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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

20

7. Juni 1995

BOSNIEN

USA ERWAGEN UNTERSTÜTZUNG DER
BLAUHELME IN BOSNIEN
Keine Beteiligung am Krieg

NATO

USA ENGAGIEREN SICH WEITERHIN
IN EUROPA
Ansprache von Außenminister Christopher

MARSHALL-ZENTRUM

EIN GEEINTES, STABILES UND SICHERES
EUROPA
Rede von Verteidigungsminister Perry

DATENAUTOBAHN

FAX, CD-ROM, ONLINE-DIENSTE
UND ZEITUNGEN
von Tony Case

Im Zeitalter der Datenautobahn erhalten unsere Leser schnelleren Zugang zu aktuellen
Informationen: Der Amerika Dienst kann in Kürze täglich über ein elektronisches Bulletin
Board abgerufen werden, über das wir Sie noch im einzelnen informieren. Die gedruckte
Version unserer Publikation erscheint ab dieser Ausgabe alle zwei Wochen.

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�BOSNIEN
7. Juni 1995

USA erwägen Unterstützung der Blauhelme in Bosnien
Keine Beteiligung am Krieg
WASHINGTON - (AD) - US-Präsident Clinton erklärte, er werde die amerikanischen Verbündeten
nicht im Stich lassen und sagte zu, jedes Ersuchen
der Vereinten Nationen sorgfältig zu prüfen, den
Abzug ihrer Blauhelme in Bosnien auf leichter zu
verteidigende Positionen zu unterstützen.
Nach der Gefangennahme von Soldaten der UNSchutztruppe UNPROFOR durch bosnische Serben
überdenkt Präsident Clinton seine Politik und erwägt
den Einsatz amerikanischer Bodentruppen auch aus
Gründen, die nicht mit einem dringend erforderlichen
Abzug der UNPROFOR im Zusammenhang stehen.
Clinton äußerte bei der Abschlußfeier der Luftwaffenakademie in Colorado Springs am 31. Mai 1995, die
vorübergehende Entsendung amerikanischer Truppen würde nicht bedeuten, daß die Vereinigten
Staaten eine Rolle in der UNPROFOR spielen oder
am Krieg teilnehmen.
Der Präsident erklärte, er reagiere auf eine von den
Vereinten Nationen als "Rückkehr zu mittelalterlicher
Barbarei" bezeichnete Situation in Bosnien - Artillerieangriffe auf zivile Ziele durch die bosnischen
Serben, die 1.400 Geschütze auf Zivilisten in Sarajevo abfeuerten.
Obwohl die Serben sich den Anordnungen des UNSicherheitsrats widersetzen, mehr als 350 Blauhelme
gefangenhalten und Ausrüstung der UNPROFOR
beschlagnahmten, ist der Präsident weiterhin der
Ansicht, daß eine zahlenmäßig gestärkte und besser
ausgerüstete UNPROFOR "der beste Schutz vor
einem im Falle ihres Abzugs weitaus schlimmeren
humanitären Desaster ist".
Clinton, der vorher erklärt hatte, er werde amerikanische Bodentruppen nur zur Überwachung eines
Abkommens zwischen den Kriegsparteien oder zur
Unterstützung einer dringend erforderlichen Evakuierung der UNPROFOR-Truppen entsenden, bezog in
seine Außenpolitik eine Umgruppierung der Schutztruppe ein, die derzeit auf kleine Beobachterposten
verteilt ist. Eine der Optionen der Vereinten Nationen besteht in der Konsolidierung der UNPROFOR-

AMERIKA DIENST 20

Soldaten in befestigten Bollwerken und ihrer erstmaligen Ausrüstung mit schweren Waffen wie beispielsweise Artilleriegeschütz.
Der Präsident sprach von einer "seit langer Zeit
bestehenden Verpflichtung" gegenüber den NATOMitgliedstaaten, die Soldaten in die UNPROFOR
entsandten und äußerte: "Meines Erachtens sollten
wir bereit zu einer Unterstützung der NATO sein,
wenn sie sich dazu entschließt, einem Antrag der
UNO-Truppen zur Hilfe bei einem Rückzug, einer
Umgruppierung oder Stärkung ihrer Streitkräfte zu
entsprechen".
Der Präsident stellte fest, daß kein derartiges Gesuch
gestellt wurde, und "wir keine solche Entscheidung
getroffen haben". Er werde den Kongreß konsultieren, bevor er handele. "Wir müssen uns weiterhin für
den Frieden in Bosnien einsetzen, und ich bin immer
noch der Ansicht, daß es die richtige Entscheidung
war, unsere Truppen nicht in diesen Konflikt in
Europa verwickeln zu lassen und uns nicht an der
UNO-Operation zu beteiligen".
Der Präsident wies jedoch darauf hin, daß Washington "seinen Bündnispartnern gegenüber Verpflichtungen hat, und ich bin der Ansicht, daß wir sie nicht im
Stich lassen dürfen. Daher muß ich jedes Ersuchen
um eine Operation unter zeitweiliger Einbeziehung
unserer Bodentruppen sorgfältig prüfen."
Clinton befaßte sich in seiner Ansprache hauptsächlich mit den Bedrohungen der Sicherheit der Nation
in der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges.
Obwohl die Bedrohung durch einen Atomkrieg als
Ergebnis des START I und START II-Vertrags
abgenommen hat, stellte der Präsident Fortschritte im
nachrichtendienstlichen Bereich sowie darin fest, was
er als "dunkle Seite der Technologie" bezeichnet, "die
unserem Land weitere Probleme bereiten kann".
Er stellte die unklaren nationalen und internationalen
Bedrohungen in der heutigen Welt den deutlich
umrissenen Fragen des Zweiten Wertkriegs und des
Kalten Krieges gegenüber. 50 Jahre lang wurden die
amerikanischen Sicherheitsinteressen ihm zufolge

Seite 1

�"von bestimmten Ereignissen diktiert, die wir oft nicht
kontrollieren konnten, die aber wenigstens klar und
deutlich waren. Im Zweiten Weltkrieg war das Ziel
eindeutig: den Krieg zu gewinnen. Im Kalten Krieg
war das Ziel eindeutig: die Eindämmung des Kommunismus und die Verhinderung eines Atomkrieges."

Massenvernichtungswaffen verringern, seien es
atomare, chemische oder biologische Waffen. Wir
müssen unserem Militär die Ressourcen, Ausbildung
und Strategie bieten, die für den Schutz des amerikanischen Volkes sowie unserer Interessen auf der
Welt erforderlich sind".

Jetzt seien die Ziele "komplexer, und es ist klar, daß
die Sicherheit Amerikas im 21. Jahrhundert von
Kräften bestimmt wird, die innerhalb und außerhalb
unserer Grenzen wirken".

Inzwischen wies ein hochrangiger Regierungsbeamter
auf die eingeschränkte Natur der "Erweiterung" der
amerikanischen Bosnienpolitik hin. An Bord der Air
Force One auf dem Weg nach Colorado Springs
äußerte er Journalisten gegenüber, das Engagement
des Präsidenten, den UNPROFOR-Einheiten nicht
spezifizierte Hilfe bei der Umgruppierung anzubieten,
sei "ein hypothetischer Fall". Clinton wünsche
jedoch, daß die Administration und die Öffentlichkeit
aus "Klugheit" diese Erweiterung in Erwägung ziehen
und überdenken.

Dennoch sieht Clinton eine Zukunft "voller Hoffnung.
Wir reduzieren die nukleare Bedrohung beträchtlich... Vom Nahen Osten über Südafrika bis Nordirland helfen die Amerikaner ihren ehemaligen
Gegnern, von Konflikten zur Kooperation überzugehen... Wir unterstützen Demokratien und Marktwirtschaften wie Haiti und Mexiko... Wir erweitern den
Handel und setzen uns für ein Europa ein, das zwar
ein Verbündeter der Vereinigten Staaten, aber
erstmals wirtschaftlich und politisch geeint ist... Erst
gestern trug die russische Entscheidung über eine
aktive Teilnahme an der Partnerschaft für den
Frieden dazu bei, die Grundlage für einen weiteren
wichtigen Schritt zur Schaffung eines sicheren,
stabilen und geeinten europäischen Kontinents zu
legen."
Da der Ursprung der Bedrohungen nicht klar ist,
müssen die Vereinigten Staaten ihrem Präsidenten
zufolge ihre Reaktion "an deren wahrer Natur
orientieren, nicht an ihrem Auftreten".
In einer solch "neuen und veränderten Zeit" müssen
dem Präsidenten zufolge drei Prioritäten verfolgt
werden, damit die Amerikaner im kommenden
Jahrhundert sicherer sind: "Wir müssen diejenigen
bekämpfen, die unsere demokratische Gesellschaft
zerstören wollen. Wir müssen die Bedrohung durch
*

Seite 2

*

Dem Regierungsbeamten zufolge hatte ihm Außenminister Christopher versichert, eine Umgruppierung
der UNPROFOR stehe nicht im Mittelpunkt der
Diskussionen der Bosnien-Kontaktgruppe. Christopher habe geäußert, dies stehe derzeit nicht zur
Debatte.
Ihm zufolge soll das von Clinton abgegebene Versprechen den NATO-Mitgliedstaaten, die in der
UNPROFOR Bodentruppen haben - vor allem Frankreich, Großbritannien und Kanada - eine Zusicherung
geben, damit sie ihre Beteiligung an der UNO-Mission
fortsetzen.
"Wir haben eine seit langer Zeit bestehende Verpflichtung gegenüber unseren NATO-Verbündeten",
erklärte der Regierungsbeamte, "bei jeder NATOOperation Beistand zu leisten, die UNPROFOR
zurückzuziehen, wenn - ich betone, wenn - das
notwendig ist".

*

*

AMERIKA DIENST 20

�NATO
7. Juni 1995

USA engagieren sich weiterhin in Europa
Ansprache von Außenminister Christopher
WASHINGTON - (AD) - Beim Treffen des Nordatlantikrats im niederländischen Noordwijk am 30. Mai 1995
erklärte US-Außenminister Warren Christopher, die NATO bleibe die tragende Säule der Sicherheit in Europa.
In seiner Eigenschaft als Ehrenpräsident des Rates begrüßte der Außenminister die Entscheidung Rußlands,
der Partnerschaft für den Frieden beizutreten und seinen Dialog mit der NATO auszuweiten.
"Die Partnerschaft für den Frieden verleiht den neuen, kooperativen Beziehungen zwischen dem Bündnis und
seinen ehemaligen Gegnern Form und Substanz", erklärte er.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom US-Außenministerium freigegebenen Text der Eröffnungsrede des
Ehrenpräsidenten des Nordatlantikrats bei dessen Treffen in Noordwijk.

Herr Generalsekretär, verehrte Kollegen und Freunde, ich freue mich, erneut als Ehrenpräsident des
Nordatlantikrates hier zu sein. Ich möchte die
Minister willkommen heißen, die seit unserem letzten
Treffen vergangenen Dezember neu hinzugekommen sind. Im Namen aller Mitglieder des Rates
sichere ich Ihnen enge Zusammenarbeit zu, die die
Stärke unseres Bündnisses ist.
50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
stellt unser Ministertreffen eine bedeutende Gelegenheit zum Nachdenken dar. Wir haben mit der
Schaffung einer umfassenden Sicherheitsarchitektur
begonnen, die Frieden und Sicherheit in ganz
Europa fördern wird.
Die NATO bleibt die tragende Säule der Sicherheit
in Europa und die wichtigste Institution zur Verknüpfung der Sicherheit Nordamerikas und Europas.
In den letzten fünf Jahren hat das Bündnis umfassende Veränderungen vorgenommen, um der
Dynamik der Umgestaltung Europas zu entsprechen.
Obwohl wir die wesentliche defensive Rolle der
NATO beibehalten, passen wir ihre Streitkräfte an
die neuen Herausforderungen von Krisenmanagement und Friedenssicherung an. Wir unterstützen
eine leistungsfähige europäische Verteidigungsidentität sowie eine erweiterte Rolle der Westeuropäischen Union. Wir schaffen dauerhafte Bande
zwischen der NATO und den neuen Demokratien
Mittel- und Osteuropas. Und morgen wird das

AMERIKA DIENST 20

Bündnis einen bedeutenden Schritt zur Entwicklung
seines Dialogs mit Rußland unternehmen.
Vor drei Wochen willigte Rußland in Moskau in eine
Teilnahme an der Partnerschaft für den Frieden und
einen umfassenderen Dialog mit der NATO ein. Wir
begrüßen diese Entwicklung.
Die Entscheidung
Rußlands über eine Vertiefung seiner Zusammenarbeit mit Europa und Nordamerika fördert unsere
Fähigkeit zur Erlangung unseres gemeinsamen Ziels
eines wahrhaft integrierten Europa.
Im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden werden
Rußland und die Bündnismitglieder militärische
Austauschprogramme, gemeinsame Manöver und
Friedenssicherungsübungen durchführen. Darüber
hinaus werden wir einen umfassenden Dialog über
entscheidende Sicherheitsfragen führen, einschließlich Nichtverbreitung und nukleare Sicherheit. Beim
morgigen 16 plus 1-Treffen mit dem russischen
Außenminister Kosyrew und in den kommenden
Monaten werden wir diesen Dialog einleiten, um den
Rahmen für erweiterte Beziehungen zu Rußland
abzustecken.
Die von uns angestrebte Art der Beziehung zwischen
der NATO und Rußland ergänzt die anderen Elemente unserer Strategie: Stärkung der Partnerschaft für
den Frieden, weitere Stärkung der OSZE, Beibehaltung stetiger Fortschritte zur Erweiterung der NATO
und der Europäischen Union.

Seite 1

�Die Partnerschaft für den Frieden verleiht den
neuen, kooperativen Beziehungen zwischen dem
Bündnis und seinen ehemaligen Gegnern Form und
Substanz. Seit Dezember vergangenen Jahres hat
sie große Fortschritte gemacht. In meinen heutigen
Ausführungen werde ich verschiedene Vorschläge
zur zukünftigen Stärkung der Partnerschaft unterbreiten.
Das Bündnis ist seit seiner Gründung immer zur
Aufnahme neuer Länder bereit gewesen. Der Erweiterungsprozeß verfolgt denselben stetigen und
transparenten Kurs, den die Verbündeten letztes
Jahr festlegten. Wir haben Untersuchungen über
das Wie einer Erweiterung und ihre Auswirkungen
auf die europäische Sicherheit begonnen. Im Herbst
werden wir interessierten Partnern unsere Schlußfolgerungen präsentieren.
Jeder dieser Schritte ist ein essentieller Bestandteil
unserer Bestrebungen zur Schaffung einer umfassenden Sicherheitsarchitektur für Europa. Während wir das Bündnis umgestalten, müssen wir
unsere Unterstützung anderer Institutionen für
Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit
fortsetzen. Die von der Europäischen Union geförderte europäische Integration trägt zur Ausweitung
des Wohlstands auf ganz Europa bei. Und die
gestärkte Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa kann und sollte eine zentrale
Rolle bei Konfliktverhütung und Krisenmanagement
spielen.
Diese umfassende Strategie für europäische Sicherheit wird unsere zukünftige Fähigkeit zur Verhinderung von Konflikten wie dem im ehemaligen
Jugoslawien stärken. Ich werde im Laufe dieses
Tages die Gelegenheit zu einer detaillierten Erörterung der jüngsten Ereignisse in Bosnien haben. Wir
sehen Gesprächen mit unseren Verbündeten, von

*

Seite 2

*

denen viele einen wertvollen Truppenbeitrag leisten,
über die am gestrigen Abend in der Kontraktgruppe
erzielten Übereinkünfte erwartungsvoll entgegen. Wir
sind unter anderem davon überzeugt, daß die UNSchutztruppe UNPROFOR in Bosnien bleiben und mit
den erforderlichen Mitteln ausgestattet werden sollte,
damit sie ihre Mission sicher und effektiv ausführen
kann. Ferner betonten wir die Notwendigkeit einer
Fortsetzung unserer energischen diplomatischen
Bestrebungen. Wir kamen übereinstimmend zu der
Überzeugung, daß die bosnischen Serben ihre
Verletzungen der UN-Resolutionen einstellen und die
gefangengenommenen Blauhelme umgehend freilassen müssen.
Unsere gesamte heutige Tagesordnung erinnert uns
an die große Bedeutung der europäischen Integration
- einen Prozeß, der in engem Zusammenhang zu den
umfassenderen transatlantischen Beziehungen seit
den Jahren des Marshallplans steht. In den vergangenen Monaten haben mehrere meiner hier
anwesenden Amtskollegen einen bedeutenden
Beitrag zu unserem Dialog über die Stärkung der
Bande zwischen Europa und den Vereinigten Staaten
geleistet. Ich werde diese aktuellen Fragen Ende der
Woche in Madrid ansprechen. Ich werde auf die
Bereitschaft der Vereinigten Staaten zur Festigung
der transatlantischen Beziehungen durch zusätzliche
Schritte bei der Ausweitung politischer Konsultationen
und wirtschaftlicher Beziehungen hinweisen.
Ferner werde ich das unerschütterliche Engagement
der Vereinigten Staaten in Europa betonen - im
Rahmen dieses Bündnisses sowie durch unsere
Mitgliedschaft in den anderen großartigen Institutionen für Sicherheit und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Präsident Clinton ist entschlossen, den
Verpflichtungen Amerikas gegenüber seinen europäischen Verbündeten und Freunden auf der ganzen
Welt nachzukommen.

*

*

AMERIKA DIENST 20

�MARSHALL-ZENTRUM
7. Juni 1995

Ein geeintes, stabiles und sicheres Europa
Rede von Verteidigungsminister Perry
GARMISCH-PARTENKIRCHEN - (AD) - Der amerikanische Verteidigungsminister William J. Perry erklärte am
24. Mai 1995: "Heute haben wir die Chance, die Vision George Marshalls vollständig umzusetzen - die Vision
eines stabilen und sicheren Europa."
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die der Verteidigungsminister vor Absolventen des 1993
eingeweihten George C. Marshall-Zentrums in Garmisch-Partenkirchen hielt.

Ich hoffe, daß viele von Ihnen oder Sie alle die
Gelegenheit haben werden, das Büro des Verteidigungsministers der Vereinigten Staaten zu besuchen
- hoffentlich noch während meiner Amtszeit. In
diesem Fall werden Sie hinter dem Schreibtisch ein
Porträt von George C. Marshall sehen. Jeden Tag,
wenn ich in mein Büro komme, sehe ich dieses Bild.
Marshall ist für mich als Verteidigungsminister eine
ständige Inspiration. Er war der dritte Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten und ist mein Vorbild. Er war nicht nur eine großartige militärische
Führungspersönlichkeit, sondern ein Visionär. Seine
Vision findet meines Erachtens ihren besten Ausdruck in der Vision eines der großen amerikanischen
Revolutionäre, Thomas Payne, der 1776, zu Beginn
des Unabhängigkeitskrieges, erklärte: "Es liegt in
unserer Macht, die ganze Welt neu anfangen zu
lassen." Genau das wollte George Marshall nach
dem Zweiten Weltkrieg, nach der Zerstörung des
Zweiten Weltkrieges. Er setzte seine beachtlichen
Energien für einen Neubeginn unserer Welt ein. Er
wollte den Beginn eines Europa, das von der Furcht
vor einem Krieg befreit ist, eines Europa, das frei
von Haß und Verdächtigungen ist, die es während
des vergangenen Jahrhunderts dominiert hatten,
eines Europa, das durch die Bande gemeinsamer
Sicherheit, Stabilität und Demokratie geeint ist. Er
erreichte diese Ziele und rettete Europa durch den
Mechanismus seines später als Marshallplan bezeichneten Konzepts.
Seine Vision wurde nur teilweise realisiert, weil die
Sowjetunion und ihre Verbündeten sich nicht am
Marshallplan beteiligten. Der Kontinent wurde vom
Kalten Krieg erfaßt. Der Kalte Krieg war durch
gegenseitigen Argwohn und Mißtrauen gekennzeichnet. Der Kalte Krieg war von einem Rüstungswettlauf gekennzeichnet. Der Kalte Krieg war von

AMERIKA DIENST 20

einer Verteidigungspolitik der Vereinigten Staaten und
der Sowjetunion gekennzeichnet, die als Zusicherung
einer gegenseitigen Zerstörung bezeichnet wurde.
Zusicherung einer gegenseitigen Zerstörung ist
vergleichbar mit zwei Männern, die sich mit aufeinander gerichteter Waffe im Abstand von einigen
Metern gegenüberstehen. Die Waffen waren geladen, der Finger am Abzug, und man rief sich
Beleidigungen zu. Jetzt ist der Kalte Krieg vorüber.
Diese beiden Männer haben ihre Warfen wieder in
ihre Halterung gesteckt und begonnen, die Kugeln zu
entnehmen.
Heute haben wir die Chance, die Vision George
Marshalls vollständig umzusetzen - die Vision eines
stabilen und sicheren Europa. Aus diesem Grund
haben wir Sie alle ins Marshall-Zentrum eingeladen,
um uns bei der Realisierung dieser Vision zu helfen.
Und aus diesem Grund haben wir im Januar 1994
das Programm einer Partnerschaft für den Frieden
ins Leben gerufen. Diese Partnerschaft ist eine
dynamische Kraft für den Aufbau von Vertrauen und
Zusammenarbeit zwischen unseren Nationen geworden, und Sie, die Absolventen des Marshall-Zentrums, werden das Instrument zur Realisierung der
Vision dieser Partnerschaft für den Frieden sein. Als
Zeichen dafür, wir weit wir gekommen sind, seit die
Partnerschaft im vergangenen Januar ins Leben
gerufen wurde, sind jetzt die Flaggen Ihrer Länder
und der NATO-Mitgliedstaaten über der Partnerschaftskoordinierungszelle im belgischen Mons
gehißt.
Diese 40 Flaggen repräsentieren 40 Länder, die eine
gemeinsame Verpflichtung eingegangen sind und die
harte Arbeit der Schaffung eines sicheren Europa
begannen.
Wir müssen noch viel Engagement
zeigen und haben bei den letztes Jahr von der

Seite 1

�Partnerscnaft für den Frieden durchgeführten drei
Übungen viel harte Arbeit geleistet. Diese Manöver
konzentrierten sich auf die sicherheitspolitischen
Herausforderungen, denen wir uns in Zukunft gemeinsam stellen müssen - die Herausforderungen
der Friedenssicherung, der Such- und Rettungsmissionen, der humanitären Hilfe. 20 Nationen, 15
Schiffe und nahezu 2.000 Soldaten übten und
arbeiteten während dieser Übungen zusammen.
Diese Manöver waren ein riesiger Erfolg und stellen
einen Entwurf für zukünftige militärische Zusammenarbeit dar. Und das war nur der Anfang. Wir
werden diesen Entwurf im kommenden Jahr testen,
während wir mehr als 10 partnerschaftliche Manöver
und über hundert anderer Aktivitäten durchführen.
Im August werden die Vereinigten Staaten eines
dieser Manöver veranstalten. Wir nennen es "Cooperative Nugget". Wir rechnen mit der Teilnahme
von mindestens 12 Staaten der Partnerschaft für den
Frieden und vier NATO-Mitgliedstaaten. Wir sehen
diesem Manöver mit großen Erwartungen entgegen,
da es das erste Mal sein wird, daß Einheiten der
Partnernationen in den Vereinigten Staaten Friedenssicherungsübungen durchführen.
Dutzende
weiterer nationaler Manöver werden im Geist von
Partnerschaft und Frieden abgehalten. Morgen
werde ich in die Ukraine reisen, um an einer bilateralen Übung der Vereinigten Staaten und der Ukraine teilzunehmen, einer Übung, bei der unsere und
die ukrainischen Truppen in einer kleinen Einheit
einer Friedenssicherungsmission ihre Fähigkeiten
unter Beweis stellen. Dieses Manöver wird wahrhaft
im Geist der Partnerschaft für den Frieden abgehalten.
Vier weitere Länder werden hochrangige
Militärbeobachter entsenden. Diese Art von Übung
ist von essentieller Bedeutung, um unsere Streitkräfte beizubehalten und ihnen dabei zu helfen,
voneinander zu lernen. Der einzige Weg, den
heutigen sicherheitspolitischen Herausforderungen
zu begegnen, besteht darin, ihnen gemeinsam zu
begegnen.
Unsere Partnerschaft besteht jedoch aus mehr, als
lediglich der Veranstaltung gemeinsamer Manöver.
Wir wissen, daß viele Ihrer führenden Politiker, viele
von Ihnen neue Wege sondieren, den Militärapparat
zu organisieren und zu verwalten. Auf einigen
Gebieten hat das westliche Militär Erfahrungen
gesammelt, die wir mit Ihnen teilen möchten, denn
Sie sind die Zukunft Ihrer Streitkräfte. Eines dieser
Gebiete ist beispielsweise der Verteidigungshaushalt.
Die Aufwendung der richtigen Summe Geldes auf
dem richtigen Gebiet zum richtigen Zeitpunkt ist eine
der wichtigsten und schwierigsten Aufgaben einer
Regierung. Die NATO-Mitgliedstaaten werden jedes
Jahr mit dieser Frage konfrontiert. Unser Verteidigungsapparat sieht sich damit konfrontiert, wenn er

Seite 2

unseren gewählten Vertretern einen Haushaltsentwurf
vorlegt. Diese gewählten Vertreter legen dann den
tatsächlichen Umfang des Etats sowie die Verteilung
der Gelder fest. In den Vereinigten Staaten unterbreitet unsere Regierung Vorschläge, aber der
Kongreß trifft die endgültige Entscheidung. Es ist ein
Prozeß von großer Bedeutung, weil er unseren
gewählten Volksvertretern gestattet, die Entscheidung
über die Verwendung der Gelder zu treffen. Wir sind
die Experten, wir sagen ihnen, wofür sie unserer
Ansicht nach aufgewendet werden sollten; und die
Vertreter des Volkes treffen die endgültige Entscheidung. Ich spreche jedes Jahr vor sechs verschiedenen Ausschüssen des Kongresses, um meinen
Haushalt zu verteidigen. Derzeit befinde ich mich
inmitten dieses Prozesses. Erst gestern verbrachte
ich, kurz bevor ich hierherkam, zwei Stunden mit
Kongreßabgeordneten, um einen Teil meiner Haushaltsvorlage zu verteidigen, die ich vor zwei Monaten
unterbreitet hatte. Das ist eine schwierige Aufgabe.
Sie stellen schwere Fragen. Wenn ich fertig bin und
endlich den Haushalt habe, wird er von den Vertretern des amerikanischen Volkes unterstützt. Es ist
dann nicht mein Haushalt, sondern der Haushalt des
amerikanischen Volkes.
Diese Art von Haushaltsverfahren ist auch nützlich,
weil es vollkommen öffentlich und offen ist. Alle
diese Etats, oder nahezu alle, werden in öffentlichen
Anhörungen beschlossen. Einige davon werden im
Fernsehen gesendet. Sie stehen nicht nur unserer
Öffentlichkeit, sondern der gesamten Welt zur Verfügung. Diese Offenheit ist beruhigend. Es ist
beruhigend für die Bürger unseres Landes, zu sehen,
daß ihr Geld vernünftig ausgegeben und für ihre
Sicherheit gesorgt wird. Es ist aber auch beruhigend
für die Nachbarländer, denn sie können ihre eigene
Sicherheitslage besser einschätzen, wenn sie den
Umfang und die Fähigkeiten der Streitkräfte in der
Region kennen.
Einer der Faktoren, die das Wettrüsten während des
Kalten Krieges antrieben, war eine falsche Einschätzung der Fähigkeiten und Absichten anderer Länder
als Ergebnis des Geheimnisses, das unseren Verteidigungshaushalt umhüllte.
Angesichts dieser
Geheimhaltung sah sich jeder führende Militärangehörige mit Schätzungen für den Katastrophenfall
konfrontiert. Sie stellen sich das Schlimmste vor, was
das andere Land tun könnte und bemühen sich dann
um einen entsprechenden Aufbau ihrer Streitkräfte,
um mit dem Schlimmsten fertigzuwerden.
Das
spiegelt sich dann in dem anderen Land wider, und
es findet ein Rüstungswettlauf statt. Ihre Länder
sehen sich mit einer Vielzahl schwieriger Entscheidungen konfrontiert, die den Umfang ihres Haushalts
und ihrer Streitkräfte betreffen. Diese schwierigen

AMERIKA DIENST 20

�Entscheidungen werden nicht nur Ihre Sicherheit,
sondern die Sicherheit ganz Europas betretten.
Das ist einer der Gründe für die Errichtung des
Marshall-Zentrums.
In diesem Zentrum können
Militärangehörige aus ganz Europa sich mit den
heutigen Sicherheitsfragen befassen. Ferner ist es
der Ort, an dem die NATO-Mitgliedstaaten mit
Mitgliedern der Partnerschaft für den Frieden unsere
Militärorganisationen und ihre Methoden erörtern
können. Viele Ihrer Staaten erwägen eine Umstrukturierung ihrer Organisationen und der Verwaltung ihrer Streitkräfte. Es interessiert Sie vielleicht, wie wir in der NATO unsere Streitkräfte
organisieren und verwalten. Vielleicht haben Sie
auch Interesse an unseren Erfahrungen und den
Lektionen, die wir im Zuge der Entwicklung unserer
Streitkräfte gelernt haben - guten und schlechten
Lektionen. Daher fordere ich Sie dazu auf, unsere
Erfahrungen und Ideen mitzunehmen und zu untersuchen. Einige werden Ihnen vielleicht nützlich
erscheinen, wenn Sie ihre eigenen Militärorganisationen und Methoden entwickeln. Sie können von dem
profitieren, was wir richtig gemacht haben, und
unsere Fehler vermeiden.
Manöver und eine Offenlegung des Haushalts sind
nur zwei wichtige Beispiele für vertrauensbildende
Maßnahmen, die starke Beziehungen zwischen
unseren Ländern schaffen und uns in die Lage
versetzen sollen, uns gemeinsam für die kollektive
Sicherheit ganz Europas einzusetzen. Die Partnerschaften helfen auf diesem und anderen Gebieten
eindeutig, Europa zu einem sichereren und stabileren Ort zu machen. Die Partnerschaft für den
Frieden ist das derzeitige Forum für die Zusammenarbeit unserer Militärs. Sie werden auch die Angst
potentieller neuer Mitglieder vor den Pflichten einer
Mitgliedschaft kennen.
Die NATO prüft einen
Erweiterungsprozeß aus einem simplen Grund: Im
letzten halben Jahrhundert schuf das Bündnis eine
Zone des Friedens, der Stabilität und Sicherheit in
Westeuropa. Und wir in der NATO möchten diese
Zone des Friedens, der Stabilität und Sicherheit auf
ganz Europa ausgeweitet sehen. Dies ist das
Versprechen einer NATO-Erweiterung.
Die Frage, wie die NATO-Erweiterung erfolgen soll,
ist sehr komplex, und die Festlegung der Einzelheiten wird Zeit erfordern. In der Zwischenzeit
sollen einige Grundprinzipien das Bündnis so erfolgreich halten, wie es in den letzten 40 Jahren gewesen ist. Das Schlüsselprinzip ist natürlich, daß die
NATO ein militärisches Bündnis ist und jeder Mitgliedstaat in der Lage sein muß, einen Beitrag zur
Verteidigung des Bündnisses zu leisten. Ein zweites
Prinzip ist die Aufstellung eines Heers von Berufssoldaten unter ziviler Kontrolle. Das ist die Essenz

AMERIKA DIENST 20

des Militärs in einer Demokratie. Das Militär untersteht ziviler Kontrolle. Das bedeutet, daß das Militär
letztlich dem Parlament eines jeden Landes verantwortlich ist.
Ich habe bereits dargelegt, wie wir Bericht erstatten
und wie wir von den Parlamenten bei der Vorbereitung unseres Verteidigungshaushalts instruiert
werden. Andere zentrale Merkmale der NATOMitgliedstaaten sind ihre demokratischen Regierungen und ihr System einer freien Marktwirtschaft, der
Schutz von Freiheit und Menschenrechten innerhalb
ihrer Grenzen sowie die Achtung der Souveränität
außerhalb ihrer Grenzen. Demokratische Regierungen und gegenseitiger Respekt sind für die NATO
von essentieller Bedeutung, da das Bündnis immer
gemäß dem Grundsatz des Konsenses vorgegangen
ist und das weiterhin tun wird. Alle Mitglieder müssen den wichtigsten, von der NATO getroffenen
Entscheidungen zustimmen. Keine Nation dominiert
die Entscheidungen innerhalb der NATO. Konsens
bedeutet nicht, daß alle NATO-Mitgliedstaaten allem
zustimmen müssen, aber sie müssen alle Mitglieder
respektieren und ihre Differenzen im Geiste der
Zusammenarbeit 'ausbügeln'.
Parallel zu einer NATO-Erweiterung engagieren wir
uns auch für Dialog und Zusammenarbeit zwischen
dem Bündnis und Rußland sowie für die Entwicklung
eines Rahmens für eine Sicherheitsbeziehung zwischen der NATO und Rußland. Rußland kann einen
einzigartigen Beitrag zum Aufbau einer stabilen
europäischen Zukunft leisten, und wie Sie sehen, ist
die NATO-Erweiterung ein Mittel zur Förderung von
Stabilität und Sicherheit in Europa.
Ich möchte das so klar, direkt und ehrlich wie möglich
sagen. Die NATO betrachtet Rußland nicht als
Bedrohung. Und auch Rußland sollte die NATO nicht
als Bedrohung sehen. Die NATO beabsichtigt nicht,
neue Trennlinien in Europa zu ziehen. Wir wollen die
Sicherheit ausweiten und in ganz Europa Stabilität
schaffen. Wir wollen keine neuen Grenzen. Damit
Rußland die NATO nicht als Bedrohung sieht, muß
es sich aktiv in der NATO engagieren. Daher begrüßen wir die unlängst von der NATO beim amerikanisch-russischen Gipfel eingegangene Verpflichtung,
eine aktive Rolle bei den Aktivitäten der Partnerschaft
für den Frieden zu übernehmen. Wir arbeiten derzeit
mit Rußland zusammen, um praktische Schritte für
seine Einbeziehung in die NATO zu entwickeln. Ich
habe in dieser Hinsicht Hoffnung, denn meines
Erachtens werden die Partnerschaft für den Frieden
und die Beziehungen zwischen der NATO und
Rußland Vertrauen und Zusammenarbeit in der
gesamten Region schaffen und von Nutzen für all
unsere Länder sein.

Seite 3

�Am Anfang meiner Ausführungen habe ich über
Macht und einen Neubeginn der Weif gesprochen.
Heute gelten diese Worte für Europa. Es liegt in
unserer Macht, alte Feindseligkeiten zu begraben
und Vertrauen und Zusammenarbeit hervorzubringen. Und Sie sind der Schlüssel für die Neuschaffung dieses Europa. Sie könnten in keinem Raum
eine Ansammlung von Menschen finden, die für die
zukünftige Sicherheit und Stabilität Europas entscheidender sind. Sie und Ihre Generation haben
eine Chance, die der Kalte Krieg meiner Generation
verweigert hat - die Chance, die Vision Marshalls
von der Schaffung eines geeinten, sicheren und
stabilen Europa umzusetzen.

Der englische Romanschriftsteller Graham Greene
schrieb einmal, es gebe immer einen Moment, an
dem eine Tür geöffnet wird und die Zukunft hereingelassen wird. Das Ende des Kalten Krieges hat
eine solche Tür geöffnet. Die Zukunft, die dort
wartet, kann ein geeintes, sicheres und stabiles
Europa sein. Sie haben die Chance, diese Zukunft
zu definieren und ihr die Tür zu öffnen. Sie haben
diese Aufgabe bereits durch Ihre Anwesenheit hier
begonnen. Ich rufe Sie dazu auf, diese Zeit gut zu
nutzen, um einander kennenzulernen und zu verstehen, damit Sie, wenn Sie in Ihr Land zurückkehren, besser zur Erfüllung dieser Aufgabe in der Lage
sind. Wenn Sie dabei erfolgreich sind, ist das zum
Nutzen Ihres Landes und Europas; und Ihre Kinder
und Enkel werden es Ihnen danken.
Ich danke Ihnen.

*

Seite 4

*

AMERIKA DIENST 20

�DATENAUTOBAHN
7. Juni 1995

Fax, CD-ROM, Online-Dienste und Zeitungen
von Tony Case
WASHINGTON - (AD) - Die Redaktionen der großen amerikanischen Zeitungen befassen sich mit der Frage,
wie sie sich einen Platz auf den Hauptspuren der Datenautobahn - Fax, CD-ROM und Online-Diensten sichern und dabei die starken, traditionellen Funktionen einer Zeitung bewahren können. Datenbanken
gestatten Zeitungen und Werbefachleuten, ihr Marketing stärker auf eine bestimmte Zielgruppe auszurichten.
Nachfolgend veröffentlichen wir den unwesentlich gekürzten Artikel von Tony Case, einem Redaktionsmitglied
von Editor &amp; Publisher.
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Editor &amp; Publisher, 16. Juli 1994.
Copyright (c) Editor &amp; Publisher, Inc.

Während Zeitungsverlage sich darum bemühen,
ihren Abschnitt der Datenautobahn zu bauen, sollten
sie sich vor Augen halten, was sie überhaupt auf
diese Bahn brachte, empfielt der Leiter einer der
größten Medienkonzerne der Vereinigten Staaten.
"Meines Erachtens sollten wir unsere Fühler in alle
Richtungen ausstrecken, dabei aber nicht vergessen,
daß die Zeitung das Kernprodukt ist. Wir können
Zeitungen als das Tor zum Leser bezeichnen und
sollten uns daran erinnern, daß es immer noch die
Zeitung ist, die uns hilft, Informationen zu sammeln
und sie durch alle möglichen elektronischen Systeme
zu befördern", erklärt John Curley, Vorsitzender,
Präsident und Geschäftsführer von Gannett Co. Inc.
Curley traf mit Eugene Falk, dem Niederlassungsleiter und Manager der Los Angeles Times, und
Joe Hladky, dem Präsidenten und Herausgeber der
Gazette Co. aus Cedar Rapids (Iowa) bei einer
Diskussionsrunde mit dem Titel "Die strategische
Richtung der Zeitungen - Herausforderung und
Partner der Zukunft" zusammen, die von der Vereinigung der Zeitungsverlage der technischen
Ausstellung und Konferenz der America's Nexpo '94
veranstaltet wurde.

daß Technologie ein Mittel ist, auf den langjährigen
Erfolgen der Printmedien aufzubauen, und nicht,
diese - wie von vielen prognostiziert - zu ersetzen.
"Seit nahezu zwei Jahrzehnten haben Zeitungen die
Informationen auf die eine oder andere Art gesammelt, herausgegeben, verpackt und verteilt.
Im
vergangenen Jahrzehnt haben unsere lokalen und
nationalen Vertretungen Wege gefunden, die Konsumenten zu erreichen, deren Hunger nach Nachrichten nicht auf die Artikel in unseren Zeitungen beschränkt ist", teilte Curley den Teilnehmern der
Nexpo mit.
Im vergangenen Jahrzehnt entwickelten Nachrichtenkonzerne wie Gannett aus Arlington (Virginia) Produkte, die den Kreis ihrer Leser vergrößerten und die
Wirkung ihrer Berichterstattung erhöhten. Curley
berichtete, das Nervenzentrum der elektronischen
Nachrichten- und Informationsdienste seines Unternehmens sei das Gannett/USA Today Sport- und
Informationszentrum in Greensboro (North Carolina).

In einer riesigen Halle des Las Vegas Convention
Center konnten die Teilnehmer die Multimedia- und
interaktiven Unternehmen ihrer Firmen vor Hunderten von Konferenzteilnehmern darlegen.

Das 1989 vorwiegend zur Bereitstellung von Sportstatistiken errichtete Zentrum verpackt heute Inhalte
aus USA Today und anderen Zeitungen von Gannett
neu und macht sie elektronisch zugänglich. Der
Service bietet lange Nachrichtenberichte, kurze Artikel
zu Themen wie Wirtschaft, Reisen und Wetter sowie
ein Bulletin Board, das den Nutzern die Kommunikation untereinander gestattet.

Bei all ihren Gesprächen über Fax, CD-ROM und
Online-Diensten hoben die Manager jedoch hervor,

Curley warb für datenbankgestützte Werbemodelle,
die in Gannetts Zeitungsabteilung entwickelt wurden:

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�"So etwas benötigen wir, um Datenbanken, Videos
und alle anderen verfügbaren Mittel zu nutzen, damit
wir mehr Geld in unsere Zeitungen" sowie - gemeinsam mit Hewlett-Packard Co. - in die Entwicklung
eines Modells für ein Bibliotheksarchiv im Werk bei
Rochester (New York) "stecken können".
"Wir sollten bei unseren Bestrebungen, den Nutzen
dieses Kernprodukts für unsere Adressaten zu
erhöhen, über allen ansprechenden und populären
Aspekten der elektronischen Kommunikationsmedien
nicht unsere Zeitungen vergessen", warnte Curley.
Neue Technologien sind "etwas Feines, vielleicht in
Zukunft hilfreich und könnten eine Tür aufstoßen",
äußerte er, "aber wenn wir jährlich zwischen 3 und
5 Prozent neuer Leser gewinnen und damit den
Abwärtstrend umkehren könnten, wären meiner
Meinung nach die Werbegelder äußerst lohnend
angelegt".
Eugene Falk von der Times wiederholte Curleys
Behauptung, Technologie werde dazu dienen, die
existierende Basis der Zeitung zu vergrößern, indem
entstehenden Bedürfnissen der Verbraucher und
Werbefachleute entsprochen werde, denen die
Printmedien nicht Rechnung tragen könnten.
Ebenso wie die Öffentlichkeit wird auch das Aushängeschild von Times Mirror Co. mit diesen neuen
Entwicklungen experimentieren, teilte Falk seinen
Zuhörern mit. "Wir wollen, daß sie sich mit uns
bewegen", sagte er in bezug auf die Leser der
Zeitung.
Elektronische Dienste sind ihm zufolge auch eine
Schranke gegen neue Wettbewerber. "Viele der
Dienstleistungsnischen, die diese neuen Akteure als
Chancen ansehen, werden weitaus weniger attraktiv
erscheinen, wenn wir sie bereits anbieten!"
Die Times ruft auch neue lokale Medien ins Leben,
die für Online-Dienste wichtig sind. Zu den Produkten der Zeitung werden eine Kombination von
Nachrichten,

Informationen,

Kommunikation

und

Werbung mit Transaktionen gehören.
"Welcher dieser Dienste das neue Medium dominieren wird, ist noch ganz unbekannt", erklärte Falk, "es
ist jedoch klar, daß alle drei benötigt werden, um
genügend Konsumenten und Werbefachleute zu
gewinnen, die es zu einem lebensfähigen Unternehmen machen".
Seiner Ansicht nach sind die anfänglichen Angebote
der Times evolutionäre Schritte zur Schaffung einer
breitgefächerten Dienstleistungspalette.

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"Unseres Erachtens wird es ziemlich lange dauern,
bis eine Welt mit 500 Kanälen in den Vereinigten
Staaten funktioniert", erklärte er. Die heutigen
Lektionen, die wir unter Einsatz moderner Technologien lernen, werden uns zu dem führen, was wir
letztlich als Rolle der Zeitungen auf den Datenautobahnen der Zukunft ansehen."
Die Vision der Zeitung von elektronischen Diensten
impliziert Falk zufolge die Überzeugung, daß sie eine
Reihe von Datenbanken für ein breites Spektrum von
Informationskategorien repräsentiert, beispielsweise
nationale und lokale Nachrichten, Immobilien- und
Einzelhandelsanzeigen.
Natürlich wird die Times weiterhin in ihren täglichen
Ausgaben Informationen verpacken, aber die elektronische Verteilung wird ihr gestatten, "tiefer zu
gehen und unseren Kunden in ausgewählten wichtigen Marktsegmenten mehr Wert anzubieten". Zu den
Spitzentechnologieprojekten der Zeitung zählen ihr im
Januar angekündigtes elektronisches Einkaufssunternehmen mit Pacific Telesis sowie ein Online-Geschäft mit dem kommerziellen Comupternetzwerk
Prodigy.
Bei Nutzung der Einkaufsmöglichkeiten erhalten die
Verbraucher mit Hilfe verschiedener Programme,
einschließlich Operator-gestützter, interaktiver und
Online-Videodienste, Zugang zu einer Datenbank mit
Kleinanzeigen und Branchenverzeichnissen.
Und "nach vielen Verhandlungen" ermöglichte es die
Times den Nutzern von Prodigy, gegen eine monatliche Gebühr von 4,95 Dollar Anzeigen in die Zeitung
zu setzen. Wer kein User von Prodigy ist, kann
diesen Service für monatliche 6,95 Dollar in Anspruch
nehmen.
"Dieses Geschäftsmodell ist wichtig, weil wir unsere
Kunden in die Lage versetzen wollten, uns allein zu
abonnieren, ohne das nationale Prodigy, wenn sie
das vorziehen", erklärte er. "Dadurch können wir die
direkten Beziehungen zum Kunden aufrechterhalten,
die ... das Schlüsselelement unserer Vision für
elektronische Dienste sind."
Die Times kontrolliert sämtliche Inhalte, die Präsentation des Materials sowie die Preisfestsetzung für
Abonnement und Werbung.
Für diese "Unabhängigkeit und Kontrolle", so Falk,
wird die Zeitung Prodigy einen Teil ihrer Einkünfte
aus dem Service zukommen lassen.
Diese Projekte "enthalten alle Elemente unserer
Vision, wie Zeitungen mit Hilfe moderner Technolo-

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�gien elektronische Dienste bereitstellen und diese in
Zukunft entwickeln sollten", so Falk.
"Wenn sich letztlich die Datenautobahnen schnell
weiterentwickeln, werden wir uns die entstehenden
Chancen zunutze machen. Wenn man sich auf den
Autobahnen festfährt, werden wir unseren Einsatz zu
relativ niedrigen Kosten gedeckt haben und immer
noch in der Lage sein, eine Zeitung anzubieten,
während andere auf die Weiterentwicklung der
Datenautobahn warten."
Gazette Co.. Herausgeber der Cedar Rapids Gazette, hat sich der Technologie nicht nur zur Sicherung
der Zukunft von Zeitungen bedient, sondern zur
Gewährleistung, daß es auch morgen Zeitungsleser
geben wird.
Das Programm "Newspaper in Education" des
Unternehmens schloß sich mit "Foundations in
Reading" zusammen, einer von Breakthrough Inc.
aus Iowa City (Iowa) entwickelten Initiative, die
Kindern mit Hilfe von Computern das Lesenlernen
erleichtert.
"Meines Erachtens hat jede Lokalzeitung ein großes
Potential, in positivem Licht gesehen zu werden, da
viele der Geschichten von "Foundations in Reading"
die Vorteile des Lesens außerhalb des Klassenzimmers hervorheben", so der Präsident und Verleger
Hladky.
Jeder Schüler, der an dem Programm teilnimmt,
erhält ein zusätzliches Arbeitsheft im Zeitungsformat.
"Ich sehe eine natürliche Verbindung, bei der die
örtliche Zeitung mit diesen Arbeitsheften identifiziert
wird", teilte Hladky den Konferenzteilnehmern mit.
Vor einem Jahr führte die Gazette einen ExpressWay Classifieds genannten Lokalisierer für elektronische Kleinanzeigen ein, nachdem sie erkannt
hatte, daß die Öffentlichkeit die bestehenden Systeme nicht umfassend nutzte.
"Ich bin nicht der Ansicht, daß heutzutage irgendein
Telefonservice leicht zu verkaufen ist, wir hatten
jedoch das Gefühl, jeder neue Dienst sollte nutzerfreundlich sein, wenn die Datenbank abgefragt wird",
so Hladky.
Die Software wurde zusammen mit AudioTechs aus
Philadelphia entwickelt. Das System läuft auf einem
Alpha Computer von Digital Equlpment Co., die
auch die Software vermarktet. Das Programm bietet
einen nahtlosen Datentransfer vom Kleinanzeigenteil
des Sll-Systems des Unternehmens zum DECComputer an, auf dem die Daten gespeichert sind.

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Eine Reihe von Bedienerzeichen führen die Anrufer
durch die Datenbank und ermöglichen ihnen eine
Konkretisierung der Suche, wobei immer die Option
offenbleibt, einen Schritt zurückzugehen. Die Nutzer
werden beispielsweise informiert, wieviele Autos
bereitstehen, die die von ihnen eingegebenen Kriterien erfüllen. Die Gazette hat derzeit ungefähr 1.000
Fahrzeuge auf ihrem elektronischen Parkplatz.
Täglich gehen etwa 100 Anfragen bei dem Dienst ein.
Hladky emphielt, bei der Prüfung der Zukunft von
Auskunftsdiensten eine Standardformel anzuwenden:
"Wenn Du sie nicht anbietest, wird es jemand anders
tun."
"Zu dem Auftrag unseres Unternehmens gehört, daß
wir durch eine dynamische Mischung von Produkten
und Dienstleistungen die Informationen über eine
Vielfalt von Auswahlmöglichkeiten bereitstellen. Wir
identifizieren nicht das Medium; diese Wahl bleibt
dem Verbraucher überlassen!"
Im Hinblick auf die traditionelle Rolle der Zeitung
empfahl Hladky, "uns auf das zu konzentrieren, was
wir am besten können: Die Sammlung von Informationen, um den Interessen der Verbraucher zu
entsprechen."
"Es wird eine neue Fernsprechtechnologie entwickelt,
und jede Zeitung will als Teil ihrer Servicepalette
unter Einsatz des Telefons Sprachinformation anbieten." Er fügte jedoch hinzu: Wir sollten uns nicht auf
ein Kommunikationsmedium konzentrieren, sondern
mehrere anbieten."
Die Niederlassung Decisionmarkdes Unternehmens
rief die MediaStar Software für die Anwendung bei
Vertrieb, Werbung, direktem Marketing und Nachrichtenabteilungen ins Leben, die Microsoft Windows
einsetzt und entweder auf betriebssystemunabhängigen Rechnern oder Netzwerken operiert.
"Um die Software von MediaStar zu erklären, möchte
ich eine ganz kurze Definition geben: Sie integriert
Karten und Daten", so Hladky. "Die Entwickler von
MediaStar würden sagen, die Software bietet direkten Zugang zu Datenbanken und Erhebungen,
gestattet die Identifizierung und graphische Analyse
von Daten sowie ihre Präsentation zum verbesserten
Verständnis und für die Entscheidungsfindung."
Hladky zufolge gestattet MediaStar der Gazette "den
besseren Einsatz der riesigen Datenmenge, die der
Zeitung jetzt zur Verfügung steht, aber selten genutzt
wird".

Seite 3

�Derzeit wird eine zusätzliche Nutzung der Software
geprüft. "Wir haben gerade erst begonnen, die
Anwendung in der Nachrichtenzentrale zu prüfen",

so Hladky, "und es gibt wirklich interessante MögHenkelten".

* * * *

Seite 4

*

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