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Herausgeber. U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

16

3. Mai 1995

AUSSENPOLITIK

DER PREIS DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE
Rede von Anthony Lake

USA-EUROPA

DIE OSZE UND IHRE ROLLE FÜR
DIE SICHERHEIT IN EUROPA
Rede von Sam W. Brown

WIRTSCHAFT

DIE USA UND EUROPA - NEUE CHANCEN
UND STRATEGIEN
Rede von Staatssekretär Garten

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-3341 02

�AUSSENPOLITIK
3. Mai 1995

Der Preis der amerikanischen Führungsrolle
Rede von Anthony Lake
WASHINGTON - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir eine Rede, die der Nationale Sicherheitsberater,
Anthony Lake, am 27. April 1995 bei einer vom Woodrow Wilson Center und dem Bretton Woods Committee
geförderten Veranstaltung des nationalen Presseclubs in der Bundeshauptstadt Washington hielt.

Ich möchte mit einer einfachen, aber alarmierenden
Tatsache beginnen: Es könnte sein, daß die Vereinigten Staaten am Rande einer einseitigen Abrüstung stehen.

ausgesetzt, die unserer Nation diese Ressourcen
vorenthalten wollen.
Unsere Politik weltweiten
Engagements ist unter Beschuß und die amerikanische Führungsrolle in Gefahr.

Erregt das Ihre Aufmerksamkeit?
denn es ist die Wahrheit.

Einige dieser Neoisolationisten handeln aus Überzeugung. Sie argumentieren, das Ende der sowjetischen Bedrohung sei gleichbedeutend mit dem
Verschwinden ernster Gefahren, wir sollten uns nach
innen wenden und mit unseren innenpolitischen
Angelegenheiten befassen. Die Festung Amerika
kann ihnen zufolge neue Gefahren außen vor lassen,
aber einige der neuen, uns konfrontierenden Bedrohungen - wie nukleare Weiterverbreitung, Terrorismus, schnelles Bevölkerungswachstum und Zerstörung der Umwelt - machen nicht vor Grenzen halt.

Ich hoffe doch,

Nein, wir wollen nicht unsere Jets verschrotten oder
unsere Schiffe versenken. Unser Militär ist stark und
einsatzbereit - und es besteht in beiden Parteien ein
starker Konsens, das aufrechtzuerhalten. Aber wir
sind kurz davor, viele der anderen Instrumente, die
Amerika während der letzten 50 Jahre zum Erhalt
unserer Führungsrolle in der Welt einsetzte, wegzuwerfen oder zumindest zu beschädigen. Hilfe für
neuentstehende Märkte, Wirtschaftshilfe zum Erhalt
des Friedens, internationale Friedenssicherungsprogramme zur Bekämpfung von Terrorismus und
Drogenhandel, Auslandshilfe - zusammen mit einem
starken Militär waren dies die Schlüsselinstrumente
unserer Außenpolitik.
Seit Harry Truman haben unsere Präsidenten diese
Werkzeuge zur Förderung amerikanischer Interessen
eingesetzt - zum Erhalt unserer Sicherheit, zur
Ausweitung unseres Wohlstands und Förderung von
Demokratie. Ihre Bestrebungen wurden von Demokraten und Republikanern sowie der Mehrheit des
amerikanischen Volkes unterstützt. Der Kongreß
stellte folgerichtig die für diese Aufgaben erforderlichen Ressourcen bereit.
Aufgrund dieser mit
militärischer Macht gekoppelten Entschlossenheit
haben wir im Kalten Krieg über einen langen Zeitraum hinweg die Oberhand behalten, unsere Sicherheit gestärkt und unseren Menschen einzigartigen Wohlstand verschafft.
Ich bin jedoch fest davon überzeugt, daß unser
Erfolg gefährdet ist. Er ist Angriffen aus dem
rechten und linken Lager der Neoisolationisten

AMERIKA DIENST 16

Die meisten Neoisolationisten vertreten jedoch keine
solche Position und bezeichnen sich nicht einmal als
Isolationisten. Sie halten sich für einen Bestandteil
des überparteilichen Konsenses der Nachkriegszeit
sowie für Vertreter der Ziele Demokratie, Sicherheit,
Frieden und Wohlstand. Aber sie lassen ihren
Worten keine Taten folgen.
Diese selbsternannten Verfechter der Demokratie
würden in Schwierigkeiten befindlichen Demokratien
Hilfe verweigern.
Sie loben die amerikanische
Führungsrolle, widersetzen sich jedoch der Führungsrolle Amerikas in Koalitionen und befürworten statt
dessen unilaterale Aktionen.
Sie preisen zwar den Frieden, kürzen aber anschließend unsere Hilfsleistungen für diejenigen, die um
des Friedens willen Risiken eingehen. Sie verlangen
mehr Wohlstand, schrecken jedoch vor der harten
Arbeit einer Öffnung der Märkte für amerikanische
Arbeitnehmer und Unternehmen zurück. Unter dem
Deckmantel einer Verringerung des Haushaltsdefizits
drohen sie, der amerikanischen Führungsrolle den
Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Seite 1

�Dies sind die heimlichen Isolationisten - und sie sind
zahl- und einflußreicher als diejenigen, die sich offen
für einen Rückzug der Vereinigten Staaten aussprechen. Sie lesen die Meinungsumfragen und
wissen daher, daß das amerikanische Volk das
Engagement der Vereinigten Staaten in der Welt
wünscht. Die Unterstützung für eine amerikanische
Führungsrolle in der Welt ist so stark wie eh und je einer Untersuchung des Chicago Council on Foreign
Relations zufolge unterstützen mehr als zwei Drittel
der Bevölkerung ein entschiedenes Engagement.
Diese heimlichen Isolationisten und Unilateralisten
spielen die Rolle der wahren Hüter amerikanischer
Macht. Aufgrund ihrer Aktionen werden sie jedoch
zu den Urhebern des amerikanischen Rückzugs.
Sie treten für eine Führungsrolle Amerikas ein,
wollen diese jedoch auf eine Weise, auf die man sie
nicht erlangen kann - auf die billige Art.
Sie wollen, daß Amerika 50jährigem Erfolg den
Rücken kehrt. Sie arbeiten - ob bewußt oder
unbewußt - an der Zerstörung der Grundlage unseres Friedens und Wohlstands, des großen Vermächtnisses unserer Politiker der Nachkriegszeit: Vandenberg, Truman, Marshall, Acheson. Diese Männer
hatten ihre eigenen Schwierigkeiten mit den Isolationisten. Sie sahen jedoch, daß der Preis unseres
verfrühten Rückzugs nach Versailles entsetzlich
hoch gewesen war - sahen das an den Trümmern in
Europa und Asien nach dem Zweiten Weltkrieg und
den Opfern, die Amerika bei der Befreiung dieser
Kontinente bringen mußte. Und sie verstanden, daß
Investitionen in eine aktive Außenpolitik den einzigen
Weg zur Verhinderung einer weiteren Katastrophe
darstellten.
Sie kannten den Preis einer Führungsrolle. Sie
gaben das Nötige für den Erhalt amerikanischer
Sicherheit aus. Darüber hinaus schufen sie die
Vereinten Nationen und die Institutionen von Bretton
Woods, bezahlten diese Rechnungen, retteten
Westeuropa durch den Marshallplan vor Verzweiflung und Kommunismus und entwickelten - ebenso
wie ihre Nachfolger in späteren Administrationen die neuen Instrumente technischer Hilfe, damit
Demokratie und Wohlstand weltweit eine größere
Chance bekamen.
Schauen Sie sich das Ergebnis an: Die Landkarte
ist nahezu voll von Demokratien, von denen viele
starke Verbündete sind. Es werden Märkte erweitert, die Bedürfnisse erfüllen und Träume wahr
werden lassen. Die Weltwirtschaft fördert Beschäftigung und Wohlstand der Vereinigten Staaten. Dies
sind die Früchte 50jähriger politischer und wirtschaftlicher Investitionen Amerikas im Ausland - der
Nutzen von 50 Jahren überparteilichen Engagements.

Seite 2

Diese Errungenschaften sind jedoch nicht in Stein
gemeißelt. Wir werden diese Früchte nicht automatisch weiter ernten. Der heimliche Isolationismus
droht, uns in die falsche Richtung zu drängen - zu
einem Zeitpunkt realer Hoffnung, an dem wir mit
unserem Engagement wirklich etwas bewirken
können, indem wir unseren Sieg im Kalten Krieg
sichern, anstatt ihn zu vergeuden.
Wir könnten diesen Sieg verwirken, denn die Demokratie bedarf vielerorts noch der Pflege. Einige
Marktwirtschaften haben noch keine tiefen Wurzeln.
Und die Welt nach dem Kalten Krieg hat reale und
mächtige Gefahren neu beleuchtet, die das bedrohen,
wofür wir uns eingesetzt haben: Aggression durch
verbrecherische Staaten, internationaler Terrorismus,
wirtschaftliche Zerrüttung. Dies sind neue Formen
eines alten Konflikts - des Konflikts zwischen Freiheit
und Unterdrückung, des Konflikts zwischen den
Verteidigern offener Gesellschaften und ihren Feinden.
Es gibt kein Verfallsdatum für diese in fünf Jahrzehnten gelernten Lektionen: Die Verteidigung vor diesen
Gefahren erfordert dauerhaftes Engagement und
tatkräftige Politik. Für die Verteidigung sind Ressourcen vonnöten. Probleme mit Geld zuzuschütten, läßt
sie nicht verschwinden - aber wir können Probleme
auch nicht ohne Geld lösen. Der Maßstab für eine
amerikanische Führungsrolle sind nicht nur die Stärke
und Anziehungskraft unserer Werte, sondern auch
das, was wir zur Lösung der schwierigen Fragen
einbringen. Aus diesem Grund hat Präsident Clinton
dem Neoisolationismus den Kampf angesagt.
Um Mißverständnissen vorzubeugen: Das amerikanische Volk wünscht eine Führungsrolle unserer
Nation. Die Amerikaner wissen, daß die Welt immer
kleiner wird, daß unsere Sicherheit und unser Wohlstand von unserem Engagement im Ausland abhängig sind. Und sie stimmen dem Präsidenten zu,
der vor und nach seiner Amtsübernahme äußerte:
"Wenn Amerika im Inland stark sein will, muß es sich
im Ausland engagieren."
Viele Amerikaner äußern auch, sie wünschten eine
Verringerung der Ausgaben für auswärtige Angelegenheiten - bis sie die wirklichen Zahlen kennen. Die
meisten sind der Ansicht, wir würden 15 Prozent oder
mehr unseres Etats für Auslandshilfe aufwenden. Sie
halten 5 Prozent für angemessen.
Sie wären schockiert zu erfahren, daß wenig mehr
als 1 Prozent - 21 Milliarden Dollar aus einem Budget
von 1,6 Billionen Dollar - für die Außenpolitik ausgegeben werden, und weniger als 16 Milliarden Dollar
für Auslandshilfe. Das ist viel Geld, aber kein so
großer Batzen unseres Haushalts wie die Neoisolatio-

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�nisten vorgeben. Und das sind real 21 Prozent
weniger als im Haushaltsjahr 1986. Sie wären
erstaunt zu hören, daß andere Länder sich viel
realistischer der Notwendigkeit dieser Aufwendungen
bewußt sind als wir. Die reichste und mächtigste
Nation auf der Erde - die Vereinigten Staaten - liegt
unter den 25 Industriestaaten - was den Auslandshilfeanteil des Bruttosozialprodukts betrifft - an letzter
Stelle.
Dies sind Fakten, über die wir besser Bescheid
wissen sollten. Und mehr unserer Bürger sollten
wissen, daß unsere außenpolitischen Ressourcen für
Ziele eingesetzt werden, die das amerikanische Volk
unterstützt:
6.6 Milliarden Dollar jährlich zur Förderung des
Friedens - einschließlich unserer Bestrebungen
im Nahen Osten, der Hilfe für unsere Verbündeten zu ihrer eigenen Verteidigung und unseres
Beitrags zu UN-Friedenssicherungsmissionen auf
der ganzen Welt, beispielsweise auf den Golanhöhen, an der irakisch-kuweitischen Grenze und
in Kambodscha.
2,4 Milliarden Dollar zum Aufbau von Demokratie
und Förderung des Wohlstands, wie der Unterstützung Südafrikas bei freien Wahlen und
friedlicher Umgestaltung.
5 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe, darunter
Beschäftigungs- und Infrastrukturprogramme für
Haiti zum Wiederaufbau dieser Nation.
1.7 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe - wie
Versorgung von Flüchtlingskindern im ehemaligen Jugoslawien - denn die Amerikaner wollten
schon immer, daß ihr Land zur Linderung großer
Not beiträgt.
Die verbleibenden Gelder sind für das Außenministerium und andere Behörden vorgesehen,
die sich täglich für die Förderung amerikanischer
Interessen im Ausland einsetzen.
Das ist der Preis der amerikanischen Führungsrolle von dem die heimlichen Isolationisten nicht wollen,
daß wir ihn zahlen.
Aber stellen Sie sich eine Welt vor, in der wir das
nicht täten. Machen wir doch den sogenannten
George Bailey-Test. Erinnern Sie sich an George,
der im Weihnachtsklassiker "It's a Wonderful Life"
von Jimmy Stewart gespielt wird. In diesem Film
macht der Engel Clarence mit George eine Reise
durch die Zeit und zeigt ihm, wie die Welt ohne ihn
ausgesehen hätte und daß Bedford Falls ohne ihn
auseinandergefallen wäre.

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Ich möchte kurz die Rolle von Clarence übernehmen
und Ihnen eine Welt ohne die Führungsrolle Amerikas
präsentieren. Stellen Sie sich eine Welt vor,
in der die Ukraine, Belarus und Kasachstan
dem Club der erklärten Atomwaffenstaaten
beitreten, weil wir keine Übereinkunft über ihre
Entnuklearisierung treffen konnten,
in der russische Raketen immer noch auf
unsere Städte gerichtet sind, weil uns keine
Änderung ihrer Zielkoordinaten gelang,
in der Tausende von Einwanderern versuchen,
mit Booten über unsere Grenzen ins Land zu
gelangen, weil wir nicht zur Wiederherstellung
der Demokratie in Haiti beitrugen,
in der nicht in den letzten drei Jahren nahezu
eine Million Arbeitsplätze geschaffen wurden weil wir nicht die amerikanischen Exporte
förderten,
in der wir einen Krieg auf der koreanischen
Halbinsel führen müssen - die Auswirkung von
Forderungen einiger Kritiker - weil wir der Bedrohung durch nordkoreanische Nuklearwaffen
nicht begegneten,
in der eine weitere Viertelmillion Menschen in
Ruanda sterben muß, weil wir nicht unser
Militär entsandten und in den Flüchtlingslagern
so gute Arbeit leisteten,
und in der wir Milliarden Dollar zahlen und
noch mehr Opfer zu beklagen haben, weil wir
darauf bestanden, die Operation Wüstensturm
gegen den Irak im Alleingang durchzuführen.
Stellen Sie sich diese Welt vor. Jede unserer Bestrebungen kostete Geld und erforderte harte Arbeit bei
der Bildung internationaler Koalitionen. Aber Sie und
ich sind sicherer und in einer besseren Lage, wir
genießen mehr Freiheit, weil Amerika diese Investitionen getätigt hat. Wenn die heimlichen Isolationisten
ihren Willen durchsetzen, könnte vieles, für das wir
uns seit über zwei Generationen eingesetzt haben,
verloren gehen.
Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt
Gingrich, beschrieb vor kurzem eine Welt im Falle
eines Rückzugs der Vereinigten Staaten auf sich
selbst. Er sprach von einem "dunklen und blutbefleckten Planeten ... auf dem Sie in Bosnien, Ruanda
und Tschetschenien ohne unsere Anwesenheit enden
werden" und fügte hinzu: "Dies sind die Vorboten
eines 21. Jahrhunderts, das viel schrecklicher ist als

Seite 3

�alles, was wir in einem halben Jahrhundert amerikanischer Führungsrolle gesehen haben."
Das muß nicht so sein. Wenn wir weiterhin in
Demokratie, Rüstungskontrolle, Stabilität in den
Entwicklungsländern und neue, Wohlstand bringende
Märkte investieren, können wir ein weiteres halbes
Jahrhundert amerikanischer Führungsrolle gewährleisten.
Aufgrund der in den letzten Jahren getroffenen
Entscheidungen können wir jedoch bisweilen nicht
einmal einen bescheidenen Beitrag zu Bestrebungen
leisten, die unsere Unterstützung verdienen. Amerika ist eine großartige Nation - aber wir können nicht
die geringe Summe Geldes aufbringen, die zur
Unterstützung der Friedenssicherungskräfte in
Liberia erforderlich ist, wo eine Million Menschen von
einem erneuten Bürgerkrieg bedroht sind. Oder die
Gelder für eine angemessene Finanzierung der UNMenschenrechtsbeobachter in Ruanda. Wir können
kaum unseren Verpflichtungen bei der Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen Serbien nachkommen.
Das ist keine Nachfolge für die heroischen Errungenschaften des Kalten Krieges. Und ich kann mir nicht
vorstellen, daß dies der amerikanischen Vision von
einer Führungsrolle in der Welt entspricht. Meiner
entspricht das jedenfalls nicht.
Eine Politik, bei der jeder Pfennig umgedreht wird,
führt langfristig zu höheren Kosten. Prävention ist
preiswert und erregt nicht die Aufmerksamkeit der
Medien. Wenn das alles sehende Auge des Fernsehens im Ausland wirkliches Leiden erspäht, wünschen die Amerikaner zu recht, daß ihre Regierung
etwas dagegen unternimmt.
Die Finanzierung
großangelegter humanitärer Bestrebungen nach
einer Tragödie oder die Entsendung unserer Streitkräfte ins Ausland führen zu Kosten, die um ein
vielfaches höher sind als Investitionen in präventive
Maßnahmen.
Manchmal müssen wir den Preis für eine kurzsichtige Politik in unserer unmittelbaren Umgebung
zahlen: 1993 kürzte der Kongreß unseren ohnehin
äußerst bescheidenen Finanzierungsantrag für die
Bekämpfung des Schmuggels von Drogen in unser
Land um nahezu ein Drittel - und die Geldmittel
hierfür sind seitdem real stetig gesunken. Folglich
schrauben wir Programme zur Eindämmung der
Drogenproduktion und Verhinderung ihres Imports
ebenso zurück wie Ausbildungsprogramme für
Polizei, Staatsanwälte und Richter in anderen
Ländern. Amerika bezahlt einen weitaus höheren
Preis in Form von Verbrechen und zerstörten Existenzen.

Seite 4

Dies sind einige der Einschränkungen, mit denen wir
in den letzten Jahren leben mußten. Jetzt wird die
amerikanische Führungsrolle jedoch mit einer viel
klareren und präsenteren Gefahr konfrontiert. Durch
die derzeit im Kongreß ausgearbeitete Haushaltsgesetzgebung könnten die für auswärtige Angelegenheiten vorgesehenen Gelder um nahezu ein
Viertel - oder 4,6 Milliarden Dollar - verringert werden.
Das würde zu drastischen Einschnitten oder sogar
der Einstellung von Hilfe für einige Nachfolgestaaten
der ehemaligen Sowjetunion sowie von Sicherheitsprogrammen führen, die Freunde und Verbündete der
Vereinigten Staaten bei ihrer eigenen Verteidigung
unterstützen. Ferner würde unser Beitrag zu internationalen Friedenssicherungsoperationen beträchtlich verringert oder gestrichen. Dadurch würden
Behörden wie die Gesellschaft für Privatinvestitionen
in Übersee (OPIC) oder die Export-Import-Bank
lahmgelegt, die für die Ausweitung amerikanischer
Exporte eine Schlüsselrolle spielen. Unsere Nichtverbreitungsbestrebungen sowie unser Amt für Rüstungskontrolle und Abrüstung (Arms Control and
Disarmament Agency - ACDA) gerieten in Gefahr.
Die Unterstützung für einige, das Leben von Kindern
rettende Hilfsprogramme würde eingestellt.
Diese Kürzungen würden das Vermächtnis der von
uns übernommenen Führungsrolle zerstören. Die für
eine Führungsrolle erforderliche Stärke fällt nicht vom
Himmel. Sie kostet Mühe und setzt Mittel voraus.
Ein neoisolationistischer Haushalt würde unser
strategisches Interesse am Aufbau der Demokratie in
Rußland und den Staaten des früheren Warschauer
Pakts unterminieren und hätte direkte Auswirkungen
auf die Sicherheit der Vereinigten Staaten: Wir
müssen auch in Zukunft die von den Senatoren Nunn
und Lugar eingeleiteten weitblickenden Programme
zur Verringerung von Atomwaffenarsenalen in der
ehemaligen Sowjetunion finanzieren. Die 350 Millionen Dollar an Nunn-Lugar-Mitteln ermöglichten der
Ukraine den Abbau ihres Arsenals und den Beitritt
zum Nichtverbreitungsvertrag.
Das machte es
einfacher, uns von dem nuklearen Abgrund aus der
Zeit des Kalten Krieges zurückzuziehen - und ungefähr 20 Milliarden Dollar jährlich bei strategischen
Nuklearstreitkräften einzusparen. Dies ist nur ein
weiteres anschauliches Beispiel dafür, wie sich
unsere außenpolitischen Ausgaben buchstäblich
bezahlt machen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Bestrebungen beeinträchtigen, den Bau von Atomwaffen durch verbrecherische Staaten und Terroristen
zu verhindern. Wir geben über einen Zeitraum von
drei Jahren 35 Millionen Dollar aus, um Tausende
von Nuklearwissenschaftlern in der ehemaligen
Sowjetunion bei zivilen Forschungsprojekten zu

AMERIKA DIENST 16

�beschäftigen. Das ermöglicht ihnen, dem nuklearen
Arbeitsmarkt fernzubleiben und ihre Fähigkeiten
nicht an Staaten vom Schlage eines Irak oder Iran
zu verkaufen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Beteiligung an weltweiten Friedenssicherungsoperationen der Vereinten Nationen - die unseren Interessen dienen - nahezu beenden. Seit Harry Truman
haben amerikanische Präsidenten sie aus Vernunftgründen unterstützt. Insbesondere Präsident Bush
sah ihren Wert: Im vergangenen Jahr wurden
nahezu 60 Prozent unserer Beitragszahlungen an
die Vereinten Nationen für Operationen verwendet,
die mit Unterstützung seiner Administration eingeleitet wurden. Sein Außenminister James Baker
verteidigte diese Operationen in überzeugender
Weise mit seiner Äußerung: "Wir haben Billionen
Dollar ausgegeben, um den Kalten Krieg zu gewinnen und sollten jetzt bereit sein, Millionen Dollar zur
Sicherung des Friedens bereitzustellen."
Dies ist die beste Form von Lastenverteilung. Die
UN-Friedensoperationen
entheben uns der Notwendigkeit, amerikanische Streitkräfte in wichtige Gebiete, beispielsweise Zypern oder den indischen Subkontinent - zu entsenden,
knüpfen dort an, wo unsere Truppen aufhörten, zum Beispiel an der irakisch-kuwaitischen Grenze. In Haiti sparen wir Gelder, da
die meisten unserer abgezogenen Streitkräfte
durch UNO-Truppen ersetzt wurden,
beteiligen sich in Namibia, Mozambik und
Kambodscha am Aufbau von Demokratie alles Missionen, an deren Planung wir mitwirkten. In Kambodscha handelten die Vereinten Nationen den Abzug vietnamesischer
Streitkräfte aus und hielten anschließend die
ersten demokratischen Wahlen in dem Land
ab. Nach jahrelangem Morden beteiligten
sich jetzt 90 Prozent der Bevölkerung an den
Wahlen - während die UN-Friedenstruppen sie
vor den Khmer Rouge schützten.
Wir würden weitaus mehr zahlen, wenn wir auch nur
eine kleine Anzahl dieser Missionen im Alleingang
durchführten. Statt dessen zahlen wir jetzt im Hinblick auf die Zahl der Soldaten und Geld einen
vernünftigen Preis: Von den weltweit entsandten
61.000 UNO-Blauhelmen sind nur3.300 Amerikaner.
Wir wenden umgerechnet ein halbes Prozent unseres Verteidigungshaushalts für UN-Friedensoperationen auf - weniger als ein Drittel des gesamten
Kostenaufwands der Vereinten Nationen und weni-

AMERIKA DIENST 16

ger als der Anteil der Europäer im Verhältnis zu ihren
Verteidigungsausgaben.
Wir nehmen nur nach
sorgfältiger Prüfung der Kommandoabsprachen und
Kosten an diesen Operationen teil - bekommen aber
durch unsere Fähigkeit zur Leitung multilateraler
Bestrebungen enormen Einfluß.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte unsere
Friedensarbeit gravierend unterhöhlen. Der Präsident
erklärte: "Amerika steht denjenigen zur Seite, die um
des Friedens willen Risiken eingehen." Das gilt in
Nordirland, in Südafrika, im Nahen Osten und weltweit.
Damit der Friedensprozeß im Nahen Osten fortgesetzt wird und die Verhandlungen in anderen
Regionen erfolgreich sind, müssen wir über die Mittel
zur Unterstützung derjenigen verfügen, die Risiken
eingehen.
Wir können die am Friedensprozeß
Beteiligten nicht von unserem Einsatz für einen
dauerhaften und gerechten Frieden überzeugen,
wenn wir unseren derzeitigen Verpflichtungen nicht
nachkommen. Das bedeutet die Aufrechterhaltung
der Hilfe an Israel, Ägypten und die Palästinenser
sowie die Erfüllung unserer Verpflichtung zum Schuldenerlaß für Jordanien. Im Nahen Osten stehen
unsere lebenswichtigen sicherheitspolitischen und
wirtschaftlichen Interessen auf dem Spiel. Wir dürfen
so kurz vor dem Sieg nicht die Hände in den Schoß
legen und den Gegnern des Friedens das Spielfeld
überlassen.
Ein neoisolationistischer Haushalt könnte jahrzehntelange Investitionen in die Demokratie wertlos machen. In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der
Demokratien auf der Welt nahezu verdoppelt - und
unser Amt für internationale Entwicklung (Agency for
International Development - AID) leistet den meisten
Neulingen Hilfe. Beispielsweise trug in Mozambik,
das jahrelange Kämpfe hinter sich läßt, von AID
geleistete Hilfe zur Registrierung von 6 der potentiell
8 Millionen Wähler bei und ließ die dortigen Wahlen
zu einem Erfolg werden. Zu einem Zeitpunkt, an
dem die dortigen Gesellschaften auf besonders
unsicheren Füßen stehen, sollte nicht diese Lebensader der Demokratie durchgetrennt werden.
Ein neoisolationistischer Haushalt würde unserem
eigenen Auskommen direkt schaden. Unsere Volkswirtschaft ist abhängig von neuen Märkten für amerikanische Waren und hochbezahlten Arbeitsplätzen für
amerikanische Arbeitnehmer. Aus diesem Grund war
Präsident Clinton führend bei den Bestrebungen zur
Ausweitung des Freihandels durch das bedeutende
GATT-Abkommen, die Nordamerikanische Freihandelszone (NAFTA) sowie die Freihandelsabkommen in der asiatisch-pazifischen Region und auf dem
gesamten amerikanischen Kontinent. Und diese

Seite 5

�Administration hat sich meines Erachtens stärker als
jede andere tür die Exportförderung eingesetzt.
Betrachten Sie sich beispielsweise, wo wir ohne die
Bestrebungen des Wirtschaftsministeriums in dieser
Hinsicht wären. Die Mitarbeiter von Wirtschaftsminister Brown haben im vergangenen Jahr mit
anderen Behörden Exportgeschäfte für amerikanische Unternehmen im Wert von 46.000 Dollar
abgeschlossen - Geschäfte zur Bewahrung von
300.000 amerikanischen Arbeitsplätzen.
In den meisten Fällen konnten wir diese Übereinkünfte schließen, weil die Vereinigten Staaten sich in
diesen Ländern seit Jahren engagiert hatten. Betrachten Sie sich zwei Statistiken: In einigen Ländern haben AID-Programme zur Erhöhung der
Lebenserwartung um ein Jahrzehnt beigetragen.
Jedes Jahr werden durch die Impfprogramme von
AID drei Millionen Menschenleben gerettet. Diese
Statistiken machen nicht nur im humanitären Bereich
Hoffnung, sondern sind auch Teil der Bestrebungen
zur Schaffung stabiler Gesellschaften mit Verbrauchern, die unsere Waren kaufen wollen - nicht mit
Massen von Opfern, die unserer Hilfe bedürfen.
Zusätzlich fördert unsere Unterstützung multilateraler
Entwicklungsbanken Wirtschaftswachstum und
Wohlstand der Nationen. Wir leisten einen Beitrag
von 1,8 Milliarden Dollar, während die anderen
Nationen 7 Milliarden Dollar beisteuern - und dieses
Kapital führt zur Bereitstellung von mehr als 40
Milliarden Dollar an Krediten. Eine Einstellung
unserer Beitragsleistungen käme einem Verlust
unseres Einflusses gleich. Andere würden vielleicht
unserem Beispiel folgen, was zu einer Lahmlegung
dieser bedeutenden Institutionen führen könnte.
Die heimlichen Isolationisten, die den Anspruch
erheben, amerikanisches Geld zu sparen, haben
einen sehr begrenzten Horizont: Unsere Hilfe hat
sich bereits Hunderte von Malen ausgezahlt. Das
galt für die Marshallhilfe, die nach dem Krieg die
europäischen Märkte wiederbelebte und gilt in
Südkorea, wo die derzeitigen jährlichen Importe
amerikanischer Güter sich bereits auf das Dreifache
des Wertes unserer in nahezu 30 Jahren geleisteten

Hilfe belaufen.
Obwohl wir unsere Tradition der Hilfsleistungen
beibehalten, reformieren wir ihre Praxis. AID ist zu
einem Labor für die Bestrebungen Vizepräsident
Gores zur Umstrukturierung der Regierung geworden - das Amt schafft 27 Missionen im Ausland ab
und reduziert die Zahl seiner Mitarbeiter um 1.200.
Mit der neuen Partnerschaftsinitiative verbessern wir
unser Hilfsprogramm noch weiter - indem wir uns auf
die örtliche Ebene konzentrieren. Dadurch sollen die

Seite 6

Bestrebungen nichtstaatlicher Organisationen verstärkt und der Anteil unserer Hilfsleistungen für sie
auf 40 Prozent erhöht werden, denn diese Organisationen arbeiten vor Ort und sind flexibler als die
entfernten nationalen Regierungen. Das gewährleistet eine bessere Verwendung unserer Mittel und
leistet diesen Nationen Hilfe zur Selbsthilfe.
Jeder hier Anwesende ist sich bewußt, daß es in
Amerika noch nie leicht war, Unterstützung für eine
aktivistische Außenpolitik zu finden.
Während der gesamten Geschichte unserer Republik
haben wir nie wirklich in der Isolation gelebt. In einer
Welt schneller Kommunikations- und Kapitalbewegungen ist das nicht möglich. Das ist kein Thema.
Buchstäbliche Isolation ist keine Option.
Zur Debatte steht, ob wir die Maßnahmen und
Ressourcen haben, unsere Einflußnahme so zu
gestalten, daß unsere Bürger in ihrem täglichen
Leben ihren Nutzen verspüren - sei es durch die
Öffnung von Märkten oder die Vermeidung von
Konflikten, in die wir hineingezogen werden könnten.
Als unsere Regierung kein Engagement zeigte,
mußten unsere Bürger einen sehr hohen Preis zahlen
- wie im Zweiten Weltkrieg nach einer Periode
unverantwortlichen Rückzugs der Vereinigten Staaten.
Unsere führenden Politiker der Nachkriegszeit hatten
die Gabe zu erkennen, daß Technologie und Macht
der Vereinigten Staaten die Welt verändert hatten
und wir uns nie wieder isolieren dürfen. Es war für
sie aber auch äußert schwierig, für diese Ansicht
Unterstützung zu finden, obwohl die Erinnerung an
den Krieg noch frisch war.
Präsident Truman mußte für seine Überzeugung
einen harten Kampf führen. Aber ein Ausländer hatte
erkannt, daß für Amerika der Moment zur Übernahme
einer Führungsrolle gekommen war - und sagte uns
das. Winston Churchill rüttelte die Nation mit seinem
Appell für eine engagierte Außenpolitik wach. Heute
erinnern wir uns vor allem, daß er den Begriff vom
"Eisernen Vorhang" prägte. Er bezeichnete außenpolitisches Engagement aber auch als "Lebensnerv
des Friedens", was ein Wortspiel mit einer Redewendung der Römer ist: "Geld ist der Lebensnerv des
Krieges". Die Botschaft Churchills lautete, daß die
Bewahrung des Friedens - ebenso wie die Kriegführung - Mittel erfordert.
Heute ist diese Botschaft so zutreffend wie eh und je.
Dies ist ein Moment außergewöhnlicher Hoffnung für
Demokratie und freie Märkte. Aber nichts ist unvermeidlich. Wir müssen weiterhin Engagement zeigen.
Wir müssen uns öffnen, anstatt uns nach innen zu

AMERIKA DIENST 16

�wenden. Eine Führungsrolle Amerikas in der Welt
ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Der
dafür zu zahlende Preis ist der Sache wert. Es ist

der Preis dafür, die Geschichte in unserem Interesse
zu beeinflussen,

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

Seite 7

�USA-EUROPA
3. Mai 1995

Die OSZE und ihre Rolle für die Sicherheit in Europa
Rede von Sam W. Brown
BONN - (AD) - In einer Rede vor der Adenauer-Stiftung legte der Vertreter der Vereinigten Staaten bei der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Sam W. Brown Jr., die amerikanische
Vision vom Beitrag der OSZE zu europäischer Sicherheit dar.
Nachfolgend veröffentlichen wir die von Sam W. Brown am 24. April 1995 gehaltene Rede.

Hannah Arendt hat uns geholfen, den Totalitarismus
als die große moralische und politische Bedrohung
des zwanzigsten Jahrhunderts zu erkennen. Ihre
Arbeiten zu diesem Thema sind wohlbekannt. Wir
haben diese Lektion gelernt und bei unserer Sicherheitspolitik entsprechend gehandelt.
Sie schrieb allerdings auch folgende, wenngleich
weniger bekannte Worte: "Die größte Gefahr dabei,
den Totalitarismus als den Fluch des Jahrhunderts
zu erkennen, liegt darin, sich so sehr auf ihn zu
konzentrieren, daß man die vielen kleinen und
weniger kleinen Übel, mit denen der Weg zur Hölle
gepflastert ist, nicht mehr sehen kann."
Im August werden es zwanzig Jahre, daß die
Schlußakte von Helsinki unterzeichnet wurde vierundzwanzig Jahre nach Hannah Arendts prophetischen Worten. Die Schlußakte von Helsinki erkennt diese "kleinen und weniger kleinen Übel" an
und weist uns einen anderen Weg - in Richtung
jenes Europas, das wir uns letztlich als Ergebnis der
Ost-West Konfrontation erhofften.
Die Schlußakte von Helsinki basiert auf der Überzeugung, daß eine Gesellschaft durch ihre Werte
definiert wird, und daß gemeinsame Werte beim
Aufbau einer gemeinsamen Zukunft hilfreich sein
können.

Helsinki, in der festgelegt wurde, wie Staaten mit
ihren Bürgern und ihren Nachbarn umzugehen
haben, wurde zu einem zentralen Element unserer
Beziehungen zu den europäischen Diktaturen.
Unsere Kollegen im Osten sprechen diesen Ideen
und den Bürgerbewegungen, die sie hervorgebracht
haben, große Bedeutung zu: Sie haben die Menschen ermutigt, für einen Wandel im Bereich der
Sowjetunion zu kämpfen.
Die Schlußakte von Helsinki definiert zahlreiche
Verhaltensnormen für staatliches Handeln:
Die
Vermeidung von Gewaltanwendung oder der Androhung von Gewalt, die Beachtung der territorialen
Integrität von Staaten sowie gleiche Rechte und
Selbstbestimmung für Völker. Sie nennt aber auch
ein wenig beachtetes, wenngleich zentrales Konzept:
Die inneren Angelegenheiten eines Staates sind dann
ein legitimes Anliegen anderer Nationen, wenn sie
Themen betreffen, die die Sicherheit einer Region
beeinflussen könnten, oder wenn es um politische
Freiheit und Menschenrechte geht. Diese radikale
Idee ist mittlerweile von den OSZE-Staaten akzeptiert
worden und hat die Beziehungen zwischen Regierenden und Regierten entscheidend verändert. Sie
macht deutlich, daß unsere gemeinsame Sicherheit
der Beachtung der Sicherheit jedes Individuums
bedarf.

Die Unterzeichner der Schlußakte waren keine
Neulinge in der Politik. Sie konnten jedoch nicht im
geringsten ahnen, wie tiefgreifend ihre Worte das
Europa des Jahres 1995 mitgestaltet haben.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion bestand
die Arbeit der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - dem Urheber der Schlußakte
von Helsinki - darin, sich in eine Organisation umzuwandeln und Mechanismen zur vollen Umsetzung der
Schlußakte von Helsinki zu schaffen.

Es war eine mächtige Wortwaffe, die da geschmiedet wurde, und diese Worte lagen in den darauffolgenden 15 Jahren dem politischen Dialog zwischen Ost und West zugrunde. Die Schlußakte von

Wir gingen einen Schritt in diese Richtung, als wir im
Dezember in Budapest aufhörten, eine Konferenz zu

AMERIKA DIENST 16

Seite 1

�sein, und zur Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa wurden.
Zehn Jahre zuvor war es einfacher, Bedrohungen in
Europa zu definieren und auf sie zu reagieren. Die
Bedrohung durch die totalitäre Ideologie - die sich im
politischen und militärischen Expansionsstreben der
Sowjetunion manifestierte - sowie die Gefahr eines
Atomkrieges waren deutlich und klar definiert. Sie
waren fünfundvierzig Jahre lang das zentrale Element unserer Sicherheitspolitik. Und offen gestanden haben wir unsere historisch wichtige Arbeit gut
gemacht. Wir haben sowohl die Institutionen als
auch den politischen Willen für die Arbeit mit ihnen
entwickelt.
Die NATO, die wichtigste Institution in diesem
Zusammenhang, stellt gerade die Weichen für ihre
zukünftige Erweiterung, um auf die neuen Manifestationen der sicherheitspolitischen Herausforderungen
zu reagieren.
Die neuen Bedrohungen sind allerdings so geartet,
daß existierende Mechanismen oder Organisationen
sie weder ganz direkt noch völlig eindeutig angehen
können. Es ist dieser Tage nicht möglich, eine so
saubere Analyse von Bedrohung und Reaktion
vorzunehmen, wie wir es aus der Zeit des Kalten
Krieges gewohnt waren.
So sind wir zum Beispiel immer noch verpflichtet, der
Bedrohung durch einen konventionellen Krieg
Rechnung zu tragen. Unsere Analyse wird jedoch
stärker von unseren Erfahrungen in Bosnien beeinflußt als von der Angst vor einen großangelegten
Krieg in einem geteilten Europa.
Die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags ist
von entscheidender Bedeutung, und wir werden
weiterhin die Bestrebungen zu seiner unbegrenzten
und bedingungslosen Verlängerung unterstützen.
Obwohl dadurch die Gefahr eines nuklearen Holocaust oder die eines Rüstungswettlaufs der Supermächte verringert wird, stellen Atomschmuggel oder
der Mißbrauch von Nukleartechnologie weiterhin
eine Bedrohung dar.
So haben sich die traditionellen Themen der Sicherheitspolitik geändert. Zusätzlich aber sind mit
dem Fall der beiden erzwungenen kommunistischen
Föderationen - der Sowjetunion und Jugoslawiens eine Vielzahl lange unterdrückter Probleme an die
Oberfläche gelangt.
Eines der vordringlichsten ist ein aggressiver Nationalismus. Dieser hat sich in vielen Staaten unserer
Region auf tragische Weise manifestiert.
Das
schlimmste Beispiel ist das ehemalige Jugoslawien.

Seite 2

In einem unlängst erschienenen Artikel argumentiert
Misha Glenny, daß Tito den vergiftenden Nationalismus, der Milosevic an die Macht brachte, gar nicht
erst hätte aufkommen lassen. Und Stalins brutale
Unterdrückung von Minderheiten hielt die Kräfte des
Separatismus im Zaum, die jetzt die Staaten der
ehemaligen Sowjetunion heimsuchen.
Der Preis, den wir für den Zusammenbruch dieser
totalitären Reiche bezahlen, ist ein Anschwellen des
Ethnozentrismus, der mit wachsender Xenophobie
einhergeht. Die fürchterlichen Auswirkungen dieser
Haltung werden immer deutlicher. Die Russische
Föderation ist über diese Entwicklungen so besorgt,
daß sie sie kürzlich in OSZE-Gesprächen über ein
neues Sicherheitsmodell für Europa als ihr Hauptanliegen bezeichnete.
Ein zweites Thema ist die zunehmend deutlicher
werdende Diskrepanz zwischen dem Prinzip der
Selbstbestimmung und dem Recht eines Staates auf
Sicherheit in seiner eigenen territorialen Integrität. In
Bosnien, Tschetschenien und der Türkei sind Spannungen zwischen Selbstbestimmungsbestrebungen
und Souveränität des Staates weiterhin Ursache von
Blutvergießen und Krieg. Dieselben Spannungen
gefährden auch die Zukunft Georgiens und Moldawiens.
Drittens. Obwohl sich viele Staaten auf dem Weg zur
Marktwirtschaft befinden, werden harte Arbeit und
Einfallsreichtum - die Säulen des marktwirtschaftlichen Systems - oft von der Schwerfälligkeit der
Institutionen und von korrupten Stellen zunichte
gemacht.
Das Problem wird durch ineffiziente,
planwirtschaftlich organisierte Fabriken noch erschwert, die ohne radikale Umstrukturierungen und
massive Neuinvestitionen - welche jedoch einfach
nicht vorhandenes politisches und finanzielles Kapital
erfordern würden - nicht konkurrenzfähig sind. Wenn
dann die Versprechungen von einer Erhöhung des
Lebensstandards aufgeschoben oder aufgehoben
werden, kann das zu politischer Instabilität führen.
Die OSZE bemüht sich, diese aufkeimenden Sicherheitsbedrohungen anzusprechen. Sie war eine
der ersten Institutionen, die erkannt hat, wo die
neuen Gefahren lauern und Antworten auf sie gesucht hat. Oft aber wird diese Arbeit nicht anerkannt.
Dies mag teilweise daran liegen, daß man sie vielfach als "Debattierklub" belächelt. Die vielen Gespräche haben allerdings die Funktion eines Ventils, vor
allem für jene Staaten, die in anderen wichtigen
regionalen Institutionen keine Stimme haben. Der
wöchentliche Meinungsaustausch zwischen Balten
und Russen, um nur ein Beispiel zu geben, bezeugt
dies.

AMERIKA DIENST 16

�Die Diskussionen sind allerdings weit mehr als nur
ein Ventil oder ein reiner Informationsaustausch.
Sie können auch als ein Frühwarnsystem für aufkeimende Probleme dienen. Immer wieder hören wir
von Beschwerden, Spannungen, Konflikten und
Sorgen, die zuerst in Wien angesprochen wurden.
Von Besuchern wird immer wieder die Offenheit
unserer Debatten hervorgehoben. Angesichts der
Vielzahl unserer Mitglieder und der großen Reichweite unseres Mandats gibt es kein Thema, das für
unsere Diskussionen nicht relevant ist. Um rechtzeitig handeln zu können, ist es zuallererst nötig, das
Problem zu kennen. Gut besuchte und häufige
Zusammenkünfte sind ein wichtiger Bestandteil
dieses Prozesses.
Die OSZE ist nicht unbedingt die beste Institution,
um alle Themen dieses Prozesses zu behandeln.
Im Gegenteil, wir können nur jene Themen effektiv
angehen, für die Lösungen auf freiwilliger Basis
möglich sind. Diese machen, wenn sie so wollen,
das kühlere Ende des Bedrohungsspektrums aus.
Das heißere Ende, das direkte militärische friedenschaffende Interventionen erfordert, ist der UNO und
der NATO überlassen. Es ist immer noch das
Kernstück des amerikanischen Engagements in
Europa. Aber von der Frühwarnung über Konfliktverhütung und Krisenmanagement bis zu Umständen, die eine Drittpartei zur Friedenserhaltung
erfordern, ist es die OSZE, welche die Instrumente
entwickelt, auf die man dann als erstes zurückgreifen
kann.
Über Jahre - die nicht immer frei von Rückschlägen
waren - haben wir Methoden für den Umgang mit
aufkommenden Disputen entwickelt. Manche dieser
Methoden sind traditioneller Natur, andere wiederum
sind ganz neu. Manche waren erfolgreich, manche
nicht. Wieder andere können erst nach einiger Zeit
beurteilt werden.
Die OSZE versucht manchmal, Konflikte durch
klassische Diplomatie zu verhindern, basierend auf
dem Prinzip des Konsenses von 52 Nationen. Dafür
bedarf es des politischen Dialogs, der Vermittlung
und einer Sachlage, die eindeutig als internationales
Anliegen definiert ist.
Die Arbeit des OSZE-Hochkommissars für Nationale
Minderheiten, des ehemaligen niederländischen
Außenministers Max Van der Stoel, fällt in diese
Kategorie. Er setzt seinen persönlichen Stil und sein
politisches Profil dafür ein, sein Vermittlungs- und
Beratungsgeschick auszubauen. Eine ganze Reihe
von Regierungen hat seine unauffällige Konsultationsarbeit für ihre Qualität und Rechtzeitigkeit
gelobt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen:

AMERIKA DIENST 16

Seine Bemühungen haben die Beziehungen zwischen
Ungarn und der Slowakei beeinflußt, bei der Entwicklung neuer Staatsbürgerschaftsgesetze in Lettland
und Estland geholfen und zum Abbau von Spannungen zwischen Griechenland und Albanien beigetragen.
Ein weiteres Beispiel einer geschickten Variante der
traditionellen Diplomatie war die Schaffung einer
OSZE-"Mission", welche im September des Jahres
1992 in die ehemalige jugoslawische Republik
Mazedonien entsandt wurde. Dies war ein schwieriger Moment. Wir fürchteten, daß der bosnische
Konflikt auf die Nachbarstaaten übergreifen könnte.
Es gab damals keine internationale Präsenz, und
Bedenken wurden kaum offen ausgesprochen.
Unsere Tätigkeit bestand in der Entsendung von
Menschen. Das war die erste greifbare Manifestation
des Interesses der internationalen Staatengemeinschaft an jener Situation.
Als deutlich wurde, daß tatsächlich eine sehr reale
Bedrohung der Sicherheit der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien vorlag, war die Mission
wesentlich daran beteiligt, den Vereinten Nationen
klarzumachen, daß dort eine größere Präsenz
vonnöten sei. Obwohl die Region immer noch
instabil ist, kam es zu keinem Übergreifen des
Konfliktes. Diese kleine, aber präventive Aktion der
OSZE spielte zweifelsohne eine Rolle bei der Erhaltung der Stabilität.
Die Mission in der ehemaligen jugoslawischen
Republik Mazedonien und auch die Missionen in der
Wojwodina, in Sanjak und im Kosovo waren bahnbrechende Bemühungen der gerade erst auf diese
Weise aktiv gewordenen KSZE. Seit diesen ersten
Missionen, die vor etwas mehr als zwei Jahren
stattfanden, sind wir in acht weiteren Krisenregionen
aktiv geworden. Dies stellt eine praktische Anwendung des Prinzips dar, daß interne Angelegenheiten
sowie Angelegenheiten, die eine begrenzte Anzahl
von Parteien betreffen, sehr wohl ein legitimes
Anliegen der gesamten OSZE sind. Eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir am zwanzigsten Jahrestag ihrer Gründung feiern, ist diese "neue aktive
Rolle" der OSZE.
Die Aufgaben dieser Missionen reichen von der
Vermittlung zwischen Separatistengruppen in
Georgien und Beratung über den Status der ethnischen Russen in Estland und Lettland bis zur Hilfestellung beim Abzug der 14. Russischen Armee in
Moldawien. In Bosnien beginnt unsere Mission im
Zuge des Versöhnungsprozesses mit politischer
Vertrauensbildung. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit liegt
darin, Vertreter der verschiedenen ethnischen Gruppierungen auszuwählen und ihnen den Rücken zu

Seite 3

�stärken. Diese Ombudsmänner sollen helfen, die
zersplitterte Gesellschaft wieder zu einen.

daß wir nicht einfach mit alten Lösungen auf neue
Bedrohungen reagieren können.

Wir entsenden gerade eine humanitäre Vermittlungsmission nach Tschetschenien. Die Sorgen, die wir
mit dieser Region haben, sind ein legitimes Anliegen
der gesamten Region. Die OSZE-Mission in Tschetschenien wird durch ihre humanitären Bestrebungen,
Förderung des Dialogs und Hilfestellung bei der
Entwicklung demokratischer Institutionen die Versöhnung fördern. In Lettland wird die OSZE eine
glaubwürdige Garantie für den Abbau der ehemaligen sowjetischen Radarstation in Skrunda abgeben
und Kommissare stellen, die sich um pensionierte
russische Militärangehörige kümmern. Diese Aufgabe nimmt die OSZE auch für die russische Minderheit in Estland wahr.

Ich habe heute nur einige wenige der innovativen
Aktivitäten beschrieben, die die OSZE in der letzten
Zeit in Angriff genommen hat. Eine weitergehende
Analyse müßte auch unsere Abrüstungsgespräche
und die Gespräche über vertrauensbildende Maßnahmen einschließen sowie die Mechanismen für Frühwarnung, Konfliktverhütung und Krisenmanagement
von Berlin und Moskau. Und - last but not least - die
Bestrebungen zur Entsendung einer Friedenssicherungstruppe nach Nagorny-Karabach - ein Versuch,
der noch keine Bewährungsprobe bestehen mußte,
aber dennoch ungemein wichtig ist.

Die OSZE arbeitet auch daran, aggressivem Nationalismus und anderen aufkommenden Bedrohungen
dadurch zu begegnen, daß sie neu hinzukommenden Staaten bei der Entwicklung demokratischer
Institutionen hilft. Hier sind wir erneut ein Labor für
regionalen Wandel - an dem alle Staaten vollständig
und gleichberechtigt beteiligt sind.
Wir haben uns beim Aufbau wesentlicher Bestandteile der Demokratie auf praktische Schritte konzentriert. Dazu gehören OSZE-Seminare über zwischenstaatliche Beziehungen auf militärischer und
ziviler Ebene, Entwicklung kleiner und mittelständischer Unternehmen, die Rolle nichtstaatlicher
Organisationen (NGOs) sowie die Förderung freier
Medien. Ferner entsenden wir Experten für die
Beratung beim Entwurf einer Verfassung, dem
Aufbau des Justizwesens, der Reform des Wahlsystems oder dem Umgang mit den Medien. Ziel all
dieser Aktivitäten ist die Stärkung demokratischer
Institutionen, die einen Schutz vor gesellschaftlicher
Instabilität bieten.
Die volle und gleichberechtigte Aufnahme von auf
dem Weg zur Demokratie befindlichen Staaten in
eine internationale Organisation erlaubt uns die
Stärkung westlicher Menschenrechtsnormen und
zwischenstaatlicher Beziehungen. Die Vereinten
Nationen bieten nicht diese Möglichkeit. Auch die
NATO und die EU, denen nicht alle europäischen
Staaten angehören und die sehr verschiedene
Aufgaben haben, können dies nicht. Viele Staaten
wissen, daß das einzige europäische Sicherheitsforum, das wirklich alle einschließt, die OSZE ist und
bleiben wird.
Die meisten hier von mir beschriebenen Aktivitäten
sind experimenteller Natur. Wir wissen noch nicht,
ob alle erfolgreich sein werden. Wir wissen aber,

Seite 4

Natürlich sind wir in Wien auch mit der Umsetzung
des Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in
Europa (KSE-Vertrag) befaßt, dem wichtigsten Faktor
der Stabilität auf dem Gebiet konventioneller Waffen
in Europa.
Außerdem setzen wirdie Verhandlungen über weitere
Abkommen fort, die sich auch auf die Vertrauensbildung erstrecken.
Dazu gehören das soeben
erstellte Wiener Dokument 94 sowie der Verhaltenskodex über politische und militärische Sicherheitsaspekte. Darin werden akzeptierte Normen für die
zivile Kontrolle des Militärs festgelegt. Ferner arbeiten wir an einem Schema für zukünftige Abrüstungsbemühungen im gesamten OSZE-Gebiet.
Neue historische Realitäten bringen neue Bedrohungen mit sich. Alle soeben genannten Maßnahmen
sind Möglichkeiten für die OSZE, mit diesen neuen
Gegebenheiten umzugehen. Die Art und Weise, wie
wir dies tun, wird noch weiterentwickelt, und zweifelsohne wird uns die Zukunft noch neue, andere
Schritte abverlangen. Die Welt verändert sich mit
großer Geschwindigkeit, und es ist nur natürlich, daß
diese Veränderungen Unbill, aber auch neue Möglichkeiten bergen. Dies wird auch weiterhin so sein.
Die neuen Bedrohungen in ihrem Wesen zu begreifen
und Mechanismen für den Umgang mit ihnen zu
schaffen, ist ein langer Weg. Und wir sind schon
einige Schritte darauf gegangen.
Glücklicherweise wächst die OSZE weiter. Sie ändert
sich und paßt sich an die neuen Bedrohungen an.
An die "kleinen und weniger kleinen Übel", wie
Hannah Arendt sie so treffend bezeichnet hat. Die
OSZE bleibt bescheiden, was Bürokratie und Institutionalisierung betrifft. Ihr Konzept ist ein breiter
Ansatz bei Menschenrechtsfragen, der Förderung der
freien Marktwirtschaft und militärischer Sicherheit.
Und dieses Konzept ist stark genug, uns zu helfen,

AMERIKA DIENST 16

�entstehende Bedrohungen der Sicherheit in Europa
auf kreative Weise zu lösen.

Ich danke Ihnen,

* * * * *

AMERIKA DIENST 16

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�WIRTSCHAFT
3. Mai 1995

Die USA und Europa - neue Chancen und Strategien
Rede von Staatssekretär Garten
BRÜSSEL - (AD) - Im Rahmen seiner Europareise hielt der Staatssekretär für Welthandel im USWirtschaftsministerium, Jeffrey E. Garten, am 25. April 1995 eine Rede vor dem EU-Ausschuß der
amerikanischen Handelskammer in Belgien, von der wir nachfolgend einige Auszüge veröffentlichen.

Ich freue mich, wieder in Brüssel zu sein. Meine
Europareise begann gestern in Portugal und wird
mich noch nach Deutschland führen. Es gibt vier
Gründe für diesen Besuch.
Erstens möchten meine Delegation und ich in
Europa auf die Bedeutung gleicher Wettbewerbsbedingungen für amerikanische Unternehmen in
verschiedenen Sektoren und bei unterschiedlichen Projekten hinweisen.
Zweitens legen wir letzte Hand an eine neue
Wirtschaftsstrategie für unsere Botschaften in
West-, Mittel- und Osteuropa, die wir "Showcase
Europe" nennen.
Drittens wollen wir den von Wirtschaftsminister
Brown und den EU-Kommissaren Brittan und
Bangemann unterbreiteten Vorschlag eines
transatlantischen Wirtschaftsdialogs (Transatlantic
Business Dialogue) fördern - Gesprächen zwischen amerikanischen und europäischen Unternehmen sowie den Regierungen auf beiden
Seiten des Atlantiks über die Gestalt und Tagesordnung der zukünftigen Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.
Viertens werden wir die Gelegenheit zu Konsultationen mit unseren Handelspartnern über
eine Vielzahl von Fragen nutzen, die über bilaterale oder sogar amerikanisch-europäische Beziehungen hinausgehen. Hierbei stehen die Spannungen bei den amerikanisch-japanischen Handelsbeziehungen an erster Stelle.
In meinen heutigen Ausführungen möchte ich einige
dieser Fragen ansprechen, zunächst jedoch mit dem
allgemeinen Kontext beginnen.
Die transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen

AMERIKA DIENST 16

Als Bill Clinton im Januar letzten Jahres seine erste
Europareise in seiner Eigenschaft als Präsident der
Vereinigten Staaten antrat, bezeichnete er die westeuropäische Integration und den Zerfall der Sowjetunion als die beiden größten Fortschritte für den
Frieden in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Ich möchte hinzufügen, daß die europäische Integration auch einer der größten Fortschritte für freien
Handel in diesem Jahrhundert ist. Offene und
pulsierende Märkte sind tatsächlich der Motor, der
Europa und den Vereinigten Staaten während der
vergangenen Jahrzehnte den größten Wohlstand in
der Geschichte der Menschheit bescherte. Wenn die
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten gestärkt werden, kann dieser
Wohlstand nicht nur fortbestehen, sondern sogar ein
neues Ausmaß erreichen.
Ruf nach transatlantischem Freihandel
Politiker in Amerika und Europa haben in der Erkenntnis, daß die transatlantischen Beziehungen ein
Fundament haben müssen, neue Bande vorgeschlagen. Der Präsident der EU-Kommission, Jacques
Santer, forderte einen amerikanisch-europäischen
Vertrag. Der belgische Ministerpräsident Dehaene
bezeichnete eine umfassendere Architektur als sein
Anliegen. Der schwedische Handelsminister Hellstrom sprach die Möglichkeit einer Anwendung des
Konzepts des früheren europäischen Wirtschaftsraums auf den Atlantik an. Der spanische Ministerpräsident Felipe Gonzalez überlegte kürzlich mit
Wirtschaftsminister Brown in Madrid, ob engere
transatlantische Beziehungen möglich seien. Anfang
dieses Monats erörterte der britische Premierminister
Major bei seinem Treffen mit Präsident Clinton die
Möglichkeit weitreichenderer transatlantischer Handelsbeziehungen. Und diese Überlegungen sind
nicht auf die europäische Seite des Atlantiks beschränkt.

Seite 1

�Auf beiden Seiten des Atlantiks scheint klar zu sein,
daß wir uns auseinanderzuentwickeln drohen, wenn
wir keine neue Architektur zur Unterstützung unserer
Beziehungen haben. Das wäre eine Tragödie - nicht
nur, weil Europa unser getreuer Freund und Verbündeter ist, sondern auch wegen der daraus resultierenden wirtschaftlichen Rückschläge.

Wenn man die Exporte und Umsätze amerikanischer
und europäischer Unternehmen auf dem jeweils
anderen Markt zusammenzählt, ergeben sich transatlantische Wirtschaftsbeziehungen im Wert von mehr
als 1,7 Billionen Dollar jährlich. Dies sind ungefähr
50 Prozent mehr als unsere circa 1,1 Billionen Dollar
im transpazifischen Handel.

Aussichten für den Handel

Es besteht ein großer Unterschied, ob die amerikanischen Interessen davon abhängen, daß Europas
Wirtschaft ein gesundes Wachstum erfährt und
Europa sich auch in Zukunft mit den Vereinigten
Staaten für weitere Offenheit der Weltmärkte einsetzt,
oder ob Europa weniger schnell wächst und sich
stärker nach innen kehrt, um sich mit Arbeitslosigkeit
und anderen internen Problemen zu befassen.
Wichtig ist, daß Europa die weitere Öffnung der
Weltmärkte und der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen auch künftig als in seinem Interesse betrachtet und sich sogar noch weiter öffnet, als seine Verpflichtungen in der Welthandelsorganisation (WTO)
und dem Binnenmarkt vorsehen. Dies ist der Weg zu
höherem Lebensstandard, stärkerem Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung in Europa.

Nachdem die amerikanischen Exporte in die Europäische Union wegen der Rezession in Europa zwei
Jahre lang gesunken waren, stiegen sie aufgrund
des realen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts
von 2,6 Prozent in der EU sowie einer starken
Wettbewerbsstellung Amerikas im vergangenen Jahr
um 6 Prozent an. In der zweiten Jahreshälfte
erhöhten sich die amerikanischen Exporte in die EU
um 10 Prozent.
Noch wichtiger ist, daß Europa bei einer soliden
Wirtschaftspolitik, die offene Märkte und wirtschaftlichen Strukturwandel fördert, im verbleibenden
Jahrzehnt unseren wichtigsten Absatzmarkt darstellen könnte. Tatsächlich könnten die amerikanischen Warenexporte nach Europa bei einem optimistischen europäischen Wirtschaftsszenarium in den
nächsten 10 Jahren um 120 Milliarden Dollar anwachsen und sich damit mehr als verdoppeln.
Zudem besteht eine gute Chance für größere
amerikanische Exporterlöse in Europa, indem wir
den amerikanischen Marktanteil mit Hilfe aggressiver
Exportförderungsstrategien erhöhen.
Investitionen dominieren die Weltwirtschaft
So wichtig der Handel auch sein mag, wir neigen
dazu, die Tatsache zu übersehen, daß der Großteil
internationaler Geschäftstätigkeit nicht über den
Handel, sondern über Investitionen abläuft. Der
weltweite Umsatz amerikanischer Unternehmen stellt
die Exporte in den Schatten. Während sich die
weltweiten Exporte amerikanischer Waren auf
ungefähr 500 Milliarden Dollar belaufen, erzielten
amerikanische Unternehmen 1992 (dem Jahr, für
das die jüngsten Zahlen zur Verfügung stehen) im
Ausland einen Umsatz von 1,6 Billionen Dollar.
Mehr als die Hälfte - genauer gesagt 55 Prozent des Umsatzes amerikanischer Unternehmen im
Ausland wird in Europa verzeichnet. 1992 belief
sich diese Zahl auf 850 Milliarden Dollar. In Europa
ansässige amerikanische Unternehmen beschäftigen
3 Millionen Europäer. Dies ist jedoch keineswegs
eine Einbahnstraße. In demselben Jahr betrug der
Umsatz europäischer Unternehmen 650 Milliarden
Dollar - und sie beschäftigten 3 Millionen Amerikaner.

Seite 2

Es ist nicht selbstverständlich, daß Europa starkes
Wachstum verzeichnet und weiterhin eine Kraft für
Offenheit ist. Die Kräfte zugunsten weiterer wirtschaftlicher Integration in Europa sowie einer Ausweitung der Philosophie offener Märkte könnten
durch Strukturprobleme und Arbeitslosigkeit in Europa
unter Druck gesetzt werden. Es ist auch nur fair zu
sagen, daß die US-Regierung hart daran arbeiten
muß, auch im eigenen Land die Dynamik für unser
offenes Handelssystem aufrechtzuerhalten.
Die
Vereinigten Staaten und Europa haben somit beide
ein Interesse an der Zusammenarbeit beim Kampf
gegen den Protektionismus.
Europa als Amerikas multilateraler Partner
So wichtig Europa für Amerika als Markt und auch als
Konkurrent sein mag - wir müssen auch seine
lebenswichtige Bedeutung als Kraft für die Öffnung
der Weltmärkte und die Gestaltung der Weltwirtschaft
verstehen. Seit dem Abkommen von Bretton Woods
und der ersten Runde der Genfer Gespräche nach
dem Zweiten Weltkrieg haben Europa und die Vereinigten Staaten die gemeinsame Vision einer immer
offener werdenden Welt, die der Industrie unserer
Länder Zugang zu mehr Märkten und unseren
Verbrauchern Zugang zu effizienter hergestellten
Gütern und Dienstleistungen verschafft.
Alle großen multilateralen Handels- und Wirtschaftsabkommen setzen eine gemeinsame Führungsrolle
der Vereinigten Staaten und Europas voraus. Es
kann nur eine äußerst geringe weltweite Liberalisie-

AMERIKA DIENST 16

�rung erfolgen, wenn Europa und die Vereinigten
Staaten sich nicht über Ziele und Instrumente einig
sind. Diese Partnerschaft ist nicht selbstverständlich. Sie muß ständig von beiden Seiten des Atlantiks neu belebt und gestärkt werden. Wenn entweder Europa oder die Vereinigten Staaten aufhören,
in die Pedale offeneren Handels zu treten, läuft das
Fahrrad nicht mehr.
Drei Szenarien für die wirtschaftliche Zukunft
Europas
Wir haben uns eingehend mit der Dynamik unserer
Beziehungen zur Europäischen Union befaßt und
sehen mindestens drei mögliche Richtungen, in die
sich Europa in Zukunft bewegen könnte. Jedes
dieser Szenarien hat seine eigenen Auswirkungen
für die Vereinigten Staaten und illustriert auf dramatische Weise, wie bedeutend die wirtschaftliche
Gesundheit Europas für Amerika sein kann.
Das optimistische Szenarium
Bei einem optimistischen Szenarium hätte Europa
mit seinen Strukturreformen Erfolg. Die europäischen Regierungen würden sich auf effektive
Maßnahmen verständigen, um bei kleineren
Unternehmen strukturelle Wachstums- und Innovationshemmnisse abzubauen, die realen Lohnkosten im Verhältnis zum Kapital zu senken und
die Unterschiede zwischen ihren Wachstumsund Inflationsraten zu verringern.
Bei kräftigem Wachstum und abnehmender
Arbeitslosigkeit würde die Europäische Union
nicht nur für den Welthandel offen bleiben,
sondern auch gemeinsam mit den Vereinigten
Staaten energischer auf neue Ansätze zur weltweiten Öffnung der Märkte drängen. Das für die
Vereinigten Staaten günstige Ergebnis wären
mehr Handel und Investitionen. Amerikanische
Exporte nach Europa sind stark vom europäischen Wirtschaftswachstum abhängig. Auf der
Grundlage des Zusammenhangs zwischen dem
Anstieg unserer Exporte und dem Wirtschaftswachstum in der EU während der letzten 25
Jahre kann man annehmen, daß das optimistische Szenarium eines durchschnittlichen Wachstums des realen Bruttoinlandsprodukts von 3
Prozent in der EU im Verlauf der kommenden
zehn Jahre zu einem Anstieg amerikanischer
Exporte im Wert von über 120 Milliarden Dollar
führen würde - mehr als das Doppelte der heutigen amerikanischen Exporte in die EU. Zudem
würde ein solch günstiges Wachstum bedeuten,
daß unsere Exporte in zehn Jahren etwa 50
Milliarden Dollar mehr betragen als unter dem
realistischeren Szenarium eines weiterhin be-

AMERIKA DIENST 16

scheidenen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts
in der EU.
Das mittlere Szenarium
Das zweite mögliche Szenarium - ein "Durchwursteln" - ist eine Fortsetzung des bescheidenen
Wirtschaftswachstums, das die EU im letzten
Jahrzehnt erlebte. Dieses Szenarium wird von
den meisten Beobachtern erwartet, die von der
Annahme ausgehen, daß die politischen Schwierigkeiten einer Durchsetzung des wirtschaftlichen
Strukturwandels diese Veränderungen weiterhin
verhindern oder verzögern werden.
Dementsprechend würde das europäische Wirtschaftswachstum jährlich etwa 2 Prozent betragen
- wie seit 1980 mehr oder weniger der Fall war.
Diese Wachstumsrate wäre nicht hoch genug, um
eine beträchtliche Verringerung der Arbeitslosigkeit oder eine starke Produktivitätserhöhung
herbeizuführen. Aufgrund des im letzten Vierteljahrhundert in der EU beobachteten Zusammenhangs zwischen Wachstum und Arbeitslosigkeit
würde die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich weiterhin
langsam ansteigen. In dieser Situation würde
zunehmend eine Debatte zwischen den Befürwortern einer Rückwendung nach innen, die weiteren
Strukturwandel ablehnen, und den Anhängern
stärkerer interner und externer Marktöffnung als
Kraft für strukturellen Wandel oder mehr Effizienz
geführt. Die Folge wäre eine Zunahme von
Handelsstreitigkeiten innerhalb Europas, über den
Atlantik hinweg und weltweit.
Für die Vereinigten Staaten würde das bedeuten,
daß Arbeitslosigkeit und niedriges Wachstum in
Europa die Nachfrage nach amerikanischen
Exporten und Investitionen verringern. Die amerikanischen Exporte in die EU würden weiterhin
leicht ansteigen und im kommenden Jahrzehnt
vielleicht um ungefähr 70 Milliarden Dollar anwachsen. Dies würde die in den letzten 25
Jahren beobachtete Tendenz eines Anstiegs
amerikanischer Exporte in die EU fortsetzen, wäre
aber nur etwas mehr als die Hälfte dessen, was
unter dem oben vorgestellten optimistischen
Szenarium möglich wäre.
Das Stagnationsszenarium
Was würde geschehen, wenn die europäische
Wirtschaft stagnieren und im kommenden Jahrzehnt ein extrem niedriges Wachstum verzeichnen
würde? Stellen Sie sich einmal - auch wenn es
schwierig ist - ein durchschnittliches reales
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in der
Europäischen Union von nur einem Prozent vor.

Seite 3

�Das wäre eine sehr düstere Situation. Die Arbeitslosigkeit würde schnell ansteigen und nahezu eine Krise auslösen, die das bereits überlastete soziale Netz zu größeren staatlichen
Haushaltsdefiziten und höheren Inflationsraten
führen würde. Die Nachfrage nach Subventionen
für die Industrie würde ebenso ansteigen wie die
Forderung nach Schutz vor Importen aus Mittelund Osteuropa, Amerika und der übrigen Welt.
Für die Vereinigten Staaten hätte das äußerst
schädliche Auswirkungen. Amerikanische Exporte nach Europa würden nur sehr langsam anwachsen, und die Vereinigten Staaten müßten
erleben, daß Europa weitere Schritte zur Verbesserung des globalen Handelsklimas nicht unterstützt - und ohne die starke Unterstützung Europas kämen diese Bestrebungen wahrscheinlich
zu einem Stillstand.
Die Notwendigkeit einer neuen wirtschaftlichen
Architektur
Mit den oben geschilderten Szenarien möchte ich
die Bedeutung der wirtschaftlichen Gesundheit
Europas für die Vereinigten Staaten illustrieren. Die
Auswirkungen dieser Szenarien auf die Vereinigten
Staaten zeigen deutlich, daß wir ein großes Interesse an einem optimistischen Szenarium für europäisches Wachstum haben.
Die Ereignisse in
Europa beeinflussen nicht nur unsere Exporte in
diesen riesigen Markt, sondern auch das Ausmaß, in
dem Europa - während der gesamten Nachkriegszeit
unser lebenswichtiger Partner - gemeinsam mit uns
das Welthandelssystem gestaltet und zu mehr
Offenheit führt.
Showcase Europe - eine neue Wirtschaftsstrategie für Europa
Die Realitäten des neuen Europa fordern von uns in
der US-Regierung eine Neugestaltung unseres
Ansatzes zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen in Europa. Mit anderen Worten: Unsere
Wirtschaftsbeziehungen zu Europa müssen neu
belebt werden.
Mir ist bewußt geworden, daß unsere derzeitige
Strategie völlig veraltet ist. Das Programm für den
europäischen Binnenmarkt hat eine Vielzahl interner
Handelshemmnisse in Europa abgeschafft, staatliche
Beschaffungen sowie den freien Verkehr von Kapital,
Menschen und Waren erschlossen und zu einer
gegenseitigen Anerkennung von Normen sowie
anderen Aspekten wirtschaftlicher Vorschriften
geführt.

Seite 4

Bislang haben das Wirtschaftsministerium und andere
staatliche Behörden der Vereinigten Staaten jede
einzelne europäische Nation als separaten Markt
behandelt und praktisch die Tatsache ignoriert, daß
Europa jetzt ein kontinentaler und zunehmend
integrierter Markt ist. Dieser Ansatz schmälerte
unsere Fähigkeit zur Unterstützung amerikanischer
Unternehmen in Europa.
Im vergangenen Jahr wurden wir in dieser Hinsicht
aktiv. Wir riefen unsere hochrangigen Wirtschaftsattaches in Europa zusammen und begannen unterstützt von unseren Europa- und Industrieexperten in Washington - mit der Umwandlung unserer
Wirtschaftsförderungsdienstleistungen in ein dynamisches Programm, das die von amerikanischen
Unternehmen benötigte und gewünschte europaweite
Hilfe bereitstellt. Dieser Umgestaltungsprozeß ist
jetzt abgeschlossen.
Gestern traf ich in der Nähe von Lissabon mit den
Leitern der Handelsabteilungen der US-Botschaften
in Europa zusammen, um diese neue, "Showcase
Europe" genannte Initiative einzuleiten.
Die Operation "Showcase Europe" erfordert von
unseren hochrangigen Wirtschaftsbeamten in Europa
und all ihren Dienststellen paneuropäisches Denken
und Handeln. Wir erwarten von diesem neuen
Programm in den nächsten fünf Jahren eine dramatische Erhöhung des amerikanischen Anteils an
europäischen Importen, der Anzahl von im Zusammenhang mit Exporten nach Europa stehenden
Arbeitsplätzen sowie der Gewinne amerikanischer
Exporteure nach Europa.
Der neue Ansatz hat drei Elemente: Erstens beim
Binnenmarkt, um amerikanischen Unternehmen bei
der Expansion auf allen europäischen Märkten
beizustehen, anstatt sich nur auf die traditionellen zu
konzentrieren; zweitens, ein amerikanisches Wirtschaftsnetz zur Bildung neuer und engerer Partnerschaften zwischen unseren Botschaften und den
amerikanischen Unternehmen in Europa und
schließlich ein wesentlich gestärktes Förderprogramm
zur Unterstützung amerikanischer Unternehmen bei
staatlichen Beschaffungen oder großen Projekten
unter staatlicher Kontrolle oder mit Regierungsbeteiligung.
Der transatlantische Wirtschaftsdialog
Neben dem "Showcase Europe", das eine neue
Dimension von Wirtschaftsförderung in Europa durch
die US-Regierung anstrebt, konzentrieren wir uns
auch auf die Erlangung eines Konsenses über eine
weitere Liberalisierung der transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen. Dies ist für künftiges Wachstum

AMERIKA DIENST 16

�in Amerika, aber auch in Europa von entscheidender
Bedeutung. Der Umfang von Wirtschafts- und
Finanzströmen über den Atlantik hinweg hat einen
Punkt erreicht, an dem diese integraler Bestandteil
beider Volkswirtschaften geworden sind. Die Stärkung der den transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen zugrundeliegenden Architektur kann zu weiteren
großen Gewinnen für beide Seiten führen und eine
fortgesetzte Erhöhung von Produktivität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern.
Diese Verknüpfung hat über die Jahre nicht stagniert, sondern wurde erweitert und vertieft. Man
kommt zunehmend zu der Erkenntnis, daß der
Zeitpunkt für eine Verbesserung der wirtschaftlichen
Architektur gekommen ist - nicht nur zur Befürwortung von Wachstum, sondern zu seiner aktiven
Förderung. Im Wirtschaftsministerium sehen wir
auch die Notwendigkeit für eine neue Vision der
transatlantischen Wirtschaftsbeziehungen und einer
sie begleitenden neuen Architektur.
In diesem
Stadium müssen wir uns jedoch noch nicht irgendeinem besonderen Vorschlag zur Unterstützung der
Idee erweiterter und engerer Beziehungen anschließen. Wir sind jedoch der Ansicht, daß wir ohne eine
Vision von unserem Ziel - und ohne einen Wegweiser für das 21. Jahrhundert - langsamere Fortschritte
machen und uns eher von den heutigen Problemen
in Beschlag nehmen lassen. Wichtig ist, daß die
pragmatischen Mittel für die Entwicklung einer
gemeinsamen Vision gefunden und die Schritte
dorthin aufgezeigt werden.
Die Antworten werden der veränderten Natur souveräner Staaten in einer Welt Rechnung tragen müssen, die in beispielloser Weise durch blühenden
Handel, Kaptitalströme und Informationstechnologie
verknüpft ist, die Grenzen, Zeitzonen und Handelsgesetze überschreiten. Auch die veränderten Beziehungen zwischen dem Individuum und dem Staat
müssen in Betracht gezogen werden. Dies gilt
insbesondere zu Beginn eines Zeitalters, in dem der
Kapitalismus mehr denn je floriert und in dem beispielsweise eine Deregulierung in der Finanzwelt
oder die Privatisierung des Telekommunikationswesens Kräfte für die Befreiung des Menschen
darstellen. Die Beziehungen zwischen Individuum
und Staat verändern sich auch, da die nationalen
Regierungen in der Klemme zwischen unserem
Wunsch nach mehr Aktionen der Kommunalbehörden und der Notwendigkeit effektiverer supranationaler Behörden sind.
Jean Monnet und Robert Schuman hatten eine
Vision, die mit der Montanunion begann. General
George Marshall hatte eine Vision mit dem Plan, der
nach ihm benannt wurde. Viele Europäer hatten
eine Vision von "Europa 1992", welche die wirt-

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schaftliche Integration anspornte. Heute benötigen
wir einen neuen Traum - für das 21. Jahrhundert. Als
hochentwickelte Gesellschaften mit jahrhundertealten
kulturellen Bindungen haben Amerikaner und Europäer die Aufgabe zu bestimmen, wohin wir gemeinsam gehen wollen und wie wir diese Reise zurücklegen.
Die Rolle der Wirtschaftsvertreter
Für diese Aufgabe sollte das Mitspracherecht der
Wirtschaftsvertreter bei der Gestaltung dieser Architektur ein Grundprinzip darstellen. Ich sage dies
nicht in meiner Eigenschaft als Angehöriger des
Wirtschaftsministeriums, sondern in Anerkennung der
Tatsache, daß Kapital- und Technologieströme die
treibende Kraft für Wirtschaftswachstum darstellen
und die Menschen in der Praxis weitaus besser
geeignet sind, unsere Architektur zu skizzieren als
eine theoretisierende Gruppe von Vertretern der
Regierung oder der akademischen Welt.
Aus diesem Grund rief Wirtschaftsminister Brown in
einer vergangenen Dezember vor dieser Gruppe
gehaltenen Rede die Vertreter der Wirtschaft auf
beiden Seiten des Atlantiks dazu auf, mit Hilfe der
Regierungen einen neuen transatlantischen Wirtschaftsdialog zu beginnen, einen Dialog, der von der
Wirtschaft erwartet, über derzeitige Handelsstreitigkeiten hinaus mit den Regierungen eine Vision zu
entwickeln sowie eine Tagesordnung für die Veränderung der wirtschaftlichen Architektur auf eine Art
und Weise, die dem transatlantischen Handel zur
Jahrtausendwende ein noch schnelleres Wachstum
ermöglicht.

Bei diesem transatlantischen Wirtschaftsdialog sind
die Vertreter der Wirtschaft gefordert, ihre Ansichten
zu der gesamten wirtschaftlichen Architektur kundzutun. Die Politiker der EU und unseres Landes haben
einige Ideen, denen die Wirtschaftsvertreter hoffentlich besondere Aufmerksamkeit widmen. Am wichtigsten ist jedoch, daß sie ihre eigene Tagesordnung
vorlegen.
Nach Ansicht der Vereinigten Staaten wäre es
besonders wertvoll, wenn die Wirtschaftsvertreter ihre
Meinung zu folgenden fünf Gebieten äußerten:
1. Förderung der bilateralen amerikanisch-europäischen Zusammenarbeit und der Wirtschaftsbeziehungen während der kommenden fünf Jahre
sowie Identifizierung neuer Felder für industrielle
Kooperation (einschließlich der Informationsgesellschaft) sowie weiterer Schritte zur Öffnung des
Handels.

Seite 5

�2.
Öffnung und Ausweitung internationaler
Investitionen.
3. Engere Zusammenarbeit bei Handel und
Investitionen in Mittel- und Osteuropa.
4. Schaffung eines verbesserten Rahmens für
Zusammenarbeit und Wettbewerb auf großen,
neuentstehenden Märkten.
5. Förderung engerer amerikanisch-europäischer
Zusammenarbeit bei Regeln und Verordnungen.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich betonen, daß es für die
Vereinigten Staaten keine höhere internationale
Priorität geben kann als den Aufbau umfassenderer

und engerer Beziehungen zu Europa. Der Schlüssel
liegt in der Wirtschaft, die großes Potential für beiderseitige Gewinne, aber auch für beträchtliche Uneinigkeit enthält. Wir müssen in die Entwicklung
einer neuen wirtschaftlichen Architektur mindestens
ebensoviel Zeit und Energie investieren wie in die
Umstrukturierung der NATO. Das ist jetzt noch nicht
der Fall - und wir haben keine Zeit zu verlieren.
Aus der Sicht amerikanischer Wirtschaftsinteressen
könnte Europa in den verbleibenden 90er Jahren der
vielversprechendste Markt sein. "Showcase Europe"
sowie der transatlantische Wirtschaftsdialog sind
Instrumente, unsere Handelsförderungsprogramme
auf Vordermann zu bringen, damit einige äußerst
vielversprechende Chancen genutzt werden können.
Ich danke Ihnen.

* * * *

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*

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