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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

^rioN ^

Z12462 C

24. Mai 1995

19

USA-DEUTSCHLAND

ERÖFFNUNG DER 41. DEUTSCHAMERIKANISCHEN FREUNDSCHAFTSWOCHE
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel

USA-EUROPA

AMERIKANISCHE AUSSENPOLITIK
- GRUNDLAGEN UND PERSPEKTIVEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

SICHERHEITSARCHITEKTUR

EINE NEUE SICHERHEITSARCHITEKTUR
FÜR EUROPA
von William J. Crowe, Jr.

WIRTSCHAFT

VON ORGANISATIONEN ZU MARKTEN
von William E. Halal

LITERATUR

"GUTE ZEITEN FÜR DICHTER"
Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-3341 02

�USA-DEUTSCHLAND
24. Mai 1995

Eröffnung der 41. Deutsch-Amerikanischen
Freundschaftswoche
Ansprache des Gesandten J.D. Bindenagel
WÜRZBURG - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die am 21. Mai 1995 vom Gesandten der Botschaft der
Vereinigten Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D. Bindenagel, aus Anlaß der Eröffnung der 41.
Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche in der Würzburger Residenz gehaltene Rede im Wortlaut.
General Chelberg,
Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, aus Anlaß der Eröffnung der Deutsch-Amerikanischen Freundschaftswoche hier zu sein. Botschafter Redman hat mich
gebeten, Ihnen sein Bedauern zu übermitteln, daß er
nicht kommen konnte. Er möchte jedoch ebenso wie
ich unserem Ehrengast seine Glückwünsche aussprechen - General Shalikashvili, dem heute für
seinen Beitrag zur deutsch-amerikanischen Freundschaft die Lucius D. Clay-Medaille verliehen wird.
Herr General, es ist mir eine Ehre, zusammen mit
Ihnen und so vielen herausragenden Deutschen und
Amerikanern - Herrn Weber, Herrn Staatsminister
Leeb, General Naumann und General Joulwan - hier
zu stehen.
Ich freue mich, wieder in Würzburg zu sein, wo ich
vor nahezu einem Vierteljahrhundert als junger
Armeeoffizier zusammen mit meiner Frau Jean
unser erstes deutsches Heim einrichtete.
Ich
erinnere mich, wie ich das erste Mal in dieser
wunderschönen Residenz stand, die Architektur von
Balthasar Neumann und die Gemälde von Tiepolo
bewunderte - lange bevor ich erfuhr, welche Rolle
ein Amerikaner, John Skilton, dabei spielte, das
Gebäude in jenen ersten Nachkriegstagen vor der
Zerstörung zu bewahren.

Morgens schaute ich - mit der Sonne im Rücken über das diesige Maintal und sah das Schloß Marienberg, das sich schemenhaft im Dunst abzeichnete.
Mir war, als sähe ich es zum ersten Mal, und ich
erkannte Würzburg als das, was es war und ist: Eine
wunderschöne - eine herrliche - Stadt.
Ebenso wie Millionen meiner amerikanischen Mitbürger, die seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland leben, bin ich Teil eines engmaschigen Netzes
menschlicher Bande, die unsere zwei Länder verbinden. Ich bin fünfmal nach Deutschland zurückgekommen - nach Bremen, Berlin und Bonn - und
genieße heute das große Privileg, meinem Land als
stellvertretender Botschafter zu dienen.
Seit fünf Jahrzehnten haben die Menschen in Unterfranken und anderen Teilen Deutschlands die Amerikaner und ihre Familien willkommen geheißen, ihnen
ihr Heim geöffnet und die deutschen Sitten und
Gebräuche gelehrt. Wir haben unsererseits die
Kenntnisse unserer deutschen Freunde über die
Vereinigten Staaten und das amerikanische Volk
vergrößert.
Zwischen uns haben sich besondere Freundschaftsbande entwickelt und unser Leben bereichert. Der
Abzug eines Teils unserer Streitkräfte ist eine bittersüße Erfahrung - vergleichbar mit der Traurigkeit, die
man empfindet, wenn man langjährigen Nachbarn
und Freunden Lebewohl sagt.

Einmal hier, gewöhnte ich mich schnell an die
fränkische Lebensweise - erfreute mich der Weinberge und ihres Produkts, des Frankenweins, in seinen
weltberühmten Bocksbeuteln.
Und ich machte
meine erste Bekanntschaft mit dem, was Mark Twain
als "schreckliche deutsche Sprache" bezeichnete.

Die Tatsache, daß diese Truppenreduzierungen
möglich sind, ist jedoch ein Grund zur Freude. Sie
sind das Ergebnis enormer Veränderungen in der
Welt seit der Ankunft der amerikanischen Streitkräfte
vor einem halben Jahrhundert, am Ende eines
tragischen Weltkriegs.

Am lebhaftesten erinnere ich mich an einen anstrengenden Lauf in den Leighton Barracks. Eines

In den langen Jahren des Kalten Krieges bündelten
unsere Länder ihre Kräfte für eine gemeinsame

AMERIKA DIENST 19

Seite 1

�Sache. Und wir siegten. In Ostberlin war ich 1989
als Amerikanischer Gesandter Zeuge des Triumphs
des menschlichen Geistes, als sich die Ostdeutschen erhoben und das kommunistische Regime
stürzten. Heute ist Deutschland eine demokratische,
prosperierende Gesellschaft, die auf zwei gleich
starken Beinen steht - der alten Bundesrepublik mit
ihrer gesunden Demokratie und dem durch eine
wahrhaft demokratische Revolution gewandelten
Ostdeutschland.
Amerika stand hier im Westen an Ihrer Seite gegen
den Kommunismus; im Osten an der Seite der
Revolutionäre im Freiheitskampf; an der Seite beider
Teile Deutschlands bei ihrer Vereinigung. Amerika
steht heute an der Seite des geeinten Deutschland,
unserem Freund und Verbündeten.
Präsident Clinton erklärte im Juli letzten Jahres am
Brandenburger Tor: "Amerika steht an Ihrer Seite,
jetzt und für immer." Um diese Verpflichtung zu
erfüllen, werden amerikanische Streitkräfte zur
Gewährleistung unserer gemeinsamen Sicherheit in
Deutschland und Europa bleiben - insgesamt über
100.000 Soldaten. Meine alte Einheit - die Dritte
Infanteriedivision - die bald zur Ersten Infanteriedivision unbenannt wird, die "Big Red One", wird ihr
Hauptquartier in den Leighton Barracks beibehalten.
In Zukunft werden unsere Beziehungen in zunehmendem Maße durch Privatleute vertreten, von
denen Tausende im Ausland leben und arbeiten.
Austauschstudenten und Lehrer, Millionen von
Touristen, die jährlich den Atlantik überqueren,
tragen zur Völkerverständigung bei. Deutsche und
amerikanische Unternehmen tätigen riesige Investitionen im jeweils anderen Land. Unsere institutionellen Bindungen werden durch das neue Marshall
Center in Garmisch-Partenkirchen und die geplante
Amerikanische Akademie zu Berlin sowie das
wachsende Netz von Partnerstädten - wie dem
zwischen Würzburg und Rochester im Bundesstaat
New York - untermauert, welche kulturelle, bildungspolitische und menschliche Kontakte fördern.
Die Amerika Häuser in München, Frankfurt, Köln,
Hamburg, Berlin und Leipzig, denen vergangene
Woche von der Amerikanischen Handelskammer in
Deutschland der renommierte Leo M. Goodman
Award verliehen wurde, repräsentieren das dauerhafte amerikanische Engagement.
Die deutsch-amerikanischen Institute - die GlAs führen trotz haushaltspolitischer Engpässe auf
beiden Seiten des Atlantiks anspruchsvolle, kreative
Programme durch. Ich möchte Sie insbesondere auf
das GAI in Nürnberg aufmerksam machen, dessen
dynamischer und einfallsreicher Direktor, Bill Shel-

Seite 2

don, heute unter uns ist. Unsere Truppen verlassen
Nürnberg, aber ein Teil von Amerika bleibt zurück.
Mein herzlicher Dank gilt auch der deutschen Regierung - auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene für ihre große Unterstützung der GAls, der Amerika
Häuser, der Amerikanischen Akademie und des
Marshall Centers. Diese Unterstützung hat viel zu
einer starken und effektiven Präsenz Amerikas in
ganz Deutschland beigetragen.
Mit demselben Gefühl von Engagement und Verpflichtung schaffen wir ein neues Netz menschlicher
Bande zwischen Amerikanern und Deutschen in
Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt
und Mecklenburg-Vorpommern.
Wir bauen die
Brücken zu diesen Menschen wieder auf und stellen
damit die Verbindungen wieder her, die während
sechs langer Jahrzehnte abgebrochen waren. Seit
1990 haben nahezu 1.000 junge Deutsche aus den
neuen Bundesländern von der Amerikanischen
Botschaft Stipendien für einen Aufenthalt in den
Vereinigten Staaten bekommen.
Wir unterstützen das Center for Advanced English
and U.S. Studies in der Lutherstadt Wittenberg.
Eine andere, vielverprechende neue Institution - die
Amerikanische Akademie zu Berlin - wird sich auf die
Förderung der Geisteswissenschaften über den
Atlantik hinweg und in ganz Mitteleuropa konzentrieren.
Amerikanische Firmen nehmen an der Gestaltung der
wirtschaftlichen Zukunft Deutschlands teil. Das neue
Generalkonsulat in Düsseldorf fördert Unternehmen
im Ruhrgebiet. Unsere Unternehmen und Investoren
beteiligen sich an einer Reihe zukunftsorientierter
wirtschaftlicher Aktivitäten wie dem Umweltschutz, der
Herstellung von Mikrochips sowie an anderen Spitzentechnologien.
Das starke Engagement amerikanischer Unternehmen in den fünf neuen Bundesländern wurde im
vergangenen Jahr durch zwei große, von der Amerikanischen Botschaft geförderte Konferenzen für
amerikanische und deutsche Unternehmer hervorgehoben, die in Berlin und Leipzig stattfanden. Wir
werden die Thüringer Amerika Tage und am 6. und
7. Oktober in Erfurt eine Wirtschaftskonferenz veranstalten.
Wir engagieren uns für die Aufrechterhaltung und
Stärkung der Bande zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten im Zeitalter nach dem Kalten
Krieg. Dieses Engagement wurzelt in dem Wissen,
daß wir ein gemeinsames Schicksal haben.

AMERIKA DIENST 19

�Unsere Nationen haben über Jahrhunderte hinweg
eine einzigartige Beziehung aufgebaut - entstanden
durch die Einwanderung, zerrüttet durch den Krieg,
geheilt und gepflegt durch Wiederaufbau und Bündnisse, gestützt durch menschliche Kontakte sowie
den Austausch von Menschen, Waren und Ideen.

Präsident Kennedy erklärte vor einer Generation in
der Paulskirche:
"Auch unsere Freiheit ist bedroht, wenn wir
uns auf unseren Errungenschaften ausruhen
und der Geschwindigkeit des Fortschritts
widerstehen. Denn die Zeit und die Welt
kennen keinen Stillstand. Wandel ist das
Gesetz des Lebens. Und wer nur auf die
Vergangenheit oder die Gegenwart schaut,
verpaßt mit Sicherheit die Zukunft."

In gewisser Weise begann diese Beziehung hier in
Unterfranken.
Ein Bürger des nahegelegenen
Sommerhausen, Franz Daniel Pastorius, führte 1683
die ersten deutschen Siedler nach Pennsylvania.
Auf der Grundlage dieser bescheidenen Anfänge
überquerten Millionen deutschsprachiger Europäer
den Atlantik. Ihre Nachfahren belaufen sich auf über
60 Millionen - jeder vierte Amerikaner. Ich bin stolz
darauf, einer von ihnen zu sein. Ich hatte 1983 auch
die Gelegenheit, aus Anlaß des 300. Jahrestages
der ersten Landung von Siedlern einer Arbeitsgruppe
der Regierung anzugehören, die den DeutschAmerikanischen Tag ins Leben rief, der jährlich am
Jahrestag der Ankunft von Pastorius in der neuen
Welt - und jetzt in Verbindung mit dem Tag der
Deutschen Einheit am 3. Oktober - gefeiert wird.
Wir sind Treuhänder dieser einzigartigen Beziehungen. Wir müssen ihre lebenswichtigen Verbindungen pflegen um sicherzustellen, daß die Lehren der
Geschichte an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Ihre Organisationen beteiligen sich an
dieser Aufgabe.
Seit dem Fall der Berliner Mauer befinden sich
unsere beiden Länder inmitten eines dynamischen
Wandlungsprozesses. Wir müssen Lösungen für die
neuen Herausforderungen der uns umgebenden,
zunehmend komplexen Welt finden. Als Mitglieder
des Atlantischen Bündnisses müssen wir uns beispielsweise mit den schwierigen Fragen der NATOErweiterung und der Beziehungen zwischen der
NATO und Rußland befassen. Aber wir werden
Erfolg haben.
*

AMERIKA DIENST 19

Wir sind entschlossen, unsere Zukunft zu sichern.
Wir passen uns an eine gewandelte Welt an, ebenso
wie Ihre Organisationen sich verändern.
Aber
inmitten allen Wandels bleibt eine Konstante: Amerika steht weiterhin an der Seite Deutschlands, ebenso
wie wir es im Kalten Krieg, bei der friedlichen Revolution von 1989 und während des Vereinigungsprozesses taten. Wir waren und sind überzeugt, daß
Deutschland eine glänzende Zukunft hat.
Die Vereinigten Staaten und Deutschland können
jetzt im Angesicht der Aufgabe nicht versagen, mit
der wir beide konfrontiert sind: Die Unterstützung der
jüngst befreiten Länder, die sich für unsere Werte
und unsere Institutionen entschieden haben - für
unsere Demokratie, unsere freie Marktwirtschaft
sowie das sie untermauernde Nordatlantische Bündnis und die Europäische Union.
Heute ehren wir General Shalikashvili für seinen
Beitrag zur beständigen deutsch-amerikanischen
Freundschaft, die wir im Laufe von 50 Jahren aufgebaut haben. Das von ihm gegebene Beispiel inspiriert uns alle - Deutsche und Amerikaner gleichermaßen - unser Engagement für diese unerläßliche Errungenschaft erneut zu bekräftigen.
Ich danke Ihnen.

* * *

*

Seite 3

�USA-EUROPA
24. Mai 1995

Amerikanische Außenpolitik - Grundlagen
und Perspektiven
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
BONN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Gesandte der Botschaft der Vereinigten
Staaten in der Bundesrepublik Deutschland, J.D.Bindenagel, am 17. Mai 1995 an der Universität Bonn hielt.
Vielen Dank für die freundlichen Begrüßungsworte.
Es freut mich, daß ich wieder einmal die Gelegenheit
habe, an einer so renommierten Universität vor
einem studentischen Publikum über die Grundlagen
amerikanischer Außenpolitik sprechen zu dürfen.
Als Diplomat habe ich nicht oft die Möglichkeit, mich
mit kritischen Studenten auseinanderzusetzen.
Vielfach wird das direkte "feedback" mit den Bürgern
des Gastlandes durch Gespräche auf der politischen
Ebene und durchs Zeitungsstudium ersetzt.
Vorträge an Universitäten haben den Vorteil, daß
man auf ein gut informiertes Publikum trifft. Entsprechend versiert sind dann die Fragen und beleben die Diskussion. Gerade die Auseinandersetzung
mit der Außenpolitik eines anderen Staates schärft
auch den Blick für die eigenen außenpolitischen
Interessen.
Noch heute bestimmen historische Faktoren die
amerikanische Außenpolitik. Die Kenntnis dieser
Faktoren ist entscheidend für das Verständnis
unserer außenpolitischen Zielsetzungen. Während
meiner Jahre in Deutschland habe ich den Eindruck
gewonnen, daß gerade diesen grundlegenden
Faktoren in der Berichterstattung zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Insbesondere die
Fernsehberichterstattung kann nur schlaglichtartig
komplexe politische Abläufe beleuchten, was schnell
zu Fehlinterpretationen führen kann.
Dies ist um so bedauerlicher, als das Fernsehen
mittlerweile die primäre Informationsquelle für einen
Großteil der Bevölkerung geworden ist.
Die Außenpolitik eines Landes wird unweigerlich von
seiner Geschichte, Geographie, Gesellschaftsstruktur
und seiner nationalen politischen Entwicklung
beeinflußt. Diese simple Einsicht liefert die Erklärung
dafür, warum sich in unterschiedlichen Ländern

AMERIKA DIENST 19

unterschiedliche Ansichten über Außenpolitik entwickelt haben.
Um so wichtiger sind fundierte Kenntnisse über die
amerikanische Sicht der Dinge, um so wichtiger ist
eine exakte Darlegung des amerikanischen Regierungssystems, um so wichtiger ist ein klares Verständnis der politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten, um die Beweggründe amerikanischer
Außenpolitik zu verstehen.
Fehlt dieser interdisziplinäre Hintergrund, kommt es
sehr oft zu grundlegenden Mißverständnissen über
die amerikanischen Motive und Interessen. Mißverständnisse, die vermeidbar wären und letztlich
natürlich auch das Bild und die Perzeption voneinander nachhaltig beeinflussen.
Es ist fast überflüssig, Sie daran zu erinnern, daß
sich die politische Kultur der Vereinigten Staaten
merklich von der europäischen und deutschen
unterscheidet.
Sie wissen, wie wichtig die Objektivierung der eigenen Maßstäbe ist. Die eigenen Maßstäbe zur Analyse, Beurteilung und Bewertung von außenpolitischen
Prozessen sind in der Regel systemkonform. Dies ist
bedingt durch Ihre politische Sozialisierung. Daran ist
per se nichts auszusetzen, doch stellt sich die Frage,
inwieweit Ihre Kriterien zutreffend sind und der
amerikanischen Realität gerecht werden können.
Ein gutes Beispiel für Fehlperzeptionen dieser Art ist
die Diskussion über die vermeintliche Hinwendung
der Vereinigten Staaten zur pazifisch-asiatischen
Region. Ich muß Ihnen sicherlich nicht die ökonomischen Daten dieser Region aufzählen, um deutlich zu
machen, welch enormes Wachstumspotential sich für
den Handel abzeichnet. Es wäre ein politisch nicht
wiedergutzumachender Fehler, wenn es die amerikanische Regierung versäumen würde, gute Wirtschaftsbeziehungen mit dieser Region aufzubauen.

Seite 1

�Nur ist gänzlich falsch anzunehmen, die Vereinigten
Staaten würden sich wegen der territorialen Erweiterung ihrer außenwirtschaftlichen Interessen von
Europa abwenden. Eine solche Betrachtungsweise
geht davon aus, daß die Beziehungen eines Staates
zu einem anderen einem Nullsummenspiel entsprechen: Was der eine gewinnt, verliert der andere.
Würde man so Außenpolitik betreiben, könnte man
keine beständigen Beziehungen aufbauen und
unterhalten.
Außerdem widerspricht diese Vorstellung der amerikanischen Nachkriegstradition und verkennt die
Bedeutung des im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte
gewachsenen transatlantischen Beziehungsgeflechts.
Die andauernde Präsenz der Vereinigten Staaten in
Europa steht außer Frage. Das amerikanische
Engagement ist der beste Garant für ein sicheres
Europa, und ein sicheres Europa ist unabdingbar für
die amerikanischen Interessen und entscheidend für
den Weltfrieden.
Wie oft kommt es vor, daß von Kommentatoren der
Versuch unternommen wird, die amerikanische
Außenpolitik gegenüber Großbritannien, Frankreich
und Deutschland zu gewichten. Uns sind die Beziehungen zu unseren europäischen Bündnispartnern
gleichermaßen wichtig. Eine Stellungnahme, welches
Land wichtiger ist, werden sie daher von keinem
amerikanischen Diplomaten erwarten können.
Daß unsere diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien und Europa zu Beginn unserer Staatswerdung eher konfliktträchtig waren, ist Ihnen
bekannt. Im Frühjahr 1775 entwickelte sich aus dem
Konflikt zwischen den Kolonien und dem Mutterland
über eine angemessene Vertretung im britischen
Parlament ein Krieg. Thomas Jefferson, der spätere
Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, machte als Autor eines recht radikalen
Pamphlets "A Summary View of the Rights of British
America" auf sich aufmerksam. Wie die meisten
seiner Landsleute konnte er sich zu dem damaligen
Zeitpunkt eine vollständige Trennung von England
nicht vorstellen und träumte von einer dauerhaften
Aussöhnung.
Die britische Antwort auf die Forderungen der in
Philadelphia tagenden Delegierten der dreizehn
Kolonien war unmißverständlich: Lord Dunmore, der
Gouverneur von Virginia, flüchtete unter Mitnahme
der in Williamsburg gelagerten Pulvervorräte auf ein
Schiff der Royal Navy und ließ umgehend die Hafenstadt Norfolk in Brand schießen.
Der Delegiertenkongress der dreizehn Kolonien
beauftragte daraufhin Thomas Jefferson mit der

Seite 2

Formulierung einer Unabhängigkeitserklärung, die am
4. Juli 1776 angenommen wurde. Sie ist das erste
außenpolitische Dokument der Vereinigten Staaten,
noch bevor diese sich überhaupt konstituiert hatten.
Die Erklärung wurde zu einer politischen und propagandistischen Waffe in der sich abzeichnenden
ideologischen und militärischen Auseinandersetzung
mit Großbritannien.
Die wichtigste Passage der Unabhängigkeitserklärung
lautete:
"Wir halten die Wahrheiten für selbstverständlich, daß alle Menschen gleich geschaffen und
von ihrem Schöpfer mit gewissen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; daß dazu
Leben, Freiheit und das Streben nach Glück
gehören."
Die Unabhängigkeitserklärung hat nicht nur die
Amerikaner in ihrem Kampf gegen das Kolonialreich
angespornt, sondern diente vielen Europäern als
Leitbild eigener politischer Wünsche und staatsrechtlicher Vorstellungen.
Bekanntermaßen ging 1783 der auch von Frankreich
unterstützte Unabhängigkeitskrieg zu Ende. Die
Vereinigten Staaten waren endlich frei; die Menschenrechte wurden zu einem integralen Bestandteil
der Verfassung von 1787.
Es würde zu weit führen, den Einfluß der Unabhängigkeitserklärung auf die politischen Vorgänge in
Europa und auf die französische Revolution von 1789
darzulegen. Bemerkenswert ist, daß es am 26.
August desselben Jahres in Paris zu der Erklärung
der Menschen- und Bürgerrechte kam, die dem
amerikanischen Vorbild folgte.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß die Ideale,
die Jefferson so trefflich formulierte, auch heute noch
eine große Anziehungskraft besitzen. Selbst im
ausgehenden 20. Jahrhundert gibt es viele Menschen
in allen Erdteilen, die ihre Rechte einklagen, die der
Mann aus Virginia als unveräußerlich bezeichnete
und die da sind "life, liberty and the pursuit of happiness".
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben durch die
Proklamation eigener Wertvorstellungen, die sich
erheblich von denen des europäischen Kontinents
unterschieden, ihre nationale Identität gefunden. In
der Verfassung von 1787 wurde die Dreiteilung der
Gewalten verwirklicht. Der Vertassungsrahmen ist
weniger darauf angelegt, die Effizienz des politischen
Systems zu steigern, als vielmehr darauf aus, möglichem Machtmißbrauch vorzubeugen. Dies hat zur

AMERIKA DIENST 19

�Folge, daß beispielsweise gewichtige außenpolitische Entscheidungen nur vom Präsidenten und dem
Kongreß gemeinsam getroffen werden können.

zwischen Isolationismus
ausschlägt.

und

Internationalismus

Wenn man sich in diesem Zusammenhang die Rolle
des Präsidenten anschaut, ist zu berücksichtigen,
daß seine vermeintliche Machtfülle vom Machtverhältnis innerhalb des Kongresses abhängt und
natürlich von der persönlichen Durchsetzungsfähigkeit des Amtsinhabers. Dieser Faktor wird immer
wieder unter Beweis gestellt.

Diese Schwankungen im amerikanischen Engagement für den Rest der Welt entspringen dem historischen Abkehr- und Abwehrreflex gegenüber der Alten
Welt mit ihren "Ambitionen, Rankünen und Launen",
wie es einmal der erste Präsident der Vereinigten
Staaten, George Washington, ausgedrückt hatte. In
seiner legendären Farewell Address aus dem Jahre
1796 warnte er seine Mitbürger: "No entangling
alliances!"

Ein aktuelles Beispiel: Im vergangenen Sommer
entschloß sich Präsident Clinton gegenüber Haiti und
den dortigen Militärmachthabern zu einer schärferen
Vorgehensweise. Verhandlungen hatten zu keinem
Ergebnis geführt; es zeigte sich, daß eine Vereinbarung nur deshalb zustande kam, weil der Präsident bereit war, seinen Forderungen nach umgehender Demokratisierung militärische Glaubwürdigkeit zu
verleihen.

Eine Warnung, die geschichtlich betrachtet zu ihrer
Zeit vielleicht angemessen war. Wenn man sich
beispielsweise die Erfolgsgeschichte der NATO
anschaut, stellt sich natürlich die Frage, ob nicht eine
solche Organisation nach dem Ersten Weltkrieg zu
einem dauerhaften Frieden in Europa beigetragen
hätte.
Die Konsoldierung des Staatswesens wie auch die

Präsident Clinton selbst stellt dies in einer Pressekonferenz fest: "This agreement only came because
of the credible and imminent threat of the multinational force."
Nicht immer kann man durch Verhandlungen auf
diplomatischer Ebene Erfolg erzielen; nicht immer
kann man militärische Gewalt einsetzen, insbesondere dann nicht, wenn keine nationalen Interessen
tangiert sind. Die derzeitige Administration macht
diesen Punkt immer wieder deutlich, weil vielfach
angenommen wurde, die Vereinigten Staaten würden nach dem Ende des Kalten Krieges die Rolle
eines Weltpolizisten wahrnehmen. Dies ist nicht im
Interesse der USA, wie Präsident Clinton vor der
UN-Generalversammlung schon 1993 ausführte:
"Wir können nicht jedes Problem lösen, aber
wir wollen eine Stütze für den Wandel und ein
Zentrum des Friedens sein."
Rückblickend betrachtet, hat die amerikanische
Außenpolitik einen weiten Weg zurückgelegt seit
jenen Tagen, als Colonel George Harvey in den
zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts ein tief
verwurzeltes Vorurteil der amerikanischen Bevölkerung in Worte faßte: "Die Außenpolitik der Vereinigten Staaten ist, keine Außenpolitik zu haben."
In der Tat waren die Vereinigten Staaten im 19.
Jahrhundert mit sich selbst beschäftigt. In diesem
Zeitraum entwickelte sich der traditionelle amerikanische Isolationismus - der Wunsch, sich von der
internationalen Politik fernzuhalten. Noch heute wird
den Vereinigten Staaten vielfach der Vorwurf gemacht, ihre Außenpolitik sei wie ein Pendel, das

AMERIKA DIENST 19

Eroberung des Westens nahmen im 19. Jahrhundert
viel Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit "Manifest
Destiny" bezeichnete man den amerikanischen Drang
zur Pazifikküste nach Oregon und Kalifornien. Der
nordamerikanische Kontinent wurde, um es zeitgemäß auszudrücken, "amerikanisiert." Dies entsprach
dem Glauben vieler Amerikaner, in "God's own
country" zu leben. Die "Bestimmung" habe vorgesehen, daß die Amerikaner den ganzen Kontinent
befrieden und zivilisieren.
Natürlich gab es während dieser Zeit keine völlige
au ßenpolitische Abstinenz, wenn wir nur an den Krieg
mit Mexiko 1846-48 denken oder an den expandierenden Seehandel. Schon 1823 hatte Präsident
Monroe angesichts des imperialen Gehabes der
europäischen Staaten den Süd- und mittelamerikanischen Kontinent zur amerikanischen Einflußzone
erklärt.
Hinsichtlich der Fähigkeit der amerikanischen Regierung, eine tatkräftige und konsequente Außenpolitik
zu führen, gab es allerdings schon frühzeitige Zweifel.
Alexis de Tocqueville äußerte sich beispielsweise in
den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts
skeptisch, weil seiner Ansicht nach das Festhalten an
einem einmal gefaßten Plan und seine Durchführung
auch gegen Widerstände in einer Demokratie nicht
möglich sei.
Der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten - ich
spreche vom Ersten Weltkrieg - erfolgte erst 1917. Zu
groß war die anfängliche Ablehnung, sich in diesen
europäischen Krieg hineinziehen zu lassen. Nach
dem ersten Weltkrieg zogen sich die Vereinigten
Staaten aus Europa zurück. Präsident Woodrow

Seite 3

�Wilson hatte mit seinem 14 Punkte umfassenden
Friedensprogramm von 1918 bei den späteren
Verhandlungen in Versailles eine zentrale Rolle
gespielt und einen wichtigen Beitrag zum Aufbau
einer Friedensstruktur geleistet. Wilson hatte das
Selbstbestimmungsrecht der Völker und eine gerechte und stabile Friedensordnung gefordert, "to make
the world safe for democracy".
Seine Weigerung, sich an der Friedensordnung von
Versailles und dem Völkerbund zu beteiligen, trug
allerdings zu deren Schwächung bei. Die Vereinigten
Staaten zogen sich wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten zurück. Von der fehlenden
europäischen Bereitschaft zum Ausgleich mit
Deutschland enttäuscht, hatten sie kein Verständnis
für die Kolonialstreitigkeiten der europäischen Mächte.
Hier zeigt sich wieder einmal, daß amerikanische
Außenpolitik nicht nur den politischen Willen des
amerikanischen Volkes reflektieren, sondern auch
seine moralische Überlegenheit gegenüber den
verworrenen Verhältnissen in Europa zum Ausdruck
bringen sollte. Amerikanische Politiker sehen sich
auch heute noch gezwungen, ihre Politik nicht nur
für wirkungsvoll und zweckmäßig, sondern auch für
vertretbar im moralischen Sinn zu halten. Sie glauben, daß ihrem außenpolitischen Handeln idealistische anstatt bloß realpolitische Motive zugrunde
liegen sollten.
Ein gutes Beispiel für die idealistischen Grundströmungen in der amerikanischen Außenpolitik ist
Woodrow Wilsons Rede, die er im Februar 1919 in
Boston gehalten hatte:

"In vollkommener Offenheit habe ich, im Namen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten,
als Ziel dieses großen Krieges Ideale und
nichts als Ideale benannt, und in diesem Geist
ist der Krieg gewonnen worden."
Dieser Ansicht entspricht auch die Neigung, Außenpolitik sowohl in ideologischen Kategorien zu sehen
als auch in Dichotomien wie Gut und Böse, Freund
und Feind, Krieg und Frieden zu denken.

Weiß-Mustern - "diejenigen, die für uns, und die
anderen, die gegen uns sind".
Die wesentlichen Gründe für eine konturenreiche
Betrachtungsweise waren die ursprüngliche geographische Abgeschiedenheit des amerikanischen
Kontinents, der Glaube an dessen Ausnahmestellung
und das nachwirkende geistige Erbe der Aufklärung.
All diese Momente begünstigen ein stärker ideologisch geprägtes Verständnis von Außenpolitik.
Der Isolationismus nach dem Ersten Weltkrieg war
nicht kategorisch gegen Europa gerichtet. Noch 1931
hatte Präsident Hoover auf der Genfer Abrüstungskonferenz einen Plan vorgelegt, der einen nachhaltigen Abbau offensiver Rüstungskapazitäten vorsah.
Hoover glaubte damit dem deutschen Streben nach
militärischer Gleichberechtigung Rechnung tragen
und durch die Senkung der Rüstungsausgaben die
Folgen der Weltwirtschaftskrise abmildern zu können.
Dieser Plan scheiterte am Widerstand der französischen Regierung.
Der weitere Verlauf der Geschichte in der ersten
Hälfte dieses Jahrhunderts ist bekannt. Wenige Jahre
später brach der Zweite Weltkrieg aus und erschütterte Europa und die Welt in ihren Grundfesten.
Zum zweiten Mal waren die Vereinigten Staaten in
einen europäischen Krieg verwickelt worden. Der
amerikanische Isolationismus, der sich immer auf das
außenpolitische Engagement beschränkte, nicht aber
auf die außenwirtschaftlichen Interessen, erhielt mit
dem japanischen Luftangriff auf Pearl Harbor seinen
Todesstoß. Amerika war nicht auf den Krieg vorbereitet und hatte es an militärischer Vorsorge fehlen
lassen. Der Isolationismus erwies sich als fatale
Illusion.
Nach der leidvollen Erfahrung der Rückeroberung
und Befreiung Europas von der Naziherrschaft mußte
die Frage nach dem Ausmaß des amerikanischen
Engagements beantwortet werden. Noch bei Kriegsende hatte Franklin Roosevelt geglaubt, daß in
spätestens zwei Jahren keine amerikanischen Soldaten mehr in Europa stehen würden.

Ein Beispiel ist das Verhältnis zur ehemaligen
Sowjetunion. Bei uns in den Vereinigten Staaten
sprachen wir vom Kalten Krieg, den man in der
Bundesrepublik als Ost-West-Konflikt bezeichnete.

Doch schon im Jahre 1949 wurden die Vereinigten
Staaten zum ersten Mal in ihrer Geschichte Mitglied
einer in und für Friedenszeiten gegründeten Allianz,
deren Daseinszweck der gemeinsame militärische
Schutz der Sicherheit ihrer Mitglieder war.

Eine derartige Betrachtungsweise schärft die Konturen; folglich ist es nicht verwunderlich, daß in
Amerika eine deutlich andere Haltung eingenommen
wurde als beispielsweise in Europa. Die amerikanische Außenpolitik orientiert sich oft an Schwarz-

Zusammen mit europäischen Bundesgenossen wie
Bevin, Schuman und Monnet legte die Troika Truman-Marshall-Acheson die Fundamente einer Nachkriegsordnung, die sich in zweifacher Hinsicht als
überaus erfolgreich erwies. Zum einen erlaubte sie

Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�die Reintegration des besiegten Deutschland in die
zivilisierte Staatengemeinschaft, zum anderen
verhinderte sie eine weitere territoriale Ausdehnung
des sowjetischen Macht- und Einflußbereiches, dem
Ostdeutschland zum Opfer gefallen war.
Die Vereinigten Staaten hatten ihre historische
Lektion gelernt. Einen Rückzug auf den amerikanischen Kontinent konnte es nicht geben; Vorbehalte
gegenüber einer "entangling alliance" wurden den
nationalen Interessen untergeordnet.
Aus dem Zweiten Weltkrieg sind die Vereinigten
Staaten als ein Imperium mit globalen Interessen
hervorgegangen. Dies wird insbesondere durch die
von Präsident Truman propagierte "Containment
strategy" deutlich. Vor dem Hintergrund der weltpolitischen Abdankung des britischen Königreiches
formulierte er eine außenpolitische Leitlinie, die
folgenden Kernsatz hatte:
"Ich glaube, daß es die Politik der Vereinigten
Staaten sein muß, freie Völker zu unterstützen, die sich dem Versuch der Unterwertung
durch bewaffnete Minderheiten durch Druck
von außen widersetzen."
Damit war der Handlungsrahmen abgesteckt, wie der
Herausforderung durch die Sowjetunion zu begegnen war. Ziel amerikanischer Außenpolitik war es,
dem sowjetischen Expansionsstreben Einhalt zu
gebieten und - wo möglich - den kommunistischen
Einfluß zurückzudrängen. Die im Zusammenhang mit
dieser machtpolitischen und ideologischen Auseinandersetzung formulierten außenpolitischen Doktrinen
standen angesichts dertechnologischen Entwicklung
von immer moderneren Waffensystemen unter
einem kontinuierlichen Anpassungsdruck. Die
"Containment strategy" wurde durch die Doktrin des
"roll back" ersetzt; Präsident Eisenhower entwickelte
die Doktrin der massiven Vergeltung - eine Doktrin,
die mit der nuklearen Parität ihre Gültigkeit verlor.
In den letzten Jahrzehnten sind Doktrinen aus der
Mode gekommen, vielleicht auch, weil die außenpolitischen Herausforderungen an Komplexität
zugenommen haben. Wer konnte Anfang der achtziger Jahre ahnen, daß sich am Ende des Jahrzehnts die Machtverhältnisse in Europa in dieser
Weise verändern würden?
Wenn wir die Jahre des Kalten Krieges Revue
passieren lassen, kann man zu recht behaupten,
daß Tocquevilles Zweifel an außenpolitischer Kontinuität demokratisch regierter Staaten sich nicht
bewahrheitet haben. Sicherlich gab es auf amerikanischer Seite die eine oder andere Kursänderung,
die eine oder andere Fehleinschätzung, doch die

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strategischen Ziele in der Auseinandersetzung mit der
Sowjetunion blieben die gleichen.
Außenpolitische Kursschwankungen liegen zum Teil
in der Natur eines mehr oder weniger regelmäßigen
Präsidentenwechsels. Zu den traditionellen Schwächen der amerikanischen Außenpolitik gehört der
Ehrgeiz der Präsidenten bei ihrem Amtsantritt, zuerst
einmal möglichst alles anders zu machen als ihre
Vorgänger. Zudem wird in Washington die Außenpolitik stark von personellen Faktoren und innenpolitischen Einflüssen bestimmt. Dadurch ist eine kontrollierte und kontinuierliche außenpolitische Entscheidungsfindung und eine dementsprechende,
langfristig ausgerichtete und geradlinige Außenpolitik
nur unter großen Anstrengungen möglich.
Immer wenn ein neuer Präsident ins Weiße Haus
einzieht, entstehen Zweifel an der Kontinuität amerikanischer Außenpolitik. Dies haben wir jüngst bei der
Clinton-Administration erlebt und auch als Bush auf
Reagan folgte, gab es viele Stimmen, die Zweifel
äußerten, ob denn Bush an den außenpolitischen
Grundsätzen der Reagan-Administration festhalten
werde.
Bei jeder Präsidentenwahl wird sich die amerikanische Nation aufs neue ihrer Identität bewußt. Die
Beschwörung der Ideale der Gründerväter und des
amerikanischen Traums von Freiheit, Wohlstand und
Größe ist Ausdruck des steten Willens zum Neubeginn. Es ist nun mal die Verantwortung des amerikanischen Präsidenten, das Wohlergehen und die
Sicherheit des amerikanischen Volkes zu gewährleisten, nicht aber die Welt zu reformieren, wie
George Kennan einmal trefflich feststellte:
"Im Namen der Demokratie und der Menschenrechte haben sich die Vereinigten Staaten wiederholt in die Angelegenheiten anderer
Länder eingemischt, aber die Demokratie ist
nicht unbedingt die Bestimmung der ganzen
Menschheit: jedenfalls ist es nicht Sache der
amerikanischen Regierung, sie überall durchzusetzen."
Andererseits - möchte ich hinzufügen - kann es nicht
schaden, wenn alle Menschen die Möglichkeit haben,
ihr Schicksal in einem rechtsstaatlichen, demokratisch
legitimierten Staatswesen zu gestalten. Deshalb gibt
es in den Vereinigten Staaten einen überparteilichen
Konsens, wenn es darum geht, demokratische
Tendenzen und den Aufbau parlamentarischer
Regierungssysteme zu fördern.
Eine grundlegende Überzeugung amerikanischer
Außenpolitik, die zu den Tagen von Alexis de Tocqueville zurückreicht, lautet, demokratische Staaten,

Seite 5

�die miteinander Handel treiben, führten nicht miteinander Krieg. Ich möchte zum Abschluß aus dem
Kapitel "Krieg und Demokratie" aus "Die Demokratie
in Amerika" zitieren:
"Je mehr sich die Gleichheit in mehreren Ländern
zugleich entwickelt und ihre Bewohner zu Handel
und Industrie treibt, desto ähnlicher werden nicht
nur ihre Neigungen, sondern auch ihre Interessen
vermengen und verquicken sich so, daß keine
Nation es wagen kann, eine andere zu unterdrücken, weil alles Elend, das sie einer anderen
zufügt, auf sie selber zurückfallen würde."
Damit habe ich Ihnen auch schon den Kerngedanken der Außenwirtschaftspolitik der Clinton-Administration angedeutet. Die Vereinigten Staaten treten
vehement für freien und fairen Handel ein, was
einen unbehinderten Marktzugang voraussetzt. So ist
der Aufbau eines freien Welthandelssystem die
Nummer Eins auf der außenpolitischen Agenda. Prosperierende Handelsbeziehungen sind eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg von Demokratisierungsstrategien, wie sie beispielsweise in den
Staaten Mittel- und Osteuropas durchgeführt werden.
Lassen Sie mich noch die anderen thematischen
Schwerpunkte der gegenwärtigen Außenpolitik
meines Landes aufzählen, bevor ich dann auf Ihre
Fragen antworte:
An zweiter Stelle steht die Gestaltung einer Europäischen Sicherheitsarchitektur, die dauerhaft Frieden
und Stabilität garantiert. Konkret heißt das: die
Erweiterung der NATO.
*

Seite 6

*

An dritter Stelle ist der Friedensprozeß im Nahen
Osten zu nennen. Ziel ist es, einen dauerhaften
arabisch-israelischen Frieden zu schaffen, die Stabilität befreundeter arabischer Staaten zu sichern und
den politischen Einfluß des Iraks, Irans und Libyens
einzudämmen sowie zu verhindern, daß diese
Staaten in den Besitz von Massenvernichtungswaffen
und Trägerraketen gelangen.
Damit habe ich auch schon die vierte Priorität unserer
Außenpolitik angedeutet: die Verhinderung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungsmitteln.
Auf der gegenwärtig in New York stattfindenden
Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages treten wir für eine unbegrenzte Verlängerung
des Vertrages ein.
Fünfter und letzter Schwerpunkt amerikanischer
Außenpolitik ist der Kampf gegen internationalen
Terrorismus, gegen Drogenhandel und Geldwäsche
sowie das organisierte Verbrechen.
In seiner Anhörung vor dem Senatsausschuß für
Auswärtige Angelegenheiten appellierte Warren
Christopher an beide Fraktionen, den traditionellen
überparteilichen Konsens in der Außenpolitik nicht
aufs Spiel zu setzen. Er sei gerade in Zeiten voller
großer Herausforderungen unabdingbar für die
Glaubwürdigkeit amerikanischer Außenpolitik. Dem
möchte ich nichts weiteres hinzufügen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

•

*

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�SICHERHEITSARCHITEKTUR
24. Mai 1995

Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa
von William J. Crowe, Jr.
LONDON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einer Rede, die der Botschafter der Vereinigten
Staaten in Großbritannien, William J. Crowe Jr., vor der European-Atlantic Group hielt.

Im Frühjahr feierten wir den 50. Jahrestag der
Beendigung des Zweiten Weltkriegs in Europa, den
Triumph der Demokratie über den Faschismus, das
Ende eines gigantischen Konflikts, der unsägliches
Leid verursachte.
Gleichzeitig erinnern wir uns an die Verheißungen
und Neuanfänge des Jahres 1945. Der Sieg über
Deutschland und Japan veranlaßte Männer und
Frauen guten Willens auf der ganzen Welt zu dem
Schwur "nie wieder" und unsere führenden Politiker
zur Gründung neuer Institutionen, die verhindern
sollten, daß die Welt in einen Abgrund stürzt.
Die Institutionen des Kalten Krieges waren nicht
ohne Mängel, aber insgesamt leisteten sie uns gute
Dienste. In Anbetracht des Endergebnisses können
wir sehr stolz auf die Klugheit jener Architekten der
Nachkriegszeit und ihre Errungenschaften sein.
Ebenso wie 1945 werden wir auch heute mit einer
traumatischen Veränderung des internationalen
Klimas konfrontiert, die eine Zukunft voller Unsicherheit erwarten läßt. Die Bezugspunkte, die 50
Jahre lang unsere Politik leiteten, sind verschwunden. Wir müssen jetzt mit wenigen Navigationshilfen
einen neuen Kurs einschlagen. Dies ist die primäre
Herausforderung des neuen Zeitalters.
In der britischen Presse wird oft der Vorwurf erhoben, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen
Imperiums wende sich Amerika nach innen und falle
in den Isolationismus zurück.
Ich möchte dieser Anschuldigung entschieden
widersprechen.
Sie mißdeutet vollkommen die
Stimmung in Amerika und unsere fundamentalen
Interessen.
Diese Kritiker ersetzen ernsthafte
Gedanken durch vereinfachte Klischees und ignorieren die Fülle neuer Technologien - Fax, elektronische Post, Mobiltelefone, Langstreckenflugzeuge,
Live-Sendungen im Fernsehen - durch die die Welt

AMERIKA DIENST 19

kleiner und die internationale Staatengemeinschaft
stärker als je zuvor verbunden wurde.
Wir leben in einer neuen und verwirrenden Zeit, die
wir in Ermangelung eines besseren Ausdrucks als
"Zeitalter nach dem Kalten Krieg" bezeichnen.
Obwohl die physische Bedrohung der europäischen
Sicherheit durch den Osten abgenommen hat, kann
ich Ihnen versichern, daß das Engagement der
Vereinigten Staaten für diese Sicherheit unvermindert
erhalten bleibt.
Örtliche Konflikte, interne Instabilität und das Wiederaufkommen historischer Vorbehalte sind jetzt als die
wahrscheinlichste Bedrohung des Friedens in Europa
an die Stelle des sowjetischen Expansionismus
getreten.
Die Clinton-Administration ist fest davon überzeugt,
daß die Ausweitung demokratischer Institutionen auf
dem gesamten europäischen Kontinent der beste
Weg ist, das finstere Vermächtnis der Vergangenheit
in Schach zu halten. Wenn solche Bestrebungen
gelingen sollen, erfordern sie nicht nur erneuertes
politisches Engagement, sondern auch eine neue
Sicherheitsstruktur.
Zum dritten Mal in diesem Jahrhundert muß die freie
Welt eine Umgestaltung ihrer Sicherheitsarrangements in Betracht ziehen. Wie stets in solchen Zeiten
müssen wir uns auf "alte und neue Strukturen"
konzentrieren. Die Geschichte verhindert, daß wir
ganz von vorne anfangen. Um die Stabilität in ganz
Europa zu erhöhen, müssen wir eine Architektur
schaffen, die den Bedürfnissen des Westens und der
ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten in Osteuropa entspricht und für Rußland und die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion keine Bedrohung darstellt.
Wenn die Infrastruktur des Kalten Krieges auf überlegte Art und Weise an die neuen Gegebenheiten

Seite 1

�angepaßt wird, können wir glücklicherweise eine
funktionierende Grundlage für künftige Bestrebungen
schaffen. Außenminister Christopher erklärte, die
NATO sei der Anker des Engagements der Vereinigten Staaten in Europa und der Kern der transatlantischen Sicherheit und werde das auch bleiben.
Der wirkliche Maßstab für den Erfolg des Bündnisses
war seine lebenswichtige Rolle bei der Unterstützung
Westeuropas, stärker, wohlhabender und integrierter
zu werden, als man sich das in den dunklen Tagen
nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges je hätte
vorstellen können.
Heute sind die Nationen Mittel- und Osteuropas von
der Aufgabe in Anspruch genommen, demokratische
Regierungen und Marktwirtschaften aufzubauen und
schauen dabei automatisch auf ihre westlichen
Vorbilder.
Sie streben denselben Schutz und
Wohlstand an, den jetzt die NATO-Mitgliedstaaten
genießen. Unsere Aufgabe besteht wiederum darin,
durch eine neue, aber realistische Sicherheitsstruktur
zur Erreichung dieser Ziele beizutragen.
Keine Frage ist stärker mißverstanden oder kontroverser diskutiert worden als die der NATO-Erweiterung und ihres Warum, Wo, Wann und Wie. Welche
Haltung vertreten die Vereinigten Staaten? Bei
seiner Europareise im Juni vergangenen Jahres
erklärte Präsident Clinton, die Frage laute nicht
länger, ob die NATO erweitert werde, sondern wie
und wann das geschehe.
Die sechzehn Mitgliedstaaten der NATO haben
angefangen, sich mit diesen Fragen zu befassen.
Der Nordatlantikrat will den interessierten Parteien
Ende des Jahres die Ergebnisse seiner Studie
vorlegen und den Prozeß einer Prüfung spezifischer
Beitrittskandidaten einleiten. Dieses Verfahren wird
auf der Basis von Freiwilligkeit, Offenheit und
Konsens fußen. Dies soll auch gewährleisten, daß
die Mitgliedstaaten der NATO parallel zum Erweiterungsprozeß produktive Beziehungen zwischen
Rußland und dem Bündnis aufbauen können.
Rußland erhält dadurch jedoch kein Vetorecht über
die Zukunft der NATO. Wir wollen bei dieser Gratwanderung einen offenen und ehrlichen Dialog
führen.
Obwohl diese neue europäische Sicherheitsarchitektur auf der Grundlage der NATO geschaffen werden
soll, spielt die Europäische Union eine Schlüsselrolle
dabei, den Wohlstand der osteuropäischen Nationen
sicherzustellen.
Die Übernahme der mit einer
NATO-Mitgliedschaft
einhergehenden
Pflichten
verlangt von den wachsenden Volkswirtschaften die
Übernahme der Kosten. Daher müssen die ange-

Seite 2

henden Mitglieder Teil des expandierenden europäischen Marktes sein.
Die wachsenden Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas werden wiederum Marktreformen fördern und
einen Beitrag zur Erhöhung der politischen Stabilität
leisten, die für Vollmitglieder der NATO und der EU
erforderlich ist. Washington arbeitet eng mit der EU
und ihren Mitgliedstaaten an der Entwicklung eines
wirtschaftlichen Hilfsprogramms für Mittel- und
Osteuropa zusammen.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat (NAKR) und die Partnerschaft für den Frieden
(PFP) - sind besonders auf die Einbeziehung der
Nichtmitgliedstaaten der NATO ausgerichtet.
In nur einem Jahr ist die Partnerschaft für den
Frieden zu einem integralen Bestandteil der europäischen Sicherheitslandschaft geworden und wurde zur
Überraschung einiger gut aufgenommen. Sie ist ein
wertvolles Instrument, das die NATO und einzelne
Partner zur Zusammenarbeit ermutigt. Sie hilft den
neuen demokratischen Staaten bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer
Streitkräfte sowie dabei, neue Formen von Militärdoktrinen, Umweltschutz und Katastrophenhilfe zu
erlernen.
Aus diesem Grund ist die Partnerschaft für den
Frieden so wichtig. Die 20 für dieses Jahr geplanten
Militärübungen der Partnerschaft werden einen
großen Beitrag zur Förderung dieses Übergangsprozesses leisten.
25 Nationen, einschließlich
Rußlands, sind der Überzeugung, daß die Partnerschaft in ihrem Interesse liegt.
In ähnlicher Weise begrüßen die Vereinigten Staaten
die Stärkung der europäischen Verteidigungssäule
der NATO mit Hilfe der Westeuropäischen Union.
Wir sind uns beispielsweise bewußt, daß es Momente
gibt, in denen die Mitgliedstaaten der WEU eine
Militäroperation beginnen wollen, an der sich andere
NATO-Mitgliedstaaten nicht beteiligen möchten.
Aus diesem Grund unterstützen wie die sogenannte
"Doppelaufgabe" von NATO- und WEU-Streitkräften,
aus diesem Grund unterstützen wir den Interalliierten
Einsatzverband und aus diesem Grund streben wir
eine Sicherheitsarchitektur an, die stark und flexibel
genug ist, um die vielfältigen Sicherheitsprüfungen
unseres neuen Zeitalters zu bestehen.
Angesichts des zunehmenden Zerstörungspotentials
moderner konventioneller Waffen können selbst
kleine Streitkräfte verbrecherischer Staaten großen
Schaden verursachen und zur ihrer Bekämpfung eine
beträchtliche gegnerische Streitmacht erfordern. Die

AMERIKA DIENST 19

�NATO muß sorgfältig prüfen, welche Fähigkeiten sie
entwickeln will, selbst wenn von vielen eine Ausweitung der Definition von "Bedrohung der Sicherheit" angestrebt wird.
Die NATO kann nur im Alleingang handeln, wenn sie
ihren in Artikel 5 dargelegten Pflichten nachkommt.
Die meisten sind der Ansicht, sie benötige zur
Legitimierung anderer Aktionen ein politisches
Mandat von einer Organisation wie den Vereinten
Nationen.
Die Vereinten Nationen sind jedoch
bereits überfordert. Es ist deutlich geworden, daß
regionale Organisationen einen Teil der Last tragen
müssen. In Europa ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hierfür
ein möglicher Kandidat.
Zu diesem Zeitpunkt muß die Rolle der neuen OSZE
noch weiter definiert werden. Anstatt durch juristisches oder militärisches Vorgehen ein bestimmtes
Verhalten zu erzwingen, will sie die Sicherheit durch
die Entwicklung neuer Formen der Zusammenarbeit
auf der Grundlage des Konsenses verbessern. Es
existieren beispielsweise keine Pläne, ihr die Fähigkeit zur Friedensschaffung oder Bestrafung von
Aggression zu geben.
Die oft als "Debattierclub" diskreditierte OSZE will
insbesondere bei der Verhinderung und Schlichtung
von Krisen stärker werden. Die Tatsache, daß
Rußland letztlich eine Delegation der OSZE in
Tschetschenien empfing, deutet darauf hin, daß
diese Organisation auf der internationalen Bühne
eine wichtige Rolle spielt.
Heute stellt Rußland das dauerhafteste strategische
Problem Europas dar. Ein Rußland, das nicht mit
sich selbst und seinen Nachbarn in Frieden lebt, ist
gleichbedeutend mit einem Europa, das nicht in
Frieden lebt. Die Vereinigten Staaten, die NATO
und die EU müssen alles in ihrer Macht Stehende
unternehmen, um Rußland bei seiner unsicheren
Reise zu politischen und wirtschaftlichen Reformen
auf dem richtigen Weg zu halten.
Wir können gegenüber unseren russischen Amtskollegen gar nicht oft genug betonen, daß die
Förderung der Stabilität in Mitteleuropa im beiderseitigen Interesse ihres Landes und dessen westlichen
Verbündeten liegt. Die NATO, die keine Bedrohung
für die Sicherheit Rußlands darstellt, strebt direkte
und offene Beziehungen zu Rußland an, die der
besonderen Stellung und Größe Rußlands Rechnung tragen und gleichzeitig die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion stärken.

AMERIKA DIENST 19

Der Kontinent war ein halbes Jahrhundert lang durch
ideologische Trennung und militärische Konfrontation
entstellt. Jetzt, da diese Wunde zu heilen beginnt,
müssen wir sicherstellen, daß keine neuen Trennlinien zwischen den Besitzenden und Besitzlosen
oder zwischen den in Sicherheit und den in Unsicherheit Lebenden gezogen werden.
Wir laden Rußland dazu ein, sich an diesen großartigen Bestrebungen zu beteiligen. Seine enormen
Ressourcen und seine begabten und lebensprühenden Menschen müssen von Europa in den Dienst der
Freiheit gestellt werden - als Kraft gegen Aggression
und Instabilität.
Die Entwicklung unserer Beziehungen zu Rußland
hängt davon ab, wie erfolgreich Rußland den Weg zu
Demokratie und freien Märkten geht und wie stetig es
neue Verhaltensnormen annimmt, die während seiner
Einverleibung durch die Sowjetunion so oft mißachtet
wurden.
Unsere Beziehungen zu Rußland müssen fortentwikkelt werden und sich parallel zu unseren Bestrebungen entwickeln, die NATO und die Europäische Union
zu erweitern. Ich bin nicht so naiv anzudeuten,
dieser ganze Prozeß sei einfach.
Zweifellos haben die Russen ein großes Mißtrauen
gegenüber der NATO, und es wird nicht einfach sein,
ihre Zustimmung zu einer Erweiterung des Bündnisses zu bekommen. Das wird Geduld, Innovation und
mehr Staatskunst von allen Beteiligten erfordern. Ein
erfolgreicher Übergang für das russische Volk ist eine
der höchsten Prioritäten in Washington.
Vor 50 Jahren sahen Politiker in Amerika und Westeuropa zerstörte Städte, vertriebene Menschen,
Schuldenberge und einen Kampf um das nationale
Überleben. Mit ihrem Vorschlag zum Aufbau neuer
Institutionen bewiesen sie Weitblick und Klugheit.
Ihr lebenswichtiger Beitrag bestand jedoch darin, ihre
Regierungen davon zu überzeugen, diese Organisationen mit den notwendigen Mitteln und dem politischen Willen auszustatten. Im Rückblick muß man
vor allem ihre persönlichen Führungsqualitäten und
ihre Entschlossenheit bewundern.
Wir sind jetzt mit einer besonders anspruchsvollen,
aber andersartigen Herausforderung konfrontiert.
Nachdem die freien Nationen im Kalten Krieg den
Sieg davongetragen haben, müssen sie sich selbst
ständig vor Augen halten, daß die Verminderung der
Bedrohung unserer gemeinsamen Ideale durch den
Kommunismus nicht bedeutet, daß unsere Werte
weniger kostbar sind oder die Förderung dieser
Ideale weniger wichtig.

Seite 3

�Die atlantische Gemeinschaft hat jetzt die einmalige
Chance, Wohlstand und Demokratie auf dem europäischen Kontinent auszuweiten und die Bestrebungen der politischen und Sicherheitsinstitutionen des
Westens zu integrieren.
Dies setzt Geduld, Engagement, bisweilen Kompro-

mißbereitschaft und vor allem Ausdauer voraus. Dies
sind genau die Qualitäten, die unsere Demokratien
während des Zweiten Weltkriegs und mehr als 40
Jahre nach Kriegsende stützten. Ich bin zuversichtlich, daß unsere Völker diese Charakteristika geerbt
haben und sie zum gegebenen Zeitpunkt erneut in
den Dienst unserer Ideale stellen werden.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 19

�WIRTSCHAFT
24. Mai 1995

Von Organisationen zu Märkten
von William E. Halal
WASHINGTON - (AD) - Wirtschaftswissenschaftler berufen sich seit langem auf das "Zaubermittel des
Marktes". Heute werden dem Autor zufolge Märkte innerhalb von amerikanischen Organisationen geschaffen,
und dies gestattet es Unternehmen und sogar Regierungsbehörden, die neuen Herausforderungen einer sich
rasch verändernden Welt zu bewältigen.
William E. Halal ist Professor für Management an der George Washington University in Washington, D.C. sowie
Direktor der World Future Society. Er ist Verfasser von The New Capitalism (Wiley, 1986) und Mitherausgeber von Internal Markets: Bringing the Power of Free Enterprise Inside Your Organization (Wiley,
1993).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Futurist, Ausgabe Mai/Juni 1994,
herausgegeben von der World Future Society, 7910 Woodmont Ave., Suite 450, Bethesda, MD 20814.
Copyright (c) 1994 World Future Society.

Die gigantischen Hierarchien, die einst die Welt
beherrschten, haben angesichts der Revolution im
Informationswesen einen dramatischen Verfall erlebt.
Das zentrale Planungssystem der Sowjetunion ist
zusammengebrochen, riesige Unternehmen wie
General Motors (GM) und IBM mußten große
Verluste hinnehmen, und die amerikanische Regierung hat das Problem eines Patts zwischen Präsident und Kongreß zu bewältigen.
Offen tritt zutage, daß ein zentral kontrolliertes,
hierarchisches System den wachsenden Turbulenzen dieses neuen Zeitalters komplexer und ständiger
Veränderungen nicht gewachsen ist. Aber welche
neue Organisationsform wird an seine Stelle treten?
Die Antwort läßt sich erahnen, wenn man betrachtet,
was sich in einer Reihe großer Organisationen
vollzieht. In Großunternehmen wie AT&amp;T und IBM
findet eine Dezentralisierung in viele autonome
Geschäftsbereiche statt. Während Rußland seine
großen Staatsunternehmen privatisiert, um sich die
Dynamik des Markts zunutze zu machen, lösen
amerikanische Unternehmen ihren eigenen zentralen
Planungsapparat zugunsten interner Märkte auf. In
der Tat besteht einer der auffälligsten Trends des
vergangenen Jahrzehnts im Auftreten interner
Unternehmer (oder "Intrapreneurs"), interner Kunden
und anderer interner Äquivalente externer Märkte.

AMERIKA DIENST 19

Mit anderen Worten: Interne Märkte treten an die
Stelle der Hierarchie.
Das Konzept der internen Märkte wurde von einem
unsichtbaren Netzwerk progressiver Unternehmen,
Akademiker und Unternehmensberater entwickelt. Im
Jahr 1991 organisierte eine derartig zusammengesetzte Gruppe eine Konferenz über interne Märkte,
die an der George Washington University in der
Bundeshauptstadt Washington stattfand. Zu diesem
Anlaß versammelten wir 100 führende Unternehmerpersönlichkeiten, die sich mit internen Märkten
beschäftigt und sie bereits in der Praxis erprobt
hatten. Als Ergebnis von Vorträgen, die bei dieser
Konferenz gehalten wurden, haben drei von uns - Ali
Geranmayeh, John Pourdehnad und ich - das erste
Buch über dieses Thema verfaßt. Es trägt den Titel
Internal Markets: Bringing the Power of Free
Enterprise Inside Your Organization (Wiley, 1993).
Die Vorteile interner Märkte
Obwohl bisher nur wenige führende Organisationen
das Konzept der internen Märkte vollständig in die
Praxis umgesetzt haben, belegt eine Untersuchung
unternehmerischer Praktiken in den Vereinigten
Staaten, Europa und Japan die breite Akzeptanz
wichtiger Elemente des neuen Modells. Von 47
befragten leitenden Angestellten stimmten 90 Prozent
darin überein, daß die im Rahmen des neuen Modells

Seite 1

�vorgeschlagenen Veränderungen für die Unternehmen notwendig sind. 76 Prozent waren der Ansicht,
daß solche Veränderungen die Unternehmensführungen in den späten neunziger Jahren dominieren würden und 85 Prozent meinten, daß Firmen,
die sich dem Konzept der internen Märkte nicht
anschließen, entweder zusammenbrechen oder zur
Bedeutungslosigkeit verkümmern würden.
Wenn sich eine Firma zu einer Gemeinschaft von
Unternehmern entwickelt, die neue Produkte und
Dienstleistungen sowohl intern als auch extern
kaufen, verkaufen und einführen, macht sie sich das
kreative Wechselspiel der Kräfte zunutze, das auch
den Marktwirtschaften zu solch großem Erfolg
verhilft. Lösungen schwieriger Probleme werden
rasch und spontan gefunden, und dies wiederum
führt zu Wachstumsschüben, die selbst der brillanteste Manager an der Spitze eines hierarchischen
Systems weder voraussehen geschweige denn
planen könnte.
Die Marktwirtschaft verbreitet sich heute in der
ganzen Welt, weil sie der zentralen Planung eindeutig überlegen ist. In Staaten und Organisationen
gleichermaßen haben sich Planwirtschaften als zu
schwerfällig erwiesen, um die Erschütterungen des
neuen Zeitalters bewältigen zu können. Freies
Unternehmertum - sei es intern oder extern - bietet
die einzige Wirtschaftsphilosophie, die es Organisationen gestattet, sich rasch und effizient Veränderungen anzupassen.
Von der Hierarchie zu Märkten
Unternehmen, die im Rahmen eines Konzerns
operieren, akzeptieren Leistungskontrollen im
Gegenzug für Handlungsfreiheit. Hewlett-Packard
(HP) ist berühmt für sein unternehmerisches System,
das den einzelnen Unternehmensbereichen große
Handlungsfreiheit gibt, sie aber für die erzielten
Ergebnisse strikt verantwortlich macht. So stellt ein
HP-Manager fest: "Die finanziellen Kontrollen sind
sehr streng; locker geregelt ist jedoch, wie [die
Menschen] diese Ziele erreichen." Alle Bereiche
müssen über die von ihnen genutzten Ressourcen
Rechenschaft ablegen, während ihre unternehmerische Kreativität ermutigt wird.
Im Idealfall wird jeder Bereich als kleiner, eigenständiger Betrieb betrachtet, der in der Durchführung
seiner Aktivitäten freie Hand hat und gleichzeitig in
der Muttergesellschaft integriert ist. Alle Bereiche
benötigen die Freiheit zur Durchführung geschäftlicher Transaktionen innerhalb ebenso wie außerhalb
der Firma. Ohne diese Freiheit fallen Manager dem
Monopol und der Bürokratie ihrer Organisation zum
Opfer, also in etwa denselben Kräften, die die

Seite 2

Sowjets dazu veranlaßten, ihre Wirtschaft einer
exzessiven Kontrolle zu unterwerfen.
Control Data wandelte alle firmeneigenen Kundendiensteinheiten in "interne Beratungsunternehmen"
um, die als Profit Center betrieben werden und für
Kunden innerhalb von Control Data ebenso wie in
anderen Konzernen tätig werden. Diese Veränderung warf schwerwiegende neue Probleme auf: So
mußten ehemalige Kollegen jetzt plötzlich miteinander
Geschäfte aushandeln. Die damit einhergehende
Disziplin wurde jedoch als realistischerer Weg zur
Aufrechterhaltung der Wettbewerbsfähigkeit begrüßt.
IBM hat kürzlich seine Personalabteilung in einen
eigenständigen Untemehmensbereich mit dem
Namen "Workforce Solutions" umgewandelt, der Jahr
für Jahr Millionen Dollar einspart und seine Dienstleistungen auch anderen Konzernen anbietet.
"Die Belegschaften neigen dazu, anzuwachsen und
Dienstleistungen zu produzieren, die weder erwünscht noch erforderlich sind", erklärt Raymond
Smith, Vorstandsvorsitzender von Bell Atlantic, der
seinen Mitarbeiterstab in einen autonomen Geschäftszweig umwandelte. "Ich beschloß, die Kontrolle über die verfügbare Belegschaft auf diejenigen
zu übertragen, die für sie bezahlen - die einzelnen
Abteilungen... Am wichtigsten ist, daß die Ausgaben
für Unterstützungsleistungen heute von ihren Abnehmern kontrolliert werden."
Produktion wird zur Dienstleistung
Das Konzept der internen Märkte kann auch Probleme im Produktionsbereich lösen. Hochmoderne
Fabriken sind zwar äußerst produktiv, aber auch
kostspielig, und deshalb müssen sie rationell eingesetzt werden. Alcoa behandelt seine Produktionseinheiten wie "interne Arbeitsstätten", die Güter sowohl
für interne als auch für externe Abnehmer herstellen.
IBM, DEC und eine Vielzahl anderer Unternehmen
nutzen überschüssige
Fabrikationskapazitäten
ebenfalls, indem sie anderen Unternehmen, darunter
auch Konkurrenten, anbieten, für sie Auftragsarbeiten
zu übernehmen. Bruce Merrifield vom US-Wirtschaftsministerium faßt diesen Trend folgendermaßen
zusammen: "Die Produktion wird zu einer Dienstleistungsfunktion. Die Fabriken stellen für verschiedene Unternehmen in verschiedenen Branchen
unterschiedliche Produkte her."
Auch der EDV-Sektor bewegt sich in diese Richtung.
Anstatt ihren Nutzern von der Leitung der EDVAbteilung die Wahl der Ausstattung vorschreiben zu
lassen, können die verschiedenen Unternehmenszweige ihre Informationstechnologie entweder vom
Geschäftsbereich EDV ihres eigenen Unternehmens
oder von der Konkurrenz erwerben. In einer typi-

AMERIKA DIENST 19

�sehen Organisation werden EDV-Dienstleistungen
den Endabnehmern kostenlos zur Verfügung gestellt,
und es nimmt nicht wunder, daß diese Ressourcen
verschwendet werden. Es gibt zahlreiche Geschichten von leitenden Angestellten, die mehrere Kopien
ellenlanger Computerausdrucke verlangen, die nie
gelesen werden, oder davon, wie Büros in Übersee
mit internationalen Telefonanschlüssen ausgestattet
werden, die dann nur von irgendwelchen Angestellten für Anrufe zu Hause benutzt werden. Wenn
ihnen jeden Monat von der EDV-Abteilung die
Rechnung präsentiert wird, verändern die Nutzer ihre
Haltung merklich: Sie wählen weniger und preiswertere Systeme, die häufig ihre Aufgaben besser
erfüllen.
Ein Konzern, mit dem wir zusammenarbeiteten,
bemühte sich mit geringem Erfolg, seine Kosten für
EDV unter Kontrolle zu bekommen. Nachdem er
jedoch die Abteilung Datenverarbeitung zu einem
Profit Center umgewandelt hatte, ging die Nachfrage
nach derartigen Dienstleistungen um die Hälfte
zurück.
Die Beschwerden von firmeninternen
Kunden nahmen merklich ab, und der Unternehmensbereich Datenverarbeitung
erwirtschaftete
Einnahmen von externen Kunden.
Zahlreiche
andere Unternehmen, darunter Brown-Foreman und
Sunoco, konnten mit diesem Ansatz in der Datenverarbeitung dramatische Fortschritte erzielen. Die
amerikanische Regierung schlägt ebenfalls diesen
Weg ein: Die Zivilluftfahrtbehörde Federal Aviation
Administration, das Verteidigungsministerium und
andere Behörden bilden "EDV-Versorgungsbetriebe",
die internen Kunden Benutzungszeiten für Computer,
elektronische Post und andere EDV-Leistungen in
Rechnung stellen.
Unter dem durch Wettbewerb verursachten Druck
zum effektiveren Einsatz von Forschungsmitteln
gestalten die Bell Laboratories von AT&amp;T, Philips
Electronics und Esso Canada ihre F&amp;E-Bereiche zur
Profit Centern um, die Forschungsleistungen an die
einzelnen Unternehmensbereiche und Kunden
außerhalb der eigenen Firma verkaufen. Dieser
Ansatz trägt zur Lösung des Dauerproblems bei, die
wichtigsten Fähigkeiten eines Unternehmens zu
identifizieren. Anstatt sich auf spekulative Entscheidungen zu verlassen, die an der Spitze einer Hierarchie getroffen werden, stellen die Führungskräfte
der Profit Center den wahren Wert einer wichtigen
Leistung unter Beweis, indem sie für ihre Nutzung
bezahlen.
Im Hinblick auf die Arbeitsleistung eines Unternehmens können die Unternehmensbereiche Marketing, Logistik und Kundendienst zu einer Art von
internem Gegenstück zum klassischen Vertrieb
umgestaltet werden. Wie gewöhnliche Vertriebs-

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bereiche bieten diese Profit Center das gesamte
Spektrum von Produkten eines Unternehmens in
einer Region an und offerieren damit den integrierten
Service, den einzelne Unternehmensbereiche nicht
bereitstellen können.
Arbeitnehmer können in eigenverantwortlich geführten
Profit Centern organisiert werden, die marktwirtschaftliche Prinzipien bis hinunter zur Basis verwirklichen. Crown Zellerbach hat Holzfällern dabei
geholfen, Arbeitsgruppen zu bilden, die für die Menge
des geschlagenen Holzes entlohnt wurden. Das
Ergebnis war die Beendigung von Berufszugehörigkeiten, Arbeitsvorschriften, Beurteilungen, Vorarbeitern und anderen komplexen Systemen. Die Holzfäller wurden enorm motiviert, weil sie "ihr eigenes
Unternehmen leiten" konnten, wie sie es für richtig
hielten, und mehr Geld verdienten, während sich die
Unternehmensführung über die höhere Produktivität
und die geringeren Fixkosten freute.
Der Vorstandsvorsitzende als Profit Center
Selbst der Vorstandsvorsitzende kann zum Profit
Center werden. Als James Rinehart an der Spitze
von Clark Equipment stand, definierte er die Rolle
des Vorstandsvorsitzenden neu als Profit Center, in
dessen Rahmen Einnahmen aus dem in Unternehmensbereichen investierten Kapital (ähnlich einem mit
Risikokapital betriebenen Unternehmen) und einem
Anteil am Umsatz (ähnlich einer "Steuer" für die
"Unternehmensregierung") resultieren.
Dieses
Konzept schafft eine logische geschäftliche Beziehung zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und den
leitenden Angestellten. Wie jedes Profit Center muß
auch der Vorstandsvorsitzende seine Preise niedrig
und die Qualität seiner Dienstleistungen hoch halten,
um seine "Kunden" zufriedenzustellen.
Eine Marktwirtschaft muß nicht vollständig von den
Rahmenbedingungen eines komplexen Finanzsystems abhängig sein. Sie kann sich auch auf subtilere Normen des Gesellschaftssystems stützen. Der
Konzern MCI besitzt, was sein Vorstandsvorsitzender
Bert Roberts als "virtuelle Organisation" bezeichnet eine Reihe allgemeingültiger Werte, die es den
Beschäftigten gestatten, effektiv zusammenzuarbeiten. Da dieses informelle Führungssystem in den
Gehirnen der MCI-Mitarbeiter und weniger in schriftlich fixierten schwerfälligen Regelwerken besteht, ist
es sehr viel flexibler. Die MCI-Beschäftigten identifizieren sich voll und ganz mit ihrem Unternehmen,
und deshalb lassen sich rasche Lösungen für komplizierte Vorhaben finden, ob es sich dabei um ein
neues Produkt, organisatorische Veränderungen oder
eine Übernahme handelt. Heute kann jeder MCIMitarbeiter neue Projekte initiieren, Mittel werden

Seite 3

�bewilligt um Leistung zu belohnen, und Unternehmensbereiche konkurrieren miteinander.
Durch die Konzipierung einer Organisationsform, die
als Markt und nicht als Hierarchie funktioniert, ist es
MCI gelungen, das Monopol von AT&amp;T zu brechen.
Das unternehmerische Managementsystem hat eine
Kette von Erfolgen hervorgebracht - niedrigere
Telefongebühren, MCI-Fax etc. - die MCI zum
zweitgrößten Kommunikationsunternehmen in den
Vereinigten Staaten werden ließen.
Telearbeit kann Hierarchien durchbrechen
Im Zuge der Revolution im Informationswesen, die
Hierarchien ins Wanken bringen und neue Arbeitsmuster fördern wird, werden die Unternehmen
weitere Veränderungen erfahren. Die Kosten für
Videokonferenzen und andere moderne Informationssysteme nehmen alle paar Jahre um den Faktor
10 ab. Das Videokonferenzwesen könnte bald eine
ähnlich drastische Verbreitung erfahren, wie sie das
Fax seit einigen Jahren erlebt. In den kommenden
Jahren könnte die "Telearbeit" eine enorme Popularität gewinnen, die nicht nur durch neue Techniken,
sondern auch durch wachsende Verkehrsprobleme
und Naturphänomene wie Erdbeben und schlechtes
Wetter begünstigt wird, die den normalen Pendlerverkehr beeinträchtigen können.
Im Zuge der wachsenden Benutzerfreundlichkeit und
sinkenden Preise von Informationstechniken könnte
Telearbeit eine immer wichtigere Alternative zu
herkömmlichen Arbeitsweisen werden. Durch Informationssysteme werden elektronische Netze mit
einem Geflecht von Querverbindungen geschaffen,
die von nahezu jedem Ort betrieben werden, die
traditionellen hierarchischen Führungsstrukturen
überlagern und somit die Arbeitsweise von Organisationen drastisch verändern.
Trotz der Verlagerung von Führungsaufgaben auf
interne Märkte werden Führungskräfte immer noch
eine Menge zu tun haben. Neben der Konzipierung
einer organisatorischen Architektur müssen Manager
die zur Integration von internen Märkten in einer
Zweckgemeinschaft erforderliche persönliche Führungsrolle einbringen. In der letzten Zeit war viel die
Rede davon, daß Führungskräfte erhabene Werte
und Visionen wecken sollten, um eine Organisation
zu vereinen und zum Erfolg zu führen. Wir hören
jedoch wenig darüber, wie sie die unangenehmen
Alltagskonflikte zwischen Freiheit und Kontrolle
bewältigen sollen. Die Perspektive des internen
Markts verdeutlicht dieses Problem, indem es die
Rechte und Pflichten aller Parteien aufzeigt. Der
Vorstandsvorsitzende neuen Typs wird die unmittelbare Kontrolle über die Operationen abgeben und

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führen, indem er Verantwortlichkeiten sicherstellt,
Konflikte löst und Zusammenarbeit ermutigt. Damit
liefert er eine subtilere, aber nachdrücklichere Form
der Führung, die solche strategischen Faktoren
hervorbringt, die wirklich zählen.
MCI ist ein gutes Beispiel für ein Unternehmen,
dessen Führungskräfte hart daran arbeiten, umstrittene Fragen zu vorteilhaften Lösungen zu bringen. Die Führungsetage versteht, daß die Autonomie
der Betriebsleiter unangetastet bleiben muß, und
deshalb vermeidet es das Management, Rezepte von
oben zu verordnen. Häufig provoziert die unternehmerische Haltung der Firma hitzige Kontroversen
über vorgeschlagene neue Produkte, aber anstatt
solche Konflikte im Keim zu ersticken, werden sie von
MCI-Managern als Antrieb für intensives und kreatives Nachdenken genutzt. Da MCI ein sozial akzeptables Mittel für die direkte und konstruktive Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten
geschaffen hat, ergibt sich daraus für gewöhnlich ein
konsequentes Handeln, das von allen loyal unterstützt werden kann.
Jede der 166 eigenständigen Firmen, die zu Johnson
&amp; Johnson gehören, hält hartnäckig an ihrer Autonomie fest, die "ein Gefühl des Eigentums vermittelt,
das sich auf andere Weise einfach nicht erreichen
läßt", erklärt der Vorstandsvorsitzende John Larsen.
Zur Erlangung bestimmter Ziele ermutigt der Konzern
jedoch zur Bildung von Koalitionen. So möchten
beispielsweise die Großkunden des Unternehmens,
wie etwa Wal-Mart, Kmart und andere Einzelhändler,
nicht von Dutzenden von J&amp;J-Firmen mit Verkaufsanrufen belästigt werden, weshalb die Betriebsleiter
"Kundendienstzentren" einsetzen, die Verkaufs-,
Vertriebs- und Kundendienstaktivitäten für die großen
Einzelhandelsketten koordinieren. Derselbe Ansatz
führt zur Einrichtung zentraler Bereiche, die unternehmensweit Lohnbuchhaltung, EDV-Leistungen,
Einkaufs- und andere Verwaltungsfunktionen übernehmen.
Management für den internen Markt
Der Übergang von der Hierarchie zu internen Märkten
hat tiefgreifende Auswirkungen.
In etwa einem
Jahrzehnt könnten viele heute noch dominierenden
Managementkonzepte so archaisch erscheinen wie
der mittelalterliche Glaube an das Königtum von
Gottes Gnaden. Unternehmen werden sich selbst
umstrukturieren, um mit den elektronischen Netzwerken Schritt halten zu können, die es zunehmend
Menschen an verschiedenen Orten ermöglichen, bei
der Lösung gemeinsamer Probleme zusammenzuarbeiten. Moderne Konzerne werden nicht mehr
aus Pyramiden von Arbeitnehmern bestehen, die acht
Stunden an bestimmten Orten arbeiten, sondern aus

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�selbstorganisierten Gruppen von mobilen Unternehmern, die elektronisch zu Marktsystemen vereinigt werden.
Diese internen Märkte werden
schließlich zu einem weltweiten Geflecht von geschäftlichen Allianzen verbunden, welche die Weltwirtschaft bilden.
Natürlich wird diese schöne neue Welt der elektronisch vernetzten internen Märkte mit denselben
Problemen konfrontiert sein wie externe Märkte - mit
Risiken, Ungewißheit und anderen Problemen behaftete komplexe Arbeitsbeziehungen. Hierarchien sind
angeblich besser als Märkte dazu geeignet, die
Kosten von Transaktionen zu reduzieren, die bei der
Suche nach Alternativen auftreten, bei der Durchführung von finanziellen Transaktionen und ähnlichen Operationen. Die Revolution im Informationswesen reduziert jedoch die Kosten finanzieller
Transaktionen, interne Märkte verringern die Fixkosten und fördern neue Zuwächse durch Innovation.
Infolgedessen überwiegen die Vorteile der internen
Märkte die der zentralen Planung.
Einige Organisationen befürchten, daß interne
Märkte große Konflikte hervorbringen, da getrennte
Bereiche unterschiedliche Ziele verfolgen und um
Ressourcen konkurrieren.
Unsere Erfahrungen
zeigen jedoch, daß marktwirtschaftliche Systeme den
umfassenden Konflikt bewältigen können, der in den
traditionellen Managementstrukturen von heute
fortdauert. Der Pionier des Management, Peter
Drucker, hat einmal festgestellt, daß der Konkurrenzkampf innerhalb von Unternehmen intensiver ist als
der Wettbewerb zwischen den Unternehmen - und
mit wesentlich härteren Bandagen ausgetragen wird.
Auf einem Markt sind die Beziehungen zwischen
Anbietern und Käufern klar definiert und beruhen auf
Freiwilligkeit, während die typische Hierarchie von
vagen Mißverständnissen, durch von oben verordnete Entscheidungen und minimale Einflußmöglichkeiten des Personals belastet wird. Interne Märkte
ersetzen offiziell angeordnete Maßnahmen durch
freiwillige geschäftliche Arrangements, die gesunde
Arbeitsbeziehungen ermöglichen und allen Parteien
besser dienen.
Selbst die unangenehmen Begleiterscheinungen
interner Märkte bilden häufig nützliche Anpassungsvorgänge oder Anzeichen dafür, daß Anpassungen
erforderlich sind. Ist ein Manager nicht in der Lage,
seinen Bereich mit freiwilligen Mitarbeitern zu besetzen? Der Markt könnte urteilen, daß die Arbeitsbedingungen dort schlecht sind. Fahren einige
Bereiche Verluste ein? Ein Markt ließe sie in Konkurs gehen, weil sie keine Werte hervorbringen.
Interne Märkte erscheinen als unvermeidlich, weil sie
den einzig machbaren Weg bieten, um die wachsen-

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de Komplexität der modernen Gesellschaft zu bewältigen. Im Hinblick auf strategische Planung hat eine
Desillusionierung eingesetzt, da "Planung" von oben
herab normalerweise mehr Bürokratie hervorbringt
anstatt wirklichen Wandel. Das organische Verhalten
von marktwirtschaftlichen Systemen geht über den
Bereich der Planung an sich hinaus, da marktwirtschaftliche Systeme Metastrukturen darstellen, die
den Rahmen fester Strukturen und zentraler Kontrollen sprengen, um einen stetigen Strom struktureller Veränderungen in der gesamten Organisation
hervorzubringen.
Anstatt daß Topmanager die
langfristigen Geschäftsbedingungen prognostizieren
und die gesamte Organisation zwingen, in eine
einzige Richtung zu marschieren, ertasten sich die
Einheiten eines internen Marktes den Weg wie die
Zellen eines "Überorganismus", der ein Eigenleben
besitzt.
Interne Märkte bieten Vorteile, die für die meisten
Institutionen nützlich sind, aber wir sollten uns keine
Illusionen darüber machen, daß interne Märkte ein
universelles Ideal oder ein Allheilmittel darstellen, das
in alles umfassender Weise angewandt werden sollte.
In gewissen Situationen könnten Märkte keinen
Nutzen bringen, etwa bei militärischen Operationen
und dem Start von Raumschiffen, die eine enge
Koordinierung von Tausenden von Menschen und
komplexen Plänen erfordern. Und selbst die unternehmerischsten Institutionen werden immer irgendeine Form der Hierarchie als rudimentäres Skelett zur
Unterstützung der Märkte aufrechterhalten, die ihr
Lebenselixier bilden.
Eine Firma, mit der wir zusammengearbeitet haben,
strotzte nach der Einführung des Marktsystems
förmlich vor unternehmerischer Vitalität. Zahlreiche
profitable Unternehmungen schössen wie Pilze aus
dem Boden, aber eine nachlässige Kontrolle der
innewohnenden Risiken führte zu einigen schweren
Fehlschlägen. Eine energische Führung hätte diese
Schwierigkeiten vermeiden können, aber ihr Auftreten
belegte eines der internen Märkten innewohnenden
Risiken: organisatorische Freiheit setzt große Potentiale schöpferischer Kraft frei, und diese Kraft muß in
konstruktive Kanäle geleitet werden.
Arbeitnehmer als interne Unternehmer
Die Schattenseiten der Märkte scheinen heute
besonders eklatant zu sein, da Unternehmenszusammenschlüsse, Konkurse, Personalabbau und andere
Veränderungen zu Arbeitslosigkeit, verringerter
Loyalität gegenüber dem Unternehmen und vermehrten Schwierigkeiten im Arbeitsleben führen. Wenn
interne Märkte noch mehr davon hervorbringen,
warum sollten die Menschen dann die Arbeit in

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�Organisationen tolerieren, die auf interne Märkte
setzen?
Unternehmen entlassen Arbeitskräfte, weil sich die
Welt in einem massiven wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozeß befindet, einer Folge neuer Technologien, intensiveren internationalen Wettbewerbs und
anderer Faktoren. Die Umstrukturierung stellt an die
Unternehmen zwei wichtige Anforderungen: Verantwortlichkeit für das geschäftliche Abschneiden,
um zu überleben, und organisatorische Flexibilität,
um sich chaotischen Veränderungen anzupassen.
Verantwortlichkeit und Flexibilität sind die zwei
Hauptstärken interner Märkte, was teilweise erklärt,
warum diese heute Verbreitung finden.
Interne Märkte werden die Rolle der Arbeitnehmer
einschneidend verändern. In einem hierarchischen
System war es sinnvoll, die Menschen als Mitarbeiter
mit begrenzter Handlungsfreiheit und eng definierten
Zuständigkeiten zu behandeln. Ein System interner
Märkte jedoch erfordert, daß die Arbeitnehmer
Unternehmer oder "interne Unternehmer" werden.
Das herkömmliche Arbeitsverhältnis, in dessen
Rahmen Menschen dafür bezahlt wurden, daß sie
eine Position innehatten, weicht einem neuen
Verhältnis, in dem die Menschen die Gelegenheit
erhalten, ihre Talente einzusetzen - mit allen Freiheiten, der Selbstkontrolle, den Risiken und Belohnungen, die mit unternehmerischer Tätigkeit verbunden
sind.
Um diesen Wandel zu fördern, werden die Unternehmen unternehmerfreundlich werden müssen,
indem sie sich die Hunderten von Fördermodellen zu
eigen machen, die zur Unterstützung junger Unternehmer ins Leben gerufen wurden. Eine der erfolgreichsten Maßnahmen von IBM war das Konzept des
"Independent Business Unit", das in eineinhalb
Jahren den PC entwickelte. Das Elektroauto von
GM wird von einem Team von 200 Leuten konzipiert, die außerhalb der normalen Hierarchie tätig
ist.
Das Modell des internen Marktes bietet eine logische
Grundlage, auf der Unternehmen Allianzen schmieden können, die für ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit entscheidend sind. Die Neudefinition eines
Großunternehmens als Markt erlaubt es einzelnen
Bereichen, auf einer soliden geschäftlichen Grundlage unmittelbar und rasch Bündnisse einzugehen.
Darüber hinaus gewöhnen sich die Beschäftigten in

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einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Organisation
an die Bildung von Allianzen, weil die alltäglichen
Beziehungen auf diese Weise gestaltet werden.
Außerdem werden die leitenden Angestellten vom
Tagesgeschäft befreit und können sich auf Strategien
konzentrieren, die interne und externe Unternehmungen zu mächtigen neuen Kombinationen vereinen.
Märkte im Bildungswesen
Interne Märkte treten nicht nur in amerikanischen
Großunternehmen auf den Plan, sondern auch in
anderen Ländern und wirtschaftsfremden Institutionen. So ist in den Vereinigten Staaten das seit
langem bestehende Bildungsmonopol unter Beschuß
geraten, und eine wachsende Zahl von Schülern und
Studenten hat die Wahl zwischen verschiedenen
Schulen. Dahinter steht der Gedanke, daß Schulen
miteinander um die Gunst ihrer Kunden (Studenten
und Eltern) ebenso konkurrieren sollten wie private
Unternehmen. Es gibt Anzeichen dafür, daß sich
japanische Unternehmen ebenfalls auf interne Märkte
zubewegen, indem sie Ebenendes mittleren Managements abschaffen, ihren Beschäftigten den Wechsel
des Arbeitsplatzes gestatten und leistungsbezogene
Entlohnung einführen.
Der Wechsel zu internen Märkten ist selbst bei
optimaler Planung schwierig, aber immer mehr
Organisationen gehen diesen Weg, weil die ökonomischen Realitäten dies verlangen. Die Unternehmen
müssen in einer scharfem Konkurrenzdruck unterliegenden Weltwirtschaft bestehen, die massive
technische und soziale Innovationen verlangt. Um
unter den außergewöhnlichen neuen Bedingungen zu
überleben und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sind
Unternehmen und Institutionen zur Umstrukturierung
gezwungen.
Dieses Gebot wird mit dem fortschreitenden Informationszeitalter an Nachdruck gewinnen. Die stagnierenden Bürokratien von heute müssen durch eine
Vielzahl von internen Unternehmungen zu neuem
Leben erwachen, die Ressourcen, Arbeitskräfte und
Information rasch durch ihre Organisationen schleusen und zahlreiche Verbindungen mit der Weltwirtschaft aufrechterhalten. Am Ende werden zahlreiche
kleine, miteinander konkurrierende Unternehmen mit
unbegrenzten Marktinformationen und der Freiheit
stehen, ihre individuellen Interessen oder das, was
Wirtschaftswissenschaftler als "perfekte Märkte"
bezeichnen, zu verfolgen.

* * *

*

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�LITERATUR
24. Mai 1995

"Gute Zeiten für Dichter"
Interview mit Pulitzerpreisträger Philip Levine
WASHINGTON - (AD) - Philip Levine, der Träger
des Pulitzerpreises 1995, hält die amerikanische
Dichtung am Ende dieses Jahrhunderts für umfassender, machtvoller und möglicherweise vielversprechender als je zuvor.
"Das Haus der Dichtung ist viel größer geworden",
erklärt Levine, der seit vielen Jahren dichtet und von
der Arbeiterklasse, dem städtischen Amerika aus der
Zeit der großen Wirtschaftskrise und danach geprägt
wurde. "Es gibt noch viel mehr Menschen, die sich
als Dichterfühlen und als solche akzeptiert werden."
"Ich weiß nicht, ob die jungen Dichter ebenso gut
sind wie die Generation von Elizabeth Bishop, John
Berryman, Robert Lowell und Delmore Schwartz
oder letztlich solche Wirkung erzielen. Aber es gibt
sie. Ich sehe einige außerordentlich talentierte
Menschen und freue mich darüber."
Levine, dem der renommierte Pulitzerpreis für sein
jüngstes Werk, das 1994 erschienene "The Simple
Truth" verliehen wurde, findet unter den amerikanischen Dichtern nicht so schnell seinesgleichen. Er
begann seine Karriere, als er in der Automobilbranche seiner Heimatstadt Detroit arbeitete. Der schon
frühzeitig stark von der Überschneidung politischer
und sozialer Werte faszinierte Levine wurde als
Fürsprecher derjenigen bekannt, die auf den unteren
Stufen der sozialen Leiter stehen.
Es ist passend, aber ungewöhnlich, daß er seinen
Eintrag im "Who's Who in America", einem jährlich
herausgegebenen Verzeichnis hochrangiger Persönlichkeiten und ihrer Leistungen, mit der Erklärung
beschließt: "Meine Hoffnung ist, für die Menschen
zu dichten, für die noch keine Gedichte geschrieben
wurden."
In dieser Eigenschaft - als Aktivist für diejenigen, die
ums Überleben kämpfen - ist er das dichterische
Gegenstück zu Bernard Malamud, dem verstorbenen
amerikanischen Romanschriftsteller, der in Werken
wie "The Assistant" und "The Fixer" auch jene
durchschnittlichen, oft vergessenen Seelen beschreibt, die darum kämpfen, ihr Leben im Gleichge-

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wicht zu halten. Gleichzeitig hat er aber auch einen
freien Geist, der einem Walt Whitman gleichkommt.
In den dreißiger Jahren wurde er als Jugendlicher in
seinem Elternhaus und der Gemeinde russischer
Einwanderer durch Gespräche und Debatten über
Anarchie, Sozialismus und Entwicklungen im Spanischen Bürgerkrieg schon früh politisch geschult.
In seiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter,
insbesondere als er nach dem College mit der Arbeit
in der Fabrik begann, entwickelte er auch Rollenmodelle, die aus dem einfachen Volk stammten - von
Männern und Frauen aus ländlichen Gebieten in
verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten. Sie
standen im Mittelpunkt seiner Gedichte, die eine
Kritikerin, Dana Gioia, als "reizbare, mit Komplexen
behaftete Verse, [die] eine graue Welt vereinsamter
Autobahnen, veralteter Fabriken und aussichtsloser
Arbeitsplätze abwechselnd feiern und beklagen"
bezeichnete.
"Ich möchte den Menschen meinen Respekt bezeugen, die mich gelehrt haben, daß das Leben etwas
Heiliges ist", schrieb er einmal. "In Wahrheit sind wir
Kinder Gottes und dazu in diese Welt gekommen, um
so gut wir können mit den Tieren, den Bäumen und
Pflanzen zu leben und die Welt auch voller Liebe und
Respekt für sie intakt zu hinterlassen."
Levine gehört der alten Garde von Dichtern aus der
Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit
an. Sie betrachten Walt Whitman als Vater der
modernen amerikanischen Dichtung - als den Schriftsteller, der - in Levines Worte gekleidet - erklärte:
"Wir werden nicht länger englisch sein. Das ist nicht
das unsere. Wir werden eine neue Art von Dichtung
erfinden."
Gleichzeitig war jedoch eine andere laute Stimme zu
hören, die von Emily Dickinson - "subtile, zarte alte
Musik, Rhythmen", beobachtete Levine. "Meines
Erachtens hat die amerikanische Dichtung seitdem
zwischen diesen beiden Giganten des 19. Jahrhunderts geschwankt."

Seite 1

�Der aus einer Familie der Mittelschicht stammende
Levine mußte Geld verdienen, nachdem sein Vater
gestorben war, ohne die Familie ausreichend zu
versorgen. Der junge Levine verrichtete eine Reihe
niedriger Arbeiten, die seine Augen für andere
soziale Schichten öffneten. Dies wurde zum Merkmal seines Werkes.
Levine erwarb 1950 an der Wayne State University
den Grad eines Bachelor und arbeitete anschließend
in einer "Abfolge stupider Jobs", wie er es später
nannte, in Elektro- und Chemieunternehmen sowie
für einen Rad- und Achsenhersteller. Er befreite
sich von der Langeweile, jedoch nicht von der
Atmosphäre und kehrte in die akademische Welt
zurück, wo er eine Zeitlang bei einem seiner Mentoren, dem Dichter John Berryman studierte. 1954
machte er seinen Master (und drei Jahre später
einen Master in schönen Künsten) und fing fast
sofort an zu lehren. Seitdem stellte er sich fast vier
Jahrzehnte lang unermüdlich den Anforderungen an
einen Professor und Dichter und entfernte sich
selten von dieser Doppelrolle.
Seine Verse waren zunächst lyrischer Natur. Nach
einiger Zeit wurden sie von ihrer Struktur und Form
her prosaischer.
In jüngster Zeit zeigen seine
Gedichte wieder Rhythmus und Versmaß - "weil mir
das Spaß macht", wie er sagt.
Von Anfang an war Philip Levine nicht von Worten
fasziniert, nicht einmal von poetischen Zeilen oder
der Struktur des Moments, sondern von Menschen
und Landschaften, auf die er sein kreatives Licht
warf. Vor 17 Jahren erklärte er in einem Interview
über seine Poesie: "Es ist seltsam, aber ich interessiere mich nicht besonders für Sprache. In
meinem idealen Gedicht fallen keine Worte auf.
Vielmehr öffnen sie den Blick, sind eine Vision ...
man sieht Menschen und Orte."
Er räumt jedoch ein, daß sich das in den letzten
Jahren geändert haben könnte.
"Es ist seltsam, aber ich habe mehr Interesse an der
... Sprache bekommen. Eine Reihe von Gedichten,
die mir sehr gefallen, handeln von unserer Kommunikation und unserem Mangel an Kommunikation
untereinander sowie davon, wie sich trotz unserer
Unterschiede und unserer sprachlichen Ungeschicklichkeit Wunder ereignen - es gibt sie, wir überwinden diese enormen Hindernisse zwischen uns mit
Hilfe von Sprache, Briefen und Gedichten. Das finde
ich wirklich faszinierend. Ich habe mich all die Jahre
mit Poesie befaßt, ohne wirklich über das Hilfsmittel
nachzudenken."

Seite 2

Mit Blick über sein eigenes Werk hinaus auf die
größeren Zusammenhänge sieht Levine zahlreiche
Gründe für Optimismus in bezug auf die Kunst und
die Verbreitung von Dichtung. Er erhielt Auftrieb
durch die "stark vergrößerte und mannigfaltige"
Leserschaft, die beispiellose Einbeziehung von
Hispanoamerikanem, Asiaten und Frauen in nie
dagewesener Zahl sowie durch die Aufmerksamkeit,
die selbst kleinere Verlage der Dichtung zollen, viele
außerhalb der traditionellen Herausgeber New Yorks.
Der Träger des Pulitzerpreises, dem bereits im Laufe
der Jahre der National Book Award, der National
Book Critics Circle und andere Ehrungen verliehen
wurden, erklärt, er habe keine Eile mit der Veröffentlichung eines weiteren Bands. Während des Großteils
seiner Karriere hatte er immer einige Gedichte in der
Hinterhand. Mittlerweile hat sich das geändert.
"Ich habe vielleicht noch zehn Gedichte vorrätig",
stellt er fest, "und ich werde sie umschreiben müssen. Ich bin strenger mit mir selbst geworden. Ich
habe die Karriere anderer Dichter meines Alters
beobachtet und gesehen, daß wir zu einem bestimmten Zeitpunkt - ungefähr im Alter von 60 Jahren - uns
selber zu beweisen versuchen, daß wir noch vital
sind.
Ich möchte nicht in diese Falle geraten. Ich habe
eine sehr loyale Leserschaft - ich möchte ihr nicht
einfach ein Buch geben, das wie die anderen ist.
Wenn ich meine Leser nicht überraschen kann, lasse
ich sie vier oder fünf Jahre warten, bis ich soweit bin.
Ich schreibe. Mir gefällt, was ich schreibe. Ich habe
keine Eile."
Obwohl Levine fast überall von den Kritikern und
anderen Dichtern bewundert wird, wurde bisweilen
kritisiert, er suche durch die thematische Bindung
seines Oeuvre an soziale Ungerechtigkeit in einer
erschöpften Ader nach Gold.
"Viele Menschen vertreten die Auffassung, es sei
nicht die Aufgabe der Dichtung, sich mit sozialen
Problemen zu befassen", konstatiert er. "Und Menschen wie ich entgegnen: 'Wie meinen Sie das?'
Die Dichtung kann tun, was ihr gefällt. Wenn ich sie
zu diesem Zweck einsetzen will, werde ich das tun."
Er räumt jedoch ein: "Nur weil ich sie als Instrument
ansehe, meinem Ärger über soziale Mißstände
Ausdruck zu verleihen, bedeutet das nicht, daß mich
das von dem Problem befreit, Dichtung zu schreiben."
"Eine Tagesordnung bringt noch kein Gedicht hervor.
Man hat einfach nur eine Tagesordnung. Wenn es
keine Kunst ist, ist es gar nichts."

AMERIKA DIENST 19

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