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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

23. März 1995

11

SOZIALGIPFEL

MARKTSYSTEM SETZT HUMANKAPITAL FREI
Rede von Vizepräsident Gore

USA-EUROPA

ES BLEIBT IN DER FAMILIE - DIE
VEREINIGTEN STAATEN UND EUROPA
von Simon Sertaty

TAG DER ERDE

VEREINIGTE STAATEN STARTEN
GLOBALES UMWELTBILDUNGSNETZ
von Edward Taishoff

FRAUEN

MACHT UND EINFLUSS DER FIRST LADIES
von Edith P. Mayo

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�SOZIALGIPFEL
22. März 1995

Marktsystem setzt Humankapital frei
Rede von Vizepräsident Gore
KOPENHAGEN - (AD) - In seiner Rede vor dem Wettgipfel der Vereinten Nationen über soziale Entwicklung
stellte Vizepräsident Gore am 12. März 1995 fest, "mein Land hält jedoch an seiner optimistischen Vision fest" trotz der zahlreichen Tragödien dieses Jahrhunderts.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Vizepräsidenten im Wortlaut.

Herr Präsident, Exzellenzen, Herr Minister, meine
Damen und Herren,
es ist mir eine Ehre, Präsident Clinton und das
amerikanische Volk bei diesem wichtigen Gipfeltreffen vertreten zu dürfen. Ich möchte zunächst
unseren dänischen Gastgebern für die gelungene
Veranstaltung dieser Konferenz und für ihre Gastfreundschaft danken. In einer Zeit großer Chancen,
aber dennoch beträchtlicher Unsicherheit in der
internationalen Staatengemeinschaft begrüßen wir
diese Gelegenheit, Themen von gemeinsamem
Interesse für alle Nationen und alle Völker anzusprechen.
Ein für Unruhen und Leid stehendes Jahrhundert
geht zu Ende. Betrachtet man die zahlreichen
Tragödien, wäre ein gewisser Zynismus beim Blick
in die Zukunft sicherlich verständlich. Mein Land hält
jedoch an seiner optimistischen Vision fest.
Wir glauben an eine Welt, die von Gesetzen statt
Gewalt regiert wird, wir glauben an eine auf Gerechtigkeit gegründete Welt, wir glauben an den Sieg
unserer Menschlichkeit über die Intoleranz. Vor
allem glauben wir an Freiheit - politische und geistige Freiheit als Geburtsrecht der Menschheit - eine
Freiheit von Not als Ziel, an dem wir die Qualität
unserer Zivilisation messen.
Sind das übertriebene Hoffnungen?
Ganz im
Gegenteil. Mit der Zeit wurden sie immer eindeutiger zum gemeinsamen Ziel der Menschheit. Mir
scheint in der Tat, daß diese Reihe großartiger
Weltkonferenzen der Vereinten Nationen für Bestrebungen der ganzen Welt steht, die Prinzipien und
praktischen Erfordernisse für die Schaffung einer
solchen Welt zu überdenken.

AMERIKA DIENST 11

Die Treffen - vor kurzem in Wien, Kairo, Kopenhagen
und im Herbst in Peking - konzentrierten sich auf eine
Reihe ineinandergreifender Fragen. Was ist die
adäquate Beziehung zwischen menschlicher Zivilisation und Umwelt? Was kann zur Schaffung gerechter
Gesellschaften getan werden, die Menschlichkeit
nähren und Menschenrechte schützen? Was kann
mit demokratischen Mitteln getan werden, um unsere
Welt vor den Konsequenzen des rapiden und destabilisierenden Bevölkerungswachstums zu schützen und
statt dessen ein gerechtes Muster tragfähiger Entwicklung zu schaffen? Was kann getan werden, um
die ärmsten unserer Bürger einem produktiven Leben
zuzuführen?
Was kann getan werden, um die
Schranken abzubauen, die Frauen auf der ganzen
Welt noch immer vermehrte Befugnisse verwehren?
Diese Zusammenkünfte sind internationale Gemeindeversammlungen, bei denen einzelne Bürger, nichtstaatliche Organisationen und Regierungen zusammenarbeiten, um einen neuen Konsens über das
Wesen der uns konfrontierenden Herausforderungen
und deren erfolgreiche Bewältigung zu erzielen.
Wir sind hier zusammengekommen, um uns mit den
Themen Armut, Behinderung, Arbeitslosigkeit und
sozialer Zerfall auseinanderzusetzen. Diese Probleme bestehen in unterschiedlichem Ausmaß in allen
hier vertretenen Ländern - sicherlich auch in meinem
eigenen Land. Die diese Probleme charakterisierenden Zahlen sind schwindelerregend: Eine Milliarde
Menschen leben in absoluter Armut ohne Zugang zu
sauberem Wasser, Kanalisation oder richtiger Ernährung. 30 Prozent der globalen Erwerbsbevölkerung
sind heute arbeitslos oder unterbeschäftigt. Aufgrund
der schlimmsten Arbeitslosigkeit seit der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre haben eine Milliarde
Menschen ein tägliches Einkommen von unter einem
Dollar.

Seite 1

�Aber wie der Schriftsteller Arthur Koestler es einmal
formulierte, bluten Statistiken nicht. Zahlen erfassen
nicht die Pein obdachloser Kinder, die durch die
Straßen ansonsten reicher und geschäftiger Städte
streifen. Sie erfassen nicht den Schmerz von Eltern,
deren Kind während der schrecklichen Ereignisse in
Ruanda verhungert oder an einer Krankheit gestorben ist. Und sie erfassen auch nicht die düstere
Verzweiflung einer obdachlosen Frau, die zusammengerollt über einem Lüftungsschacht in Washington - nur ein paar Häuserblocks vom Weißen Haus
entfernt - schläft.
Dies sind persönliche Tragödien, aber jede von
ihnen ist zum Teil auf unser Versagen als menschliche Familie zurückzuführen, unsere Verbindungen
zueinander zu spüren und zu verstehen, sowie unser
Versagen, die Chancen zu erkennen, die jeder
Mensch haben sollte, um zu unserer gemeinsamen
Zukunft beizutragen und diese zu bereichern.
Wirtschaftswachstum kann nicht über einen langen
Zeitraum hinweg aufrechterhalten werden, wenn
nicht ein entsprechender Teil seiner Früchte kontinuierlich in das Nähren und Entwickeln von Humankapital investiert wird. Selbst Adam Smith bezeichnete Volkswirtschaften stets als "menschliche
Wirtschaften". Vielleicht hätten wir dieses Konzept
nie aufgeben sollen. Menschen, die krank, ungebildet, unterernährt oder arbeitslos sind, sollten nicht
bloß das Objekt des Schuldgefühls der Gesellschaft
sein. Sie sollten auch als Verkörperung des nicht
realisierten wirtschaftlichen und sozialen Potentials
angesehen werden.
Wie sollen wir uns mit diesem Problem auseinandersetzen? In meinem Land ist diese Frage zur
Zeit das Thema eines harten politischen Kampfes.
Geprüft wird, ob die Vereinigten Staaten sich von
ihren eigenen, am meisten benachteiligten Bürgern
zu Hause abwenden und von der vordersten Reihe
der Nationen zurücktreten werden, die Bande
gemeinsamer Verantwortung gegenüber den Männern und Frauen auf der übrigen Welt anerkennen,
die aus eigener Anstrengung heraus der Entwürdigung und Verzweiflung zu entrinnen suchen.
Ich glaube, daß die Vereinigten Staaten am Ende
des Tages nicht einen Schritt zurück machen werden. Die Clinton-Administration ist der Auffassung,
daß die große Mehrheit der Amerikaner in beiden
führenden politischen Parteien sie bei dem Versprechen unterstützen wird, weiterhin engagiert zu
bleiben.
Das amerikanische Volk weiß, daß unser zukünftiges
Wohlergehen untrennbar mit der Weltwirtschaft
verbunden ist. Und es weiß, daß die Unterstützung

Seite 2

der Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern, in
denen bis zum Jahr 2000 vier Fünftel der Bevölkerung leben werden, auch unserer eigenen Volkswirtschaft nützlich sein wird. Ich glaube jedoch auch,
daß wir neue Ansätze zu neuen Gegebenheiten
finden müssen, wenn die Vereinigten Staaten Fortschritte machen und sich weiterhin für die Bestrebungen der Welt engagieren wollen, die Ziele dieses
Gipfeltreffens zu erfüllen.
Wir in den Vereinigten Staaten haben beispielsweise
inzwischen erkannt, daß es an der Zeit ist, unser
altes Modell zur Bekämpfung der Armut im Inland
aufzugeben, das sich auf massive staatliche Einflußnahme durch aufgeblähte Bürokratien gründete.
Es gab eine Zeit, in der diese Strukturen zur Umsetzung unseres Idealismus unerläßlich schienen. Aber
das Ausmaß, die mangelnde Flexibilität und der
Kostenaufwand dieser Strukturen werden jetzt als
Hindernis für das von uns noch immer verfolgte Ziel
angesehen.
Wir arbeiten auf tragfähigere Beziehungen zwischen
der Regierung und den Menschen hin. Wir können
nicht erfolgreich sein, wenn wir die Armen ausschließlich als passive Empfänger von Leistungen wie
Sozialhilfe oder medizinische Versorgung behandeln.
Statt dessen entwickeln wir einen Ansatz, der die
Menschen zu aktiven Partnern macht, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wir müssen neue
Verbindungen zu unserem eigenen Volk finden, mit
einer Regierung, die besser arbeitet, weniger kostet
und sich auf Ergebnisse konzentriert.
Wir müssen Wege finden, um über alte und begrenzte Konzepte hinauszugehen, und den Wert dieser
neuen Wege zur Förderung von tragfähiger Entwicklung und sozialem Fortschritt für die in Armut Gefangenen nutzen - wie etwa Partnerschaften zwischen
der Regierung und dem Privatsektor, technische
Unterstützung für die Entwicklung von Institutionen
und politische Reformen sowie Unterstützung von
Süd-Süd-Partnerschaften. Auch die internationalen
Institutionen müssen sich durch größere Flexibilität
und Aufgeschlossenheit für die Bedürfnisse der
Armen anpassen. Diese Konferenz hat insbesondere
dem UN-System äußerste Aufmerksamkeit gewidmet,
und ich begrüße ihre Bestrebungen, sich auf den
notwendigen Wandel zu konzentrieren.
Wir in den Vereinigten Staaten betrachten dieses
Gipfeltreffen auch als eine Chance für konstruktiven
Wandel. Wir wissen, daß wir im In- und Ausland die
Bekämpfung von Armut neu definieren und die
Beziehungen zwischen Geber- und Nehmerländern in
eine Beziehung zwischen Partnern umgestalten
müssen.

AMERIKA DIENST 11

�In diesem Geiste freue ich mich, heute die "neue
Partnerschaftsinitiative" der Vereinigten Staaten
bekanntgeben zu können. Im Rahmen dieser Initiative wir das US-Amt für internationale Entwicklung
(Agency for International Development - AID) 40
Prozent seiner Entwicklungshilfe über nichtstaatliche
Organisationen in den Vereinigten Staaten und vor
Ort leiten.
Die "neue Partnerschaftsinitiative" verfolgt drei
Hauptziele: Kleinunternehmen und Unternehmern
die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums zu
ermöglichen, die Rolle nichtstaatlicher Unternehmen
bei Entwicklungsprogrammen zu verbessern und den
Nationen bei der Förderung von Demokratie auf
lokaler Ebene behilflich zu sein. Diesen drei Zielen
liegt die Idee zugrunde, daß Familien und Einzelpersonen genau dies tun werden, wenn man ihnen
die Macht und Chance zur Änderung ihres Lebens
gibt.
Bei der Erörterung von Wegen zur Verbesserung
des von den Regierungen gegen die Armut geführten Kampfes möchte ich hervorheben, daß mein
Land auch an zwei weitere zentrale Theorien glaubt.
Erstens glauben wir, daß dauerhafter Gewinn nur
erzielt wenn werden kann, wenn wir freie Marktwirtschaften und die Initiative des einzelnen ermutigen.
Aus unserer Sicht setzt das Marktsystem einen
höheren Prozentsatz an Humankapital frei als jede
andere Form wirtschaftlicher Organisation und hat
das Potential unter Beweis gestellt, weit verbreiteten
neuen Wohlstand zu schaffen.

Zweitens glauben wir, daß wirtschaftliche Entwicklung
umweltverträglich ausgerichtet sein kann und muß.
Eine tragfähige Wirtschaftsentwicklung gewährleistet,
daß wir den heutigen Bedarf nicht mit Mitteln decken,
die sich rasch erschöpfen und uns zu noch unlösbareren Problemen zurückwerfen.
Abschließend möchte ich die Bedeutung eines
kulturellen Trends unterstreichen, der den Tag
beschleunigt herbeiführen kann, an dem wir ein Ende
der Armut und eine Zunahme der Rechte und Befugnisse von Frauen sehen, die - wie die First Lady
der Vereinigten Staaten vor nur wenigen Tagen
ausführte - in vielen Ländern weiterhin eine Randgruppe sind. Da Frauen über zwei Drittel der Analphabeten der Welt ausmachen, werden Investitionen in die Gesundheit und Bildung von Frauen und
Mädchen die Armut mildern - und ich möchte mich in
den Kreis derjenigen einreihen, die diesen Gipfel zur
Verabschiedung des Prinzips gleicher Rechte beglückwünschen.
Die von Ihnen hier erarbeiteten Dokumente sind Teil
eines sich abzeichnenden übergreifenden Gefüges
für das Allgemeinwohl. Trotz der vor uns liegenden
Schwierigkeiten und großen Herausforderungen
bewegen wir uns meines Erachtens gemeinsam auf
ein Gefühl der Beteiligung an der Weltzivilisation hin,
deren - freiwillig geknüpfte Bande - stark genug sein
werden, uns angesichts der Kräfte zusammenzuhalten, die uns entzweien könnten. Unsere Arbeit ist ein
bedeutender Beitrag zu diesem Ziel, und stellvertretend für meine Regierung und das amerikanische
Volk möchte ich dieses Gipfeltreffen zu der geleisteten Arbeit und der Verpflichtung zur Erlangung seiner
Ziele beglückwünschen.

* *

AMERIKA DIENST 11

*

Seite 3

�USA-EUROPA
22. März 1995

Es bleibt in der Familie die Vereinigten Staaten und Europa
von Simon Serfaty
In der Mitte von Präsident Clintons Amtszeit steht Europa vor einem neuen Anfang und die NATO vor einer
Umstrukturierung. Europa bietet heute "ein Bild, das in gewisser Weise neu und erschreckend ist: Eine Union
von Staaten - in denen die Normalität der nationalen Souveränität einer neuen Supranationalität europäischer
Institutionen Platz macht, die kein Mitgliedstaat uneingeschränkt akzeptiert, aber auch keiner ignorieren kann macht sich über ihre Funktionsweise Gedanken". Die Stärkung der europäischen Einheit ist ein grundlegendes
Interesse der Vereinigten Staaten. Aber während der Einfluß Washingtons bei Themen wie den neuen
Sicherheitsarrangements der NATO entscheidend ist, muß Europa selbst den Weg zu wirtschaftlichen
Partnerschaften anführen, die auf die Förderung politischer Stabilität ausgerichtet sind. Das Engagement der
Vereinigten Staaten in Europa "reagiert heute auf völlig andere Gegebenheiten" als Ende der vierziger Jahre,
"bei denen Wechselkurse und Unternehmensprofite, Exporte und Handelsbestimmungen, im Ausland tätige
Arbeitnehmer und ihre institutionelle Unterstützung die Bilanzen ebenso beeinflussen wie Truppenstärke und
Waffenbereitschaft. Mit der Zeit", so Serfaty, "ist dort drüben zu hier drüben geworden."
Simon Serfaty ist Professor für internationale Politik an der Old Dominion University in Norfolk (Virginia) und
Direktor für europäische Studien am Zentrum für strategische und internationale Studien in Washington. Eines
der von ihm veröffentlichten Bücher hat den Titel Taking Europe Seriously (1992).
Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Current History, November 1994.
Copyright (c) 1994 Current History, Inc.

Der Kalte Krieg entstand aus den beiden ihm vorangegangenen Kriegen. Während die Macht auf
dem Kontinent neu verteilt wurde, veranlaßten die
Teilung Deutschlands und die Expansion der sowjetischen Macht in Mittel- und Osteuropa die meisten
Länder in West- und Südeuropa, die Vereinigten
Staaten zur Aufgabe ihrer Isolation auf der anderen
Seite des Atlantiks "einzuladen" und sich in ihrer
Mitte niederzulassen. So entstanden die Realitäten,
die nahezu fünf Jahrzehnte lang den "langen Frieden" bedingten, der sich den Siegern von 1919
entzogen hatte: Zwei von zwei Supermächten
organisierte Teile Europas, konzentriert auf zwei
Hälften Deutschlands, die als zwei separate Blöcke
funktionierten.

Staaten jedoch die konstruktive Präsenz einer klaren
sowjetischen Bedrohung zu vermissen, und die
Länder Europas scheinen das Fehlen eines geteilten
und besetzten Deutschlands zu bedauern. Kurze Zeit
nach dem Kalten Krieg sehen sich die zur Bekämpfung der Sowjetunion und Aufnahme Deutschlands
geschaffenen Institutionen einer Bedrohung ausgesetzt: Wieder einmal scheint die Europäische Union
vom Weg abgekommen zu sein und wieder einmal
werden der NATO Schwierigkeiten nachgesagt.
Können diese Institutionen eine neue Identität erlangen oder sind sie zum Untergang verurteilt, weil sie
durch das Ende des Konflikts, der sie ins Leben rief,
nutzlos geworden sind?
Wie lange noch bis zu einem Europa?

Im Laufe der Jahre verlieh die Intensität der Feindseligkeiten des Kalten Krieges dieser Teilung den
Anschein der Unumkehrbarkeit. Die revolutionären
Veränderungen von 1989 und 1990, die den Sowjetblock zerschlugen, wurden als Wunder angesehen,
auf das die meisten Beobachter nicht mehr zu hoffen
gewagt hatten. Heute scheinen die Vereinigten

AMERIKA DIENST 11

Gibt es ein neues Europa? Die Antwort ist schnell
gefunden - Nein. Aber dennoch bietet Europa heute
ein Bild, das in gewisser Weise neu und erschrekkend ist: Eine Union von Staaten - in denen die
Normalität der nationalen Souveränität einer neuen
Supranationalität europäischer Institutionen Platz

Seite 1

�macht, die kein Mitgliedstaat uneingeschränkt akzeptiert, aber auch keiner ignorieren kann - macht sich
über ihre Funktionsweise Gedanken.
Seit 1989 gehen aut dem gesamten Kontinent
Gespenster um: In Mittel- und Osteuropa, wo Rußland für den Geschmack seiner ehemaligen Satellitenstaaten weiterhin zu dominierend und zu mächtig
tür den weiter entfernter Nachbarn ist; in Südosteuropa, wo der Balkan erneut von ethnischen Konflikten und nationalen Rivalitäten zerrissen ist; und in
Westeuropa, wo die schleichenden Ambitionen der
Nationalstaaten mit ihren Verpflichtungen als Mitglieder einer Union kollidieren, die sie einerseits
nicht zu ignorieren wagen, aber andererseits auch
nicht vollenden können.
Diese Gespenster lassen Erinnerungen an ein 20.
Jahrhundert Wiederaufleben, das in das nächste
übergreifen könnte: Die territorialen Instabilitäten
der Jahre vor und zwischen den Kriegen auf dem
Balkan, der mörderische Wahnsinn der beiden
Weltkriege und die vielen "kleinen" Konflikte, die
ihnen vorangingen, die Wirtschaftskrise und sozialen
Ängste der Jahre zwischen den Kriegen und die
politischen Exzesse der Jahre zwischen und nach
den Kriegen. Die Erinnerungen sind lückenhaft.
Von Sarajevo 1914 bis zum Sarajevo von heute
nahm die Geschichte ihren Lauf. Aber trotz der
Brutalität, mit der das Jahrhundert begann und
endete, wiederholt sich die Geschichte nicht.
Paradoxerweise ist der Krieg in Bosnien ein typisches Beispiel. Anfang des Jahrhunderts eskalierte
ein kleiner regionaler Konflikt, der bei normalem
Verlauf einige Tausend Menschen getötet hätte,
praktisch über Nacht zu einem Weltkrieg, der mehrere Millionen das Leben kostete. Anfang der neunziger Jahre trafen die ehemaligen Großmächte Europas - Deutschland, Frankreich, Großbritannien und
Rußland - die traditionelle Entscheidung zwischen
Kroaten und Serben in Kroatien sowie zwischen
Serben und Muslimen in Bosnien. Aber diese
Mächte traten weder in den Krieg ein noch bildeten
sie Bündnisse, um ihre Ambitionen umzusetzen.
Statt dessen versuchten sie - wenn auch vergeblich ihrer jeweiligen Politik gerecht zu werden, damit die
befürchtete Eskalation vermieden und der beklagenswerte Verlust an Leben und Gut so gering wie
möglich gehalten werden konnte: Durch den Europarat, der sowohl Rußland als auch die Vereinigten
Staaten ausschloß; durch die NATO, die die Vereinigten Staaten, aber nicht Rußland einbezog;
durch eine aus fünf Mächten bestehende "Kontaktgruppe", zu der sowohl die Vereinigten Staaten als
auch Rußland zählten, oder durch die alle einbeziehenden Vereinten Nationen. Der Krieg in Bosnien
dient also als Beweis, daß ethnische Greueltaten -

Seite 2

obwohl sie immer noch für einen Großteil Europas
zum täglichen Leben gehören - nicht mehr so leicht
ausufern können wie bisher, weil der übrige Kontinent
jetzt dem Ruf zu den Waffen widerstehen kann. Was
ist am Ende schlimmer - ein Europa, das sich zur
Rettung Bosniens zu kämpfen weigert, oder ein
Europa, das begierig ist, dies zu tun?1
Warum dann also die Skepsis und das Lamentieren
über Europas Unfähigkeit, seine Einheit zu vollenden
und seine Abhängigkeit von der Stärke oder dem
Goodwill entfernter Mächte zu überwinden? Der
Grund ist zum Teil in der Tendenz zu suchen, den
Kontinent in einem zeitlich sensiblen Kontext zu
sehen. Kurzfristiges Scheitern wird als endgültig
erachtet (da keine institutionelle Wiedergutmachung
erwartet wird) und der langfristige Erfolg ist unvorhersehbar (weil kein endgültiges Ergebnis je definiert
wird). Auf diese Weise betrachtet ist die Geschichte
der europäischen Integration vor allem Dissonanz,
der Prozeß stets hoffnungslos verfahren oder - noch
schlimmer - eine Chronik komplexer Verträge, die
nach ihrer Unterzeichnung nicht ratifiziert oder nach
ihrer Unterzeichnung und Ratifizierung nicht eingehalten wurden. Eine Chronik vager Zeitpläne und
lockerer, nicht verwirklichter Verpflichtungen sowie
mühseliger Verhandlungen, die sich nach ihrem
Abschluß dahinschleppen.
Ausschlaggebend sind jedoch nicht die Rückschläge
oder die Tatsache, daß "Europa", wie immer es
definiert wird, noch nicht da ist. Wichtig ist, daß die
Mitgliedstaaten die Verpflichtung bewahrt haben,
weiterzumachen und sicherzustellen, daß nach jeder
Krise ein Neubeginn kam, der alle Mitgliedstaaten
einen kleinen Schritt nach vorne brachte. Am Ende
des Jahrhunderts ist dies vielleicht das Vermächtnis,
das die meiste Aufmerksamkeit erfordert: Die Illusion
der Einheit, die in Europa und seinen Nachbarländern
nach dem Ersten Weltkrieg gehegt, von den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg ermutigt und während des Kalten Krieges von den Europäern vertieft wurde, ist nach dem Kalten Krieg zu einer
kollektiven Realität geworden, die das "ich" der
Nationalstaaten überschreitet, um das "wir" der Union
zu werden.
Aber wer soll in das neue kollektive "wir" einbezogen
werden: Eine Seite des Atlantiks ohne die andere,
eine Seite Europas gegen die andere, oder alle?
Während die Geschichte in Westeuropa ihren Lauf
nahm, geriet auch die Geographie in Bewegung und
erweiterte den nach dem Zweiten Weltkrieg um
Deutschland herum organisierten europäischen
zivilen Raum zu einem gemeinsamen, während des
Kalten Krieges um die Sowjetunion konzentrierten
euroatlantischen Raum. Am Anfang wurde Europa
Hilfe geboten und Verpflichtungen wurden freiwillig

AMERIKA DIENST 11

�eingegangen. Die wirtschaftlichen Härten in Europa
nach 1945 waren ein fruchtbarer Boden für die
kommunistische Expansion und erhöhten das reale
Risiko politischer Instabilität. Dies veranlaßte die
Vereinigten Staaten zu raschem Handeln: Man
bedenke die Formulierung, Umsetzung und den
Umfang des Marshallplans. Aber die sowjetische
militärische Bedrohung für Westeuropa schien
weniger real. Aus diesem Grund erfolgten Maßnahmen in dieser Sphäre langsamer: Man bedenke die
für die Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags
erforderlichen Voraussetzungen, Präsident Harry
Trumans Widerstreben, amerikanische Streitkräfte in
Europa zu stationieren, die langwierige Debatte über
die NATO-Mitgliedschaft und die Wiederbewaffnung
Europas (einschließlich Deutschlands) sowie die
Auswirkungen der Ereignisse an anderen Orten der
Welt. Während die Truman-Administration vom
wirtschaftlichen zum politischen und vom politischen
zum militärischen Bereich überging, lag das Geniale
des Vorgehens in der Erkenntnis, daß ein atlantisches Engagement trotz der bevorzugten Rückkehr
der Nation nach Hause den langfristigen Interessen
der Vereinigten Staaten dienen würde, da die Sicherheit und der Wohlstand der Vereinigten Staaten
an die Sicherheit und Stabilität Europas gebunden
waren.
Heute können wir uns jedoch den Luxus der Wahl
nicht mehr leisten. Nachdem der Kalte Krieg erreicht hat, was keinem Weltkrieg gelang, ist Disengagement nicht länger eine Option von Bedeutung. Früher war die Präsenz der Vereinigten
Staaten vornehmlich militärisch. Die Fragen lauteten: Wie viele Truppen werden benötigt und wie
tragen sie zur Eindämmung der Sowjetunion bei.
Containment hatte mit der verfügbaren Macht der
Vereinigten Staaten zu Hause zu tun, und ein relativ
kleiner Teil dieser Macht wurde nach Übersee
entsandt. Während eines Großteils des Kalten
Krieges wurde die Debatte über den Truppenrückzug
in der NATO geführt, denn das Engagement der
Vereinigten Staaten wurde unter ihren Gegnern
anscheinend weniger in Zweifel gezogen als unter
ihren Verbündeten - die in dem Wissen lebten, daß
wenig zurückbliebe, wenn die Truppen abgezogen
würden. Vorschläge zur Reduzierung der Truppenstärke wurden als Signale eines drohenden Abzugs
der Vereinigten Staaten interpretiert und dem in
Krisenzeiten Anfang der sechziger Jahre erreichten
Streitkräfteniveau solche Bedeutung beigemessen,
daß es in späteren, weniger spannungsgeladenen
Zeiten nicht geändert werden konnte.
Die Präsenz der Vereinigten Staaten in Europa
reagiert heute auf völlig andere Gegebenheiten, bei
denen Wechselkurse und Unternehmensprofite,
Exporte und Handelsbestimmungen, im Ausland

AMERIKA DIENST 11

tätige Arbeitnehmer und ihre institutionelle Unterstützung die Bilanzen ebenso beeinflussen wie
Truppenstärke und Waffenbereitschaft. Transatlantische Transaktionen in Höhe von rund 1 Billion Dollar
jährlich, darunter bilateraler Handel in einer Größenordnung von über 200 Milliarden Dollar und Direktinvestitionen von ungefähr 450 Milliarden Dollar durch
amerikanische Unternehmen in Europa und europäische Unternehmen in den Vereinigten Staaten, sind
eine mächtige Kraft. Die wirtschaftliche Präsenz der
Vereinigten Staaten in Europa bewirkt einen größeren
wirtschaftlichen Output insgesamt als der mehrerer
westeuropäischer Länder. Hunderttausende Amerikaner leben in Europa oder durchqueren den Kontinent
und überbrücken die politische Kluft, die beide Seiten
des Atlantiks trennte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
und während der Dauer des Kalten Krieges blieben
die Vereinigten Staaten in Europa, weil "sie uns am
ähnlichsten waren", wie es die europäische Wissenschaftlerin Catherine Kelleher kürzlich formulierte.
Heute müssen die Vereinigten Staaten bleiben, weil
sie wir sind. Mit der Zeit ist dort drüben zu hier
drüben geworden.
Der Blick über die NATO hinaus
Zum institutionellen Vermächtnis des Kalten Krieges
gehört eine politische Union in Westeuropa und eine
militärische Organisation, die den Atlantik umspannt.
Wie mächtig und wie groß sollten diese beiden
Institutionen jetzt werden? Die Ereignisse seit 1991
waren enttäuschend, da beim Aufbau der Gemeinschaft Rückschläge zu verzeichnen waren und die
Friedenssicherung gescheitert ist. Aber in ähnlichen
Augenblicken der Geschichte während des Übergangs nach den beiden Weltkriegen marschierten
französische Truppen an die Ruhr, um die Deutschen
zu bestrafen, und amerikanische Flugzeuge flogen
über Berlin, um die Sowjets zu umgehen. Und im
Gegensatz zu 1922 oder 1948 muß der Ansatz der
Vereinigten Staaten gegenüber Europa nicht revolutionär sein - er kann sich auf einer bestehenden
Grundlage entfalten. Die Größenordnung der amerikanischen Interessen in Europa bedeutet, daß
Amerika nicht abzieht und das Bündnis, das den
Krieg gewonnen hat, nicht von Auflösung bedroht ist.
Auch die Konstruktion Europas ist keine Illusion wie
nach den beiden Weltkriegen. In der Tat ist zumindest die Hälfte des Kontinents wohlhabend und
politisch stabil sowie friedlich und vereinigt.
Ein Großteil der Debatte über die Bedingungen der
künftigen Beziehungen zwischen den Vereinigten
Staaten und Europa konzentriert sich auf die NATO.
Damals wie heute ist die NATO die Institution, die am
ehesten für die Vertretung der amerikanischen
Interessen in Europa steht und in Ermangelung einer
Alternative am direktesten verantwortlich ist für den

Seite 3

�Schutz dieser Interessen vor dem andauernden
Risiko der Instabilität. Für zumindest die Hälfte des
Jahrzehnts werden die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zu Europa jedoch im großen und ganzen
durch die Umgestaltung der innereuropäischen
Beziehungen durch die Europäische Union und ihre
Erweiterung nach Osten definiert. Die Stärkung der
europäischen Einheit ist ein grundlegendes Interesse
der Vereinigten Staaten, unabhängig davon, was mit
dem atlantischen Rahmen geschieht, und umgekehrt
werden Fortschritte bei der europäischen Integration
vornehmlich die Art und den Kurs der atlantischen
Reform nach dem Kalten Krieg bestimmen.
Die Stärkung der Europäischen Union ist in den
nächsten fünf Jahren das vordringlichste Ziel der
Vereinigten Staaten auf dem Kontinent. Zugegeben,
die Neubelebunng der EU fällt nicht in den Verantwortungsbereich Washingtons: In der Tat waren
amerikanische Versuche zu definieren, was die
Europäer tun sollten, viele Jahre lang für gewöhnlich
kontraproduktiv. Wann immer jedoch neue Ideen für
Europa diskutiert werden, entmutigt der Gedanke an
die Ambivalenz der Vereinigten Staaten einige der
kleinen Mitgliedstaaten, die fürchten, die Entscheidung für Europa würde eine Distanz zu Amerika
schaffen und sie auf Gedeih und Verderb ihren
größeren Partnern ausliefern.
In diesem Zusammenhang kann Präsident Clintons
Administration in diesem Jahr auf gute Leistungen
zurückblicken. Frühere Befürchtungen seiner Vernachlässigung Europas wurden beschwichtigt, als
der Präsident den Atlantik zu Gipfeltreffen und
Gedenkfeiern überquerte. Nach der Schlichtung des
Handelsstreits in letzter Minute, der 1993 die transatlantischen und innereuropäischen Beziehungen
beinahe zum Scheitern brachte, legten die Vereinigten Staaten einen Großteil ihrer Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich, das traditionell am
lautesten über sie murrt, bei.
Im Juli 1994 schien die französische Regierung
tatsächlich so beruhigt, daß es wenig Reaktion in
Paris bewirkte und eher als Erklärung der Unterstützung Europas statt als amerikanische Bevorzugung angesehen wurde, als Clinton Deutschland
als Amerikas neuen privilegierten Verbündeten
feierte. (Dies steht im Gegensatz zu den Auswirkungen der besonderen Beziehungen, die früher zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten
bestanden oder angeblich bestanden, vor allem
während der Perioden, in denen Großbritannien sich
aktiv der weiteren Integration in Europa widersetzte.
Im Europa der Zeit nach dem Kalten Krieg müssen
die angeblich besonderen bilateralen Beziehungen
als Anreiz für noch engere multilaterale Beziehungen
unter den Europäern und über den Atlantik hinweg

Seite 4

gesehen werden). Clinton gelang auch die Verlagerung zu Deutschland, ohne Rußland zu verletzen.
In einem Jahr scheint der Präsident den althergebrachten Mangel in der europäischen Politik behoben
zu haben.
Und schließlich wurden die während der letzten
Hälfte der Bush-Administration vernommenen Sorgen
über die Hegemoniebestrebungen der Vereinigten
Staaten beschwichtigt, als Clinton einen beispiellosen
Hang zu Konsultationen an den Tag legte. Seine
Kritiker im Inland sahen dies als Alibi für Enthaltung
an, aber seine Verbündeten auf dem Kontinent
begrüßten es als eine Investition in die Zusammenarbeit.
Der Zeitpunkt von Clintons Verlagerung von London
zu Berlin ist umso günstiger, da die Bedingungen für
die Wiederbelebung der Europäischen Union nach
dem Vertrag von Maastricht aus dem Jahr 1991 über
vollständige wirtschaftliche und engere politische
Integration jetzt geeignet sind: Erholung von der
schlimmsten wirtschaftlichen Rezession in Europa seit
1945 und Überwindung der politischen Unsicherheiten, die Europa seit 1991 lähmten. Darüber hinaus
werden die Erweiterung der EU zur Einbeziehung der
kleinen und reichen Länder in Nordeuropa sowie
Österreichs, die Reorganisation der Europäischen
Kommission und eine stabile Europäische Kommission mit aufeinanderfolgendem Vorsitz von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zur stärksten
Troika für das gesamte Jahr 1995 und einen Teil von
1996 führen. Während dieses Zeitraums sollte die
amerikanische Politik vor allem darauf abzielen, daß
diese Chance zur Konsolidierung der Union in der in
Maastricht dargelegten Richtung nicht vergeudet wird.
Die Auswirkungen einer solchen Ermutigung waren
bereits Anfang des Kalten Krieges deutlich zu sehen,
als sie zur Überwindung der in letzter Minute vorgebrachten Einwände Deutschlands gegen die
beabsichtigte Montanunion im Jahr 1951 beitrugen
sowie 10 Jahre später, als sie die Entschlossenheit
Großbritanniens zur Mitgliedschaft im Gemeinsamen
Markt bekräftigten. Der Einfluß Amerikas auf die
europäische Integration ist nicht mehr so eindeutig
wie bisher, aber immer noch beträchtlich.
Die Vereinigten Staaten sollten der EU auch zunehmend die Aufmerksamkeit widmen, die sie jedem
einzelnen Mitgliedstaat schenken.
Regelmäßige
Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten
und dem Präsidenten der Europäischen Kommission
(der als oberster Regierungsbeamter der Europäischen Union handelt) sollten aufgewertet werden.
Wenn nötig, sollte es mehr und besser vorbereitete
Konsultationen zwischen dem EU-Ministerrat und den
Amtskollegen in Washington geben sowie zwischen
den zahlreichen EU-Ausschüssen, Arbeitsgruppen

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�und Experten sowie deren amerikanischen Amtskollegen. Ein solcher Ansatz könnte auch auf die
EU und von den Vereinigten Staaten angeführte
multilaterale Organisationen wie etwa die NATO
Anwendung finden. So könnte der Generalsekretär
der Westeuropäischen Union an den Sitzungen des
Nordatlantischen Kooperationsrats teilnehmen, und
der Präsident der Europäischen Kommission sollte
zumindest als Beobachter zur Teilnahme an den
NATO-Gipfeltreffen eingeladen werden - wie es zur
Zeit bei den jährlichen Zusammenkünften der
Gruppe der Sieben führenden Industrienationen der
Fall ist. Das Ziel ist nicht, die Vereinigten Staaten
Europa oder die Europäische Union ihren Mitgliedstaaten aufzuzwingen, sondern vielmehr, alle Zweifel
in Europa auszuräumen, daß die Vereinigten Staaten "die noch engere Union" begrüßen, die sie vor
nahezu fünf Jahrzehnten mit ins Leben riefen sowie
Engagement und Dialog zu fördern, bevor Entscheidungen auf einer Seite des Atlantiks getroffen werden.
Darüber hinaus sollten die Vereinigten Staaten die
Erweiterung der Union auf Mittel- und Südosteuropa
aktiv unterstützen. Die Clinton-Administration argumentierte im Hinblick auf die NATO, das unmittelbare Ziel sei nicht die Mitgliedschaft, sondern die
"Partnerschaft" - oder im Brüsseler Jargon die
"Assoziierung". Bei der NATO ist die Verzögerung
der offiziellen Erweiterung nach Osten zwingend
geboten: Solange die Bedrohung sehr viel diffuser

ist als 1945 oder 1919 muß das Engagement der
Vereinigten Staaten nicht in einem Vertrag verankert
sein. In der Tat ist es schwierig zu erklären, wie die
Sicherheit beispielsweise Polens sich verbessern
würde, wenn dieses Land über Nacht Mitglied der
NATO würde. Die Mitgliedschaft könnte Polens
Sicherheit sogar beeinträchtigen, indem Rußland zu
einer Art Gegenmaßnahme oder innenpolitischer
Reaktion veranlaßt würde.
Dieselben Ambivalenzen treten im Hinblick auf die
Europäische Union nicht auf, die zu Wirtschaftswachstum und politischer Stabilität Osteuropas
beitragen würde (und die bis zur Eskalation des
Krieges in Bosnien die erste Priorität der Länder in
der Region war). Dennoch gibt es viele gute Gründe
für die Verzögerung der Erweiterung der Union auf
eine beliebige Zahl von Ländern im Osten. Die EU
muß ihre Institutionen bereits jetzt anpassen, um vier
neue Mitglieder aufzunehmen und einige der in der
Einheitlichen Europäischen Akte und dem Vertrag
von Maastricht (die voraussichtlich beide 1996
überprüft werden) vorgesehenen Entscheidungen
umzusetzen. Die Aufnahme neuer Mitglieder würde
diese Anpassungen jetzt komplizieren und vielleicht
sogar zum Scheitern verurteilen. Etwas anderes
vorzugeben hieße, sich auf falsche Versprechungen

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der Erweiterung zu verlassen, um die Aussicht zu
vereiteln, die EU könnte vorbehaltlich der Zustimmung der anderen durch einige Mitglieder und für
einige der Länder in Europa vorbehaltlich des Beitritts
anderer mächtiger werden.
Die Verzögerung der Erweiterung bedeutet jedoch
keine Vernachlässigung der Staaten, die darauf
warten. Daher kann und sollte die EU unmißverständlich die Entscheidung zur Aufnahme von Verhandlungen mit zumindest den vier mitteleuropäischen Ländern (Tschechische Republik, Ungarn,
Polen und Slowakische Republik) im Jahr 1997 nach
Abschluß der zwischenstaatlichen Konferenz bekräftigen. Die Gespräche sollten auf eine Reihe anspruchsvoller aber dennoch realistischer wirtschaftlicher und politischer Kriterien abzielen, die zur Erlangung der Vollmitgliedschaft bis zum Jahr 2000 oder
kurz danach erfüllt sein müßten. Solange diese
Kriterien von den potentiellen neuen Mitgliedern nicht
erfüllt werden können, würde die Mitgliedschaft zu
früh erfolgen und beträchtliche Störungen hervorrufen. Aber solange die EU keinen Zeitplan veröffentlicht, wird die Sorge, der Beitritt zum Binnenmarkt könnte auf unbestimmte Zeit begrenzt sein,
weiterhin den Fluß ausländischer Investitionen
verlangsamen, das Wachstum der auf Exporte
gegründeten Fertigungsindustrien behindern und
politische Spannungen bei und zwischen den ehemaligen Gegnern der Zeit des Kalten Krieges verschärfen.
Darüber hinaus sollten mehr direkte
Hilfsleistungen, Schuldenerlaß, großzügigere Kreditarrangements, gelockerte Restriktionen für Agrarimporte und verbesserte Investitionsbürgschaften für
die Nationen Mittel- und Osteuropas als Teil einer
koordinierten deutsch-französischen Präsidentschaft
ermutigt werden.
Der Handel ist offenkundig. Die Vereinigten Staaten
können und müssen eine Führungsrolle bei Fragen
der Sicherheit in Europa übernehmen. Etwas anderes anzunehmen, würde bedeuten, den Ländern auf
dem Kontinent eine sicherheitspolitische Verantwortung aufzuerlegen, die sie noch nicht übernehmen
können. Die amerikanische Führungsrolle wird im
Kontext der NATO ausgeübt, deren Fähigkeit zur
Bewahrung oder Schaffung von Frieden durch die
Bereitschaft der Vereinigten Staaten zur Beteiligung
daran definiert wird. Etwas anderes anzunehmen
hieße, sich ein Alibi für Untätigkeit zu verschaffen.
Dennoch hat die NATO nicht denselben Einfluß auf
die wirtschaftliche Dimension der Sicherheit Europas
- und kann diesen auch nicht gewinnen - und die
Vereinigten Staaten haben keine vergleichbare
Verantwortung zur Erweiterung des europäischen
Wohlstands - und müssen dies auch nicht anstreben.
Diese Aufgabe kommt der EU mit wirtschaftlichen
Partnerschaften für politische Stabilität zu, die in

Seite 5

�diesem Jahr vorgeschlagene und verabschiedete
Sicherheitspartnerschaften der NATO ergänzen
würden.
Die Hälfte von Clintons Amtszeit?
Monate- oder selbst jahrelang verzerrt der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf die Außen- und
Innenpolitik gleichermaßen sowie die Einstellung der
Öffentlichkeit dazu, indem die traditionelle Ambivalenz der Nation über ihre Rolle in der Welt ausgeschöpft, die Kompetenz oder Unerfahrenheit des
scheidenden Präsidenten und seines Gegners falsch
dargestellt wird und ihre Unterschiede übertrieben
werden. Nach der Wahl wird die Leistung des
neuen Präsidenten zunächst einmal daran gemessen, was während des Wahlkampfes gesagt wurde
und was die vorherige Administration getan hat.
1993 erlitt Bill Clinton an beiden Fronten Rückschläge. Sein Vorgänger, George Bush, war im
Ausland äußerst geschätzt, seine Erfahrung wurde
gelobt und seine Führungsqualitäten gewürdigt.
Nach seiner Wahlniederlage wurde sein Ausscheiden aus dem Amt im großen und ganzen bedauert.
Clinton war vor und während seines Wahlkampfes
für seine Vernachlässigung der Welt bekannt, und
die wenigen von ihm gehaltenen außenpolitischen
Reden wurden wegen ihres Mangels an spezifischen
Äußerungen, oder wenn sie spezifisch wurden,
wegen ihrer Realitätsferne kritisiert.

bereitschaft beim Handel, seine erklärte Vorliebe für
Asien statt Europa und seine Indifferenz und Unbehaglichkeit gegenüber außen- und verteidigungspolitischen Fragen hatten eine Malaise in den transatlantischen Beziehungen hervorgerufen. Diese Kluft
konnte auch von den Europäern nicht überbrückt
werden, die selbst seit der Unterzeichnung des
Vertrags von Maastricht im Dezember 1991 in eine
Sackgasse geraten und vom Kurs abgekommen
waren.
In diesem Jahr hat sich die Situation jedoch maßgeblich verbessert, und die Administration verdient
mehr Lob für ihr Verhalten gegenüber Europa als sie
- vor allem im Inland - erhalten hat. Jetzt, in der
Mitte von Präsident Clintons Amtszeit steht Europa
vor einem neuen Anfang und die NATO vor einer
Umstrukturierung. Die Chance zu Fortschritten bei
der Vervollständigung eines zivilen Raums in Europa
und zu Fortschritten bei der Organisation eines
gemeinsamen euroatlantischen Raums sollte nicht
vergeudet werden. Sie könnte nicht wiederkommen.

1. Das Argument ruft Erinnerungen an die dreißiger Jahre
wach. Aber so verabscheuungswürdig Großserbien sein
mag - es hat wenig Ähnlichkeit mit Nazi-Deutschland, und
so abscheulich die "ethnischen Säuberungen" in Bosnien
sein mögen, sie sind nicht der Holocaust. Auch das
Versagen des Westens verdient eine gewisse Modifizierung. Der Konflikt wird dort weiter begrenzt, wo er bereits
ausgebrochen war. Die humanitäre Hilfe der EU und der
UNO sowie deren angedrohter Einsatz von NATO-Luftstreitkräften retteten Leben. Die Verhandlungen unter der
Schirmherrschaft der Vereinigten Staaten, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen führten zur
Versöhnung zwischen einigen kriegführenden Parteien.
Bis jetzt kann jedoch nur gemutmaßt werden, ob die
Nichtintervention des Westens in Jugoslawien die beste
Politik war.

Am Ende seines ersten Amtsjahres schien Clinton,
der gehofft hatte, den Geist von John F. Kennedy
beschwören zu können, mehr wie Jimmy Carter. Die
Unentschlossenheit des neuen Präsidenten in Bosnien, seine Passivität gegenüber Rußland und den
anderen ehemaligen sowjetischen Republiken, seine
Zurückhaltung in Somalia und Haiti, seine Kampf-

*

Seite 6

*

*

*

AMERIKA DIENST 11

�TAG

DER

ERDE
22. März 1995

Vereinigte Staaten starten globales Umweltbildungsnetz
von Edward Taishoff
Am 22. April 1995, an dem zum 25. Mal der Tag der Erde begangen wird, starten die Vereinigten Staaten ein
einzigartiges Programm mit dem Titel "Global Learning and Observations to Benefit the Environment" (GLOBE etwa "Globales Lernen und Beobachten zum Nutzen der Umwelt"). Dabei werden über elektronische
Datennetze und andere moderne Technologien Tausende von Schulkindern in Hunderten von Ländern
zusammengebracht, um ihr Wissen über die Umwelt auf unserem Planeten und das Verständnis dafür zu
vertiefen. Vom Kindergarten bis zu weiterführenden Schulen werden die Kinder in ihrer unmittelbaren
Umgebung wichtige Messungen vornehmen, die dann in Schulcomputer eingegeben und über Internet an eine
zentrale Datenbank übermittelt werden. Dort werden diese Daten dann im Hinblick auf die sich entwickelnden
Umweltbedingungen graphisch aufbereitet und schließlich zurück an die Schüler übermittelt, die damit im
Klassenzimmer arbeiten.
Ausführlichere Informationen über das GLOBE-Programm können über Mrs. Margaret Finarelli, Assistant
Directorfor International Programs, GLOBE Program, 744 Jackson Place, N.W., Washington, D.C., 20503,
bezogen werden.

Tausende von Schülern in Hunderten von Schulen
auf der ganzen Welt werden in eine einzigartige
Partnerschaft eintreten, die Kommunikationssysteme
des Raumfahrtzeitalters nutzt, um das Wissen über
die Umwelt auf unserem Planeten und das Verständnis dafür zu vertiefen.
Mit Beteiligung von Schulkindern in den gesamten
Vereinigten Staaten und einer Reihe von anderen
Ländern wird das Programm mit dem Titel "Global
Learning and Observations to Benefit the Environment" (GLOBE - etwa "Globales Lernen und Beobachten zum Nutzen der Umwelt") offiziell am 22.
April 1995 gestartet, an dem zum 25. Mal der Tag
der Erde gefeiert wird.
In regelmäßigen Abständen werden die Teilnehmer
in ihrer unmittelbaren Umwelt grundlegende Meßdaten erheben und diese dann in Schulcomputer
eingeben. Die Rechner werden diese Daten über
die weltweite elektronische Datenautobahn an eine
zentrale Datenverarbeitungseinrichtung im USBundesstaat Colorado übermitteln.
Danach werden die Daten verarbeitet, in Grafiken
umgesetzt und in einer Datenbank des internationalen Kommunikationsnetzes gespeichert. An GLOBE
beteiligte Schüler werden diese lebendigen elektronischen Porträts der Umwelt in ihrem lokalen
Umfeld, ihrem Land und der Welt als Ganzem

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sodann über ihre Computer in den Klassenzimmern
von diesem Netz abrufen können.
Vizepräsident AI Gore hatte das Projekt am Tag der
Erde 1994 angekündigt und die anderen Länder der
Welt zur Teilnahme eingeladen. Die Tausende von
Briefen, die sein Büro seither von Schülern und
Lehrern erhalten hat, sind Gore zufolge "wichtige
Hinweise auf den Bedarf an praktischen naturwissenschaftlichen Bildungsprogrammen in unseren Schulen
und den Wunsch danach". Gore ist der Meinung,
daß dieses Programm "bei unserer Jugend Begeisterung für Naturwissenschaften und Mathematik weckt
und uns allen dazu verhilft, unsere globale Umwelt
besser zu verstehen."
Weit über 100 Länder haben ihr Interesse für eine
Beteiligung an GLOBE bekundet. Mit einigen Staaten
wurden bilaterale Vereinbarungen über eine Teilnahme bereits abgeschlossen, mit anderen dauern
die Verhandlungen noch an.
Prominente Gruppen von Vertretern des amerikanischen Bildungswesens und der Wissenschaft haben
das Projekt begrüßt. Dazu gehören die National
Science Teachers Association, die American Chemical Society, das Institute o&lt; Electrical and Electronic
Engineers und die Mathematical Association of
America.

Seite 1

�Im Juli 1994 schrieben vier führende amerikanische
Wissenschaftler, darunter drei Nobelpreisträger, an
den Vorsitzenden des Wissenschafts- und Technologieausschusses des Repräsentantenhauses und
forderten Unterstützung für dieses Programm. Sie
bezeichneten die Bemühungen von GLOBE um
weltweite Zusammenarbeit als "in seiner Weitsichtigkeit lobenswert im Hinblick auf den Wert des Projektes für die Wissenschaft und den Aufbau guten
Willens".
Zu den Unterzeichnern des Schreibens gehörte auch
Dr. Glenn Seaborg, der im Jahr 1951 den Nobelpreis
für Chemie erhielt.
Als Pionier auf dem Gebiet der Nuklearchemie war
Seaborg mehrere Jahrzehnte lang beigeordneter
Direktor des Lawrence Berkeley Laboratory der
University of California in Berkeley, einer weltweit
renommierten Forschungseinrichtung. Ferner war er
Kanzler der Universität und zehn Jahre lang unter
drei Präsidenten Vorsitzender der US-Atomenergiekommission. "Das GLOBE-Programm widmet sich
auf einer breiten und fundierten Grundlage dem
entscheidenden Problem der Sanierung und des
Erhalts der Umwelt", erklärte Seaborg dem USInformationsamt (USIA). "Es bezieht ein internationales Spektrum von Wissenschaftlern, Lehrern der
naturwissenschaftlichen Fächerund, was besonders
wichtig ist, Schülern ein, auf denen unsere Hoffnung
für eine umweltverträgliche Zukunft ruht."
Die Vereinigten Staaten haben das GLOBE-System
konzipiert und entwickelt und sind für dessen Betrieb
und Wartung verantwortlich. Dazu gehören die
Datenverarbeitung, die Aufbereitung von grafischen
Umweltinformationen und andere erforderliche
Technologien. An dem Programm beteiligen sich
sechs amerikanische Behörden, darunter die nationale Behörde für Atmosphäre und Ozeane (NOAA),
der US-Wetterdienst, das Amt für Umweltschutz
(EPA) sowie die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde (NASA).
Das GLOBE-Programm dient laut einer im Januar
1995 veröffentlichten Zusammenfassung dazu,
"Schulkinder, Lehrer und Wissenschaftler aus der
ganzen Welt zusammenzubringen um
das Umweltbewußtsein der Menschen in
aller Welt zu stärken,
das wissenschaftliche Verständnis von der
Erde zu vertiefen und
ein höheres Bildungsniveau in Naturwissenschaften und Mathematik zu fördern".
GLOBE ist ein aus der schulischen Praxis heraus
konzipiertes Programm, dessen Ziel die aktive

Seite 2

Beteiligung von Schülern aus Grundschulen, Realschulen und Gymnasien an der Sammlung umweltbedeutsamer Daten ist. Die Art der zu erhebenden
Meßdaten wurde von einer Gruppe renommierter
internationaler Wissenschaftler ausgewählt, die
weltweite Beobachtungen wünschten, mit denen ein
Beitrag zum wissenschaftlichen Verständnis der
Umwelt auf unserem Planeten geleistet wird.
Die Schüler werden Faktoren wie Luft-, Wasser- und
Bodentemperatur, Regen- und Schneefälle, den
Säuregrad von Grundwasser und Niederschlag sowie
die Bodenfeuchte im Umkreis ihrer Schulen messen.
Darüber hinaus werden sie andere Umweltfaktoren
bewerten, etwa Bewölkung, Wachstum und Art von
Bäumen, Laubdichte sowie das Ökosystem am
jeweiligen Standort. Dabei werden sie von Fall zu
Fall auch selbst angefertigte Meßinstrumente einsetzen.

&lt;.

Das Programm ist so konzipiert, daß alle Schüler,
selbst in den ersten Grundschulstufen, durch das
Sammeln wichtiger Daten bedeutsame Beiträge
leisten können. Schüler der höheren Klassen werden
anspruchsvollere Messungen vornehmen.
Die von den Schülern gesammelten Daten werden in
Personalcomputer eingegeben und über das Internet,
ein internationales elektronisches Kommunikationsnetz, an das Forecast Systems Laboratory der NOAA
in Boulder (Colorado) bei Denver übermittelt.
Danach werden die Informationen verarbeitet, mit
Meßdaten aus anderen Quellen, wie etwa Satelliten,
kombiniert und zu Grafiken aufbereitet, mit denen die
Umweltbedingungen an den Standorten der teilnehmenden Schulen dargestellt werden. Diese Bilder
werden in einer über Internet abrufbaren Datenbank
gespeichert. Die Schüler werden dann über ihre
Computer Bilder von ihrer lokalen Umweltsituation,
von den Bedingungen im weiteren Umfeld ihres
Landes oder Kontinents oder sogar von anderen
Regionen der Welt abrufen können.
4

GLOBE wird auch internationalen Partnern zur
Verfügung stehen, die aus verschiedenen Gründen
nicht den gleichen Zugang zu Rechnern und moderner Kommunikationstechnologie haben wie Teilnehmer in hochentwickelten Gesellschaften.
Solche Schulen können dennoch wichtige Umweltdaten sammeln und an eine zentrale Stelle übermitteln, von wo diese Informationen an das weltweite
Netz übertragen werden. Obwohl diese Schulen
vielleicht nicht in der Lage sein werden, GLOBEGraphiken per elektronischer Datenleitung abzurufen,
können sie diese auf anderem Wege, etwa in Form

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k

�von Satellitenfernsehsendungen oder Bildreproduktion, erhalten.
Selbst wenn sich eine Schule nicht aktiv an dem
Programm beteiligt, kann sie als "assoziiertes
GLOBE-Mitglied" über Internet GLOBE-Grafiken und
-Bildungsmaterialien elektronisch abrufen. Diese
Schulen werden dadurch ermutigt, sich aktiv an dem
Programm zu beteiligen. Es besteht die Hoffnung,
daß bis zum Ende des Jahrhunderts Tausende von
Schulen weltweit Daten sammeln und globale Perspektiven miteinander austauschen werden.
Die teilnehmenden Schulen werden mit GLOBEBegleitmaterialien ausgestattet, darunter Arbeitsblätter für die Schüler und ein Leitfaden für Lehrer,
die in Zusammenarbeit mit führenden Pädagogen
entwickelt wurden. Das Lehrmaterial, das auch
Umweltmeß- und Datenberichtsverfahren umfaßt,
wird in den sechs Amtssprachen der Vereinten
Nationen verfügbar sein - Englisch, Französisch,
Spanisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch.
Um Einheitlichkeit bei der Sammlung von Daten und
in anderen Aspekten des Programms zu gewährleisten, werden die Vereinigten Staaten mit jedem
teilnehmenden Land bilaterale Vereinbarungen
abschließen, in denen die Rolle und Pflichten der
Vereinigten Staaten und des jeweiligen Partnerlandes festgelegt sind. Die Zusammenarbeit wird
sich auf Sachleistungen beschränken, wobei die
Vereinigten Staaten die pädagogische, wissenschaftliche und technische Infrastruktur bereitstellen
und die internationalen Partner die nationale Verwaltung des Programms übernehmen und für die
Ausstattung der Schulen in ihren Ländern sorgen
werden.
Jeder Partner wird selbst die Schulen auswählen
und seinen eigenen nationalen Koordinator bestimmen, vorzugsweise eine Persönlichkeit mit Erfahrung
im Bildungswesen des jeweiligen Landes und
dessen umweltbezogenen Aktivitäten, die das
nationale Programm leiten wird. Die Partner werden
die pädagogischen Begleitmaterialien von GLOBE
an ihre eigenen Lehrpläne anpassen.
GLOBE wird Workshops zur Fortbildung der jeweiligen nationalen Koordinatoren der Partnerländer
veranstalten. Die nationalen Koordinatoren werden
dann die beteiligten Lehrkräfte ausbilden und damit
sicherstellen, daß alle an GLOBE teilnehmenden
Schulen einen von GLOBE ausgebildeten Lehrer zur
Leitung der Schüleraktivitäten haben.
Margaret Finarelli, stellvertretende Direktorin von
GLOBE für internationale Programme, hat in Ländern auf der ganzen Welt offizielle Gesprächspartner

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aufgesucht, um die Einzelheiten des GLOBE-Programms zu erläutern und Vereinbarungen zur Zusammenarbeit auszuhandeln.
"Ein besonders wichtiger Teil des Programms besteht
in der Art und Weise, in der jedes Land GLOBE als
Grundlage aufbaut und das Programm im Kontext
seiner eigenen umweit- und bildungspolitischen
Ansätze und Prioritäten einsetzt", erklärt sie.
"Unsere Partner betrachten GLOBE als reale Chance
zur Förderung des Umweltbewußtseins und gleichzeitig als Beitrag zu den internationalen wissenschaftlichen Bemühungen, die Erde zu verstehen. Darüber
hinaus sehen sie darin eine Gelegenheit, den Umgang mit Computern und die Nutzung von Technik im
Klassenzimmer zu vertiefen."
Finarelli zufolge "ist die internationale Beteiligung
integraler Bestandteil der Programmkonzeption und
entscheidend für die Verwirklichung unserer Ziele".
Als Beispiele für das weltweite Interesse an dem
Projekt führt sie an, daß in der Tschechischen
Republik 25 Schulen aus allen Landesteilen an dem
GLOBE-Pilotprogramm teilnehmen, ebenso wie fünf
bis zehn Schulen in den Niederlanden, drei in Namibia und drei in China.
GLOBE ist ein Beispiel dafür, wie rasch die moderne
Kommunikationstechnik den Bildungssektor umgestaltet.
So betreibt das öffentliche Schulsystem in Fairfax
County (Virginia), einem Vorort der Bundeshauptstadt
Washington, sein eigenes Bildungsfernsehen, das
regelmäßig nicht nur für die eigenen Schüler, sondern
auch für über fünf Millionen Schüler in 16.000 Schulen der gesamten Vereinigten Staaten und acht
weiterer Länder auf Sendung geht.
Der Mediendirektor des Schulbezirks, Dr. Glenn
Kessler, betrachtet GLOBE als den Anfang einer
pädagogischen Revolution.
"In Zukunft", so Kessler gegenüber USIA, "werden
Lerngemeinschaften elektronisch verbunden sein." Er
ist der Überzeugung, daß die Schulkinder vielleicht
tatsächlich "ihre eigenen elektronischen Lehrbücher
erarbeiten werden". Kessler zufolge ist einer der
wichtigsten Gesichtspunkte von GLOBE die Tatsache,
daß "es die Fähigkeiten der Kinder einsetzt, um
bedeutsame Daten zu erheben".
Seiner Meinung nach können die Länder, die heute
den größten technologischen Rückstand gegenüber
anderen Gesellschaften aufweisen, den größten
Nutzen aus GLOBE ziehen. Kessler erklärt, es
könne ihnen die Chance geben, bestehende Lücken

Seite 3

�zu überbrücken, indem sie sich rasch das technische
Wissen und die Erfahrung aneignen, wofür sie sonst
wesentlich länger gebraucht hätten.
Kessler geht davon aus, daß in solchen Ländern die
Tatsache, daß GLOBE den Teilnehmern ein greif-

bares hochentwickeltes Produkt liefern wird, zu dem
sie selbst beigetragen haben, das Selbstbewußtsein
der beteiligten Kinder steigern, ihnen Vertrauen in
ihre eigene Fähigkeit zur Nutzung von Technologie
geben und ihre Erwartungen in bezug auf das stärken
wird, was sie in ihrem Leben erreichen können.

* * * *

*

«

Seite 4

AMERIKA DIENST 11

�FRAUEN
22. März 1995

Macht und Einfluß der First Ladies
von Edith P. Mayo
WASHINGTON - (AD) - Der nachfolgende Artikel über die Ehefrauen amerikanischer Präsidenten und ihre
Rolle erschien erstmals am 15. September 1993 in The Chronicle of Higher Education. Edith P. Mayo ist
Kuratorin der Abteilung für politische Geschichte des National Museum of American History der Smithsonian
Institution. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The Chronicle of Higher
Education. Copyright (c) 1993, The Chronicle of Higher Education.

Die Art und Weise, wie sie ihre Rolle als First Lady
wahrnimmt, ist wirklich ein "Neubeginn". Ihr Ehemann konsultiert sie in politischen Fragen und
vertraut ihr als engster Beraterin. Als nicht gewählte
Kraft im Weißen Haus ist sie stark umstritten. Sie
darf sogar Gesetze entwerfen. Hillary Rodham
Clinton?
Nein.
Die Rede ist von Nellie Taft,
Florence Harding, Edith Bolling Wilson, Eleanor
Roosevelt und Rosalynn Carter.
Im Gegensatz zu dem, was die Medien uns glauben
machen wollen, ist Hillary Rodham Clinton nicht die
erste First Lady, die engster politischer Berater ihres
Mannes ist, ihre eigene Karriere verfolgt oder sich
für die Rechte von Frauen und Kindern einsetzt.
Paradoxerweise scheint die zunehmende politische
Aktivität von Frauen und ihre Wahl in öffentliche
Ämter in beispielloser Zahl die Debatte über das
mächtigste Amt für eine Frau in der Politik, in das sie
jedoch nicht gewählt werden kann, intensiviert zu
haben - das der First Lady.
Mrs. Clinton ist nur die letzte in einer langen Reihe
politisch gebildeter Frauen, die großen Einfluß auf
die politische Karriere ihres Mannes und seine
Administration ausgeübt haben. Es ist betrüblich
und spricht für sich, daß sich weder Presse noch
Öffentlichkeit der Tatsache bewußt sind, daß Präsidentengattinnen seit Abigail Adams die Politik
beeinflußten. Es ist auch entmutigend, daß praktisch jede First Lady, die ihren Einfluß nutzte,
entweder lächerlich gemacht oder verleumdet wurde,
weil sie von der eigentlichen Rolle der Frau abwich,
oder gefürchtet wurde, weil sie die Position ihres
Mannes schwächte.
Die Wissenschaftler selbst trugen noch zu dieser
Unwissenheit bei, indem sie allgemein mangelndes
Interesse an der Position der First Lady zeigten und

AMERIKA DIENST 11

diese sogar herunterspielten. Bevor die Geschichte
der Frau Anfang der siebziger Jahre zu einer eigenen
Disziplin wurde, stellten die Biographien die First
Lady selten als eine Frau dar, die in der Administration ihres Mannes großen Einfluß hatte. Vielmehr
wurde ihre Fähigkeit als Gastgeberin im Weißen
Haus oder gewinnende und charmante Persönlichkeit
hervorgehoben.
Selbst der Beginn einer ernsthaften wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der
Frau - die einen feministischen Rahmen für die
Interpretation des Lebens dieser Frauen bot - veränderte diese Situation nicht entscheidend. Historiker, die sich mit der Geschichte der Frau befassen,
unterschätzten die First Ladies oftmals und vermieden ernsthafte Forschung auf diesem Gebiet. Die
vorherrschende wissenschaftliche Meinung lautete,
daß diese Frauen nicht aus eigener Kraft etwas
erreicht hatten, sondern nur durch die Heirat mit
einem Mann, der schließlich Präsident wurde. Ferner
gibt es in bezug auf viele First Ladies nur wenig
Dokumentationsmaterial über ihr Leben und ihre
außergesellschaftlichen Aktivitäten im Weißen Haus.
Die große Ausnahme ist Eleanor Roosevelt. Sie war
die First Lady, über die Historiker aufgrund ihres
unerschrockenen politischen Aktivismus und der
Vielzahl hinterlassenen schriftlichen Materials am
meisten veröffentlichten. Zu diesen Arbeiten gehören
Biographien wie die 1971 von Joseph P. Lash
verfaßte Eleanor and Franklin und Blanche Wiesen
Cooks 1992 herausgegebene Eleanor Roosevelt:
Band I, 1884-1933. Die Forschung über Eleanor
Roosevelt schafft ein weiteres Klischee von First
Ladies, da sie sich auf sie (und gelegentlich Abigail
Adams) als einzige politisch aktive First Lady konzentriert.

Seite 1

�Der Großteil ernsthafter Forschung über First Ladies
wurde erst im letzten Jahrzehnt betrieben. Zu
diesem neuerweckten Interesse trugen mehrere
Faktoren bei, darunter die anwachsenden Präsidentenbibliotheken seit den dreißiger Jahren, durch die
Unterlagen der nach jener Zeit lebenden First Ladies
leichter zugänglich wurden. Verschiedene, Mitte der
achtziger Jahre veranstaltete Konferenzen über First
Ladies lenkten die Aufmerksamkeit auf ihre Bedeutung und veranlaßten die Wissenschaftler, über die
Klischees hinauszuschauen.
Jüngste Forschungen haben sich auch zunehmend
auf die Interaktion von öffentlichem und Privatleben
von Frauen konzentriert, und die First Ladies bieten
hierzu geeignete Fallstudien.
Eine ernsthafte
Beurteilung der Stellung einer First Lady ist zudem
Teil eines umfassenderen Versuchs der Historiker,
die Rolle der Frau in der Politik zu verstehen.
Jüngste Forschungen deuten darauf hin, daß die
Rolle der First Lady seit Beginn des 20. Jahrhunderts durch wachsende Prominenz, zunehmenden
Einfluß und politische Macht sowie Engagement für
soziale Fragen gekennzeichnet ist.
Zwei Übersichten jüngeren Datums über die Geschichte der First Ladies heben das hervor: First
Ladies (aus feministischer Sicht), 1987 von Betty
Boyd Caroli, einer Geschichtsprofessorin im Kingsborough Community College der City University of
New York geschrieben sowie First Ladies: The
Saga of the Presidents' Wives and Their Power,
1990/91 von dem Journalisten und Autor Carl
Sferrazza Anthony verfaßt.
Auf diesen wissenschaftlichen Arbeiten baut die
Ausstellung First Ladies:
Political Role and
Public Image im National Museum of American
History der Smithsonian Institution auf. Sie untersucht die Rolle der First Lady als typisches Beispiel
für das Überschneiden von öffentlichem und Privatleben der Frau. Die Ausstellung bemüht sich um eine
Interpretation dieser Frauen im Kontext der Geschichte von Präsidenten und der Geschichte der
Frau und demonstriert, daß die Mischung aus
politischen und repräsentativen Aufgaben in der
Präsidentschaft sowie die Lage der Wohnräume des
Präsidenten und der Büros im Weißen Haus es der
First Lady gestatteten, je nach Wunsch mehr als nur
repräsentative Tätigkeiten zu übernehmen.
Im 18. und 19. Jahrhundert war es weitaus schwieriger, eine politische First Lady zu sein, denn die
Rolle von Frauen der Mittelschicht im öffentlichen
Leben war zu dieser Zeit stärker definiert und
eingegrenzt. Aber selbst damals unterhielt Abigail
Adams mit ihren freimütig geäußerten politischen
Präferenzen und ihrer umfangreichen Korrespondenz

Seite 2

stets eine politische Partnerschaft mit John. Als First
Lady wurde sie höhnisch als "Mrs. President" betitelt.
Dolley Madison und Louisa Catherine Adams waren
politisch erfahren und setzten geschickt ihre Fähigkeiten als Gastgeberin ein, um ihre politischen
Intrigen zu tarnen und als Lobbyisten für die Programme ihrer Männer zu agieren. Als James Polk
Speaker des Repräsentantenhauses war, verfaßte
und redigierte seine Frau Sarah häufig seine politische Reden und beeinflußte die Abgeordneten in den
Korridoren des Kongresses; nach seiner Wahl zum
Präsidenten hatte sie im Weißen Haus ein Büro
neben dem seinen.
Erst im 20. Jahrhundert begannen die First Ladies,
offenkundiger eine politische Rolle zu übernehmen.
Nellie Taft, die über weitaus mehr politischen Ehrgeiz
verfügte als ihr Mann William, verbarg nicht, wie sehr
sie die Einschränkungen und Konventionen der Rolle
der Frau langweilten. Sie spornte ihren Mann an und
verfolgte nach seiner Wahl zum Präsidenten ihre
politischen Ambitionen durch ihn. Als Theodore
Roosevelt dem Paar gegenüber anmerkte, Taft habe
eine glänzende Zukunft vor sich, er wisse nur nicht
ob als Oberster Richter am Bundesgericht oder als
Präsident, erwiderte Taft: "Am besten das Richteramt". Nellie warf ein: "Als Präsident". Im Weißen
Haus nahm sie Einfluß auf die Zusammensetzung
des Kabinetts.
Woodrow Wilsons zweite Frau, Edith Bolling Galt,
kodierte und dekodierte mit europäischen Staatschefs
ausgetauschte Geheimbotschaften. Nachdem Wilson
einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, übernahm
Edith die von ihr "mein öffentliches Verwalteramt"
genannte Rolle, die von anderen eher als "Regentschaft" bezeichnet wurde - sie leitete die Exekutive
vom Bett des Präsidenten aus und verfaßte ihre
eigenen Memoranden mit den Worten "Unterzeichnet
- Edith Bolling Wilson".
Florence Harding war die Geschäftspartnerin ihres
Mannes bei einer Zeitung aus Ohio und sich somit
klar des Einflusses der Presse auf den politischen
Erfolg ihres Mannes bewußt. Inoffiziell war sie an der
Leitung seiner Wahlkämpfe für das Amt des Senators
und des Präsidenten beteiligt und konnte meisterhaft
für ihn einen Fototermin arrangieren. Sie lenkte die
Aufmerksamkeit auf Frauenorganisationen, indem sie
diese ins Weiße Haus einlud, sprach sich öffentlich
für die Gleichberechtigung der Frau aus und wurde
sogar Ehrenmitglied der Nationalen Frauenpartei.
Über die Rolle Eleanor Roosevelts während des New
Deal wurde viel geschrieben. Nach dem Tod ihres
Mannes führte ihr fortgesetzter Aktivismus sie weit
über eine politische Partnerschaft hinaus, und sie
wurde eine eigene politische Kraft. Als Delegierte der

AMERIKA DIENST 11

�Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen
stellte sie die Annahme der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte 1948 sicher und wurde zu einer
der einflußreichsten politischen Persönlichkeiten des
Jahrhunderts.
Die Rolle Jacqueline Kennedys in der Politik ist
weniger bekannt. Sie nutzte ihre vielfältigen gesellschaftlichen Kontakte sowie glanzvolle Gesellschaften im Weißen Haus, um für die Einrichtung eines
Kabinettspostens für Kunst und Kultur einzutreten.
Nach der Ermordung ihres Mannes warb sie bei
Präsident Johnson für dieses Anliegen, das schließlich zur Gründung der National Endowment for the
Arts and the Humanities führte. Lady Bird Johnson
setzte sich für "Verschönerung" ein - ein Begriff,
hinter dem sich eine ernste Sorge um die Umwelt
verbarg.
Rosalynn Carters Karriere steht für eine Frau, deren
politisches Leben vollkommen mit ihrem Privatleben
vermischt ist. Von Anfang an - seit ihrem Spaziergang Hand in Hand am Tag der Amtseinführung die
Pennsylvania Avenue hinunter bis zum Weißen Haus
- bezeichneten Rosalynn und Jimmy Carter ihr
Weißes Haus offen als "Partnerschaft". Die als
"Stahlmagnolie" verhöhnte Mrs. Carter hatte vor Mrs.
Clinton die offiziellste Rolle als First Lady. Obwohl
sie von Gesetz wegen nicht den Vorsitz der Kommission des Präsidenten für geistige Gesundheit übernehmen konnte und sich mit dem Ehrenvorsitz
zufriedengeben mußte, war es ihre Kommission. Sie
hielt nationale Anhörungen ab, führte Inspektionen
durch, leitete 30 Arbeitsgruppen und sprach im
Senat. Der Bericht der Kommission führte zum

*

AMERIKA DIENST 11

*

Gesetz über geistige Gesundheit von 1980, das mehr
Gelder für die Betreuung geistig Behinderter bereitstellte.
Rosalynn Carter schafft somit den direktesten modernen Präzedenzfall für die Rolle von Hillary Clinton.
Dennoch war sich keiner der über 60 Journalisten,
die mich zu Beginn der Clinton-Administration über
den vermeintlichen "Neubeginn" der Rolle der First
Lady befragten, der von Mrs. Carter geleisteten Arbeit
bewußt.
Während die ältere Generation von First Ladies einer
jüngeren Platz macht, für die Mrs. Clinton stellvertretend ist, werden wir zweifelsohne noch öfter einen
"Neubeginn" sehen. Das von der gegenwärtigen First
Lady erregte Aufsehen ist nur das letzte Kapitel eines
Themas, das sich durch unsere gesamte Geschichte
zieht. Die Kontroverse dreht sich weniger um die
Person Hillary Clinton als um die fortgesetzte, tiefsitzende Ambivalenz, sogar Feindseligkeit Amerikas
gegenüber Macht in den Händen einer Frau.
Forschung, geschichtliche Ausstellungen und allgemeinverständliche Veröffentlichungen, die sich
ernsthaft mit den Präsidentengattinnen auseinandersetzen, können eine große Rolle dabei spielen,
moderne First Ladies in den Kontext einer langen
Reihe von Frauen einzuordnen, die politische Entscheidungen beeinflußten.
Dann würde Hillary
Clintons Aktivismus vielleicht nicht als moderne,
"feministische" Subversion angesehen, sondern
vielmehr als Fortsetzung einer seit langer Zeit bestehenden amerikanischen Tradition.

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Seite 3

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