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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

5. Juli 1995

22

»

VEREINTE NATIONEN

VEREINTE NATIONEN MUSSEN IM SINNE DER
GRÜNDERVÄTER REFORMIERT WERDEN
Rede von Präsident Clinton

NATO/OSZE

NATO VERSUS OSZE - WELCHE ORGANISATION KANN EINEN GRÖSSEREN BEITRAG
FÜR DIE SICHERHEIT EUROPAS LEISTEN?
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

USA-DEUTSCHLAND

GEMEINSAME ERFAHRUNGEN UND
NEUE WEGE DER ZUSAMMENARBEIT
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

4. JULI

CLINTON FORDERT DIE AMERIKANER AUF,
AN DEN GRÜNDUNGSPRINZIPIEN
FESTZUHALTEN
Erklärung des Präsidenten zum
Unabhängigkeitstag

DIE VEREINIGTEN STAATEN FEIERN IHRE
UNABHÄNGIGKEIT
Die Feierlichkeiten und ihr Ursprung

LITERATUR

DICHTUNG UND AUSSENPOLITIK
von Robert Earle

DATENAUTOBAHN

DIE DIGITALISIERTE
NACHRICHTENZENTRALE
von Philip Moeller

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�VEREINTE

NATIONEN
5. Juli 1995

Vereinte Nationen müssen im Sinne
der Gründerväter reformiert werden
Rede von Präsident Clinton
SAN FRANCISCO - (AD) - Die Vereinten Nationen funktionieren nicht so gut, wie sie sollten und müssen
reformiert werden, um "die Versprechen ihrer Gründer zu erfüllen", erklärte US-Präsident Clinton am 26. Juni
1995 in San Francisco bei den Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestages der Gründung der Vereinten
Nationen.
Ebenso wie Privatunternehmen und nationale Regierungen effizienter geworden sind, müßten die Vereinten
Nationen ihre aufgeblähte Bürokratie, Duplizität und eine Vergeudung von Ressourcen abschaffen, so der
Präsident.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede Präsident Clintons im Wortlaut.
Vor 50 Jahren kamen 800 Delegierte aus 50 Nationen hier zusammen, um die Welt aus der Asche des
Krieges zu heben und die Träume friedliebender
Menschen Realität werden zu lassen. Unter diesen
Delegierten waren große Diplomaten und unerfahrene Politiker kleiner Nationen gleichermaßen. Sie
waren durch Tradition, Rasse und Sprache getrennt
und nur durch die Vision von einer besseren, sichereren Zukunft geeint. An diesem Tag vor 50 Jahren
wurde die Verwirklichung des Traums von Präsident
Roosevelt, der dies schon nicht mehr erleben sollte,
von einer demokratischen Organisation der Welt in
die Wege geleitet.
Die von den Delegierten unterzeichnete Charta
spiegelte die gelernten harten Lektionen wider, die
Erfahrung der dreißiger Jahre, in denen die Welt
untätig blieb und zu langsam auf faschistische
Aggression reagierte, weshalb Millionen von Menschen auf den Schlachtfeldern geopfert und weitere
Millionen in den Gaskammern umgebracht wurden.
Wer das und den Zweiten Weltkrieg durchlebt hatte,
wußte, daß es nicht ausreichte, den Sieg zu feiern,
daß die bloße Bestrafung des Feindes selbstzerstörerisch ist, daß die Welt vielmehr ein wirksames
und dauerhaftes System benötigte, um Frieden und
Freiheit für alle Menschen zu fördern. Von den
Teilnehmern an jener historischen Konferenz sind
einige immer noch hier tätig, darunter unser Senator
Claiborne Pell, der bis zum heutigen Tag immer eine
Kopie der Charta der Vereinten Nationen in der
Tasche hat.

AMERIKA DIENST 22

Ich bitte alle Delegierten, die an der ersten Konferenz
teilnahmen und heute hier sind, sich zu erheben.
San Francisco gab der Welt erneut Vertrauen und
Hoffnung für die Zukunft. An jenem Tag erklärte
Präsident Truman: "Dies ist der Beweis, daß Nationen ebenso wie Menschen ihre Unterschiede aussprechen, sich ihnen stellen und Gemeinsamkeiten
finden können." Fünf Jahrzehnte später sehen wir,
wie stark sich die Welt verändert hat. Der Kalte Krieg
bahnte Freiheit und Zusammenarbeit den Weg.
Gerade heute bereiten eine russische und eine
amerikanische Raumfähre ein Andockmanöver etwa
380 Kilometer über der Erde vor. Von Jericho bis
Belfast suchen ehemalige Feinde gemeinsam den
Frieden. Auf jedem Kontinent kämpfen die Nationen
darum, Demokratie, Freiheit und Wohlstand zu
erreichen. Neue Technologien bewegen Menschen
und Ideen auf der ganzen Welt und schaffen ein
riesiges neues Reservoir an Chancen.
Wir wissen, daß diese neuen Integrationskräfte auch
die Saat des Zerfalls und der Zerstörung beinhalten.
Neue Technologien und größere Offenheit machen
unsere Grenzen anfälliger für Terroristen, gefährliche
Waffen und Drogenhändler. Die neuen unabhängigen Nationen sind ein leichtes Ziel für internationale
Verbrecher und Nuklearschmuggler. Flexible Kapitalmärkte können einer Nation den Aufbau ihrer Volkswirtschaft vereinfachen, erleichtern es aber auch, die
Probleme einer Nation überzubetonen und dann auf
andere Nationen auszuweiten.

Seite 1

�Heute haben wir keinen Hitler, keinen Stalin, aber
wir haben Feinde - die ihre Verachtung für menschliches Leben, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit teilen; Feinde, die todbringende Technologie
zum Töten einsetzen, die aus uralten Konflikten und
neuen Trennungen persönliche Vorteile ziehen
wollen.
Die Feinde unserer Generation sind die Terroristen
und ihre Sponsoren - geächtete Nationen - die
Kinder umbringen oder zu Waisen machen; Menschen, die Unschuldige opfern, um den Frieden zu
verhindern; Menschen, die am Friedensprozeß
Beteiligte attackieren, so wie unseren Freund, Präsident Mubarak, auf den vor nur wenigen Stunden ein
Anschlag verübt wurde; Menschen, die Menschen
anderen Glaubens oder anderer Herkunft im Namen
des Nationalismus abschlachten und die Überlebenden aus ihrer Heimat vertreiben.
Ihre Reichweite erhöht sich noch durch die Technologie. Ihre Kommunikation wird durch die globalen
Medien unterstützt. Ihre Aktionen enthüllen einen
uralten Mangel an Gewissen, Skrupel und Moral, der
während der gesamten Geschichte charakteristisch
für die Kräfte der Zerstörung war.
Heute befindet sich die Bedrohung unserer Sicherheit nicht in einem feindlichen Silo, sondern in der
Aktentasche oder der Autobombe eines Terroristen.
Unsere Feinde sind auch die internationalen Verbrecher und Drogenhändler, die die Stabilität neuer
Demokratien und die Zukunft unserer Kinder bedrohen. Unsere Feinde sind die Kräfte der natürlichen Zerstörung - sich ausbreitende Wüsten, die das
Gleichgewicht der Erde bedrohen, Hungersnöte, die
den menschlichen Geist auf die Probe stellen,
tödliche neue Krankheiten, die ganze Gesellschaften
gefährden.
Liebe Freunde, in dieser zunehmend interdependenten Welt haben wir mehr gemeinsame Chancen und
mehr gemeinsame Feinde als je zuvor. Daher liegt
es in unserem Interesse, uns ihnen gemeinsam als
Partner zu stellen, die Lasten und Kosten gemeinsam zu tragen und damit unsere Erfolgschancen zu
erhöhen.
Nur wenige Monate vor seinem Tod erklärte Präsident Roosevelt: "Wir haben gelernt, daß wir nicht
allein in Frieden leben können, daß unser Wohlergehen vom Wohlergehen weit von uns entfernter
Nationen abhängt." Heute sind diese Worte zutreffender als je zuvor. Dennoch haben einige in unserem eigenen Land, in dem die Vereinten Nationen
gegründet wurden, die klugen Äußerungen Roosevelts als unwesentlich abgetan. Einige von ihnen
räumen ein, daß die Vereinigten Staaten im Ausland

Seite 2

eine starke Rolle übernehmen müssen, weigern sich
jedoch, die nichtmilitärischen Ressourcen bereitzustellen, die unsere Nation zur Wahrnehmung ihrer
Verantwortung benötigt. Andere vertreten die Ansicht, daß Amerika außerhalb seiner Grenzen nur im
Alleingang handeln sollte.
Natürlich müssen die Vereinigten Staaten bereit sein,
notfalls im Alleingang zu handeln. Wir wagen jedoch
nicht, die Vorteile von Koalitionen für diese Nation zu
ignorieren. Wir wagen nicht, jahrzehntealte überparteiliche Einsicht zurückzuweisen. Wir wagen nicht,
jahrzehntealte überparteiliche Unterstützung für
internationale Zusammenarbeit zurückzuweisen. Die
Neoisolationisten, die das tun, ignorieren 50 Jahre
stichhaltiger Beweise.
In jenen Jahren haben wir beobachtet, wie die
Vereinten Nationen beachtliche Fortschritte bei der
Förderung der Interessen unserer Nation und der
Interessen aller Menschen machten. Von Präsident
Truman in Korea bis Präsident Bush am Persischen
Golf stellte Amerika UN-Militärkoalitionen zur Eindämmung von Aggressoren auf. Oftmals setzen die
Streitkräfte der Vereinten Nationen die Arbeit der
amerikanischen Truppen fort.
Wie der Außenminister feststellte, sahen wir das erst
gestern bei den Parlaments- und Kommunalwahlen in
Haiti, die mit Hilfe von Mitarbeitern der Vereinten
Nationen stattfanden. Wir waren Zeuge einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit der Vereinten
Nationen mit den Vereinigten Staaten und dem
haitianischen Volk bei der Schaffung einer Demokratie. Und ihnen wurde jetzt eine zweite Chance zur
Erneuerung dieses Versprechens gegeben.
Auf jedem Kontinent spielten die Vereinten Nationen
eine lebenswichtige Rolle dabei, den Menschen mehr
Freiheit und Sicherheit zu geben. Seit Jahrzehnten
kämpfte die UNO darum, Südafrika wegen seines
Apartheidregimes zu isolieren. Im vergangenen Jahr
gaben unter den wachsamen Augen von UNOBeobachtern Millionen von Südafrikanern, die ihr
Leben lang kein Wahlrecht hatten, erstmals ihre
Stimme für die Freiheit ab.
In Namibia, Mosambik und hoffentlich auch bald in
Angola helfen die Vereinten Nationen den Menschen,
jahrzehntealte Streitigkeiten zu begraben und ihre
Energien für den Aufbau neuer demokratischer
Nationen einzusetzen. In Kambodscha, wo ein
brutales Regime mehr als eine Million Tote auf den
Minenfeldern hinterließ, halfen die Vereinten Nationen
Hunderttausenden von Flüchtlingen bei der Rückkehr
in ihre Heimat und bewachten die demokratischen
Wahlen, die 90 Prozent der Menschen an die Wahlurnen führten. In El Salvador handelten die Vereinten

AMERIKA DIENST 22

�Nationen ein Ende des 12 Jahre währenden blutigen
Bürgerkriegs aus und blieben anschließend im Land,
um bei der Reform des Heeres und des Justizwesens zu helfen und der Demokratie Tür und Tor zu
öffnen.

Nationen, das Auftreten zahlreicher Probleme - die
am besten durch kollektive Aktionen bewältigt werden
können - es den Vereinten Nationen an ihrem 50jährigen Bestehen endlich, die Versprechen ihrer Gründer zu erfüllen.

Vom Persischen Golf bis zur Karibik erwiesen sich
von der UNO verhängte wirtschaftliche und politische
Sanktionen als wirksames, nichtmilitärisches Mittel,
Regime zu isolieren und Aggressoren und Terroristen zumindest für ihre Aktionen bezahlen zu lassen:
Im Irak, um diese Nation an der Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen oder der erneuten
Bedrohung seiner Nachbarn zu hindern. Auf dem
Balkan zur Isolation von Aggressoren. In Nordafrika,
um auf Libyen Druck auszuüben, die des Bombenanschlags auf Pan Am Flug 103 Angeklagten
auszuliefern.

Wenn wir dies jedoch von den Vereinten Nationen
erwarten, müssen wir der Tatsache ins Auge blicken,
daß sie trotz all ihrer Erfolge und Möglichkeiten nicht
so gut funktionieren wie sie sollten. Die Vereinten
Nationen müssen reformiert werden. In diesem
Zeitalter unbarmherzigen Wandels bauen erfolgreiche
Regierungen und Unternehmen kontinuierlich ihre
Bürokratien ab, setzen eindeutigere Prioritäten und
konzentrieren sich auf gezielte Ergebnisse.

Zu den Leistungen der Vereinten Nationen zählen
ein stolzer Kampf gegen die Kindersterblichkeit
sowie gegen menschliches Leiden und Krankheiten
aller Art. Jedes Jahr rettet die Schluckimpfung von
UNICEF drei Millionen Kindern das Leben. Allein im
vergangenen Jahr wurden durch das Welternährungsprogramm mit Hilfe der Beiträge zahlreicher
Regierungen - darunter der unseren - 57 Millionen
hungrige Menschen ernährt. Die Weltgesundheitsorganisation rottete weltweit die Pocken aus und
macht große Fortschritte bei ihrer Kampagne zur
Bekämpfung der Kinderlähmung bis zum Jahr 2000.
Sie trug zur Eindämmung tödlicher Krankheiten wie
dem Ebola-Virus bei, das einen ganzen Kontinent
hätte bedrohen können.
Für Millionen Menschen weltweit sind die Vereinten
Nationen nicht das, was wir nachts im Fernsehen
sehen. Vielmehr sind Je d i j Nahrung, die verhindert, daß ein Kind abends hungrig ins Bett geht, das
Wissen, das einem Landwirt hilft, kargem Boden
große Ernten abzutrotzen, der Schutz, der eine
Familie zusammenhält, die durch Krieg oder Naturkatastrophen vertrieben wurde.
In den letzten 50 Jahren sind diese bemerkenswerten Geschichten zu oft in den Schatten gestellt
worden, und die Handlungsfähigkeit der Vereinten
Nationen wurde allzuoft durch den Kalten Krieg
beschränkt. Als die Kolonialherrschaft zusammenbrach, führten die Differenzen zwischen Entwicklungsländern und Industriestaaten sowie regionale
Rivalitäten zu neuen Spannungen innerhalb der
Vereinten Nationen, so daß in der Generalversammlung oft zu viele Schimpfworte und zu wenige Debatten zu hören waren.
Aber jetzt ermöglichen das Ende des Kalten Krieges,
der starke Trend zu demokratischen Idealen in allen

AMERIKA DIENST 22

In den Vereinigten Staaten schaffen wir Hunderte von
Programmen, Tausende von Bestimmungen ab. Wir
reduzieren unsere Regierung auf die kleinste Größe
seit Präsident Kennedys Amtszeit, während wir
unsere Bestrebungen in den für unsere Zukunft
entscheidendsten Bereichen verbessern. Die Vereinten Nationen müssen ähnliche Schritte unternehmen.
Über die Jahre hinweg sind sie ein zu aufgeblähter
Apparat geworden, ermutigen zu häufig Duplizität und
vergeuden Ressourcen für Sitzungen statt für Ergebnisse. Ebenso wir ihr Verwaltungsrat müssen wir die Mitgliedstaaten - Vereinte Nationen schaffen, die
flexibler sind, schneller operieren, weniger verschwenden und mehr produzieren und die vor allem
Vertrauen unter unseren Regierungen und Völkern
schaffen.
In den vergangenen Jahren konnten wir einige gute
Reformen beobachten - ein neues Überprüfungsbüro
zur Dämpfung der Kosten, eine neues System zur
Beurteilung der Mitarbeiter, einen Anfang zu Modernisierung und Privatisierung. Aber wir müssen mehr
tun.
Die Vereinigten Staaten unterstützen den Vorschlag
des Präsidenten der Generalversammlung, Mr. Essyi,
der heute morgen hier so eloquent gesprochen hat,
eine Blaupause für die Erneuerung der Vereinten
Nationen vorzubereiten und sie zu verabschieden,
bevor die 50. Generalversammlung ihre Arbeit im
nächsten Herbst abschließt.
Wir müssen tiefgreifende strukturelle Veränderungen
erörtern. Die Vereinten Nationen benötigen keine
eigene Behörde mit eigenem Namen, Bürokratie und
eigenem Briefkopf für jedes Problem. Die neuen
Vereinten Nationen müssen das abschütteln, was
nicht funktioniert und sich für das stark machen, was
funktionieren wird.

Seite 3

�Wir müssen uns insbesondere auch die Grenzen der
Friedenssicherung vor Augen führen und von den
Blauhelmen nicht Missionen verlangen, die sie nicht
durchführen können. Friedenssicherung kann nur
Erfolg haben, wenn die Konfliktparteien erkennen,
daß sie von einem Krieg nicht profitieren können.
Wir haben von unseren Friedenstruppen zu häufig
Wunder erwartet, während wir ihnen gleichzeitig die
militärische und politische Unterstützung sowie die
modernen Führungssysteme verweigern, die sie
benötigen, um ihre Arbeit so sicher und effektiv wie
möglich auszuüben. Die Vereinten Nationen müssen
bereit sein, die Herausforderungen von morgen zu
bewältigen. Diejenigen unter uns, die die höchste
Achtung vor den Vereinten Nationen haben, müssen
die Aufgabe der Reform anführen.
Nicht alle Kritiker der heutigen Vereinten Nationen
sind Isolationisten.
Viele unterstützen sie und
würden bereitwillig für die essentielle Arbeit der UN
zahlen, wenn sie davon überzeugt wären, daß ihr
Geld gut angelegt ist. Aber ich verspreche Ihnen
allen, darauf zu achten, daß die Vereinigten Staaten
ihren fairen Anteil unserer gemeinsamen Lasten
übernehmen werden, während wir gemeinsam auf
die Verbesserung der Vereinten Nationen hinarbeiten.
In der Zwischenzeit müssen wir uns daran erinnern,
daß die Vereinten Nationen ein Spiegelbild der von
ihnen vertretenen Nationen sind. Aus diesem Grund
sind sie weit davon entfernt, perfekt zu sein. Sie
werden nicht in der Lage sein, alle Probleme zu
lösen. Aber selbst die Probleme, die sie nicht lösen,
können die Vereinten Nationen sehr wohl im Hinblick
auf ihren Umfang und ihre Reichweite sowie den
Verlust an Menschenleben begrenzen, bis die Zeit
für eine Lösung kommt.
Sich nur aus der Welt zurückzuziehen, ist also unmöglich; den Vereinten Nationen den Rücken zu
kehren, ist keine Lösung. Das wäre kurzsichtig und
selbstzerstörerisch. Es würde die Kräfte der globalen Desintegration stärken. Es würde die Sicherheit,
die Interessen und Werte des amerikanischen
Volkes bedrohen. Daher sage ich speziell an die
Gegner der Vereinten Nationen hier in den Vereinigten Staaten gerichtet, den Vereinten Nationen
den Rücken zu kehren und im Alleingang zu handeln, würde unserem Volk in der Zukunft sehr viel
größere wirtschaftliche, politische und militärische
Bürden auferlegen und die Lektionen unserer
eigenen Geschichte ignorieren.
An diesem 50. Jahrestag der Unterzeichnung der
Charta wollen wir statt dessen unseren Schwur
erneuern, als gute Nachbarn zusammenzuleben.
Und wir wollen eine neue UN-Tagesordnung verein-

Seite 4

baren, um das Vertrauen zu erhöhen, die Unterstützung für die Vereinten Nationen sicherzustellen,
und Frieden und Wohlstand für die nächsten 50
Jahre voranzubringen.
Vor allem müssen die Vereinten Nationen ihre
Bestrebungen zur Isolierung von Staaten und Menschen verstärken, die mit Terror handeln, und diejenigen unterstützen, die weiterhin Risiken für Frieden
angesichts von Gewalt eingehen. Der Bombenanschlag von Oklahoma City, der tödliche Giftgasanschlag von Tokio, die Kämpfe, im Nahen Osten
und in Nordirland Frieden zu schaffen - dies alles
erinnert uns, daß wir uns gegen Terror auflehnen und
diejenigen unterstützen müssen, die sich davon
abwenden. Die jüngste Entdeckung von Labors, die
biologische Waffen für Terroristen herstellen, demonstrieren die gefährliche Verbindung zwischen Terrorismus und Massenvernichtungswaffen.
Im Jahr 1937 forderte Präsident Roosevelt eine
Quarantäne gegen Aggression, um die Blutbahn der
Menschheit vor der Infektion des Faschismus zu
schützen. Heute sollten wir die Terroristen, Terrorgruppen und den Terrorismus unterstützenden
Nationen unter Quarantäne stellen.
Wo Nationen und Gruppen ehrlich versuchen, Reformen und Wandel herbeizuführen, die Ermordung
Unschuldiger zu verhindern, sollten wir sie unterstützen. Wenn sie aber reuelos weitermorden, sollten
wir uns unerschütterlich gegen sie stellen. Meine
Freunde, es gibt keinen Ausweg vor der schwierigen
Tatsache: Wenn Nationen und Gruppen nicht bereit
sind, mit dem Weitermorden aufzuhören, sollten wir
auf kurzfristige Profite für die Menschen in unseren
Ländern verzichten, um sie mit allen Mitteln zu
stoppen.
Zweitens müssen die Vereinten Nationen unsere
Bestrebungen zur Eindämmung von Massenvernichtungswaffen fortsetzen.
Einiges können die
Nationen im Alleingang vollbringen. Die Vereinigten
Staaten und Rußland zerstören heute zügig ihre
Nukleararsenale.
Aber die Vereinten Nationen
müssen ebenfalls eine Rolle spielen. Wir hatten die
Ehre, unter der Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen eine unbegrenzte Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags sicherstellen zu können.
Wir greifen bei der Überwachung von Nationen, die
Nuklearfähigkeiten erwerben wollen, auf UN-Behörden zurück. Wir müssen an der Chemiewaffenkonvention zusammenarbeiten. Wir müssen unsere
gemeinsamen Bestrebungen zur Bekämpfung von
biologischen Waffen verstärken. Wir müssen alles in
unserer Macht Stehende tun, um die Verbreitung von
spaltbarem Material zu bekämpfen. Wir müssen bei

AMERIKA DIENST 22

�konventionellen Waffen wie Landminen zusammenarbeiten, die der Fluch von Kindern auf der ganzen
Welt sind. Und wir müssen einen Vertrag über ein
umfassendes Atomtestverbot abschließen.
Drittens müssen wir über die Vereinten Nationen den
Kampf gegen natürliche und künstliche Kräfte der
Desintegration unterstützen, von Verbrechersyndikaten und Drogenkartellen bis zu neuen Krankheiten und Rodung der Wälder. Diese Feinde sind
schwer greifbar. Sie überqueren die Grenzen nach
Belieben. Nationen können und müssen sich ihnen
alleine stellen. Aber wir wissen - und die Kairoer
Konferenz hat dies bestätigt - daß die effektivste
Opposition starke internationale Zusammenarbeit
und gegenseitige Unterstützung erfordert.
Viertens müssen wir unser Engagement zur Stärkung der UN-Friedenssicherungsmissionen als
wichtiges Instrument für die Abschreckung, Eindämmung und Beendigung gewalttätiger Konflikte
bekräftigen. Die Vereinten Nationen können nie der
absolute Garant des Friedens sein, aber sie können
menschliches Leiden verringern und Frieden fördern.
Fünftens müssen wir das fortsetzen, was allzu häufig
als eine der unwichtigsten Missionen der Vereinten
Nationen angesehen wird: Ihre beispiellosen Anstrengungen an der Frontlinie des Kampfes zur
Bekämpfung der Kindersterblichkeit, von Krankheiten
und menschlichem Leiden.
Und schließlich sollten wir geloben, den Vereinten
Nationen eine lautere Stimme beim Schutz der
menschlichen Würde und grundlegenden Menschenrechte zu verleihen. Nicht zuletzt bildeten sie das
Kernstück der Gründung dieser großartigen Organisation.
Heute ehren wir die Männer und Frauen, die den
Vereinten Nationen Gestalt verliehen haben. Wir
feiern 50 Jahre der Errungenschaften. Wir verpflich-ten uns zu wirklichen Reformen. Wir wehren
uns gegen den Sirenengesang der Neoisolationisten.

*

AMERIKA DIENST 22

Wir stellen eine klare Tagesordnung auf, die der
Visionen unserer Gründerväter würdig ist. Unsere
Generation wird daran gemessen werden, ob wir
aufgeben, weil wir keine perfekte Welt schaffen
können, oder ob wir den Aufbau einer besseren Welt
anstreben.
Heute vor 50 Jahren erinnerte Präsident Truman die
Delegierten daran, daß die Geschichte nicht mit der
Niederlage Hitlers endete. Er sagte, es sei leichter,
Tyrannen zu beseitigen und Konzentrationslager zu
zerstören, als die Ideen auszumerzen, die sie ins
Leben riefen. Der Sieg auf dem Schlachtfeld war
unerläßlich, aber er ist nicht gut genug für einen
dauerhaften, guten Frieden.
Heute wissen wir, daß die Geschichte nicht mit dem
Kalten Krieg endete. Wir wissen und haben aus
leidvoller Erfahrung gelernt, daß Unzulänglichkeit und
Bösartigkeit Teil der menschlichen Natur sein werden,
solange es Menschen auf der Erde gibt. Es wird
Ermordungen, Grausamkeit, selbstzerstörerischen
Mißbrauch unserer Umwelt, Verleugnung der uns alle
konfrontierenden Probleme geben. Aber wir wissen
auch, daß heute hier in dieser historischen Kammer
die Herausforderung der Schaffung eines guten und
dauerhaften Friedens in unserer Hand liegt und in
greifbare Nähe gerückt ist.
Wir dürfen nicht vergessen, daß jedes gerettete Kind,
jeder beherbergte Flüchtling, jede verhinderte Krankheit, jede niedergerissene Schranke gegen Gerechtigkeit, jedes in eine Pflugschar verwandelte Schwert
uns der Vision unserer Gründerväter näherbringt Frieden, Freiheit und Würde.
Wir dürfen also nicht den Mut verlieren. Wir wollen
neue Stärke, Energie und Kraft aus den erzielten
Fortschritten und den so offen vor uns liegenden
Chancen schöpfen. Wir wollen Nein zu Isolationismus, Ja zu Reformen, Ja zu einer mutigen, ehrgeizigen neuen Tagesordnung sagen. Vor allem
sollten wir Ja zu dem Traum von den Vereinten
Nationen sagen.

* * *

*

Seite 5

�NATO/OSZE
5. Juli 1995

NATO versus OSZE - Welche Organisation kann einen
größeren Beitrag für die Sicherheit Europas leisten?

Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
POTSDAM - (AD) - J.D. Bindenagel, Gesandter der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik
Deutschland, hielt am 26. Juni 1995 eine Ansprache vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Potsdam,
die wir nachfolgend veröffentlichen.

Herr Meckel,
Herr Staack,
meine Damen und Herren,
herzlichen Dank für die Gelegenheit, heute abend zu
Ihnen sprechen zu können. Als ehemaliger Gesandter der Vereinigten Staaten in der Deutschen Demokratischen Republik ist es immer ein großes Vergnügen, wieder in dieser schönen Stadt zu sein, mit
der mich viele angenehme Erinnerungen verbinden.
Ich bin besonders dankbar, daß die Deutsche
Atlantische Gesellschaft, mit der ich in der alten
Bundesrepublik über Jahre hinweg so eng zusammengearbeitet habe, jetzt im östlichen Teil Deutschlands so aktiv ist. Es gibt dort einen enormen
Nachholbedarf.
Der Arbeitskreis Brandenburg
schätzt sich außerordentlich glücklich, einen ehemaligen Außenminister als Leiter zu haben - einen
Mann, der bei der deutschen demokratischen
Revolution, während der letzten, demokratischen
Phase der DDR und jetzt in der "Berliner Republik" dem demokratisch vereinten Deutschland - eine
konstruktive Schlüsselrolle spielte. Herr Meckel,
herzlichen Dank für Ihre Einladung.
Zu Beginn möchte ich anmerken, daß mir die
Formulierung der von uns erörterten Frage: "NATO
versus OSZE - Welche Organisation kann einen
größeren Beitrag für die Sicherheit Europas leisten?"
nicht gefällt. Die NATO und die OSZE stehen nicht
im Gegensatz zueinander. Es ist nicht eine Frage
des entweder/oder. Beide sind wichtig. Beide sind
notwendig. Zusammen mit der Europäischen Union

AMERIKA DIENST 22

sind sie unabdingbare Bausteine unserer Strategie für
europäische Sicherheit.
Anfang dieses Monats erklärte Außenminister Christopher in Madrid: "Diese Strategie hat fünf Schlüsselelemente: Anpassung und Erweiterung der NATO,
Stärkung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, Unterstützung der europäischen Integration und der EU-Erweiterung, Verbesserung einer europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität als Ergänzung zur NATO sowie die
Einbeziehung Rußlands in die europäischen Sicherheitsstrukturen."
Aber dann - und dies ist äußerst wichtig für unsere
heutige Diskussion - fügte der Außenminister hinzu:
"Die NATO ist weiterhin der zentrale Sicherheitspfeiler für Europa und die Kerninstitution für die
Verbindung der Sicherheit Nordamerikas mit der
Europas." Sie sehen also, daß er in gewisser Weise
Ihre Frage aus amerikanischer Sicht beantwortet hat.
Die OSZE ist sehr wichtig - ein Punkt, auf den ich
gleich zurückkommen werde - aber die NATO ist von
zentraler Bedeutung.
Das Atlantische Bündnis hat als politische Gruppierung von der Förderung gemeinsamer Werte und der
Verteidigung gemeinsamer Interessen verpflichteter
Nationen seinen Mitgliedern ermöglicht, die größte
Gemeinschaft von Frieden und Wohlstand der
Geschichte aufzubauen.
Es hat vorher zahlreiche Versuche zur Schaffung
eines dauerhaften Systems der europäischen Sicherheit gegeben. Der Wiener Kongreß trug nach

Seite 1

�Napoleon nahezu ein Jahrhundert lang zur Verhinderung eines europäischen Krieges bei. Der ohne
amerikanische Beteiligung umgesetzte Vertrag von
Versailles hielt nur eine Generation. Mit dem unerschütterlichen Engagement der Vereinigten Staaten für die Sicherheit Deutschlands und Europas
garantierte die NATO einen stabilen Frieden, gegenseitige Sicherheit und den Triumph westlicher Werte.
Am wichtigsten ist jedoch, daß sich die NATO im
Gegensatz zu früheren Bündnissen der Geschichte
nicht auflöste, nachdem die anfängliche Arbeit getan
war. Die NATO ist und bleibt die Hauptinstitution
des amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit. Durch diese Institution werden die
Vereinigten Staaten auch in Zukunft mit aus Prinzipien und Erfahrung hergeleiteter Unterstützung in
Europa engagiert bleiben.
Im vergangenen halben Jahrhundert hat das Atlantische Bündnis NATO eine Zone des Friedens, der
Stabilität und Sicherheit in Westeuropa geschaffen.
Wir möchten diese Zone des Friedens, der Stabilität
und Sicherheit jetzt erweitern, damit sie ganz Europa
einbezieht. Stabilität in Europa ist das entscheidende Ziel der NATO-Erweiterung. Sie ist nicht gegen
irgend jemanden gerichtet. Sie beabsichtigt nicht,
neue Trennlinien zu ziehen.
Die NATO hat im Bündnis einen Prozeß der Prüfung
eingeleitet, um herauszufinden, wie diese Erweiterung stattfinden kann und von welchen Prinzipien sie
geleitet sein wird. Dies beinhaltet folgendes:
Die Erweiterung wird schrittweise, sorgfältig
geplant und transparent vollzogen. Alle Parteien
werden konsultiert, es wird keine Überraschungen geben.
Es sollte keine voreilige Diskussion des Zeitrahmens für die Erweiterung oder über den Namen
spezifischer Länder geben, die Kandidaten für die
Mitgliedschaft sind. Die Betonung liegt auf dem
Wie und Warum der Erweiterung, noch nicht auf
dem Wer und Wann.
Neue Mitglieder müssen alle mit der Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und Pflichten
übernehmen.
Sie müssen Marktwirtschaften
haben und sich einer verantwortungsbewußten
Sicherheitspolitik verpflichten. Und sie müssen in
der Lage sein, einen Beitrag zur Sicherheit des
nordatlantischen Raums zu leisten.
Kein Nichtmitgliedstaat wird ein Vetorecht bezüglich der Mitgliedschaft eines anderen Landes
im Bündnis haben.

Seite 2

Die Partnerschaft für den Frieden ist ein Schlüsselelement im Prozeß der NATO-Erweiterung. Seit ihrer
Gründung im Januar 1994 war die Partnerschaft das
beste Mittel für die neuen Demokratien Europas,
Beziehungen zur NATO zu entwickeln.
Für einige dieser neuen Partner wird die PFF der
sicherste und schnellste Weg zur NATO-Mitgliedschaft sein. Für andere bietet sie den konkreten
Beweis, daß die NATO um ihre Sicherheit besorgt ist.
Für noch andere wird sie vornehmlich das Mittel für
die Zusammenarbeit mit der NATO - und anderen
PFF-Mitgliedern - in Bereichen wie Friedenssicherung
und humanitärer Hilfe sein.
Obwohl die Partnerschaft für den Frieden erst seit
anderthalb Jahren existiert, hat sie bereits viel
bewirkt. Derzeit gehören ihr 26 Länder an. Mehrere
gemeinsame Manöver wurden abgehalten und
weitere sind geplant. Die Partnerschaft für den
Frieden entwickelt sich zu einem wichtigen Merkmal
in der europäischen Sicherheitslandschaft.
Parallel zur NATO-Erweiterung unterstützen die
Vereinigten Staaten auch die Erweiterung der Europäischen Union. Da die NATO die Grundlage für die
Sicherheit aller EU-Staaten ist, sollten sich die
Erweiterung von NATO und EU gegenseitig unterstützen.
Wie ich bereits sagte, richtet sich dieser Prozeß
gegen niemanden. Präsident Clinton erklärte: "Die
NATO-Erweiterung sollte ... die Sicherheit aller
europäischen Staaten erhöhen - von Mitgliedern und
Nichtmitgliedern gleichermaßen. Parallel zu ihrer
Erweiterung muß die NATO enge und starke Bindungen zu einem demokratischen Rußland entwickeln."
Die Zusammenarbeit mit Rußland beinhaltet natürlich
auch eine Stärkung der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa. Der OSZE gehören
alle europäischen Staaten sowie Kanada und die
Vereinigten Staaten an. Sie bietet allen 53 Mitgliedstaaten - von Vancouver bis Wladiwostok - einen
Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von
Fragen. Sie stellt ein Forum dar, von dem die
Staaten einen ernsthaften Umgang mit ihren Sicherheitsanliegen erwarten können. Anstatt ein
bestimmtes Verhalten durch gesetzliche oder militärische Aktionen zu erzwingen, strebt die OSZE die
Schaffung von Sicherheit durch den Aufbau neuer
Formen der Zusammenarbeit an.
Diese Methode hat im Verlauf der letzten beiden
Jahrzehnte bemerkenswerte Ergebnisse gezeitigt.
Sie machte Menschenrechte zu einem legitimen
Thema bei den internationalen Debatten. Sie definierte gemeinsame demokratische Standards, die

AMERIKA DIENST 22

�jetzt im Prinzip von allen Ländern in Europa akzeptiert werden. Sie schrieb zwingend vor, daß existierende Grenzen ohne die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung nicht verändert werden dürfen.
Die OSZE ist ein Ort, an dem alle Staaten, einschließlich der nicht der NATO angehörenden Länder ihren Präferenzen und Sorgen über die Gestalt
der zukünftigen europäischen Strukturen Ausdruck
verleihen können.
Die Vereinigten Staaten befürworten jedoch eine
klarer definierte Mission der OSZE. Unseres Erachtens sollte diese Organisation mehr Ressourcen
und mehr Macht erhalten, insbesondere bei der
Verhütung einer Eskalation von Konflikten.
Die Konsultationsprozesse und politischen Mechanismen der OSZE sollten effektiver gestaltet werden.
Wir möchten ihre Befugnisse beim Krisenmanagement erhöhen. Wir schlagen vor, daß unter ihrer
Schirmherrschaft ein integrierter Rahmen für die
Watfenkontrolle geschaffen wird.
Die Vereinigten Staaten sind fest davon überzeugt,
daß die OSZE eine bessere Definition ihrer Rolle
benötigt, um in der Öffentlichkeit stärker anerkannt
zu werden. Sie sind der Ansicht, daß die OSZE
mehr unternehmen muß, um die Öffentlichkeit über
die Organisation, ihre Aufgaben und Bedeutung zu
informieren. Das würde ihre Rolle im Bereich der
europäischen Sicherheit verstärken.
Durch eine enge Zusammenarbeit mit der NATO,
der EU und den Vereinten Nationen kann die OSZE
die unerläßliche Basisarbeit bei der Konfliktverhütung übernehmen und gleichzeitig die neuen demokratischen Staaten in eine größere Staatengemeinschaft integrieren.

darstellt. Nach anfänglichem Widerstand hat Rußland der Zusammenarbeit mit der OSZE-Mission
zugestimmt und die Lieferung humanitärer Hilfsleistungen gestattet. Von noch größerer Bedeutung
ist, daß die OSZE jetzt in dem Bestreben mit den
Russen und Tschetschenen am Verhandlungstisch
sitzt, eine echte politische Lösung zu erzielen.
Bevor ich meine Ausführungen beende, möchte ich
noch einen weiteren Punkt betonen: Die nordatlantische Gemeinschaft ist nicht das Werk der letzten 50
Jahre. Sie ist keine Reaktion auf eine spezifische
Bedrohung. Sie existiert, seit die ersten Europäer vor
mehr als fünf Jahrhunderten in Nordamerika ankamen.
Gemeinsam repräsentieren wir einige der stärksten,
erfolgreichsten Demokratien der Welt. Wir halten
Frieden und Freiheit in Ehren. Wir schützen die
Menschenrechte innerhalb unserer Grenzen und
fördern sie im Ausland. Wir respektieren die Souveränität der Grenzen. Wir befürworten Wahlfreiheit
und freie Märkte.
Gemeinsam haben wir viel unternommen, um Freiheit, Frieden und Wohlstand weltweit zu schützen
und auszuweiten. Aus diesem Grund sind unsere
Organisation - deren Name die Idee der atlantischen
Gemeinschaft enthält - und diese Diskussionen so
wichtig. Wir alle sind Erben - und Treuhänder - eines
großen Vermächtnisses.
In einer Rede in der Frankfurter Paulskirche vor 32
Jahren - die die Menschen in diesem Teil Deutschlands nicht hören durften - machte John F. Kennedy
einige Äußerungen, die meines Erachtens heute
ebensolche Gültigkeit haben wie damals:
"... Unsere beiden Länder und Kontinente sind
bei den Aufgaben des Friedens und des
Krieges untrennbar miteinander verbunden.

Das Potential der OSZE zur Lösung oder zumindest
Abschwächung von Konflikten wurde durch ihre
Rolle in Nagornyj Karabach hinreichend unter
Beweis gestellt.
Die Organisation war an der
Aushandlung einer Lösung dieses langwierigen und
schwierigen Problems aktiv beteiligt. Sie konnte das
Vertrauen beider Seiten sowie Rußlands gewinnen.
In der Tat haben Rußland und die OSZE vereinbart,
gemeinsame Anstrengungen bei den Verhandlungen
zu unternehmen und die gemeinsame Unterstützung
friedenssichernder Truppen in der Region zugesagt,
sobald eine politische Lösung erzielt wurde.

Wir sind Partner für den Frieden - nicht in
einem engen bilateralen Kontext, sondern im
Rahmen der atlantischen Partnerschaft. Der
Ozean trennt uns weniger, als das Mittelmeer
die alten Welten von Griechenland und Rom
trennte ... Unsere Rollen unterscheiden und
ergänzen sich - und wir verfolgen dieselben
Ziele: Frieden und Freiheit für alle Menschen,
für alle Zeit, in einer Welt des Wohlstands, in
einer Welt der Gerechtigkeit."

Ein weiteres Zeichen für das Potential der OSZE ist
ihre derzeitige Rolle im Krieg in Tschetschenien, wo
sie die einzige offizielle internationale Präsenz

Mit diesen eloquenten und zeitlosen Worten gebe ich
das Wort wieder zurück an Sie, Herr Meckel. Ich
danke Ihnen.

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Seite 3

�USA-DEUTSCHLAND
5. Juli 1995

Gemeinsame Erfahrungen und neue Wege
der Zusammenarbeit
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Ansprache, die der Gesandte der Botschaft der Vereinigten
Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, am 20. Juni 1995 vor der Aspin Commission hielt.

Herzlichen Dank, daß Sie heute abend so zahlreich
erschienen sind. Das heutige Abendessen findet zu
Ehren der Aspin Commission statt, die das Werk des
verstorbenen Les Aspin fortsetzt. Die Commission
erfüllt eine wichtige Aufgabe: Sie ist Berater des
Präsidenten bei der Umstrukturierung der US-Regierung.
Ein Schlüsselelement der Umstrukturierung wird
darin bestehen, von unseren engsten Verbündeten
wie Deutschland zu lernen. Während der vergangenen Tage hatten Sie die Möglichkeit zu einer Koordinierung der Politik, zum Gedankenaustausch und
zur Erörterung neuer Wege der strategischen
Zusammenarbeit, um Frieden und Wohlstand nach
der demokratischen Revolution von 1989/91 zu
sichern.
Ich hoffe, daß wir in unseren Gesprächen auch die
deutsch-amerikanischen Beziehungen ansprechen
können. Deutschland ist ein Freund und ist zu
einem strategischen Partner geworden. Was heißt
das? Betrachten Sie sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen heute und die Geschichte dieser
Beziehungen.
Nach der "Stunde Null" von 1945 teilten wir vierzig
lange Jahre die Last der Verteidigung der Grenzen
der Freiheit gegen die sowjetische Bedrohung. Vor
kurzem habe ich das "Haus der Geschichte" besucht
und war beeindruckt, sogar berührt davon, wie stark
Deutsche und Amerikaner während des Kalten
Krieges an der Gestaltung der Geschichte beteiligt
waren. Dieses zeitgenössische Museum vermittelt
einen Eindruck unserer gemeinsamen Erfahrungen
über Jahrzehnte hinweg, vom Marshallplan bis zum
Hula hoop, von der spannungsgeladenen Machtprobe am Checkpoint Charlie bis zu Elvis Presleys
Armeedienst, von Anti-Vietnamdemonstrationen bis
zur Stationierung von Mittelstreckenraketen. Alle

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diese Ereignisse führten zur Wiedervereinigung
Deutschlands vor wenigen Jahren.
Ein Besuch im Bundestag in einem bescheidenen
Gebäude, in dem die deutsche Demokratie dauerhaft
Fuß faßte, wird Ihre Meinung bestätigen, daß dies die
Institution ist, die den Geist der Demokratie in
Deutschland verkörpert. Die Bundesregierung geht
zurück in die Hauptstadt Berlin am Ufer der Spree.
Aber die durch diese kleine Stadt am Rhein symbolisierten Perspektiven und Einstellungen - das
Engagement für gemeinsame westliche Werte werden in den Herzen und Köpfen fortdauern.
Niemals war diese deutsch-amerikanische Solidarität
der Werte offenkundiger als in der "Stunde der
Wahrheit" im Herbst 1989, als die friedliche Revolution von Männern und Frauen die Diktatur hinwegfegte und der Welt den Weg eröffnete, wieder frei atmen
zu können. Ich weiß es. Ich war dort.
Erinnern Sie sich an den Hintergrund. In einem
Leitartikel vom 20. August 1989 stellte die "Washington Post" fest, wenn die offensichtlich zerfallende
Sowjetunion ihr immer noch mächtiges Militär irgendwo einsetzen würde, dann in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik. Wir kannten das
NATO-Szenarium für den Ausbruch des Dritten
Weltkriegs. Wir hatten sogar ein "Der Dritte Weltkrieg" genanntes Spiel. Wie begann der Krieg? Mit
einem Aufstand in der DDR.
Am 3. Oktober jenes Jahres griff die Volkspolizei in
Dresden brutal Demonstranten an, die Züge mit
Flüchtlingen aus Prag auf dem Weg in die Freiheit in
Hof in Bayern blockierten. Vier Tage später beging
das Regime in Ostberlin seinen vierzigsten - und
letzten - Geburtstag. Nachdem Gorbatschow an
jenem Abend die Rückreise nach Moskau angetreten
hatte, attackierte, verhaftete und verhörte die mit

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�Schlagstöcken und Hunden ausgerüstete Volkspolizei Tausende, die vor der Gethsemane-Kirche in
Ostberlin demonstrierten. Trotz der lebendigen,
lebhaften Erinnerungen an die gewalttätige Unterdrückung friedlicher Demonstranten - mit sowjetischen Panzern - am 17. Juni 1953 begaben sich am
9. Oktober in Leipzig Tausende von Bürgern auf die
Straße und riefen nach Wandel.
Angesichts des von den Massen in ganz Ostdeutschland gezeigten Mutes geriet das DDRRegime in Panik. Dieses Mal rollten keine Panzer,
und es wurden keine Schüsse abgegeben. Das
Regime vollzog eine unerwartete Wende und verabschiedete ein Reisegesetz, das die Freiheit für die
Ostdeutschen erhöhte.
Am 9. November 1989, einem Tag, der in die
Geschichte einging, unternahm das Regime einen
letzten verzweifelten Versuch, sich durch eine
Öffnung seiner Grenzen - anstatt mit Hilfe sowjetischer Panzer - politische Legitimität zu verschaffen.
Der Versuch scheiterte. Der ganzen Welt - und den
meisten Bürgern Ostdeutschlands - wurde das DDRRegime als inhaltslose, korrupte, gescheiterte
Diktatur offenbart.
Die Menschen gingen aufs
Ganze. Die Berliner Mauer fiel.
Außenminister Baker kam im Dezember 1989 nach
Berlin und hielt dort eine Grundsatzrede. Während
seines Besuchs sprach er sich für die Zustimmung
der DDR-Regierung zu freien und fairen Wahlen
aus, die er erhielt. Die Wahlen wurden schon drei
Monate später abgehalten und führten zur einzigen,
frei gewählten DDR-Regierung mit einem Mandat für
eine rasche Wiedervereinigung.
Noch vor diesen Wahlen eröffneten die Vereinigten
Staaten ein neues Konsulat in der Heldenstadt
Leipzig. Wir ließen weder öffentlich noch privat in
unserer stetigen Unterstützung für die deutsche
Vereinigung nach. Wie ein ehemaliger Kollege,
Richard Smyser, mich kürzlich erinnerte, lehrt uns
die Geschichte jedoch, daß Siege die Beziehungen

zwischen Staaten ebenso bedrohen wie Niederlagen. Nur das sorgfältige Engagement für ein
gemeinsames Ziel und eine koordinierte Politik
können einen Erfolg in der Zukunft sichern.
Der Einigungsprozeß führte zu einer neuen, souveränen, politisch legitimierten
Bundesrepublik
Deutschland. Sicher, die Hauptstadt ist Berlin
anstatt Bonn, und der innere Heilungsprozeß wird
noch Jahre erfordern.
Mit deutlicher Unterstützung der Vereinigten Staaten
wurde Deutschland nach monatelangen Zwei-plusVier-Verhandlungen am 3. Oktober 1990 wiederver-

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einigt. Endlich kam die lange Teilung Deutschlands
und anschließend unweigerlich die Spaltung Europas
zu einem Ende. Der Westen und seine Werte
triumphierten - überwältigend.
Es dauerte zwei Generationen, bis der Triumph über
ein geteiltes Europa erzielt wurde. Während dieser
Zeit unterstützten die Vereinigten Staaten entschlossen die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland sowie das Prinzip der deutschen Einheit. Als
der Augenblick gekommen war, standen wir an der
Seite der Deutschen im Osten dieses Landes bei
ihrem Streben nach Freiheit.
Das neue Deutschland ist in vieler Hinsicht die
Verkörperung und Fortsetzung der alten Bundesrepublik, die sich resolut und unbeirrbar dem Westen
und der transatlantischen Gemeinschaft verschrieb.
Sie hat jetzt dieser soliden Grundlage eine zweite
starke Säule hinzugefügt: Die Kraft und Ideale der
demokratischen Revolution, die eine brutale Diktatur
mit dem Ruf hinwegfegte: "Wir sind das Volk", und
anschließend "Wir sind ein Volk".
Jetzt müssen wir eine Macht besiegen, die stärker ist
als die ehemalige Sowjetunion: Die Macht der
Geschichte. Die Geschichte wurde dazu benutzt, den
Widerstand gegen die deutsche Vereinigung zu
rechtfertigen und wird jetzt beim Krieg im ehemaligen
Jugoslawien eingesetzt. Präsident Clinton erklärte im
Juli vergangenen Jahres vor dem Brandenburger Tor:
"Amerika steht an Ihrer Seite, jetzt und für immer."
Diese Verpflichtung für ein gemeinsames Ziel ist
eindeutig. Wir stehen an der Seite des vereinigten
Deutschland, das seinen Platz und seine zunehmend
wichtige Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft, der NATO, der Europäischen Union, den
Vereinten Nationen, der Welthandelsorganisation
akzeptiert. Wir arbeiten gut und intensiv mit Deutschland an der Erweiterung und Sicherung der neuen
Grenzen der Freiheit im Osten sowie an der Beendigung des Krieges in Bosnien. Gemeinsam reichen
wir einem Rußland die Hand der Freundschaft, das
sich um die Überwindung des lähmenden Vermächtnisses seiner Vergangenheit bemüht.
Aus diesen gemeinsamen Erfahrungen entwickelten
die Vereinigten Staaten und Deutschland ein Vertrauensverhältnis, das sich in vielen Krisen bewährte
und die Zeit überdauerte. Dieses Vertrauen gewährt
uns Zugang zueinander, zu unseren Gedanken und
Wünschen. Jeder von uns ist eigenständig, unabhängig und souverän, aber wir sind auch eine
Familie. Familien sind im Vertrauen geeint. Familienmitglieder wissen, daß sie sich aufeinander
verlassen können, wenn es hart auf hart geht. In

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�einer Familie kann man sich sogar wichtige Geheimnisse mitteilen.

Ich bitte Sie, gemeinsam mit mir das Glas zu erheben
- auf die Mitglieder und Mitarbeiter der Aspin Commission und den Erfolg Ihrer Mission.

* * * * *

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�4. J U L I
5. Juli 1995

Clinton fordert die Amerikaner auf,
an den Gründungsprinzipien festzuhalten
Erklärung des Präsidenten zum Unabhängigkeitstag
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton forderte das amerikanische Volk in seiner Erklärung zum
Unabhängigkeitstag am 4. Juli auf, den "hehren Prinzipien fest verhaftet" zu bleiben, auf denen Amerika
gegründet wurde und sich zu gemeinsamen Fortschritten zu verpflichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Erklärung des Präsidenten.

Ich freue mich außerordentlich, zusammen mit
meinen amerikanischen Mitbürgern den Unabhängigkeitstag zu feiern.
Die Feiern aus Anlaß des Geburtstags der weltweit
größten Demokratie am Vierten Juli sind ein Zeugnis
dessen, was an Amerika einzigartig ist. Unsere
Nation, die aus dem Mut unserer Gründerväter
entstand und seither vom Geist und der Opferbereitschaft jeder Generation aufrechterhalten wurde, hat
ein stolzes Vermächtnis der Freiheit geschaffen. Am
heutigen Tag feiern Millionen unserer Bürger gemeinsam mit Freunden und Angehörigen bei Picknicks und Paraden die Segnungen der Freiheit.
Menschen aller Herkunft lassen gemeinsam die
Energie und den Optimismus hochleben, die uns als
Volk definieren.

Wir sind gesegnet, denn unser Land ist besser als
jedes andere in der Lage, sich Herausforderungen zu
stellen und die Chancen des nächsten Jahrhunderts
zu ergreifen. Den hehren Prinzipien fest verhaftet,
auf denen Amerika gegründet wurde, müssen wir mit
derselben Freiheitsliebe, mit Vertrauen in die Gerechtigkeit und entschlossenem Engagement, gemeinsam
Fortschritte zu erzielen, in die Zukunft blicken. Diese
Ideale, die uns durch mehr als zwei Jahrhunderte der
Herausforderungen und des Wandels begleitet
haben, werden uns einer Zukunft der Hoffnung, des
Wohlstands und Friedens noch näher bringen.
Mit den besten Wünschen für einen wunderschönen
Feiertag.

* * * *

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*

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�4. J U L I
5. Juli 1995

Die Vereinigten Staaten feiern ihre Unabhängigkeit
Die Feierlichkeiten und ihr Ursprung
WASHINGTON - (AD) - E pluribus unum - aus vielen eins. Dieses Motto brachte ein Patriot während des
Unabhängigkeitskrieges auf dem amerikanischen Nationalwappen an. Bis heute feiert Amerika mit nahezu
religiösem Eifer das am 4. Juli 1776 Errungene - Unabhängigkeit, Freiheit und Souveränität.

Die Art, in der Amerikaner den Geburtstag ihrer
Nation feiern, ist jedoch so unterschiedlich und
individualistisch wie sie selbst. Sie feiern ihn mit
Freunden, der Familie, mit Fremden zu Hause und
im Ausland, mit Mitbürgern und Ausländern. Es ist
eine Tradition, die so alt und in der amerikanischen
Psyche verankert ist wie das Land. "So möge der
Vierte Juli, dieser glorreiche und denkwürdige Tag,
in ganz Amerika von den Söhnen der Freiheit bis
ans Ende der Zeit gefeiert werden", schrieb ein
amerikanischer Revolutionär.
Aber genau welches Ereignis feiern die Amerikaner
eigentlich? Was macht diesen "amerikanischsten
aller Feiertage" zum Fundament einer ganzen
Gesellschaft? Wie verbindet er Amerikaner ungeachtet ihrer Herkunft und Überzeugungen miteinander?
Amerikaner mögen Zustimmung oder
Ablehnung zeigen - dies gehört zu ihren unveräußerlichen Rechten - aber sie stimmen alle zu, am
4. Juli die Unabhängigkeit zu feiern. Der Kongreßabgeordnete Lee Hamilton beschrieb die Vielfalt der
Feierlichkeiten als "eine wunderbare Geburtstagsfeier für unser Land... Wir feiern auf viele verschiedene Arten, aber all diese Aktivitäten drehen sich um
Familie und Freunde."
Wenn Amerikaner den 4. Juli begehen, erinnern sie
sich daran, daß "unsere Gründerväter in Perücke
und spitzenverziertem Gehrock zusammenkamen
und unter großen Anstrengungen debattierten. Vor
der Erfindung der Klimaanlage und Insektenbekämpfungsmittel knüpften sie in der schlammigen und von
Insekten erfüllten Hitze Philadelphias vorsichtig und
kunstvoll unser nationales Gewebe", schrieb John
Updike.
Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung wurden
unsere "Gründerväter" nicht mit dem tief in ihr
Bewußtsein eingegrabenen Ideal der Unabhängigkeit
von Großbritannien geboren; es wurde ihnen durch

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die Umstände aufgezwungen. Die Weite des Ozeans, der die 13 amerikanischen Kolonien vom britischen Mutterland trennte, schuf unzählige Spannungen zwischen den unternehmungslustigen Siedlern
und ihrem englischen König. Die Siedler wollten
unter anderem im britischen Unterhaus vertreten sein,
während König George III danach trachtete, daß "die
Provinzen zumindest einen Teil der enormen Kosten
trugen, die zur Verteidigung der englischen Kolonien
in der Neuen Welt erforderlich" waren. Die Siedler
hielten König George bald nicht mehr für einen
"gütigen Herrscher", sondern für ein "königliches
Scheusal".
Am 7. Juni 1776 sprach der Abgeordnete aus Virginia, Richard Henry Lee, die drängendste Frage an,
die je dem Zweiten Kontinentalkongreß vorgelegt
worden war.
Er behauptete, "diese vereinigten
Kolonien sind freie und unabhängige Staaten, und
sollten das auch von Rechts wegen sein; sie sind von
jeglicher Bindung an die Britische Krone befreit, und
alle politischen Bindungen zwischen ihnen und dem
Staat Großbritannien sind vollkommen durchtrennt
und sollen es auch sein."
Thomas Jefferson, John Adams, Benjamin Franklin,
Roger Sherman und Robert Livingston wurden vom
Kongreß dazu ausersehen, eine offizielle Unabhängigkeitserklärung zu entwerfen.
Das Dokument
bekräftigte, was seit mehr als zwei Jahrhunderten der
Kern der politischen Ideologie der Vereinigten Staaten ist:
"Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: daß alle Menschen gleich geschaffen sind; daß sie von ihrem Schöpfer mit
gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu Leben, Freiheit und das
Streben nach Glück gehören; daß zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den
Menschen eingesetzt werden, die ihre recht-

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�mäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; daß, wann immer irgendeine
Regierungsform sich als diesen Zielen abträglich erweist, es Recht des Volkes ist, sie
zu ändern oder abzuschaffen und eine neue
Regierung einzusetzen."
Am 4. Juli 1776 ratifizierten Vertreter aus zwölf
Kolonien das Dokument, die 13. Kolonie unterzeichnete es am 9. Juli. Der Kongreß hatte theoretisch
erklärt, jeder Amerikaner habe das Recht auf eine
Beteiligung an der Regierung. Als die Erklärung auf
dem "Independence Square" in Philadelphia laut
vorgelesen wurde, feierten die Bürger dieses Ereignis mit Jubel, Paraden und Glockengeläut. Die
Gründerväter hatten ein neues Land konzipiert, das
aber noch in den Geburtswehen lag.
Eine leidenschaftliche Begeisterung für die Unabhängigkeit faßte in den Kolonien festen Fuß, und
Amerika befand sich bald im Krieg mit der größten
westlichen Macht des 18. Jahrhunderts - Großbritannien. "Der Baum der Freiheit muß von Zeit zu
Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen
gegossen werden", schrieb Thomas Jefferson. Es
bedurfte großer Entschlossenheit, bis aus der
revolutionären Bewegung die Vereinigten Staaten
hervorgingen. Im Oktober 1781 ergaben sich die in
den Kolonien kämpfenden britischen Truppen in
Yorktown der Kontinentalarmee und beendeten
damit den Kampf Großbritanniens um die Beibehaltung seiner Besitztümer in der "Neuen Welt".
Innerhalb eines Jahrzehnts wählten die Amerikaner
ihren ersten Präsidenten, den Held aus dem Unabhängigkeitskrieg - George Washington.
Die Amerikaner benötigten nicht viel Zeit, um sich
der Bedeutung ihres neuen Nationalfeiertags bewußt
zu werden. Am 2. Juli 1777 wurde erstmals der
Vierte Juli gefeiert.
Die "Gründerväter" waren
vielleicht etwas übereifrig mit der Festlegung des
nationalen Geburtstags, aber das Datum wurde bald
auf den Vierten des Monats festgesetzt - den Tag,
an dem die Unabhängigkeitserklärung ratifiziert
worden war.

*

Seite 2

*

Der Vierte Juli ist nicht nur der Jahrestag eines
bestimmten Ereignisses, sondern eine Übung in
amerikanischer Freiheit. Die Vielfalt dieses Feiertags
erklärt vielleicht seine nahezu universelle Anziehungskraft auf die Amerikaner. "Freiheit", schreibt
der zeitgenössische Sozialwissenschaftler Robert
Bellah, "ist vielleicht der am stärksten nachhallende
und hochgehaltene Wert. Sie definiert in gewisser
Weise das Gute im Privatleben und in der Politik.
Dennoch läuft Freiheit darauf hinaus, daß man von
anderen allein gelassen wird, sich nicht ihre Werte,
Ideen oder ihren Lebensstil aufzwingen läßt, man bei
der Arbeit, in der Familie und der Politik frei von
willkürlicher Autorität ist. Es ist für Amerikaner viel
schwieriger zu definieren, was mit dieser Freiheit
gemacht werden könnte."
John Adams erklärte über den Vierten Juli, er solle
"von jetzt an auf ewig mit Pomp und Paraden, mit
Darbietungen, Spielen, Sport, Salutschüssen, Glokkengeläut, Freudenfeuern und Feuerwerk auf dem
gesamten Kontinent gefeiert werden". Jeden Sommer wird das Herannahen des Nationalfeiertags mit
dem Hissen der Flagge, Picknicks am Nachmittag
und dem Verkauf großer Mengen von Feuerwerkskörpern eingeleitet. Heute feiern die Amerikaner den
Geburtstag ihrer Nation mit einer Wiederholung der
Verlesung der Unabhängigkeitserklärung in Boston,
einem Autorennen auf die Spitze des 4.300 Meter
hohen Pikes Peak in Colorado, einem internationalen
Freiheitsfestival in Detroit, Rodeos in Arizona und
einem nationalen Zaunbemalungswettbewerb in
Missouri. In Philadelphia dehnen sich die Feierlichkeiten auf eine ganze Woche, die "Freedom Week"
aus.
In diesem Jahr werden sich am Abend des Vierten
Juli bei Anbruch der Dämmerung die Menschen in
den Kleinstädten ganz Amerikas versammeln. Einige
verfrühte Feuerwerkskörper werden abgeschossen.
Nachbarn picknicken neben ihren Nachbarn.
Schließlich wird eine Rakete am Himmel aufsteigen
und in einem farbigen Kaleidoskop explodieren. Das
älteste Ritual des Landes erreicht seinen Höhepunkt,
und die Amerikaner werden wissen, daß sie frei sind.
Und aus vielen wird eins.

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�LITERATUR
5. Juli 1995

Dichtung und Außenpolitik
von Robert Earle
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, den Robert Earle, der Gesandte-Botschaftsrat
für öffentliche Angelegenheiten bei der Botschaft der Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland,
im Anschluß an die vom 25. bis 28. Mai 1995 in Bonn veranstaltete Konferenz von im Bereich der
Lehrerausbildung tätigen Fachleitern mit den Titel "Many Voices: American Values in Transition" verfaßte.

Vor einigen Wochen hielt ein amerikanischer Literaturprofessor aus Texas beim deutschen Fachleiterseminar eine Rede über die postromantischen Dichter
in den Vereinigten Staaten. Er versuchte, ein Gefühl
für die apokalyptische Stimmung zu vermitteln, die in
den vergangenen Jahrzehnten die Schule amerikanischer Dichtung durchzog. Ihm zufolge kommt diese
Stimmung nicht einer völligen Katastrophe oder
einem großen Scheitern gleich. Vielmehr ist es eine
Stimmung von Tod und Wiedergeburt auf persönlicher Ebene - eine kreative Unterbrechung von
Vision, Wachstum, Beziehungen zur übrigen Welt.
Solche Anliegen sind ziemlich typisch für Professoren und Dichter. Wie finden sie ihren Weg in die
amerikanische Außenpolitik?
Diese Frage stellt sich, weil der Professor an einer
vom US-Informationsamt (United States Information
Service - USIS) in Bonn veranstalteten Konferenz
teilnahm; und die Programme von USIS sind integraler Bestandteil der amerikanischen Außenpolitik und
der deutsch-amerikanischen Beziehungen.
Als ich Professor Davis aus Baylor zuhörte, kam mir
der Vortrag in den Sinn, den Professor Pontuso vom
Hampden-Sydney College am Tag zuvor vor demselben Publikum gehalten hatte. Seine Ausführungen über außenpolitische Belange waren vielleicht
etwas konventioneller. Er sprach über die konservative Tagesordnung der amerikanischen Politik
und die Haltung, die der Kongreß dazu einnimmt. Er
hielt politikwissenschaftliche Fachbücher in die Höhe,
während er über Tendenzen des politischen Denkens in den Vereinigten Staaten sprach und verwies
auf einen ganzseitigen Bericht in der Washington
Post über Haushaltsentwürfe und -plane, die von
den Kongreßausschüssen geprüft werden.

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Die Präsentation Professor Pontusos war informativ
und nützlich. Sie war leicht in das allgemeine Thema
"internationale Beziehungen" einzuordnen. Nach
diesem Vortrag konnten die Fachleiter mit neuem
Wissen über die Dynamik der Debatte in der amerikanischen Politik nach Hause zurückkehren, insbesondere über den institutionellen Kampf zwischen der
Exekutive und der Legislative.
Aber die Ausführungen von Professor Davis über die
lyrische Meditation von W.S. Merwin am Jahrestag
seines unvorhersehbaren Todes? Seine Erklärung,
warum Robert Bly so fasziniert von einigen Federn
war, die in einen ausgehöhlten Baumstumpf gefallen
waren? Seine Präsentation von Galway Kinnells
Gedicht über die Polarbärenjagd in Alaska?
Seltsamerweise war ich erstaunlich zufrieden mit
Professor Davis' Beitrag zu den bilateralen Beziehungen. Ohne es explizit zu sagen - vielleicht sogar,
ohne es zu glauben oder darüber nachzudenken betonte Davis die dichterischen Quellen der politischen Existenz. Gedichte werden geschrieben, bevor
etwas geschieht, Zeitungen danach. Und sie werden
in verschiedenen Ländern verschieden geschrieben.
Auch ihre Verteilung variiert von Ort zu Ort.
In Deutschland kann man ein Gedicht mit einem
Fachleiter diskutieren, der das Gedicht seinen Kollegen zeigt, diese wiederum ihren Studenten, die am
Ende selber Dichter werden - oder Politiker.
In beiden Fällen ist die Resonanz der amerikanischen
Vision - das Gefühl von Amerika - spürbar. Die
Gedichte von Bly, Merwin und Kinneil handeln
allesamt von dem Wunsch nach Wiedergeburt, nicht
von Todessehnsucht. In diesem Sinne unterscheidet
sich das Bemühen Amerikas um die Gestaltung
seiner Außenpolitik nicht wesentlich von seinem
Streben nach einer Gestaltung seiner Dichtung.

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�Manche mögen argumentieren, damit werde der
Außenpolitik zuviel Anerkennung gezollt. Sie mit der
Dichtung auf eine Stufe zu stellen, ist ein großes,
vielleicht unverdientes Kompliment.
Aus genau diesem Grund haben Dichter und Professoren einen Platz in der Nähe der amerikanischen

Außenpolitik - um alternative Visionen von Amerika
anzubieten, ein Gefühl für menschlichen Kontext und
Werte zu vermitteln, den Deutschen und anderen zu
helfen, die Träume, Gefühle und Stimmungen Amerikas einzuschätzen und mit ihren eigenen zu vergleichen.

* * * *

Seite 2

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AMERIKA DIENST 22

�DATEN AUTOBAHN
5. Juli 1995

Die digitalisierte Nachrichtenzentrale
von Philip Moeller
(AD) - Philip Moeller, ehemaliger Wirtschaftsredakteur und Redakteur für elektronische Nachrichten bei der Sun
in Baltimore, ist jetzt Berater und Autor mit Sitz in West Hartford (Connecticut).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von American Journalism Review, Copyright
(c) 1995.

Es klingt so einfach. Beginnen wir mit der typischen
Nachrichtenzentrale einer größeren Zeitung - die
Mitarbeiter sind vielleicht etwas jünger als bei
ähnlichen Zeitungen, unterscheiden sich aber
ansonsten nicht wesentlich. Wenden wir uns dann
den Computern und Kommunikationsgeräten zu, die
Nachrichten, Informations- und Unterhaltungsindustrien zu revolutionieren versprechen. Was wäre,
wenn die Mitarbeiter diese Maschinen beherrschen
und sie routinemäßig in der Nachrichtenzentrale
benutzen könnten, statt sie nur zum Gegenstand
dessen zu machen, worüber sie schreiben?
Willkommen beim Raleigh News &amp; Observer, einer
derwenigen in Familienbesitz verbliebenen amerikanischen Zeitungen. Der neue N&amp;O, wie er jetzt
heißt, hat in den vergangenen Jahren seine Reporter
mit diesen neuen Instrumenten vertraut gemacht.
Obwohl sich dieses Unterfangen zweifelsohne noch
im Anfangsstadium befindet, bietet Raleigh eine
Perspektive, wie digitalisierte Informationen und
neue Ansätze zur Berichterstattung und beim Schreiben von Geschichten die Nachrichtenzentralen der
Nation verändern könnten.
Beim N&amp;O und anderen technologiefreundlichen
Zeitungen wandelt sich das Metier der Reporter
ebenso wie die Rolle der Bibliothekare und anderer
Mitarbeiter. Teamjournalismus beherrscht - wenn
auch nicht ausschließlich aufgrund der Technologie zunehmend Nachrichtenzentralen, die vorwiegend
Computer einsetzen. Und im digitalen Zeitalter
bringen solche kollektiven Bestrebungen im allgemeinen definitive Geschichten hervor, die sowohl
sozialwissenschaftlich als auch journalistisch Anklang finden. Der Computer, früher umfangreichen
Forschungsprojekten vorbehalten, wird zum alltäglichen Verbündeten von Reportern, die Routinearbeit machen.

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Auch die Leser benutzen Computer und Modems und
sind zu aktiven Teilnehmern an Raleighs InternetAngeboten sowie praktisch jeder Online-Verbindung
geworden, die mit Nachrichtenorganisationen zu tun
hat. Aufgrund der interaktiven Online-Kommunikation
verändert sich die Art, in der Geschichten berichtet
werden. Am wichtigsten ist jedoch vielleicht, daß die
Interaktivität das Verhältnis zwischen Journalisten und
den Menschen, über die sie schreiben, grundlegend
verändern kann.
Die Redakteure und Reporter beim N&amp;O haben
landesweit Tausende von Kollegen bei anderen
Zeitungen. Praktisch jede Nachrichtenzentrale ist mit
einem Kader technologisch informierter, hochmotivierter Journalisten besetzt, die versuchen, ihre Institutionen in neues Terrain zu locken. Was Raleigh jedoch
unterscheidet, ist die Tatsache, daß Fähigkeiten im
Bereich der digitalisierten Information - zur Benutzung
von Computern, Datenbanken, Online-Diensten - für
nahezu jeden in der Nachrichtenzentrale zur Norm
werden. Für die ungefähr 150 Mitarbeiter der Nachrichtenzentrale beim N&amp;O stehen rund 100 Computer-Arbeitsplätze zur Verfügung, und Chefredakteur
Frank Daniels III zufolge wird bis zum Sommer jeder
Mitarbeiter einen Personalcomputer haben.
Mehrere damit in Zusammenhang stehende Entwicklungen unterstreichen die Unterschiede zwischen der
Nachrichtenzentrale beim N&amp;O und den Industrienormen:
Die mit 21 Mitarbeitern besetzte NachrichtenForschungsabteilung hat ein Netz von Datenbanken geschaffen - die vielfach von N&amp;O-Mitarbeitern aufgebaut wurden - zu dem man vom
Computer-Arbeitsplatz aus Zugang hat.

Seite 1

�Die Mitarbeiter der Nachrichten-Forschungsabteilung und die mit 17 Mitarbeitern besetzte Abteilung Neue Medien schreiben Softwareprogramme, die häufig nötig sind, um Zugriff zu wertvollen, aber sonst nicht zugänglichen Datenbanken
zu erhalten.
Die Zeitung hat eine Datenbank, die Gesetzesvorlagen des Bundesstaates dokumentiert, in
einen erfolgreichen Online-Abonnentenservice
umfunktioniert, den N&amp;O-Geschäftsführer als
Prototyp für andere profitable Unternehmen
ansehen.
Die Zeitung verfügt über die dritte Generation von
Hypertext-Software, mit der an speziellen Projekten arbeitende Autoren ihre eigenen Aufzeichnungen so lange wie bei einer Datenbank außerhalb
durchforsten können.
Der N&amp;O befaßt sich mit Multimedien. Als erstes
wurde eine Serie von Features in der Zeitung
veröffentlicht, wurden Audiotext-Informationen
über den Telefon-Informationsdienst der Zeitung
angeboten sowie Online-Geschichten mit Text,
Audio- und Videoelementen. Die Serie wurde in
Zusammenarbeit mit lokalen Fernsehstationen
gemacht, die ihre eigenen Versionen der Geschichten sendeten.
Und schließlich hat der N&amp;O wie eine wachsende
Zahl anderer Zeitungen eine elektronische Version eingeführt. Aber statt sich America Online,
Prodigy oder einem anderen kommerziellen
Dienst anzuschließen, startete die Zeitung ihren
eigenen Online-Dienst und schloß ihn an Internet
an, womit den elektronischen Lesern ein breites
Spektrum von Informationen angeboten wird.
Die Umgestaltung von N&amp;O zur führenden digitalen
Tageszeitung geht zurück auf die Ernennung von
Frank Daniels III zum Chefredakteur Ende 1990.
Der 1865 gegründete N&amp;O ist seit über einem
Jahrhundert im Besitz der Familie Daniels. Josephus Daniels kaufte die Zeitung 1894 für 10.000
Dollar und führte sie über 50 Jahre lang. Sein
Enkel, Frank Daniels Jr., ist jetzt der Herausgeber.
Als Frank Daniels III in sein Amt berufen wurde,
führte der republikanische Senator Jesse Helms eine
brutale Kampagne für seine Wiederwahl gegen den
ehemaligen Bürgermeister von Charlotte, Harvey
Grantt, den demokratischen Herausforderer. Der
jüngere Daniels war beeindruckt vom modernen
Stand der Technik im Helms-Lager, wo Computer
und Kommunikationstechnologie eingesetzt wurden.

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"Das war der ausschlaggebende Faktor, um beim
N&amp;O Computer einzuführen", stellt Daniels fest. "Das
Helms-Team drosch fürchterlich auf die Nachrichtenmedien ein... Bei politischen Wahlkämpfen sind
unsere Konkurrenz nicht die anderen Medien, sondern die Kampagnen. Und seit 1970 haben sie uns
aufs Korn genommen... Dadurch wurde mir klar, wie
dumm wir waren - und ich fühle mich nicht gerne
dumm."
Dasselbe galt für die langjährige N&amp;O-Reporterin Pat
Stith, die einen 18monatigen Studienurlaub nahm, um
- mit Daniels Worten - "herauszufinden, was mit
diesen Mitteln vom Standpunkt eines Reporters aus
getan werden könnte". Stith arbeite eng mit Lany
McDonald, damals Leiter der N&amp;O-Bibliothek zusammen. Die Bibliothek wurde die NachrichtenForschungsabteilung, die unter McDonalds Nachfolgerin, Teresa Leonard, erweitert wurde.
Ein Großteil dieser Neuerungen beim N&amp;O wurde
Ende 1992 eingeführt, als die Zeitung zwei Datenbankexperten einstellte. Dies war der Beginn einer
Umstrukturierung, mit der die Anzahl der Beschäftigten in der Nachrichten-Forschungsabteilung beim
N&amp;O verdoppelt und ihr Budget verdreifacht wurde.
Einer dieser Experten war Dan Woods, der nach
seinem Abschluß in Computerwissenschaften und
mehreren Berufsjahren in der Computerindustrie
seinen Magister in Journalismus erwarb. Woods
erklärt, er habe vielleicht fünf Kollegen mit seinem
Wissen bei anderen Zeitungen gehabt, als er zum
N&amp;O kam. Seinen Schätzungen zufolge gibt es jetzt
rund 20 Datenbank-Zeitungsredakteure.
Woods versorgt N&amp;O-Reporter mit aus der Datenbank entnommenen Informationen, aber die meiste
Zeit verbringt er damit, untereinander verbundene
Datenbanken aufzubauen, zu denen alle Mitarbeiter
Zugang haben. Ein Großteil dieser Arbeit beinhaltet
ihm zufolge die schwierige Aufgabe, Computercodes
zu schreiben und Daten mühselig zu "reinigen", damit
sie in der Nachrichtenzentrale verwendet werden
können.
Die Reporter verlassen sich jedoch nicht nur auf
Woods und seine Mitarbeiter. Jeder in der Nachrichtenzentrale Beschäftigte wird ermutigt, Computerfähigkeiten zu erlernen. Darüber hinaus entschied der
N&amp;O, so Stith, "daß Computeranalysten von Datenbanken nicht auf die 'Forschung' für Geschichten
oder selbst größere Projekte beschränkt sein sollten.
Wir beabsichtigen, von Kostenersparnissen durch
optimalen Betriebszuschnitt zu profitieren.
Wir
werden Datenbanken benutzen, um jeden Tag die
Titelgeschichten zu verfassen oder zu verbessern."

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�Computerfähigkeiten sind freiwillig, aber das Management hat klargestellt, daß denjenigen, die solche
Fähigkeiten erlernen, Ressourcen und Chancen
geboten werden. Um die Mitarbeiter anzuspornen,
gewährt der N&amp;O Mitarbeitern, die einen eigenen PC
kaufen wollen, zinsfreie Kredite. Über 500.000
Dollar wurden bisher an Krediten vergeben. Die
Zeitung hält sich auch bezüglich der Computerfähigkeiten auf dem laufenden: Sie werden in den
Arbeitsbeurteilungen der Mitarbeiter bewertet.
Die meisten Zeitungen haben Computer in den
Nachrichtenzentralen mittels kleiner Reporterteams
eingeführt, die sich für gewöhnlich aus an Forschungsprojekten tätigen Reportern zusammensetzen. Was den N&amp;O unterscheidet, ist das Ausmaß, in dem Computerfähigkeiten bei der täglichen
Berichterstattung zum Einsatz kommen.
"Ich habe nirgendwo dem Raleigh vergleichbare
Bestrebungen gesehen", stellt Philip Meyer fest,
Professor an der University of North Carolina in
Chapel Hill und Pionier des computergestützten
Journalismus. Meyer erklärt, er bevorzuge das
Raleigh-Modell für andere Zeitungen, "aber möglicherweise steht zu dem Preis, den Zeitungen für
gewöhnlich zu zahlen bereit sind, nicht genügend
Talent zur Verfügung."
Dennoch, dies ist ein neues Zeitalter. Viele jüngere
Journalisten besitzen Computerfähigkeiten. Zufällig
ersetzen zahlreiche Nachrichtenzentralen ihre
veralteten Textkorrektursysteme, die im allgemeinen
nicht einmal für die einfachsten Aufgaben eines
Computers verwendet werden können. Und ein
hoher Prozentsatz dieser Zeitungen wird PC-gestützte Systeme einführen, die einen Anreiz für die
Entwicklung neuer Kommunikationsmittel bieten.
Beim N&amp;O ist die routinemäßige Verwendung des
Computers vornehmlich auf die Bestrebungen der
Zeitung zurückzuführen, Datenbanken zu entwickeln
und auf den neuesten Stand zu bringen, die selbst
für Kurznachrichten schnelle Informationen und
einen Kontext liefern können. Das computergestützte Berichterstattungsnetzwerk, genannt CARnet
(Computer-Assisted Reporting Network) beim N&amp;O
enthält beispielsweise elektronische Versionen
mehrerer Telefonverzeichnisse und der Namen von
im öffentlichen Dienst Beschäftigten, wirtschaftlicher
und demographischer Informationen, umfangreicher
Daten über staatliches Eigentum im Bundesstaat und
Landkreis, Steuer- und Geschäftsunterlagen sowie
Informationen über Kraftfahrzeuge. Eine weitere
nützliche Datenbank außer der bereits erwähnten
über Gesetzesvorlagen ist die N&amp;O-Liste von
Spenden für wichtige politische Wahlkampagnen im
Bundesstaat.
Geldmaschine genannt, wird sie

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regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht und
kann nach den Namen der Geldgeber durchforstet
werden.
Außer diesen wichtigen Mitteln gibt es einen weiteren
wesentlichen Unterschied zwischen dem N&amp;O und
anderen Nachrichtenzentralen: Die von ihrer Nachrichtenbibliothek - jetzt Nachrichten-Forschungsabteilung genannt - gespielte zentrale Rolle.
Im Gegensatz zur Nachrichtenzentrale, so Daniels,
kann die Nachrichtenbibliothek ohne ethische oder
pragmatische Konflikte mehreren Herren dienen. Sie
kann beispielsweise zur Einrichtung einer Datenbank
über Gesetze des Bundesstaates beitragen, die
unschätzbar für Reporter ist, und kann diese dann
Datenbank zu einem gewinnbringenden Produkt
machen, das auf dem Markt verkauft wird. Und da
die Einnahmen aus solchen Unternehmen zunehmend zur Finanzierung der digitalen Nachtrichtenzentrale benötigt werden, unterschätzt Daniels die
Bedeutung eines solchen Unternehmens nicht.
Teresa Leonard vom N&amp;O erklärt, die Ressourcen
zur Einrichtung von Datenbanken seien ein Hauptvorteil der Erweiterung der Nachrichten-Forschungsabteilung. "Dank der Datenbank konnten wir Geschichten schreiben, die wir sonst nicht veröffentlicht
hätten."
Nora Paul, ehemalige Bibliotheksdirektorin beim
Miami Herald und jetzt Direktorin des NachrichtenForschungsprogramms beim Poynter Institute stellt
fest, daß eine Reihe von Nachrichtenzentralen
kooperative Beziehungen zu Reportern, Redakteuren
und Bibliothekaren entwickeln. "Damit die Möglichkeiten von Online-Forschung und computergestützter
Berichterstattung vollständig und erfolgreich ausgeschöpft werden können", erläuterte Paul in einer 1993
gehaltenen Rede, "müssen Bibliothekare meines
Erachtens ihre Rolle definieren und verbessern, und
Bibliothekare und Reporter müssen völlig neue
Beziehungen aufbauen."
Hierzu zählen die Zusammenarbeit mit Reportern und
Herausgebern bei der Auswertung von Datenquellen,
bevor die Geschichten zugeteilt oder definiert wurden,
konkrete Berichterstattung über sekundäre Forschungsquellen, die Ausbildung von Mitarbeitern der
Nachrichtenzentralen in den Bereichen Datenbank
und Online-Dienste, die Aufstellung und Entwicklung
von Datenbanken sowie die Koordination von Informationssystemen in Nachrichtenzentralen. All das
leistet Raleigh, und Paul zufolge sind seine Forschungsoperationen einzigartig.
Eine der durch computergestützten Journalismus
möglich gewordenen großen Veränderungen ist die

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�Tatsache, daß Nachrichtenzentralen nicht mehr von
äußeren Informationsquellen abhängig sind. Die
Tage, an denen ein Bericht aut zwei Informationsquellen und einer Presseerklärung basierte, gehören
der Vergangenheit an.
Beispielsweise veröffentlichte der N&amp;O einen Artikel
über Wiederholungstäter, die in Gefängnissen der
Bundesstaaten und Gemeinden einsitzen.
Er
analysiert dem Redaktionsmitglied von Metro, Steve
Riley, zufolge, "wieviele Straffällige mehr als 10 Mal
das System durchliefen. Wir fanden 185. Es gab
keine andere Möglichkeit, diese Menschen aufzuspüren. Früher schrieb man so einen Bericht, indem
man mit jemandem im Gefängnis sprach. Jetzt
findet man sie selber. Man braucht sich nicht darauf
zu verlassen, daß einem ein anderer die Neuigkeiten
erzählt."
Chefredakteur Daniels ist davon überzeugt, daß
Nachrichtenzentralen in der Lage sein müssen,
Neuigkeiten zu definieren, nicht nur eigennützige
Erklärungen derjenigen widerzugeben, die Meinung
zu manipulieren versuchen. Diese Fähigkeit, fügt er
hinzu, wird den Zeitungen helfen, ihre Anziehungskraft als Informationsanbieter in einer Zeit beizubehalten, in der von einer wachsenden Zahl elektronischer Nachrichtendienste unbearbeitete harte
Fakten zur Verfügung gestellt werden.
Die Kommentare von Daniels spiegeln die Arbeit
Philip Meyers von der University of North Carolina
wider, der ausführlich über die Notwendigkeit für
Journalisten schrieb, statistische und damit zusammenhängende sozialwissenschaftliche Fähigkeiten
zu entwickeln. Die traditionelle passive Sucht des
Reporters nach Neuigkeiten muß Meyer zufolge von
Zeitungen abgelöst werden, die sich immer stärker
daran gewöhnen, die Nachrichtentagesordnung
aufzustellen.
"Die alte Ethik der Passivität der Medien ermutigt die
meisten Journalisten, sich zurückzulehnen und der
Regierung oder bestimmten Interessengruppen die
Rolle des Informationsverarbeiters zu überlassen",
erklärt er. "Es ist für die Medien gefährlich, die
Informationsentwicklung den Interessengruppen zu
überlassen, auch wenn sie im Interesse der Öffentlichkeit handeln."
Tom Koch, Autor und Berater, beobachtet, wie die
Technologie die traditionellen Beziehungen zwischen
dem Journalisten und seiner Quelle und letztlich
auch die Natur des Journalismus verändert.
"Online-Datentechnologien verleihen Schriftstellern
und Journalisten mehr Befugnisse, indem sie sie mit
gleichwertigen oder sogar mehr Informationen ver-

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sorgen, als sie der Privatperson oder dem Vertreter
der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, die sie
interviewen sollen", schrieb er 1991 in seinem Buch
Journalism forthe 21 st Century: Online Information, Electronic Databases and the News (Journalismus für das 21. Jahrhundert: Online-Informationen,
elektronische Datenbanken und die Nachrichten).
"Die Auswirkungen dieser erhöhten Befugnisse
werden schließlich zu einer Neudefinition der Art von
Nachrichtenpräsentation ... und der Information der
Öffentlichkeit allgemein führen", stellte er fest.
Wenn digitalisierte Technologien zu einer Veränderung des Journalismus in Nachrichtenzentralen
beitragen, scheinen sie auch eine Rolle bei der
Besetzung dieser Zentralen mit Mitarbeitern zu
spielen. Der Grund dafür ist, daß der Journalismus
zu einem Teamsport wird.
Historisch gesehen sollten Journalisten Meyer zufolge
unabhängige und oftmals isolierte Beobachter sein,
die nichts mit den Auswirkungen ihrer Arbeit zu tun
hatten. Sie hatten wenig Kontakt mit den Gemeinden, über die sie berichteten. Sie hatten viele
Freiheiten, aber nicht viel Geld. "Daher drängte die
Wirtschaftlichkeit des Zeitungsgeschäfts den Journalisten in die charakteristische moralische Typologie:
Den einsamen Helden, der wie der archetypische
Cowbow im Film von Markt zu Markt reitet und die
Lanze für den einfachen Mann und gegen die Reichen und Mächtigen bricht", äußerte Meyer 1990 in
einer Rede.
Dieses Profil widerspricht jedoch den neuen Informationstechnologien, so Meyer.
Computergestützte
Berichterstattung erfordert Teamgeist. "Die neuen
Medien sind Teamprodukte. Und es gibt immer
weniger Raum für den einsamen Helden oder den
Reporter als Cowboy-Figur."
Insbesondere Multimedia-Projekte erfordern Anstrengungen des Teams. N&amp;O machte seinen ersten
Ausflug in dieses unerforschte Gebiet im Sommer
vergangenen Jahres mit einer viermonatigen Serie
unter dem Namen "North Carolina Discoveries". Die
Serie, die sich auf Themen des Bundesstaates
konzentrierte, wurde in der Zeitung veröffentlicht, im
Radio und Fernsehen gesendet und über NandO,
den Online-Dienst der Zeitung ins Internet geladen.
Diese konzertierte Aktion beinhaltete eine Vielzahl
von Interviews für die verschiedenen Formate. Die
teilnehmenden Fernsehstationen führten ihre eigenen
Interviews, während N&amp;O die Aufnahmen machte und
sein eigenes Tonmaterial sammelte. Diese wurden
für die Multimedia-Bestrebungen N&amp;Os auf dem

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�NandO genutzt. Ferner bediente sich die Zeitung
des Tonmaterials bei ihrem Audiotex-Informationsdienst.
Die N&amp;O-Reporterin Julie Ann Powers weist darauf
hin, daß der herkömmliche Zeitungsreporter nicht
über die erforderlichen Fähigkeiten im Rundfunkbereich verfügt. "Von Beginn dieses Prozesses an war
die Berichterstattung anders", erklärt sie. "Ich mußte
in den Kategorien Ton und Bild denken sowie daran,
ob sie einen Zeitungsbericht in voller Länge unterstützen würden." Der Ton, der in den Printmedien
keinen Faktor darstellt, ist ihr zufolge ein neues
bedeutendes Anliegen. Dasselbe gilt für die Notwendigkeit, im Radio und in gewissem Umfang in
den Printmedien den Mangel an visuellen Elementen
auszugleichen. Sie mußte die Fragen so formulieren, daß die Antwort eine Form annimmt, die für Aufnahmen angemessen ist, während der traditionelle
Interviewstil eher einem Gespräch gleicht.
Ben Estes, dem für Nachrichten aus dem Bundesstaat zuständigen Redakteur von N&amp;O, zufolge
stellte diese Serie eine "wertvolle Erfahrung" dar und
war eine Art Probelauf. "Ich halte das in vielerlei
Hinsicht für ein Experiment, das uns auf Kommendes vorbereitet", so Estes. "Am Ende möchte ich in
der Lage sein, mit allen Nachrichten so zu verfahren."
Ferner bezeichnet er die Koordination aller Elemente
der Serie früher als schwierig und äußerst zeitaufwendig. "Dagegen schriebt Julie jetzt einen Bericht
in einer statt in fünf Wochen, und ich redigiere eine
Geschichte pro Woche."
Obwohl Multimedia-Bestrebungen neue Fähigkeiten
und Ansätze bei der Berichterstattung erfordern
könnten, sind die weitreichendsten Auswirkungen
digitalisierter Information wahrscheinlich auf die
Interaktivität zurückzuführen. Leser sprechen im
Cyberspace. Sie werden sofort zu Kritikern, zur
Schallmuschel und leicht erreichbaren Quelle.
Raleighs NandO entwickelt neue Dienste für die
Interaktion mit der Öffentlichkeit. Beispielsweise
haben die Mitarbeiter von NandO ein NandO-Land
für Kinder geschaffen und den örtlichen Schulen
kostenlos zur Verfügung gestellt. Dieser Service
wird Lehrer und Schüler gleichermaßen an die Welt
der Online-Dienst gewöhnen und N&amp;O eine bessere
Idee davon geben, wie an eine Generation appelliert
wird, die immer weniger Interesse am Zeitungslesen
hat.
Bruce Siceloff ist Online-Redakteur im Nachrichtenzentrum und bemüht sich mit den Mitarbeitern von
N&amp;O unter anderem darum, täglich eine digitalisierte

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Ausgabe der Tageszeitung herauszugeben. OnlineJournalismus und Interaktivität sind für die Zeitung
etwas Neues, so Siceloff. Und obwohl er die Mitarbeiter im Nachrichtenzentrum davor warnt, "in
anderen Medien zu träumen", räumt er ein, daß diese
Evolution eine größere Vertrautheit der Mitarbeiter mit
Online-Instrumenten erfordert, insbesondere dem
Internet und seinen immer wirkungsvoller werdenden
Software-Hilfen.
Eine andere Art, Nachrichtenzentralen in der Welt der
Online-Dienste zu "engagieren", wird durch die
Teilnahme an der beidseitigen Kommunikation mit
den Lesern erfolgen. Eine solche Interaktion ist
Hauptgegenstand des Online-Lebens, aber die
Zeitungsjournalisten sind im allgemeinen nicht an die
sondierenden, ständigen Online-Gespräche gewöhnt,
mit denen das Cyberspace erfüllt ist. Siceloff und
seine Kollegen in anderen Zeitungen sind der Ansicht, daß diese Interaktivität große Auswirkungen auf
den Berufsstand haben wird.
Wenn die Wahlen von 1990 ein wichtiger Faktor
dabei waren, das Interesse von N&amp;O am Einsatz von
Technologie zur Unterstützung seiner Berichterstattung zu erhöhen, könnte man fairerweise behaupten,
daß die Wahlen von 1994 ein ebenso starkes Mandat
für den Einsatz neuer Informationswerkzeuge schufen, um besser mit einer entfremdeten Wählerschaft
kommunizieren zu können.
Die Wahlen zeigten, wie unzufrieden und abgeschitten sich die Wähler fühlen, und die Zeitung möchte
im Geiste des "öffentlichen Journalismus" die Beteiligung der Öffentlichkeit am Wahlprozeß fördern.
Siceloff zufolge will der N&amp;O sich in künftigen Wahlkämpfen seiner Online-Werkzeuge bedienen, um die
Kommunikation zwischen den Wählern, der Regierung und der Presse zu fördern. Neben interaktiven
Diskussionen versorgt das Papier die Wähler mit
Online-Daten über Kandidaten und Themen und hilft
ihnen bei ihrer eigenen Online-Suche nach zusätzlichen Informationen.
Solche Bestrebungen beinhalten Material über das
World Wide Web von Internet, das den Einsatz von
Tonmaterial, Fotos und Graphiken, Video, Texten und
E-mail-Diensten gestattet.
Dies ist eine große
Verbesserung gegenüber den anfänglichen NandOAngeboten von Internet, die auf die rein textgebundene elektronische Version der N&amp;O-Tageszeigung
sowie eine Vielzahl von Bulletin Board-Diensten
beschränkt waren.
Auf dem sogenannten Web stellt N&amp;O jetzt eine
beeindruckende Reihe von Multimedia-Inhalten vor
(die Web-Adresse von N&amp;O lautet "http://www.nando.net"). Zu den Online-Inhalten gehören verschie-

Seite 5

�dene Zeitungsprojekte wie die 16teilige "North
Carolina Discoveries"-Serie; die NandO Times, eine
tägliche elektronische Version der Zeitung; der
NandO Entertainment Server mit Informationen über
Filme, Konzerte und andere Veranstaltungen; ein
User's Guide to the Triangle (Führer mit Informationen über die Region um Raleigh, Durham und
Chapel Hill).
Die Produkte von N&amp;O stehen nicht in direktem
Zusammenhang zu der Zeitung. Informationsdienste
über Sportveranstaltungen stehen zur Verfügung.
Es wird ein "Music Kitchen" genannter Dienst angeboten, der Texte, Bilder und Tonmaterial verschiedener Rockbands enthält. NandO arbeitet mit einem
Reisebüro zusammen, um Reservierungen für
Flugtickets und gebührenfreien Ticketverkauf über
das Internet anzubieten. Angesichts der weltweiten
Teilnehmerschaft am Internet verschaffen diese
Produkte dem N&amp;O Zugang zu den Konsumenten und eine Einkommensquelle - weit über sein Absatzgebiet hinaus.

* *

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Obwohl Internet eine vollkommen andere Einheit als
eine Zeitung ist, sind die neuen Online-Produkte von
NandO eine Ausweitung des dramatischen Wandels,
der in der N&amp;O-Nachrichtenzentrale und seiner
wissenschaftlichen Bibliothek stattfindet.
"Wenn man einmal digitale Informationen geschaffen
hat, kann man damit alles mögliche anfangen", so
Chefredakteur Daniels. "Und wenn man einmal die
Infrastruktur dafür schafft - und dabei nicht knauserig
ist - kann man damit weit mehr aufrechterhalten als
nur eine Nachrichtenabteilung."
Daniels' systematischer Ansatz enthält eine Unterscheidung zwischen dem N&amp;O und anderen Zeitungen. "In fast allen anderen Nachrichtenzentralen des
Landes wird Gutes geleistet, aber es gibt keine
Synergie", so Daniels. "Sie helfen ihren Zeitungen
nicht bei der Weiterentwicklung, und genau darum
dreht sich doch alles: Wie hilft man dem Unternehmen bei seiner Entwicklung?"

*

*

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