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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

21. Juni 1995

21

USA-DEUTSCHLAND

DIE USA UND DEUTSCHLAND: NEUE
RAHMENBEDINGUNGEN DER
SICHERHEITSPOLITIK
von Charles E. Redman

CIVITAS

DIE HERAUSFORDERUNG DER
STAATSBÜRGERKUNDE
Rede von Penn Kemble

4. JULI

DIE AMERIKANISCHE REISE UND DER GEIST
VON GENERAL WASHINGTON
von Paul G. Ashdown

THEMENINDEX

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1995

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-DEUTSCHLAND
21. Juni 1995

Die USA und Deutschland:
Neue Rahmenbedingungen der Sicherheitspolitik
von Charles E. Redman
LEIPZIG - (AD) - Der amerikanische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Charles E. Redman, hielt
am 17. Juni 1995 vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Leipzig die nachfolgende Rede.

Herzlichen Dank für die Einladung, am heutigen
Nachmittag zu Ihnen zu sprechen. Es ist immer
wieder ein Vergnügen, in dieser unglaublich dynamischen Stadt zu sein. Das einzige Problem ist, daß
sie jedesmal, wenn ich komme, anders aussieht.
Die Baustellen sind immer da - sie scheinen sich nur
alle paar Monate an einem anderen Ort zu befinden.
Wie Sie wissen, verpackt Christo im Augenblick den
Reichstag. Wenn man sich in dieser Stadt umsieht,
gewinnt man den Eindruck, er habe sich auf die
Verhüllung des Reichstags mit der Verpackung des
gesamten Zentrums von Leipzig vorbereitet.
Es gibt noch einen Grund, warum ich mich freue,
heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Viele Jahrzehnte lang wurde dieser Tag - der 17. Juni - in der alten
Bundesrepublik als "Tag der deutschen Einheit"
gefeiert. Im Jahr 1953 erhoben sich in Leipzig,
Berlin und anderen Städten deutsche Männer und
Frauen für die Sache der Freiheit. Ihren Appellen
wurde mit Waffen und Panzern begegnet.
Dieser spontane Ausbruch eines tiefempfundenen
menschlichen Bedürfnisses wurde brutal niedergeschlagen.
Aber er wurde nicht vergessen.
Träume können nicht durch Gewalt zerstört werden.
Eine Generation später erhoben sich die Menschen
im östlichen Teil Deutschlands erneut - die meisten
in dieser "Heldenstadt". Dieses Mal konnten sie
nicht aufgehalten werden. Die Panzer kamen nicht.
Die Truppen marschierten nicht. Die alte Ordnung,
die diesen Teil Deutschlands seit Jahrzehnten
unterdrückt hatte, verflog wie ein schlechter Traum.
Heute haben die Deutschen einen glücklicheren Tag
zu feiern. Der "Tag der deutschen Einheit" wird am
3. Oktober begangen. Aber wir werden den 17. Juni
und alles, was er für Sie - und uns - bedeutete, nie
vergessen.

AMERIKA DIENST 21

Während dieser spannungsgeladenen Tage und
Wochen im Herbst des Jahres 1989 beobachteten wir
Amerikaner Ihren Marsch. Ebenso wie Sie hatten wir
die schrecklichen Bilder von 1953 vor Augen. Aus
diesem Grund bewunderten wir den Mut der Helden
von Leipzig so sehr. Aus diesem Grund haben wir
uns beeilt, hier so schnell wie möglich ein Generalkonsulat zu eröffnen. Dieses Konsulat ist ein greifbares Symbol unserer Wertschätzung.
Es gibt wenige Möglichkeiten für Heldentum. Für die
meisten von uns folgte auf die Momente des dramatischen Höhepunkts wieder das graue Arbeitsleben.
Die Revolution von 1989-91 hat noch nicht die
schöne neue Welt des Friedens und Wohlstands
hervorgebracht, die wir anstreben. Sicher, es geht
uns sehr viel besser ohne die Bedrohung der nuklearen Konfrontation. Sicher, wir leben in einer Zeit, in
der die Chancen für Wohlstand und persönliche
Erfüllung sehr viel greifbarer sind als je zuvor. Aber
statt uns auf unseren Lorbeeren ausruhen und die
Früchte unseres Erfolges ernten zu können, sehen
wir uns mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die
neue und schwierige Tagesordnungen definieren.
Wir benötigen eine neue Tagesordnung für neue
Zeiten - Zeiten tiefgreifenden Wandels. Wenige
Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges und dem
Verschwinden der Sowjetunion kann die internationale Situation nur als düster, verschwommen und voll
neuer und beunruhigender Gefahren beschrieben
werden.
Es sollte uns nicht überraschen, daß die Bewältigung
eines solch dramatischen internationalen Wandels
schwierig ist. Nicht zuletzt ist die uns seit nahezu
einem halben Jahrhundert bekannte Welt mit überraschender Geschwindigkeit Geschichte geworden.
Die unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges sind
gebannt, und die traditionellen Themen der Sicherheitspolitik haben sich verändert. Sie wurden durch

Seite 1

�eine Vielfalt subtilerer Bedrohungen ersetzt, die
einzeln betrachtet nicht so bedrohlich wie die des
Kalten Krieges, zusammengenommen jedoch mindestens ebenso erschreckend sind. Heute sprechen
wir weniger über nukleare Konfrontation und mehr
über unorthodoxe Herausforderungen - Probleme
wie ethnische Konflikte, Überbevölkerung, Umweltzerstörung, Flüchtlinge, Migration und humanitäre
Krisen.
Aber glücklicherweise sehen wir nicht nur Probleme
am Horizont. Wir erblicken auch die beispiellose
Chance zur Gestaltung einer neuen Welt - einer
Welt, die unseren Interessen dienlicher ist und mehr
im Einklang mit unseren Werten steht - einer Welt
offener Gesellschaften und offener Märkte.
Und bei diesem Unterfangen sind wir nicht ohne
Navigationshilfe. Wir haben vielleicht keine Karte,
aber wenn wir dorthin zurückblicken, wo wir waren,
erkennen wir, daß wir immer noch einen Kompaß
haben, der uns bei dieser neuen Mission dirigieren
kann.
Dieser Kompaß besteht aus denselben
Idealen, die uns so erfolgreich durch den Kalten
Krieg geleitet haben. Diese Ideale sind weiterhin die
Bausteine einer neuen Ordnung in Europa für das
21. Jahrhundert.
Diese Prinzipien sind in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und im deutschen Grundgesetz niedergelegt.
Generationen von Politikern
haben in meinem und Ihrem Land auf der Grundlage
dieser fundamentalen Überzeugungen gehandelt.
Sie konnten nicht wissen, wie die Welt nach ihnen
aussehen würde, aber sie verstanden, daß Werte
eine Gesellschaft definieren und gemeinsame Werte
zum Aufbau einer gemeinsamen Zukunft beitragen
können. Mit Prinzipien als Leitlinien trafen sie die
Entscheidungen, die sich als richtig erwiesen.
Heute hat unsere Generation die einzigartige Chance, diese Leistungen zu bewahren und zu erweitern
- Frieden und demokratische Prinzipien auf ganz
Europa auszudehnen und unseren neuen demokratischen Nachbarn offene Gesellschaften und offene
Märkte zu bringen. Ebenso wie Ideale unseren Sieg
im Kalten Krieg untermauerten, dienen sie uns
gleichermaßen unter diesen neuen Gegebenheiten.
Unsere Solidarität im Kalten Krieg gewährleistete,
daß die Hoffnung auf Frieden und Freiheit lebendig
blieb. Dann, im Jahr 1989, erhielt die Stärke unserer Werte und Überzeugungen überwältigende
Bestätigung, als Millionen von Menschen aus dem
Schatten der sowjetischen Macht hervortraten.
Dabei wurde Europa die vielleicht einmalige Chance
in der Geschichte geboten, auf diesem gesamten
Kontinent eine dauerhafte Sicherheitsstruktur auf-

Seite 2

zubauen. Jetzt sind wir damit beauftragt, die Versprechen gegenüber ehemals kommunistischen
Gesellschaften zu erfüllen, die ebenfalls die Vorteile
von Demokratie und freien Marktwirtschaften anstreben.
Natürlich sind wir nicht diejenigen, die diese Nationen
umgestalten werden. Ebenso wie die Männer und
Frauen Zentraleuropas mit den Revolutionen von
1989 die Kontrolle über ihr Schicksal an sich rissen,
werden sie ihre Zukunft selbst gestalten. Aber wir
können helfen. Wir werden konstant daran erinnert,
daß diese Nationen das Vertrauen und die Sicherheit
anstreben, die mit unserer transatlantischen Gemeinschaft assoziiert werden.
Indem wir ihnen helfen, helfen wir uns selbst. Wir
sollten uns eine einfache, aber bemerkenswerte
historische Tatsache vor Augen halten: Demokratische Gesellschaften greifen sich nicht gegenseitig an.
Demokratie wächst und gedeiht im wirtschaftlichen
Wohlstand erfolgreicher freier Marktwirtschaften.
Gemeinsam unterstützen offene Gesellschaften und
offene Märkte friedliches Verhalten.
Wo beginnen wir den Aufbau eines neuen Sicherheitsrahmens für Europa? Meines Erachtens sollte
unsere erste Priorität in der Bewahrung des bereits
Erreichten bestehen.
Das beinhaltet Amerikas
strategisches Engagement in Europa.
Ihnen sind die zur Zeit im Kongreß der Vereinigten
Staaten geführten Debatten über die Reorganisation
unserer Behörden für auswärtige Angelegenheiten
bekannt. Es gibt auch eine äußerst wichtige Diskussion über die Ressourcen, die für unsere außenpolitischen Ziele aufgewendet werden sollen.
Die gute Nachricht lautet, daß die Unterstützung für
ein weiteres amerikanisches Engagement auf der
internationalen Bühne nach wie vor stark ist. Meinungsumfragen belegen, daß das amerikanische Volk
eine Führungsrolle der Vereinigten Staaten bei
internationalen Angelegenheiten wünscht - zwei
Drittel oder mehr wollen unser Engagement. Es ist
jedoch der Preis der Führungsrolle, der Kritik ausgesetzt ist, während das Prinzip unerschütterlich ist.
Ohne die erforderlichen Ressourcen wird unsere
Fähigkeit zur Durchführung einer energischen Außenpolitik in Frage gestellt, insbesondere zu einer Zeit, in
der unsere Führungsrolle beispiellose Leistungen
hervorbringen kann.
Ich selbst bin zuversichtlich, daß Amerika 50 Jahren
des Erfolgs nicht den Rücken kehren wird. Darüber
hinaus hängt Amerikas Engagement für Europa nicht
von einem bestimmten Präsidenten, einem Kongreß
oder einer politischen Partei ab. Es ist eine nationa-

AMERIKA DIENST 21

�le, in unser politisches Gefüge eingebettete Verpflichtung, die auf einer gemeinsamen strategischen
Zielsetzung, kollektiven ökonomischen Interessen
und gemeinsamen Werten gründet.
Das Kernstück dieser Verpflichtung bildet die NATO.
Es ist die NATO, die amerikanische Macht und die
Zielsetzung der Vereinigten Staaten auf dem europäischen Kontinent zum Tragen bringt. Die NATO
ist weiterhin der Garant europäischer Sicherheit und
die wichtigste Institution für das Engagement der
Vereinigten Staaten in europäischen Sicherheitsangelegenheiten.
Die NATO ist darüber hinaus der konkrete Ausdruck
der transatlantischen Verbindung. Der 1990 begonnene Abzug amerikanischer Streitkräfte aus Europa
ist nahezu abgeschlossen. Aber Abzug ist nicht
dasselbe wie Rückzug oder Disengagement. Über
80.000 amerikanische Soldaten sind immer noch in
Deutschland stationiert, über 100.000 bleiben in
Europa. Diese Zahlen stehen nicht für ein verringertes amerikanisches Engagement für europäische
Sicherheit, sondern nur für eine verringerte Bedrohung.

ihrer alten Grenzen getroffen hat. 1991 gründete sie
den Nordatlantischen Kooperationsrat - einen Zusammenschluß der NATO und der Staaten des
ehemaligen Warschauer Pakts. In jüngerer Zeit rief
sie die Partnerschaft für den Frieden ins Leben - die
wichtigste strategische Entwicklung der europäischen
Sicherheit seit dem Kalten Krieg und eine der wichtigsten Initiativen in der Geschichte der NATO.
Mit 26 Mitgliedstaaten dient die Partnerschaft für den
Frieden zwei umfassenden Zielsetzungen. Für einige
Länder ist sie die unerläßliche Zwischenstation zur
NATO-Mitgliedschaft, für den Übergang zu einer
effektiven Mitgliedschaft im Bündnis. Für andere
bietet sie eine ständige Assoziierung zur NATO, eine
Verbindung zu praktisch allem, was die NATO tut aber ohne die durch den Washingtoner Vertrag
gebotene Sicherheitsgarantie und die tatsächliche
Mitgliedschaft in der integrierten militärischen Struktur.

Wenn wir in die Zukunft blicken, müssen wir natürlich das Gute der Vergangenheit erhalten. Die
NATO muß ein effektives, funktionierendes Militärbündnis mit den Streitkräften und der integrierten
Kommandostruktur zur Verteidigung ihrer Mitglieder

Natürlich wird die NATO erweitert. Das Bündnis hat
ein aktives Programm zur Vorbereitung auf die
Erweiterung erarbeitet, die logischen Gründe für die
Erweiterung sowie die den Prozeß leitenden Prinzipien und die Implikationen der erweiterten Mitgliedschaft erörtert. Wir erwarten, daß die NATO im
Herbst interessierte Länder über die Ergebnisse ihrer
Studien informiert. In der ferneren Zukunft wird die
NATO die nächsten Schritte in Erwägung ziehen, die
zu Entscheidungen über die tatsächliche Aufnahme

bleiben.

neuer Mitglieder führen.

Neue Mitglieder müssen zur Übernahme

der Rechte und Pflichten der Mitgliedschaft bereit
sein, so daß das Bündnis ungeachtet seiner Größe
seine militärischen Fähigkeiten und seinen politischen Zusammenhalt bewahrt.
Kontinuität bedeutet jedoch nicht Selbstgefälligkeit
oder Stagnation. Wie alle lebenswichtigen Institutionen muß sich die NATO kreativ an veränderte
Umstände anpassen. Sie muß eine neue Strategie
entwickeln und einen neuen Auftrag übernehmen.
Dieser Prozeß wurde bereits mit der Anpassung des
militärischen Kommandos und der Streitkräfte der
NATO an Aktionen in die Wege geleitet, die nicht die
gesamte Macht des Alliierten Befehlsbereichs
Europa erfordern.
Die NATO gewährt der Westeuropäischen Union
jetzt uneingeschränkte politische und militärische
Unterstützung. Die Stärkung des europäischen
Pfeilers der Allianz trägt sowohl zur europäischen
Stabilität als auch zur transatlantischen Lastenteilung
bei. Und sie verbessert unsere kollektive Fähigkeit
zu handeln.
Am wichtigsten ist jedoch, daß die NATO bereits die
Entscheidung zur Förderung der Sicherheit jenseits

AMERIKA DIENST 21

Während dieser gesamten Vorbereitungsphase hat
sich unser Ansatz zur NATO-Erweiterung nicht
geändert. Der Prozeß wird kontinuierlich, sorgfältig
vorbereitet und transparent sein. Jedes potentielle
Mitglied wird dieselbe Präsentation hören; alle
werden Zugang zu allen Denkrichtungen im Bündnis
haben.
Das Ziel der Erweiterung bleibt die Stärkung der
Sicherheit und die Ausdehnung der Stabilität auf den
gesamten Kontinent für Mitglieder und Nichtmitglieder
gleichermaßen. Die NATO ist nicht länger ein gegen
irgend jemanden gerichtetes Bündnis. Sie hegt nicht
den Wunsch nach neuen Trennlinien. Im Gegenteil,
sie ist der Erweiterung der europäischen Einheit und
der Förderung der Integration unserer neuen demokratischen Freunde in Zentraleuropa verpflichtet.
In diesem Zusammenhang ist die Zukunft Rußlands
von zentraler Bedeutung bei unserem Streben nach
Stabilität und Sicherheit in Europa. Wir wissen, daß
ein kooperativer europäischer Sicherheitsrahmen die
aktive Beteiligung Moskaus erfordert. In Europa gibt
es kein größeres strategisches Ziel als die Evolution
eines friedlichen, stabilen und demokratischen, fest in

Seite 3

�die Institutionen eines ungeteilten Kontinents integrierten Rußlands.
Daher lautet die entscheidende Frage heute nicht,
ob wir Rußland einbeziehen sollten, sondern wie.
Wir wissen, daß es ernsthafte Probleme gibt.
Rußland hat einen langfristigen revolutionären
Prozeß der Neudefinition eingeleitet, dessen Endergebnis auf Jahre hinaus unsicher ist. Die Reformen in Rußland stehen unter Druck. Der Krieg in
Tschetschenien dauert an. Der politische Pluralismus sieht sich heftiger Konkurrenz seitens autoritärer Traditionen ausgesetzt.
Ein Gefühl für die Geschichte ist ebenfalls wichtig.
Vor nicht allzulanger Zeit konnten ernsthafte Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten
Staaten und der Sowjetunion eine nukleare Konfrontation bedeuten. Heute stimmen wir nicht immer
überein, aber eine Differenz ist nicht zwangsläufig
eine Krise.
Gleichzeitig sollten wir jedoch nicht die atemberaubenden Veränderungen seit dem Zusammenbruch
der Sowjetunion aus dem Blick verlieren. Vor zehn
Jahren wurden nahezu 400 Millionen Menschen vom
Baltikum bis zum Beringmeer von einer totalitären
Diktatur beherrscht und durch Minenfelder und
Stacheldraht eingeschlossen. Heute sind Wilna,
Warschau und Kiew frei und unabhängig. Moskau
ist von politischen Debatten belebt.
Unsere Politik gegenüber Rußland gründet sich auf
sachliches Verständnis.
Wie Präsident Clinton
erklärte, lehnen wir eine oberflächliche Karikatur
Rußlands ab, die nahelegt, das Land sei für Diktatur
oder wirtschaftliches Scheitern prädestiniert. Gleichzeitig geben wir uns keinen Illusionen hin, daß der
Erfolg garantiert ist.
In Wahrheit hat Rußland die Wahl. Das Land kann
sich über seine Vergangenheit oder über seine
Zukunft definieren.
In vielen Bereichen trifft Rußland mutig die richtigen
Entscheidungen. Es hat einen in freien Wahlen
gewählten Präsidenten, ein Parlament und eine
demokratische Verfassung. Es hat eine unabhängige Presse, die häufig die Regierungspolitik kritisiert.
Die Debatten im Parlament sind heftig und offen.
Die Wirtschaftsreformen werden fortgesetzt. Ein
ehrgeiziges Privatisierungsprogramm hat die ökonomische Landschaft Rußlands verändert. Der Privatsektor macht heute über 50 Prozent des russischen
Bruttoinlandsprodukts aus.

Seite 4

Zweifelsohne muß noch sehr viel mehr getan werden.
Kapitalmärkte müssen entwickelt werden, die ausländische und inländische Investitionen anziehen.
Rußland muß sein chaotisches Steuersystem in den
Griff bekommen, ein stabiles Rechtssystem schaffen
und weitere wirtschaftliche Stabilisierung herbeiführen.
Es haben jedoch beträchtliche Veränderungen
stattgefunden - Veränderungen, die im Lichte des
ruinösen Vermächtnisses, das die russischen Reformer hinter sich zu lassen versuchen, noch bemerkenswerter sind. Infolge der nahezu 75jährigen
kommunistischen Herrschaft hat ein Großteil der alten
Elite noch Positionen in der Regierung oder Industrie
inne. Das Vertrauen in demokratische Institutionen
ist so schwach wie die Institutionen selbst. Die
Rechtsstaatlichkeit steckt noch in den Kinderschuhen.
Verbrechen und Korruption nehmen überhand.
In den Bereichen, die denen sich unsere Interessen
decken, werden die Vereinigten Staaten weiterhin mit
Rußland zusammenarbeiten. Wir werden unsere
Beziehungen nicht zum Faustpfand für ein bestimmtes Problem machen. Wir werden Maßnahmen
ablehnen, die kurzfristig politischen Druck bedeuten,
aber langfristige Interessen unterminieren.
Wir werden jedoch auch in Zukunft offen und ehrlich
das Wort ergreifen - und entsprechend handeln wenn russische Aktionen unseren Interessen oder
Idealen zuwiderlaufen. Das gilt für Tschetschenien,
wo das russische Verhalten in tragischer Weise
fehlgeleitet ist.
Bei diesem Vorgehen dürfen wir nicht das enorme
Interesse aus dem Auge verlieren, das wir am
Ergebnis der andauernden Umgestaltung Rußlands
haben. Ein stabiles, demokratisches Rußland ist
unabdingbar für den Aufbau eines sicheren Europas.
Ein instabiles Rußland, das in Autoritarismus oder
Anarchie zurückfällt, wäre eine Katastrophe für uns
alle.
Auch die erfolgreiche Umgestaltung des ehemaligen
sowjetischen Imperiums in eine Region souveräner,

demokratischer Staaten ist uns ein großes Anliegen.
Diese neuen Nationen machen ein Sechstel der
Erdoberfläche aus. Auf ihrem Territorium befinden
sich Zehntausende von Nuklearwaffen. Ihre Völker
und natürlichen Rohstoffe sind ein enormes wirtschaftliches Potential.
Diese Nationen kämpfen darum, das lähmende
Vermächtnis der kommunistischen Herrschaft hinter
sich zu lassen. Sie wollen der modernen internationalen Staatengemeinschaft als freie, respektierte und

AMERIKA DIENST 21

�verläßliche Partner beitreten. Und in Rußland selbst
ist das Ergebnis dieses Kampfes noch unklar.
Wenn jedoch sie alle - oder die meisten von ihnen Erfolg haben, werden wir alle sicherer sein. Die
Bedrohung der nuklearen Vernichtung wird verschwunden sein. Wir bekommen neue Chancen für
Wirtschaftswachstum. Unsere Unternehmerwerden
neue Märkte und neue Bezugsquellen haben.
Damit diese neuen unabhängigen Staaten wirklich
verläßliche Partner werden, müssen sie sich für
demokratische und marktwirtschaftliche Reformen
entscheiden und dabei bleiben. Sie müssen die
Gewohnheiten und Strukturen despotischer Regierungen abschütteln. Sie müssen Volkswirtschaften
aufgeben, in denen alles dem Staat gehörte und
alles von der Partei entschieden wurde.
Die alte Art und Weise ist tief verwurzelt. Wandel ist
störend und schmerzlich, und er kann in politischer
Hinsicht teuer werden. Und es gibt kein Patentrezept. Jedes Land, das sich für Demokratie und
Marktwirtschaft entscheidet, muß seine eigene
Variante wählen und seinen eigenen Kurs verfolgen.
Wenn diese Nationen die harten, aber richtigen
Entscheidungen treffen, haben wir eine wichtige
Rolle zu spielen. Unsere Hilfsprogramme werden
beispielsweise zu Investitionen in unsere Sicherheit
und unseren Wohlstand.
Die neuen Staaten müssen ihren eigenen Kurs
wählen, das Risiko eingehen und die Last tragen.
Aber es liegt in unserem Interesse, daß sie erfolgreich sind und ebenfalls die Vorteile von der Integration in die neue Architektur erhalten, die wir aufbauen.
Bis jetzt habe ich hauptsächlich über Sicherheitsfragen gesprochen. Wir sollten jedoch nicht vergessen, daß solides Wirtschaftswachstum eine
grundlegende Stütze einer erfolgreichen Sicherheitspolitik ist. Politische Stabilität in Zentral- und Osteuropa hängt stark von einem steigenden Lebensstandard ab. Dieser wiederum erfordert eine erfolgreiche Umstrukturierung der Volkswirtschaften dieser
Länder. Aus diesem Grund haben wir alle ein
großes Interesse daran, daß Demokratie und Marktwirtschaft auf dem gesamten Kontinent Fuß fassen.
Im Hinblick auf die aufstrebenden Demokratien
müssen wir die Klugheit - und den Mut - zur Öffnung
unserer Märkte besitzen, so daß diese das wichtigste Instrument für die Schaffung von Wohlstand
werden.

AMERIKA DIENST 21

Was ihre Beziehungen zueinander betrifft, dürfen die
Vereinigten Staaten und Europa nicht ihre beständige
Aufgabe vernachlässigen, sich dem Protektionismus
zu widersetzen und zunehmend globale Märkte zu
schaffen. Wir haben in den letzten 50 Jahren viel
erreicht, aber unsere Arbeit ist noch nicht beendet.
Nachdem die Entscheidungen über die UruguayRunde und die Welthandelsorganisation getroffen
wurden, müssen wir einen transatlantischen Konsens
über die zukünftige Richtung unseres bilateralen
Handels sowie unseren gemeinsamen Ansatz zu
einer weiteren Öffnung der Weltmärkte erzielen. Dies
ist nicht der richtige Zeitpunkt, unsere Wirtschaftsbeziehungen für selbstverständlich zu halten.
Auch dürfen wir nicht zulassen, daß unvermeidliche
Meinungsverschiedenheiten bei unseren Handelsbeziehungen die grundsätzlichen Vorteile unserer
Partnerschaft im wirtschaftlichen Bereich unterminieren. Hier ist beständige Wachsamkeit vonnöten. In
Ermangelung einer einigenden militärischen Bedrohung können wir nicht länger erwarten, daß
handelspolitische Differenzen automatisch den
gemeinsamen Sicherheitsbelangen untergeordnet
werden.
Und es wird Meinungsverschiedenheiten geben,
beispielsweise im Zusammenhang mit dem Bananenregime der EU, ihrer Politik im audiovisuellen
Bereich, den Subventionen für die Luftfahrtindustrie
und anderem. Ohne den Druck des Kalten Krieges
werden sich solche Dispute wahrscheinlich in die
Länge ziehen und an Schärfe zunehmen. Es wäre
jedoch tragisch, wenn solche Irritationen das Vertrauen und den Geist der Zusammenarbeit unterminierten, die während eines halben Jahrhunderts
erfolgreicher Partnerschaft entwickelt wurden.
Wir dürfen auch nicht zulassen, daß unsere Teilnahme am Wettbewerb auf den Weltmärkten unser
Engagement für ihre weitere Liberalisierung schmälert. Unsere Beziehungen müssen umfassend und
kooperativ bleiben und unsere gemeinsame Vision
und gemeinsamen Ziele betonen, dabei jedoch immer
den unschätzbaren Wert dessen im Auge behalten,
was wir in den vergangenen 50 Jahren durch die
sehr enge wirtschaftliche Partnerschaft erreicht
haben.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: In wirtschaftlicher Hinsicht steht bei den amerikanisch-europäischen Beziehungen enorm viel auf dem Spiel.
Europa ist selbstverständlich unser größter und
wichtigster Wirtschaftspartner. Der Kontinent hat
kürzlich die gravierendste Rezession seit den dreißiger Jahren überwunden und mittelfristig Aussicht auf
starkes Wirtschaftswachstum.
Eine wachsende
europäische Wirtschaft kann einen großen Teil des

Seite 5

�erforderlichen Wachstums auf den Exportmärkten
der Vereinigten Staaten bereitstellen. Nach zweijährigem Rückgang aufgrund der Rezession stiegen die
amerikanischen Exporte nach Europa im vergangenen Jahr um 6 Prozent - und in der zweiten Jahreshälfte um ganze 10 Prozent.
Diese Prozentzahlen stehen für astronomische
Geldsummen. Die Europäische Union umfaßt einen
Markt von 7 Billionen Dollar, ein volles Drittel des
Weltmarktes außerhalb der Vereinigten Staaten. Mit
einem Wachstum von real 3 Prozent in diesem Jahr
wird die europäische Wirtschaft um mehr als 200
Milliarden Dollar wachsen - was dem gesamten
Bruttoinlandsprodukt Taiwans entspricht.
Wo ich gerade von Taiwan spreche: Es stimmt, daß
die Vereinigten Staaten derzeit mehr Handel mit
Asien als mit Europa treiben. Unser Handel mit
Asien besteht jedoch überwiegend aus Importen,
während unser Handel mit Europa durchweg ausgeglichen ist. Seit 1970 verzeichneten wir beim Handel
mit der EU in manchen Jahren einen Überschuß, in
anderen ein Defizit. Wenn wir die Ergebnisse für
alle diese Jahre zusammennehmen, ist unser
bilateraler Handel mit der EU fast vollständig ausgeglichen.
Während dieses Vierteljahrhunderts war der Handel
der Vereinigten Staaten mit Asien eine endlose
Reihe von Defiziten, die sich auf über 1 Billion Dollar
beliefen - nahezu zwei Drittel mit Japan. Allein im
vergangenen Jahr hatten wir bei unserem Handel
mit Japan und China ein Defizit von über 100
Milliarden Dollar zu verzeichnen. Dies entspricht
dem Großteil unseres globalen Defizits und erklärt,
warum unsere Handelspolitik sich so stark auf
diesen Teil der Welt konzentrierte.
Das ist aber noch nicht alles. Viele von Ihnen
wissen, daß der Hauptteil der internationalen Wirtschaft nicht beim Handel, sondern bei Investitionen
liegt.
Die weltweiten Verkäufe amerikanischer
Unternehmen überwiegen die Exporte im Verhältnis
von über drei zu eins. Mehr als die Hälfte dieser
Verkäufe werden in Europa abgewickelt - 850 Milliarden Dollar jährlich. Amerikanische Unternehmen in
Europa beschäftigen 3 Millionen Europäer. Europäische Unternehmen in den Vereinigten Staaten
beschäftigen eine vergleichbare Zahl von Amerikanern.
Unsere Investitionen in Europa haben auch positive
Auswirkungen auf unsere Exporte. Nahezu ein
Drittel aller amerikanischen Exporte nach Europa
gehen an amerikanische Tochterfirmen auf dem
Kontinent. Diese Niederlassungen wiederum führen

Seite 6

Dividenden, Tantiemen und andere Gewinne zurück
in die Vereinigten Staaten.
Wenn alle diese Faktoren der Gleichung beigefügt
werden, beläuft sich der transatlantische Handel auf
über 1,7 Billionen Dollar jährlich - ungefähr 50
Prozent mehr als unser transpazifischer Handel.
In Anbetracht dieser Zahlen ist es offensichtlich, daß
die Vereinigten Staaten und Europa ein großes
Interesse am Wohlergehen des anderen haben. Es
ist eindeutig nicht der Fall, daß ein stärkeres Europa
ein schwächeres Amerika bedeutet und umgekehrt.
Im Gegenteil: Eine gesündere europäische Wirtschaft beinhaltet mehr amerikanische Importe und
mehr arbeitsbeschaffende Investitionen in den
Vereinigten Staaten.
Ferner beeinflußt sie das
Ausmaß, in dem Europa gemeinsam mit uns das
weltweite Handelssystem zu mehr Offenheit führt.
Natürlich haben wir beide weitere bedeutende Wirtschaftsinteressen. Die Vereinigten Staaten streben
eine Ausweitung des freien Handels in Asien und
dem Pazifik sowie in der westlichen Hemisphäre an.
Europa strebt eine weitere Integration seines Binnenmarktes und die Aufnahme Zentral- und Osteuropas in diesen Markt an. All dies sind wichtige
Anliegen.
Letztlich dürfen wir aber nicht zulassen, daß unsere
Interessen andernorts auf der Welt die zentrale
Bedeutung der amerikanisch-europäischen Beziehungen schmälern. Nach Meinung einiger bedeutet
das, wir sollten die Errichtung einer transatlantischen
Freihandelszone anstreben. Andere befürworten
Verträge oder Abkommen auf spezifischen Gebieten.
Wieder andere streben eine Wirtschaftsgemeinschaft
ähnlich dem europäischen Wirtschaftsraum zwischen
EU und EFTA an.
Anfang des Monats sprach Außenminister Warren
Christopher in Madrid von einer neuen Vision für die
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten. Er erklärte: "Langfristig ist das
Ziel die Integration der Volkswirtschaften Nordamerikas und Europas im Einklang mit den Prinzipien der
Welthandelsorganisation."
Während wir uns um die Erlangung dieses hochgesteckten Ziels bemühen, besteht jedoch kein
Zweifel daran, daß wir engere Wirtschaftsbeziehungen benötigen - nicht nur wegen der offensichtlichen
wirtschaftlichen Vorteile. Da eine überzeugendere
Vision unserer gemeinsamen Interessen fehlt, könnte
man versucht sein, auseinanderzudriften. Das wären
alarmierende Aussichten für uns und die übrige Welt.

AMERIKA DIENST 21

�Glücklicherweise gibt es noch viel, was uns zusammenhält. Auf jedem Gebiet - bei unserer immens erfolgreichen politischen und sicherheitspolitischen Partnerschaft, unseren intensiven Handels- und Wirtschaftsbeziehungen, sogar unseren
gemeinsamen Werten - werden wir durch ein reiches
Erbe von kulturellen und Familienbanden bestärkt,
die bis zu den frühen europäischen Siedlern in
Nordamerika zurückreichen. Im Laufe der Jahrhunderte wanderten über sieben Millionen deutschsprachiger Europäer nach Amerika aus. Heute sind
ungefähr 60 Millionen amerikanischer Bürger deutscher Abstammung.
Dies sind lebenswichtige Verbindungen, die Stärke
und Widerstandsfähigkeit unserer politischen und
sicherheitspolitischen Partnerschaft gewährleisten
helfen. Wir sollten nicht die Bedeutung direkter
persönlicher Kontakte zwischen den Bürgern unserer
beiden Länder als Grundlage für gegenseitiges
Verständnis unterschätzen. Diese Kontakte stellen
die Stabilität anderer essentieller Verbindungen
sicher. Es ist unsere Aufgabe, für eine ständige
Erneuerung dieser Bande Sorge zu tragen.
Austauschprogrammen für Jugendliche kommt
hierbei eine besondere Bedeutung zu. Ausgezeichnete Programme wie das Parlamentarische Patenschaftsprogramm Kongreß/Bundestag und das
Deutsch-Amerikanische
Partnerschaftsprogramm
bieten Tausenden junger Menschen die Gelegenheit,
zusammen zu leben und zu arbeiten, was für beide
Gesellschaften von dauerhaftem Vorteil ist.
Auch Austauschprogramme zwischen Universitäten
sind erwiesenermaßen von unschätzbarem Wert.
Seit 1952, als das deutsch-amerikanische FulbrightProgramm ins Leben gerufen wurde, haben 25.000
deutsche und amerikanische Studenten, Lehrer und
Professoren einige Zeit im jeweils anderen Land
verbracht. Das hatte nicht nur bedeutende Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des
einzelnen, sondern auch auf Fortschritte in der
Wissenschaft und auf anderen Gebieten der Forschung.
Die Medientechnologie ist ein wunderbares Mittel,
Kontakte von Angesicht zu Angesicht zu erleichtern wenn auch nicht zu ersetzen. Wir müssen umfassenden Gebrauch von den Fortschritten im Kommunikationswesen machen, um Austauschaktivitäten
zu fördern. Die RIAS Berlin Kommission erfüllt diese
Aufgabe sehr gut mit ihren aktiven journalistischen
Austauschprogrammen, die vorwiegend für Journalisten aus den neuen Bundesländern bestimmt sind.
Ferner müssen wir die Tatsache anerkennen, daß
dieser Teil Deutschlands über lange, dunkle Jahr-

AMERIKA DIENST 21

zehnte hinweg von den Vereinigten Staaten und dem
übrigen Westen abgeschnitten war. Es wird Jahre
erfordern, das aufzuholen. Aber wir machen einen
guten Anfang.
Wir haben das Programm unseres Amerika Hauses
in Leipzig erweitert, das auch für Sachsen und
Thüringen zuständig ist. Mit der starken Unterstützung der Freunde des Amerika Hauses Berlin erweitern wir auch unsere Aktivitäten in Brandenburg,
Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
In Zusammenarbeit mit der Universität von HalleWittenberg, der Leucorea-Stiftung und anderen
beteiligen wir uns aktiv an der Schaffung eines
"Center for Advanced English and U.S. Studies" in
der Lutherstadt Wittenberg. Radio Charlie der Voice
of America hat in Berlin den Sendebetrieb auf der
Frequenz des alten AFN aufgenommen. Eine andere
interessante neue Institution, die Amerikanische
Akademie zu Berlin, wird sich auf die Förderung des
Kultur- und Wissenschaftsaustausches über den
Atlantik hinweg und in ganz Zentraleuropa konzentrieren.
Ebenso bemerkenswert ist das Engagement amerikanischer Unternehmen in den neuen Bundesländern,
wo wir der größte ausländische Investor sind.
Unsere Investitionen reichen vom Verbrauchsgütersektor - Coca Cola und McDonalds - bis zum industriellen Sektor - Opel, Mibrag, Dow und Otis Elevator.
Ferner sind mittelständische amerikanische
Unternehmer in den neuen Ländern aktiv und demonstrieren das amerikanische Engagement für die
wirtschaftliche Umgestaltung dieses Teils von
Deutschland.
Dieses Engagement wird gekrönt von einer für den 6.
und 7. Oktober in Erfurt anberaumten Konferenz, die
von der US-Botschaft und der Amerikanischen
Handelskammer veranstaltet wird. Sie ist die dritte in
einer Serie, die vergangenen Herbst in Berlin und
Leipzig begann und die kooperative Rolle amerikanischer Unternehmen und der US-Regierung bei der
Ermutigung von Investitionen in Ostdeutschland
hervorhebt.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland können
folglich sehr viel unternehmen, um die fortgesetzte
Bedeutung und Vitalität unserer gemeinsamen Werte
in dieser Zeit des Wandels sicherzustellen. Wir
haben eine wichtige Partnerschaft. Was Werte,
Sicherheit und Wirtschaft anbelangt, erachten die
Vereinigten Staaten die fest in Europa und dem
atlantischen Bündnis verwurzelte Bundesrepublik
Deutschland als zentralen Baustein für regionale
Stabilität. Deutschland ist bereits zum Motor für den
Prozeß der europäischen Integration geworden. Wir

Seite 7

�erwarten von Deutschland die Übernahme einer
noch größeren Führungsrolle in Europa und der
Welt, die im Einklang mit seiner politischen und
wirtschaftlichen Stärke steht.
Aus diesem Grund unterstützen wir eine ständige
Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat.
Wir sehen Deutschland als entscheidenden Partner
bei der wichtigen Aufgabe an, ein transatlantisches
Sicherheitssystem aufzubauen, das unsere gemeinsame Vision eines in Demokratie, freier Marktwirtschaft und gemeinsamer Sicherheit geeinten Europas fördert. Wir verstehen sehr wohl, daß Deutschland Zeit braucht, um solch eine neue Rolle zu
übernehmen, die Debatte zu führen und Entscheidungen zu treffen, um seinen angemessenen Platz
auf der europäischen und internationalen Bühne zu
finden. Wir sind jedoch äußerst zuversichtlich, daß
Deutschland auch in Zukunft die richtigen Entscheidungen treffen wird.
Die uns konfrontierenden Probleme sind ernster
Natur und stellen eine große Herausforderung für die
transatlantische Gemeinschaft dar. Es sind jedoch
nicht die ersten Herausforderungen, denen wir uns
gemeinsam stellen. Im Rückblick auf die letzten 50
Jahre sehen wir trotz ebenso düsterer Prophezeiungen viele großartige Leistungen.
Vor nur wenigen Jahren schien die Ost-West-Konfrontation endlos, und die Möglichkeit eines nuklearen Holocaust war täglich präsent. Man dachte, die
Berliner Mauer würde ewig stehen. Es wurde
behauptet, das letzte Kapitel Deutschlands als
geeinte Nation sei geschrieben und die Spaltung
Europas von Dauer. Man erklärte, amerikanische
Legionen würden ebenso wie die im alten Rom für
immer in Berlin und an anderen Außenposten des
Kalten Krieges Wache stehen.

*

Seite 8

Heute wissen wir, wie falsch diese Annahme war.
Angesichts der Ereignisse von 1989 erkennen wir die
Anziehungskraft und die Macht westlicher Werte. Die
uns heute konfrontierenden Gefahren unterscheiden
sich von denen des Kalten Krieges. Unsere Antwort
muß jedoch in denselben Grundsätzen verwurzelt
sein, die uns seit 50 Jahren leiten, sowie in der
transatlantischen Partnerschaft, die jenen Idealen
Leben und Vitalität gibt.
Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für Ungeduld oder
Ängstlichkeit. Wenn wir zu schnell zu viel erwarten,
ist die Enttäuschung schon vorprogrammiert. Dies ist
aber auch nicht der richtige Zeitpunkt, uns auf
unseren Lorbeeren auszuruhen. Alle großen Projekte
nehmen ihren Anfang in der menschlichen Vorstellungskraft. Jean Monnet und Robert Schuman hatten
eine Vision, die zu den Römischen Verträgen und
allem Nachfolgenden führte. George Marshall hatte
eine Vision und stellte einen Plan auf, der nach ihm
benannt wurde. Viele Europäer hatten einen Traum
von einem "Europa 1992", das dem schleppenden
Prozeß der wirtschaftlichen Integration Energie
verlieh. Und natürlich hat unser Traum von der
Freiheit, der in den Straßen von Leipzig seinen
Ausdruck fand, die Welt verändert.
Heute benötigen wir einen anderen Traum für das 21.
Jahrhundert. Als moderne Gesellschaften mit einer
jahrhundertealten reichen gemeinsamen Geschichte
können und müssen Amerikaner und Europäer
definieren, wohin sie gemeinsam gehen wollen.
Geleitet von unseren Werten können wir die vor uns
liegenden tückischen Untiefen umschiffen und sicher
die großen Gewässer erreichen, die am Horizont des
dritten Jahrtausends liegen.

* * * *

AMERIKA DIENST 21

�Cl V I T A S
21. Juni 1995

Die Herausforderung der Staatsbürgerkunde
Rede von Penn Kemble
PRAG - (AD) - Penn Kemble, Stellvertretender Direktor des US-Informationsamts (United States Information
Agency - USIA), hielt am 2. Juni 1995 bei der internationalen partnerschaftlichen Konferenz über
Staatsbürgerkunde (International Partnership Conference on Civic Education - Civitas) die nachfolgende Rede.

Eine Idee dieses Treffens war, daß es nützlich wäre,
Menschen in einer zentral gelegenen Stadt zu einer
modernen Version des mittelalterlichen Jahrmarkts
zusammenzubringen. Sie werden sich erinnern, daß
solche Jahrmärkte Gelegenheiten für Handwerker
und Kaufleute von nah und fern waren, ihre Waren
auszustellen und ihre Fähigkeiten und Techniken zu
demonstrieren. Dies wird - wie Sie bald sehen
werden - hier in herausragender Weise von den im
Bereich der Staatsbürgerkunde Tätigen erreicht.
Die Konferenzveranstalter hatten jedoch noch ein
anderes Ziel vor Augen, das für uns im US-Informationsamt besonders interessant ist. Ich gestehe
Ihnen jetzt etwas, das einige bereits vermutet haben:
Hinter allem steht ein politisches Motiv. Es ist
amüsant - und bei näherem Überlegen auch bedauerlich - daß man heute vor dem Gebrauch des
Wortes "politisch" zurückschreckt.
In höflicher
Konversation hat Politik einen unangenehmen
Beigeschmack und wird mit etwas Unehrlichem
assoziiert, das allgemein kein hehres Ziel verfolgt
und keinen Stil hat.
Da dies ein Treffen von Staatsbürgerkundlern ist,
wird es hoffentlich möglich sein, dieses mit "p"
beginnende Wort offen auszusprechen und Sie zu
bitten, sich bei dieser Zusammenkunft auf seine
positiveren Aspekte zu konzentrieren. Viele der hier
anwesenden Pädagogen wissen noch viel besser als
ich, daß es Zeiten gab, in denen die Philosophen die
Politik als eines der edelsten Unterfangen der
Menschheit bezeichneten, Cicero stolz verkündete
"Ich bin ein Bürger Roms" und Abgeordnete in den
großen Parlamenten eine Anhängerschaft hatten, die
fast so groß war wie bei den heutigen Stars der
Videokultur. Daher hoffe ich, Sie stimmen mit mir
darin überein, daß es vollkommen angebracht sogar notwendig ist - unserem Treffen in Prag ein
politisches Ziel zu geben.

AMERIKA DIENST 21

Der Grund dafür ist, daß die Politik im positiven Sinn
zu unseren Zielen gehört. Politik - schlechte Politik ist die Quelle vieler Ärgernisse, aber nur Politik gesunde Politik - kann uns daraus retten. Das USInformationsamt, dem ich angehöre, ist eine Behörde
für auswärtige Angelegenheiten. Wir sind keine
Erziehungswissenschaftler. Bei unserer Vorbereitung
dieser Konferenz haben wir uns an amerikanischen
Erziehungswissenschaftlern orientiert - am Zentrum
für Staatsbürgerkunde, dem amerikanischen Lehrerverband, dem amerikanischen Bildungsministerium
sowie vielen anderen herausragenden Mitgliedern
des Lenkungsausschusses von "Civitas". Sie bieten
die pädagogische Expertise. Unsere Rolle besteht
darin, ihnen bei der Einbeziehung von Staatsbürgerkundlern aus dem Ausland behilflich zu sein.
Wir sehen jedoch einen Sinn in diesen Bestrebungen,
die mit den weltweiten Interessen der Vereinigten
Staaten in Einklang stehen. Es sollte darauf hingewiesen werden, daß dies keinesfalls ausschließlich
amerikanische Interessen sind: Es sind Interessen,
die im letzten Jahrzehnt das erklärte Ziel vieler
anderer Regierungen gewesen sind. Es sind Interessen, die bei unseren hiesigen Diskussionen erörtert
werden sollten und hoffentlich in den Ergebnissen der
Konferenz ihren Niederschlag finden. Präsident Bill
Clinton und Außenminister Warren Christopherhaben
vielfach betont, daß die Stärkung der Demokratie auf
der Welt eines der Hauptziele der amerikanischen
Außenpolitik ist.
Dieses Ziel wird auch von unseren Opponenten in
der Republikanischen Partei unterstützt. Meines
Erachtens wird es - ungeachtet des Ergebnisses der
heutigen Debatten - eine wichtige Prämisse der
amerikanischen Außenpolitik bleiben. Aber obwohl
die meisten von uns sich einig sind, daß die Notwendigkeit besteht, sich für die Stärkung der Demokratie
weltweit zu engagieren, muß darüber gesprochen
werden, wie wir praktisch vorgehen. Nach der ersten

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�Woge tiefgreifender Veränderungen in Mittel- und
Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion richteten sich die Energien der etablierten Demokratien
auf die Herausforderung, freie Wahlen abzuhalten.
Und wir erkannten bald, daß sie zwar notwendig,
aber nicht ausreichend für die Schaffung einer
echten Demokratie sind.
Anschließend übernahmen wir es, die neuen, im
Übergang befindlichen Demokratien auf eine andere
Art zu engagieren: Wir versuchten, ihnen bei der
Schaffung zusätzlicher demokratischer Mechanismen
beizustehen. Dazu gehörten unter anderem Parlamente, Gerichte, andere Institutionen der Rechtsstaatlichkeit und politische Parteien. Diese Bestrebungen wurden bald von einer dritten Form des
Engagements begleitet - Wirtschaftshilfe. Da politischer Wandel und wirtschaftliche Veränderungen in
enger Verbindung standen, ging der Zusammenbruch der damaligen politischen Strukturen des
Kommunismus Hand in Hand mit dem Zusammenbruch vieler alter zentralisierter Wirtschaftsstrukturen.
Dies führte zu einer Wirtschaftskrise, sogar zum
wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die etablierten
Demokratien leisteten zunächst humanitäre Hilfe und
boten dann makroökonomische Stabilisierungspläne,
Hilfe bei der Entwicklung der Privatwirtschaft, der
Banken, Börsen und anderer, in einer Marktwirtschaft erforderlicher Wirtschaftsinstitutionen.
All diese Formen von Wirtschafthilfe kosten die
älteren Demokratien jedoch Milliarden von Dollar.
Im Grunde genommen waren diese Bestrebungen
allesamt hilfreich. Nach einiger Zeit wurde jedoch
klar, daß noch etwas anderes erforderlich ist - das
Außenseiter ermutigen, aber nicht wirklich bereitstellen können - wenn demokratische und marktwirtschaftliche Systeme prosperieren und sich selbst
erhalten sollen. Mit der Zeit gelangten wir zu der
Erkenntnis, daß die Institutionen und Mechanismen
der Demokratie von einer demokratischen Kultur
genährt werden müssen. Wenn die Öffentlichkeit
nicht ihre Rechte wahrnimmt und ihre Pflichten erfüllt
und nicht über das hierzu nötige Wissen verfügt,
kann ein Land nicht einfach die demokratische
Maschinerie importieren. Die Demokratie ähnelt
dann einem Organtransplantat, das wieder abgestoßen wird. Ferner haben wir gelernt, daß staatsbürgerliche Strukturen und eine staatsbürgerliche
Kultur auch für freies Unternehmertum und eine
prosperierende Marktwirtschaft erforderlich sind. Die
großen Philosophen des Kapitalismus wie David
Hume und Adam Smith verstanden sehr wohl, daß
ein echter kapitalistischer Markt aus mehr bestehen
muß als primitivem Austausch wie der zwischen
Pelzhändlern und Indianern in der Prärie. Echter
Kapitalismus erfordert eine starke und effektive,
wenn auch eingeschränkte Regierung.

Seite 2

Letztlich stellt sich die Frage, wer die für eine Unternehmensgründung notwendige Energie bereitstellt
oder sauer verdientes Geld investiert, wenn es keine
Rechtsgarantien, keine Gerichte, Ansprüche oder
ähnliches gibt? Michael ignatieff schrieb kürzlich in
Foreign Affairs: "Ohne eine freie und robuste
bürgerliche Gesellschaft wird die kapitalistische
Marktwirtschaft unweigerlich zu einem MafiosoKapitalismus."
Ein Mafioso-Kapitalismus ist nicht nur nicht schön - er
kann nur zu einem bestimmten Maß an Wohlstand
führen, bevor er an seiner mangelnden moralischen
und politischen Autorität zugrunde geht. Damit ein
demokratisches und marktwirtschaftliches System
wirklich funktioniert und seinen Bürgern und Investoren die Zuversicht gibt, daß es langfristig überlebt,
müssen seine Bürger über öffentliche Angelegenheiten und die "Gewohnheiten des Herzens" - wie
Tocqueville sie nannte - Bescheid wissen, die ein
effektives Funktionieren einer Demokratie ermöglichen. All dies führt wieder zur Staatsbürgerkunde.
Aber Staatsbürgerkunde - und es tut mir leid, das
sagen zu müssen - Staatsbürgerkunde kann langweilig sein.
Betrachten wir uns die Wert von heute: Krieg in
Bosnien, Erdbeben in Sachalin, Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Japan. Wie viele
von seriösem Ehrgeiz geleitete führende Politiker
würden sich angesichts solchen Wettbewerbs der
Förderung von Staatsbürgerkunde widmen? Verglichen mit den anderen Aufmerksamkeit erfordernden Dramen kann Staatsbürgerkunde erscheinen, als
würde man das Gras wachsen hören. Das heißt,
Staatsbürgerkunde benötigt eine Lobby.
Staatsbürgerkunde benötigt vor allem eine organisierte Lobby, die das Interesse daran erhalten und selbst
dann Unterstützung gewähren kann, wenn dramatischere Ereignisse die Aufmerksamkeit derjenigen
fesseln, die sich vornehmlich auf Krisen und Schlagzeilen konzentrieren. Und diese Lobby benötigt eine
Stimme in der internationalen Staatengemeinschaft.
Wer könnte zur Zusammensetzung dieser Lobby
beitragen? Zum einen gibt es die Lehrer. Zweifelsohne haben Lehrer ein berufliches Interesse an der
Förderung des Unterrichts. Aber nachdem die
Eigeninteressen berücksichtigt sind, gibt es noch
andere Gründe, warum die Lehrer sich mit Staatsbürgerkunde befassen. Erstens kann man zu Recht
sagen, daß die Lehrer an der Frontlinie des Zerfalls
der bürgerlichen Gesellschaft in vielen unserer
Gesellschaften stehen. Schulen sind heute das
wichtigste Schlachtfeld beim Kampf um die Förderung
der demokratischen Kultur, aber auch der Ort, an
dem Gewalt, Intoleranz und die Unterdrückung

AMERIKA DIENST 21

�offener Fragen und Debatten am stärksten spürbar
sind. Die Lehrer müssen sich mit von einem Gespür
für die Öffentlichkeit geleiteten Bürgern vereinen, mit
Unternehmern, die wissen, daß politische Stabilität
und eine effektive öffentliche Verwaltung für wirtschaftlichen Wohlstand unerläßlich sind, mit Menschenrechtlern, die sich bewußt sind, daß die einzige
Versicherung gegen Mißbrauch eine informierte und
aktive Bürgerschaft ist. Wenn wir hartnäckig sind,
können wir auch in Diplomaten und internationalen
Führungskräften Verbündete finden, die zu schätzen
wissen, daß demokratische Entwicklung der sicherste Weg zu Frieden ist. Eine der ermutigendsten
Entwicklungen der vergangenen Jahre ist das
Ausmaß, in dem die großen internationalen Organisationen - die Strukturen dessen, was wir gelegentlich als "internationale Staatengemeinschaft" bezeichnen - zu erkennen begonnen haben, daß
Frieden und Entwicklung durch die Erweiterung und
Vertiefung der Demokratie gut gedient ist.
Zu Beginn ihrer Geschichte vertrat die Weltbank
beispielsweise die Ansicht, daß wirtschaftliche Entwicklung vollständig getrennt von Besorgnis über
Demokratie, Menschenrechte und gute Regierungsführung betrachtet werden sollte. In jüngster Zeit hat
jedoch ein beeindruckender Wandel stattgefunden.
Erstens fing die Bank an, sich über Korruption und
Ineffizienz in den öffentlichen Verwaltungen vieler
Länder Sorgen zu machen, die Kredite von ihr
erhielten. Als die Bank sich eingehender mit diesen
Problemen befaßte, begann sie sich zu fragen, wie
sie längerfristig bewältigt werden könnten. Eine im
Mai 1994 veröffentlichte, von der Bank veranlaßte
Studie sprach sich energisch für die fragile Demokratie aus: "...Das Hauptaugenmerk der Regierungsarbeit der Bank war die Verwaltung des öffentlichen
Sektors... Da sie vornehmlich technischen Charakter
hat, spricht sie die Verfahren und Maschinerie der
Verwaltung des öffentlichen Sektors an, nicht notwendigerweise die Ursachen. Dies legt Aktionen auf
zwei Ebenen nahe: Erstens entschlossenere Versuche zur Förderung von Reformprogrammen in
Händen der Einheimischen, und zweitens die Ermutigung von Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft,
damit sie wachsen und im wirtschaftlichen Bereich
mehr Rechenschaftspflicht von den Regierungen
fordern können.
Die Vereinten Nationen - eine Institution mit einer
noch vielschichtigeren Mitgliedschaft als die Weltbank - sind weiter davon entfernt, demokratische
Entwicklung zu einem Tagesordnungspunkt zu
machen. In die Agenda für Entwicklung für 1995 hat
Generalsekretär Boutros-Ghali einen aufwühlenden
Absatz aufgenommen, der bekräftigt, daß "Demokratie gute Regierungsführung" ist und "Demokratie den
einzigen langfristigen und tragfähigen Weg zu erfolg-

AMERIKA DIENST 21

reicher Entwicklung darstellt". Die Organisation der
Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und
Kultur, UNESCO, nutzt diese Würdigung der Demokratie für eine ausdrückliche Verpflichtung zu Staatsbürgerkunde. Bei der 44. Sitzung ihrer internationalen Konferenz über Bildung erklärte sie, daß "Bildung
die Fähigkeit zur Wertschätzung der Freiheit und zur
Bewältigung ihrer Herausforderungen entwickeln
muß". *
Eine ähnliche Geisteshaltung findet sich in den
Erklärungen der Organisation für Sicherheit und
Zusammenarbeit in Europa, der Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, des
Europarats und nicht zuletzt der Führung der NATO.
In der Tat ist die NATO - ein Sicherheitsbündnis par
excellence - ein besonders anschauliches Beispiel
der wachsenden Anerkennung der Rolle der Demokratie bei internationalen Sicherheitsbelangen.
In der vergangenen Woche traf Rußland die begrüßenswerte Entscheidung, der Partnerschaft für den
Frieden beizutreten.
Solche Schritte zu neuen
Sicherheitspartnerschaften in Europa müssen geduldig und sorgfältig unternommen werden. Es ist
jedoch offenkundig, daß neue Abkommen kaum das
Papier wert sind, auf dem sie geschrieben wurden,
wenn sie nicht auf gemeinsamen Werten wie Demokratie und Menschenrechten ruhen.
Präsident
Clintons Äußerungen zur NATO-Mitgliedschaft gelten
auch hier: Länder mit repressiven politischen Systemen, Länder mit Ambitionen gegenüber ihren Nachbarn, Länder mit nicht ziviler Kontrolle unterworfenen
Militärs oder mit geschlossenen Wirtschaftssystemen
brauchen eine Mitgliedschaft nicht in Erwägung zu
ziehen. Diese Anzeichen wachsender Verpflichtung
zur demokratischen Idee in der internationalen
Staatengemeinschaft sollten für die Staatsbürgerkundler außerordentlich vielversprechend sein. Aber
werden sie mehr als bloße Lippenbekenntnisse sein?
Könnten sie verspätete Tribute an den Geist von
1989, an den Geist des Wenzeslaus-Platzes sein, die
angesichts der wachsenden ethnischen und nationalen Gewalt, Desillusionierung und Apathie bereits
passe sind? Werden sie nur mehr abgedroschene
Erklärungen und bürokratischen Müßiggang hervorbringen? Oder werden die Menschen Anstrengungen
unternehmen, um diesen Versprechungen Leben
einzuhauchen, sie in die Städte, an die Arbeitsplätze
und vor allem in die Klassenzimmer bringen, wo sie
wirklich Realität werden? Dies ist eine der uns
konfrontierenden Herausforderungen. Wir haben
unsere beruflichen Herausforderungen, aber dies ist
die politische Herausforderung. Wir werden in der
Tat gut daran tun, wenn wir wenigstens einen Anfang
machen, sie anzusprechen.

Seite 3

�4. J U L I
21. Juni 1995

Die amerikanische Reise und der
Geist von General Washington
von Paul G. Ashdown
WASHINGTON - (AD) - Aus Anlaß des amerikanischen Unabhängigkeitstages am 4. Juli veröffentlichen wir
nachfolgend eine unwesentlich gekürzte Rede über amerikanische Präsidenten und Präsidentschaftswahlkämpfe, die Paul G. Ashdown am Colurrbus Day, dem 12. Oktober 1994, an der Universität Bonn hielt.
Ashdown ist Professor und Dekan am Collega of Communication der University of Tennessee.
Während der vergangenen Jahrhunderte urternommene Expeditionen und Reisen zur Erschließung des
Landes und Besiedlung der Vereinigten Staaten haben Paul Ashdown zufolge das Muster von Präsidentschaftswahlen vorgegeben. Der Autor verfolgt die Geschichte von Präsidentschaftswahlkämpfen von George
Washington bis Bill Clinton sowie die Berichterstattung in Zeitung, Radio und Fernsehen.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Vital Speeches of the Day. Copyright
(c) 1994.

Alle vier Jahre wird in den Vereinigten Staaten ein
Präsident neu ins Amt gewählt, in seinem Amt
bestätigt oder seines Amtes enthoben - einst der

Führer der freien Welt, der Oberkommandierende
der amerikanischen Streitkräfte, der politische Erbe
George Washingtons. Ich bin mir sicher, daß unsere
europäischen Partner das bewegte politische Spektakel auf der anderen Seite des Atlantiks mit einem
gewissen Gefühl der Angst, Verzweiflung und
bisweilen des drohenden Verhängnisses verfolgen.

an den Kopf, während sie die Einkäufe ihrer Kunden
in die Kasse eintippten. "Ich arbeite seit 15 Jahren
mit Dir zusammen, und Du bist heute fauler als
damals", rief der eine. Der andere erwiderte: "Du
vergraulst mehr Kunden als die Gammler vor dem
Geschäft."
Offensichtlich dauerte diese Auseinandersetzung
bereits eine Weile an - soweit ich weiß, 15 Jahre
lang.

Dieses Spektakel können Sie l^e üb&gt;;r die riesigen
intergalaktischen Fernsehstationen verfolgen, die
Bilder von unseren privaten nationalen Versammlungen bringen - als hätte man während eines Familienstreits eine Kamera und einen Kassettenrekorder im Wohnzimmer aufgestellt, die Vorhänge
aufgezogen und die Fenster geöffnet, damit die
Nachbarn besser zusehen können. Beobachter
müssen sich fragen, ob wir Amerikaner ein wenig
benommen vom Tafelwein sind und ob man uns
zutrauen kann, die Nachbarschaftskomitees zu
leiten, die wir gewohnheitsmäßig organisieren.

Das Erstaunliche an der ganzen Sache war, daß das
Geschäft voll eiliger Kunden war, die die Auseinandersetzung zwischen den Kassierern nicht beachteten. Und die Kassierer hatten offensichtlich
keine Schwierigkeiten, in diesem Klima von Feindseligkeit, Mißtrauen und Provokation zusammenzuarbeiten. Vielleicht handelte es sich aber auch nur um
eine sorgfältig erdachte Form der Unterhaltung, um
Kunden anzulocken. Unsere Präsidentschaftswahlkämpfe sind ähnlich. Es gibt viele Auftritte, viel
Spekulation. Und dazwischen ist es mehr oder
weniger Alltagsroutine.

Wahlen in den Vereinigten Staaten sind wie eine
Szene, die ich vor etwa zehn Jahren in New York
beobachtete. Als ich die Fifth Avenue entlangschlenderte, sah ich vor einem kleinen Lebensmittelgeschäft eine Menschenmenge stehen. Zwei ältere
Kassierer in dem Laden warfen sich Beleidigungen

Amerikanische Präsidenten waren nur selten sehr
beliebt. Ambrose Bierce, ein Journalist des 19.
Jahrhunderts und sarkastischer Lexikograph, definierte den Präsidenten einmal als "vorübergehenden
Häuptling, der von den Anführern einer Partei politischer Banditen gewählt wird, um die Beute zwischen

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

�ihnen aufzuteilen". Bei einer anderen Gelegenheit
bezeichnete er den Präsidenten als "die Führungspersönlichkeit in einer kleinen Gruppe von Menschen, von denen sich eine überwältigende Ar zahl
ihrer Landsleute keinen als Präsidenten wünsc it".

warnte: "Sollte der ungläubige Jefferson gewählt
werden, wird der Tod unserer heiligen Religion
besiegelt, werden unsere Kirchen gedemütigt und
eine infame Prostituierte wird unter dem Titel 'Göttin
der Vernunft' den Vorsitz führen."

Es gibt eine Geschichte über George Washington,
die in einigen unserer Geschichtsbücher zu finden
ist. Die Erzählung basiert auf der mündlichen Überlieferung des 99jährigen Anthony Sherman, der
Washington gekannt haben will. Unser erster Präsident soll ihm erzählt haben, während er im Unabhängigkeitskrieg im Schnee von Valley Forge
betete, sei ihm ein himmlisches Wesen erschienen
und habe ihm die Zukunft Amerikas vorausgesagt.

Moderne Wahlkampagnen begannen vor etwa 100
Jahren. Vor dieser Zeit wurde in Wahlkämpfen eine
Botschaft übermittelt.
Im Wahlkampf von 1896
zwischen Grover Cleveland und William McKinley
wurde jedoch der Kandidat selbst die Botschaft.
Franklin Roosevelt wurde der erste Präsident im
Zeitalter der Massenmedien, der sich das neue
Medium Radio geschickt zunutze machte. 1952 war
das Fernsehen sehr wichtig geworden und verschaffte den Präsidenten Eisenhower und Kennedy direkten
Zugang zum amerikanischen Volk.

Man weiß nicht, ob Washington auch die Berichterstattung in der Presse vorhersah, die er wälrend
seiner Präsidentschaft ertragen mußte. Hätte er das
gewußt, hätte er das Amt wahrscheinlich nicht
angenommen. Während seiner Amtszeit war die
Presse nicht für ihre Fairness bekannt. Tatsächlich
war sie noch viel parteiischer als heute. Selbst über
Washingtons Geburtstagsfeier gab es negative
Kommentare. Eine Zeitung nannte die Feier eine
"monarchistische Farce" mit "königlichem Pomp und
Paraden".
Eine New Yorker Zeitschrift bezeichnete Washington
als "grauenhaften Flucher und Gotteslästerer". Er
wurde als Tyrann und Verderb der Nation bezeichnet. Man muß Washington hoch anrechnen, daß er
sich mit den - wie er sie selbst bezeichnete - "niederträchtigen Schreiberlingen" von der Presse
abfand. Er erklärte: "Diese Art der Darstellung ist
ein Übel, das den unzähligen Vorteilen einer freien
Presse gegenübersteht."
Die amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe
begannen nicht mit Washington, weil die ersten
beiden Kandidaten keine wirklichen Konkurrenten
hatten. Lange Zeit später bezeichnete Ambrose
Bierce die Präsidentschaft als "das Mastschwein auf
dem Spielfeld der amerikanischen Politik". Washington erwartete einfach nur einen Sieg, den er auch
errang. Es gab keinen Wahlkampf. Er wurde zum
Präsidenten gewählt, und sein Rivale, John Adams,
wurde Vizepräsident.
Die Wahlkampfberichterstattung begann nach der
Amtszeit George Washingtons im Jahr 1796. Adams
und Thomas Jefferson kandidierten beide für das
Amt. Religion beziehungsweise mangelnde religiöse
Überzeugung waren von Anfang an ein umstrittenes
Thema. Jefferson war ein Deist, was viele Schreiber
beunruhigte. Bierce definiert einen Deisten als
jemanden, "der an Gott glaubt, sich aber das Recht
zur Anbetung des Teufels vorbehält". Eine Zeitung

Seite 2

Gouverneur Adlai Stevenson kandidierte gegen
Eisenhower und verlor zwei Wahlen. Er erkannte,
welche Auswirkungen die Instrumente zur Beeinflussung der Massen nicht nur auf seine eigenen
Wahlkämpfe, sondern auch auf das Amt des Präsidenten hatten. Stevenson klagte, "die Idee, man
könne Kandidaten für dieses hohe Amt vermarkten
wie ein Frühstücksmüsli, nimmt dem demokratischen
Prozeß jede Würde". Stevenson lebte nicht lange
genug, um Präsident Clinton abends im Fernsehen
Saxophon spielen zu sehen.
Besonders gut gefiel mir der Filmausschnitt, den Bill
Clinton im Archiv über Präsident Kennedy fand. Er
setzte diesen Filmstreifen während seines Wahlkampfes ein. Der Film zeigt den Teenager Bill Clinton,
dem der damalige Präsident John F. Kennedy die
Hand schüttelt.

Kennedy scheint den jungen Bill

Clinton für sein künftiges hohes Amt zu salben. Ich
frage mich, ob irgend jemand ein Bild von mir als
15jährigem Pfadfinderjungen hat, dem Richard Nixon
1959 die Hand schüttelte.
Als Bill Clinton seine Nominierungsrede mit den
Worten beendete "Ich glaube immer nach an einen
Ort namens Hoffnung" - in Anlehnung an seinen
Geburtsort Hope = Hoffnung in Arkansas - hatten sich
die Präsidentschaftswahlkämpfe im Vergleich zu dem
Amtsantritt George Washingtons an der Kreuzung der
Wall Street und der Nassau Street in New York im
Jahr 1789 stark verändert.
Wir befinden uns derzeit in der Mitte von Präsident
Clintons Amtszeit. Der Wahlkampf für 1996 hat
bereits begonnen, und er wird in den nächsten
Monaten lauter und schmutziger werden. Clinton
bezieht von unseren Medien schreckliche Prügel, und
das wird sich noch verschlimmern. Einer neueren
Untersuchung zufolge war Präsident Clinton in den
ersten 17 Monaten seiner Amtszeit das Opfer von

AMERIKA DIENST 21

�2.600 Fernsehberichten. Das sind fünf Negctivberichte täglich.
Ebenso wie General Washington muß sich Clinton
fragen, worauf er sich eingelassen hat. Er könnte
guten Rat gebrauchen. Es ist schade, daß er nicht
im Weißen Haus am Kamin ein langes Gesprä;h mit
dem ersten amerikanischen Präsidenten führen
kann. Man weiß, daß der Geist General George
Washingtons mehrmals unerwartet im Weißen Haus
erschien. Abraham Lincoln kommunizierte während
seiner Amtszeit mit Geistern. Irgend jemanc muß
Präsident Lincoln während des Bürgerkrieges guten
Rat in militärischen Fragen gegeben haben. Und
während seiner letzten Tage im Amt soll Richard
Nixon die Flure des Weißen Hauses entlanggelaufen
sein und mit den Gemälden ehemaliger Präsidenten
gesprochen haben, darunter wohl auch mit dem
ersten Amtsinhaber.
Ich weiß nicht, was General Washington über Präsident Clinton oder seinen Mangel an militärischer
Ausbildung denkt, aber ich bin der Ansicht, er könnte
ihm einiges über die Presse erzählen. Noch wichtiger ist meines Erachtens, daß Washington Präsident
Clinton daran erinnern könnte, daß das Reisan im
Mittelpunkt unserer nationalen Geschichte steht.
George Washington wußte über Reisen Bescheid.
Seine eigene Reise führte ihn an der .Spitze einer
Revolutionsarmee durch sämtliche amerikanischen
Kolonien.
Um die amerikanische Art des Wahlkampfs zu
erklären, behaupte ich, daß amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe im Grunde genommen eine
Reise sind, daß unsere Medien die Wahlkämpfe als
Reise interpretieren und das Wichtige an den
Wahlen ist, daß wir Amerikaner uns selbst sagen,
wohin wir gehen. Amerikanische Präsidentschaftswahlkämpfe sind ein notwendig* s Ritua. Ohne sie
würde Amerika als Konzept aufhören zi existieren.
Kriege wurden als Bücherstütze der Geschichte
bezeichnet. Für uns Amerikaner sind die Präsidentschaftswahlkämpfe unsere Lesezeichen, unsere
Kapitelüberschriften, unsere Seiten mit Eselsohren,
die wir immer wieder aufschlagen, wenn wir uns an
die Handlung unseres nationalen Dramas erinnern
wollen.
Dieses Ritual basiert auf dem vierjährigen Wahlzyklus. Dieser Zyklus scheint dem Leben in den
Vereinigten Staaten eine vorhersagbare Ordnung zu
geben. Das System funktioniert schon seit ungefähr
200 Jahren. Und da wir ein pragmatisches Volk
sind, wollen wir glauben, daß es - weil es zu funktionieren scheint - seine eigene philosophische Berechtigung hat. Die Zahl vier hat natürlich große sym-

AMERIKA DIENST 21

bolische Bedeutung - die vier Winde, die vier Enden
der Erde und die vier Jahreszeiten. Das ist sehr
amerikanisch.
In seinem wunderbaren Buch Blue Highways
schreibt William Least Heat-Moon, der Lebensweg
der Indianer sei immer eine Reihe unregelmäßiger
Reisen, die stark von kosmischen Kräften gesteuert
werden. Er erklärt den Glauben der Hopi-Indianer,
die gesamte Menschheit entstehe aus vier Welten:
Erstens dem Schattenreich der Zufriedenheit,
zweitens einem Ort, an dem materielle Güter
verehrt werden,
drittens einem Ort, an dem die Menschen ihre
Geschichte vergessen und ihre Zukunft fürchten.
Anschließend kommt ein mysteriöses Wesen, die
Spinnengroßmutter, und teilt ihnen mit, sie seien
verloren und müßten sich auf eine lange und
schwierige Reise begeben.
Im vierten Jahr kämpfen die Hopi darum, den
richtigen Weg zu finden.
Meines Erachtens ähnelt das stark dem Zyklus der
Amtszeit unserer Präsidenten. Das erste Jahr nach
der Wahl sind die Flitterwochen, eine Zeit des Optimismus und Idealismus, gefolgt vom zweiten Jahr der
Vorwürfe wegen Gier, Betrug und Skandal. Im dritten
Jahr stellt sich oft ein Gefühl verlorener Chancen und
wachsender Furcht ein. Im letzten Jahr fordert das
mysteriöse Wesen in Gestalt der Medien und der
Oppositionspartei eine Wiederherstellung der fundamentalen amerikanischen Werte. Ein Präsident in
seiner ersten Amtszeit wird entweder wiedergewählt
oder muß sein Amt abtreten.
Wenn der Präsident wiedergewählt wird, liegt das oft
daran, daß er im vierten Jahr seine Wähler überzeugen konnte, er habe die Schwächen in seiner
Administration beseitigt - beispielsweise sagt er eine
Kabinettsumbildung zu - und sei jetzt bereit, die am
Anfang des Zyklus begonnene Suche zu beenden.
In diesem Fall wird der Präsident symbolisch wiedergeboren. Seine Anziehungskraft liegt dann oft
darin, daß er von der Bürde der Politik und der
Notwendigkeit eines Wahlkampfes für eine zweite
Amtszeit befreit ist und sich öffentlichen Angelegenheiten widmen kann.
Ich bin jedoch nicht der Ansicht, daß die Presse stark
an indianischen Mythen über die Schöpfung interessiert ist. Meines Erachtens stellt der Vierjahreszyklus für die Presse eine einfache Möglichkeit dar,
Ereignisse zu interpretieren.

Seite 3

�Unsere Wahlen sind vor allem eine Art spiritueller
Odyssee. Ich möchte jetzt den Versuch unternehmen, diese Reise in eine etwas andere Richtung zu
lenken.
Die Geschichte und Literatur der Vereinigten Staaten
enthalten viele Reiseberichte von Grenzbewohnern
und Indianern, dem Bau von Eisenbahnschienen und
Seereisen, Viehtrieb und der Suche nach dem El
Dorado. Die Menschen bewegen sich auf dem
Kontinent, um Arbeit zu finden, neues Land zu
besiedeln, nach Gold zu suchen oder ihre Waren zu
verkaufen. Als das Auto nach Amerika kam, war die
größte Wandarbewegung der Geschichte in vo lern
Gange.
Wenn wir von Amerika als einem jungen Land
sprechen, meinen wir damit auch, daß es wählend
des Großteils seiner Geschichte eine junge und
d.iher ungewöhnlich mobile Bevölkerung hatte.
Da die Menschen ständig in Bewegung sind, sind sie
von Fremden umgeben. Und die Geschichte von
dem Fremden, der in eine Stadt kommt, ist eine der
grundlegenden Handlungen in der amerikanischen
Literatur. Eine weitere ist die Unmöglichkeit, in ein
Heim zurückzukehren, das nicht mehr existiert.
Mit Ausnahme vielleicht der Beduinen oder der
Mongolen war wohl kein Volk in der Geschichte so
viel in Bewegung wie die Amerikaner.
Fragen Sie einen Amerikaner, was er über seine
Pilgerreise durch diese Welt denkt, und er wird
Ihnen wahrscheinlich sagen: "Ich komme einfach
nirgendwo an." Wir sind nicht sicher, wohin wir
gehen, aber wir wissen: Wo wir jetzt sind, wollen wir
nicht sein.

dem niemand ist. Ich kann einfach nicht mit Menschen umgehen."
Was Tucker und Gleichgesinnte wirklich suchen, ist
die letzte amerikanische Grenze, die immer tiefer in
die Wildnis verlegt wird.
Wenn die Straße buchstäblich aufhört, wohin werden
wir dann gehen? Politische Bewegungen in vier
Zyklen müssen als Teil dieser Reiseerzählung
erscheinen - einer Suche nach den Grenzen der
Grenze.
John Kennedy machte dies explizit, als er seine
Präsidentschaft "the new frontier" nannte. Um von
ihrer Partei nominiert zu werden, versprechen die
Kandidaten häufig, alle Staaten der Union zu besuchen, bevor sie ihre Botschaft in Washington verkünden.
Das System der Vorwahlen dient diesem Zweck
ziemlich gut. Der Wahlkampf beginnt in New Hampshire und setzt sich dann in anderen Bundesstaaten
fort, während der Kandidat an Dynamik zu gewinnen
versucht. Zum Zeitpunkt des nationalen Parteikongresses ist die offizielle Nominierung des Kandidaten
für gewöhnlich eine beschlossene Sache, und der
Parteikongreß gleicht mehr einem Spektakel, bevor
der eigentliche Wahlkampf ernsthaft beginnt.
Früher reisten die Kandidaten mit dem Zug von Ort
zu Ort und hielten Wahlreden. Die Eisenbahn gefällt
den Amerikanern und paßt in eine Volkswirtschaft, in
der Transport von enormer Bedeutung ist. Bierce
erklärt, der Zug ist "das wichtigste mechanische
Mittel, mit dem wir von dem Ort, an dem wir sind, zu
dem Ort gelangen können, an dem es uns auch nicht
besser geht. Aus diesem Grund bevorzugen Optimisten den Zug, denn er gestattet ihnen, den Übergang
in großer Geschwindigkeit zu vollziehen."

James Agee formulierte es folgendermaßen: "Wir
sind nur rastlos um der Rastlosigkeit willen. Was wir
auch denken mögen, wir bewegen uns aus keinem
anderen Grund als schlicht und einfach, um unj; zu
bewegen. Und es gibt keinen besseren Grund."
Francis Lieber erklärte, als er aus Deutschland nach

Heute sind Buskolonnen bei den Kandidaten beliebter
als Züge. Hinter dem Bus des Kandidaten fährt ein
weiterer Bus mit Journalisten, die über die Erfolge
des Kandidaten berichten. Je mehr sich der Kandidat

Amerika kam, habe er sich gefühlt, als sei er an die

auf Nebenstraßen bewegt, desto mehr wird der Bus

Flügel einer Windmühle gebunden.

gefilmt, wie er durch die Prärien mit wogenden
Getreidefeldern fährt, und der Kandidat scheint mehr
Unterstützung von dem so entscheidenden Herzland
des Kontinents zu erhalten. Der Kandidat kommt
dann mit einer wachsenden Entourage von Anhängern in die größeren Städte.

Ein Artikel jüngeren Datums im The Wall Street
Journal handelt von einer Stadt namens Eagle in
Alaska, in der Nähe des arktischen Kreises. Eagle
und andere entfernte Orte im nördlichen Alaska sind
anscheinend zur letzten Station für eine Gruppe
ziellos herumwandernder Menschen geworden, die
bis ans Ende der Welt gingen. Auf die Frage,
warum er gerade nach Eagle gegangen sei, antwortete Dennis Tucker: "Ich wollte an einen Ort, an

Seite 4

Dieser merkwürdige Umzug steht in Zusammenhang
mit unserer Mythologie der Grenze - dem Gegensatz
zwischen groß und klein, der Stadt und der Prärie,
den Bergen und Tälern. Gertrude Stein sagte einmal,
in den Vereinigten Staaten "gibt es mehr Gebiete, in

AMERIKA DIENST 21

�denen niemand wohnt, als Gebiete, die besiedelt
sind. Das macht Amerika zu dem, was es ist."
Dennoch leben viele Menschen auf dem großen
Kontinent, aber es herrscht der romantische Glaube,
daß jeder einzelne zählt. Wenn der Kandidat aus
einem kleinen Ort kommt, wie Clintons Hope in
Arkansas, General Eisenhowers Abiline in Kansas,
oder Jimmy Carters Plains in Georgia - um so
besser.
Bierce definiert den ländlichen Raum als "die von
Wachtel, Forelle, Wild und dem bewaffneten Farmer
besiedelte Region. Es ist eine Region der Romantik,
in der das goldene Zeitalter noch spürbar ist."
Wie in jeder Geschichte dieser Art muß der Kandidat
beweisen, daß er alle Widrigkeiten überwinden kann.
Sich dem Sperrfeuer ungeduldiger Fragen der
Medien zu stellen, ist Teil des gefährlichen Terrains,
das der Kandidat durchqueren muß.
Wilde Geschichten über den Charakter und das
Privatleben des Kandidaten zirkulieren, während er
seine Reise fortsetzt. Bierce definiert eine Geschichte als "eine für gewöhnlich unwahre Erzählung". Es
ist unwichtig, ob die über die Präsidenten erzählten
Geschichten wahr sind oder nicht. Ebenso unwichtig
ist, ob die Geschichten über George Washington
oder Helden der "frontier" wie Daniel Bone oder
Davy Crockett wahr sind oder nicht. Wie in den

George Bush erklärte uns, wir seien Punkte des
Lichts, und als er uns sah, habe ihn das berührt.
Ross Perot erzählte uns, wir seien klüger als die
Menschen in Washington, und die Lösung der
Probleme sei leicht. Gesundheitsreform? Verbrechen? Arbeitslosigkeit? Ihr könnt die Probleme
beheben. Es ist ganz einfach, Leute! Wir wußten egal, was der Kandidat auch denkt - er liebte uns und
glaubte an uns.
Heute können wir Clinton meines Erachtens zugestehen, seiner Zeit etwas voraus zu sein, weil er
Vizepräsident AI Gore genau zugehört hat. Gores
großes Anliegen ist die Datenautobahn. Und diese
Metapher ist gut für die amerikanische Psyche.
Wir können sagen, daß Clinton der erste Cyberspace-Präsident ist, weil wir ihn direkt per E-mail
erreichen können. Der Präsident ist nur eine Computertaste entfernt auf der Datenautobahn. Selbst
wenn unsere Straßen, Brücken, Schulen, Eisenbahnschienen und Flugplätze in fürchterlichem Zustand
sind, haben wir jetzt diese elektronische Datenautobahn, auf der wir direkt ins Weiße Haus reisen
können.
Cyberspace ist der perfekte Ort für einen Amerikaner.
Wir sind das einzige Land, das keine Vergangenheit
hat. In vieler Hinsicht gleicht die Verlagerung der
Grenze nach Westen einer Flugzeugentführung der
Geschichte. Meiner Ansicht nach erklärt Bierce

meisten amerikanischen Reiseerzählungen wird die

deutlich

Reise auch zu einem Prozeß der Selbstentdeckung,
und der Kandidat muß an Klugheit und Gewicht
gewinnen, während er auf der Straße ist.

Amerikaner gegenüber der Vergangenheit, wenn er
die Geschichte als "eine meistens falsche Aufzählung
meistens unwichtiger Ereignisse" definiert. Statt von
der Geschichte fühlen wir uns vom Tempo angezogen, einem Tempo, das zu unserer nationalen
Amnesie beiträgt.

Amerikaner lieben Kandidaten, die Reue und ein
gewisses Maß an Bescheidenheit bezeugen. Der
Grund für das große Interesse an der Moral des
Kandidaten leitet sich aus der Tatsache ab, daß
keiner zu weit über dem Volk stehen darf. Der als
moralisch unsauber erkannte Kandidat hat immer
noch eine Chance, wenn er seine Sünden bekennt
und erklärt, er habe gelernt und an Erfahrung
gewonnen. Die Reise selbst wird zu einem reinigenden Ritual.
Amerika ist das Land der zweiten Chance, und wir
erwarten eher, daß unsere Kandidaten ein unreine
Weste haben und bußfertig sind. Je größer die
zurückgelegte Strecke, je mehr der Kandidat behaupten kann, in Berührung mit dem Volk zu stehen,
desto mehr kann er - wie Clinton - behaupten, das
kollektive Leid und die Wünsche des Volkes zu
teilen. Clinton hat uns wieder und wieder gesagt:
"Ich fühle Euren Schmerz."

AMERIKA DIENST 21

die

häufig

verächtliche

Einstellung

der

Ein weiterer Aspekt dieser Reise ist, daß der Kandidat - vor allem in jüngster Zeit - der Fremde sein
muß, der Mann, der in die Stadt kommt, der völlige
Außenseiter.
Die meisten Amerikaner geben bei Meinungsumfragen an, sie hätten wenig oder kein Vertrauen in die
Fähigkeit der Bundesregierung, Probleme zu lösen.
Clinton und Perot versuchten, als Unbekannte
außerhalb des Systems - vor allem gegen Präsident
Bush - zu kandidieren, der praktisch während seiner
gesamten Laufbahn ein Insider der Regierung gewesen war. Perot war noch unbekannter als Clinton,
aber für den amerikanischen Wähler war er vielleicht
ein bißchen zu sehr der Außenseiter.
Clintons
Problem ist, daß er nicht länger ein Unbekannter ist
und wie ein Insider operieren muß, wenn er sein
Gesetzesprogramm durch den Kongreß bringen will.

Seite 5

�So ziemlich alle Amerikaner sagen, sie wünschen
eine Regierung, die Wandel fördert, und Wandel
kommt von einer neuen Führung. Natürlich kann
Wandel auch eine wunderbare Abstraktion für
Umgehung sein. Eine mobile Bevölkerung ist eine
Bevölkerung, die eine Vermeidung von Veränderungen wünschen könnte.
Die Menschen ziehen
vielleicht um, weil sie wollen, daß die Dinge so
bleiben, wie sie waren. Aber das geschieht nicht
häufig in Amerika, und deshalb packen einige
zusammen und ziehen um, damit sie die Zukunft
ebenso umgehen wie die Vergangenheit.
Dritte befürworten im allgemeinen außergewöhnliche
Veränderungen. Und das könnte der Grund sein,
warum sie nicht gewählt werden. Ross Perot erhielt
1992 fast 20 Millionen - oder 19 Prozent - der abgegebenen Stimmen. Dies ist der höchste Prozentsatz
an Stimmen für eine kleinere Partei seit 80 Jahren.
Es ist sicherlich vorstellbar, daß der Kandidat einer
dritten Partei zum Präsidenten gewählt wird, obwohl
es ziemlich unwahrscheinlich ist. Dafür gibt es viele
komplexe Gründe.
Die Kandidaten dritter Parteien treten häufig plötzlich
auf - sie haben nicht "die Reise" der anderen Kandidaten gemacht. Die Presse widmet den Kandidaten
dritter Parteien normalerweise wenig Aufmerksamkeit, und die Kandidaten dritter Parteien bringen
selten genug Geld auf, um die für die Vermittlung
ihrer Botschaft an die Öffentlichkeit entscheidende
Fernsehwerbung finanzieren zu können. Perot mit
seinem Milliarden-Privatvermögen war eine Ausnahme.
Auch das System der Präsidentschaftswahl arbeitet
gegen Kandidaten dritter Parteien, trotz der Stimmen
der Wähler. Ein anderer Grund für ihr Scheitern bei
den Wahlen ist, daß die großen Parteien dafür
bekannt sind, sich die politischen Ansichten dieser
Kandidaten zu eigen zu machen, während sie um
die Mitte kämpfen.
Der Hauptgrund für die Dominanz des Parteiensystems besteht einfach darin, daß die Amerikaner
sich grundsätzlich für die gemäßigte Mitte entscheiden und im wesentlichen Ideologie gegenüber
indifferent sind. Als George Wallace über die beiden
dominierenden politischen Parteien sagte, zwischen
ihnen gebe es überhaupt keinen Unterschied, hatte
er recht.
Wir haben also Reagan, den großen Konservativen,
der schneller als Lyndon Johnson Defizite anhäuft den Kriegsherrn der "great society". Wir haben
Kennedy - den Habicht - der Steuern senkt und eine
angebotsorientierte Wirtschaftspolitik versucht.

Seite 6

Diese gemäßigte Mitte wird in der Zukunft erprobt
werden, aber ich glaube, der Durchschnittsamerikaner wird sich auf lange Sicht eher unbehaglich mit
dem fühlen, was als Extremismus erscheint, insbesondere, wenn sich dieser Extremismus auf eine
politische Ideologie oder eine Philosophie gründet,
die sich von Pragmatismus unterscheidet. Und trotz
ihrer mangelnden Popularität hat die Presse große
Macht, politische Strömungen zu stabilisieren vielleicht in ihrem Eigeninteresse. Dies ist teils auf
die Unbeständigkeit der amerikanischen Kultur
zurückzuführen, die nie lang genug stillhält, um eine
rigide Ideologie zu absorbieren, und dies wiederum
ist zum Teil die Folge der Mobilität.
Pragmatismus in seiner populären Form ist eine
Philosophie, die zu der Metapher der amerikanischen
Reise paßt, weil die amerikanische Reise chaotisch,
unorganisiert, schlecht geplant, spontan, aber vielleicht gut auf die besonderen Bedürfnisse einer
demokratischen Gesellschaft zugeschnitten ist.
Pragmatismus findet nichts Vollständiges im Universum vor. Alles muß noch perfektioniert werden.
Stellen Sie diese proteische Philosophie neben die in
einigen europäischen Philosophien der Geschichte
enthaltenen Ideen. Spengler, Marx, Gibbon und
Toynbee fanden alle großartige Muster in der Geschichte. Wie konnten sie sich mit so etwas Chaotischem wie der amerikanischen Reise anfreunden?
Die amerikanische Reise ist eine Reise unerwarteter
Entdeckungen, Überraschungen und - in einem
moderneren Sinn - der Schlaglöcher, platten Reifen,
des sich Verlaufens im Wald. Eine Reise impliziert
für die Amerikaner Unsicherheit. Für einige moderne
Europäer war die historische Reise das Gegenteil:
Sie ist eine Straße mit einem bekannten Ziel, selbst
wenn das Ziel Amerika heißt. Amerikaner reisen, um
zu entdecken. Sie gestalten die Reise, während sie
reisen. Das ist die grundlegende Bedeutung von
Pragmatismus.
Pragmatismus führt zu einer weiteren amerikanischen
Besonderheit - der Meßbarkeit des Werts, was im
Grunde eine eher calvinistische Idee ist. Der Wert
kann jedoch mit quantitativen

Mitteln

gemessen

werden, sei es Geld, der Anzahl von Stimmen oder
der Einstellung zu einer Reihe von Themen, die
öffentliche Meinungsforscher interessieren.
Wir Amerikaner lieben Listen, und wir bewerten alles,
egal, wie frivol es auch sein mag. Ein jüngste
Ausgabe der Zeitung USA Today enthielt eine Liste
dessen, was Hotelgäste am häufigsten aus den
kleinen Minibars entnehmen, die in vielen amerikanischen Hotels zu finden sind. Falls es Sie interessiert:
Sie kauften 6,7 Millionen Dosen Coca Cola - an
erster Stelle steht also Cola. Mineralwasser steht an

AMERIKA DIENST 21

�zweiter Stelle mit 5,4 Millionen verkauften Flaschen,
gefolgt von Orangensaft, Bier und M&amp;M-Süßigkeiten.
Die Tatsache, daß die Listen sich ständig ändern, ist
ein Anzeichen dafür, daß die Demokratie funktioniert,
nichts statisch ist, die Wahlfreiheit lebt und ausgeübt
wird und das, was man als Wert erachtet, Erfolg
haben wird.
Im Falle der Politiker lautet die Frage stets: "Wer
liegt in Führung?" und nicht, "Welche Politik vertritt
er?" Die Kandidaten mögen die Meinungsumfragen,
weil sie Meinungen bewerten und ihre politischen
Reisen planen.
Wird eine Frau für die Präsidentschaft nominiert,
wird die Presse sie meiner Ansicht nach nicht viel
anders behandeln als einen männlichen Kandidaten.
Die zugrundeliegenden kulturellen Werte werden
wahrscheinlich unabhängig vom Geschlecht des
Kandidaten den Wahlkampf leiten. Auch sie muß
die Reise machen.
Und falls Sie denken, die amerikanische Wanderlust
sei nur amerikanischen Männern vorbehalten,
möchte ich Ihnen eine Amerikanerin namens Carolyn
Fox vorstellen. Kurz bevor ich aus den Staaten
abreiste, trat Carolyn Fox zur Feier ihres 50. Geburtstags eine 7.500 km lange Reise quer durch die
Vereinigten Staaten auf einer Harley Davidson an.
Den Zeitungsberichten zufolge erklärte Carolyn Fox:
"Eines morgens war ich am Zähneputzen und
dachte, hey, es wäre interessant, an meinem Geburtstag das Land zu durchqueren." Ich weiß nicht,
ob sie die Absicht hat, sich als Präsidentschaftskandidatin aufstellen zu lassen, aber sie könnte es
ernsthaft in Erwägung ziehen.
Wer immer jedoch unser nächster Präsident wird - er
kann nicht länger den hochfliegenden und letztlich
albernen Titel des Führers der freien Welt für sich in
Anspruch nehmen. Die amerikanische Präsidentschaft muß sich sowohl im In- als auch im Ausland
neu definieren. Wir müssen lernen, unsere nationalen Mythologien in Einklang mit den sich abzeichnenden globalen Realitäten zu bringen. Es muß
eine neue Art von Reise geben. Und eine neue Art
von Reise bedeutet eine neue Vision. Amerika
existierte als Vision, lange bevor es als besiedeltes
Land existierte.
Unsere Kandidaten benötigen eine Vision für die
Zukunft. Washington hatte Glück, denn der Legende

*

AMERIKA DIENST 21

zufolge hatte er seine Vision im Schnee von Valley
Forge. Alle unsere berühmten Präsidenten waren
großartig, weil sie Visionäre waren. Washington und
Lincoln fallen uns ein, aber auch Jefferson, Wilson
und die beiden Roosevelts. Sie versuchten, für die
Nachwelt zu handeln. Und die Nachwelt liegt in der
Zukunft. Die Präsidenten sollten sich daran erinnern,
da ß die Präambel der amerikanischen Verfassung auf
das Handeln für die Nachwelt verweist.
Einige unserer Präsidenten hatten jedoch keine
Vision. Wenige Präsidenten zwischen Lincoln und
Wilson sind als Visionäre im Gedächtnis haften
geblieben. George Bush hatte absolut kein Interesse,
sich die Zukunft vorzustellen - einen Prozeß, den er
als "die Sache mit der Vision" abtat.
An der Schwelle zu einem neuen Jahrtausend
können die Kandidaten nicht umhin, Visionäre zu
sein. Vor tausend Jahren vernahm man überall in
Europa düstere Prophezeiungen über das Ende der
Welt.
Amerikanische Präsidentschaftskandidaten
können nicht viel mit düsteren Prophezeiungen
anfangen. Zuviel Pessimismus bezüglich der Gegenwart ist gefährlich, weil dies impliziert, daß es keine
Zukunft geben könnte, auf die hinzuleben es sich
lohnt.
Wie immer ihre Vision der Zukunft auch aussehen
mag - die Kandidaten müssen uns daran erinnern,
daß wir uns alle gemeinsam auf einer Reise befinden. Es gibt keine Zeit, zurückzublicken. Da die
Amerikaner nicht viel mit der Geschichte - im Gegensatz zur Mythologie - anfangen konnten, haben wir
die Tendenz, eher über die Zukunft als die Vergangenheit zu sprechen. Joan Didion formuliert es
folgendermaßen: "Die Zukunft sieht im goldenen
Land immer gut aus, weil sich niemand an die
Vergangenheit erinnert." Es gibt nur einen Weg für
uns Amerikaner und unsere Führungskräfte, unseren
nationalen Standpunkt zu finden, und das ist eine
Reise zurück in die Zukunft. Eine Reise auf der
Suche nach dem gelobten Land. Ich glaube, das war
George Washingtons Vision in Valley Forge.
Wir Amerikaner müssen reisen, um die Seele unseres Landes oder auch nur uns selbst zu entdecken.
Ob wir dort ankommen, wohin wir gehen, oder ob wir
das finden, nach dem wir suchen, ist unwichtig. Wir
sind nicht für einen Schlußakt in unserem Land
geboren. Wir sind für Reisen geboren.

* * *

*

Seite 7

�THEMENINDEX
21. Juni 1995

DER AMERIKA DIENST
1. Halbjahr 1995
Abrüstung
Amerika-Gipfel
Auslandslinie
Außenpolitik
Bildung
Bosnien
Civitas
Datenautobahn
Film
Frauen
Fulbright
Holocaust-Museum
Klimakonferenz
Kriegsende
Kriegsverbrechen
Lage der Nation
Landminen
Literatur
Marshall-Zentrum
Martin Luther King
Menschenrechte
NATO
Nichtverbreitung
NW
Porträt
Republikaner
Roosevelt
Rüstungskontrolle
Sicherheitsarchitektur
Sozialgipfel
Tag der Erde
Umwelt
USA-Deutschland
USA-Europa
USA-GUS
USA-Irak
USA-Iran
USA-UNO
USIA
Wirtschaft
4. Juli

15
2
4
3, 4, 16, 18
1
20
21
7, 8, 20
7

11
6
4
10, Sonderdienst 28. März, 12, 13

17
7
4
5
19
1, 20
2
5,9
6, 13, 20
15, 18
9, 10, 12, 14

1, 2, 6, 10
2
13
5
8, 19
3, 5, 11
10, 11, 12, 13, 14
14, 15
3 , 5 , 6 , 1 0 , 19,21
5, 9, Sonderdienst 9. März, 11, 16, 19
8

18
17
8
18
2, 3, 7, 15, 16, 17, 19
21

* * * * *

AMERIKA DIENST 21

Seite 1

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