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dienet

Herausgeben U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

9. März 1995

SONDERDIENST

USA-EUROPA

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

AMERIKA - EINE EUROPAISCHE MACHT
von Richard C. Holbrooke

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�USA-EU ROPA
9. März 1995

Amerika - eine europäische Macht
von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Richard C. Holbrooke ist Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der nachfolgende Artikel wird in Foreign Affairs, März/April 1995,
veröffentlicht. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April
1995. Copyright (c) 1995, Council on Foreign Relations, Inc.

Die neue Sicherheitsarchitektur

Die vierte architektonische Ära

Präsident Clinton hat im vergangenen Jahr vier
Europareisen gemacht. Daß der Präsident diesem
Kontinent so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet,
unterstreicht eine unausweichliche, aber wenig
bekannte Tatsache: Die Vereinigten Staaten sind in
einer Weise zu einer europäischen Macht geworden,
die über die herkömmlichen Bekräftigungen der
amerikanischen "Verpflichtung" zu Europa hinausgeht. Im 2 1 . Jahrhundert benötigt Europa immer
noch das aktive Engagement der Vereinigten Staaten, das seit einem halben Jahrhundert ein notwendiges Element des Gleichgewichts auf dem Kontinent war. Umgekehrt würde ein instabiles Europa
weiterhin die entscheidenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten bedrohen. Dies
gilt heute ebenso wie während des Kalten Krieges.

Seit der Französischen Revolution hat Europa nur
dreimal seine grundlegende Sicherheitsarchitektur auf
friedliche Weise neu gestaltet. Heute befindet sich
der Kontinent inmitten der vierten architektonischen
Ära der vergangenen beiden Jahrhunderte. Die 1815
beim Wiener Kongreß entworfene erste postnapoleonische Sicherheitsarchitektur für Europa trug 99 Jahre
lang zur Verhinderung eines alles vernichtenden
Kontinentalkrieges bei.
Die jungen Vereinigten
Staaten, die in nur 40 Jahren zwei Kriege mit England geführt hatten, bewahrten - allerdings zum
letzten Mal - erfolgreich Distanz.

Ich möchte damit natürlich nicht andeuten, daß sich
nichts geändert hat. Das Ende des Kalten Krieges,
das am besten an diesem symbolischen Moment um
Mittemacht am 25. Dezember 1991 festgemacht
werden kann, als die sowjetische Flagge zum letzten
Mal vom Kreml eingeholt wurde, leitete ein Zeitalter
des Wandels von historischen Ausmaßen ein.
Lokale Konflikte, innenpolitische und wirtschaftliche
Instabilität sowie das Wiederauftreten historischer
Mißstände sind jetzt an die Stelle des sowjetischen
Expansionismus als größte Bedrohung des Friedens
in Europa getreten. Westeuropa und die Vereinigten
Staaten müssen gemeinsam sicherstellen, daß
tolerante Demokratien in ganz Europa Fuß fassen
und die schwelenden, erbitterten, ungelösten Konflikte der Vergangenheit eingedämmt und behoben
werden.

AMERIKA DIENST 09

In der zweiten Periode der Umgestaltung spielte
Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles eine
zentrale Rolle, aber die Vereinigten Staaten zogen
sich fast unverzüglich aus eben den Strukturen
zurück, zu deren Gestaltung sie beigetragen hatten,
was zu ihrer Schwächung führte und die tragische
Wiederholung des totalen Krieges 20 Jahre später
praktisch garantierte. Als sich 1945 die dritte Chance
ergab, bauten die Großmächte anfänglich ein auf
Jalta, Potsdam und die Vereinten Nationen gegründetes System auf. Aber ab 1947, als die Staats- und
Regierungschefs des Westens erkannten, daß dieses
System zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nicht ausreichte, gestalteten sie das erfolgreichste kollektive Sicherheitssystem in Friedenszeiten auf der Grundlage der Truman-Doktrin, des
Marshallplans, der NATO, der atlantischen Partnerschaft - und der amerikanischen Führungsrolle.
Diese kreative Architektur spiegelte die Ziele des
amerikanischen Engagements der Nachkriegszeit in
Europa wider. Das Engagement der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit muß sich wieder auf
alte und neue Strukturen konzentrieren. Dieses Mal
müssen die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle

Seite 1

�bei der Gestaltung einer Sicherheitsarchitektur
übernehmen, die ganz Europa einbezieht und dadurch stabilisiert - den Westen, die ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten Mitteleuropas und vor
allem Rußland und die Republiken der ehemaligen
Sowjetunion.
Alle entscheidenden Beteiligten an der neuen Sicherheitsgleichung in Europa - die Vereinigten
Staaten, die west- und mitteleuropäischen Länder
sowie die anderen Nationen der früheren Sowjetunion - wünschen ein friedliches, stabiles und
demokratisches, in die Institutionen eines ungeteilten
Europa integriertes Rußland. Seit das neue, demokratische Westdeutschland erfolgreich in die politische Sicherheitsarchitektur Europas nach dem
Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde, hat es kein
wichtigeres politisches Ziel in Europa gegeben. Aus
diesem und anderen Gründen ist die im folgenden
eingehender erörterte Krise in Tschetschenien so
beunruhigend.
Glücklicherweise bietet ein Großteil der hervorragenden Strukturen der Nachkriegszeit eine nützliche Grundlage für die Schaffung von Stabilität. Die
essentielle Herausforderung besteht in der Bewahrung des Zusammenhalts dieser Strukturen, der
Projektion ihres Einflusses und Anpassung an neue
Gegebenheiten, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verwässern.
Anhand des Nachkriegskalenders sind die Vereinigten Staaten jetzt ein bißchen weiter als am
Ende des Frühjahrs 1947, als Außenminister George
C. Marshall seine historische Rede an der Harvard
University hielt. Der von ihm an jenem Tag dargelegte Marshallplan war kein Almosen, sondern
vielmehr ein Programm der Hilfe und Kredite, das
einen Anreiz für die Zusammenarbeit zwischen den
europäischen Staaten bieten sollte. Und es ist
wichtig, sich daran zu erinnern, daß Marshall den
Plan nicht nur Westeuropa, sondern auch der
Sowjetunion anbot, die ihn für sich und ihre Satelliten ablehnte und statt dessen eine 45jährige Epoche
einleitete, die eine gesamte Region zu politischem
und wirtschaftlichem Ruin verdammte.
Ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
anfängliche Euphorie einer nüchterneren Einschätzung der neuen und alten Probleme gewichen. Die
Tragödie in Bosnien schmälert nicht die Verantwortung zum Aufbau neuer umfassender Beziehungsstrukturen zur Gestaltung einer neuen Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, Bosnien, das größte
kollektive sicherheitspolitische Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren, unterstreicht nur die
Dringlichkeit dieser Aufgabe.

Seite 2

Im Jahr 1947 lernten die Amerikaner, daß denjenigen
mit der größten Fähigkeit zur Bewahrung des Friedens eine besondere Verantwortung zur Hilfestellung
beim Aufbau stabiler Strukturen in neuen demokratischen Nachbarländern zukommt. Damals waren nur
die Vereinigten Staaten sicher und wohlhabend
genug, um Westeuropa die erforderliche Hilfe zu
bieten. Heute müssen ein ebenso wohlhabendes
Europa (und Japan, das ein Interesse an einem
stabilen Europa hat und davon profitiert) den Großteil
der aktuellen Finanzhilfe übernehmen, aber die
Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine führende
Rolle spielen. Mit den Worten von Außenminister
Christopher besteht das zentrale Ziel der Vereinigten
Staaten darin, "die Rechte und Pflichten der liberalen
Handels- und kollektiven Sicherheitsordnung, die
Pfeiler der Stärke für den Westen waren, auf ganz
Europa auszuweiten".
Eine letzte Lektion des Marshallplans ist ebenso
wichtig. Diejenigen, die Unterstützung erhalten,
müssen ihre eigene Zukunft aufbauen. Die neuen
Demokratien müssen durch verantwortungvolles
Verhalten gegenüber ihren Nachbarn und beim
Aufbau von Demokratie von innen heraus zu ihrer
eigenen Sicherheit beitragen.
Die Vereinigten
Staaten verstehen, begrüßen und ermutigen den
Wunsch der neuen europäischen Demokratien, dem
Westen durch die Mitgliedschaft in seinen wichtigsten
Institutionen beizutreten. Aber die NATO, die Europäische Union und die anderen entscheidenden
Institutionen des Westens sind keine Clubs, denen
man einfach durch das Ausfüllen eines Antrags auf
Mitgliedschaft beitritt. Mit der Zeit hat jede dieser
Institutionen Werte und Pflichten entwickelt, die von
jedem neuen Mitglied akzeptiert werden müssen.
Die Herausforderung für Mitteleuropa
Alle Pläne für die neue Sicherheitsarchitektur Europas müssen sich zuerst auf Mitteleuropa konzentrieren - den Nährboden von mehr Unruhen und
Tragödien in diesem Jahrhundert als jedes andere
Gebiet auf dem Kontinent. Die beiden destruktivsten
Kriege in der Geschichte der Menschheit nahmen in
Ereignissen auf dem Boden Mitteleuropas ihren
Anfang, und der Kalte Krieg wurde in seinen alten
und geschichtsträchtigen Städten geführt - alles
innerhalb der letzten 80 Jahre.
Bei anderen historischen Wendepunkten wurde
dieses Gebiet ebenfalls vernachlässigt. Erst die
Verträge von Versailles und Trianon, dann die
Abkommen von Jalta und Potsdam und schließlich
der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums diese drei zentralen Ereignisse hinterließen in ganz
Mitteleuropa ein Vermächtnis ungelöster und häufig
widersprüchlicher historischer Ressentiments, Ambi-

AMERIKA DIENST 09

�tionen und - was am gefährlichsten war - territorialer
und ethnischer Konflikte. Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind diese Länder
weiterhin anfällig für die gleichen, häufig durch die
Obsession verschärften Probleme, tatsächliches oder
eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Wenn sich diese Bösartigkeiten verbreiten wie sie es bereits in Teilen des Balkan und des
Transkaukasus getan haben - steht die generelle
europäische Stabilität erneut auf dem Spiel. Und für
Deutschland und Rußland - die beiden großen
Nationen an den Flanken Mitteleuropas - war Unsicherheit historisch gesehen ein Hauptfaktor für
aggressives Verhalten.
Aber wenn es große Probleme gibt, so gibt es auch
große Möglichkeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Nationen in dieser Region die
Chance, sich gleichzeitig der Stabilität, Freiheit und
Unabhängigkeit auf der Grundlage eines anderen
Anfangs zu erfreuen: Der Annahme westlicher
demokratischer Ideale als gemeinsamer Basis für
ganz Europa. Die emotionale, aber auch praktische
Anziehungskraft des Westens kann die stärkste
einigende Kraft sein, die Europa seit Generationen
erlebt hat - aber nur, wenn unnötige Verzögerungen
nicht die Chancen vereiteln.
Der Westen verdankt einen Großteil seines Erfolgs
den in den vierziger und fünfziger Jahren gegründeten großartigen Institutionen. Sie haben eine wichtige innenpolitische Funktion für ihre Mitglieder und
projizieren ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit
auf andere. Wenn diese Institutionen neuen Mitgliedern verschlossen blieben, würden sie immer
weiter von den neuen Herausforderungen isoliert
und weniger relevant für die Probleme der Welt nach
dem Kalten Krieg. Es wäre eine Tragödie, wenn der
Westen aufgrund von Verzögerungen oder Unentschlossenheit zur Schaffung von Bedingungen
beitragen würde, die zu eben den von ihm am
meisten gefürchteten Problemen führten.
Der
Westen muß in Wort und Tat so bald wie möglich
eine Erweiterung nach Mitteleuropa vornehmen, und
die Vereinigten Staaten sind bereit, den Weg anzuführen. Stabilität in Mitteleuropa ist unabdingbar für
die allgemeine europäische Sicherheit, und diese ist
noch lange nicht gewährleistet.
Die Bausteine
Der zentrale Sicherheitspfeiler der neuen Architektur
ist eine ehrwürdige Organisation:
die NATO.
Einigen mag das 45 Jahre alte atlantische Bündnis
irrelevant oder schlecht gerüstet für die Herausforderungen des neuen Europa erscheinen. Andere
verleitet die außerordentliche Erfolgsbilanz der
NATO zu der Annahme, daß nichts geändert werden

AMERIKA DIENST 09

muß. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen falsch.
Die Erweiterung der NATO ist eine logische und
unerläßliche Konsequenz des Verschwindens des
Eisernen Vorhangs und der Notwendigkeit einer
Ausweitung der europäischen Einheit auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte. Aber
selbst vor der NATO-Erweiterung spielen ihre Stärke
und ihr Know-how bereits eine wichtige Rolle beim
Aufbau eines neuen Gefühls der Sicherheit in ganz
Europa.
Vor Jahrzehnten zur Abwehr einer einzigen, klar
definierten Bedrohung konzipiert, steht die NATO erst
am Anfang einer historischen Umgestaltung. Der
Hauptzweck der kollektiven Verteidigung der NATO
bleibt bestehen, aber neue Ziele und Programme
wurden hinzugefügt. Kollektives Krisenmanagement,
Streitkräfteprojektion out-of-area und die Förderung
von Stabilität in Richtung Osten durch die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PFP)
sowie andere Programme wurden in die Wege
geleitet. Die Befehlsstrukturen wurden modernisiert.
Bisher zur Bekämpfung eines möglichen sowjetischen
Angriffs über Mitteleuropa hinweg konzentrierte
statische Streitkräfte wurden in ein leichter bewaffnetes, mobiles und flexibles multinationales Korps
umgewandelt, das auf eine unterschiedliche, weniger
stabile Welt reagieren kann.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat und die Partnerschaft für den Frieden wurden speziell für die Einbeziehung der Nichtmitglieder der NATO eingerichtet. Sie verdienen vermehrte Aufmerksamkeit, insbesondere das kreative
neue Konzept, das so passend Partnerschaft für den
Frieden genannt wurde. In nur einem Jahr wurde die
innovative Idee zum integralen Bestandteil der
europäischen Sicherheitsszene - wird jedoch weiterhin leicht mißverstanden und unterschätzt.
Im
Gegensatz zu dem weitverbreiteten Eindruck ist die
PFP nicht eine einzige Organisation, sondern eine
Reihe individueller Abkommen zwischen der NATO
und - jüngsten Zahlen zufolge - 24 anderen Ländern
von Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands.
Jedes "Partnerland" entwirft ein individuelles Programm zur Erfüllung seiner Erfordernisse.
Die PFP ist ein unschätzbares Instrument, das die
NATO und die einzelnen Partner zur Zusammenarbeit
ermutigt. Sie hilft den neuen demokratischen Staaten
bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer Streitkräfte sowie dem Erlernen
neuer Formen von Militärdoktrin, Umweltschutz und
Katastrophenhilfe. In der Zukunft wird sie einen
Rahmen bieten, in dem die NATO und die individuellen Partner bei Krisenmanagement und Friedenssicherungsmissionen out-of-area kooperieren können.

Seite 3

�Die PFP hat ihren Wert unverzüglich unter Beweis
gestellt. Im ersten Jahr ihrer Existenz hielten die
Verbündeten und Partner gemeinsame Übungen in
Polen, den Niederlanden und im Nordatlantik ab.
Zehn Partner haben bereits Verbindungsbüros zu
den militärischen Kommandobehörden eingerichtet.
Sechzehn Partner haben gemeinsame Aktivitäten mit
der NATO aufgenommen, und andere werden
folgen. Ein Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß wurde innerhalb der Partnerschaft zur
Förderung von Kompatibilität und Transparenz
zwischen Verbündeten und Partnern in die Wege
geleitet. Die PFP ist ferner ein Instrument für die
Partner, mehr über die NATO-Verfahren und Normen zu lernen und dabei jedem Partner bei einer
informierten Entscheidung behilflich zu sein, ob er
für eine Mitgliedschaft im Bündnis in Betracht
gezogen werden möchte.

verpflichteten sich - wiederum auf Initiative der
Vereinigten Staaten - zu einem Zweiphasenprogramm
für 1995. Während der ersten Hälfte dieses Jahres
wird die NATO bei einer bereits eingeleiteten internen
Diskussion über die Prinzipien und den Prozeß für
die Erweiterung der neuen NATO der Zeit nach dem
Kalten Krieg entscheiden. Dann, in den Monaten vor
dem Ministertreffen im Dezember 1995, wird die
Meinung der NATO zu diesen beiden Themen "Warum" und "Wie" - den PFP-Mitgliedern einzeln
vorgelegt, die Interesse an solchen Gesprächen
bekundet haben. Dieser entscheidende Schritt wird
das erste Mal sein, an dem detaillierte Diskussionen
zu diesem Thema außerhalb des Bündnisses stattfinden werden. Die Minister werden dann im Dezember wieder in Brüssel zusammenkommen und die
Ergebnisse der Gespräche mit den Partnern vor der
Entscheidung über das weitere Vorgehen auswerten.

Aus der Perspektive des Bündnisses wird die PFP
einen wertvollen Rahmen zur Beurteilung der Fähigkeit jedes Partners zur Übernahme der Pflichten der
NATO-Mitgliedschaft - einen Test für ihre Fähigkeiten - schaffen. Und für die Partner, die nicht Mitglied der NATO werden, wird die PFP eine Struktur
fürzunehmend enge Zusammenarbeit mit der NATO
bieten - an sich schon ein wichtiger Baustein für die
europäische Sicherheit. Wenn die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten verwirklicht werden - und das
erste Jahr gibt berechtigten Anlaß zu Optimismus wird die PFP dauerhafter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene, selbst während die NATO
einige, aber nicht alle PFP-Mitglieder einbezieht.

Dieser Prozeß, der in jeder Phase der Zustimmung
aller 16 NATO-Mitgliedstaaten bedarf, befindet sich
noch im Anfangsstadium. Er wird noch nicht überall
verstanden. Angesichts der Bedeutung der NATO
überrascht es nicht, daß einige außenstehende
Beobachter den Prozeß beschleunigen wollen,
während andere seinen Beginn gar nicht erst wünschen. Die Clinton-Administration und ihre NATOVerbündeten haben sich nach einigen anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten für einen allmählichen
und überlegten Mittelkurs entschieden und den
Prozeß begonnen.

l

Mehrere wesentliche Punkte sollten hervorgehoben
werden:

Die Erweiterung der NATO
Kein Thema ist wichtiger, kontroverser oder leichter
mißzuverstehen als das, ob die NATO ein Bündnis
mit seinen derzeit 16 Mitgliedern bleiben oder eine
Erweiterung vornehmen soll, und wenn sie diese
Erweiterung vollzieht - warum, wo, wann und wie.
Am Beginn eines wichtigen Jahres für diese Entscheidungen ist es nützlich, die Position der Vereinigten Staaten zu dieser Frage und ihre Zielsetzung zu klären.
1994 war im wesentlichen ein Jahr, in dem die
NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten die
Entscheidung über die mögliche Erweiterung traf.
Diese Entscheidung wurde beim Gipfeltreffen von
Brüssel im Januar erzielt und von Präsident Clinton
während seiner Europareise im Juni vergangenen
Jahres bekräftigt, als er feststellte, die Frage laute
nicht länger, ob die NATO erweitert wird, sondern
wie und wann.
Im Dezember letzten Jahres kamen die NATOAußenminister erneut in Brüssel zusammen und

Seite 4

Erstens. Ziel bleibt die Verteidigung der vitalen
Interessen des Bündnisses und die Förderung
europäischer Stabilität. Die NATO-Erweiterung muß
zu einer Erhöhung der Sicherheit in der gesamten
Region führen, einschließlich der Nichtmitgliedstaaten. Ziel ist die Förderung von Sicherheit in Mitteleuropa durch die Integration von Staaten, die sich für
die Aufnahme in den stabilisierenden Rahmen der
NATO eignen.

Zweitens. Das Grundprinzip und Verfahren einer
NATO-Erweiterung - nachdem diese beschlossen
wurde - transparent, nicht geheim. Sowohl Warschau
als auch Moskau beispielsweise werden Ende dieses
Jahres von der NATO dieselben Informationen
erhalten, und beide sollten über sämtliche Überlegungen des Bündnisses in Kenntnis gesetzt werden
um zu verstehen, daß die NATO nicht länger als
gegen Rußland gerichtetes Bündnis angesehen
werden sollte. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinsky, Befürworter einer
schnellen Erweiterung, schrieb in der Ausgabe
Januar/Februar 1995 von Foreign Affairs: "Weder

AMERIKA DIENST 09

/
k

�das Bündnis noch seine möglichen neuen Mitglieder
sehen sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenüber. Das Gerede über ein neues Jalta oder eine
militärische Bedrohung durch die Russen ist nicht
gerechtfertigt, weder durch die jetzigen Gegebenheiten noch durch Katastrophenszenarien für die nahe
Zukunft. Aus diesem Grund sollte die Erweiterung
der NATO nicht durch gegen Rußland gerichtete,
herbeigeredete Hysterie vorangetrieben werden."
Drittens. Es existiert kein Zeitplan und keine Liste
möglicher Beitrittskandidaten. Die Antworten auf die
entscheidenden Fragen des "Wer" und "Wann"
werden nach Abschluß dieser Phase des Prozesses
gefunden.
Viertens. Jede Nation wird einzeln in Erwägung
gezogen, nicht als Mitglied einer Gruppierung.
Fünftens. Die Entscheidung darüber, wer der NATO
beitritt und wann, wird ausschließlich vom Bündnis
selbst gefällt. Kein Nichtmitgliedstaat bekommt ein
Vetorecht.
Sechstens. Obwohl noch nicht über die Kriterien für
eine Mitgliedschaft entschieden wurde, besitzen
einige im ursprünglichen Washingtoner Vertrag
enthaltene grundlegende Richtlinien heute ebensolche Gültigkeit wie 1949: Die neuen Mitglieder
müssen demokratische, marktwirtschaftliche, einer
verantwortlichen Sicherheitspolitik verpflichtete
Staaten sein, die einen Beitrag zum Bündnis leisten
können. Präsident Clinton formulierte es folgendermaßen: "Länder mit repressiven politischen Systemen, die etwas gegen ihre Nachbarstaaten im
Schilde führen, mit einem keiner zivilen Kontrolle
unterstehenden Militär oder geschlossenen Volkswirtschaften brauchen keinen Antrag auf Mitgliedschaft stellen."
Schließlich sollte man sich vor Augen führen, daß
der Beitritt jedes neuen Mitglieds für die Vereinigten
Staaten eine feierliche Verpflichtung darstellt: Einen
bilateralen Verteidigungsvertrag, durch den eine
weitere Nation in den Genuß des amerikanischen
Schutzschilds kommt. Dies erfordert die Ratifizierung durch eine Zweidrittelmehrheit des Senats, was
von Anhängern einer sofortigen Erweiterung oftmals
übersehen wird.
Ein umfassendes Sicherheitskonzept
Die NATO-Erweiterung kann nicht in einem Vakuum
stattfinden, denn dadurch würden nur die Ungleichgewichte und Instabilitäten verschärft, die man
eigentlich vermeiden wollte. Neben der NATO muß
eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen
zu der neuen Friedensstruktur beitragen. Die neue

AMERIKA DIENST 09

Architektur sollte sowohl Institutionen wie die NATO
und die EU einbeziehen, die eine wirkliche Integration
ihrer Mitglieder anstreben, als auch andere, wie die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die einen breiten, umfassenden
Rahmen für lockerere Formen der Zusammenarbeit
bieten.
Obwohl die EU vorwiegend eine politische und
wirtschaftliche Institution ist, leistet sie auch einen
wichtigen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Die
Integration westeuropäischer Nationen hat tatsächlich
territoriale Streitigkeiten, Unabhängigkeitsbestrebungen, soziale Spaltungen und ethnische Konflikte
überwunden, die die Gesellschaften Europas in
früheren Zeiten zerrissen.
Die Osterweiterung der EU (und die Süderweiterung
im Falle eines Beitritts von Zypern und Malta) wird
daher von immenser Bedeutung sein. Sie wird zur
Integration und Stabilisierung der beiden Hälften
Europas führen. Dieser Prozeß leitete den Beitritt
Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn
dieses Jahres ein. Europäische Abkommen verpflichteten die EU und sechs mitteleuropäische
Staaten ab dem 1. Januar 1995 zum freien Handel
mit Industrieprodukten, mit Ausnahme von Stahl und
Textilien, die 1996 und 1998 folgen werden. Man
erwartet, daß Slowenien und die baltischen Staaten
bald ähnliche Abkommen unterzeichnen. Im Dezember einigten sich die Staats- und Regierungschefs der
EU auf eine Strategie vor einem eventuellen Beitritt,
der im Falle der mitteleuropäischen Staaten, Zyperns
und Maltas wahrscheinlich Anfang des nächsten
Jahrhunderts erfolgen wird. Für Deutschland, das um den aussagekräftigen Satz Bundeskanzler Helmut
Kohls zu zitieren - "nicht unendlich lange Europas
östlichste Grenze bleiben kann", ist die Erweiterung
der EU besonders wichtig, weshalb Deutschland
diesen Prozeß während seiner EU-Präsidentschaft
einleitete.
Die Erweiterung der NATO und der EU wird nicht
exakt im gleichen Tempo erfolgen. Die Zusammensetzung ihrer Mitglieder wird nie identisch sein. Die
beiden Organisationen unterstützen sich aber eindeutig gegenseitig. Obwohl die Beziehungen zwischen NATO und EU komplex sind, insbesondere da
die EU sich um eine Neudefinition ihres Verhältnisses
zur WEU bemüht, um eine europäische Verteidigungsidentität zu schaffen, sind sie klar von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet. Die Erweiterung der beiden Organisationen ist für ein ungeteiltes
und stabiles Europa gleichermaßen wichtig.
Es wäre kontraproduktiv für die WEU, militärische
Strukturen zu schaffen, um die erfolgreiche europäische Integration zu kopieren, die bereits in der NATO

Seite 5

�erreicht wurde. Eine stärkere europäische Säule
des Bündnisses kann jedoch ein bedeutender
Beitrag zu europäischer Stabilität und transatlantischer Lastenteilung sein, falls dadurch nicht die
NATO geschwächt wird. Die WEU stellt eine neue
Prämisse für die kollektive Verteidigung auf: Die
Vereinigten Staaten sollten nicht das einzige NATOMitglied sein, das außerhalb Europas den Schutz
lebenswichtiger gemeinsamer Interessen gewährleisten kann.
Stärkung der OSZE
Weder die NATO noch die EU können alles für alle
sein, und die anderen größeren Organisationen
konzentrieren sich auf die Details. Aus diesem
Grund besteht im neuen architektonischen Konzept
Europas die Notwendigkeit einer größeren, lockereren, regionalen Sicherheitsorganisation - natürlich
kleiner als die Vereinten Nationen - die einen Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von Herausforderungen bietet, für deren Bewältigung weder die
NATO noch die EU vorgesehen sind und der NATOMitglieder und andere Länder auf der Basis der
Gleichberechtigung angehören.
Glücklicherweise existiert der Kern einer solchen
Struktur bereits seit einigen Jahren - die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
aus 53 Mitgliedern bestehende Institution mit ihren
Menschenrechtsverpflichtungen, Konsultationsmechanismen und ihrem Streben nach kooperativer
oder präventiver Diplomatie sollte in dem neuen
Europa eine Lücke füllen. Die durch die Schlußakte
von Helsinki im Jahr 1975 geschaffene KSZE stellte
durch ihren berühmten "Korb 3" unerwartet ein
Druckmittel im Bereich Menschenrechte und demokratische Werte bereit, das eine wichtige Rolle bei
der Untergrabung des Kommunismus spielte. Mitte
letzten Jahres war jedoch bereits klar, daß die KSZE
zwar interessante Möglichkeiten bot, jedoch weder
über den inneren Zusammenhalt noch über das
politische Mandat verfügte, die sie konfrontierenden
Herausforderungen zu bewältigen.
Moskau und die wichtigsten Verbündeten der NATO
teilten diese Ansicht. Im Herbst letzten Jahres
stimmten alle überein, daß die KSZE im Falle einer
NATO-Erweiterung gestärkt und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden sollte. Eine bedeutsame
Evolution dieser Organisation, einschließlich einer
Namensänderung, begann im Dezember 1994 beim
Budapester Gipfel, an dem Präsident Clinton und
Außenminister Christopher teilnahmen. Das Ergebnis waren eine Annäherung an ein klareres politisches und operatives Mandat, ein gestärkter Konsultationsmechanismus sowie ein neuer Status. Die

Seite 6

alte "Konferenz" wurde zu einer richtigen "Organisation" - die OSZE war geboren.
Die Rolle der neuen OSZE muß jetzt klarer definiert
werden. Statt durch juristische oder militärische
Aktionen ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen,
strebt sie eine Verbesserung der Sicherheit durch die
Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit auf
der Grundlage eines Konsenses an. Da ihre Mitglieder aus buchstäblich allen 24 Zeitzonen stammen
und eine enorme Vielfalt von Kulturen und Nationen
aufweisen, wird es innerhalb der OSZE öfter Uneinigkeit über die Umsetzung ihrer Normen geben.
Angesichts solcher Unstimmigkeiten muß die OSZE
aggressiver nach Gemeinsamkeiten suchen.
Heutzutage erfordert Sicherheit in Europa die frühzeitige Bewältigung potentieller Konflikte. Die OSZE
muß sich auf diesem Gebiet verdient machen,
ebenso wie das die KSZE bei der Verbreitung demokratischer Werte und Legitimierung von Menschenrechten tat. Die Organisation leistete - wenn auch in
begrenztem Maße - bahnbrechende Arbeit bei
Konfliktverhütung und Krisenmanagement durch
Innovationen wie die Berufung eines Hochkommissars für nationale Minderheiten sowie die Entsendung
von Missionen in Konfliktgebiete.
Die Vereinigten Staaten waren führend bei Innovationen innerhalb der OSZE. In Zukunft werden die
Vereinigten Staaten die Konsultations- und Konfliktverhütungsmechanismen der OSZE verstärkt nutzen.
Ziel ist es, die OSZE als integralen Bestandteil der
neuen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. In einer
Zeit großer Belastungen für die Vereinten Nationen
kann die OSZE als regionale Organisation gemäß
Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen eine
Vielzahl von Funktionen übernehmen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Vereinten
Nationen fallen würden. Die Teilnahme von UNOGeneralsekretär Boutros Boutros-Ghali am OSZEGipfel in Budapest unterstrich die Bedeutung einer
solchen Kooperation.
Die OSZE kann unter keinen Umständen ein Ersatz
für die NATO oder die EU sein. Die OSZE kann der
NATO keinesfalls überlegen sein; die Funktionen der
beiden Organisationen sind vollkommen verschieden
und sollen es auch bleiben. Umgekehrt steht die
Erweiterung der Rolle der OSZE nicht im Widerspruch zu den Pflichten der NATO. Ihre Methoden
haben eine vollkommen andere Dimension als die
des Bündnisses.
Ein jüngstes Beispiel für diese Funktion ist das in
Budapest zwischen Rußland und der OSZE geschlossene Abkommen über gemeinsame Verhandlungen in der schwierigen Frage Nagornyj Karabach

AMERIKA DIENST 09

�sowie die Bereitstellung von Friedenssicherungstruppen nach Abschluß eines politischen Abkommens - wichtige Schritte auf dem Weg der OSZE zu
mehr Bedeutung. Kürzlich stimmten die Russen der
Entsendung einer Delegation zur Untersuchung der
Ereignisse in Tschetschenien zu. Allein die Tatsache, daß Moskau eine Einbeziehung der OSZE
akzeptierte, ist wichtig, aber diese Einbeziehung kam
viel zu spät und war zu begrenzt.
Zweifellos ist Tschetschenien Bestandteil der russischen Föderation. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten von Anfang an die Ansicht vertreten, die
russische Regierung sollte sich an internationale
Normen über die Achtung der Menschenrechte
halten, die in OSZE-Resolutionen und andernorts
niedergelegt sind. Bedauerlicher- und unnötigerweise führte die russische Regierung ihre militärische
Kampagne gegen die Stadt Grosny auf eine Art und
Weise, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung
forderte und humanitäre Hilfsleistungen behinderte.
Das übergeordnete Ziel des Westens in Rußland
und den übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleibt die Integration - die Einbeziehung
entstehender Demokratien in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Institutionen
des Westens. Von Beginn der Schlacht um Grozny
an bewegte sich Tschetschenien in genau die entgegengesetzte Richtung für Rußland. Tschetschenien hat Rußland auch politisch gespalten und ist ein
ernsthafter Rückschlag für die Sache der Reformen,
Demokratisierung sowie Entwicklung der Russischen
Föderation zu einem stabilen, demokratischen
Vielvölkerstaat. Der Konflikt in Tschetschenien - so
schrecklich er auch ist - hat jedoch nicht die Natur
der amerikanischen Interessen verändert. Präsident
Clinton erklärte im Januar, da Rußland einen historischen Umgestaltungsprozeß durchläuft, wäre es ein
schrecklicher Fehler, auf jeden Höhe- und Tiefpunkt
zu reagieren, den das Land wahrscheinlich noch
jahrzehntelang erleben wird. Wenn die Reformkräfte
kampfbereit sind, müssen die Vereinigten Staaten
deren Unterstützung verstärken, statt sich zurückzuziehen.
Das Ziel der Vereinigten Staaten bleibt ein gesundes
Rußland - ein demokratisches Rußland, das Reformen durchsetzt und die Rechte seiner Bürger
respektiert, statt durch ethnische Konflikte und
Bürgerkrieg gespalten zu werden. Die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zur Weiterverfolgung und
Entwicklung ihrer Partnerschaft mit Rußland hängt
vom gemeinsamen Streben nach diesen Werten und
Zielen ab. Der Grund, warum Rußland sich als
Freund und Partner der Vereinigten Staaten qualifiziert hat, ist die Tatsache, daß seine Menschen und
seine Regierung den Weg der Demokratisierung,

AMERIKA DIENST 09

Entwicklung einer offenen bürgerlichen Gesellschaft
sowie der Respektierung der Grundrechte beschritten
haben. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten Rußland auch weiterhin.
Rußland und die Ukraine
Um es noch einmal zu wiederholen: Wenn der
Westen einen dauerhaften und stabilen sicherheitspolitischen Rahmen für Europa schaffen soll, muß er
das dauerhafteste strategische Problem Europas
lösen und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
insbesondere Rußland, in ein stabiles europäisches
Sicherheitssystem integrieren. Rußland ist bereits an
den meisten Aspekten der entstehenden Architektur
beteiligt. Es ist aktives Mitglied der OSZE und hat
eng mit den Vereinigten Staaten an der Aufwertung
dieser Organisation zusammengearbeitet. Rußland
unterzeichnete ein ehrgeiziges Partnerschaftsabkommen mit der EU. Das Land ist der NATO-Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Es ist ein Beitrittskandidat für den Europarat. Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine verstärkte Teilnahme
Rußlands an der G-7 und setzen sich für eine Mitgliedschaft Rußlands in der Welthandelsorganisation
(WTO), der Nachfolgeorganisation des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens GATT ein. Erstmals
seit 1945 gehört Rußland - als Mitglied der BosnienKontaktgruppe - einem multinationalen Verhandlungsteam an, das in einer schwierigen sicherheitspolitischen Angelegenheit eine einheitliche Position vertritt.
Die Förderung von Stabilität in Mitteleuropa liegt im
beiderseitigen Interesse Rußlands und der Vereinigten Staaten. Die NATO - die keine Bedrohung für die
Sicherheit Rußlands darstellt - strebt direkte und
offene Beziehungen zu Rußland an, die der besonderen Position und den Gegebenheiten dieses
Landes Rechnung tragen und die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bekräftigen. Es wurden Vorschläge
unterbreitet, darunter auch Ende 1993 vom russischen Präsidenten Boris Jelzin, ein Sonderabkommen zwischen der NATO und Rußland abzuschließen, das verschiedene Formen annehmen kann.
Brzezinski schlug in seinem Artikel in Foreign Affairs
einen "offiziellen Vertrag über globale sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Russischen Föderation" im Einklang mit einer
Aufwertung der OSZE vor.
Jegliche Verhandlungen zwischen der NATO und
Rußland über dieses oder andere Übereinkünfte
wären ziemlich komplex. Sie müßten eine Vielzahl
von Faktoren berücksichtigen, darunter das Tempo
einer NATO-Erweiterung, den Status anderer Bindungen zwischen Rußland und der NATO wie die
Partnerschaft für den Frieden, das Ausmaß, in dem

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�die OSZE zu einer nützlicheren Organisation geworden ist, sowie die Auswirkungen von Ereignissen wie
die Kampfhandlungen in Tschetschenien. Ungeachtet dieser Vielzahl von Fragen haben die US-Regierung und ihre wichtigsten Verbündeten diese bedeutende neue Spur innerhalb des europäischen Sicherheitsrahmens verfolgt. Inoffizielle Erörterungen
dieser Möglichkeit begannen - allerdings erst im
Anfangsstadium - im Januar in Genf bei dem Treffen
von US-Außenminister Christopher mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew.
Jede Übereinkunft dieser Art muß den Sonderfall
Ukraine in Betracht ziehen. Ihre geostrategische
Position macht ihre Unabhängigkeit und Integrität zu
einem entscheidenden Element europäischer Sicherheit. Im vergangenen Dezember in Budapest
tauschten Präsident Clinton sowie die führenden
Politiker von Belarus, Kasachstan, Rußland und der
Ukraine Ratifizierungsdokumente für das Abkommen
über den Abbau strategischer Waffen aus, wodurch
der START I-Vertrag offiziell in Kraft trat. Gleichzeitig hinterlegte die Ukraine ihre Beitrittsurkunde zum
Nichtverbreitungsvertrag (NW), und die Vereinigten
Staaten, Rußland und Großbritannien machten

Belarus, Kasachstan und der Ukraine Sicherheitszusagen.
Die grundlegenden Ziele derjenigen, die diesen
historischen Moment nutzen wollen, sind die Ausweitung von Demokratie und Wohlstand, die Integration der politischen und sicherheitspolitischen Institutionen sowie eine Einheit, die Europa bisher selbst mit amerikanischer Hilfe - nicht erreichen
konnte. Politiker werden eine Führungsrolle übernehmen müssen, um die Ambivalenz, Konfusion,
Selbstgefälligkeit und geschichtlichen Hintergründe zu
überwinden, die Reformen behindern. Der große
Architekt der europäischen Einigung, Jean Monnet,
stellte fest: "Nichts ist möglich ohne den Menschen,
aber nichts ist von Dauer ohne Institutionen." Die
Bestrebungen von Monnet, Marshall und anderen
brachten bereits ein halbes Jahrhundert währenden
einzigartigen Frieden und Wohlstand hervor - aber
nur für den halben Kontinent. Die vor uns liegende
Aufgabe ist ebenso beängstigend wie notwendig.
Den Herausforderungen den Rücken zuzuwenden
würde nur dazu führen, daß später ein höherer Preis
gezahlt werden muß.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

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