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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

10. Mai 1995

17

KRIEGSENDE

CLINTON WÜRDIGT DAS VERMÄCHTNIS DES
ZWEITEN WELTKRIEGS - FRIEDEN UND
HOFFNUNG
Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington

KRIEGSENDE IST SIEG DES MENSCHLICHEN
GEISTES
Rede von Vizepräsident Gore in Berlin

USA-IRAN

CLINTON VERHÄNGT HANDELSEMBARGO
GEGEN IRAN
Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft

WIRTSCHAFT

WIRTSCHAFTLICHE STILE UND
TRANSATLANTISCHE WIRTSCHAFTSKULTUR
Rede von Janice F. Bay

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�KRIEGSENDE
10. Mal 1995

Clinton würdigt das Vermächtnis
des Zweiten Weltkriegs - Frieden und Hoffnung
Ansprache auf dem Soldatenfriedhof Arlington
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton hat die Amerikaner dazu aufgefordert, sich von der Generation des
Zweiten Weltkriegs, "die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir den Frieden nicht verloren",
inspirieren zu lassen.
Bei militärischen Feierlichkeiten aus Anlaß des 50. Jahrestags des Sieges der Alliierten in Europa (Victory in
Europe Day, V-E Day) hob der Präsident hervor, die Amerikaner jener Generation hätten die Wirtschaftskrise
überwunden und im blutigsten Krieg der Weltgeschichte die Oberhand gewonnen.
"Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in
Frieden", erklärte er den in Fort Myer in Arlington (Virginia) versammelten Veteranen.
Clinton hielt die Rede kurz vor seiner Abreise nach Moskau, wo er an den Feierlichkeiten aus Anlaß der
Beendigung des "Großen Vaterländischen Krieges" - wie er in der Sowjetunion genannt wird - teilnahm, in dem
27 Millionen sowjetische Soldaten und Zivilisten getötet wurden.
Die Veteranen "haben uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns gegen die Kräfte der Dunkelheit
durchsetzen können und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen. Daher stehen wir in Ihrer Schuld",
äußerte der Präsident, dessen Rede wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen.

Ich danke Ihnen, Oberst Mclntosh, für Ihre bemerkenswerten Worte und Taten. General Shalikashvili,
Minister Perry, Minister Brown, Pater Sampson,
meine Damen und Herren Kongreßabgeordnete,
verehrte Mitglieder der Streitkräfte, verehrte Gäste
und amerikanische Veteranen.
Insbesondere
begrüße ich unsere Ehrengäste, die Veteranen des
Zweiten Weltkriegs.
Auf den Tag genau vor fünfzig Jahren verstummten
in Europa die Waffen. Ein langer Schatten, der auf
den gesamten Kontinent gefallen war, wich von ihm.
Die Krieger der Freiheit jubelten. Heute, fünfzig
Jahre später, kommen wir zusammen, um uns ihres
Triumpfs zu erinnern, ihrer Opfer zu gedenken und
uns erneut den Idealen zu verschreiben, für die sie
kämpften und für die so viele von ihnen starben.
Bis zum V-E Day hatten von den Stränden an der
Normandie bis zu den Toren Moskaus ungefähr 40
Millionen Menschen ihr Leben gelassen. Hinter
diesen enormen, aber unpersönlichen Zahlen
verbargen sich Millionen und Abermillionen persönlicher Tragödien: Soldaten wurden erschossen und
von Kriegsgerät in Stücke gerissen, Kriegsgefangene

AMERIKA DIENST 17

starben an Hunger und Krankheit, Kinder wurden
unter den Trümmern ausgebombter Gebäude begraben, ganze Familien wurden lediglich aufgrund ihrer
Herkunft ausgemerzt. Und durch jeden Tod wurden
noch mehr Menschen physisch und emotional verwundet. Sie überlebten, aber ihr Leben wurde nie
mehr wie früher.
Bei Kriegsende wurde ein achtjähriger Junge, bereits
ein Veteran von Bombenangriffen und Schutzbunkern, gefragt, was er als Erwachsener sein wollte.
Seine Antwort bestand aus einem Wort: "Lebendig".
Das amerikanische Volk, das sicher auf unserem
Kontinent lebte und durch die Erinnerungen an den
letzten Krieg ernüchtert war, war nicht begierig, sich
an dem Kampf zu beteiligen. Es wurde jedoch durch
den außerordentlichen Mut der Briten aufgerüttelt, die
in Europas dunkler Nacht ganz alleine die leuchtende
Fackel der Freiheit hochhielten. Getrieben von der
leidenschaftlichen Sehnsucht nach Freiheit, angespornt von der klugen Führung Präsident Roosevelts
und letztlich provoziert durch die Niedertracht von
Pearl Harbor zogen die Amerikaner in den Krieg.

Seite 1

�Es wurde eine alles verzehrende Anstrengung.
Millionen wurden hier an der Heimatfront zu Helden.
Sie bauten die Flugzeuge, die Schiffe, die Panzer,
die Lastwagen, die die Alliierten Streitkräfte in die
Schlacht brachten. Sie kauften Staatsanleihen, um
den Krieg zu finanzieren. Sie sammelten Alteisen
zur Waffenherstellung, abgenutztes Gummi zur
Reifenproduktion, Fettreste für Explosivstoffe, und 20
Millionen Menschen legten ihren eigenen Gemüsegarten an, um die Nahrungsmittelversorgung der
Nation zu sichern.
Frohen Mutes brachten sie Opfer, rationierten
Nahrungsmittel und Kleidung und beschränkten sich
auf 11 Liter Benzin pro Woche. Und Präsident
Roosevelt gab ihnen den Willen, weiterzumachen.
"Es gibt eine Front und eine Schlacht", erklärte er,
"wo jeder in den Vereinigten Staaten - jeder Mann,
jede Frau und jedes Kind - in Aktion ist. Diese Front
ist hier in der Heimat."
Jenseits des Ozeans widmeten ihre Väter und
Brüder, Mütter und Schwestern, Freunde und
Nachbarn die besten Jahre ihres Lebens diesem
schrecklichen Krieg. Einige von ihnen gehörten zu
den größten Führungspersönlichkeiten unseres
Landes und der Welt: Eisenhower, Marshall, Bradley, Patton. Aber ungeachtet des Dienstgrads war
jeder Soldat, Flieger, Marineinfanterist, Matrose,
jedes Mitglied der Handelsmarine, jede Krankenschwester, jeder Arzt ein Held, der das Banner der
Gerechtigkeit in die Schlacht für die Freiheit trug.
Einige von ihnen befinden sich heute unter uns. Der
Herr, der mich begrüßte, Frederick Mclntosh, war
damals Leutnant der Luftwaffe. Er flog, wie bereits
erwähnt, 104 Einsätze. Seine wagemutigen Bombenangriffe im Sturzflug am D-Day trugen dazu bei,
den Weg für die Landung der Alliierten in der Normandie zu bereiten.
Ein anderer Veteran hinter mir, Robert Katayama,
war Soldat in der japanisch-amerikanischen 442.
Regimentskampfgruppe, die nach fünfmonatigen
heftigen Angriffen endlich die deutschen Linien in
Italien durchbrach.
Anna Connelly Wilson war Krankenschwester und
pflegte die amerikanischen Soldaten, die Kraftstoff
und Munition durch die iranische Wüste zu unseren
russischen Verbündeten beförderten.
Abben MaGuire, ein Sprengstoffexperte der Marine,
landete noch vor dem Angriff der Alliierten an der
Omaha Beach und beseitigte unter heftigem Beschuß durch den Feind Minen, Stacheldraht und
Sprengladungen.

Seite 2

George Ellers, Seemann auf den Booten der amerikanischen Küstenwache, war für den Schutz der
Schiffe der Handelsflotte zuständig, die Nahrungsmittel und Nachschub von Amerika nach Europa und
in andere Regionen beförderte.
Joseph Kahoe, Leutnant des ausschließlich aus
Afroamerikanern bestehenden 761. Panzerbataillons,
trotzte der tödlichen Kälte der Ardennen und den
brutalen Gegenangriffen der Nazis, womit er zum
Sieg in der Ardennenschlacht beitrug.
Pater Francis Sampson, ein Armeepriester, sprang
mit dem Fallschirm über der Normandie und anschließend über Holland ab, wurde verwundet, geriet
in Gefangenschaft und konnte fliehen.
Aus ihrer Tapferkeit und der all ihrer Brüder und
Schwestern in Uniform bezog Amerika den Willen, die
Kräfte des Faschismus zu besiegen. Und heute
sagen wir, die Söhne und Töchter ihres Opfergangs,
ihnen Dank und würdigen sie.
Ich bitte jetzt die Veteranen des Zweiten Weltkriegs,
sich zu erheben, damit wir sie ehren können.
Während der letzten Wochen des Krieges befreiten
die amerikanischen Streitkräfte in ganz Europa kleine
Dörfer und große Städte von einem langen Alptraum.
Viele waren Zeuge überschäumender Liebe und
Dankbarkeit, an die sie sich für den Rest ihres
Lebens erinnern sollten.
In Bayern steuerte der Obergefreite Bill Ellington sein
gepanzertes Fahrzeug in eine Schlacht gegen die
zurückweichenden feindlichen Truppen. Während
des Gefechts rannte ein spindeldürrer Teenager auf
den Panzer zu. Es war ein junger polnischer Jude,
Samuel Pisar, der vier Jahre Auschwitz und andere
Konzentrationslager überlebt, dabei jedoch seine
gesamte Familie verloren hatte. Samuel Pisar hatte
den Panzer und seinen großartigen fünfzackigen
weißen Stern von seinem Versteck in einer Scheune
aus gesehen.
Als Ellington auf ihn hinunterschaute, fiel der Junge
auf die Knie und wiederholte immer wieder die
wenigen englischen Worte, die ihn seine Mutter
gelehrt hatte: "Gott schütze Amerika. Gott schütze
Amerika." Und Ellington, der Sohn eines Sklaven,
hob den Jungen auf und brachte ihn durch die Luke
des Panzers in die warme Umarmung der Freiheit.
Bill Ellington starb vor einigen Jahren. Aber Samuel
Pisar, jetzt amerikanischer Staatsbürger, ist heute
unter uns. Und ich möchte ihn bitten, aufzustehen,
um uns daran zu erinnern, worum es bei diesem
Krieg ging.

AMERIKA DIENST 17

�Die Saga der Hoffnung entstand aus der Asche
eines Schreckens, der immer noch über unser
Vorstellungsvermögen hinausgeht - die Konzentrationslager der Nazis. Die Gaskammern und
Krematorien waren ein Beweis für die unendliche
Fähigkeit des Menschen, Böses zu tun. In den
leeren Augen der zu Skeletten abgemagerten
Überlebenden war eine Frage, die bis heute nicht
beantwortet wurde: Wie konnte das geschehen?
Um 2.40 Uhr am 7. Mai unterzeichneten die Deutschen in einer kleinen Schule in Frankreich ihre
bedingungslose Kapitulation. Der Waffenstillstand
trat am nächsten Tag in Kraft - vor genau 50 Jahren.
Die Nachricht vom Sieg verbreitete sich und schwoll
von einem Rinnsal der Aufregung zu einem Strom
der Freude an. Die befreiten Hauptstädte Westeuropas schäumten über vor Erleichterung und
Jubel. Die Boulevards waren voll von fahnenschwenkenden dankbaren Feiernden, die Tränen in
den Augen hatten. Überall nahmen die Menschen
ihre Vorhänge ab, die zur Verdunklung gedient
hatten, und ließen das Licht des Friedens scheinen.
Am Himmel über Moskau erleuchteten gigantische
weiße Lichtstrahlen aus riesigen Projektoren die
Dunkelheit der Nacht, und in der Stadt waren 1.000
Salutschüsse zu hören. Auch dort strömten Millionen Menschen auf die Straßen. Ihre Freude wurde
jedoch getrübt von dem einzigartigen Opfer, das ihre
Nation gebracht hatte: Jeder achte sowjetische
Bürger starb im Zweiten Weltkrieg. 27 Millionen
Menschen. An fast jedem Tisch in jedem Haus war
ein leerer Platz.
In London, wo ein tapferes und wagemutiges Volk
die dunkelsten Stunden des Krieges alleine durchgestanden hatte, erleuchteten große Freudenfeuer
die Stadt. Und auf dem Balkon des BuckinghamPalastes brachte Premierminister Churchill die
freudetrunkene Menge mit seinem eigenen Schweigen zum Verstummen. Dann machte er eine einzige, tiefe Verneigung vor allen, und die Menge
stimmte ein Triumpfgeschrei an. "Dies ist Euer
Sieg", erklärte Churchill. Und die Einwohner Großbritanniens antworteten mit einer Stimme: "Nein, es
ist Deiner". Natürlich hatten beide recht.
Hier bei uns wurden das Washington Monument, die
Kuppel des Kapitols, die Freiheitsstatue erstmals seit
Pearl Harbor wieder angestrahlt. In New York war
es, als wäre gleichzeitig Silvester und Unabhängigkeitstag. Millionen jubelten, jauchzten, sangen,
tanzten auf der Straße. Ein Bild ging um die Welt
von einem Matrosen, der eine Krankenschwester in
den Arm nahm und küßte - mit dem aufgestauten,
jugendlichen Enthusiasmus eines Volkes, das einen

AMERIKA DIENST 17

Augenblick lang die neuen Lasten des Erwachsenseins vergaß.
Weniger als einen Monat nach seiner Amtsübernahme wandte sich Präsident Truman an die Nation
und erklärte: " Dies ist eine feierliche, aber ruhmreiche Stunde. Ich wünsche nur, Franklin Delano
Roosevelt hätte diesen Tag erleben können." Millionen von Amerikanern waren ebenfalls dieser Meinung, denn in ihrer dunkelsten Stunde hatte sich
Präsident Roosevelt geweigert, uns der Verzweiflung
zu überlassen und aufzugeben. Er mobilisierte die
Amerikaner, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen und
im Krieg zu triumphieren. Und somit war es auch
sein Sieg.
Es war Amerikas Sieg, aber unsere Arbeit war noch
nicht vollendet. Im Pazifik ging der Krieg weiter.
Während der drei Monate zwischen dem V-E Day
und dem Tag des Siegs über Japan (Victory in
Japan, V-J Day) verloren Tausende weiterer Männer
und Frauen in Uniform ihr Leben. Wer hätte das
amerikanische Volk dafür verurteilen können, daß es
nach der Kapitulation Japans von der Front in die
Heimat zurückkehren wollte? Nachdem sie den
schwierigsten und entscheidendsten Sieg in der
Geschichte unserer Nation errungen hatten, waren
unsere führenden Politiker jedoch entschlossen, nicht
die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.
Vielmehr gingen sie mit neuer Zuversicht an die
neuen Herausforderungen heran. Diese bemerkenswerte Generation von Amerikanern schuf durch die
NATO, die Vereinten Nationen und den Marshallplan
die Institutionen und stellte die Ressourcen und die
Vision bereit, die dem Westen ein halbes Jahrhundert
der Sicherheit und des Wohlstands bescherten und
unsere ehemaligen Gegner zurück ins Leben brachten und zu einer echten Partnerschaft mit uns führten.
Ihre besondere Entschlossenheit und militärische
Stärke hielt den Totalitarismus in Schach, bis die
Macht der Demokratie, das Scheitern des Kommunismus und die heroische Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu erlangen, im Kalten Krieg die
Oberhand gewannen.
Heute müssen wir uns von der außergewöhnlichen
Generation inspirieren lassen, die wir heute ehren.
Eine Generation, die den Krieg gewann und anschließend sicherstellte, daß wir nicht den Frieden
verloren. Eine Generation, die verstand, daß unser
Schicksal untrennbar mit dem anderer Nationen
verbunden ist. Eine Generation, die überzeugt war,
daß mit unserem großen Wohlstand, unserer großen
Macht und den großen Segnungen demokratischer

Seite 3

�Freiheit auch große Verantwortung einhergeht, für
das Wohlergehen aller einzutreten und zu arbeiten.
Daher möchte ich der Generation, die den Zweiten
Weltkrieg gewann, an diesem 50. Jahrestag im
Namen des amerikanischen Volkes nochmals danken. Haben Sie Dank und Gott schütze Sie. Aufgrund all dessen, was Sie getan haben, lebt unsere
Nation in einem Augenblick der Hoffnung und in
Frieden. Erstmals seit Anbruch des Atomzeitalters
sind keine russischen Raketen auf unsere Kinder
gerichtet. Unsere Wirtschaft ist stabil. Und da freie
Märkte und Demokratie jetzt weltweit auf dem Vormarsch sind, haben mehr Menschen als je zuvor die
Chance, ihre von Gott gegebenen Talente zum
Tragen zu bringen. Alles aufgrund dessen, was Sie
vor 50 Jahren taten.

Es gibt jedoch eines, das selbst Sie nicht tun konnten, das keine Generation je bewirken kann. Sie
konnten nicht die Kräfte der Dunkelheit aus der
Zukunft verbannen. Wir werden jetzt auf unterschiedliche Weise mit ihnen konfrontiert - weltweit und
bedauerlicherweise hier zu Hause. Aber Sie haben
uns die wichtigste Lektion gelehrt: Daß wir uns
gegen die Kräfte der Dunkelheit durchsetzen können
und daß wir uns gegen sie durchsetzen müssen.
Daher stehen wir in Ihrer Schuld. Das ist Ihr einzigartiges Vermächtnis an uns - und das sind wir
künftigen Generationen bemerkenswerter Amerikaner
schuldig. Danke, daß Sie uns diese Lektion gelehn"
haben. Gott schütze Sie und Gott schütze Amerika.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 17

�KRIEGSENDE
10. Mal 1995

Kriegsende ist Sieg des menschlichen Geistes
Rede von Vizepräsident Gore in Berlin
BERLIN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede, die Vizepräsident AI Gore am 8. Mai 1995 beim
Staatsakt im Berliner Schauspielhaus aus Anlaß des 50. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkriegs
vor führenden Vertretern der vier Alliierten und der deutschen Politik hielt.
Wir sind heute hier versammelt, um den Triumph
des Guten über das Böse zu feiern, nicht den Sieg
einer einzelnen Nation oder eines Volkes, sondern
den Sieg des menschlichen Geistes.

Kinder, die ziellos umherwanderten ... und die Überreste ihres Hab und Guts trugen, zogen oder schoben. In diesen zwei Stunden sah ich die Beweise
einer großen, weltweiten Tragödie."

Es ist nur angebracht, daß wir dieses Sieges hier in
Berlin gedenken, wo wir nun als Freunde und
Verbündete zusammenkommen. Das Ende des
Zweiten Weltkriegs wird in vielen Städten, einschließlich Londons, Washingtons, Paris und morgen
in Moskau begangen. Diese Zusammenkunft in der
deutschen Hauptstadt hat jedoch eine besondere
Bedeutung. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später,
können wir sagen, daß der V-E Day (Victory in
Europe) nicht nur den Sieg In Europa bedeutet,
sondern den Sieg für Europa.

Weniger als zwei Jahre später gab George Catlett
Marshall an der Harvard University den berühmten
Plan bekannt, der nach ihm benannt wurde und den
Weg für Deutschlands und letztlich Europas Gesundung frei machte. Der Marshallplan und die Männer
und Frauen, die ihn gestalteten, boten der Welt
erstmals eine vollkommen neue Vision der Beziehungen zwischen Siegern und Besiegten.

Für die Deutschen war der 8. Mai 1945 kein Sieg im
üblichen militärischen Sinn.
Er bedeutete die
Niederlage der nationalsozialistischen Eroberungspolitik und die Befreiung von der Nazi-Diktatur im
Inland.
Als die Waffen schwiegen, schickte General Dwight
David Eisenhowereine kurze Botschaft an Präsident
Harry Truman. Er schrieb: "Der Auftrag der Alliierten Streitkräfte ist erfüllt."
Zu jenem Zeitpunkt waren in ganz Europa Dörfer
und große Städte schwelende Trümmerhaufen aus
Stein und Staub. Überall lag die Asche der Zerstörung. Die Schrecken des Holocaust überstiegen
jegliches menschliche Vorstellungsvermögen.
Hier in Deutschland waren 40 Prozent der Häuser
zerstört. Das deutsche Volk konnte wenig mehr
verspüren als Hunger, Angst und Krankheit.
Als Präsident Truman zur Teilnahme an der Potsdamer Konferenz in Berlin eintraf, sprach er von den
blutigen Folgen des Krieges und beschrieb eine
"... unendliche Prozession alter Männer, Frauen und

AMERIKA DIENST 17

Indem wir den bitteren Pfad von Rache und Vergeltung aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg
kurzerhand ablehnten, konnten wir uns mit denjenigen Deutschen verbünden, die einen besonderen
Weg beschritten und den wahren Sieg im Zweiten
Weltkrieg sicherten und vertieften, als sie selbst die
bösen Denkmuster zurückwiesen, die der wahre
Feind der gesamten Menschheit sind.
Vor allem demonstrierten wir mit dem Marshallplan,
daß die Vereinigten Staaten den Europäern nicht den
Rücken zuwandten, daß wir uns energisch engagierten, während wir gemeinsam daran arbeiteten, die
Früchte von Demokratie und Wohlstand in diese vom
Krieg zerrütteten Länder zu bringen.
General Marshall und seine Kollegen zeigten uns,
daß wir nicht den Befürwortern des Isolationismus
unser Gehör schenken dürfen, die nach dem Krieg
auf der Lauer liegen, wie wir es 1918 mit so tragischen Ergebnissen getan hatten. 1945 wußten wir,
daß das Versprechen von Demokratie und Freiheit in
Europa nur dann Früchte tragen würde, wenn wir ihm
gemeinsam Nahrung geben.
Während einige die Führungsrolle als Last bezeichneten, wußten überparteiliche Politiker im amerikanischen Kongreß, wie Arthur Vandenberg, daß es zum

Seite 1

�Engagement keine Alternative gab. Durch ihre
Initiative gelangte großzügige amerikanische Hilfe
und Unterstützung in das zerstörte Europa.
Durch ihre Initiative haben die amerikanischen
Streitkräfte in ganz Westeuropa Wache gestanden.
Ihre Wachsamkeit half einem halben Kontinent, den
eisernen Griff der Tyrannei abzuschütteln.
Dieser Aufgabe hat sich eine Reihe herausragender
deutscher Politiker gewidmet - von den Bundeskanzlern Adenauer über Erhard bis Kiesinger, von Brandt
bis Schmidt und jetzt Bundeskanzler Kohl, dem alle
Deutschen und Europäer so viel verdanken.
Während dieser ganzen Zeit bezogen 12 Millionen
der besten Amerikaner und Amerikanerinnen in
Uniform in Europa Stellung, um die Freiheit zu
verteidigen. Und wir stehen noch hier. Im Schulterschluß mit unseren NATO-Verbündeten bleiben
diese Männer und Frauen unserer Streitkräfte der
Stahl im Schwert der Freiheit.
Aufgrund der Wachsamkeit unseres Bündnisses
treffen wir heute in einem neuen Berlin zusammen:
einer dynamischen Stadt mit magnetischer Anziehungskraft im Herzen eines Europa, das von Chancen und Wohlstand sprüht - eines Europa, das in
einer Wiedergeburt der Freiheit zusammenwächst,
eines Europa des Fortschritts, des technologischen
Könnens und der nicht zu unterdrückenden Erfindungsgabe.
Ganz Europa ist bereits elektrisiert von diesem
aufregenden neuen Moment. Die Freiheit reicht jetzt
von Wladiwostok bis Rostok, von Tallinn bis Tirana.
Vor fünfzig Jahren reichten sich junge Soldaten bei
Kriegsende über die Elbe die Hand. Heute strecken
ganze Nationen als Demokratien über Ozeane
hinweg die Hand aus, um eine bessere Zukunft für
unsere Kinder aufbauen zu helfen.
Wir wollen weiterhin an einer Welt arbeiten, in der
ein immer größerer Kreis demokratischer Länder alle
*

Seite 2

unsere Völker umfaßt - Ost und West, Nord und Süd,
konzentriert auf den Glauben an die Freiheit des
einzelnen, verankert in der Menschenwürde und unter
Respektierung der Erde und ihrer kostbaren Ressourcen.
Wir wollen uns unerschütterlich um die Öffnung von
Institutionen für die neuen Demokratien Mittel- und
Osteuropas einsetzen, die der Westhälfte Europas so
zugute gekommen sind - die NATO, die Europäische
Union, der Europarat, die OECD.
Die Konsolidierung dieser Errungenschaften wird
nicht einfach sein. Unsere Erfolge signalisieren
ebensowenig wie die Siege unserer Vorgänger eine
Zeit des Friedens. Selbst in unserer Mitte hat das
Böse des ethnischen Hasses Teile dieses altehrwürdigen Kontinents infiziert. Und wie uns Deutschlands berühmter Schriftsteller Günter Grass erinnert,
ist Tyrannei ein Bodensatz, der nicht von schönen
Worten ausgewaschen werden kann.
Und heute - geeint in Frieden - gedenken wir der
jungen Männer und Frauen, die marschierten und
starben, damit wir leben können. Mit lauter Stimme
und dauerhafter Entschlossenheit verkünden wir, daß
wir die Errungenschaften von 1945 nicht rückgängig
machen werden.
Kurz nachdem er ein Telegramm an Präsident
Truman geschickt hatte, versammelte General
Eisenhower eine Gruppe von Berichterstattern um
seinen Schreibtisch in seinem Hauptquartier und
sann über die enorme Herausforderung nach, mit der
die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert
war. Er erklärte: "Der Erfolg dieser Operation wird
in fünfzig Jahren beurteilt werden. Wenn Deutschland zu diesem Zeitpunkt eine stabile Demokratie ist,
waren wir erfolgreich.
Seitdem sind 50 Jahre vergangen. Und am heutigen
Tag möchte ich, als junger Amerikaner aus der nach
dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generation,
General Eisenhower berichten: "Auftrag erfüllt."

* * *

*

AMERIKA DIENST 17

�USA-IRAN
10. Mal 1995

Clinton verhängt Handelsembargo gegen Iran
Kritik an iranisch-russischem Nukleargeschäft
NEW YORK - (AD) - Der Iran strebt nach russischer Nukleartechnologie, um seine Fähigkeiten zum Bau von
Atomwaffen weiterzuentwickeln, erklärte Präsident Clinton am 30. April 1995 in einer Rede vor dem Jüdischen
Weltkongreß in New York.
Der Präsident ließ verlauten, er werde bei seinen kommende Woche in Moskau anberaumten Gesprächen mit
dem russischen Präsidenten Jelzin das Land nochmals drängen, seinen Verkauf von Nukleartechnolgie an den
Iran einzustellen, weil dadurch das gemeinsame Ziel beider Länder - die Verhinderung der Weiterverbreitung
von Atomwaffen - unterminiert werde.
Um für den Iran die Kosten der Unterstützung des Terrorismus zu erhöhen und die Fähigkeit des Teheraner
Regimes zur Finanzierung von Massenvernichtungswaffen zu mindern, gab Clinton ein Verbot des Großteils
kommerzieller Transaktionen amerikanischer Unternehmen mit dem Iran bekannt, das Ende dieser Woche
erlassen werden soll.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vom Weißen Haus freigegebenen Text der Rede Präsident Clintons.

Haben Sie vielen Dank. Ich danke Ihnen, Edgar,
Ministerpräsident Peres, für Ihre heutige Anwesenheit, Ihre visionäre Führungskraft, Ihre klugen Worte.
Allen Freunden von Edgar Bronfman, die aus
Kanada und der ganzen Welt hierhergekommen
sind, möchte ich sagen, daß es mir eine große Ehre
ist, heute abend anläßlich der Verleihung des
Nahum Goldmann-Preises hier sein zu dürfen.
Goldmann war Präsident des Jüdischen Weltkongresses, der zionistischen Weltorganisation, des
Jüdischen Amtes für Palästina beim Völkerbund, der
Konferenz der Präsidenten großer jüdischer Vereinigungen.
Wir sind heute hier versammelt, um der Errungenschaften einer außergewöhnlichen Persönlichkeit zu
gedenken. Durch Ihre Anwesenheit bei dieser
Veranstaltung legen sie Zeugnis ab von Ihren
gemeinsamen Werten, gemeinsamen Zielen und
davon, daß Edgar Bronfman das Leben zahlloser
Menschen beeinflußt hat. Während dieser Jahre
großer Veränderungen und Chancen sowie großer
Furcht und Angst, die von allzuviel Zynismus gekennzeichnet waren, fand die jüdische Gemeinschaft
in Edgar Bronfman eine äußerst seltene Kombination: Eine Führungspersönlichkeit mit leidenschaftlichem Einsatz für die Sache ihres Volkes und der
Stärke, entsprechend zu handeln.

AMERIKA DIENST 17

Als Präsident des Jüdischen Weltkongresses und als
Weltbürger war Edgar Bronfman ein lebendes Beispiel für die von Emerson gemachte Beobachtung,
eine Institution sei so bedeutend und könne langfristig
so viel bewirken wie der Mann an ihrer Spitze.
Während der langen Jahre, als die Sowjetunion
innerhalb ihrer Grenzen Juden gefangenhielt, erhoben viele wütend ihre Stimme, aber Edgar reiste nach
Moskau, um ihre Befreiung zu bewirken. Als Millionen in Rußland und ganz Osteuropa ihre Freiheit von
der Tyrannei gewonnen hatten, jubelten viele, aber
Edgar war führend bei der Unterstützung der jüdischen Gemeinden, ihr stolzes geistiges und materielles Erbe zurückzufordern, von dem viele befürchtet
hatten, es sei für immer verloren.
Viele feiern den Beginn eines neuen Zeitalters im
Nahen Osten. Edgar setzt sich jedoch täglich für die
Versöhnung von Israelis und Palästinensern ein
sowie dafür, dieses altehrwürdige Land mit neuem
Leben zu erfüllen. Überall, wo Juden von einem
besseren Leben träumen und diese Träume in Gefahr
sind, kann man sicher sein, Edgar Bronfman zu
finden.
Vor einer Woche fuhren Hillary und ich nach Oklahoma City, um zu trauern und den Opfern des schrecklichen Bombenanschlags sowie ihren Angehörigen

Seite 1

�unseren Respekt zu bezeugen. Letzten Sommer
unternahm Edgar auf eigene Faust eine ähnliche
Reise. Er flog nur wenige Stunden, nachdem er von
dem Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires gehört hatte, nach Argentinien. Dort stattete er inmitten von Schutt und Trümmern führenden Politikern einen Besuch ab, besuchte die Verletzten, sprach mit den Kindern und sagte
ihnen, sie sollten denjenigen entschieden entgegentreten, die mit der Angst Geschäfte machen, sie
sollten hoffen, nicht hassen, sich jedoch jeden Tag
dafür einsetzen, diese Hoffnungen Realität werden
zu lassen.
In diesen Zeiten ist das eine Lektion, die jeder
Bürger auf jedem Kontinent lernen und verinnerlichen sollte. Sie findet besondere Zustimmung bei
denjenigen, die so viel Angst und Schrecken kennengelernt haben.
Wie mein Freund Benjamin Mead eben erklärte,
gedenken wir der Zeit vor einem halben Jahrhundert,
als das schrecklichste Kapitel in der Geschichte des
jüdischen Volkes zu Ende ging. Bedauerlicherweise
leben 50 Jahre später immer noch Menschen unter
uns und auf der ganzen Welt, die mit dem Haß
Handel treiben. Natürlich können wir ihre Aktionen
oder Fähigkeiten nicht mit den Greueltaten vergleichen, die dem jüdischen Volk angetan wurden,
aber diese Menschen praktizieren und predigen
Gewalt gegen Menschen anderer Hautfarbe, anderer
Herkunft oder anderer Religionszugehörigkeit. Sie
leben von Angst und Unsicherheit. Sie schüren
Verfolgungswahn. Im Namen der Redefreiheit
haben sie sich der Verantwortung entledigt, die
demokratische Freiheiten für uns alle mit sich bringt.
In dieser freien Nation muß es Ihnen allen ironisch
erscheinen, daß viele dieser Menschen unsere
Regierung und ihre Angestellten angreifen, die die
von ihnen mißbrauchten Freiheiten gewährleisten.
Angeblich um eine bessere Zukunft zu gestalten,
würden sie die schlimmsten Kapitel der Geschichte
Wiederaufleben lassen. Obwohl wir ihre Worte und
Taten nicht mit dem vergleichen können, was das
jüdische Volk vor Jahrzehnten erleiden mußte,
dürfen wir nicht die Gefahr unterschätzen, die sie
darstellen. Zweifelsohne können sie das Leben
unschuldiger Menschen auslöschen und in unseren
Herzen Furcht säen. Es ist ihnen gleichgültig, ob sie
Kinder niedermetzeln. Sie bedrohen unsere Freiheiten und unsere Lebensart, und wir müssen ihnen
Einhalt gebieten.
Einer unserer ersten Patrioten, Samuel Adams,
erklärte einst: "Wenn wir die gesetzlosen Angriffe
auf unsere Freiheit brav erdulden, ermutigen wir sie
noch und ziehen andere mit ins Verderben." Hier in

Seite 2

den Vereinigten Staaten ist es nicht nur unser Recht,
sondern unsere Pflicht, dem Terror Einhalt zu gebieten, die Schuldigen vor Gericht zu bringen, uns dem
Haß entgegenzustellen und anderen Menschen in
anderen Ländern dabei zu helfen, ebenso zu handeln.
Seit Beginn der Amtszeit unserer Administration
haben wir im Kampf gegen den Terrorismus im Inund Ausland umfassende und unverzügliche Maßnahmen ergriffen. Wir haben die Verdächtigen des
Bombenanschlags auf das World Trade Center vor
Gericht gebracht, die das Herz dieser Stadt trafen.
Wir verfolgen aktiv diejenigen, welche die Grenze zu
illegalen und gewaltsamen Aktivitäten überschritten.
Wir gehen entschieden gegen die Nationen vor, die
Terroristen Schutz gewähren oder ihre mörderischen
Geschäfte unterstützen. Wir setzen uns, bisweilen
mit bemerkenswertem Erfolg, für die Verhinderung
von Gewalttaten ein. Und auf einer Welt, in der
offene Grenzen und neue Technologien unsere Arbeit
erschweren, arbeiten wir immer enger mit anderen
Nationen zusammen, um Verbrecherorganisationen
aufzulösen und diejenigen zur Strecke zu bringen, die
unser Volk bedrohen.
Die Tragödie von Oklahoma City und ihre Konsequenzen haben jedoch deutlich gemacht, daß wir
entschiedener vorgehen müssen. Diese Woche habe
ich dem Kongreß zwei Initiativen zur Terrorismusbekämpfung vorgelegt - einen Antrag auf die Einstellung
von 1.000 zusätzlichen Strafverfolgungsbeamten
sowie auf Unterstützung zur Gründung eines neuen
Terrorismusbekämpfungszentrums unter der Leitung
des FBI; ferner die Ermächtigung des Militärs, seine
besonderen Fähigkeiten bei Vorfällen einzusetzen,
die mit dem Einsatz von chemischen, biologischen
und atomaren Terrorinstrumenten in unserem Land in
Zusammenhang stehen. Unsere Vorschläge würden
uns die Markierung von Material zur Bombenherstellung gestatten, so daß Verdächtige leichter
aufgespürt werden können.
Obwohl niemand Freiheit von Terror garantieren
kann, werden diese vernunftdiktierten Schritte zumindest zur Sicherheit unserer Bürger beitragen.
Daher appelliere ich heute an den Kongreß, diesen
Maßnahmen unverzüglich zuzustimmen.
Während wir im Inland diese Schritte unternehmen,
müssen wir auf der ganzen Welt unseren Kampf
gegen den Terror fortsetzen und intensivieren. Am
heutigen Abend möchte ich über den Terrorismus im
Nahen Osten sprechen, über verbrecherische Staaten, die das Töten fördern, um den Frieden zu
zerstören und darüber, was wir noch zu ihrer Eindämmung unternehmen können.

AMERIKA DIENST 17

�Seit Beginn meiner Präsidentschaft lief unsere
Nahostpolitik auf zwei Schienen: Unterstützung des
Friedensprozesses zwischen Israel und seinen
Nachbarn. Es war mir eine Ehre, mit Ministerpräsident Rabin, Außenminister Peres, ihrer Regierung
und dem israelischen Volk zusammenzuarbeiten.
Und die von den Vereinigten Staaten verfolgte Politik
war die richtige. Wir würden niemals versuchen,
Israel und seinen Nachbarn einen Frieden aufzuoktroyieren, falls aber Israel um des Friedens willen
Risiken eingeht, werden wir diese möglichst gering
halten und die Erfolgschancen maximieren. Wir
haben in diesen zwei Jahren Fortschritte gemacht,
und mit Gottes Hilfe werden wir das auch in Zukunft
tun. Ich bin sehr stolz auf die von uns allen geleistete Arbeit und ganz besonders stolz auf das von
Außenminister Christopher in dieser Hinsicht Erreichte.
Die zweite Schiene unserer Nahostpolitik ist ebenfalls wichtig - Widerstand gegen alle, die den Friedensprozeß stören, dem Terrorismus Vorschub
leisten oder Massenvernichtungswaffen entwickeln.
Es gibt weiterhin große Gefahren. Je mehr wir uns
dem Ziel von Frieden und Normalität in der Region
annähern, desto verzweifelter werden die Feinde des
Friedens. In Autobussen auf belebten Straßen
zerstören die Terroristen das Leben Unschuldiger,
und wir trauern mit den Familien der Opfer.
Wir haben unsere Bestrebungen verstärkt, Gruppen
wie Hamas oder die Hizbollah zu bekämpfen und
ermutigen den PLO-Vorsitzenden Arafat bei seinem
Versuch, schärfer gegen gewaltsame Extremisten
vorzugehen und sie strafrechtlich zu verfolgen.
Einzelpersonen und Extremistengruppen sind jedoch
nicht die einzige Bedrohung. Israel teilt das Land im
Nahen Osten mit Nationen, die den Frieden zerstören wollen - Nationen wie Iran, Irak und Libyen.
Sie wollen die Region destabilisieren, gewähren
Terroristen Zuflucht, errichten und fördern terroristische Basislager in anderen Ländern, gieren nach
nuklearen und anderen Massenvernichtungswaffen.
Jeden Tag bringen sie unschuldige Zivilisten in
Gefahr und säen Zwietracht unter den Nationen.
Unsere Politik gegenüber diesen verbrecherischen
Staaten ist einfach:
Sie müssen eingedämmt
werden.
Der Iran stellt für den Friedensprozeß im Nahen
Osten ein besonderes Problem dar. Seit dem
Amtsantritt meiner Administration bemühen wir uns,
die iranische Unterstützung für den internationalen
Terrorismus einzudämmen, insbesondere seine
Förderung gewalttätiger Friedensgegner im Nahen
Osten.

AMERIKA DIENST 17

Gleichzeitig versuchen wir, seinem Streben nach
Massenvernichtungswaffen Einhalt zu gebieten, die
das Land nicht nur für seine Nachbarn, sondern die
gesamte Region und die Welt zu einer Bedrohung
machen würden. Unsere Politik hat dazu beigetragen, daß der Iran für seine Aktionen bezahlt. Das
Land wurde wirksam von der Kreditvergabe durch
internationale Finanzinstitutionen ausgeschlossen.
Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten in der
G-7 haben den Verkauf von Waffen unserer Nationen
an den Iran beendet. Wir haben uns geweigert, in
sicherheitsempfindlichen Bereichen wie bei der
Atomenergie mit dem Iran zusammenzuarbeiten und
verschärften die Handelsbeschränkungen bei möglicherweise waffenfähigen Gegenständen.
Wie Sie alle wissen, hatten wir damit nicht immer
Erfolg. Die jüngsten Nachrichten über das Abkommen zum Verkauf von russischen Gaszentrifugen an
den Iran sowie zur Ausbildung iranischer Nukleartechniker durch russisches Lehrpersonal sind beunruhigend. Da der Iran über mehr als genug Erdöl für
seine Energieversorgung verfügt, müssen wir davon
ausgehen, daß er diese Technologie zur Entwicklung
seiner Kapazitäten für den Bau von Atomwaffen
einsetzen will.
Die Vereinigten Staaten haben ein enormes Interesse
daran, die Weiterverbreitung dieser Waffen zu
bekämpfen. Und Rußland hat als Nachbar des Iran
ein besonderes Interesse an der Erreichung dieses
Ziels. Wenn Rußland den Verkauf von Atomreaktoren fortsetzt, wird es dieses Ziel unterhöhlen.
Wir haben energisch auf eine Revidierung dieser
Entscheidungen gedrängt, und ich werde Präsident
Jelzin bei meinem Moskaubesuch in einigen Tagen
meine Gründe direkt vortragen. Ich wende mich vor
allem an meine amerikanischen Mitbürger, wenn ich
sage: Viele Menschen haben leidenschaftlich argumentiert, der beste Weg zur Veränderung des iranischen Verhaltens sei, das Land einzubeziehen.
Bedauerlicherweise gibt es dafür keine Beweise.
Vielmehr haben die letzten beiden Jahre genau das
Gegenfeil bewiesen. Der Appetit des Iran auf den
Erwerb und die Entwicklung von Nuklearwaffen und
ihren Trägersystemen ist nur noch größer geworden.
Selbst im Angesicht zunehmender Erfolgschancen für
den Friedensprozeß im Nahen Osten hat der Iran
seine Rolle als Anstifter und Zahlmeister von Terroristen noch erweitert. Und nichts deutet darauf hin,
daß weitere Einbeziehung diesen Kurs verändert.
Aus diesem Grund habe ich vergangenen Monat, als
die Firma Conoco ein Milliardenprojekt zur Erschließung iranischer Ölreserven bekanntgab, das Projekt

Seite 3

�mit Hilfe eines Präsidialerlasses blockiert, der amerikanischen Unternehmen die Finanzierung, Kontrolle
oder Verwaltung iranischer Ölreserven untersagt.
Conoco entschied sich jedoch, auf das Geschäft zu
verzichten. Und ich möchte hinzufügen, daß Edgar
Bronfman einer der entschiedensten Gegner war.
Als bedeutender Aktionär bei Conoco hätte er
finanzielle Vorteile gehabt. Er stellte jedoch - wie so
oft in seinem Leben - die Interessen der Öffentlichkeit über seine Eigeninteressen.
Ich habe mir meine Entscheidung nicht leicht gemacht. Eines der wichtigsten Merkmale unserer
Außenpolitik ist die Erschließung neuer Märkte im
Ausland und die aggressive Unterstützung unserer
Unternehmen beim Wettbewerb sowie der Schaffung
amerikanischer Arbeitsplätze. Es gibt jedoch Zeiten,
in denen bedeutende Wirtschaftsinteressen noch
wichtigeren Sicherheitsinteressen weichen müssen.
Und wir leben in einer solchen Zeit.
Daher gebe ich heute abend bei diesem festlichen
Abendessen zu Ehren eines großen Vorkämpfers für
die Freiheit offiziell meine Absicht bekannt, sämtliche
Handels- und Investitionstätigkeit mit dem Iran
einzustellen und nahezu alle anderen wirtschaftlichen Aktivitäten zwischen unseren Nationen auszusetzen. Ich habe mir diesen Schritt nicht leicht
gemacht, bin jedoch davon überzeugt, daß die
Verhängung eines Handelsembargos gegen den Iran
für unsere Nation das beste Mittel ist, den Bestrebungen dieses Landes zum Erwerb zerstörerischer
Waffen sowie seiner fortgesetzten Unterstützung
terroristischer Aktivitäten Einhalt zu gebieten.
Der Präsidialerlaß, den ich nächste Woche unterzeichnen will, umfaßt nicht nur den Energiesektor,
sondern alle amerikanischen Exporte in den Iran
sowie alle Investitionen amerikanischer Unternehmen
und ihrer Niederlassungen. Unseren Schätzungen
zufolge wird das Embargo begrenzte Auswirkungen
auf unsere Unternehmen und Arbeitnehmer haben.
Nach Prüfung aller Optionen habe ich jedoch entschieden, daß wir selber Opfer bringen und eine
Führungsrolle übernehmen müssen, wenn wir
andere Nationen zu Opfern veranlassen wollen, um
das Verhalten des Iran zu ändern. Bei meinen
Gesprächen mit Präsident Jelzin und den führenden
Politikern der G-7 im Juni in Halifax werde ich die
anderen Ländern dazu auffordern, ähnliche oder
parallele Maßnahmen zu ergreifen.
Sie sollen wissen, daß ich gegen den Vorschlag bin,
einen sekundären Boykott zu verhängen und ausländischen Firmen, die Geschäfte mit dem Iran
abwickeln, Geschäfte mit amerikanischen Unternehmen zu untersagen. Das befürworte ich nicht.
Meines Erachtens würde eine solche Entscheidung

Seite 4

zu einem Zeitpunkt, an dem wir die Kooperationsbereitschaft unserer Freunde benötigen, die Beziehungen zu unseren Verbündeten unnötig belasten.
Mein Beschluß zur Verhängung des Embargos sollte
dem Iran und der ganzen Welt die unverminderte
Entschlossenheit der Vereinigten Staaten vor Augen
führen, alles in unserer Macht Stehende zu unternehmen, um dem Verhalten und den Ambitionen
dieser Nation Beschränkungen aufzuerlegen.
Es wäre ein Fehler, nichts zu unternehmen. Es wäre
ein Fehler, nichts zu tun, während der Iran weiterhin
den Besitz von Atomwaffen anstrebt. Es wäre falsch,
angesichts der überwältigenden Beweise für die
Unterstützung des Terrorismus durch Teheran, der
den Friedensbeginn bedroht, nicht zu handeln.
Die Sicherung eines dauerhaften und umfassenden
Friedens muß unsere oberste Priorität sein. Kern
dieser Bestrebungen sind natürlich weiterhin enge
Beziehungen zwischen Israel und den Vereinigten
Staaten. Wir müssen jedoch denjenigen die Stirn
bieten, die den Frieden zunichte machen und selbst
nach Erlangung des Friedens die Zukunft zerstören
könnten.
Unsere Strategie funktioniert. Araber und Israelis
haben sich nie zuvor so oft getroffen, sind so frei
gereist und waren sich nie zuvor so stark bewußt,
daß ihre gemeinsame Zukunft in Frieden und Wohlstand ein dringliches Anliegen aller ist. Wenn sie
bereit sind, auf diesem Weg weiterzugehen, werden
die Vereinigten Staaten mit ihnen an einer hoffnungsvollen Zukunft arbeiten. Und wir werden nicht ruhen,
bis überall Frieden herrscht.
Vor einem halben Jahr hatte ich die große Ehre,
Jerusalem einen Besuch abzustatten, nachdem wir
den Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel
unterzeichnet hatten. Ich äußerte den Mitgliedern der
Knesset gegenüber, die Feinde des Friedens würden
keinen Erfolg haben, weil sie der Vergangenheit,
nicht der Zukunft angehören. Wir müssen uns dafür
einsetzen, diese Behauptung wahr werden zu lassen.
Außenminister Peres äußerte, es tue ihm leid, daß
wir unseren Feind verloren hätten. Und wir alle
lachten ein wenig verunsichert, weil wir wußten, daß
seine Äußerung ein Körnchen Wahrheit enthält. Wir
hatten ein so klares Feindbild, als es die Sowjetunion,
den Kalten Krieg und die massive nukleare Bedrohung gab. Heute gibt es keine Sowjetunion, keinen
Kalten Krieg und erstmals seit dem Anbruch des
Atomzeitalters keine auf amerikanische Kinder
gerichteten sowjetischen Raketen. Das ist ein Grund
zu feiern und zur Freude.

AMERIKA DIENST 17

�Ich werde Ihnen jedoch sagen, was meines Erachtens die Bedrohung des 21. Jahrhunderts sein wird,
die sich bereits weltweit abzeichnet: Die hier anwesenden Kinder sollten in der interessantesten, wohlhabendsten und vielfältigsten Welt in der gesamten
Menschheitsgeschichte aufwachsen. Alle Kräfte, die
uns noch oben bringen und zusammenführen,
enthalten jedoch eine versteckte Möglichkeit für
Böses; die Kräfte der Integration, die die Welt
verbessern und integrieren, enthalten die Saat der
Zerstörung. Die große Herausforderung im 21.
Jahrhundert wird darin bestehen, die Chancen zu
erkennen, die Technologie, Freizügigkeit, offene
Gesellschaften und der Abbau von Grenzen zwischen den Nationen bieten, ohne von den einigen
Kräften innewohnenden Gefahren und Bedrohungen
völlig absorbiert zu werden. Das ist die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Denn das Böse in
der menschlichen Natur ist noch nicht ausgerottet.
Je offener und flexibler wir sind, desto ungeschützter
sind wir vor den Kräften des organisierten Bösen.
Das haben Sie in Oklahoma City gesehen. Das
zeigt sich an dem schrecklichen Vorfall mit religiösen
Fanatikern, die einen Giftgasanschlag auf die japanische U-Bahn verübten. Das sehe ich in Rußland;
jetzt fordert es von mir die Einrichtung eines FBIBüros, da das organisierte Verbrechen auf seine
Banken übergreift. Als ich ins Baltikum reiste,
drückte man in Riga den Wunsch nach Hilfe bei der
Strafverfolgung aus, denn nachdem das totalitäre
Regime im Baltikum abgesetzt wurde, machen sich
die Menschen dort Sorgen, daß ihr Hafen ein Umschlagplatz für Drogen und andere Zerstörungsmittel
wird. Und genau das passiert im Nahen Osten.
Warum verüben in Israel die Terroristen Sprengstoffanschläge auf unschuldige Menschen? Weil der
einzige Weg, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu schaffen, in Bewegungsfreiheit zwischen

*

AMERIKA DIENST 17

*

beiden Gebieten besteht. Und wenn diese Bewegungsfreiheit bedeutet, daß Unschuldige sterben
müssen, muß die israelische Regierung Schranken
errichten, weil ihr Volk das fordert. Wenn das geschehen ist, sinkt das Einkommen im palästinensischen Gebiet, wodurch der Frieden zum Scheitern
verurteilt ist. Offenheit macht Frieden möglich und
beinhaltet die Bedrohung, ihn zunichte zu machen.
Das ist im kleinen eine Darstellung der Herausforderung des 21. Jahrhunderts.
Wenn Sie heute abend nach Hause gehen und
darüber nachdenken, werden sie erkennen, daß
nahezu jedes moderne Problem auf diese Weise
erklärt werden kann. Die Kräfte des Fortschritts, der
Chancen und Integration enthalten allesamt die Saat
ihres Mißbrauchs durch das organisierte Böse. Wir
alle müssen ihm die Stirn bieten.
Das Bibelbuch der Sprüche sagt, es werde einen
Umsturz der Bösen geben, und sie würden nicht
mehr sein; das Haus der Gerechten werde jedoch
stehenbleiben.
Während meiner baptistischen
Erziehung erzählten uns alle Prediger, das würde erst
am Ende der Menschheitsgeschichte geschehen,
wenn wir uns alle im Jenseits befänden. Niemand
kann das wissen, aber ich behaupte, daß Edgar
Bronfman das Anbrechen des Tages beschleunigt, an
dem das Haus der Gerechtigkeit steht; und dazu
müssen wir alle beitragen.
Dies kann für die Menschheitsgeschichte eine großartige Zeit sein, und unsere Kinder und Enkel können
eine großartige Zukunft vor sich haben, weil es
Menschen wie Edgar Bronfman gibt. Die Herausforderung ist klar: Können wir bewirken, daß die
Kräfte des Terrors Vergangenheit werden? Ja, das
können wir, aber wir müssen uns dafür einsetzen.
Ich danke Ihnen. Gott schütze Sie.

*

*

Seite 5

�Wl R T S C H A F T
10. Mai 1995

Wirtschaftliche Stile und
transatlantische Wirtschaftskultur
Rede von Janice F. Bay
MAINZ - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die Janice F. Bay, die Gesandte für Wirtschaft der
Amerikanischen Botschaft in Bonn, auf der Konferenz "Gibt es eine atlantische politische Kultur" der
Staatskanzlei Rheinland-Pfalz am 6. Mai 1995 in Mainz hielt.

Ich möchte Ihnen sehr herzlich für die Einladung zu
dieser Veranstaltung danken. Ich freue mich besonders, daß Sie die Wirtschaft als Teil der politischen
Kultur verstehen, denn ich bin der Meinung, daß die
transatlantische Wirtschaftskultur sich zu einem der
wesentlichen Bausteine der Beziehungen zwischen
Amerika und Europa entwickeln wird. Deshalb,
glaube ich, waren sie gut beraten, der Wirtschaft bei
dieser Konferenz einen Platz einzuräumen.
In der Vergangenheit, vor allem in den Zeiten des
Kalten Krieges, war dies nicht immer der Fall. Die
Abwehr der kommunistischen Bedrohung und die
Sicherheitspolitik standen im Vordergrund. Sie
waren das gemeinsame Band, das Europa und
Amerika zusammenhielt. Grundlegenden Konsens in
wirtschafts- und handelspolitischen Fragen setzten
wir einfach voraus.
Natürlich hatten wir auch enge wirtschaftliche
Beziehungen, und sie waren ein nicht zu unterschätzendes Element in der Tragfähigkeit unserer
Beziehungen während der Auseinandersetzung mit
der Sowjetunion. Der Glaube an die Überlegenheit
freier marktwirtschaftlicher Systeme hat immer schon
zu den Grundelementen der transatlantischen
Wertegemeinschaft gehört. Und der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme hat noch
einmal die Richtigkeit dieser Annahmen eindrucksvoll
bestätigt.
Mit dem Ende des Kalten Krieges fällt natürlich die
sicherheitspolitische Geschäftsgrundlage nicht weg.
Wir haben viele gemeinsame sicherheitspolitische
Aufgaben zu lösen. Die Geoökonomie wird nicht
einfach die Geopolitik ablösen. Doch spielt unsere
sicherheitspolitische Zusammenarbeit nicht mehr
ganz die Rolle, die sie in früheren Tagen gespielt
hat. Früher gab es ein sicherheitspolitisches Netz,

AMERIKA DIENST 17

das viele Konflikte aus anderen Bereichen wie etwa
der Wirtschaft auffing.
Dieses Netz existiert heute nicht mehr im gleichen
Umfang. Und das hat Konsequenzen auch für
unsere Wirtschaftsbeziehungen. Heute ist die Gefahr
größer, daß wirtschaftliche Interessengegensätze
aufbrechen und nicht mehr aus sicherheitspolitischen
Überlegungen zurückgestellt werden. Der Kalte Krieg
hat auch immer die kommerzielle Rivalität zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa verdeckt, die es
neben der wirtschaftlichen Kooperation immer schon
gab.
Doch nach Ende des Kalten Krieges tritt die Tatsache
deutlicher hervor, daß wir auch wirtschaftliche Konkurrenten sind.
Dies müssen wir ausdrücklich
begrüßen. Denn es sind unsere Unternehmen, die
miteinander konkurrieren, und uns so ein besseres
Angebot an Gütern und Dienstleistungen zu besseren
Preisen ermöglichen. Präsident Clinton hat immer
wieder betont, daß wir uns dem weltweiten Wettbewerb stellen wollen, "that we want to compete, not
retreat". Wir wollen uns nicht hinter protektionistische
Schutzwälle zurückziehen, sondern offensiv die
Marktchancen nutzen, die sich unseren Unternehmen
auf dem Weltmarkt bieten.
Wir sehen dazu keine Alternative, denn ohne offene
Märkte im Ausland kann man die protektionistischen
Stimmen im eigenen Lande nicht zum Schweigen
bringen und auch nicht die Arbeitsplätze schaffen, um
den tiefgreifenden Strukturwandel zu bewältigen.
Diesen Strukturwandel haben viele amerikanische
Unternehmen unter dem Stichwort "lean production"
oder "reengineering the corporation" zum Teil unter
schmerzlichen Verlusten für Management und Arbeitnehmer hinter sich gebracht.

Seite 1

�Die Clinton-Administration hat die Notwendigkeit
anerkannt, die einheimischen Bedingungen zur
Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Darum hat das wirtschaftspolitische Programm des
Präsidenten in den letzten zwei Jahren konsequent
die Notwendigkeit eines Abbaus des Haushaltsdefizits und der Begünstigung von staatlichen
investiven Aufgaben vor den konsumptiven hervorgehoben. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem
Ausbau beruflicher Aus- und Weiterbildung, der
marktgerechten, zivilen Forschungs- und Technologieförderung und dem Ausbau der öffentlichen
Infrastruktur.
Durch diese Umstrukturierung haben amerikanische
Firmen ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedergewonnen.
Zudem kommt ihnen ein wesentlich günstigerer
Dollarkurs als in den 80er Jahren zugute. Gerade in
den zukunftsträchtigen Hochtechnologiebereichen
wie der Computer- und Softwareindustrie, der
Telekommunikation, der Biotechnologie und fortgeschrittenen Dienstleistungen mit hoher Wertschöpfung wie audiovisuelle Dienstleistungen und
Multimedia-Anwendungen, die ein ungeheures
Potential bieten, sind amerikanische Unternehmen
Weltspitze. Zu Recht pochen diese Unternehmen
auf einen ihrer Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsfähigkeit entsprechenden Weltmarktanteil.
Freier Marktzugang und Marktöffnung im Ausland
sind für diese Unternehmen unverzichtbar. Aus
diesem Grunde ist fairer und unbehinderter Marktzugang eines der Hauptanliegen unserer Außenwirtschaftspolitik. Zunehmend haben wir auch die
staatlichen Anstrengungen verstärkt, Wachstumsmärkte - die sogenannten "big emerging markets" zu identifizieren und unseren Firmen zu helfen, auf
ihnen Fuß zu fassen.
Das heißt, wir haben es hier mit einer zweiten
Dimension der Konkurrenz zu tun. In gewissem
Sinne konkurrieren nicht nur unsere Firmen untereinander, sondern die Staaten stehen in einem gewissen Wettbewerb darüber, welchen Regeln der
Wettbewerb der Firmen folgen soll. Dies ist eine Art
Wettbewerb zwischen den verschiedenen marktwirtschaftlichen Systemen und ihren Regulierungssystemen. Die Fragen lauten hier, wie soll der
Marktzugang gestaltet werden, unter welchen
Bedingungen kann von außen in geschützten
Bereichen wie der Telekommunikation investiert
werden, welchen Investitionsschutz gibt es, welche
Rolle muß das Wettbewerbs- und Kartellrecht
spielen, wie muß die öffentliche Auftragsvergabe
gestaltet werden und welchen Zugang hat man zu
Märkten, die von öffentlichen Monopolen beherrscht
werden.

Seite 2

Die Beantwortung dieser Fragen bestimmt immer
mehr, welche Chancen Ausländer auf einem fremden
Markt haben. Diese Fragen greifen auch zunehmend
in inländische Rechts- und Regulierungssysteme ein
und stellen althergebrachte nationale Regelungen
und Regime auf den Prüfstand des internationalen
Wettbewerbs. Diese Konstellation birgt nach Ende
des Kalten Krieges sowohl Risiken als auch Chancen.
Risiken insofern, als nach Wegfall des sicherheitspolitischen Auffangnetzes aus der Zeit des Kalten
Krieges, das eine fundamentale transatlantische
Solidarität begründete, die Auseinandersetzungen um
die neuen Regeln des Wettbewerbs zu Dauerspannungen oder gar Handelskriegen eskalieren könnten.
Ich halte diese Gefahr zwar für gering, aber man
kann auch umgekehrt die transatlantische Wirtschaftskooperation einfach als selbstverständlich
hinnehmen und schwelende Konfliktpotentiale ignorieren, bis sie um so schärfer hervorbrechen.
Umgekehrt besteht aber auch im Wegfall der sicherheitspolitischen Geschäftsgrundlage unserer
Beziehungen eine große Chance für die Wirtschaftsbeziehungen. Es ist nämlich durchaus vorstellbar,
daß sie selbst zum Hauptpfeiler der transatlantischen
Beziehungen werden. Damit müßten die wirtschaftlichen Beziehungen eine wesentlich größere Last
tragen, und es wäre gerade ihre Störung, die zu einer
Eintrübung unserer generellen Beziehungen führen
könnte. Andererseits tut sich ein großes Potential
auf, neue, zivile Strukturen zu schaffen, die unsere
Nationen um so enger aneinander binden. Diese
Bindungen würden auf der Vielfalt der Beziehungen
von Firmen, Individuen und Organisationen beruhen
und wesentlich größere gesellschaftliche Tiefe
erreichen, als es politische und militärische je tun
können.
Zur Beantwortung der Frage, welche Szenarien denn
eintreten könnten - erhöhte wirtschaftliche Spannungen oder vertiefte Kooperation - ist es in der Tat
hilfreich, sich mit den unterschiedlichen wirtschaftlichen Stilen und den Aussichten für eine transatlantische Wirtschaftskultur zu beschäftigen. Meine These
ist, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen Stile eher
das kooperative Szenario begünstigt. Je mehr sich
wirtschaftliche Stile, Strukturen und Markttrends
annähern, um so wahrscheinlicher ist die Stärkung
der transatlantischen Wirtschaftskultur.
Die Vereinigten Staaten sind eine "entrepreneurial
society" par excellence. Die Freiheit des einzelnen
Wirtschaftssubjekts, sei es nun eine Einzelperson
oder eine Firma, sich unternehmerisch zu betätigen,
gehört zu den allgemein akzeptierten Grundregeln in
Amerika. Der Staat hat in den USA historisch eine
untergeordnete Rolle gespielt. Zum Beispiel ist der

AMERIKA DIENST 17

�Staatsanteil am Bruttosozialprodukt bei uns immer
niedrigerer als in Europa gewesen, und der Staat ist
selten als Unternehmer aufgetreten. Und selbst bei
Netzmonopolen wie bei den Versorgungsunternehmen und Transport- und Verkehrsunternehmen
haben wir stets privatwirtschaftliche Lösungen
vorgezogen, allerdings unter staatlicher Aufsicht.
Eine starke Rolle haben wir dem Staat jedoch bei
der Wettbewerbsauf sicht und dem Kartellrecht eingeräumt. Kartellbehörden und Gerichte haben für
ausgeprägte Wettbewerbsstrukturen in den Vereinigten Staaten gesorgt. Der Telefonmarkt bei uns
ist durch eine Gerichtsentscheidung in einem Kartellfall aufgebrochen worden. Auch die Bankenaufsicht
hat dazu beigetragen, Machtkonzentration im Bankensektor zu verhindern. Die Trennung von Geschäfts- und Investitionsbanken hat auch dazu
geführt, daß Banken nicht größere Beteiligungen
besitzen und kartellartige Konglomerate und Firmengruppen bilden. Japanische Keiretsu-Strukturen mit
festen Zuliefer- und Vertriebsnetzen konnten sich in
den Vereinigten Staaten nicht ausbilden. Dieses
Strukturmerkmal begründet die fundamentale Offenheit des amerikanischen Marktes.
Ganz im Einklang mit dem Bekenntnis zum Wettbewerb hat der Staat in den Vereinigten Staaten nur
in geringem Ausmaß strukturkonservierende Politik
betrieben. Unternehmen, die sich nicht mehr am
Markt halten können - so ist der Konsens in allen
politischen Parteien - sollten verschwinden. Erhaltungsubventionen waren nie populär. Eine Situation
wie beim deutschen Steinkohlebergbau wäre in den
USA unvorstellbar. Undenkbar wäre dagegen in
Europa, daß man fest etablierte Firmen wie PanAm
oder TWA, Flaggschiffe der amerikanischen Luftfahrtindustrie, einfach vom Markt verschwinden läßt.

günstigeren Preisen geschaffen hat.
Ohne die
Deregulierung wäre der Telekommunikationssektor in
den USA, was sowohl die Vielfalt der angebotenen
Dienste als auch die technologische Infrastruktur
betrifft, nicht einer der fortschrittlichsten auf der Welt.
Zudem sind fortgeschrittene Telekommunikationsleistungen ein strategisches Vorprodukt für eine
ganze Reihe von wichtigen neuen Industrie- und
Dienstleistungssektoren. Ein dynamischer Telekommunikationssektor mit robustem Wettbewerb strahlt
auf die gesamte Volkswirtschaft aus.
Staats- und Sozialinterventionismus sind in den
Vereinigten Staaten viel schwächer als in Europa
ausgebildet.
Der Wohlfahrtsstaat hatte nie die
gleiche Legitimität wie in Europa, was auch den
Erfolg der Republikaner bei den letzten Kongreßwahlen erklärt. In Europa dagegen gehört soziale
Sicherheit bei allen gesellschaftlichen Kräften zu den
zentralen Werten. In den Vereinigten Staaten setzen
wir mehr auf dynamische Arbeitsplatzentwicklung,
gesellschaftliche Durchlässigkeit und Aufstiegschancen durch die Entwicklung von neuen Firmen und
Dienstleistungen. Nach Angaben der OECD ist in
den USA in den letzten 35 Jahren die Gesamtbeschäftigung um 80 Prozent gestiegen, in Europa
dagegen nur um 10 Prozent. Pro 1.000 Erwerbsfähige sind in den USA in den 80er Jahren 55 neue
Arbeitsplätze entstanden, in Deutschland 13 verschwunden. Seit 1980 ist die Arbeitslosenrate in den
Vereinigten Staaten kontinuierlich unter dem europäischen Durchschnitt geblieben, gegenwärtig beträgt
sie nur die Hälfte.

Dieser Trend zu mehr Wettbewerb ist durch die
Deregulierung seit den 70er Jahren noch verstärkt
worden. Ehemals durch staatliche Aufsichtsbehörden vor Wettbewerb geschützte Bereiche wie der
Luft-, Eisenbahn- und Straßenfernverkehr sind dem
Wettbewerb ausgesetzt worden. Das gleiche gilt für
die Telekommunikation, die Medien und die Energiewirtschaft. Vor kurzem hatten wir die erste Auktion
von Radiofrequenzen in den Vereinigten Staaten.
Die Deregulierung bringt schöpferische Unruhe in
das Wirtschaftsleben. Sie schafft wettbewerbsfähigere Firmen, neue und bessere Angebote für
Konsumenten und führt zu starkem Arbeitsplatzwachstum, wenn auch nicht immer bei den alteingesessenen Firmen.

Auch ist es ein Mythos, daß in den Vereinigten
Staaten nur schlecht bezahlte Arbeitsplätze entstanden sind. Zwischen 1980 und 1990 sind pro
1.000 Erwerbsfähige 47 Arbeitsplätze in überdurchschnittlich bezahlten Management-, Technik- oder
Verwaltungsstellen entstanden.
In Deutschland
betrug die entsprechende Zahl dagegen nur 20. Die
Schlußfolgerung daraus lautet, wenn man auf vermeintliche Billigjobs bei McDonalds und ähnlichen
Unternehmen verzichtet, verzichtet man auch auf die
gut bezahlten Managerjobs in diesen Branchen.
Entscheidend in den USA war eine dynamische,
unbehinderte Entfaltung im Service-Sektor. Hätte
sich der Service-Sektor in Deutschland im gleichen
Maße entwickelt wie in den Vereinigten Staaten, gäbe
es 4,7 Millionen Arbeitsplätze mehr in Deutschland.
Allerdings darf man auch nicht die Schattenseite der
Arbeitsmarktdynamik in den USA verschweigen: Das
Einkommen gering qualifizierter Arbeitskräfte stagnierte in den 80er Jahren oder ging gar zurück.

Diesen Prozeß haben wir gut bei der Telekommunikation beobachten können, wo die Deregulierung
ganz neue Märkte, Technologien und Produkte zu

Aus unserer Sicht sind die europäischen Volkswirtschaften immer von zu viel Staatseinfluß bestimmt.
Gerade in den südlichen europäischen Ländern

AMERIKA DIENST 17

Seite 3

�dominieren ineffiziente, durch Subventionen gestützte Unternehmen, die bei freier Konkurrenz nicht wettbewerbsfähig wären. Zu denken ist etwa an einige
europäische Stahlfirmen, aber auch staatliche Luftfahrtgesellschaften. In vielen Ländern existiert auch
eine Vielzahl von staatlich regulierten oder geschützten Monopolen, die keine Wettbewerber zulassen
und häufig auch durch geschlossene und privilegierte Lieferbeziehungen ausgezeichnet sind.
Für ausländische Anbieter ist es äußerst schwer, auf
diesen Märkten ins Geschäft zu kommen, was wir
gerade auf dem deutschen Markt für Kraftwerksausrüstung erfahren, wo es für unsere auf dem Weltmarkt höchst wettbewerbsfähigen Anbieter fast
unmöglich ist, mit günstigen Angeboten bei öffentlichen Ausschreibungen in Deutschland Erfolg zu
haben.
Die traditionellen Hoflieferanten haben
immer die besseren Karten, da es auf geschlossenen Märkten nicht darauf anzukommen scheint,
welche Preise für die Inputs verlangt werden. Die
Abnehmer und Kunden der Energieerzeuger zahlen
letztlich den Preis dafür.
Derartige Strukturen
erschweren natürlich auch die Kooperation mit
internationalen Partnern, Beteiligungen und Joint
Ventures. In manchen Bereichen sind Direktinvestitionen, die die Voraussetzung für Marktzugang sind,
praktisch oder gesetzlich ausgeschlossen.
Besonders nachteilig haben sich staatlich geschützte
monopolistische Märkte in der Telekommunikation
ausgewirkt. Sie haben nicht nur zum Ausschluß von
ausländischer Konkurrenz geführt, sondern auch
Innovationen und günstigere Preise und Leistungen
verhindert. Ein Grund für den schwindenden Anteil
deutscher Gerätehersteller auf dem Telekommunikationsweltmarkt war das Fehlen von Konkurrenz und
dynamischer Nachfrage nach neuer Technik bei
Telekommunikationsdienstleistungen im Inland.
Nun kann man argumentieren, daß die Unterschiede
in unseren Wirtschaftstrukturen und -Stilen auch
bisher die transatlantische Kooperation nicht behindert haben. Ausweitung des Handels und vertiefte
Zusammenarbeit sind auch bei unterschiedlichen
Strukturen von verschiedenen marktwirtschaftlichen
Systemen möglich. Doch verkennt diese These, daß
die Weltwirtschaft durch zunehmenden Handel und
Direktinvestitionen immer enger verflochten wird.
Das heißt, die Früchte früherer Kooperation machen
eine weitere Vertiefung der Kooperation und der
Angleichung der Strukturen nötig.
Der Außenhandel wird heute immer stärker von
Direktinvestitionen, der Präsenz eines produktiven
Standbeins im Markt des Handelspartners, angetrieben.
Die weltweiten Umsätze amerikanischer
Firmen stellen unsere Exporte in den Schatten.

Seite 4

1992 betrugen unsere Exporte 500 Milliarden Dollar,
die Verkäufe amerikanischer Firmen im Ausland
insgesamt dagegen 1,5 Billionen Dollar, wovon mehr
als die Hälfte auf Europa entfällt.
Handelsschranken an den Grenzen sind nicht die
einzigen Hindernisse, auf die Firmen stoßen. Für
Firmen, die weltweit tätig sind, wird es zum kritischen
Hindernis, wenn man in bestimmte Bereiche de jure
oder de facto nicht investieren kann, wenn bestimmte
Dienstleistungen nicht angeboten werden können
oder übermäßig reguliert sind, wenn z.B. bestimmte
Telekommunikationsdienste nicht zur Verfügung
stehen oder wenn bestimmte Produkte nicht frei von
den bevorzugten Quellen bezogen werden können.
Derartige Konstellationen hemmen den Güterfluß und
wirtschaftliche Aktivitäten zwischen Nationen.
Die Zunahme der Verflechtungen in einer sich
globalisierenden Weltwirtschaft übt jedoch ständig
Druck aus, Wirtschaftsstrukturen anzupassen oder
stärker miteinander kompatibel zu gestalten. Wird
dieser Anpassungsprozeß von der Politik nicht
behindert, sondern aktiv unterstützt, dann werden
divergierende Wirtschaftsstile kein so großes Hindernis für die transatlantische Kooperation mehr darstellen. Wachsende Verflechtung durch Joint-ventures, Direktinvestitionen, Beteiligungen, strategische
Allianzen, Austausch von Personal, gemeinsame
Ausbildungs- und Qualifikationsmerkmale lassen die
Unterschiede in den Wirtschaftsstilen immer geringer
werden. Viele führende Manager wie David Herrmann von Opel und Ron Sommoer von der Deutschen Telekom haben Erfahrung auf beiden Seiten
des Atlantiks gesammelt.
Auch in politisch beeinflußten Wirtschaftsstrukturen
können wir so etwas wie zunehmende Konvergenz
entdecken. Der europäische Binnenmarkt ist ja ein
bahnbrechender Versuch, die nationalen Wirtschaftsstile in Europa zu vereinheitlichen und einen Markt
ohne Grenzen und Unterschiede zu scharfen.
Einheitliche Regeln sollen bei Investitionen, Dienstleistungen und auf allen Gütermärkten gelten, ein
Vorhaben, das wir rückhaltlos unterstützen, solange
auch an die Interessen von Drittländern wie den
Vereinigten Staaten gedacht wird. Wir haben den
ausdrücklichen Wunsch, daß sich in Europa ein
einheitlicher Wirtschaftsstil durchsetzt, der von Offenheit und Liberalität gekennzeichnet ist.
In allen industrialisierten Ländern hat sich in den
vergangenen 15 Jahren ein Trend zur Deregulierung,
Privatisierung und Aufbrechung von Monopolen
durchgesetzt. In fast allen europäischen Ländern
werden die Telekommunikationsdienste, der Verkehr
und die Medienmärkte liberalisiert und privatisiert,
was auch neue Chancen für ausländische Anbieter

AMERIKA DIENST 17

�mit neuen Produkten und Technologien schafft.
Wettbewerb und neue Marktchancen sind die
Gebote der Stunde. Doch die Anpassung verläuft
keineswegs in eine Richtung. In den USA hat die
Clinton-Administration erkannt, daß eine wettbewerbsfähige Industriegesellschaft nicht ohne leistungsfähige Krankenversicherungssysteme, ein gut
funktionierendes Berufsbildungssystem und eine
marktbezogene staatliche Forschungs- und Technologiepolitik auskommt. Auf diesen Gebieten nähern
wir uns eher Europa an.
Konfliktmindernd zwischen Europa und Amerika wirkt
die Tatsache, daß unsere Wirtschaftsbeziehungen im
großen und ganzen sehr ausgeglichen sind. Seit
1970 haben wir in manchen Jahren ein Handelsdefizit mit Europa gehabt und in anderen einen
Überschuß. Doch wenn man Überschüsse und
Fehlbeträge über einen Zeitraum von 25 Jahren
zusammenrechnet, so sind unsere Handelsströme
absolut ausgeglichen. Dies steht in deutlichem
Kontrast zu Asien. Obwohl das Handelsvolumen
insgesamt größer ist als der Handel mit Europa,
haben wir seit 1970 auf kumulierter Basis Defizite in
Höhe von mehr als einer Billion Dollar zu verzeichnen gehabt, mit Japan allein in der Höhe von 700
Milliarden Dollar. Handelsbeziehungen zwischen
uns und Europa sind nicht in dem gleichen Maße
durch strukturelle Hemmnisse und Verzerrungen
belastet wie die mit Asien.
Auch sind unsere Investitionsbeziehungen eng. Mehr
als 50 Prozent der europäischen Auslandsinvestitionen befinden sich in den USA, und 50 Prozent der
amerikanischen in Europa. Siemens beschäftigt
40.000 amerikanische Mitarbeiter. BMW und Mercedes sind die jüngsten Beispiele für das Engagement
europäischer Firmen auf dem amerikanischen Markt.
Aufgrund dieser engen Verflechtung und der Ausgewogenheit unserer Handelsbeziehungen bin ich
ziemlich zuversichtlich, daß sich das Ende des
Kalten Krieges nicht negativ auf unsere Beziehungen
auswirkt und sich wirtschaftliche Konflikte im Zaum
halten lassen, auch wenn der sicherheitspolitische
Zwang zur Kooperation entfallen ist. Gleichfalls
dürfen wir aber auch nicht selbstzufrieden werden
und den guten Stand der Wirtschaftsbeziehungen als
selbstverständlich voraussetzen. Das Zusammenwachsen der Volkswirtschaften und die Anpassung
unterschiedlicher Wettbewerbstrukturen werden nicht
reibungslos vonstatten gehen, sondern bergen
Konfliktstoff in sich.
Auf einige Probleme wie öffentliche Beschaffung,
wettbewerbsmindernde, marktabschottende Kartelle
und Zusammenschlüsse, Investitionsbeschränkungen, Quoten bei Fernsehen und neuen Medien bin

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ich schon eingegangen. Zu erwähnen ist natürlich
auch noch der Agrarmarkt. Alle diese Bereiche
brauchen ein zukunftsorientiertes Problemmanagement, wenn es nicht zu Verstimmungen und Störungen im transatlantischen Verhältnis kommen soll.
Das heißt, daß wir einen verläßlichen formalen
Rahmen entwickeln müssen, in dem wir mit diesen
Konflikten umgehen können. Das gilt um so mehr,
als die Clinton-Administration der Wirtschaft einen
zentralen Stellenwert in der Außenpolitik einräumt.
Kommen wir aber zu langfristigen und tragfähigen
Problemlösungen, so steigen auch die Chancen
immens, daß sich die wirtschaftlichen Beziehungen
zu dem zentralen Pfeiler der transatlantischen Beziehungen entwickeln. Damit wäre auch die Gefahr
gebannt, daß sich nach Wegfall der kommunistischen
Bedrohung ein Vakuum auftut, das langfristig zu
transatlantischer Entfremdung und Indifferenz führen
könnte. Kurz, wir brauchen eine neue ökonomische
Architektur für die transatlantischen Beziehungen,
und diese Architektur könnte so etwas wie das
transatlantische Haus werden.
In den letzten Monaten sind eine Reihe von Vorschlägen gemacht worden, wie man diese ökonomische Architektur institutionalisieren könnte.
Sie
reichen von einem europäisch-amerikanischen
Vertrag, über einen europäisch-amerikanischen
Wirtschaftsraum bis zu einer Nordatlantischen Freihandelszone, die von Außenminister Kinkel, dem
kanadischen Premierminister Chretien und von dem
amerikanischen Gewerkschaftsführer Lane Kirkland
angeregt worden ist. Daß es notwendig ist, die
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zu vertiefen, steht außer Frage. Augenblicklich jedoch
unterstützen wir keinen bestimmten formalen Vorschlag, und es gibt keine offizielle Position zu der
Entwicklung eines formalisierten Rahmens wie einer
atlantischen Freihandelszone.
Wie der Staatssekretär für Welthandel im US-Wirtschaftsministerium, Jeffrey Garten, bei seinem
Besuch letzter Woche in Deutschland gesagt hat, ist
es noch verfrüht, über ein so komplexes und anspruchsvolles Vorhaben wie eine Freihandelszone zu
sprechen. Statt dessen haben wir einen transatlantischen business dialogue zwischen den Firmen und
großen Verbänden beiderseits des Atlantiks angeregt,
um Ziele und Visionen einer neuen transatlantischen
Wirtschaftsarchitektur zu entwickeln. Wir glauben,
daß diejenigen, die tagtäglich in die Praxis der
Wirtschaftsbeziehungen eingebunden sind und die
Probleme des Wirtschaftsalltags kennen, wesentlich
besser geeignet sind, die Problemslösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die ein tragfähiges Fundament
für ein formalisiertes Rahmenwerk abgeben können,
als akademische Theoretiker oder Beamte. Die

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�spezifischen Themen liegen praktisch auf der Straße
und sind den meisten Firmen schon seit Jahren
vertraut.
Möglich ist, daß es hier vorerst zu Teillösungen
kommt. Doch ein derartiger Dialog zwischen Firmen
und Wirtschaftsvertretern wird ein wesentlicher
Baustein für die Vertiefung und den Ausbau der
transatlantischen Wirtschaftskultur sein, die in den
nächsten Jahren zu dem Fundament unserer Bezie-

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hungen überhaupt werden könnte. Die entstehende
transatlantische Wirtschaftskultur ist kein Konstrukt,
sondern durch die Verflechtungen unserer Volkswirtschaften schon Realität geworden. Deshalb wird sie
in den nächsten Jahren eine immer wichtigere Rolle
im transatlantischen Dialog spielen und dazu beitragen, daß auch das politische Gerüst unserer Handels- und Investitionsbeziehungen immer tragfähiger
wird.

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