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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C
30. August 1995

26

BOSNIEN

CLINTON: FRIEDEN WAR DAS ZIEL DER
IN BOSNIEN VERUNGLÜCKTEN AMERIKANISCHEN REGIERUNGSVERTRETER
Ansprache des Präsidenten bei den
Trauerfeierlichkeiten

HÖCHSTE REGIERUNGSVERTRETER EHREN
DIE IN BOSNIEN VERUNGLÜCKTEN
DIPLOMATEN
Ansprachen von Christopher, Perry und Lake

NW

HABT GROSSE ANGST
von Robert Wright

WIRTSCHAFT

BEMs - DIE GROSSEN AUFSTREBENDEN
MÄRKTE
Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung

FRAUEN

USA UMREISSEN ZIELSETZUNGEN FÜR
PEKINGER FRAUENKONFERENZ
Erklärung von Botschafterin Albright

GESUNDHEIT

ER BEFREITE VON GROSSER ANGST
Zum Tode des Polio-Impfpioniers
Dr. Jonas Salk

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel. 0228 - 339 23 72
Fax 0228 - 33 31 38
Internet bbsbonn@usia.gov

�BOSNIEN
30. August 1995

Clinton: Frieden war das Ziel der in Bosnien
verunglückten amerikanischen Regierungsvertreter
Ansprache des Präsidenten bei den Trauerfeierlichkeiten
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton würdigte am 23. August 1995 die drei in Bosnien ums Leben
gekommenen amerikanischen Regierungsvertreter "als außergewöhnliche Amerikaner, die Vernunft zu ihrer
Waffe, Freiheit zu ihrer Sache und Frieden zu ihrem Ziel gemacht hatten".
Clinton sprach bei der in der Kapelle von Fort Myer in Arlington (Virginia) gehaltenen Trauerfeier für Robert
Frasure, den Stellvertretenden Abteilungsleiter im US-Außenministerium und Clintons Sondergesandten für
Bosnien; Joseph Kruzel, den Stellvertretenden Abteilungsleiter für europäische und NATO-Angelegenheiten
im US-Verteidigungsministerium, und Samuel Drew, einen Oberst der Luftwaffe, der Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrats war. Die drei Männer kamen am 19. August 1995 zusammen mit dem ihr gepanzertes
Fahrzeug steuernden französischen Soldaten ums Leben, als das Fahrzeug in eine Schlucht stürzte, nachdem
ein Teil der regendurchweichten Straße nach Sarajevo am Berg Igman eingebrochen war. Sie hatten
Einzelheiten des neuesten Plans zur Aufteilung Bosniens unter den kriegführenden Serben und Muslimen für
die bosnische Regierung bei sich.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache Präsident Clintons.

Meine amerikanischen Mitbürger, verehrte Angehörige des Diplomatischen Corps und - vor allem - liebe
Familienmitglieder, Freunde und Kollegen von
Robert Frasure, Joseph Kruzel und Nelson Drew.
Wir sind heute hier zu Ehren von drei Friedensstiftern zusammenkommen, die ihr Leben beim
Streben danach ließen, anderen die Segnungen
zukommen zu lassen, die uns Amerikanern lieb und
teuer sind, und die wir allzu häufig als selbstverständlich hinnehmen - die Chance, zu arbeiten und
zu träumen, unsere Kinder zu erziehen, in einem
Land des Friedens zu leben und es zu lieben.
Als ich Robert Frasure zum Sondergesandten für
das ehemalige Jugoslawien als wichtigsten amerikanischen Regierungsvertreter bei der Suche nach
Lösungen für die schwierigste Herausforderung der
modernen Diplomatie - die Beendigung des Blutvergießens und Herbeiführung von Frieden auf dem
Balkan - ernannte, hatte er bereits die Diplomatie zur
Berufung seines Lebens gemacht. Zu Recht genoß
er den Ruf eines Mannes für alle Krisen, und viele
Menschen auf der Welt - von Äthiopien bis Estland haben aufgrund seiner ausgezeichneten Arbeit ein
besseres Leben.

AMERIKA DIENST 26

Joseph Kruzel stellte sich die schwierige Aufgabe,
einen dauerhaften Frieden in einer Welt zu schaffen,
die zuviel Krieg kennt. Neben seiner herausragenden
Arbeit in Bosnien leitete er die Bestrebungen des
Pentagon bei den wichtigen Themen der NATOErweiterung und der erneuten Integration Osteuropas
in den Westen nach dem Kalten Krieg. Sein Dienst
für unser Land umspannt 28 Jahre, von seiner Zeit
als Luftwaffenoffizier über Mitarbeit bei SALT I bis zur
treibenden Kraft bei der Einbeziehung der Nationen
Europas in die Partnerschaft für den Frieden. Die
Welt ist aufgrund seines Engagements zu einem
sichereren Ort geworden.
Oberst Nelson Drew war Soldat, Wissenschaftler,
Dozent und ein sanfter Mensch. Er war in Kriegführung ausgebildet. Aber in seiner über 20jährigen
Dienstzeit als Luftwaffenoffizier widmete er sich mit
Leib und Seele der Suche nach Frieden. Er war
vornehmlich dafür verantwortlich, den militärischen
und diplomatischen Initiativen unserer Nation ein
kohärentes Muster zu verleihen. Und er war überall
geschätzt wegen seines Wissens, seines Verhandlungsgeschicks, seines strategischen Denkens über
die Zukunft der NATO und Europas nach dem Kalten

Seite 1

�Krieg. Das Weiße Haus und unser Land sind dank
seiner Arbeit besser geworden.

Streben nach Frieden einbrachten. Und ich hoffe,
daß Sie immer - immer - stolz sein werden.

Bob, Joe und Nelson verkörperten alle die besten
Qualitäten eines Amerikaners. Es ist mir eine Ehre,
jedem von ihnen heute für ihren Dienst und für ihr
Opfer in der Sache des Friedens und der Freiheit
posthum die President's Citizen Medal verleihen zu
dürfen.

Sie waren außergewöhnliche Amerikaner, die Vernunft zu ihrer Waffe, Freiheit zu ihrer Sache und
Frieden zu ihrem Ziel gemacht hatten. Bob, Joe und
Nelson waren in Bosnien, weil die schreckliche
Ungerechtigkeit und das Leid dort sie zutiefst berührten. Und sie waren dort, weil sie überzeugt waren,
daß dies geändert werden könnte und muß. Der
Schmerz, den wir hier fühlen, erinnert uns an das
Leid, das Bob, Joe und Nelson dort zu mildem
suchten.

Katharina Frasure, Sarah und Virginia, Gail Kruzel,
John und Sarah, Sandy Drew, Samatha und Philip
und allen anderen Familienangehörigen möchte ich
sagen: Das amerikanische Volk trauert um Ihren
Verlust und teilt Ihr Leid. Amerika ist zutiefst dankbar für die Arbeit, die Ihre Ehemänner und Väter
leisteten, um die Welt zu einem besseren Ort zu
machen.
Ich hoffe, Sie werden sich zusammen mit den
persönlichen Erinnerungen, die Sie mir vor einigen
Augenblicken erzählten, stets den Preis vor Augen
führen, den die Verstorbenen bei ihrer Berufung auf
sich nahmen und das Engagement, das sie in das

Während wir diese Männer - Robert Frasure, Joseph
Kruzel und Nelson Drew - als stille amerikanische
Helden würdigen, die ihr Leben ließen, damit andere
eine Zukunft der Hoffnung und ein Land des Friedens
kennenlernen können, wollen wir geloben, ihren
Kampf mit der Stärke, Entschlossenheit und der
Fürsorge fortzusetzen, die sie ihrer Familie, ihrer
Arbeit und ihrer in höchstem Maße dankbaren Nation
entgegenbrachten.
Möge Gott ihrer Seelen gedenken.

*

Seite 2

* * * *

AMERIKA DIENST 26

�BOSNIEN
30. August 1995

Höchste Regierungsvertreter ehren die
in Bosnien verunglückten Diplomaten
Ansprachen von Christopher, Perry und Lake
WASHINGTON - (AD) - Bei der Ankunft der sterblichen Überreste der in Bosnien ums Leben gekommenen
Diplomaten auf dem Luftwaffenstützpunkt Andrews Air Force Base kondolierten Außenminister Warren
Christopher, Verteidigungsminister William Perry und der Nationale Sicherheitsberater Anthony Lake den
Familien und Freunden des Stellvertretenden Abteilungsleiters im Außenministerium, Robert Frasure, des
Stellvertretenden Abteilungsleiters im Verteidigungsministerium, Joseph J. Kruzel, und von Oberst Samuel N.
Drew vom Nationalen Sicherheitsrat.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprachen der Regierungsvertreter vom 21. August 1995.

Außenminister Christopher: Liebe Angehörige,
sehr verehrte Gäste und Freunde. Mit großer Trauer
kommen wir heute hier zusammen, um Bob Frasure,
Joe Kruzel und Nelson Drew nach Hause zu bringen. Diese drei in höchstem Maße engagierten
Amerikaner lebten ihr Leben im Dienste ihres
Landes und dem Streben nach Frieden. Sie ließen
ihr Leben in dem hehren Bestreben, das Leben
anderer zu retten.
Wir teilen das Leid ihrer Familien und Freunde
ebenso wie ihr gemeinsames Ziel.
Diese Männer erinnern uns, daß die Verfolgung
amerikanischer Interessen und Prinzipien in dieser
Welt nicht etwas Abstraktes ist. Diese Arbeit kann
nicht von Hochtechnologie und surrenden Computern geleistet werden - sie hängt von herausragenden Menschen wie Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew ab. Ob sie in Washington bis spät in
die Nacht arbeiteten, von einer Hauptstadt zur
nächsten flogen oder eine Zone großer Gefahr
reisten - sie taten, was getan werden mußte.
Ich möchte ein paar Worte über Bob Frasure sagen,
der ein unersetzlicher Kollege und lieber Freund war.
Zwei Jahrzehnte lang lebte Bob sein Leben in der
besten Tradition des Auswärtigen Dienstes. Dieser
altehrwürdige Satz - die beste Tradition des Auswärtigen Dienstes - ist in einem Moment wie diesem
besonders inhaltsträchtig. Für Bob bedeutete dies
ein Leben selbstlosen Dienstes für andere - in
Südafrika, Äthiopien, Estland und schließlich in

AMERIKA DIENST 26

Bosnien. Es bedeutete, ohne Kritik oder Beschwerden die schwierigsten und gefährlichsten Posten
anzunehmen, die - wie es scheint - den Besten für
ihre vorzügliche Leistung angeboten werden. Unser
Auswärtiger Dienst bringt mehr Menschen wie Bob
hervor, als den meisten Amerikanern bewußt ist.
Bob war gleichzeitig ein hingebungsvoller Ehemann
und Vater, während er einen Beitrag zu diesen
wichtigen außenpolitischen Aufgaben leistete. Ich
bezeige ihm und unserem Dienst Hochachtung bei
seiner Rückkehr von dieser tragischen Mission. Ich
schließe seine Frau Katharina und seine beiden
Töchter, Sarah und Virginia, in meine Gebete ein.
Ich habe jeden Augenblick, den ich mit Bob verbrachte, von seiner Erfahrung und Urteilskraft profitiert und seinen Humor genossen. In den Stunden
seit Samstag 13.00 Uhr (MESZ) drängen sich die
brillianten und anschaulichen Epigramme in mein
Gedächtnis, die Bobs Vorträge so effektiv machten.
Ich erinnere mich lebhaft, ihn ohne jede Vorwarnung
zu einem Treffen mit 16 Außenministern gebeten zu
haben, die alle binnen kurzem in seinen Bann gezogen waren.
Der von unserer Delegation in der vergangenen
Woche verfolgte Friedensplan gründete sich vornehmlich auf Bobs Erkenntnisse und sein Wissen. Er
trug zur Gestaltung der einzelnen Elemente bei und
setzte all seine Energie zur Erfüllung seiner Versprechen ein.

Seite 1

�Der Verlust von Bob, Joe und Nelson ist ein schwerer Schlag. Aber die Bestrebungen, Frieden nach
Bosnien zu bringen, werden mit einem neuen Gefühl
der Verpflichtung fortgesetzt. Wir werden ihr Opfer
ehren, indem wir die Vollendung ihrer Arbeit anstreben. Eines Tages werden keine Bomben mehr
auf Bosnien fallen, die Minenfelder geräumt und der
schreckliche Circulus vitiosus unnötiger Gewalt und
des Todes in Bosnien endlich zu Ende sein. Wenn
dies geschieht, wird es aufopferungsvollen Friedensstiftern wie Bob, Joe und Nelson und ihren Kollegen,
die überlebten, insbesondere Dick Holbrooke und
General Wes Clark, zu verdanken sein.
Vor einem halben Jahrhundert faßte Dean Acheson
diesen Geist des Auswärtigen Dienstes in Worte. Er
beschrieb die Menschen, die unserer Nation im
Ausland dienen, folgendermaßen: "Sie geben ihr
gesamtes Leben den Vereinigten Staaten: kompetent, mutig, engagiert." Einige, so Acheson,
waren in Kriegsgebieten tätig, wo Bomben fielen und
Kugeln durch die Luft flogen; andere in Regionen, in
denen die Gefahren für die Gesundheit ebenso groß
waren wie die Kugeln. Sie kannten ihre Pflicht und
erfüllten sie.
Dieser Geist wird von diesen drei Amerikanern
verkörpert. Er lebt im Auswärtigen Dienst und in
allen Zweigen unserer Regierung fort. In diesem
melancholischen Augenblick verpflichten wir uns ihm
heute erneut. Wir verpflichten uns, in die Fußstapfen dieser drei herausragenden Amerikaner zu
treten und ihrem Beispiel beim Streben nach dem
Ziel zu folgen, das sie für uns in greifbare Nähe
gerückt haben.
Ich danke Ihnen.
Verteidigungsminister Perry: Robert Frasure,
Joseph Kruzel und Oberst Nelson Drew waren große
Amerikaner, große Diplomaten und großartige
Menschen. Sie ließen ihr Leben beim Streben nach
Frieden in einem Land, das viel zu lange Tod,
Zerstörung und Vertreibung erdulden muß.
Während wir ihren Verlust beklagen, möge Gott in
seiner Barmherzigkeit unseren Schmerz mildern und
sie in unserem Gedächtnis bewahren, uns an
unseren Stolz auf ihre Leistungen und das Wissen
erinnern, daß ihr Opfer für den Frieden nicht umsonst war.
Mit dem Tod von Joe Kruzel habe ich einen vertrauten Berater, einen begnadeten Politiker und
einen lieben Freund verloren. Er war der Architekt
eines meiner wichtigsten Ziele als Verteidigungsminister: Den Nationen des ehemaligen Warschauer
Pakts bei ihrem Streben nach Demokratie und

Seite 2

regionaler Stabilität behilflich zu sein. Größtenteils
dank Joes Führungsrolle ist das Instrument für diesen
Wandel - die Partnerschaft für den Frieden der NATO
- ein durchschlagender Erfolg.
Vor nur drei Wochen veranstalteten über ein Dutzend
Nationen aus dem ehemaligen Warschauer Pakt in
Louisiana zusammen mit amerikanischen, kanadischen und britischen Streitkräften eine gemeinsame
Übung zur Friedenssicherung. Wir sahen wie Armeen, die jahrzehntelang ein Gleichgewicht des
Schreckens aufbauten, jetzt ein neues Gleichgewicht
des Vertrauens aufbauen. Mehr als jeder andere war
Joe Kruzel verantwortlich für dieses historische
Ereignis. Und er wäre stolz darauf gewesen, es zu
beobachten. Statt dessen war er mit unserem
diplomatischen Team in Europa und versuchte,
Frieden nach Bosnien zu bringen.
Joe schuf die Partnerschaft für den Frieden, aber in
einem umfassenderen Sinn könnte man sagen, Joe
war ein Partner für den Frieden. Seine aufschlußreiche und heikle Arbeit war ausschlaggebend, uns
einer Verhandlungslösung des Konflikts in Bosnien
näher zu bringen als zu jedem anderen Zeitpunkt in
den vergangenen vier Jahren. Das Streben nach
Frieden, zu dem er in Bosnien beitrug, schien in der
Vergangenheit der Arbeit von Sisyphus vergleichbar,
der Gestalt aus der griechischen Mythologie, die auf
alle Ewigkeit verdammt ist, einen schweren Felsbrocken den Berg heraufzurollen, nur damit er - oben
angekommen - wieder hinunterrollt.
Seit langer Zeit haben wir den Felsbrocken den
bosnischen Berg heraufgerollt, und er rollte immer
wieder hinunter. Aber ebenso wie Sisyphus hören
wir nicht auf, es zu versuchen - für die Tausenden,
die umgekommen sind, für die Tausenden, die
bedroht sind, für Frieden und Stabilität in Europa und
für Robert Frasure, Joseph Kruzel und Oberst Nelson
Drew, die die Last des Strebens nach Frieden bis zu
ihrem letzten Moment auf sich nahmen. Sie lebten
für den Frieden, und sie starben für den Frieden.
Ich möchte aus Will Rogers Nachruf auf Woodrow
Wilson zitieren: "Nach dem, für das sie lebten und
starben, werden wir streben, so lange es sein muß."
Anthony Lake: Heute bringen wir drei Freunde nach
Hause, drei Männer des Friedens, die auf einer
Friedensmission waren. Bob Frasure, Joe Kruzel und
Nelson Drew ließen ihr Leben im Dienste unserer
Nation und im Dienste der Sache der Menschheit. Im
gesamten Verlauf ihrer Karriere - und jetzt im ehemaligen Jugoslawien - wollten alle drei anderen die
Segnungen zukommen lassen, die wir Amerikaner
manchmal zu sehr als selbstverständlich hinnehmen:
Frieden und Sicherheit sowie die Chance, das stille

AMERIKA DIENST 26

�Wunder eines von Krieg und Gewalt freien Lebens
zu leben.

Lebensnerv des Friedensplans, den er, Bob und Joe
bei sich trugen, als sie starben.

Die Angehörigen und Freunde von Bob, Joe und
Nelson haben einen Vater, einen Ehemann, einen
Sohn, einen Freund verloren. Und das amerikanische Volk hat drei seiner besten Regierungsvertreter
verloren - Männer, die den Kampf für Freiheit und
ein menschenwürdiges Leben zum entscheidenden
Merkmal ihres Berufslebens gemacht haben.

Sandy, Nelsons Gattin - einer bemerkenswerten
Frau - und ihren Kindern, Samantha und Phillip,
möchte ich sagen, ich weiß, daß keine Worte Ihren
Schmerz lindern oder über Ihren Verlust hinwegtrösten können. Ihr Ehemann und Vater war ein
außergewöhnlicher Amerikaner. Ich weiß, daß Sie
Stärke in seiner Stärke, Mut in seinem Mut und Trost
in all der Sie umgebenden Liebe finden werden.

Ich möchte ein paar Worte über Nelson sagen, der
Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats war.
Nelson war zur Verteidigung unserer Nation und in
der Kriegführung ausgebildet. Aber in der besten
Tradition des Soldaten und Diplomaten galt seine
Leidenschaft dem Streben nach Frieden.
Ich kenne Nelsons außerordentliche Leistungen an
der Air Force Academy, am National War College
und bei unserer NATO-Mission, und aus diesem
Grund haben wir uns so sehr gefreut, daß er zum
Nationalen Sicherheitsrat kam.
In den vergangenen Monaten lernte ich einen
bemerkenswerten Offizier, einen ausgezeichneten
Lehrer, einen wirklich strategischen Denker sowie
einen starken und sanften Menschen kennen.
Nelson verband all diese Qualitäten jeden Tag
erneut bei der unermüdlichen Suche nach Frieden in
Bosnien. Seine Ideen und sein Wissen waren der

•

AMERIKA DIENST 26

Nelson, Bob und Joe hatten sich dem Frieden
verpflichtet und ließen ihr Leben beim Streben nach
der Erfüllung dieser Verpflichtung. Und heute verpflichten wir alle uns, unbeirrt fortzufahren. In den
kommenden Tagen wird die Erinnerung an sie jeden
neuen Gedanken, jede neue Anstrengung, jeden
neuen Energieschub für unsere Arbeit beflügeln, die
wir mit ihnen geteilt haben. Wir werden von ihrem
Beispiel und ihrem Opfer geleitet sein, und wir
werden nicht ruhen, bis der Kampf, den sie zur
Berufung ihres Lebens gemacht haben, gewonnen
ist. Im Gegensatz zu Sisyphus werden wir den
Felsbrocken auf die Spitze des Berges legen.
Gott segne Bob Frasure, Joe Kruzel, Nelson Drew
und ihre hier versammelten Familien.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�NW
30. August 1995

Habt große Angst
von Robert Wright
WASHINGTON - (AD) - Die vor kurzem beendete Konferenz über die Verlängerung des Nichtverbreitungvertrags (NW) beleuchtet schlaglichtartig die Ungereimtheiten bei der Bewältigung der Bedrohung durch
Massenvernichtungswaffen am Ende des 20. Jahrhunderts.
Das gerade erneuerte NuklearwaffenKontrollregime hat entschieden weniger Biß als die noch zu ratifizierende Chemiewaffenkonvention. Die
gravierendste Bedrohung der Zukunft scheint jedoch von biologischen Waffen zu kommen, die zur Zeit durch
eine lasche Konvention über biologische Waffen überwacht werden. Der Erfolg bei der Verlängerung des N W
sollte konzertierte Bestrebungen zu einheitlichen Kontrollregimen für Massenvernichtungswaffen in die Wege
leiten.
Richard Wright ist Chefredakteur von The New Republic in Washington, D.C. Er hat für andere Zeitschriften
über wissenschaftliche, technologische und philosophische Themen geschrieben und das Buch Three
Scientists and Their Gods: Looklng for Meaning in an Age of Information herausgegeben.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The New Republic, 1. Mai 1995, Seite
21-27. Copyright (c) 1995, The New Republic, Inc.

Als man sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt
hatte, daß ein apokalyptischer New Age-Kult mit
Büros auf drei Kontinenten Tonnen von Wirkstoffen
für Nervengas gelagert hatte und versuchte, das
Botulismus verursachende bakteriologische Toxin zu
kultivieren, war der Rest der Geschichte eine ziemlich gute Nachricht. Der Kult, die Aum-Sekte in
Japan, setzte das Nervengas nur auf einem der
Kontinente ein, statt es gleichzeitig in den Untergrundbahnen von Tokio, New York und Moskau
ausströmen zu lassen. Nur ein Bruchteil des Bestands an Chemikalien der Sekte wurde benutzt, und
das Ganze war schlecht vorbereitet - das Gas schien
eine abgeschwächte Version von Sarin zu sein, und
die "Trägersysteme", über die es ausströmte, waren
dieser Bezeichnung kaum wert. Statt Tausender
Toter auf drei Kontinenten hatten wir elf Tote in
Japan zu beklagen. Ein glückliches Ende.
Andererseits hätte ein weltweiter, gut durchgeführter
chemischer und biologischer Terrorakt seine Vorzüge gehabt. Von Mitte April bis Mitte Mai, kurz vor
dem Auslaufen des Nichtverbreitungsvertrags nach
25 Jahren, kamen Vertreter aus über 170 Nationen
in New York zusammen, um über die Verlängerung
des Vertrags abzustimmen. Möglicherweise hätte
diese Galaveranstaltung einen umfassenderen und
dringend benötigten Dialog über den Stand der
weltweiten Bestrebungen zur Kontrolle von Massen-

AMERIKA DIENST 26

vernichtungswaffen einschließlich chemischer und
biologischer Waffen angeregt. Das Gegenteil wäre
ebenfalls möglich gewesen. Bisher sind Versuche zu
einem wirklich neuen Ansatz zu diesem Thema auf
eine gewisse Trägheit in Kreisen politischer Entscheidungsträger gestoßen. Für diesen Zustand
hätte der weltweit im Femsehen übertragene Tod von
10.000 Menschen auf drei Kontinenten genau die
richtige Behandlung sein können.
Ein herausragendes Merkmal des weltweiten Ansatzes zu Massenvernichtungswaffen ist Perversität.
Der Nichtverbreitungsvertrag - N W - ist ein sehr viel
lascheres Dokument als die kürzlich ausgehandelte
Chemiewaffenkonvention, die jetzt von den Vereinigten Staaten ratifiziert werden soll, aber Nuklearwaffen haben ein sehr viel höheres Zerstörungspotential als chemische Waffen. Und biologische
Waffen unterliegen praktisch überhaupt keiner
internationalen Kontrolle, sind jedoch die schrecklichsten der drei Waffengattungen. Sie mögen - zumindest im Augenblick - nicht die größte Wirkung
haben, aber sie haben die höchste Kombination an
Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit. Wenn Sie jemand
fragt, welche Technologie am ersten 100.000 Amerikaner bei einem Terroranschlag töten wird, sollten
Sie nicht zögern. Setzen Sie auf Biotechnologie.
Und nicht futuristische, genmanipulierte, völkermörderische Viren - obwohl dies eines Tages der Fall sein

Seite 1

�mag - sondern gute alte biologische Waffen der
ersten Generation - dieselben, die die Aum-Sekte
herzustellen versuchte - sind die aus dem Nichts
kommende Bedrohung der nationalen Sicherheit
Ende der neunziger Jahre.
Alles in allem kann die derzeitige internationale
Politik zu Massenvernichtungswaffen folgendermaßen zusammengefaßt werden: Je schrecklicher und
bedrohlicher die Waffe, desto weniger können wir
dagegen tun. Es gab nie einen besseren Zeitpunkt,
diese Prioritäten zu überdenken.
Es gereicht der Clinton-Administration zur Ehre, daß
sie in jüngster Zeit hartnäckig auf die Verlängerung
des NW hingearbeitet hat. Regierungsvertreter sind
rund um den Globus gereist und haben den Staatsund Regierungschefs der Welt vor Augen geführt,
daß sie mit dem Vertrag sicherer als ohne ihn sind,
und haben den Unentschlosseneren im Gegenzug
für ihre Unterstützung Gott-weiß-was versprochen.
Der Vertrag wurde bei der New Yorker Konferenz
verlängert.
Verlängerung ist sicher besser als keine Verlängerung. Aber seit seinem Inkrafttreten in den sechziger Jahren sind die Schwächen des Vertrags so
offenkundig zu Tage getreten, daß man wünscht,
das wären nicht die beiden einzigen Optionen.
Die dem Vertrag zugrundeliegende Idee war, daß
die Atomwaffenstaaten - China, Frankreich, Großbritannien, Rußland und die Vereinigten Staaten die Habenichtse abfinden würden. Die Habenichtse
würden sich verpflichten, keine Nuklearwaffen zu
beschaffen, und die Atomwaffenstaaten würden
ihnen helfen, Nuklearenergie für friedliche Zwecke
zu bekommen und zu unterhalten. Das war das
Zuckerbrot. Hatten die Habenichtse einmal unterzeichnet, würden sie (zusammen mit den übrigen
von uns) die Peitsche zu spüren bekommen:
Internationale Inspektionen der Atomreaktoren vor
dem Hintergrund, daß ein Mißbrauch der Technologie zur Einstellung der Lieferung führen würde.
Zuckerbrot und Peitsche anzuwenden obliegt der
Internationalen Atomenergie-Organisation, oder
IAEO.
Eine Eigenartigkeit dieses Arrangements ist, daß die
Arbeit der IAEO darin besteht, sich unweigerlich das
eigene Leben schwer zu machen. Während sie
dazu beiträgt, Nuklearmaterial für "friedliche" Zwecke
auf der Welt zu verbreiten, vervielfachen sich die
Möglichkeiten für illegale Nutzung ebenso wie die
Notwendigkeit strenger Kontrolle. Daher muß die
Welt bei zwei Dingen immer besser werden: Aufspüren der Betrüger und ihrer Bestrafung mit genügend Nachdruck, um andere abzuschrecken. Die

Seite 2

jüngsten Ereignisse belegen, daß die Welt in beider
Hinsicht versagt hat.
Zu Beginn des Golfkrieges war der Irak ein NWMitglied mit technisch gesehen gutem Stand. Nach
dem Krieg entdeckte die Welt, was eine bedeutungslose Tatsache sein kann. Als ob sie die Unfähigkeit
der IAEO drastisch vor Augen führen wollte, wurde
eine andere Behörde unter der Schirmherrschaft der
Vereinten Nationen im Irak tätig, dokumentierte das
Nuklearwaffenprogramm des Landes und zerlegte es.
Es trifft zu, daß die Existenz dieses Programms nicht
wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam. Seit langem
gab es einen schwerwiegenden Verdacht, aber
Präsident Bushs Aversion gegen die regionale
Hegemonie des Iran ließ ihn eine gewisse Toleranz
für irakische Exzesse üben. Dennoch vermuteten
wenige den Umfang von Saddam Husseins Nuklearprogramm oder das Geschick bei seiner Geheimhaltung. Saddam Hussein bewies, daß das Inspektionsregime der IAEO - auf bekanntgegebene Nuklearanlagen beschränkt - inadäquat ist.
Die erste Anwendung dieser Lektion war Nordkorea.
Nachdem Inspektionen einer bekanntgegebenen
Anlage ergaben, daß nuklearfähiges Material fehlte,
forderte die IAEO zum ersten Mal überhaupt die
Überprüfung einer nicht bekanntgegebenen Anlage.
Die Weigerung Nordkoreas bestätigte die schlimmsten Vermutungen und deckte so eine weitere
Unzulänglichkeit des NW auf: Sobald die Welt weiß,
daß ein Land nicht kooperiert, gibt es keine Bestimmungen für garantierte und effektive Bestrafung.
Theoretisch könnte die IAEO den Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen wegen Wirtschaftssanktionen
anrufen - oder um die Genehmigung für Luftangriffe
gegen die verdächtige Anlage. Häufig wird dieser
Kanal jedoch durch das Veto der Großen Fünf
(China, Frankreich, Großbritannien, Rußland und der
Vereinigten Staaten) blockiert - Chinas im Falle von
Nordkorea, Rußlands vielleicht in einem künftigen,
den Iran betreffenden Fall. Natürlich kann die IAEO
alle weiteren Lieferungen von Nuklearmaterial an
geächtete Nationen einstellen. Aber es könnte zu
spät für diesen Kurs sein, um die Bombe vor ihren
Händen zu bewahren, und eine Sperrung ihrer
Energielieferungen würde eine Zeitlang nicht gespürt.
Ungeachtet dieser Mängel war der NW ziemlich
effektiv. Niemand bezeichnete John Kennedy als
hysterisch, als er 1963 vorhersagte, binnen 12 Jahren
hätten 15 bis 20 Nationen eine Bombe. Und trotzdem sind jetzt, 32 Jahre später, bestenfalls acht
Nationen im Besitz einer funktionierenden Bombe die Großen Fünf als NW-Mitglieder und als Nichtmit
glieder Israel, Pakistan und Indien. (Darüber hinaus
wurden die Ukraine, Belarus und Kasachstan mit der

AMERIKA DIENST 26

�Bombe aus der Taufe gehoben und erklären, sie
aufgeben zu wollen). Ein Hauptgrund für diese
eiszeitliche Geschwindigkeit ist, daß der N W in
großen Teilen der Welt Ängste über die unmittelbar
bevorstehende Nuklearisierung der Nachbarn beschwichtigte.
Dennoch sind der Nahe Osten und Südasien seit
1963 in ein Wettrüstungsfieber verfallen, und Nordkorea könnte im Pazifik einen Rüstungswettlauf
beginnen. Es wäre daher schön, wenn man den
N W verführerischer und effektiver gestalten und
sowohl die Vorteile der Unterzeichnung als auch die
Kosten der Nichteinhaltung attraktiver machen
könnte. Und obwohl niemand anregte, die jüngste
Konferenz zu einer Änderung des N W zu benutzen
(das hätte die Sache angeblich zu sehr kompliziert),
spricht man davon, das Ziel auf andere Weise zu
erreichen. Beispielsweise kann die IAEO ihr gelegentlich doppeldeutiges Mandat umfassender
auslegen - wie sie es bei dem Recht auf Inspektion
nicht bekanntgegebener Nuklearanlagen in Nordkorea getan hat - und hoffen, daß alle nachziehen und
somit ein Präzedenzfall geschaffen wird. Oder die
Organisation kann die Mitgliedstaaten kollektiv
bezüglich einer echten Neuformulierung ihrer individuellen "Sicherheitsabkommen" ansprechen - die
technisch vom N W getrennten Dokumente, die der
IAEO die Befugnis zu Inspektionen gewähren. Auf
jeden Fall erfolgte die NW-Verlängerung in New
York früh genug, damit die Konferenz zumindest
einen Dialog über die gravierenden Mängel des
derzeitigen Regimes eröffnen konnte, insbesondere
im Hinblick auf nukleare Abrüstung und die Vernichtung von Nuklearwaffen.
Ein gutes Rohmodell für Reformen ist die Chemiewaffenkonvention (CW-Konvention), die jetzt nach
über einem Jahrzehnt der Verhandlungen unter drei
Administrationen vom Senat ratifiziert werden soll.
Die CW-Konvention hat den Biß, der dem N W fehlt:
Ein strenges Inspektionsregime und echte Bestrafung bei Nichteinhaltung. Im Bereich der Rüstungskontrolle, so Barry Kellman, Juraprofessor an der
DePaul University, ist sie ein "wirklich beispielloses
Dokument des Völkerrechts". Wäre sie schon in
Kraft, wäre es für die Aum-Sekte sehr viel schwieriger gewesen, chemische Waffen herzustellen.
Im Rahmen der Chemiewaffenkonvention würde die
Organisation für das Verbot chemischer Waffen
(Organization for the Prohibition of Chemical
Weapons oder OPCW, die CW-Version der IAEO)
routinemäßig über den kommerziellen Transfer von
zur Herstellung chemischer Waffen verwendeter
Substanzen informiert - und von Substanzen, die zur
Produktion von Substanzen benutzt werden, die
wiederum zur Herstellung chemischer Waffen

AMERIKA DIENST 26

genutzt werden.
Darunter fallen Dutzende von
Substanzen. Dies betrifft auch viele Verkäufer und
Käufer, weil diese Substanzen für gewöhnlich ebenfalls legal verwendet werden können. Thiodiglykol
wird sowohl zur Herstellung von Senfgas als auch
von Kugelschreibertinte benutzt. Dimethylamin ist
gleichzeitig ein Grundstoff für ein gutes Nervengas
und Reinigungsmittel. In einem beeindruckenden
Balanceakt gelang den CW-Unterhändlern die Erarbeitung eines Systems, das a) den Verkauf und
Transport dieser Chemikalien überwacht und periodische Inspektionen beinhaltet; und das b) die uneingeschränkte Unterstützung des Verbands der Hersteller
von Chemikalien hat.
Im Gegensatz zum N W geht die CW-Konvention weit
über diese Inspektion "bekanntgegebener" Nuklearanlagen hinaus - Fabriken, die offen die verdächtigen
Chemikalien einsetzen - und sieht explizit Inspektionen nicht bekanntgegebener Anlagen vor. Und hier
kann alles ziemlich schnell gehen. Wenn die Vereinigten Staaten eine "Ad-hoc-lnspektion" beispielsweise eines verdächtig aussehenden Lagerhauses im
Iran (einem Signatarstaat) fordern, muß der Iran die
Inspektoren binnen 12 Stunden nach der Benachrichtigung ins Land lassen. Nach weiteren 12 Stunden müssen die Inspektoren in die Umgebung des
Lagerhauses begleitet worden sein. (Die Beseitigung
aller Spuren der Herstellung von Chemiewaffen
binnen 24 Stunden wird als ziemlich unwahrscheinlich
angesehen). An diesem Punkt kann es bis zu
96stündige Verhandlungen darüber geben, welche
Teile des Lagerhauses der Inspektion unterzogen
werden. Aber alle zwischenzeitlich das Gelände des
Lagerhauses verlassende Fahrzeuge können durchsucht werden.
Ein Land könnte diese Zeitspanne mit dem Argument
verlängern, ein nationaler Durchsuchungbefehl sei
erforderlich. Das Land könnte in der Tat sogar die
Wahrheit sagen (obwohl diese Ausrede für bereits
staatlicher Kontrolle unterworfene Chemiefabriken
nicht gilt). Und darüber hinaus könnte es praktisch
unmöglich sein, solch einen Durchsuchungsbefehl zu
beschaffen - wenn beispielsweise die angeforderte
Durchsuchung Ihren Hallentennisplatz betrifft und die
OPCW keine Beweise illegaler Aktivitäten dort
beibringen könnte. Dennoch, wenn solche Appelle
an die nationale Souveränität eher fadenscheinig
sind, könnte das Land durch Abstimmung der OPCWMitgliedstaaten der Nichteinhaltung des Vertrags
verdächtigt werden.
Solchermaßen verdächtigte Nationen könnten wirklich
in Ungnade fallen. Es gibt eine große Menge für
chemische Kriegführung relevanter Substanzen, die
Vertragsbrüchige nicht länger von OPCW-Mitgliedern
kaufen könnten - einer Gruppe, der so ziemlich die

Seite 3

�gesamte industrialisierte Welt angehört. Und die
Einstellung der Lieferung dieser Substanzen könnte
Fabriken schaden, die Produkte von Pestiziden über
Plastik und Keramik bis zu Pharmazeutika herstellen.
Hier erschließt die CW-Konvention neues Terrain,
wenn auch weniger aufgrund ihrer Struktur als
wegen eines technologischen Zufalls. Dank der
Flexibilität chemischer Technologie kommt die
Bestrafung im Rahmen des Vertrags in Form von
Verweigerung der Lieferung "militärischer" Chemikalien umfassenden und sofort spürbaren Sanktionen
gegen die zivile Wirtschaft gleich. Und diese Sanktionen sind ein guter Grund, den Vertrag nicht nur
einzuhalten, sondern ihn von vorneherein zu unterzeichnen. Wenn Sie der OPCW nicht beitreten,
werden Ihnen ihre Mitgliedstaaten - praktisch jedes
Land - diese Chemikalien überhaupt nicht erst
verkaufen. Das ist das Zuckerbrot, und das ist die
Peitsche.
Offenkundig kann kein Waffenkontrollregime idiotensicher sein. (Das ist der Grund, warum - ungeachtet
des hehren Rufs des N W nach letztlicher Beseitigung aller Nuklearwaffen weltweit - dies in absehbarer Zukunft nicht geschehen wird. Einige wenige,
aber einigermaßen vernünftige Nationen müssen ein
Nukleararsenal beibehalten, damit nicht die nächste,
noch etwas verschlagenere Version eines Saddam
Hussein in die Lage versetzt wird, die Welt mit
einem halben Dutzend Gefechtsköpfen oder anderen
Massenvernichtungswaffen in Schach zu halten).
Dennoch hätte die Chemiewaffenkonvention angesichts des Themenkomplexes, den sie anspricht,
eine gute Erfolgschance. Sie würde die Herstellung
von Chemiewaffen zu einem Untertangen mit beträchtlichem Risiko der Entlarvung machen, und
Entlarvung würde schmerzliche Strafen nach sich
ziehen - Strafen, gegen die kein Mitglied des Sicherheitsrats sein Veto einlegen könnte. Hätte der
N W die eingebauten Selbstschutzmechanismen der
Chemiewaffenkonvention, hätte Saddam Hussein
sehr viel größere Schwierigkeiten gehabt, den Punkt
zu erreichen, den er erreichte, und immer noch
NW-Mitglied zu sein. Und wenn der N W die
Vorteile der Mitgliedschaft in der CW-Konvention
enthielte, wäre es sehr viel schwieriger für alle
Nationen - Irak, Israel oder Pakistan - die Aussicht
auf Nichtmitgliedschaft zu ertragen.
Die Ironie dieser Diskrepanz zwischen dem N W und
der CW-Konvention ist, daß Nuklearwaffen ein sehr
viel größeres Vernichtungspotential haben als
chemische Waffen. Japanische Zeitungen schätzten, daß die Tonnen von Chemikalien der AumSekte theoretisch 4 Millionen Todesopfer hätten
fordern können - das Schlüsselwort hier ist jedoch
"theoretisch". Diese Berechnung geht davon aus,

Seite 4

daß man das Giftgas mit größter Perfektion ausströmen läßt, damit jedes bißchen eingeatmet wird
und niemand mehr als seinen Anteil einatmet (von
einem sterbenden U-Bahnfahrer ist das ziemlich viel
verlangt). Plausiblere Zahlen bewegen sich in den
Hunderttausenden.
Und selbst diese Zahlen sind übertrieben. Wenn Sie
ein geheimes Waffenlager mit 800.000 Schuß Munition entdecken würden, könnten Sie sagen, das sei
genug, um 500.000 Menschen umzubringen, selbst
bei ineffizienter Anwendung. Aber Ineffizienz ist nur
das halbe Problem: Ziemlich früh im Anwendungsprozeß würden Sie auf offiziellen Widerstand stoßen.
Dasselbe gilt für chemische Waffen. Während es
einfach ist, mit einer einzigen Atombombe 500.000
Todesopfer zu bewirken, indem man einen Kleinlaster
parkt und einen Zeitzünder einstellt, ist das mit einer
einzigen Chemiewaffe nicht einmal im entferntesten
möglich. Tausend Tote sind eher wahrscheinlich.
Eine hohe Anzahl von Toten erfordert eine gut
organisierte Kampagne.
Das bedeutet nicht, daß chemische Waffen nicht die
strenge Behandlung verdienen, die sie in der CWKonvention erfahren. Erstens, weil einige von ihnen wie etwa das die Haut auflösende und häufig nicht
tödliche Senfgas - entsetzliche Auswirkungen haben.
Zweitens sind Chemiewaffen sehr viel leichter zu
beschaffen, auch wenn eine einzige chemische Waffe
einen Bruchteil der todbringenden Wirkung einer
Atombombe besitzt. Die Anleitung für ihre Herstellung ist öffentlich, ein erstklassiger Student mit
Chemie als Hauptfach kann ihr folgen (wenn auch mit
einem gewissen Gesundheitsrisiko verbunden), und
die Bestandteile sind jedes Jahrzehnt leichter zu
beschaffen.
Obwohl chemische Waffen die geringste massiv
zerstörerische Wirkung aller Massenvernichtungswaffen haben, sind sie wirkungsvoller als konventionelle Sprengkörper. Ein konventioneller Gefechtskopf
könnte zehn Menschen in einer Wohngegend töten,
in der ein chemischer Gefechtskopf 100 töten würde.
Das nach dem Golfkrieg entdeckte chemische
Arsenal des Irak - 100.000 Artilleriegranaten, Gefechtsköpfe und Bomben - war theoretisch ausreichend, um die gesamte israelische Bevölkerung
mehrmals auszuradieren. Aus gutem Grund fallen
Chemiewaffen zusammen mit atomaren und biologischen Waffen unter eine spezielle Kategorie globaler
Abscheu und Kontrolle.
Dennoch sind Chemiewaffen nicht annähernd so
schädlich wie Nuklearwaffen. Und was die meisten
Menschen immer noch nicht verstehen ist, daß
Nuklearwaffen in bedeutenden Aspekten nicht so
schädlich sind wie biologische Waffen.

AMERIKA DIENST 26

�In einer Hinsicht werden biologische Waffen im
allgemeinen überschätzt. Die Menschen nehmen
an, sie funktionieren, indem sie Epidemien auslösen,
wohingegen die meisten biologischen Waffen ebenso wie chemische Waffen töten, indem man direkt
exponiert wird.
Natürlich existieren kontagiöse
Waffen, die ansteckende Krankheiten verbreiten.
Die amerikanischen Siedler gaben den Indianern
absichtlich mit Pocken infizierte Decken. In jüngerer
Zeit haben sowohl amerikanische als auch sowjetische Militärforscher mit einigen leicht übertragbaren
Viren experimentiert. Dennoch haben es kontagiöse
Waffen an sich, wie ein Bumerang zum Aggressor
zurückzukehren. Die biologischen Waffen dieses
Jahrhunderts enthielten daher vornehmlich Anthraxsporen, die in die Lunge eintreten und Bakterien
ansiedeln, die sich im Körper vermehren und
schließlich zum Tod führen, aber in der Zwischenzeit
keinen anderen anstecken.
Genmanipulation könnte kontagiöse Waffen irgendwann wahrscheinlicher machen.
Grundsätzlich
könnte man beispielsweise ein Virus entwerfen, das
Angehörige einer bestimmten ethnischen Gruppe
überproportional befällt, und damit den Angreifern
einer anderen ethnischen Zugehörigkeit ein gewisses Maß an Sicherheit verleiht. Und Genmanipulation macht es auf kürzere Sicht realistischer, einem
Killervirus einen wirksamen Impfstoff entgegenzusetzen, so daß der Aggressor immunisiert werden
könnte. Der Haupteffekt moderner Biotechnologie
bis heute - und er war dramatisch - ist jedoch, die
Produktion traditioneller Waffen wie Anthrax billiger
und leichter zu machen. Eine Anlage von der Größe
eines Kellers mit Gerät, das sich in medizinischen
Labors und biotechnologischen Unternehmen findet,
reicht aus. Die Anleitungen sind in College-Bibliotheken zu finden, und die Bestandteile - kleine
Kulturen von Pathogenen, die sich durch Züchtung
rapide vermehren können - werden routinemäßig
von kommerziellen Verkäufern gekauft oder vom
Professor an den Studenten weitergegeben.
Die Waffen, die daraus entstehen können, haben
eine phänomenal zerstörerische Wirkung.
Ein
(ausgezeichneter) Bericht des Büros für Technologiebewertung (Office of Technology Assessment OTA) über Massenvernichtungswaffen schätzt, daß
ein einziger, in der Bundeshauptstadt Washington an
einem mäßig windigen Tag landender Gefechtskopf
mit Anthraxsporen 30.000 bis 100.000 Menschen
töten würde - ein etwas größerer Schaden, als eine
Atombombe wie damals in Hiroshima anrichten
würde, wenn auch geringfügig verglichen mit der
Zerstörung durch einen modernen nuklearen Gefechtskopf. (Und ein Tag mit Fieber, Husten, Erbrechen und inneren Blutungen ist ein entschieden
weniger wünschenswerter Tod als durch Verbren-

AMERIKA DIENST 26

nung). Darüber hinaus leben im Boden vergrabene,
dem Sonnenlicht verborgene Anthraxsporen weiter.
Die Insel Gruinard, wo Großbritannien im Zweiten
Weltkrieg eine Anthraxbombe explodieren ließ, ist
immer noch unbewohnbar.
Aber ein Gefechtskopf ist nicht die Form, in der
biologische Waffen eine amerikanische Stadt am
ehesten erreichen werden. Eine ballistische Rakete
hat schließlich einen Absender, und solange die
Vereinigten Staaten eine nukleare Abschreckung
besitzen, können sich die Amerikaner im allgemeinen
ziemlich sicher vor Raketenangriffen fühlen. Und es
gibt noch ein weiteres Problem mit von Raketen
getragenen biologischen Waffen. Die technologische
Herausforderung der Herstellung eines Sprengkörpers, der in einem riesigen Nebel detoniert, ist
denkbar. Wie wir seit dem Golfkrieg wissen, betreibt
der Irak Forschung über Anthrax- und Botulinwaffen,
aber ohne offenkundigen Erfolg. Dennoch, wenn
man nicht aus der Entfernung angreift und die Sporen
persönlich liefern kann, verringern sich die Hindernisse gegen einen biologischen Angriff. "Herauszufinden, wie man es auf terroristische Art tun könnte,
ist trivial", erklärt ein Analyst der Rüstungsindustrie.
Daher ist die Tatsache, daß seit dem Zweiten Weltkrieg kein Land biologische Waffen eingesetzt hat,
kein Indikator für ihre zukünftige Verwendung. Die
Technologie ist seit kurzem so leicht verfügbar, daß
eine gut organisierte Terrorgruppe sie beschaffen
kann.
Unter all den Gründen, die die Attraktion biologischer
Kriegführung für Terroristen ausmachen - der relativ
günstige Preis, die unauffällige Produktion - ist der
wichtigste vielleicht die Anonymität. Ein kleines
Privatflugzeug mit 100 kg Anthraxsporen könnte auf
einer Nord-Süd-Route über Washington fliegen, sich
nicht besonders auffällig verhalten und einen unsichtbaren Nebel hinter sich herziehen, der an einem
Tag mit mäßigem Wind eine Million Menschen töten
würde. Ein Flugzeug, das zehnmal so viel Sarin
ausströmen läßt, würde nur ungefähr 600 Menschen
töten - oder an einem windigeren Tag 6.000. Um auf
den Punkt zu kommen: Bei dem Sarinangriff mit
seinen unmittelbaren Auswirkungen würden die
Behörden bereits nach einem Schuldigen suchen,
bevor das Flugzeug gelandet wäre. Im Gegensatz
dazu benötigt Anthrax Tage, um Wirkung zu zeigen.
Der Pilot könnte Urlaub in der Karibik machen, bevor
irgend jemand etwas Ungewöhnliches feststellen
würde.
Oder stellen Sie sich dieses charmante Szenarium
vor, das wir Kyle Olson vom Kontrollinstitut für
chemische und biologische Waffen verdanken:
Nehmen Sie sich ein Taxi in New York, legen sie
einen Kanister Anthrax in den Kofferraum und, indem

Seite 5

�sie überall erhältliches Gerät etwas modifizieren,
arrangieren Sie die Freisetzung eines unsichtbaren
Stroms von Aerosol. (Es wäre klug, einen speziellen
Filter für die ins Taxi strömende Luft zu bauen,
obwohl eine Anthraximpfung ausreichend Schutz
bieten könnte). Dann fahren Sie einen oder zwei
Tage lang durch Manhattan. Sie würden Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Menschen töten.
Und wiederum würde niemand etwas bemerken. Im
Gegensatz dazu würde beim Nervengas die zu
Ihrem Taxi führende lange Schlange würgender, sich
krümmender Menschen den Verdacht der lokalen
Behörden erregen - selbst wenn Ihre Gasmaske
ihrer Aufmerksamkeit irgendwie entgangen wäre.
Man muß anmerken, daß diese Szenarien biologische Waffen potentiell völkermörderisch machen,
selbst in einer ethnisch heterogenen Stadt. Ein Taxi
kann man Block um Block durch ganz Harlem fahren
- oder durch Chinatown oder die Upper East Side.
Terroristen, die für ethnische Vorurteile bekannt sind,
müssen nicht auf ein ethnisch voreingenommenes
Designervirus warten.
Biologische Waffen sind heute zwar das erschrekkendste Instrument von Terroristen, sind aber vom
Radarschirm jedes wichtigen Politikers am weitesten
entfernt. Die Konvention über biologische Waffen
von 1975, die den Vereinigten Staaten, Rußland und
anderen Signatarstaaten ein biologisches Waffenprogramm untersagt, hat so wenig Biß, daß der NW
dagegen wie eine Stahlfalle wirkt. (Als 19.79 in der
Sowjetunion auf mysteriöse Weise Anthrax in der
Nähe einer militärischen Forschungseinrichtung
ausströmte, waren Pentagonvertreter nicht überrascht. Die Vereinigten Staaten hatten jedoch nicht
die Befugnis, ihren Verdacht zu verfolgen). Und kein
Verbesserungsvorschlag der Clinton-Administration
ist in Sicht. In der Zwischenzeit ist das greifbarste
Resultat einer Reihe von Treffen zwischen den
Signatarstaaten der BW-Konvention über die Überarbeitung der Konvention eine Reihe von Abkommen, sich weiter zu treffen. Es wird überall sehr
wenig darüber gesprochen, die Konvention über
biologische Waffen zu einer Kopie der Chemiewaffenkonvention zu machen.
Wenn man um eine Erklärung dieser Anomalie bittet,
werden die praktischen Probleme genannt, die das
Aufspüren biologischer Waffen schwerer als das
chemischer Waffen machen. Es gibt so viele,
theoretisch verdächtige Räume bei so vielen medizinischen und biotechnischen Einrichtungen. Und bei
einer Inspektion ist es schwierig, mit Sicherheit
festzustellen, ob etwas Illegales vor sich geht. Das
absolut legitime Vorgehen, einen Anthraximpfstoff
herzustellen, ist eine Entschuldigung für das Vorhandensein von Anthrax - einer von mehreren potentiel-

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len Vorwänden für die Waffenproduktion. Darüber
hinaus kann eine kleine, unverdächtige Menge von
Pathogenen auf dem Wege der Züchtung zu waffenfähigem Material gemacht werden - nur zwei Wochen, nachdem ein zufriedener internationaler Inspekteur freundlich auf Wiedersehen gewunken hat.
Es trifft zu, daß diese Dinge die Umsetzung des
Vertrags dramatisch verkomplizieren. Es trifft auch
zu, daß sie die Notwendigkeit der Umsetzung dramatisch unterstreichen. Zu wissen, daß in Abertausenden von Gebäuden auf diesem Planeten irgendein
Student oder Manager genügend Anthraxsporen
züchten könnte, um die Stadt, in der ich lebe, zu
dezimieren - ist einem Laisser-faire vergleichbar. Die
Wahrscheinlichkeit der biologischen Kriegführung als
Grund anzuführen, diese Wahrscheinlichkeit nicht zu
verringern, ist ein bißchen zuviel der Ironie.
Einige wild dreinschauende Radikale gingen sogar so
weit, neue Ansätze zu dem Problem vorzuschlagen.
Eine Idee ist die "Internationalisierung" der Herstellung von Impfstoffen, oder zumindest die Beschränkung der Produktion der Länder auf weniger
Einrichtungen für leichtere (und kontinuierliche)
internationale Überwachung. Das würde alle anderen
Einrichtungen eines Vorwands für die Waffenproduktion berauben - so daß beispielsweise bei einer Adhoc-lnspektion entdeckte Anthraxsporen schwer zu
erklären wären.
Eine solche Reform geht jedoch davon aus, daß es
so etwas wie eine Ad-hoc-lnspektion für biologische
Waffen gibt, was nicht der Fall ist. Solche Inspektionen in die BW-Konvention aufzunehmen ist die
ehrgeizigste Idee, die jetzt von der Clinton-Administration erörtert wird (und sie wird nicht auf den
höchsten Ebenen diskutiert). Die Idee wäre, die BWKonvention so umfassend wie die CW-Konvention zu
machen. Die in der CW-Konvention vorgesehene
Anzahl routinemäßiger Inspektionen ist wahrscheinlich für biologische Waffen undurchführbar angesichts
der bloßen Anzahl von Orten, die für Inspektionen in
Frage kämen. Eine überarbeitete BW-Konvention
könnte einfach von den Signatarstaaten fordern,
Daten über solche Orte vorzulegen und sie einer
gelegentlichen Ad-hoc-lnspektion zu unterziehen - an
diesen oder nicht bekanntgegebenen Orten. Das
würde die Produktion von biologischen Waffen
zumindest mit einem zusätzlichen Risiko versehen.
Und bei Massenvernichtungswaffen zählt jedes
zusätzliche Risiko.
Aus diesem Grund werden auch mehrere andere
Maßnahmen - Transparenz, internationale Koordinierung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse und so
weiter - genannt. Das kollektive Ergebnis solcher
Maßnahmen wird von Graham Pearson vom briti-

AMERIKA DIENST 26

�sehen Verteidigungsministerium als "Netz der
Abschreckung" bezeichnet. Pearson gibt die Sichtweise der britischen Regierung wider, daß die BWKonvention im Prinzip 'Verifizierbar" ist. Im Gegensatz dazu muß die Clinton-Administration noch die
offizielle amerikanische Auffassung ins Gegenteil
umkehren, die sie von der Reagan-Bush-Ära der
Denkweise des Kalten Krieges mit ihrer übermäßigen Angst vor eingehenden Inspektionen überragender kommunistischer Köpfe geerbt hat. (Die
Reagan-Administration ist mehr oder weniger in eine
äußerst eingehende CW-Konvention gestolpert. Der
Abteilungsleiter im US-Verteidigungsministerium
Richard Perle sprach das Thema "Ad-hoc-lnspektionen" an in dem Vertrauen, daß die Sowjets Nein
sagen würden, um die Amerikaner in Verlegenheit
zu bringen. Dann kam Michail Gorbatschow an die
Macht und zog seinen Bluff ab. Der Rest ist Geschichte).
Eine Idee, die bei den regelmäßigen Treffen der
BW-Konvention über Verbesserung auftauchte, ist,
der CW-Konvention eine neue, strengere BW-Konvention anzuhängen. Das Verwaltungsorgan der
CW-Konvention in Den Haag könnte erweitert werden, um sowohl chemische als auch biologische
Waffen einzubeziehen und sich von einer OPCW zu
OPCBW zu verwandeln. In der Annahme, daß eine
neue Konvention über biologische Waffen die Chemiewaffenkonvention beim Verhängen von Strafen
im Fall der Nichteinhaltung kopiert, könnten die
Strafen zusammengelegt werden. Wenn ein Land,
das einen der Verträge nicht einhält, vom Handel mit
Chemikalien und biotechnologischem Gerät abgeschnitten würde, wäre Nichteinhaltung extrem
unattraktiv.
Davon abgesehen könnte der N W theoretisch - und
auf lange Sicht - in diese Mischung einbezogen
werden, so daß die illegale Entwicklung von Massenvernichtungswaffen den Zugang des Landes zu
modernster chemischer, biologischer und atomarer
Technologie verkompliziert. Das würde dem N W
einen Großteil der Wirkung verleihen, die er jetzt
vermissen läßt, und eine Wert schaffen, in der die
verantwortungsvolle Nutzung von Technologie eine
Voraussetzung für den ungehinderten Zugang zu ihr
ist. Es erübrigt sich zu sagen, daß jeder, der in
Washingtoner Politikerkreisen einen solchen Vorschlag unterbreitet, aufgrund von hoffnungslosem
Romantizismus verjagt würde.
Es gibt politische Gründe, warum biologischen
Waffen nur ein geringer Teil der Aufmerksamkeit
gewidmet wurde, die sie verdienen. Zum einen wird
die Ratifizierung der Konvention über chemische
Waffen als Voraussetzung für eine neue Initiative zu
biologischen Waffen angesehen. Die CW-Kon-

AMERIKA DIENST 26

vention erforderte über ein Jahrzehnt mühsamer
Verhandlungen. Wenn sie scheitert, wird niemand
freiwillig die Welt zu einer erneuten visionären
Rüstungskontrollkampagne führen.
Bedauerlicherweise ruht die CW-Konvention seit neun
Monaten im amerikanischen Senat. Sie hat die
nominelle Unterstützung einiger wichtiger Leute wie
Präsident Clinton und Senator Lugar vom Ausschuß
für Auswärtige Beziehungen. (Glücklicherweise hat
der Ausschußvorsitzende Jesse Helms - der beim
letzten Mal Indien mit Pakistan verwechselte, als er
mit Ministerpräsidentin Bhutto von Pakistan sprach angeblich die Kontrolle über das Thema Chemiewaffenkonvention an Lugar abgegeben). Aber weder
Clinton, Lugar noch sonst jemand mit Status hat sich
dafür entschieden, die CW-Konvention zu seinem
Lebensinhalt zu machen. Elf Tote in einer japanischen Untergrundbahn haben das Problem nicht über
die Schwelle des Alltäglichen hinaus gebracht.
Ebenso wie Fortschritte bei chemischen Waffen den
Weg zu Fortschritten bei biologischen Waffen ebnen
würden, wird die Verlängerung des N W von einer
überwältigenden Mehrheit als Vorbedingung für die
Erörterung tiefgreifender Reformen beim NW-Verifizierungsregime erachtet. In der Tat würde die N W Verlängerung ein ziemlich helles Schlaglicht werfen,
in dem Präsident Clinton eben diese Diskussion
eröffnen könnte - oder abgesehen davon eine umfassendere Diskussion über Massenvernichtungswaffen. Dieses Schlaglicht wäre auch eine innenpolitische Chance für einen Präsidenten, der häufig als
unzureichend präsidial abgetan wird.
Natürlich ist das ein Standardratschlag für Präsidenten: Halten Sie eine Rede, haben Sie eine Vision.
Das ist leicht zu sagen, wenn man nicht seinen
vagen Idealismus im Detail darlegen und ihn vor
allem nicht in Einklang mit der harten Realität bringen
muß. Aber Brat Roberts vom Zentrum für strategische und internationale Studien - nicht unbedingt eine
Brutstätte wirrer Eine-Welt-Gedanken - umriß in der
jüngsten Ausgabe von The Washington Quarterly
eine ziemlich konkrete Version einer hochfliegenden
Clintonschen Vision. Roberts nahm jede Menge
internationaler Abkürzungen zu Hilfe - nicht nur CWKonvention, BW-Konvention und N W , sondern GATT
(Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen) und
NAFTA (Nordamerikanisches Freihandelsabkommen).
Indem er nicht offenkundige Verbindungen zwischen
Handelsabkommen und Nichtverbreitungsregimen
herstellte, argumentierte er, beide müßten sorgfältig
formuliert sein, um eine "neue Gruppe" von Staaten
anzuziehen und einzubinden, die vor kurzem dank
der technologischen Evolution mit der Fähigkeit zur
Herstellung hochwirksamer Waffen versehen wurden.
Nachdem all diese Abkürzungen sich nun in dem

Seite 7

�einen oder anderen Sinn in einer kritischen Phase
befinden, könnte sich 1995 als "echter Wendepunkt"
erweisen. "Grundlegende internationale Institutionen
werden das Jahr entweder sehr gestärkt oder sehr
geschwächt beenden" - und im letzteren Fall werden
sich die Aussichten für eine stabile Welt nach dem
Kalten Krieg drastisch verringern.
Wenn Präsident Clinton je entscheidet, beim Thema
Massenvernichtungswaffen eine Führungsrolle
auszuüben, bestehen geringe Chancen, daß die
Nachwelt ihn als Panikmacher einschätzt. Die
Bedrohungen, die er anspricht, nehmen nicht nur zu
- ihre Zunahme hat tiefe und dauerhafte Wurzeln:
Wachsende Erfindungsgabe bei der Herstellung
destruktiver Kräfte, wachsender Zugang zu den für
die Produktion erforderlichen Daten über Informationstechnologie, größere Verfügbarkeit des benötigten Materials in einer immer höher industrialisierten
Welt und der zunehmend leichtere Transport. Die
zugrundeliegende Kraft ist wahrlich unerbittlich: Die

*

Seite 8

*

Anhäufung wissenschaftlicher Kenntnisse und ihre
Anwendung - über Technologie - auf humanitäre
Angelegenheiten.
Von Zeit zu Zeit werden die unvermeidbaren Ergebnisse dieses Trends offenkundig - bei der Entdekkung, daß der Irak ein umfassendes Atombombenprojekt und genügend chemische Waffen unterhielt,
um eine kleine Nation umzubringen; in der Tatsache,
daß die Bombenleger des World Trade Center Erfolg
bei einer Mission hatten, bei der vorbehaltlich geschickterer Mitarbeiter und besserer Finanzierung
sehr wohl biologische Waffen statt Sprengstoff hätten
eingesetzt werden können; in den Nachrichten, daß
ein verrückter japanischer Kult mit internationaler
Präsenz geschäftig ein chemisches und biologisches
Arsenal ansammelte. Bisher hat keines dieser
Schulbeispiele Zehntausende oder Hunderttausende
Menschenleben gekostet. Aber mit der Zeit werden
die Kosten der Beispiele sicherlich steigen.

*

*

AMERIKA DIENST 26

�WIRTSCHAFT
30. August 1995

BEMs - die großen aufstrebenden Märkte
Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die großen aufstrebenden Märkte
(Big Emerging Markets - BEMs), der im August 1995 in Business America, der Publikation des USWirtschaftsministeriums über Welthandel erschien.

Entdeckung der BEMs
Während des ersten Jahres der Clinton-Administration wurden viele Analysen zur Beantwortung folgender Fragen durchgeführt: Wo wird im nächsten
Jahrhundert der Motor der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung zu finden sein? Welche Märkte
sind am vielversprechendsten?
Welche Rolle
übernimmt die US-Regierung um sicherzustellen,
daß das Land dieses Versprechen realisiert?
Obwohl diese Fragen in Washington in den letzten
Jahren vernünftig erschienen, hat man sich auf der
internationalen Wirtschaftsbühne selten mit ihnen
befaßt, geschweige denn, sie beantwortet. Die
Clinton-Administration brach jedoch mit den Verhaltensmustern der Vergangenheit. Sie unternahm
große Bestrebungen, über den engeren Horizont
hinauszuschauen und präsentierte einige interessante - und überzeugende - Schlußfolgerungen.
Beispielsweise gelangten wir zu dem Schluß, daß
die Märkte in Europa und Japan in den kommenden
beiden Jahrzehnten viel langsamer wachsen werden
als im Großteil der übrigen Welt. Ferner entdeckten
wir, daß sich trotz des Optimismus hinsichtlich der
Zukunftsperspektiven in Ostasien und Lateinamerika
das Wachstum weltweiter Importe insgesamt auf
weniger als ein Dutzend Märkte beschränken wird,
die wir "Big Emerging Markets" oder "BEMs" nennen. Die BEMs befinden sich in Asien (der chinesische Wirtschaftsraum - China, Hongkong und
Taiwan -, Südkorea, der Verband Südostasiatischer
Nationen ASEAN, anfänglich Indonesien, später
ausgeweitet auf alle Volkswirtschaften des ASEAN
und Indien); in Afrika (Südafrika); in Europa (Polen
und Türkei) sowie in Lateinamerika (Mexiko, Brasilien und Argentinien).
Wenn wir auf diesen Märkten erfolgreich sein wollen,
müssen wir unseren handelspolitischen Ansatz
vollkommen überdenken. Da es sich um aufstreben-

AMERIKA DIENST 26

de Märkte handelt, sind sie in ständigem Wandel
begriffen und daher bisweilen auch instabil. Sie
verfügen nicht über die festen Kontakte zu den
Vereinigten Staaten wie unsere traditionellen Partner.
Die Beziehungen zu ihnen sind unbeständig. Und
aufgrund der enormen Versprechungen dieser Märkte
haben sie magnetische Anziehungskraft auf die
konkurrenzfähigsten Unternehmen in den Vereinigten
Staaten und im Ausland.
Auf jedem Markt wird es erbitterten Wettbewerb
geben. Da sich jedoch auf vielen von ihnen wichtige
staatliche Sektoren befinden - und praktisch alle sich
stark auf Infrastrukturprojekte konzentrieren, die die
Beteiligung der Kommunalregierung erfordern bedürfen amerikanische Unternehmen der Unterstützung durch die US-Regierung, damit sie faire
Verhandlungen bekommen. Aufgrund der Intensität
ausländischen Wettbewerbs und des Kapitalbedarfs
dieser Volkswirtschaften werden unsere Konkurrenten
öffentlich/private Partnerschaften sein, bei denen
ausländische Regierungen gebundene Finanzierung
und aggressiven Beistand gewähren, um die Bestrebungen ihrer Unternehmen zu unterstützen. Wenn
wir nicht ebenso verfahren, werden wir nicht nur
unsere Erfolgschance auf diesen Märkten verlieren,
sondern auch unsere Chance, im kommenden
Jahrhundert in der Weltwirtschaft die Führungsrolle
zu übernehmen.
BEMs in den Schlagzeilen
Anfang des Jahres veröffentlichten alle amerikanischen Zeitungen täglich Artikel über den Stand der
Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten
und Vertretern der chinesischen Regierung über den
illegalen Handel mit Raubkopien von Compact Discs
und Computer-Software. Warum? Weil diese Frage
sowohl für das künftige Wohlergehen Hunderttausender amerikanischer Arbeitnehmer von zentraler
Bedeutung ist als auch für unsere Zukunftsaussichten

Seite 1

�auf einem Markt mit 1,2 Milliarden Verbrauchern, die
einem gewaltigen Appetit auf Informationsprodukte
haben, bei denen wir weltweit führend sind.
Als Mexiko stauchelte, reagierte der Präsident
schnell und entschlossen. Warum? Da Mexiko
bereits der drittgrößte Abnehmer amerikanischer
Exporte und in schnellem Wachstum begriffen ist über 20 Prozent im Jahr 1994, dem ersten vollen
Jahr des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA - birgt es für die Zukunft noch größere
Versprechungen. 1994 stiegen die ausländischen
Direktinvestitionen in Mexiko im Vergleich zum
Vorjahr um nahezu zwei Drittel an. Ungeachtet
dessen, welche Probleme gegen Ende des Jahres
auftauchen mögen, ist der mexikanische Markt
weitaus reicher an Ressourcen als noch vor 12
Monaten.
Für die Zukunft hat das große Bedeutung: Mehr
Arbeitsplätze für uns und unsere Kinder.
Das
Wachstum in Mexiko fördert unser eigenes Wachstum. Und ebenso wie die Stabilität Mexikos auch die
unsere fördert, würde seine Instabilität unsere
Sicherheit unterhöhlen. Während wir das Versprechen engerer Zusammenarbeit und größerer Offenheit realisieren, akzeptieren wir auch, daß das
Schicksal unserer beiden Länder noch stärker
miteinander verflochten wird. Südafrika ist mehr als
nur eine inspirierende Geschichte. Es ist eine
Nation, die die letzte große Hoffnung eines Kontinents repräsentiert. Nahezu die Hälfte des afrikanischen Bruttoinlandsprodukts wird in Südafrika
erwirtschaftet - nahezu drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts des südlichen Afrika. Sollten das kühne
Experiment Nelson Mandelas und der neuen, von
ihm geschaffenen nichtrassischen Demokratie
scheitern, wären die Konsequenzen für den ganzen
Kontinent verheerend.
Brasilien, das größte und bevölkerungsreichste Land
Südamerikas, hat allein durch sein Potential große
Anziehungskraft auf internationale Investoren. Ein
alter Scherz besagt, "Brasilien ist das Land der
Zukunft ... und wird es immer sein." Noch vor
kurzem kämpfte das Land mit gravierenden Problemen der Hyperinflation und verheerender Armut. Im
vergangenen Jahr geschah etwas Entscheidendes.
In Brasilien fanden echte Wirtschaftsreformen statt,
zuerst in Form einer neuen, "Real" genannten
Währung. Gleichzeitig übernahm Brasilien in der
Region eine neue, einflußreiche Rolle und wurde zu
einem der unangefochten führenden Länder im
Vorfeld des gesamtamerikanischen Gipfels, indem es
eine neue, nach außen orientierte Haltung einnahm
und von Nationen in der gesamten Hemisphäre
starke Unterstützung erhielt. Brasilien könnte das
Land von morgen sein ... heute.

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Die Türkei liegt seit Alexander dem Großen im
Zentrum der Welt. In den letzten Jahren machte eine
wirtschaftliche Renaissance die Börse in Istambul zu
einer der weltweit attraktivsten. Jetzt sind für die
Türkei schwierige Zeiten angebrochen. Das Land
wird jedoch für unsere Zukunft eine Schlüsselrolle
spielen, denn es ist das Bindeglied und der Puffer
zwischen Europa und dem Nahen Osten, zwischen
Europa und dem südlichen Teil der ehemaligen
Sowjetunion. Es befindet sich an der Grenze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, an der
Frontlinie in dem dynamischen Austausch, der das
kommende Jahrhundert bestimmen wird.
Was könnte für die meisten Amerikaner weiter
entfernt liegen als das ASEAN-Mitglied Indonesien,
eine Kette aus 13.000 Inseln auf der anderen Erdhalbkugel? Dennoch führte der Präsident im Novembervergangenen Jahres eine hochrangige amerikanische Delegation zum APEC-Gipfel über asiatischpazifische wirtschaftliche Zusammenarbeit nach
Jakarta, in die Hauptstadt Indonesiens. Während der
Zusammenkunft gab es Schlagzeilen über Menschenrechtsprobleme und Arbeitnehmerrechte. Der Präsident scheute sich nicht, diese Fragen anzusprechen.
Gleichzeitig verlieh er jedoch unserem großen
Wunsch Ausdruck, im Rahmen eines neuen Ansatzes
Wandel zu sehen. Er beschloß, unsere Beziehungen
zu Indonesien und gleichartigen Ländern auf unsere
enormen gemeinsamen Interessen aufzubauen.
Kurz vor der wichtigen Rede des Präsidenten in
Jakarta unterzeichnete Wirtschaftsminister Brown ein
Abkommen zwischen amerikanischen und indonesischen Unternehmen in Höhe von etwa 40 Milliarden
Dollar, darunter ein Energieabkommen im Wert von
allein 35 Milliarden Dollar. In seiner Rede erwähnte
Präsident Clinton die vom indonesischen Präsidenten
Suharto übernommene Führungsrolle, die 18 Mitgliedsstaaten des APEC zur Zustimmung zum Freihandel in der Region bis zum Jahr 2020 und in den
entwickelten Ländern bereits bis 2010 zu bewegen.
Der Präsident erkannte, daß wir uns einander annähern. Er identifizierte eine Vielzahl von Themen politischer, sozialer, umweltpolitischer und wirtschaftlicher Natur - über die wir langsam einen Konsens
erzielten und räumte ein, daß das Versprechen
engerer Beziehungen und offenerer Grenzen uns zu
mehr Fortschritten führt.
Wirtschaftsinteressen
Unser wirtschaftliches Interesse an den BEMs ist
enorm. Die 10 BEMs importieren als Gruppe ungefährt soviele Waren von uns wie Japan und die
Europäische Union zusammengenommen. Tatsächlich könnten zwischen 1990 und 2010 mindestens

AMERIKA DIENST 26

�eine Billion des amerikanischen Exportwachstums
auf die BEMs zurückgehen.
Unsere Warenexporte in die BEMs beliefen sich
1994 auf insgesamt 159 Milliarden Dollar - ungefähr
30 Prozent unserer gesamten Warenexporte. Wir
erwarten, daß die BEMs ihren Anteil an den weltweiten Exporten ebenfalls verdoppeln und dieser von 19
Prozent 1994 auf 38 Prozent im Jahr 2010 ansteigen
wird. Keine andere Kategorie des Marktes hat so
großes Wachstumspotential. Von Seoul bis Bombay
bestehen Pläne für Inf rastrukturprojekte im Wert von
einer Billion Dollar für die nächsten zehn Jahre - bei
Energieerforschung und -gewinnung, Flughäfen und
Flugüberwachungssystemen, Telefonen und Satelliten, Krankenhäusern und Gesundheitsdiensten, der
Produktion von Autos und Autoteilen, dem Bankund Versicherungswesen sowie der Beseitigung von
Umweltverschmutzung. Mindestens halb so viel ist
für Lateinamerika vorgesehen. Diese Transaktionen
riesigen Ausmaßes bedeuten enorme Handels- und
Investitionsmöglichkeiten für amerikanische Unternehmen.
Die Argumente für die Größenordnung und Bedeutung dieser Veränderungen wurden von vielen
Quellen unterstützt. Schätzungen der Organisation
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(OECD) zufolge werden im Jahr 2010 ungefähr 700
Millionen Menschen in China, Indien und Indonesien
ein Durchschnittseinkommen haben, das dem
Spaniens heute entspricht, wenn diese drei Volkswirtschaften bis dahin ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 6 Prozent verzeichnen. Diese Anzahl von Menschen entspricht etwa
der Bevölkerung der Vereinigten Staaten, Japans
und Europas zusammengenommen. Während 1992
nur drei der zehn weltweit größten Märkte BEMs
waren, werden es Schätzungen der Weltbank unter
Einsatz ihrer Bewertung der Kaufkraft dieser Volkswirtschaften zufolge im Jahr 2020 sechs sein.
Eine Studie der BEMs wird darüber hinaus zeigen,
daß diese Volkswirtschaften - abgesehen von all
unseren Problemen mit ihnen - weitaus offener für
Importe sind als damals Japan und die asiatischen
Tiger auf derselben Entwicklungsstufe. Ihr schnelles
Wachstum bietet also für uns eine direkte Chance
und wird wahrscheinlich unmittelbare entscheidende
Auswirkungen auf das Weltwirtschaftswachstum, die
Integration und sogar die den internationalen Beziehungen zugrundeliegende Dynamik haben.
Um die Bedeutung dieser Veränderungen aus einer
anderen Perspektive zu betrachten, müssen wir uns
nur die Tatsache vor Augen halten, daß in den
ersten drei Jahren dieses Jahrzehnts die amerikanischen Exporte in die Entwicklungsländer im Durch-

AMERIKA DIENST 26

schnitt um 12 Prozent jährlich stiegen, während es
bei unseren traditionellen Handelspartnern nur 2
Prozent jährlich waren. Mit den Worten des The
Economist fungierten "die Volkswirtschaften der
Entwicklungsländer erstmals als Lokomotive und
trugen dazu bei, die Welt aus ihrer Rezession Anfang
der neunziger Jahre herauszuziehen". Wir sind uns
der Grenzen langfristiger Wirtschaftsprognosen und
der Möglichkeit bewußt, daß in bestimmten BEMs die
Wirtschaftspolitik scheitern könnte.
Unsere Einstellung basiert auf einigen wichtigen Annahmen,
beispielsweise der Überzeugung, daß der Welthandel
offen und expansionsfähig bleiben wird und in den
BEMs eingeleitete politische Reformen fortgesetzt
werden. Daher könnte sich die Liste der BEMs
abhängig von bestimmten Tendenzen verändern.
Wenn die russische Volkswirtschaft einmal über den
Berg sein sollte, könnte sie ebenfalls dieser Liste
hinzugefügt werden. Eines Tages könnten einige
Märkte den Test bestehen und sich in die Reihen der
entwickelten Volkswirtschaften der Welt eingliedern.
Ferner ist es auch möglich, daß ein Markt von der
Liste gestrichen wird, der seit langem Rückschritte
macht.
Dennoch haben die von uns als BEMs identifizierten
Volkswirtschaften bestimmte Merkmale, die unsere
Aufmerksamkeit erfordern. In Lateinamerika entfallen
auf zwei BEMs - Mexiko und Brasilien - 61 Prozent
des Bruttoinlandsprodukts der südlichen Hemisphäre
und 53 Prozent seiner Bevölkerung. Zwei asiatische
BEM-Länder - China und Indien - verzeichnen 40
Prozent der Weltbevölkerung. In Afrika erwirtschaftet
ein BEM - Südafrika - 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des gesamten Kontinents. Polen ist die am
schnellsten wachsende Volkswirtschaft Europas, und
Indonesien hat weltweit die viertgrößte Bevölkerungsdichte.
In dieser Hinsicht ist die Kategorie der BEMs ein
Beispiel für eine bestimmte Art von Markt. Sie
erstrecken sich über ein großes Gebiet. Sie haben
eine große Bevölkerung mit riesiger zukünftiger
Nachfrage nach Infrastruktur wie Energieerzeugung
und Telekommunikation sowie nach Konsumgütern
wie Computern und Waschmaschinen. Sie sind
Volkswirtschaften mit einer bedeutenden Wirtschaftspolitik, die bereits zu schnellerem Wachstum und
einer Ausweitung von Handel und Investitionen mit
der übrigen Welt führten. Sie streben eine Führungsrolle im Technologiebereich an. Das Wachstum ihrer
Märkte hätte enorme Auswirkungen auf die jeweilige
geographische Region. Sie alle haben einen wichtigen politischen Einfluß auf ihre unmittelbare Umgebung und darüber hinaus. Natürlich hat nicht die
Clinton-Administration die BEMs entdeckt.
Sie
tauchten schon vor Jahren auf der Weltbühne auf,
und einige große amerikanische Unternehmen waren

Seite 3

�seit langer Zeit auf ihnen aktiv. Tatsächlich wurden
wir genau deshalb auf die BEMs aufmerksam, weil
einige der weiterblickenden amerikanischen Unternehmen bereits auf diese Märkte drängten. Aber
erst vor kurzem begann die US-Regierung, ihnen die
Aufmerksamkeit zu zollen, die sie verdienen - nicht
als außenpolitisches Problem, als das sie oft betrachtet werden, sondern als große und essentielle
Chancen für zukünftige Zusammenarbeit.
Nicht nur amerikanische Umsätze stehen auf
dem Spiel
Obwohl das Grundprinzip der BEM-Strategie großenteils auf amerikanischen Exportmöglichkeiten basiert,
wäre es ein großer Fehler, die BEMs nur durch
diese Brille zu sehen. Tatsache ist, daß jeder
Aspekt unserer Welt stark davon beeinflußt wird,
was die BEMs unternehmen und was sie nicht
unternehmen. Es gibt kein Szenarium zur Eindämmung der nuklearen Weiterverbreitung ohne die
Kooperationsbereitschaft von Ländern wie China,
Indien oder Brasilien. Es gibt keine Hoffnung auf
Umweltschutz ohne die Beteiligung der BEMs. Die
Zukunft der Handelsliberalisierung und die Möglichkeiten sinnvoller Währungsabkommen erfordern die
Eingliederung der BEMs und die Zusammenarbeit
mit ihnen. Die internationalen Institutionen, von
denen wir in zunehmendem Maße abhängig sind,
werden immer stärker von den Maßnahmen und
Aussichten der BEMs beeinflußt.
Folglich besteht eine direkte Verbindung zwischen
unserer Konzentration auf die BEMs als Mittel zur
Erhöhung unseres Marktanteils im Ausland und der
amerikanischen Rolle bei Beziehungen aller Art
zwischen den Nationen der Welt. Wenn wir unsere
wirtschaftlichen Schlachten um diese Märkte verlieren, geben wir auch unser wirkungsvollstes Mittel
auf, sie zu beeinflussen, uns ihnen anzunähern und
ihre zukünftige Stabilität durch Wohlstand zu sichern.
Rolle und Politik der US-Reglerung
Unsere Regierung hat eine wichtige Rolle bei der
Förderung des Handels mit jeder der BEMs zu
übernehmen. Die BEMs unterscheiden sich von
unseren traditionelleren Handelspartnern wie Großbritannien oder Deutschland. Oftmals bestehen
große Hindernisse beim Eintritt in diese Märkte,
einschließlich hoher Zölle, Quoten und protektionistischer Vorschriften. Wirtschaftssysteme, einschließlich der vollen Respektierung des Rechts auf geistiges Eigentum, reibungslos funktionierender Kapitalmärkte und offener staatlicher Beschaffung sind
oftmals entweder noch im Entwicklungsstadium
begriffen oder fehlen ganz. In einigen der BEMs gibt
es auch keine unabhängige Justiz. Und wie bereits

Seite 4

erwähnt, unterscheidet sich der Wettbewerb auf
diesen Märkten dramatisch von dem, was wir gewöhnt sind.
Daher können und sollten wir auf diesen Märkten den
amerikanischen Unternehmen auf verschiedene Arten
helfen - von der Sicherung des Marktzugangs über
die Bereitstellung von Finanzmitteln bis zur Förderung
amerikanischer Unternehmen bei der Vergabe
größerer Projekte bei Geschäften, bei denen ausländische Regierungen ihren eigenen Unternehmen
helfen oder bei der Projektvergabe eine wichtige
Rolle in der Entscheidungsfindung übernehmen.
Zudem mangelt es oft an guten Informationen über
die BEMs. Durch unsere Botschaften und unsere
Handelsabteilung im
US-Wirtschaftsministerium
können wir einen Großteil der verfügbaren Daten
bereitstellen, analysieren und an die Unternehmen
unseres Landes weiterleiten. Schließlich müssen wir
mit den Regierungen und dem Privatsektor der BEMs
zusammenarbeiten, um ihnen bei der Entwicklung
von Fähigkeiten und dem Aufbau der für die Schaffung offener, moderner, kapitalistischer Systeme
erforderlichen Institutionen zu helfen. Der Ansatz
darf nicht gönnerhaft sein, sondern muß auf den
gemeinsamen Zielen einer Erweiterung des Handels
auf ihren und unseren Märkten basieren.
Es ist natürlich viel einfacher, eine Politik zu verkünden, als sie durchzuführen. Im vergangenen Jahr
wurde allerdings bereits viel erreicht.
Die bislang vielleicht wichtigste Errungenschaft ist die
Entwicklung eines intensiven Exportbewußtseins.
Praktisch seit ihren ersten Tagen im Amt hat die
Clinton-Administration unterder Schirmherrschaft des
behördenübergreifenden Koordinationsausschusses
für die Förderung des Handels (Trade Promotion
Coordinating Committee - TPCC) hart daran gearbeitet, die Exportförderung aus dem Schatten der
Handelspolitik heraus ins Rampenlicht zu rücken. Mit
Hilfe der nationalen Exportstrategie des Präsidenten der ersten unserer Nation - setzte die Administration
umfassende behördenübergreifende Bestrebungen
zur Koordinierung staatlicher Unterstützung für
amerikanische Unternehmen bei der Bewerbung um
große Aufträge in Übersee in Gang; sie setzte einen
flexibleren und aggressiveren Ansatz zur Handeisfinanzierung um, liberalisierte unnötige und veraltete
Kontrollen von Computer- und Telekommunikationsexporten und gründete mehrere Exporthilfezentren,
die amerikanische Unternehmen von zentraler Stelle
aus mit umfassender Exporthilfe und Rinanzdienstleistungen versorgen. Nach zwei Jahren können wir
stolz sagen, daß unsere nationale Exportstrategie
vollständig umgesetzt wird. Der TPCC wird dem
Kongreß Ende September seinen dritten Jahresbericht über die nationale Exportstrategie vorlegen.

AMERIKA DIENST 26

�Nachdem diese Maßnahmen durchgeführt wurden
und weitere vorgesehen sind, erwarten wir eine
Ausweitung des amerikanischen Absatzes im Ausland mit Exporten von über einer Billion Dollar im
Jahr 2000 und sechs Millionen zusätzlichen Arbeitsplätzen. Diese Exporte werden auch zum Abbau
unseres chronischen und wachsenden Handelsdefizits beitragen. (Die Exporteure werden gewarnt,
daß für Exporte an viele dieser Bestimmungsorte
immer noch Kontrollen existieren. Zur Erläuterung
dieser Maßnahmen wenden Sie sich bitte an die
Beratungsabteilung der amerikanischen Exportverwaltungsbehörde, Tel. (020)482-4811).
Die Konzentration auf die BEMs ist ein entscheidender und beherrschender Teil dieses Exportschubs.
Sie ist kein Ersatz für weitere Bestrebungen zur

*

AMERIKA DIENST 26

*

Öffnung von Märkten und Förderung des Absatzes
amerikanischer Unternehmen in Europa, Japan oder
Kanada. Sie bedeutet auch nicht, daß wir in unseren
wirtschaftlichen Bestrebungen nachlassen, uns enger
an Rußland, die anderen neuen unabhängigen
Staaten oder ganze Regionen wie Lateinamerika oder
Südostasien anzunähern.
Die Strategie der großen aufstrebenden Märkte
verdient jedoch besondere Aufmerksamkeit und
erfordert außerordentliche Mühe, denn sie stellt eine
radikale Abkehr von der traditionellen Politik dar und
orientiert sich jenseits des üblichen Horizonts staatlicher Politik. Die Ausrichtung dieser Strategie ist
weitaus intensiver und ihre Umsetzung viel aggressiver als jede andere von der amerikanischen Regierung umgesetzte Exportstrategie.

* *

Seite 5

�FRAUEN
30. August 1995

USA umreißen Zielsetzungen für
Pekinger Frauenkonferenz
Erklärung von Botschafterin Albright
WASHINGTON - (AD) - Der amerikanischen Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Madeleine Albright,
zufolge gründen sich die wichtigsten Zielsetzungen der Vereinigten Staaten bei der vierten Weltfrauenkonferenz
auf "das Engagement für Chancengleichheit, das die Grundlage unserer eigenen Staatsphilosophie ist".
Bei einer Pressekonferenz im US-Außenministerium am 24. August 1995 erklärte die Leiterin der
amerikanischen Delegation, die Zielsetzungen "spiegeln die Ansichten und Sorgen" von Frauen in den
gesamten Vereinigten Staaten wider und "sind sowohl im In- als auch im Ausland relevant".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Erklärung von Botschafterin Albright.

Ende nächster Woche wird die amerikanische
Delegation zur Teilnahme an der vierten Weltfrauenkonferenz nach Peking reisen. Als Delegationsleiterin möchte ich kurz unsere Zielsetzungen für
diese Konferenz umreißen und erläutern, warum
unsere Teilnahme unseres Erachtens wichtig und
angemessen ist.
Erstens im Hinblick auf unsere Ziele.
Wir wollen die Menschenrechte von Frauen fördern
und schützen.
Wir wollen die Gewalt gegen Frauen beenden.
Wir wollen die Beteiligung von Frauen am politischen
und wirtschaftlichen Entscheidungsprozeß erweitern.
Wir wollen gleichberechtigten Zugang von Frauen zu
Bildung und Ausbildung sowie Gesundheitsfürsorge
im gesamten Verlauf ihres Lebens sicherstellen.
Und wir wollen die Familien stärken, indem wir ein
Gleichgewicht zwischen Männern und Frauen bei
der Aufteilung von Arbeit und Aufgaben in der
Familie herstellen.
Diese Ziele spiegeln die Ansichten und Sorgen
wider, die von Amerikanern bei regionalen Treffen
geäußert wurden. Sie sind sowohl im In- als auch
im Ausland relevant. Und das Kernstück bildet das
Engagement für Chancengleichheit, das die Grundlage unserer eigenen Staatsphilosophie ist.

AMERIKA DIENST 26

Die Notwendigkeit zu Fortschritten bei diesen Zielsetzungen sollte außer Frage stehen. Es gibt zahllose
Beweise, daß Frauen trotz der jüngsten Errungenschaften weiterhin eine unterbewertete und unterentwickelte Ressource sind. An zu vielen Orten wird
Frauen zu häufig der gleichberechtigte Zugang zu
Bildung und Ausbildung, Gesundheitsfürsorge,
Krediten und der Chance zur Beteiligung am politischen Leben einer Nation verwehrt.
An zu vielen Orten wird Frauen zu häufig die gesetzlich verankerte Gleichberechtigung im Hinblick auf
das verwehrt, was sie besitzen, welche Entscheidungen sie treffen und was sie erben dürfen.
An zu vielen Orten wird zu häufig abscheulicher
Mißbrauch an Frauen verübt. Dazu zählen erzwungener Schwangerschaftsabbruch und Sterilisierungen,
in die Prostitution verkaufte Kinder, rituelle Verstümmelungen, Ermordungen wegen der Mitgift und
Gleichgültigkeit seitens der Regierung gegenüber
Gewalt.
Die Clinton-Administration wird die Frauenkonferenz
zur Unterstreichung der Tatsache nutzen, daß Gewalt
gegen Frauen nicht kulturell bedingt, sondern kriminell ist, und wir alle eine Verantwortung zu ihrer
Beendigung haben.
Einige vertreten immer noch die Auffassung, wir
sollten wegen der Verhaftung von Harry Wu und der
schlechten Menschenrechtsbilanz Chinas nicht an der
Frauenkonferenz teilnehmen.

Seite 1

�Solche Gefühle sind verständlich, aber im Namen
der Menschenrechte ergibt es einfach keinen Sinn,
eine Konferenz zu boykottieren, die sich die Förderung der Menschenrechte zum Hauptziel gesetzt hat.
Wir sollten auch die Auswirkungen nicht unterschätzen, die eine Konferenz wie diese auf das Gastland
selbst haben kann.
Die Vorbereitungen für die Konferenz haben in
China das Bewußtsein für Frauenfragen geschärft.
Es gibt eine öffentliche Diskussion über bisherige
Tabuthemen, darunter Gewalt gegen Frauen. Es ist
von großer Bedeutung, daß über 5.000 Chinesinnen
am Forum der nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs) teilnehmen werden. Und die chinesische
Regierung hat bereits darauf reagiert, indem sie
neue - wenn auch noch nicht erprobte - Maßnahmen
zur Unterstützung der Rechte von Frauen angekündigt hat.
Eine offene Diskussion über den Status der Frau hat
nicht nur in China, sondern überall Auswirkungen:
Länder, in denen Frauen einen fairen Anteil an der
Macht haben, sind stabiler und wohlhabender als
solche, in denen Frauen an den Rand gedrängt und
unterdrückt werden.
Zum Abschluß möchte ich noch auf einige spezifischere Fragen eingehen, die im Zusammenhang mit
dieser Konferenz auftauchten. Ein Ereignis wie
dieses zieht die Aufmerksamkeit einer Vielzahl
nichtstaatlicher Organisationen und von Privatpersonen mit stark ausgeprägten und unterschiedlichen
Meinungen auf sich.

Das ist begrüßenswert und

unterstreicht die Tatsache, daß NGOs sowohl bei
dieser Konferenz als auch im Nachhinein eine
entscheidende Rolle spielen. Aus diesem Grund
haben die Vereinigten Staaten entschieden und sehr
erfolgreich darum gekämpft, die Teilnahme von
NGOs an der Konferenz zu ermutigen und sicherzustellen.

*

Seite 2

Auf unsere Veranlassung und die anderer Länder
wurde im April das Akkreditierungsverfahren für die
Weltkonferenz wiederaufgenommen, mit dem Ergebnis, daß über 750 zusätzliche Gruppen akkreditiert
wurden, darunter viele aus den Vereinigten Staaten.
Gruppen, die Beobachter zu der Konferenz entsenden, stammen aus dem gesamten politischen und
sozialen Spektrum. Insgesamt dürfen über 3.500
NGOs Beobachter entsenden - mehr als bei jeder
anderen UNO-Veranstaltung.
Sie haben sicher von den logistischen Schwierigkeiten für die Konferenzteilnehmer gehört - und einige
von Ihnen haben vielleicht darüber geschrieben. Wir
teilen diese Sorge, und ich habe mit dem Generalsekretär darüber gesprochen. Die Logistik stellt für die
Chinesen eine wirkliche Herausforderung dar. Wir in
den Vereinigten Staaten verstehen die Schwierigkeiten, eine solche Konferenz zu veranstalten, aber
wir können nicht die willkürlichen Bestrebungen
entschuldigen, Teilnehmern mit friedlicher Absicht, die
jedoch nicht die Politik der chinesischen Regierung
befürworten, ein Visum zu verweigern. Der Ruf
Chinas als Gastgeber steht auf dem Spiel.
Niemand sollte unsere Entscheidung, an der Frauenkonferenz teilzunehmen, als Zeichen der Gleichgültigkeit oder Einwilligung in die fortgesetzte Festnahme
von Harry Wu durch die chinesische Regierung
interpretieren. Wir fordern die Regierung Chinas auf,
Herrn Wu umgehend und unversehrt freizulassen.
Dies hat für die Vereinigten Staaten hohe Priorität.
Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annahme,
eine Entscheidung über unsere Absage - oder eine
Bindung unserer Teilnahme an die Freilassung von
Herrn Wu - hätte positive Auswirkungen auf die
diesbezüglichen chinesischen Entscheidungen.

*

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�GESUNDHEIT
30. August 1995

Er befreite von großer Angst
Zum Tode des Polio-Impfpioniers Dr. Jonas Salk
(AD)- Die Nachricht vom Tod des amerikanischen
Virologen Dr. Jonas Edward Salk, der am 23. Juni
1995 im Alter von 80 Jahren in La Jolla (Kalifornien)
nach kurzer Krankheit starb, veranlaßte große
Zeitungen und Zeitschriften in den Vereinigten
Staaten zu einer ausführlichen Würdigung dieses
Forschers. "Eine gute Möglichkeit, die Bedeutung
der großen Persönlichkeiten der Medizin abzuschätzen, ergibt sich daraus, wie vollständig sie uns
vergessen machen, was wir ihnen verdanken", hieß
es in dem ganzseitigen Artikel in der Zeitschrift
TIME.
Die Welt verdankt Dr. Jonas Salk den ersten wirksamen Impfstoff gegen die gefürchtete Kinderlähmung (Poliomyelitis). In den Industrieländern weiß
man heute kaum mehr, was sie überhaupt war - eine
"Kinderkrankheit" eben, oft mit katastrophalen Folgen
für die Betroffenen, die es aber hier praktisch nicht
mehr gibt. Und nicht wenige unserer jungen Ärzte
haben noch nie einen Patienten mit Lähmungen und
sekundären Schäden als Folge einer früheren
Polioerkrankung gesehen, geschweige denn, sich mit
den jetzigen Spätfolgeproblemen befaßt.
In manchen Regionen der Welt - vor allem in Indien,
einigen afrikanischen Ländern und Teilen der ehemaligen Sowjetunion - tritt sie noch immer epidemisch auf und verursacht nach Schätzungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich ca.
250.000 neue Lähmungsfälle. Das Ziel der WHO,
durch Impfaktionen die Kinderlähmung bis zur
Jahrtausendwende ebenso auszurotten wie schon
Ende der siebziger Jahre die Pocken, wäre aber nur
erreichbar, wenn Bevölkerung und Ärzteschaft in den
hochentwickelten Ländern sich konsequent um den
Impfschutz des einzelnen kümmerten. Impfmüdigkeit
oder Impfverweigerung, beispielsweise aus weltanschaulichen oder religiösen Gründen, sind angesichts des lebhaften Tourismus wachsende Gefahrenquellen für die Allgemeinheit.
In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bedeutete
"Kinderlähmung" mit den im Sommer und Frühherbst
grassierenden Epidemien Angst und Schrecken.
Immer mehr verschob sich auch die Altersverteilung:

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Waren im 19. Jahrhundert bei den eher sporadisch
und regional auftretenden Infektionen noch in erster
Linie Kinder erkrankt, traf es nun zunehmend auch
Jugendliche und jüngere, ja selbst ältere Erwachsene. Wieviele Eltern, und mit ihnen die nach einer,
wie es schien, kurzen, heftigen Grippeerkrankung mit
hohem Fieber über Nacht gelähmten, von Atemnot
geplagten Patienten mußten mit der Diagnose fertig
werden: "Tja, ... das ist die spinale Kinderlähmung...
Ob Ihre Tochter jemals wieder laufen kann, ist
fraglich." Oft genug war die Eiserne Lunge die einzige Hilfe, um zu überleben. Und manche sind noch
immer zumindest zeitweise darauf angewiesen.
Klinikaufenthalte, Rollstuhl, Krücken, Schienen,
weitgehende Abhängigkeit von Hilfe prägten bei
vielen die nächsten Jahre, bei anderen das ganze
Leben. Auch die Familie bekam den Einschnitt zu
spüren.
Verständlich, daß aus Furcht vor Ansteckung
Schwimmbäder, Kinos, Sportplätze und die beliebten
Ferienlager zunehmend gemieden wurden und Eltern
im Sommer ihre Kinder am liebsten zu Hause sahen.
Der schwedische Forscher I. Wickmann hatte 1911
herausgefunden, daß die Erkrankung von Mensch zu
Mensch übertragen wird, und daß leichte oder
lähmungsfreie Krankheitsfälle sowie scheinbar
gesunde Zwischenträger eine wichtige Rolle spielen.
Geradezu katastrophale Ausmaße hatten die Epidemien im Jahr 1952 angenommen: In den Vereinigten
Staaten wurden 58.000 Fälle gemeldet, in Deutschland (West und Ost zusammengenommen) registrierte man 10.259. In den Vereinigten Staaten waren
3.145 Todesfälle zu beklagen, 21.259 Personen
trugen bleibende Lähmungen davon. Im gleichen
Jahr wurden in Westdeutschland und Westberlin
9.517 beziehungsweise 211 Erkrankungen (ca. 70
Prozent mit Lähmungen) angegeben, die Zahl der
Todesfälle lag bei 777. (Die Bezeichnung "spinale
Kinderlähmung" gilt heute als veraltet, weil sie den
Befall von Körperregionen und den betroffenen
Personenkreis nur unzureichend erfaßt. Man hat sich
für "Poliomyelitis", Kurzfassung "Polio", entschieden).

Seite 1

�Einen wirklichen Schutz gegen die Polio gab es
nicht. Zwar wurde bei frisch Erkrankten durch
Injektionen von Immunglobin und Blutserum von
Personen, die gerade eine Polio durchgemacht
hatten, versucht, die körpereigenen Abwehrkräfte zu
stärken und so Auswirkungen der Infektion zu
mildern. An bedeutenden Universitäten und Instituten in aller Welt waren Forscher bemüht, den
oder die Erreger der Poliomyelitis zu identifizieren
und zu typisieren. Daß es Viren verschiedener
Stämme mit drei Haupttypen sind, fand 1947/48 eine
Wissenschaftlergruppe der damaligen Nationalen
Stiftung für Kinderlähmung (National Foundation for
Infantile Paralysis) in den Vereinigten Staaten
heraus.
Zu ihr war Salk 1947 von der Universität Pittsburgh
gestoßen, nachdem er sich an der Universität
Michigan einige Jahre bei seinem früheren Lehrer
von der Universität New York mit der Erforschung
der Grippeviren und Experimenten mit verschiedenen Impfstoffen gegen Grippe befaßt hatte. Er
erprobte sie an sich selbst. 1914 als Sohn russischer Einwanderer in New York geboren, wollte Salk
nach Medizinstudium und Assistenzarztzeit in New
York in die Forschung gehen. In Pittsburgh hoffte er
auf ein eigenes Laboratorium. Der Druck war groß,
gegen die Kinderlähmung endlich eine Waffe zu
finden.
Die Voraussetzung dafür schufen 1948 die Bakteriologen und Epidemiologen John Enders, Thomas
Weller und Frederick Chapman in Boston/Cambridge, als es ihnen gelang, Polioviren auf Kulturen
von tierischem Gewebe zu züchten. Für diesen
Durchbruch wurden sie im folgenden Jahr mit dem
Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Professor
Weller, ein treuer Teilnehmer an den Lindauer
Nobelpreisträgertagungen, hielt dort übrigens 1993
einen aufrüttelnden Vortrag über das Aufflammen
alter und völlig neuer Infektionskrankheiten in einer
sich verändernden Welt, wobei AIDS nur einer von
vielen Faktoren ist.
Polio-Pioniere
Salk sah in der Leistung der Wissenschaftler von
Massachusetts die große Chance, zur Entwicklung
eines Impfstoffes gegen die Polio zu kommen.
Innerhalb von drei Jahren führte er erste Sieherheits*

Seite 2

*

tests in klinischer Erprobung durch und impfte 1952
auch sich und seine Familie. Bis 1954 nahmen mehr
als 1,8 Millionen Kinder an den landesweiten Tests
zur Immunisierung gegen Poliomyelitis mit dem
inaktivierten Impfstoff teil, der injiziert werden mußte.
"Polio-Pioniere" nannte man sie in Amerika.
Am 12. April 1955 schließlich wurde der Impfstoff von
den zuständigen Behörden zur allgemeinen Anwendung freigegeben. Salk hatte ein bis dahin gültiges
Prinzip durchbrochen, für Vakzine bis zur Harmlosigkeit abgeschwächte lebende Viren zu benutzen: Er
hielt es für möglich, auch aus abgetöteten Viren
einen Inpfstoff zu gewinnen, der überdies noch
sicherer wäre. Er hatte sich nicht getäuscht. So war
auch sein letztes großes Projekt, einen Impfstoff
gegen AIDS zu finden, auf dieser Grundlage aufgebaut. Er hatte es nach einem Besuch der AIDS-Forscher Dr. Anthony Fauci und Dr. Robert Gallo in
seinem Institut für biologische Forschungen bei La
Jolla intensiviert. Dabei geht es allerdings nicht um
Vorbeugung, sondern um eine sogenannte therapeutische Vakzine für bereits infizierte Personen. Bedeutende Wissenschaftler hatten im Salk-Institut Gelegenheit, ihren Ideen nachzugehen. Salk selbst hatte
sich in La Jolla seit den sechziger Jahren auch mit
Möglichkeiten zur Bekämpfung von Krebs und
multipler Sklerose befaßt.
Bis zum Jahr 1961 war dank der Massenimpfungen
mit dem Salkschen Vakzin die Zahl der Polioerkrankungen in den Vereinigten Staaten um 95
Prozent zurückgegangen. Jonas Salk wurde von der
Bevölkerung geradezu verehrt - die Befreiung von der
Angst vor Kinderlähmung hatte das Dasein der
Menschen verändert. Eltern und Kinder schickten
körbeweise Dankesbriefe. Straßen, Brücken, Schulen, öffentliche Einrichtungen wurden nach ihm
benannt. Die Kollegen reagierten unterschiedlich,
zeigten sich zum Teil zurückhaltend. Als 1961 der
von Dr. Albert Sabin auf der Basis abgeschwächter
lebender Viren entwickelte Polio-Impfstoff von der
amerikanischen Regierungsbehörde zugelassen
worden war, löste dieser in großen Teilen der Welt
die Salksche Vakzine ab. Er ist, auf ein Stückchen
Zucker geträufelt, sehr viel einfacher zu verabreichen.
In bestimmten Fallen oder unter besonderen Bedingungen ist allerdings der Polio-Impfstoff nach Jonas
Salk nach wie vor unentbehrlich.

•

*

AMERIKA DIENST 26

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              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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              <text>Amerikadienst 30.08.1995</text>
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          <description>An account of the resource</description>
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              <text>&lt;strong&gt;1. Bosnien&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Clinton: Frieden war das Ziel der in Bosnien verunglückten amerikanischen Regierungsvertreter &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprache des Präsidenten bei den Trauerfeierlichkeiten&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Höchste Regierungsvertreter ehren die in Bosnien verunglückten Diplomaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Ansprachen von Christopher, Perry und Lake&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. NVV&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Habt große Angst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;von Robert Wright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Wirtschaft&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;BEMs - die großen aufstrebenden Märkte&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Neue Wege der Wirtschaftsentwicklung&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Frauen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;USA umreißen Zielsetzungen für Pekinger Frauenkonferenz&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Erklärung von Botschafterin Albright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;5. Gesundheit&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Er befreite von großer Angst&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum Tode des Polio-Impfpioniers&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Dr. Jonas Salk&lt;/em&gt;</text>
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