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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

2. August 1995

24

NATO

DIE NATO - GRUNDE FÜR IHRE
ERWEITERUNG
von Strobe Talbott

USA-DEUTSCHLAND

50 JAHRE POTSDAMER KONFERENZ
Rede des ehemaligen Präsidenten Bush

GESCHICHTE

EIN INSPIRIERENDER AUGENBLICK IN
DER GESCHICHTE
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

MEDIEN

MEDIEN UND DIE GESELLSCHAFT
von Fredric A. Emmert

FRAUEN

FRAUEN, POLITIK UND GLOBALES
MANAGEMENT
von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald
und Lisa Bates

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NATO
2. August 1995

Die NATO - Gründe für ihre Erweiterung
von Strobe Talbott
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen vom Stellvertretenden Außenminister der
Vereinigten Staaten, Strobe Talbott, verfaßten Artikel.
Übersetzung und Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von The New York Review of Books.
Copyright (c) 1995 NYREV, Inc.
I.
Offiziere und Diplomaten aus den 16 Mitgliedstaaten
der Organisation des Nordatlantikvertrags planen für
diesen Herbst Besuche in Warschau, Bukarest,
Wilna, Kiew und anderen Hauptstädten Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion. Damit
wagen sie sich in ein Gebiet, das noch vor sechs
Jahren Feindesland war. Diese westlichen Emissäre
werden den Verteidigungs- und Außenministerien
der ehemals kommunistischen Länder eine detaillierte Erklärung für die im Januar 1994 von der NATO
getroffene Entscheidung über die Aufnahme neuer
Mitglieder geben.
Einige postkommunistische Regierungen sind
gespannt auf die Informationen und warten ungeduldig darauf, der NATO so bald wie möglich beitreten
zu können. Die zentraleuropäischen Staaten, die
ihres Erachtens erste Beitrittskandidaten sind Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die
Slowakei - möchten, daß das Bündnis ein frühes
Datum für seine Erweiterung festsetzt. Andere sind
ambivalent, skeptisch oder mißtrauisch gegenüber
der bloßen Idee einer NATO-Erweiterung. Sie
machen sich Sorgen, wenn sie nicht in der ersten,
zweiten oder dritten Gruppe neuer Mitglieder seien,
würden sie auf der falschen Seite des Eisernen
Vorhangs zurückbleiben. In Rußland verurteilen die
Ultranationalisten die Entscheidung über eine
Erweiterung als Erklärung eines neuen Kalten
Krieges, und viele Reformer fürchten, daß genau
diese düsteren Ansichten die antidemokratischen
Elemente in der russischen Politik stärken werden.
Da die Angelegenheit so komplex ist und so viel auf
dem Spiel steht, wird die Zukunft der NATO auch in
den Vereinigten Staaten weiterhin Gegenstand von
Debatten sein. Im Senat, der die Ausweitung des
von Amerika gewährten Schutzes - einschließlich

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einer Nukleargarantie - auf jedes neue NATO-Mitglied
mit einer Zweidrittelmehrheit ratifizieren muß, stellte
Samm Nunn aus Georgia, der führende Demokrat im
Streitkräfteausschuß, kürzlich Fragen zur Notwendigkeit einer Erweiterung des Bündnisses. Eine Anzahl
von Republikanern in beiden Kammern drängt auf
eine Beschleunigung des Aufnahmeprozesses und
kritisiert die Administration wegen übermäßiger
Vorsicht.1 In Anbetracht der 1996 bevorstehenden
Präsidentschaftswahlen wird diese Frage noch zu
einem kontroversen Thema werden.
Vor diesem Hintergrund beginnen die NATO-Teams
diesen Herbst mit ihren Briefings. Ihre Botschaft ist
überall dieselbe. In den kommenden Jahren wird das
Bündnis allmählich, Land für Land, neue Mitglieder
aufnehmen. Die Beitrittskandidaten werden nach der
Stärke ihrer demokratischen Institutionen sowie ihrer
Bereitschaft und Fähigkeit zur Erfüllung der mit einer
Mitgliedschaft einhergehenden beträchtlichen Pflichten beurteilt. Das Verfahren wird "transparent" sein,
was bedeutet, daß es keine Überraschungen, keine
Absprachen im Hinterzimmer, keine Geheimliste mit
als erstes aufzunehmenden Ländern, keine Ausschlußliste geben wird - und alles erfolgt weiterhin
Schritt für Schritt.
Den ersten Schritt unternahmen die Staats- und
Regierungschefs des Bündnisses bei ihrem Brüsseler
Gipfel im Januar 1994. Auf Drängen Präsident
Clintons einigten sie sich auf eine Erweiterung der
NATO. Die Frage, welche Länder beitreten werden
und wie schnell, wird jedoch erst beantwortet, nachdem die NATO die bevorstehenden Briefings abgeschlossen hat, die das Wie und vor allem das Warum
einer Erweiterung erklären sollen.2 In diesem Artikel
möchte ich den Ansatz der Administration zur NATOErweiterung darlegen.

Seite 1

�Die NATO hat sich hauptsächlich aus drei Gründen
zur Aufnahme neuer Mitglieder entschlossen:
1. Kollektive Verteidigung bleibt eine zwingende
Notwendigkeit europäischer und transatlantischer
Sicherheit und steht im Mittelpunkt des amerikanischen Engagements in Europa. Das Ende des
sowjetischen Kommunismus, die Auflösung des
Warschauer Pakts, der Zerfall der Sowjetunion
haben die Bedrohung abgeschafft, zu deren Abwehr
das Bündnis im Kalten Krieg geschaffen wurde. Es
könnten jedoch neue Bedrohungen entstehen, die
von der NATO den Schutz ihrer Mitglieder und die
Abwehr des Angriffs erfordern können. Während
des Kalten Krieges war die Mitgliedschaft in der
NATO durch die künstliche Teilung Europas in zwei
Lager begrenzt. Nach dem Ende des Kalten Krieges
sollte die NATO offen für die neuen Demokratien
sein, die ihre Unabhängigkeit wiedererlangten,
gemeinsame Werte haben und die militärischen und
politischen Ziele des Bündnisses fördern können.
2. Die Aussicht auf eine Aufnahme in die NATO
bietet den Nationen Zentraleuropas und der ehemaligen Sowjetunion zusätzliche Anreize zur Stärkung
ihrer demokratischen und rechtlichen Institutionen,
Gewährleistung ziviler Kontrolle über ihre Streitkräfte,
Liberalisierung ihrer Volkswirtschaften sowie Respektierung der Menschenrechte, einschließlich der
Rechte von Minderheiten. Mit anderen Worten: Bei
den zum NATO-Beitritt ermutigten Nationen ist die
Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Übergangs
von ihrer kommunistischen Vergangenheit zur
Demokratie wahrscheinlicher.
3. Die Aussicht auf eine Mitgliedschaft kann unter
den Nationen Zentraleuropas und der ehemaligen
Sowjetunion auch eine größere Bereitschaft zur
friedlichen Lösung von Konflikten und zur Beteiligung
an friedenssichernden Operationen fördern. Somit
kann der Erweiterungsprozeß zu regionaler Stabilität
und zum Frieden beitragen.
II.
Die Evolution der NATO sollte die Evolution Europas
widerspiegeln. Außenminister Christopher erklärte:
"Die institutionellen Arrangements in Europa sollten
von den objektiven Erfordernissen der Gegenwart,
nicht von den Tragödien der europäischen Vergangenheit bestimmt werden." Das Einfrieren der
Ostgrenze der NATO ungefähr entlang der von
westlichen und sowjetischen Unterhändlern am 13.
August 1945 festgelegten Grenzen wäre nur sinnvoll,
wenn die aus dem Kalten Krieg resultierende Spaltung Europas natürlich und dauerhaft wäre. Tatsache ist jedoch, daß diese Spaltung unnatürlich und
anachronistisch wird.

Seite 2

Die stärker industrialisierten Regionen östlich des
Eisernen Vorhangs, beispielsweise Böhmen in der
Tschechischen Republik und Schlesien in Polen,
ähneln in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht
zunehmend ihren westlichen Nachbarn. Die baltischen Staaten wiederum treiben einen lebhaften
Handel mit den nordischen Ländern und Westeuropa.
Eine unabhängige und demokratische Ukraine
beteiligt sich in immer stärkerem Maße an internationalen Institutionen. Beispielsweise arbeitet sie
eng mit dem IWF, der Weltbank und der Europäischen Union an der Finanzierung einer Schließung
des Kernkraftwerkes von Tschernobyl zusammen einem Projekt, das eine aus der sowjetischen Ära
stammende schleichende Bedrohung ganz Europas
abschaffen wird. Soldaten aus Zentraleuropa und der
ehemaligen Sowjetunion nehmen an Friedenssicherungsoperationen in Haiti, Bosnien und Kambodscha
teil. Viele Nationen in der Region haben schmerzliche wirtschaftliche Opfer gebracht, um die Durchsetzung von Sanktionen gegen Serbien zu unterstützen.
Nach dem Ende des Kalten Krieges ist der Aufbau
eines Europas möglich geworden, das durch gemeinsames Engagement für offene Gesellschaften und
offene Märkte zunehmend geeint ist - eines Europas,
in dem jeder Staat in seinen international anerkannten Grenzen sicher ist und die Unabhängigkeit und
territoriale Integrität seiner Nachbarn respektiert. Die
Europäische Union ist als Kraft für Fortschritte in
diese Richtung unerläßlich, denn Stabilität und
Demokratie in dem neuen Europa sind an künftigen
Wohlstand und freien Handel gebunden. Ebenso wie
die Aussicht auf einen Beitritt zur NATO kann die
Aussicht auf eine Mitgliedschaft in der EU bei den
daran interessierten Ländern demokratisches Verhalten fördern.
Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa, die im August den zwanzigsten Jahrestag
der Schlußakte von Helsinki begeht, hat ebenfalls zur
Aufrechterhaltung demokratischer Normen und
Verhütung von Konflikten beigetragen.3 Die OSZEMissionen, die hauptsächlich hinter den Kulissen
abgewickelt werden, trugen in Estland und Lettland
zur Verbesserung der Beziehungen zwischen den
Regierungen dieser Staaten und ihren großen Bevölkerungsgruppen russischer Herkunft bei. Diese
Bestrebungen ebneten den Weg für den vollständigen
Rückzug russischer Truppen vor einem Jahr.
Die NATO bleibt jedoch das Kernstück des europäischen Sicherheitssystems. Unter den internationalen
Organisationen besitzt sie als einzige wirkliche
militärische Stärke, und daher kann nur sie im Fall
einer externen Bedrohung ihre Mitglieder verteidigen.
Eine solche Fähigkeit ist nicht zuletzt wegen ihres

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�potentiellen Abschreckungseffekts, selbst bei einer
nicht vorhandenen anerkannten oder aktiven Bedrohung, von lebenswichtiger Bedeutung. Ebenso
wie eine einzelne Macht in Friedenszeiten ein
stehendes Heer unterhält, benötigt die transatlantische Gemeinschaft die NATO.
Die Amerikaner sind den Europäern dreimal in
diesem Jahrhundert zu Hilfe gekommen, und eine
der aus diesen Erfahrungen gezogenen Lehren ist
die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten zur
Wahrung europäischer Sicherheit dauerhaft engagiert bleiben müssen. Das Bündnis bleibt der
Hauptmechanismus für das amerikanische Engagement. Wenn die NATO jedoch weiterhin von Nutzen
sein will, muß sie sich an das Zeitalter nach dem
Kalten Krieg anpassen, was wiederum bedeutet, daß
das Bündnis demokratische und marktwirtschaftliche
Werte fördern und konsolidieren muß. Die NATO
diente diesem Zweck während des Kalten Kriegs
und kann das nach seinem Ende in verstärktem
Maße tun.
Die NATO-Erweiterung ist kein neues Thema. Seit
seiner Gründung nahm das Bündnis neue Mitglieder
auf - aus Gründen und mit Ergebnissen, die es in
diesem Handeln bestärken.
In den ersten vierzig Jahren seines Bestehens war
der Hauptgrund für seine Existenz und die Aufnahme neuer Mitglieder, die Rote Armee von der
Invasion Westeuropas abzuhalten. Das Bündnis
erreichte dieses Ziel jedoch nicht nur durch die
abschreckende Macht seiner Panzer, Flugzeuge,
Schiffe und Raketen. Die führenden Politiker der
NATO setzten das Bündnis auch zur Regelung der
Beziehungen zwischen den verschiedenen Mitgliedern ein, um ein sicheres Umfeld für den Wiederaufbau zerstörter Volkswirtschaften zu schaffen und in einigen Fällen - im Angesicht antidemokratischer
Kräfte demokratische Institutionen zu stärken.
Zu den ursprünglichen Mitgliedern der NATO aus
dem Jahr 1949 gehört Italien, die einzige besiegte
Achsenmacht, der eine solche Behandlung gewährt
wurde. Im Gegensatz zur Kerngruppe, die den
Nordatlantikvertrag aushandelte - Belgien, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Luxemburg, die
Niederlande und die Vereinigten Staaten - war Italien
weder eine nördliche noch eine atlantische Macht.
Großbritannien war unter den Alliierten, die zunächst
die Mitgliedschaft Italiens ablehnten, weil sie eine
Erschöpfung der Ressourcen des Bündnisses
fürchteten. Außenminister Dean Acheson argumentierte jedoch, eine Zurückweisung Italiens "würde
den kommunistischen Einfluß verstärken und die
derzeitige (Christdemokratische) Regierung und ihre
prowestliche Politik in Mißkredit bringen".4 Schließ-

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lich einigten sich die Alliierten, die Aufnahme Italiens
würde die prowestlichen politischen Kräfte in Italien
stärken und die Bestrebungen zur Einbindung Italiens
in die westlichen Wirtschaftsorganisationen ergänzen.
Einige Jahre später zeigte sich, insbesondere in
Paris, eine gewisse Zurückhaltung, Westdeutschland
in die NATO aufzunehmen. Die Vereinigten Staaten
argumentierten, die Mitgliedschaft der Bundesrepublik
würde die Sache der europäischen Integration fördern
und ein Land stärker an den Westen binden, das sich
von seiner totalitären Vergangenheit abgewandt
hatte.5 Die Aufnahme der Bonner Regierung im Jahr
1955 trug zur deutsch-französischen Versöhnung bei,
ohne die die Europäische Union immer noch ein
Traum bleiben würde.
Die NATO half auch bei der Verbesserung der
Beziehungen zwischen zwei traditionellen Rivalen Griechenland und der Türkei.
Die Zypernkrise
brachte diese beiden Länder mehrmals an den Rand
eines bewaffneten Konflikts, aber ihre Mitgliedschaft
in der NATO half den Amerikanern und anderen
Vermittlern, sie von einem Krieg abzuhalten.
Die Aufnahme Spaniens 1982 war ein weiterer
aufschlußreicher Fall. Vor Francos Tod 1975 bestanden wenig Anreize zur Eingliederung Spaniens in das
Bündnis, denn die bilateralen amerikanischen Arrangements mit Madrid gewährleisteten, daß die amerikanischen NATO-Streitkräfte spanische Marine- und
Luftstützpunkte benutzen konnten. Nach einem
versuchten Staatsstreich der Rechten im Jahr 1981
gelangte die zentristische Regierung unter Leopoldo
Calvo Sotelo zu dem Schluß, eine NATO-Mitgliedschaft sei der beste Weg, die zivile Kontrolle über
das spanische Militär sicherzustellen und somit den
Übergang Spaniens zur Demokratie zu schützen.
"Der Beitritt zur NATO wird jeden Versuch eines
Putsches im Keim ersticken", erklärte Calvo. Die
Führung des Bündnisses stimmte zu.6
Während des Kalten Krieges wurden die Entscheidungen der NATO vorwiegend von militärischen und
geopolitischen Erwägungen bestimmt. Die Förderung
der Demokratie innerhalb der NATO-Staaten und
guter Beziehungen zwischen ihnen waren nur eine
Ergänzung - ein wünschenswertes, aber nicht das
Hauptmotiv für die Aufnahme neuer Mitglieder.
Heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, können
und sollten jedoch andere, nichtmilitärische Ziele die
neue NATO gestalten helfen.
III.
Obwohl die NATO hauptsächlich ein Militärbündnis
war und bleibt, haben die letzten fünf Jahrzehnte und insbesondere die letzten fünf Jahre - gezeigt,

Seite 3

�daß die Vorteile der NATO nicht nur militärischer,
sondern politischer Natur sind. Beim Ministertreffen
des Nordatlantikrats im Dezember 1994 machten
Außenminister Christopher und seine kanadischen
und europäischen Amtskollegen die Respektierung
von Demokratie und internationalen Verhaltensnormen zu expliziten Voraussetzungen für die
Mitgliedschaft, damit die Erweiterung der NATO eine
Kraft für Rechtsstaatlichkeit sowohl innerhalb der
neuen europäischen Demokratien als auch bei den
Beziehungen zwischen ihnen wird.
Eine der Vorbedingungen für die Aufnahme eines
Landes in die NATO ist die umfassende zivile Kontrolle des Militärs. Potentiellen Mitgliedern wurde
mitgeteilt, ihre Streitkräfte müßten professionell,
unpolitisch und dem Prinzip militärischer Macht für
Abschreckungs- und Verteidigungszwecke verpflichtet sein. Ferner wird von den NATO-Partnern
die Einrichtung einer parlamentarischen Kontrolle
über militärische Angelegenheiten sowie die Ernennung von Zivilisten in hochrangige Verteidigungspositionen erwartet. Die dem Bündnis beitretenden
Länder müssen sich solchen Strukturen und Prinzipien vollständig und unumkehrbar verpflichten.
In mehreren Ländern wurde die Aussicht auf eine
NATO-Mitgliedschaft auch als Argument für innenpolitische und wirtschaftliche Reformen angeführt.
Peter Weiss, der reformerische Kopf der ehemals
kommunistischen Partei der Slowakei, jetzt bekannt
als "Partei der demokratischen Linken", formulierte
es mit schonungsloser Offenheit: "Dies ist unser
Moment der Wahrheit", erklärte er kürzlich in einem
Interview und fügte hinzu: "Obwohl unser Land zu
den ersten Kandidaten (für die NATO-Mitgliedschaft)
gehört, müssen vor der Aufnahme eine Anzahl von
Bedingungen erfüllt sein - die Befolgung demokratischer Regeln, die in den Mitgliedstaaten üblich sind,
Fortschritte bei der Durchsetzung der Marktwirtschaft, Schutz humanitärer und bürgerlicher Rechte
sowie Pressefreiheit... Wir sollten offen zugeben:
Es ist für uns von Nachteil, daß unsere Partner die
Demokratie in der Slowakei für instabil halten."
In Ungarn und Polen hat die Aussicht auf eine
NATO-Mitgliedschaft bereits zur Festigung des
nationalen Konsenses über demokratische und
marktwirtschaftliche Reformen beigetragen. Die
Notwendigkeit zur Einhaltung der für eine NATOMitgliedschaft erforderlichen Normen war eine
wichtige Kraft, um ehemalige Kommunisten, Liberale
und gemäßigte Konservative aus Regierung und
Opposition zusammenzubringen und hat letztlich die
demokratischen Errungenschaften in der Region seit
1989 konsolidiert.

Seite 4

Um für eine Aufnahme in das Bündnis in Frage zu
kommen, müssen die potentiellen Mitglieder auch
überzeugende Fortschritte bei der friedlichen Beilegung von Konflikten mit ihren Nachbarn machen und
zeigen, daß sie der multiethnischen Demokratie
verpflichtet sind. Einige potentielle Mitglieder haben
bereits in diesem Geist gehandelt. Eine der hoffnungsvolleren Entwicklungen in diesem Jahr war die
Annäherung zwischen Ungarn und der Slowakei. In
einer am 22. Februar vor dem ungarischen Parlament
gehaltenen Rede erklärte der ungarische Ministerpräsident Gyula Hörn:
"Was wollen die EU und die NATO von uns?
Sie sagen entschieden, daß wir unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn regeln müssen.
Einfach ausgedrückt: Weder die Europäische
Union noch die NATO sind bereit zur Aufnahme von Staaten, die Grenzstreitigkeiten,
ungelöste Minderheitenprobleme und ähnliches
haben."
Einen Monat später unterzeichneten Ungarn und die
Slowakei einen Vertrag über die Achtung der Grenzen des jeweils anderen Landes auf der Grundlage
einer früheren Übereinkunft zur Garantierung von
Minderheitenrechten. Die Vereinigten Staaten und
ihre europäischen Verbündeten nutzen die Hoffnungen Ungarns und Rumäniens auf Beitritt zur
NATO und zur EU, um diese Länder auf den Abschluß eines ähnlichen Vertrags zu drängen, der
bestehende Grenzen bestätigen und die Rechte der
ungarischen Minderheit in Transsilvanien garantieren
soll - in einer Region, deren Zugehörigkeit zu einem
der beiden Länder dreimal in diesem Jahrhundert
wechselte. Niemand kann behaupten, die Aussicht
auf einen sofortigen oder dauerhaften NATO-Beitritt
werde die Minderheitenprobleme in Ländern wie der
Slowakei, Ungarn und Rumänien lösen; sie wird aber
einen heilsamen Effekt haben.
Der schlimmste Konflikt im Zeitalter nach dem Kalten
Krieg, die derzeitigen Kämpfe auf dem Balkan, wird
von denjenigen als Argument angeführt, die nicht nur
die Erweiterung der NATO, sondern das Fortbestehen des Bündnisses in Zweifel ziehen. Viele Kritiker
fragten: Warum sollte die NATO überhaupt bestehen
bleiben, geschweige denn erweitert werden, wenn sie
den Konflikt in Bosnien nicht lösen kann? Die
Strukturen, die Europa während des Kalten Krieges
gut gedient haben, einschließlich des Bündnisses,
das die sowjetische Aggression ohne einen einzigen
Schuß eindämmte, erwiesen sich als unvorbereitet
auf die Herausforderungen nach dem Kalten Krieg,
insbesondere den Zerfall eines postkommunistischen
Staates in ethnische Gewalt und Chaos.

AMERIKA DIENST 24

�Die aus der Tragödie im ehemaligen Jugoslawien
gelernte Lektion lautet jedoch nicht, die NATO
unehrenhaft zu entlassen, sondern ihre Fähigkeit zur
Eindämmung eben der Kräfte zu entwickeln, die auf
dem Balkan freigesetzt wurden. Viele der Nationen
in der Region gestehen dem Bündnis dieses Potential zu. Vertreter verschiedener zentraieuropäischer
Staaten haben öffentlich erklärt, die bosnische
Tragödie sei für sie ein Argument für den Beitritt zur
NATO - sowie für die Übernahme von Normen
innenpolitischer Ordnung und außenpolitischen
Verhaltens, durch die sie für einen Beitritt in Frage
kommen. Der ehemalige polnische Verteidigungsminister Janusz Onyszkiewicz äußerte vor kurzem:
"Tatsache ist, daß es in allen unseren Ländern Elemente wie jene gibt, die das ehemalige Jugoslawien zerstörten.
Wir müssen
unseren Völkern zeigen, daß der westliche
Weg in wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Weise der beste ist. Die NATO kann in
beiderlei Hinsicht Hilfestellung leisten."
Eine erweiterte NATO wird wahrscheinlich das
Gebiet vergrößern, in dem Konflikte wie der auf dem
Balkan einfach nicht ausbrechen.
In der Tat hat die Krise im ehemaligen Jugoslawien
die dringende Notwendigkeit unter Beweis gestellt,
neue Instrumente zur Friedenssicherung zu entwikkeln. Durch die Partnerschaft für den Frieden (PFF)
ist die NATO auf dem Weg zur Schaffung eines

solchen Mechanismus. Die NATO rief die Partnerschaft für den Frieden im Januar 1994 ins Leben,
um die Zusammenarbeit zwischen den Streitkräften
der NATO und der europäischen Nichtmitgliedstaaten der NATO zu fördern, darunter auch die Staaten
des ehemaligen Warschauer Pakts und der früheren
Sowjetrepubliken. Die Partnerschaft hat bereits
gemeinsame militärische Manöver unter Beteiligung
von Nationen veranstaltet, die in der Vergangenheit
Feinde waren - Albaner und Griechen, Bulgaren und
Türken sowie Ungarn und Rumänen. Im August
halten Soldaten von drei Bündnismitgliedern und
vierzehn Partnerschaftsländern unter der Schirmherrschaft der PFF militärische Übungen in Louisiana ab.
Wenn eines Tages dem Bündnis neue Mitglieder
beitreten, werden sie durch ihre Beteiligung an der
PFF bereits eng mit den militärischen Einrichtungen
der NATO zusammengearbeitet und sehr wahrscheinlich Erfahrung bei friedenssichernden Operationen erworben haben. Die PFF bietet nahezu
jedem Land in Zentraleuropa und der ehemaligen
Sowjetunion eine Chance zur Zusammenarbeit mit
der NATO bei militärischen Angelegenheiten.
Bereits heute haben fünf PFF-Mitgliedstaaten Polen, die Slowakei, die Ukraine, Rußland und die

AMERIKA DIENST 24

Tschechische Republik - Bodentruppen in Kroatien
stationiert.
IV.
Eine der schwierigsten Herausforderungen bei der
Erweiterung der NATO sind die Auswirkungen auf
Rußland. Viele Russen sehen die NATO als ein
gegen ihr Land gerichtetes Relikt des Kalten Krieges.
Sie verweisen darauf, daß sie den Warschauer Pakt "ihr" militärisches Bündnis - aufgelöst haben und
fragen, warum der Westen nicht dasselbe tut. Für sie
kommt der Plan der NATO zur Aufnahme neuer
Mitglieder einem westlichen Mißtrauensvotum gegenüber der Ausdauer der russischen Reformen gleich.
Er vermittelt ihnen das Gefühl, als ob Rußland noch
immer in der Probezeit sei - noch immer der Gegenstand einer kaum verhüllten Politik des Containment.
Sie sagen: Hütet Euch vor dem Fehler, den die
Sieger in Versailles mit der Bestrafung der Weimarer
Republik machten: Als sich Deutschland in den
dreißiger Jahren erholte, war es auf militärische
Eroberung und Rache versessen.
Mißtrauen und Warnungen dieser Art sind im gesamten politischen Spektrum Rußlands zu vernehmen.7 Sie werden von konservativen, reaktionären
und faschistischen Elementen genutzt, die die Aussicht einer Erweiterung der NATO als Beweis dafür
sehen, daß der Westen auf eine Erniedrigung Rußlands aus ist, es schwach halten will und den Niedergang des Landes plant. Bei einer Pressekonferenz
am 7. Juni verkündete Wladimir Schirinowski, "das
einzige Ziel der NATO ist die Zerstörung und Zersplitterung Rußlands". Vor allem weil das Thema
selbst sich für solch ausländerfeindliche Demagogie
anbietet, tendieren die Reformer, die sich der Konsolidierung der russischen Demokratie und der
zunehmenden Integration Rußlands in den Westen
verschrieben haben, ebenfalls zu einer Ablehnung
der NATO-Erweiterung.
Das Kernstück dieser Debatte bilden zwei wichtige
Faktoren, die weder ignoriert noch verschleiert
werden sollten:
Erstens ist und bleibt die NATO in absehbarer
Zukunft - auch wenn sie neue Mitglieder aufnimmt - ein militärisches Bündnis und ein
kollektiver Verteidigungspakt.
Zweitens gehört zu den Eventualfällen, auf die
die NATO vorbereitet sein muß, daß Rußland
sich von der Demokratie abwendet und zu den
bedrohlichen Mustern des internationalen
Verhaltens zurückkehrt, von denen die Geschichte des Landes gelegentlich charakteri-

Seite 5

�siert war, insbesondere während der sowjetischen Periode.
Unsicherheit über die Zukunft Rußlands zählt unweigerlich zu den Faktoren, die bei Entscheidungen
über die europäische Sicherheit berücksichtigt
werden müssen. Keiner ist sich dessen mehr
bewußt als viele Russen selbst.8
Aus diesem Grund muß die logische Begründung für
den Fortbestand der NATO das einbeziehen, was
Verteidigungsminister Perry als "Absicherung gegen
pessimistische Resultate" bezeichnet hat:
"Wenn Rußland sich an einen Kurs innenpolitischer Reformen, Respektierung der Unabhängigkeit seiner Nachbarn und Zusammenarbeit mit dem Westen hält, wird die
NATO weiterhin in Richtung maximaler Einbeziehung gehen. Wenn die Reformen in
Rußland scheitern, wird die NATO für die
kollektive Verteidigung der Bündnispartner
bereit sein."9
Das ist jedoch nicht der einzige Grund, warum die
NATO bestehen bleiben sollte. Andere mögliche
militärische Bedrohungen könnten aus anderen
Richtungen kommen, und eine NATO nach dem
Kalten Krieg sollte darauf reagieren können. Die
Erfahrung des Golfkriegs hat das Bündnis überzeugt,
daß es eine Kapazität zu Operationen "out of area" das heißt in bündnisfremdem Gebiet - entwickeln
und gegebenenfalls in der Lage sein muß, im Nahen
Osten und andernorts zu handeln.
Darüber hinaus ist die Absicherung gegen die Möglichkeit einer erneuten russischen Aggression weder
der einzige noch der wichtigste Grund für die Aufnahme neuer Mitglieder in die NATO. Es gibt
andere Gründe, die den strategischen Interessen
eines demokratischen Rußlands in keiner Weise
zuwiderlaufen. Rußland hat guten Grund, die
Ausdehnung der Zone politischer Stabilität der
NATO nach Zentraleuropa zu unterstützen. Schließlich hat Rußland in den beiden Weltkriegen zweimal
in diesem Jahrhundert wegen der Instabilität dieser
Region schwer gelitten.
Die Furcht vor einer neuen Welle des russischen
Imperialismus steht außer Frage - ist angesichts der
Geographie und Geschichte der Region nur natürlich
- und ist der Hauptgrund, warum die Zentraleuropäer
den NATO-Beitritt ungeduldig anstreben. Das ist
jedoch nicht ihr einziges Motiv und sollte nicht als
treibende Kraft hinter der NATO-Erweiterung angesehen werden - weder von den zentraleuropäischen
Befürwortern des Prozesses noch von seinen russischen (von den amerikanischen ganz zu schweigen)

Seite 6

Gegnern. Vaclav Havel, der in einer Stadt lebt, die
näher an London als an Moskau liegt, formulierte es
in seiner jüngsten Rede anläßlich der Abschlußfeier
in Harvard folgendermaßen:
"Solange die Ausweitung der NATO-Mitgliedschaft zur Einbeziehung von Ländern, die sich
kulturell und politisch als Teil der Region
fühlen, zu deren Verteidigung das Bündnis
gegründet wurde, von Rußland beispielsweise
als ein antirussisches Unternehmen angesehen
wird, ist dies ein Anzeichen dafür, daß Rußland die Herausforderung dieses Jahrhunderts
noch nicht verstanden hat."10
Einige Kritiker der NATO-Entscheidung über die
Erweiterung warnen davor, folgende Situation herbeizureden: Während die NATO neue Mitglieder aufnimmt, sagen sie, wird Rußland davon ausgehen,
daß sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht und
defensive, wenn nicht sogar offensive Gegenmaßnahmen ergreifen - Verträge auflösen, seine Streitkräfte
aufrüsten, den Druck auf die anderen ehemaligen
Sowjetrepubliken verstärken. Aus diesem Grund
wäre es besser, die derzeitige Mitgliederzahl der
NATO einzufrieren, solange sich Rußland "benimmt".
Das Bündnis sollte nicht erweitert werden, bis die
russische Regierung klare Anzeichen der Angriffslust
zeigt.
Dieses Argument - in Kurzform bekannt als "auf
Bedrohung gegründete" Erweiterung der NATO - hat
zwei Schwachpunkte. Erstens betont es den am
meisten strafenden und "antirussischen" Grund für
die NATO-Erweiterung, und es schmälert die anderen
ebenso stichhaltigen, weniger provokativen Gründe
für die Erweiterung, die Rußland akzeptieren und
sogar unterstützen könnte: Die Förderung von
Demokratie, freien Märkten und regionaler Stabilität.
Zweitens macht es die Erfüllung des Wunsches der
Zentraleuropäer nach einer NATO-Mitgliedschaft
abhängig von den Unsicherheiten des künftigen
russischen Verhaltens - und weckt so perverserweise
ihr Interesse an einem potentiellen schlechten Benehmen Rußlands.
Wenn die zwischen Rußland und Westeuropa liegenden Länder nur in das Bündnis aufgenommen werden, wenn Rußland "sich schlecht benimmt", könnten
einige Länder die aus Moskau kommenden schlechten Nachrichten übertreiben. Diese bei einem Teil
Zentraleuropas vorherrschende Geisteshaltung, die
das Verhalten des Westens beeinflussen könnte,
wäre weder der geduldigen Diplomatie förderlich, die
für den Umgang mit Rußland während der langen,
schmerzlichen und unberechenbaren Abkehr vom
Kommunismus erforderlich ist, noch würde sie das

AMERIKA DIENST 24

�derzeitige Mißtrauen zwischen Rußland und seinen
Nachbarn verringern.
Es wäre wesentlich besser, die Zentraleuropäer, die
Russen und die Völker der ehemaligen sowjetischen
Staaten zu ermutigen, die NATO-Erweiterung als
einen Prozeß anzusehen, der zur Förderung eines
besseren innenpolitischen und internationalen
Verhaltens beitragen kann, selbst wenn sie als
Absicherung gegen das Schlimmste dienen könnte.
Sie sollte als ein Prozeß angesehen werden, der
allen nützlich und nicht gegen einen bestimmten
Staat gerichtet ist.
Mit diesem Konzept im Kopf haben die NATOVertreter im vergangenen Jahr intensive Gespräche
mit den Russen über die Zukunft der europäischen
Sicherheit aufgenommen. Folgende Hauptpunkte
brachte die NATO gegenüber den russischen
Politikern vor:
Die Erweiterung wird stattfinden. Drohungen
auszustoßen wird nur das schlimmste Mißtrauen
bezüglich Rußlands Intentionen in der Zukunft
intensivieren.

Diese Diskussionen müssen fortgesetzt werden.
Wenn, wie Präsident Clinton Präsident Jelzin vorgeschlagen hat, der Dialog zwischen der NATO und
Rußland parallel zur allmählichen Erweiterung des
Bündnisses verläuft, können die beiden Prozesse das
umfassendere Ziel voranbringen, über das sich die
NATO und Rußland einig sind - ein weiterhin ungeteiltes Europa und die Förderung der paneuropäischen Integration.
Ob ein vollständig demokratisches Rußland, das in
Frieden mit seinen Nachbarn und sich selbst lebt,
eines Tages der NATO beitritt, bleibt eine offene
Frage. Damit dies geschieht, müßte es offensichtlich
ein ziemlich anderes Rußland als das heutige sein.
Es wäre auch ein ziemlich anderes Europa. Aber die
außerordentlichen Umgestaltungen, die im vergangenen Jahrzehnt sowohl in Rußland als auch in Europa
stattgefunden haben, sollten uns zögern lassen,
irgendeine Möglichkeit für die Zukunft auszuschließen
- und anspornen, sie zu verfolgen.

Wir wollen mit Rußland politische Übereinkünfte
und Arrangements für weitere Kooperation und
Koordination erzielen.

In der Zwischenzeit sollte die Entwicklung zunehmend
kooperativer Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland auch für die Nationen wie die baltischen
Länder und die Ukraine willkommen sein, die besorgt
darüber sind, ohne Zusicherungen über ihre eigene
Sicherheit zwischen einem erweiterten Bündnis und
Rußland gefangen zu sein. Sie fürchten, auf ein wie Präsident Clinton es formulierte - "strategisches
Abstellgleis" geschoben zu werden, wenn sie nicht in
die erste oder zweite Phase der NATO-Erweiterung
einbezogen werden. Zweifelsohne wird die Fähigkeit
dieser Staaten zur Bewahrung ihrer Unabhängigkeit
und zur Fortsetzung ihrer Reformen bedeutende
Auswirkungen auf die Zukunft Europas selbst haben.
Ihre Beteiligung an der Partnerschaft für den Frieden
kann wie die Rußlands dazu beitragen, Bande zur
NATO aufzubauen. Unabhängig davon, ob eine
Nation letzlich die Mitgliedschaft im Bündnis verfolgt,
kann sie in absehbarer Zukunft zur PFF als eine Kraft
der Kooperation und Aussöhnung in Europa beitragen.

Ungeachtet ihrer eigenen Vorbehalte gegen die
Erweiterung haben Präsident Jelzin und seine Minister der vollen Mitgliedschaft in der Partnerschaft für
den Frieden zugestimmt. In Erklärungen, die in
diesem Frühjahr abgegeben wurden, haben sie auch
ihre Opposition gegen die NATO-Erweiterung modifiziert und vor einer "eiligen", "vorschnellen" oder
"beschleunigten" Erweiterung gewarnt, die das
Bündnis - so qualifiziert - weder befürwortet noch in
Erwägung zieht. Und sie haben vereinbart, bis Ende
dieses Jahres die Grundzüge eines Abkommens für
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland
auszuarbeiten, das für beide Seiten eine Versicherung darstellt und für beide Seiten von Vorteil ist.

Die Clinton-Administration ist sich bewußt, daß es
zusammen mit den von mir beschriebenen Chancen
Fallstricke und Risiken bei der NATO-Erweiterung
geben kann und der Prozeß der NATO-Erweiterung,
wenn er nicht mit Geschick und Weitblick gehandhabt
wird, neue Spannungen und Teilungen schaffen
könnte. Die NATO in ihrer Konfiguration des Kalten
Krieges einzufrieren, wäre jedoch ebenfalls ein
großer Fehler und ein gravierender Rückschlag für
die demokratischen Nationen, die hoffen, dem
Bündnis beitreten zu können, sowie für die amerikanischen Interessen bei der Unterstützung demokratischer Institutionen. Im Gegenteil, wenn die NATO in
einer Weise erweitert wird, die die europäische

Die NATO-Erweiterung gegenüber der eigenen
Bevölkerung in alarmierenden Formulierungen zu
beschreiben wird nur die Hand der Hardliner
stärken. Man darf nicht zulassen, daß Schirinowski und andere Extremisten die Debatte
lenken.

Wir und praktisch alle europäischen Länder
werden Ihr aktives Engagement für die zahlreichen existierenden Organisationen und Programme begrüßen, an denen Rußland uneingeschränkt beteiligt ist oder sein kann, wie die
Partnerschaft für den Frieden und die OSZE.

AMERIKA DIENST 24

Seite 7

�13. Juli 1995

barten die Stärkung der Fähigkeiten der Organisation
zur Entscheidungsfindung, Überwachung und Durchführung von Operationen, insbesondere für Friedenssicherung. Zur Zeit gehören der OSZE 52 Nationen
an, die damit das einzige regionale Forum ist, dem
die Vereinigten Staaten, Rußland und nahezu jeder
europäische Staat angehören.

Fußnoten

4 Siehe E. Timothy Smith, "The United States, Italy
and NATO 1947-1952", (St. Martin's 1991), Seite 85.

Integration ermutigt und die europäische Sicherheit
verbessert - die Politik, die zu verfolgen die Administration entschlossen ist - werden alle Völker auf
dem Kontinent sowie auch die größere transatlantische Staatengemeinschaft davon profitieren.

1 Nunn brachte seine Besorgnis in der Rede "The
Future of NATO in an Uncertain World" zum Ausdruck, die er am 22. Juni 1995 bei einem vom
amerikanischen Militär veranstalteten Seminar in
Norfolk (Virginia) hielt.
Unter anderem haben
Michael Mandelbaum, Stephen Sestanovich, Charles
Kupchan und Arnold Horelick gegen die Erweiterung
geschrieben oder sich dagegen ausgesprochen. Der
"Vertrag mit Amerika" der Republikaner fordert, daß
Polen, die Tschechische Republik, Ungarn und die
Slowakei der NATO in den nächsten vier Jahren
beitreten. Zu den Befürwortern einer Erweiterung
zählen Senator Richard Lugar aus Indiana und Mitch
McConnell aus Kentucky, Zbigniew Breschinski,
Samuel Huntington, James Baker und Henry Kissinger.
2 Nach dem Gipfeltreffen vom Januar 1994 kamen
die Außenminister des Bündnisses im vergangenen
Dezember in Brüssel zusammen und wiesen den
Nordatlantikrat an, eine interne Studie anzufertigen,
"wie die NATO erweitert wird, welche Prinzipien
diesen Prozeß leiten und wie die Mitgliedschaft
umgesetzt wird. Sie entschieden ferner, daß die
NATO die Ergebnisse potentiellen Mitgliedstaaten
vor dem Außenministertreffen im Dezember 1995
vorlegen würde.
3 Während der letzten Jahre des Kalten Krieges
spielte die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) eine zentrale Rolle
beim Abbau der Schranken zwischen dem sowjetischen Block und dem Westen. Die unter der
Schirmherrschaft der KSZE ausgehandelte Schlußakte von Helsinki aus dem Jahr 1975 legte Verfahren für die regelmäßige Überprüfung der Einhaltung grundlegender
Menschenrechtsnormen
durch die Mitgliedstaaten fest. Nach dem KSZEGipfel in Paris im Jahr 1990 eröffnete die Organisation ein Sekretariat in Prag, ein Konfliktverhütungszentrum in Wien und ein Büro für demokratische
Institutionen und Menschenrechte in Warschau. Die
KSZE wurde in Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa (OSZE) umbenannt,
nachdem ihre Staats- und Regierungschefs im
vergangenen Dezember in Budapest zusammengekommen waren, und die Mitgliedstaaten verein-

Seite 8

5 Bereits 1949 definierte der amerikanische Senat
als eine Hauptaufgabe der NATO "die Entwicklung
des Maßes an Einheit und Sicherheit unter den
nordatlantischen Staaten, das eine Reintegration
Deutschlands in Westeuropa und die schließliche
Lösung des deutschen Problems möglich macht".
6 Siehe Kenneth Maxwell und Steven Spiegel, "The
New Spain: From Isolation to Influence", (Council on
Foreign Relations press, 1994), Seite 36. Für das
Zitat Calvos siehe Gregory F. Treverton, "Spain:
Domestic Politics and Security Policy" (International
Institute for Security Studies, 1986), Seite 31-32.
7 Siehe beispielweise "Russia and NATO: Theses
of the Council on Foreign and Defense Policy",
verfaßt von Sergej A. Karaganow und anderen
Angehörigen der außenpolitischen Elite Rußlands.
"Nezavisimaya Gazeta", 21. Juni 1995, Seite 2;
übersetzt in "Foreign Broadcast Information Service
Daily Report - Central Eurasia", 23. Juni 1995, Seite
10-17.
8 Außenminister Andrej Kosyrew hat erklärt, obwohl
der Zusammenbruch des Kommunismus "beispiellose
Aussichten" eröffnete, hat er auch "die Art von Verfall
und Untätigkeit ausgelöst, die alles begraben kann:
Die russische Wirtschaft, die Souveränität, Recht und
Ordnung und schließlich die Freiheit selbst", "Partnership or Cold Peace?" "Foreign Policy", (Sommer
1995), Seite 4-5.
Gleichzeitig darf man die Bedeutung außenpolitischer
Sorgen bei den im kommenden Dezember anberaumten russischen Parlamentswahlen und bei den
Präsidentschaftswahlen im nächsten Juni nicht
übertreiben. Die meisten Russen sind weiterhin sehr
viel besorgter über innenpolitische Probleme als reale oder eingebildete - Bedrohungen von außen.
Bei einer Meinungsumfrage über die größte Gefahrenquelle für die nationalen Interessen Rußlands
gaben ungefähr zwei Drittel Unordnung in der Russischen Föderation an, etwa Sezession der Art wie in
Tschetschenien.
Nur ein Fünftel der Befragten
glaubte, daß es eine große Bedrohung von einer
ehemaligen sowjetischen Republik oder dem Ausland
gibt.

AMERIKA DIENST 24

�9 Perry machte diese Ausführungen am 6. Februar
1994 bei der Wehrkundetagung in Deutschland.

10 Der Wortlaut seiner am 8. Juni gehaltenen Rede
wird in der Juli/August-Ausgabe von "Harvard Magazine" veröffentlicht.

* * * * *

AMERIKA DIENST 24

Seite 9

�U S A - D E U T S C H LAND
2. August 1995

50 Jahre Potsdamer Konferenz
Rede des ehemaligen Präsidenten Bush
POTSDAM - (AD) - Bei den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der Potsdamer Konferenz auf
Schloß Cecilienhof hielt der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, George Bush, am 25. Juli 1995
nachfolgende Rede.

Herzlichen Dank für die freundliche Begrüßung. Ich
möchte vor allem den Gastgebern und Ministerpräsident Manfred Stolpe meinen Dank aussprechen. Es ist schön, wieder in Deutschland zu sein.
Wenn ich die Menschen heute hier sehe, denke ich
daran, wie dieses schöne Gebäude während der
letzten Jahre der Deutschen Demokratischen Republik, der DDR, genutzt wurde. Damals gehörte
dieses Hotel der Reisegesellschaft der DDR.
Irgendwie scheinen die Worte "DDR" und "Reisegesellschaft" nicht in denselben Satz zu gehören.
Heute können die Deutschen aus dem Osten und
Westen reisen, wohin sie wollen, und jeder kann
diesen herrlichen Ort besichtigen. Heute besteht
keine Notwendigkeit für Reiseführer der Regierung,
um sicherzustellen, daß Sie sehen, was Sie sehen
sollen. Berauschende Freiheit liegt in der Luft.
In den vergangenen sechs Jahren haben sich in
Deutschland viele Veränderungen vollzogen. Aber
lassen Sie uns noch weiter zurückblicken. Als
Präsident Harry Truman, Premierminister Winston
Churchill und Josef Stalin vor 50 Jahren in diesem
Gebäude zusammenkamen, trafen sie sich in einer
zerstörten Stadt in der Nähe der zerstörten Hauptstadt eines zerstörten Landes. Diese Staats- und
Regierungschefs versuchten, die Politik für eine
neue Generation von Deutschen und Amerikanern
zu entwerfen.
Ich war einer dieser jungen Amerikaner. Vor fünfzig
Jahren war ich Marineflieger. Ich hatte das Glück zu
überleben, nachdem meine Maschine von den
Japanern abgeschossen worden war. Ich hatte kein
Mitgefühl für diejenigen in Deutschland oder Japan,
die uns in den Krieg gezogen hatten. Und auf der
anderen Seite der Erdkugel wuchs ein junger Mann
im Rheinland auf. Sein Name war Helmut Kohl. Er
ist ein Mann, für den ich große Bewunderung und
Respekt hege: Ein Mann, mit dem ich sehr eng

AMERIKA DIENST 24

zusammengearbeitet habe - ein Freund. Zu jener
Zeit konnten weder Helmut Kohl noch ich uns vorstellen, daß wir im Jahr 1990 zusammen in Camp
David stehen und der Welt erzählen würden, daß
unsere Länder die vielversprechende Hoffnung auf
ein neues, vereintes Deutschland teilten.
Und
betrachten Sie sich das Deutschland von heute.
Trotz der Verwüstungen des Krieges, trotz der
Aufnahme von nahezu acht Millionen deutschen
Flüchtlingen hat Deutschland seinen Platz unter den
führenden Wirtschaftsmächten der Welt eingenommen. Die Deutschen gründeten eine dauerhafte
demokratische Republik, in der sie klug die Macht
zwischen der Bundesregierung und solchen Bundesstaaten wie Berlin-Brandenburg teilten. Die Menschenrechte sind durch das "Grundgesetz" garantiert.
Und Deutschland ist eine lebendige, blühende
Demokratie, in der fast jeder zur Wahl geht.
Deutschland steht in jeder Hinsicht an vorderster
Stelle der westlichen Demokratien. Die Verbindung
durch die NATO, die unsere Länder über den Atlantik
hinweg zusammenhält, ist über 40 Jahre alt. Obwohl
man in den Vereinigten Staaten vereinzelt egoistische
isolationistische Stimmen vernehmen kann, ist die
Unterstützung der Öffentlichkeit für das Bündnis in
unseren beiden Ländern nach wie vor stark. Wie ich
vor mehr als sechs Jahren sagte, sind Deutschland
und Amerika wirklich "Partner in der Führung".
Deutschland ist auch in der Europäischen Union
unter den Führenden. Die Deutschen haben klugerweise ihre Partner in der Union aufgefordert, die
Vorteile der europäischen Integration auf die neuen
Demokratien Osteuropas auszudehnen. Einst war
Deutschland unser Feind, heute zählt Deutschland zu
Amerikas engsten Freunden.
Wie war dies möglich? Wie konnten wir gemeinsam
so weit kommen? Es begann hier in Potsdam, hier
in diesem Schloß. Der Geschichte liegen zwei

Seite 1

�Themen zugrunde. Das eine ist Vertrauen und wie
Vertrauen wächst. Das andere Thema ist Entscheidung.
Die Staats- und Regierungschets, die hier vor fünfzig
Jahren zusammenkamen, entschieden, daß es ein
Deutschland geben sollte, das nicht in mehrere
Staaten aufgeteilt ist. Sie entschieden unter der
Führung von Truman auch, daß Deutschland sich
erholen und florieren sollte. Deutschland mußte
gesund sein, damit auch Europa gesund sein
konnte.
Wie Sie sehen, hatte Truman Vertrauen in die
Zukunft. Als Truman hier war, erklärte er den amerikanischen Soldaten, die Amerikaner wollten "eine
Welt, in der alle Menschen die Chance haben, die
guten Dinge des Lebens zu genießen". Er sagte:
"Wir wollen nichts Finanzielles aus diesem Krieg...
Wenn wir unsere enorme Maschinerie dazu bringen
können ... für den Frieden zu arbeiten, könnten wir
dem großartigsten Zeitalter in der Geschichte der
Menschheit entgegenblicken. Das ist unser Vorschlag". Der Marshallplan bewies, daß es nicht nur
leere Worte waren.
Einer der an der Ausarbeitung des Marshallplans
beteiligten Ökonomen diente während des Krieges
als Berater dafür, welche Ziele unsere Bomber
angreifen sollten. Später erklärte er seinen Kollegen, er habe sein gesamtes Wissen eingesetzt, um
die deutsche Volkswirtschaft zu zerstören, und jetzt
setze er sein ganzes Wissen ein, um sie wieder
aufzubauen. Jene Amerikaner machten sich über
ganz Europa Gedanken, nicht nur über Deutschland.
Aber ein Grund dafür, warum sie einem wiederhergestellten Deutschland trauten, war, daß die Bundesrepublik sich als Teil Europas und als Teil der
atlantischen Gemeinschaft sah. Die führenden
Politiker des neuen Deutschlands - und hier muß ich
Konrad Adenauer erwähnen - hatten dieses Vertrauen verdient. Als 1952 die Aufnahme Deutschlands in die NATO heiß umstritten war, stimmte
unser Hochkommissar in Deutschland, John McCIoy,
mit Adenauer überein, daß diese Entscheidung beim
deutschen Volk liegen solle. Die Deutschen konnten
bestimmen, ob sie dem westlichen Bündnis angehören wollten.
Es war ein Vabanquespiel. Die heute einsehbaren
Dokumente belegen jedoch, daß amerikanische
Regierungsvertreter in den äußerst geheimen
Gesprächen zu folgendem Schluß kamen: "Wenn
die Sowjetunion wirklich bereit ist, freie Wahlen und
anschließend die Gründung eines geeinten Deutschlands zuzulassen, sind wir bereit, letztlich der
gesamtdeutschen Regierung die Entscheidung zu
überlassen, ob sie ihre Beteiligung am Integrations-

Seite 2

programm des Westens fortsetzen möchte." Das ist
Vertrauen.
In seinen Memoiren beschrieb Michail Gorbachow
den Wendepunkt bei unseren Diskussionen über die
Vereinigung Deutschlands.
Nach monatelangen
Argumentationen kam am 31. Mai 1990 der kritische
Moment, als wir in Washington im Weißen Haus
miteinander sprachen. Ich schlug vor, den Deutschen die Entscheidung über eine NATO-Mitgliedschaft zu überlassen. Gorbachow stimmte zu. Für
unsere Seite war es dasselbe Risiko, das wir bereits
1952 einzugehen bereit waren, aber dieses Mal mit
dem Vertrauen, das aus einer Generation deutscher
Demokratie resultiert sowie dem Vertrauen in Helmut
Kohl. Was den sowjetischen Präsidenten anbelangt,
zeigte der Kompromiß, daß er ein völlig neues Maß
an Vertrauen in die Deutschen, die NATO und die
Vereinigten Staaten setzte.
Sie sehen, daß Vertrauen manchmal bedeutet, den
Menschen Wahlmöglichkeiten zu geben mit der
Zuversicht, daß sie eine gute Entscheidung treffen.
Natürlich ist diese Idee der freien Wahl die Grundlage
einer freien Gesellschaft. Ich habe die deutsche
Vereinigung unterstützt und das auch seit Mai 1989
gesagt. Denn ich war überzeugt, daß die Bundesrepublik Deutschland wirklich an freie Wahl und daher
an Freiheit glaubte.
Im Juni 1983 besuchte ich in meiner Eigenschaft als
Vizepräsident die Stadt Krefeld. Damals fanden
riesige Demonstrationen gegen die Stationierung von
Mittelstreckenraketen durch die NATO statt. Viele
von Ihnen werden sich daran erinnern. Tausende
von Menschen gingen auf die Straße, um gegen die
Politik meiner Regierung zu protestieren. Die Demonstranten warfen Steine auf unser Auto. Ich
erinnere mich, wie ich mit Helmut Kohl in einer
Garage saß und darauf wartete, daß die Straße frei
würde, damit wir weiterfahren konnten. Und ich
dachte: Das ist eine Gesellschaft, die wirklich an
Redefreiheit glaubt. Das ist wahre Demokratie. Aber
ich gebe zu: Als ein wahnsinnig gewordener Demonstrant mit seiner mit Steinen gefüllten Jacke auf unser
Auto einschlug, kam mir seine Idee von Meinungsfreiheit etwas übertrieben vor.
1989 und 1990 äußerten andere Politiker mir gegenüber, wie besorgt sie über das neue Deutschland
waren. Ihre Besorgnis war verständlich. Ich bat sie
nicht, die Vergangenheit zu vergessen oder beiseite
zu schieben, aber ich sah, daß Deutschland aus der
Vergangenheit gelernt, mit ihr gebrochen und sich
dazu entschlossen hatte, eine andere Nation zu
werden. Wieder sehen wir, wie Vertrauen daraus
entsteht, daß man den Menschen die Chance gibt,
eine neue, bessere Zukunft zu wählen.

AMERIKA DIENST 24

�Daher ist es nur angemessen, daß wir diese Feier in
Ostdeutschland abhalten, mit einem der neuen
ostdeutschen Staatsmänner - Ministerpräsident
Stolpe. 1990 äußerten manche, Ostdeutschland
könne sich nie von 40 Jahren Kommunismus erholen. Sie behaupteten, die "Ossis" könnten nicht mit
der Zukunft fertigwerden. Weit gefehlt! 1989 und
1990 trafen die Menschen in Ostdeutschland eine
Entscheidung über ihre Zukunft. Sie haben richtig
gewählt. Ich weiß, daß Sie das auch weiterhin tun
werden.
Es ist nicht einfach, durch Berlin oder Potsdam zu
fahren, ohne über die Energie und das Wachstum
nachzudenken, von denen man umgeben ist. Wohin
man auch schaut, sieht man Baukräne am Himmel,
die neue Gebäude errichten. Jeder Baukran bedeu-

tet, daß jemand Zeit, Mühe und Geld aufwendet, um
etwas anderes zu versuchen, etwas Neues aufzubauen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Während wir der Konferenz gedenken, die vor 50
Jahren hier stattfand, ist die vielleicht wichtigste
Lektion eine Botschaft der Hoffnung. Während wir
über das Deutschland von 1945 und das Deutschland
von 1995 nachsinnen, erkennen wir, daß dieses Land
ohne unseren Glauben an die Zukunft nicht so weit
gekommen wäre und nicht so viel erreicht hätte. Mit
diesem Glauben kann das Land - und besonders
dieser Teil - Fortschritte machen und den nächsten
50 Jahren zuversichtlich entgegensehen.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 24

*

Seite 3

�GESCHICHTE
2. August 1995

Ein inspirierender Augenblick in der Geschichte
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenage!
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache, die J.D. Bindenagel, Gesandter der
Amerikanischen Botschaft in der Bundesrepublik Deutschland, am 27. Juli 1995 im Haus der Geschichte aus
Anlaß der Enthüllung des Mondsteines hielt.
Herzlichen Dank für die Einladung am heutigen
Morgen. Es ist äußerst angemessen, daß wir hier in
diesem schönen Gebäude, inmitten Ihrer historischen Ausstellung über die sechziger Jahre stehen.
Jahrhunderte später, wenn die Emotionen über
dieses turbulente Jahrzehnt nur Zeilen in den
Geschichtsbüchern sind, wird die erste Landung des
Menschen auf dem Mond ein inspirierender, erinnerungswürdiger Augenblick sein.
Überall in diesem Raum bemerken Sie andere
Memorabilien der sechziger Jahre. Sozialer Wandel,
Demonstrationen, Kommunen.
Steine sind ein
treffendes Andenken dieser turbulenten Zeit. Während dieses Jahrzehnts wurden Steine benutzt, um
die Frustration über das System zum Ausdruck zu
bringen. Einige wurden sogar auf Amerika Häuser
und amerikanische Konsulate in Deutschland geworfen. Dieser hier symbolisiert den nicht unterdrückbaren Geist des Menschen.
Dieser besondere Stein kommt nicht von unserer
Welt. Er gehört zu einer Welt, die weit entfernt von
unseren weltlichen Belangen ist. Einen kurzen,
leuchtenden Moment lang hatten wir diese Welt in
unserem Visier und schickten unsere Astronauten,
sie zu erkunden. Die amerikanische Flagge, die sie
auf dem Mond hißten, wird nicht als Zeichen der
Eroberung durch eine Nation im Gedächtnis bleiben.
Sie steht vielmehr als Symbol für das erfüllte
menschliche Streben. Wir griffen nach dem Mond,
als wir eine menschliche Reise zu den Sternen
begannen.
Die Erforschung des Weltraums stand und steht in
Konkurrenz zu eher irdischen Unterfangen. Vor
einem Jahrhundert schrieb Oscar Wilde, "alle Kunst
ist ziemlich nutzlos" - und einige haben dasselbe
über das Weltraumprogramm gesagt. Aber obwohl
irdische Aufgaben wichtig sind - insbesondere für
das Hier und Jetzt - inspirieren die Träume des
Menschen uns zu Größe.

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Man sollte sich vor Augen führen, daß das Weltraumprogramm in keiner Weise nutzlos für das Leben
auf der Erde war. Viele bedeutende Innovationen,
die wir jetzt als selbstverständlich hinnehmen - in der
Medizin, in den Computerwissenschaften, bei den
Bequemlichkeiten des alltäglichen Lebens - würden
wir ohne es nicht kennen. Das Apollo-Programm
hatte über sein erklärtes Ziel hinaus Erfolg. Ebenso
wie die Raumfähre und die permanenten Weltraumstationen, die wir bauen, steht es für die immer
größer werdenden Schritte der Menschheit auf ihrem
Weg zu einem unbekannten Schicksal. Die Erforschung des Weltraums ist ein kooperatives Unternehmen: Amerikaner, Russen, Europäer.
Deutschland hat bei unseren gemeinsamen Bestrebungen eine wichtige Rolle gespielt. An zwei Space
Shuttle-Missionen nahmen deutsche Astronauten
Seite an Seite mit Amerikanern teil. Gemeinsame
Experimente im europäischen Weltraumlabor haben
unseren beiden Ländern neue Technologien erschlossen. Auch Rußland, das andere große Land,
das an dem Wettlauf um die Erforschung des Weltraums teilnimmt, hat seit zwei Jahrzehnten deutsche
Astronauten an seinen Missionen beteiligt. Vor
kurzem beendeten Amerikaner und Russen eine
Mission auf der russischen Weltraumstation MIR.
Diese gesamte Arbeit repräsentiert die Menschheit
bei einem "Star Trek"-Ausflug in unbekannte Welten.
1948, als die Erforschung des Weltraums noch
Science Fiction war, schrieb der britische Astronom
Fred Hoyle über die Macht der "Vision": "Wenn erst
einmal ein von außerhalb aufgenommenes Foto der
Erde verfügbar ist ... wird eine neue Idee entstehen,
die mächtiger ist als alles in der Geschichte."
Zwanzig Jahre später wurde diese Vision Realität.
Die Astronauten der amerikanischen Apollo-Mission
landeten auf dem Mond und sind bis heute die
einzigen Menschen, die in der Weite des Universums
die Erde als Ganzes gesehen haben. Als er die Erde

Seite 1

�vom Mond aus sah, erklärte der Astronaut James
Irwin, ein Mitglied der Apollo-Besatzung: "Dieses
wunderschöne, warme, lebende Objekt sah so zart
und zerbrechlich aus, als würde es bei bloßer Berührung auseinanderfallen."
Die Landung auf dem Mond hat uns verändert. Wir
alle werden durch das beeinflußt, was diese Männer
sahen - und wir sahen es durch ihre Augen. Die
wachsende Umweltbewegung ist ein Beispiel. Wir
werden uns immer stärker bewußt, daß diese wunderschöne Welt geschützt werden muß und wir für
sie verantwortlich sind.
Die gemeinsamen Bestrebungen im Weltraum sind
ein Beispiel dafür, was wir als Freunde gemeinsam
erreichen können. Die Vereinigten Staaten und
Deutschland haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, das sich immer wieder in Krisen bewährt und
die Zeit überdauert hat. Wir können uns aufeinander

*

Seite 2

*

verlassen, unsere technologische Zusammenarbeit
auszuweiten und unseren Wohlstand in dieser neuen
Welt zu gewährleisten. Obwohl wir zwei souveräne
Länder sind, bilden wir eine Familie. Familien sind im
Vertrauen geeint - ein Vertrauen, das für die Sicherung unserer Zukunft von entscheidender Bedeutung
ist.
Dieser Stein, der älter ist als unsere Nationen, wird
die Lebenszeit der Menschheit auf diesem Planeten
überdauern. Er wird jedoch noch auf lange Zeit in
dieser Halle als Symbol unserer Partnerschaft stehen,
das zeigt, was einer gemeinsamen Sache verschriebene Menschen zur Erreichung eines gemeinsamen
Ziels bewirken können. Wir freuen uns, daß dieser
ganz besondere Mondstein im Haus der Geschichte
ausgestellt wird.
Nochmals vielen Dank.

*

*

AMERIKA DIENST 24

�MEDIEN
2. August 1995

Medien und die Gesellschaft
von Fredric A. Emmert
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel über die Bedeutung der amerikanischen
Medien in den neunziger Jahren. Der Verfasser, Fredric A. Emmert, gehört dem Auswärtigen Dienst des USInformationsamts an. Während seiner 25jährigen Laufbahn, die ihn unter anderem auch nach Lateinamerika
und Europa führte, beobachtete er amerikanische und ausländische Medien und arbeitete mit ihnen zusammen.

Pressefreiheit
Die Medien in den Vereinigten Staaten sind ein
Spiegel der Werte und des Charakters der Gesellschaft und setzen sich für den Erhalt der Grundsätze
ein, auf denen die amerikanische Gesellschaft fußt.
Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung bildet die Grundlage für Pressefreiheit in
Amerika. Aufgrund dieses umfassenden verfassungsmäßigen Schutzes der Pressefreiheit und
analoger Bestimmungen in den Verfassungen der 50
amerikanischen Bundesstaaten gibt es in den
Vereinigten Staaten nur wenige Pressegesetze. Die
existierenden enthalten zusätzlichen Schutz und
weitere Rechte für Journalisten in Kategorien, die
nicht in der Verfassung vorgeschrieben sind. Das
Gesetz über die Privatsphäre von 1974, das die
Sammlung und Weiterleitung persönlicher Daten aus
den Akten der Bundesbehörden regelt, und das
Gesetz über den Schutz der Privatsphäre von 1980,
das Schutz vor polizeilicher Durchsuchung von
Nachrichtenzentralen bietet, sind Beispiele für solche
Gesetze. Zusätzliche Beispiele sind Gesetze auf
landesweiter oder bundesstaatlicher Ebene über
Informationsfreiheit und die sogenannten "Sonnenschein"-Gesetze, beispielsweise das Gesetz über
Informationsfreiheit von 1966, durch das Öffentlichkeit und Presse Einblick in Aufzeichnungen der
Exekutive erhalten.
Der Umfang amerikanischer Pressefreiheit wurde
jedoch hauptsächlich durch Gerichtsentscheidungen
festgelegt, die Feinheiten des ersten Zusatzartikels
zu Verfassung auslegten. Im allgemeinen entschieden die Gerichte, daß der Presse die Rolle eines
"Wachhundes" der Regierung zukommt und sie
keinen Beschränkungen oder Registrierungen
unterworfen sein sollte. Andererseits fallen Verleumdung, Obszönität und die Veröffentlichung von
nationalen Sicherheitsgeheimnissen im allgemeinen

AMERIKA DIENST 24

nicht unter den Schutz des ersten Zusatzartikels zur
Verfassung.
Die Überwachungsfunktion
In einer Vielzahl von Gerichtsentscheidungen wurde
festgelegt, der Presse komme eine wichtige Funktion
als Hüter der Demokratie und Überwachungsorgan
gegen Mißbrauch durch die Regierung zu. Der
Richter des Obersten Bundesgerichts der Vereinigten
Staaten, Hugo Black, gab in seinem abschließenden
Gutachten des Falls der Pentagon Papers von 1971
die vielleicht beste Zusammenfassung dieses wichtigen Themas des amerikanischen Verfassungsrechts:
Die Macht der Regierung, die Presse zu zensieren, wurde abgeschafft, damit die Presse
auf ewig die Freiheit besitzt, die Regierung zu
zensieren. Die Presse war geschützt, damit
sie die Geheimnisse der Regierung enthüllen
und das Volk informieren konnte.
Die Gerichte lehnten die meisten Versuche der
Regierung zur Verhängung einer Vorzensur ab. Das
bekannteste jüngste Beispiel eines solchen Versuchs
der Regierung war die Forderung der Nixon-Administration nach einer dauerhaften Verfügung, die
Veröffentlichung der Pentagon Papers durch die The
New York Times und The Washington Post auf der
Grundlage der Behauptung zu verbieten, die Veröffentlichung geheimer Dokumente über die Geschichte der amerikanischen Verwicklung in den
Vietnamkrieg würde den Vereinigten Staaten großen
Schaden zufügen.
Das Oberste Bundesgericht
entschied mit 6 zu 3 Stimmen, die Regierung habe
nicht "die schwere Aufgabe erfüllt, eine solche
Beschränkung zu rechtfertigen".
Aus dem gleichen Grund haben die Gerichte die
Tradition aufrechterhalten, daß staatliche Zensur

Seite 1

�durch Lizensvergabe und Registrierungserfordernisse für Zeitungen und Journalisten verfassungswidrig sind. Dennoch fordern die Gerichte weiterhin,
daß Besitzer und leitende Mitarbeiter von Zeitungen
und Zeitschriften vereidigte Erklärungen mit Listen
von Besitzern, Aktionären und Redakteuren einreichen, um sich für Versandprivilegien zu niedrigeren Kosten zu qualifizieren. Aufgrund ihrer besonderen Natur sind Rundfunk- und Fernsehsender
speziellen Zulassungsbestimmungen unterworfen.
Verleumdung
Im Verlauf der amerikanischen Geschichte verfügten
die Gerichte, die Presse sei nicht vom ersten Zusatzartikel zur Verfassung geschützt, wenn sie sich
verleumderischer Sprache bedient und damit den
Ruf von Einzelpersonen und Institutionen schädigt.
Bis 1964 fielen die Rechtsnormen über die Definition
und Entschädigung bei Verleumdung, einschließlich
verleumderischer Beleidigung, fast ausschließlich in
den Zuständigkeitsbereich der Bundesstaaten. In
diesem Jahr entschied jedoch das Oberste Bundesgericht im Fall "The New York Times gegen Sullivan", die Presse hafte nur dann für verleumderische
falsche Behauptungen über Personen des öffentlichen Lebens, wenn diese ihr "tatsächliche Böswilligkeit" nachweisen können. Diese Entscheidung
erschwerte es den Klägern, Urteile gegen die Presse
zu sprechen, da sie nicht nur beweisen mußten, daß
eine falsche Sprache verwendet wurde, sondern sie
den Geschworenen auch zeigen mußten, daß die
Zeitung oder der Journalist wissentlich Unwahrheiten
veröffentlich hatte.
Obszönität
Obwohl die Gerichte schon seit langem festgelegt
hatten, Medien, die Obszönitäten oder Pornographie
veröffentlichen oder senden, genössen nicht den
Schutz des ersten Zusatzartikels zur Verfassung, ist
es für einen Richter schwierig, diese Begriffe zu
definieren. Folglich wies das Oberste Bundesgericht
1973 in den Fällen "Miller gegen Kalifornien" und
"Paris Adult Theater gegen Slaton" die Idee eines
nationalen Obszönitätsstandards zurück und überließ
die Definition und Regelung von Obszönität den
"zeitgenössischen Gemeinschaftsnormen, die von
den anzuwendenden bundesstaatlichen Gesetzen
festgelegt werden".
Das Oberste Bundesgericht erklärte jedoch, ein
allgemeiner Test auf Obszönität müsse festlegen:
1. ob ein "Durchschnittsbürger unter Anwendung
zeitgenössischer Gemeinschaftsnormen" zu dem
Schluß gelangen würde, daß die Arbeit als Ganzes lasziven Interessen entgegenkommt,

Seite 2

2. ob die Arbeit auf eine offenkundig offensive Weise
sexuelles Verhalten darstellt oder beschreibt, wie
es von den anzuwendenden bundesstaatlichen
Gesetzen definiert ist und
3. ob die Arbeit als Ganzes keinen ernsthaften
literarischen, künstlerischen, politischen oder
wissenschaftlichen Wert hat.
Militärische und atomare Geheimnisse
In den Vereinigten Staaten gibt es kein Gesetz über
Staatsgeheimnisse, aber die Gerichte legten fest, daß
der erste Zusatzartikel zur Verfassung nicht die
Medien schützen soll, die militärische oder atomare
Geheimnisse abdrucken oder in Rundfunk und
Fernsehen senden. Wenn ein Journalist in den
Besitz solch geheimer Informationen gelangt, steht
die Regierung vor der schweren Aufgabe, ein Gericht
zu überzeugen, die Veröffentlichung im voraus zu
verbieten, wie der Fall der Pentagon Papers demonstrierte.
Privatsphäre
Der Oberste Gerichtshof erkannte schon vor langer
Zeit das Recht auf Privatsphäre unter der verfassungsmäßigen Bill of Rights an. Infolgedessen
haben die Medien keine Basis dafür, in die Privatsphäre einer Person einzugreifen, obwohl im öffentlichen Leben stehende Menschen im allgemeinen als
gefundenes Fressen für Nachrichtenzwecke betrachtet werden. Aus dem gleichen Grund können die
Medien nicht den Namen oder das Bild einer Person
für kommerzielle Zwecke, beispielsweise in der
Werbung, ohne ihr Einverständnis benutzen.
Gerichtsverfahren und die Presse
Nachdem das Oberste Bundesgericht viele Jahre den
Versuch unternommen hatte, das Recht der Öffentlichkeit auf Information, was sich in den Gerichten
des Landes abspielt, das Recht der Presse, Zugang
zu juristischen Verfahren und Aufzeichnungen zu
erhalten, und das Recht des Angeklagten auf ein
faires Gerichtsverfahren miteinander in Einklang zu
bringen, entschied es 1976 im Fall "Nebraska gegen
Stuart", die Presse könne - außer in seltenen Ausnahmefällen - nicht an der Berichterstattung über
öffentliche Gerichtsverhandlungen gehindert werden.
Nach dieser Entscheidung stimmten amerikanische
Gerichte allmählich einer erweiterten Medienberichterstattung in Gerichtssälen zu. Zwischen 1965 und
1980 beispielsweise beschlossen 11 Bundesstaaten,
Berichterstattung aus den Gerichtssälen in Bild und
Ton auf Dauer zu gestatten. Im Fall "Chandler gegen
Florida" aus dem Jahr 1980 entschied das Oberste

AMERIKA DIENST 24

�Bundesgericht einhellig, die Verfassung verbiete
keinem Bundesstaat Experimente mit elektronischer
und optischer Berichterstattung über Gerichtsverfahren. 1992 hatten 45 Bundesstaaten entweder
dauerhaft oder versuchsweise elektronische Medienberichterstattung zugelassen.
Der Zugang zu Gerichtsverfahren war 1992 so
verbreitet, daß der Kabelkanal "Courtroom Network"
begann, 24 Stunden täglich Gerichtsverhandlungen
in 5,5 Millionen amerikanische Haushalte zu übertragen. Im Gegensatz dazu stimmte die amerikanische Juristenkonferenz, ein politisch einflußreiches
Gremium, das die amerikanischen Bundesrichter
vertritt, im September 1994 für die Aufrechterhaltung
des Verbots von Fernsehkameras im Bundesgericht.
Regelung der Fernseh- und Radioübertragung
Aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften sind
Rundfunk und Fernsehen strengeren Bestimmungen
unterworfen als die Printmedien, und die Gerichte
vertreten die Auffassung, daß solche Bestimmungen
nicht gegen den ersten Zusatzartikel zur Verfassung
verstoßen. Eine logische Erklärung für die strengeren Bestimmungen bei der Rundfunkübertragung ist
die Tatsache, daß der Äther ein kostbares Gut im
Besitz der Öffentlichkeit ist und die Zuhörer und
Zuschauer im Unterschied zu Zeitungs- und Zeitschriftenlesern ein "unfreiwilliges Publikum" sind.
Die explosionsartige Zunahme der Medien hat diese
Theorie jedoch geschwächt.
1934 richtete der Kongreß die Bundesbehörde für
das Fernmeldewesen (Federal Communications
Commission - FCC) ein, die die Rundfunk- und
Fernsehindustrie beaufsichtigt. Obwohl die entsprechenden Gesetze erlassen wurden, bevor das
Fernsehen zum Massenmedium wurde, wurden sie
seitdem nicht substantiell abgeändert. Das Gesetz
betraut die FCC nicht nur mit Überwachungsfunktionen, sondern auch mit der Lizenzvergabe sowie dem
Erlaß von Vorschriften entsprechend dem "öffentlichen Interesse, der Angemessenheit und Notwendigkeit".
Im Einklang mit diesem Mandat bemühte sich die
FCC um die Förderung von Vielfalt bei Inhalt und
Besitzverhältnissen in der Fernmeldeindustrie.
Das Gesetz von 1934 über die Einrichtung der
Bundesbehörde für das Fernmeldewesen wandte
insbesondere Kartellgesetze auf das Fernmeldewesen an und forderte den Lizenzentzug für alle
Fernseh- und Radiostationen, deren Besitzer monopolistische Praktiken anwenden. Im Lauf der Jahre
erließ die FCC Bestimmungen über Einschränkungen beim Besitz von Sendern innerhalb einer Stadt

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sowie 1975 eine Verfügung, die die Abschaffung des
gleichzeitigen Besitzes von Zeitungen und Fernsehstationen beziehungsweise Zeitungen und Rundfunksendern auf einem Markt vorsah. Ferner entschied
die FCC, daß ausländische Unternehmen nicht mehr
als 25 Prozent der Stimmrechtsaktien eines Fernmeldebetreibers in den Vereinigten Staaten besitzen
dürfen.
Die Verbreitung des Kabelfernsehens, das nicht
durch Frequenzvergabe beschränkt ist und eine
große Programmvielfalt bietet, veranlaßte die FCC in
den achtziger Jahren zu einer Lockerung ihrer
Fernmeldebestimmungen. Beispielsweise erhöhte sie
die Anzahl von Mittelwelle- und UKW-Rundfunksendern und Hochfrequenzfernsehstationen, die ein
Unternehmen besitzen kann, von jeweils 7 auf 12,
falls der Anteil am nationalen Markt der Fernsehstation nicht die 25-Prozent-Marke überschreitet.
1994 erhöhte die FCC erneut die Obergrenze von
Mittel- und UKW Stationen im Besitz eines Unternehmens (auf jeweils 20), die maximale Zahl bei
Fernsehstationen blieb jedoch bei 12. Die Lizenzzeit
wurde von 3 Jahren für Rundfunk- und Fernsehsender auf 7 Jahre für den Rundfunk und 5 Jahre für das
Fernsehen festgesetzt. Fernsehstationen können
jetzt (mit gewissen Einschränkungen) Kabelsysteme
besitzen, und das Telekommunikationsgesetz für
Kabelfernsehen von 1984 gestattet Zeitungen den
Besitz von Kabelkanälen, selbst wenn beide denselben Markt bedienen.
1986 verfügte der Kongreß die komplette Deregulierung der Kabelfernsehindustrie. Nach weitverbreiteten Klagen der Verbraucher verabschiedete der
Kongreß 1992 ein Gesetz zur erneuten Regulierung
der Industrie, und das von Präsident Bush dagegen
eingelegte Veto wurde überstimmt. Ferner entschied
die FCC 1987, nicht länger ihre "Fairness-Doktrin"
durchzusetzen, die von Rundfunk und Fernsehen
verlangte, Vertretern gegensätzlicher Meinungen
gleichviel Zeit einzuräumen. Der Kongreß bemühte
sich um eine Kodifizierung der "Fairness-Doktrin",
aber Präsident Reagan legte gegen das Gesetz sein
Veto ein. Anschließende Versuche des Kongresses
zur Wiedereinführung der Doktrin waren nicht erfolgreich.
1990 verabschiedete der Kongreß das Gesetz über
Kinderfernsehen, das die in Kinderprogrammen
erlaubte Werbezeit leicht verringerte.
Im Dezember 1994 eröffnete die FCC in Anbetracht
des verstärkten Wettbewerbs zwischen den Betreibern von Kabel- und Satellitenfernsehen eine öffentliche Debatte über Vorschläge zur allmählichen
Vergrößerung des Zuschaueranteils für einen Sender.
Die Vorschläge der FCC würden auch die Beschrän-

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�kungen des Besitzes von zwei Fernsehstationen auf
großen Märkten lockern und Unternehmen den
Besitz von Rundfunk- und Fernsehstationen auf
demselben Markt gestatten.
Aufgrund der zunehmenden Annäherung zwischen
den Medien unterbreitete die Clinton-Administration
den Vorschlag über eine neue Telekommunikationspolitik zur Öffnung der sogenannten "Datenautobahn". In einer am 11. Januar 1994 gehaltenen
Rede skizzierte Vizepräsident Gore die Vorschläge
der Administration zur Ermutigung von Wettbewerb
auf dem Informationsmarkt, einschließlich der
Empfehlung, Telefon- und Kabelfernsehgesellschaften den Zusammenschluß zu gestatten. Diese
Vorschläge wurden vom 103. Kongreß nicht angenommen. Im Januar 1995 schlug die neue
republikanische Mehrheit im 104. Kongreß eine noch
umfassendere Neufassung des Kommunikationsgesetzes von 1934 vor, die den Gerichtsentscheid
über die Auflösung des Kommunikationsgiganten
AT&amp;T sowie die landesweiten und bundesstaatlichen
Gesetze über den Ausschluß von Telefon- und
Kabelfernsehgesellschaften vom jeweils anderen
Markt annullieren würde.
Medien und Wahlen
Die amerikanischen Medien werden im Wahlprozeß
zu einem immer wichtigeren Faktor. Zehntausende
von Tages- und Wochenzeitungen sowie Hunderte
von Wochen- und Monatszeitschriften berichten
ausführlich über den Wahlkampf. Die Kandidaten
bemühen sich eifrig um Unterstützung durch die
großen Publikationen. Seit 1960 ist das Fernsehen
das bei weitem dominanteste Medium. In jenem
Jahr besiegte John F. Kennedy Richard M. Nixon in
einer der knappsten Präsidentenwahlen der amerikanischen Geschichte, wobei nach Meinung vieler Beobachter das gute Abschneiden Kennedys in den
Fernsehdebatten der beiden Kandidaten der entscheidende Faktor war.
Der junge und telegene Kennedy erkannte als erster
Präsident das ganze Potential des Fernsehens und
machte es sich geschickt zunutze. Andererseits gab
Walter F. Mondale, der erfolglose Präsidentschaftskandidat der Demokraten aus dem Jahr 1984, zu:
"Ich konnte mich nie für das Fernsehen erwärmen,
und das Fernsehen nie für mich. Sein siegreicher
republikanischer Herausforderer, Ronald Reagan der den Spitznamen "der große Kommunikator"
erhielt - gab dank seiner jahrelangen Erfahrung als
Film- und Fernsehschauspieler während seiner
beiden Amtszeiten eine meisterhafte Vorstellung auf
dem Bildschirm.

Seite 4

Der Präsidentschaftswahlkampf von 1992 markierte
einen Wandel in bezug auf die Macht der drei großen
Fernsehsender - CBS, NBC und ABC - die Berichterstattung und Wahlkampfbotschaften übermittelten.
In diesem Jahr griffen die Kandidaten häufig auf das
Kabelfernsehen, insbesondere CNN (Cable News
Network), als wichtiges alternatives Instrument
zurück. Der unabhängige Kandidat Ross Perot gab
beispielsweise seine Kandidatur in der "Larry King
Live "-Show von CNN bekannt, und der demokratische
Kandidat Bill Clinton wählte MTV, um sein Talent als
Saxophonspieler zu demonstrieren.
Als die Fähigkeit des Kabelfernsehens zur Berichterstattung über einen Wahlkampf 24 Stunden am Tag
offensichtlich wurde, verlegten die großen Fernsehsender ihren Schwerpunkt von erschöpfender Berichterstattung auf die Interpretation und Analyse von
Wahlkampagnen. Obwohl die drei großen Fernsehsender 1992 mit 55 Prozent der Zuschauer oder 22
Millionen Haushalten bei den Abendsendungen
eindeutig führend waren, spielt das Kabelfernsehen
im Wahlkampf eine immer wichtigere Rolle, die im
Laufe des Jahrzehnts sicherlich noch zunehmen wird.
Da das Femsehen immer teurer und anspruchsvoller
wird, gaben beide großen Parteien immer mehr Geld
für Experten aus, die den Kandidaten den besten
Umgang mit dem Medium beibringen sollten, insbesondere in den entscheidenden Fernsehdebatten,
die seit 1960 zu einem Hauptgegenstand der Präsidentschaftswahlkämpfe wurden. Neben der Kennedy-Nixon-Debatte wird die dritte Debatte zwischen
Präsident Carter und dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan weithin als entscheidend für den Wahlausgang angesehen. Zudem
haben die beiden führenden Parteien - Demokraten
und Republikaner - große Summen für Werbeagenturen vorgesehen, die in kurzen Werbespots die
Botschaft ihrer Kandidaten übermitteln und ein
schlechtes Licht auf ihre Opponenten werfen. Die
Werbung im Wahlkampf George Bushs von 1988
beispielsweise war eindeutig ein entscheidender
Faktor für den Sieg Bushs über Michael Dukakis.
Bei der Planung ihres Wahlkampfes nutzen Politiker
in zunehmendem Maße Meinungsumfragen. Nachdem eine Zeitung in Harrisburg (Pennsylvania) 1828
zum ersten Mal Umfragen durchführte, sind diese zu
einem festen Bestandteil des Wahlprozesses in den
Vereinigten Staaten geworden. Obwohl die Meinungsumfragen mit den Jahren verbessert wurden,
versagten sie bei mehreren Gelegenheiten vollständig
mit der Vorhersage, wer die Präsidentschaft gewinnen würde. Das bekannteste Beispiel ist der Sieg
von Harry Truman über Thomas E. Dewey im Jahr
1948, auf den die Meinungsforscher voller Zuversicht
gesetzt hatten und den die Chicago Daily Tribüne

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�fälschlicherweise am Tag nach der Wahl zum Sieger
erklärt hatte. Trotz ihrer Mängel wurden für gewöhnlich in Zusammenarbeit mit einer nationalen Fernsehstation von den führenden nationalen Zeitungen
durchgeführte Meinungsumfragen ein wichtiges
Instrument für politische Strategien zur Feinabstimmung ihrer Kampagnen und zum Ausmachen der
Schwächen des Gegners.
Die Medien unterzogen die Kandidaten für ein
nationales Amt in den Vereinigten Staaten einer
genauen Prüfung, die häufig zum Sturz dieser
Kandidaten führte. Ein führender Präsidentschaftsbewerber der Demokraten, Senator Gary Hart, sah
sich 1988 gezwungen, seinen Wahlkampf abzubrechen, nachdem die Presse seine Affäre mit einer
jungen Frau aufgedeckt hatte. 1992 wurde zum
ersten Mal ein Präsident - George Bush - von einem
Reporter gefragt, ob er je Ehebruch begangen habe.
Solch ein zunehmend die Privatsphäre verletzendes
Verhalten der amerikanischen Presse hat ziemliche
Diskussionen über das Ausmaß ausgelöst, in dem
es der Presse gestattet sein sollte, in das Privatleben von Amtsinhabern oder Kandidaten für ein
nationales Amt einzugreifen.
Es scheint keine
eindeutige Schlußfolgerung der Debatte zu geben,
aber die Tendenz geht zu vermehrter Einmischung
der Medien in das private und öffentliche Leben von
Politikern.
Journalistische Ethik
Die Rolle der amerikanischen Presse als Wachhund
machte sich in den sechziger Jahren während des
Vietnamkriegs und der Watergate-Ermittlungen
Anfang der siebziger Jahre bemerkbar. Im ersten
Fall spielte die Presse eine führende Rolle dabei,
den Rückzug der Vereinigten Staaten aus einem
unpopulären Krieg zu beschleunigen, und im zweiten
Fall gelang es zwei hartnäckigen Reportern von The
Washington Post, Bob Woodward und Carl Bernstein, Fakten aufzudecken, die zum Rücktritt von
Präsident Nixon führten. Infolgedessen wurden
Woodward und Bernstein zu Medienberühmtheiten,
und ihr Buch über die Ermittlungen, Die Watergate
Affäre, wurde verfilmt.
Einige Zeit danach florierte der Trend zu Sensationsjournalismus. Einige Exzesse Anfang der achtziger
Jahre veranlaßten die amerikanische Öffentlichkeit
jedoch, die Glaubwürdigkeit der Presse anzuzweifeln.
Eine junge Washington Post-Reporterin
gewann zum Beispiel den Pulitzerpreis (die höchste
journalistische Auszeichnung) für ihre bewegende
Schilderung eines achtjährigen Heroinsüchtigen
namens Jimmy. Später wurde bekannt, daß sie die
Geschichte erfunden hatte, und der Pulitzerpreis
wurde ihr aberkannt.

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Angesichts von Meinungsumfragen, die zunehmendes Mißtrauen der Öffentlichkeit gegenüber der
Presse Ende der siebziger Jahre belegten, zeigten
zahlreiche Redakteure erneutes Interesse an einem
Ehrenkodex und anderen Formen der Selbstkontrolle.
Journalistische Ehrenkodizes, die darlegten, wie sich
die Presse in den Vereinigten Staaten verhalten soll,
gibt es seit 1923, als die amerikanische Gesellschaft
der Zeitungsredakteure (American Society of Newspaper Editors - ASNE) den ersten Kodex verabschiedete, der zuletzt 1975 überarbeitet wurde. Die
Gesellschaft der Berufsjournalisten/Sigma Delta Chi
(Society of Professional Journalists/ Sigma Delta Chi)
und der Verband der Presse-Chefredakteure (Associated Press Managing Editors) stimmten ähnlichen
Kodizes zu. Diese Ehrenkodizes der drei führenden
Berufsverbände von Zeitungsredakteuren enthalten
wichtige Richtlinien und fordern die Journalisten auf,
ihren Beruf mit Intelligenz, Objektivität, Genauigkeit
und Fairness auszuüben. Sie sind jedoch nur
freiwillig, und bei Nichteinhaltung werden keine
Sanktionen verhängt.
Einige Zeitungen haben mit anderen Instrumenten für
verbessertes ethisches Verhalten experimentiert, wie
etwa dem Ombudsmann - einem aus Skandinavien
übernommenen Konzept. Ein Ombudsmann ist eine
von einer Zeitung ernannte Person, die Beschwerden
über die Berichterstattung und Praktiken der Zeitung
prüfen und die Ergebnisse der Ermittlungen veröffentlichen soll. The Louisville Courier Journal
(Louisville, Kentucky) war 1967 die erste amerikanische Zeitung, die dieses System einführte. Unter den
nationalen Elite-Tageszeitungen richtete jedoch nur
The Washington Post ein unabhängiges Ombudsmann-Büro mit der Befugnis ein, Mißbrauch oder
Mängel der Zeitung zu prüfen und aufgrund von
Beschwerden der Leser einzugreifen. 1985 hatte die
Organisation der Zeitungs-Ombudsleute eine Liste
von 30 aktiven Ombudsleuten, und die durchschnittliche Auflage der Zeitungen, für die sie arbeiteten,
belief sich auf rund 130.000. Seit damals haben
jedoch zahlreiche Zeitungen dieses System abgeschafft.
Das ebenfalls aus Europa (Großbritannien) importierte Konzept eines Nachrichtenrats stand für einen
weiteren Versuch der Selbstkontrolle der Presse mit
gemischten Ergebnissen. Das ehrgeizigste amerikanische Experiment war der 1973 gegründete, durch
mehrere private Stiftungen finanzierte nationale
Nachrichtenrat. Er hatte die Unterstützung von The
Washington Post, The Wall Street Journal, The
Christian Science Monitor, CBS, The Associated
Press und der United Press International. Der Rat
handelte als Alternative zu Verleumdungsklagen und
anderen rechtlichen Schritten. Er prüfte Beschwerden gegen Medienorganisationen, bei denen der

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�Kläger zustimmte, keine Zivilklage gegen den
Beschuldigten vorzubringen.
Die Finanzierung
wurde jedoch 1984 eingestellt, und nur einige
wenige Räte - wie der Minnesota News Council operieren weiterhin erfolgreich auf Bundesstaatenebene.
Diese - wenn auch lobenswerten - Experimente
verbesserten die Einstellung der Öffentlichkeit
gegenüber der Presse nicht maßgeblich. Unmittelbar nach der Entsendung amerikanischer Truppen
nach Grenada im Jahr 1984 und der Beteiligung am
Golfkrieg 1991 durchgeführte Meinungsumfragen
deuteten darauf hin, daß die amerikanische Öffentlichkeit die Einschränkungen mit überwältigender
Mehrheit unterstützte, die der Medienberichterstattung vom amerikanischen Militär auferlegt worden
waren. Während die Reporter praktisch uneingeschränkten Zugang zum Kriegsschauplatz in Vietnam
hatten, war dieser in Grenada strengen Restriktionen
unterworfen. In einer mit dem US-Verteidigungsministerium im Anschluß an Grenada erzielten
Vereinbarung operierten sie im Golfkrieg unter einem
"Pool"-Arrangement, bei dem ausgewählte Vertreter
Filmaufzeichnungen und Berichte von der Front an
Medienvertreter weitergaben, die nicht in den Kampfgebieten waren.
Das Verteidigungsministerium
führte in beiden Fällen Sicherheitsbelange und die
kleinen Kriegsschauplätze als Grund für die Restriktionen an.
Ethische Fragen verfolgen die amerikanischen
Medien weiterhin. Eines der heißesten aktuellen
Themen für amerikanische Journalisten ist, wo die
Linie zwischen dem Recht des einzelnen auf Wahrung seiner Privatsphäre und dem Recht der Öffentlichkeit auf Information zu ziehen ist. Als beispielsweise The Village Voice im Juli 1991 ein von einem
freiberuflichen Journalisten verfaßter Artikel angeboten wurde, der die Homosexualität eines hohen
Beamten des Verteidigungsministeriums aufdeckte,
verwarfen die Redakteure dieser New Yorker Wochenzeitschrift den Beitrag als ungerechtfertigten
Eingriff in die Privatsphäre. Einen Monat später
gestatteten dieselben Redakteure einem VoiceKolumnisten, einen Bericht über die Beschuldigungen und den Namen des Regierungsvertreters zu
veröffentlichen. Als logische Erklärung führten sie
die Tatsache an, die Identität des Mannes werde
von anderen Nachrichtenorganen so weithin genannt, daß Zurückhaltung müßig sei. Auf der
anderen Seite entschied sich The Washington Post
zur Berichterstattung über die Kontroverse ohne
Namensnennung des Beamten aufgrund ihrer Politik,
"nicht über das Privatleben öffentlicher Beamter zu
schreiben, bis persönliche Aspekte ihre Arbeit zu
beeinflussen beginnen".

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Die Zeitungen waren auch unterschiedlicher Auffassung, ob die Namen der Opfer von Vergewaltigungen veröffentlicht werden sollten - einem weiteren
heiklen, die Privatsphäre berührenden Thema. Das
amerikanische Gerichtssystem, die Gesetzgebung der
Bundesregierung und der Einzelstaaten, ausführende
Organe, die Öffentlichkeit und die Medien werden alle
weiterhin daran mitwirken, wie diese rechtlichen und
ethischen Fragen in den neunziger Jahren in Amerika
gehandhabt werden.
Journalistische Ausbildung
Der amerikanische Journalismus profitiert von einem
breitgefächerten Netz an Ausbildungseinrichtungen.
Die erste amerikanische Journalistenschule wurde
1908 von der University of Missouri gegründet. Bis
1990 hatte sich die Zahl von Universitäten, die einen
Abschluß in Journalismus anbieten, auf 404 vervielfacht. Zwischen 1960 und 1990 stieg die Zahl der
Immatrikulationen für Journalismus von etwas über
11.000 auf nahezu 160.000. Die meisten dieser
Studenten (93,8 Prozent) studierten auf das Bakkalaureat hin, während 5,6 Prozent in Magisterprogrammen und 0,5 Prozent in Promotionskursen waren.
Der dramatischste Trend bei der journalistischen
Ausbildung ist die zunehmende Zahl von Frauen, die
1990 sowohl bei den Bakkalaureats- als auch den
Magisterprogrammen die Mehrheit ausmachten.
Tabelle 1 führt die zehn größten Journalismus- und
Massenkommunikationsprogramme für Immatrikulierte
im Jahr 1990 auf.
Amerikanische Journalistenschulen bereiten die
Studenten auf mehr als die Karriere bei einer Zeitung
vor. Neben Nachrichtenredaktion - dem traditionellen
Arbeitsplatz des Zeitungsjournalisten - sind die drei
anderen wichtigen Bereiche Werbung, Hörfunkjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit. 1990 schrieb sich
die höchste Zahl der Studenten - 33 Prozent - für
Werbung ein. Zusätzlich zu den Journalistenschulen
bieten die meisten Zeitungen Volontariate an, die
zum Teil auf das Studium angerechnet werden.
Zunehmend wird auch Betonung auf weiterführende
Ausbildung und Fortbildung gelegt. 1980 führte die
Northwestern University den ersten einjährigen Kurs
für Journalisten mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung ein, den sie mit einem akademischen Grad
abschließen können.
Tabelle 1: Die größten Journalistenschulen In
den USA
Institution

Immatrikulationen

Michigan State University
California State Univ./Fullerton
Pennsylvania State University

3.126
2.257
1.980

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�Syracuse University
Boston University
University of Alabama
Purdue University
University of Florida
University of Minnesota
Brigham Young University

1.855
1.642
1.576
1.500
1.420
1.419
1.409

Die meisten amerikanischen Journalistenschulen
sowie eine Vielzahl amerikanischer Stiftungen und
Institutionen bieten Stipendien für ausländische
Studenten an. Dazu zählen das American Society
of Newspaper Editors Journalism Exchange Program, Alfred Friendly Foundation Press Fellowship,
Nieman Foundation Fellowship for Journalists,
Fulbright Commission Scholarships, Eisenhower
Exchange Fellowships und Hubert H. Humphrey
Fellowships.
Ausländische Besitzer und ethnische Medien
Angesichts der bedeutenden Rolle der Vereinigten
Staaten auf der internationalen Bühne und der
ethnischen Vielfalt der Bevölkerung gibt es eine
beträchtliche Präsenz ausländischer Medien sowie
auf bestimmte ethnische Gruppen zugeschnittene
inländische Medien. Ausländische Medien genießen
in den Vereinigten Staaten im großen und ganzen
dieselben Privilegien wie die inländischen Medien.
Sie unterliegen keinen besonderen Einschränkungen
in Bereichen wie Visa, Kabelübertragungen oder
Importen, und es gibt keine speziellen Akkreditierungsverfahren für ausländische Korrespondenten.
In Washington D.C. und New York findet sich die
höchste Konzentration ausländischer Korrespondenten in den Vereinigten Staaten, allein ungefähr 3.000
in Washington - die größte Zahl weltweit für eine
Stadt. Der Overseas Press Club of America, die
Foreign Press Association of New York und die
Foreign Press Centers in Washington und New York
bieten eine Vielfalt von Dienstleistungen für diese
Korrespondenten, darunter Hilfestellung bei der
Berichterstattung über die amerikanische Szene.
Es gibt keine besonderen Gesetze, die eine ausländische Beteiligung an amerikanischen Printmedien verbietet, aber beim Hörfunk untersagt die FCC
allen Ausländern, ausländischen Regierungen und
ausländischen Unternehmen die Übernahme von
mehr als 25 Prozent der Stimmrechtsaktien einer
möglichen Lizenz. Mehrere Übernahmen haben
Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre
die ausländische Präsenz unter amerikanischen
Medien erhöht. Der aus Australien stammende
Medienmogul Rupert Murdoch kaufte die New York
Post, Chicago Sun-Times und TV Guide. Murdoch
zahlte auch 575 Millionen Dollar, um die Kontrolle
über die Twentieth Century-Fox Film Corporation zu

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erhalten und kaufte mehrere große Fernsehstationen
von Metromedia zur Gründung der Fox Broadcasting Company. Er konnte die 25-Prozent-Klausel
für Ausländer bei der Übernahme von Rundfunk- und
Fernsehstationen umgehen, indem er am 4. September 1985 - vor dem Kauf - amerikanischer Staatsbürgerwurde.
1984 begann die FCC jedoch mit Ermittlungen
aufgrund einer Beschwerde der nationalen Vereinigung zur Förderung Farbiger (National Association for
the Advancement of Colored People - NAACP), die
behauptete, Murdoch habe die FCC über das Ausmaß der Beteiligung beim Kauf durch seine australische News Corporation getäuscht. NBC teilte die
Auffassung der NAACP. Im Februar 1995 stimmte
NBC zu, die Klage zurückzuziehen, nachdem Fox die
Ausstrahlung von NBC-Programmen über sein
asiatisches Satellitensystem bekanntgegeben hatte.
NBCs Entscheidung hatte keinen Einfluß auf die
andauernden Ermittlungen aufgrund der NAACPBeschwerde. Im Mai 1995 entschied die FCC,
Murdoch habe die staatlichen Bestimmungen für
ausländischen Besitz von amerikanischen Fernsehsendern verletzt, ließ Murdoch jedoch ein Hintertürchen offen mit der Feststellung, es sei kein Bruch der
Vorschriften, wenn der Kauf nur ein Darlehen der
News Corporation gewesen sei. Murdochs Sender
Fox gab unverzüglich eine Buchungsänderung
bekannt, um dieser Feststellung genüge zu tun.
1991 kauften die japanischen Unternehmen Toshiba
und Itoh für eine Milliarde Dollar einen 12,5prozentigen Anteil an Time Warner - einer der größten
amerikanischen Mediengruppen. Wie bereits erwähnt, kaufte eine saudiarabische Gruppe 1992 UPI.
Im gleichen Jahr verkaufte die Hallmark Company
den führenden spanischsprachigen Fernsehsender in
den Vereinigten Staaten, Univision - mit 13 Fernsehstationen - an eine Investmentgruppe, zu der Grupo
Televisa, Mexikos größte Mediengruppe, und Venevision, eine führende venezolanische Hörfunkanstalt,
gehörten.
Auf bestimmte Gruppen - insbesondere in den
Vereinigten Staaten ansässige Hispanier - ausgerichtete fremdsprachige und ethnische Medien haben
rasch zugenommen. Neben Univision kämpft ein
zweiter großer Fernsehsender, Telemundo, um den
lukrativen hispanischen Markt mit 22 Millionen
Menschen in den Vereinigten Staaten. Die Hispanier
sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe in Amerika - seit 1980 hat sie um über 34
Prozent zugenommen. Sowohl Univision als auch
Telemundo haben begonnen, ihre Programme nach
Lateinamerika und auf andere spanischsprachige
Märkte zu exportieren.

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�Zum begehrtesten Anteil an der amerikanischen
Medienindustrie gehören auf den hispanischen Markt
ausgerichtete Rundfunkanstalten. Seit 1990 ist die
Zahl dieser Radiosender um 21 Prozent auf 390
gestiegen. Ein Meinungsforschungsunternehmen
bestätigte im Januar 1993 zum ersten Mal, daß ein
spanischsprachiger Sender die Nummer eins in Los
Angeles, Amerikas größtem Rundfunkmarkt, war.
Fast 90.000 Menschen pro Tag hören KLAX-FM's
mexikanisch-orientiertes Programm, das damit die
anderen 44 Radiostationen von Los Angeles aus
dem Rennen wirft. Am 30. März 1993 startete CNN
mit CNN Radio Noticias, einem landesweit per
Satellit übertragenen spanischsprachigem Radionachrichtendienst, ein zweisprachiges Programm.
CNN Radio Noticias sendet Montag bis Freitag jede
volle Stunde 6 Minuten Nachrichten und begann mit
40 angeschlossenen Stationen auf den größten
amerikanischen Märkten.
Eine 1991 vom nationalen Verband hispanischer
Veröffentlichungen (National Association of Hispanic
Publications) durchgeführte Studie belegte, daß es

* *

Seite 8

in den Vereinigten Staaten über 350 spanisch- und
zweisprachige Publikationen mit einer Leserschaft
von mehr als 5 Millionen gab. Im Gegensatz dazu
gab es 1986 nur ungefähr 60 hispanische Zeitungen
und Zeitschriften. Dennoch hatten nur zwei hispanisch-orientierte Publikationen - beide englischsprachig - 1989 eine Auflage von über einer Million:
Vista mit 1,4 Millionen und Newsweek International
mit 1,02 Millionen. Ahora, eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift mit einer festen Auflage von
500.000 wurde nach ihrer Gründung 1989 durch die
Hallmark Company in San Diego (Kalifornien) in den
Vereinigten Staaten zur auflagenstärksten spanischsprachigen Zeitschrift. Die Wochenzeitschrift mit der
höchsten Auflage im Jahr 1991 war Variedades mit
einer beigelegten Fernsehzeitschrift, La Guia, die
zusammen eine Auflage von 421.000 hatten. Die
Ausgabe 1991 von Editor &amp; Publisher International
Yearbook führt mehrere hundert Zeitungen in Englisch oder einer Fremdsprache auf, die auf 39 ethnische Gruppen in den Vereinigten Staaten ausgerichtet sind, von denen die größte spanischsprachig ist.

*

*

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�FRAUEN
2. August 1995

Frauen, Politik und globales Management
von Lincoln C. Chen, Winifred M. Fitzgerald und Lisa Bates
Das in Kairo verabschiedete Weltaktionsprogramm stand für einen umfassenden und integrierenden, auf
Frauen konzentrierten Ansatz zu bevölkerungspolitischen Maßnahmen, der das Augenmerk von Bevölkerungskontrolle und demographischen Zielen auf reproduktive Gesundheit, vermehrte Befugnisse für Frauen und
reproduktive Rechte verlagerte.
Lincoln Chen ist Direktor des Zentrums für Bevölkerungs- und Entwicklungsstudien an der Harvard University
in Cambridge (Massachusetts). Winifred M. Fitzgerald ist Stellvertretende Direktorin des Zentrums. Lisa Bates
ist Stellvertretende Direktorin des Bevölkerungs- und Entwicklungsprojekts beim Overseas Development Council
in Washington, D.C.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in Environment, Band 37, Nr. 1 Januar/Februar 1995, S. 4-9, 3133. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Helen Dwight Reid Educational
Foundation, herausgegeben von Heldref Publications, 1319 - 18th Street, N.W., Washington, D.C, 20036-1802.
Copyright (c) 1995.

Die im September 1994 in Kairo veranstaltete dritte
Bevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen war
ein bahnbrechendes internationales Ereignis. Der
internationalen Konferenz über Bevölkerung und
Entwicklung (International Conference on Population
and Development - ICPD) ist es gelungen, die Sorge
über die demographische Entwicklung der Welt in
einen geschlechtsspezifischen, auf die Völker
konzentrierten Ansatz zu nachhaltiger menschlicher
Entwicklung zu verlagern sowie heikle und ideologisch befrachtete Bevölkerungsprobleme an die
Öffentlichkeit zu bringen. Noch wichtiger ist, daß die
ICPD ein Meilenstein bei der Bewältigung komplexer
globaler Probleme wie Bevölkerung durch eine
unzulängliche internationale institutionelle Maschinerie war. Der im Weltaktionsprogramm zusammengefaßte, in Kairo erzielte internationale Konsens war
trotz heftiger Opposition gegen Schwangerschaftsabbruch und andere heikle Themen eine monumentale Leistung.
Die ICPD war die dritte, alle zehn Jahre anberaumte,
von der UNO veranstaltete Weltbevölkerungskonferenz. Die erste, 1974 in Bukarest, erlebte eine
Polarisierung des Nordens und Südens über die
Bedeutung der Demographie im Verhältnis zu
anderen Entwicklungsbelangen. Angeführt von den
Vereinigten Staaten schlugen die nördlichen Länder
nachdrückliche
Familienplanungs(Kontrazeptions)programme zur Kontrolle des raschen Bevölke-

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rungswachstums vor, während viele Regierungen der
südlichen Länder - angeführt von China und Indien argumentierten, zur Erlangung der globalen Gleichstellung sollte der sozioökonomischen Entwicklung
höhere Priorität eingeräumt werden. Die südlichen
Länder lehnten die Erklärungen der nördlichen
Länder ab und bestanden darauf, daß der Schlüssel
zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums in
einer gerechteren Verteilung der Ressourcen zwischen Norden und Süden läge. Die Erklärungen des
Südens wurden in dem Satz zusammengefaßt,
"Entwicklung ist das beste Kontrazeptiv".
Bis zur nächsten, 1984 in Mexico City veranstalteten
Konferenz hatte sich die Nord-Süd-Dynamik dramatisch verändert. Nach einem Jahrzehnt des schnellsten Bevölkerungswachstums in ihrer Geschichte
hatten die meisten südlichen Länder Maßnahmen zur
Geburtenkontrolle verabschiedet, für gewöhnlich im
Zusammenhang mit gesundheits- und sozialpolitischen Zielsetzungen. Die Vereinigten Staaten hatten
ihre Position ebenfalls geändert. Unter innenpolitischem Druck konservativer und religiöser Gruppen
lehnte die amerikanische Delegation den Schwangerschaftsabbruch ab und erklärte, demographische
Faktoren seien "neutral", mit dem Argument, private
Märkte würden zahlreiche Bevölkerungsprobleme
lösen. Im Einklang mit dieser Position entzog die
US-Regierung mehreren internationalen Organisationen die finanzielle Unterstützung, wie etwa dem

Seite 1

�internationalen Verband für geplante Elternschaft
(International Planned Parenthood Federation IPPF) und dem Bevölkerungsfonds der Vereinten
Nationen.
In Anbetracht dieser Vorgeschichte hätten wenige
das Ergebnis von Kairo vorhergesagt. Zehn Jahre
nach Mexiko City konnte ein umfassender und
integrierender, auf Frauen konzentrierter Ansatz zu
Bevölkerungsfragen als Teil nachhaltiger menschlicher Entwicklung einen bemerkenswerten Konsens
in Kairo hervorbringen. Nach einem "verlorenen"
Jahrzehnt der Entwicklung in Verbindung mit Verschuldung und Strukturanpassungsprogrammen
waren die südlichen Länder besorgt über die schwindenden gebundenen Ressourcentransfers aus dem
Norden.
Sie sahen Bevölkerung weiterhin als
unabhängiges Problem und als eine wichtige Komponente sozioökonomischer Entwicklung an. In den
Vereinigten Staaten zeigte die Clinton-Administration
größere Unterstützung für Umwelt- und Frauenfragen als die vorherige Administration und nahm bei
ihrem Amtsantritt eine Umkehrung der Mexiko CityPolitik vor. Für Kairo förderten die Vereinigten
Staaten einen globalen Konsens durch aktives
Engagement mit nichtstaatlichen Organisationen
(NGOs) und Gruppen, die sich für die Gesundheit
von Frauen einsetzen.
Die ICPD war entlang zwei paralleler Prozesse
strukturiert: Offiziellen Verhandlungen über das
Weltaktionsprogramm und dem NGO-Forum für
nichtoffizielle Teilnehmer. Mehr als 1.500 Organisationen waren durch schätzungsweise 10.000 Teilnehmervertreten, die für die neuntägigen Gespräche
nach Kairo gekommen waren. Die Veranstaltungen
zogen Teilnehmer aus über 150 Ländern an, darunter Vertreter von Regierungsdelegationen, internationalen Behörden, NGOs, der akademischen Welt
und der Presse. Obwohl der Kampf um Schwangerschaftsabbruch von den Medien beträchtliche
Aufmerksamkeit erhielt, wurden zahlreiche andere
bevölkerungsspezifische Themen angesprochen wie
Entwicklung, Bildung, Gesundheit, Familienplanung
sowie Umwelt und Migration.
In Kairo traten gewisse Nord-Süd-Spannungen, die
bei den Konferenzen von Bukarest und Mexiko City
evident gewesen waren, nur im Kontext einiger
weniger Probleme auf, wie etwa internationale
Migration und der Umfang von Auslandshilfe.
Darüber hinaus veranlaßte der rigorose Dissens des
Vatikans und extremistischer islamischer Gruppen
die Teilnehmer, traditionelle Teilungen zu überwinden und Gemeinsamkeiten unter den meisten
offiziellen und NGO-Gruppen zu betonen.

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Während der ICPD handelten offizielle Delegationen
das 16 Kapitel und 113 Seiten umfassende Weltaktionsprogramm (World Programme of Action WPOA) aus, das Empfehlungen zur Erlangung einer
Stabilisierung des Bevölkerungswachstums, der
Ausbildung von Mädchen und Frauen, Bekämpfung
der Kindersterblichkeit und Förderung der Gesundheitsfürsorge für Kinder abgibt sowie universellen
Zugang zu hochqualifizierten reproduktiven Gesundheitsleistungen vorsieht. Als eine UN-Erklärung über
Bevölkerungsprobleme und -ansätze ist das WPOA
kein Vertrag oder eine Konvention und daher nicht
rechtlich bindend. Es kann jedoch durch Aktionen
von Bürgergruppen und NGOs ein mächtiges Instrument zur Förderung der Einhaltung durch die
einzelnen Länder werden, indem die Regierungen für
abgegebene Versprechen und für die Verwirklichung
internationaler Normen zur Rechenschaft gezogen
werden.
Vor den Verhandlungen in Kairo hatten die teilnehmenden Regierungen in den drei Sitzungen des UNVorbereitungsausschusses ungefähr 92 Prozent des
WPOA-Textes zugestimmt. In Kairo sollte Einigung
zu den kontroverseren Themen erzielt werden, wie
reproduktive Rechte, Sexualitäts- und Familienstrukturen sowie Schwangerschaftsabbruch. Die Verhandlungen waren nicht leicht - in der Tat gab es Zeiten,
in denen ein Konsens in weite Ferne gerückt schien.
Zu den die Verhandlungen behindernden Schwierigkeiten zählte die gleichzeitige Benutzung der fünf
offiziellen UN-Sprachen. Die Verdolmetschung der
Ambiguitäten und feinen Nuancen war eine mühselige und gelegentlich schwierige Aufgabe, die sich
bisweilen als hilfreich bei der Erlangung von Kompromissen zu einer akzeptablen Sprachregelung
erwies.
Ein Schritt zu Prioritäten der Frauen
Das in Kairo vereinbarte endgültige Weltaktionsprogramm ist eine entschiedene Abkehr vom bisherigen Diskurs über Bevölkerungs- und Entwicklungsfragen. Es verlagerte den Brennpunkt von Bevölkerungskontrolle und demographischen Zielen zu
nachhaltiger Entwicklung, die reproduktiver Gesundheit, vermehrten Befugnissen für Frauen und reproduktiven Rechten Priorität einräumt. "Reproduktive Gesundheit" ist ein Begriff, der Gesundheitsfragen
im Zusammenhang mit Sexualität und Reproduktion
umfaßt: Sichere und wirksame Empfängnisverhütung, Gesundheit und Ernährung von Müttern und
Kindern, sichere Geburtshilfe (sichere Mutterschaft)
und Kontrolle von Infektionen des reproduktiven
Trakts, einschließlich sexuell übertragener Krankheiten und HIV/AIDS. Der Begriff 'Vermehrte Befugnisse
für Frauen" beinhaltet die Verbesserung des Status
von Frauen und die Erlangung von Gleichberechti-

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�gung der Geschlechter durch Ausbildung und wirtschaftliche Chancen, wodurch den Frauen die Ausübung größerer Kontrolle über ihr reproduktives und
produktives Leben gestattet wird. "Reproduktive
Rechte" können unter dem Aspekt der Macht und
Ressourcen betrachtet werden, die Einzelpersonen
und Paaren informierte und sichere Entscheidungen
über ihre reproduktive Gesundheit erlauben.
Indem sie über die herkömmliche Betonung auf
Familienplanung hinausging, konzentrierte sich die
Kairoer Tagesordnung auf ein erweitertes Spektrum
hochqualifizierter reproduktiver Gesundheitsleistungen, die sich auf die jeweiligen Bedürfnisse, die
Beteiligung des Mannes an Familienplanung sowie
die Verantwortung von Männern bei sexueller Gesundheit und Kindererziehung konzentrierten.
Andere soziale Belange waren Sexualität von
Jugendlichen und Gewalt gegen Frauen.
Der bei der Förderung von Gesundheit und Sicherheit der menschlichen Reproduktion sowie der
Förderung von Gleichberechtigung der Geschlechter
und Befugnissen für Frauen erzielte Konsens war
angesichts der Kontroverse über Schwangerschaftsabbruch, Sexualität Jugendlicher und der Definition
von "Familie" bemerkenswert. In einigen Fällen
wurde dem vehementen Widerstand gegen das
Konzept der Rechte von Frauen mit einer ähnlich
trotzigen Entschlossenheit zur Verteidigung dieser
Rechte begegnet. Einige religiöse Gruppen brachten ihre Besorgnis zum Ausdruck, "reproduktive
Gesundheit" würde zu einem Oberbegriff, der
Schwangerschaftsabbruch oder die Förderung von
nicht überwachter Sexualerziehung für Jugendliche
umfaßt.
Sie argumentierten ferner, bestimmte
Sprachregelungen könnten Familienstrukturen über
legale heterosexuelle Verbindungen hinaus legitimieren. Reproduktive Rechte wurden im Hinblick auf
die vermehrte Befugnis von Einzelpersonen, ihre
reproduktive Entscheidung ohne Respektierung der
Rechte und Pflichten verheirateter Paare und der
Gemeinschaft, einschließlich der Gesetze und
Kulturen unterschiedlicher Nationalstaaten, als
bedrohlich erachtet.
Zahlreiche Terminologieprobleme, die während der
Verhandlungen auftraten, wurden durch geschickte
Neuformulierungen gelöst. Häufig zeitigten Verhandlungen über kontroverse Themen Erfolg, indem
qualifizierende Sprachregelungen gefunden wurden,
die den Gesetzen, Religionen und Kulturen der
einzelnen Länder Rechnung trugen. Zum Beispiel
durch die Hervorhebung des Satzes, "in keinem Fall
sollte Schwangerschaftsabbruch als Methode der
Familienplanung gefördert werden"; durch Änderung
der Formulierung "Geburtenregelung"-was dahingehend interpretiert werden könnte, daß sie Schwan-

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ge rschaftsabbruch einschließt - in "Regelung der
Fertilität", und durch eine sorgfältigere Definition der
Begriffe "Sexualität Jugendlicher" und "Haushaltsstruktur".
Über die umstrittene Rolle des Vatikans in Kairo
wurde in den Medien ausführlich berichtet. Es gab
jedoch mehrere Aspekte des WPOA, die der Heilige
Stuhl nicht unterstützte, wie den umfassenderen
Bevölkerungs- und Entwicklungsansatz, die Betonung
der Rolle der Familie und Sprachregelungen gegen
Zwangspraktiken. Nach harten Verhandlungen und
der Feinabstimmung bestimmter Passagen schloß
sich der Vatikan dem Konsens zu mehreren Kapiteln
des Dokuments an. Die Verfechter der Gesundheit
von Frauen waren zufrieden, daß die Themen sexuelle und reproduktive Gesundheit an die Öffentlichkeit
gebracht und im Abschlußdokument angesprochen
wurden. Die ICPD beleuchtete auch schlaglichtartig
die seit langem vernachlässigten Themen der Bedürfnisse von Jugendlichen sowie der Rolle und Verantwortung von Männern.
Die Erlangung einer globalen Stabilisierung des
Bevölkerungswachstums war ein weithin unterstütztes
Ziel, aber die eher schwache Debatte in Kairo über
ihre Bedeutung war nicht zu vergleichen mit der
Aufmerksamkeit in den achtziger Jahren, die sich auf
die kausale Rolle des Bevölkerungswachstums bei
der wirtschaftlichen Entwicklung konzentrierte. In den
drei Sitzungen des Vorbereitungsausschusses der
ICPD wurden die Meinungsverschiedenheiten zwischen den sogenannten Panikmachern bei Bevölkerungsfragen, die vehemente, gezielte Aktionen zur
Verlangsamung des Bevölkerungswachstums forderten, und denjenigen, die argumentierten, menschliches Wohlergehen - nicht demographische Ziele sollten zum Brennpunkt von Bevölkerungsprogrammen gemacht werden, größtenteils beigelegt. Beide
Seiten fanden gemeinsames Terrain in der Betonung,
die in Kairo auf hochqualifizierte reproduktive Gesundheitsleistungen gelegt wurde. Für die "Panikmacher" unterstützte die Betonung auf einem umfassenderen reproduktiven Gesundheitsansatz die Bedeutung von Geburtenkontrolle. Obwohl diese Befürworter besorgt waren, daß die Ressourcen von der
Familienplanung abgezogen werden könnten, konnten sie kaum Einwände gegen hochqualifizierte,
umfassende, integrierende Leistungen erheben. Die
Betonung von Gesundheit, Wohlergehen und Rechten des einzelnen bei Bevölkerungsprogrammen
zerstreute die Befürchtungen der Befürworter des
menschlichen Wohlergehens, daß eine übermäßige
Konzentration auf Demographie zu Zwangs- oder
mißbräuchlichen Praktiken führen könnte, die die
Betonung entscheidender sozialer Entwicklungsfragen
abschwächen könnte. Darüber hinaus beschleunigte
die späte Intervention konservativer christlicher und

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�extremistischer islamischer Kräfte die Beilegung
ungelöster Differenzen im Interesse der Bewältigung
größerer Bedrohungen.
Mehrere andere, im Zusammenhang mit Bevölkerungsfragen stehende Themen erhielten ebenfalls
vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Die Qualität
der Umwelt und Erhaltung von Ressourcen, der
potentielle Einfluß der Demographie auf politische
Stabilität und ethnische Konflikte sowie Urbanisation
wurden kaum angesprochen.
Obwohl einige Frauenvereinigungen aus den Entwicklungsländern Strukturfragen der Weltwirtschaft
ansprachen, die eine Verbindung zwischen der
Bevölkerung und dem Nord-Süd-Gefälle bei der
wirtschaftlichen Entwicklung herstellten - insbesondere Massenarmut und die Folgen struktureller Anpassungspolitik - wurden diese Punkte nicht in die
offizielle Diskussion einbezogen. Es ist nicht klar,
warum diesen Fragen so wenig Aufmerksamkeit
gewidmet wurde. Mögliche Gründe sind, daß 92
Prozent des Dokuments bereits vor der Konferenz
angenommen wurden, die Zeit aufgrund der Debatte
über den Schwangerschaftsabbruch knapp war oder
die Delegierten beschlossen hatten, Unstimmigkeiten
beiseite zu lassen, um eine geeinte Opposition
gegenüber religiösen Attacken zu bilden.
Eine umstrittene Frage, zu deren Lösung langwierige
Verhandlungen erforderlich waren, ist die Zusammenführung von durch internationale Migration
getrennten Familien, eine Frage, die in anderen
internationalen Übereinkünften wie der Konvention
über die Rechte von Kindern behandelt wird. Einige
südliche Länder befürworteten die Anerkennung
einer solchen Zusammenführung als "Rechtsanspruch". Die Industriestaaten - insbesondere die
"Aufnahmeländer" wie die Vereinigten Staaten,
Kanada und viele europäische Länder - widersetzten
sich einer Sprachregelung, die zu entsprechenden
Verpflichtungen bei ihren innenpolitischen Anstrengungen zur Kontrolle der Einwanderung führt. Den
Delegationen der Aufnahmeländer gelang eine
Änderung des WPOA-Textes zu diesem Thema in
dem Sinne, daß die Länder dazu aufgefordert
werden, Familienzusammenführungen zu "fördern",
ohne sie zu einem Rechtsanspruch zu machen.
Nichtstaatliche Frauenvereinigungen - einflußreich und lebenswichtig
Der bemerkenswerteste Aspekt der Internationalen
Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung war
die hochrangige Beteiligung von Vertretern nichtstaatlicher Vereinigungen, die auf einem Prozeß
aufbaute, der den Erdgipfel von Rio 1992 und die
Wiener Menschenrechtskonferenz 1993 charak-

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terisierte. Die ICPD zog eine Gruppe verschiedener
Teilnehmer an: Befürworter der Bevölkerungskontrolle, Feministen und Verfechter von Gesundheitsfragen, Akademiker und Forscher, Umweltschützer
sowie Vertreter religiöser Vereinigungen. Einige
Angehörige nichtstaatlicher Organisationen nahmen
als Mitglied der offiziellen Delegation ihres Landes an
der Konferenz teil. Im Unterschied zum Erdgipfel von
Rio, wo die Vorgänge auf offizieller und nichtstaatlicher Ebene durch logistische Barrieren aufgrund der
Entfernung zwischen dem offiziellen Konferenzort und
dem NGO-Forum behindert wurden, befand sich in
Kairo alles in Fußnähe. Diese Nähe gab den Teilnehmern Bewegungsfreiheit und förderte die enge
Verbindung zwischen beiden Prozessen. Am sichtbarsten und am besten organisiert unter den nichtstaatlichen Organisationen waren die Vereinigungen
zur Förderung der Gesundheit von Frauen, die eine
gut geplante und gut koordinierte Kampagne für ihre
Sache führten. Ein Frauenwahlausschuß koordinierte
die Interaktion der nichtstaatlichen Frauenvereinigungen, überprüfte die Positionen und Verhandlungen
aller Delegationen, befürwortete geschlechtsspezifische Positionen und schlug eine alternative Sprachregelung vor, um Meinungsunterschiede bei den
Verhandlungen zu überbrücken.
Viele Frauengruppen begannen bereits vor zwei
Jahren weltweit mit den Vorbereitungen für Kairo.
1992 entwickelten und verteilten beispielsweise
Frauenaktivisten aus Nord und Süd die "Erklärung
der Frauen zur Bevölkerungspolitik", die von mehr als
100 Frauenorganisationen überprüft, modifiziert und
abgeschlossen wurde. Zusätzlich wurde sie von
mehr als 2.500 Einzelpersonen und Organisationen
aus über 110 Ländern unterzeichnet und befürwortet.
Ferner werden Netzwerke von Frauen aus Nord und
Süd sowie der Frauenwahlausschuß von den Medien,
Delegierten, Akademikern und nichtstaatlichen
Organisationen als signifikanter Einfluß auf die zweite
Sitzung des Vorbereitungsausschusses vom Mai
1993 anerkannt, da sie Vertreter der Regierungen
dazu veranlaßten, Fragen der reproduktiven Gesundheit und damit zusammenhängende Rechte, Zugang
zu sicherem Schwangerschaftsabbruch, Sexualität
und Gleichstellung der Geschlechter sowie die
umfassendere sozioökonomische Entwicklung anzusprechen. Im Januar 1994 kamen ungefähr 200
Frauenaktivisten in Rio de Janeiro zusammen, um
eine aus 21 Punkten bestehende Erklärung aufzustellen und Strategien zu entwickeln, die eine
Berücksichtigung des Blickwinkels der Frauen und
ihrer Erfahrungen bei der ICPD sicherstellten. Diese
Strategien zur Beeinflussung und Informierung der
Öffentlichkeit, offizieller Delegationen und der Medien
waren genau abgestimmt und wurden während des
gesamten Prozesses im Vorfeld und während der
Kairoer Konferenz angewandt. Diese Bestrebungen

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�zur Harmonisierung der verschiedenen Positionen
von Frauen waren für die Förderung der Nord-SüdSolidarität zwischen den nichtstaatlichen Frauengruppen während der Kairoer Beratungen von
essentieller Bedeutung.
Auffallend gedämpft waren bei der Kairoer Konferenz die Spannungen zwischen den Gruppen zur
Förderung der Gesundheit von Frauen einerseits
und Umweltforschern und -aktivisten andererseits Spannungen, die in Rio vorherrschend waren. Diese
relative Ruhe kann teilweise auf die konzertierten
Bestrebungen der Frauengruppen zurückgeführt
werden, Gemeinsamkeiten zu finden, anstatt sich auf
ihre Differenzen zu konzentrieren.
Statt wirtschaftlicher oder politischer Fragen stellten
die Frauenorganisationen in Kairo Bevölkerungsfragen in den Mittelpunkt. Bisher hatte Bevölkerung
nicht an oberster Stelle auf der Tagesordnung der
weltweiten Frauenbewegung gestanden, mit Ausnahme vielleicht der Vereinigten Staaten, wo die
Debatte über den Schwangerschaftsabbruch sehr
intensiv geführt wird. Im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte hat die internationale Frauenbewegung
jedoch zunehmend anerkannt, daß Sexualität und
Fortpflanzung im Kampf um die Gleichberechtigung
der Geschlechter entscheidende Fragen sind.
Frauen argumentieren, wenn sie keine Kontrolle
über ihre Sexualität und Fortpflanzung hätten,
könnten sie nie wirtschaftliche, soziale und politische
Gleichstellung erlangen.
Frauen fühlten sich auch gezwungen, sich an der
Bevölkerungsdebatte zu beteiligen, um den ungeheuerlichen Mißbrauch und die Mängel anzugehen,
die sie in Bevölkerungspolitik und -Programmen
sehen. Dazu zählen die Überbetonung demographischer Ziele auf Kosten des Wohlergehens des
einzelnen, ein bürokratischer Ansatz bei der Familienplanung, der umfassendere Gesundheitsbelange der Frauen nicht in Betracht zieht, Zwangsmaßnahmen und mangelnde Auswahl zwischen
empfängnisverhütenden Mitteln sowie zu starke
Abhängigkeit von irreversiblen Methoden.
Und
obwohl der Sozialgipfel in Kopenhagen und die
Frauenkonferenz in Peking nur weniger als ein Jahr
entfernt lagen, investierten die Frauengruppen viel
Zeit und Mühe, um die Vorgänge in Kairo zu beeinflussen. Und sie hatten damit großen Erfolg.
Trotz dieser Erfolge behaupteten einige nichtstaatliche Organisationen, insbesondere aus den Entwicklungsländern, ihre Meinungen würden von denen der
gut organisierten Lobbyisten aus dem Norden in den
Schatten gestellt. Einige Gruppen argumentierten,
die Last der Beschränkung des Bevölkerungswachstums müsse immer noch von den Armen getragen

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werden, und das WPOA werde zu einer konditionierten Auslandshilfe für die Entwicklungsländer führen.
Die "unheilige Allianz"
Noch vor der Kairoer Konferenz hatten der Vatikan
und einige islamische Staaten - von den Medien als
"unheilige Allianz" bezeichnet - den WPOA-Entwurf,
insbesondere die Abschnitte über Schwangerschaftsabbruch, reproduktive und sexuelle Gesundheit und
Rechte, kritisiert. Diese Kritik eskalierte, als konservative islamische Gruppen einen Boykott der
Konferenz forderten und sogar die Sicherheit der
Konferenzteilnehmer bedrohten.
Die 15köpfige Delegation des Heiligen Stuhls attakkierte die Empfehlungen des Dokumententwurfs zum
Schwangerschaftsabbruch auf das Schärfste und
wurde dabei von mehreren nationalen Delegationen,
einschließlich der aus Argentinien, Benin, Ecuador,
den Philippinen, Malta, Mauritius, Polen und der
Slowakei unterstützt. Abtreibungsgegner - Aktivisten

und Wissenschaftler - aus nichtstaatlichen Gruppen,
die natürliche Methoden der Geburtenkontrolle
befürworten, unterstützten ebenfalls die Haltung des
Vatikans. Der islamischen Kritik verliehen muslimische Gelehrte an der Al-Ahzar Universität Ausdruck,
der weltweit ältesten islamischen Universität. Neben
dem Schwangerschaftsabbruch konzentrierte sich
ihre Kritik auf den Mangel an Aufmerksamkeit, der
Armut, der Definition von Familie sowie außerehelichem Geschlechtsverkehr, insbesondere unter
Jugendlichen, gezollt wird.
Um diese religiösen Belange zu verstehen, muß man
wissen, wie das Patriarchat und die Politik in diese
Fragen hineinspielen. Manche argumentieren, der
Vatikan und der fundamentalistische Islam hätten im
Grunde genommen patriarchalische Machtstrukturen
und Normen. In Kairo widersetzten sich diese
religiösen Gruppen der starken, von feministischer
Sprache untermauerten Tagesordnung der Frauen
und erreichten die Polarisierung verschiedener
Teilnehmer aufgrund unterschiedlicher sozialer Werte
und ethischer Normen. Die Spaltungen in Kairo
waren daher eher ideologischer und geschlechtsspezifischer als religiöser oder geographischer Natur.
Die Politik des Heiligen Stuhls unterschied sich von
der der islamischen Gruppierungen. Die internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung
fand in Kairo statt, wo seit langem gegen die UNO
und den Westen gehegte Gefühle in der arabischen
Welt durch den Golfkrieg und das unvollständige
Friedensabkommen zwischen Israelis und Palästinensern verschärft worden waren. Große Armut und
tiefverwurzelte soziale Entfremdung sind charak-

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�teristisch für die Entwicklungssituation der großen
Mehrheit der Menschen in weltlichen, von westlich
orientierten Eliten regierten Ländern. Daher könnte
die islamische Argumentation dahingehend interpretiert werden, daß sie weniger Klagen über Bevölkerungsfragen enthält als vielmehr eine Kritik an der
westlichen Modernisierungsstrategie der machthabenden weltlichen Regierungen in der Region wie
beispielsweise der ägyptischen. In Anerkennung der
innenpolitischen Auswirkungen dieser Bedrohung
gab sich die ägyptische Regierung große Mühe, eine
erfolgreiche Konferenz zu veranstalten, indem sie
die Sicherheit der Teilnehmer gewährleistete und die
Unterstützung des geistlichen Oberhaupts Ägyptens
(des Großen Mufti) gewann, der den Teilnehmern
eine Botschaft der Toleranz übermittelte.
Von
manchen wird argumentiert, ohne das starke politische Engagement der ägyptischen Regierung hätte
diese Konferenz leicht entgleisen können.
Die Delegation des Vatikan verließ die Konferenz mit
intakten Prinzipien aber einem stark beschädigten
Image, nachdem sie ihre Position mit moralischem
Absolutismus abgestützt hatte und diese sowohl von
offiziellen Delegationen als auch von NGOs überwältigend abgelehnt wurde. Durch seine dogmatische und unnachgiebige Haltung schürte der Vatikan
Zweifel an seinem Status als Nichtmitgliedstaat der
Vereinten Nationen und Ständiger Beobachter. Man
fragte sich, warum der Heilige Stuhl einen privilegierten Status hat, der anderen Religionen nicht eingeräumt wird.
Im Unterschied zum Erdgipfel von Rio gingen die
Vereinigten Staaten mit einer starken Führungsposition aus der Kairoer Konferenz hervor. Unter
der Leitung von Staatssekretär Timothy Wirth spielte
die US-Delegation während der ICPD eine konstruktive, konsensbildende Rolle. Trotz einiger Kritik,
die Vereinigten Staaten führten "imperialistische"
Bestrebungen an, um die Rechte Homosexueller und
das Recht auf Schwangerschaftsabbruch auf Anfrage durchzusetzen und sexuelle Freizügigkeit unter
Teenagern zu fördern, fehlte allgemein eine gegen
die Vereinigten Staaten gerichtete Rhetorik. Die
amerikanische Delegation gewann aus mehreren
Gründen Glaubwürdigkeit und Vertrauen unter den
nichtstaatlichen Organisationen und den Delegierten
aus den südlichen Ländern.
Erstens bemühte sich die US-Delegation - die zu
mehr als der Hälfte aus Vertretern nichtstaatlicher
Organisationen und des Privatsektors, überwiegend
Frauen, stammte - während des gesamten Kairoer
Prozesses um den Input und die Einbeziehung von
NGOs, insbesondere von Gruppen zur Förderung
der Gesundheit von Frauen.

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Zweitens schuf die Frauenallianz durch die Überbrückung des Nord-Süd-Gefälles ein Umfeld, das den
Delegierten den Austausch von Ideen und den
zahlreichen Vertretern des Nordens und Südens das
Streben nach Kompromissen erleichterte.
Drittens erkannten die Vereinigten Staaten politisch
heikle Themen an, beispielsweise das "Recht auf
Entwicklung" und das Problem des übermäßigen
Konsums in den Industrieländern.
Und schließlich stimmte die US-Regierung einer wenn auch bescheidenen - Erhöhung ihrer finanziellen Verpflichtungen für Bevölkerungsprogramme im
Ausland zu.
WPOA - eine unbeendete Tagesordnung
Als politische Erklärung und Produkt globaler Verhandlungen ist das WPOA ein langes und bisweilen
redundantes Dokument. Dennoch weist es in eine
erfrischend neue Richtung bei der Bevölkerungspolitik, indem es reproduktive Gesundheit, mehr
Befugnisse für Frauen und Einbeziehung der Fortpflanzung als Bestandteil der universellen Menschenrechte betont. Das WPOA ist ein zukunftsweisendes
Dokument, insofern es die zentrale Ausrichtung der
Bevölkerungsstudien dramatisch verändert.
Die Herausforderung für Regierungen, internationale
Organisationen und NGOs besteht jetzt darin, die
Rhetorik des WPOA in Taten umzuwandeln. Die
Inkraftsetzung auf lokaler und nationaler Ebene wird
schwierig und mühselig sein, da sie die Unterstützung
des UNO-Systems, extensive bilaterale und multilaterale Finanzierung, engagierte Nachfolgearbeit der
NGOs sowie das Engagement der akademischen
Welt, der Wirtschaft und der Medien erfordert.
Viele nichtstaatliche Frauengruppen verließen Kairo
mit strategischen Plänen für die Überwachung des
Verhaltens von Geberländern und Regierungen bei
der Umsetzung des WPOA: Sie forderten Transparenz bei den Aktivitäten von Geberländern und
Regierungen und ziehen diese für die von ihnen
abgegebenen Versprechen zur Verantwortung. Es ist
nicht klar, wie diese Folgeaktivitäten durchgeführt
werden. Wahrscheinlich ist jedoch, daß im nächsten
Jahrzehnt diese Umsetzungsbestrebungen von der
Öffentlichkeit beurteilt und diskutiert werden.
Das WPOA schätzt, daß die für die Umsetzung
bevölkerungspolitischer Maßnahmen erforderlichen
Ressourcen bis zum Jahr 2000 auf 17 Milliarden
Dollar ansteigen werden. Von dieser Summe sind 10
Milliarden Dollar für Familienplanung und 7 Milliarden
Dollar für reproduktive Gesundheit, sexuell übertragbare Krankheiten, HIV/AIDS sowie soziale Investitio-

AMERIKA DIENST 24

�nen, beispielsweise in die Bildung und Ausbildung
von Mädchen und Frauen vorgesehen. In der
WPOA wird vorgeschlagen, daß die Entwicklungsländer etwa zwei Drittel dieser Erfordernisse decken.
Auslandshilfe, die derzeit 25 Prozent der gesamten
Ausgaben für bevölkerungspolitische Zwecke ausmacht, soll auf 33 Prozent ansteigen. Dies erfordert
einen fast sechsfachen Anstieg der Bevölkerungshilfe bis zum Jahr 2000 - von ungefähr 1 Milliarde
Dollar auf nahezu 6 Milliarden Dollar.
In einem umfassenderen Kontext bot die Kairoer
Konferenz ein Modell für den weltweiten Umgang mit
komplexen globalen Problemen. Das Ausmaß
einiger dieser Probleme übersteigt in zunehmendem
Maße die institutionelle Kapazität der Völkergemein-

schaft, sie anzugehen. Die Lösung transnationaler
Probleme übersteigt die Kapazität einzelner Nationen.
Daher werden wir wahrscheinlich - wie in Kairo
demonstriert - Zeuge eines stetigen Stroms von
Verhandlungen über bestimmte, zu gewissen Zeiten
drängende Probleme unter Beteiligung von Regierungen und betroffenen NGOs, die der Öffentlichkeit
durch die Medien präsentiert werden. Diese laufenden und dynamischen Prozesse mit unvorhersagbarem Ergebnis können als Teil der globalen Demokratisierung mit einer zunehmenden Beteiligung betroffener Weltbürger über ihre Regierungen und private
Vereinigungen angesehen werden. Kairo leistete
einen bedeutenden Beitrag zur Förderung internationaler Verständigung und weltweiter Problemlösung.

* * * * *

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