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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z 12462 C

5. April 1995

13

NATO

DIE ERWEITERUNG DER NATO
von Verteidigungsminister William Perry

KLIMAKONFERENZ

BEWÄLTIGUNG DES KLIMA WANDELS IST
GRÖSSTE HERAUSFORDERUNG
von Timothy E. Wirth

DAS PROGRAMM DER CLINTONADMINISTRATION
Maßnahmen zum Klimawandel

ROOSEVELT

FRANKLIN DELANO ROOSEVELT
Zum 50. Todestag des
32. amerikanischen Präsidenten

TAG DER ERDE

DIE MENSCHLICHE UMWELT UND
GLOBALE POLITISCHE ANPASSUNG
von Thomas W. Wilson

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-33923 72
Fax:0228-33 41 02

�NATO
5. April 1995

Die Erweiterung der NATO
von Verteidigungsminister William Perry
WASHINGTON - (AD) - Beim Ministertreffen des
Nordatlantikrats im Dezember vergangenen Jahres
bekräftigten die Außenminister der NATO-Mitgliedstaaten die beim Gipfel im Januar getroffene Entscheidung über eine Erweiterung der NATO und
verabschiedeten eine amerikanische Initiative,
"innerhalb des Bündnisses einen Prüfungsprozeß
einzuleiten, um das "Wie" einer NATO-Erweiterung,
die Leitlinien dieses Prozesses und Implikationen der
Mitgliedschaft festzusetzen".
Bei ihrem Treffen im Dezember 1994 äußerten die
NATO-Verteidigungsminister im Tenor der vom
Nordatlantikrat getroffenen Entscheidung, sie würden
einen vollen Beitrag zu dem Prüfungsprozeß leisten.
In Anerkennung der Schlüsselrolle der Partnerschaft
für den Frieden (PFP) bei der NATO-Erweiterung
wird diese Prüfung eine Beurteilung des möglichen
Beitrags der Partnerschaft zu diesem Prozeß beinhalten. Die Minister des Nordatlantikrats stimmten
zu, interessierten Partnern vor dem für Dezember
1995 in Brüssel anberaumten nächsten Treffen des
Nordatlantikrats die Ergebnisse dieser Verhandlungen vorzulegen.
Kriterien
Während der zur Entscheidung des Nordatlantikrats
führenden Diskussionen äußerte die Verbündeten
ernste Zweifel daran, ob es sinnvoll sei, explizite
Kriterien für eine Aufnahme in die NATO aufzustellen. Die Vereinigten Staaten teilen diese Bedenken.
Die Festsetzung starrer und detaillierter Kriterien
könnte im Falle einer Aufnahme neuer Mitglieder in
das Bündnis zu Mißverständnissen und Beschuldigungen zwischen den NATO-Mitgliedstaaten und
enttäuschten Kandidaten führen. Dies könnte das
Bündnis in die schwierige Lage versetzen, explizite
öffentliche Urteile über die Eignung anderer Nationen auf so heiklen Gebieten wie ihrem Engagement
für Demokratie und freie Marktwirtschaft zu fällen.
Im Grunde ist die Entscheidung über die Aufnahme
neuer Mitglieder politischer Natur.
Die NATOMitgliedstaaten vereinbaren, daß ein bewaffneter
Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen als ein
Angriff gegen sie alle angesehen wird - eine Ver-

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pflichtung mit tiefgreifenden möglichen Implikationen
für eine Nation. Vor diesem Hintergrund einigten sich
die Minister des Nordatlantikrats, über eine Erweiterung - wenn sie stattfindet - von Fall zu Fall zu
entscheiden.
Ferner sollte man sich vor Augen führen, daß die
Aufnahme neuer Mitglieder der Zustimmung aller
derzeit 16 Mitgliedstaaten sowie in den meisten
Fällen der Parlamente bedarf. Natürlich steht es dem
Parlament jedes Mitgliedstaats frei, alle Kriterien
anzulegen, die ihm angemessen erscheinen. Unter
unserem Verfassungssystem kann die Exekutive bei
Konsultationen des Bündnisses keine Kriterien
festsetzen, die für die Entscheidung des Senats
verbindlich wären, die Aufnahme neuer Mitglieder in
das Bündnis zu empfehlen und dieser zuzustimmen.
Obwohl Bedenken darüber bestehen, ob die Aufstellung expliziter oder starrer Kriterien wünschenswert sei, wird auch deutlich, daß Entscheidungen
über eine Mitgliedschaft nicht in einem Vakuum
getroffen werden. Außenminister Christopher erläuterte die Haltung der Vereinigten Staaten zu einer
Erweiterung, als er dem Nordatlantikrat mitteilte:
"Jede Nation sollte individuell betrachtet werden.
Kein Nichtmitgliedstaat der NATO wird ein Vetorecht
gegenüber einem anderen haben. Aus unserer Sicht
gibt es jedoch im Washingtoner Vertrag niedergelegte
bestimmte grundlegende Anforderungen für die
Mitgliedschaft. Neue Mitglieder müssen marktwirtschaftliche Demokratien und einer verantwortlichen
Sicherheitspolitik verpflichtet sein sowie einen Beitrag
zum Bündnis leisten."
Im Kommunique der Ministertagung des Nordatlantikrats heißt es: "Alle neuen Mitglieder der NATO
werden Vollmitglieder der Allianz sein, die die Rechte
genießen und alle Verpflichtungen aus der Mitgliedschaft übernehmen." Darüber hinaus waren sich die
Minister "einig, daß die Erweiterung die Effizienz der
Allianz stärken, zu Stabilität und Sicherheit des
gesamten euroatlantischen Gebiets beitragen und
unser Ziel der Wahrung eines ungeteilten Europas
fördern sollte. Sie sollte in einer Weise erfolgen, daß
die Fähigkeit der Allianz zur Durchführung ihrer

Seite 1

�Kernfunktionen der kollektiven Verteidigung sowie
zur Durchführung friedenserhaltender und anderer
neuer Aufgaben erhalten bleibt...". Ferner riefen sie
die Präambel des Washingtoner Vertrags in Erinnerung:
"Die Parteien dieses Vertrags bekräftigen
erneut ihren Glauben an die Ziele und Grundsätze der Satzung der Vereinten Nationen und
ihren Wunsch, mit allen Völkern und allen
Regierungen in Frieden zu leben. Sie sind
entschlossen, die Freiheit, das gemeinsame
Erbe und die Zivilisation ihrer Völker, die auf
den Grundsätzen der Demokratie, der Freiheit
der Person und der Herrschaft des Rechts
beruhen, zu gewährleisten. Sie sind bestrebt,
die innere Festigkeit und das Wohlergehen im
nordatlantischen Gebiet zu fördern. Sie sind
entschlossen, ihre Bemühungen für die gemeinsame Verteidigung und für die Erhaltung
des Friedens und der Sicherheit zu vereinigen."
Kooperation und Interoperabilität: Der Weg der
PFP
Zusätzlich zur Beurteilung der Kriterienfrage wurde
auf der Konferenz die Forderung geäußert, dieser
Bericht solle Maßnahmen ansprechen, um die
vollständige militärische Kooperation und Interoperabilität potentieller neuer Mitglieder zu gewährleisten. Das Bündnis befaßt sich mit diesen Angelegenheiten im Rahmen der Partnerschaft für den
Frieden, einzelne Mitgliedstaaten durch bilaterale
Programme.
In der Vergangenheit wurden in
einigen Kreisen die PFP und die NATO-Erweiterung
als Alternativen angesehen, und das energische
Streben eines Mitgliedsstaats als Verunglimpfung
des anderen betrachtet. Dies ist nicht der Fall - eine
starke PFP und die NATO-Erweiterung müssen und
werden sich gegenseitig verstärken.
Zur Zeit gibt es 25 Mitgliedstaaten der Partnerschaft
für den Frieden: alle mitteleuropäischen Staaten,
das Baltikum, Schweden, Finnland und Österreich,
alle ehemaligen Sowjetrepubliken mit Ausnahme
Tadschikistans, plus Slowenien und Albanien. Kein
Partner erhält eine Garantie auf die Mitgliedschaft
oder wird a priori ausgeschlossen.
Realistisch
gesehen streben nicht alle Partner eine frühe Mitgliedschaft im Bündnis an oder können deren
Erfordernisse erfüllen. Für sie wird die PFP eine
unschätzbare und dauerhafte Rolle spielen, indem
sie eine enge Verbindung zum Bündnis herstellt und
konkrete Beweise der Sorge der NATO um ihre
Sicherheit liefert. Für die Partner, die schließlich der
NATO beitreten, wird die PFP jedoch der Weg ur
Mitgliedschaft im Bündnis sein. Die NATO stärkt zur

Seite 2

Zeit die PFP, damit sie ihrer Rolle als fester Bestandteil der europäischen Sicherheit gerecht werden
kann. Bei den jüngsten Mi niste rtreffen leitete die
NATO einen PFP-Verteidigungsplanungsprozeß in die
Wege und verabschiedete ein äußerst ehrgeiziges
Programm für Manöver im Jahr 1995. Ziel dieser
beiden Bestrebungen ist die Vertiefung der Zusammenarbeit der NATO mit ihren neuen Partnern im
militärischen Bereich und die Verbesserung der
Fähigkeit der Partner-Streitkräfte zu gemeinsamen
Operationen mit denen der NATO. Diese Bestrebungen sind für alle Partner wichtig, die sich an multinationalen Operationen mit Verbündeten beteiligen
könnten und werden sich bei der Vorbereitung von
Ländern mit einem Interesse an der NATO-Mitgliedschaft auf die Herausforderung der Vollmitgliedschaft
im Bündnis als unschätzbar erweisen.
Wir ergänzen diese Bestrebungen durch bilaterale
Hilfsprogramme.
Bestehende Ausbildungs- und
Austauschprogramme werden bereits zunehmend auf
die Unterstützung der PFP-Ziele zugeschnitten.
Darüber hinaus wenden wir im Haushaltsjahr 1995 30
Millionen Dollar zur Unterstützung von Übungen und
anderen Programmen mit Partnernationen auf. Im
Haushaltsjahr 1996 hat die Administration 100
Millionen Dollar an bilateraler Hilfe zur Förderung der
Ziele der PFP beantragt. Wir fordern unsere Verbündeten zur Bereitstellung ähnlicher Hilfsleistungen
auf. Wir sind uns bewußt, daß die Hauptfinanzierungsverpflichtung bei den Partnern liegt und unsere
NATO-Partner für den Erfolg des Programms ebenfalls ihren Beitrag leisten müssen.
Militärische Implikationen der Erweiterung
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Erweiterung sind
die Implikationen für die kollektive Verteidigung.
Beim Treffen der NATO-Verteidigungsminister im
Dezember 1994 begrüßte der Verteidigungsplanungsausschuß (Defense Planning Committee - DPC)
offiziell die Entscheidung der Außenminister, einen
Prüfungsprozeß über das "Wie" der NATO-Erweiterung in die Wege zu leiten. Der DPC stellte auch
eindeutig klar: "Als Verteidigungsminister werden wir
uneingeschränkt zu diesem Prozeß beitragen, der
Implikationen für unsere kollektiven Verteidigungsarrangements haben wird, insbesondere für den
Verteidigungsplanungsprozeß und die integrierte
militärische Struktur. Aus diesem Grund haben wir
auf Anraten der NATO-Militärbehörden unsere
Ständigen Vertreter eingeladen um sicherzustellen,
daß diese Implikationen als Beitrag zur Arbeit des
Nordatlantikrats zu diesem Thema angesprochen
werden."
Die Hauptnotwendigkeit besteht in der Gewährleistung, daß die militärischen Fähigkeiten des Bündnis-

AMERIKA DIENST 13

�ses nach der Erweiterung erhalten bleiben. Die
verteidigungspolitischen Anforderungen der Erweiterung sind ziemlich anspruchsvoll und werfen eine
Reihe komplexer Fragen auf. Beispielsweise muß
eine erweiterte NATO sich mit der Notwendigkeit
auseinandersetzen, auch ihren Verteidigungsplanungsprozeß zu erweitern, um mit den Verfahren
des Bündnisses nicht vertraute Mitglieder einzubeziehen. Die NATO muß auch die Ressourcenerfordernisse eines größeren Bündnisses ausmachen und vielleicht in etwas kritischerer Weise Mittel
zur Erfüllung dieser Erfordernisse in einer Zeit
sondieren, in der die Verteidigungshaushalte aller
NATO-Mitgliedstaaten gekürzt werden.
Neue
Mitglieder müssen einen Beitrag zu den Sicherheitserfordernissen des Bündnisses leisten und nicht nur
nehmen wollen.
Die Notwendigkeit für Standardisierung und Interoperabilität stellt eine weitere Herausforderung dar,
die bewältigt werden muß, wenn das Bündnis militärisch effektive Streitkräfte beibehalten will. Die
NATO hat buchstäblich Hunderte von Standardisierungsabkommen, die sich mit Doktrin, Gerät, Verfahren und Beschaffung befassen, denen sich ein
neues Mitglied anpassen muß. Die Erweiterung wird
auch das komplexe Thema der Führungs- und Streitkräftestruktur aufwerfen. Wenn sich die NATO als
verantwortlich für die Verteidigung mehrerer neuer

*

AMERIKA DIENST 13

*

Mitglieder erachtet, muß sie die entsprechenden
Veränderungen ihres Streitkräfte-Einsatzkonzepts und
ihrer Doktrin vornehmen. Welche praktischen Vorschläge sollten wir in dieser Hinsicht unterbreiten?
Die Beantwortung dieser Frage bedarf eingehender
Studien und beträchtlicher Anstrengungen.
Schlußbemerkung
Die Entscheidung des Nordatlantikrats, eine Prüfung
der Erweiterungsfrage zu initiieren, war eine beträchtliche Leistung der amerikanischen Politik.
Zusammen mit unseren Verbündeten bemühen wir
uns um Klärung der angeschnittenen komplexen und
heiklen Fragen. Alle stimmen überein, daß die
NATO-Erweiterung stattfinden wird und diese Erweiterung in einer Art und Weise erfolgen muß, die die
Sicherheit Europas insgesamt verbessert und neue
Teilungen verhindert. Zu diesem Zweck verfolgen die
Vereinigten Staaten bei der NATO vehement den
Dialog über die Erweiterung und werden sicherstellen, daß die NATO die damit verbundenen komplexen Themen an die Öffentlichkeit bringt. Die
Vereinigten Staaten sind ferner zu der Gewährleistung entschlossen, daß die NATO ihre ehrgeizige
und anspruchsvolle Verpflichtung im Nordatlantikrat
erfüllt, interessierten Partnern die Ergebnisse dieser
Erörterungen vordem Ministertreffen des Nordatlantikrats im Dezember 1995 in Brüssel vorzulegen.

* *

Seite 3

�KLIMAKONFERENZ
5. April 1995

Bewältigung des Klimawandels ist größte
Herausforderung
von Timothy E. Wirth
Nachfolgend veröffentlichen wir einen im Zusammenhang mit der Berliner Klimakonferenz verfaßten Artikel des
Staatssekretärs für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth.

Während die entscheidende zweite Woche der
Berliner Klimakonferenz beginnt, nimmt der Druck
auf alle Nationen zu, eine Bestandsaufnahme der
Fortschritte zur Verhinderung beispielloser Klimaveränderungen vorzunehmen sowie entschieden und
verantwortungsbewußt zu handeln.
Diejenigen, die über die unterschiedlichen Meinungen, mühseligen Verhandlungen, unterschiedlichen
Einstellungen, Verzögerungen und das Spektakel
einer Zusammenkunft wie dieser lamentieren,
fordere ich auf, ebenfalls Bilanz zu ziehen. Gemeinsam müssen wir unsere Erwartungen beurteilen und
sie in Einklang mit der Realität bringen.
Es steht außer Frage, daß die Bewältigung des
globalen Klimawandels eine der größten - wenn
nicht die größte - Herausforderung ist, die je von
der internationalen Staatengemeinschaft angegangen wurde. Sie betrifft so schwierige Themen wie
Wirtschaftswachstum, Lebensqualität, Verkehrswesen, Energie und Landwirtschaft - und die zugrundeliegenden Probleme sind mindestens so komplex
wie die letzte Runde der globalen Handelsgespräche, die sich über zehn Jahre hinzog.
Es steht ebenfalls außer Frage, daß in bezug auf die
Umwelt - und den Planeten - sehr viel auf dem Spiel
steht. Das Ansteigen der Meeresspiegel, veränderte
Witterungsbedingungen, vermehrter Niederschlag,
heftigere Stürme, Belastung der Landwirtschaft - das
sind die Risiken.
Ebenso wie wir der Öffentlichkeit die äußerst wichtigen Beweise besser erklären müssen, die Wissenschaftler erbringen, müssen wir auch kollektiv
bessere Arbeit leisten, um eine Formulierung genauer zu erläutern, die Experten bei der Klimakonferenz
ständig verwenden - "nachhaltige Entwicklung".

AMERIKA DIENST 13

Nachhaltige Entwicklung bedeutet im wesentlichen,
daß die Volkswirtschaften der Welt die Bedürfnisse
der heutigen Generation ohne Gefährdung oder
Benachteiligung künftiger Generationen erfüllen
sollten. Verstanden und umgesetzt ist dies ein in der
Erkenntnis wurzelndes Konzept, daß wirtschaftliche
und ökologische Systeme sich gegenseitig verstärken. Ökologische Systeme bilden die entscheidende
Grundlage der modernen Gesellschaft - in der
Wissenschaft, Landwirtschaft, bei sozialer und
wirtschaftlicher Planung. Von unserem ökologischen
Kapital zu leben, ist langfristig eine ruinöse Wirtschaftsstrategie. Gleichzeitig streben die meisten
Völker und Nationen nach einer Verbesserung ihrer
Lebensqualität durch Wirtschaftswachstum, wissenschaftliche und technologische Fortschritte, die
wiederum die unabdingbaren Bausteine des Umweltschutzes sein können.
Das größte Hindernis beim Streben nach tragfähiger
Entwicklung ist die weitverbreitete Sorge der Welt,
der Schutz der Umwelt liefe den Wirtschaftsinteressen zuwider. Tatsache ist jedoch, daß die Wirtschaft untrennbar mit der Umwelt verbunden und
vollständig von ihr abhängig ist.
Wir lernen, daß Umweltkapital nicht einfach bemessen werden kann, indem man Bäume, Fischbestände
oder Getreideähren zählt. Es umfaßt auch komplexe
ökologische Systeme, die Abfälle filtern, Böden
regenerieren und die Trinkwasservorräte wiederauffüllen. Diese Systeme, die wir zu spät verstanden
haben, bilden die Grundlage des Lebens auf der
Erde. Die Zerstörung der Ozonschicht, das Aussterben der Arten und der zunehmende Kohlendioxidgehalt unserer Atmosphäre stehen für die Tatsache,
daß die Ökosysteme unseres Planeten großen
Belastungen ausgesetzt sind.

Seite 1

�Die globale Sicherheit ist untrennbar mit diesen
Trends verbunden. Die Sicherheit unserer Welt
hängt davon ab, ob wir ein tragfähiges, ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Zahl der Menschen
und der lebenserhaltenden Fähigkeit des Planeten
herstellen können.
Dies ist das Ziel von Präsident Clintons Bestrebungen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung auf der
ganzen Welt. In nur zwei Jahren hat er die Vereinigten Staaten in eine gestärkte Partnerschaft mit
der internationalen Staatengemeinschaft geführt, um
die Vorteile tragfähiger Entwicklung zu realisieren insbesondere bei der Klimafrage. Vergangen sind
die Tage, an denen die Vereinigten Staaten das
Problem leugneten oder sich weigerten, die Zusage
einer Reduzierung der Emissionen bis zum Jahr
2000 auf das Niveau von 1990 zu geben. Präsident
Clinton und Vizepräsident Gore haben dies geändert. Die Vereinigten Staaten haben jetzt einen
Plan mit über 50 Maßnahmen zur Verringerung der
Treibhausgasemissionen vorliegen. Und eine Reihe
von uns unternommener Schritte übertrafen unsere
Erwartungen. Präsident Clinton hat den Kurs der
staatlichen Investitionen der Vereinigten Staaten in
die Energiewirtschaft und andere Umwelttechnologien grundlegend - unvorstellbar - geändert. Diese
Aktionen und Investitionen in Höhe von Millionen - in
der Tat Milliarden - Dollar werden enorme Dividenden für die Reduzierung künftiger Treibhausgasemissionen bringen.
Hier in Berlin haben wir die Chance und Pflicht, uns
durch die Vielzahl von Positionen einzelner Regierungen zu arbeiten, um ein Mandat zur Genehmigung neuer Verhandlungen über die Bewältigung der
Herausforderung zu formulieren, das globale Klima
im nächsten Jahrhundert zu schützen.
Nach Ansicht meiner Regierung sollte das "Berliner
Mandat"
ein neues Ziel als Leitlinie für die nationalen
Bestrebungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts
fordern,
durch genaue Analysen die Bandbreite konkreter
Maßnahmen zur Erlangung dieses neuen Ziels
definieren,
den Einfallsreichtum nichtstaatlicher Organisationen sowie des Privatsektors besser nutzen, um
Fortschritte zum obersten Ziel der Konvention der Stabilisierung der Atmosphäre - zu fördern
sowie
noch vor 1997 Einigkeit über die nächsten Schritte erzielen.

Seite 2

Bei unseren nächsten Schritten müssen wir meines
Erachtens eine zweite Priorität setzen: Das Sondieren von Möglichkeiten für gemeinsame Aktionen zur
Erreichung aller für die Zeit nach dem Jahr 2000
gesteckten Ziele.
Aus unserer Sicht könnten zur Annäherung an das
"Ziel" verschiedene gemeinsame Aktionen durchgeführt werden. Sie könnten die Form vereinbarter
Verfahren zur Untersuchung der Möglichkeiten für
Emissionsreduzierungen entsprechend nationalen
Gegebenheiten annehmen, unter der einzigen Voraussetzung, daß diese Möglichkeit in Betracht
gezogen und darüber berichtet wird.
Ferner sollten wir sowohl breitgefächerte als auch
spezifische technologische Initiativen prüfen, darunter
Anreize oder Abschreckungsmittel, umweltfreundlichere Technologien auf den Markt zu bringen, Technologien mit höheren Emissionswerten vom Markt zu
verdrängen und existierende, diesen Zielen zuwiderlaufende Maßnahmen abzubauen. Im Hinblick auf
zukünftige Emissionsszenarien ist offenkundig, daß
alle Nationen neue Technologien zur Realisierung
wirtschaftlicher und emissionspolitischer Ziele einsetzen müssen. Technologie ist ein vielversprechender Kandidat für internationale Zusammenarbeit.
In Anerkennung unserer gemeinsamen, aber differenzierten Pflichten vertreten die Vereinigten Staaten die
Auffassung, daß alle Nationen bei den nächsten
Schritten im Rahmen der Konvention eine Rolle
spielen müssen. Wie Vizepräsident AI Gore vor
kurzem in einer Rede äußerte, möchten wir, "daß
sich die Entwicklungsländer mit uns an den Verhandlungstisch setzen, so daß wir zusammen diese
gemeinsamen aber differenzierten Pflichten für die
Zeit nach dem Jahr 2000 definieren können. Wir
können und wollen nicht die Entwicklungsländer für
dieses Problem verantwortlich machen - das wäre
ziemlich ironisch und noch zynischer. Aber sie
müssen uns als Partner zur Seite stehen, nicht damit
wir alleine weniger, sondern damit wir gemeinsam
mehr tun können - durch Handel, technologische
Zusammenarbeit und ein breites Spektrum von
Strategien, die Vorteile für alle Nationen bieten."
Diese vier Prioritäten stellen eine Herausforderung für
künftige Aktionen dar. Praktisch alle Nationen sind
sich einig, daß die derzeitigen Bestrebungen zur
Erfüllung der vor uns liegenden Aufgabe nicht ausreichen. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, der
Versuchung zu erliegen und alle Hoffnungen auf die
bei der Erforschung des globalen Klimawandels
verbleibenden Unsicherheiten zu setzen. Der Rest
an Unsicherheit ist keine Rechtfertigung für Gleichgültigkeit. Die wissenschaftliche Grundlage ist eindeutig:
Die weitere Zunahme von Treibhausgasen wird

AMERIKA DIENST 13

�unweigerlich einen Klimawandel mit beträchtlichen
Konsequenzen für unseren Planeten herbeiführen.
Wir können es uns nicht leisten, abzuwarten.
In Anbetracht dessen, was Deutschland zur Förderung nachhaltiger Entwicklung unternommen hat, ist
es nur allzu angebracht, daß diese Konferenz in
Deutschland stattfindet. Wir sind uns bewußt, daß
die Veranstaltung dieser Konferenz sowohl Belastungen als auch Chancen beinhaltet. Die Führungsrolle
Deutschlands ist erforderlich, um Einigung über ein
"Berliner Mandat" zu erzielen, das von seinem
Umfang her der großen Herausforderung des Klimawandels entspricht. Die Vereinigten Staaten werden
alles in ihrer Macht Stehende tun, um bei dieser

*

AMERIKA DIENST 13

historischen Aufgabe mit der Bundesregierung
zusammenzuarbeiten. Die Berliner Klimakonferenz
kann dieses Problem nicht vollständig für künftige
Generationen lösen. Wir können jedoch entschlossen und verantwortungsbewußt die Entscheidung
fällen, unser nationales Engagement zur Reduzierung
von Emissionen fortzusetzen. Einigen mag das
Tempo der Fortschritte langsam erscheinen, aber im
Vergleich zu früheren internationalen Herausforderungen und angesichts der Geschichte dieses Problems
wurden bereits beträchtliche Fortschritte erzielt. Wir
dürfen nicht zulassen, daß Zyniker, Obstruktionspolitiker oder Überängstliche dem nächsten Schritt zu
einer umweltverträglichen Zukunft im Wege stehen.

* * * *

Seite 3

�KLIMAKONFERENZ
5. April 1995

Das Programm der Clinton-Administration
Maßnahmen zum Klimawandel
WASHINGTON - (AD) - Die Clinton-Administration verpflichtet sich uneingeschränkt zur Bewältigung der
Herausforderungen des Klimawandels mittels kostengünstiger Maßnahmen, die gleichermaßen der Umwelt wie
der Wirtschaft zugute kommen. Die Administration unterstützt Maßnahmen, die eine Reduzierung des durch
die Klimaveränderungen entstandenen Risikos gewährleisten. Unser Ansatz stützt sich auf drei Pfeiler.
Erstens gründen sich unsere Maßnahmen auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Wir sind der festen
Überzeugung, daß die Maßnahmen auf gängige wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt sein sollten, nicht auf
die Ansichten von Skeptikern oder Panikmachern. Zweitens basieren unsere Maßnahmen auf Partnerschaften
mit der Privatwirtschaft und nichtstaatlichen Organisationen. Dieses Thema muß in enger Zusammenarbeit
mit allen Unparteiischen erörtert werden. Und schließlich sind wir der Auffassung, daß der Klimawandel
internationale Lösungen erfordert. Der Klimawandel ist ein globales Problem und muß von der internationalen
Staatengemeinschaft angesprochen werden.

Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Vereinigten stützen ihre Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels auf die Schlußfolgerungen
der Zwischensstaatlichen Kommission zur Klimaveränderung (Intergovernmental Panel on Climate
Change - IPCC), die einen maßgeblichen internationalen Konsens über die wissenschaftlichen
Erkenntnisse des Klimawandels erarbeitet hat.
Das Forschungsprogramm zum globalen Klimawandel der Vereinigten Staaten (U.S. Global Change
Research Program - USGCRP) sieht einen größeren
Beitrag zur Forschung vor, auf die sich die IPCC
stützt. Das USGCRP wurde im Jahr 1990 vom
Kongreß ins Leben gerufen, um die Ressourcen und
Forschungsaktivitäten von einem Dutzend Bundesbehörden zu koordinieren, insbesondere nationale
Forschungsaktivitäten und die amerikanische Beteiligung an Unterstützungsprogrammen für internationale Forschungsaktivitäten wie das Forschungsprogramm zum Weltklima, das internationale Geosphäre-Biosphäreprogramm und das Programm zur
menschlichen Dimension. Das im Haushaltsjahr
1995 mit 1,8 Milliarden Dollar finanzierte USGCRP
koordiniert eine umfassende Tagesordnung für
Forschung, Unterstützung der Mission für den
Planeten Erde, Studien zum Abbau der Ozonschicht
sowie Arbeit an der menschlichen Dimension des
globalen Klimawandels. Die Forschungen des

AMERIKA DIENST 13

USGCRP zu den Klimaveränderungen werden unter
anderem von folgenden Fragen geleitet:
Wie reagiert das Klima auf die zunehmende
Konzentration von Aerosolen und Treibhausgasen?
Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf
die Gesellschaft und die Umwelt?
Wie kann die Gesellschaft künftige Klimaveränderungen mildern oder sich an ihre Konsequenzen anpassen?
Vor dem Hintergrund dieser Fragen konzentriert sich
die Forschung auf die Beobachtung und Dokumentation des Verhaltens des Erdsystems; Verständnis der
Prozesse, die Veränderungen des Erdsystems
beeinflussen; Entwicklung und Anwendung von
Modellen zur Vorhersage von Klimaveränderungen;
Auswertung der Auswirkungen des Klimawandels auf
die Landwirtschaft, Wälder, Wasserressourcen,
Küstenregionen, Ökosysteme und andere natürliche
Ressourcen sowie Verbesserung der Fähigkeiten zur
Milderung negativer Konsequenzen und Nutzung
möglicher Chancen des Klimawandels.
Da die
Bedeutung des Klimawandels vor allem von den
physischen und wirtschaftlichen Auswirkungen auf die
menschliche Gesellschaft abhängt, hat das USGCRP
begonnen, eine Verlagerung seiner Finanzmittel zur

Seite 1

�Auswertung der sozio-ökonomischen Implikationen
des Klimawandels vorzunehmen.
Partnerschaften mit dem Privatsektor und den
Regierungen der Bundesstaaten
Zur Bewältigung der Herausforderung des Klimawandels müssen wir Unternehmen, nichtstaatliche Organisationen und Regierungen auf allen Ebenen einbeziehen.
Diese Verpflichtung kommt nirgends
stärker zum Ausdruck als in Präsident Clintons
Aktionsplan zum Klimawandel (Climate Change
Action Plan - CCAP). Der im Oktober 1993 veröffentlichte CCAP setzt Präsident Clintons Verpflichtung zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen
der Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 um.
Der CCAP demonstriert, daß Regierungen und der
Privatsektor zur Verbesserung von Wirtschaft und
Umwelt zusammenarbeiten können.
Man geht
davon aus, bis zum Jahr 2000 Energieeinsparungen
in Höhe von 60 Milliarden Dollar vornehmen und
saubere Arbeitsplätze für die Zukunft schaffen zu
können. Im vergangenen Jahr wurden vom Energieministerium, dem Umweltschutzamt sowie dem
Landwirtschafts- und Verkehrsministerium große
Fortschritte erzielt. Im folgenden einige der Höhepunkte:
Durch die Beteiligung an Climate Challenge
haben sich 248 Elektrizitätsversorgungsunternehmen, die 53 Prozent der amerikanischen
Elektrizität erzeugen, zu freiwilligen Maßnahmen
zur Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen
um 44 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2000
verpflichtet. Climate Change ist eine gemeinsame Initiative des US-Energieministeriums und der
amerikanischen Elektrizitätsversorgungsindustrie,
um freiwillige Zusagen der Versorgungsunternehmen für Maßnahmen zur Reduzierung,
Vermeidung oder Eindämmung von Treibhausgasemissionen zu erhalten.
Seit Oktober 1993 haben sich 500 neue Teilnehmer Green Lights angeschlossen, womit sich
die Gesamtzahl inzwischen auf über 1.650
beläuft. Diese Teilnehmer haben den Elektrizitätsverbrauch für Beleuchtung durchschnittlich um
47 Prozent verringert und damit ungefähr 90
Millionen Dollar eingespart.
Das Programm
Green Lights des US-Umweltschutzamts ermutigt die Verwendung energiesparender Beleuchtung durch freiwillige, gewinnbringende Partnerschaften.
Das gemeinsam von US-Umweltschutzamt und
dem Energieministerium durchgeführte Programm

Seite 2

Climate Wise zielt darauf ab, Emissionsreduzierungen in allen Wirtschaftssektoren zu ermutigen.
Mehrere Industrieunternehmen, die 3 Prozent des
industriellen Energieverbauchs in den Vereinigten
Staaten ausmachen, sind Partner von Climate
Wise geworden und haben zugesagt, die jährlichen Emissionen bis zum Jahr 2000 um eine
Menge zu reduzieren, die 20 Millionen Tonnen
Kohle entspricht.
Motor Challenge, ein freiwilliges Partnerschaftsprogramm zwischen dem Energieministerium und
der Industrie, unterstützt Unternehmen bei der
Installierung leistungsfähiger und energiesparender Motorsysteme. Im Rahmen des Programms
wurden über 200 Partner rekrutiert, eine nationale
Hotline für technische Hilfe eingerichtet und
Ausstellungsgelände für 25 Technologiedemonstrationen beschafft. Durch diese Werbung sollen
die Sparmotoren schnell in der gesamten Industrie
verbreitet werden.
Dem Programm Waste Wise, das eine Verringerung und Wiederverwertung von Industriemüll an
der Quelle auf freiwilliger Basis ermutigt, haben
sich über 300 Unternehmen angeschlossen; mehr
als 750 Programme zur Abfallreduzierung wurden
eingeleitet.
Im Rahmen des NICE-Programms (National
Industrial Competitiveness for Energy, Environment and Economy) wurden 29 Zuschüsse gewährt, um Energieersparnis beim industriellen
Herstellungsprozeß zu fördern, die Abfallmenge
zu verringern und die Treibhausgasemissionen
verschiedener Schlüsselindustrien zu senken.
Nach seiner Erweiterung umfaßt Natural Gas
Star, das den Methanverlust von Gasleitungen
verringern soll, jetzt 35 Unternehmen, die für
Gasleitungen aus über 55 Prozent der Förderunternehmen, 25 Prozent der Vertriebsunternehmen sowie 35 Prozent aller Anschlüsse
zuständig sind.
Das State and Local Outreach Program gewährte 18 Bundesstaaten Zuschüsse. Diese dienen
einer Vervollständigung der Bestandsaufnahmen
von Treibhausgasen oder der Entwicklung umfassender Strategien, die für die tatsächliche
Emissionsverringerung unabdingbar sind. Insgesamt nehmen 24 Bundesstaaten an dem
Programm teil. Sieben Städte beteiligen sich an
der Initiative Green Fleets, und 25 Städte haben
Interesse am Programm Cities for Climate
Protection bekundet. Um die Möglichkeiten der
Städte zu demonstrieren, schätzte eine mittelgroße Stadt, sie könne Treibhausgasemissionen

AMERIKA DIENST 13

�in einer Größenordnung reduzieren, die 4,8
Millionen Tonnen Kohle entspricht.
Es wurden sieben Gemeinschaftsprojekte ins
Leben gerufen, die erneuerbare Energien, Umstellung auf andere Brennstoffe, Energieeinsparung und verbesserte Forstverwaltung in den
Entwicklungs- und Schwellenländern ermutigen.

Internationale Lösungen
Die Vereinigten Staaten übernehmen auch bei der
Rahmenkonvention über Klimawandel und in anderen internationalen Foren eine Führungsrolle.
Nachfolgend die Grundsteine der Politik der ClintonAdministration:
Förderung von Aktionen zur Stärkung der internationalen Reaktion unter der Klimarahmenkonvention sowie Zusammenarbeit mit anderen
Nationen zur Festsetzung angemessener Ziele
für das nächste Jahrhundert.
Ermutigung eines starken internationalen Prozesses zur Überprüfung nationaler Pläne. Die Vereinigten Staaten tragen im Rahmen des Programms Landesstudien (U.S. Country Studies)
zum Aufbau von Kapazitäten für entsprechende
Aktionen in nahezu 60 Entwicklungs- und
Schwellenländern bei.
Demonstration der Vorteile von Gemeinschaftsprojekten durch die Initiative zur gemeinsamen
Umsetzung (U.S. Initiative on Joint Implementation), dem weltweit ersten Programm seiner
Art.
Förderung von Entwicklung und Verbreitung
umweltfreundlicher Technologien.
Unterstützung der Reform internationaler Institutionen, einschließlich der Zusammenarbeit
mit multilateralen Entwicklungsbanken, um deren
Kunden bei der Erfüllung ihrer aus der Konvention resultierenden Verpflichtungen besser behilflich sein zu können.
Stärkung der vor kurzem umstrukturierten globalen Umweltfazilität (Global Environment Facility
- GEF), damit sie effektiv als Operationseinheit
des Finanzmechanismus der Konvention dienen
kann. Die Vereinigten Staaten setzen sich für
erfolgreiche Aktionen der globalen Umweltfazilität
als Reaktion auf die Gefahr des Klimawandels
ein.
*

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"Wir müssen eine Führungsrolle beim Umgang
mit der Herausforderung des Treibhauseffekts
übernehmen, der unseren Planeten und sein
Klima weniger gastlich und weniger menschenfreundlich gestalten würde." (Präsident Clinton, Tag der Erde 1993)
Jüngste Leistungen des amerikanischen Forschungsprogramms für globalen Klimawandel
Klimamodelle simulierten mit Erfolg die vorübergehende Abkühlung der unteren Luftschichten
infolge des beim Ausbruch des Pinatubo emittierten Sulfats.
Die verbesserte Fähigkeit zur Vorhersage des
Wirbelsturms "El Nifto" sowie daraus resultierender Veränderungen der tropischen und subtropischen Niederschläge unterstützt die Landwirte in
Nord- und Südamerika bei besserer Planung und
trägt dadurch zur Erhöhung ihrer Ernteerträge und
einer Verringerung wirtschaftlicher Verzerrungen
bei.
Simulationen von Klimaveränderungen während
der letzten 100 Jahre entsprechen den beobachteten Mustern entschieden besser, wenn Treibhausgase sowie regionale Konzentrationen von
Sulfataerosolen einbezogen werden.
Kombinierte Satelliten- und Oberflächenmessungen identifizierten jüngst eine unerwartete Absorption von 25-40 Watt Strahlung pro Quadratmeter durch die Atmosphäre.
Diese neuen
Informationen werden zu einer erneuten Analyse
des Strahlungsgleichgewichts der Erde sowie der
Rolle von Wolken für den Klimawandel führen.
Beobachtungen zufolge haben sich die Niederschläge in den Vereinigten Staaten seit 1970 im
Vergleich zu den vorausgegangenen 70 Jahren
vor allem im Herbst um rund 5 Prozent erhöht.
Ferner stieg die Häufigkeit extremer Regenfälle
(über 8 Millimeter pro Tag) in einem Großteil des
Landes.
Die erhöhten Kohlendioxidkonzentrationen ausgesetzten arktischen Ökosysteme erhöhten die
Produktivität nur wenige Jahre, wodurch der Effekt
einer C02-Düngung sich als nur kurzlebig erweisen könnte.

*

Seite 3

�ROOSEVELT
5. April 1995

Franklin Delano Roosevelt
Zum 50. Todestag des 32. amerikanischen Präsidenten
WASHINGTON - (AD) - Am 12. April jährt sich zum
50. Mal der Todestag von Franklin Delano Roosevelt, der länger als jeder andere - 12 Jahre - als
Präsident an der Spitze der Vereinigten Staaten
stand und das Land durch die beiden größten
Bedrohungen der Republik seit dem Bürgerkrieg
führte - die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten
Weltkrieg.
"Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht
selbst", äußerte Roosevelt über die Weltwirtschaftskrise. Und im Hinblick auf das Ziel der Amerikaner
im Zweiten Weltkrieg erklärte er:
"Ungeachtet
dessen, wie lange wir brauchen, um uns gegen
diese vorsätzliche Invasion zu wehren, wird das
amerikanische Volk in seiner gerechten Stärke den

absoluten Sieg erringen."
Obwohl Roosevelt vor einem halben Jahrhundert
starb, ist sein Einfluß auf die amerikanische Politik
und Gesellschaft immer noch manifest. Amerikaner,
die die Weltwirtschaftskrise und den nachfolgenden
Krieg miterlebt haben, werden nie seine überzeugenden, beruhigenden Worte zu einem Zeitpunkt vergessen, an dem Überzeugungen und Hoffnungen
stärker denn je auf die Probe gestellt wurden.
Ebenso wie eine spätere Generation sich daran
erinnert, wo sie am Todestag Präsident John F.
Kennedys war und was sie tat, bleibt der Tag, an
dem Franklin Delano Roosevelt starb - am 12. April
1945 in Warm Springs (Georgia) - auf ewig im
Gedächtnis der Generation des Zweiten Weltkriegs
verankert.
Die Nachricht von seinem Tod machte nicht nur
Amerika, sondern die ganze freie Welt betroffen.
Der Sieg in Europa lag nur noch einen Monat
entfernt, der Sieg im Pazifik sollte noch vor Ende
des Sommers errungen werden. Es schien undenkbar, daß Franklin Delano Roosevelt nicht mehr da
sein würde, um das Ende des Krieges zu verkünden
oder den nachfolgenden Frieden zu sichern.

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Nur wenige Politiker hatten einen solchen Einfluß auf
ihre Mitbürger, und noch viel weniger sind in der
Lage, über ihre Landesgrenzen hinaus das Leben der
Menschen zu beeinflussen. Franklin Delano Roosevelt war ein solcher Mann.
An seinem 50. Todestag sollte darauf hingewiesen
werden, wofür er stand, was .er tat, aber auch was für
ein Mensch er war und warum sein Vermächtnis im
Gedächtnis der Amerikaner und der ganzen Welt
lebendig bleibt.
Roosevelt wurde 1882 in Hyde Park (New York)
geboren. Der Sohn wohlhabender Eltern genoß viele
Vorteile. Er wurde von Privatlehrern unterrichtet,
besuchte eine elitäre Privatschule - Groton - und
machte seinen Abschluß an der Harvard University.
1905 heiratete er Eleanor Roosevelt, seine Cousine
sechsten Grades. Obwohl sie eine schwierige Ehe
führten, teilte sie seine Liebe zu fortschrittlicher Politik
und wurde nach seiner Wahl zum Präsidenten zu
"seinen Augen und Ohren" im ganzen Land.
Roosevelt zeigte von Beginn an politischen Ehrgeiz.
Von 1911 bis 1913 war er Senator des Bundesstaates New York, von 1913 bis 1920 unter der WilsonAdministration Abteilungsleiter im Marineministerium
und von 1929 bis 1933 Gouverneur von New York.
1921 erkrankte er an Kinderlähmung - wodurch seine
Beine im Alter von 39 Jahren gelähmt wurden - was
jedoch sein Engagement für den Staatsdienst nur
noch verstärkte.
1932 wählten ihn die durch die schlimmste Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes alarmierten Amerikaner mit überwältigender Mehrheit zum
Präsidenten. Roosevelt gewann landesweit in sieben
von acht Wahlkreisen und in jeder Großstadt mit
Ausnahme von Philadelphia.
Nach seiner Amtsübernahme umgab sich der neue
Präsident mit erstklassigen Beratern - seinem be-

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�rühmten "Brain-Trust" - und leitete unverzüglich ein
Programm direkter staatlicher Hilfe und wirtschaftlicher Regulierung ein, das zur Errichtung eines
modernen Sozialstaats führte. Sein Reformpaket
wurde als "New Deal" bekannt.
Seine Programme umfaßten die Naturschutzbehörde
(Civilian Conservation Corps - CCC), die Arbeitsbeschaffungsbehörde (Public Works Administration PWA) und die Dienststelle zur Untersuchung von
Arbeitsbedingungen (Works Progress Administration
- WPA), durch die wieder Straßen, Brücken und die
weitere erforderliche Infrastruktur gebaut wurde. Die
Eletrifizierungsbehörde für den ländlichen Raum
(Rural Electrification Administration - REA) baute in
ländlichen Gebieten eine Stromversorgung auf.
Während sich Roosevelt um die Schaffung von
Arbeitsplätzen bemühte, bot er gleichzeitig den
Notleidenden eine helfende Hand der Regierung.
Die staatliche Katastrophenhilfe (Federal Emergency
Relief Administration - FERA) stellte den Armen Hilfe
zur Verfügung. 1935 wurde das Gesetz über soziale
Sicherheit erlassen, das erstmals Arbeitslosen- und
Invaliditätsversicherung, eine Altersversorgung für
die über 65jährigen sowie Hinterbliebenenhilfe
vorsah. 1935 wurde den Arbeitnehmern das Recht
auf Zusammenschluß und Tarifverhandlungen
gewährt. 1938 wurden Mindestlöhne sowie eine
Obergrenze für die Wochenarbeitszeit eingeführt.
Roosevelts Bestrebungen brachten den meisten
Amerikanern keine direkte finanzielle Erleichterung,
hoben jedoch ihre Stimmung. Der neue Präsident
verbreitete Hoffnung und Optimismus unter seinen
Mitbürgern. Sie glaubten an ihn und folgten ihm.
"Es gibt einen mysteriösen Kreislauf menschlicher
Ereignisse", erklärte er. "Manchen Generationen
wird viel gegeben, von anderen wird viel erwartet.
Diese Generation von Amerikanern hat ein Rendezvous mit dem Schicksal."
Aber nicht alle waren begeistert von Roosevelts
Rezept für eine nationale Erneuerung. Die radikale
Linke hielt sein Programm für zu schwach. Nach
Ansicht der radikalen Rechten führte Roosevelt
einen Klassenkampf gegen die Reichen. "Ein
Radikaler", äußerte Roosevelt dazu, "ist ein Mann,
der mit beiden Beinen fest - in der Luft - steht. Ein
Konservativer ist ein Mann mit zwei gut funktionierenden Beinen, der jedoch nie laufen gelernt hat."
1936 wurde Roosevelt mit überwältigender Mehrheit
wiedergewählt, wodurch eine große Koalition der
Demokratischen Partei konsolidiert wurde, der
erstmals eine Vielzahl von Afroamerikanern angehörte, die vorher für die Republikaner gestimmt hatten.

Seite 2

In seiner zweiten Amtsantrittsrede prahlte Roosevelt
nicht mit den Erfolgen des New Deal, sondern sprach
von dessen Grenzen und noch zu erfüllenden Aufgaben. "Ein Drittel unserer Nation leidet unter
schlechter Unterbringung, schlechter Kleidung und
schlechter Ernährung", stellte er fest und schlug noch
ehrgeizigere Programme zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise vor.
Selbst als er von dem Krieg in Europa und dem
drohenden Krieg in Asien in Anspruch genommen
wurde, blieb die Kluft zwischen Arm und Reich sein
Anliegen. "Die Hoffnungen der Republik lassen nicht
zu, daß wir unverdiente Armut oder selbstsüchtigen
Reichtum tolerieren", erklärte er 1941 in seiner
Amtsantrittsrede.
Von Beginn seiner Präsidentschaft an führte er auch
in der amerikanischen Außenpolitik kühne neue
Ansätze ein. Den südlich der Vereinigten Staaten
gelegenen Republiken versprach er eine "Politik der
guten Nachbarschaft" und bot den Nationen Lateinamerikas ein neues Zeitalter der Zusammenarbeit
und Partnerschaft an. Historiker würdigen Roosevelts
Programm als Grundlage für das starke Eintreten der
westlichen Hemisphäre gegen die Achsenmächte im
Zweiten Weltkrieg.
Nach Beginn des Krieges in Europa im September
1939 erhöhte Roosevelt seine Unterstützung für die
gegen Hitler gerichteten Streitkräfte. Dies sicherte
ihm in den Herzen der Europäer, die den Faschismus
bekämpften, einen besonderen Platz, insbesondere
bei den Briten, denen er einen Rettungsanker zuwarf
- vor allem das Programm des "Lend and lease" - als
sie nach dem Fall Frankreichs über ein Jahr lang
alleine den Nazis widerstanden. Roosevelt erklärte
Amerika zum großen "Arsenal der Demokratie".
Nach dem Angriff der Japaner auf die Vereinigten
Staaten im Dezember 1941 warnte Roosevelt seine
Landsleute vor der Gefahr eines Rückfalls in den
Isolationismus nach Kriegsende. Die Amerikaner
haben "einen sehr hohen Preis" für die Lektion
gezahlt, daß "wir nicht alleine leben können", äußerte
er. "Wir haben gelernt, Weltbürger zu sein."
Selbst als er sein Land in den Krieg führte, setzte er
sich energisch für einen neuen Kurs in der amerikanischen Außenpolitik ein, der auf den Vereinten Nationen sowie einem fortgesetzten amerikanischen
Engagement in der Welt aufbauen sollte. "Die
einzige Art, einen Freund zu haben, besteht darin,
einer zu sein."
In seiner berühmten Rede von den Vier Freiheiten
ging er ausführlich auf die Rechte ein, die alle
Regierungen der Welt ihren Bürgern gewähren

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�sollten: Redefreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von
Not und Freiheit von Angst. Ferner sprach er sich
eindeutig für öffentliche Bildung und Ausbildung
sowie die Künste zur Bekämpfung der Unwissenheit
aus, die er als Verbündeten der Tyrannei bezeichnete. "Redefreiheit hat keinen Sinn", so Roosevelt,
"wenn der Mensch nichts zu sagen hat".
Die Kriegsfreundschaft zwischen Winston Churchill
und Franklin Delano Roosevelt wurde auf der
ganzen Welt legendär. "Es macht Spaß, im selben
Zeitalter wie Sie zu leben", sagte Roosevelt einmal
zu Churchill. Im August 1941 verabschiedeten sie
die Atlantik-Charta, in der ihre Vision von einer
neuen Weltordnung nach dem Krieg auf der Grundlage von Demokratie und Freiheit proklamiert wurde.
Historiker kritisierten Roosevelt, er sei Stalin gegenüber naiv gewesen und hätte nicht die Gefahren
vorhergesehen, die der kommunistische Staat des
sowjetischen Diktators für die Nachkriegswelt darstellen würde. Roosevelt erachtete jedoch ebenso
wie Churchill das Kriegsbündnis mit der Sowjetunion
als wesentlich für den Sieg in Europa. Biographen
zufolge hegten die beiden Staatsmänner ehrliche
Bewunderung für den Mut und die Tapferkeit der
sowjetischen Soldaten und Zivilisten bei ihrem
Widerstand gegen den nationalsozialistischen
Angriff. Für beide Männer war es oberste Priorität,
den Krieg zu gewinnen.
Ebenso wie vor dem Krieg tröstete Roosevelt seine
Landsleute auch während der Jahre, die von noch
mehr Angst und Leid gekennzeichnet waren als die
der Wirtschaftskrise. In seinen Reden und im Radio
übertragenen Kamingesprächen ermutigte er sie, der
schweren Prüfung mit Entschlossenheit und Zielstrebigkeit zu begegnen.
Am D-Day, dem 6. Juni 1944, als Streitkräfte der
Amerikaner und der übrigen Alliierten die Invasion im
besetzten Europa begannen, hielt Roosevelt im
Rundfunk keine Rede, sondern sprach ein Gebet:
"Allmächtiger Gott. Unsere Söhne, der Stolz unserer
Nation, haben an diesem Tag ein gewaltiges Unternehmen begonnen, einen Kampf um den Erhalt
unserer Republik, unserer Religion und unserer
Zivilisation sowie um die Befreiung einer leidenden
Menschheit. Gib' ihnen Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit, verleih' ihren Armen Stärke, ihren Herzen
Tapferkeit, ihrem Glauben Stetigkeit."
Roosevelts Führungsstärke während des Krieges
und der vorausgehenden schwierigen Jahre wurde
von Historikern aller politischen Couleur gelobt. Es
ist jedoch seine Persönlichkeit, die Menschen dieser
Zeit am meisten erinnern - seinen ansteckenden

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Optimismus im Angesicht persönlicher und nationaler
Schwierigkeiten.
"Die einzige Einschränkung unserer Realisierung des
morgen sind unsere Zweifel von heute", äußerte er.
Selbst als sich seine Gesundheit immer weiter
verschlechterte, ließ sein Glaube an bessere Zeiten
nie nach. "Man sollte sich stets vor Augen halten,
daß sich die Zivilisation immer weiterentwickelt",
stellte er kurz vor seinem Tod in seiner letzten
Amtsantrittsrede fest. Er hatte die Gabe, große
Fragen in einfache Sätze zu kleiden und sie dem
Mann auf der Straße auf ungewöhnliche Weise zu
vermitteln. Und nicht nur dem Durchschnittsamerikaner. Mit den Worten des Schriftstellers Isaiah Berlin
wurde er ein Held "der Mittellosen und Unterdrückten
weit über die englischsprachige Welt hinaus".
Wie alle großen Staatsmänner wußte er, daß Worte jedes Wort - ausschlaggebend sind. Als er die Rede
durchging, die er nach dem Angriff auf Pearl Harbor
vordem Kongreß halten wollte, "einem Datum, das in
die Geschichte eingehen wird", entdeckte er dieses
Klischee und änderte Geschichte zu "Niedertracht",
womit er bewies, daß ein Wort, ebenso wie ein
Mensch, etwas ändern kann.
Er konnte sehr ernst werden - jedoch nur für kurze
Zeit. Der Witz und Humor Roosevelts eroberte die
Herzen seiner Kritiker und Bewunderer gleichermaßen. Als die Republikaner ihn wegen eines Vorfalls
kritisierten, an dem sein geliebter Hund Fala beteiligt
war, erklärte er: "Diese republikanischen Politiker
haben sich nicht mit Angriffen auf mich, meine Frau
oder meine Söhne zufriedengegeben. Nein, sie
mußten darüber hinaus auch noch meinen kleinen
Hund, Fala, angreifen. Natürlich nehme ich diese
Angriffe nicht übel, und meine Familie auch nicht,
aber Fala nimmt sie übel."
Politisch war er ein unerschrockener Liberaler - "ein
wenig links von der Mitte", wie er einst äußerte. "Die
Überzeugung eines Liberalen ist ein tiefsitzender
Glaube nicht nur an die Fähigkeiten jedes einzelnen,
sondern auch die Effektivität gegenseitiger Unterstützung".
Er suchte keine Entschuldigung für den vollen Einsatz
staatlicher Ressourcen für eine seines Erachtens
noble Sache. Über das Sozialgesetz sagte er: "Wir
können nie 100 Prozent der Bevölkerung gegen 100
Prozent der Gefahren und Wechselfälle des Lebens
versichern, haben aber den Versuch zum Entwurf
eines Gesetzes unternommen, das dem Durchschnittsbürger und seiner Familie einen gewissen
Schutz vordem Verlust des Arbeitsplatzes und Armut
im Alter bietet."

Seite 3

�Seines Erachtens muß die Regierung einen letzten
Ausweg bieten. "Die Regierung trägt letztlich die
Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Bürger.
Wenn es durch gemeinsame private Bestrebungen
nicht gelingt, den Arbeitswilligen Arbeit und den
Unglücklichen Hilfe anzubieten, haben die schuldlos
Leidenden ein Recht auf die Bitte um staatliche Hilfe,
und eine Regierung, die diesen Namen verdient,
muß darauf angemessen reagieren."
Auf die Frage, wie stark er die Steuern erhöhen
würde, um sein Reformprogramm des New Deal zu
finanzieren, zitierte er Richter Oliver Wendeil Holmes
- "Steuern sind der Preis einer zivilisierten Gesellschaft" - und fügte hinzu: "Eine sichere Art, das
soziale Gewissen einer Regierung zu eruieren, ist
die Überprüfung der Erhebung und Verwendung von
Steuergeldern. Und eine sichere Art, das soziale
Gewissen eines Individuums zu eruieren, besteht
darin, seine Reaktion auf die Steuererhöhungen zu
beobachten."
Obwohl er vom Recht auf einen Arbeitsplatz überzeugt war, glaubte er nicht an das Recht auf Sozialhilfe als dauerhaften Anspruch. "Hilfe zu verteilen ist
der Verabreichung eines Betäubungsmittels vergleichbar - einer schleichenden Zerstörung des
menschlichen Geistes. Sie ist den Geboten einer
soliden Politik abträglich". Nach Ansicht Roosevelts
würde von der Regierung bereitgestellte Arbeit
gegebenenfalls "nicht nur die Körper der Arbeitslosen vor der Selbstzerstörung retten, sondern auch

ihre Selbstachtung, ihr Selbstvertrauen, ihren Mut und
ihre Entschlossenheit".
Roosevelt war vor allem ein Pragmatiker, nach
dessen Ansicht "kühne, dauerhafte Experimentierfreude" zur Bewältigung moderner Herausforderungen
gehört. Beim Umgang mit diesen Herausforderungen
gebührt ihm ein Ehrenplatz in den Geschichtsbüchern
und ein dauerhafter Platz in den Herzen der amerikanischen Bürger sowie vieler anderer auf der Welt.
Bei einer Gelegenheit - 1937 - sprach er über seine
Zukunftshoffnungen:
"Sie sollten heute abend Gott danken, wenn
Sie ungeachtet Ihres Alters im Geiste jung
genug sind, um Träume und Visionen zu
haben - Träume und Visionen von einem
großartigeren und schöneren Amerika der
Zukunft; wenn Sie im Geiste jung genug sind,
um an die Möglichkeit einer Milderung der
Armut zu glauben und daran, daß die Schande
unfreiwilliger Arbeitslosigkeit abgeschafft,
Klassenhaß beendet, Friede im In- und Ausland gesichert und eines Tages eine Generation dieses Land besitzen wird, die mit mehr
gesegnet ist, als wir uns jetzt vorstellen können
- gesegnet mit materiellen und geistigen Gütern, die das Leben des Menschen bereichern.
Wenn Sie davon träumen, sage ich Ihnen:
Bewahren Sie sich Ihren Traum. Amerika
braucht das."

* * * * *

Seite 4

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�TAG

DER

ERDE
5. April 1995

Die menschliche Umwelt und
globale politische Anpassung
von Thomas W. Wilson
WASHINGTON - (AD) - Vor 25 Jahren - am ersten Tag der Erde - hielt "praktisch die gesamte Nation,
einschließlich des Kongresses, in ihrer alltäglichen Tätigkeit inne, um sich über die Verschlechterung ihres
physischen Umfelds und der Lebensgewohnheiten Gedanken zu machen". Dieses Ereignis trug dazu bei, die
neue Sorge um den Zustand unseres Planeten zu einem aktuellen politischen Thema zu machen. In den
nachfolgenden Jahren nahm dieses Anliegen einen globalen Charakter - auf staatlicher und nichtstaatlicher
Ebene - an und führte dazu, daß neue politische Kräfte sich mit der dynamischen Interaktion der natürlichen
Biosphäre und der vom Menschen geschaffenen Soziosphäre befaßten, einer Interaktion, die jenseits der
nationalen Gesetzgebung stattfindet, jedoch entscheidenden Einfluß auf Sicherheit und Fortschritt von Nationen
und Menschen hat.
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in Global Issues In Transition, Nr. 13, März 1995.
öffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Global Issues in Transition.

Ver-

Thomas W. Wilson, Jr. ist Schriftsteller und Gutachter mit Sitz in Washington. Er war politischer Berater der
US-Mission bei der NATO, Gutachter bei der Umweltkonferenz der Vereinten Nationen sowie Direktor des
Programms für Umwelt und Lebensqualität des Aspen Institute. Zu den von ihm verfaßten Büchern gehören
Cold War and Common Sense, The Great Weapons Heresy sowie International Environmental Action.

Die Feiern aus Anlaß des ersten Tags der Erde vor
25 Jahren sind weltweit noch lebhaft in Erinnerung.
Dieses zukunftsweisende Ereignis trug zur Erschließung eines neuen Gebiets der Weltpolitik bei, das
über die traditionelle Arena zwischenstaatlicher
Beziehungen hinausgeht.
Die Historiker werden vielleicht viel Zeit benötigen,
um sich über die turbulenten Ereignisse und Bewegungen des letzten halben Jahrhunderts Klarheit zu
verschaffen: den Kalten Krieg, das Atomzeitalter,
das Düsenzeitalter, das Weltraumzeitalter, das
elektronische Zeitalter; das Ende von Imperialismus,
Kolonialismus, Faschismus, Kommunismus, Totalitarismus; die Globalisierung der Industriellen Revolution; die Bevölkerungsexplosion, Verstädterung,
Massenmigration; das Aufkommen von demokratischen Regierungen und Menschenrechten - diese
und andere Erschütterungen trugen zur Unruhe in
den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg bei.
Möglicherweise war das Wichtigste eine ungeplante,
unorganisierte und unangekündigte politische Anpassungsbewegung an diese erstaunlichen Umwälzungen in der modernen Welt. In diesem Zusammenhang kommt dem Tag der Erde eine stei-

AMERIKA DIENST 13

gende Bedeutung als Quelle politischer Bewegungen
zu, die immer noch an Kraft und Dynamik zunimmt und sich inhaltlich weiterentwickelt.
Environmental Action zufolge, einer Gruppe junger
Menschen, die den ersten Tag der Erde - am 22.
April 1970 - organisierte und förderte, nahmen an
diesem Tag mindestens 20 Millionen Amerikaner an
Campus- und Gemeindeprogrammen teil - von
Abfallbeseitigungskampagnen
über Teach-ins,
Demonstrationen, Gebetsversammlungen und Aktionen wie der Vergrabung eines Autos auf einem
Campus in Kalifornien. Laut Gladwyn Hill von der
The New York Times war der Tag der Erde "ein
Ereignis, wie es die Welt nie zuvor gesehen hatte...
Erstmals in der Geschichte hielt praktisch die gesamte Nation, einschließlich des Kongresses, in ihrer
alltäglichen Tätigkeit inne, um sich über die Verschlechterung ihres physischen Umfelds und der
Lebensgewohnheiten Gedanken zu machen."
Diese außergewöhliche Reaktion der Öffentlichkeit ist
zweifelsohne zum Teil auf das spektakuläre Bild einer
wunderschönen blauen Erde zurückzuführen, das von
der Raumkapsel Apollo bei ihrer Umkreisung des

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�Mondes aufgenommen wurde. In der unendlichen
Weite des Kosmos erscheint die Erde unweigerlich
klein, schutzlos und begrenzt. Im Gegensatz zu
herkömmlichen Überzeugungen wurde offensichtlich,
daß die Ressourcen der Erde nicht unerschöpflich
sind - daß der uralte Drang nach materiellem Fortschritt durch die fortschreitende Eroberung der Natur
auf der falschen Annahme beruhte, das zersplitterte
System souveräner Nationen sei überlagert von
einem einigenden Regime ineinander verzahnter
natürlicher Systeme, die schon lange vor der Erfindung souveräner Staaten bestanden hatten. Vor
diesem Hintergrund trug der Tag der Erde dazu bei,
die neue Beschäftigung mit dem Zustand des
Planeten zu einem aktuellen politischen Thema zu
machen. Noch vor Ende des Jahres verabschiedete
der amerikanische Kongreß das Gesetz über nationale Umweltpolitik (National Environmental Policy
Act - NEPA) und begann mit der Ausarbeitung von
Gesetzen zur Kontrolle der Luft- und Wasserqualität
sowie dem Schutz vom Aussterben bedrohter
Tierarten.
Einige andere Länder unternahmen
ähnliche Schritte.

war eine Sichtweise, die ein stategisches Gleichgewicht zwischen dem gesamten menschlichen Handeln
und den grundlegenden Systemen der Natur herstellte, die sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund
des spektakulären Bevölkerungswachstums, technologischen Know-hows und wirtschaftlichen Outputs
stark vergrößert hatten. Die Stockholmer Konferenz
begann sich mit den politischen Implikationen einer
Welt zu beschäftigen, in der die natürliche Biosphäre
und die vom Menschen geschaffene Soziosphäre auf
globaler Ebene jenseits nationaler Gesetzgebung,
jedoch mit entscheidendem Einfluß auf Sicherheit und
Fortschritt von Nationen und Menschen interagieren.
Dieser strategische Zusammenschluß menschlicher
und planetarischer Kräfte hat nichts mit den klassischen Konzepten rivalisierender Staaten zu tun, die
an dem "großen Spiel der Nationen" um geopolitische
Vorteile teilnehmen. Vielmehr stellt er die konventionellen Überlegungen der Machtpolitik völlig auf den
Kopf. Und es stellte sich heraus, daß die mit dem
Kalten Krieg beschäftigten Nationen nicht zu einem
solch radikalen Bruch mit der politischen Orthodoxie
bereit waren.

Stockholm

Kalter Krieg oder nicht - der unsichere Prozeß
politischer Anpassung an eine sich verändernde Welt
kam allmählich voran - wenn auch ohne einen klaren
Kurs. Gesetze und Bestimmungen zum Umweltschutz auf nationaler und lokaler Ebene mehrten sich,
in wichtigen Bereichen des Umweltschutzes wurden
mehrere internationale Verträge ausgehandelt, und
bei Weltkonferenzen wurden die Probleme Bevölkerungswachstum, weltweite Nahrungsmittelproduktion,
Trinkwasserversorgung, Versteppung und andere
Belastungen der natürlichen Ressourcen und Systeme behandelt.

Zwei Jahre später trafen die Mitgliedstaaten der
Vereinten Nationen in Stockholm zur Konferenz über
die menschliche Umwelt zusammen. Die Anzeichen
für die Belastung des Planeten und eine Verschlechterung seines Zustands häuften sich ständig:
Wüsten breiteten sich aus, Wälder und Grundwasservorräte nahmen ab, Böden wurden abgetragen,
Müllberge wuchsen und die Arten verringerten sich
in immer schnellerem Tempo - während die natürlichen Systeme mehr Schadstoffe über internationale
Grenzen transportierten.
Die Stockholmer Konferenz wurde vielerorts als
Triumph der Vereinten Nationen bezeichnet: Sie
schärfte das Bewußtsein der Regierungen für
Umweltprobleme, verabschiedete einen Aktionsplan
mit über 100 Empfehlungen für nationale und
internationale Aktionen, plante ein neues Amt der
Vereinten Nationen zur Fortsetzung der Arbeit der
Konferenz, band erstmals Wissenschaftler und
nichtstaatliche Organisationen in den internationalen
politischen Prozeß ein und diente als Modell für
künftige Weltkonferenzen mit einer sich abzeichnenden neuen Tagesordnung globaler Fragen.
Noch wichtiger ist jedoch, daß die Stockholmer
Konferenz den konzeptionellen Rahmen der "Umweltkrise" vergrößerte, um die gesamte menschliche
Umwelt einzubeziehen. Dieser Sichtweise zufolge
vermischen sich Natur und Menschheit zu einem
integrierten und unteilbaren weltweiten System, das
als einzelnes Phänomen betrachtet werden muß. Es

Seite 2

In dem der Stockholmer Konferenz folgenden Jahrzehnt entwickelte sich überall auf der Welt ein
Bewußtsein für die menschliche Umwelt - bei Konferenzen, Studien, Workshops, Seminaren und in
zahllosen Arbeiten von Wissenschaftlern, Technikern,
Gelehrten, Futuristen, politischen Aktivisten und einer
wachsenden Zahl von Bürgern, die auf die eine oder
andere Weise Organisationen unterstützten, welche
sich der Bewahrung und Verbesserung von Umweltsystemen widmeten. Man kann dies nicht in allen
Einzelheiten verfolgen, aber unter der Oberfläche
wurde nach und nach die Vorstellung von der
"menschlichen Umwelt" erweitert und durch eine
Vielzahl aufschlußreicher Einsichten bereichert,
darunter:
Umweltschäden sind Symptome einertieferliegenden Unordnung im globalen Schema der Dinge.
Abhilfemaßnahmen, die sich beispielsweise auf
die Schadstoffkontrolle konzentrieren, können
nicht mehr als eine Linderung sein, wenn nicht die

AMERIKA DIENST 13

�grundlegenden Probleme entdeckt und gelöst
werden. Dies führt unter anderem zu einer
Diskreditierung der Möglichkeit einer schnellen
technologischen Lösung für Umweltschäden.
Die Umwelt kann nicht als einzelnes Thema
behandelt werden, sondern nur als übergreifendes Anliegen, das akademische Disziplinen,
Fachwissen, Wirtschaftssektoren sowie öffentliche und private Institutionen einbezieht. Daher
müssen umweltpolitische Belange eine Ausdrucksmöglichkeit in Form grundlegender politischer Maßnahmen, eines Problembewußtseins,
einer Denkweise und einer bestimmten Einstellung gegenüber allen Handlungen einer Gesellschaft finden, die Auswirkungen auf die Biosphäre haben.
Die Umweltkrise ist lediglich eine Manifestation
der systemimmanenten Zwangslage der Welt, in
der einzelne Bestandteile so miteinander verbunden sind, daß sie nicht zum Zwecke separater Lösungen getrennt werden können. Dies
schließt die traditionelle wissenschaftliche Methode reduktionistischer Analyse aus und erfordert
einen integrativen Ansatz zu den Problemen der
menschlichen Umwelt - einen beispiellosen
Bedarf für "auswärtige Angelegenheiten".
Diese globale Verknüpfung von Biosphäre und
Soziosphäre schafft gemeinsames Terrain unter
den politischen Guppierungen, die sich ursprünglich nur für ihre Sache engagierten. Allmählich
und zögernd gelangten spezielle Interessengruppen zu der Erkenntnis, daß sie alle mit
derselben übergreifenden Zwangslage konfrontiert sind. Das gilt insbesondere für Organisationen, die auf den Gebieten wirtschaftliche Entwicklung, Bevölkerungsstabilisierung und Umweltschutz tätig sind. Durch die Annäherung ihrer
Interessen fanden diese Gruppen mehr Gelegenheit, ihre Kräfte bei Bildung und Ausbildung,
politischen Maßnahmen und Aktionen zu bündeln. Konzepte entzweiender nationaler Interessen wurden mit einigenden Konzepten gemeinsamer Interessen verflochten.

wie die modernen Industriestaaten. Deren Entwicklung schien einen Kollisionskurs mit der globalen
Umwelt zu steuern. In politischer Hinsicht war der
"Süden" auf Kollisionskurs mit dem "Norden".
Schlimmer als das war jedoch die Alpträume verursachende Vision eines Frontalzusammenstoßes
zwischen Reichen und Armen wegen des Zugangs zu
den schwindenden Ressourcen der Welt.
Bei der Stockholmer Konferenz wurde der Versuch
unternommen, dieses Problem dadurch zu lösen, daß
(im sogenannten Founex-Bericht) insistiert wird,
Entwicklung und Umwelt seien zwei Seiten derselben
Medaille - wobei Entwicklung zur Bereitstellung der
Ressourcen für Umweltschutz und Umweltschutz zur
Verteidigung der Basis für wirtschaftliche Entwicklung
erforderlich ist. In der Praxis läuft das Thema Umwelt/Entwicklung auf die Frage hinaus, die im Bericht
als "effizienteste Synthese entwicklungs- und umweltpolitischer Belange" für die in unterschiedlichen
Entwicklungsstadien befindlichen Nationen definiert
wird. Dies erfordere, wird in dem Bericht gewarnt,
größeres Verständnis für die "Unteilbarkeit der
natürlichen Systeme der Erde" sowie "eine umfassendere, über die bloße Erhöhung des Bruttosozialprodukts hinausgehende Definition der Entwicklungsziele". Mit anderen Worten: Die Nationen
müßten ihre traditionelle Vorstellung von Natur und
wirtschaftlicher Entwicklung ebenfalls ändern, um die
beiden Seiten der menschlichen Umwelt miteinander
vereinbaren zu können. Das ist leichter gesagt als
getan.

Entwicklung und Umwelt - zwei Seiten einer
Medaille

Die Stockholmer Konferenz konnte die Kontroversen
über umweit- und entwicklungspolitische Ziele nicht
ausräumen, war jedoch der Ausgangspunkt für eine
lange Debatte darüber, wie beide Ziele gleichzeitig
verfolgt werden können. Und Mitte der achtziger
Jahre gelangten die beiden vornehmlich betroffenen
UN-Behörden (das Umwelt- und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) zu der Schlußfolgerung, es sei an der Zeit für umfassende Bestrebungen zur Ausarbeitung eines integrierten Konzepts
sowie zur Prüfung der Auswirkungen auf politische
Maßnahmen und Aktionen. Das Instrument ihrer
Wahl war die Weltkommission für Umwelt und
Entwicklung, wobei die Kommissare nicht als Regierungsvertreter, sondern als individuelle Experten
fungierten.

Es bestand jedoch keine Möglichkeit, Schutz vor der
massiven politischen Zeitbombe zu finden, die dem
Konzept einer geeinten menschlichen Umwelt
inhärent ist. Die Umweltkrise war großenteils ein
Nebenprodukt der Industrialisierung in der Ländern
der Nordhalbkugel; und jetzt sind die Entwicklungsländer - mit etwa zwei Dritteln der Weltbevölkerung ganz versessen darauf, denselben Weg zu gehen

Die Kommission nahm ihre Arbeit dort auf, wo andere
aufgehört hatten: "Dies sind keine einzelnen Krisen",
schrieben die Kommissare, "die Umweltkrise, die
Entwicklungskrise, die Energiekrise sind eine Krise.
... Ökologie und Ökonomie werden immer stärker
miteinander verknüpft - lokal, regional, national und
global." Darüber hinaus stehen auch die Probleme
Bevölkerungswachstum, Gewährleistung der Nah-

AMERIKA DIENST 13

Seite 3

�rungsmittelversorgung, Verlust von Arten und genetischen Ressourcen, Energie, Industrie- und Wohngebiete in Zusammenhang und "können nicht isoliert
voneinander behandelt werden". Und um es noch
ein bißchen komplizierter zu machen, fanden die
Kommissare heraus, daß "die Verschärfung und
Ausweitung der Umweltkrise eine Bedrohung der
nationalen Sicherheit - und sogar des Überlebens darstellt, die größer sein könnte als gut bewaffnete,
böswillige Nachbarn und feindlich gesinnte Bündnisse".
Nach drei Jahren der Studien, Anhörungen und
Debatten gelangte die Kommission zu dem Schluß,
daß der einzige Weg zur Anpassung von Umweltschutzmaßnahmen und wirtschaftlicher Entwicklung
in einer integrierten Politik tragfähiger Entwicklung
besteht, die "den Erfordernissen der Gegenwart
gerecht wird, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen, ihre eigenen Bedürfnisse
zu erfüllen" - also eine einzige Politik für eine einzige
Weltordnung. Tragfähige Entwicklung, argumentierte
die Kommission, sei möglich - aber nicht mit ungehindertem Bevölkerungswachstum einerseits und
Konsum andererseits. Die gegenwärtigen politischen
Systeme scheinen auch nicht zu den jetzt erforderlichen "schmerzhaften Entscheidungen" in der Lage
zu sein. In der Tat erklärte die Kommission, die
Kapazität von Regierungen und internationalen
Behörden zur Anpassung an Tempo und Ausmaß
des globalen Wandels "geht schlicht über die Reichweite der existierenden Entscheidungsstrukturen und
institutionellen Arrangements" auf nationaler und
internationaler Ebene hinaus. Schließlich wurde das
zentrale Thema der Zwangslage der Welt als die
Fähigkeit politischer Systeme zur Anpassung an eine
Welt im Übergang ausgemacht.
Die Erdgipfel
Dennoch wurde nur wenige Jahre später die Doktrin
tragfähiger Entwicklung - zusammen mit einer
Tagesordnung verwandter Themen - mit großem
Trara von über Hundert Staats- und Regierungschefs verabschiedet. Anlaß war der von den Vereinten Nationen am 20. Jahrestag der Stockholmer
Konferenz von 1972 veranstaltete Erdgipfel in Rio de
Janeiro.
Der Vorbereitungsprozeß für das Treffen in Rio war
eine stürmische Angelegenheit. Manchmal schien
es, als ob die Welt sich wegen der andauernden
Frage, ob das Streben nach Fortschritt vom umweltoder entwicklungspolitischen Gesichtspunkt angegangen werden sollte, entlang der Nord-Süd-Grenze
spalten würde. Die Manöver, Terrain zu gewinnen,
waren aufgrund der starken Beteiligung nichtstaatlicher Gruppen umso intensiver, deren Zahl sich

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durch die beachtliche Zunahme solcher Organisationen in den Entwicklungsländern sowie erweiterte
Definitionen von Umwelt- und Entwicklungsangelegenheiten enorm erhöht hatte. Insbesondere die
Frauengruppen insistierten auf der Einbeziehung der
Themenkomplexe Gerechtigkeit, Gleichheit und
Menschenrechte in das Konzept tragfähiger Entwicklung. Dies alles fand mit der Verabschiedung der
Agenda 21 beim Erdgipfel seinen Niederschlag einem hochtrabenden ersten Entwurf eines langfristigen Programms für tragfähige Entwicklung der
Welt im 21. Jahrhundert. Implizit behandelte dieses
Dokument nichts weniger als den Zustand des
Planeten und die Lebensbedingungen auf Generationen hinaus.
Aber Haarspalterei über den unbeholfenen Aktionsplan von Rio zu betreiben hieße, nicht zu begreifen,
daß er über die traditionelle Tagesordnung zwischenstaatlicher Angelegenheiten hinaus zu der sich
abzeichnenden Tagesordnung menschliche Umwelt
übergeht - ein Übergang, der eine in dynamischen
aber stabilen strategischen Beziehungen zwischen
Biosphäre und Soziosphäre verankerte potentielle
Weltordnung ahnen läßt. Im Detail geht die Agenda
21 im wesentlichen auf die Arbeit der zwei Jahrzehnte vor der gegenwärtigen Zwangslage der Welt ein:
Tragfähige Entwicklung wird eine drastische Verringerung der Weltbevölkerungszuwachsrate sowie
eine Neuordnung des industriellen Systems erfordern,
um den exzessiven Verbrauch von Energie und
Material sowie die unerträglichen Auswirkungen von
Abfallprodukten auf die Weltbevölkerung, die grundlegenden biologischen Systeme und die chemischen
Zyklen des Planeten radikal zu senken.
Abgesehen von dem monumentalen Arbeitsprogramm
der Agenda 21 steht der Erdgipfel für eine bemerkenswerte Innovation der Weltpolitik mit wenigen
Präzedenzfällen in den Annalen der internationalen
Diplomatie. Dies ist ein Weg, Geschäfte unter den
Nationen zu machen, der aus der Stockholmer
Konferenz hervorging: Ein System regelmäßiger,
offener Bestrebungen aller Mitglieder der Vereinten
Nationen auf politischer Ebene, um einen einzelnen
Punkt der vorbereiteten Tagesordnung bei zweiwöchigen ununterbrochenen Konsultationen zu prüfen.
Dieses System internationaler Konferenzen, wie es
sich in den Jahren nach Stockholm entwickelte, wird
von den Vereinten Nationen in die Wege geleitet,
findet jedoch außerhalb der internationalen Bürokratien statt, während jede Konferenz eine Eigendynamik
entwickelt und dann mit dem letzten Hammerschlag
des geplanten Treffens zu Ende geht. Jede Konferenz hat ihr eigenes Managementteam, und jeder
geht eine zwei- bis dreijährige Vorbereitungszeit
voraus, in der die Regierungen gezwungen werden,
sich die Zeit für ernste Hausaufgaben zu Themen zu

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�nehmen, die sie lieber unter den Teppich kehren
oder an die Peripherie ihrer politischen Anliegen
verbannen würden.
Die Atmosphäre dieser internationalen Versammlungen wird letztlich durch die Tatsache bestimmt,
daß die Nationen nicht wegen kontroverser Verhandlungen oder um Punkte in der Debatte zu erzielen
daran teilnehmen, sondern um ein möglichst großes
gemeinsames Terrain zu sondieren, auf dem sie zur
Zusammenarbeit bereit sind. Und im Verlauf der 20
Jahre zwischen Stockholm und Rio begann die Welt
sich mit einer länger werdenden Liste von Problemen zu befassen, die außerhalb der Reichweite der
jeweiligen Regierungen liegen, nicht in den Fachbereich der Diplomaten fallen und nur durch die
Bestrebungen der Nationen zur Zusammenarbeit
gelöst werden können.
Diese massiven und ungeordneten Versammlungen,
an denen über 100 nationale Delegationen und noch
mehr Gruppen inoffizieller Lobbyisten teilnehmen,
sind ein leichtes Ziel für politische Satire. Manchmal
ist das Ergebnis der schnell vergessene kleinste
gemeinsame Nenner einer erfolglosen Anfrage.
Aber die Resultate, selbst die auf den kleinsten
gemeinsamen Nenner begrenzten, stehen für das
Beste, das diese Nationen bei diesem Thema auf
dem Wege des Konsenses zum gegebenen Zeitpunkt erreichen können. Schlimmstenfalls ist es ein
unangenehmer Weg, auf dem die Nationen mit den
vertrackten Problemen fertigwerden, die sie nicht auf
andere Weise bewältigen können.
Das Potential für dieses alternative System der
Weltpolitik wurde im September 1994 bei der UNKonferenz über Bevölkerung und Entwicklung in
Kairo schlaglichtartig beleuchtet. In vager, aber
dennoch sehr realer Weise gibt die Kairoer Konferenz einen Überblick über den Prozeß der politischen Anpassung an eine sich während der letzten
25 Jahre des Jahrhunderts wandelnde Welt. Am
Ende der Konferenz vereinbarte die internationale
Staatengemeinschaft direkt oder indirekt folgende
Punkte:
Lösungen zu erarbeiten, indem man über die
Symptome hinaus zu den Wurzeln der Zwangslage der Welt vordringt. Ebenso wie andere vor
ihr gelangte die Konferenz zu der Schlußfolgerung, daß universeller Zugang zu Familienplanung unabdingbar für die Stabilisierung des
Bevölkerungswachstums ist. Hinter der Empfängnisverhütung steht jedoch das Problem der
Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter sowie die Gewährung zunehmender
Befugnisse für Frauen zur uneingeschränkten

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Beteiligung am nationalen und internationalen Leben.
Mit anderen Worten: Demographische Daten reflektieren die nahezu universellen Sitten und Gebräuche
einer patriarchalischen Gesellschaft, die weichen
muß, wenn die Geburten- und Sterberate ins Gleichgewicht gebracht werden soll.
Die Zwangslage der Welt als ein einzelnes Phänomen anzugehen. Der in Kairo verabschiedete
Aktionsplan stellt das Programm zur Stabilisierung
des Bevölkerungswachstums in einen "umfassenden und integrierten Rahmen", der Bevölkerung
und tragfähige Entwicklung, Umweltschutz, Milderung der Armut und menschliche Gesundheit
umfaßt und verbindet.
Die Formulierung langfristiger Maßnahmen, die
über schnelle Lösungen für aktuelle Probleme
hinausgehen. In Kairo vereinbarten die Nationen,
daß die Bekämpfung der Überbevölkerung verbesserte Gesundheitsfürsorge für Kleinkinder, Kinder
und Mütter erfordert sowie bessere Bildungschancen für Mädchen und Frauen. Kurzum, der
Zeitrahmen ist auf die nächste - und übernächste - Generation erweitert.
Aus alten konzeptionellen Denkschemata auszubrechen - den ererbten Annahmen, Dogmen und
Tabus - die die Gesellschaft historisch gesehen zu
der Überzeugung verleitet haben, Bevölkerungswachstum sei wünschenswert und nützlich. Noch
Mitte des 20. Jahrhunderts konnten sich die
Mitglieder der Vereinten Nationen nicht darauf
einigen, Bevölkerungswachstum als weltweites
Problem auch nur zu erörtern. Und bis zur Kairoer Konferenz vereitelten sie alle Bestrebungen zur
Senkung der Zuwachsrate der Weltbevölkerung.
In Kairo verabschiedeten sie jedoch ohne Gegenstimme ein auf 20 Jahre angelegtes Aktionsprogramm mit dem Ziel, die Weltbevölkerung im
Jahr 2015 auf weniger als die derzeitige durchschnittliche Bevölkerungsprojektion der Vereinten
Nationen von 7,5 Milliarden Menschen für dieses
Jahr zu begrenzen.
Das Kairoer Programm prognostiziert noch immer
einen enormen Zuwachs der Weltbevölkerung, der
auf dem Planeten lasten und den Lauf der Entwicklung behindern wird. Die Kairoer Konferenz erreichte
jedoch ein unausgesprochenes aber implizites Ziel
des ersten Tags der Erde: Unsere politischen
Fähigkeiten zu nutzen, um den Menschen von dem
selbstzerstörerischen Kurs wegzuleiten, den er vor 25
Jahren verfolgte. Die internationale Staatengemeinschaft schien kurz vor einer großen Wende auf dem
Planeten Erde zu stehen.

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