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V I O N **

Herausgeber: U.S. Information Service ^ 1
Embassy of the United States of America

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Z12462 C

14

12. April 1995

.

NW

KEIN EINSATZ VON NUKLEARWAFFEN
GEGEN NICHTATOMWAFFENSTAATEN DES
NW
Erklärung des Präsidenten, Außenministers
und Übersicht
N W SOLLTE BESTANDTEIL DES INTERNATIONALEN SICHERHEITSSYSTEMS SEIN
von John Holum

UMWELT

DIE ENTSCHEIDENDE ROLLE DER WISSENSCHAFT BEI DER LÖSUNG VON UMWELTPROBLEMEN
Rede von Vizepräsident AI Gore

TAG DER ERDE

COLLEGESTUDENTEN WERBEN FÜR DEN
25. TAG DER ERDE
Neue Umweltschutzgesetzgebung

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NW
12. April 1995

Clinton: Kein Einsatz von Nuklearwaffen gegen
Nichtatomwaffenstaaten des N W
Erklärung des Präsidenten, Außenministers und Übersicht
WASHINGTON - (AD) - In einer am 5. April 1995 herausgegebenen Erklärung bekräftigte Präsident Clinton,
die Vereinigten Staaten würden keine Nuklearwaffen gegen nicht im Besitz von Atomwaffen befindliche Staaten
einsetzen, die dem Nichtverbreitungsvertrag (NW) angehören.
Die einzige Ausnahme wäre dem Präsidenten zufolge eine Invasion oder ein Angriff auf die Vereinigten
Staaten, ihre Territorien, ihre Streitkräfte oder andere Truppen, ihre Verbündeten oder auf einen Staat,
gegenüber dem sie eine Sicherheitsverpflichtung haben, die von einem solchen Nichtatomwaffenstaat im
Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchgeführt werden.
Nachfolgend veröffentlichen wir eine von US-Außenminister Warren Christopher abgegebene Erklärung, die
die Erklärung des Präsidenten sowie eine Übersicht des Außenministeriums enthält.

Aus der Sicht der Vereinigten Staaten stellen der
universelle Beitritt zu internationalen Abkommen und
Verträgen zur Verhinderung der Weiterverbreitung
von Massenvernichtungswaffen sowie ihre Einhaltung einen Eckpfeiler globaler Sicherheit dar. Der
Vertrag über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen
ist zentraler Bestandteil dieses Regimes. Am 1.
März 1995 hielt Präsident Clinton in Washington aus
Anlaß des 25. Jahrestages des N W am 5. März
1995 eine Rede. Am 17. April beginnt in New York
eine Konferenz über die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags. Die Vereinigten Staaten erachten
die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung
des Vertrags über die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen als oberste nationale Priorität und werden
weiterhin alle entsprechenden Bestrebungen zu
deren Erlangung unternehmen.
Es ist von Bedeutung, daß alle Parteien des Nichtverbreitungsvertrags ihre Vertragsverpflichtungen
erfüllen. In diesem Zusammenhang müssen die
Unterzeichnerstaaten des Nichtverbreitungsvertrags
im Einklang mit den allgemein anerkannten Grundsätzen des Völkerrechts diese Verpflichtungen
erfüllen, um Anspruch auf jegliche aus der Unterzeichnung des Vertrags resultierende Vorteile zu
haben.
Als Atomwarfenstaat haben die Vereinigten Staaten
ihre mit dem Vertrag einhergehenden Pflichten sowie

AMERIKA DIENST 14

die Notwendigkeit konsequent anerkannt, den besonderen Bedürfnissen der Nichtatomwaffenstaaten des
N W durch Maßnahmen Rechnung zu tragen, die
ihren legitimen Sicherheitsanliegen entsprechen. Zu
diesem Zweck ordnete der Präsident die Überprüfung
der amerikanischen Politik über Sicherheitszusagen
für solche Nichtatomwaffenstaaten an und verfügte,
daß mit anderen Nichtatomwaffenstaaten Konsultationen über dieses wichtige Thema geführt werden.
Unter Berücksichtigung des oben genannten gibt der
Präsident folgende Erklärung ab:
Die Vereinigten Staaten bekräftigen erneut, daß sie
ihre Atomwaffen nicht gegen Nichtatomwaffenstaaten
des Nichtverbreitungsvertrags einsetzen, außer im
Fall einer Invasion oder eines Angriffs auf die Vereinigten Staaten, ihre Territorien, ihre Streitkräfte oder
andere Truppen, ihre Verbündeten oder auf einen
Staat, gegenüber dem sie eine Sicherheitsverpflichtung haben, die von einem solchen Nichtatomwaffenstaat im Bündnis mit einem Atomwaffenstaat durchgeführt werden.
Aggression mit Hilfe von Kernwaffen oder die Androhung solch aggressiver Akte gegenüber einem
Nichtatomwaffenstaat des N W würden eine qualitativ
neue Situation scharfen, in der die im Besitz von
Atomwaffen befindlichen Ständigen Mitglieder des
UN-Sicherheitsrats im Rahmen des Sicherheitsrats

Seite 1

�und im Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen umgehend handeln müßten, um die zur Eindämmung einer solchen Aggression oder Abwendung der Androhung einer solchen Aggression
erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen. Jeder
Staat, der vom Einsatz nuklearer Waffen begleitete
aggressive Akte begeht oder damit droht, muß sich
bewußt sein, daß seinen Aktionen durch im Einklang
mit der UN-Charta stehende wirksame Maßnahmen
begegnet wird, um die Aggression zu unterdrücken
oder ihre Androhung abzuwenden.
Die Nichtatomwaffenstaaten des N W haben einen
berechtigten Wunsch nach Zusicherungen, daß der
UN-Sicherheitsrat und vor allem seine im Besitz von
Atomwaffen befindlichen Ständigen Mitglieder
umgehend im Einklang mit der Charta handeln, falls
diese Nichtatomwaffenstaaten Opfer einer Aggression oder Objekt einer Androhung von Aggression
sind, bei der Kernwaffen eingesetzt werden.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen ihre Absicht, im
Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen
jedem Nichtatomwaffenstaat des N W umgehend
Hilfe oder Unterstützung zukommen zu lassen, der
Opfer einer Aggression oder Objekt einer Androhung
von Aggression ist, bei der Kernwaffen eingesetzt
werden.
Zu den dem UN-Sicherheitsrat bei der Unterstützung
eines solchen Nichtatomwaffenstaats des N W zur
Verfügung stehenden Mitteln gehören die Prüfung
der Situation sowie der Einsatz angemessener Mittel
zur Schlichtung der Streitigkeiten sowie zur Wiederherstellung von Weltfrieden und Sicherheit.
Die UNO-Mitgliedstaaten sollten angemessene
Maßnahmen als Reaktion auf ein Ersuchen um
technische, medizinische, wissenschaftliche oder
humanitäre Hilfe durch einen Nichtatomwaffenstaat
des N W durchführen, der Opfer einer Aggression
mit Nuklearwaffen ist, und der Sicherheitsrat sollte
erwägen, welche Maßnahmen im Falle eines solchen aggressiven Akts erforderlich sind.
Der Sicherheitsrat sollte Empfehlungen für ein
entsprechendes Verfahren als Reaktion auf jegliches
Ersuchen durch einen Nichtatomwaffenstaat des
N W geben, der Opfer eines solchen aggressiven
Akts ist, wie eine Entschädigung entsprechend dem
Völkerrecht für aus diesem aggressiven Akt resultierende Verluste, Schäden oder Verletzungen erfolgen
kann.
Die Vereinigten Staaten bekräftigen das in Artikel 51
der Charta der Vereinten Nationen anerkannte
naturgegebene Recht zur individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung, bis der Sicherheitsrat die zur

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Wahrung des Weltfriedens und der internationalen
Sicherheit erforderlichen Maßnahmen getroffen hat.
Übersicht des Außenministeriums
In einer am 1. März 1995 gehaltenen Rede erklärte
der Präsident, nichts sei in diesem für Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung entscheidenden Jahr
wichtiger als die unbegrenzte und bedingungslose
Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags.
In
diesem Zusammenhang überprüften die Vereinigten
Staaten im vergangenen Jahr ihre Politik der Gewährung von Sicherheitszusagen an Nichtatomwaffenstaaten des N W und begannen Konsultationen
mit den anderen Atomwaffenstaaten des N W , um
eine gemeinsame Position zu erarbeiten. Am heutigen Tag gab der Außenminister eine Erklärung über
Sicherheitszusagen ab, welche die erste umfassende
Erklärung eines Präsidenten der Vereinigten Staaten
zu diesem wichtigen Thema umfaßt und unseres
Erachtens einen bedeutenden Fortschritt darstellt.
Die Veröffentlichung der Erklärung des Präsidenten
wurde heute nachmittag von Außenminister Christopher bekanntgegeben.
Hintergrund
Seit Aufnahme der Verhandlungen über den N W in
den sechziger Jahren haben viele Nichtatomwaffenstaaten deutlich gemacht, daß sie im Gegenzug zum
Verzicht auf Nuklearwaffen bestimmte Zusagen von
Seiten der Atomwaffenstaaten erwarten. Es war nicht
möglich, eine solche Bestimmung in den N W aufzunehmen, aber 1968 verkündeten die Vereinigten
Staaten, Großbritannien und die Sowjetunion, sie
würden unverzügliche Aktionen des Sicherheitsrats
anstreben, um jedem Nichtatomwaffenstaat des N W ,
der mit Nuklearwaffen bedroht wird oder Opfer einer
solchen Aggression ist, im Einklang mit der UNCharta Hilfe zu gewähren.
Diese sogenannten
positiven Sicherheitszusagen wurden vom Sicherheitsrat in seiner am 19. Juni 1968 angenommenen
Resolution 255 "begrüßt".
Im Zusammenhang mit weiteren Anliegen auf diesem
Gebiet gaben die Vereinigten Staaten, Großbritannien
und die Sowjetunion 1978 eine gegen den Einsatz
von Nuklearwaffen gerichtete Politik gegenüber den
Nichtatomwaffenstaaten des N W bekannt. Rußland
machte 1993 eine neue negative Sicherheitszusage,
die der von Großbritannien und den Vereinigten
Staaten verfolgten Politik inhaltlich näherstand.
Frankreich und China traten dem N W 1992 bei, und
vor ungefähr einem Jahr begannen sich alle fünf
Atomwaffenstaaten des N W bei am Rande der
Genfer Abrüstungskonferenz abgehaltenen Konsultationen mit der Frage von Sicherheitszusagen zu

AMERIKA DIENST 14

�befassen. Ein Ergebnis dieser Bestrebungen war
die Übereinkunft, daß jeder Staat eine nationale Erklärung abgeben würde, deren Veröffentlichung für
diese Woche geplant ist.
Erklärung des Präsidenten
Die Erklärung des Außenministers beginnt mit einer
Bekräftigung der Verpflichtung der Administration
zum N W und seiner unbegrenzten bedingungslosen
Verlängerung. Ferner unterstreicht sie die Bedeutung einer Einhaltung des N W sowie der Notwendigkeit, sich mit Möglichkeiten für den Umgang mit
den berechtigten Sicherheitsanliegen der Nichtatomwaffenstaaten des N W zu befassen. Sie stellt
fest, daß der Präsident eine Überprüfung der amerikanischen Politik über Sicherheitszusagen anordnete
und leitet die Erklärung ein.
Der Präsident erklärt, daß die Vereinigten Staaten
außer unter bestimmten Bedingungen keine Atomwaffen gegen Nichtatomwaffenstaaten des N W einsetzen. Diese Erklärung ist eine Bekräftigung der
seit langer Zeit bestehenden Politik der Vereinigten
Staaten auf diesem Gebiet und steht vollkommen im
Einklang mit ihren Bündnisverpflichtungen. Die
Sprachregelung dieser negativen Sicherheitszusage
ist praktisch identisch mit derjenigen, die heute von
Großbritannien, Frankreich und Rußland herausgegeben werden soll. Viele Nichtatomwaffenstaaten
des N W haben die Atomwaffenstaaten seit langem
gedrängt, eine gemeinsame Formel für negative
Sicherheitszusagen zu finden. Die Tatsache, daß
vier der fünf Atommächte das bereits getan haben,
ist eine bedeutende Leistung. China wird seine
eigene Erklärung abgeben.

Der Präsident erklärt ferner, daß die Vereinigten
Staaten im Einklang mit der Charta der Vereinten
Nationen sofortige Hilfe oder Unterstützung für jeden
Nichtatomwaffenstaat des N W leisten, dem eine
Aggression mit Nuklearwaffen angedroht wird oder
der Opfer einer solchen Aggression ist.
Diese
Erklärung bekräftigt erneut die 1968 erstmals von den
Vereinigten Staaten eingegangene Verpflichtung und
ist expliziter. Diese revidierte positive Sicherheitszusage der Vereinigten Staaten unterstreicht das
1968 abgegebene Versprechen durch Präzisierung
der Art von Hilfe, die der UN-Sicherheitsrat unter
solchen Umständen in Erwägung ziehen würde.
Einige Nichtatomwaffenstaaten des N W haben seit
langem auf eine solche Präzisierung gedrängt, um
diese Zusagen glaubwürdiger zu gestalten. Die
Sprachregelung für diese positive Sicherheitszusage
ist in einem von allen fünf Atommächten unterstützten
Resolutionsentwurf des UN-Sicherheitsrats enthalten,
der in New York geprüft wird. Frankreich und China
geben in nationalen Erklärungen, die diese Woche
veröffentlicht werden sollen,
erstmals ebenfalls
positive Sicherheitszusagen ab.
Schlußfolgerung
Die Administration vertritt die Ansicht, daß die von
allen fünf Atommächten abzugebenden nationalen
Erklärungen, ihre gemeinsame Unterstützung einer in
New York zu erörternden Resolution des Sicherheitsrats über Sicherheitszusagen sowie die gemeinsame, von vier oder fünf Atommächten erzielte
negative Sicherheitszusage zusammengenommen
eine substantielle Reaktion auf den Wunsch vieler
Nichtatomwaffenstaaten des N W nach gestärkten
Sicherheitszusagen darstellen.
Dieses Ergebnis
bekräftigt das internationale nukleare Nichtverbreitungsregime und verdient die Unterstützung aller
Parteien des N W .

* *

AMERIKA DIENST 14

*

Seite 3

�NW
12. April 1995

N W sollte Bestandteil des internationalen
Sicherheitssystems sein
von John Holum
WASHINGTON - (AD) - Der Verfasser ist Direktor des US-Amts für Rüstungskontrolle und Abrüstung (U.S.
Arms Control and Disarmament Agency - ACDA).

Die internationale Staatengemeinschaft sollte der
unbegrenzten und bedingungslosen Verlängerung
des Nichtverbreitungsvertrags (NW) oberste Priorität
bei der Rüstungskontrolle einräumen.
Die im
April/Mai bevorstehende Entscheidung ist die historischste, mit der sich die meisten von uns je konfrontiert sahen.
Der N W dient zwei sich gegenseitig verstärkenden
Zielen - nuklearer Nichtverbreitung und Abrüstung durch das Abwägen positiver sowie negativer Rechte
und Pflichten. Wie Sie wissen, ist der N W gleichzeitig ein Abkommen über den Verzicht auf Nuklearwaffen, ein Abkommen, das Nukleareinrichtungen für
friedliche Zwecke internationale Sicherheitsvorschriften auferlegt, ein Abkommen zur Beendigung
des Wettrüstens und über das Streben nach nuklearer Abrüstung sowie ein Abkommen, das technische
Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung von
Atomenergie fördert.
Ich möchte zu Beginn meiner Ausführungen erläutern, warum wir dem Vertrag so hohen Wert beimessen. Mit seinem Inkrafttreten im Jahr 1970 wurde
das Entstehen eines Atomwaffenstaats von einem
Akt des National stolzes zu einer Verletzung des
Völkerrechts. Und dieses Gesetz besitzt noch heute
Gültigkeit.
Während der sechziger Jahre, als der N W ausgehandelt wurde, prognostizierten viele, bis heute
würde es 20 bis 30 erklärte Atomwaffenstaaten
geben. Zuverlässigen Schätzungen zufolge sind
jetzt über 40 Staaten im Besitz der erforderlichen
technischen und wirtschaftlichen Ressourcen.
Aber es gibt noch immer nur fünf Nuklearwaff enstaaten - die gleiche Anzahl wie zu Inkrafttreten des N W
- und drei "Schwellenländer".

Das NW-System wurde in den vergangenen Jahren
durch den Beitritt von Argentinien, Algerien, China,
Frankreich, Südafrika, dem Baltikum und nahezu
allen neuen unabhängigen Staaten, darunter Belarus,
Kasachstan und die Ukraine, sowie den Verzicht auf
Atomwaffen der Länder Chile und Brasilien erheblich
erweitert. Mit bis heute über 170 Vertragsparteien
erfreut sich der N W der umfassendsten Mitgliedschaft aller Rüstungskontrollabkommen der Geschichte.
Der N W bietet auch unerläßliche Unterstützung für
die friedliche Nutzung von Atomenergie unter effektiven internationalen Sicherheitsvorschriften. Ohne ihn
könnte ein Großteil der inzwischen zur Routine
gewordenen Zusammenarbeit unmöglich werden.
Da der N W globale Reichweite hat, setzt er die
grundlegenden rechtlichen Normen und den politischen Rahmen für alle Fälle, die der internationalen
Staatengemeinschaft größte Sorge bereiten.
Der wirkliche Wert des N W findet jedoch in der
Gruppe von Staaten seinen Niederschlag, die in den
NW-Diskussionen nahezu vollständig ignoriert
werden - den Staaten, für die Nuklearwaffen kein
Thema sind, weil sie nukleare Nichtverbreitungsverpflichtungen eingegangen sind und eingehalten
haben.
Die größten Leistungen des N W sind
unsichtbar und bestehen darin, daß Schlimmes
verhindert, Nuklearmaterial nicht umgeleitet wird und
Waffen nicht produziert werden.
Ohne den N W müßte man davon ausgehen, daß mit
der Zeit viele dieser schlimmen Dinge geschehen
würden - und Dutzende Staaten versuchen könnten,
sich mit ihren Nuklearvorhaben vor einer unsicheren
Zukunft zu schützen.
Einige Staaten beschweren sich, der N W sei "diskriminierend", weil er fünf Nuklearmächte akzeptiert

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�und alle anderen ausschließt. Der Vertrag schafft
jedoch keine "Begünstigten" und "Habenichtse" im
Hinblick auf Nuklearwaffen. Er reflektierte nur diese
ererbte Realität - und trug zur Beendigung eines
tödlichen Trends in diese Richtung bei - während er
gleichzeitig alle Parteien einschließlich der Atomwaffenstaaten zum Streben nach nuklearer Abrüstung
verpflichtet.
Das Gewicht von Rüstungskontroll-, Nichtverbreitungs- und Abrüstungsabkommen liegt nicht in ihrem
Egalitarismus, sondern ihrem Beitrag zur internationalen Sicherheit.
Tatsache ist, wenn die Welt heute auf einer reflexiven nuklearen Gleichberechtigung bestehen würde,
wäre das Resultat wahrscheinlich eine Nivellierung
nach oben, nicht nach unten: Nicht eine von Nuklearwaffen befreite Welt, sondern eine Welt vieler
Nuklearwaffenstaaten.
Ein weiteres Argument lautet, die unbegrenzte
Verlängerung würde Nuklearwaffen für alle Zeit
legitimieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.
In den vergangenen Jahren haben wir und die
ehemalige Sowjetunion im Rahmen des NW
über 2.500 Mittelstreckenraketen beseitigt und
eine ganze Klasse von Waffensystemen außer
Dienst gestellt,
einseitig die Verlegung und Zerstörung von
weiteren Tausenden taktischer Nuklearwaffen
beschlossen,
im Vertrag über die Verringerung strategischer
Rüstungen (START) und im START Il-Abkommen
vereinbart, über 17.000 Nuklearwaffen von
Raketen und Bombern zu entfernen.
Die Forderung des NW nach einem Ende des
Wettrüstens wurde erfüllt. Der Wettlauf besteht jetzt
darin, die Streitkräfteniveaus so schnell, sicher und
zuverlässig wie möglich zu verringern.
Die Überprüfung des nuklearen Einsatzkonzepts der
Vereinigten Staaten bestätigt, daß Nuklearwaffen
heute eine kleinere Rolle in unserer Sicherheitsstrategie spielen als je zuvor seit ihrer Erfindung.
Seit 1988 haben wir unser gesamtes aktives Arsenal
um 59 Prozent, unsere strategischen Gefechtsköpfe
um 47 Prozent und die nichtstrategischen Gefechtsköpfe um bemerkenswerte 90 Prozent reduziert. Die
Vereinigten Staaten zerlegen ungefähr 2.000 Nuklearwaffen pro Jahr - die höchste Rate, die technische
Begrenzungen gestatten.

Seite 2

Beim Gipfeltreffen in Washington im September 1994
wiesen die Präsidenten Clinton und Jelzin ihre
Experten an, ihren Dialog über die Entwicklung
konkreter Schritte zur Anpassung der Nuklearstreitkräfte und Praktiken beider Seiten an die veränderte
internationale Sicherheitssituation zu intensivieren,
einschließlich der Möglichkeit weiterer Reduzierungen
der Nuklearstreitkräfte nach der Ratifizierung von
START II. Sie vereinbarten ferner die Beschleunigung des Inkrafttretens von START und die Deaktivierung aller im Rahmen von START zu reduzierenden strategischen Trägersysteme nach der Ratifizierung von START II.
Die Vereinigten Staaten und Rußland befassen sich
intensiv mit einer Vielzahl anderer bedeutender
Schritte. Dazu zählen Kooperation zur Verhinderung
von Nuklearschmuggel und verstärkte Kontrollen von
Nuklearmaterial, der Bau einer Lagereinrichtung für
spaltbares Material aus zerlegten Nuklearwaffen in
Rußland sowie die Verbesserung der Sicherheit,
Transparenz und Unumkehrbarkeit der Reduzierungen von Nuklearwaffen.
Die beiden führenden Nuklearmächte der Welt gehen
von einer Begrenzung der Träger- und Waffensysteme zu einer offenen und irreversiblen Verringerung
der Zahl atomarer Gefechtsköpfe über. Präsident
Clinton bekräftigte in einem gemeinsamen Kommunique mit dem indischen Ministerpräsidenten Rao,
daß wir letztlich eine atomwaffenfreie Welt anstreben.
Kernstück der Erfüllung von Artikel VI des NW bilden
zwei zusätzliche multilaterale Bestrebungen: Der
Abschluß der laufenden Aushandlung des Vertrags
über ein umfassendes Atomtestverbot (Comprehensive Test Ban Treaty - CTBT) sowie eines Vertrags
über die Einstellung der Produktion spaltbaren
Materials.
Der Abschluß des CTB-Vertrags stellt für die Vereinigten Staaten ein zwingendes Gebot dar. Wir tun
alles in unserer Macht Stehende, damit das erste
halbe Jahrhundert von Nuklearexplosionen auch das
letzte ist. Wie ich im vergangenen Sommer bei der
Genfer Abrüstungskonferenz äußerte, sind wir bereit
für die Schlußfolgerung, die Vereinigten Staaten
hätten bereits ihren letzten Atomtest durchgeführt.
Ein Vertrag über die Einstellung der Produktion
spaltbaren Materials würde die Menge des für Nuklearexplosionen zur Verfügung stehenden Materials
begrenzen. Er könnte den ungesicherten Nuklearprogrammen einiger nicht dem NW angehörender
Staaten erstmals ein gewisses Maß an internationalen Beschränkungen auferlegen. Und er würde jede
weitere separate Produktion von Plutonium und

AMERIKA DIENST 14

�hochangereichertem Uran für waffenfähige Zwecke
in den fünf erklärten Atomwaffenstaaten verhindern.
Es ist eine Tatsache, daß die Aussichten auf weitere
Rüstungskontrolle schwinden, wenn die Zukunft des
N W in Gefahr ist. Wird die Zukunft des N W gesichert, kann der steile Trend eines Abbaus letztlich
mit dem Ziel fortgesetzt werden, Atomwaffen auf
Dauer zu verbieten. Die unbegrenzte Verlängerung
des N W wird uns diesem Ziel näherbringen - alles
andere würde es in weitere Ferne rücken. Mit
anderen Worten:
Weitere Fortschritte bei der
Rüstungskontrolle hängen von einer Verlängerung
des N W ab.
Es wird argumentiert, man sollte den N W aufrechterhalten oder lediglich für kurze Zeit verlängern, um
die Nuklearwaffenstaaten zu mehr Fortschritten zu
zwingen. Bisweilen wird angedeutet, die Verlängerung des N W sollte als Pfand für den Abschluß des
CTB-Vertrags dienen und erst anschließend dauerhaft gestaltet werden.
Wer den N W als Objekt zum Feilschen ansieht,
mißachtet eine Faustregel: Man sollte nicht mit
etwas spielen, dessen Verlust man sich nicht erlauben kann.
Auch aus geographischen Gründen sind die Länder,
die am stärksten von den Atomwaffen verbreitenden
Staaten gefährdet werden, ihre direkten und regionalen Nachbarn - nicht die Vereinigten Staaten. Wir
unterstützen den N W natürlich aus eigenem Interesse. Er liegt jedoch noch stärker im Interesse der
Staaten, die in den Spannungsregionen liegen.
Der N W bietet allen Mitgliedstaaten die Gewißheit,
daß ihre Nachbarn und regionalen Rivalen nicht zu
einer wirksamen Verfolgung ihrer Atomwaffenambitionen in der Lage sein werden - nicht nur aufgrund
ihrer eigenen Zusage, sondern auch wegen der
Existenz eines globalen Verifikationssystems. Er
bietet die steuerlichen Einsparungen und physische
Sicherheit, die aus der Vermeidung eines regionalen
atomaren Rüstungswettlaufs resultieren.
Wir sind uns auch klar der Bedeutung bewußt, die
viele Staaten der Frage von Sicherheitszusagen
gegen den Einsatz oder die Androhung eines
Einsatzes von Nuklearwarfen beimessen. Die fünf
Atommächte führen hierüber ernsthafte und konstruktive Gespräche.
Die Vereinigten Staaten
werden sich auch in Zukunft um Fortschritte zur
Erlangung des Ziels einer weiteren Erhöhung der
Sicherheit dem N W angehörender nichtnuklearer
Staaten bemühen.

AMERIKA DIENST 14

Für alle, deren Votum über das Schicksal des N W
entscheidet, ist dieser keine Quelle der Macht,
sondern der Sicherheit. Er hat für jedes Land denselben Wert - nicht als Druckmittel auf die Nuklearstaaten, sondern als Schutz vor regionalem Rüstungswettlauf und atomaren Gefahren.
Die Behauptung, die unbegrenzte Verlängerung des
N W könnte aufgeschoben werden, ist besonders
gefährlich, weil sie so verführerisch plausibel klingt und so falsch ist.
Der Vertrag enthält drei Optionen für eine Verlängerung: unbegrenzte Verlängerung, Verlängerung für
einen bestimmten Zeitraum oder Verlängerung für
bestimmte Zeiträume. Jede Option mit Ausnahme
der ersten beinhaltet die Gefahr einer Verstümmelung
des Vertrags - entweder wegen der mit einer Reihe
stückweiser Verlängerungen einhergehenden rechtlichen Unsicherheit, oder aufgrund der praktischen
Unmöglichkeit einer sofortigen oder späteren Abänderung.
Wer Szenarien zur Umgehung dieser grundlegenden
Wahrheit erfindet, hat nicht seinen Teil der Last
getragen um zu beweisen, daß eine unbegrenzte
Verlängerung nicht ohne die ernsthafte Gefahr
aufgeschoben werden kann, daß sie verweigert wird.
Um Mißverständnissen vorzubeugen:

Die einzige

Möglichkeit, die Fortdauer des N W sicherzustellen,

besteht in seiner unbegrenzten Verlängerung in
diesem Jahr.
Eine häufige Kritik am N W lautet, daß bestimmte
Staaten ihm nicht beigetreten sind.
Es sollte kein Zweifel daran bestehen, daß die
Vereinigten Staaten die universelle Einhaltung des
N W unterstützen. Die Vergrößerung der Möglichkeit,
daß der N W zu einem bestimmten Zeitpunkt ausläuft, macht es unwahrscheinlicher, nicht wahrscheinlicher, daß Staaten wie Israel, Indien und Pakistan
ihm schließlich beitreten. Die größte Chance für
ihren Beitritt liegt in einem starken Vertrag, der ein
dauerhafter Bestandteil des internationalen Sicherheitssystems ist.
Dasselbe Prinzip gilt für jede Region: Der N W bietet
den essentiellen weltweiten Rahmen für den Umgang
mit Problemen der Weiterverbreitung und der Förderung von Stabilität.
Die wirkliche Frage lautet nicht, ob der N W selbst für
seine Einhaltung sorgen und jedes Problem selbst
lösen kann, sondern ob er für die Welt von Vorteil ist
oder nicht.

Seite 3

�Niemand kann eine definitive Prognose über die
Natur einer Welt ohne NW abgeben. Jeder von uns
muß jedoch konkret über den massiven Weiterverbreitungsdruck nachdenken, der bedauerlicherweise
freigesetzt würde, falls der Vertrag je auslaufen
würde - und darüber, welche Auswirkungen ein
solcher Druck auf unsere eigenen Länder haben
würde.
In Japan gibt es folgendes Sprichwort: "Ein herausstehender Nagel wird mit dem Hammer eingeschlagen." Alle Staaten spüren die Hammerwirkung des
NW gegen nukleare Weiterverbreitung. In einer
Welt ohne den Nichtverbreitungsvertrag könnten die
Staaten ein Herausstehen vermeiden - nicht durch

Widerstand gegen den Druck, Nuklearwaffen zu
besitzen, sondern indem sie vor ihnen weichen.
Die Konferenz über die Überprüfung und Verlängerung des NW, die vom 17. April bis zum 12. Mai
1995 in New York anberaumt ist, stellt unsere einzige
realistische Chance dar, den NW dauerhaft zu
gestalten. Jetzt, da die Nuklearwaffenarsenale der
Supermächte abgebaut werden und die Aussichten
auf einen CTB-Vertrag steigen - und die größten
Nuklearwaffenstaaten endlich in der Lage sind, bei
ihrer Verteidigungsplanung weniger Wert auf Atomwaffen zu legen - ist nicht der Zeitpunkt, das Abkommen aufzugeben, das uns gestattet, den Rüstungswettlauf umzulenken.

* * * * *

Seite 4

AMERIKA DIENST 14

�UMWELT
12. April 1995

Die entscheidende Rolle der Wissenschaft
bei der Lösung von Umweltproblemen
Rede von Vizepräsident AI Gore
WASHINGTON - (AD) - Vizepräsident AI Gore zufolge spielen Wissenschaft und Technologie für den modernen
Menschen eine entscheidende Rolle beim Umgang mit beispiellosen Herausforderungen wie der
Bevölkerungsexplosion und dem globalen Klimawandel.
Der Vizepräsident äußerte am 30. März 1995 in einer Rede vor einem politischen Forum, das vom
Wissenschafts- und Technologiebüro des Weißen Hauses gefördert wird, es wäre ein Fehler anzunehmen,
Probleme wie der Treibhauseffekt könnten im Handumdrehen mit Hilfe der Technologie gelöst werden.
Wissenschaft und Technologie können ihm zufolge jedoch die Entwicklung neuer Ansätze für den Umgang mit
solchen Problemen beschleunigen - Ansätze, die keine unheilbringenden Konsequenzen für gefährdete Teile
des Ökosystems der Erde haben.
Gore fügte hinzu, die Beziehungen zwischen der menschlichen Zivilisation und dem Ökosystem der Erde hätten
sich radikal gewandelt.
Ein Grund für diese veränderten Beziehungen sei die wissenschaftliche und technologische Revolution, die
neue Technologien für die Nutzung der Erde bereitstellte. Ein anderer Grund - der heikelste, aber auch
wichtigste - sei die im Zusammenhang mit dem Modernismus stehende veränderte Denkweise, die viele dazu
verleitet hat, "die Bedeutung der künftigen Konsequenzen gegenwärtiger Aktionen außer acht zu lassen".
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede von Vizepräsident Gore in wesentlichen Auszügen.

Ich danke der National Academy of Sciences, daß
sie uns diese Räumlichkeiten zur Verfügung stellt.
Wir sehen der im Gefolge dieser Konferenz zu
leistenden Arbeit erwartungsvoll entgegen. Ich darf
Ihnen versichern, daß Ihre Bestrebungen nicht
umsonst sein werden. Wir sind äußerst gespannt
auf die Ideen, Vorschläge und Empfehlungen, die
aus Ihren Beratungen hervorgehen werden.
Ich erinnere mich an das, was ich über den herausragenden Physiker LI. Rabi las. Er schrieb über den
Einfluß, den seine Mutter auf seinen Wissensdrang
hatte. Ebenso wie andere Mütter stellte sie Fragen,
wenn die Kinder aus der Schule kamen. Während
andere Eltern ihre Kinder jedoch oft fragten "Gibt es
etwas Neues in der Schule?" oder "Was hast Du
heute gelernt?", fragte Dr. Rabis Mutter "Was für
gute Fragen hast Du heute gestellt?". Ich habe mir
das gemerkt, denn meines Erachtens ist das für
Eltern sehr interessant und auch bei Konferenzen
wie dieser ein guter Ansatz. Es geht nicht immer
nur darum, Antworten zu finden. Manchmal ist es
auch eine Leistung, die richtigen Fragen zu stellen.

AMERIKA DIENST 14

Und in den letzten beiden Tagen haben Sie eine
Vielfalt von Fragen erörtert, die im Zusammenhang
mit der Rolle von Wissenschaft und Technologie für
den Schutz unserer nationalen Sicherheit und die
Erlangung globaler Stabilität stehen.
Heute möchte ich eine der Fragen ansprechen, mit
denen sich diese Administration in den zwei Jahren
und zwei Monaten ihrer Amtszeit befaßt hat. Welche
Beziehungen bestehen zwischen Wissenschaft und
Technologie einerseits und nationaler Sicherheit
andererseits? Um auch nur den Versuch einer
Beantwortung dieser Frage zu machen, müssen wir
eine Definition von nationaler Sicherheit vornehmen.
Im letzten halben Jahrhundert war diese Definition
natürlich relativ einfach.
Der Schutz unserer nationalen Sicherheit bedeutete
Sicherheit vor einem militärischen Angriff sowie
Vermeidung all jener vorbereitenden Entwicklungen,
die die Wahrscheinlichkeit eines bewaffneten Angriffs
erhöhten statt zu verringern. Der Kalte Krieg ist
vorüber, und obwohl wir keineswegs in unserer Ent-

Seite 1

�schlossenheit nachlassen sollten, die besten und
fähigsten Streitkräfte auf der Erde aufrechtzuerhalten, ist sich jeder bewußt, daß es an der Zeit ist,
nationale Sicherheit in einem weiteren Sinn zu
sehen.

baren Aktivposten mobilisierte: militärische, wirtschaftliche, psychologische, kulturelle (Siegesgärten),
die alle in den Dienst eines kohärenten nationalen
Ansatzes gestellt wurden, um den strategischen
Konflikt zu gewinnen.

Wir haben die unseres Erachtens erforderlichen
neuen Ansätze definiert und in drei Kategorien
eingeteilt: Militärische Sicherheit und Beibehaltung
der Einsatzbereitschaft unserer Streitkräfte, Wiederbelebung der Wirtschaft und die Förderung
tragfähiger Entwicklung. Meiner Meinung nach ist es
jedoch wichtig, daß wir zu verstehen versuchen, wie
sich der Kontext unserer nationalen Sicherheit
verändert hat. Oftmals verstehen wir die Welt mit
Hilfe von Metaphern. Und der Ausdruck nationale
Sicherheit ist eine Metapher, durch die wir die neuen
Bedrohungen in der neuen Welt zu begreifen versuchen. Es ist eine militärische Metapher.

Nachdem wir ein halbes Jahrhundert mit dieser
Metapher gelebt haben, kommt sie natürlich bei
unseren Bestrebungen zum Tragen, die Bedrohungen
der nationalen Sicherheit im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg neu zu beurteilen. Aber wie alle anderen Metaphern hat auch diese ihre Beschränkungen.
Sie geht implizit von einer externen, separaten
Bedrohung aus, auf die wir umfassend und energisch
reagieren. Einige der derzeit stattfindenden Veränderungen betreffen den Kontext, in dem wir den
Herausforderungen begegnen. Ich möchte nochmals
die eingangs aufgeführten drei Kategorien ansprechen - wirtschaftliche Wiederbelebung, militärische
Einsatzbereitschaft und tragfähige Entwicklung - und
zu illustrieren versuchen, was ich unter verändertem
Kontext verstehe.

Wissenschaft und Technologie haben ebenso zur
Schaffung vieler neuer Herausforderungen beigetragen wie sie uns bei der Suche nach vielen der
erforderlichen Lösungen unterstützen. Das galt zu
Beginn des Atomzeitalters und während des Kalten
Krieges ebenso wie heute. Während wir jedoch die
Natur der militärischen Metapher untersuchen, die
unsere Diskussionen über nationale Sicherheit im
Zeitalter nach dem Kalten Krieg leitet, wäre es
hilfreich, einige der Aspekte der Metapher zu identifizieren, die den neuen Herausforderungen angemessen sind, sowie andere, bei denen das nicht der Fall
ist.
Zu Beginn des Atomzeitalters wurde offensichtlich,
daß eine neue wissenschaftliche Entdeckung der
Menschheit eine neue Macht verliehen hatte, um
diese alten Aktivitäten zu verfolgen. Unter einem
Atomkrieg verstand man daher etwas ganz anderes
als nur einen Krieg. Krieg ist eine uralte Gewohnheit
der menschlichen Zivilisation, aber durch die mit
Hilfe der Nuklearphysik hergestellten neuen Technologien wurden die Konsequenzen eines totalen
Krieges plötzlich verändert und erforderten somit ein
neues Nachdenken über diese uralte, jetzt aber
folgenschwere Gewohnheit.
Ein zweiter Aspekt der militärischen Metapher ist ihre
globale Dimension. Vor den Weltkriegen dieses
Jahrhunderts - dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten
Weltkrieg, dem Kalten Krieg - waren Kriege meistens
regional begrenzt, und die Militärhistoriker teilten
Konflikte gewöhnlich in drei Kategorien ein: Lokale
Konflikte, regionale oder kriegsschauplatzgebundene
Konflikte sowie strategische Konflikte mit globaler
Dimension. Strategisch wurde zur Bezeichnung für
einen Krieg, der die Existenz einer Nation betraf und
eine Antwort erforderte, die alle einer Nation verfüg-

Seite 2

Wenn wir wirtschaftliche Wiederbelebung anstreben,
reicht es nicht aus, eine externe Bedrohung zu
identifizieren, auf die wir mit neuen Werkzeugen und
neuen Ansätzen reagieren können, um den Kampf
mit ihr zu gewinnen. Protektionisten definieren die
Welt der Wirtschaft über diese Metapher, was jedoch
vollkommen unzulänglich ist. Die Märkte sind heute
globaler Natur. Der Nutzen von Instrumenten nationaler Wirtschaftspolitik wird eingeschränkt durch die
Interaktion mit von anderen Nationalstaaten eingesetzten Instrumenten. Betrachten Sie sich beispielsweise die Kontrolle der Zinssätze, die früher fast
ausschließlich im Zuständigkeitsbereich nationaler
Politiker lag, jetzt jedoch von den Entscheidungen
beeinflußt wird, die morgen auf den Märkten von
London bis Singapur gefällt werden. Schauen Sie
sich die Unternehmen an, die früher im nationalen
Kontext definiert wurden, jetzt aber multinationaler
Natur sind.
Wenn wir uns um die Ankurbelung unserer Volkswirtschaft durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze
bemühen, müssen wir den Kampf in Betracht ziehen,
den jetzt alle Industrienationen in dem Bemühen um
die Schaffung neuer Arbeitsplätze führen. Und jeder
Versuch, einfach die neuen, durch die neue Wissenschaft entwickelten Technologien anzuwenden, um
verbesserte Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen,
wird direkt zu einer Vielfalt von Komplikationen
führen.
Um einen Vergleich anzustellen: Die industrielle
Revolution führte zu einer drastischen Abnahme von
Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft, der Hauptbeschäftigungsquelle unserer Nation. Während eines

AMERIKA DIENST 14

�Zeitraums von 100 bis 130 Jahren führte die rückwirkende Anwendung der Früchte der industriellen
Revolution auf die landwirtschaftliche Arbeit zur
einem Ausbluten der Beschäftigungsmöglichkeiten in
der Landwirtschaft. Zu Zeiten des amerikanischen
Bürgerkriegs waren 50 Prozent der Arbeitsplätze in
der Landwirtschaft, jetzt sind es nur noch etwas über
2 Prozent.
Erneut nutzen wir die industrielle Revolution als
Metapher, um die Informationsrevolution zu verstehen. In mancherlei Hinsicht kann sie angewendet
werden, in anderer nicht. In diesem Zusammenhang
ist die Metapher aufschlußreich, denn ebenso wie
die Früchte der industriellen Revolution rückwirkend
auf die mechanisierte Landwirtschaft angewendet
wurden, die wiederum massive Verluste an Beschäftigungsmöglichkeiten auf den Bauernhöfen auslöste,
führen in ähnlicher Weise die Früchte der Informationsrevolution bei rückwirkender Anwendung auf
numerisch kontrollierte Maschinen, computergestützte Fertigung und die Automatisierung aller Fabrikprozesse zu einer schnellen Ausdünnung verschiedener Beschäftigungskategorien im Fertigungsbereich.
Fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
arbeiteten 34 Prozent der arbeitenden Bevölkerung
Amerikas in der Fabrik. Heute, 50 Jahre später,
sind weniger als 17 Prozent der amerikanischen
Erwerbsbevölkerung in Fabriken beschäftigt. Um
nochmals die Metapher anzuwenden: Die industrielle Revolution führte nicht nur zum Verlust älterer
Arbeitsplätze, sondern schuf eine große Zahl neuer,
vorher unbekannter Arbeitsplätze. Auf dieselbe Art
und Weise eröffnet die Informationsrevolution,
obwohl sie zum Verlust vieler Arbeitsplätze in der
Fabrik führt, eine Vielzahl neuer Beschäftigungsmöglichkeiten, von deren Existenz wir noch vor 10
Jahren nichts wußten. Diese besondere Metapher
kann nicht angewendet werden, da die kurze Zeit
des Übergangs sich stark von der langen, die
industrielle Revolution begleitenden Anpassungszeit
unterscheidet.
Die Bestrebungen zur Anwendung von Wissenschaft
und Technologie auf unser strategisches Ziel einer
Wiederbelebung der Wirtschaft müssen die umfassenden Änderungen in Betracht ziehen, die eine
Begleiterscheinung wissenschaftlicher und technologischer Veränderungen sind. Wie stets sind mehr
Wissen, mehr Forschung und mehr Investitionen
besser und werden uns bei der Schaffung neuer
Arbeitsplätze, der Ankurbelung unserer Wirtschaft
und beim Umgang mit den Veränderungen helfen.
Eine rückwirkende Investition von Glaube und
Vertrauen bei diesem Ansatz kann an sich schon
kontraproduktiv sein, wenn wir nicht klug vorgehen.

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Aus diesem Grund sehen wir Ihren Empfehlungen für
den Umgang mit dieser besonderen Herausforderung
erwartungsvoll entgegen. Wir brauchen Ihre Hilfe,
um in Wissenschaft und Technologie die besten
Mittel und Wege zu prüfen, die uns bei der Erlangung
dieses strategischen Ziels helfen können, ohne daß
lediglich auf mehr Investitionen in Wissenschaft und
Technologie gedrängt wird. Wie sind die tiefergehenden Beziehungen?
Das zweite Ziel: Militärische Einsatzbereitschaft.
Wieder kommen wir zur üblichen Art des Umgangs
mit dieser Frage zurück und gehen davon aus,
Wissenschaft und Technologie sollten uns darin
bestätigen, daß wir an der Schnittstelle jeder neuen
Entwicklung stehen, die im militärischen Bereich
Anwendung finden kann - es sei denn, wir werden
davon überrumpelt. Gleichzeitig sollten sie uns über
Gegenmaßnahmen und defensive Schritte informieren, deren wir noch vor einem potentiellen Aggressor
gewahr werden müssen. Das muß getan werden.
Derzeit wird die Welt vom Gespenst der Morde in
Burundi heimgesucht, die allzusehr an die Frühstadien des schrecklichen Massakers im benachbarten Ruanda erinnern, und Wissenschaft und
Technologie können nur sehr wenig tun, die Streitkräfte für den Umgang mit diesem schrecklichen
Verlust an Menschenleben auszurüsten. Was hätten
wir in Somalia anders machen können? Welches
sind die neuen weltweiten Herausforderungen, auf die
das Militär reagieren muß?
Wir kommen wieder zu dem Gedanken zurück, daß
wir die größte Angst vor einer aggressiven Ideologie
haben, die einen Nationalstaat dazu führt, seine
Waffen gegen uns zu richten. Und ohne die Bedeutung dieser Bedrohung herabzuwürdigen, müssen wir
auch die Frage stellen: Wie können uns Wissenschaft und Technologie beim Umgang mit den neuen
Herausforderungen helfen, die oftmals einen vielschichtigen Angriff auf die Integrität einer Gesellschaft
darstellen und zu einem schnellen Verfall und Abgleiten ins Chaos führen? Mir gefällt das Wort
"Chaos" nicht besonders, da es oft zur Beschreibung
der außenpolitischen Herausforderung verwendet
wird, für die Ruanda, Bosnien oder Somalia stehen.
Es steht jedoch außer Frage, daß das Wort angemessen ist, da es sich über die traditionelle, schrittweise, logische Analyse hinwegsetzt.
Es ist ein Symbol für einen Komplex von Problemen,
für deren Verständnis wir die Hilfe von Wissenschaft
und Technologie benötigen - mit komplexer Theorie,
dem Einsatz neuer analytischer Techniken, die uns
die Identifizierung dieser Herausforderungen gestatten, die für die Zukunft entscheidend sind. Und mit
einer Präventionsstrategie können wir uns mit den
Gründen für den Zusammenbruch der Gesellschaft

Seite 3

�befassen, bevor sie ein Stadium erreichen, bei dem
das Militär reagieren muß.
Während der harten Auswirkungen der industriellen
Revolution schrieb William Butler Yeats die berühmten Worte: "Dinge, die in der Mitte auseinanderfallen, können nicht halten. Bloße Anarchie machte
sich auf der Welt breit. Die blutige Flutwelle braust
heran, und überall wird die Unschuld ertränkt. Den
Besten ermangelt es an jeglicher Überzeugung,
während die Schlechtesten voll leidenschaftlicher
Intensität sind." Diese Worte scheinen anschaulich
einige der neuen Herausforderungen zu beschreiben, mit denen unser Militär jetzt manchmal konfrontiert wird.
Mit der dritten Herausforderung unter dem Titel
"nachhaltige Entwicklung" habe ich mich ziemlich
eingehend befaßt. Ich bin zu der Überzeugung
gelangt, daß das von uns als globaler Klimawandel
bezeichnete Problem, das jetzt in Berlin erörtert wird,
und das Problem des Verlusts von Arten in so
beispiellosem Tempo - beispiellos zumindest seit
dem Aussterben der Dinosaurier - der Verlust von
Regenwäldern, die Verschmutzung von Luft und
Wasser sowie andere Herausforderungen dieser
Größenordnung alle Symptome einer tief erliegenden
Krise im Kontext unserer Beziehungen zur Umwelt
sind.
Meines Erachtens hat während unseres
Lebens ein radikaler Wandel in diesen Beziehungen
aufgrund des Zusammenwirkens dreier Faktoren
stattgefunden. Einer dieser Faktoren ist die wissenschaftliche und technologische Revolution selbst.
Um wieder zur Methapher der Nuklearwaffen zurückzukommen - ebenso wie Nuklearwaffen die Konsequenzen eines totalen Krieges veränderten, haben
neue Instrumente zur Ausbeutung der Erde die
Konsequenzen einer totalen Ausbeutung verändert.
Fischen mit einem Angelhaken oder einem kleinen
Netz hat triviale Konsequenzen. Das Übertischen
der Ozeane mit über 60 Kilometer langen Treibnetzen und hochmodernem elektronischem Gerät
zur präzisen Lokalisierung der Fischschwärme hat
völlig andere Konsequenzen. Keine der neuen
Technologien zur Nutzung der Erde für den Lebensunterhalt ist auch nur entfernt so dramatisch wie
Nuklearwaffen, aber zusammengenommen haben
sie die Konsequenzen der totalen Ausbeutung
vollständig verändert.
Mein Freund Sherwood Rowland, der heute mit
seiner Frau Joan anwesend ist, hat vor zwei Jahrzehnten zusammen mit Mario Molina den Zusammenhang zwischen Fluorchlorkohlenwasserstoffen
und dem Abbau der stratosphärischen Ozonschicht
entdeckt.
Es gab enormen Widerstand gegen
Sherry Rowlands Behauptung, weil es den meisten -

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selbst den Wissenschaftlern - unvorstellbar erschien,
daß die Verwendung einer neuen chemischen
Verbindung so gravierende Konsequenzen haben
könnte. Und dennoch - die Luft, die wir in diesem
Augenblick in diesem Auditorium bei jedem Atemzug
einatmen, enthält aufgrund der Fluorchlorkohlenwasserstoffe sechsmal soviele Chloratome wie vor 50
Jahren. Soweit wir wissen, beeinträchtigt dies unsere
Gesundheit nicht, aber wie Dr. Rowland ausführte,
stellt es eine strategische Bedrohung für die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt dar. Die
Beweise gaben Rowland natürlich recht, und dennoch
sehen wir uns jetzt mit ähnlichen Konsequenzen
konfrontiert, die man immer noch nicht wahrhaben
will. Eine in Berlin erneut geführte Debatte setzt sich
mit den Auswirkungen der raschen Ansammlung von
Treibhausgasen, vor allem C0 2 , aber auch Methan,
Stickoxiden und anderen Spurengasen auseinander.
Ich habe gesagt, es gibt drei Faktoren, die einen
radikalen Wandel in den Beziehungen zwischen der
menschlichen Zivilisation und dem ökologischen
System der Erde bewirkt haben. Und die aus der
sich beschleunigenden wissenschaftlichen und
technologischen Revolution entstehenden neuen
Kräfte sind ein Faktor. Ich möchte kurz auf die
anderen beiden eingehen.
Der zweite Faktor ist die Bevölkerungsexplosion. Alle
10 Jahre nimmt die Weltbevölkerung entsprechend
der Einwohnerzahl Chinas zu. Das ist beispiellos und
brandneu. Es dauerte über 10.000 Generationen,
bevor wir gegen Ende des Zweiten Weltkriegs eine
Bevölkerung von 2 Milliarden Menschen erreichten.
Und in den 47 Jahren meines Lebens ist die Bevölkerung von etwas mehr als 2 Milliarden auf 5,5
Milliarden angestiegen. Wenn ich noch 47 Jahre
lebe, so Gott will, werden wir 9, vielleicht 10 Milliarden zählen. Wenn es 10.000 Generationen dauert,
um 2 Milliarden zu erreichen und dann die Dauer nur
eines Menschenlebens, um von 2 Milliarden auf 10
Milliarden hochzuschnellen, ist dies ein radikaler
Wandel.
Die dritte Ursache dieser veränderten Beziehungen
ist die heikelste, aber wichtigste - eine Änderung
unserer Denkweise im Zusammenhang mit dem
Modernismus, die viele dazu verleitet hat, die Bedeutung der künftigen Konsequenzen gegenwärtiger
Aktionen außer acht zu lassen. Ich gebe nicht vor zu
verstehen, warum dies geschehen ist, aber es wurde
vielfach kommentiert, und einige haben Ursachen
dafür angeführt.
Die Kartesianische Revolution brachte trotz all ihrer
Verdienste auch die implizite Annahme mit sich, daß
wir als Menschen getrennt von der Umwelt sind, in
der wir leben. Dies vermittelte viele nützliche Ein-

AMERIKA DIENST 14

»

�blicke, verschleierte aber auch einige grundlegende
Wahrheiten. Ich bin ebenfalls der Ansicht, daß der
Anbruch des Nuklearzeitalters in geringerem Maße
zu einer gewissen fatalistischen Einstellung beitrug,
die ausschlaggebend für viele war, die stets mit der
Notwendigkeit kämpfen, die Zukunft zu berücksichtigen, wenn sie mit dem kollidiert, was wir in der
Gegenwart tun wollen. Und viele waren eher bereit,
die Zukunft außer acht zu lassen.
Um auf diese dritte Herausforderung unserer nationalen Sicherheit reagieren zu können, müssen wir
meines Erachtens alle drei miteinander in Verbindung stehenden Ursachen ansprechen. Wir müssen
Anstrengungen zur Stabilisierung der Weltbevölkerung unternehmen, und unter der Führung von
Präsident Clinton haben die Vereinigten Staaten in
Kairo die Welt zur Formulierung eines neuen Konsenses geleitet, der vermehrte Machtbefugnisse für
Frauen, verbesserte Bildung und die Bekämpfung
des Analphabetentums, das Angebot kulturell
geeigneter Formen der Empfängnisverhütung sowie
die Behebung der Kindersterblichkeit betont, um den
Eltern das Vertrauen zu vermitteln, daß ihre Kinder
überleben werden und sie so von der Entscheidung
zu einer kleineren Familie überzeugen zu können.
Zweitens benötigen wir Ihre Hilfe beim Verständnis,
wie Wissenschaft und Technologie uns bei der
Beschleunigung der Entwicklung neuer Ansätze zur
Ausbeutung der Erde für den Lebensunterhalt förderlich sein können, die nicht dieselben Konsequenzen
für die gefährdeten Teile des Ökosystems der Erde
wie die Atmosphäre haben, aber nicht nur auf diese
begrenzt sind. Und wir benötigen Ihre Hilfe, damit
wir nicht wieder dem Irrglauben verfallen, es gäbe
eine technologische Patentlösung für dieses Problem. Das wäre nicht Teil der Lösung, sondern
würde noch größere Probleme verursachen. Aber
Wissenschaft und Technologie müssen eine absolut
entscheidende Rolle spielen. Wir müssen jedoch
auch diesen dritten Faktor ansprechen - unsere
Sichtweise bezüglich unserer Beziehungen zur Erde

*

AMERIKA DIENST 14

und den Kontext, in dem wir alle unsere Ziele verfolgen: den politischen, sozialen und kulturellen
sowie den umweltpolitischen Kontext.
Wir benötigen Ihren spezifischen Rat zu Maßnahmen,
die Sie in den Unterlagen erläutert finden, die die
Administration Ihnen und dem Kongreß zur kooperativen Verringerung der Bedrohung, Sicherheit von
Nuklearwaffen, zu spezifischen Programmen wie der
Initiative Korallenriff und unserem Aktionsplan zum
Klimawandel vorlegt. Vor allem benötigen wir jedoch
Ihre Hilfe beim Verständnis des von uns zu wählenden Ansatzes.
Der große Wissenschaftler Archimedes machte die
berühmte Äußerung: "Gebt mir einen Platz, an dem
ich stehen kann, und ich werde die Erde bewegen."
Er wurde vor die Herausforderung gestellt, seine
Worte in die Tat umzusetzen, und den Historikern
zufolge gelang es ihm mit Hilfe eines Flaschenzugs
und Rollen,ein Schiff der syrakusischen Flotte aus
dem Wasser an den Strand zu ziehen. Bei der
Erörterung der Beziehungen von Wissenschaft und
Technologie zur nationalen Sicherheit müssen wir
heute als kooperatives Team operieren, das versucht,
"die Erde zu bewegen" - und zwar zu Freiheit,
Gerechtigkeit, Chancen und nachhaltiger Entwicklung.
Um Erfolg zu haben, müssen wir gemeinsam vorgehen und bei unseren Bestrebungen von einem klaren
Gefühl für die moralische Dimension geleitet sein, die
diesem Kampf ein Gefühl der Dringlichkeit verleiten
sollte.
Viele haben das deutliche Gefühl, daß wir in einer
Zeit leben, in der die von uns beobachteten Veränderungen sich so schnell vollziehen, daß sich die
Fehlerquote verringert und die Notwendigkeit für neue
Antworten verbessert. Aus eben diesem Grund hat
Präsident Clinton Sie alle aufgefordert, soviel Zeit und
Mühe in diese Konferenz zu investieren. Wir sehen
Ihrem Rat und Ihren Empfehlungen erwartungsvoll
entgegen und sind Ihnen für Ihre Teilnahme außerordentlich dankbar.

* * *

*

Seite 5

�TAG

DER

ERDE
12. April 1995

Collegestudenten werben für den 25. Tag der Erde
Neue Umweltschutzgesetzgebung
WASHINGTON - (AD) - Ebenso wie ihre rund 100
Kommilitonen stellten auch Celina Smith und Bion
Curtis Bartning ein Exponat zum Thema Umwelt aus.
Ihres erläuterte, warum fossile Brennstoffe höher
besteuert werden sollten.

nische Führung sehe sich Angriffen ausgesetzt, so
Vento.

"Wenn wir den Verbrauch von fossilen Brennstoffen
reduzieren, könnten wir die Energieeffizienz verbessern und den Schaden für unsere Umwelt verringern", stellt Smith, 21, anläßlich der Vorbereitungen
zum 25jährigen Bestehen des Tags der Erde am
22. April 1995 fest. Sie studiert im 4. Semester
Geologie am Occidental College in Los Angeles.

Die neue republikanische Mehrheit im Kongreß
erklärt, sie habe von den Wählern im November ein
Mandat zur drastischen Reduzierung der Last von
Umweltgesetzen und Bestimmungen erhalten. Die
Unternehmen trügen eine enorme Bürde bei der
Übernahme der Kosten von häufig unnötigen Vorschriften zum Schutz der öffentlichen Gesundheit, die
zum Verlust von Arbeitsplätzen führen, argumentiert
die Mehrheit im Kongreß.

Bartning, 22, Student der Wirtschaftswissenschaften
im 8. Semester am Occidental, meint, er sei ein
politischer Realist. Er ist sich bewußt, daß es in
Washington eine massive Lobby gegen weitere
Steuern gibt und argumentiert, jede Erhöhung der

Energiesteuer könnte durch eine Verringerung des
Energieverbrauchs ausgeglichen werden.
Alle Vertreter von Campus Green Vote, dem Organisator der Veranstaltung vom 1. bis 3. April in einem
Bürogebäude des Repräsentantenhauses, schienen
sich der Tatsache bewußt, daß die Sache stärkeren
Angriffen ausgesetzt war als je zuvor, seit der Tag
der Erde vor 25 Jahren zum ersten Mal gefeiert
wurde und die moderne Umweltbewegung ins Leben
rief.
Chris Fox, Leiter der Organisation, forderte die über
120 Studenten aus 40 Colleges auf, noch härter zu
arbeiten, damit sich die jungen Menschen für den
politischen Prozeß engagieren.

"Wir müssen zurückschlagen, wir müssen uns wehren", sagte er unter donnerndem Applaus.

Gesetzesvorlagen wie die Verhängung eines vorläufigen Moratoriums für den Erlaß neuer Umweltbestimmungen, eine künftigen Umweltgesetzen vorauszuschickende Kosten-Nutzen-Analyse
sowie
Entschädigungen für Grundbesitzer, wenn diese ihr
Land aus Gründen des Umweltschutzes nicht erschließen dürfen, wurden vom Repräsentantenhaus
verabschiedet und liegen dem Senat zur Prüfung vor.
Man erwartet, daß im Vorfeld des Tags der Erde und
an diesem Tag selbst Tausende von Veranstaltungen
unter Beteiligung von Millionen Menschen stattfinden.
Earth Day USA, eine der Organisationen, die für
Tausende an diesen Feierlichkeiten teilnehmende
lokale nichtstaatliche Organisationen und Schulen als
Clearinghaus für Informationen dient, beschäftigt sich
mit den Vorgängen im Kongreß.

Er warnte ungenannte Politiker, die studentischen
Umweltschützer würden zu einem entscheidenden
Teil der amerikanischen Wählerschaft. "Studenten
kommen vom Recyclingcontainer zur Wahlurne",
stellte er fest.

Laut Bruce Anderson, Präsident von Earth Day USA,
besteht der Wunsch nach einer kleineren, weniger
aktivistischen Regierung sowie nach größerer Betonung der Verantwortung des einzelnen und der
Zusammenarbeit.
Dies sei "der angemessene
Schwerpunkt für Earth Day 1995".

Bruce Vento, Mitglied des Repräsentantenhauses,
äu ßerte an einem sonnigen Frühlingstag der Gruppe
gegenüber, im Kongreß "ist es nicht angenehm".
Die für den Schutz der Umwelt eintretende amerika-

Zu den von verschiedenen Gemeinden durchgeführten Programmen gehören ein "Energiefasten", das
den Energiebedarf auf ein Minimum reduziert, ein
"Marsch für die Parks" zur Aufbringung von Geldern

AMERIKA DIENST 14

Seite 1

�für den Kauf und die Pflege von Parkgelände, ein
Konzert auf der Mall in Washington, die Konzentration auf erneuerbare Energiequellen wie die
Sonne sowie eine Parade für den Planeten in New
York mit gigantischen Flaggen aus Deutschland,
Rußland und Kanada, auf denen die Erde abgebildet
ist.
Innerhalb der Umweltbewegung gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie der 25. Tag der Erde
begangen werden sollte. Earth Day USA geht
vornehmlich auf die Initiative von Anderson und
Gaylord Nelson zurück, die 1970 die ersten Feiern
organisierten. Sie beschlossen, daß die zur Ausweitung der Aktivitäten erforderlichen Fonds durch

*

Seite 2

Sponsoren aus der Industrie bereitgestellt werden
sollten.
Andere Umweltschutzgruppen weigerten sich jedoch,
Geld von Unternehmen anzunehmen und schufen ein
eigenes Netz, um Organisationen vor Ort bei der
Planung ihrer eigenen Veranstaltungen zu helfen. Es
scheint aber zwischen allen Gruppen auf lokaler
Ebene viel Zusammenarbeit zu geben.
Auch die Clinton-Administration hat umfassende
Pläne für den Tag der Erde. Sie veranstaltet ein
Aufklärungsprogramm über Umweltfragen für die
Öffentlichkeit unter dem Namen Project Earthlink.

* * *

*

AMERIKA DIENST 14

�</text>
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