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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

17. Juli 1995

MEDIEN IN DEN USA

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates

DER VIERTE STAND RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz

DIE NACHRICHTENMEDIEN:
WIE GROSS IST IHR EINFLUSS?
von John Herbers

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood

DIE ROLLE FREIER MEDIEN IN
DER DEMOKRATIE
Rede Shattucks bei KSZE-Seminar

FAX, CD-ROM, ONLINE-DIENSTE
UND ZEITUNGEN
von Tony Case

DIE DIGITALISIERTE
NACHRICHTENZENTRALE
von Philip Moellers

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�MEDIEN
17. März 1993

300 JAHRE ZEITUNGSWESEN IN AMERIKA
von Stephen Bates
Der Verfasser des nachstehenden Beitrags würdigt die 300jährige Tradition des amerikanischen Zeitungswesens und beschreibt einige der Probleme, denen sich die frühe amerikanische Presse ausgesetzt sah, die heute
von der Verfassung geschützt ist. Der Artikel gehört zu einer Serie von Beiträgen über die US-Medien, die wir
künftig in unregelmäßiger Folge veröffentlichen werden.
Stephen Bates ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim American Enterprise Institute und Autor von If No News,
Send Rumors: Anecdotes of American Journalism.
Der Artikel darf in ungekürzter Form mit folgendem Zusatz nachgedruckt werden: Nachdruck mit Genehmigung
von The American Enterprise. Copyright (c) American Enterprise Institute for Public Policy Research.
Die amerikanische Presse entstand vor dreihundert
Jahren. Publick Occurrences Both Forreign and
Dornest ick kam am 25. September 1690 in Boston auf
den Markt. Obwohl die Zeitung von Benjamin Harris
nicht mit heutigen zu vergleichen ist - sie wies weder
Schlagzeilen noch Illustrationen auf und umfaßte lediglich drei kurze Seiten von 18 mal 28 Zentimetern gibt es doch eine tiefergehende Kontinuität.

Grund anzunehmen, daß der Vater über seine Beziehung zur Frau des Sohnes gelogen hat". Etwa 250
Jahre später bezeichnete ein Joumalismushistoriker
diese Nachricht keusch als "Skandal, (der) den französischen König und seine Schwiegertochter betraf.
Was um 1690 akzeptabel gewesen war, war für die
vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu schlüpfrig
geworden.

Die Nachrichten, über die 1690 berichtet wurde, wären
auch dem Zeitungsleser von 1990 geläufig. Die erste
Nummer von Publick Occurrences enthielt Lokalnachrichten (die Pocken hatten "stark nachgelassen",
aber "Fieber und Schüttelfrost" nahmen zu), einen
Tadel der Regierungspolitik (die indianischen Verbündeten Großbritanniens benahmen sich "auf eine Art
und Weise, die für jeden Engländer zu barbarisch ist"),
einen detaillierten Bericht über einen Selbstmord (ein
Witwer, der seit dem Tod seiner Frau "still und grämlich" gewesen war, wurde "an einem Seil hängend, das
man zum Anbinden von Kälbern benutzt hatte", gefunden) und eine Spur von Gewalt (ein Hauptmann hatte
zwei Indianern "die Gesichter zerschnitten und die
Bäuche aufgeschlitzt"). Auch einige nationale und
internationale Nachrichten erschienen, die ohne Quellenangabe von britischen Zeitungen abgeschrieben
waren - eine Praxis, die einen Londoner Verleger
veranlaßte, Harris als "Plagiator und Pressepiraten" zu
bezeichnen.

Eine andere Zeitung aus der Kolonialzert wollte ein
solch breites internationales Nachrichtenspektrum
abdecken wie die New York Times von heute. John
Campbeils zwei Seiten umfassendes Wochenblatt
Boston News-Letter kündigte an, es wolle alle aus
Europa eingehenden Nachrichten vollständig und in
der Reihenfolge ihres Eingangs abdrucken. Die Nachrichten sprengten schon bald den vorgesehenen
Rahmen, aber Campbell weigerte sich, seinen ehrgeizigen Plan zu modifizieren. Als der News-Letter im
Jahr 1718 den europäischen Nachrichten über ein Jahr
hinterherhinkte, erweiterte Campbell widerwillig den
Umfang der Zeitung, um dies wettzumachen.

Die Verleger der Kolonialzeit versuchten ebenso hartnäckig wie die Graphiker von USA Today (eine besonders graphikorientierte amerikanische Tageszeitung),
ihre Produkte attraktiv zu gestalten. Die ersten Zeitungen waren teuer (Männer machten sie bisweilen ihrer
Angebeteten zum Geschenk), und einzelne Exemplare wurden von Leser zu Leser weitergegeben. Einige
Ein Beitrag aus Publick Occurrences würde hervor- Verleger waren so aufmerksam, daß sie bei jeder
ragend in den National Enquirer passen, ein amerika- Ausgabe eine Seite frei ließen, damit der Abonnent
nisches Massenblatt von heute. Der Sohn des Königs persönliche Nachrichten niederschrefoen konnte, bevor
von Frankreich, so die Zeitung, "hat kürzlich gegen ihn er sie Freunden zusandte.
revoltiert und hat - falls die Berichte zutreffen - allen
AMERIKA DIENST

Seite 1

�Viele der frühen Zeitungen erzielten nie Gewinne. Um
ein Auskommen zu haben, fungierte John Campbell
gleichzeitig als Leiter eines Postamts. Dasselbe galt
für den Verleger der Pennsylvania Gazette, Benjamin Franklin, der gerissen andere Zeitungen von der
Postverteilung in Philadelphia ausschloß. Benjamin
Harris betrieb weiterhin ein Kaffeehaus und ein Buchgeschäft. Einige Verleger verkauften nebenher Textilien.

mann Benjamin Franklin schrieb, daß nahezu alles
Veröffentlichte "einige und vielleicht zu viele beleidigen
wird", und deshalb machten sich die Herausgeber bald
"eine Gleichgültigkeit gegenüber Richtigkeit oder Falschheit der in ihren Druckerzeugnissen enthaltenen Meinungen zu eigen". Wo Franklin den Journalisten riet,
Kritik zu ignorieren, forderte John Adams, der später
der zweite Präsident der Vereinigten Staaten wurde,
dazu auf, sie zu genießen. In einem Brief an die
Boston Gazette schrieb Adams, die von den "MachtNahezu alle Verleger stellten ihre Druckpressen gegen gierigen" gegen die Zeitung vorgebrachten "abgedroBezahlung für religiöse Traktate, Almanachs, Flug- schenen, unverschämten Vorwürfe von Rufmord und
blätter, Geschäftsformulare und Druckschriften zur Volksverhetzung" bedeuteten "für uns um so mehr
Verfügung. Die Auftragsarbeiten konnten zu Konflik- eine Ehre". Die Haltung von Adams lebt fort: Morton
ten führen wenn, was häufig der Fall war, die Regie- Kondracke von The New Republic betrachtet es als
rung der wichtigste Kunde war. Nachdem die Boston eine seiner größten Leistungen, daß er vom Weißen
Gazette im Jahr 1757 religiöse Gefühle verletzt hatte, Haus unter Nixon auf die Liste von Gegnern gesetzt
teilten die "selectmen" (Stadtratsabgeordneten) der wurde.
Stadt ihrem Verleger mit, "wenn Sie weiterhin Dinge
dieser Art abdrucken, dürfen Sie keine weiteren Vortei- Mit Zunahme der Spannungen zwischen Briten und
le mehr von uns erwarten". Der Verleger versprach, Kolonisten lernten die Herausgeber mehrere Lektiovorsichtiger zu sein.
nen, die auch später noch Bestand hatten. Sie entdeckten, daß sie Bedrohungen ihrer Profite, wie das
Aufstieg und Fall des Wettbewerbs
Stempelgesetz, als Bedrohungen von Grundfreiheiten
aller Menschen darstellen konnten. In ihren FußstapDie verwundbarsten Zeitungen waren die, die lokale
fen haben Verleger des zwanzigsten Jahrhunderts
Konkurrenten hatten. 1721 versuchten Freunde, James
bisweilen behauptet, der erste Zusatz zur amerikaniFranklin (Bens älteren Bruder) davon zu überzeugen,
schen Verfassung befreie sie von der Pflicht, Steudaß die Gründung einer Zeitung eine Torheit sei.
er-, Kartell- und Arbeitsgesetze sowie BebauungspläCampbeils Boston News-Letter, so behaupteten sie, ne einzuhalten. Die Zeitungsverleger der Kolonialzeit
habe den Markt gesättigt - einen ansehnlichen Markt, erlebten, wie die Auflagen explodierten: Die des
da der News-Letter damals die einzige Zeitung in den Connecticut Courant erreichte 8.000 im Jahr 1781,
amerikanischen Kolonien war. Franklin ignorierte den was mehr war als die Auflage der meisten Londoner
Rat, und sein New-England Courant bestand fünf Zeitungen. Die Herausgeber entdeckten, daß sich
Jahre.
Zeitungen mit schlechten Nachrichten am besten
Mit wachsendem Konkurrenzdruck entstanden Hun- verkaufen lassen. Damals wie heute gilt, was der
derte von Zeitungen, und durch Zusammenschlüsse Journalist Walter Lippmann einmal trocken folgenderkam es zu Namensänderungen und Schließungen. maßen formulierte: "Krieg ist sensationeller als FrieThe American Minerva wurde 1793 in New York den."
gegründet. Im Jahr 1797 wurde die Zeitung in Commercial Advertlser umbenannt, 1904 in The Globe, Die Pioniere der Presse unterhielten komplexe Bezie1923 in The Sun and The Globe, 1950 in New York hungen zur Regierung. Bezeichnend hierfür ist der Fall
World-Telegram/The Sun und 1966 in World Jour- von Benjamin Harris. Er plante, seine Publick Occurnal Tribuns. 1967 stellte World Journal Tribüne, rences "einmal im Monat (oder häufiger, wenn eine
das eine Fortsetzung von 38 verschiedenen Zeitungen Vielzahl von Ereignissen stattfindet") zu veröffentlidarstellte, das Erscheinen vollständig und ohne Nach- chen. Als die erste Ausgabe erschien, ordnete der
königliche Gouverneur jedoch die dauernde Einstelfolger ein.
lung der Zeitung an, weil Harris die Einholung der
So viele Zeitungen wurden eingestellt oder schlössen erforderlichen Genehmigungen versäumt hatte.
sich mit anderen zusammen, daß heute weniger als 20
Städte konkurrierende Tageszeitungen haben, nach- Harris hatte sich schon früher staatlichen Anordnundem es vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch gen widersetzt. In London war er bereits mehrmals
nahezu 700 gegeben hatte. Die Zeitungsindustrie festgenommen, an den Pranger gestellt und wegen
erzielt Gewinne von 20 Prozent vor Steuern - nahezu Veröffentlichung aufrührerischer Schriften inhaftiert
doppelt soviel wie die amerikanische Fertigungsindu- worden. Wenn er jemals Gedanken gehegt haben
strie -, und einige Zeitungen erreichen sogar 40 Pro- mag, die Einstellungsverfügung für Publick Occurrences zu mißachten, so gab er sie jedoch bald auf.
zent.
Die königlichen Behörden vergaben einen Druckauftrag
an ihn, der wesentlich höhere Gewinne versprach
Die Zeitungen der Kolonialzeit wurden häufig kritisiert,
als
die
Zeitung. Harris' Karriere im amerikanischen
und schon bald fanden die Herausgeber MöglichkeiJournalismus
fand ein abruptes Ende.
ten, die Kritik abzubiegen. Der amerikanische StaatsSeite 2

AMERIKA DIENST

�Mit immer selteneren Ausnahmen müssen sich die
Verleger von heute kaum Sorgen über Einstellungsverfügungen machen. Statt dessen sorgen sie sich um
mögliche Beschränkungen der Zigarettenreklame,
Steuern auf den Verkauf von Einzelexemplaren, Begrenzung der Aufstellung von Zeitungsautomaten auf
bestimmte Gebiete, Arbeitsschutzbestimmungen für
die Benutzung von Computermonitoren sowie Gesetze, die den Zeitungen die Benutzung von Altpapier
vorschreiben. Auf nahezu alle diese Bedrohungen
reagieren die Verleger mit der Berufung auf den ersten
Verfassungszusatz und, wenn dies nutzlos ist, mit
Lobbyismus, Einflußnahme und "Arbeit mit der Regierung" • wie der Titel einer Präsentation bei der Messe
der Vereinigung amerikanischer Zeitungsverleger im
Jahr 1990 lautete.

fahrlässiger Verursachung seelischen Leides verklagt,
weil die Zeitung eine falsche Lotterienummer veröffentlicht hatte, die Manuel Hernandez kurze Zeit und
fälschlich zu der Annahme veranlaßte, er habe 11
Millionen Dollar gewonnen. Endlose Marktanalysen
ergeben, daß "Bugs Bunny" bei Lesern zwischen 18
und 49 Jahren die beliebteste Zeichentrickfigur ist,
während 6-17jährige "Garfiekf bevorzugen. Und die
kalifornische Zeitung Orange County Register setzte
einen Reporter auf ein Gebiet an, an das Benjamin
Harris noch nicht gedacht hatte: Einkaufszentren.

Die Erstausgabe von Publick Occurrences gab an,
sie werde "die Umstände öffentlicher Angelegenheiten" und "denkwürdige Vorfälle göttlicher Vorsehung"
aufzeichnen. In den Tagen von AIDS ist dies nicht
minder als in den Tagen von Schüttelfrost eine treffenEinige Aspekte des Journalismus der neunziger Jahre de Beschreibung des Auftrags der Presse. Nach 300
haben keine kolonialen Wurzeln. Der kalifornische Jahren lebt das Vermächtnis der verkürzten Karriere
Ventura County Star - Free Press wurde wegen von Benjamin Harris fort.
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AMERIKA DIENST

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Seite 3

�MEDIEN
24. März 1993

DER VIERTE STAND - RECHTE UND PFLICHTEN
von Robert H. Estabrook
Die Unabhängigkeit der Presse von der Regierung ist das grundlegendste ethische Dogma des Journalismus
in den Vereinigten Staaten, so der Autor des vorliegenden Artikels. Obwohl eine freie Presse die Regierung
bisweilen in Verlegenheit bringe, sei sie einzig und allein ihren Lesern verantwortlich.
Robert H. Estabrook, ehemaliger Auslandsreporter von The Washington Post, ist Redakteur und Verleger im
Ruhestand von The Lakeville Journal, einer wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung im Nordwesten Connecticuts. 1987 reiste er nach Indien und nahm an dem indisch-amerikanischen Workshop über kleine und
mittelgroße Zeitungen teil.

Der erste Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung enthält den oft zitierten Satz:" Der Kongreß darf
kein Gesetz erlassen, das... die Rede- oder Pressefreiheit ...einschränkt." Aus diesem in der Bill of Rights
enthaltenem Gebot leitet sich das ab, was ich als das
vielleicht grundlegendste ethische Dogma des Journalismus in den Vereinigten Staaten betrachte: "Die
Presse ist von der Regierung unabhängig."

Presse ist ihren Lesern - und nur ihnen - verantwortlich.
Sie kann nicht Sklave oder Lakai der Regierung sein.

Unabhängigkeit ist das Herzstück jeder Erklärung über
die ethischen Prinzipien, die das Verhalten der Presse
respektieren. Zeitungsverleger können sich entscheiden, eine bestimmte Partei oder Interessengruppe zu
unterstützen, aber in den Vereinigten Staaten ist eine
steigende Zahl von Zeitschriften und Magazinen unabDie Gründerväter der damals noch in den Kinderschu- hängig von Partei oder Regierung. Das bedeutet nicht,
hen steckenden Nation waren argwöhnisch gegen- daß sie nicht eine bestimmte Partei oder einen beüber der Tendenz der Regierung - selbst wenn sie die stimmten Kandidaten den anderen vorziehen, aber sie
besten Absichten hatte - , bisweilen zum Tyrann zu schulden ihnen keine Loyalität, und ihre Unterstützung
werden. Regierungen setzen sich aus Menschen ist die Praktizierung ihrer Unabhängigkeit. Es handelt
zusammen, und Menschen können Fehler machen sich von Seiten des Verlegers und der Herausgeber
und tun dies auch. Aus diesem Grund stellten sich die um eine freie Entscheidung.
Verfasser des ersten Verfassungszusatzes die Presse, trotz all ihrer Mängel, als eine Art Sozialkritiker vor, Hieraus folgt, daß eine unabhängige Presse diese
der eine gesonderte, von der Regierung getrennte Rolle in Ehren halten sollte, indem sie jeder Art von
Druckausübung widersteht - von Seiten der KommuRolle spielt.
nal-und der Bundesregierung, von Interessengruppen
Journalisten legen bei der Verfolgung nationaler Inter- in der Gemeinde, mächtigen Einzelpersonen und
essen ebensoviel Patriotismus an den Tag wie jeder Werbefachleuten. Das ist ein hehrer Maßstab, und
andere, und nichts in der Bill of Rights deutet darauf bisweilen ist es in einer kleinen Gemeinde schwieriger
hin, daß die Zeitungen und die Regierung nicht gele- als in einer größeren, sich daran zu orientieren. Es
gentlich zusammenarbeiten könnten. Aber es war die mag für eine große und ausreichend mit finanziellen
klare Absicht der Gründerväter, daß die Presse und Mitteln ausgestattete Zeitung relativ leicht sein, das
die Regierung nicht zusammen im Bett liegen sollten. Mißfallen einer Interessengruppe oder von Vertretern
Sie sind natürliche Gegner mit unterschiedlichen aus der Werbebranche zu riskieren; eine kleine ZeiFunktionen und jeder muß die Rolle des anderen tung jedoch, bei der die Unterstützung eines solchen
respektieren. Manchmal kann eine freie Presse für Werbeagenten oder Interessenvertreters direkte Auseine Regierung entschieden ein Ärgernis darstellen wirkung auf die Finanzlage hat, braucht Mut, um
oder sie in Verlegenheit bringen, aber das ist der Preis, diesem Druck zu widerstehen. Einige Zeitungen brinder für die Freiheit gezahlt werden muß. Eine freie gen mehr Mut auf als andere, aber die Respektierung

AMERIKA DIENST

Seite 1

�dieses Prinzips ist eine der Pflichten, die die Presse
aufgrund der ihr von der Verfassung zugewiesenen
Sonderrolle hat. Die Weigerung, sich von irgend
jemandem einschüchtern zu lassen, sollte das Kennzeichen des Berufs eines Journalisten sein.
Hieraus leitet sich auch ab, daß eine Zeitung und ihre
Mitarbeiter bei ihren eigenen Aktivitäten ein Beispiel
für Unabhängigkeit geben. Sie sollten nicht nur de
facto, sondern • wie die Briten von der Justiz sagen sichtbar unabhängig sein. Eine Zeitung, die ihre
Freunde mit erfundenen Sensationsgeschichten oder
schmeichlerischen Leitartikeln belohnt, wird binnen
kurzem nicht mehr ernstgenommen. Ene Zeitung,
deren Reporter auch auf der Gehaltsliste von Interessengruppen stehen, die Gratisreisen oder großzügige
Geschenke annehmen, wirkt mit ihrer Kritik an der
Korruption oder anderen unmoralischen Praktiken in
der Regierung nicht glaubwürdig.
Manchmal versuchen Zeitungen die Entgegennahme
von Geschenken oder Dienstleistungen zu rechtfertigen. Es wird das Argument angeführt, ein gewissenhafter Reporter werde sich wohl kaum mit einer Einladung zum Essen, einer Eintrittskarte für eine Sportveranstaltung oder einer Theaterkarte bestechen lassen.
Das ist vielleicht richtig, aber auch der Schein ist von
Bedeutung. Ich kenne eine Zeitung, die jedes Gratisangebot, jedes Reiseangebot und jedes Geschenk mit
dem Argument annimmt, daß sie durch die Annahme
jedes Angebots unbestechlich wirke. Ich bin anderer
Ansicht, und ich habe den Verdacht, daß das auch für
einige Zeitungsleser gilt: Zeitungen sollten selbst für
ihre Ausgaben aufkommen.
Ich gebe zu, daß es für die Journalisten in kleinen
Gemeinden manchmal schwierig erscheint, vollkommen unabhängig zu bleiben. Sie werden gedrängt,
Wohltätigkeitsorganisationen, Clubs, geschäftlichen
Vereinigungen oder sogar der Kommunalregierung
beizutreten. Daraus können häufig Interessenkonflikte entstehen. Man kann von Journalisten nicht erwarten, daß sie sich wie Mönche von der Gesellschaft
absondern. Aber sie können auch nicht gleichzeitig
zwei Herren dienen, die unterschiedliche Interessen
verfolgen. Ein gewissenhafter Herausgeber oder
Reporter wird sich zumindest der Konflikte bewußt und
setzt seine beruflichen Pflichten an erste Stelle. Es
überrascht daher nicht, wenn ein unabhängiger Journalist sehr einsam ist und in der Gemeinde, in der er
tätig ist, nur wenige oder keine engen Freunde hat.
Manchmal sind seine besten Freunde zwangsläufig
ebenfalls Journalisten. Aber das ist ein Preis, den er
für die von ihm gewählte Karriere und Herausforderung zahlen muß.
Welche besonderen Pflichten geht die Presse ihrerseits als Gegenleistung für den besonderen Schutz
ihrer Pressefreiheit ein? Keine explizit formulierten.
Eine Zeitung genießt das Recht, reißerisch oder parteiisch oder unaufrichtig oder bigott zu sein oder was

Seite 2

auch immer ihr Gewissen zuläßt. Und obwohl Zeitungen unter die Gesetze zu Verrat, Volksverhetzung und
Verleumdung fallen, legen sie doch in großem Umfang
selber fest, welches ihre Pflichten sind. Die innewohnende Idee ist, daß aus dem Zusammenprall der von
der freien Presse präsentierten Meinungen und Ideen
letztlich etwas entsteht, das der Wahrheit nahekommt.
Schon John MiKon schrieb in seiner Aeropagrtica.
selbst wenn die Winde der Doktrin frei wehen dürften,
so müsse die Wahrheit auf der Erde vorherrschen, und
ihre Kraft dürfe nicht durch Verordnungen und Verbote
angezweifelt werden. Wer hätte - ihm zufolge • je
erlebt, daß bei einer fairen und offenen Gegenüberstellung von Wahrheit und Lüge die Wahrheit den
Kürzeren zog?
Als philosophische Doktrin mag das zwar beeindrukkend sein, aber Sie wissen ebensogut wie ich, daß das
in der Praxis nicht immer so funktioniert. Die Wahrheit
erscheint manchmal nur, wenn jemand sie ausgräbt,
und es gibt keine patentierte Version der Wahrheit. In
einer Gemeinschaft, in der nur eine Zeitung überlebt und das ist in den Vereinigten Staaten zunehmend der
Fall - wird der Leser nur dann mit unterschiedlichen
Meinungen konfrontiert, wenn die Zeitung beschließt,
sie vorzustellen. Radio und Femsehen sind nicht
immer ein wirksamer Ersatz.
Das ist jedoch kein so großes Unglück, wie es früher
den Anschein gehabt hätte, da die amerikanischen
Journalisten in zunehmendem Maße einen Sinn für
professionelles Verhalten entwickeln. Hierzu gehört
die Anerkennung der Bedeutung fairer und ausgewogener Berichterstattung, in der die dargelegten Ansichten sich von denen des Berichterstatters, der
Zeitung oder eines Regierungsvertreters unterscheiden und trotzdem akkurat vorgestellt werden. Tatsächlich ist einer der besten Beweise für professionellen Journalismus die Fähigkeit, objektiv über jemanden oder etwas zu berichten, mit dem der Berichterstatter oder die Zeitung überhaupt nicht übereinstimmen.
Es gibt heutzutage in den Vereinigten Staaten kaum
eine Zeitung, die nicht bewußt ihre eigene Meinung
von einer objektiven Darstellung der Tatsachen trennt.
Nachrichten und Analysen werden im Nachrichtenteil
präsentiert, und ihre Herkunft und Quelle wird möglichst angegeben. Die von der Zeitung vertretene
Meinung wird auf der Seite mit dem Leitartikel dargestellt, auf der auch Beiträge von freien Journalisten
oder von Mitarbeitern der Zeitung abgedruckt werden
können.
Amerikanische Zeitungen sind sich heutzutage ihrer
Pflicht bewußt, ihre Nachrichtenkolumnen und die
Leitartikelseite für jede Überzeugung zu öffnen. Viele
Zeitungen erhalten viel mehr Leserbriefe als sie veröffentlichen können und müssen deshalb auswählen,
was sie für eine faire Darstellung halten; sie müssen
Verleumdungen vermeiden und auf Anstand und

AMERIKA OIENST

�Angemessenheit achten. Viele Zeitungen beschäftigen eine Art Ombudsman, dessen Aufgabe darin
besteht, als eine Art Anwalt der Öffentlichkeit Beschwerden zuzuhören, Abhilfe zu schaffen und die
Arbeit der Zeitung zu bewerten. Die meisten Zeitungen erkennen auch ihre Pflicht an, Fehler prompt zu
korrigieren, oftmals in einer in jeder Ausgabe an derselben Stelle abgedruckten Spalte.

einzelnen Journalisten heutzutage angeboten werden. Vor einigen Jahren gewann The Washington
Post, mein ehemaliger Arbeitgeber, den Pulitzer Preis
für ihre Berichterstattung über einen achtjährigen
Drogenabhängigen. Die Recherche durch andere
führte zu dem Eingeständnis der Reporterin, Janet
Cooke, daß sie sich die Geschichte ausgedacht hatte,
um eine Situation zu illustrieren. Sie kündigte, und die
Zeitung gab den Preis in großer Verlegenheit zurück.
Natürlich ist es möglich, daß eine Zeitung die höchsten Ich habe keinen Zweifel daran, daß es noch weitere,
ethischen Maßstäbe anlegt und ihr Ruf dennoch durch nicht aufgedeckte fiktive Geschichten gibt. Und selbst
das Verhalten ihrer Mitarbeiter geschädigt wird. Arro- wenn man keine Tatsachen" erfindet, ist es doch
ganz und Mißachtung der Rechte anderer sind der
relativ einfach, sie so zu präsentieren, daß man bei den
sicherste Weg, um das zu erreichen. Zeitungen müssen Preisrichtern großen Eindruck hinterläßt.
sorgfältig ein unerlaubtes Eindringen in das Privatleben derjenigen vermeiden, über die sie berichten. Das Preise sind nicht schlecht, aber die besten sind diejePhoto eines Menschen, der aus einem Gebäude springt nigen, die von Au ßenseitern ohne das Wissen oder die
oder sich in ein Feuer stürzt, mag zwar dramatisch Teilnahme einzelner Journalisten oder Zeitungen verliehen werden. Gewissenhafte Journalisten und Zeisein, aber die Herausgeber sollten lange und eingehend darüber sprechen, ob sie durch seine Veröffent- tungen müssen der Versuchung widerstehen, ihre
lichung die Rechte oder die Würde eines Menschen Geschichte so darzustellen oder zusammenzuschustem, daß sie einem Zweck dient, der nicht in direktem
mißachten. Dient die Veröffentlichung einem vertretbaren Zweck, den die Leser verstehen? Oder wird eine Zusammenhang mit der Nachrichtenübermittlung steht.
Demütigung dazu benutzt, die Neugier anzustacheln?
In meinem eigenen Journalistenkodex gibt es keine
Reporter genießen im Vergleich zu anderen Bürgern weiteren Gebote außer Unabhängigkeit, Nichteinmikeine Sonderrechte. Sie müssen aggressiv nach schung, Objektivität, Fairneß und die Bereitschaft zur
Fehlerkorrektur. Das ist das Erkennen unserer eigeFakten suchen. Eine der wichtigsten Funktionen der
freien Presse besteht in der Tat darin, als Wachhund nen Fehlbarkeit. Journalisten haben von Gott kein
zu dienen. Aber ihre Mitglieder haben keine Entschul- spezielles Mandat erhalten und ein wenig Bescheidenheit steht uns gut an. Manchmal hat die Wahrheit viele
digung für unverschämtes oder unhöfliches Benehmen. Das Femsehen hat viele Nachteile, aber es zeigt Facetten. Niemand hat ein Monopol darauf. Selbst bei
den Zuschauem sehr schnell, ob die an einer Presse- der engagierten Suche nach der Wahrheit werden oft
Fehler begangen, unter denen eventuell Unschuldige
konferenz teilnehmenden Journalisten Arroganz oder
unnötige Schroffheit an den Tag legen. Einige von leiden müssen. Es ist meines Erachtens eine journaihnen scheinen leider zu Schauspielern geworden zu listische Todsünde, daß wir Journalisten vielfach dazu
sein, die ihre Aufgabe darin sehen, für Neuigkeiten zu neigen, uns selbst zu ernst zu nehmen, und daß wir
eine überzogene Vorstellung von der eigenen Bedeusorgen anstatt darüber zu berichten.
tung haben. Daher hätte ich es gerne, wenn über dem
Abgesehen von ihrem charakteristischen Verhaften Schreibtisch jedes Mitarbeiters der Presse der Ratweisen die Zeitungen auch ein Phänomen auf, das ich schlag hinge, den Oliver Cromwell der Vollversammdie "Preisjagd" nenne • die Schilderung einer Begelung der Kirche von Schottland im Jahr 1650 gab: "Ich
benheit entweder durch den Reporter oder aufgrund beschwöre Euch beim Kreuze Gottes, zieht in Beeiner übergeordneten Entscheidung der Zeitungsre- tracht, daß auch Ihr Euch irren könntet."
daktion auf eine Art und Weise, die darauf abzielt,
einen der Preise zu gewinnen, die Zeitungen und

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AMERIKA DIENST

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Seite 3

�MEDIEN
31. März 1993

DIE MACHT DER FERNSEHNACHRICHTEN
von Joshua Meyrowitz
Die Femsehnachrichten sind dem Verfasser zufolge eine mächtige, muftidimensionale und paradoxe Kraft,
deren Einf lu ß nicht leicht zu messen ist. Der Autor liefert Einzelheiten zu Struktur, Bildersprache und Auswirkung
dieses Phänomens modemer, technisch fortgeschrittener Gesellschaften.
Joshua Meyrowitz ist Professor für Kommunikationsforschung an der Untversity of New Hampshire. Er ist der
Autor des preisgekrönten Buches No Sense of Place: The Impact of Electronic Media on Social Behavior
(Oxford University Press).
Nachdruck und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I. Copyright (c) 1992 Joshua
Meyrowitz.

Seit den frühen sechziger Jahren - als der Anteil der
Haushalte, in denen Fernsehgeräte vorhanden waren,
in diesem Land die 90-Prozentschwelle überschritt erklärten Amerikaner den Interviewern der Roper
Organization, sie bezögen ihre Nachrichten größtenteils aus dem Femsehen, nicht aus Zeitungen, und sie
fänden die Femsehnachrichten am glaubwürdigsten.
An traditionellen Maßstäben gemessen, enthalten die
Nachrichtensendungen des Femsehens jedoch nur
wenige Nachrichten. Das typische 22minütige Script
der Abendnachrichten eines der großen Fernsehsender (ohne die acht Minuten an Werbesendungen)
würde auf der Titelseite der New York Times lediglich
zwei Spalten füllen. Beobachtungen der begrenzten
Menge von den Femsehnachrichten vermittelter "Informationen" sind gemeinsam mit zahllosen Studien,
die zeigen, daß sich die Zuschauer nur schwer an das
erinnern können, was sie in den Nachrichten sehen
und hören als Argument benutzt worden, daß die
angebliche Wirkung des Femsehens nur Einbildung
sei.
Es überrascht jedoch nicht, daß die Macht der Femsehnachrichten durch Methoden verschleiert wird, die
sich aus verbal begründeten Vorstellungen von Nachrichten ergeben. Um die Wirkung der Femsehnachrichten zu begreifen, müssen wir das Femsehen als
besonderes Kommunikationsmedium verstehen, und
wir müssen Femsehnachrichten als charakteristisches
Genre untersuchen.

sich jedoch nicht ohne weiteres durch Untersuchung
des "Nachrichtengehalts", der präsentierten "Datenmenge", des "Verständnisses und Erinnerungsvermögens" des Zuschauers oder der Rolle messen läßt, die
in Nachrichten vermittelte "Informationen" bei der
späteren "Entscheidungsfindung" durch den Zuschauer spielen. Meine These lautet, daß die Wirkung von
Femsehnachrichten nicht eindimensional ist. Femsehnachrichten sind in gewisser Weise eine potente
Kraft des Wandels und andererseits ein mächtiges
Instrument des politischen Status quo. Vor allem
jedoch präsentieren Femsehnachrichten einen anderen Rahmen oder Kontext für die Aufnahme von Ereignissen - einen Kontext, dessen Wirkung durch Prozentzahlen oder Pfeile oder andere Symbole, mit denen
versucht wird, die "Wirkungsrichtung" zu beschreiben,
nicht hinlänglich erfaßt wird.
Ausdrucksformen oder Kommunikation
Einer der eklatantesten Unterschiede zwischen Zeitungs- und Femsehnachrichten ist deren vornehmliche Stützung auf verschiedene Symboltypen: sprachliche "Kommunikation" im Gegensatz zu Bildern und
"Ausdruck".

Zu den Ausdrucksformen gehören Körper- und Gesichtsbewegungen, Gesten sowie stimmliche Merkmale. Ausdruck ist sowohl direkter als auch vieldeutiger, natürlicher und gleichzeitig weniger präzise als
sprachliche Statements. Während man verbale
Der vorliegende Beitrag geht davon aus, daß Femseh- Kommunikation beginnen oder beenden kann, vernachrichten eine mächtige Kraft darstellen, deren Einfluß wendet man Ausdrucksformen ständig. Ausdruck

AMERIKA DIENST

Seite 1

�weist darauf hin, was Menschen wirklich empfinden
und wie sie "wirklich sind". Ausdruck ist ein reicher und
grundlegender Teil der menschlichen Interaktion. Aber
wie Bilder ohne Untertitel liegt seine Bedeutung oft im
Dunkeln. Wie Paul Watzlawick und seine Kollegen
feststellten, kann ein Lächeln Liebe oder Verachtung
ausdrücken, man kann vor Glück oder Trauer weinen,
eine gedämpfte Ausdrucksweise kann als Taktgefühl
oder Indifferenz ausgelegt werden, und eine geballte
Faust kann aufsteigende Aggression oder eine Entscheidung zur Zurückhaltung bedeuten. Selbst wenn
Bilder und Ausdrucksformen mit Worten untermalt
sind, können sie nie auf diese reduziert werden.

ist, über diese Aspekte des Krieges kaum mehr als die
Zuschauer. Durch ihre im Femsehen übertragenen
Erfahrungen entwickelten wir jedoch ein dramatisches
Gefühl des "Dabeigewesenseins".

Im Fernsehen haben selbst politische "Debatten" häufig
relativ wenig mit verbal geprägten Ideen zu tun.
Charakteristischerweise reagieren die Zuschauer auf
eine Fernsehdebatte nicht mit spontanen Kommentaren wie "Das war ein hervorragendes Argument", "Das
ist historisch nicht zutreffend", "Er hat gerade dem
widersprochen, was er vor ein paar Minuten gesagt
hat" oder "Ich sehe mal im Lexikon nach, ob das
stimmt." Für gewöhnlich reagieren die Leute eher mit
Printnachrichten schöpfen vornehmlich aus verbaler Aussprüchen wie "Er sieht nervös aus", "Sie macht ihre
Kommunikation, während sich die Macht des Femse- Sache gut", "Er ist hart!", "Ich traue ihm nicht", "Ich mag
hens hauptsächlich aus Bildern und Ausdrucksformen siel", "Schau dir mal diese Tränensäcke unter den
ableitet. Natürlich werden in den Fernsehnachrichten Augen an" oder "Warum wartet er fünf Sekunden, ist er
Worte gesprochen, auf die auch reagiert wird. Wahr- senil?"
scheinlich würden wir das Fernsehgerät ausschalten,
wenn sich die Moderatoren weigerten, zu uns zu Theoretisch erhoffen wir uns natürlich alle Politiker und
sprechen. Oie Rolle der Sprache wird jedoch von Journalisten, die häufig innehalten, um nachzudennichtverbalen Einflüssen dramatisch verändert und ken. Nachdenken hat jedoch keine akustische und
häufig überschattet. Für gewöhnlich betrachten wir visuelle Dynamik. Präsidentenberater und Berater für
das Femsehen mehr als daß wir ihm zuhören. Und wir Fernsehnachrichten schlagen im allgemeinen andere
hören mehr auf den Tonfall und akustische Ausdrucks- telegenere Verhaltensweisen vor. Am Abend der
formen als auf das gesprochene Wort. Aufgrund des Fernsehdebatte zwischen Carter und Reagan im Jahr
Gesehenen und Gehörten fühlen wir uns eher gut 1980 etwa reichte James Baker Ronald Reagan eine
Karte, auf der lediglich ein einziges Wort stand: "Kioder schlecht, als daß wir darüber nachdenken.
chern." Dieser Vorschlag hatte eine Schlüsselfunktion
So ist es zum Beispiel nicht überraschend, daß Er- für Reagans Siegesstrategie. Auch werden kostbare
kenntnissen von Forschem zufolge die Bürger desto Sekunden der Sendezeit in Nachrichtenprogrammen
weniger über die grundlegenden Fakten zum Golfkon- häufig für scherzhafte Unterhaltungen zwischen den
flikt wußten, je mehr sie sich auf die Berichterstattung Moderatoren benutzt. Selbst wenn diese Einlagen
des Femsehens über den Golfkrieg verließen. Solche wenig oder gar keine Informationen enthalten, vermitErkenntnisse bedeuten nicht, daß das Femsehen eine teln sie den angenehmen Eindruck, daß die Moderatogeringe Wirkung hat. Statt dessen weisen sie auf die ren nette Leute sind, die gerne zusammenarbeiten.
ungewöhnliche Macht der Fernsehnachrichten hin: Heute bewerten wir sowohl die Nachrichtenthemen als
daß sie unser Gefühl für Erfahrungen eher bestärken auch die Sprecher der Nachrichten instinktiv nach
als unser verbal geprägtes Wissen zu erweitem. Was denselben Maßstäben.
wir von den Fernsehnachrichten erhalten, sind freundliche, bekannte und vertraute Gesichter, die sich mit Der informelle und unterhaltsame Stil von Fernsehuns unterhalten und uns Bilder zeigen, die - weil sie wie nachrichten wird zumeist mit den "schönfärberischen"
echte Gegenstände, Menschen und Orte aussehen - Lokalnachrichten in Zusammenhang gebracht, galt
dem Gesehenen einen Anstrich von Objektivität ver- jedoch sogar für den Nestor aller Moderatoren der
großen Sender, Walter Cronkfte. Ich erinnere mich
schaffen.
noch, wie überrascht ich war, als ich zum ersten Mal
Ironischerweise verleiht die subjektive Zuneigung, die ein Protokoll von Cronkite aus dem Jahr 1972 las.
wir zu Persönlichkeiten in den Nachrichten entwickeln, Obwohl ich als Zuschauer und -hörer der Sendung
unseren Erfahrungen beim Anschauen von Femseh- vom 25. Oktober nichts Ungewöhnliches festgestellt
nachrichten einen Anstrich objektiver Wahrheit, ob- hatte, stach der Text ins Auge. Für einen wichtigen
wohl sie unsere Suche nach Ideen reduziert, die über Bericht über die Vietnam-Friedensgespräche enthielt
indirekte Beziehungen zwischen Zuschauer und Jour- Cronkites Script zum Beispiel die Worte "knifflig",
nalisten hinausgehen. Bei der Berichterstattung über "verschlagen" und "mies gelaunt" - ein krasser Unterden Golfkrieg erfuhren wir mehr darüber, wie oft der schied zu dem sachlicheren Bericht der New York
Schlaf der Korrespondenten von Sirenen unterbro- Times von nächsten Tag. Ein anderer Bericht der New
chen wurde und wie sie mit Gasmasken aussahen als York Times begann folgendermaßen: "Per Post verüber die Geschichte der Region, die Wurzeln des schickte Sprengsätze haben hier heute einen arabiKonflikts und die Führung des Krieges. Tatsächlich schen Briefträger und eine Sekretärin lebensgefährwußten die Korrespondenten, wie uns heute bekannt lich verletzt." Dagegen lautete Cronkites Eröffnung:

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�"Mehr von diesen tödlichen kleinen Briefbomben sind
heute aufgetaucht."

Personifizierung der öffentlichen Sphäre

Private Interaktion ist seit jeher von konkretem Erscheinungsbild, Gestik und stimmlichen Merkmalen
dominiert. "Wie ist diese Person?" Die öffentliche
Sphäre war jedoch früher eng mit sprachlicher Abstraktion verbunden: "Was hat die Person gesagt,
geschrieben und geleistet?" Für gewöhnlich weisen
wir einen potentiellen Liebhaber oder Freund nicht
aufgrund eines wenig aussagekräftigen Lebenslaufs
zurück, und bevor es das Fernsehen gab, hatten die
Im Gegensatz zu Reportern der Printmedien bringen Wähler praktisch keine Chance, negativ auf landesTV-Journalisten in die Nachrichten im wörtlichen Sinne weit zur Wahl stehende Kandidaten zu reagieren, weil
ihren Körper ein, jedoch nicht zwangsläufig ihre Worte sie aus wenigen Metern Entfernung nicht gut aussaoder Gedanken. Peter Jennings, Dan Rather und Tom hen. Das Femsehen hat jedoch die Bevorzugung von
Brokaw haben ihren Platz in den Wohnstuben und "Rendezvous-Kriterien" vor "Lebenslauf-Kriterien" im
Herzen von Millionen Zuschauern gefunden, obwohl öffentlichen Bereich gefördert.
sie häufig Scripts vorlesen, die von anderen geschrieben wurden. Dagegen müssen Zeitungsreporter ihr 1960 schätzte Theodore White, daß höchstens zwei
Millionen Bürger ihre Präsidentschaftskandidaten in
Material selbst schreiben.
natura sehen würden. Natürlich würden davon nur
Es ist unmöglich, die Person zu ignorieren, die die sehr wenige die Kandidaten nahe genug erleben, um
Nachrichten im Fernsehen vorträgt, wie man eine subtile Ausdrucksformen oder Schweiß auf ihrer Stirn
Verfasserangabe unter einem Zeitungsartikel unbeach- wahrnehmen zu können. Dagegen verfolgten etwa 70
tet lassen kann. Weil wir ihre persönlichen Ausdrucks- Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten die
formen und ihre Reaktionen auf Ereignisse erfahren, erste Debatte zwischen Nixon und Kennedy im Femhaben viele TV-Journalisten eine öffentliche Präsenz, sehen. Und wie Robert Sanders in seiner Untersudie ebenso groß oder noch größer ist als die der chung der Berichterstattung über Debatten feststellt,
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, über die sie hat kein Thema in dieser ersten Debatte "die Gespräberichten. Im Fernsehen ergibt es einen Sinn, wenn che nach der Debatte so stark angeregt wie Nixons
Barbara Walters nach zahlreichen Sendungen über Aussehen. 'Verhärmt', 'müde', 'krank', 'wie ein Geist'
Persönlichkeit und Privatsphäre führender Politiker und 'keine Ausstrahlung' waren typische Adjektive und
und Prominenter in aller Welt einen Fernsehbeitrag Schlagworte der veröffentlichten Meinung."
bringt, in dem ihr eigenes Haus und Privatleben vorgestellt werden. In ähnlicher Weise waren Walter Cron- Als sich Nixons Erscheinungsbild in den späteren
kites Abschied von den CBS Evening News und Dan Debatten besserte, wurde dem gesprochenen Wort
Rathers Probleme, in seine Fußstapfen zu treten, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Durchweg blieb
selbst wichtige Nachrichten. Ironischerweise wurde jedoch ein eklatanter Unterschied zu der Reaktion von
Cronkite als "vertrauenswürdigster Mann Amerikas" Rundfunkhörern (von denen es bei den ersten drei
und aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat betrach- Debatten zwischen 15 und 20 Millionen gab) auf die
tet, obwohl zu jener Zeit niemand seine politischen Debatten bestehen. Sanders gibt an, daß diejenigen,
Ansichten kannte.
die die Debatten nur hörten, wesentlich mehr zu der
Aussage neigten, Nixon habe alle "gewonnen". Nach
Je mehr wir ihnen zuschauen und zuhören, desto mehr der ersten Debatte meinten zum Beispiel 43 Prozent
werden die Moderatoren und Themen der Nachrichten der Rundfunkhörer, Nixon habe gewonnen. Nur 20
Teil unseres erweiterten indirekten Bekanntenkreises. Prozent hielten Kennedy für den Sieger. Dagegen
Einige von ihnen sind da, um uns "Guten Morgen" zu gaben nur 19 Prozent der Fersehzuschauer an, Nixon
sagen, andere sagen uns "Guten Abend". Mit größerer habe gewonnen.
Zuverlässigkeit als selbst unsere besten Freunde im
wirklichen Leben plaudern sie munter mit uns beim Hat Nixon die Wahl allein wegen der ersten Debatte
Frühstück und lassen beim Abendessen den Tag vor verloren? Wahrscheinlich nicht. Die meisten Zuuns Revue passieren. Wir wissen über ihre guten und schauer (54 Prozent) betrachteten sie immer noch als
schlechten Tage, ihre Erkältungen und ihren Haar- unentschieden oder hatten keine Meinung, und in
schnitt Bescheid. Durch die Femsehnachrichten werden jedem Fall sind Wahlkämpfe komplexe Phänomene,
Fremde Teil unserer intimen Wirklichkeit. Wir erhalten bei denen sich Sieg oder Niederlage nicht auf ein
das Gefühl, daß wir Peter Jennings, Ronald Reagan, einziges Moment zurückführen lassen. Die erste
Bill Clinton und George Bush irgendwie "wirklich ken- Fernsehdebatte stärkte jedoch eindeutig das Image
nen", daß wir Zeit mit ihnen verbracht haben und etwas Kennedys, während sie für Nixon zumindest teilweise
darüber wissen, wie sie als Menschen sind.
negative Auswirkungen hatte, und ein SchlüsseleleSolche Scripts verletzen nicht die veröffentlichten
Normen für Fernsehnachrichten. Tatsächlich bieten
sie Beispiele für häufig genannte Regeln. So schreibt
etwa Tim Wulfemeyer in Broadcast Newswriting:
I m Idealfall sollten Nachrichtenmoderatoren so klingen als unterhielten sie sich mit Freunden über Probleme und Ereignisse."

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Seite 3

�ment in der Reaktion der Zuschauer schien etwas
anderes zu sein als die präsentierten verbalen Argumente.
Es ist nach wie vor eine Binsenwahrheit, daß unabhängig von den hastig konzipierten Untersuchungen über
die Debatten von 1960 jedes Medium der politischen
Kommunikation einen anderen Reaktionskontext liefert: Aus einem Zeitungsprotokoll läßt sich nicht die
Stimme des Kandidaten beurteilen, der Rundfunkhörer kann nicht auf den Gesichtsausdruck eines Kandidaten reagieren. Ohne Femsehen ist "eine persönliche Reaktion" von Millionen auf Bewegungen und
Erscheinung eines Kandidaten einfach nicht möglich.

bei den Tagesproblemen mit uns übereinstimmt oder
jemand, zu dem wir als brillant oder heldenhaft oder als
moralischem Giganten aufschauen, solange wir es
tolerieren können, regelmäßig Zeit mit ihm zu verbringen. Oder, anders ausgedrückt: Präsidentschaftswahlkämpfe sind heute Zeiten des Wertjens um eine
vierjährige intime Beziehung mit der Öffentlichkeit.
Der neue politische Kontext des Fernsehens ist sowohl
personifizierend als auch entmystifizierend.

Diesem Gedankengang folgend, war es stets ein Fehler,
Ronald Reagan als großen Kommunikator zu bezeichnen. Reagan ist ein "Meister der Ausdrucksformen".
Seine Stärke als Präsident lag nicht in der Kommunikation klarer, logischer Ideensequenzen, sondern in
Stellen Sie sich vor, Sie lesen das Zeitungsprotokoll der Projizierung machtvoller Bilder und besänftigender
der Rede eines Politikers, den Sie niemals gesehen Töne. Selbst wenn er einer Reporterfrage auswich,
haben, und Sie sagen: "Also, ich bin da anderer wiegte er oft demütig seinen Kopf, lächelte und winkte.
Meinung, diese Behauptung ist falsch, und dieser Satz Selbst wenn er einen furchtbaren Witz machte oder
ergibt überhaupt keinen Sinn... Aber wissen Sie, ich einen Satz aussprach, der weder Anfang, noch Mitte
mag diesen Kerl einfach I" Eine solche Reaktion würde oder Ende hatte, erschien er als netter Bursche. Reagans
als verrückt erscheinen. Doch genauso reagieren die Kommunikation als Präsident war häufig prosaisch,
meisten von uns auf Politiker in den Fernsehnachrich- manchmal unverständlich, wurde aber durch eine von
ten. Auch wenn wir sicherlich nicht blind für im FemEmotionen erstickte Stimme effektiv oder durch Ausehen gesprochene Worte sind, neigen wir dazu, auf
gen, die tränenfeucht waren oder ein spielerisches
sie in einem persönlichen Kontext zu reagieren.
Grinsen ausstrahlten - alles zeitlich perfekt abgestimmt und koordiniert.
Meinungsumfragen deuten darauf hin, daß viele Bürger heute bereit sind, auf nationaler Ebene einen Während kein Medium per se wahrer oder genauer ist
Kandidaten zu wählen, dessen Meinung zu Problemen als andere, fördert jedes Medium andere Kriterien für
sie nicht teilen, weil sie den Kandidaten "persönlich die Bewertung politischen Erfolges und politischer
mögen". (Etwa ein Drittel der Stimmen für Ronald Kompetenz. Die Protokolle und Videobänder derselReagan bei der Wahl von 1980 kamen von solchen ben Vorgänge können zu völlig verschiedenen ReakAnhängern.) Eine derartige Reaktion ergibt sich aus tionen auf dasselbe Ereignis führen. Die wenigen, die
dem vom Fernsehen geförderten Gefühl heraus, daß
Niederschriften von Ronald Reagans Pressekonferenwir unsere führenden Politiker getroffen haben und sie zen und Reden zur Lage der Nation untersucht haben,
persönlich kennen.
verwiesen zum Beispiel häufig auf beunruhigende
Wegen der Konzentration auf persönliche Anziehungskraft gerieten die politischen Positionen der Präsidentschaftskandidaten im Jahr 1988 häufig ins Hintertreffen, während man über George Bushs Versuche, sein
Image als "Schwächling" zu überwinden und Michael
Dukakis leidenschaftslose Art sowie seine Unfähigkeit, sich gegen Angriffe in Wahlkampfsendungen zu
wehren, diskutierte. Am Ende, so wurde uns gesagt,
änderte Bush mit Erfolg seinen persönlichen Stil, während
die Wähler nach wie vor nicht in der Lage waren, sich
mit Dukakis "anzufreunden". Auch im Wahlkampf
1992 waren die Wähler nicht nur an den persönlichen
und beruflichen Leistungen der Kandidaten und ihrer
Haltung zu den Problemen interessiert, sondern auch
daran, wie sie sich menschlich im Femsehen darstellten. Der Stil von Politikern im Umgang mit peinlichen
Enthüllungen ist heute nahezu ebenso wichtig wie die
Art der Enthüllungen.

logische Brüche und faktische Ungereimtheiten. Die
Kommentatoren seiner Fernsehauftritte jedoch konzentrierten sich häufig auf Reagans beherrschenden
Stil und seinen spielerischen Sinn für Humor.

Während der Anhörungen von C larence Thomas nach
dessen Nominierung zum Richter am Obersten Bundesgericht stellten Beobachter, die das früher von
Richter Thomas Geschriebene und Gesagte mit dem
verglichen, was er in den Anhörungen äußerte, die
Ehrlichkeit seiner mündlichen Aussage in Frage. Eine
Reihe derjenigen, die sich auf eine Untersuchung
seines Lebenslaufs konzentrierten, bezweifelten, daß
er genügend Erfahrung besaß, um im obersten Gerichtshof des Landes zu sitzen. Weil jedoch die
Anhörungen im Femsehen übertragen wurden, war
der Schwerpunkt der meisten journalistischen Berichte die Persönlichkeit von Thomas: seine selbstsichere
Präsentation, sein leichtes Lachen, seine tiefe Stimme, die zur Schau getragenen Bande mit seiner Frau.
Wir scheinen also potentielle Präsidenten heute zu
Im Femsehen erschienen die Senatoren, die ständig
bewerten, indem wir uns teilweise der Kriterien bedieversuchten, wieder zu "den Tatsachen" zurückzukehnen, die Menschen bei der Auswahl von Kegelpartnern
ren, tatsächlich Richter Thomas unnötig zu piesacken.
anlegen: Es muß nicht jemand sein, der zwangsläufig

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�Indirekte Intimität

meinen Kopf schüttele, steht diese Ausdrucksform
häufig für das Wort nein. Und Sprache ist davon
Warum ist das Femsehen so erfolgreich dabei, eine abgesehen nicht immer in logische, lineare Stateemotionale Reaktion statt einer logischen Reaktion zu ments strukturiert. Boulevardzeitungen zwängen die
fördern? Ein Grund liegt darin, daß das Femsehen Sprache oft in eine bildhafte Form, besonders in ihren
einen intimen Raum simuliert. Das heißt, das Femse- Schlagzeilen. Femer benutzt die Werbung in allen
hen präsentiert uns Menschen so, als wären sie nur Medien Sprache häufig als mehrdeutige Ausdruckseinen Meter entfernt. Selbst im wirklichen Leben ist form, etwa in den Slogans "Coke is rtl" und "Me and my
dies eine Distanz der Verführung oder Bedrohung, RC". Solche Statements sind wie Bilder weder wahr
nicht der rationalen Diskussion. Wenn wir beispiels- noch falsch.
weise zum ersten Mal mit jemandem ausgehen, hängt
unser Eindruck vom Erfolg oder Scheitern dieses Die Werbung nutzt die visuelle und akustische Gestalt
Treffens relativ wenig davon ab, was unser Begleiter des Femsehens am effektivsten, indem sie ihre Prosagt. Die Worte "Was für ein gutes Essen" oder "Ich dukte mit positiven, sinnlichen Erfahrungen assoziiert
danke Ihnen für eine sehr schöne Zeit" sagen uns nicht - lächeln, umarmen, küssen, pfeifen, gurren, laufen,
viel. Wir suchen also nach anderen Indizien: Wie oft spielen oder ins Wasser eintauchen (für gewöhnlich in
schaut sie mich an? Wie nahe steht er bei mir? Zeitlupe).
Scheint sie nervös zu sein? Sieht er gelangweilt aus?
In ähnlicher Weise macht die Sinnlichkeit des Femse- Nur selten stellt sie jedoch nachprüfbare verbale
Behauptungen über die in dieser Weise angepriesehens Sprache zweitrangig.
nen Produkte auf. Wenn die Werbebranche tatsächJe weiter man von einer Person entfernt ist, desto mehr lich ein ungefähres verbales Äquivalent solch sinnlikann man sich ausschließlich dem gesprochenen Wort cher Bilder - "Trink unsere Diätlimonade, und du wirst
widmen. Wenn die Person überhaupt nicht gegenwär- mit schönen Angehörigen des anderen Geschlechts
tig ist - wie in einer Passage der Zeitung oder einem am Strand liegen und lernen, wie man in Zeitlupe ins
Buch -, dann sind Worte und Ideen die einzigen Dinge, Wasser springt" -, anbieten würde, könnte sie wegen
Betruges verklagt werden.
auf die man sich konzentrieren kann.
Obwohl Ausdrucksformen eine primäre Rolle in persönlichen Beziehungen spielen, sind sie als Form der
öffentlichen Auseinandersetzung äußerst begrenzt.
Man kann einen bindenden Vertrag oder eine schlüssige Außenpolitik nicht auf einem Lächeln oder Zwinkern aufbauen. Nur die Sprache bietet das Potential
für präzise Bedeutungen, Wenn-Dann-Beziehungen,
sylkxjistische Analysen, lange Argumentationsketten
und Behauptungen, die als wahr oder falsch bewiesen
werden können. Das logische Potential von Worten
wird am besten in der Schriftsprache ausgenutzt, die
Formen der Erörterung zuläßt, die in improvisierter
Rede nahezu unmöglich sind. Ebenso gestattet Lesen
eine sorgfältigere Beurteilung von Ideen und den
Verbindungen zwischen ihnen als das Zuhören des
gesprochenen Worts (selbst wenn das Gesprochene
von einem Manuskript abgelesen wird).

Daß die Werbebranche eine rationale Auseinandersetzung vermeiden möchte, ist nicht überraschend,
aber auch die Fernsehnachrichten und -dokumentationen tun häufig desgleichen. Wenn man dem Überlebenden eines Erdbebens oder einem Vater, der soeben erfahren hat, daß seine Tochter getötet wurde, ein
Mikrofon oder eine Kamera vor die Nase hart, erbringt
dies kaum "Nachrichten", bietet den Zuschauem jedoch eine reichhaltige Quelle emotionaler Ausdrucksformen. Im Femsehen allgemein werden gesprochene Worte häufig "verbildlicht", das heißt, sie werden
Teil einer "Gesamtimpression", anstatt primär dazu zu
dienen, eine Idee, einen Vorschlag oder ein längeres
Argument zu fördern.

Die vom Femsehen heute ermutigte Konzentration auf
Bilder reicht sogar bis zur Art und Weise, in der
politische Skandale "untersucht" werden - wenn dies
Rationale Argumente und Sozi alkrtt ik erfordern Worte. dasrichtigeWort ist. So wurde über die Iran-ContraDie Worte können mit Aktionen und Ausdrucksformen Affäre zum Beispiel im Stil einer Seifenoper berichtet:
kombiniert werden, aber während Worte bei der Hat Nancy versucht, Ronald Reagan zu bewegen, Don
Entwicklung abstrakter Ideen für sich stehen können, Regan zu feuern? Hat Ronnie wirklich "Laß mich
ist dies bei Bildern und Ausdrucksformen nicht mög- verdammt nochmal in Ruhel" zu Nancy gesagt? Hat
lich. Man kann zwei gemeinsam essende Menschen Ollie Norths Sekretärin wirklich in ihrer Unterwäsche
abbilden, aber die Konzepte von "Freundlichkeit", Dokumente aus dem Weißen Haus geschmuggelt?
"Freundschaft", "Liebe" und "Verrat" existieren nur Wer war der Gewinner der Konfrontation zwischen
durch Sprache. Man kann das Bild einer großen Dan Rather und George Bush in den CBS Evening
Statue zeigen, die eine Fackel hart, aber die Ideen von News? Werden der Präsident oder der Expräsident
"Freiheit" oder "Demokratie" müssen mit Worten ent- vor Gericht aussagen müssen? Selbst die relativ
wickelt und erörtert werden. Für das Femsehen gilt ideenorientierte MacNeil/Lehrer Newshour verwandte während Oliver Norths Gerichtsverfahren viel Zeit
jedoch nichts als tödlicher als sprechende Köpfe.
auf die Erörterung von Norths "Auftreten". Und als
Natürlich werden Kommunikation und Ausdrucksfor- Ronald Reagan im Prozeß gegen seinen ehemaligen
men nicht immer unterschiedlich benutzt. Wenn ich
AMERIKA DIENST

Seite 5

�nationalen Sicherheitsberater John Poindexter auf einem
Videoband aussagte, stellte Newsweek (est, daß er so
"genial und verschmitzt" war wie immer, auch wenn er
unerhört wenig Kenntnis von den Tatsachen der IranContra-Affäre demonstrierte, einschließlich der im Bericht
seiner eigenen Tower-Kommission enthaltenen.

ge seiner Antworten seien "vage" und andere "enttäuschend" gewesen.

Relativ wenige unserer Präsidenten waren Meister der
Ausdrucksformen und Kommunikation zugleich. So
war Thomas Jefferson zum Beispiel ein exzellenter
Schriftsteller und wird oft als größter Intellektueller
Trotz all des Aufhebens um Iran-Contra bedarf es unter unseren Präsidenten betrachtet. Es ist jedoch
immer noch einer wesentlichen Aufarbeitung der unwahrscheinlich, daß er im Femsehen besonders
Geschichte amerikanischer Interventionen in Nicara- beeindruckt hätte. Seine Kommilitonen im William and
gua und Iran durch die Fernsehanstalten - was unsere Mary College wählten ihn zum langweiligsten StudenMarineinfanteristen in Nicaragua taten, als Ronald ten, er hatte einen leichten Sprachfehler, und er haßte
Reagan noch ein Kind war oder warum wir in den es so sehr, in der Öffentlichkeit zu reden, daß er noch
fünfziger Jahren eine gewählte Regierung im Iran nicht einmal selbst vor dem Kongreß sprach und es
stürzten. Offensichtliche Parallelen zu anderen ame- vorzog, seine Reden zur Lage der Nation schriftlich
rikanischen Verwicklungen in Guatemala, Chile, El einzureichen und von einem Mitarbeiter verlesen zu
Salvador und anderen Ländern wurden nicht gezo- lassen. Jefferson beherrschte die Kunst des Ausgen. Von Beginn der Affäre an wurde jedoch darüber drucks nicht. Es ist jedoch schwer vorstellbar, daß er
geredet, wer in einem Spiel- und einem Fernsehfilm die Behauptung vertreten hätte, er könne sich nicht
wohl die Rollen von Oliver North und John Poindexter daran erinnern, wann - oder ob • er Waffen an eine
spielen werde - all das, bevor wir irgendeine klare feindliche Regierung verkauft habe.
Vorstellung davon besaßen, was sie getan hatten.
Ein Anhaltspunkt für die dominierende Stellung des
In den Fernsehnachrichten werden Fragen der Ehr- Femsehens in unserer Gesellschaft ist die Tatsache,
lichkeit oft auf eine Angelegenheit des Stils reduziert. daß die Printmedien heute oft den Typ und die Form
Obwohl man argumentieren könnte, daß der Iran- der Information nachahmen, die das Fernsehen liefert.
Contra-Skandal wesentlich mehr ernste Rechtsbrü- Traditionell ideenorientierte Magazine haben sich mehr
che aufwies als Watergate, hinterließen Ronald Rea- Fragen der Persönlichkeit zugewandt, und Zeitungen
gans Image als guter Kerl und Richard Nixons Ver- beschreiben heute Ereignisse häufig in einer Weise,
schlagenheit deshalb den umgekehrten Eindruck. die simuliert, was man im Femsehen gesehen oder
Unabhängig davon, was wir über John F. Kennedy gehört haben könnte. Gedruckte Zitate enthalten jetzt
erfahren haben und noch entdecken werden, darunter wahrscheinlich mehr "ähms" und "ähs", und grammaseine zahlreichen Affären und seine angeblichen tikalische und andere sprachliche Fehler werden oft
Kontakte zur Mafia, scheint es ebenso fast unmöglich unkorrigiert gelassen.
zu sein, die positiven Gefühle auszulöschen, die durch
Ironischerweise berichten gedruckte Beschreibungen
seinen Stil im Fernsehen ausgelöst wurden.
von Ereignissen heute über akustische und visuelle
In einer Fernsehkultur geht es uns häufig eher darum, Phänomene, die von den meisten Menschen bei dem
richtig beeindruckt als ausreichend überzeugt zu Ereignis selbst nicht bemerkt wurden, jedoch für den
werden. So veranstaltete zum Beispiel der demokra- Fernsehzuschauer deutlich wahrnehmbar waren. Der
tische Bürgermeisterkandidat David Dinkins in New Schweiß auf der Stirn eines Politikers, die eine Wange
York 1989 eine Pressekonferenz, um nach einigem herunterkullernde Träne oder ein nervöses Zucken
Zögern zu erklären, warum er seinem Sohn für 58.000 können Teil der gedruckten Beschreibung werden Dollar Aktien verkauft hatte, die er zuvor mit über 1 weil das Ereignis heute in der Form dargestellt wird, in
Million Dollar bewertet hatte. In ihrem Bericht über der es im Femsehen erschien. Edmund Muskie zum
Dinkins Pressekonferenz zitierte die New York Times Beispiel war 1972 gezwungen, aus dem Rennen um
den Medienberater David Garth mit dem Ausspruch: die Präsidentschaft auszuscheiden, weil er angeblich
"Ich verstehe nicht genau, was er gesagt hat, aber es während einer Rede geweint hatte, in der er den Angriff
sah ziemlich gut aus." Eine solche Verminderung der einer Zeitung auf seine Frau verurteilte. Die schädliBedeutung von Sprache könnte als Tunnelsichtweise chen Tränen waren jedoch für die meisten bei der
eines Mediengurus abgetan werden, aber der Leitarti- Rede Anwesenden unsichtbar. Schließlich schneite
kel der Times über die Pressekonferenz enthüllte es gerade. Aber die Nahaufnahmen der Kameras
denselben Ansatz. Die Times begann mit der Fest- sahen Tränen - und dieses TV-Bild wurde daher zum
stellung, Dinkins habe auf Anschuldigungen mit "Ge- Ereignis selbst, als auch die Zeitungen darüber berichlassenheit und Geduld" geantwortet, und sie stellte teten. Aus den schriftlichen Aufzeichnungen allein
dies seinem Verhalten bei früheren Gelegenheiten werden künftige Generationen deshalb schließen, daß
gegenüber, als er "die Fragen leichtfertig verworfen" unsere politisch Verantwortlichen erst in der Mitte des
habe oder "in Wut geraten" sei. Die Zeitu ng las sich wie zwanzigsten Jahrhunderts die Kontrolle über ihre Gefühle
ein Echo von Garth, indem sie Dinkins Stil bei der verloren haben oder mit physischem beziehungsweise
Pressekonferenz lobte, auch wenn sie feststellte, eini- verbalem Ungeschick geschlagen waren.

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AMERIKA DIENST

�Konstruierte 'Realität'
Auch wenn das Femsehen mehr als eine Zeitung wie
die alltägliche Realität aussieht und klingt, ist das TV
eine stark bearbeitete Form, die zunehmend die Linie
zwischen dem, was wir als Fiktion wahrnehmen und
dem, was wir als Realität empfinden, verwischt hat.
Auf vielerlei Art und Weise sind Nachrichtensendungen "aktuelle Fiktionen", bei denen elektronisch vernetzte Bilder nur im Femsehen existieren und nicht in
der wirklichen Welt.

wahrnimmt. Durch solche bewußte Gemeinsamkeit
erscheinen sie so real wie - und bisweilen noch realer
als - die unterschiedlichen und weniger gemeinsamen
Erfahrungen unseres individuellen Lebens.

Realität und Fiktion vermischen sich, wenn die Ereignisse, die wir als real empfanden, als wir sie im
Femsehen erlebten, ihren Status als weithin gemeinsam empfundene Realitäten beibehalten, und zwar
unabhängig von den Informationen, die wir später
herausfinden und die darauf hindeuten, daß der ursprüngliche Eindruck falsch war. Deshalb leben die
Wenn Ted Koppel in Nightllne mit Gästen redet - ein Bilder des Golfkrieges als sauberem Videospiel, in
scheinbar offener, "realer" Vorgang -, existiert das dem intelligente Bomben ein Nadelöhr durchbohren
Ereignis nur im Femsehen. Koppel und seine Gäste konnten, in der Erfahrung der Nation fort, obwohl die
befinden sich nicht am selben Ort. Die Gäste können Regierung später zugab, daß nur 7 Prozent der im
Koppel oder einander noch nicht einmal sehen. Ge- Krieg eingesetzten Waffen intelligente Bomben waren,
spräche in Nightline sind dramatische Konstruktio- 70 Prozent aller Bomben ihr Ziel verfehlten und die
nen, die auf der Bühne des Femsehens aufgeführt Schäden an zivilen Zielen wesentlich größer waren als
werden.
damals berichtet.
Desgleichen benutzen Femsehreporter häufig nur eine
Kamera für Interviews vor Ort. Die Fragen eines
Reporters und "Reaktionsbilder" werden per Videoband erst nach dem Interview aufgezeichnet. Diese
Szenenabfolgen werden danach im Schneideraum
miteinander verschmolzen, als ob sie zeitgleich abge1
laufen seien - dieselbe Methode, die auch in Hollywood
benutzt wird.
Im Gegensatz zum Nimbus des Journalismus haben
Berichterstatter und die, über die sie berichten, ein
gemeinsames Interesse daran, die Ereignisse den
visuellen und zeitlichen Anforderungen des Femsehens anzupassen. Wie ist es demnach um den
'Realitätsquotienten" einer Geiselnahme bestellt, wenn
dieses Ereignis von den Terroristen ebenso wie von
den Journalisten darauf angelegt ist, ein gutes TVDrama entstehen zu lassen? Und wie echt war Präsident Richard Nixons imposante Rückkehr von Auslandsreisen, wenn er tatsächlich bis zur Hauptsende'
zeit über den Flughäfen kreiste, damit seine Heimkehr
von Millionen Fernsehzuschauern erlebt werden konnte? Wie bewerten wir das Urning der Bombardierung
Libyens durch die Reagan-Administration - während
der Sieben-Uhr-Nachrichten -, was garantierte, daß
Millionen über die amerikanische Regierungsversion
des Angriffs unterrichtet wurden, während die Richtig,
stellung ein wesentlich kleineres Publikum finden würde?
Nicht nur wird Realität im Femsehen zum Drama,
sondern das Drama wird zur Realität. Wenn zum
Beispiel ein Programm wie Roots oder Der Tag danach im Femsehen gesendet wird, versteht jeder, daß
*
es sich um eine Fiktion handelt. Aber die weitverbrei1
tete Kenntnis des Programms - und aller Diskussionen
darüber in Nachrichten und Talk-Shows, in Schulen'
und am Arbeitsplatz - macht es zu einem realen'
Ereignis und verleiht ihm soziale Realität. Solche5
Programme sind massive, gemeinsame Erfahrungen,
die jeder als massive, gemeinsame Erfahrungen

AMERIKA

DIENST

Die visuelle Form des Femsehens hat gemeinsam mit
wirtschaftlichem Druck die TV-Nachrichten von der
Information zum "Infotainment" verlagert. Mitte der
achtziger Jahre forderten zum Beispiel die Manager
des traditionellsten Nachrichtenkanals, CBS, ihren
Nachrichtenstab auf, nicht länger die New York Times
nachzuahmen und sich statt dessen als Produzenten
einer lebhaften Videoausgabe einer Boulevardzeitung
zu betrachten. Das Ziel war die Vermeidung langweiliger, themenorientierter Stories und der Versuch, die
Aufmerksamkeit der Zuschauer mit beschwörenden
"magischen Momenten" zu fesseln. Niedliche Tiergeschichten verdrängten Stories über Steuerpolitik und
Entscheidungen des Obersten Gerichtshofs. Viele der
weniger televisuellen Spezialisten wurden durch Reporter, die Generalisten waren, und gute Videogestalter ersetzt. Die Berichte wurden gekürzt. In Besprechungen wurde Entertainment Tonight als Vorbild
hervorgehoben, dem CBS News nachstreben sollte.
Der alte Wahlspruch von CBS News, es werde über
"das, was wichtig ist, statt über das, was nur interessant ist", berichten, wurde auf den Kopf gestellt. Der
Falklandkrieg und das Überrennen palästinensischer
Flüchtlingslager wurden zum Beispiel als potentielle
Aufmacher zugunsten der Geburt des britischen Thronfolgers übergangen. 1987 hatten Einsparungen sowie
das neue Ethos von CBS dazu geführt, daß der Sender
keinen Korrespondenten mehr in Mittelamerika und
beim Obersten Gerichtshof hatte.
Zersplitterte Erfahrung
Unsere Erfahrung beim Anschauen von Fernsehnachrichten ist grundverschieden von unserer Interaktion
beim Lesen von Nachrichten. Das Ziel schriftlicher
Erörterungen besteht im allgemeinen darin, den Leser
an eine gewisse gedankliche Entwicklung heranzuführen. Ernsthaftes Lesen erfolgt am besten allein, an
einem ruhigen Ort ohne Ablenkungen und unter AUS-

Seite 7

�Schluß anderer Aktivitäten. Selbst jemand, der dem
Leser still über die Schulter blickt, kann eine große
Belästigung darsteilen. Nichts könnte dem Geist des
Fernsehens und anderer elektronischer Medien weniger entsprechen, als eine solche lineare, isolierte und
ortsgebundene Erfahrung.

ren Szenen, die wir zum Beispiel besuchten, war ein
Monsterfilm, in dem Hunderte von Menschen getötet
wurden, der Humphreys Tod in eine andere Perspektive zu rücken schien.

Die dem Femsehen innewohnende mangelnde Beachtung von Ort und Anlaß wurde noch drastischer
Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Besuch in unterstrichen, als ein Fernsehsender seine Berichtermeinem Elternhaus zu einem Sonntagsessen Ende stattung mitten in Humphreys Totenmesse abbrach,
der siebziger Jahre. Wie sich herausstellte, nahm ich um ein Golfspiel zu übertragen. Einige Jahre später
nicht nur an einem Familienessen, sondern auch an schattete ein Sender in ähnlicher Weise zwischen der
einem Staatsbegräbnis teil. Senator Hubert Humph- Live-Berichterstattung über Sadats Friedensmission
rey wurde an jenem Tag beerdigt, und mein Vater hatte nach Israel und der Live-Übertragung des Footballden Femseher eingeschaltet, um zuzuschauen. Saßen spiels zwischen den Universitätsmannschaften von
wir also sorglos beim Sonntagsessen, oder waren wir Ohio State und Michigan hin und her. In jüngerer Zeit
bei einer Beerdigung? Wir waren bei beiden Anlässen teilte CBS den Bildschirm für die gleichzeitige Übertrazugegen, aber bei keinem wirklich. Wir hatten das gung der Anhörungen von Clarence Thomas und
Gefühl, daß wir uns nicht besonders freuen durften, da einem Baseballspiel und sendete schließlich nur noch
ein Begräbnis eine traurige Angelegenheit ist. Ande- das Baseballspiel.
rerseits fühlten wir uns nicht verpflichtet, völlig ernst
und traurig zu sein, weil wir zu Hause waren und das Abhängig von unserer Perspektive könnte eine solche
Neuzusammenstellung von Verhaltensweisen entweEssen genossen. Schließlich bestand nicht die Gefahr, Hubert Humphreys Witwe oder andere Trauern- der als Zersplitterung oder als Vereinheitlichung der
de mit unserem "unschicklichen" Verhalten beim psychologischen Erfahrung ausgelegt werden. Einerseits sind die Erfahrungen heute zusammenhangloBegräbnis zu beleidigen.
ser. Forscher haben herausgefunden, daß die meisten Menschen beim Femsehen noch andere Dinge
Außerdem war selbst diese kombinierte Situation Einnahme des Essens und Teilnahme am Begräbnis - erledigen • essen, spielen, spülen, lesen, telefonieren,
an sich instabil. Weil das Begräbnis sehr langsam und diskutieren oder sogar sich lieben - und viele Zuschaudeprimierend vertief, wechselten wir häufig die Kanäle, er Programme nicht bis zum Ende anschauen. Andewomit wir das Begräbnis viele Male verließen und rerseits haben die elektronischen Medien Erfahrungen
wieder dorthin zurückkehrten. Durch das Femsehen insoweit homogenisiert, daß das, was sich an einem
reisten meine Eltern und ich in Minuten in und durch Ort ereignet, heute dem ähnlicher ist, was sich an
verschiedene psychologische Räume. Eine der ande- anderen Orten ereignen kann.

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AMERIKA DIENST

�MEDIEN
7. April 1993

DIE NACHRICHTENMEDIEN: WIE GROSS
IST IHR EINFLUSS?
von John Herbers
"Die Beziehungen zwischen Regierung und Medien in den Vereinigten Staaten sind turbulent, ständigen
Veränderungen unterworfen, für gewöhnlich kontrovers, häufig antagonistisch, jedoch oft genug kooperativ'',
stellt der Autor des nachfolgenden Artikels fest, in dem er auf den abnehmenden Einfluß der Medien auf die
Formulierung der Außenpolitik in den vergangenen Jahren verweist.
Der Verfasser ist Redakteur und Kolumnist der Zeitschrift Governing und war 24 Jahre lang Korrespondent der
New York Times. Seine Berichterstattung befaßte sich vornehmlich mit dem Weißen Haus, dem Kongreß,
Innenpolitik, städtischen Angelegenheiten, der Bürgerrechtsbewegung und demographischen Trends.

Eine der bekanntesten Geschichten in den Vereinigten
Staaten über die Rolle der Nachrichtenmedien bei der
Formulierung der amerikanischen Außenpolitik betrifft
William Randolph Hearst, einen führenden Zeitungsverleger um die Jahrhundertwende. Hearsts New
York Journal befand sich in einem harten Auflagenwettbewerb mit anderen Zeitungen und er vertrat die
Auffassung, er könne mehr Zeitungen verkaufen, wenn
die Vereinigten Staaten für die in Kuba um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Rebellen gegen Spanien intervenieren würden. Ein von Hearst nach Kuba entsandter Photograph telegraphierte ihm bei seiner Ankunft,
es geschehe nicht viel und er wolle nach Hause
zurückkehren. Hearst telegraphierte zurück: "Bleiben
Sie dort. Sie liefern die Bilder. Ich werde den Krieg
liefern."
Ob diese in Büchern und Filmen wiedergegebene
Geschichte in allen Details wahr ist, spielt keine große
Rolle. Während der Photograph des Journal noch auf
Kuba war, wurde das amerikanische Kampf schiff Maine im Hafen von Havanna in die Luft gejagt. Ohne
jeglichen Beweis beschuldigte Hearst Spanien trotz
spanischer Dementis. Zusammen mit anderen Zeitungen brachte das Journal die amerikanischen Leser
durch übertriebene Berichte und reißerische Schlagzeilen derart in Rage, daß Hearst in der Tat der
führende Berichterstatter für den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 wurde.

AMERIKA DIENST

Wie in jeder offenen, demokratischen Gesellschaft mit
dem verfassungsmäßig verbrieften Recht der Pressefreiheit haben die Nachrichtenmedien seit Gründung
der Nation im Jahr 1776 bis heute tiefgreifende Auswirkungen auf die amerikanische Außenpolitik gehabt.
Ein jüngeres Beispiel bezieht sich auf die Nachrichtensendungen nach dem Krieg am Persischen Golf.
Nachdem die von den Vereinigten Staaten angeführte
internationale Koalition den Krieg im Frühjahr 1991
gewonnen hatte, ließ Präsident Bush wissen, daß er
den Befehl zum Rückzug der amerikanischen Truppen
erteilen und sich nicht in die internen Angelegenheiten
des Irak einmischen werde, obwohl Präsident Saddam
Hussein weiterhin ungehindert sein Volk angreifen
konnte, das sich seiner Herrschaft widersetzte.
Das Weiße Haus hielt an dieser Politik fest, selbst als
Saddam Hussein eine Rebellion im Inland mit Waffengewalt gegen die Zivilbevölkerung niederschlug. Als
jedoch Tausende Kurden auf der Flucht vor den irakischen Truppen in die Türkei flohen, konnten mit Hilfe
von Fernsehkameras graphische Darstellungen und
Bilder ihres Leidens in Millionen Haushalte in den
Vereinigten Staaten und Europa übermittelt werden.
Man sah ein mißhandeltes Volk, das die Vereinigten
Staaten um Hilfe anflehte. Daniel Schorr, einem
leitenden Nachrichtenanalysten von National Public
Radio, zufolge waren Amerikaner und Europäer von
den Bildern und Berichten des menschlichen Leidens

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�so berührt, daß deutlich wurde, der "militärische Sieg
über den Irak drohte, sich in eine politische und moralische Niedertage umzukehren'*.

In den vergangenen Jahren war ein eindeutiger Wandet in den Beziehungen zwischen Regierung und Medien
im Hinblick auf die Außenpolitik zu beobachten. Vor 25
Jahren war enge Zusammenarbeit an der Tagesord"Die Meinungsumfragen, die ergeben hatten, daß die nung, obwohl die Medien politischen Maßnahmen der
Amerikaner mit überwältigender Mehrheit die Truppen Regierung häufig kritisch gegenüberstanden. Die New
unverzüglich nach Hause zurückholen wollten, beleg- York Times zum Beispiel, die mehr Nachrichten und
ten jetzt, die Amerikaner wollten die Kurden nicht allein Kommentare aus dem Ausland brachte als jede andelassen, selbst wenn dies den Einsatz amerikanischer re Zeitung und den Standard für ausländische BerichtStreitkräfte zu ihrem Schutz bedeutete", schrieb Schon erstattung setzte, unterhielt enge und freundschaftliin Columbia Journalism Review. In einer politischen che Beziehungen zum amerikanischen Au ßenministeKehrtwende schickte Präsident Bush nicht nur den rium und dem Weißen Haus und zwar in so hohem
Kurden in der Türkei Hilfe, sondern entsandte auch Maße, daß die Zeitung von ihren Kritikern beschuldigt
Truppen in den Nordirak, um beim Aufbau geschützter wurde, ein Arm des State Department zu sein. Die
Lager für sie zu helfen. Walter Goodman, Fernsehkri- amerikanischen Auslandskorrespondenten verließen
tiker der New York Times, schrieb, zusammen mit sich im allgemeinen für ihre Berichterstattung aus dem
ähnlichen Berichten in den Printmedien hätten die Ausland stark auf amerikanische Diplomaten und andere
Femsehnachrichten Mas Weiße Haus gezwungen,
Regierungsvertreter. 1961 erfuhr die Times von der
trotz seiner anfänglichen Zurückhaltung zu handeln".
bevorstehenden Invasion Kubas in der Schweinebucht, schlug die Geschichte jedoch auf Bitte PräsiDie Art und Weise, in der die Außenpolitik häufig von
dent Kennedys nieder. Der Invasionsplan blieb bis zu
den Medien gestattet wird, ist jedoch sehr viel kompliseiner erfolglosen Durchführung geheim und die
zierter und vieldeutiger, als die oben zitierten Beispiele
kommunistische Castro-Regierung • das Ziel der
vermuten lassen. Obwohl die Medien die Regierung
Operation - verfügte über mehr Macht als je zuvor.
zu einer Änderung ihrer Politik veranlassen können,
kann die Regierung Kontrolle darüber ausüben, wie Mehrere Ereignisse führten zu einer Entfremdung
Nachrichten und Meinungsbildung in den Medien zwischen Regierung und Presse, die diese Art von
gehandhabt werden und tut dies ungeachtet der Pres- Zusammenarbeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt höchst
sefreiheit auch oft. Und in der Außenpolitik werden unwahrscheinlich macht. Eines war die Veröffentliviele Entscheidungen und Maßnahmen sehr viel mehr chung der "Pentagon Papiere", einer umfangreichen,
als in der Innenpolitik im Geheimen durchgeführt. Die offiziellen Beurteilung des Vietnamkrieges durch die
Medien können das nicht ändern, wovon sie nichts Times und andere Zeitungen im Jahr 1971. Die Nixonwissen. Sie können jedoch auf größere Offenlegung Administration verklagte die Zeitungen mit dem Anoffizieller Aktionen und Maßnahmen drängen.
trag, die Veröffentlichung der Papiere, die zu dem
Schluß gelangten, der Vietnamkrieg sei ein Versagen
Die Beziehungen zwischen Regierung und Medien in
seitens der Vereinigten Staaten, mit der Begründung
den Vereinigten Staaten sind turbulent, ständigen
zu untersagen, die Enthüllungen stellten eine Gefahr
Veränderungen unterworfen, für gewöhnlich kontrofürdie nationale Sicherheit dar. Die Papiere waren von
vers, häufig antagonistisch, jedoch oft genug kooperader Regierung als streng geheim eingestuft und der
tiv. Dies ist darauf zurückzuführen, daß beide ihren
Times von einem Regierungsvertreter zugespielt
Selbstzweck haben, beide jedoch in gewissem Maße
worden, der an ihrer Erstellung beteiligt gewesen war.
voneinander abhängig sind. Die mit gewählten Vertretern arbeitende Regierung sieht ihre Rolle als VertreDas Oberste Bundesgericht der Vereinigten Staaten
tung des Voltes in der Ausübung der Regierung und
stellte sich jedoch auf die Seite der Zeitungen und
Erarbeitung einer PoUtk, die sie als in ihrem besten
verfügte in einer Entscheidung, daß auch die nicht von
Interesse liegend erachtet. Damit diese politischen
der Regierung autorisierte Veröffentlichung der PapieMaßnahmen jedoch die Zustimmung der Öffentlichkeit
re die nationale Sicherheit nicht gefährdeten. Der Fall
gewinnen, benötigt die Regierung die Medien zur
wurde über Monate hinweg eingehend publiziert und
Veröffentlichung ihrer Ziele und Aktionen. Zu diesem
diskutiert und war so kontrovers, daß er eine Kluft
Zweck beschäftigt sie eine große Zahl von Medienexzwischen Regierung und Medien schuf.
perten, deren Aufgabe darin besteht, das Vorgehen
der Regierung so positiv wie möglich darzustellen.
Ein unmittelbar auf die Pentagon Papiere folgendes
Das Weiße Haus kann beispielsweise die BerichterEreignis hatte noch größere Auswirkungen. Es war die
stattung durch die Entscheidung kontrollieren, über
als Watergate bekanntgewordene Affäre. Mitarbeiter
welche Ereignisse die Medien berichten dürfen. Ande- des zur Wiederwahl stehenden Präsidenten Nixon
rerseits sehen sich die Medien als Wachhund des brachen 1972 in die Büros des Nationalen Ausschusöffentlichen Interesses, deren Rolle es ist, Aktionen ses der Demokraten ein, vermutlich auf der Suche
und Maßnahmen der Regierung offenzulegen, zu nach Informationen, die die Chancen des Präsidenten
erklären und zu beurteilen. Um dies zu tun, benötigen für eine zweite Amtszeit verbessern würden, und wurden
sie jedoch ein gewisses Maß der Zusammenarbeit von gefaßt. Beweise anhand von Tonbandaufzeichnunder Regierung.
gen belegten, daß der Präsident die Zahlung von
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�Schweigegeld an die Einbrecher anordnete, damit sie
das Mitwissen von Mitarbeitern des Weißen Hauses
nicht preisgaben. Mehrere Assistenten Nixons verbüßten für ihre Rolle in dem Skandal Gefängnisstrafen. Und Nixon sah sich angesichts der Beschuldigungen zum Rücktritt gezwungen.
Obwohl der Skandal nicht in direktem Zusammenhang
mit der Außenpolitik stand, bewirkte er Veränderungen
bei Regierung und Medien, die einen dauerhaften
Effekt auf die Gestaltung von Innen- und Außenpolitik
hatten. Beispielsweise veranlaßte er den Kongreß zur
Verabschiedung eines Gesetzes über die Informationsfreiheit, dank dem Journalisten leichter Zugang
zu Regierungsdokumenten erhalten, obwohl sie immer noch ein langes, schwieriges Verfahren durchlaufen müssen, um Informationen zu erhalten, die die
Regierung nicht veröffentlichen will. Und es machte
Journalisten mißtrauischer gegenüber offiziellen Aktionen und Regierungsvertreter mißtrauischer gegenüber den Motiven der Journalisten. Diese Entzweiung
dauert bis heute an.

kaner die Nachrichten den kommerziellen Fernsehsendern entnehmen, die nur einen kleinen Teil der
Informationen insbesondere aus dem Ausland übermitteln, die in den meisten Tageszeitungen gefunden
werden können. Das Fernsehen ist ein mächtiges
Instrument, um Ereignisse nahezubringen, wie im Falle
der kurdischen Flüchtlinge und anderer wichtiger
Ereignisse. Auf täglicher Basis nimmt es jedoch nicht
den Platz des gedruckten Wortes bei der Information
der Öffentlichkeit über bedeutende Themen ein, wie
Walter Cronkrte, jahrelang der prominenteste amerikanische Fernsehjournalist, bei mehreren Gelegenheiten feststellte.

Das Fernsehen hatte den zusätzlichen Effekt, die
Spanne der Aufmerksamkeit der Amerikaner zu verkürzen. Kommerzielle Femsehnachrichten werden
häufig als Unterhaltung präsentiert und sind aufgrund
des Zeitmangels Sendungen in komprimierter Form.
Zeitungsverleger und Intendanten sind gleichermaßen
zu dem Schluß gelangt, daß die an die Kurzversion
gewohnten Amerikaner von langen Abhandlungen
gelangweilt sind - obwohl eine solche Länge zur ErläuDie Entfremdung veranlaßte Regierungsvertreter, sich terung eines komplizierten Ereignisses aus dem Ausnoch mehr um die Zurückhaltung von Informationen zu land erforderlich sein kann - und sich in der Mitte der
bemühen, die sie nicht freigeben wollten. Ein Beispiel Geschichte etwas anderem zuwenden. Um die Aufsind Restriktionen, die der Kriegsberichterstattung merksamkeit der Leser und Zuschauer zu fesseln,
auferlegt wurden. In Grenada, Panama und am Perentscheiden sich kommerzielle Nachrichtensender für
sischen Golf wurden Reporter und Kameraleute nicht
mehr Lokalnachrichten, Sport und Unterhaltung. Es
auf die Schlachtfelder zugelassen bis der Großteil der bleibt wenig Raum für ernsthafte AuslandsberichterKämpfe vorüber war - im Gegensatz zu früheren stattung.
Kriegen, als sich Korrespondenten häufig auf eigene
Gefahr unter die Truppen mischten und die GeräuNatürlich hat die neue Ordnung auch eine positive
sche, Gerüche und die menschliche Tragödie bewaff- Seite. Es ist durchaus an der Tagesordnung, daß ein
neter Konflikte übermittelten. En Grund, warum der Haushalt 60 oder 70 Femsehkanäle zur Auswahl hat
Vietnamkrieg zu dem Zeitpunkt in den Vereinigten und einige von ihnen bieten Informationen, die geStaaten unpopulär wurde, als die Regierung sich dafür druckt niemals zur Verfügung stehen würden. Der Cengagierte, waren die Massaker an Zivilisten und Span-Kanal übermittelt beispielsweise die täglichen
Soldaten, die in freier Berichterstattung der Medien in Debatten im Kongreß und berichtet sogar live aus dem
allen Einzelheiten auf den Fernsehschirmen von Küste Ausland, um dem Zuschauer wichtige internationale
zu Küste gezeigt wurden. Es gibt eine Reihe von Ereignisse aus nächster Nähe zu vermitteln. Der
Gründen für neue Restriktionen, einschließlich der öffentliche Hörfunk und das öffentliche Femsehen
Tatsache, daß die Bewegungsfreiheit des Pressebringen lange, detaillierte Nachrichtenprogramme und
korps mit seinen Heerscharen von Technikern und Dokumentationen.
Gerät enorm eingeschränkt ist. Das Militär hat jedoch
auch das Gefühl, daß der Presse die Berichterstattung Während die Welt durch rasche Kommunikation und
aus der Sicht des amerikanischen Militärs, wie die verkürzte Transportwege kleiner geworden ist und die
meisten amerikanischen Journalisten sie bisher wahr- Weltwirtschft in allen Industrienationen Einzug gehalgenommen hatten, nicht zugetraut werden kann. Im ten hat, fällt es den Menschen schwer, mit all den
Verlauf dieses Prozesses wurde die Macht der Medien Ereignissen und Entwicklungen Schritt zu halten, die
bei der Gestaltung der amenkanischen Pditk im Ausland Aufmerksamkeit verlangen. Die meisten Amerikaner
wissen wenig über die tiefgreifenden Veränderungen,
beschnitten.
die sich jenseits ihrer Grenzen vollziehen. Eine Krise
in einem weit entfernten Land wird an einem Tag
Ein Teil der verringerten Fähigkeit der Medien zur
erwähnt und ist am nächsten vergessen. So erstaunBeeinflussung der Außenpolitik ist jedoch auf Veränlich es klingen mag - die Amerikaner wissen möglicherderungen innerhalb der Medien selbst zurückzufühweise
am wenigsten über die Ereignisse auf ihrem
ren. Während eines Großteils der amerikanischen
Kontinent.
Geschichte waren Zeitungen das Hauptinstrument zur
Verbreitung von Nachrichten. In jüngster Zeit hat
jedoch das Femsehen diese Rolle übernommen und Es gibt konstante Debatten und unterschiedliche Meinungen darüber, welche Nachrichten als wichtig erMeinungsumfragen belegen, daß die meisten AmeriAMERIKA DIENST

Seite 3

�achtet werden sollten. Ein Essayist der Zeitschrift
Time, William A. Henry III., schrieb in einem Aufschrei
über die kümmerliche Auslandsberichterstattung: "Einer
der ersten Grundsätze, die amerikanische Reporter
lernen, lautet, eine verbeulte Stoßstange (ein kleiner
Verkehrsunfall für die Lokalnachrichten) ist eine wichtigere Nachricht als ein Zugunglück in Pakistan."
Ungefähr zur gleichen Zeit stellte der Kolumnist George
F. Will von Newsweek eine Zunahme innenpolitischer
Probleme wie Verbrechen und Kindersterblichkeit fest
und forderte die Medien auf, sich weniger auf auslandische Angelegenheiten und mehr auf amerikanische
zu konzentrieren.

werden jedoch nur von einem Bruchteil der Bevölkerung gelesen.

Auf jeden Fall ist die Berichterstattung über Weltereignisse immer willkürlich. Cleveland (Ohio) ist eine
Großstadt mit einem hohen Anteil von Osteuropäern.
Vor einigen Jahren wurde ohne große Übertreibung
festgestellt, daß eine der führenden Zeitungen Clevelands alles über Osteuropa und Cleveland berichtete,
aber dazwischen gab es nichts.
In dem Vakuum öffentlichen Wissens über einen Großtei
der Weit wird die amerikanische Politik gegenüber den
meisten Nationen von Washingtoner Regierungsvertretern und dem sogenannten au ßenpolitischen "Establishment" ohne das Wissen oder die Leistungen der
bekannten Medien oder der Bevölkerung allgemein
gemacht. Das "Establishment" ist ein Netz von Personen innerhalb und außerhalb der Regierungsverantwortung, an Universitäten, in Unternehmen mit Auslandsverbindungen sowie anderen, an Ereignissen im
Ausland Interessierten. Sie kommunizieren vornehmlich durch Fachzeitschriften wie Foreign Affairs, die
lange Artikel von verschiedenen Experten zu einer
gro ßen Bandbreite von Themen bringen. Einige dieser
Zeitschriften liegen in öffentlichen Bibliotheken aus,

* *

Seite 4

Sobald ein Thema jedoch öffentliche Unterstützung
erhält, können Organisationen an der Basis ihm mit
Hilfe der Medien zu nationaler Bedeutung verhelfen,
so obskur oder technisch es auch gewesen sein mag.
Ein Beispiel betrifft die Verbreitung von Atomwaffen.
Jahrelang war die Mehrheit der Bevölkerung zufrieden, dieses Thema aufgrund seiner technischen
Komplexität und der offenkundigen Feindseligkeit der
Sowjetunion den Experten zu überlassen. Anfang der
achtziger Jahre sprang die Besorgnis einiger weniger
Aktivisten auf die Bevölkerung insgesamt über. Die
Medien verbreiteten die Besorgnis in Leitartikeln und
Berichten über die Bewegung. Stadträte, Kreiskommissionen, Parlamente der Bundesstaaten und andere öffentliche Gremien verabschiedeten Hunderte von
Resolutionen, die einen nuklearen Rüstungsstillstand
verlangten. Viele Anhänger der Bewegung wußten
nicht, ob ein solcher Stillstand überhaupt praktikabel
war oder wie er funktionieren sollte, aber ihre Aktionen
wurden als Signal interpretiert, daß die amerikanische
Bevölkerung der nuklearen Aufrüstung müde geworden war und geeignete Maßnahmen zu deren Umkehrung wollte. Die Botschaft erreichte das Weiße Haus
und Präsident Reagan setzte sich gegen Ende seiner
Amtszeit sogar noch vor dem Zusammenbruch des
Kommunismus in der Sowjetunion vehement für eine
Reduzierung ein.
Obwohl die Medien bei der Gestaltung der Außenpolitik keinen so großen Einfluß haben wie in der Innenpolitik, verfügt die Bevölkerung durch die Medien über
eine laute Stimme im Entscheidungsprozeß über das
Verhalten der Vereinigten Staaten im Ausland.

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�MEDIEN
14. April 1993

CNN: EIN SCHLÜSSEL FÜR WELTWEITE
NACHRICHTENÜBERMITTLUNG
von Daniel B. Wood, aus The Christian Science Monitor
CNN (Cable News Network), der erste Fernsehkanal der Welt, der 24 Stunden täglich Nachrichten sendet,
existiert seit 10 Jahren und spielt dem Autor zufolge im internationalen FernsehJournalismus eine wichtige Rolle.
Daniel B. Wood ist Mitarbeiter von The Christian Science Monitor.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von The Christian Science Monitor, (c) 1990 The Christian Science
Publishing Society. Alle Rechte vorbehalten.

Als CNN zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, bezeich- einen bedeutenden Teil der weltweiten Berichterstatneten Kritiker den Sender als "leichte Kost". Zehn tung darstellen."
Jahre später aber hat die Konkurrenz bereits schwer
CNN, das 55 Millionen Amerikaner per Kabel erreichen
daran zu schlucken.
kann, wird allabendlich in 219.000 bis 284.000 HausEin Jahrzehnt nachdem am 1. Juni 1980 der erste halten eingeschaltet. Im Vergleich dazu wird "World
Fernsehkanal, der 24 Stunden täglich Nachrichten News Tonight" von ABC in 10,2 Millionen Haushalten
ausstrahlt, ins Leben gerufen wurde, wird Cable News gesehen.
Network (CNN) mit Sitz in Atlanta, Georgia, nicht nur
eine wichtige Rolle im weltweiten Fernsehjoumalis- Von der gesamten Zeit, die Amerikaner im ersten
mus zugebilligt, sondern übt darüber hinaus großen Quartal des Jahres 1990 mit der Verfolgung von FernEinfluß auf die Gestaltung von Fernsehprogrammen sehnachrichten verbrachten, entfielen laut A.C. Nielsen 27 Prozent auf CNN, 28,3 auf ABC, 27,5 auf CBS
aus.
und 17,2 auf NBC. (ABC, CBS und NBC sind kommerTrotz seiner relativ geringen Zuschauerzahl und anhal- zielle Sendergruppen).
tender Kritik an der angeblich oberflächlichen Berichterstattung halten viele Beobachter den Sender CNN Unter Hinweis auf das Erdbeben von San Francisco,
für einen Motor der weltweiten Revolution im Informa- die amerikanische Intervention in Panama und die
tionswesen, für eine Kraft, die zu dem Dominoeffekt Demonstrationen in China stellte Don Tomlinson,
beim Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuro- Joumalismusprofessor an der A &amp; M University von
Texas fest: "CNN ist stets an vorderster Front, wenn
pa beitrug.
es darum geht, den nächsten Krisenherd auszuma"CNN ist zur ersten Adresse geworden, an die man chen und hat bereits in vielen Fällen die anderen
sich wendet, wenn man Neuigkeiten von weltumspan- Sender in große Verlegenheit gebracht."
nender Bedeutung hören will", so Benjamin Bagdikian,
Medienkritiker und Professor an der University of CNN, das außerhalb der Vereinigten Staaten 10 MillioCalifornia, Berkeley. "Sie haben der Welt einen rund nen Haushalte sowie 250.000 Hotels, Botschaften,
um die Uhr sendenden Nachrichtenkanal gegeben, Unternehmen und Börsen per Kabel erreicht, ist für
von dem niemand gedacht hätte, daß er funktionieren Entscheidungsträger in 90 Ländern zu einer wichtigen
neuen Quelle geworden. Zu den regelmäßigen Zuwürde, und hatten damit Erfolg."
schauem zählen bekanntermaßen Lech Walesa in
"CNN ist vielleicht die interessanteste Erfolgsstory des Polen, Fidel Castro in Kuba, der ehemalige UNOKabelfemsehens", erklärt Howard Stringer, Präsident Generalsekretär Perez de Cuellar, König Hussein von
der CBS Broadcast Group. "Es hat sich selbst eine Jordanien und Muammar Ghaddafi in Libyen.
unverkennbare Nische geschaffen und wird auf Dauer
AMERIKA DIENST

Seite 1

�'Die arte Vorstellung, daß den Sendern eine Geschichte gehört und nur sie sie veröffentlichen dürfen, ist
veraltet, da CNN für die Zuschauer unstrittig die erste
Anlaufstelle ist", so Stinger von CBS. "Das bedeutet
für uns, daß die Rolle unseres Senders viel stärker
darin besteht, Hintergrundinformationen und Auswertung hinzuzufügen."
Selbst diejenigen, die nie CNN gesehen haben, können den wachsenden Einfluß dieses Senders auf die
Berichterstattung aller Sender beobachten:
Femsehmoderatoren, die in alle Teile der Welt
fliegen;

Jahr 1981 über den Abschuß des koreanischen Verkehrsflugzeugs, den Bombenanschlag auf das Hauptquartier der amerikanischen Marineinfanterie in Beirut
und die amerikanische Invasion in Grenada. CNN war
der einzige Sender, der den Start von Challenger
filmte, als die Raumfähre explodierte.
"CNN hat die Erwartungen, die wir an das Femsehen
stellen, geändert", so Conrad Kottak, Autor einer anthropologischen Analyse von Femsehen und Kultur.
"Wir wollen uns jetzt einfach zu jedem beliebigen
Zeitpunkt ins Programm einschalten können, anstatt
uns wie vorher üblich an einen Zeitplan halten zu
müssen".

Das Drängen auf tiefgründigere, enthüllende
und mit Kommentaren versehene Berichte;

CNN stellt nicht nur für die Zuschauer eine alternative
Nachrichtenquelle dar, sondern verkauft auch NachMehr Auslandsberichterstattung bei den lokalen richten aus dem Ausland an lokale Femsehstationen
und beraubt damit die großen Fernsehsender ihrer
Fernsehsendern;
Haupteinkommensquelle und in gewissem Ausmaß
öftere Unterbrechungen des Unterhaltungspro- ihrer Identität. "Wir mußten uns wirklich anstrengen,
um unsere Dienste für die angeschlossenen Stationen
gramms für neueste Berichte;
zu verbessern", so Bob McFarland, stellvertretender
Umfassende Kosteneinsparung bei den Sen- Direktor von NBC Nightly News. "Die Sender räumen
dern, einschließlich Personaleinsparungen und CNN" bei einigen Ereignissen "in zunehmendem Maße
der Schließung von Büros auf der ganzen Welt. die Exklusivberichterstattung ein", stellt Bernard Shaw,
Moderator von The World Today fest.
"Als NBC von General Electric aufgekauft wurde,
wollte die Unternehmensleitung wissen, warum wir CNN beschäftigt 1.700 Angestellte, hat 23 Büros und
nicht so kostengünstig wie CNN arbeiten können", erzielte 1989 einen Betriebsgewinn von 134 Millionen
erinnert sich Lawrence Grossman, ehemaliger Präsi- Dollar. Es verfügt über Zweigorganisationen und eine
dent von NBC News, zur Zeit Honorarprofessor am unter dem Namen Newsource bekannte NachrichtenGannett-Zentrum für Medienforschung, das der Co- agentur, die unabhängig allgemeine Berichte ohne das
lumbia University in New York angehört.
CNN-Logo anbietet.
Andere Änderungen im Bereich der Sender beinhalten, daß alles - von den Daten, die durch Befragung
von Wählern unmittelbar nach der Stimmabgabe
gewonnen werden bis zur Filmberichterstattung über
die jüngste Geiselbefreiung - allen zugänglich gemacht wird, sowie Ankündigungen, wie die Mitte des
Jahres 1990 von NBC gemachte, es werde seine 209
(schrumpfenden) angeschlossenen Femsehstationen
rund um die Uhr mit Nachrichten versorgen.
CNN hatte vor über 10 Jahren seine Premiere, indem
es vor einem potentiellen Publikum von 1,7 Millionen
Haushalten seinen ersten Werbespot unterbrach, um
das Neueste über die versuchte Ermordung des
amerikanischen Bürgerrechtlers Vemon Jordan zu
berichten.

Larry King Live und CNN Sports Tonight gehören zu
CNNs beliebtesten Serien. World Report, der ungeändette Berichte von 120 ausländischen Fernsehanstalten sendet, fand großes Lob. Moneyline, eine
Sendung mit Nachrichten aus der Geschäftswelt, hat
ein treues Fernsehpublikum.
Trotz der zahlreichen Stärken und Innovationen von
CNN bleiben einige Schwächen bestehen. "Die Sender haben etwas, über das CNN nicht verfügt: eine
Reihe von renommierten und erfahrenen Korrespondenten", so Stringer von CBS.

"Esbesteht eingroßer Unterschied zwischen Reportage und Berichterstattung", kommentiert ein ehemaliger leitender Mitarbeiter eines großen Nachrichtensenders, der nicht namentlich genannt werden möchSeitdem konnte der Sender eine eindrucksvolle Reihe te. "Es stimmt, daß CNN die Technik beherrscht,
von sensationellen Erstmeldungen und Meilensteinen Schlüsselereignisse mit der Kamera einzufangen, aber
verzeichnen: Liveberichte über Anhörungen im ame- es muß noch viel lernen, um die Bedeutung dieser
rikanischen Senat, Berichte über die Attentatsversu- Ereignisserichtigeinschätzen zu können". CNN stützt
che auf Präsident Reagan und den Papst, die Hochzeit sich vielleicht nicht auf ein Spitzensystem • hochkaräim englischen Königshaus, die Ermordung des ägyp- tige Femsehmoderatoren und Persönlichkeiten -, aber
tischen Präsidenten Anwar Sadat.
Beobachtern zufolge liegt das daran, daß die quantitativ hohen Anforderungen und die geringe Bezahlung
CNN erhielt den Peabody Award und den Preis des der Mitarbeiter der Qualität und der Loyalität nicht
Overseas Press Club für seine Berichterstattung im förderlich sind.
Seite 2

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�"Viele unserer Mitarbeiter haben die ersten Jahre ihres
Berufslebens damit verbracht, bei CNN Erfahrung zu
sammeln", so McFarland von NBC. CNN kommt beim
Kampf um die Einschaltquoten häufig nicht über die
0,7-Prozent-Marke hinaus. Um die Zahl der Zuschauer zu erhöhen, rief der Sender sowohl The World
Today als Gegenstück zu den Abendnachrichten als
auch Special Assignment, eine Enthüllungsserie, ins
Leben.

zeilen gemacht. "Es wird mindestens zwei Jahre
dauern, bis wir für The World Today eine treue
Zuschauerschaft haben", prophezeit er. 35 Jahre lang
haben sich die großen Drei (CBS, ABC und NBC) die
Schlacht um Einschaltquoten geliefert", so Professor
Tomlinson von Texas A &amp; M. "CNN hat uns eine
lebensfähige vierte Kraft gegeben - und das ist für
jedermann von Vorteil".

Bisher hat Ed Turner, dem leitenden Nachrichtenredakteur zufolge keine der beiden Sendungen Schlag-

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�MEDIEN
17. November 1993

DIE ROLLE FREIER MEDIEN IN DER DEMOKRATIE
Rede Shattucks bei KSZE-Seminar
WARSCHAU - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 2. November 1993 beim KSZE-Seminar über freie
Medien in Warschau vom Abteilungsleiter für Menschenrechte und humanitäre Angelegenheiten im USAußenministerium, John Shattuck, gehaltene Eröffnungsansprache im Wortlaut.

Es ist mir eine Ehre, diese Woche als Leiter einer
amerikanischen Delegation in Warschau zu sein, zu
der prominente Vertreter der US-Medien und der
akademischen Welt zählen. Ich möchte dem Büro für
demokratische Institutionen und Menschenrechte für
die Veranstaltung dieses Seminars danken und freue
mich auf eine Woche offener Diskussionen über die
Prinzipien und Praktiken freier Medien in einer freien
Gesellschaft. Ich möchte Polen meinen Dank für die
Gastfreundschaft aussprechen.

Form der Freiheit." Eine Regierung, die ihr Volk und
ihre Presse zum Schweigen bringt, ist nicht demokratisch. Denn ein Volk, dem ein Maulkorb angelegt und
Information verweigert wird, ist ein Volk ohne Macht,
ein Volk ohne die Fähigkeit zur Bewältigung seiner
Probleme.

Hier in Europa waren die Medien und die Kommunikationstechnologie entscheidend für die friedlichen Revolutionen, die den Kontinent erfassen, sowie für die
kontinuierliche Entwicklung neuer politischer SysteWarschau als Ort der Veranstaltung eines Seminars me. In Rußland und der ehemaligen Tschechoslowascheint mir besonders geeignet, denn hier haben kei wurden die Hoffnungen der Menschen jahrzehnteMenschen, denen die Redefreiheit verweigert wurde, lang dank Samizdat und Kopiermaschinen am Leben
dennoch ihre Stimme erhoben. Mutig. Entschlossen. erhalten. In Rumänien wurden mutige Bürger bei
Mit Engagement. Und die in Polen friedlich mit Ideen ihrem Protest gegen eine Rede von Ceausescu im
geführte Revolution hat dazu beigetragen, das Blatt in Femsehen gezeigt, bevor die Zensoren das Programm
Osteuropa zu wenden. Polen ist ein unmißverständli- unterbrechen konnten. Dies und die verwirrte Reakches Beispiel für die Macht der Rede, die sich von der tion des Regimes verliehen dem rumänischen Volk
Zensur zu befreien sucht, um die Ungrechtigkeit anzu- Mut. In der Tschechoslowakei trotzten Fernsehjourgreifen und zu berichtigen. Polen ist der Beweis für die nalisten der Nachrichtensperre und zwangen die
Macht des Volkes • seiner Ideen, seiner Worte und Geschäftsleitung, die Demonstrationen der sanften
Revolution zu übertragen. Eine der ersten Taten der
seiner Träume - über die Tyrannei.
neuen tschechischen Regierung war, den staatlichen
Seit jenen ersten berauschenden Tagen der Freiheit Zensor zu feuern. Die Bürger in ganz Osteuropa und
hat Polen den sich rasch verändernden politischen und der ehemaligen Sowjetunion haben sich mit Begeistewirtschaftlichen Systemen inhärenten Tumult erlebt. rung ihrer neuentdeckten Redefreiheit bemächtigt.
In eben solchen Zeiten des Wandels wollen RegierunDennoch wird die Verpflichtung der Regierungen zu
gen manchmal die Pressefreiheit beschneiden mit
dem Argument, die Redefreiheit müsse gegen andere freien Medien häufig auf die Probe gestellt - in meinem
Bedürfnisse der Gesellschaft abgewogen werden. In Land ebenso wie in Europa. Kritik an der Regierung
einer Demokratie, in der die Souveränität beim Volk beschneidende Gesetze und staatliche Kontrolle des
liegt, ist die Redefreiheit das wichtigste Recht. Vor Handwerkszeugs der Medien - Druckerpressen, Zeisechzig Jahren, mitten in der Großen Depression, als tungsverlage, Fernsehstationen, Subventionen und
Zehntausende Amerikaner arbeitslos waren, schrieb Vertrieb - engen eben die Redefreiheit ein, die Grundder Richter am Obersten Bundesgericht, Benjamin lage von Stabilität und Legitimität all unserer Nationen
Cardozo: "Die Freiheit des Ausdrucks ist die Matrix, ist.
die unerläßliche Bedingung, für nahezu jede andere

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Seite 1

�Als mit dem Aufbau unserer Nation vertrauter Amerikaner kann ich mich mit dem Kampf der osteuropäischen Länder und der neuen unabhängigen Staaten
sehr gut identifizieren. Skeptiker bezüglich des Werts
der Pressefreiheit argumentieren, daß die Erfahrung
der Vereinigten Staaten einzigartig und aus diesem
Grund für Erörterungen der Rolle von Medien andernorts irrelevant ist. Ich bin anderer Meinung. Die
amerikanische Erfahrung ist nicht einzigartig. Auch wir
sahen uns bei der Geburt unserer Nation mit Kämpfen
im Inland und Bedrohungen aus dem Ausland konfrontiert. Ebenso wie Sie versuchten wir ein neues politisches System zu gründen. Im gesamten Verlauf
unserer Geschichte haben wir mit der Herausforderung gerungen, eine starke Regierung zu schaffen und
gleichzeitig das Volk vor einer nicht rechenschaftspflichtigen Regierung zu schützen - so übermächtig,
daß sie repressiv werden konnte. Seit 200 Jahren
bilden die Medien das Kernstück unserer Gesellschaft
und sehen sich dennoch konstantem Druck durch
staatliche Zensur ausgesetzt.
Die Geschichte eines Druckers namens John Peter
Zenger in der damaligen Kolonie New York wird häufig
als Beispiel der amerikanischen Verpflichtung zur
Redefreiheit angeführt. Im Jahr 1735, vor der Gründung unserer Nation, wurde Peter Zenger wegen
ketzerischer Reden der Prozeß gemacht. Sein Vergehen war die Anmaßung, Kritik am britischen Gouverneur gedruckt zu haben. Unter anderem beschuldigte
er den Gouverneur, die Kolonie französischen Angriffen auszusetzen. Die Geschworenen stimmten für
Freispruch anhand von Beweisen für die Wahrheit der
Anschuldigung. Diese Geschichte wird gelegentlich
erzählt, um zu demonstrieren, daß die Amerikaner in
einzigartiger Weise aufgeschlossen gegenüber einer
freien Presse sind. Das ist jedoch nicht der Punkt.
Obwohl die Amerikaner ihre Freiheit lieben, wäre die
Behauptung, wir seien anders als andere Menschen,
eine Verzerrung unserer und Ihrer Geschichte. Der
Kampf um das Prinzip einer freien Presse wurde nicht
über Nacht gewonnen. Erst jahrzehntelange Kämpfe
und der Mut unzähliger Einzelpersonen führte zu seiner Verankerung in der amerikanischen Bill of Rights.
Trotz der Verfassung der Vereinigten Staaten und trotz
der kühnen Aussage des ersten Zusatzartikels, "Der
Kongreß darf kein Gesetz erlassen, das... die Redeoder Pressefreiheit ... einschränkt", verabschiedete
unser Kongreß im Jahr 1798 das Gesetz über Ausländer und Aufwiegler, mit dem das Recht zur Kritik an der
Regierung beschnitten wurde. Warum stimmte der
Kongreß einer solchen Gesetzesvorlage zu, und warum verlieh Präsident John Adams, ein Unterzeichner
der Unabhängigkeitserklärung, ihm Gesetzeskraft?
Gelehrte verweisen auf die Besorgnis über eine Bedrohung der Vereinigten Staaten durch Frankreich sowie
auf die Rivalität zwischen der Föderalistischen Partei
von John Adams und der Republikanischen Partei
seines Vizepräsidenten Thomas Jefferson.

Seite 2

Das Gesetz über Ausländer und Aufwiegler lief einige
Jahre nach seinem Inkrafttreten aus, aber die daraus
gezogenen Lehren sind eindeutig: In einem Land wie
unserem ist die Pressefreiheit zu Zeiten der größten
Instabilität einer Nation dem höchsten Risiko ausgesetzt. Die Stimmen der Opposition in solchen Zeiten
zum Schweigen zu bringen, heißt, die Gesellschaft
konstruktiver Kritik zu berauben, das Risiko zu laufen,
friedlichen Protest in gewalttätigen Widerstand ausarten zu lassen und zu verhindern, Sprache zum Mittler
demokratischen Wandels zu machen.
Die amerikanische Verpflichtung zur Redefreiheit ist
kein Luxus einer modernen Gesellschaft. Redefreiheit
ist der Ursprung von Kreativität in unserer Gesellschaft
und der Stabilität unserer Regierungsform. Thomas
Jefferson hat einmal die Theorie aufgestellt, die Menschen müßten alle 17 Jahre das Joch ihrer Regierung
abwerfen. 217 Jahre später hat sich dies als unwahr
erwiesen, und zwar eben weil die Redefreiheit die
friedliche Umgestaltung einer Geseilschaft ermöglicht.
Rede- und Pressefreiheit sind kein Luxus in einem
neuen demokratischen Staat, sondern eine Notwendigkeit und eine Entscheidung, die eine Demokratie
immer wieder treffen muß.
In diesem Jahrhundert wurde die Pressefreiheit in den
Vereinigten Staaten wiederholt auf die Probe gestellt.
Sie wurde während der beiden Weltkriege herausgefordert, während der Bürgerrechtsbewegung und von
den Vietnamkriegsgegnern, die uns noch frisch in
Erinnerung sind. Rede- und Pressefreiheit werden
heute unter dem einen oder anderen Deckmantel
weiterhin diskutiert. Wir sind eine Gesellschaft, die
erörtert, ob von der Regierung finanzierten Künstlern
Zwänge auferlegt werden sollen, ob die Gewalt in
unseren Städten die Kontrolle von Gewaltdarstellungen im Femsehen und Kino erfordert, ob die Abtreibungsgegner das Recht haben, Abtreibungskliniken
aufsuchenden Frauen ihren Protest buchstäblich ins
Gesicht zu schreien, ob die Regierung richtig oder
falsch handelte, als sie während der Golfkrise eine
Nachrichtensperre verhängte. An den Universitäten,
die traditionsgemäß das Hauptforum der freien Rede
sind, wird heute das Argument vorgebracht, die Redefreiheit sollte eingeschränkt werden, wenn die Rede
Angehörige einer ethnischen rassischen, rekjiösen
oder sozialen Gruppe angreift. Aus meiner Sicht sind
all dies Bedrohungen der freien Rede, aber auch
Themen lebhafter Diskussionen.
In dieser Woche werden wir Gedanken über die Rechtsgrundlage freier Medien austauschen. Eben weil die
Pressefreiheit gleichermaßen unerläßlich für die
Demokratie und einer ständigen Bedrohung ausgesetzt ist, vertreten wir die Auffassung, daß eine verfassungsmäßige Garantie - kein Gesetz - den besten
Schutz der Pressefreiheit darstellt. Ein von der Legislative gewährtes Recht kann von dieser wieder entzogen werden.

AMERIKA DIENST

�Hinsichtlich der internationalen Verpflichtungen begrüßen wir die von der Menschenrechtskommission
der Vereinten Nationen getroffene Entscheidung, einen Sonderberichterstatter über Meinungs- und Redefreiheit zu ernennen. Die Resolution über die Einrichtung dieses Amtes verleiht der tiefen Besorgnis über
die Verfolgung von Journalisten, Redakteuren, Schriftstellern, Verlegern und Druckern Ausdruck sowie
derjenigen, die lediglich von ihrem Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit Gebrauch
machen.

Entscheidungen werden vom Menschen getroffen, sei
es, wofür das Geld ausgegeben wird, wer gewählt wird
oder wem Glauben geschenkt wird. Die Erfahrung hat
wiederholt gezeigt, daß das beste Mittel gegen Falschinformation mehr Information ist.

Wenn wir einen juristischen Rahmen für freie Medien
erörtern, sollten wir die natürliche Spannung zwischen
den Regierenden und denjenigen, die über sie berichten, in Betracht ziehen. Die Aufgabe der Medien ist die
Überwachung der Regierung, nicht umgekehrt. Die
Medien lassen für gewöhnlich Politiker nicht in Ruhe.
In Polen nimmt die satirische Femsehserie "Polskie
Wir begrüßen auch die Wiener Deklaration, sind jeZoo"
die Politiker aufs Korn, obwohl viele von ihnen
doch der Ansicht, daß sie beim Schutz der Pressefreidiejenigen
waren, die im Kampf Polens für Redefreiheit nicht weit genug geht. Das "Rahmenwerk nationaheit
an
vorderster
Front standen. Das geschieht in
ler Gesetze" mag nicht immer eine angemessene
jeder
freien
Gesellschaft.
Als George Washington aus
Grundlage für die Gewährleistung einer freien Presse
dem
Amt
ausschied,
versahen
die Karikaturisten einen
sein, insbesondere wenn die Regierung der Presse
Esel
mit
seinem
Kopf,
und
eine
Zeitung in Philadelphia
ablehnend gegenübersteht. Das gleiche Problem besteht
schrieb:
"
Jedes
Herz,
das
die
Freiheit
und das Glück
bei Artikel 10 der Europäischen Menschenrechtskondes
Menschen
wünscht,
sollte
höher
schlagen aus
vention und der Resolution des Europarates von 1993,
Jubel
darüber,
daß
der
Name
Washington
von diesem
die "akzeptable" journalistische Praktiken definiert. Ich
Tag
an
nicht
länger
politische
Schandtaten
und legalifürchte, durch diese Bestimmungen werden freie Medien
sierte
Korruption
nährt."
Selbst
Gründerväter
werden
nicht gewährleistet, sondern beschränkt.
nicht unbedingt respektvoll behandelt.
Auf der Tagesordnung dieser Woche stehen journalistische Freiheit und Verantwortung. Ich bin über
Die Debatte dauert noch heute an. Wenn Amerikas
dieses Thema beunruhigt, da es anzudeuten scheint,
leidenschaftliche Verteidigung der Pressefreiheit chaRegierungsvertreter hätten das Recht zur Definition rakteristisch für unsere Nation ist, dann aber auch die
von "verantwortungsbewußtem" Verhalten. Seitens Tatsache, daß keine Einrichtung öfter am Pranger
der Regierung eine gute Beurteilung der Presse zu steht als die Presse, niemand von der Öffentlichkeit
erwarten, ist ebenso töricht wie die Erwartung, alles schneller zum Sündenbock gemacht wird. "Die Memögen, befürworten oder auch nur lesen zu wollen, dien" werden von Politikern und Aktivisten aus dem
was an einem Zeitungskiosk zum Verkauf angeboten gesamten ideologischen Spektrum als Quelle verwird.
schiedener Übel verurteilt - von schlechter Politik bis
zum Verfall des Wertesystems. Während unseres
Als ich vor kurzem in der Schlange an der Kasse eines letzten Präsidentschaftswahlkampfes war einer der
Supermarktes stand, hatte ich die Auswahl unter beliebtesten Aufkleber der Republikanischen Partei
Publikationen mit Titelgeschichten, die von Präsident "Ärgert die Medien: Wählt wieder Bush!" Und es
Clintons Reformplan für das Gesundheitswesen über verging nicht viel Zeit nach der Amtsübernahme Prädie Herbstmode, neue Angebote für Autos und Kabel- sident Clintons, bis die Leitartikelschreiber seine
femsehen bis zu so verführerischen Überschriften Administration zu kritisieren begannen, was einige
reichten wie "Elvis beim Frühstücken gesehen", "Fünf Demokraten zu Klagen über die "unfaire Behandlung"
Fitnessübungen beim Telefonieren" und "Opfer rätsel- ihres Präsidenten veranlaßte.
hafter Krankheit vergessen Tiernamen - erinnern sich
aber an alles andere". Diese Titel zeigen zumindest,
Die freien Medien sind für gewählte Politiker ein ständaß es keine Garantie für guten Geschmack gibt. Es diges Ärgernis. Die freien Medien werden oft vom Volk
gibt keine Sicherheit dafür, daß alles, was die Menkritisiert. Die freien Medien verleihen oft Ideen Ausschen in einer Demokratie schreiben oder lesen wol- druck, die nicht jeder mag oder befürwortet.
len, tiefgründig, erhebend oder wahr ist. Freie Rede
kann ebensogut albern, verletzend oder vollkommen Der große russische Dichter Turgenjew schrieb 1882:
unwahr sein. Die Frage ist jedoch, wer die Medien bei "An den Tagen des Zweifeins und des traurigen Grüihren Exzessen mäßigen sollte und was der Preis für belns über das Schicksal meines Landes bist Du allein
mein Stab und meine Stütze - mächtige, wahre, freie
die Kontrolle einer freien Presse ist.
russische Sprache!" Rußland erlebt eine sehr harte
Zur ersten Frage: Ich würde argumentieren, Journali- Zeit. Unser Respekt für Rußland hat nicht abgenomsten sollten in objektiver Berichterstattung ausgebildet men, die Vereinigten Staaten haben jedoch in der
Öffentlichkeit und in Gesprächen ihre Ablehnung der
werden und die Redakteure über die Veröffentlichungen entscheiden. Ihre Entscheidung wiederum sollte Zensur in Rußland und des Verbots der Oppositionsvom Markt geleitet werden. Die Essenz eines freien presse deutlich gemacht. In der ehemaligen SowjetIdeenmarktes ist dieselbe wie die der Demokratie: Die union genoß Rußland den Ruf, die freiesten Medien zu
AMERIKA DIENST

Seite 3

�haben. Die Medien haben beim Schutz der Demokratie in Ru Bland eine Rolle gespielt: Die Fernsehberichterstattung über den Putschversuch von 1991 und die
Proteste im Oktober riefen die demokratischen Kräfte
auf den Plan. Angesichts der gegenwärtigen Krise und
der bevorstehenden Wahlen müssen die Menschen
eine Stimme und eine Vielfalt von Informationsquellen
zur Verfügung haben.

freie Presse ist immer wieder eine Kraft zur Behebung
von haßbedingtem Unrecht gewesen. Die schlechte
Behandlung von Arbeitnehmern, Korruption und Rechtsbrüche finden statt, weil wir Menschen sind. Eine freie
Presse hat sich wiederholt als Korrektiv erwiesen.
Politische Inkompetenz oder Machtmißbrauch ereignen sich nicht aufgrund der Nachlässigkeit der Demokratie, sondern weil die Politiker Menschen sind.
Machtmißbrauch oder der unkluge Umgang mit Macht
Freie Medien sind der beste Schutz einer Demokratie sind so alt wie die Menschheit und ebenso Bestandteil
und ein Urheber für friedlichen sozialen Wandel. Unter der menschlichen Natur wie Ehrgeiz und Angst, Mitleid
normalen Umständen stellen freie Medien das Mittel und Vorurteil, der Wunsch, Gutes und die Versuchung,
dar, durch das die Wählerschaft sich bildet und ihren Böses zu tun. Eine freie Presse weist immer wieder
Ansichten über aktuelle Fragen Ausdruck verleiht. Es auf politische Inkompetenz und Machtmißbrauch hin
gibt auf der Welt nicht einen gewählten Politiker, der und hilft der Demokratie erneut auf die Füße. In einer
nicht den Tag mit der Lektüre von Nachrichten und Demokratie erstreben wir eine Beschränkung der
Leitartikeln beginnt. In bewegten Zeiten gewähren die schlimmsten Engebungen der Regierenden und eine
freien Medien die Ideenvielfalt und stellen ein Forum Freisetzung der besten Eingebungendes Volkes. Das
für abweichende Meinungen dar.
Ergebnis ist auf kurze Sicht manchmal das Gegenteil
des Erwünschten, auf lange Sicht jedoch eine DemoIn den Vereinigten Staaten fallen uns viele Beispiele für kratie, die unter dem Schutz der Pressefreiheit in
die positiven Auswirkungen freier Medien auf die kreativen, stabilen und gerechten Gesellschaften in
Gesellschaft ein. Die Presse brachte zur JahrhundertNationen Früchte trägt, die in Harmonie, nicht in Bürwende die inhumanen Bedingungen in amerikanischen gerkrieg leben.
Fabriken und Mietshäusern ans Licht, die Presse
stellte ein Forum für die Gegner des Vietnamkriegs Die Vereinigten Staaten sind der festen Überzeugung,
dar. Die größte Veränderung, die die Presse in den daß Menschenrechte und Demokratie die PressefreiVereinigten Staaten bewirkte, fand vielleicht bei den heit voraussetzen. Als Abteilungsleiter für MenschenRassenbeziehungen statt. Wie viele andere hier verrechte und humanitäre Angelegenheiten im Außenmitretene Nationen werden die Vereinigten Staaten seit
nisterium beschäftige ich mich nicht nur zeitweilig mit
langer Zeit mit ethnischen und rassischen Spannunfreien Medien - vielmehr sind sie ein zentraler Bestandgen konfrontiert, oftmals weil das in unserer Verfas- teil meiner Arbeit. Nach dem Ende des Kalten Krieges
sung verankerte Recht auf Freiheit und Würde einigen und angesichts der Bestrebungen einer Vielzahl von
Menschen aufgrund ihrer Rasse verweigert wurde. Ländern zum Aufbau funktionierender Demokratien
Die Abschaffung der Sklaverei hing von einer freien besteht für uns die Chance eines dauerhaften FriePresse ab, beispielsweise William Lloyd Garrisons dens und einer anhaltenden Verpflichtung zur Freiheit.
abolKionistischer Zeitung. Die Bürgerrechtsbewegung
Der Philosoph Tacitus schrieb vor langer Zeit: "Rar
in diesem Jahrhundert basierte ebenfalls auf der sind jene glücklichen Zeiten, in denen Gedanken und
Redefreiheit - auf dem Recht von Martin Luther King Worte frei sind." Wenn wir uns mit Wachsamkeit für die
und Malcolm X, ihre Meinung zu äußern und Märsche Freiheiten einsetzen, von denen ich spreche, können
anzuführen, auf dem Recht der Presse zur Berichter- wir gemeinsam darauf hinarbeiten, daß uns allen
stattung über Unterdrückung. Martin Luther Kings unwiderruflich solche Zeiten bevorstehen.
Rede "Ich habe einen Traum ..." inspiriert die Menschen noch heute, und ohne Redefreiheit und eine Ich danke Ihnen.
freie Presse würde dieser Traum im Dunkeln bleiben.
Wir haben keine Vorurteile aufgrund von Redefreiheit,
sondern weil sie in der Natu r des Menschen liegen. Die

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
7. Juni 1995

Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen
von Tony Case
WASHINGTON - (AD) - Die Redaktionen der großen amerikanischen Zeitungen befassen sich mit der Frage,
wie sie sich einen Platz auf den Hauptspuren der Datenautobahn - Fax, CD-ROM und Online-Diensten sichern und dabei die starken, traditionellen Funktionen einer Zeitung bewahren können. Datenbanken
gestatten Zeitungen und Werbefachleuten, ihr Marketing stärker auf eine bestimmte Zielgruppe auszurichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Artikel von Tony Case, einem Redaktionsmitglied
von Editor &amp; Publisher
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 16. Juli 1994.
Copyright (c) Editor &amp; Publisher, Inc.

Während Zeitungsverlage sich darum bemühen,
ihren Abschnitt der Datenautobahn zu bauen, sollten
sie sich vor Augen halten, was sie überhaupt auf
diese Bahn brachte, empfielt der Leiter einer der
größten Medienkonzerne der Vereinigten Staaten.
"Meines Erachtens sollten wir unsere Fühler in alle
Richtungen ausstrecken, dabei aber nicht vergessen,
daß die Zeitung das Kernprodukt ist. Wir können
Zeitungen als das Tor zum Leser bezeichnen und
sollten uns daran erinnern, daß es immer noch die
Zeitung ist, die uns hilft, Informationen zu sammeln
und sie durch alle möglichen elektronischen Systeme
zu befördern", erklärt John Curley, Vorsitzender,
Präsident und Geschäftsführer von Gannett Co. Inc.
Curley traf mit Eugene Falk, dem Niederlassungsleiter und Manager der Los Angeles Times, und
Joe Hladky, dem Präsidenten und Herausgeber der
Gazette Co. aus Cedar Rapids (Iowa) bei einer
Diskussionsrunde mit dem Titel "Die strategische
Richtung der Zeitungen - Herausforderung und
Partner der Zukunft" zusammen, die von der Vereinigung der Zeitungsverlage der technischen
Ausstellung und Konferenz der America's Nexpo '94
veranstaltet wurde.

daß Technologie ein Mittel ist, auf den langjährigen
Erfolgen der Printmedien aufzubauen, und nicht,
diese - wie von vielen prognostiziert - zu ersetzen.
"Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben Zeitungen die
Informationen auf die eine oder andere Art gesammelt, herausgegeben, verpackt und verteilt. Im
vergangenen Jahrzehnt haben unsere lokalen und
nationalen Vertretungen Wege gefunden, die Konsumenten zu erreichen, deren Hunger nach Nachrichten nicht auf die Artikel in unseren Zeitungen beschränkt ist", teilte Curley den Teilnehmern der
Nexpo mit.
Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten Nachrichtenkonzerne wie Gannett aus Arlington (Virginia) Produkte, die den Kreis ihrer Leser vergrößerten und die
Wirkung ihrer Berichterstattung erhöhten. Curley
berichtete, das Nervenzentrum der elektronischen
Nachrichten- und Informationsdienste seines Unternehmens sei das Gannett/USA Today Sport- und
Informationszentrum in Greensboro (North Carolina).

In einer riesigen Halle des Las Vegas Convention
Center konnten die Teilnehmer die Multimedia- und
interaktiven Unternehmen ihrer Firmen vor Hunderten von Konferenzteilnehmern darlegen.

Das 1989 vorwiegend zur Bereitstellung von Sportstatistiken errichtete Zentrum verpackt heute Inhalte
aus USA Today und anderen Zeitungen von Gannett
neu und macht sie elektronisch zugänglich. Der
Service bietet lange Nachrichtenberichte, kurze Artikel
zu Themen wie Wirtschaft, Reisen und Wetter sowie
ein Bulletin Board, das den Nutzern die Kommunikation untereinander gestattet.

Bei all ihren Gesprächen über Fax, CD-ROM und
Online-Diensten hoben die Manager jedoch hervor,

Curley warb für datenbankgestützte Werbemodelle,
die in Gannetts Zeitungsabteilung entwickelt wurden:

AMERIKA DIENST

Seite 1

�"So etwas benötigen wir, um Datenbanken, Videos
und alle anderen verfügbaren Mittel zu nutzen, damit
wir mehr Geld in unsere Zeitungen" sowie - gemeinsam mit Hewlett-Packard Co. - in die Entwicklung
eines Modells für ein Bibliotheksarchiv im Werk bei
Rochester (New York) "stecken können".
"Wir sollten bei unseren Bestrebungen, den Nutzen
dieses Kernprodukts für unsere Adressaten zu
erhöhen, über allen ansprechenden und populären
Aspekten der elektronischen Kommunikationsmedien
nicht unsere Zeitungen vergessen", warnte Curley.
Neue Technologien sind "etwas Feines, vielleicht in
Zukunft hilfreich und könnten eine Tür aufstoßen",
äußerte er, "aber wenn wir jährlich zwischen 3 und
5 Prozent neuer Leser gewinnen und damit den
Abwärtstrend umkehren könnten, wären meiner
Meinung nach die Werbegelder äußerst lohnend
angelegt".
Eugene Falk von der Times wiederholte Curleys
Behauptung, Technologie werde dazu dienen, die
existierende Basis der Zeitung zu vergrößern, indem
entstehenden Bedürfnissen der Verbraucher und
Werbefachleute entsprochen werde, denen die
Printmedien nicht Rechnung tragen könnten.
Ebenso wie die Öffentlichkeit wird auch das Aushängeschild von Times Mirror Co. mit diesen neuen
Entwicklungen experimentieren, teilte Falk seinen
Zuhörern mit. "Wir wollen, daß sie sich mit uns
bewegen", sagte er in bezug auf die Leser der
Zeitung.
Elektronische Dienste sind ihm zufolge auch eine
Schranke gegen neue Wettbewerber. "Viele der
Dienstleistungsnischen, die diese neuen Akteure als
Chancen ansehen, werden weitaus weniger attraktiv
erscheinen, wenn wir sie bereits anbieten!"
Die Times ruft auch neue lokale Medien ins Leben,
die für Online-Dienste wichtig sind. Zu den Produkten der Zeitung werden eine Kombination von
Nachrichten, Informationen, Kommunikation und
Werbung mit Transaktionen gehören.
"Welcher dieser Dienste das neue Medium dominieren wird, ist noch ganz unbekannt", erklärte Falk, "es
ist jedoch klar, daß alle drei benötigt werden, um
genügend Konsumenten und Werbefachleute zu
gewinnen, die es zu einem lebensfähigen Unternehmen machen".
Seiner Ansicht nach sind die anfänglichen Angebote
der Times evolutionäre Schritte zur Schaffung einer
breitgefächerten Dienstleistungspalette.

Seite 2

"Unseres Erachtens wird es ziemlich lange dauern,
bis eine Welt mit 500 Kanälen in den Vereinigten
Staaten funktioniert", erklärte er.
Die heutigen
Lektionen, die wir unter Einsatz moderner Technologien lernen, werden uns zu dem führen, was wir
letztlich als Rolle der Zeitungen auf den Datenautobahnen der Zukunft ansehen."
Die Vision der Zeitung von elektronischen Diensten
impliziert Falk zufolge die Überzeugung, daß sie eine
Reihe von Datenbanken für ein breites Spektrum von
Informationskategorien repräsentiert, beispielsweise
nationale und lokale Nachrichten, Immobilien- und
Einzelhandelsanzeigen.
Natürlich wird die Times weiterhin in ihren täglichen
Ausgaben Informationen verpacken, aber die elektronische Verteilung wird ihr gestatten, "tiefer zu
gehen und unseren Kunden in ausgewählten wichtigen Marktsegmenten mehr Wert anzubieten". Zu den
Spitzentechnologieprojekten der Zeitung zählen ihr im
Januar angekündigtes elektronisches Einkaufssunternehmen mit Pacific Telesis sowie ein Online-Geschäft mit dem kommerziellen Comupternetzwerk
Prodigy.
Bei Nutzung der Einkaufsmöglichkeiten erhalten die
Verbraucher mit Hilfe verschiedener Programme,
einschließlich Operator-gestützter, interaktiver und
Online-Videodienste, Zugang zu einer Datenbank mit
Kleinanzeigen und Branchenverzeichnissen.
Und "nach vielen Verhandlungen" ermöglichte es die
Times den Nutzern von Prodigy, gegen eine monatliche Gebühr von 4,95 Dollar Anzeigen in die Zeitung
zu setzen. Wer kein User von Prodigy ist, kann
diesen Service für monatliche 6,95 Dollar in Anspruch
nehmen.
"Dieses Geschäftsmodell ist wichtig, weil wir unsere
Kunden in die Lage versetzen wollten, uns allein zu
abonnieren, ohne das nationale Prodigy, wenn sie
das vorziehen", erklärte er. "Dadurch können wir die
direkten Beziehungen zum Kunden aufrechterhalten,
die ... das Schlüsselelement unserer Vision für
elektronische Dienste sind."
Die Times kontrolliert sämtliche Inhalte, die Präsentation des Materials sowie die Preisfestsetzung für
Abonnement und Werbung.
Für diese "Unabhängigkeit und Kontrolle", so Falk,
wird die Zeitung Prodigy einen Teil ihrer Einkünfte
aus dem Service zukommen lassen.
Diese Projekte "enthalten alle Elemente unserer
Vision, wie Zeitungen mit Hilfe moderner Technolo-

AMERIKA DIENST

�gien elektronische Dienste bereitstellen und diese in
Zukunft entwickeln sollten", so Falk.
"Wenn sich letztlich die Datenautobahnen schnell
weiterentwickeln, werden wir uns die entstehenden
Chancen zunutze machen. Wenn man sich auf den
Autobahnen festfährt, werden wir unseren Einsatz zu
relativ niedrigen Kosten gedeckt haben und immer
noch in der Lage sein, eine Zeitung anzubieten,
während andere auf die Weiterentwicklung der
Datenautobahn warten."
Gazette Co., Herausgeber der Cedar Rapids Gazette, hat sich der Technologie nicht nur zur Sicherung
der Zukunft von Zeitungen bedient, sondern zur
Gewährleistung, daß es auch morgen Zeitungsleser
geben wird.
Das Programm "Newspaper in Education" des
Unternehmens schloß sich mit "Foundations in
Reading" zusammen, einer von Breakthrough Inc.
aus Iowa City (Iowa) entwickelten Initiative, die
Kindern mit Hilfe von Computern das Lesenlernen
erleichtert.
"Meines Erachtens hat jede Lokalzeitung ein großes
Potential, in positivem Licht gesehen zu werden, da
viele der Geschichten von "Foundations in Reading"
die Vorteile des Lesens außerhalb des Klassenzimmers hervorheben", so der Präsident und Verleger
Hladky.
Jeder Schüler, der an dem Programm teilnimmt,
erhält ein zusätzliches Arbeitsheft im Zeitungsformat.

Eine Reihe von Bedienerzeichen führen die Anrufer
durch die Datenbank und ermöglichen ihnen eine
Konkretisierung der Suche, wobei immer die Option
offenbleibt, einen Schritt zurückzugehen. Die Nutzer
werden beispielsweise informiert, wieviele Autos
bereitstehen, die die von ihnen eingegebenen Kriterien erfüllen. Die Gazette hat derzeit ungefähr 1.000
Fahrzeuge auf ihrem elektronischen Parkplatz.
Täglich gehen etwa 100 Anfragen bei dem Dienst ein.
Hladky emphielt, bei der Prüfung der Zukunft von
Auskunftsdiensten eine Standardformel anzuwenden:
"Wenn Du sie nicht anbietest, wird es jemand anders
tun."
"Zu dem Auftrag unseres Unternehmens gehört, daß
wir durch eine dynamische Mischung von Produkten
und Dienstleistungen die Informationen über eine
Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten bereitstellen. Wir
identifizieren nicht das Medium; diese Wahl bleibt
dem Verbraucher überlassen!"
Im Hinblick auf die traditionelle Rolle der Zeitung
empfahl Hladky, "uns auf das zu konzentrieren, was
wir am besten können: Die Sammlung von Informationen, um den Interessen der Verbraucher zu
entsprechen."
"Es wird eine neue Fernsprechtechnologie entwickelt,
und jede Zeitung will als Teil ihrer Servicepalette
unter Einsatz des Telefons Sprachinformation anbieten." Er fügte jedoch hinzu: Wir sollten uns nicht auf
ein Kommunikationsmedium konzentrieren, sondern
mehrere anbieten."

"Ich sehe eine natürliche Verbindung, bei der die

örtliche Zeitung mit diesen Arbeitsheften identifiziert
wird", teilte Hladky den Konferenzteilnehmern mit.
Vor einem Jahr führte die Gazette einen ExpressWay Classifieds genannten Lokalisierer für elektronische Kleinanzeigen ein, nachdem sie erkannt
hatte, daß die Öffentlichkeit die bestehenden Systeme nicht umfassend nutzte.
"Ich bin nicht der Ansicht, daß heutzutage irgendein
Telefonservice leicht zu verkaufen ist, wir hatten
jedoch das Gefühl, jeder neue Dienst sollte nutzerfreundlich sein, wenn die Datenbank abgefragt wird",
so Hladky.
Die Software wurde zusammen mit AudioTechs aus
Philadelphia entwickelt. Das System läuft auf einem
Alpha Computer von Digital Equipment Co., die
auch die Software vermarktet. Das Programm bietet
einen nahtlosen Datentransfer vom Kleinanzeigenteil
des Sll-Systems des Unternehmens zum DECComputer an, auf dem die Daten gespeichert sind.

AMERIKA DIENST

Die Niederlassung Decisionmark des Unternehmens
rief die MediaStar-Software für die Anwendung bei
Vertrieb, Werbung, direktem Marketing und Nachrichtenabteilungen ins Leben, die Microsoft Windows
einsetzt und entweder auf betriebssystemunabhängigen Rechnern oder Netzwerken operiert.
"Um die Software von MediaStar zu erklären, möchte
ich eine ganz kurze Definition geben: Sie integriert
Karten und Daten", so Hladky. "Die Entwickler von
MediaStar würden sagen, die Software bietet direkten Zugang zu Datenbanken und Erhebungen,
gestattet die Identifizierung und graphische Analyse
von Daten sowie ihre Präsentation zum verbesserten
Verständnis und für die Entscheidungsfindung."
Hladky zufolge gestattet MediaStar der Gazette "den
besseren Einsatz der riesigen Datenmenge, die der
Zeitung jetzt zur Verfügung steht, aber selten genutzt
wird".

Seite 3

�Derzeit wird eine zusätzliche Nutzung der Software
geprüft. "Wir haben gerade erst begonnen, die
Anwendung in der Nachrichtenzentrale zu prüfen",

so Hladky, "und es gibt wirklich interessante Möglichkeiten".

* * * *

Seite 4

*

AMERIKA DIENST

�MEDIEN
5. Juli 1995

Die digitalisierte Nachrichtenzentrale
von Philip Moeller
(AD) - Philip Moeller, ehemaliger Wirtschaftsredakteur und Redakteur für elektronische Nachrichten bei der Sun
in Baltimore, ist jetzt Berater und Autor mit Sitz in West Hartford (Connecticut).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von American Journalism Review, Copyright
(c) 1995.
Es klingt so einfach. Beginnen wir mit der typischen
Nachrichtenzentrale einer größeren Zeitung - die
Mitarbeiter sind vielleicht etwas jünger als bei
ähnlichen Zeitungen, unterscheiden sich aber
ansonsten nicht wesentlich. Wenden wir uns dann
den Computern und Kommunikationsgeräten zu, die
Nachrichten, Informations- und Unterhaltungsindustrien zu revolutionieren versprechen. Was wäre,
wenn die Mitarbeiter diese Maschinen beherrschen
und sie routinemäßig in der Nachrichtenzentrale
benutzen könnten, statt sie nur zum Gegenstand
dessen zu machen, worüber sie schreiben?
Willkommen beim Raleigh News &amp; Observer, einer
der wenigen in Familienbesitz verbliebenen amerikanischen Zeitungen. Der neue N&amp;O, wie er jetzt
heißt, hat in den vergangenen Jahren seine Reporter
mit diesen neuen Instrumenten vertraut gemacht.
Obwohl sich dieses Unterfangen zweifelsohne noch
im Anfangsstadium befindet, bietet Raleigh eine
Perspektive, wie digitalisierte Informationen und
neue Ansätze zur Berichterstattung und beim Schreiben von Geschichten die Nachrichtenzentralen der
Nation verändern könnten.
Beim N&amp;O und anderen technologiefreundlichen
Zeitungen wandelt sich das Metier der Reporter
ebenso wie die Rolle der Bibliothekare und anderer
Mitarbeiter. Teamjournalismus beherrscht - wenn
auch nicht ausschließlich aufgrund der Technologie zunehmend Nachrichtenzentralen, die vorwiegend
Computer einsetzen. Und im digitalen Zeitalter
bringen solche kollektiven Bestrebungen im allgemeinen definitive Geschichten hervor, die sowohl
sozialwissenschaftlich als auch journalistisch Anklang finden. Der Computer, früher umfangreichen
Forschungsprojekten vorbehalten, wird zum alltäglichen Verbündeten von Reportern, die Routinearbeit machen.

AMERIKA DIENST

Auch die Leser benutzen Computer und Modems und
sind zu aktiven Teilnehmern an Raleighs InternetAngeboten sowie praktisch jeder Online-Verbindung
geworden, die mit Nachrichtenorganisationen zu tun
hat. Aufgrund der interaktiven Online-Kommunikation
verändert sich die Art, in der Geschichten berichtet
werden. Am wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß die
Interaktivität das Verhältnis zwischen Journalisten und
den Menschen, über die sie schreiben, grundlegend
verändern kann.
Die Redakteure und Reporter beim N&amp;O haben
landesweit Tausende von Kollegen bei anderen
Zeitungen. Praktisch jede Nachrichtenzentrale ist mit
einem Kader technologisch informierter, hochmotivierter Journalisten besetzt, die versuchen, ihre Institutionen in neues Terrain zu locken. Was Raleigh jedoch
unterscheidet, ist die Tatsache, daß Fähigkeiten im
Bereich der digitalisierten Information - zur Benutzung
von Computern, Datenbanken, Online-Diensten - für
nahezu jeden in der Nachrichtenzentrale zur Norm
werden. Für die ungefähr 150 Mitarbeiter der Nachrichtenzentrale beim N&amp;O stehen rund 100 Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung, und Chefredakteur
Frank Daniels III zufolge wird bis zum Sommer jeder
Mitarbeiter einen Personalcomputer haben.
Mehrere damit in Zusammenhang stehende Entwicklungen unterstreichen die Unterschiede zwischen der
Nachrichtenzentrale beim N&amp;O und den Industrienormen:
Die mit 21 Mitarbeitern besetzte NachrichtenForschungsabteilung hat ein Netz von Datenbanken geschaffen - die vielfach von N&amp;O Mitarbeitern aufgebaut wurden - zu dem man vom
Computer-Arbeitsplatz aus Zugang hat.

Seite 1

�Die Mitarbeiter der Nachrichten-Forschungsabteilung und die mit 17 Mitarbeitern besetzte Abteilung Neue Medien schreiben Softwareprogramme, die häufig nötig sind, um Zugriff zu wertvollen, aber sonst nicht zugänglichen Datenbanken
zu erhalten.
Die Zeitung hat eine Datenbank, die Gesetzesvorlagen des Bundesstaates dokumentiert, in
einen erfolgreichen Online-Abonnentenservice
umfunktioniert, den N&amp;O-Geschäftsführer als
Prototyp für andere profitable Unternehmen
ansehen.
Die Zeitung verfügt über die dritte Generation von
Hypertext-Software, mit der an speziellen Projekten arbeitende Autoren ihre eigenen Aufzeichnungen so lange wie bei einer Datenbank außerhalb
durchforsten können.
Der N&amp;O befaßt sich mit Multimedien. Als erstes
wurde eine Serie von Features in der Zeitung
veröffentlicht, wurden Audiotext-Informationen
über den Telefon-Informationsdienst der Zeitung
angeboten sowie Online-Geschichten mit Text,
Audio- und Videoelementen. Die Serie wurde in
Zusammenarbeit mit lokalen Fernsehstationen
gemacht, die ihre eigenen Versionen der Geschichten sendeten.
Und schließlich hat der N&amp;O wie eine wachsende
Zahl anderer Zeitungen eine elektronische Version eingeführt. Aber statt sich America Online,
Prodigy oder einem anderen kommerziellen
Dienst anzuschließen, startete die Zeitung ihren
eigenen Online-Dienst und schloß ihn an Internet
an, womit den elektronischen Lesern ein breites
Spektrum von Informationen angeboten wird.
Die Umgestaltung von N&amp;O zur führenden digitalen
Tageszeitung geht zurück auf die Ernennung von
Frank Daniels III zum Chefredakteur Ende 1990.
Der 1865 gegründete N&amp;O ist seit über einem
Jahrhundert im Besitz der Familie Daniels. Josephus Daniels kaufte die Zeitung 1894 für 10.000
Dollar und führte sie über 50 Jahre lang. Sein
Enkel, Frank Daniels Jr., ist jetzt der Herausgeber.
Als Frank Daniels III in sein Amt berufen wurde,
führte der republikanische Senator Jesse Helms eine
brutale Kampagne für seine Wiederwahl gegen den
ehemaligen Bürgermeister von Charlotte, Harvey
Grantt, den demokratischen Herausforderer. Der
jüngere Daniels war beeindruckt vom modernen
Stand der Technik im Helms-Lager, wo Computer
und Kommunikationstechnologie eingesetzt wurden.

Seite 2

"Das war der ausschlaggebende Faktor, um beim
N&amp;O Computer einzuführen", stellt Daniels fest. "Das
Helms-Team drosch fürchterlich auf die Nachrichtenmedien ein... Bei politischen Wahlkämpfen sind
unsere Konkurrenz nicht die anderen Medien, sondern die Kampagnen. Und seit 1970 haben sie uns
aufs Korn genommen... Dadurch wurde mir klar, wie
dumm wir waren - und ich fühle mich nicht gerne
dumm."
Dasselbe galt für die langjährige N&amp;O-Reporterin Pat
Stith, die einen 18monatigen Studienurlaub nahm, um
- mit Daniels Worten - "herauszufinden, was mit
diesen Mitteln vom Standpunkt eines Reporters aus
getan werden könnte". Stith arbeite eng mit Lany
McDonald, damals Leiter der N&amp;O-Bibliothek zusammen. Die Bibliothek wurde die NachrichtenForschungsabteilung, die unter McDonalds Nachfolgerin, Teresa Leonard, erweitert wurde.
Ein Großteil dieser Neuerungen beim N&amp;O wurde
Ende 1992 eingeführt, als die Zeitung zwei Datenbankexperten einstellte. Dies war der Beginn einer
Umstrukturierung, mit der die Anzahl der Beschäftigten in der Nachrichten-Forschungsabteilung beim
N&amp;O verdoppelt und ihr Budget verdreifacht wurde.
Einer dieser Experten war Dan Woods, der nach
seinem Abschluß in Computerwissenschaften und
mehreren Berufsjahren in der Computerindustrie
seinen Magister in Journalismus erwarb. Woods
erklärt, er habe vielleicht fünf Kollegen mit seinem
Wissen bei anderen Zeitungen gehabt, als er zum
N&amp;O kam. Seinen Schätzungen zufolge gibt es jetzt
rund 20 Datenbank-Zeitungsredakteure.
Woods versorgt N&amp;O-Reporter mit aus der Datenbank entnommenen Informationen, aber die meiste
Zeit verbringt er damit, untereinander verbundene
Datenbanken aufzubauen, zu denen alle Mitarbeiter
Zugang haben. Ein Großteil dieser Arbeit beinhaltet
ihm zufolge die schwierige Aufgabe, Computercodes
zu schreiben und Daten mühselig zu "reinigen", damit
sie in der Nachrichtenzentrale verwendet werden
können.
Die Reporter verlassen sich jedoch nicht nur auf
Woods und seine Mitarbeiter. Jeder in der Nachrichtenzentrale Beschäftigte wird ermutigt, Computerfähigkeiten zu erlernen. Darüber hinaus entschied der
N&amp;O, so Stith, "daß Computeranalysten von Datenbanken nicht auf die Forschung' für Geschichten
oder selbst größere Projekte beschränkt sein sollten.
Wir beabsichtigen, von Kostenersparnissen durch
optimalen Betriebszuschnitt zu profitieren.
Wir
werden Datenbanken benutzen, um jeden Tag die
Titelgeschichten zu verfassen oder zu verbessern."

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�Computerfähigkeiten sind freiwillig, aber das Management hat klargestellt, daß denjenigen, die solche
Fähigkeiten erlernen, Ressourcen und Chancen
geboten werden. Um die Mitarbeiter anzuspornen,
gewährt der N&amp;O Mitarbeitern, die einen eigenen PC
kaufen wollen, zinsfreie Kredite. Über 500.000
Dollar wurden bisher an Krediten vergeben. Die
Zeitung hält sich auch bezüglich der Computerfähigkeiten auf dem laufenden: Sie werden in den
Arbeitsbeurteilungen der Mitarbeiter bewertet.
Die meisten Zeitungen haben Computer in den
Nachrichtenzentralen mittels kleiner Reporterteams
eingeführt, die sich für gewöhnlich aus an Forschungsprojekten tätigen Reportern zusammensetzen. Was den N&amp;O unterscheidet, ist das Ausmaß, in dem Computerfähigkeiten bei der täglichen
Berichterstattung zum Einsatz kommen.
"Ich habe nirgendwo dem Raleigh vergleichbare
Bestrebungen gesehen", stellt Philip Meyer fest,
Professor an der University of North Carolina in
Chapel Hill und Pionier des computergestützten
Journalismus. Meyer erklärt, er bevorzuge das
Raleigh-Modell für andere Zeitungen, "aber möglicherweise steht zu dem Preis, den Zeitungen für
gewöhnlich zu zahlen bereit sind, nicht genügend
Talent zur Verfügung."
Dennoch, dies ist ein neues Zeitalter. Viele jüngere
Journalisten besitzen Computerfähigkeiten. Zufällig
ersetzen zahlreiche Nachrichtenzentralen ihre
veralteten Textkorrektursysteme, die im allgemeinen
nicht einmal für die einfachsten Aufgaben eines
Computers verwendet werden können. Und ein
hoher Prozentsatz dieser Zeitungen wird PC-gestützte Systeme einführen, die einen Anreiz für die
Entwicklung neuer Kommunikationsmittel bieten.
Beim N&amp;O ist die routinemäßige Verwendung des
Computers vornehmlich auf die Bestrebungen der
Zeitung zurückzuführen, Datenbanken zu entwickeln
und auf den neuesten Stand zu bringen, die selbst
für Kurznachrichten schnelle Informationen und
einen Kontext liefern können. Das computergestützte Berichterstattungsnetzwerk, genannt CARnet
(Computer-Assisted Reporting Network) beim N&amp;O
enthält beispielsweise elektronische Versionen
mehrerer Telefonverzeichnisse und der Namen von
im öffentlichen Dienst Beschäftigten, wirtschaftlicher
und demographischer Informationen, umfangreicher
Daten über staatliches Eigentum im Bundesstaat und
Landkreis, Steuer- und Geschäftsunterlagen sowie
Informationen über Kraftfahrzeuge. Eine weitere
nützliche Datenbank außer der bereits erwähnten
über Gesetzesvorlagen ist die N&amp;O-Liste von
Spenden für wichtige politische Wahlkampagnen im
Bundesstaat.
Geldmaschine genannt, wird sie

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regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht und
kann nach den Namen der Geldgeber durchforstet
werden.
Außer diesen wichtigen Mitteln gibt es einen weiteren
wesentlichen Unterschied zwischen dem N&amp;O und
anderen Nachrichtenzentralen: Die von ihrer Nachrichtenbibliothek - jetzt Nachrichten-Forschungsabteilung genannt - gespielte zentrale Rolle.
Im Gegensatz zur Nachrichtenzentrale, so Daniels,
kann die Nachrichtenbibliothek ohne ethische oder
pragmatische Konflikte mehreren Herren dienen. Sie
kann beispielsweise zur Einrichtung einer Datenbank
über Gesetze des Bundesstaates beitragen, die
unschätzbar für Reporter ist, und kann diese dann
Datenbank zu einem gewinnbringenden Produkt
machen, das auf dem Markt verkauft wird. Und da
die Einnahmen aus solchen Unternehmen zunehmend zur Finanzierung der digitalen Nachtrichtenzentrale benötigt werden, unterschätzt Daniels die
Bedeutung eines solchen Unternehmens nicht.
Teresa Leonard vom N&amp;O erklärt, die Ressourcen
zur Einrichtung von Datenbanken seien ein Hauptvorteil der Erweiterung der Nachrichten-Forschungsabteilung. "Dank der Datenbank konnten wir Geschichten schreiben, die wir sonst nicht veröffentlicht
hätten."
Nora Paul, ehemalige Bibliotheksdirektorin beim
Miami Herald und jetzt Direktorin des NachrichtenForschungsprogramms beim Poynter Institute stellt
fest, daß eine Reihe von Nachrichtenzentralen
kooperative Beziehungen zu Reportern, Redakteuren
und Bibliothekaren entwickeln. "Damit die Möglichkeiten von Online-Forschung und computergestützter
Berichterstattung vollständig und erfolgreich ausgeschöpft werden können", erläuterte Paul in einer 1993
gehaltenen Rede, "müssen Bibliothekare meines
Erachtens ihre Rolle definieren und verbessern, und
Bibliothekare und Reporter müssen völlig neue
Beziehungen aufbauen."
Hierzu zählen die Zusammenarbeit mit Reportern und
Herausgebern bei der Auswertung von Datenquellen,
bevor die Geschichten zugeteilt oder definiert wurden,
konkrete Berichterstattung über sekundäre Forschungsquellen, die Ausbildung von Mitarbeitern der
Nachrichtenzentralen in den Bereichen Datenbank
und Online-Dienste, die Aufstellung und Entwicklung
von Datenbanken sowie die Koordination von Informationssystemen in Nachrichtenzentralen. All das
leistet Raleigh, und Paul zufolge sind seine Forschungsoperationen einzigartig.
Eine der durch computergestützten Journalismus
möglich gewordenen großen Veränderungen ist die

Seite 3

�Tatsache, daß Nachrichtenzentralen nicht mehr von
äußeren Informationsquellen abhängig sind. Die
Tage, an denen ein Bericht auf zwei Informationsquellen und einer Presseerklärung basierte, gehören
der Vergangenheit an.
Beispielsweise veröffentlichte der N&amp;O einen Artikel
über Wiederholungstäter, die in Gefängnissen der
Bundesstaaten und Gemeinden einsitzen.
Er
analysiert dem Redaktionsmitglied von Metro, Steve
Riley, zufolge, "wieviele Straffällige mehr als 10 Mal
das System durchliefen. Wir fanden 185. Es gab
keine andere Möglichkeit, diese Menschen aufzuspüren. Früher schrieb man so einen Bericht, indem
man mit jemandem im Gefängnis sprach. Jetzt
findet man sie selber. Man braucht sich nicht darauf
zu verlassen, daß einem ein anderer die Neuigkeiten
erzählt."
Chefredakteur Daniels ist davon überzeugt, daß
Nachrichtenzentralen in der Lage sein müssen,
Neuigkeiten zu definieren, nicht nur eigennützige
Erklärungen derjenigen widerzugeben, die Meinung
zu manipulieren versuchen. Diese Fähigkeit, fügt er
hinzu, wird den Zeitungen helfen, ihre Anziehungskraft als Informationsanbieter in einer Zeit beizubehalten, in der von einer wachsenden Zahl elektronischer Nachrichtendienste unbearbeitete harte
Fakten zur Verfügung gestellt werden.
Die Kommentare von Daniels spiegeln die Arbeit
Philip Meyers von der University of North Carolina
wider, der ausführlich über die Notwendigkeit für
Journalisten schrieb, statistische und damit zusammenhängende sozialwissenschaftliche Fähigkeiten
zu entwickeln. Die traditionelle passive Sucht des
Reporters nach Neuigkeiten muß Meyer zufolge von
Zeitungen abgelöst werden, die sich immer stärker
daran gewöhnen, die Nachrichtentagesordnung
aufzustellen.
"Die alte Ethik der Passivität der Medien ermutigt die
meisten Journalisten, sich zurückzulehnen und der
Regierung oder bestimmten Interessengruppen die
Rolle des Informationsverarbeiters zu überlassen",
erklärt er. "Es ist für die Medien gefährlich, die
Informationsentwicklung den Interessengruppen zu
überlassen, auch wenn sie im Interesse der Öffentlichkeit handeln."
Tom Koch, Autor und Berater, beobachtet, wie die
Technologie die traditionellen Beziehungen zwischen
dem Journalisten und seiner Quelle und letztlich
auch die Natur des Journalismus verändert.
"Online-Datentechnologien verleihen Schriftstellern
und Journalisten mehr Befugnisse, indem sie sie mit
gleichwertigen oder sogar mehr Informationen ver-

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sorgen, als sie der Privatperson oder dem Vertreter
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, die sie
interviewen sollen", schrieb er 1991 in seinem Buch
Journaiism forthe 21st Century: Online Information, Electronic Databases and the News (Journalismus für das 21. Jahrhundert: Online-Informationen,
elektronische Datenbanken und die Nachrichten).
"Die Auswirkungen dieser erhöhten Befugnisse
werden schließlich zu einer Neudefinition der Art von
Nachrichtenpräsentation ... und der Information der
Öffentlichkeit allgemein führen", stellte er fest.
Wenn digitalisierte Technologien zu einer Veränderung des Journalismus in Nachrichtenzentralen
beitragen, scheinen sie auch eine Rolle bei der
Besetzung dieser Zentralen mit Mitarbeitern zu
spielen. Der Grund dafür ist, daß der Journalismus
zu einem Teamsport wird.
Historisch gesehen sollten Journalisten Meyer zufolge
unabhängige und oftmals isolierte Beobachter sein,
die nichts mit den Auswirkungen ihrer Arbeit zu tun
hatten. Sie hatten wenig Kontakt mit den Gemeinden, über die sie berichteten. Sie hatten viele
Freiheiten, aber nicht viel Geld. "Daher drängte die
Wirtschaftlichkeit des Zeitungsgeschäfts den Journalisten in die charakteristische moralische Typologie:
Den einsamen Helden, der wie der archetypische
Cowbow im Film von Markt zu Markt reitet und die
Lanze für den einfachen Mann und gegen die Reichen und Mächtigen bricht", äußerte Meyer 1990 in
einer Rede.
Dieses Profil widerspricht jedoch den neuen Informationstechnologien, so Meyer.
Computergestützte
Berichterstattung erfordert Teamgeist. "Die neuen
Medien sind Teamprodukte. Und es gibt immer
weniger Raum für den einsamen Helden oder den
Reporter als Cowboy-Figur."
Insbesondere Multimedia-Projekte erfordern Anstrengungen des Teams. N&amp;O machte seinen ersten
Ausflug in dieses unerforschte Gebiet im Sommer
vergangenen Jahres mit einer viermonatigen Serie
unter dem Namen "North Carolina Discoveries". Die
Serie, die sich auf Themen des Bundesstaates
konzentrierte, wurde in der Zeitung veröffentlicht, im
Radio und Fernsehen gesendet und über NandO,
den Online-Dienst der Zeitung ins Internet geladen.
Diese konzertierte Aktion beinhaltete eine Vielzahl
von Interviews für die verschiedenen Formate. Die
teilnehmenden Fernsehstationen führten ihre eigenen
Interviews, während N&amp;O die Aufnahmen machte und
sein eigenes Tonmaterial sammelte. Diese wurden
für die Multimedia-Bestrebungen N&amp;Os auf dem

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�NandO genutzt. Ferner bediente sich die Zeitung
des Tonmaterials bei ihrem Audiotex-Informationsdienst.
Die N&amp;O-Reporterin Julie Ann Powers weist darauf
hin, daß der herkömmliche Zeitungsreporter nicht
über die erforderlichen Fähigkeiten im Rundfunkbereich verfügt. "Von Beginn dieses Prozesses an war
die Berichterstattung anders", erklärt sie. "Ich mußte
in den Kategorien Ton und Bild denken sowie daran,
ob sie einen Zeitungsbericht in voller Länge unterstützen würden." Der Ton, der in den Printmedien
keinen Faktor darstellt, ist ihr zufolge ein neues
bedeutendes Anliegen. Dasselbe gilt für die Notwendigkeit, im Radio und in gewissem Umfang in
den Printmedien den Mangel an visuellen Elementen
auszugleichen. Sie mußte die Fragen so formulieren, daß die Antwort eine Form annimmt, die für Aufnahmen angemessen ist, während der traditionelle
Interviewstil eher einem Gespräch gleicht.
Ben Estes, dem für Nachrichten aus dem Bundesstaat zuständigen Redakteur von N&amp;O, zufolge
stellte diese Serie eine "wertvolle Erfahrung" dar und
war eine Art Probelauf. "Ich halte das in vielerlei
Hinsicht für ein Experiment, das uns auf Kommendes vorbereitet", so Estes. "Am Ende möchte ich in
der Lage sein, mit allen Nachrichten so zu verfahren."
Ferner bezeichnet er die Koordination aller Elemente
der Serie früher als schwierig und äußerst zeitaufwendig. "Dagegen schriebt Julie jetzt einen Bericht
in einer statt in fünf Wochen, und ich redigiere eine
Geschichte pro Woche."
Obwohl Multimedia-Bestrebungen neue Fähigkeiten
und Ansätze bei der Berichterstattung erfordern
könnten, sind die weitreichendsten Auswirkungen
digitalisierter Information wahrscheinlich auf die
Interaktivität zurückzuführen. Leser sprechen im
Cyberspace. Sie werden sofort zu Kritikern, zur
Schallmuschel und leicht erreichbaren Quelle.
Ralelghs NandO entwickelt neue Dienste für die
Interaktion mit der Öffentlichkeit. Beispielsweise
haben die Mitarbeiter von NandO ein NandO-Land
für Kinder geschaffen und den örtlichen Schulen
kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser Service
wird Lehrer und Schüler gleichermaßen an die Welt
der Online-Dienst gewöhnen und N&amp;O eine bessere
Idee davon geben, wie an eine Generation appelliert
wird, die immer weniger Interesse am Zeitungslesen
hat.
Bruce Siceloff ist Online-Redakteur im Nachrichtenzentrum und bemüht sich mit den Mitarbeitern von
N&amp;O unter anderem darum, täglich eine digitalisierte

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Ausgabe der Tageszeitung herauszugeben. OnlineJournalismus und Interaktivität sind für die Zeitung
etwas Neues, so Siceloff. Und obwohl er die Mitarbeiter im Nachrichtenzentrum davor warnt, "in
anderen Medien zu träumen", räumt er ein, daß diese
Evolution eine größere Vertrautheit der Mitarbeiter mit
Online-Instrumenten erfordert, insbesondere dem
Internet und seinen immer wirkungsvoller werdenden
Software-Hilfen.
Eine andere Art, Nachrichtenzentralen in der Welt der
Online-Dienste zu "engagieren", wird durch die
Teilnahme an der beidseitigen Kommunikation mit
den Lesern erfolgen. Eine solche Interaktion ist
Hauptgegenstand des Online-Lebens, aber die
Zeitungsjoumalisten sind im allgemeinen nicht an die
sondierenden, ständigen Online-Gespräche gewöhnt,
mit denen das Cyberspace erfüllt ist. Siceloff und
seine Kollegen in anderen Zeitungen sind der Ansicht, daß diese Interaktivität große Auswirkungen auf
den Berufsstand haben wird.
Wenn die Wahlen von 1990 ein wichtiger Faktor
dabei waren, das Interesse von N&amp;O am Einsatz von
Technologie zur Unterstützung seiner Berichterstattung zu erhöhen, könnte man fairerweise behaupten,
daß die Wahlen von 1994 ein ebenso starkes Mandat
für den Einsatz neuer Informationswerkzeuge schufen, um besser mit einer entfremdeten Wählerschaft
kommunizieren zu können.
Die Wahlen zeigten, wie unzufrieden und abgeschitten sich die Wähler fühlen, und die Zeitung möchte
im Geiste des "öffentlichen Journalismus" die Beteiligung der Öffentlichkeit am Wahlprozeß fördern.
Siceloff zufolge will der N&amp;O sich in künftigen Wahlkämpfen seiner Online-Werkzeuge bedienen, um die
Kommunikation zwischen den Wählern, der Regierung und der Presse zu fördern. Neben interaktiven
Diskussionen versorgt das Papier die Wähler mit
Online-Daten über Kandidaten und Themen und hilft
ihnen bei ihrer eigenen Online-Suche nach zusätzlichen Informationen.
Solche Bestrebungen beinhalten Material über das
World Wide Web von Internet, das den Einsatz von
Tonmaterial, Fotos und Graphiken, Video, Texten und
E-mail-Diensten gestattet. Dies ist eine große
Verbesserung gegenüber den anfänglichen NandOAngeboten von Internet, die auf die rein textgebundene elektronische Version der N&amp;O-Tageszeigung
sowie eine Vielzahl von Bulletin Board-Diensten
beschränkt waren.
Auf dem sogenannten Web stellt N&amp;O jetzt eine
beeindruckende Reihe von Multimedia-Inhalten vor
(die Web-Adresse von N&amp;O lautet "http://www.nando.net"). Zu den Online-Inhalten gehören verschie-

Seite 5

�dene Zeitungsprojekte wie die 16teilige "North
Carolina Discoveries"-Serie; die NandO Times, eine
tägliche elektronische Version der Zeitung; der
NandO Entertainment Server mit Intormationen über
Filme, Konzerte und andere Veranstaltungen; ein
User's Guide to the Triangle (Führer mit Informationen über die Region um Raleigh, Durham und
Chapel Hill).
Die Produkte von N&amp;O stehen nicht in direktem
Zusammenhang zu der Zeitung. Informationsdienste
über Sportveranstaltungen stehen zur Verfügung.
Es wird ein "Music Kitchen" genannter Dienst angeboten, der Texte, Bilder und Tonmaterial verschiedener Rockbands enthält. NandO arbeitet mit einem
Reisebüro zusammen, um Reservierungen für
Flugtickets und gebührenfreien Ticketverkauf über
das Internet anzubieten. Angesichts der weltweiten
Teilnehmerschaft am Internet verschaffen diese
Produkte dem N&amp;O Zugang zu den Konsumenten und eine Einkommensquelle - weit über sein Absatzgebiet hinaus.

•

Seite 6

Obwohl Internet eine vollkommen andere Einheit als
eine Zeitung ist, sind die neuen Online-Produkte von
NandO eine Ausweitung des dramatischen Wandels,
der in der N&amp;O-Nachrichtenzentrale und seiner
wissenschaftlichen Bibliothek stattfindet.
"Wenn man einmal digitale Informationen geschaffen
hat, kann man damit alles mögliche anfangen", so
Chefredakteur Daniels. "Und wenn man einmal die
Infrastruktur dafür schafft - und dabei nicht knauserig
ist - kann man damit weit mehr aufrechterhalten als
nur eine Nachrichtenabteilung."
Daniels' systematischer Ansatz enthält eine Unterscheidung zwischen dem N&amp;O und anderen Zeitungen. "In fast allen anderen Nachrichtenzentralen des
Landes wird Gutes geleistet, aber es gibt keine
Synergie", so Daniels. "Sie helfen ihren Zeitungen
nicht bei der Weiterentwicklung, und genau darum
dreht sich doch alles: Wie hilft man dem Unternehmen bei seiner Entwicklung?"

* * *

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