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amcrika
dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America
^TioN

^

Z 12462 C

10

15. März 1995

NW

NICHTVERBREITUNGSVERTRAG ENTSCHEIDENDER ALS JE ZUVOR
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER DEUTSCHAMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN GEMEINSAM VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

KLIMAKONFERENZ

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth

TAG DER ERDE

ENTWURF EINER UMWELTVERTRÄGLICHEN
ZUKUNFT - EIN ÜBERBLICK
von Lester R. Brown

PORTRAT

DESIGNIERTER CIA-DIREKTOR IST
INNOVATIVER DENKER
Porträt von John Deutch

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
15. März 1995

Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor
Rede von Verteidigungsminister Perry
CHICAGO - (AD) - Aufgrund der "derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der
Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor", erklärte Verteidigungsminister Perry am 8. März 1995
in einer Rede vor dem Chicago Council on Foreign Relations.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Ansprache des Verteidigungsministers in wesentlichen Auszügen.

Die Vereinigten Staaten haben eine Führungsrolle
bei den Bestrebungen für die unbegrenzte und
bedingungslose Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags (NW) übernommen. Am Montag war der
25. Jahrestag des N W .
Und im vergangenen
Vierteljahrhundert hat dieser Vertrag verhindert, daß
ein unbeschreiblicher Rüstungswettlauf in Regionen
auf der ganzen Welt ausgebrochen ist. Angesichts
der derzeitigen Lockerung des Zugangs zu Nukleartechnologie ist der Nichtverbreitungsvertrag entscheidender als je zuvor. Die NW-Mitgliedstaaten
sind sich bewußt, daß die Verfolgung der Nuklearoption ihre nationale Sicherheit unterminieren statt
schützen kann. Wir wollen, daß die Nichtmitgliedstaaten des N W diese Erkenntnis verinnerlichen
und auf die Nuklearoption verzichten.
Beispielhaft für Nichtverbreitungsbestrebungen war
das von uns mit Nordkorea im vergangenen Sommer
erzielte Rahmenabkommen über die Einstellung des
Nuklearwaffenprogramms des Landes. Nordkorea
hat in der Tat zugestimmt, weit über die Erfordernisse des Vertrags hinauszugehen und sein Nuklearprogramm abzubauen. Zweifelsohne wird dieses
Abkommen schwierig umzusetzen sein, aber mit
jedem von Nordkorea unternommenen Schritt zu
seiner Verwirklichung nimmt die potentielle atomare
Bedrohung in dieser Region weiter ab.
Diplomatie umfaßt auch Rüstungskontrolle. Beispielhaft für Rüstungskontrolle ist im Augenblick das
START Il-Abkommen mit Rußland, das dem Senat
zur Ratifizierung vorliegt. Es ist im Eigeninteresse
der Vereinigten Staaten, die Nukleararsenale des
Kalten Krieges zu reduzieren, unabhängig vom
Ergebnis des Wandels in Rußland - selbst wenn er
negativ ist. START II wird auch die bedrohlichsten
Waffen beseitigen - Interkontinentalraketen mit
Mehrfachgefechtsköpfen. Über die Abschaffung von

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Waffen hinaus wird START II uns das weitere Engagement für die führenden Politiker in Rußland gestatten. Die Beschleunigung dieses Abkommens ist das
Beste, was die Vereinigten Staaten und Rußland tun
können, um unsere beiden Länder sicherer zu
machen.
Wie ich gerade ausgeführt habe, kann Diplomatie die
Nukleararsenale reduzieren und ihre Verbreitung
verhindern helfen. Aber solange Diplomatie Nukleararsenale nicht beseitigen kann, werden die Vereinigten Staaten eine starke nukleare Verteidigungshaltung bewahren. Das Verteidigungsministerium hat
drei Richtlinien der nuklearen Verteidigung aufgestellt.
Die erste Richtlinie besteht in der Verringerung der
Bedrohung. Die zweite ist die Abschreckung der
Bedrohung. Und wenn alles andere scheitert, müssen wir schließlich zur Verteidigung gegen die
Bedrohung bereit sein.
Ich möchte auf jeden dieser Punkte näher eingehen.
Erstens, was können wir zur Verringerung der nuklearen Bedrohung tun? Es erfordert Phantasie, harte
Arbeit und sogar Geld. Die Phantasie haben die
Senatoren Nunn und Lugar mit ihrem 1991 entworfenen Programm entwickelt, das den ehemaligen
sowjetischen Staaten bei der Beseitigung der noch
auf ihrem Boden befindlichen Nukleararsenale
behilflich ist. Die harte Arbeit wird vom Verteidigungsministerium in Zusammenarbeit mit unseren
Amtskollegen in Rußland, Belarus, Kasachstan und
der Ukraine geleistet. Das Geld kommt vor allem aus
diesen Nationen. Und dank des Nunn-Lugar-Programms kann das Verteidigungsministerium bis zu
400 Millionen Dollar pro Jahr für die Zerstörung
dieser Nukleararsenale aufwenden.
Mit dem Nunn-Lugar-Programm wird die nukleare
Bedrohung Rakete um Rakete, Fabrik um Fabrik und

Seite 1

�Person um Person reduziert. Es hat bereits dazu
beigetragen, 2.600 Gefechtsköpfe von Raketen oder
Bomber-Stützpunkten sowie 750 Raketen von ihren
Trägersystemen zu entfernen und nahezu 600
Trägersysteme und Bomber zu zerstören. Dabei
haben die Nunn-Lugar-Projekte eine Brücke des
Vertrauens und der Zusammenarbeit mit den ehemaligen Sowjetrepubliken geschaffen. Der Gewinn
ist real - beispielsweise wurde die Ukraine durch die
Nunn-Lugar-Hilfe zur Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags ermutigt. Infolgedessen ist der
START I-Vertrag in Kraft getreten, der ein Drittel der
amerikanischen und sowjetischen strategischen
Nuklearwaffen eliminieren wird. Das Nunn-LugarProgramm hat wesentlich zur Aufhebung der Pattsituation bei START I beigetragen.
Das Programm hilft den ehemaligen sowjetischen
Staaten bei der Konversion von Rüstungsfabriken zu
kommerzieller Produktion, der Umschulung von
Arbeitnehmern und Wissenschaftlern für die Produktion zu friedlichen Zwecken und der Pensionierung
von Raketenfachleuten.
Kritikern zufolge sind die Projekte nicht geeignet zur
Verwendung von Verteidigungsmitteln. Ich bin
anderer Meinung. Der Abbau der Waffeninfrastruktur ist ebenso wichtig wie die Zerlegung der Waffen
selbst. Die Menschen und Einrichtungen hinter den
Waffen haben eine Schlüsselrolle in der Volkswirtschaft und Gesellschaft dieser Länder gespielt. Um
die Waffen zu beseitigen, müssen wir uns also mit
den wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen
befassen.
Um bei der Konversion sowjetischer Rüstungsfabriken zu nichtmilitärischer Produktion behilflich zu
sein, stellt das Nunn-Lugar-Programm Kontakte zu
amerikanischen Unternehmen her, mit denen Jointventures gegründet werden. Ein zusätzlicher Vorteil
dieser Joint-ventures ist, daß sie beim Aufbau der
russischen Wirtschaft behilflich sind und es amerikanischen Unternehmen ermöglichen, Fuß in einem
wachsenden neuen Markt zu fassen.
Dank des Nunn-Lugar-Programms finden die erfahrensten Atomwissenschaftler Arbeit in der zivilen
Forschung, damit sie nicht versucht sind, das Land
zu verlassen und Starthilfe beim Aufbau der Nuklearprogramme im Iran oder Irak zu geben. Statt
dessen könnte ihre nichtmilitärische Forschung zu
kommerziellen Projekten und Geschäften zwischen
Amerikanern und Russen beitragen.
Das Nunn-Lugar-Programm stellt auch Wohnraum
für die Offiziere bereit, die diese Raketen bedienen
und überwachen. Es sind dieselben Offiziere, die
uns bei der Schließung der ehemaligen sowjetischen

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Stützpunkte helfen. Ohne Wohnungen kann die
Ukraine diese Offiziere nicht aus dem Dienst entlassen, und wir können die Stützpunkte nicht schließen.
Wir haben daher 20 Millionen Dollar der Nunn-LugarMittel für den Aufbau von zwei amerikanisch-russischen Geschäftspartnerschaften zugewiesen, um
Fertighäuser in der Ukraine herzustellen. Die Ukrainer stellen die Fabriken zum Bau dieser Häuser
bereit - Fabriken, die einstmals sowjetische Marineschiffe und Raketensilos produzierten. Die Amerikaner liefern den Entwurf und das Know-how für die
Herstellung der Fertighäuser. Nachdem die Häuser
für die Offiziere gebaut worden sind, beabsichtigt die
Partnerschaft den Bau von Häusern für den kommerziellen Markt in der Ukraine als gewinnbringendes
Unternehmen. Dieses Programm ist ein Gewinn für
die Sicherheit der Vereinigten Staaten. Es ist ein
Gewinn für die Stabilität der Ukraine. Und es ist ein
Gewinn für die amerikanische Industrie.
In den Vereinigten Staaten argumentieren einige
Kritiker, das Nunn-Lugar-Programm sei ein Trick der
Russen zum Erhalt ihrer Rüstungsindustrie. In
Rußland sagen die Kritiker, Nunn-Lugar sei eine
Verschwörung zum Abbau der russischen Rüstungsindustrie. Beide Lager haben unrecht. Für die
Vereinigten Staaten ist das Nunn-Lugar-Programm
eine Verteidigung mit anderen Mitteln, ein kostengünstiger Weg zur Reduzierung der potentiellen nuklearen Bedrohung. Für Rußland und seine Nachbarn
mit Atomwaffen ist das Programm eine Form der
Unterstützung bei der Zerlegung von Atomwaffen und
bei Wirtschaftsreformen. Für die Vereinigten Staaten
und Rußland trägt das Nunn-Lugar-Programm zur
Durchführung der nuklearen Abrüstungsabkommen
bei und baut eine nationale und wirtschaftliche
Partnerschaft auf. Es ist ein Programm, bei dem es
auf beiden Seiten der Welt nur Gewinner gibt.
Das Nunn-Lugar-Programm wird die Welt eindeutig
von Nuklearwaffen befreien. Aber solange es Nuklearwaffen auf der Welt gibt, müssen die Vereinigten
Staaten in die nukleare Abschreckung investieren.
Die Erfordernisse an unsere Abschreckung haben
sich seit den Tagen des Kalten Krieges enorm
verändert. Damals lautete unsere nukleare Doktrin
gegenseitig zugesicherte Abschreckung (Mutual
Assured Deterrence - MAD). Bei diesem Konzept
waren die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion
zwei Männern vergleichbar, die 10 Meter voneinander
entfernt standen und die beide einen Revolver auf
den Kopf des anderen gerichtet hielten. Beide
Revolver waren geladen, der Abzug gespannt, und
mit zitternden Fingern am Abzug schleuderten sich
die Männer Beleidigungen entgegen. Dieses Gleichgewicht des Schreckens bildete die Grundlage der
amerikanischen Abschreckungspolitik während des

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�Kalten Krieges. Heute sind die Revolver in ihren
Halftern. Die beiden Männer arbeiten in Bereichen
von gegenseitigem Interesse zusammen.
Und
obwohl sie manchmal Meinungsverschiedenheiten
haben, werfen sie sich keine Beleidigungen an den
Kopf. Statt dessen stimmen sie überein, ihre Pistolenkugeln zu reduzieren und zusammenzuarbeiten,
damit ihre Kugeln nicht in die Hände anderer Parteien gelangen.
Zur Anpassung an diese Welt nach der gegenseitig
zugesicherten Abschreckung haben wir eine umfassende Bestandsaufnahme der nuklearen Abschreckungsstreitkräfte der Vereinigten Staaten
vorgenommen. Diese Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts umfaßte das gesamte Spektrum
von Politik über Doktrin, Streitkräftestruktur, Operationen, Sicherheit, Zuverlässigkeit bis zu Rüstungskontrolle. Sie bestätigte unseren Verdacht, daß
Nuklearwaffen eine andere und kleinere Rolle in
unserer nationalen Sicherheitsstrategie spielen
werden.
Zunächst ergab diese Überprüfung, daß die Vereinigten Staaten ihre Nuklearstreitkräfte stark reduzieren können. Und das haben wir getan. In den
vergangenen sechs Jahren wurde unser gesamter
aktiver Nuklearbestand um nahezu 60 Prozent
verringert. Verglichen mit damals haben wir heute
nur halb soviele strategische Gefechtsköpfe und nur
10 Prozent der taktischen Gefechtsköpfe. START II
wird unser Nukleararsenal noch weiter abbauen.
Aber angesichts der unsicheren Zukunft Rußlands
und der noch vorhandenen Nuklearwaffen auf der
Welt empfahl unsere Überprüfung des nuklearen
Einsatzkonzepts eine "Strategie der Vorsicht", falls
erneut eine nukleare Bedrohung auftritt. Der Verteidigungshaushalt für 1996 sieht rund 7 Milliarden
Dollar für unsere nukleare Triade vor, um diese
Vorsicht zu gewährleisten. Es stimmt, 7 Milliarden
Dollar sind kein Almosen. Aber es ist nur ein Drittel
des Betrags, den wir im Rahmen der MAD-Doktrin
für Abschreckung ausgaben.
Das ist die gute Nachricht - wir benötigen weniger
nukleare Abschreckung. Die schlechte Nachricht ist,
daß Abschreckung in diesem Zeitalter vielleicht nicht
einmal die kalte Bequemlichkeit wie während des
Kalten Krieges bietet. Wir könnten uns mit Terroristen oder verbrecherischen Regimen mit ballistischen Raketen und Nuklearwaffen konfrontiert
sehen.
Sie werden die Abschreckungstheorie
wahrscheinlich nicht annehmen.
Sie könnten
verrückter als die MAD-Doktrin sein.
Die Operation Wüstensturm war ein Alarmsignal.
Saddam Hussein hatte ballistische Raketen. Er war

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ohne Rücksicht auf die herkömmlichen Regeln des
Krieges zu ihrem Einsatz bereit und tat dies, indem er
SCUD-Raketen auf israelische Städte abfeuerte. Wir
hatten Glück - großes Glück - daß er keine nuklearen
Gefechtsköpfe hatte.
Falls die Abschreckung versagt, besteht unsere dritte
Richtlinie in der Verteidigung gegen die nukleare
Bedrohung. Aus diesem Grund entwickeln wir eine
Verteidigung mit ballistischen Raketen. Wir konzentrieren uns jedoch vornehmlich auf eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung, weil dies die reale,
mittelfristige Bedrohung ist.
Zur Zeit sind über 25 Nationen im Besitz von nuklearen, chemischen oder biologischen Waffen oder mit
ihrer Entwicklung befaßt. Mehr als 15 Nationen
verfügen über ballistische Trägerraketen.
Und
ballistische Raketen werden zu alltäglichen Waffen
auf dem Schlachtfeld. Wie der Irak demonstrierte,
sind mobile ballistische Raketen schwer zu lokalisieren und zu zerstören.
Gefechtsfeldgebundene
ballistische Raketen stellen gegenwärtig eine Bedrohung unserer in Übersee oder zur Verteidigung
eines Verbündeten stationierten Streitkräfte dar.
Daher verfolgen wir ein klar definiertes Programm - in
Höhe von 2 Milliarden Dollar pro Jahr - um bis zum
Ende dieses Jahrhunderts eine gefechtsfeldgebundene Verteidigung zu entwickeln und zu dislozieren.
Auf einer anderen Schiene bereiten wir uns auch auf

die Stationierung einer Raketenverteidigung in den
Vereinigten Staaten vor, falls eine strategische
Bedrohung unserer Nation entstehen sollte. Gegenwärtig sind nur Rußland und China im Besitz von
Interkontinentalraketen, die uns erreichen könnten.
Ein absichtlicher, versehentlicher oder nicht genehmigter Abschuß ist unwahrscheinlich. Aber andere
Nationen könnten in Zukunft ihre eigenen Interkontinentalraketen entwickeln. Aus diesem Grund haben
wir ein "technologisches Bereitschaftsprogramm" für
eine nationale Raketenverteidigung in einem "dreiplus-drei" Zeitrahmen eingeführt. Das heißt, drei
Jahre für die Entwicklung und Erprobung eines
Systems für die Produktion und weitere drei Jahre
für seine tatsächliche Stationierung.
Hierbei handelt es sich nicht um ein weltraumgestütztes Abfangsystem wie die Strategische Verteidigungsinitiative. Der einzige weltraumgestützte Teil unseres
Systems wären die Frühwarnsensoren. Und im
Gegensatz zu SDI wäre dies eine "dünne" Verteidigung gegen vielleicht ein Dutzend Gefechtsköpfe und
kein Schutzschild gegen einen massiven Angriff.
Dieses System wäre sehr viel einfacher, kostengünstiger und auf die Bedrohung der nuklearen Weiterverbreitung zugeschnitten.
Es stünde auch im
Einklang mit dem ABM-Vertrag. Insgesamt geben wir

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�also rund 3 Milliarden Dollar pro Jahr für Verteidigungsprogramme mit ballistischen Raketen, für
gefechtsfeidgebundene Verteidigung und für die
nationale Verteidigung aus.

Die nukleare Bedrohung hat sich seit dem Ende des
Kalten Krieges dramatisch verringert. Aber vielleicht
wird es uns nie gelingen, die Büchse der Pandora zu
schließen, die vor 53 Jahren nur wenige Kilometer
von hier entfernt geöffnet wurde. Wir können die
Erfindung der Atombombe nicht rückgängig machen.
Wir können E=mc2 nicht außer Kraft setzen. Aus
diesem Grund müssen wir all unsere Bestrebungen
der Kontrolle dieser furchtbaren Waffen widmen.

* * * * *

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�USA-DEUTSCHLAND
15. März 1995

Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen gemeinsam vor neuen Herausforderungen
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel
FRANKFURT - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J.D.
Bindenagel, am 13. März bei der Steuben-Schurz-Gesellschaft in Frankfurt gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein großes Vergnügen, heute abend mit
Ihnen über die deutsch-amerikanischen Beziehungen
sprechen zu dürfen. Ich komme gerne nach Frankfurt, nicht nur weil ich die Gelegenheit zu einem
Gedankenaustausch mit Ihnen schätze, sondern
auch, weil die Steuben-Schurz-Gesellschaft einen
maßgeblichen Beitrag zur Vertiefung der deutschamerikanischen Beziehungen leistet.
Einleitung
Bei der Vorbereitung auf diese Rede habe ich
natürlich etwas über den Lebensweg von Frederick
William Augustus von Steuben - wie er sich in
meinem Heimatland nannte - gelesen. Was mich,
abgesehen von seinen Erfolgen beim Aufbau schlagkräftiger Streitkräfte am meisten beeindruckt hat und
damals auch den amerikanischen Kongreß, waren
von Steubens Anstellungsbedingungen bei der
Continental Army. Neben der Begleichung seiner
Kosten erbat er ein vom Kongreß festzusetzendes
Ertolgshonorar. Im Falle seines Scheiterns wollte er
dagegen keine weitergehenden Ansprüche stellen.
Der Rest der Geschichte ist bekannt.
Der zweite, nicht minder bedeutende Namensgeber
Ihrer Gesellschaft, Carl Schurz, hatte auch ein
aufregendes und abwechslungsreiches Leben.
Angesichts der Absicht der Clinton-Administration,
den Regierungsapparat zu reformieren, haben mich
die innovativen Gedanken von Carl Schurz zum
Thema "öffentlicher Dienst" überrascht.
Beide Persönlichkeiten haben einen bedeutenden
Beitrag zur Gestaltung des Staates und der Entwicklung einer politischen Kultur in den Vereinigten
Staaten geleistet.

AMERIKA DIENST 10

Die deutsche Steuben-Schurz-Gesellschaft hält die
Erinnerung an diese beiden Männer wach: Ihre
kulturellen Aktivitäten, ihre zahlreichen Veranstaltungen und nicht zu vergessen die Vergabe von Stipendien sind Ausdruck einer tiefen Verbundenheit mit
dem amerikanischen Volk. Es freut mich besonders,
daß es Institutionen und Organisationen gibt wie die
Ihrige, die abseits der staatlich geförderten Kulturpolitik die Beziehungen pflegen.
Die Bekämpfung des Haushaltsdefizits in den Vereinigten Staaten hat nach den Kongreßwahlen im
November letzten Jahres eine neue Aktualität erlangt.
So hat die Debatte über eine Gesetzesvorlage, die
einen ausgeglichenen Staatshaushalt vorschreibt,
allen Beobachtern deutlich gemacht, wie prekär die
Haushaltslage ist. Dies hat auch Auswirkungen auf
das Budget für auswärtige Angelegenheiten. Einsparungen, die auch unsere kulturellen Aktivitäten in
Deutschland betreffen, werden sich im kommenden
Finanzjahr wiederum nicht ganz vermeiden lassen.
Die Steuben-Schurz-Gesellschaft wie auch andere
deutsch-amerikanische Verbände und Organisationen
bilden deshalb eine wichtige, tragfähige Brücke
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk,
die erfreulicherweise ohne staatliche Zuschüsse
auskommt.
Wechselwirkungen im Beziehungsgeflecht
Immer wenn ich nach Frankfurt komme, erinnere ich
mich an die Rede des damaligen Präsidenten John F.
Kennedy in der Paulskirche am 25. Juni 1963.
Damals verwies er auf die vielfältigen Impulse, die
1848 von Frankfurt ausgingen und ihren Widerhall im
amerikanischen Unabhängigkeitskrieg fanden. Damit
wollte er zu Recht auf die schon im letzten Jahrhundert entstandene Interdependenz zwischen beiden
Völkern aufmerksam machen.

Seite 1

�Obgleich sich die Zeiten erheblich gewandelt haben
- und ich glaube im Namen aller hier Versammelten
sprechen zu dürfen, wenn ich sage, "erfreulicherweise" - gelten die Worte des Präsidenten noch heute,
als er über die Beziehungen zwischen Deutschland
und den Vereinigten Staaten sprach:
"We are partners for peace - not in a narrow
bilateral context but in a framework of Atlantic
partnership".
Wenig später nennt er gemeinsame Ziele, deren
Gültigkeit außer Frage stehen:
"Peace and freedom for all men, for all time, in a
world of abundance, in a world of justice."
Im zeitgeschichtlichen Vergleich mit der politischen
Situation vor 32 Jahren hat sich in dieser Richtung
vieles getan. Wir können nach dem Fall der Berliner
Mauer, der friedlichen Umgestaltung Osteuropas und
dem Zerfall der Sowjetunion mit Fug und Recht
behaupten, einen epochalen Wandel zu erleben.
Wie schon Dean Acheson, seines Zeichens amerikanischer Außenminister von Januar '49 bis Januar '53
einmal treffend bemerkte, als er über die Gestaltung
der Nachkriegsordnung befragt wurde: "Ich war
dabei." Angesichts der Live-Übertragungen in Funk
und Fernsehen können wir Gleiches behaupten.
Was aber bedeutet dieser epochale Wandel gegen
Ende des Jahrhunderts für das Selbstverständnis
unserer Staaten und die gegenseitigen Beziehungen? Wie gehen wir mit diesen Veränderungen um
und wie gestalten wir sie, wenn wir dazu Gelegenheit haben?
Der Clinton-Administration wird vielfach nachgesagt,
sie würde sich von Europa abkehren, weil sie den
Versuch unternimmt, innenpolitische Reformen zu
initiieren und ihre außenwirtschaftlichen Interessen
auch im asiatisch-pazifischen Raum zu artikulieren.
Sie tut dies, ohne aber von der einzigartigen Kontinuität amerikanischer Überzeugungen Abstand zu
nehmen, wie sie schon Präsident Kennedy in seiner
Frankfurter Rede hervorgehoben hat. Nicht nur, daß
er pragmatisch vom Wandel als Bestandteil jeder
Entwicklung gesprochen hat - "change is the law of
life" -, er traf auch die noch heute gültige Feststellung, unsere Zukunft liege in der Atlantischen Allianz.
Die NATO als transatlantisches Bindeglied
In der Tat, die NATO bleibt das zumindest aus
amerikanischer Sicht wichtigste Bindeglied zwischen
den Vereinigten Staaten und Europa. Die Allianz
dokumentiert, daß die Vereinigten Staaten eine

Seite 2

europäische Macht sind und dies auch bleiben wollen.
Die Atlantische Allianz hat sich auf die neue strategische Lage eingestellt. Die transatlantischen Beziehungen sind schon seit geraumer Zeit aus dem
engen Korsett der reinen verteidigungspolitischen
Vorsorge des Kalten Krieges hervorgetreten. Im
Laufe ihrer Existenz entwickelte sich das Bündnis zu
einer Wertegemeinschaft, die weit mehr als nur ein
multinationales Verteidigungsbündnis darstellt. Und
die NATO hat sich als anpassungsfähig erwiesen, wie
unschwer an der Reform der Streitkräftestruktur und
den Initiativen zu enger militärischer Zusammenarbeit
mit den Staaten des ehemaligen Ostblocks zu sehen
ist.
Die Attraktivität der Atlantischen Allianz wird durch
Beitrittswünsche einiger Staaten Osteuropas unterstrichen: Sie ist ein wirksamer Zusammenschluß
gleichgesinnter Staaten zum Schutz vor militärischen
Gefahren und für Stabilität in Europa. Diese Stabilität
wird allerdings nicht mehr nur durch die NATO
gewährleistet, sondern auch durch die Europäische
Union und andere europäische Institutionen wie die
OSZE.
Die militärische Zusammenarbeit im Rahmen der
NATO bleibt ein wirksames Instrument gegen Tendenzen einer Renationalisierung der europäischen
Sicherheitspolitik. Die amerikanischen Streitkräfte in
Europa unterstreichen auf glaubwürdige Weise, wie
wichtig wir unseren Beitrag zur Beibehaltung eines
sicheren Europas nehmen.
Neue Herausforderungen nach dem Ende des
Kalten Krieges
In Zeiten großer Transformationen gibt es immer
wieder Stimmen, die für eine Abkehr von der Geschichte plädieren. Geschichtliche Lektionen lassen
sich aber nicht einfach ad acta legen. Und eine
bedeutende Lehre spricht Präsident Kennedy in
seinen Ausführungen an: Eine Gefährdung der
Freiheit Europas bedroht auch immer die Freiheit
Amerikas.
Ist aber unsere Freiheit bedroht? Sicherlich nicht,
wenn wir die jetzige Situation mit der Bedrohung
durch das Militärpotential der damaligen Sowjetunion
vergleichen. Die Gefahren für Sicherheit und Stabilität sind allerdings nicht weniger geworden in einer
Welt, die aus dem Schwarzweißschema des Kalten
Krieges herausgewachsen ist.
Das Ende des weltumspannenden Ost-West-Konflikts
hat nicht per se eine neue stabile internationale
Ordnung geschaffen, die in der Lage wäre, eine
gewaltfreie Konfliktbewältigung sicherzustellen.

AMERIKA DIENST 10

�Lassen Sie mich einige Gefahren aufzählen, die
nicht nur der amerikanischen Regierung Kopfzerbrechen bereiten:
-

Aggression, Tyrannei und Intoleranz unterminieren immer wieder die politische Stabilität und wirtschaftliche Entwicklung wichtiger Regionen der
Welt.

-

Nicht nur wir Amerikaner sehen uns einer wachsenden Bedrohung durch die Weiterverbreitung
von nuklearen und chemischen Massenvernichtungswaffen, internationalem Terrorismus, Drogenhandel und Geldwäsche gegenüber.

-

-

Einst entfernt erscheinende Probleme wie die
Zerstörung von Lebensgrundlagen, das ungebremste Bevölkerungswachstum, daraus resultierende Armut, Migration und Flüchtlingskatastrophen haben direkte Auswirkungen auf die Stabilität der betroffenen Regionen. Und damit letztlich
auch auf uns.
Wie schon zu einem früheren Zeitpunkt in diesem
Jahrhundert bestimmen an der Peripherie Europas ethnische Konflikte, territoriale Streitkeiten
und irregeleiteter Nationalismus die politische
Tagesordnung. Eine Obsession macht sich breit,
reales oder eingebildetes historisches Unrecht
wiedergutzumachen.

Neben dem Auftreten von neuen und alten Konflikten, die zu einer Gefahr für die allgemeine Stabilität in Europa werden können und folglich politischer
Aufmerksamkeit bedürfen, möchte ich aber auch auf
eine weitere Konsequenz des Endes des Kalten
Krieges hinweisen, die vielfach kritisiert wird.
Prioritäten amerikanischer Außenpolitik
Meines Erachtens ist es durchaus verständlich, wenn
sich die amerikanische Politik nach dem Ende einer
so langen ideologischen Auseinandersetzung nun
stärker mit innenpolitischen Fragestellungen beschäftigt.
In Zeiten einer immer intensiver werdenden Konkurrenzsituation auf den Weltmärkten und einem
gewissen Nachholbedarf sind Maßnahmen zur
Verbesserung der nationalen Wettbewerbsfähigkeit
ein Gebot der Stunde. Das Wohlergehen und der
Lebensstandard der eigenen Bevölkerung ist wohl
ein legitimer Maßstab für staatliches Handeln!
Wie Sie alle wissen, hat sich inzwischen ein Sicherheitsbegriff durchgesetzt, der eben nicht nur das
Militärpotential eines Landes berücksichtigt, sondern

AMERIKA DIENST 10

auch demokratisch legitimierte Regierungssysteme
und wirtschaftliche Prosperität inkorporiert.
Die Clinton-Administration widmet folglich der Verwirklichung außenwirtschaftlicher Interessen hohe
Aufmerksamkeit, um die ökonomische Leistungsfähigkeit der amerikanischen Volkswirtschaft zu
stärken. Neben ökonomischen Impulsen, die nicht
nur amerikanischen Interessen entsprechen, läßt
Präsident Clinton keinen Zweifel daran, daß er die
internationale Führungsrolle der Vereinigten Staaten
aufrechterhalten will.
Anläßlich seines Staatsbesuchs im letzten Monat in
Kanada hat der Präsident den amerikanischen
Führungsanspruch bekräftigt. Eine Abkehr von der
Philosophie des Engagements und der Führungsaufgabe, die für die amerikanische Außenpolitik seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges charakteristisch war,
wird es mit diesem Präsidenten nicht geben.
Gerade in Zeiten des Übergangs, in Zeiten des Wandels und der Chancen, den politischen Prozeß
strukturbildend zu gestalten, ist es wichtig, Führung
zu übernehmen. Die letzten Jahre haben deutlich
gezeigt, wie wichtig es nach wie vor ist, mit Vorschlägen und Initiativen das internationale System zu
unser aller Nutzen zu beeinflussen. Und dies nicht in
einem hegemonistischen Sinne - wie Kritiker immer
wieder hervorheben - sondern als Reflex auf die sich
uns stellenden globalen Aufgaben und Herausforderungen.
Anders formuliert: Aufgrund der immer größer werdenden Verflechtung können wir uns keine Politik des
Isolationismus oder Unilateralismus leisten. Eine
solche Politik wäre angesichts der Risiken und
Gefahren nicht empfehlenswert. Diese Einstellung
teilt auch der amerikanische Kongreß trotz der
heftigen Debatte über "Multilateralismus".
Die deutsch-amerikanische Partnerschaft
Nun werden Sie sich fragen, was meine Ausführungen mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen zu
tun haben. Sehr viel, wenn man berücksichtigt, wie
sich das außenpolitische Engagement der Vereinigten
Staaten den neuen Gegebenheiten nach dem Ende
des Kalten Krieges angepaßt hat. Außenminister
Warren Christopher hat den Maßstab für unser
außenpolitisches Engagement auf einen Nenner
gebracht: Gemeinsam wenn möglich, im Alleingang
wenn nötig.
Die Bewahrung partnerschaftlicher Beziehungen zu
unseren engsten Verbündeten (Europa und Japan)
bleibt ein zentrales Element der amerikanischen
Außenpolitik. Darüber hinaus wollen wir konstruktive

Seite 3

�Beziehungen zu den mächtigsten Nationen der Welt,
China und Rußland, unterhalten.
Deutschland ist nicht erst seit der Herstellung der
staatlichen Einheit zu einem engen Freund und
starken Verbündeten der Vereinigten Staaten geworden.
Mit der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und
finanziellen Unterstützung des Demokratisierungsprozesses und des Aufbaus von Marktwirtschaften in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion leistet die Bundesrepublik einen enormen
Beitrag zur Stabilisierung dieser Region.
Deutschland ist innerhalb der Europäischen Union
ein gewichtiger Machtfaktor. Das europapolitische
Engagement Deutschlands ist die Voraussetzung für
Fortschritte bei der europäischen Integration. Oder
wie es Vizepräsident AI Gore schon mehrmals
geäußert hat: Deutschland ist zum Motor der europäischen Integration geworden, die wir nachhaltig
unterstützen.
Die Vereinigten Staaten brauchen zuverlässige
Partner wie die Bundesrepublik, um in vertrauensvoller Kooperation die gegenwärtigen Herausforderungen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts zu
bewältigen. Das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union spielt dabei
- wie angedeutet - eine nicht unerhebliche Rolle.
Gemeinsam stehen wir vorder Aufgabe, die Strukturen Europas zu gestalten und ein tragfähiges Beziehungsgeflecht zwischen Ost und West aufzubauen.
Wie können wir gemeinsam gewährleisten, daß
Stabilität und Sicherheit auch in Zukunft erhalten
bleiben? Wie können wir die NATO erweitern, ohne
neue Grenzlinien in Europa zu ziehen?
Die NATO-Erweiterung
Für dieses Jahr hat sich die Allianz vorgenommen,
Antworten auf das "Wann" und "Wie" einer NATOErweiterung zu finden. Leitmotiv ist die Verteidigung
der Bündnisinteressen und die Förderung der
europäischen Stabilität. Der Erweiterungsprozeß
muß allmählich, überlegt und transparent erfolgen,
um nicht den Eindruck zu erwecken, die NATO wolle
neue Grenzen ziehen. Darüber hinaus soll ein
großes Maß an Flexibilität diesen Prozeß bestimmen
und folglich kein Zeitplan oder eine Liste für Beitrittskandidaten festgelegt werden. Jeder Beitrittswunsch
wird individuell behandelt. Und die Entscheidung,
welches Land der NATO beitritt und zu welchem
Zeitpunkt, wird einzig und allein von den Mitgliedstaaten der NATO getroffen. An ein Vetorecht durch
einen Drittstaat ist nicht gedacht.

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Welche Kriterien müssen die Beitrittsstaaten erfüllen?
Eine Grundvoraussetzung sind demokratische Strukturen, eine marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft sowie der politische Wille und die finanzielle
Fähigkeit, zur gemeinsamen Sicherheitspolitik und
zum Bündnis einen eigenen Beitrag leisten zu können.
Die gegenwärtige Diskussion über die NATO-Erweiterung steht in engem Zusammenhang mit der
Erweiterung der Europäischen Union. Beide Prozesse unterliegen anderen Mechanismen, verfolgen aber
mehr oder weniger die gleiche Zielsetzung. Derzeit
ist die Europäische Union mit der Aufnahme von vier
neuen Mitgliedern befaßt; und im nächsten Jahr steht
die Maastrichter Überprüfungskonferenz bevor.
Die transatlantische Gemeinschaft
Gleichzeitig hat die Debatte über die Zukunft der
transatlantischen Gemeinschaft an Dynamik gewonnen. Europäische Politiker wie der britische Verteidigungminister Malcolm Rifkind, sein französischer
Amtskolle Alain Juppö und Volker Rühe haben
Vorschläge ventiliert, wie die transatlantischen
Beziehungen vertieft werden könnten. Ob nun ein
"transatlantischer Vertrag" anvisiert wird oder eine
"euro-amerikanische Gemeinschaft", wie sie der
niederländische Premierminister vorgeschlagen hat alle Vorschläge haben gemein, die transatlantische
Zusammenarbeit thematisch aufzufächern und zu
vertiefen.
Dies ist prinzipiell begrüßenswert und sicherlich auch
zweckmäßig, wenn es darum geht, kooperativ,
vertrauensvoll und effizient die anstehenden politischen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen.
Es ist durchaus vorstellbar, daß die im November
1990 in der "transatlantischen Erklärung" genannten
Bereiche der Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten ausgedehnt werden.
Regelmäßige Konsultationen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten wurden im
vergangenen Jahr in Berlin vereinbart. Es wurden
Studiengruppen eingerichtet, um zentrale Fragen zu
erörtern, wie die Einbindung der osteuropäischen
Staaten oder die Bekämpfung des Drogenhandels,
Geldwäsche und des organisierten Verbrechens. Ein
transatlantischer Dialog über Wirtschafts- und Handelsfragen hat sich schon etabliert.
Was sich aus amerikanischer Sicht an Fragen stellt,
ist schnell aufgezählt:

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�Hilft ein neuer transatlantischer Vertrag dem europäischen Integrationsprozeß, fördert oder behindert er
die Entwicklung einer gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik der Europäischen Union? Wie
groß ist der substantielle Zugewinn an Zusammenarbeit, der vielleicht auch durch eine pragmatisch
geprägte Vorgehensweise zu erreichen wäre? Und
welche Themen tragen zu einer Vertiefung der
transatlantischen Gemeinschaft bei?
Angesichts der engen und intensiven deutsch-amerikanischen Beziehungen stellt sich auch die Frage,
wie diese sich in einer transatlantischen Gemeinschaft entwickeln würden.

•

AMERIKA DIENST 10

Bevor wir uns auf Vertragsverhandlungen einlassen,
sollten wir ernsthaft prüfen, ob unsere Beziehungen
tatsächlich eine Aufwertung durch einen Vertrag
brauchen. Wie Sie wissen, neigen wir Amerikaner
eher zu Pragmatismus.
Einen Pragmatismus, wie ihn auch Friedrich Wilhelm
von Steuben an den Tag gelegt hat, als er für seine
Dienste als "Drillmeister" der amerikanischen Truppen
nur ein Erfolgshonorar erbat.
Ich danke Ihnen.

* * * *

Seite 5

�KLIMAKONFERENZ
15. März 1995

USA BEFÜRWORTEN ABKOMMEN ZUR
REDUZIERUNG VON TREIBHAUSGASEMISSIONEN
Erklärung von Timothy E. Wirth
BONN - (AD) - Die Vereinigten Staaten werden bei der vom 28. März bis 7. April 1995 anberaumten
internationalen Klimakonferenz in Berlin ein Abkommen zur Aufnahme von Verhandlungen über die
Reduzierung der Treibhausgasemissionen nach dem Jahr 2000 anstreben. Im Vorfeld der Konferenz gab der
Staatssekretär für globale Angelegenheiten im US-Außenministerium, Timothy E. Wirth, bei einer
Pressekonferenz in Bonn am 10. März 1995 die nachfolgende Erklärung ab, die wir im Wortlaut veröffentlichen.

eines Landes) für die zweite Phase dieser Umstrukturierung zugesagt.
Die Clinton-Administration und der Klimawandel:
2 Jahre des Fortschritts
Aktionsplan für den Klimawandel: Die US-Administration hat einen Plan mit über 50 Maßnahmen
entwickelt, der das Versprechen des Präsidenten zur
Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den
Vereinigten Staaten bis zum Jahr 2000 auf das
Niveau von 1990 erfüllen soll.
Nachfolgend einige Beispiele:
Ermutigung kostengünstiger Planung in den
Vereinigten Staaten,
vermehrte Nutzung erneuerbarer Ressourcen bei
der nationalen Energieversorgung,
Verbesserung der Normen für energieeinsparende Haushaltsgeräte,
Vergrößerung der Kohlesenken,
Methanentsorgung aus Deponien.
Bilaterale Hilfe: Die Clinton-Administration hat ein
gezieltes Programm in Höhe von 330 Millionen
Dollar an bilateraler Hilfe zur Unterstützung der
Entwicklungsländer bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen im Energie- und Forstbereich
entworfen.
Multialterale Hilfe: Die Vereinigten Staaten waren
bei der Umstrukturierung der Umweltfazilität behilflich
und haben 430 Millionen Dollar (der höchste Beitrag

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Entwicklung von Umwelttechnologien und Zusammenarbeit: Die Clinton-Administration hat eine
neue Initiative für Umwelttechnologien in die Wege
geleitet (die sich auf über 1 Milliarde Dollar beläuft),
um modernste Umwelttechnologien zu entwickeln und
zu verbreiten.
Initiative sauberes Auto: Die Clinton-Administration
ist eine beispiellose Partnerschaft mit der Automobilindustrie eingegangen, um gemeinsam die Entwicklung einer neuen Generation von Fahrzeugen zu
erforschen, die dreimal so sparsam sind wie die
heutigen Autos.
Wissenchaftliehe Forschung: Präsident Clinton hat
die Mittel für wissenschaftliche Forschung der Vereinigten Staaten zum globalen Klimawandel auf über
2 Milliarden Dollar erhöht.
Landesstudien: Die Vereinigten Staaten haben
Landesstudien mit 30 Millionen Dollar finanziert, die
den Entwicklungsländern und Ländern mit Volkswirtschaften im Übergang bei einer Bestandsaufnahme
der Treibhausgasemissionen und der Erarbeitung
technologischer Optionen für die Begrenzung der
Emissionen behilflich sein sollen.
Gemeinsame Umsetzung des Pilotprogramms:
Die Vereinigten Staaten haben das erste Pilotprogramm der Welt in die Wege geleitet, um die Möglichkeit einer gemeinsamen Umsetzung zu prüfen
(das heißt, die Industrienationen fördern die Reduzierung von Treibhausgasemissionen in den Entwicklungsländern).

Seite 1

�Der zweite Schritt
In nur zwei Jahren haben Präsident Clinton und
Vizepräsident Gore beeindruckende Schritte unternommen um sicherzustellen, daß die Vereinigten
Staaten die in der Rahmenkonvention über Klimawandel als erste Schritte festgesetzten Ziele erreichen.
Die Vereinigten Staaten sind der Ansicht, es sei an
der Zeit für den zweiten Schritt, da die Konvention
unseres Erachtens unzureichend ist. Dieser zweite
Schritt wird das Hauptthema für die Teilnehmer der
Berliner Konferenz sein. Die Vorbereitungen für
Berlin haben ein breites Meinungsspektrum erkennen lassen:

leistung erforderliche Koalition zu bilden, daß wir die
nächsten Schritte mit einem Gefühl der Dringlichkeit
und Entschlossenheit unternehmen.
Die Bundesregierung hat als Gastgeber dieses
historischen Treffens bemerkenswerte Arbeit geleistet, um sich durch das Minenfeld der oben geschilderten unterschiedlichen Meinungen zu manövrieren.
Die Vereinigten Staaten wollen alles in ihrer Macht
Stehende tun, um die Führungsrolle Deutschlands bei
dem Kampf um die Formulierung eines klaren Mandats für unter dem Vertrag zu ergreifende nächste
Schritte zu unterstützen.
Die Formulierung eines solchen Mandats ist das
oberste Ziel der Berliner Konferenz.

1. Einige stellen die wissenschaftliche Grundlage
der Belange in Frage und vertreten das Argument, es sollte nichts getan werden. Eine Handvoll skeptischer Wissenschaftler - von denen viele
noch immer gegen das seit langem abgeschlossene Thema des Abbaus der Ozonschicht kämpfen - nähren bei der Industrie, den Medien und
Politikern Zweifel.

Mittelfristig hat dies weniger damit zu tun, Undefinierte
politische Versprechungen zu machen als damit,
unmißverständlich einen Schritt weiterzugehen indem die Nationen artikulieren, was sie unternehmen
wollen, um auf dem ersten Schritt aufzubauen und
den Trend des Emissionsabbaus auch nach dem
Jahr 2000 fortzusetzen.

2. Am anderen Ende des Spektrums sind diejenigen, die sich zu Recht ernsthafte Sorgen über
die Zunahme wissenschaftlich fundierter Beweise
machen. Sie befürworten weitreichende politische Verpflichtungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ohne über einen genauen Plan für das
weitere Vorgehen zu verfügen.

Erlangung eines Berliner Mandats
Ein erfolgreiches Mandat

3. Viele Entwicklungsländer zögern noch, zusätzliche Schritte zu unterstützen. Sie fürchten, sie
könnten um die Verringerung der Emissionen
gebeten werden, was ihrem offenkundigen
Entwicklungsbedarf zuwiderlaufen würde.
4. Kleine Inselstaaten, die sich die größten Sorgen
über den dramatischen Klimawandel und seine
Auswirkungen machen, fordern von anderen
entschiedene und unverzügliche Aktionen.
Und innerhalb dieses breiten Meinungsspektrums
gibt es endlose Varianten, die von verschiedenen
Nationen vertreten werden.
Die Herausforderung Berlin und die Führungsrolle Deutschlands

fordert ein neues Ziel, um die nationalen Bestrebungen unmittelbar nach dem Jahr 2000 zu leiten,
definiert durch genaue Analysen die Bandbreite
verfügbarer konkreter Maßnahnmen zur Erlangung
des neuen Ziels,
trägt den gemeinsamen, aber unterschiedlichen
Pflichten aller Parteien Rechnung und definiert
sie,
zieht besseren Nutzen aus dem Einfallsreichtum
nichtstaatlicher Organisationen und des Privatsektors, um Fortschritte zum obersten Ziel des Vertrags zu fördern,
produziert spätestens bis 1997 Ergebnisse,
anerkennt die Bedeutung und Chancen mittel- und
langfristiger Aktionen,
soll als "Das Berliner Mandat" bekannt werden.

Da jetzt 120 Nationen Partei des Vertrags sind, wird
es in Berlin schwierig sein, die für die Gewähr*

Seite 2

* * *

*

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�TAG

DER

ERDE
15. März 1995

Entwurf einer umweltverträglichen Zukunft ein Überblick
von Lester R. Brown
Der nachfolgende Beitrag behandelt die Fortschritte sowie die bisher unzulänglich behandelten Probleme bei
der Erlangung einer umweltverträglichen Wirtschaft auf unserem Planeten - einer Wirtschaft, die so beschaffen
ist, daß sie "heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen".
Während Brown zufolge der Abbau der Ozonschicht und die Kohlenstoffemissionen in der Atmosphäre
möglicherweise bereits ihren Höchststand erreicht haben, setzt sich gleichzeitig jedoch der Artenschwund in
alarmierendem Tempo fort, und das potentielle Nahrungsmittelangebot der Fischgründe, landwirtschaftlich
nutzbare Flächen, Wasserressourcen und Düngemitteleinsatz können mit dem rapiden Bevölkerungswachstum
nicht Schritt halten. Die Erweiterung friedenssichernder Operationen der Vereinten Nationen biete den Staaten
der Erde eine Chance, weniger Mittel für militärische Sicherheit und mehr für eine umweltpolitisch gesicherte
Zukunft aufzuwenden.
Lester R. Brown ist Präsident des Worldwatch Institute und hat für das Institut und andere Foren bereits
zahlreiche Beiträge veröffentlicht.
Nachdruck aus Vital Signs 1994, S. 15-21. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung
des Worldwatch Institute, Washington, D.C.

Als Ed Koch noch Bürgermeister von New York war,
stellte er Passanten auf der Straße gerne die Frage:
"Wie schneiden wir ab?" Vital Signs wurde ins
Leben gerufen, um diese Frage für die Welt insgesamt zu beantworten. Insbesondere wird untersucht, wie wir bei der Schaffung einer umweltverträglichen Wirtschaft abschneiden, die unseren
heutigen Bedürfnissen gerecht wird ohne die Zukunft
künftiger Generationen aufs Spiel zu setzen.
Beim Umweltgipfel in Rio de Janeiro einigten sich
die Regierungen der Welt darauf, die UNO-Kommission für nachhaltige Entwicklung zu gründen - ein
Beleg für die wachsende Sorge, daß das bestehende Wirtschaftssystem nicht umweltverträglich ist. Im
Juni 1993 rief Präsident Clinton den Rat für nachhaltige Entwicklung ins Leben. Ähnliche Maßnahmen
in rund 70 Ländern, die alle einen Weg hin zu
umweltverträglicher Entwicklung aufzeigen sollen,
sind ein ermutigendes Zeichen.
Der von führenden Politikern auf Bundesebene
ebenso wie von Umweltschützern verwendete Begriff
der "nachhaltigen Entwicklung" hat ökologische

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Ursprünge und beruht auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage.
Eine in bezug auf die
Belange der Umwelt tragfähige Entwicklung folgt den
Grundprinzipien oder Gesetzen der Umweltverträglichkeit - Prinzipien, die so real sind wie die der
Aerodynamik oder Thermodynamik. So muß jeder,
der beispielsweise ein Flugzeug entwirft, die Prinzipien der Aerodynamik beachten, indem er eine
bestimmte Menge an Schub oder Auftrieb schafft, da
das Flugzeug ansonsten nicht fliegen wird. Ebenso
muß ein umweltpolitisch tragfähiges System den
Gesetzen der Umweltverträglichkeit folgen, da es
ansonsten nicht lebensfähig ist. Die grundlegenden
Gesetze oder Prinzipien der Umweltverträglichkeit
sind ebenso feststehend wie die Gesetze der Aerodynamik.
Eine Gesellschaft kann diese Gesetze
kurzfristig verletzen, nicht jedoch langfristig. So
können Fischgründe zum Beispiel kurzfristig ohne
langfristigen Schaden überfischt werden, wenn man
anschließend für deren langfristige Erholung sorgt.
Werden sie aber ohne zeitliche Begrenzung überfischt, werden sie schließlich kollabieren und verschwinden. Ebenso wie ein Flugzeug kurzfristig an
Höhe verlieren kann ohne abzustürzen, kann die

Seite 1

�Wirtschaft die Prinzipien der Umweltverträglichkeit
kurzfristig verletzen ohne zusammenzubrechen.
Zu den Gesetzen der Umweltverträglichkeit gehören:
Der Artenschwund darf langfristig nicht größer sein
als die Artenevolution; die Bodenerosion darf die
Bodenneubildung nicht übertreffen; es dürfen nicht
mehr Wälder zerstört werden als nachwachsen
können; die Kohlenstoffemissionen dürfen nicht
höher sein als die Fähigkeit zur Kohlenstoffixierung;
die Menge der gefangenen Fische darf die Regenerationsfähigkeit der Fischgründe nicht übertreffen,
und die Geburtenrate darf nicht höher sein als die
Sterberate.
Die Folgen der Verletzung dieser Prinzipien liegen
im allgemeinen auf der Hand. Wenn beispielsweise
der Artenschwund die Evolutionsrate übertrifft,
werden schließlich ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Wenn die Menge der gefangenen Fische
in einem Fischfanggebiet dessen Regenerationsfähigkeit übertrifft, wird der Fischgrund zerstört.
Obwohl es schwieriger ist, Umweltverschmutzung
ebenso plastisch zu demonstrieren, gilt: Wenn
Schadstoffe die Aufnahmefähigkeit eines Systems
überfordern, wird das System verändert. Im Fall der
Fluorchlorkohlenwasserstoffe führt dies zum Abbau
des stratosphärischen Ozons. Bei den Kohlenstoffemissionen bedeutet es die Ansammlung von
Kohlendioxid in der Atmosphäre und Veränderungen
im Wärmehaushalt der Erde. Im Fall der Schwefelemissionen bedeutet es sauren Regen und die
Schädigung von Wäldern, Seen und Ernteerträgen.
Der Artenschwund
Aufgrund seiner Unumkehrbarkeit stellt der Artenschwund für alle Regierungen eine grundlegende
Herausforderung dar. Über längere Zeiträume der
Erdgeschichte hinweg lag die Zahl neuentstehender
Arten höher als die der aussterbenden. Dies führte
zu dem von uns geerbten außerordentlichen biologischen Reichtum. Seit einigen Jahrzehnten verläuft
dieser Prozeß jedoch umgekehrt, indem die Zerstörung von Lebensräumen und die Umweltverschmutzung Arten mit atemberaubender Geschwindigkeit vernichten.
Ein Hindernis bei der Überwachung des Artenschwunds besteht darin, daß es niemals eine
Bestandsaufnahme der Pflanzen- und Tierarten auf
der Erde gegeben hat. Da unbekannt ist, wieviele
Arten es gibt, ist es schwierig genau zu bestimmen,
wieviele verlorengehen.
Trotz dieser fehlenden Informationen können wir
einige der sichtbareren Lebensformen, wie etwa
Vögel, untersuchen, bei denen eine vollständige

Seite 2

Liste der vorhandenen Arten existiert. Von den 9.600
bekannten Vogelarten sind die Populationen von rund
3.000 stabil oder vermehren sich, während sie bei
6.600 Arten im Schwinden begriffen sind. Von
letzterer Gruppe sind die Populationen von etwa
1.000 Vogelarten so weit zurückgegangen, daß sie
vom Aussterben bedroht sind.
Die Hauptgründe für die Dezimierung der Vogelpopulationen sind Zerstörung der Lebensräume, Umweltverschmutzung und Jagd. Mit der Brandrodung
von Regenwäldern oder Trockenlegung von Feuchtgebieten zum Ausbau der Nahrungsmittelproduktion
hat sich der Lebensraum von Vögeln verkleinert. In
Nordamerika ist die Population von 10 Entenarten
von 37 Millionen im Jahr 1955 auf 26 Millionen im
Jahr 1992 gesunken. Dies ist teilweise auf die
Zerstörung der Hälfte aller US-Feuchtgebiete zurückzuführen, die von den Enten dieser Region zur
Paarung, zum Ausruhen und zur Nahrungssuche in
Anspruch genommen werden. Bei Zugvögeln, die
lange Strecken zurücklegen - etwa von Europa nach
Afrika - kann sich die Zerstörung des Lebensraumes
an beiden Enden der Zugstrecke oder an dazwischenliegenden Ruheplätzen als Bedrohung erweisen.

«

Seit Anbruch des Industriezeitalters sind etwa 150
Arten und Unterarten von Vögeln verschwunden.
Dazu gehören die 1920 ausgestorbene nordamerikanische Wandertaube, einst eine der am häufigsten
anzutreffenden Vogelarten auf der Welt, der mexikanische Kaiserspecht, der 1958 zum letzten Mal
gesichtet wurde und der guatemaltekische Atitlantaucher, der 1987 ausstarb.
Umweltexperten konzentrieren sich auf die Zahl
bedrohter Vögel, weil sie einer der am besten meßbaren Indikatoren für die Gesundheit des Ökosystems
sind. Die für das Überleben der Vögel notwendigen
Systeme werden zerstört, aber diese Systeme dienen
auch unserem eigenen Überleben. Von allen zur
Verfügung stehenden Indikatoren könnte dieser das
eindringlichste Gefühl vom Gesundheitszustand der
Erde oder davon vermitteln, ob das bestehende
Wirtschaftssystem umweltverträglich ist oder bereits
jetzt die Saat für seinen eigenen Untergang ausbringt.

Die Rettung der Ozonschicht
Wenige Entwicklungen der letzten Jahre haben unter
den Wissenschaftlern soviel Besorgnis ausgelöst wie
das "Loch" in der stratosphärischen Ozonschicht. Die
von den Fluorchlorkohlenwasserstoffen ausgehende
potentielle Bedrohung dieses Schutzfilms wurde zum
ersten Mal 1974 erkannt, als zwei Atmosphärenfor-

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&gt;

'

�scher der University of California, Sherwood Rowland und Mario Molina, davor warnten, die Freisetzung dieser Substanzen in die Atmosphäre könne
die Ozonschicht abbauen, die alles Leben auf der
Erde vor schädlichen ultravioletten Strahlen schützt.
Im Jahr 1985 berichtete ein von Joseph Farman
geleitetes Foschungsteam der britischen Antarktisexpedition von einem immer wiederkehrenden Loch
in der Ozonschicht über der Antarktis, das jedes
Frühjahr auftrete. Die Wissenschaftler wußten, daß
bei einer Ausbreitung dieses massiven Abbaus auf
andere Teile des Planeten, was eine Zunahme der
ultravioletten Strahlung auf der Erde zur Folge hätte,
nahezu alle Lebensformen zu Lande und im Meer
Schaden erleiden könnten.
Die Besorgnis über die potentiellen Auswirkungen
der FCKW führten zu dem im Oktober 1987 in
Montreal ausgehandelten internationalen Abkommen
zur Reduzierung der FCKW-Herstellung. Wissenschaftliche Forschungen, die FCKW und andere
ozonschädigende Substanzen mit dem Ozonloch
über der Antarktis in Zusammenhang brachten,
führten 1990 in London und 1992 in Kopenhagen zu
weiteren Abkommen. Diese Abkommen erfordern
die völlige Einstellung der Produktion von FCKW und
anderen ozonschädigenden Stoffen.
Zwischen
1988, als die FCKW-Herstellung ihren Höhepunkt
erreichte, und 1993 ging die FCKW-Produktion
weltweit um 60 Prozent zurück. Viele Industriestaaten engagieren sich für den völligen Ausstieg aus
der FCKW-Herstellung bis Ende 1994 oder 1995.
Seit der Entdeckung des Lochs über der Antarktis im
Jahr 1985 wurde durch weitere Forschungsarbeiten
festgestellt, daß die Ozonschicht über allen Regionen außerhalb der Tropen dünner wird, wobei sich
die stärkste Abnahme um die Pole konzentriert.
Der stratosphärische Anteil freien Chlors, des
ozonschädigenden Stoffes, der sich entwickelt, wenn
FCKW nach ihrer Freisetzung in der Atmosphäre
nach oben steigen, scheint sich Mitte der neunziger
Jahre bei einem Volumen von etwa 4 ppbv (Part per
Billion by Volume) zu stabilisieren. Wenn die
FCKW-Produktion wie vorgesehen stufenweise
eingestellt wird, steigt die Menge freien Chlors voraussichtlich bis zum Jahr 2000 weiter an, um dann
bis etwa 2055 langsam zu sinken. Zu jenem Zeitpunkt würde der Anteil wieder den vor Auftreten des
Ozonlochs bestehenden Stand von 2 ppbv erreichen.
Diesem Szenarium zufolge würden die
schwersten Schäden an pflanzlichem und tierischem
Leben durch ultraviolette Strahlung um das Jahr
2000 auftreten, in dem dann die Erholung einsetzen
würde. Ein gewisser Ozonabbau wird jedoch bis
etwa zur Mitte des nächsten Jahrhunderts anhalten.

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Die genauen langfristigen Auswirkungen der zunehmenden ultravioletten Strahlung auf die Ernteerträge
sowie die Gesundheit von Menschen und anderen
Spezies sind unbekannt. Obwohl die Umkehrung des
Ozonabbaus in der Stratosphäre ein langfristiges
Vorhaben ist, wurde zumindest der Prozeß zur
Erlangung dieses Ziels eingeleitet und bildet somit ein
Modell internationaler Zusammenarbeit im Umweltschutz.

Die Stabilisierung des Klimas
Wenige Faktoren beeinflussen die Bewohnbarkeit der
Erde so unmittelbar wie die Menge des Kohlendioxids
in der Atmosphäre. Zuviel Kohlendioxid, und die
Erde wird zum Treibhaus vergleichbar etwa mit der
Venus; zuwenig, und die Erde vereist wie der Saturn.
Seit Beginn der Revolution in der Landwirtschaft vor
etwa 10.000 Jahren bis zum Beginn der Industriellen
Revolution war die Kohlendioxidmenge in der Atmosphäre bemerkenswert stabil.
Seit Beginn der
Industriellen Revolution begann sie jedoch anzusteigen, als die Verbrennung von Kohle und später
anderen fossilen Brennstoffen die Menge der Emissionen über die natürliche Kohlendioxidfixierungsund Aufnahmefähigkeit wachsen ließ.
Zwischen dem Einsetzen des Industriezeitalters und
dem Jahr 1959, dem Beginn regelmäßiger Luftuntersuchungen auf den Kohlendioxidgehalt, stiegen die
Kohlendioxidkonzentrationen um 13 Prozent, von
geschätzten 280 ppm (Parts per Million) auf 316 ppm.
Von 1959 bis 1993 stieg der Gehalt von 316 ppm auf
357 ppm, wiederum um 13 Prozent. In nur 34 Jahren
nahm die Konzentration von Kohlendioxid in der
Atmosphäre also ebenso stark zu wie während der
vorhergehenden zwei Jahrhunderte. Im Falle eines
weiteren - wenn auch etwas verlangsamten - Anstiegs wird das Ergebnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein wirtschaftlich verheerender
Klimawandel sein.
Die Hauptquelle der steigenden Kohlendioxidkonzentrationen in der Atmosphäre - die jährlich nahezu 6
Milliarden Tonnen durch die Verbrennung fossiler
Brennstoffe emittierten Kohlenstoffe - scheint sich
aufgrund wachsender Produktivität im Energiesektor,
der weltweiten Hinwendung zu nichtfossilen Energieträgern und insbesondere des in den letzten Jahren
verzeichneten sinkenden Energieverbrauchs in der
ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa auf einem
stabilen Niveau einzupendeln. Da sich die Regierungen nahezu aller Industriestaaten dazu verpflichtet
haben, bis zum Jahr 2000 die Treibhausgasemissionen auf das Niveau von 1990 zu begrenzen, besteht
Hoffnung, den Trend letztlich umkehren zu können.

Seite 3

�Mit Ausnahme von zwei Einbrüchen aufgrund von
Erhöhungen des Ölpreises - das erste Mal Mitte der
siebziger Jahre und danach in den frühen achtziger
Jahren - sind die Kohlenstoffemissionen von der
Mitte des Jahrhunderts bis 1991 fast jedes Jahr
gestiegen. Seit 1992 fielen sie real um 2 Prozent,
von 6,03 Milliarden auf 5,90 Milliarden Tonnen. Dies
war teilweise die Folge einer weltweiten Rezession
einschließlich des teilweise drastischen gesunkenen
Energieverbrauchs in der ehemaligen Sowjetunion in
Zusammenhang mit den Wirtschaftsreformen. Aber
ebenso kommt darin wachsende Effizienz in der
Energieausnutzung zum Ausdruck. So hat der
zunehmende Einsatz von besonders energiesparenden kompakten Glühbirnen seit 1990 den Energieverbrauch so stark reduziert, um Jahr für Jahr acht
große Kohlekraftwerke stillzulegen.
Die verstärkte Benutzung des Fahrrads anstelle von
Autos für Kurzstrecken als Weg zur Beibehaltung
von Mobilität ohne die Verbrennung fossiler Treibstoffe trägt ebenfalls zur Eindämmung der Kohlenstoffemissionen bei. Im Jahr 1993 lag die Weltfahrradproduktion mit 108 Millionen Stück rund dreimal
so hoch wie die Zahl der produzierten Autos, ein
neuer Rekordstand. In den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, China und Indien, ist
das Fahrrad das Haupttransportmittel, das Autos,
Busse und Eisenbahn völlig in den Schatten stellt.
Dichtbesiedelte Industriestaaten wie etwa Japan, die
Niederlande und Dänemark setzen im Kurzstreckenverkehr und als Teil eines Fahrrad-EisenbahnNahverkehrskonzepts verstärkt auf das Fahrrad. In
den Vereinigten Staaten, wo sich der Einsatz des
Fahrrads als Kurzstreckenverkehrsmittel in den
letzten zehn Jahren verdreifacht hat, verfügt das USVerkehrsgesetz von 1991 die Einsetzung eines
Koordinators für den Fahrradverkehr in jedem
Bundesstaat.
Neben der Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
aufgrund von Effizienzsteigerungen vollzieht sich im
Muster des weltweiten Energieverbrauchs ein radikaler Umbruch, der ebenfalls zur Senkung des Kohlenstoffausstoßes führt.
Nach einer sechsfachen
Zunahme zwischen 1950 und 1979 hat sich der
Ölverbrauch auf stabilem Niveau eingependelt und
zwischen 1979 und 1993 sogar um 7 Prozent
abgenommen. Die Kohleförderung, die seit Mitte
des Jahrhunderts nahezu stetig gestiegen war, ist
seit dem Spitzenjahr 1989 um über 5 Prozent
gesunken. Dagegen nimmt der Verbrauch von
Erdgas zu. Dieses Wachstum wird sowohl durch
den Preis als auch durch die Reinheit der Verbrennung, insbesondere im Vergleich zu Kohle und ö l ,
angefacht. In den kommenden Jahren wird die
steigende Inanspruchnahme von Erdgas den Einsatz

Seite 4

von Kohle übertreffen und diesem Energieträger
somit den zweiten Platz hinter Erdöl sichern.
Im Hinblick auf die Kohlenstoffemissionen ist dieser
Wandel ein großes Plus, da nicht nur die Schwefelemissionen und der saure Regen abgebaut werden,
sondern auch, weil Erdgas wesentlich weniger
Kohlenstoff pro produzierter Energieeinheit emittiert
als Kohle oder Öl.
Daneben ist auch bei anderen nichtfossilen Energieträgern ein rapides Wachstum zu verzeichnen. So
wird beispielsweise die Gewinnung elektrischer
Energie aus Windkaft immer beliebter, weil es sich
um eine reine Energiequelle handelt und die Kosten,
auch im Vergleich zu den billigsten Kohlekraftwerken,
konkurrenzfähig sind. Im Jahr 1993 erreichte die
Kapazität der Energieerzeugung aus Windkraft
nahezu 3.000 Megawatt. Das neuerwachte Interesse
von Regierungen und Energieversorgern an der
Windenergie bildet die Grundlage für das rasche
Wachstum dieser Energiequelle in den kommenden
Jahren.
Obwohl die zunehmende Effizienz des Energieverbrauchs und die Verlagerung von Kohle und Öl zu
Erdgas zur Reduzierung der Kohlenstoffemissionen
beitragen, werden sie das Klima nicht stabilisieren.
Wenn die Welt eine wirtschaftlich verheerende
Erwärmung des Erdklimas vermeiden möchte, wird
sie den Einsatz der meisten fossilen Energieträger
ebenso nach und nach einstellen müssen wie sie
heute den Einsatz der FCKW beendet.

Boden, Wasser und Düngemittel
Die dramatische Verlangsamung des weltweiten
Ertrags der Getreideernten während des letzten
Jahrzehnts ist hauptsächlich auf die begrenzte
Verfügbarkeit produktiven neuen Ackerlands und
Süßwassers zur Erweiterung der Bewässerungsflächen sowie auf das nachlassende Ansprechen von
Anbauprodukten auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz
zurückzuführen. Die Zunahme in der Getreideanbaufläche, die sich seit der Mitte des Jahrhunderts
drastisch verlangsamt hatte, hielt bis zum Spitzenjahr
1981 an. Seither ist sie leicht zurückgegangen.
Infolgedessen sank die Getreideanbaufläche pro Kopf
von 0,23 ha auf 0,13 ha.
Inzwischen nahmen die Bewässerungsflächen von
1950 bis 1978 rasch zu - um durchschnittlich 2,8
Prozent pro Jahr. Von 1978 bis 1991 betrug die
Zunahme lediglich 1,4 Prozent jährlich und konnte
somit nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt
halten. Infolgedessen ging die bewässerte Fläche
pro Kopf von 1978 bis 1991 um über 5 Prozent

AMERIKA DIENST 10

�zurück, so daß die Bauern nicht nur mit einer geringeren Anbaufläche pro Kopf, sondern auch mit einer
sinkenden Fläche bewässerten Landes pro Kopf
konfrontiert waren.
Der Einsatz von Düngemitteln, das dritte wichtige
physische Hilfsmittel zur Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, stieg von 14 Millionen Tonnen im
Jahr 1950 auf 146 Millionen Tonnen im Jahr 1989.
Aufgrund der Einstellung staatlicher Subventionen
und des nachlassenden Ansprechens der Anbauprodukte auf zusätzlichen Düngemitteleinsatz ging
die Gesamtmenge 1993 auf geschätzte 126 Millionen Tonnen zurück. Der Pro-Kopf-Verbrauch von
Düngemitteln fiel somit von 28 Kilogramm im Jahr
1989 auf unter 23 Kilogramm im Jahr 1993, ein
Rückgang von 19 Prozent.
Aufgrund der verringerten Anbaufläche pro Kopf, der
sinkenden Bewässerungsflächen pro Kopf und des
nachlassenden Düngemitteleinsatzes pro Kopf
erstaunt es nicht, daß die Getreideproduktion pro
Kopf ebenfalls abnimmt.

Nahrungsmittelversorgung unter Druck
Jedes der drei Nahrungsmittelversorgungssysteme
steht unter dem wachsenden Druck menschlicher
Anforderungen - Anforderungen, die in einigen
Fällen nicht mehr umweltverträglich sind. In bezug
auf die Fischgründe führen die steigenden Ansprüche des Menschen nahezu überall zu einer Überforderung.
Nach einem Höchststand von 100
Millionen Tonnen im Jahr 1989 ist die Weltfischfangmenge seither bis auf 98 Millionen Tonnen im
Jahr 1993 gesunken. Zusammen mit dem anhaltenden Bevölkerungswachstum hat dieser Schwund
innerhalb von fünf Jahren zu einem 9prozentigen
Rückgang beim Pro-Kopf-Angebot von Meerestieren
geführt, und dieser Zustand wird sich in absehbarer
Zukunft fortsetzen.
Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der
Vereinten Nationen (FAO), die Fischfangmenge und
Fischbestände überwacht, gibt an, daß der Fischfang
in allen 17 wichtigen Fischgründen der Weltmeere
heute seine Kapazitätsgrenze erreicht oder bereits
überschritten hat. In neun Fischgründen gehen die
Fischbestände bereits zurück. Dies bedeutet nicht
nur einen drohenden Schwund des Angebots an
Meerestieren sondern auch den Verlust von Arbeitsplätzen in der Fischereibranche. Kurzum: der
heutige Umfang des Fischfangs in vielen Fischgründen ist unter Umweltgesichtspunkten nicht
aufrechtzuerhalten.

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Auch die Weideflächen der Welt, die Lebensgrundlage für Rinder, Schaf- und Ziegenherden bilden,
beginnen an ihre Grenzen zu stoßen. Wie im Falle
der Fischgründe, hat auch die Nutzung der Weideflächen nahezu überall ihre Kapazitätsobergrenze
erreicht oder bereits überschritten. Wo der Viehbestand die Belastbarkeit übersteigt, verwandelt sich
Weideland nach und nach in Ödland. Dies tritt am
augenfälligsten in den ländlich geprägten Volkswirtschaften Afrikas und Mittelasiens zutage, wo die
Verödung von Weideflächen die Hirten ihres Lebensunterhalts beraubt und viele von ihnen dazu zwingt,
in die Städte oder in Lager abzuwandern, in denen
sie mit Nahrung versorgt werden.
Auch der Druck auf die Anbauflächen der Welt, von
denen zwei Drittel der Getreideproduktion dienen,
wird in zahlreichen Ländern unerträglich und führt zu
ausgedehnter Bodenerosion. Zwischen 1950 und
1984 stieg die Weltgetreideproduktion um das 2,6fache, und der Pro-Kopf-Verbrauch an Getreide erhöhte
sich um 40 Prozent. In den neun Jahren danach
stieg dieser um weniger als ein Zehntel, woraus sich
eine Abnahme der Getreideproduktion pro Kopf um
rund 12 Prozent ergibt. Obwohl Umweltverträglichkeit
ein wissenschaftlich begründetes Konzept ist, hat die
Nichtbeachtung ihrer Gesetze wirtschaftliche und
gesellschaftliche Folgen. So führt beispielsweise das
Versäumnis, die Nachfrage nach Meerestieren an
den langfristig vertretbaren Ertrag der Fischgründe
anzupassen zu deren Kollaps und zum Rückgang
des weltweiten Pro-Kopf-Verbrauchs von Fisch.
Dieselbe Aussage kann für die Weideflächen getroffen werden. Bei Anbauflächen führen die begrenzte
Verfügbarkeit fruchtbaren Ackerlandes, das im
Rahmen des Wasserkreislaufs vorhandene begrenzte
Wasserdargebot sowie das begrenzte Ansprechen
auf Düngemittel zu einem Rückgang des Pro-KopfVerbrauchs von Nahrungsmitteln. In einigen Fällen
ist er unter das überlebensnotwendige Maß gesunken.
Eine Wirtschaft, die Umweltverträglichkeit außer acht
läßt, wird zwangsläufig verfallen und schließlich
zusammenbrechen. Die Nichtbeachtung der Prinzipien der Umweltverträglichkeit kann deshalb letztlich
auch einen Tribut an Menschenleben fordern.

Getreidevorräte und -preise
Zwischen 1993 und 1994 werden die Überschußbestände an Getreide, also die Menge, die zu Beginn
der neuen Ernte noch vorhanden ist, voraussichtlich
von 351 Millionen auf 294 Millionen Tonnen sinken.
Dieser Rückgang wurde lediglich im Jahr 1989
übertroffen, als der Schwund 93 Millionen Tonnen
betrug. Am Tagesverbrauch gemessen, werden die

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�Vorräte von 76 Tagen im Jahr 1993 auf 62 Tage im
Jahr 1994 fallen - den niedrigsten Stand seit Mitte
der siebziger Jahre.
Die Vorräte sind bei allen Getreidesorten geschrumpft, aber am dramatischsten verlief diese
Entwicklung beim Reis, wo sie nur noch für 41 Tage
ausreichen. In jedem der vergangenen drei Jahre
lag der weltweite Reisverbrauch über der produzierten Menge, so daß die Vorräte abgebaut wurden.
Da die Überschußbestände im Jahr 1994 den Bedarf
erwartungsgemäß nur geringfügig übersteigen
werden, ist die Konkurrenz um das für Ausfuhren
verfügbare Angebot hart geworden. Infolgedessen
haben sich die Weltmarktpreise für Reis zwischen
Ende August 1993 und Mitte November verdoppelt.
Für einkommensschwache Personen in Reisimportländern, die bereits 70 Prozent ihres Einkommens
für Nahrungsmittel aufwendeten, ist die Erhaltung
der Umwelt zu einer sehr persönlichen Angelegenheit geworden.
Für das Jahr 1994 lautet die große Frage, ob die
Reisbauern in Asien, wo neun Zehntel dieser Frucht
angebaut werden, die Erträge soweit steigern können, daß sie nicht nur mit der weltweit steigenden
Nachfrage Schritt halten, sondern sie soweit übertreffen können, um wieder Vorräte anzulegen.
Gelingt ihnen dies nicht, werden hohe Reispreise
möglicherweise ebenso wie hohe Fischpreise Teil
der wirtschaftlichen Szenerie werden.

Eine tragbare Weltbevölkerung
Auf vielfältige Art und Weise besteht die Hauptbedrohung einer umweltverträglichen Zukunft für die
meisten Länder in der Zunahme der Weltbevölkerung um nahezu 90 Millionen Menschen jährlich.
Dies ist am augenfälligsten in der Dritten Welt, wo
rund 94 Prozent dieses Zuwachses stattfinden und
wo die vor Ort bestehenden Systeme zur Sicherung
des Überlebens bereits im Verfall begriffen sind.
Tatsächlich ist es heute schwierig, irgendein Entwicklungsland zu finden, in dem die Anforderungen
durch den Menschen die langfristig vertretbare
Nutzung von Wäldern und Weideflächen nicht
übertreffen.
Wassermangel breitet sich aus und führt zur Konkurrenz zwischen Industrie, Wohnungssektor und
Landwirtschaft um das immer unzureichendere
Angebot. In einigen Fällen hat die Abzweigung von
Brauchwasser für nichtlandwirtschaftliche Zwecke
eine reduzierte Nahrungsmittelproduktion zur Folge.

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Die Welt tritt in eine neue Phase des durch rapides
Bevölkerungswachstum gekennzeichneten Zeitalters
ein, in der Fischer und Bauern die Erträge nicht mehr
in dem Maß steigern können, um mit der Bevölkerungszahl Schritt zu halten. Dies bedeutet, daß der
Bedarf der Jahr für Jahr nahezu 90 Millionen zusätzlichen Menschen nur durch die Reduzierung des
Verbrauchs unter der bereits vorhandenen Bevölkerung gedeckt wird. Der Tag wird kommen, an dem
sich diese neue Realität ihren Platz auf der Tagesordnung der Weltpolitik erkämpft, und dies wird zu
einem verstärkten Interesse an Bevölkerungspolitik,
Familienplanung sowie Umverteilung und Gerechtigkeit führen als heute.

Ausgaben für den Frieden
In den letzten Jahren haben wir eine rasche Ausweitung von friendenssichernden Maßnahmen der
Vereinten Nationen erlebt. Im Jahr 1993 erreichten
die einst nach Millionen Dollar bemessenen Ausgaben 3 Milliarden Dollar und haben sich damit seit
1987 nahezu verdreizehnfacht.
In diesen Jahren wurde die friedenssichernde Rolle
der Vereeinten Nationen mit dem sprunghaften
Wachstum von Zahl, Umfang und Komplexität ihrer
Friedensmissionen mit Leben erfüllt. Die drei größten
friedenssichernden Interventionen (Kambodscha, das
ehemalige Jugoslawien und Somalia) wurden in
diesem Zeitraum eingeleitet.
Die erweiterte Rolle der Vereinten Nationen bei der
Bewahrung des Friedens in den neunziger Jahren
kommt den Vorstellungen ihrer Begründer stärker
entgegen. Friedenssicherung ist häufig politisch
komplex und deshalb schwierig zu bewältigen.
Darüber hinaus ist sie mit Finanzierungsproblemen
verbunden, und die Mitgliedstaaten waren bei der
Bezahlung ihres Anteils an den geschätzten Kosten
säumig, so daß die Vereinten Nationen 1993 ausstehende Zahlungen von 993 Millionen Dollar verzeichneten, gelinde gesagt eine prekäre Situation.
Das Verhältnis zwischen den Ausgaben, die von den
Regierungen für ihre nationalen Streitkräfte aufgewendet werden und den Beiträgen für friedenssichernde Maßnahmen der Vereinten Nationen, das vor
wenigen Jahren noch etwa 2000 zu 1 betrug, liegt
heute ungefähr bei 250 zu 1. Der große Vorteil einer
internationalen Sicherheitsstreitmacht der Vereinten
Nationen liegt darin, daß sie nationalen Regierungen
den Abbau der Militärausgaben erleichtern und damit
Mittel freisetzen könnte, um auf die neue Bedrohung
der Sicherheit zu reagieren - die fortschreitende
Schädigung der Umwelt auf unserem Planeten.

AMERIKA DIENST 10

�PORTRAT
15. März 1995

Designierter CIA-Direktor ist innovativer Denker
Porträt von John Deutch
WASHINGTON - (AD) - John Deutch, Präsident
Clintons Wahl für den Leiter des US-Geheimdienstes CIA, ist ein aggressiver Technokrat, der sowohl
im Regierungsapparat als auch im Privatsektor zu
Hause ist.
Deutch demonstriere auch "die Art von innovativem
Denken, das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen", stellte Präsident Clinton bei der Bekanntgabe
der Nominierung von Deutch am 11. März 1995 fest.
Vorbehaltlich seiner Bestätigung durch den Senat
wird Deutch, zur Zeit Stellvertretender Verteidigungsminister, die Leitung der Central Intelligence Agency
übernehmen - einer Organisation, die ihre Rolle in
einer neuen, von den Realitäten des Kalten Krieges
weit entfernten Welt zu definierten versucht. Nach
dem Spionageskandal um Aldrich Arnes ist das Amt
mit Ermittlungen befaßt, wie die CIA-Beschäftigten
die Warnsignale für das ignorieren konnten, was sich
als schlimmster Verrat in der Geschichte des CIA
entpuppte. Die Behörde kämpft gegen die demoralisierenden Auswirkungen des Personalabbaus an,
versucht eine Entscheidung bezüglich der Rolle zu
treffen, die sie in einer multipolaren Welt spielen
wird, und sieht sich einer gründlichen Überprüfung
durch mehrere Überwachungsausschüsse des
Kongresses ausgesetzt, die mit der Entscheidung
über die Zukunft der Geheimdienste in den Vereinigten Staaten beauftragt sind.

ment eindeutig unter Beweis zu stellen, werde er
Deutch als CIA-Direktor "im Falle seiner Bestätigung
in mein Kabinett berufen".
Aufgabe des CIA-Direktors - der nominell die Geheimdienste des US-Militärs und der Nationalen
Sicherheitsbehörde überwacht - ist das Erstellen und
Analysieren von Daten sowie deren Vorlage im
Weißen Haus, im Nationalen Sicherheitsrat und
Außenministerium.
Im Pentagon entwickelte Deutch enge Beziehungen
zu Präsident Clinton und übernahm eine führende
Rolle bei der Überprüfung des Einsatzkonzepts der
Nuklearstreitkräfte der Vereinigten Staaten und der
Modernisierung der Waffensysteme. Der Präsident
erklärte, Deutch habe sich "mit der Arbeit der Geheimdienste äußerst vertraut gemacht", indem er
einen Plan zur Beseitigung von Duplizität zwischen
zivilen und militärischen Geheimdienstoperationen
ausarbeitete. Dem Präsidenten zufolge demonstriert
diese Leistung auch die Art von innovativem Denken,
das wir zur Bewältigung der neuen Herausforderungen der Zeit nach dem Kalten Krieg benötigen.

Der Präsident kündigte an, Deutch werde als CIADirektor Kabinettsrang erhalten und nachrichtendienstliche Erkenntnisse besser in die Formulierung
der nationalen Sicherheitspolitik einbeziehen. Das
ist außergewöhnlich für den Direktor der Central
Intelligence Agency - nur der inzwischen verstorbene
Direktor William Casey hatte eine vergleichbare
Position in der Regierung inne.

Deutch war Chemieprofessor an der Princeton
University, Provost des Massachusetts Institute of
Technology (M.I.T.), Staatsminister im Energieministerium unter der Carter- Administration, Mitglied des
Beratungsgremiums für Auslandsgeheimdienste in
der Bush-Administration sowie Staatssekretär im
Verteidigungsministerium und Stellvertretender
Verteidigungsminister unter Präsident Clinton. Ferner
hatte Deutch Funktionen bei der National Science
Foundation und beim Museum of Fine Arts in Boston
inne. Er war Treuhänder des Wellesley College und
Mitglied der Trilateral Commission. Deutch machte
seinen Abschluß am Amherst College und erwarb
einen akademischen Grad in Industriechemie und
physikalischer Chemie am M.I.T.

Präsident Clinton äußerte, er messe der Verbesserung der Fähigkeit des Landes zur Erstellung und
Analyse nachrichtendienstlicher Daten "höchste
persönliche Priorität bei", und um dieses Engage-

Deutch ließ sich nur zögernd von seiner Nominierung
als CIA-Direktor überzeugen und hatte Präsident
Clinton gegenüber bereits zuvor erklärt, er bevorzuge
es, im Verteidigungsministerium zu bleiben. Berich-

AMERIKA DIENST 10

Seite 1

�ten zufolge stimmte er zu, die Position anzunehmen,
als sie ihm das zweite Mal angeboten und ihm der
Kabinettsrang zugesichert wurde.
Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Mike
McCurry, äußerte vor Journalisten am 13. März,
Deutch werde mit "den besten verfügbaren Fakten
und ... Analysen" am Entscheidungsprozeß teilhaben, die "ausschlaggebend für die Bewältigung der
Herausforderungen sind, mit denen sich die Vereinigten Staaten in dieser neuen Welt konfrontiert
sehen".
McCurry fügte hinzu, der Präsident vertrete die
Auffassung, der Kabinettsrang werde "der Position
im Geheimdienst bei außenpolitischen Erörterungen
zusätzliche Bedeutung verleihen".
Dem Pressesprecher zufolge hat Clinton beschlossen, den Posten in Kabinettsrang zu erheben, "um
das Sammeln nachrichtendienstlicher Erkenntnisse
in die außenpolitische Diskussion im Weißen Haus
einzubeziehen. Darin spiegele sich die Ansicht des
Präsidenten wider, daß in der neuen Informationswelt, in der wir leben, die richtigen Entscheidungen
zu treffen äußerst wichtig wird, und Dr. Deutch als
Chefanalyst dieser Informationen Beiträge zu den
laufenden Gesprächen aus dieser Perspektive
leisten kann."

Der Präsident entschied sich für Deutch, nachdem
der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns
seine Bewerbung zurückgezogen hatte. Clintons
Wahl war nach dem Rücktritt von James Woolsey als
CIA-Direktor auf Carns gefallen. Mit der Aussage, er
wolle seine Familie nicht Vorwürfen in der Presse
aussetzen, zog Carns seine Kandidatur zurück,
nachdem bekanntgeworden war, daß er unabsichtlich
das amerikanische Einwanderungsgesetz gebrochen
hatte, indem er einem Verwandten eines ehemaligen
Angestellten bei der Einreise in die Vereinigten
Staaten behilflich gewesen war.
"Die traurige Wahrheit", erklärte Präsident Clinton bei
der Annahme von Carns Rücktrittsgesuch, "ist, daß
wir in einer Zeit leben, in der selbst die beispielhaftesten Personen vom Dienst in der Regierung aus
Angst abgehalten werden, ihre Karriere könnte
Schaden nehmen ... ihre Leistungen ignoriert und ...
ihre Familien während des Bestätigungsprozesses
verleumdet werden."
McCurry stellte fest, Deutch haben den Anhörungsprozeß des Senats in den vergangenen Monaten
zweimal durchlaufen, das letzte Mal im vergangenen
Jahr bei seiner Bestätigung als zweithöchster Beamter im Verteidigungsministerium, "so daß das
meiste Material und die Hintergrundinformationen
relativ aktuell sind und erst vor kurzem in den Händen des Senats waren. Eventuell zusätzlich erforderliche Informationen werden wir erstellen."

* * * * *

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