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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C
25

16. August 1995

USA-EUROPA

DIE EUROPAPOLITIK DER ADMINISTRATION
Ausführungen von Richard C. Holbrooke

OSZE

VEREINBARUNGEN VON HELSINKI EBNETEN
DEN WEG ZUR BEENDIGUNG DES KALTEN
KRIEGES
Ansprache des Stellvertretenden Außenministers

KRIEGSVERBRECHEN

USA ÜBERMITTELN KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL INFORMATIONEN ZU BOSNIEN
Erklärung von Mike McCurry

FRAUEN

UNTERSTÜTZUNG DER PEKINGER
FRAUENKONFERENZ
Rede von UNO-Botschafterin Albright

MEDIEN

JOURNALISTISCHE FREIHEIT UND
MENSCHENRECHTE
Prinzipien demokratischer Gesellschaften

GESUNDHEIT

STEIGENDE TEMPERATUREN GEFÄHRDEN
MENSCHLICHE GESUNDHEIT
Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung

AIDS

AIDS IST ALPTRAUM FÜR MENSCHHEIT UND
IHRE ENTWICKLUNG
Rede von J. Brian Atwood

Diese Artikel sind elektronisch abrufbar.
Nähere Informationen erhalten Sie bei der
Presseabteilung der Amerikanischen Botschaft
unter den unten angegebenen Adressen.
Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0 2 2 8 - 3 3 9 23 72
Fax: 0228 - 33 31 38
Internet: bbsbonn@usia.gov

�USA-EUROPA
16. August 1995

Die Europapolitik der Administration
Ausführungen von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den für die Anhörung vor dem Ausschuß für
internationale Beziehungen des Repräsentantenhauses am 28. Juli 1995 vorbereiteten Text von Botschafter
Richard C. Holbrooke, Abteilungsleiter für europäische und kanadische Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der Text wurde nicht verlesen.

Herr Vorsitzender, ich danke für diese Gelegenheit,
einen umfassenden Überblick der Europapolitik
dieser Administration geben zu können.
Wir kommen zu einer Zeit der Krise in Europa
zusammen. Dies ist eine entscheidende Periode für
das Bündnis. Die gesamte Welt wartet ab, ob der
Westen auf das abscheuliche Verhalten der bosnischen Serben reagiert.

Frieden (PFF) sowie die allmähliche, sorgfältig
geplante und transparente Erweiterung der NATO.
Integration Rußlands und der neuen unabhängigen Staaten (NUS) in die umfassende Sicherheitsund Wirtschaftsarchitektur Europas, einschließlich
der Entwicklung engerer Beziehungen zwischen
der NATO und Rußland.
Stärkung der OSZE.

In Zusammenarbeit mit den NATO-Partnern haben
die Vereinigten Staaten einen entschiedeneren Kurs
zur Weiterführung der UN-Mission in Bosnien
eingeschlagen. In London stimmte die internationale
Staatengemeinschaft in der vergangenen Woche
einer tatkräftigen Reaktion auf die Aggression der
bosnischen Serben zu. Neue, in dieser Woche in
Brüssel vereinbarte Führungsarrangements, auf die
ich später in diesen Ausführungen eingehen werde,
sind zusammen mit der Entscheidung Großbritanniens und Frankreichs zum Einsatz ihrer Schnellen
Eingreiftruppe zur Sicherung der Straßen nach
Sarajevo lebhafte Beispiele unserer zunehmenden
Entschlossenheit.
Der tragische Krieg in Bosnien unterstreicht erneut
die Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen
den Vereinigten Staaten und ihren europäischen
Partnern beim Aufbau einer neuen umfassenden
Struktur von Beziehungen, um Konflikte auf dem
Kontinent zu verhindern und zu lösen. Die umfassende Strategie des Präsidenten zum Aufbau
einer neuen, ineinandergreifenden Sicherheitsarchitektur baut auf den Erfolg und die Beständigkeit
entscheidender Institutionen des Westens auf und
basiert auf Erweiterung, Integration und Einbeziehung. Sie hat sechs Eckpfeiler:
Anpassung der NATO. Dazu zählen interne
Reformen, Erweiterung der Partnerschaft für den

AMERIKA DIENST 25

Integration der zentral- und osteuropäischen
Staaten in westliche Strukturen bei gleichzeitiger
Ermutigung dieser Staaten, subregionale Spannungen zu entschärten sowie Demokratie und
Marktreformen zu konsolidieren.
Unterstützung der europäischen Integration, EUErweiterung und der amerikanisch-europäischen
Beziehungen durch neue transatlantische Initiativen.
Einbeziehung des Kongresses und des amerikanischen Volkes in umfassende, überparteiliche
Bestrebungen, um Amerikas andauernde Rolle als
eine europäische Macht sicherzustellen.
Jedes dieser Elemente ist entscheidend für unseren
Erfolg insgesamt. Und in den vergangenen Wochen
und Monaten haben wir an jeder Front gute Fortschritte erzielt.
Anpassung der NATO
Die NATO ist der zentrale Sicherheitspfeiler der
neuen Architektur. Die NATO war stets mehr als
eine zwischenzeitliche Antwort auf eine temporäre
Bedrohung. Sie ist nach wie vor das Zentrum des
amerikanischen Engagements in Europa sowie der
Dreh- und Angelpunkt transatlantischer Sicherheit.

Seite 1

�Die NATO will weder ein Land isolieren noch eine
neue Teilung des Kontinents. Ihr Ziel besteht darin,
zur Schaffung eines freien, stabilen und ungeteilten
Kontinents beizutragen. Dieser Prozeß begann vor
über fünf Jahren und war von einer Reihe bahnbrechender Entscheidungen bei NATO-Gipfeltreffen
geleitet. Diese Gipfeltreffen - London 1990, Rom
1991 und Brüssel 1994 - bildeten die Grundlage für
die derzeitigen Bestrebungen der NATO zu ihrer
Umgestaltung und der Ausdehnung der Sicherheit
auf ganz Europa.
Zur Anpassung der NATO gehörten: Ein neues
strategisches Konzept, Umstrukturierung und Abbau
der NATO-Streitkräfte sowie die Herstellung von
Beziehungen zu ehemaligen Gegnern durch den
Nordatlantischen Kooperationsrat (NAKR) und die
PFF. Dies sollte nicht als Änderung der grundlegenden Rolle der NATO mißverstanden werden. Im
Kern bleibt die NATO ein Bündnis etablierter Demokratien, mit gemeinsamen Werten und gemeinsamen
vitalen Interessen. Die Bündnispartner verpflichten
sich weiterhin zu Frieden und sind zu ihrer gegenseitigen Verteidigung bereit. Gleichzeitig haben wir
über alte Trennlinien hinweg die Hand der Freundschaft gereicht und dadurch zur Heilung alter Teilungen beigetragen. Der 1991 gegründete NAKR hat
sich zu einem wichtigen politischen Forum für den
Austausch von Informationen über Sicherheitsfragen
von gemeinsamem Interesse für die NATO und
diese Länder entwickelt. Die im folgenden erörterte
PFF führt diesen Prozeß fort.
Die NATO-Erweiterung spielt eine unerläßliche Rolle
beim Aufbau eines freien und ungeteilten Europas.
1994 entschieden die Staats- und Regierungschefs
der NATO, daß die NATO erweitert werden sollte,
damit Sicherheit und Stabilität auf die aufstrebenden
neuen Demokratien im Osten ausgedehnt werden
könnten. Sie erkannten auch, daß die Erweiterung
der NATO-Mitgliedschaft Demokratie und Marktreformen in diesen Ländern untermauert, ebenso wie
die Gründung der Allianz zur Förderung von Demokratie Ende der vierziger und Anfang der fünfziger
Jahre in Westeuropa beitrug.
Die NATO-Erweiterung wird allmählich und transparent vollzogen. Die NATO bereitet zur Zeit eine
detaillierte Studie vor, die sowohl die Begründung
als auch den Prozeß für die Erweiterung der neuen
NATO der Zeit nach dem Kalten Krieg darlegt. In
den Monaten vor dem Ministertreffen im Dezember
1995 werden die Schlußfolgerungen der NATO zu
diesen beiden Themen - dem Warum und dem Wie
der Erweiterung - den interessierten PFF-Mitgliedstaaten unterbreitet, zunächst in Brüssel und dann
von speziellen NATO-Teams in den Hauptstädten
der PFF-Mitgliedstaaten.

Seite 2

Obwohl in dieser Phase zum ersten Mal detaillierte
Diskussionen über dieses Thema außerhalb der
Allianz geführt werden, sind dies keine Vorbereitungsgespräche für einen Beitritt. Sie sind dazu
gedacht, das Verständnis der damit einhergehenden
komplizierten Probleme zu vertiefen, die Denkweise
der NATO vorzustellen und den Partnern eine Chance einzuräumen, ihre Perspektiven und Sorgen
darzulegen. Die Minister werden im Dezember
erneut in Brüssel zusammenkommen und die Ergebnisse der Diskussionen vor einer Entscheidung über
das weitere Vorgehen überprüfen. Es wurden noch
keine Entscheidungen darüber getroffen, wann
potentielle neue Mitglieder ausgemacht werden
sollen. Diese entscheidenden Fragen werden zu
einem vom Bündnis als geeignet erachteten Zeitpunkt
angesprochen.
PFF
Beim Brüsseler Gipfeltreffen im Januar 1994 verabschiedeten die Bündnispartner eine umfassende
Strategie der Kooperation mit ganz Europa, die eine
Reihe von Initiativen enthielt, insbesondere die
Partnerschaft für den Frieden.
In weniger als einem Jahr ist die innovative PFF
integraler Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene geworden. Die PFF wurde rasch erweitert und
hat neuesten Zahlen zufolge jetzt 26 Mitglieder von
Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands. Jeder
Partner entwickelt in Konsultationen mit der NATO
ein individuelles Programm, das auf die Bedürfnisse
und Fähigkeiten des jeweiligen Landes zugeschnitten
ist. Die PFF hilft neuen demokratischen Staaten bei
der Umstrukturierung und Einführung demokratischer
Kontrolle über ihre Streitkräfte, Transparenz bei der
Verteidigungsplanung und Haushaltsprozessen,
Entwicklung von Interoperabilität mit Streitkräften des
Bündnisses, besserem Verständnis der kollektiven
Verteidigungsplanung und Erlernen neuer Formen
von Militärdoktrin. Die PFF bietet einen Rahmen, in
dem die NATO und individuelle Partner bei Friedenssicherung, humanitärer Hilfe sowie Such- und Rettungsübungen zusammenarbeiten können.
Wir konnten bereits Anzeichen der signifikanten
Auswirkungen beobachten, die die PFF auf die
Partnernationen hatte. Beispielsweise organisieren
viele Partner einen Großteil, wenn nicht sogar alle
Streitkräfte anhand von NATO-Planungskonzepten.
Einige legen die individuellen Partnerschaftsprogramme ihren Parlamenten zur Genehmigung vor - und
damit wird ihre Militärpolitik zum ersten Mal in ihrer
Geschichte von der Legislative überwacht.
Die PFF bietet auch einen wertvollen Rahmen für die
Vorbereitung interessierter Partner auf die Über-

AMERIKA DIENST 25

�nähme der mit der NATO-Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und Pflichten. Und für die Partner,
die nicht NATO-Mitglieder werden, stellt die PFF
Strukturen für zunehmend enge Zusammenarbeit mit
der NATO zur Verfügung. Dies ist an sich schon ein
wichtiger Baustein für die europäische Sicherheit
und konkreter Beweis, daß die NATO um die Sicherheit aller ihrer Partner besorgt ist. Die PFF wird
selbst während der NATO-Erweiterung ein permanenter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene sein.
Während der vergangenen sechs Monate hat die
PFF bemerkenswerte Fortschritte erzielt, insbesondere mit der Aufnahme eines Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozesses sowie der
Einführung eines Programms für praktische Zusammenarbeit und gemeinsame Übungen mit
Partnerstaaten, darunter das erste PFF-Manöver in
den Vereinigten Staaten, das im August in Fort Polk
(Louisiana) abgehalten werden soll. Die Übung mit
dem Namen "Cooperative Nugget" wird 14 Partnerländer mit kombinierten friedenssicherungs- und
humanitären Hilfstaktiken auf Kompanie- und Zugebene vertraut machen.
Die Vereinigten Staaten vertreten die Ansicht, daß
es an der Zeit ist, die Partnerschaft auf die nächste
Ebene zu bringen. Beim Ministertreffen des Nordatlantikrats im Mai schlug Außenminister Christopher
fünf Maßnahmen zur Stärkung der politischen und
militärischen Beziehungen zwischen der NATO und
ihren Partnern vor:
1. Vereinbarung einer Reihe von Prinzipien für zivile
und demokratische Kontrolle des Militärs.
2. Gründung eines gemeinsamen Ausschusses für
Verteidigungsplanung und Überprüfung.
3. Befähigung der Partner, eine aktivere, substantiellere Rolle bei der Planung von Partnerschaftsmanövern und anderen Aktivitäten zu übernehmen.
4. Routinemäßige Einbeziehung der Partner in
wichtige Aktivitäten des Nordatlantikrats und
hochrangige Ausschüsse der NATO.
5. Beträchtliche Aufstockung der Ressourcen, die
von der NATO für die Partnerschaft zugewiesen
werden. Wir verfolgen diese Tagesordnung jetzt
mit unseren Verbündeten.
Integration Rußlands und der NUS
Ein weiterer unerläßlicher Pfeiler der neuen Sicherheitsarchitektur sind die neuen Beziehungen zwi-

AMERIKA DIENST 25

schen der NATO und Rußland. Wenn der Westen
einen dauerhaften und stabilen Sicherheitsrahmen für
Europa schaffen will, muß er das anhaltendste
strategische Problem Europas lösen und die Nationen
der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere Rußland,
in ein stabiles europäisches Sicherheitssystem
integrieren.
Im Mai wurden in dieser Hinsicht eine Reihe wichtiger
Schritte unternommen: Erstens traf Rußland die
während des Gipfeltreffens der Präsidenten Clinton
und Jelzin angekündigte Entscheidung, dem individuellen Partnerschaftsprogramm des Landes für die
PFF sowie den Dokumenten "Dialog und Zusammenarbeit über die PFF hinaus" zuzustimmen. Wir
wollen diesen bereits vereinbarten Elementen der
erweiterten Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland jetzt Vorrang einräumen. Ziel der Vereinigten Staaten ist nicht nur größere Einbeziehung
Rußlands, sondern auch einer Reihe von Aktivitäten
außerhalb der PFF, wie Erweiterung der Konsultationen, Informationsaustausch in den NATO-Ausschüssen und vermehrte Kontakte zwischen dem Internationalen Stab/Internationalen Militärstab der NATO
und der Russischen Botschaft in Brüssel. Die erste
Brainstorming-Sitzung, die je zwischen der NATO und
Rußland über ihre Beziehungen abgehalten wurde,
fand am 17. Juli statt.
Wir sind an der Weiterentwicklung der Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland interessiert. Im
Augenblick sind institutionelle Arrangements oder
eine Charta verfrüht. Wir werden diese Fragen
später angehen und wollen uns jetzt auf den Inhalt,
nicht die Form, dynamischer Beziehungen konzentrieren.
Es muß sichergestellt werden, daß sich die Entwicklung von Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland ungefähr parallel mit der eigenen evolutionären Entwicklung der NATO vollzieht, einschließlich
der möglichen Erweiterung des Bündnisses.
Bedauerlicherweise kämpfen die russischen Truppen
weiterhin in Tschetschenien, selbst während die
Verhandlungen unter der Schirmherrschaft der OSZE
andauern.
Wir haben die russische Regierung
wiederholt und auf höchster Ebene aufgefordert,
diese Verhandlungen ernst zu nehmen, aktiv eine
politische Beilegung des Konflikts mit der tschetschenischen Führung anzustreben und die humanitären Probleme in Angriff zu nehmen. Unsere Strategie
des Engagements mit der russischen Regierung
gewährleistet, daß unsere Botschaft vernommen wird,
obwohl unser Rat nicht immer befolgt wurde. Wir
werden weiterhin politische Aussöhnung ermutigen,
und wir werden zweifelsohne weiterhin Druck bei der

Seite 3

�Suche nach dem vermißten amerikanischen Staatsbürger Fred Cuny ausüben.
Wie Präsident Clinton im Mai in Kiew feststellte, ist
eine unabhängige und stabile Ukraine, die sicher in
ihren international anerkannten Grenzen lebt, ein
Schlüsselfaktor für Stabilität und Sicherheit in
Europa. Wir unterstützen die Integration der Ukraine
in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Strukturen Europas zur Förderung dieses
Ziels. Als Teil dieses Prozesses arbeiten wir auf die
Verstärkung des ukrainischen Engagements in der
PFF und die von den NATO-Ministern in Noordwijk
vereinbarte Entwicklung verbesserter Beziehungen
zwischen der NATO und der Ukraine hin.
Stärkung der OSZE
Beim Budapester Gipfel im Dezember vergangenen
Jahres forderte Präsident Clinton die versammelten
Staats- und Regierungschefs auf, der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
"neuen politischen Impetus" zu verleihen und sie mit
einer klarer definierten Mission sowie verbesserten
Fähigkeiten und Ressourcen zu stärken. Die Änderung des Namens in Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) steht für die
Entschlossenheit der Teilnehmerstaaten, das volle
Potential der Schlußakte von Helsinki auszuschöpfen. Zu diesen Bestrebungen gehört die Erarbeitung
einer Modellübung für europäische Sicherheit,
vermehrte Konzentration der OSZE auf wirtschaftliche und umweltpolitische Angelegenheiten, Verbesserung der Fähigkeiten der OSZE bei regionaler
Krisenbewältigung, Stärkung des Konfliktverhütungszentrums der OSZE und Zuweisung zusätzlicher
Ressourcen an das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte.
Die Anwendung der Menschenrechtsnormen der
OSZE auf die politischen, wirtschaftlichen und
militärischen Aspekte der Sicherheit verleiht ihr die
einzigartige Fähigkeit zur Bewältigung der Herausforderungen eines neuen Zeitalters. Die OSZE wird
zum wichtigsten Instrument für Frühwarnung, präventive Diplomatie und - gegebenenfalls - Krisenmanagement.
In operativer Hinsicht erschloß die OSZE neues
Terrain, als sie im April 1995 eine Hilfsgruppe zur
Förderung der Verhandlungen zwischen Rußland
und separatistischen Rebellen in Tschetschenien
und zur Überwachung der Menschenrechtssituation
in der Konfliktregion entsandte. Ein weiterer Schritt
beim Reifungsprozeß der OSZE war die aktive
Planung der Einrichtung einer multinationalen Friedenstruppe für die mögliche Entsendung nach
Nagornyj Karabach, sobald ein Friedensabkommen

Seite 4

erzielt wird. Eine OSZE-Friedenstruppe würde eine
qualitative Verbesserung der Strukturen der europäischen Sicherheitsmechanismen bedeuten. In der
Zwischenzeit befassen sich bereits bestehende
OSZE-Missionen in Skopje, Georgien, Estland,
Moldawien, Lettland, Tadschikistan, Sarajevo und der
Ukraine mit der Eindämmung von Konflikten, Förderung der Menschenrechte, Entwicklung politischer
Institutionen, Schaffung eines Rahmens für die
politische Beilegung von Konflikten sowie der Überwachung des Waffenstillstands und der Friedenstruppen. Sanktions-Hilfsmissionen in sieben Staaten
tragen zur Durchsetzung von Sanktionen gegen das
ehemalige Jugoslawien (Serbien und Montenegro)
bei.
Die Modellübung für Sicherheit ist von besonderer
Bedeutung bei den Bestrebungen zur Erweiterung der
OSZE-Mechanismen. Diese Übung bietet ein Forum,
in dem alle europäischen Staaten an einem Dialog
über künftige Sicherheitsstrukturen beteiligt sind und
neue Konzepte der Zusammenarbeit einführen. Sie
beeinträchtigt nicht das Recht aller Staaten, ihre
Sicherheitsarrangementp zu wählen oder zu ändern,
einschließlich Verträgen des Bündnisses. Sie erweitert den Sicherheitsdialog, um die Konzentration auf
Menschenrechte, wirtschaftliche, umweltpolitische und
kulturelle Themen sowie traditionelle militärische und
strategische Sicherheitsbelange einzubeziehen.
Eine der wichtigsten Prioritäten der OSZE ist, die
wachsende Dringlichkeit von Wirtschaftsfragen
anzusprechen. Der Wirtschaftskorb der Schlußakte
von Helsinki hatte historisch gesehen die geringste
Bedeutung. Das ist nicht länger akzeptabel. Der
Budapester Gipfel unterstrich die Notwendigkeit zur
Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, des
wirtschaftlichen Reformprozesses sowie der Entwicklung von Marktwirtschaften und einer umweltverträglichen Politik. Das Wirtschaftsforum der OSZE
ist das entscheidende Instrument zur Einbeziehung
der Mitgliedstaaten in kooperative Bestrebungen, um
dies zu ändern.
Das Zurückgreifen der OSZE auf regionale und
funktionelle Seminare über diese und andere weitreichende Themen, darunter Entwicklung eines neuen
Rüstungskontrollrahmens, werden sie zu einem
wichtigen Akteur in der entstehenden europäischen
Sicherheitsarchitektur machen.
Integration Zentral- und Osteuropas bei gleichzeitiger Entschärfung subregionaler Spannungen
Die Verbreitung von parlamentarischer Demokratie
und Marktreformen in ganz Zentral- und Osteuropa ist
den Fortschritten zu verdanken, die auf dem Weg zu
einem freien und ungeteilten Europa erzielt wurden.

AMERIKA DIENST 25

�Polen, die Tschechische Republik und eine Reihe
anderer Länder haben große Schritte unternommen
und übernehmen erneut ihre Rolle als integraler
Bestandteil Europas.
Unsere Bestrebungen zum Aufbau einer tragfähigen
Sicherheitsarchitektur für Europa können nur Erfolg
haben, wenn die Länder dieser Region selbst
Schritte zur Entschärfung historischer Ressentiments, konkurrierender Ambitionen und - was am
gefährlichsten ist - ungelöster territorialer oder
ethnischer Streitigkeiten unternehmen.
Beim Aufbau der neuen Demokratien in dieser
vielversprechenden Region ist es von Bedeutung,
daß gesunder Nationalstolz sich nicht in engstirnigen
Nationalismus verwandelt, der von Feindschaft
zwischen nationalen Gruppen geschürt wird, die alle
ihre eigene Sichtweise der Geschichte haben. Ein
solcher Weg führt direkt zu der heutigen Tragödie
auf dem Balkan.
Die Möglichkeit einer echten Integration in den
Westen ist für jede neue Demokratie ein starker
Anreiz zur Konsolidierung der Reformen und zur
Entschärfung ungelöster historischer, territorialer und
ethnischer Konflikte.
Ministerpräsident Hörn von Ungarn hat diese Realität
eloquent formuliert:
"Was wollen die EU und die NATO von uns?
Sie sagen entschieden, daß wir unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn regeln müssen.
Einfach ausgedrückt: Weder die EU noch die
NATO sind bereit zur Aufnahme von Staaten,
die Grenzstreitigkeiten, ungelöste Minderheitenprobleme und ähnliches haben."
Zur NATO-Mitgliedschaft hat sich Präsident Clinton
deutlich ausgedrückt:
"Länder mit repressiven politischen Systemen,
Länder mit Ambitionen auf ihre Nachbarstaaten, Länder mit einem nicht ziviler Kontrolle
unterstehenden Militär oder mit geschlossenen Wirtschaftssystemen brauchen nicht um
Aufnahme bitten."
Die Lektionen des Wiederaufbaus und der Erneuerung in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg
sind ebenso eindeutig: Diejenigen, die einer umfassenderen
Sicherheitsgemeinschaft
beitreten
wollen, müssen zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen. Die europäische Stabilität kann nicht ausschließlich auf externe Garantien gegründet sein sie muß von innen aufgebaut werden.

AMERIKA DIENST 25

Das in diesem Frühjahr zwischen Preßburg und
Budapest erzielte Abkommen ist ein Schritt weg vom
Circulus vitiosus der Geschichte und ein Schritt hin zu
einem integrierten Europa. Ähnliche Bestrebungen
zwischen anderen Ländern würden begrüßt. Die
Vereinigten Staaten sind bereit, ihre guten Dienste
als ehrlicher Makler zur Verfügung zu stellen, der sich
der Aussöhnung auf der Grundlage der Respektierung individueller Menschenrechte verpflichtet hat.
Förderung der europäischen Integration
Seit letztem Jahr wurden auf beiden Seiten des
Atlantiks Rufe nach einer Neubelebung der euroatlantischen Partnerschaft durch eine Vielfalt von
Mechanismen laut.
Am 2. Juni bekräftigte Außenminister Christopher in
Madrid die grundlegende Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft und schlug vor, daß wir mit
hochrangigen Vertretern der EU zusammenarbeiten,
um eine gemeinsame transatlantische Tagesordnung
für die kommenden Jahre zu erarbeiten. Er unterstrich insbesondere die Bedeutung der wirtschaftlichen und politischen Dimensionen als Schlüsselelemente unseres umfassenden Konzepts der Sicherheit in Europa und schlug spezifische Schritte in
diesen Bereichen vor.
Im wirtschaftlichen Bereich erklärte er als unser
"langfristiges Ziel die Integration der Volkswirtschaften
Nordamerikas und Europas im Einklang mit den
Prinzipien der Welthandelsorganisation (WTO)". Er
forderte die Amerikaner und Europäer auf, die
unbeendeten Aufgaben der Uruguay-Runde zu einem
Abschluß zu bringen und unterbreitete eine Reihe
kurzfristiger Initiativen zum Abbau von Hindernissen
bei Themen wie Investitionen, Produkterprobung und
Normen, Informationstechnologie und offene Himmel.
Der Außenminister drängte auf engere Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von internationalem
Verbrechen, Terrorismus, Drogenhandel sowie der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren
Trägersystemen. Er forderte auch effektivere Koordination der humanitären und Entwicklungshilfe sowie
die Förderung der Menschenrechte.
Schließlich appellierte er an uns, unsere Zusammenarbeit bei regionalen Themen wie dem Nahen Osten,
dem Mittelmeer, Zentral- und Osteuropa und den
neuen unabhängigen Staaten sowie der Türkei zu
verstärken.
Beim amerikanisch-europäischen Gipfel im Juni
wurde eine Gruppe hochrangiger Vertreter beauftragt,
die Fortschritte der amerikanisch-europäischen
Zusammenarbeit und Diskussionsthemen für den

Seite 5

�nächsten amerikanisch-europäischen
kommenden Herbst zu prüfen.

Gipfel im

In dieser Woche traf Außenminister Christopher mit
seinem spanischen Amtskollegen Solana zusammen,
der zur Zeit die EU-Präsidentschaft innehat, und mit
dem EU-Kommissar Leon Brittan, um unsere Initiativen auf diesen Gebieten zu erörtern. Hochrangige Vertreter der Vereinigten Staaten und der
EU kamen ebenfalls zusammen, um den Prozeß voranzubringen. Wir sind der Auffassung, daß es
Bereiche der praktischen Zusammenarbeit gibt, in
denen die umfassenderen Ziele für die amerikanisch-europäischen Beziehungen erarbeitet werden
könnten.
Regionale Herausforderungen
Die sorgfältige und feste Plazierung dieser Eckpfeiler
wird uns behilflich sein, eine Reihe großer Herausforderungen in Europa anzusprechen:
Bosnien
Bei der internationalen Bosnienkonferenz in London
in der vergangenen Woche einigte sich die internationale Gemeinschaft auf eine tatkräftige Reaktion
auf die Aggression der bosnischen Serben. Das in
London erzielte Abkommen enthielt fünf zentrale
Elemente:
Erstens wurde einstimmig bekräftigt, daß die
UNPROFOR in Bosnien bleiben und ihre Fähigkeit zur Erfüllung ihres Mandats gestärkt werden
muß. Wir sind uns der Unzulänglichkeiten der
UNPROFOR nur allzu gut bewußt. Dennoch
stimmen wir überein, daß die Auflösung der
UNPROFOR angesichts der Aggression der
bosnischen Serben nur zu einer weit größeren
menschlichen Tragödie auf dem Balkan mit
weitreichenden politischen Auswirkungen führen
kann.
Zweitens wird Gorazde verteidigt. Die Führer der
bosnischen Serben sind informiert, daß einem
Angriff auf Gorazde mit substantiellen und entschiedenen Luftangriffen begegnet wird.

der UN, darunter die verbliebenen Schutzzonen.
Wir sind besonders besorgt über die Eskalation
der Angriffe der bosnischen Serben auf Bihac.
Viertens einigten wir uns auf die Notwendigkeit,
die andauernden Bestrebungen zur Bewältigung
der humanitären Krise in Bosnien zu unterstützen
und zu verstärken, die durch die Kämpfe in
Srebrenica, Zepa und Bihac verschärft wurde.
Fünftens bekräftigten wir unsere Überzeugung,
daß der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien nur
durch eine politische Lösung beigelegt werden
kann.
Am Dienstag dieser Woche handelte die NATO, um
in London getroffene bedeutende Entscheidungen
umzusetzen. Nach intensiver Überprüfung durch die
Militärbehörden der NATO verabschiedete der
Nordatlantikrat detaillierte Pläne für NATO-Luftangriffe
zur Abschreckung oder Reaktion auf Angriffe der
bosnischen Serben auf die UNO-Schutzzone Gorazde. Diese Pläne enthalten ein breiteres Spektrum
von Optionen für die Befehlshaber, die zum ersten
Mal die Möglichkeit von NATO-Luftangriffen in einem
großen geographischen Raum gegen eine Vielzahl
von Zielen haben, die eine Bedrohung für die Schutzzone darstellen können.
Ebenso bedeutend ist, daß die Militärbehörden der
NATO angewiesen wurden, auf der Grundlage des
neuen, für Gorazde geltenden Ansatzes Pläne für
den Erhalt anderer Schutzzonen, insbesondere Bihac,
zu formulieren.
Diese Schritte reflektieren die einhellige Befürwortung
einer substantiellen Veränderung des vorher wirksamen "Zweischlüsselabkommens" durch die Bündnismitglieder. Diese neuen Arrangements werden
sicherstellen, daß die Luftstreitkräfte umfassend und
entschlossen eingesetzt werden. Die Abmachungen
stehen im Einklang mit den Anforderungen des
amerikanischen Militärs und genießen seine Unterstützung. Das Bündnis erkennt an, daß Luftangriffe
beträchtliche Risiken beinhalten, läßt sich davon
jedoch nicht abschrecken. Um es mit den Worten
Außenminister Christophers zu formulieren: "Es wird
keine Nadelstiche mehr geben."

Drittens unternehmen wir Schritte zur Stabilisierung der Situation in Sarajevo. Die Bevölkerung
Sarajevos muß ernährt werden. Französische
und britische Soldaten der Schnellen Eingreiftruppe haben Maßnahmen zur Öffnung und
Sicherung der Routen für humanitäre Hilfslieferungen ergriffen.

Eine weitere Ermutigung für uns ist die Erklärung des
UNO-Generalsekretärs zur Unterstützung der vom
Nordatlantikrat getroffenen Entscheidung sowie seine
Zustimmung zu einer harten und entschiedenen
Reaktion, einschließlich Luftangriffen, auf einen
Angriff Gorazdes durch die bosnischen Serben.

Gleichzeitig einigten wir uns generell auf die
Notwendigkeit zur Erfüllung der anderen Mandate

Insbesondere begrüßen wir die Entscheidung des
Generalsekretärs, die für den Einsatz von Luftstreit-

Seite 6

AMERIKA DIENST 25

�kräften der NATO erforderlichen Befugnisse seinem
Militärkommandeur vor Ort, General Bernard Janvier,
zu übertragen. Ferner begrüßen wir die vom Sonderbeauftragten des Generalsekretärs, Herrn Yasushi Akashi, getroffene Entscheidung, General Janvier
auch die Vollmacht für Luftunterstützung - den
Einsatz von Luftstreitkräften zur Verteidigung von
UNO-Personal - zu erteilen. Des weiteren wurde
General Janvier ermächtigt, diese zweite Vollmacht
an den Befehlshaber der UNPROFOR weiterzuleiten,
wenn die Umstände es erfordern.
Wir unterstützten auch aktiv die Bosnische Föderation - die im März 1994 nach der Beendigung der
Kämpfe zwischen Kroaten und Bosniaken gebildete
Einheit. Die Föderation ist unerläßlich zur Vermeidung einer Spaltung Bosniens sowie zur Aufrechterhaltung der Hoffnung, daß sich das Land zu
einer multiethnischen Demokratie entwickelt. Darüber hinaus hat sie die humanitären Erfordernisse in
Zentralbosnien stark gemildert, wo der UNHCR im
Jahr nach der Unterzeichnung des Abkommens über

die Föderation mehrere hundert Millionen Dollar
einsparte.
Die Vereinigten Staaten haben große Anstrengungen
zur Unterstützung der Föderation unternommen,
darunter 20 Millionen Dollar an SEED-Geldern (Hilfe
für osteuropäische Demokratien), eine von Robert
Owen vorgeschlagene Maßnahme zur Schlichtung
von Streitigkeiten zwischen Bosniaken und Kroaten,
zwei vom Finanzministerium bereitgestellte Finanzberater sowie einen Militärberater für den Außenminister, der Bosniaken und Kroaten bei ihren
Bestrebungen zur Integration ihrer Streitkräfte hilft,
wie in ihren Abkommen von März 1994 vorgesehen.
Ferner haben wir eine internationale Unterstützungsgruppe - mit dem Namen "Freunde der Föderation" ins Leben gerufen, der Westeuropa und eine Reihe
wichtiger islamischer Länder angehören.
Die Föderation wird einen Abzug der UNPROFOR,
die eine entscheidende Rolle dabei spielte, den
kroatisch/bosniakischen Waffenstillstand in eine
Reihe dauerhafterer föderaler Institutionen umzuwandeln, wahrscheinlich nicht überleben. Obwohl
die Vereinten Nationen sich im Umgang mit offenen
Feindseligkeiten zwischen Serben und Bosniaken
unüberwindlichen Schwierigkeiten gegenübersahen,
haben sie bei der Durchsetzung des vereinbarten
Friedens zwischen Bosniaken und Kroaten gute
Arbeit geleistet. Sie benötigen nicht mehr so viele
Truppen wie vorher, sondern vielmehr Unterstützung
bei Verwaltungsangelegenheiten. Ein Rückzug der
UNPROFOR vom Gebiet der Föderation würde
jedoch wahrscheinlich zu verstärkten Spannungen
zwischen Bosniaken und Kroaten, einer weiteren
Vertreibung beider Bevölkerungsgruppen aus ihrer

AMERIKA DIENST 25

Heimat und möglicherweise einem humanitären
Desaster größeren Ausmaßes führen.
Angesichts unserer Bestrebungen auf all diesen
Gebieten ist die Administration enttäuscht über die
Annahme der Dole-Lieberman-Gesetzesvorlage durch
den Senat, die eine unilaterale Aufhebung des
Waffenembargos gegen Bosnien und Herzegowina
vorsieht.
Der Präsident wird dem Kongreß gegenüber weiterhin
seine Ablehnung artikulieren und ist bereit, sein Veto
gegen alle ihm vorgelegten Gesetze einzulegen, die
eine unilaterale Aufhebung verlangen.
Unsere Verbündeten in der UNPROFOR erklärten,
unilaterale Aktionen der Vereinigten Staaten zur
Aufhebung des Waffenembargos würden sie zum
Abzug ihrer Soldaten aus der UNPROFOR-Schutztruppe veranlassen, was zu deren Auflösung führt. In
diesem Fall hätten die Vereinigten Staaten als
führende Nation in der NATO die Verpflichtung zur
Unterstützung dieses Abzugs, was Tausende amerikanischer Bodentruppen in Bosnien in eine äußerst
schwierige Mission verwickeln würde.
Von den Vereinigten Staaten die unilaterale Verletzung einer bindenden Resolution des UN-Sicherheitsrates zu verlangen, würde zudem andere Sanktionsregime der UNO unterminieren, die lebenswichtigen amerikanischen Interessen dienen, beispielsweise das gegen den Irak verhängte.
Sicherheitsbeistand für Zentraleuropa
Ein wichtiges neues Merkmal der Haushaltsvorlage
für auswärtige Angelegenheiten des Präsidenten für
das Finanzjahr 1996 ist die beträchtliche Erhöhung
der für die zentraleuropäischen Staaten vorgesehenen Militärhilfe. Diese vorgeschlagene Aufstockung die eine Vielzahl sorgfältig entworfener und sich
gegenseitig verstärkender Programme in mehr als
einem Dutzend Länder enthält - zeigt, welch große
Priorität diese Administration der beschleunigten
Integration Zentraleuropas in die euroatlantischen
Strukturen beimißt.
Bedauerlicherweise würden die vom Repräsentantenhaus angenommenen Vollmachten und Bewilligungen von unseren für Zentraleuropa vorgesehenen Programmen einen großen Tribut fordern.
Beispielsweise stimmte das Haus einem Bewilligungsgesetz zu, das nur ungefähr 87 Millionen Dollar an
weltweiten, frei verfügbaren Darlehen für die Finanzierung des Militärs im Ausland im Haushaltsjahr
1996 vorsieht. Unsere diesbezüglichen Gesuche
allein für Zentraleuropa - einschließlich der Warschau-Initiative des Präsidenten - belaufen sich auf

Seite 7

�78 Millionen Dollar. Angesichts unserer globalen
Prioritäten ist es völlig unwahrscheinlich, daß wir
unsere vorgesehenen Zentraleuropaprogramme
unversehrt retten können. Ebenso würde die vom
Repräsentantenhaus angenommene Bewilligung für
freiwillige Friedenssicherungsmissionen (68 Millionen
Dollar) wahrscheinlich ein vorgeschlagenes neues
Programm abschaffen, das erweiterte zentraleuropäische Beteiligung an internationalen Friedenssicherungsaktivitäten Seite an Seite mit NATO-Einheiten
ermutigen sollte.
Mit starker Unterstützung der Vereinigten Staaten
bereitet sich die NATO stetig auf ihre Erweiterung
vor. Während dieses Prozesses ist es von entscheidender Bedeutung, daß wir und unsere Verbündeten über die notwendigen Mittel zur Förderung
der Hauptziele der Vereinigten Staaten und des
Bündnisses verfügen - beispielsweise die Verbesserung der militärischen Kompatibilität Zentraleuropas mit Amerika und der NATO, Erleichterung
umfassenderer militärischer Kooperation durch die
PFF sowie Ermutigung der derzeitigen Reformen der
Rüstungsindustrie. Die von uns vorgeschlagenen
bescheidenen Programme würden diese Ziele direkt
fördern - eine kleine Investition in die Konsolidierung
eines geeinten, stabilen und sicheren Europa.
Trotz dieser gravierenden haushaltspolitischen
Engpässe freue ich mich bekanntgeben zu können,
daß wir der vom Präsidenten eingegangenen Verpflichtung, im Finanzjahr 1995 dem baltischen
Bataillon 10 Millionen Dollar zukommen zu lassen,
nachkommen können.
Bisher haben wir dem
Bataillon Ausrüstung im Wert von 5,9 Millionen
Dollar geschickt. Die verbleibenden 4,1 Millionen
Dollar haben wir für die Friedenssicherung vorgesehen und werden sie bald anweisen um sicherzustellen, daß die notwendige Ausrüstung das
Bataillon rechtzeitig erreicht.
Politische und wirtschaftliche Hilfe
Unsere Bestrebungen zum Aufbau einer funktionierenden europäischen Sicherheitsarchitektur können
nur Erfolg haben, wenn in ganz Zentraleuropa
Demokratie und Marktwirtschaft Fuß fassen. Reformen in dieser Region sind heute für die amerikanischen Interessen von ebensolcher Bedeutung wie
1989 bei der Verabschiedung des SEED-Gesetzes.
SEED-Hilfe ist auch in Zukunft von entscheidender
Bedeutung, wir sehen uns aber mit ernsten finanziellen Engpässen konfrontiert.
Die Vereinigten Staaten sind führend bei der Bereitstellung von Übergangshilfe für die Länder Zentraleuropas - zur Unterstützung ihrer demokratischen
Umgestaltung sowie ihrer Integration in die west-

Seite 8

lichen Institutionen.
Wenn man Schuldenerlaß,
Nahrungsmittelhilfe, Handels- und Investitionsprogramme (die Entwicklungshilfegesellschaft OPIC, und
die Export-Import Bank, Exlm) mit einrechnet, beläuft
sich die gesamte amerikanische Hilfe für Zentraleuropa seit 1989 auf über 10 Milliarden Dollar.
Unsere Hilfe ist ein äußerst greifbarer Beweis unseres Vertrauens in die stattfindenden historischen
Veränderungen.
Während die Völker und Regierungen Zentraleuropas
die in einer Übergangszeit erforderliche harte Arbeit
leisten, versuchen wir zu helfen, wo wir können - mit
technischer Beratung, Ausbildungs- und Investitionskapital. Nachfolgend einige Beispiele:
Der polnisch-amerikanische Unternehmensfonds
förderte das Wachstum kleiner und mittelständischer Privatbetriebe in Polen durch die Investition
von nahezu 200 Millionen Dollar in 3.000 Betriebe
mit insgesamt 61.000 Beschäftigten. Der Unternehmensfonds rief die erste Hypothekenbank
Polens ins Leben.
Unsere Übergangshilfe für das tschechische
Privatisierungsprogramm führte zu 120 strategischen Auslandsinvestitionen im Wert von über 2
Milliarden Dollar in der Tschechischen Republik.
Das von der US-Regierung finanzierte OravaProjekt in der Slowakei führte in den Grund- und
weiterführenden Schulen der Slowakei neue
Lehrpläne zu pluralistischer Demokratie ein.
In Rumänien wurde die Nationale Vereinigung der
Bürgermeister mit unserer Hilfe in der nationalen
Regierung zu einem effektiven Sprachrohr für
kommunale Belange.
In Bulgarien waren amerikanische Berater in 22
Gemeinden tätig und förderten über ein innovatives Versteigerungssystem die Privatisierung
staatlichen Grundbesitzes und kleiner Unternehmen.
Dies sind nur einige Beispiele für ein sehr großes
Programm. Wir bieten Ausbildungsmöglichkeiten auf
Gebieten wie Veranstaltung von Wahlen, Kommunalverwaltung, demokratische Medien und Rechtsvorgänge, um die Konsolidierung demokratischer Praktiken zu fördern. Unsere technische Hilfe bei der
Reform des Finanzsektors, der Privatisierung staatlicher Unternehmen und der Neufassung von Wirtschaftskodizes trug zur Schaffung des Umfelds für
Wachstum des Privatsektors bei. Unsere Unterstützung auf Gebieten wie Wohnungswesen, Umweltschutz und Gesundheitsfürsorge führte zur

AMERIKA DIENST 25

�Reduzierung eines Teils der sozialen Kosten des
Übergangs.

Region Verkehrs- und Kommunikationsverbindungen schaffen soll,

Durch den Beistand für diese Länder während ihres
Übergangs vom Kommunismus zur demokratischen
Marktwirtschaft können wir die Stabilität und Sicherheit Europas auf dramatische Weise stärken und
dazu beitragen, daß frühere Gegner zu zukünftigen
Verbündeten und Handelspartnern werden.

amerikanische Geschäftsinteressen in der Region
unterhöhlen, indem unsere Hilfsbestrebungen zur
Reform des Steuersystems, zur Handelsliberalisierung sowie Entwicklung und Privatisierung von
Kapitalmärkten behindert werden.
Südosteuropa

Die Administration hat für das Haushaltsjahr 1996
480 Millionen Dollar für das SEED-Programm zur
Gewährung von Übergangshilfe für Zentraleuropa
und die baltischen Staaten beantragt. Die derzeitigen Bewilligungen des Repräsentantenhauses
belaufen sich auf 325 Millionen Dollar. Eine Kürzung des SEED-Programms in dieser Größenordnung würde
unsere Fähigkeit einschränken, den zentraleuropäischen Ländern bei der Vorbereitung einer
Erweiterung von NATO und Europäischer Union
unter die Arme zu greifen,
unseren politischen Einfluß zu einem für die
politische und wirtschaftliche Entwicklung dieser
wichtigen Region entscheidenden Zeitpunkt
beschränken,
unsere spürbare Unterstützung für die Reformen
in Zentraleuropa verringern,
unsere Fähigkeit zur Reaktion auf die humanitäre
Tragödie in Bosnien einschränken.
Insbesondere würde die vorgeschlagene Reduzierung
unsere Kernprogramme in größeren Ländern wie
Polen, Rumänien und Bulgarien schrumpfen
lassen, da Kürzungen bei kleineren Programmen
nicht zu den erforderlichen Einsparungen führen,
die geplante Ausweitung von Strafverfolgungsprogrammen beschneiden, die sich auf Aufdekkung und Verfolgung von Korruption, Whitecollar-Kriminalität und organisiertem Verbrechen
konzentrieren,
die Förderung unabhängiger Medien beschränken,
den Wiederaufbaufonds für Bosnien abschaffen,
der für Friedensinitiativen von entscheidender
Bedeutung sein könnte,
die Entwicklungsinitiative für den südlichen
Balkan radikal kürzen, die in dieser instabilen

AMERIKA DIENST 25

Die Bedeutung des südlichen Balkans und der Ägäis
für westliche und amerikanische Interessen ist seit
dem Ende des Kalten Krieges stetig gestiegen.
Konflikte oder Instabilität in diesen Regionen können
direkte Auswirkungen auf die Stabilität Zentraleuropas
haben. Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei können die Fähigkeit der NATO schwächen,
eine Grundlage für die Ausweitung europäischer
Institutionen zu schaffen.
Griechenland ist seit 1918 ein Verbündeter der
Vereinigten Staaten, und zwischen unseren beiden
Nationen bestehen enge persönliche und geistige
Bande. Das Ende des Kalten Krieges hat Griechenland in eine schwierige Lage versetzt, da überall an
seinen Grenzen alte ethnische Rivalitäten aufflammten. Griechenland würde zu den ersten gehören, die
unter einer Ausweitung des Konflikts in Bosnien
leiden.
Diese Veränderungen beinhalten jedoch auch Chancen.
Mit seinen altehrwürdigen demokratischen
Traditionen, seiner unternehmerischen Dynamik und
seinen umfassenden internationalen Beziehungen
sollte Griechenland eine Kraft für Frieden, Demokratie
und Wirtschaftsentwicklung in der Region sein. Als
einziges Land in der Region, das sowohl Mitglied der
NATO als auch der Europäischen Union ist, kann
Griechenland bei der politischen und wirtschaftlichen
Entwicklung der benachbarten aufstrebenden Nationen Hilfestellung geben. Ministerpräsident Papandreou hat stets seinem Wunsch Ausdruck verliehen,
eng mit den Vereinigten Staaten an der Förderung
dieser Entwicklung und Einführung von Stabilität und
Wohlstand in der Region zusammenzuarbeiten.
Der Privatsektor Griechenlands ist dynamisch und
erfindungsreich. Er investiert aktiv in Bulgarien,
Rumänien und Albanien und versorgt somit die im
Entwicklungsstadium begriffenen Volkswirtschaften
dieser Nationen mit dem dringend benötigten Kapital.
Griechische Investoren haben Interesse an einer
Zusammenarbeit mit unserem Unternehmensfonds
auf dem Balkan zur Förderung regionaler Wirtschaftsentwicklung bekundet. Sowohl der öffentliche als
auch der Privatsektor Griechenlands möchten gemeinsam mit amerikanischen Unternehmen Joint-

Seite 9

�ventures in diesen Ländern gründen. Unsere Botschaft in Athen unterstützt aktiv regionale Handelsund Investitionsmöglichkeiten mit griechischen
Partnern in der Region.
Die Auseinandersetzungen Griechenlands mit
einigen seiner Nachbarn behinderten die Fähigkeit
des Landes zur Übernahme einer Führungsrolle auf
dem Balkan. Der Disput Griechenlands mit der
ehemals jugoslawischen Republik Makedonien ist
noch nicht beigelegt. Dies ist eine gefährliche
Situation und beinhaltet das Risiko weiterer Instabilität in der Region. Die Regierung der Vereinigten
Staaten unterstützt durch ihren Sondergesandten
Matthew Nimetz aktiv die Bestrebungen der Vereinten Nationen unter der Führung von Cyrus Vance
zur Aushandlung einer Lösung des Konflikts. Wir
hoffen auf seine baldige Beendigung.
Auch die Türkei ist ein extrem wichtiger Verbündeter.
Das Land steht im Mittelpunkt fast jeder Frage auf
dem eurasischen Kontinent, die für die Vereinigten
Staaten wichtig ist - NATO, der Balkan, Zypern, die
Ägäis, Sanktionen gegen den Irak, der Nahostfriedensprozeß, die Beziehungen Rußlands im
Kaukasus und Zentralasien, Transitstrecken für
kaspisches Erdöl und Gas. In der Türkei streben wir
die weitere Entwicklung eines demokratischen
weltlichen Staates mit einer prosperierenden Wirtschaft, der Unterstützung westlicher Interessen und
hohen Menschenrechtsstandards an.
Unsere
Interessen sind beträchtlich. Die Förderung der
territorialen Integrität der Türkei und die Stärkung
unserer Beziehungen insgesamt erfordern weiteren
Sicherheitsbeistand auf allen Ebenen.
Die Regierung und das Volk der Türkei haben ihr
Engagement für Demokratisierung und Menschenrechtsreformen unter Beweis gestellt. Am 23. Juli
stimmte die Nationalversammlung der Türkei mit
einer überwältigenden Mehrheit von 360 zu 32
Stimmen 17 Zusatzartikeln zur Verfassung zu, um
die türkische Demokratie voranzubringen und die
Beteiligung der Bevölkerung am politischen Leben
zu erweitem. Diese Zusatzartikel schaffen unter
anderem Beschränkungen der politischen Arbeit von
Vereinigungen, Verbänden, Gruppen und Genossenschaften ab, geben Beamten das Recht auf Gewerkschaftsbildung und die Teilnahme an Tarifverhandlungen, senken das Wahlalter von 20 auf 18 und
erhöhen die Zahl der Parlamentsabgeordneten von
450 auf 550.
Präsident Clinton gratulierte Ministerpräsidentin Ciller
schriftlich zu der von ihr bei der Zustimmung zu
diesem Reformpaket übernommenen Führungsrolle.
Soweit ich weiß, rief der französische Präsident
Chirac Frau Ciller an und übermittelte dieselbe

Seite 10

Botschaft. Dieses Reformpaket ist Teil umfassender
Bestrebungen zur Förderung der Demokratie in der
Türkei und Verbesserung seiner Menschenrechtssituation. Wenn das türkische Parlament nach der
Sommerpause wieder zusammentritt, wird die Regierung sich mit der Möglichkeit einer Modifizierung von
Artikel 8 des Antiterrorgesetzes befassen, das in der
Vergangenheit zur Beschränkung der Meinungsfreiheit eingesetzt wurde. Die Vereinigten Staaten
werden auch weiterhin dieses Streben nach Demokratisierung und Menschenrechtsreformen unterstützen.
Die Spannungen zwischen Griechenland und der
Türkei spiegeln jahrhundertealtes Mißtrauen und
Feindschaft wider. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Beziehungen zu verbessern und das
politische und kulturelle Engagement der Türkei für
den Westen zu stärken. Die Aufhebung des griechischen Vetos und das anschließende Abkommen der
EU vom 6. März über Fortschritte bei einer Zollunion
mit der Türkei werden einen wichtigen Beitrag zur
Erlangung dieser Ziele leisten. Wir streben eine
Fortsetzung dieser Entwicklung an, indem wir die
Türkei ermutigen, sich ernsthaft mit den Belangen
des Europäischen Parlaments zu befassen, insbesondere im Hinblick auf die Menschenrechtssituation in der Türkei, die die Zustimmung des
Parlaments zur Zollunion zu gefährden droht.
Zypern ist der Schlüssel zum langfristigen Abbau der
Spannungen zwischen diesen beiden NATO-Verbündeten. Die Beilegung des seit langer Zeit bestehenden Streits auf der Insel hätte positive Auswirkungen auf unsere strategischen und humanitären
Interessen in Südosteuropa.
Die Spannungen
zwischen unseren beiden wichtigen NATO-Verbündeten - der Türkei und Griechenland - könnten mit der
Beseitigung der Spannungsquelle Zypern beträchtlich
reduziert werden. Wenn sie ihrer unruhigen Vergangenheit resolut den Rücken zukehren, könnten
die beiden zypriotischen Gemeinschaften anfangen,
das volle Potential ihrer Inselheimat zum Tragen zu
bringen und eine Zukunft mit mehr Sicherheit und
Wohlstand zu schaffen.

Aus diesen und anderen Gründen engagiert sich die
Administration für eine Lösung des Zypern-Problems
und beteiligt sich aktiv daran. Unser Ziel ist eine aus
zwei Zonen und zwei Volksgruppen bestehende, fest
in Europa verankerte Föderation. Die Administration
unterstützt entschieden das Engagement der EU zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen für Zypern nach
der zwischenstaatlichen Konferenz der EU von 1996.
Dies hat beiden Volksgruppen auf der Insel neue
Anreize gegeben, zur Beilegung ihrer Differenzen
effektiver zusammenzuarbeiten.

AMERIKA DIENST 25

�Als Zeichen unseres Engagements ernannte der
Präsident Richard Beattie im Januar zu seinem
Emissär in Zypern - dem ersten seit 16 Jahren. Im
Mai leitete Herr Beattie die Londoner Sondierungsgespräche zwischen türkischen und griechischzypriotischen Vertretern, um Gemeinsamkeiten für
ernsthafte Gespräche zu finden. In einer weiteren
Bestrebung zur Auslotung aller Möglichkeiten berief
ich vergangene Woche im Außenministerium ein
Treffen zwischen US-Botschaftern und Privatleuten
zur Erörterung der Situation in Zypern ein.
Die Teilnehmer stimmten zu, ein möglicher Beitritt
Zyperns zur Europäischen Union könnte für beide
Seiten einen wichtigen Anreiz zur Erlangung eines
Abkommens bieten. Wir sind hoffnungsvoll und
bleiben in Zypern engagiert.
Irland
Historisch gesehen sind die Kämpfe in Nordirland
ein tragischer Beweis dafür, daß Zentral- und
Südosteuropa nicht als einzige in der Region unter
dem Erbe der Gewalt und des Hasses leiden. Die
Vereinigten Staaten unterstützen aktiv die Suche der
Menschen in Nordirland sowie der britischen und
irischen Regierung nach einer friedlichen Lösung,
und trotz einiger Rückschläge gibt es Grund zur
Hoffnung.
In den vergangenen beiden Wochen haben die
britische und die irische Regierung auf der Grundlage eines gemeinsamen Ansatzes solide Fortschritte
bei der Beseitigung von Hindernissen für die Anberaumung von Allparteiengesprächen in Nordirland
gemacht. Der Nordirlandminister Sir Patrick Mayhew
und der irische Außenminister Dick Spring führten
am 24. Juli intensive Diskussionen und erwägen
verschiedene Vorschläge zur Überwindung der
Pattsituation bei der Entwaffnung, der Aufnahme von
Allparteiengesprächen und Lösung anderer anstehender Fragen. Die Gründung einer internationalen Kommission zur Untersuchung der Entwaffnungsmodalitäten ist eine der vielen Ideen, die derzeit von
den beiden Regierungen geprüft werden. Wir erwarten eine offizielle Bekanntgabe aller Übereinkünfte,
nachdem beide Regierungen ihnen Substanz verliehen haben. Eine solche Ankündigung könnte
beim nächsten, für September anberaumten angloirischen Gipfel der Premierminister Major und
Bruton gemacht werden.
Am 23. Juli gab der Minister Nordirlands für politische Entwicklung, Michael Ancram, bekannt, Sir
Patrick Mayhew und er selbst seien am 18. Juli mit
dem Vorsitzenden der Sinn Fein, Gerry Adams, und
Martin McGuinness in Londonderry zusammengetroffen. Am 27. Juli fand ein Folgetreffen statt. Ferner

AMERIKA DIENST 25

traten seit der Investitionskonferenz des Weißen
Hauses vom Mai Herr Ancram und Herr McGuinness
mehrmals persönlich und telefonisch in Kontakt. Wir
halten diese fortgesetzten Kontakte sowie den
hochrangigen Dialog zwischen britischen Ministem
und der Sinn Fein für ermutigend. Da die Sinn Fein
das Ende der bilateralen "Sondierungsgespräche" mit
der britischen Regierung angekündigt hat, sind
fortgesetzte Kontakte mit der Sinn Fein zur Vermeidung von Mißverständnissen und Fortführung des
Friedensprozesses erforderlich. Bilaterale Treffen
zwischen Vertretern der Protestanten und Herrn
Ancram werden ebenfalls fortgesetzt.
Anfang Juli gab es Unruhen in Nordirland, bei denen
Menschen verletzt, Autos und Busse überfallen und
ausgebrannt wurden. Jetzt ist wieder Ruhe eingekehrt, aber trotz ostentativ friedlicher Proteste bleibt
das Gewaltpotential bestehen. Wir rufen alle Seiten
dazu auf, geplante Proteste oder Märsche erneut zu
überdenken. Wir hoffen, daß alle Proteste oder
Märsche, die stattfinden, sorgfältig überwacht werden,
um ihren friedlichen Verlauf zu gewährleisten.
Die britische Regierung verlegte sechs weitere
republikanische Gefangene aus Großbritannien in
Gefängnisse Nordirlands. Damit beläuft sich die Zahl
der seit dem 28. Juli 1994 nach Nordirland zurückgeschickten Gefangenen auf 21. Fünf der verbleibenden 29 paramilitärischen Gefangenen aus Irland oder
Nordirland in britischen Gefängnissen haben möglicherweise einen Anspruch auf Verlegung nach
Nordirland. Andere könnten in irische Gefängnisse
verlegt werden, wenn die irische Regierung gegen
Ende dieses Jahres die Europäische Konvention über
die Verlegung Verurteilter ratifiziert.
Die Administration wird weiterhin aktiv das Streben
der Menschen in Nordirland sowie der Regierungen
Irlands und Großbritanniens nach Fortschritten beim
Friedensprozeß unterstützen. Wir bleiben mit beiden
Regierungen sowie Vertretern eines breiten politischen Meinungsspektrums in engem Kontakt. Auf
wirtschaftlichem Gebiet arbeitet Senator Mitchell
weiterhin mit vielen Menschen in Nordirland und den
an Nordirland grenzenden Kreisen zusammen, um an
die bei der Konferenz im Weißen Haus erzielten
Fortschritte anzuknüpfen und sie zu konsolidieren.
Die wirtschaftliche Erholung dieser Gebiete hat für die
Administration weiterhin hohe Priorität, damit Arbeitsplätze geschaffen werden, die jungen Menschen
Anspruch auf den mit dem Frieden einhergehenden
Wohlstand geben.
Unser Vertrauen in die Fähigkeit der beiden Regierungen und der Menschen in Nordirland, eine umfassende Lösung und einen dauerhaften Frieden zu
erlangen, zeigt sich am besten in der Ankündigung

Seite 11

�des Präsidenten, Irland und Großbritannien Ende
des Jahres einen Besuch abzustatten. Er möchte
ein friedliches Nordirland besuchen und den Menschen dort, die für die Sache des Friedens eingetreten sind, eine Botschaft der Unterstützung übermitteln.
Schlußbemerkung

Wohlstand und größerer Integration politischer,
wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Institutionen.
Es wird einige Zeit erfordern, bis die Formen und
Muster des neuen Zeitalters ein Gefüge bilden. Es
gibt große Probleme, aber auch große Chancen. Die
Vereinigten Staaten werden sich aus einem einfachen
Grund aktiv beteiligen: unsere Eigeninteressen
erfordern es.

Die Förderung unserer Ziele in den oben genannten
Gebieten bedeutet die Ausweitung von Demokratie,

* * * *

Seite 12

*

AMERIKA DIENST 25

�OSZE
16. August 1995

Vereinbarungen von Helsinki ebneten den Weg
zur Beendigung des Kalten Krieges
Ansprache des Stellvertretenden Außenministers
HELSINKI- (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge der Eröffnungsansprache des Stellvertretenden
Außenministers Strobe Talbott beim Symposium anläßlich des 20. Jahrestages der Unterzeichnung der
Schlußakte von Helsinki am 1. August 1995.

Einige meiner Vorredner haben ausgeführt, daß vor
20 Jahren, als die Staats- und Regierungschefs zur
Unterzeichnung der Schlußakte zusammenkamen,
das Ende des Kalten Krieges kaum vorstellbar
schien. In der Tat war es ein unmöglicher Traum.
Selbst die Optimistischeren unter uns, die vor 20
Jahren nach Helsinki kamen, beschränkten sich auf
die Hoffnung, daß die Konferenz über Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (KSZE) die Entspannung
fördern und einige kleine Erfolge für die Freiheit
erzielen würde. Wir, die internationale Staatengemeinschaft, unterschätzten schlicht und einfach die

Auch hier sollten wir meines Erachtens einräumen,
daß viele von uns noch vor wenigen Jahren unterschätzten, was möglich ist. Um nur einige der
Leistungen zu nennen: Die OSZE-Missionen spielen
bereits eine Schlüsselrolle bei der Förderung der
europäischen Sicherheit durch ihr Eintreten für die
Menschenrechte, Wahlbeobachtung, die Entwicklung
demokratischer Institutionen und Konfliktbewältigungsmechanismen. Die OSZE hat wichtige Erfolge
bei der Bewältigung von Krisen erzielt, die durch
Konflikte zwischen nationalen Regierungen und
ethnischen Minderheiten ausgelöst wurden.

Fähigkeit menschlicher Gesellschaften, ihr Schicksal

selbst in die Hand zu nehmen, und die Macht der
moralischen und politischen Prinzipien, die hier in
Helsinki an jenem sonnigen Tag vor 20 Jahren
formuliert wurden.
Die in der Schlußakte von Helsinki niedergelegten
Prinzipien der territorialen Integrität und friedlichen
Beilegung von Streitigkeiten erwiesen sich als
revolutionär. Sie ebneten den Weg für die allmähliche, geordnete, demokratische Umgestaltung des
Ostens.
Wie alle internationalen Abkommen war die Schlußakte von Helsinki ein delikat geschmiedeter Kompromiß. Sie verkörperte die unterschiedlichen und
manchmal konkurrierenden Tagesordnungen der 35
Parteien, die an der Formulierung beteiligt waren.
Aber 20 Jahre der Erfahrungen haben unter Beweis
gestellt, daß die in der Schlußakte verankerten Ideen
und Prinzipien zusammengenommen eine kohärente
und überzeugende Grundlage für politische Reformen und regionale Stabilität bilden. Die KSZE
erwies sich als entscheidendes Instrument für die
Beendigung des Kalten Krieges, und die OSZE kann
jetzt das entscheidende Instrument sein, das uns
durch die Zeit nach dem Kalten Krieg führt.

AMERIKA DIENST 25

Die im April gegründete OSZE-Hilfsgruppe für Tschetschenien bietet der russischen Regierung und den
tschetschenischen Vertretern soliden, neutralen
Boden, um in dieser Woche einen Prozeß für die
friedliche Beilegung des Konflikts und die Wiederherstellung der zivilen Autorität zu vereinbaren. Im Mai
brachte eine OSZE-Gruppe die ukrainische Regierung mit Vertretern der russischen Bevölkerung auf
der Krim für eine Reihe äußerst nützlicher, produktiver und vielversprechender Gespräche zusammen.
In der Zwischenzeit setzt die Minsk-Gruppe die Arbeit
an einer friedlichen Lösung des Konflikts in Nagornyj
Karabach fort. Wir hoffen, daß in Kürze Friedenssicherungstruppen In das Krisengebiet entsandt
werden.
Dies alles unterstreicht einen entscheidenden Punkt.
Die Umgestaltung und Befreiung der ehemaligen
Sowjetrepubliken und der Staaten des früheren
Warschauer Pakts vollzog sich im großen und
ganzen friedlich. Und die OSZE hat dazu beigetragen, diesen Prozeß zu bewahren. Die OSZE ist nicht
nur "das Gewissen Europas", sie ist auch das einzige
Sicherheitsgremium, dem praktisch jede Nation in
Nordamerika und Europa angehört. Wie Botschafter
Cuvillier vor einiger Zeit feststellte, ist die OSZE
sowohl europäisch als auch transeuropäisch. Sie ist

Seite 1

�ein einzigartiges Instrument für Konsensbildung auf
dem gesamten Kontinent.
Die uns heute konfrontierende Herausforderung
besteht natürlich darin, diesen Konsens in effektive
Mechanismen umzusetzen.
Wirklich effektive
Mechanismen sind diejenigen, die uns die Verhinderung oder Abschreckung von Konflikten wie dem auf
dem Balkan erlauben. Die Verhinderung eines
zweiten Bosniens ist eine offenkundige Herausforderung bei unserer Tagesordnung, die Präsident
Ford zu Recht als "unbeendet" bezeichnet hat.
Dasselbe gilt für die Herausforderung, die derzeitige
Krise auf dem Balkan zu bewältigen. Diese Herausforderung ist so dringlich, so schwierig und so
erschreckend, daß wir mit dem gesamten uns zur
Verfügung stehenden institutionellen und konzeptionellen Material vorgehen müssen. Aus diesem
Grund befürwortet unsere Administration die Nutzung aller Institutionen oder Arrangements, die sich
den in der Schlußakte von Helsinki verankerten
Prinzipien verschrieben haben. Dazu zählen die
NATO, die Europäische Union, die Partnerschaft für
den Frieden, und dazu zählen neue Ideen, die aus
stolzen Momenten wie diesem geboren werden
könnten. Und natürlich zählt die OSZE selbst dazu.

Da ich bereits einen ehemaligen Präsidenten zitiert
habe, möchte ich auch die Worte des derzeitigen
Präsidenten der Vereinigten Staaten wiederholen.
Beim Gipfeltreffen der Organisation im Dezember
vergangenen Jahres erklärte Präsident Clinton
folgendes: "Jetzt, da Europa die Freiheit gewonnen
hat, kann die OSZE eine bedeutendere Rolle spielen
um zu gewährleisten, daß die Freiheit nie wieder
verloren geht. Die OSZE sollte unsere erste flexible
Verteidigungslinie gegen ethnische und regionale
Konflikte darstellen. Ihre Regeln können vor dem
Streben nach Hegemonie und Einflußsphären schützen. Sie kann den Nationen bei der gemeinsamen
Schaffung von Wohlstand helfen. Und sie kann die
Integration Europas Stück für Stück fördern."
Mit anderen Worten, Präsident Clinton ist der Auffassung, daß unsere Erfahrungen mit der OSZE in
den kommenden 20 Jahren ebenso wie die Erfahrungen mit der KSZE in den vergangenen 20 Jahren
die internationale Staatengemeinschaft bei der Suche
nach einem Gleichgewicht zwischen strategischem
Optimismus und operativem Realismus leiten werden.
Es war dieses Konzept, dieses Gleichgewicht, das
Präsident Ford motivierte, als er vor 20 Jahren
hierher kam. Und es wird Präsident Clinton in der
Zukunft leiten.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 2

*

AMERIKA DIENST 25

�KRIEGSVERBRECHEN
16. August 1995

USA übermitteln Kriegsverbrechertribunal
Informationen zu Bosnien
Erklärung von Mike McCurry
WASHINGTON - (AD) - Die durch die Serben verübten Greueltaten dürfen dem Weißen Haus in Washington
zufolge nicht unbestraft bleiben. Daher wird das Weiße Haus dem Kriegsverbrechertribunal der Vereinten
Nationen für das ehemalige Jugoslawien Berichte über "Massenexekutionen, Schläge, Vergewaltigungen und
andere eklatante Verletzungen der Menschenrechte" nahe Srebrenica und Zepa zukommen lassen.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike McCurry, erklärte am 9. August 1995, die dem Abteilungsleiter
für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im US-Außenministerium, John Shattuck, bei seiner
jüngsten Mission in Bosnien übergebenen Berichte handelten insbesondere von Greueltaten der bosnischen
Serben in den beiden eroberten UNO-Schutzzonen. Tausende von Zivilisten werden McCurry zufolge nach
der Einnahme der ehemaligen Schutzzonen durch die Serben vermißt. Die kroatische Offensive in der Krajina
führte laut McCurry zu einer Flüchtlingskrise riesigen Ausmaßes, da die Serben vor den vorrückenden
kroatischen Truppen flüchten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den Text der von Pressesprecher McCurry abgegebenen Erklärung.

Während seiner Mission in Zentral- und Nordostbosnien vergangene Woche wurden Abteilungsleiter
John Shattuck Beweise für ungeheuerliche Menschenrechtsverletzungen durch bosnisch-serbische
Streitkräfte nach ihrem Angriff auf Srebrenica und
Zepa übergeben. Der Abteilungsleiter hörte von
Augenzeugen Berichte über Massenexekutionen,
Schläge, Vergewaltigungen und andere eklatante
Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts. Der Verbleib Tausender von Zivilisten aus
Srebrenica und Zepa ist unbekannt.

Seit der Rückkehr von Abteilungsleiter Shattuck
haben die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien
zusätzlichen Anlaß zur Sorge bereitet. Zehntausende
von Menschen wurden zum Verlassen ihrer Heimat
gezwungen, als sich die Frontlinien verschoben,
zuletzt in der kroatischen Krajina. Das führte zu einer
Flüchtlingskrise riesigen Ausmaßes. Es ist zwingend
erforderlich, daß alle Parteien die Rechte dieser
Flüchtlinge und Vertriebenen respektieren und diesen
Menschen insbesondere Zugang zu den internationalen Hilfsorganisationen gewähren.

Die Vereinigten Staaten fordern die bosnischen
Serben dazu auf, internationalen humanitären
Organisationen Zugang zu allen noch inhaftierten
Personen zu geben. Die Streitkräfte der bosnischen
Serben müssen auch Aufschluß über den Verbleib
von Menschen aus den beiden Gebieten geben,
deren Schicksal unbekannt ist und dürfen denjenigen, die den Angriff der bosnischen Serben überlebten, keinen Schaden zufügen. Die Vereinigten
Staaten werden ihre Bestrebungen fortsetzen,
Informationen über die Vorgänge am Boden zu
sammeln. Alle Informationen werden dem internationalen Tribunal für das ehemalige Jugoslawien
übergeben und dienen der strafrechtlichen Verfolgung derjenigen, die Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Völkermords
schuldig sind.

Die Vereinigten Staaten haben alle Parteien im
ehemaligen Jugoslawien zur Zurückhaltung und vor
allem zur Achtung der Menschenrechte und des
Völkerrechts aufgerufen und werden das auch
weiterhin tun. Die Vereinigten Staaten teilen allen
relevanten Parteien diese Besorgnis mit. Auf Drängen der Vereinigten Staaten wird der UNO-Sicherheitsrat wahrscheinlich Resolutionen über die Verurteilung von Verbrechen auf beiden Seiten annehmen, insbesondere über die von den bosnischen
Serben gegen die Flüchtlinge aus Srebrenica und
Zepa begangenen Greueltaten. Ferner soll der
Sicherheitsrat die Parteien dazu aufrufen, ihre Verpflichtungen gegenüber der Zivilbevölkerung zu
erfüllen.

AMERIKA DIENST 25

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�FRAUEN
16. August 1995

Unterstützung der Pekinger Frauenkonferenz
Rede von UNO-Botschafterin Albright
WASHINGTON - (AD) - Botschafterin Madeleine Albright, die Ständige Vertreterin der Vereinigten Staaten bei
den Vereinten Nationen, bekräftigte in einer am 2. August 1995 im Center for National Policy der
Bundeshauptstadt Washington gehaltenen Rede das Engagement der Clinton-Administration für die in Peking
anberaumte Weltfrauenkonferenz. "Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die Vereinigten Staaten dort
vertreten sein werden", erklärte sie.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Botschafterin Albright gehaltene Rede im Wortlaut.

Guten Morgen. Ich freue mich, hier zu sein. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber meines Erachtens ist das Center for National Policy eine
großartige Organisation, und ich begrüße ihre
Bereitschaft zur Unterstützung dieses aktuellen
Ereignisses.
In 33 Tagen beginnt in China die vierte Weltfrauenkonferenz, und es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die Vereinigten Staaten dort vertreten sein
werden.
Wir werden an der Konferenz teilnehmen, weil sie
eine seltene Gelegenheit bietet, weitere Fortschritte
in bezug auf den Status und die Rechte von mehr
als der Hälfte auf unserer Erde lebenden Menschen
zu machen.
Als Leiterin der amerikanischen Delegation bin ich
zuversichtlich, daß die Ziele der Vereinigten Staaten
starke Unterstützung finden werden. Diese Ziele
umfassen:
Förderung und Schutz von Menschenrechten der
Frau und Einstellung der Gewalt gegen Frauen,
Erweiterung der Beteiligung von Frauen an
politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen,

Anerkennung der zunehmenden Rolle nichtstaatlicher Organisationen (NGOs) beim Aufbau starker
Gemeinden - auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.
Die Pekinger Konferenz ist die vierte ihrer Art in einer
vor 20 Jahren in Mexico City begonnenen Serie.
Diese Zusammenkünfte haben rechtliche, soziale und
politische Reformen angekurbelt, die das Leben von
Frauen und Mädchen auf der ganzen Welt verbesserten. Jetzt besteht unser Ziel darin, auf vergangenen Errungenschaften aufzubauen und die Beseitigung der verbliebenen Hindernisse für die umfassende und gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an
der Gesellschaft zu beschleunigen.
Als Angehörige einer Familie, die während meiner
Kindheit zweimal aus ihrer Heimat vertreiben wurde erst von Hitler, dann von Stalin - halte ich es für die
Pflicht eines jeden freien Menschen, alles in seiner
Macht Stehende zu unternehmen, um die Freiheit
anderer zu fördern. Und ich beabsichtige sicherzustellen, daß die amerikanische Delegation bei der
Frauenkonferenz als unerschrockener Verfechter von
Freiheit und Menschenrechten agiert.

Gewährleistung des gleichberechtigten Zugangs
von Frauen zu Bildung, Ausbildung und Gesundheitsfürsorge während ihres ganzen Lebens,

Bedauerlicherweise werden heute in Ländern auf der
ganzen Welt entsetzliche Verbrechen an Frauen
begangen. Dazu zählen erzwungene Abtreibungen
und Sterilisationen, Verkauf von Kindern zur Prostitution, rituelle Verstümmelungen, Mitgiftmorde und
Gleichgültigkeit der Regierung gegenüber Gewaltanwendung.

Stärkung der Familie durch Bestrebungen, die
beruflichen und familiären Pflichten von Frauen
und Männern ins Gleichgewicht zu bringen und

Die Clinton-Administration wird die Pekinger Konferenz nutzen um zu betonen, daß Gewalt gegen
Frauen niemandes Vorrecht ist. Sie ist keine kulturel-

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�le Wahlmöglichkeit, keine unausweichliche Konsequenz der Biologie, sondern ein Verbrechen,
dessen Verurteilung, Verhinderung, Bestrafung und
Beendigung unser aller Pflicht ist.
Von manchen wird die Ansicht vertreten, wir sollten
aufgrund der Menschenrechtspolitik des Gastlandes
nicht an der Frauenkonferenz teilnehmen. Diese
Vorschläge gehen von den richtigen Motiven aus,
verfehlen aber das eigentliche Ziel. Ein amerikanischer Rücktritt von der Teilnahme würde die Konferenz nicht verhindern oder ihren Veranstaltungsort
verlegen. Die Konsequenz wäre vielmehr eine
Konferenz, bei der 130 Millionen amerikanischer
Frauen nicht vertreten sind und Einfluß und Führungsrolle der Vereinigten Staaten nicht zum Tragen
kämen.
Es ist einfach nicht sinnvoll, im Namen der Menschenrechte eine Konferenz zu boykottieren, deren
Hauptziel die Förderung von Menschenrechten ist.
Man kann den Frauen in China und andernorts nicht
helfen, indem man anderen das Feld überläßt.
Vielmehr müssen wir an dieser Konferenz teilnehmen, die bestehenden philosophischen und ideologischen Meinungsunterschiede von Angesicht zu
Angesicht debattieren, der Welt den Mißbrauch und
die Hemmnisse des Fortschritts vor Augen führen,
die wir beseitigen wollen, und den Gesellschaften
Verpflichtungen zum Wandel abringen, die ihn am
meisten benötigen. Darum geht es bei der Übernahme einer Führungsrolle und dem Engagement für
freie und offene Diskussionen.
Im Hinblick auf Harry Wu ist unsere Position klar. Er
sollte unverzüglich und unversehrt freigelassen
werden. Sein Fall hat für die Vereinigten Staaten
oberste Priorität. Ich kann verstehen, daß manche
unsere Teilnahme an der Konferenz von der Freilassung Herrn Wus abhängig machen möchten. Sie
gehen dabei jedoch von der fälschlichen Annahme
aus, unsere Teilnahme stelle Peking gegenüber
einen Gefallen dar. Wir haben keinen Grund zu der
Annahme, daß unsere Einstellung zu der Konferenz
irgendwelchen Einfluß auf die chinesischen Entscheidungen über Herrn Wu hat.
Wir haben jedoch Grund zur Hoffnung, daß die
Konferenz positive Auswirkungen auf den Status der
Frauen in China haben wird.
Die Vorbereitungen für die Konferenz haben in
China bereits zu einem verschärften Bewußtsein für
Frauenfragen beigetragen. Ehemalige Tabuthemen,
darunter Gewalt gegen Frauen, werden jetzt in der
Öffentlichkeit diskutiert. Die von den Vorbereitungssitzungen zurückkehrenden Chinesen sprachen von

Seite 2

einem erhöhten Feingefühl für die Behandlung von
Frauen in den Medien und die wirtschaftliche Ausbeutung von Frauen. Es ist von großer Bedeutung,
daß über 5.000 Chinesinnen an dem NGO-Forum
teilnehmen und ihre Eindrücke mit nach Hause
nehmen werden.
Angesichts der Menschenrechtsbilanz Chinas möchte
ich die Auswirkungen dieser Konferenz nicht überbewerten. Aber als ehemaliges Mitglied der Nationalen
Stiftung für Demokratie weiß ich, daß einer der
besten Wege zur Förderung demokratischen Denkens darin besteht, die Menschen mit neuen Ideen zu
Themen zu konfrontieren, die in direktem Zusammenhang mit ihrem eigenen Leben stehen.
Die Konfrontation mit solchen Themen ist für uns
nicht nur in China, sondern weltweit von Bedeutung,
weil Länder, in denen die Frauen einen gerechten
Anteil an der Macht haben, im allgemeinen stabiler,
demokratischer, wohlhabender und gerechter sind als
diejenigen, in denen Frauen an den Rand gedrängt
und unterdrückt werden.
Die Frauenkonferenz wird zu einer freieren und
gerechteren Welt beitragen. Wenn ihre Empfehlungen umgesetzt werden, wird sie auch Familien auf
der ganzen Welt stärken. Wir wissen aus eigener
Erfahrung, daß sozial konstruktive Werte gelehrt und
ein für bürgerliche Gesellschaften und Rechtsstaatlichkeit gedeihliches Umfeld geschaffen wird, wenn
Familien stark und die Kinder versorgt sind.
Daher wollen wir der Idee Dynamik verleihen, daß
Frauen und Männer die Verantwortung des Familienlebens gleichermaßen teilen sollten, wir wollen, daß
Mädchen ebenso geachtet werden wie Jungen, wir
wollen, daß Eltern und zukünftige Eltern informierte
Entscheidungen über ihre Familienplanung treffen
können, und wir wollen, daß häusliche Gewalt
eingeschränkt und verurteilt wird.
Jedes dieser Themen ist ein zentrales Element des
Entwurfs einer Aktionsplattform der Konferenz. Und
mit effektivem Handeln zu jedem Themenkomplex
werden wir Familien und Gemeinden weltweit helfen.
Trotz jüngster Errungenschaften sind Frauen nach
wie vor eine unterbewertete und unterentwickelte
menschliche Ressource. Das soll nicht heißen, daß
Frauen Schwierigkeiten haben, Arbeit zu finden. In
vielen Gesellschaften - insbesondere in ländlichen,
vornehmlich landwirtschaftlichen Gebieten - verrichten
sie den Großteil der Arbeit, aber sie besitzen das
Land nicht, sie sind Analphabeten, sie können keine
persönlichen oder Geschäftskredite aufnehmen, und
der Zugang zum politischen Entscheidungsfindungsprozeß wird ihnen verweigert.

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�Es ist kein Zufall, daß die meisten erbärmlich armen
Menschen Frauen sind, die häufig die Kinder ohne
Hilfe des Kindesvaters versorgen müssen. Viele von
ihnen sind seit frühestem Alter in einem Teufelskreis
des Mißbrauchs, der Diskriminierung, der Ignoranz
und Machtlosigkeit gefangen, dem nur wenige
entrinnen können.
Wir dürfen nicht indifferent sein. Berichten zufolge
werden in Angola ein Drittel aller Morde an Frauen
verübt, für gewöhnlich durch ihren Ehemann.
In Thailand nimmt die Kinderprostitution zu, weil die
Kunden glauben, ältere Prostituierte seien eher HIVinfiziert.
Im Senegal erhalten Mädchen weniger als ein Drittel
der Schulbildung für Jungen.

Frauen aus allen Ländern ihr Schicksal selbst in die
Hand nehmen können, sondern, wann und wie.
Am Aufbau integrierender Gesellschaften wird jedoch
immer noch gearbeitet. Die Vereinigten Staaten
arbeiten seit zwei Jahrhunderten daran. Mehr als die
Hälfte der Geschichte unserer Nation - bis vor 75
Jahren in diesem Monat - konnten amerikanische
Frauen nicht einmal wählen. Viele traditionelle oder
autoritäre Gesellschaften müssen noch einen langen
Weg zurücklegen. Die vierte Frauenkonferenz wird
Richtlinien bieten und Verpflichtungen für jeden Staat
fördern, unabhängig von den derzeitigen Praktiken
und Maßnahmen Fortschritte zu machen.
Bei der Vorbereitung dieser Konferenz wurde ich an
ein altes chinesisches Gedicht erinnert, in dem ein
Vater zu seiner jungen Tochter sagt:

In Sierra Leone versorgen die Frauen die Subsistenzlandwirtschaft und die Kinder praktisch völlig
allein und haben wenig Chancen für Ausbildung.

Wir haben einen Hund, um das Haus zu
bewachen,
auch ein Schwein ist nützlich,
wir haben eine Katze, um Mäuse zu fangen,
aber was können wir
mit einem Mädchen wie Dir anfangen?

Und fast überall auf der Welt werden Frauen durch
diskriminierende Verhaltensweisen sowie ungerechte
soziale und wirtschaftliche Strukturen eingeschränkt.
Die Frauenkonferenz wird diese Probleme nicht über
Nacht lösen, aber sie wird die Aufmerksamkeit
darauf lenken und Hilfsmaßnahmen fördern. Frauen
auf der ganzen Welt sind bereit, vollwertige Partner
bei nachhaltiger Entwicklung zu sein, aber sie
benötigen uneingeschränkten Zugang zu Bildung
und Gesundheitsfürsorge, sie benötigen Zugang zu
Krediten und sie benötigen Gleichheit vor dem
Gesetz. Die Freisetzung der produktiven Kapazität
von Frauen ist ein Schlüssel, den Zyklus der Armut
zu durchbrechen, und das wird wiederum zu einem
höheren Lebensstandard für alle Nationen beitragen.
Seit der ersten Frauenkonferenz vor 20 Jahren
haben sich die Chancen für Frauen auf der ganzen
Welt verbessert. Es ist nicht länger eine Frage, ob

*

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*

Für mich wird die Frauenkonferenz ein Erfolg sein,
wenn sie uns nur dem Tag ein wenig näher bringt, an
dem die Mädchen auf der ganzen Welt mit Vertrauen
in die Zukunft blicken können, daß ihr Leben geschätzt, ihre Individualität respektiert, ihre Rechte
geschützt und ihre Zukunft von ihren eigenen Fähigkeiten und ihrem Charakter bestimmt wird.
In einer solchen Welt wird unser aller Leben - Männer
und Frauen, Jungen und Mädchen - bereichert.
Und die Vereinigten Staaten werden sich aktiv,
entschieden und stolz in Peking beteiligen, um
Fortschritte zu einer solchen Welt zu erzielen.
Ich danke Ihnen. Ich werde jetzt gerne Ihre Fragen
beantworten.

*

*

Seite 3

�MEDIEN
16. August 1995

Journalistische Freiheit und Menschenrechte
Prinzipien demokratischer Gesellschaften
PRAG - (AD) - Dem Thema "journalistische Freiheit und Menschenrechte" kommt vor dem Hintergrund der
jüngsten Entwicklungen in Europa - den aufstrebenden neuen Demokratien, in denen ein Mediensystem
eingeführt sowie die Rolle des Journalismus und der Eigenidentität definiert wird, und in westlichen Ländern,
die sich mit einer Reihe potentiell explosiver Probleme konfrontiert sehen, darunter die Medienkonzentration,
Verlust der Glaubwürdigkeit vieler Medien sowie die Notwendigkeit der Erweiterung journalistischer Rechte besondere Bedeutung zu. Der von einer österreichischen Delegation bei der 4. Europäischen Ministerkonferenz über Massenmedienpolitik vom 7. - 8. Dezember 1994 in Prag verfaßte Bericht erörtert einige
grundlegende journalistische Rechte, die als Ventil für ein gewisses Maß an Freiheit in den Medien und unter
Journalisten wirken.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von OSCE Bulletin, Winter 1994/1995.

Prinzipien
Rede- und Informationsfreiheit zählen zu den Grundlagen eines demokratischen Systems und wurden
ohne Ausnahme in allen seit dem Zweiten Weltkrieg
veröffentlichten Menschenrechtsdokumenten bekräftigt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
der Vereinten Nationen von 1948 legte beispielsweise das Recht des einzelnen auf Redefreiheit
nieder. Artikel 10 der Europäischen Konvention über
Menschenrechte von 1950 garantiert Rede- und
Informationsfreiheit ohne Einmischung öffentlicher
Behörden und unabhängig von nationalen Grenzen.
Eines der allgemein anerkannten Prinzipien aller
demokratischen Staaten ist, daß staatliche Einflußnahme in Form von Zensur, Vorzensur, obligatorischer Lizensierung der Printmedien, Importbeschränkungen für Medienprodukte aus dem Ausland
oder administrative postalische Verbote als gravierende Verletzungen des Rechts auf Rede- und
Informationsfreiheit angesehen werden. Staatliche
Einflußnahme dieser Art auf das Mediensystem wirft
den Schatten eines Zweifels auf die Verpflichtung
des Staates zu Demokratie an sich und ist daher in
den meisten europäischen Staaten durch Gesetze
mit verfassungsmäßigem Status - das heißt beständigen Rechtsvorschriften - verboten.
Redefreiheit findet nicht nur auf Informationen und
Ideen Anwendung, die positiv aufgenommen und als
nicht offensiv oder bedeutungslos angesehen

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werden, sondern auch auf diejenigen, die verletzend,
schockierend oder störend wirken. Mit anderen
Worten, sie schützt auch äußerst persönliche, sogar
unausgewogene und subjektive Meinungen. Das
grundlegende Recht der Rede- und Informationsfreiheit findet im Prinzip auf jeden Anwendung, es ist
kein bestimmten Personen oder besonderen Gruppen
eingeräumtes Recht. Gleichzeitig beinhaltet das
Recht auf Rede- und Informationsfreiheit das Recht
auf Information und das Recht der Öffentlichkeit auf
angemessene Information.
Im Fallrecht des Europäischen Gerichtshofs für
Menschenrechte hat sich die Interpretation der
Presse- und Medienfreiheit eindeutig von dem
klassischen Recht des einzelnen zu einem funktionierenden demokratischen Recht entwickelt. Dieser
Änderung liegt die Sichtweise zugrunde, daß die
Massenmedien, die zur öffentlichen Diskussion
beitragen, die öffentliche Meinung fördern und eine
Öffentlichkeit schaffen - all dies zentrale Aufgaben
demokratischer Gesellschaften - auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft haben.
Grundlegende Wirtschaftsbedingungen
Abgesehen von der Ausübung und Erfüllung öffentlicher Pflichten, die ihnen in einem demokratischen
System obliegen, sind die Massenmedien auch
Unternehmen.
Als Werbeträger stellen sie die
entscheidende Infrastrukturfür die Marktwirtschaft zur
Verfügung, und im Falle der meisten Zeitungen und

Seite 1

�privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten greifen sie
auf die Einnahmen aus Anzeigen und Werbung als
Betriebsgrundlage zurück.
Massenmedien sind
daher gleichzeitig Verteiler und Halter wirtschaftlicher
und politischer Macht und unterliegen den Regeln
eines Marktes, auf dem Nachrichten und Unterhaltung einen gewissen Marktwert haben und die
Medienberichterstattung über Personen oder Produkte eine verkäufliche Ware geworden ist.

Hierarchie des Unternehmens definiert wird, sowie
den einzelnen Journalisten und ihrem beruflichen
Engagement. Je autonomer Journalismus im allgemeinen ist und je mehr Spielraum den Journalisten
bei ihren Aktionen eingeräumt wird, desto besser wird
der Journalismus qualitativ hochwertige Berichterstattung über eine Vielzahl von Themen und
Meinungen in einem bestimmten öffentlichen Medium
bereitstellen.

Die Freiheit der Medien nur im liberalen Sinne der
Freiheit von staatlicher Kontrolle zu sehen, ist unzureichend angesichts der Tatsache, daß häufig nicht
der Staat, sondern der Markt selbst der Hauptmechanismus sozialer Regelung ist. Unter Berücksichtigung dieser Realität appellierte die Erklärung über
Rede- und Informationsfreiheit von 1982 an die
politische Gemeinde, so weit wie möglich eine
Vielfalt von Medien und die Pluralität von Informationsquellen zu fördern.

Das Rechtssystem eines Landes kann uneingeschränkte journalistische Verantwortung nicht aufoktroyieren oder garantieren. Es kann dies umso
weniger, als Verantwortung ein gewisses Maß an
Freiheit impliziert und weder die Objektivität der
Berichterstattung vom Staat definiert noch ihr Wahrheitsgehalt durch eine von der Regierung sanktionierte Version der Wahrheit ersetzt werden darf.
Staatliche Vorschriften für die Medien und andere
Bereiche bestimmen jedoch die rechtliche Verantwortung der Medien, die mit dem Sammeln und
Verbreiten von Informationen in Konflikt mit Objekten
öffentlichen und privaten Rechtsschutzes kommen
können. Sie schaffen einen Rahmen, in dem sich die
Verantwortung des Journalisten entfaltet, und sie
können bestimmte strukturelle Richtlinien für journalistische Verantwortung enthalten.

Journalismus und seine Rolle
Die beruflichen Aktivitäten von in Medienunternehmen tätigen Herausgebern, Redakteuren und Journalisten verschaffen ihnen in vielen Ländern eine
bestimmte rechtliche Präferenzstellung und Schutzgarantien. Diese Rechte sollen nicht ihre eigenen
Kommunikationsinteressen befriedigen, sondern
bestimmten sozialen Aufgaben dienen. Es ist diese
besondere Rolle von Massenmedien und Journalisten in der Gemeinde, die ihnen in vielen Ländern
mehr Rechte einräumt als anderen Bürgern, wenn
es darum geht, Regierungsinformationen zu beschaffen und zu verbreiten.

Es reicht nicht aus, in allen Staaten allgemeine
Prinzipien festzulegen, selbst wenn sie verfassungsmäßige Gesetze haben. Wichtiger ist das Vorhandensein einer Reihe von Grundbedingungen, die den
Medien zunächst einmal die Nutzung ihrer Informationsfreiheit gestatten.
Zugang zu Informationen

Dennoch lehnen viele Länder die Einführung einer
solchen rechtlichen Präferenzstellung und von
Schutzgarantien ab. Selbst Journalisten, Herausgeber und Redakteure sind nicht immer positiv gegenüber Sonderregelungen dieser Art eingestellt, teils
aus ideologischen Gründen und teils aufgrund
unterschiedlicher Traditionen und Geschichte.
Manche fürchten, die Einführung von Regeln für
"Privilegien" könnte auch zu solchen für "Pflichten"
führen - und so die Möglichkeiten der Medien zur
Ausübung ihrer Arbeit aufgrund staatlicher oder
sogar rechtlicher Einmischung verschlechtern.
Es liegt auf der Hand, daß viele unterschiedliche
Parteien die Verantwortung für das Funktionieren
des Mediensystems teilen: Der Staat, der die
rechtliche Grundlage für die Medienarbeit geschaffen
hat; die Medieneigentümer, die die Medien betreiben
und die wirtschaftliche Verantwortung für sie tragen;
die Beschäftigten der Medienunternehmen, deren
Aufgaben durch ihren Kompetenzbereich bestimmt
werden, der wiederum relativ präzise anhand der

Seite 2

Ungehinderter Zugang zu Informationen ist entscheidend, wenn die Berichterstattung mehr als eine bloße
Reproduktion oder leichte Revision vorbereiteter
Pressetexte sein und auf Fakten und nicht nur
Gerüchte oder Halbwahrheiten gründen soll. Dies gilt
ebenso für Informationen von Regierungsvertretern
wie aus anderen Gesellschaftsbereichen. Obwohl die
einzelnen nationalen Bestimmungen auf diesem
Gebiet ein breites Spektrum abdecken, folgen sie im
großen und ganzen zwei Grundmodellen:
1. Kein generelles Recht auf Zugang zu Informationen. Praktisch alle Informationen der Regierung,
Verwaltungsbehörden, Gerichte oder Parlamente
sind vertraulich und werden Privatpersonen und
Journalisten vorenthalten.
2. Geregelter Zugang zu Informationen. Alle Bürger,
einschließlich der Journalisten, haben das Recht
zur Beschaffung von Informationen von den
Behörden, ausgenommen, sie werden aus be-

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�stimmten gesetzlichen vorgeschriebenen Gründen als vertraulich erachtet. Andere Bestimmungen sehen explizite Einschränkungen vor, wenn
beispielsweise die Freigabe die Integrität der
Währung, die nationale Sicherheit oder den
Schutz der Informationen von Privatparteien
gefährden würde, die der Regierung vertraulich
übermittelt wurden.
Die beiden Modelle scheinen sich grundlegend zu
widersprechen. Beim ersten Modell ist es der Druck
zur Freigabe vertraulicher Informationen, der dazu
führte, daß die Journalisten sie erhielten. Beim
zweiten Modell können Journalisten sich auf ihr
Recht auf Information berufen, um sie zu erhalten.
Der qualitative Unterschied entsteht, wenn das Recht
auf Information in einem offiziellen Verfahren gewährt werden kann, das mit der Entscheidung einer
unabhängigen (gerichtsähnlichen) Behörde endet.
Schutz der Vertraulichkeit journalistischer Informationsquellen
Vertraulichkeit der Informationsquellen schützt die
Vertraulichkeit der Informanten, Informationsquellen
und Materialien, einschließlich der Unterlagen und
des fotografischen Materials des Journalisten, und
leitet sich aus der spezifischen Funktion der Massenmedien in demokratischen Gesellschaften ab.
Vertraulichkeit der Quellen wird vom Gesetz durch
das Recht auf Weigerung zur Anhörung bei Verfahren vor einem Gericht oder einem Regierungsvertreter ohne Angst vor einem Nachteil geschützt. Das
Recht auf Aussageverweigerung muß allen im
journalistischen Bereich Tätigen gewährt werden,
das heißt, Eigentümern/Herausgebern, Redakteuren,
allen bei den Medien Beschäftigten und allen anderen, die für ein Medienunternehmen arbeiten. Der
Grund, warum die Gruppe privilegierter Personen so
groß ist, liegt darin, daß nicht nur Beschäftigte und
freiberufliche Journalisten in vertrauliche Informationen oder Dokumente eingeweiht werden können,
sondern auch alle anderen, die mit der Herstellung
gedruckter Arbeiten oder anderer Medienprodukte
befaßt sind.
Um eine Umgehung des Schutzes der Vertraulichkeit
von Informationsquellen zu verhindern, verbieten
viele Mediengesetze auch die Konfiszierung von
redaktionellem Material, die Durchsuchung von
Redaktionsbüros und der Wohnung des Journalisten
sowie Durchsuchung der Person mit dem Zweck, der
Vertraulichkeit der Quelle unterliegende Informationen zu beschaffen.
In vielen Ländern dürfen diejenigen, denen das
Recht auf Aussageverweigerung zusteht, auch die

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Beantwortung von Fragen über die Identität des Verfassers, Beitragenden oder die Quelle von Beiträgen
und Material verweigern. Das Privileg der Verweigerung der Beantwortung von Fragen erstreckt sich
auch auf den Inhalt der einem Journalisten übermittelten Informationen zum Zwecke seiner journalistischen Aktivitäten. Wenn ein Journalist selbst an
einer Straftat beteiligt war und ihm deswegen der
Prozeß gemacht wird, darf er nicht die Vertraulichkeit
der Quellen in Anspruch nehmen. Wie alle einer
Straftat Beschuldigten kann er sich jedoch weigern,
eine Aussage zu machen oder bestimmte Fragen zu
beantworten.
Beziehungen zwischen Beschäftigten bei Massenmedien
In wie Privatunternehmen strukturierten Medienunternehmen bestimmen der Eigentümer oder das von ihm
eingesetzte Management die Geschäftsziele des
Unternehmens und die grundlegende redaktionelle
Politik des Blattes oder Programms zu politischen
oder philosophischen Themen. Der Medieneigentümer ist daher berechtigt, Journalisten auszuwählen,
die ein Blatt oder Programm im Einklang mit seinen
eigenen Ideen erstellen oder auf die Realisierung der
von ihm festgesetzten journalistischen und unternehmerischen Ziele hinarbeiten. Bei den Printmedien
wäre die Verpflichtung zur Aufrechterhaltung eines
Gleichgewichts oder der Objektivität - im Augenblick ebenso schwer mit dieser Freiheit in Einklang zu
bringen, als wenn jemand von außerhalb der Medien
ihre inhaltliche Politik diktieren würde. Das Thema
Ausgewogenheit und Objektivität ist anders gelagert,
wenn ein Mangel an externer Pluralität besteht
entweder aufgrund eines Monopols oder begrenzter
Frequenzen, das heißt, auf einem kleinen Markt oder
angesichts einer hohen Medienkonzentration.
Es gibt objektive Begrenzungen der Befugnis des
Eigentümers zum Erteilen von Instruktionen in Fällen,
die die individuelle berufliche Verantwortung des
Journalisten, seine berufliche Qualifikation und
geistige Leistung betreffen. Konflikte können beispielsweise entstehen, wenn Beschäftigte in Medienunternehmen gebeten werden, Artikel oder Kommentare entgegen ihrer persönlichen Überzeugung zu
grundlegenden Themen oder entgegen der journalistischen Berufsprinzipien zu verfassen.
Da die wirtschaftliche Abhängigkeit von Journalisten
sie bei Auseinandersetzungen mit Eigentümern/Herausgebern in eine schwächere Position versetzt,
treffen viele Länder besondere Vorkehrungen zum
Schutz der Interessen von Journalisten. Ferner gibt
es Beispiele für Bestimmungen zur Lösung von
Gewissenskonflikten und Streitigkeiten, die aus
Veränderungen der politischen Linie einer Publikation

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�resultieren (beispielsweise als Ergebnis eines Besitzerwechsels):
Gewissensklausel/Schutz persönlicher Überzeugungen. Bei Entscheidungen über den Inhalt
seiner Arbeit ist jeder Journalist an die Weisungen seines Vorgesetzten gebunden. Unter der
Gewissensklausel kann sich jeder Mitarbeiter der
Medien weigern, an Artikeln oder Präsentationen
mitzuwirken, die im Widerspruch zu den Grundsätzen des journalistischen Berufs oder seinen
persönlichen Überzeugungen stehen, ohne Angst
vor Entlassung oder möglichen rechtlichen Nachteilen haben zu müssen.
Schutz geistigen Eigentums. Der Schutz der
Arbeit einzelner Journalisten sieht auch den
Schutz von mit dem Namen des Autors versehenen Artikeln vor. Dieser Sicherheitsklausel zufolge darf jeder mit dem Namen oder Pseudonym
des Autors versehene Artikel nur in einer vom
Autor genehmigten Form veröffentlicht werden.
Wird der Sinn eines Artikels geändert, muß vor
der Veröffentlichung eine Genehmigung angefordert werden oder der Name des Autors muß
wegfallen.
Grenzüberschreitende journalistische Aktivitäten
Redefreiheit kennt keine Landesgrenzen. Daher
müssen angemessene Vorkehrungen getroffen
werden, um Zugang zu Informationen aus dem
Ausland, offene Grenzen für ausländische Journalisten, Freiheit ausländischer Journalisten sowie ihre
ungehinderte Bewegungsfreiheit im Land und die
Sicherheit ihrer Person zu gewährleisten.
Es fällt in den Verantwortungsbereich der Bundesstaaten, die sozialen Rechte von Journalisten in
Krisenregionen zu schützen. Zeitungen, Rundfunksender und Nachrichtenagenturen geben diesen
Journalisten in zunehmendem Maße Aufgaben auf
dem Gebiet der Recherche mit hohen Ausgleichszahlungen für Risiken, jedoch auf freiberuflicher
Basis. Ein "Beschäftigungsabkommen" dieser Art
hat einen praktischen Nachteil für freie Journalisten
bei ihrer täglichen Arbeit, da sie bei ihren Auseinandersetzungen mit den oft nicht sehr wohlwollenden Behörden nicht länger auf die Unterstützung
eines anerkannten und einflußreichen Mediums
zurückgreifen können. Da das Recht auf Redefreiheit und die persönliche Freiheit von Journalisten
untrennbar verknüpft sind, ist es von essentieller
Bedeutung, daß die Sicherheit von Journalisten im
Interesse der Informationsfreiheit durch bindende
nationale Gesetze garantiert wird.

Seite 4

Grenzen der Rede- und Informationsfreiheit
Die Praktizierung von Presse- und Redefreiheit
beinhaltet Pflichten und Verantwortung. In einzelnen
Fällen kann das Menschenrecht auf Rede- und
Informationsfreiheit mit anderen grundlegenden
Rechten in Widerspruch stehen, insbesondere
denjenigen, die individuelle Rechte einer Person per
Gesetz schützen. Einschränkungen in diesen Bereichen sind jedoch nur dann gestattet, wenn sie
gesetzlich vorgeschrieben und in einer demokratischen Gesellschaft notwendig sind. Die Einschränkungen müssen auch ein legitimes Ziel verfolgen und
den Interessen der Öffentlichkeit entsprechen.
Berechtigte Einschränkungen der Rede- und Informationsfreiheit gemäß Artikel 10 (2) der Europäischen Konvention über Menschenrechte können in
drei Kategorien eingeordnet werden:
Einschränkungen zum Schutz des öffentlichen
Interesses (nationale Sicherheit, territoriale Integrität, öffentliche Sicherheit, Verhütung von Verbrechen, Schutz von Gesundheit oder Moral),
Einschränkungen zum Schutz der Rechte des
einzelnen (Schutz des Rufs oder der Rechte
anderer, Vermeidung der Weitergabe vertraulicher
Informationen),
Einschränkungen zur Wahrung der Amtsgewalt
und Unparteilichkeit der Judikative.
Neben diesen rechtlichen Einschränkungen der
Informationsfreiheit, die auf dem Fallrecht des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte betreffend
Artikel 10 (2) der Europäischen Konvention über
Menschenrechte basieren, bestehen natürlich andere,
subtilere Methoden der Einschüchterung und Zensur.
Wenn während einer allgemeinen Wirtschaftskrise ein
geringes Angebot an Waren besteht, kann die
Regierung eingreifen, um die Medien durch die
Verhängung von Quoten zu kontrollieren, solange der
Markt nicht vernünftig funktioniert und das Papier
knapp ist. Ebenso kann die Regierung ihre Macht
und die Überreste des alten staatlichen Sicherheitsapparats einsetzen, um Journalisten einzuschüchtern
und dadurch kritische Berichterstattung zu unterdrücken.
Freiwillige Selbstbeschränkung der Massenmedien
Das Ziel freiwilliger Selbstbeschränkung der Medien
besteht in der Festlegung und Umsetzung ethischer
Regeln für die journalistische Praxis. Beim Gipfel des
Europarats im Jahr 1993 in Wien verabschiedeten die
Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten eine

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�Erklärung, die alle Mitarbeiter der Medien dazu
aufruft, sich ihrer großen Verpflichtung zu demokratischer Politik bewußt zu sein, insbesondere bei der
Berichterstattung über aufkommenden Rassismus
und weitverbreitete Fremdenfeindlichkeit.
Die
Regierungschefs riefen die Journalisten auch zur
Annahme angemessener ethischer Kodizes auf.
Diese Initiativen auf der Ebene der Europarates
unterstreichen die Bedeutung der Medien in ganz
Europa bei der Bekämpfung von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, aggressivem Nationalismus und zunehmender Gewalt als Mittel zur
Lösung gesellschaftlicher Konflikte.
Im allgemeinen setzt der Ehrenkodex des Berufsstandes Maßstäbe für journalistische Verantwortung
(Wahrheitspflicht bei der Berichterstattung) und
nennt die Prinzipien journalistischer Fairness und
Gewissenhaftigkeit (beispielsweise die Pflicht zu
recherchieren) sowie der journalistischen Ethik
widersprechendes Verhalten (beispielsweise die
Annahme von Bestechungsgeldern). Diese Kodizes
stellen jedoch keine zwingende juristische Verpflichtung dar, sondern sind eine Sammlung von
Normen zur Selbstbeschränkung eines autonomen
Berufsstands. Sie helfen den Massenmedien, bei
Fragen journalistischer Kompetenz und Ethik ein
gewisses Maß an Autonomie gegenüber staatlicher
Regulierung zu erreichen.
In vielen Ländern agiert ein von Eigentümern und
Herausgebern finanzierter Presserat als offizielles
Gremium für journalistische Selbstbeschränkung.
Die Effizienz dieser sich selbst kontrollierenden
Institutionen unterscheidet sich stark in verschiedenen europäischen Ländern und kann vor allem an
drei Kriterien gemessen werden. Erstens das in den
ethischen Richtlinien - der Grundlage für die Entscheidungsfindung - niedergelegte Gleichgewicht
zwischen dem für die Erfüllung ihrer Aufgaben
erforderlichen Schutz der Presse und anderen
Interessen. Zweitens die Konsequenzen der Umsetzung dieser Richtlinien durch den Presserat. Drittens das Ausmaß, in dem sich Zeitungen an die vom
Presserat getroffenen Entscheidungen halten.
Zukunftsperspektiven
Nachfolgend werden kurz einige Trends beschrieben, die Hinweise darauf geben könnten, wie sich
die Debatte in Zukunft entwickelt.
Die Zunahme freier Journalisten
In Westeuropa und den Vereinigten Staaten ist bei
den Medien ein zunehmender Trend zu beobachten,
Journalisten nicht in den Redaktionsstab aufzunehmen, sondern auf die Arbeit freier Journalisten

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zurückzugreifen. Einerseits kommen - im Hinblick auf
die Diversifizierung vor allem in den Printmedien hochwertige Zeitschriften bestimmter Interessengruppen auf den Markt, andererseits kann diese
Entwicklung als Rationalisierungsmaßnahme der
Eigentümer/Herausgeber betrachtet werden.
Diese Vereinbarung hat gravierende Nachteile für die
betroffenen Journalisten. Aufgrund des Mangels an
Sicherheit unter dem Sozialgesetz und wegen ihres
unsicheren Einkommens sind freie Journalisten
gezwungen, den Medien jeden Artikel zum Verkauf
anzubieten. Angesichts der Verbreitung unentgeltlicher Vermittlung und weltweiter Information über
Öffentlichkeitsarbeit können freie Journalisten jetzt
von den Medien nach Gutdünken gelenkt und nur
wenn unbedingt nötig angefordert werden.
Das Ergebnis ist ein steigender Konkurrenzdruck, der
Journalisten zur zunehmenden Sensationsberichterstattung aus möglichst gefährlichen Regionen
zwingt. Die internationale Kontroverse über die
Medienberichterstattung im bosnisch-serbischen Krieg
ist hierfür ein Beispiel. In vielen Fällen verzichteten
die freiberuflichen Kriegsberichterstatter auf seriöse
Recherche und präsentierten der internationalen
Öffentlichkeit Halbwahrheiten und Gerüchte. Der
Druck des Marktes zur schnellen Verfassung von
Sensationsgeschichten unterhöhlt nicht nur die
Qualität der Informationen, sondern - was noch
schlimmer ist - verletzt die fundamentalen Menschenrechte der beteiligten Parteien.
Wandel aufgrund technologischer Innovationen
Die Multimedia-Welt von morgen (Schlagwort: die
digitale Revolution) wird nicht nur den Kommunikationsmodus der Gesellschaft, sondern auch die Rolle
und das Selbstbild der Journalisten grundlegend
verändern. Typisch für die Medienunternehmen ist
schon lange ihr höchst komplexer Produktionsprozeß,
der nur richtig funktionieren kann, wenn präzise
kalkulierte Zeitpläne genau eingehalten werden.
Journalisten werden gezwungen, sich dem allgemeinen Produktionsprozeß unterzuordnen. Die Vorteile
der Umstellung auf Computer, die größere Geschwindigkeit und Flexibilität, der beträchtlich ausgedehnte
Zugang zu den Produkten journalistischer Arbeit im
Verlauf des Produktionsprozesses kann heute nur
durch größere Selbstdisziplin vorteilhaft genutzt
werden.
Es ist offensichtlich, daß die Journalisten der Zukunft
sich immer weiter von der klassischen Vorstellung
des "rasenden Reporters" entfernen und äußerst
geschickte Telekommunikationsarbeiter werden. Aus
diesem Grund wird die angemessene Bildung und
Ausbildung von Journalisten im Mittelpunkt des

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�öffentlichen Interesses stehen. Es liegt im Eigeninteresse demokratischer Gesellschaften, keine
Kosten oder Mühen zum Schutz eines Sektors zu
sparen, der für ihr eigenes Überleben so wichtig ist
wie der Journalismus.
Schutz der Vertraulichkeit journalistischer Quellen
Obwohl die meisten Bundesstaaten keine Gesetze
über redaktionelle Geheimhaltungspflicht haben,
zeigen die jüngsten Entwicklungen definitiv einen
Trend zur Festsetzung rechtlicher Normen in dieser
Frage. Gerichte höherer Instanzen geben in ihrer
Urteilsfindung zunehmend den Journalisten recht,
indem sie die Verurteilung von Journalisten revidieren, die sich weigerten, ihre Informationsquelle
bekanntzugeben. Der nächste zu erwägende logische Schritt wäre ein Rechtsschutz für die Geheimhaltung der Informationsquelle. Das Recht, Aussagen vor Gericht ohne Angst vor Nachteilen verweigern zu können, wird in den internationalen
Debatten absolute Priorität erhalten. Das Recht auf
Verweigerung der Aussage vor Gericht besteht
bereits in einigen Bundesstaaten und könnte in
dieser Hinsicht als Modell dienen.
Kontrolle des Zugangs zu Informationen
Damit die Medien und Journalisten ihrer Funktion
"als Wachhund" wirksam gerecht werden können,
darf ihr Zugang zu Informationen so wenigen Beschränkungen wie möglich unterliegen. Obwohl es
in vielen Fällen diesbezüglich keine gesetzlichen
Regelungen gibt, werden Daten oder Informationen
von öffentlichen Stellen im wesentlichen als vertraulich angesehen. Der entgegengesetzte Ansatz der bereits von verschiedenen Ländern angenommen wurde - scheint praktischer und demokratischer
zu sein.

Die Frage, ob für Journalisten Sonderregelungen
gelten oder für alle Bürger eine allgemeine Informationspflicht gesetzlich festgelegt werden sollte, muß
noch eingehender diskutiert werden. Ungeachtet
dessen, welche Entscheidung gefällt wird, müssen
diese Diskussionen von einer zentralen Tatsache
geleitet sein: Je besser die Bürger in demokratischen
Systemen informiert sind, und je wirksamer die
Gesellschaft die Machtverhältnisse innerhalb dieser
Systeme kontrollieren kann, desto stärker sind diese
Systeme. Die Massenmedien sind ein entscheidender Faktor dabei, die Aufrechterhaltung dieser beiden
Situationen zu garantieren.
Medienkonzentration
Im Verlauf der Deregulierung, Internationalisierung
und Kommerzialisierung des gesamten Mediensektors in ganz Europa werden die transnationale
Sammlung und Verbreitung von Informationen und
die Konzentration von Unternehmen immer wichtiger.
Obwohl der Zusammenschluß von Medienunternehmen zur Schaffung einer soliden ökonomischen
Grundlage beitragen kann, die die Medien zur Erfüllung ihrer Aufgaben benötigen, kann er auch eine
Gefahr für die redaktionelle Freiheit und damit für die
Autonomie der Journalisten darstellen. Medienkonzentration ist auch insofern ein Anliegen, als sie de
facto die Verweigerung des Zugangs zum journalistischen Beruf darstellt, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Auftragsvergabe nach außen an
freie Journalisten. Folglich werden rechtliche Maßnahmen im Hinblick auf Medienkonzentration (beispielsweise Kartellregeln, Maßnahmen gegen den
gleichzeitigen Besitz mehrerer Medien, Transparenz
bei den Besitzverhältnissen etc.) in zukünftigen
Diskussionen zweifelsohne eine zentrale Rolle
spielen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 25

�GESUNDHEIT
16. August 1995

Steigende Temperaturen gefährden
menschliche Gesundheit
Auswirkungen der globalen Klimaerwärmung
WASHINGTON - (AD) - Wissenschaftlern zufolge
könnte der durch den langfristigen Klimawandel
hervorgerufene Treibhauseffekt jedes Jahr den Tod
Hunderttausender Menschen infolge von Tropenkrankheiten wie Malaria und Gelbfieber verursachen.
Forscherweisen unter Einsatz globaler Klimamodelle
auch auf die Möglichkeit hin, daß in den Industrieländern aufgrund von Hitzewellen im Sommer zusätzliche Tote zu beklagen sein werden. Anfang des
Jahres starben in Chicago mehr als 500 Menschen
während einerfünftägigen Hitzewelle mit Temperaturen von 41 °C.
Die Wissenschaftler erwarten jedoch, daß der
Treibhauseffekt seine schlimmsten Auswirkungen auf
die Entwicklungsländer haben wird und prognostizieren eine Zunahme ansteckender Krankheiten infolge
der starken Verbreitung von Moskitos und anderen
Schädlingen.
Dr. Paul Epstein, Professor für Tropenmedizin an
der Fakultät für Volksgesundheit in Harvard, zufolge
ist die Klimaerwärmung wahrscheinlich für die
Zunahme der Aedesmücke verantwortlich - des
Hauptüberträgers von Dengue- und Gelbfieber - die
sich stärker als je zuvor in den Bergregionen von
Costa Rica, Kolumbien, Indien und Kenia verbreitet.
Die Moskitos kommen in einer Höhe von über 2.000
Metern vor, wohingegen sie früher aufgrund der
Temperaturen nur unter 1.000 Metern zu finden
waren.
Ferner berichten die Wissenschaftler, im Südosten
der Vereinigten Staaten hätte sich eine Moskitoart
niedergelassen, die Gelbfieberparasiten beherbergt.
Bei einem Ausbruch von Gelbfieber in New Orleans
würden dem National Institute of Medicine zufolge
100.000 Menschen erkranken und 10.000 sterben.
Epsteins Untersuchungen förderten auch Beweise
zutage, daß Wärme die Ausbreitung von Malaria
begünstigt.

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"In Afrika befinden sich die Malaria übertragende
Moskitos in den höher gelegenen Gebieten Kenias
und bedrohen Nairobi, wo es früher keine Malaria
gab", so Epstein. "Sie kommen dort anscheinend
erst in den letzten beiden Jahrzehnten vor - seit sich
Mitte der siebziger Jahre schnelle Veränderungen
vollziehen."
Michael Loevinsohn, Ökologe am International
Development Research Center im indischen NeuDelhi, sieht einen Zusammenhang zwischen der
durchschnittlichen Temperaturerhöhung in Ruanda
1987 um 1°C und einem 337prozentigen Anstieg der
Malariafälle in jenem Jahr. Besonders stark betroffen
waren die Bergregionen Ruandas, in denen Loevingsohns Erkenntnissen zufolge Malaria nur selten
vorgekommen war.
Wissenschaftler sehen eine Verbindung zwischen den
durch El Nifto - eine zyklische Erwärmung des
tropischen Pazifiks, die das Weltklima beeinflußt hervorgerufenen Wärmeperioden und starken Regenfällen mit gesundheitlichen Beschwerden und dem
Ausbruch ansteckender Krankheiten.
Epstein und die Mikrobiologin Rita Colwell, Präsidentin des Maryland Biotechnology Institute, deuten an,
El Nifto könnte zum Ausbruch der Cholera beigetragen haben, die 1991 in 19 Ländern Südamerikas
Tausende von Todesopfern forderte. Die Wissenschaftler sind der Ansicht, die durch El Nifto geschaffenen Bedingungen hätten das Wachstum von
Plankton gefördert, in dem sich Cholerabakterien
befänden. Ferner sammelten sie Daten über einen
möglichen Zusammenhang zwischen El Nifto und
dem jüngsten Ausbruch der Cholera in Bangladesch.
In Simbabwe und dem westlichen Mosambik führten
Dürreperioden in Verbindung mit El Nifto regelmäßig
zu einer starken Vermehrung von Ratten, die Träger
einer Vielzahl von Krankheitserregern sind.

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�Klimaveränderungen in Form von Überschwemmungen und Dürreperioden waren im Jahr 1993 wahrscheinlich indirekt für das Auftreten von durch das
Hantavirus übertragenen Erkrankungen der Atemwege im Südwesten der Vereinigten Staaten verantwortlich. Studien stellen eine Verbindung zwischen dem Entstehen der Krankheit und einer
plötzlichen Vermehrung von wilden Mäusen her, die
nach den starken Regenfällen aufgrund der Erwärmung durch El Niho Träger des Hantavirus sind.
Durch den Regen bekamen die Mäuse viel Futter,
während die Dürre viele Tiere, denen sie als Nahrung dienten, sterben ließ. Das führte innerhalb
eines Jahres zu einer zehnfachen Zunahme des
Mäusevorkommens. Im Juni 1995 meldeten 23
amerikanische Bundesstaaten 106 Fälle der ungewöhnlichen Krankheit. Die Hälfte der Krankheitsfälle
endete tödlich.
Wissenschaftler berichten, die Erwärmung der tiefen
Ozeane fördere die El Nifio begünstigenden Bedingungen, die seit 1980 häufiger vorkamen und länger
andauerten.
"Allein in den letzten sechs bis acht Monaten konnten wir eine Erwärmung in den Tiefen des indischen,
pazifischen und atlantischen Ozeans feststellen", so
Epstein. "Sogar die beiden Eiskappen an den Polen
erwärmten sich im Verlauf des letzten Jahrzehnts um
1°C. Seit fünf Jahren befinden wir uns in einem
beständigen El Nino-Muster... das die Erwärmung
der Ozeane widerspiegelt. Dies ist ein eindeutiges
Anzeichen für die globale Klimaerwärmung."
Epstein ist der Ansicht, daß die mehr als 500 Todesopfer der jüngsten Hitzewelle in Chicago ein Beispiel
für die möglichen Gesundheitsrisiken des Treibhauseffekts sind.
"Meiner Ansicht nach sollte der gesamte Sommer für
uns ein Alarmzeichen sein. Kein Wissenschaftler
würde behaupten, eine einzige Hitzewelle erbringe
den Beweis für irgendeine Behauptung. Aber wir
erleben eine der längsten Hitzewellen dieses Jahr-

*

Seite 2

-

*

hunderts. Und das steht vollkommen in Einklang mit
unseren Vermutungen über die Auswirkungen von
Treibhausgasen und die Klimaerwärmung."
Klimatologen der University of Delaware fanden unter
Einsatz eines Erderwärmungsmodells heraus, eine
durchschnittliche Temperaturerhöhung um 2 bis 4°C
würde wahrscheinlich die Zahl außergewöhnlich
heißer Tage in einem Sommer verdoppeln. Dies
wiederum könnte laut ihrer Erkenntnisse die Anzahl
von Hitzeopfern in einem Sommer in New York von
320 auf mindestens 880 und in Kairo von 281 auf
1.125 steigern.
Obwohl die meisten Wissenschaftler zunehmende
Beweise für die Erderwärmung - die achtziger Jahre
waren den Unterlagen zufolge das wärmste Jahrzehnt - anführen, ist noch nicht geklärt, ob diese auf
Klimaerwärmung infolge der Emissionen von Kohlendioxid und anderen Gasen durch die Industrie hindeutet oder auf einen vorübergehenden Temperaturanstieg aufgrund von Klimaschwankungen.
Im Hinblick auf die gesundheitlichen Risiken der
globalen Erwärmung empfiehlt Epstein eine erhöhte
Überwachung ansteckender Krankheiten.
"Wir müssen Gesundheitskontrolle in die Umweltbeobachtung integrieren, um antizipieren und manchmal sogar vorhersagen zu können, wann es heiß und
feucht wird, damit wir wissen, wo Malaria auftritt",
erklärt er.
Letzten Endes müssen die für das Gesundheitswesen
Zuständigen ihre Vorstellung von Krankheit verändern, so die Arbeitsgruppe für neue und wiederkehrende Krankheiten der Harvard University.
"Wir müssen Krankheiten als Resultat einer Vielzahl
von Bedingungen sehen, die Folge von Veränderungen nicht nur innerhalb von Zellen, sondern auf der
ganzen Welt sind, einschließlich klimatischer und
wirtschaftlicher Muster", lautete die Schlußfolgerung
der Arbeitsgruppe in ihrem jüngsten Bericht.

*

*

AMERIKA DIENST 25

�AIDS
16. August 1995

AIDS ist Alptraum für Menschheit und ihre Entwicklung
Rede von J. Brian Atwood
WASHINGTON - (AD) - Nahezu 600.000 Menschen weltweit werden allein in diesem Jahr an AIDS sterben
und man erwartet, daß die Krankheit bis zum Jahr 2000 zwischen 1,5 und 3 Millionen Opfer fordert. Damit
stellt die Immunschwächekrankheit nicht nur eine humanitäre Tragödie, sondern auch einen Alptraum für die
Entwicklungspolitik dar.
J. Brian Atwood, der Direktor des US-Amts für internationale Entwicklung (U.S. Agency for International
Development - USAID) wies am 7. August 1995 in seiner Eröffnungsansprache bei der dritten, von USAID
veranstalteten HIV/AIDS-Präventionskonferenz auf diese Tatsache hin.
Die Ausbreitung des Virus und der Krankheit betrifft ihm zufolge diejenigen, die bei Entwicklungsangelegenheiten an vorderster Front stehen sollten - junge Menschen, Frauen, Kinder.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der Rede von Direktor Atwood.
Im Namen meiner Regierung und des Amts für
internationale Entwicklung begrüße ich Sie bei dieser
dritten Konferenz zur Vorbeugung gegen HIV/AIDS.
Zunächst einmal möchte Ihnen im Namen unserer
Gemeinden für die von Ihnen geleistete Arbeit zur
Bekämpfung dieser schrecklichen Krankheit danken.
Wir alle schulden Ihnen Dank, denn Sie helfen nicht
nur den Virusträgern, sondern Ihren eigenen Familien, den Familien Ihrer Gemeinde und den
Familien Ihrer Nation.

Bei unseren heutigen Gesprächen wollen wir ehrlich
über unsere Fehlschläge sprechen und einander
unsere Erfolge mitteilen. Wir wollen unsere Mitbürger
zu gemeinsamen Aktionen bewegen, wenn nötig
auch dadurch, daß wir sie in Verlegenheit bringen.
Denn es steht viel auf dem Spiel. Viele sind von den
Konsequenzen des HI-Virus betroffen, und es werden
immer mehr. Wir können diese gefährliche Mischung
aus Angst und Selbstgefälligkeit, die unsere Bestrebungen zur Rettung von Menschenleben behindert,
nur überwinden, wenn wir die Menschen zum Handeln bringen.

Ich bin sehr stolz darauf, daß das Amt für internationale Entwicklung Ihre Arbeit unterstützt, denn
gemeinsam haben wir etwas bewirkt. Gemeinsam
haben wir die Angst überwunden, gemeinsam haben
wir den mit dem Virus Infizierten Beistand geleistet,
und wir haben verhindert, daß Millionen anderer
Menschen ebenfalls unter seinen Folgen leiden
müssen.

Sie alle wissen nur zu gut, daß sich über unseren
Köpfen ein Gewitter zusammenbraut. Wenn die
achtziger Jahre das Jahrzehnt der Infektionen mit
dem HI-Virus waren, werden die neunziger Jahre
tragischerweise das Jahrzehnt der Todesfälle aufgrund von AIDS. 1995 werden mehr als 19 Millionen
Männer, Frauen und Kinder mit dem HI-Virus infiziert.

Bei dieser Konferenz hoffen wir, durch Erfahrungsaustausch weitere Fortschritte beim Verständnis
dieser gefürchteten Krankheit zu machen. In nur 15
Jahren haben wir viel gelernt, aber unser Wissen
reicht noch lange nicht an unser Engagement heran.
Unsere Rhetorik bei internationalen Zusammenkünften geht immer noch weit über greifbare Aktionen unserer Regierungen hinaus. Angst und Unwissenheit spielen bei unseren nationalen Debatten
immer noch eine viel zu große Rolle.

Wir sehen jetzt bereits das Ergebnis: Schätzungsweise werden allein in diesem Jahr weltweit zwischen
300.000 und 600.000 Menschen an AIDS sterben.
Jeder in diesem Raum weiß, daß wir seit unserer
Kindheit über das Jahr 2000 sprechen, als wäre es
etwas Wunderbares, ein Jahr der Wunder. Aber
aufgrund der Zahlen über HIV-Infektionen können wir
bereits prognostizieren, daß im Jahr 2000 zwischen
1,5 und 3 Millionen Menschen an AIDS sterben
werden.

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�Es wird Opfer in jeder Nation geben, insbesondere
in den Entwicklungsländern. AIDS ist eine einzigartige Gesellschaftskrankheit - sie läßt nicht nur das
Individuum sterben, sondern auch Ehemänner,
Ehefrauen, Eltern, Kinder, Freunde und Nachbarn.
Ihr früher Tod ist eine Tragödie und erschüttert die
Grundfesten unserer Gemeinden und Nationen.
Insbesondere Frauen werden zunehmend Opfer des
HI-Virus. In Afrika sind bereits mehr Frauen als
Männer infiziert. Frauen, selbst in stabilen monogamen Beziehungen, sind besonders anfällig - nicht
wegen ihres eigenen Verhaltens, sondern aufgrund
des Verhaltens ihrer Partner.
Jugendliche werden zunehmend Zielscheibe des HIVirus. Die größte Zahl von Neuinfektionen findet
sich bei den 15-25jährigen - sowohl in den Industriestaaten als auch in den Entwicklungsländern.
Kinder sind direkt und indirekt von der Krankheit
betroffen. Im Jahr 2000 könnten 10 Millionen Kinder
als Folge von AIDS-Todesfallen zu Waisen geworden sein. Innerhalb von 15 Jahren wird die Lebenserwartung in Thailand, Kenia und Simbabwe um
mehr als 25 Jahre sinken. In Uganda, wo das HIVirus derzeit am stärksten verbreitet ist, ist die
Lebenserwartung bereits auf 37 Jahre gesunken.
Über das verursachte menschliche Leid hinaus
haben wir versucht, eine einfache Wahrheit mitzuteilen: Diese Statistiken sind nicht das Problem
anderer. Wenn Gemeinden zerfallen und Nationen
scheitern, müssen wir alle dafür zahlen. Wir werden
einen Preis in Form von erhöhten Kosten für Hilfsleistungen zahlen. Wir werden für die Friedenssicherung zahlen, um Bürgerunruhen einzudämmen.
Wir werden für verlorene Märkte und Arbeitsplätze
zahlen. Und am wichtigsten ist, daß wir einen
geistigen Preis zahlen müssen, nicht nur aufgrund
der vielen Seelen, die wir verlieren, sondern auch
wegen des Verlusts an Menschen, die Wissenschaftler, Lehrer, Gesetzgeber, Erbauer ihrer Nationen hätten sein können.
Wir als Experten müssen unseren Mitbürgern
klarmachen, daß diese Krankheit alle Menschen
bedroht - Arme und Reiche gleichermaßen. Dies ist
nicht nur ein Problem für weit entfernte Länder. Es
ist nicht nur ein Problem für Menschen mit bestimmten sexuellen Präferenzen. Es ist nicht nur ein
Problem für die mit dem Virus Infizierten. Es ist
unser Problem.
Diese Zusammenkunft wäre ein Mißerfolg, wenn wir
nur neue Technologien, Präventivmaßnahmen oder
Behandlungen erörtern würden. Unser Erfolg sollte
auch als Maßstab dafür dienen, ob wir mit den

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Menschen in Kontakt treten können. Unser Erfolg
beim Umgang mit dieser Herausforderung steht in
direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit, den
Menschen eine stigmatisierte Krankheit näherzubringen. Zu viele Vertreter unserer Regierungen und
Gesellschaften konnten die Krankheit anfangs verharmlosen und ihr den Rücken zukehren. Zu viele
haben die Bedrohung ignoriert, die diese Krankheit
für unsere Gemeinden darstellt, indem sie sie als
Krankheit weit entfernt lebender Menschen, Gruppen
oder völlig anderer Lebensstile darstellten.
Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Fehlschläge
öffentlich anzuerkennen. Wer von uns machte sich
in den frühen Jahren nicht der Verharmlosung
schuldig? Nur sehr wenige. Aber heute, nach 15
Jahren und Millionen von Todesopfern, gibt es keine
Entschuldigung mehr, die Auswirkungen dieser
Krankheit auf den Menschen und die Gesellschaft zu
ignorieren.
Die für das Jahr 2000 prognostizierten Todesfälle
sind vielleicht wirklich unvermeidlich. Aber wenn die
neunziger Jahre das Jahrzehnt der Todesfälle aufgrund von AIDS sind, können sie auch das Jahrzehnt
der Eindämmung, des Höchststands der HIV-Epidemie, der Anfang vom Ende dieser Epidemie werden.
Diese Konferenz findet zu einem entscheidenden
Zeitpunkt statt. Wir haben jetzt umfassende Fachkenntnis. Diese Fachkenntnis ist auf dem ganzen
Globus verbreitet. Die Initiative von USAID zur
Durchführung von Programmen gegen HIV/AIDS läuft
bereits seit 10 Jahren.
Wir haben wirkliche Fortschritte gemacht. USAID rief
nahezu 400 Präventionsprogramme in 42 Entwicklungsländern ins Leben. Mit umfassenden Programmen zur Aufklärung und Erziehung im Bereich von
HIV/AIDS erreichten wir nahezu 3 Millionen Menschen. USAID unterstützte eine gemeindeorientierte
Reaktion durch beinahe 200 Freiwilligen- und nichtstaatliche Organisationen, die HlV-Präventionsprogramme durchführen.
Vor einem Monat stand ich im Hof einer dieser
Organisationen, der AI DS-Unterstützungsorganisation
Ugandas (TASO). Ich wurde von der beeindruckendsten, optimistischsten Frau informiert, der ich je
begegnet bin - Noriene Kaleeba. Norienes Ehemann
war ein AIDS-Opfer. Sie engagiert sich auf wahrhaft
inspiriernde Weise im Kampf gegen AIDS. In ihrem
Buch "Wir alle vermissen Dich" (We Miss You All),
das sie mir erst gab, nachdem ich ihr versprochen
hatte, es zu lesen, offenbart sie das Geheimnis ihres
Erfolgs:

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�"Ich lebe mit der quälenden Angst und der
Frage, wann, wo und wie es für mich soweit
sein könnte. Ich habe mich jedoch dafür
entschieden, positiv mit diesen Ängsten umzugehen, offen zu kämpfen und soviel wie
möglich zu dem Kampf beizutragen, der letztlich zum Sieg über das HI-Virus führen wird."
Sie gerne wir das auch hätten - es gibt keine zweite
Noriene Kaleeba. Sie erreicht so viel, wie man als
einzelner Mensch nur erreichen kann. Und obwohl
sie selbst nicht überall sein kann, können ihre Ideen,
Vorgehensweise, ihre einzigartige Kombination von
Ansätzen überall sein. Das ist das wichtigste Ziel
dieser Konferenz.
Wir sollten die in Thailand gemachten Erfahrungen
weitergeben, wo sexuell übertragbare Krankheiten
um 79 Prozent abnahmen. Wir sollten unsere
Erfahrungen den sozialen Marketingprogrammen in
Äthiopien, Haiti und Kenia zukommen lassen. Allein
in Kenia wurden durch die Benutzung von Präservativen schätzungsweise 110.000 HIV-Infektionen
sowie 1,3 Millionen anderer, sexuell übertragbarer
Krankheitsfälle vermieden.
Das ist Fortschritt. Es ist nicht Ausrottung und
sicherlich nicht Heilung, aber es ist Eindämmung.
Wir müssen aber noch viel mehr unternehmen, um
die Ausbreitung des Virus zu stoppen, insbesondere
in Regionen, in denen es sich explosionsartig zu
verbreiten droht, beispielsweise Indien, der ehemaligen Sowjetunion und Lateinamerika.
Zunächst einmal müssen wir Regierungen und
Politiker herausfordern, die immer noch abstreiten,
daß die Bedrohung real ist, oder die sich weigern
zuzugeben, daß ihre Bürger oder Volkswirtschaften
ernsthaft betroffen sein könnten. Gleichgültigkeit
gegenüber der Krankheit gefährdet uns alle. Dasselbe gilt für die Ächtung HlV-Infizierter oder Schikanierung derjenigen, die Verhaltensmuster und für den
Infektionszyklus entscheidende Institutionen verändern wollen.
Wir müssen die Herausforderung direkter Finanzierung angehen. In den vergangenen vier Jahren sind
die Auslagen für die HIV/AIDS-Prävention im wesentlichen niedrig geblieben, obwohl sich die Epidemie mit alarmierender Geschwindigkeit ausbreitet.
Mit Ausnahme der durch die Weltbank bereitgestellten Darlehen leistet USAID den größten bilateralen
Beitrag zur Finanzierung von Aktivitäten zur HIVPrävention in den Entwicklungsländern. Das ist
einfach nicht genug - nicht für eine Krankheit, die
das Leben von Millionen Menschen verkürzt, Gemeinden und ganze Nationen bedroht. Nicht für ein

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Virus, das in den kommenden Jahren freie Märkte
und junge Demokratien unterminieren könnte.
Wir müssen die Nationen - sowohl in den Industrieais auch in den Entwicklungsländern - dazu auffordern, die zur Bekämpfung der Pandemie erforderlichen menschlichen und finanziellen Ressorcen
beizusteuern. Viele von Ihnen haben Ihre eigene
Regierung dazu aufgefordert. Sie dürfen jetzt in Ihrer
Entschlossenheit nicht nachlassen.
Wir mögen
Wissenschaftler, Vertreter des Gesundheitswesens,
Politiker oder Entwicklungsexperten sein - ungeachtet
unseres Berufs müssen wir auch Fürsprecher sein.
Wir müssen unsere Mitbürger dazu ermutigen, von
ihrer Regierung - und von sich selbst - die zur
Bekämpfung dieser Krankheit notwendigen Investitionen, Maßnahmen und Instrumente zu fordern.
Da wir von Berufs wegen HIV und AIDS an vorderster Front bekämpfen, müssen wir uns selbst fordern:
Diese Konferenz ist eine Gelegenheit, Bilanz zu
ziehen, zu debattieren und unsere wertvollsten
Lektionen mitzuteilen. Als Teilnehmer dieser Konferenz fordere ich Sie dazu auf, die bisherigen
Leistungen zu bewerten, herauszufinden, was funktionierte, was mißlang und welche Gründe das hat.
Schließlich müssen wir anfangen, mit einer zeitlich
nahezu unbegrenzten Herausforderung umzugehen:
Hilfe und Beistand für an AIDS Erkrankte. Während
das Virus zur Erkrankung von Millionen Menschen
führt, müssen wir ihren besonderen Bedürfnissen
mehr Zeit und Ressourcen widmen. Auch das ist ein
Entwicklungsproblem, und es ist gewaltig.
Gewisse Dinge können wir jetzt mit minimalen Kosten
und großer Wirkung unternehmen: Wir können
zweifelsohne gegen die Isolierung und Verurteilung
von Virusträgern ankämpfen. HIV/AIDS ist eine
tödliche Infektion, aber keine Geißel Gottes. Sie ist
keine Bestrafung für einen bestimmten Lebensstil.
Sie ist kein auf eine gesellschaftliche Untergruppe
beschränktes Anliegen. AIDS ist eine Krankheit, und
wer darunter leidet, hat Anrecht auf Respekt, Aufmerksamkeit, Würde und gesellschaftliches Handeln.
Wir wollen ganz offen zugeben, daß der Kampf
gegen AIDS auch ein Kampf gegen Menschenfeindlichkeit und rassische Vorurteile ist. Ich möchte
folgendes eindeutig klarstellen: Diese Administration
wird diese schreckliche Krankheit bekämpfen und
sich gleichzeitig für die Rechte der Kranken einsetzen.
Abgesehen von allem, was wir im Ausland unternehmen, engagiert sich USAID als Behörde und
rechte Hand der Entwicklungspolitik dieser Administration, mit HIV und AIDS lebenden Menschen eine

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�Stütze am Arbeitsplatz anzubieten. Wie jede andere
Institution haben wir Angestellte, die Virusträger sind
oder bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen
ist. Sie sind unsere Freunde und Kollegen. Sie sind
uns lieb und teuer. Ihr Leben ist wertvoll. Sie
können für die Sache der Entwicklung und das
Streben nach einer besseren Welt noch einen
großen Beitrag leisten.
Ich bitte Sie alle, als Ergebnis dieser Konferenz nicht
nur größere Effektivität an den Tag zu legen, die aus
gemeinsamem Wissen resultiert, sondern auch
erneutes Engagement für die von der Krankheit
betroffenen Menschen. Nicht nur für die vom Virus
Infizierten, sondern auch für ihre Familien, Freunde
und ganze Gemeinden, die leiden. Sie sollten keine
Angst haben, dieses Problem zu personifizieren,
denn wir sprechen über Menschen, deren Leben
viele andere betrifft.
Ich denke oft an Richard Stone, einen Freund
meiner Familie, einen Menschen mit viel Erfolg im
Beruf, einem guten Sinn für Humor und mit Liebe
zum Leben. Richard hatte von Geburt an gelernt,
mit seiner Hämophilie zu leben, und seine

positive Einstellung während seiner AIDS-Erkrankung
wird diejenigen, die ihn kannten, noch lange inspirieren.
Richards Eltern überlebten ihn ebenso wie sein
Bruder, seine Schwester und viele Freunde. Sein
Tod und der vieler anderer junger Menschen erinnern
uns an den Fluch der alten Römer: "Mögest Du
Deine eigenen Kinder überleben." Was könnte wohl
schlimmer sein.
Halten Sie sich das Leid und die Tragik vor Augen,
die so viele Eltern in allen Teilen der Welt erleben.
Wenn wir Angst davor haben, das Problem zu
personifizieren, werden wir uns seiner auch nicht
bewußt. Dann werden wir nicht die Angst und
Unwissenheit überwinden, die uns heute davon
abhalten, das Leben so vieler Söhne und Töchter zu
retten.
Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Gespräche und
werde mich selbst und meine Behörde dafür einsetzen, unsere Partnerschaft mit Ihnen beim Kampf
gegen dieses Virus und die Vorurteile zu stärken, die
zu seiner Verbreitung beitragen. Ich danke Ihnen.

* * * * *

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