Vorschulalter, die jedes Jahr 15
Milliarden Stunden vor dem Fernseher sitzen. Es
wäre wunderbar, wenn sie einen Kabelkanal "Willig
zu Lernen" hätten - mit Musik, Dichtung, Theater und
Malerei, einen Kanal, der sich ausschließlich der
Kunst für Kinder widmen würde. Schließlich haben
wir Kanäle für Nachrichten, Sport, Sex und Wetter,
Modeschmuck und Zeichentrickfilme. Ist es undenkbar, wenigstens einen Kanal der ästhetischen Bereicherung von Kindern zu widmen?

Seite 2

Der amerikanische Autor James Agee schrieb: "Mit
jedem Kind, das - ungeachtet unter welchen Umständen - geboren wird, wird das Potential der
menschlichen Rasse wiedergeboren."
Ich bin davon überzeugt, daß lebenslanges Lernen
mit den Künsten in den ersten Monaten im Leben
eines Kindes beginnen sollte, um die Entwicklung
seines vollen Potentials zu ermutigen.
Neben den Gefühlen und Einsichten, die wir nicht in
Worte kleiden können, ist die Kunst notwendig, um
das Wissen eines Kindes zu erweitern und Kreativität
ins Klassenzimmer zu bringen.
Wenn Kinder eingeschult werden, haben sie unendlich viele Fragen. Tatsächlich stellen Vierjährige
im Durchschnitt täglich 437 Fragen. Kinder fragen
aus Neugier und Intuition ständig "warum?". Nach
mehreren Schuljahren hören sie jedoch normalerweise auf, nach dem Warum zu fragen, und wollen statt
dessen wissen: "Brauchen wir das für die Prüfung?"
Ich habe schon hitzigen Debatten darüber beigewohnt, ob Kunst eine "akademische Disziplin" oder
ein "kreativer Akt" ist. Ich bin seit langem davon
überzeugt, daß die Kunst zwei Zielen dient. Natürlich
hat sie einen akademischen Inhalt, ebenso wie jede
andere Sprachform. Große Kunst wird ebenso wie
große Literaturwerke erinnert und studiert. Es gibt
präzise Formen, sie zu verstehen und zu meistern.
Und die Verbindung zwischen Kunst und Kultur muß
intellektuell geprüft werden.
Die Gleichung hat aber noch eine andere Seite. Der
Psychologe Howard Gardner von der Harvard University erinnert uns daran, daß Kinder nicht nur über
verbale Intelligenz verfügen, sondern auch über
soziale Intelligenz, räumliche Intelligenz, intuitive
Intelligenz und ästhetische Intelligenz. Und in den
Künsten lernen die Schüler nicht nur geradliniges
Denken, sondern auch Intuition und Kreativität.
Vor einigen Jahren erklärte bei der Abschlußfeier
eines Colleges die Absolventin, die die Abschlußrede
hielt, sie habe kürzlich zusammen mit ihrer 5jährigen
Nichte gemalt. Die Nichte habe Stifte und Malbuch
ergriffen, schnell die ungefähr 30 Strichzeichnungen
durchblättert und auf der letzten leeren Seite zu
malen begonnen. Auf die Frage, warum sie dort
male, wo keine Vorgaben seien, antwortete das
kleine Mädchen entschieden: "Außerhalb der Linien
kann man alles malen, was man will."
Der Dichter Walt Whitman erklärte in den ersten
Zeilen von Leaves of Grass: "Ich feiere mich
selbst." Wir brauchen Kunst in jeder Schule, vom
Alter von 5 Jahren bis zur weiterführenden Schule,

AMERIKA DIENST 27

�um alle Schüler zu ermutigen, außerhalb der vorgegebenen Linien zu malen.
Die Künste sind eine Erweiterung der Sprache. Sie
tördern Kreativität und vermitteln den Kindern neues
Wissen. Aber - und das ist der dritte Grund für die
entscheidende Bedeutung der Kunst - wir brauchen
die Kunst auch, damit die Schüler das Gelernte
verinnerlichen und Verbindungen herstellen können.
In der heutigen zersplitterten akademischen Welt
arbeiten die Studenten an unterschiedlichen akademischen Themen. Ihnen wird ein Diplom verliehen,
aber sie bekommen kein zusammenhängenderes
Bild des Wissens und kein integrierteres, authentischeres Bild des Lebens.
Albert Einstein schrieb, daß alle Religionen, alle
Künste und alle Wissenschaften Äste desselben
Baumes seien. Aber wo werden die Studenten
aufgefordert, solche Verbindungen zu entdecken?
Die Genetikerin Barbara McCIintock, eine Nobelpreisträgerin, schrieb: "Alles ist eins." Und als
Weisskopf gefragt wurde "Was gibt Ihnen in unruhigen Zeiten Hoffnung", antwortete er: "Mozart und
die Quantenmechanik". Im Campus leben Künstler
und Wissenschaftler jedoch zumeist in verschiedenen Welten.
Vor einigen Jahren behauptete Frank Press, Präsident der nationalen Akademie der Wissenschaften,
die Arbeit des Wissenschaftlers und die Arbeit des
Künstlers ähnelten sich in vielerlei Hinsicht. Zur
Veranschaulichung erklärte er, die großartige Doppelhelix, die den genetischen Code knackte, sei nicht
nur logisch, sondern auch schön. Ich habe festgestellt, daß sogar die Techniker von Cape Canaveral
beim Start zu Dichtern werden. Wenn die Raumfähre sich erfolgreich auf dem Weg ins Weltall befindet,
sagen die Ingenieure nicht "Nun, unsere Formeln
waren wieder richtig", sondern vielmehr fast im Chor:
"Wunderschön". Ich finde es faszinierend, daß sie
eine technologische Errungenschaft mit einem
ästhetischen Ausdruck beschreiben.
Anfang der siebziger Jahre war ich bei der Organisation des New York State Theater behilflich, das in
kreativer Weise das Schauspiel zur Förderung des
integrierten Lernens in allen Disziplinen einsetzt.
Während der vergangenen 25 Jahre haben buchstäblich Tausende anderer in Schulen durchgeführter
Programme über jeden Zweifel hinaus bewiesen,
daß die Künste unsere zersplitterte akademische
Welt zusammenhalten und darüber hinaus die
Leistung verbessern können.

AMERIKA DIENST 27

Der Lehrer, Dichter und Essayist Mark Van Doren
schrieb vor über 50 Jahren: "Es ist der logische
Zusammenhang der Dinge, mit dem sich der Pädagoge bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit
befaßt."
Ich bin überzeugt, daß Verbindungen über die
Disziplinen hinweg am ehesten durch die integrierende Macht der Künste erzielt werden können.
Viertens haben die Künste - obwohl sie unabdingbar
für alle sind - eine besondere Bedeutung für Kinder,
die gesellschaftlich unsicher, emotional gestört oder
physisch behindert sind.
Vor vielen Jahren arbeitete ich als junger Audiologe
mit tauben Kindern. Weil sie nicht hören konnten,
konnten sie nicht sprechen, und ich sah die Frustration und den Zorn, die Kinder erleben, wenn sie nicht
mit anderen kommunizieren können. Diese Jugendlichen waren oft sehr begabt, aber ohne das Wunder
der Sprache lebten sie in t iner einsamen und isolierten Welt. Ich beobacht ;te auch, daß dieselben
Kinder dank der Künste aufstanden und tanzten,
Farbe auf eine Leinwanc malten oder ein künstlerisches Muster webten, und plötzlich war das Leben
für sie erfüllter und vollständiger.
In den letzten zwölf Jahre i war ich der Vorsitzende
von Very Special Arts, einom Programm des Kennedy Center in Washington lür die darstellenden Künste, das Kunst für Behinderte fördert. Immer wieder
habe ich gesehen, wie physisch oder sprachlich
behinderte Kinder und Erwachsene fröhlich über
Malerei, Tanz, Bildhauerei oder Weben miteinander
kommunizieren können.
Bei einem Symposium im Kennedy Center war Linda
Bovee, eine begnadete Schauspielerin, die Gastrednerin. Aufgrund ihrer Taubheit sprach Bovee unter
Zuhilfenahme der Zeichensprache und einer Dolmetscherin, die denjenigen von uns behilflich war, die die
Zeichensprache nicht verstanden.
Gegen Ende ihres Vortrags zitierte sie das bekannte
Gedicht von Robert Frost: "Zwei Straßen verloren
sich im Wald, und ich nahm die weniger befahrene und das bewirkte den Unterschied."
Als Bovee ihre Hände bewegte und ihr Gesicht eine
ungeahnte Intensität widerspiegelte, fand ich die
Zeichensprache sehr viel mächtiger und eleganter als
das gesprochene Wort.
Ohne Frage hat die Sprache der Künste eine ganz
besondere Bedeutung für behinderte Kinder, und
durch Musik, Tanz und die bildenden Künste können
sie sich bewußt selbst ausdrücken.

Seite 3

�Die Künste können auch eine große Motivation für
sozial entfremdete junge Menschen sein. Viel
zuviele Teenager in den Vereinigten Staaten fühlen
sich überflüssig, unerwünscht und lösgelöst von der
Welt. Selbst in der Schule treiben zu viele Schüler
ziellos von Klasse zu Klasse. Ich bin zu der Schlußfolgerung gelangt, daß viele die Schule einfach
deshalb abbrechen, weil niemand bemerkt hat, daß
sie überhaupt anwesend sind.
Vor einigen Jahren besuchte ich eine große Schule
in der Innenstadt. Der Direktor erklärte, die Schüler
hätten jahrelang eine riesige Wand neben dem
Spielplatz mutwillig zerstört und mit Graffiti bemalt.
Eines Tages traf er sich mit der Schülervertretung
und sagte: "Die Wand gehört Euch." Kurz darauf
war die Wand gesäubert und mit einer herrlichen
Wandmalerei versehen. Danach blieb die Wand
respektvoll unberührt.
Es ist auch eindeutig erwiesen, daß gestörte Kinder,
die an Tanz-, Schauspiel- und Musikgruppen teilnehmen, praktisch über Nacht weniger destruktiv
iifid kreativer werden können.
Der Dichter Vachel Linday schrieb:
"Es ist das eine Verbrechen der Welt, daß
ihre Babys dumm werden,
Nicht, daß sie nicht säen, sondern selten reifen,
Nicht, daß sie nicht dienen,
sondern keine Götter haben, denen sie dienen
können,
Nicht, daß sie nicht sterben,
sondern, daß sie wie Schafe sterben."
Die Tragödie ist nicht der Tod. Die Tragödie ist, mit
Undefinierten Verpflichtungen, unerklärten Überzeugungen und unerfüllten Aufgaben zu sterben.
Ich bin überzeugt, daß den Künsten eine ganz
besondere Rolle dabei zukommt, den Teenagern der
Nation ein umfassenderes Gefühl für den Sinn des
Lebens zu vermitteln.
Der fünfte Grund, warum die Künste entscheidend
sind, ist, daß sie beim Aufbau einer Gemeinschaft
behilflich sein können - in der Schule, in der Nachbarschaft, zwischen unterschiedlichen Kulturen und
über Generationen hinweg.
Der Philosoph, Kritiker und Schriftsteller Lewis
Mumford erinnert uns in The Myth of the Machine
daran, daß die Gesellschaften an Produktivität
zunahmen, aber den Gemeinschaftssinn verloren,
als sie von kleinen Dörfern zu unpersönlichen
Städten wuchsen. Etwas ähnliches passiert heute
mit uns. Und dennoch verspüren alle von uns trotz

Seite 4

der Trennungen einen tiefen Drang zu Bindungen
vom ersten bis zum letzten Moment unseres Lebens.
Die Biologin Mary Clark stellte fest: "Soziale Bande
sind keine temporären, zur Bequemlichkeit des
einzelnen eingegangenen Kontakte. Soziales Eingebettetsein ist das Wesen unserer Natur." Die traurige
Wahrheit ist jedoch, daß im Amerika von heute
gemeinsame Werte zu verblassen begonnen haben.
Wir trennen zwischen reich und arm, schwarz und
weiß, jung und alt.
Viele fragen sich jetzt, ob man noch gemeinsames
Terrain finden kann. Ich bin weiterhin davon überzeugt, daß Gemeinschaft nicht nur möglich, sondern
unabdingbar ist. Ich bin auch überzeugt, daß die
Künste uns die eine Sprache geben, die die trennenden Abgründe überwinden kann. Überlegen Sie
beispielsweise, wie Salvador Dalis Gemälde "Die
Beständigkeit der Erinnerung" zu jedem spricht, der
von der verrinnenden Zeit gejagt wird. Überlegen
Sie, wie Picassos "Guernica" eine universelle Aussage über den Krieg macht, die jedes menschliche
Wesen im Innersten fühlen kann. Überlegen Sie
auch, wie der Gospelsong "Amazing Grace" ein
gemeinsames Band zwischen Menschen schafft, sei
es in den Appalachen oder in Manhattan. Überlegen
Sie, wie das in langsamer und feierlicher Kadenz
gesungene "We Shall Overcome" uns alle unabhängig von Rasse, Alter oder wirtschaftlichem Status
verbinden kann.
Die Künste können zur Herstellung von Verbindungen
beitragen, indem sie Musik in den Park, Festivals in
unsere Nachbarschaft und Eltern in die Schulen
bringen. Und das Programm "Design Arts" der
Nationalen Stiftung für die Künste unterstützt Projekte
in Architektur, Landschaft und Stadtplanung, die das
visuelle Umfeld der Gemeinden bereichern.
Der Aufbau von Gemeinschaften hat auch globale
Auswirkungen. 1974 reiste ich mit dem Kindertheater
des Bundesstaates New York für eine Aufführung von
Der Zauberer von Oz im Bolschoitheater in die
Sowjetunion. Am Ende der Vorstellung, als die
amerikanischen Studenten als Zugabe "Somewhere
Over the Rainbow" auf Russisch sangen, schien der
Kalte Krieg momentan zu schmelzen.
Natürlich weiß ich, daß Kunstbotschaften nicht immer
Brücken des Verständnisses bauen. Sie können
auch Verwirrung stiften, selbst Konfrontation auslösen. Aber es ist mein unerschütterlicher Glaube,
daß die Künste letztlich heilen werden. Sie sind, wie
ein Grundschullehrer es formulierte, "die Sprache der
Engel".

AMERIKA DIENST 27

�Vor ungefähr einem Jahr hielt ich bei einer Abschlußfeier eine Rede. Ich fühlte mich ermutigt
durch den Anblick eines Absolventen, der auf sein
Barett die einfache Botschaft geklebt hatte: "Fürchtet Kunst nicht". Und damit die Künste Vertrauen,
nicht Furcht wecken, müssen wir die Vielfalt feiern
und Kulturinstitutionen aufbauen, die Gemeinden,
nicht Enklaven für die Privilegierten sind.
Die Künste können Brücken bauen, nicht nur über
Kulturen, sondern auch über Generationen hinweg
und die Anfänge und das Ende des Lebens verbinden.
Die Anthropologin Margaret Mead schrieb, die
Gesundheit jeder Kultur werde durch drei Generationen bewahrt, die tatsächlich interagieren. Im Amerika von heute schaffen wir jedoch eine horizontale
Kultur, in der jede Altersgruppe von der anderen
getrennt ist. Wir verankern diese Trennungen sogar
institutionell.
Kleinkinder sind in Tagesstätten.
Kinder sind in der Schule, nach Alter getrennt.
Collegestudenten sind im Campus isoliert. Erwachsene sind am Arbeitsplatz. Alte Menschen sind im
Seniorenheim. Es ist an der Zeit, generationenübergreifende Institutionen zu bauen - Orte, an denen

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AMERIKA DIENST 27

Großeltern und Enkel fröhlich über Malerei, Gesang
und Rhythmus kommunizieren können. Meine Mutter
und mein Vater verbrachten mehrere Jahre in einem
Seniorenheim, aber das Heim hatte auch eine
Kindertagesstätte, und jedes 3- oder 4jährige hatte
adoptierte Großeltern. Sie verbrachten die Nachmittage zusammen, malend, singend und nähend. Die
Künste sind in den späteren Jahren ebenso sinnträchtig wie am Anfang des Lebens. Carl Sandburg
schien mit einer besonderen Bedeutung über die
Kunst für die Älteren zu sprechen, als er schrieb:
"Als er die Grenzen der animalischen Bedürfnisse
überschritten hatte,
die bittere Linie der reinen Subsistenz,
gelangte der Mensch
zu den tieferen Ritualen seiner Gebeine,
zu den Lichtern, die heller waren als alle Gebeine,
zu der Zeit, Dinge zu überdenken,
zum Tanz, zum Lied, zur Geschichte,
oder den dem Träumen überlassenen Stunden als er diese Grenzen überschritten hatte."
Am Ende sind es die Künste, die den Lebenszyklus
zu einem vollständigen Zyklus werden lassen.

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