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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

I

9. März 1995

09

NW

N W IST BESTES MITTEL ZUR EINDÄMMUNG
DER WEITERVERBREITUNG
Rede Präsident Clintons
im Richard Nixon Center

USA-EUROPA

AMERIKA - EINE EUROPAISCHE MACHT
von Richard C. Holbrooke

MENSCHENRECHTE

TROTZ FORTSCHRITTEN BLEIBT NOCH
VIEL FÜR UNHCR ZU TUN
Rede von Botschafterin Ferraro

Beigefügter Sonderdienst

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.:0228-339 23 72
Fax:0228-33 41 02

�NW
9. März 1995

N W ist bestes Mittel zur Eindämmung
der Weiterverbreitung
Rede Präsident Clintons im Richard Nixon Center
WASHINGTON - (AD) - Präsident Clinton zufolge gibt es kein besseres Mittel zur Verhinderung der
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen als den Nichtverbreitungsvertrag (NW).
Der Präsident versprach am 1. März 1995 in einer Rede im Richard Nixon Center, er werde seine
Bestrebungen zum Abbau von Nuklearwaffen und zur Bekämpfung des Schmuggels mit Nuklearmaterial
verdoppeln und rief die für kommenden Monat anberaumte Überprüfungskonferenz des N W auf, die Botschaft
auszusenden, die internationale Staatengemeinschaft fordere unerschütterlich ein dauerhaftes Nichtverbreitungsregime.
"Das Scheitern einer unbegrenzten Verlängerung des N W könnte die Tür zu einer Welt mit nuklearen
Problemen öffnen", so Präsident Clinton. "Paria-Nationen mit starren Ideologien und expansionistischen
Ambitionen hätten es bei der Beschaffung schrecklicher Waffen leichter, und Länder, die sich zum Verzicht auf
die nukleare Option entschlossen haben, würden dann ihre Position überdenken. Sie wären sicherlich
versucht, diese Entscheidung erneut zu erwägen."
Der Präsident bezeichnete 1995 als ein entscheidendes Jahr für Nuklearkontrollen und forderte einen
frühzeitigen Abschluß ausstehender Verhandlungen über ein umfassendes Verbot von Atomtests sowie weitere
Schritte zur Verschärfung der Kontrollen für chemische und biologische Waffen.
Nachfolgend veröffentlichen wir die Rede des Präsidenten in wesentlichen Auszügen.

Es ist mir eine Ehre, heute abend hier zu sein.
Einen Monat vor seinem Tod schrieb Präsident
Nixon mir einen Brief über seine letzte Reise nach
Runland. Damals äußerte ich, dies sei das beste
außenpolitische Schreiben, das ich erhalten hatte,
was einige meiner Mitarbeiter verärgerte, jedoch der
Wahrheit entsprach. Wie bei unserer gesamten
Korrespondenz und unseren Gesprächen war ich
beeindruckt von Nixons analytischer Begabung,
Überzeugungskraft und seinen klugen praktischen
Vorschlägen.
Mehr als die Einzelheiten des Briefs, der im Grunde
genommen die Notwendigkeit weiterer Unterstützung
der politischen und wirtschaftlichen Reformen in
Rußland durch die Vereinigten Staaten betonte,
bewegte mich die übergeordnete Botschaft Richard
Nixons - eine Botschaft, die sein gesamtes Leben
und seine sämtlichen Werke durchzog. Präsident
Nixon war fest davon überzeugt, die Vereinigten
Staaten könnten einfach nicht stark im Inland sein,
wenn sie nicht im Ausland stark und zur Übernahme
einer Führungsrolle bereit seien.

AMERIKA DIENST 09

Heute abend möchte ich über die lebenswichtige
Tradition einer amerikanischen Führungsrolle sowie
über unsere Pflichten sprechen, die Henry Kissinger
ansprach und Präsident Nixon so gut erkannte.
Insbesondere möchte ich auf unsere Aufgabe einer
Verringerung der Bedrohung durch Atomwaffen
eingehen.
Wenn wir heute im Inland stark und im Ausland
führend sein wollen, müssen wir alle einer gefährlichen und wachsenden Versuchung im eigenen Land
widerstehen: Uns einzig und allein auf unsere
innenpolitischen Probleme zu konzentrieren.
Derzeit findet ein Kampf statt zwischen denjenigen
unter uns, die die Tradition einer amerikanischen
Führungsrolle fortsetzen wollen und denen, die eine
neue Form des amerikanischen Isolationismus
befürworten. Dieser Kampf geht über parteipolitische
und ideologische Grenzen hinaus. Wenn wir weiterhin die Sicherheit und den Wohlstand aller erhöhen
wollen, müssen wir die Tradition einer amerikanischen Führungsrolle fortsetzen.

Seite 1

�Wir leben in einer Zeit der Hoffnung und sind uns
dessen alle bewußt. Die Implosion des Kommunismus und die Explosion der Weltwirtschaft haben
Staaten auf allen Kontinenten neue Freiheiten beschert. Marktwirtschaften sind im Entstehen begriffen, ebenso wie die Demokratie. Der Slogan lautet
"nach dem Sieg". Heute haben die Menschen auf
dem ganzen Globus stärker als je zuvor die Chance,
ihre von Gott gegebenen Talente zu nutzen. Und
aus diesem Grund haben auch die Amerikaner eine
neue Chance, ihre Talente zum Tragen zu bringen.
Gleichzeitig hat die Welt nach dem Kalten Krieg ein
ganzes Netz von Problemen zutage gefördert, die
sich einer schnellen oder schmerzlosen Lösung
entziehen - Aggression verbrecherischer Staaten,
transnationale Bedrohungen wie Überbevölkerung
und Umweltzerstörung, schreckliche ethnische
Konflikte und wirtschaftliche Erschütterung. Kern all
dieser komplexen Herausforderungen ist jedoch
meines Erachtens der jahrhundertealte Kampf um
die Macht über das menschliche Leben - die
Schlacht zwischen den Kräften der Freiheit und der
Tyrannei, der Toleranz und Unterdrückung, der
Hoffnung und Angst. Dieselbe Idee wurde erst vom
Faschismus, dann vom Kommunismus angegriffen
und steht heute in verschiedenen Teilen der Welt
unter Beschuß - die Idee einer offenen Gesellschaft
freier Menschen.
Amerika muß eine Führungsrolle übernehmen, damit
das Rad der Geschichte sich weiterhin in die von
uns gewünschte Richtung bewegt und unsere Kinder
die Zukunft haben, die sie verdienen. Manche
ziehen jedoch Eskapismus dem Engagement vor.
Die neuen Isolationisten widersetzen sich unseren
Bestrebungen, den freien Handel mit Hilfe von
GATT, NAFTA, APEC oder des gesamtamerikanischen Gipfels auszuweiten. Sie weisen unsere
Überzeugung zurück, daß Demokratie durch Investitionen und Unterstützung genährt werden muß eine Überzeugung, zu der wir aufgrund der Entwicklungen in der ehemaligen Sowjetunion und Südafrika
gelangten. Einige von ihnen vertreten heuchlerisch
die Ansicht, wir müssten in aller Welt die amerikanische Stärke propagieren. Gleichzeitig sprechen sie
sich gegen die Ressourcen aus, die wir für Stabilität
am Golf, Wiederherstellung der Demokratie in Haiti
oder zur Kontrolle der Weiterverbreitung von Drogen
und organisiertem Verbrechen auf der ganzen Welt
benötigen, oder um einfach nur unseren grundlegendsten Verpflichtungen gegenüber den Vereinten
Nationen und ihrer Arbeit im Bereich der Friedenssicherung nachzukommen.
Die neuen Isolationisten des linken und rechten
Lagers gleichermaßen befürworten eine radikale
Überprüfung unserer außenpolitischen Grundlagen,

Seite 2

die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die
Unterstützung beider Parteien genossen haben. Sie
würden den Vereinten Nationen, die weltweit - vom
Nahen Osten bis Afrika - in jedem Bereich wirkliche
Fortschritte gemacht haben, jegliche Bedeutung
nehmen. Sie würden unseren Friedenssicherungstruppen und sogar unseren eigenen Soldaten Mittel
verwehren und diese Gelder statt dessen für den
Krieg der Sterne vergeuden. Und sie würden den
neuentstehenden Demokratien und all jenen, die
gegen Armut und für Umweltschutz kämpfen, Hilfe
verweigern und damit buchstäblich deren Hoffnungen
auf eine demokratischere, wohlhabendere und
sicherere Welt zerstören.
Die neuen Isolationisten haben unrecht. Sie wollen,
daß wir der Zukunft allein gegenübertreten. Ihr
Ansatz würde dieses Land schwächen, und wir
dürfen nicht zulassen, daß die kleine Welle des
Isolationismus zu einer Flutwelle wird.
Denken Sie an meine Worte: Wenn wir uns heute
von der Wert zurückziehen, müssen wir uns morgen
und übermorgen mit den Konsequenzen unseres
Versäumnisses auseinandersetzen. Dies ist für uns
alle ein Moment der Entscheidung - ungeachtet
unserer Partei, unseres Hintergrunds oder unserer
Sprache. Dies ist ein Moment der Entscheidung.
Der außergewöhnliche Trend zu Demokratie und
freien Märkten ist nicht unvermeidlich. Und wir haben
vor kurzem gesehen, daß er keinen ebenen, ununterbrochenen Kurs verfolgt. Dies ist harte Arbeit. Und
in einer Zeit, in der sich mehr Länder als je zuvor
bemühen, in instabilen Demokratien Freiheit zu
schaffen oder zu sichern, erwarten sie von uns
Unterstützung. In dieser Zeit dürfen wir es den
Isolationisten nicht gestatten, Amerika nach einer nur
wenige Stunden währenden Debatte aus dem Spiel
abzuziehen, weil wir für unsere Führungsrolle einen
geringen Preis zahlen müssen.
Wir wissen jetzt, was schon Präsident Nixon erkannt
hat: Daß es Grenzen für das Engagement der
Vereinigten Staaten in der Welt geben muß - Grenzen, die durch eine klare Erwägung unserer grundlegenden Interessen diktiert werden. Wir können nicht
die Rolle des Weltpolizisten übernehmen; wir können
uns nicht mit jedem Problem befassen. Aber die von
uns getroffenen Entscheidungen müssen in der
Überzeugung wurzeln, daß Amerika seinen Interessen oder Pflichten nicht den Rücken zuwenden
kann.
Aus diesem Grund hat meine Administration vom
ersten Tag an beschlossen, andere einzubeziehen,
statt sich zurückzuziehen. Von unseren Bestrebungen zur Öffnung von Märkten für Amerika über die

AMERIKA DIENST 09

�Unterstützung der Demokratie auf der ganzen Welt,
den Abbau der Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen und Terroristen bis zum Unterhalt der
größten einsatzbereiten Streitmacht der Welt haben
wir uns bemüht, zu jedem Zeitpunkt die sich bietenden Chancen zu ergreifen und Pflichten zu erfüllen.
Eine bemerkenswerte Generation von Amerikanern
schuf und unterstützte Bündnisse und Institutionen den Marshallplan, die NATO, die Vereinten Nationen, die Weltbank, den IWF - wodurch die Vereinigten Staaten, Europa, Japan und andere Länder
auf der ganzen Welt ein halbes Jahrhundert lang
Sicherheit und Wohlstand genossen. Durch diese
Bestrebungen sowie die besondere Entschlossenheit
und militärische Stärke unserer Nation wurde die
Tyrannei eingedämmt, bis die Macht der Demokratie.,
das Scheitern des Kommunismus und die mutige
Entschlossenheit der Menschen, die Freiheit zu
erringen, den Kalten Krieg Geschichte werden
ließen.
Diese Erfolge wären ohne das starke, überparteiliche
Engagement für eine Führungsrolle Amerikas nicht
möglich gewesen.
Senator Arthur Vandenbergs Appell, an der Wegscheide offiziell mit einer Stimme zu sprechen, führte
zur einheitlichen Unterstützung der Truman-Doktrin
durch die Republikaner. Vandenbergs Einfluß war
aufgrund seiner Vergangenheit als Isolationist
besonders groß. Wie er selbst äußerte, bedeutete
Pearl Harbor für jeden Realisten das Ende des
Isolationismus. Heute sollte unsere Außen- und
Innenpolitik im Geiste Vandenbergs stehen.
Wenn wir weiterhin im Ausland eine Führungsrolle
übernehmen und im Inland zusammenarbeiten,
können wir von dieser turbulenten Zeit profitieren.
Wenn wir uns jedoch in uns selbst zurückziehen,
gehen wir das Risiko ein, diese Chancen zu verspielen und unseren Pflichten nicht nachzukommen,
mit denen uns andere betraut und für die sie einen
sehr hohen Preis bezahlt haben.
Ich weiß, daß die Entscheidung, auf vielen dieser
Gebiete weiterzuarbeiten, für Demokratien in dieser
Zeit nicht einfach ist. Viele der notwendigen Entscheidungen amerikanischer Politiker sind zu ihrer
Zeit nicht beliebt. Betrachten Sie sich jedoch die
Alternative. Stellen Sie sich beispielsweise vor, wie
Zölle und Handelshemmnisse das Welthandelssystem auf Jahre hinaus behindert hätten, wenn die
Internationalisten nicht über parteipolitische Grenzen
hinweg das GATT und das NAFTA verabschiedet
hätten. Und wie sähe die Region am Persischen
Golf heute aus, wenn die Vereinigten Staaten und
ihre Verbündeten nicht der Aggression des Irak

AMERIKA DIENST 09

Einhalt geboten hätten. Stellen Sie sich den Terror
und die Flüchtlingswelle an unseren Grenzen vor,
wenn wir nicht der Demokratie in Haiti eine zweite
Chance gegeben hätten. Stellen Sie sich das Chaos
vor, das möglicherweise entstanden wäre, wenn wir
keinen Beitrag zur Stabilisierung der mexikanischen
Volkswirtschaft geleistet hätten., In jedem Fall war
eine beträchtliche und bisweilen überwältigende
Mehrheit gegen das in jenem Moment Erforderliche.
Aber weil wir das Notwendige taten, hat die Welt jetzt
eine größere Chance für Frieden und Freiheit.
Aber vor allem bitte ich Sie jetzt, sich die Gefahren
vorzustellen, denen unsere Kinder und Enkelkinder
selbst nach dem Ende des Kalten Krieges noch
ausgesetzt sind, wenn wir nicht alles in unserer
Macht Stehende tun, um die Bedrohung durch
Atomwaffen zu verringern, die schreckliche Verbreitung von chemischen und biologischen Waffen
weltweit einzudämmen sowie Terroristen und Verbrecher zu bekämpfen, die diese Waffen in den
Dienst des Bösen stellen.
Arthur Vandenberg stellte beim Anbruch des Atomzeitalters nach einem V-1-Angriff der Deutschen auf
London, der die Stadt in Schutt und Asche gelegt und
die Menschen in Angst und Schrecken versetzt hatte,
die Frage: "Wie kann es Isolation geben, wenn der
Mensch Waffen wie diese entwickeln kann?"
Präsident Nixon verstand die Klugheit dieser Worte.
Sein Leben umspannte eine Ära erschreckender
Zunahme der destruktiven Kapazitäten der Menschheit vom Doppeldecker bis zu ballistischen Raketen,
von Senfgas bis zu Atompilzen. Er wußte, daß der
Kampf gegen das Atomzeitalter nie gewonnen, aber
verloren werden konnte. Und zu seinen größten
außenpolitischen Leistungen zählen die Riesenschritte, die er zur Verringerung der nuklearen
Bedrohung unternahm. Als Präsident habe ich nach
demselben Gebot gehandelt.
In den vergangenen beiden Jahren haben die Vereinigten Staaten echte Fortschritte bei der Minderung
der Bedrohung durch Nuklearwaffen erzielt. 1995
sehen wir uns mit einem Jahr besonderer Entscheidungen in diesem Zeitalter konfrontiert - einem Jahr,
in dem die Vereinigten Staaten die ehrgeizigste
Tagesordnung für die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen und die Bekämpfung ihrer Verbreitung seit der Spaltung des Atoms verfolgen
werden.
Wir wissen, daß wir uns einer enorm komplexen und
schwierigen Herausforderung gegenübersehen. Es
gibt keine allgemeingültige Maßnahme, kein Patentrezept, das die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindern oder umkehren wird. Es gibt

Seite 3

�jedoch keine wichtigere Aufgabe für uns. Rüstungskontrolle macht uns nicht nur sicherer, sondern auch
stärker. Sie ist eine Quelle der Stärke. Sie ist eine
der effektivsten Versicherungspolicen, die wir für die
Zukunft unserer Kinder ausstellen können.
Unsere Administration konzentriert sich auf zwei
unterschiedliche, aber eng verbundene Bereiche Verringerung und Zerlegung existierender Waffen
und Verhinderung der Beschaffung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägersystemen durch
Nationen oder Gruppen. Wir machen an beiden
Fronten Fortschritte.
Als Resultat des zwischen Präsident Jelzin und mir
erzielten Abkommens sind zum ersten Mal seit einer
Generation russische Raketen nicht auf unsere
Städte oder Einwohner gerichtet. Wir haben die
drohende Gefahreines versehentlichen Atomangriffs
erheblich reduziert. Wir haben den START I-Vertrag
mit Rußland in Kraft gesetzt, der die Trägersysteme
mit mehr als 9.000 nuklearen Gefechtsköpfen in
unseren beiden Ländern abschafft - jedes mit der
Kapazität, eine Stadt der Größe von Atlanta abzubrennen.
START I, von zwei republikanischen Administrationen ausgehandelt und von dieser demokratischen
Administration in Kraft gesetzt, ist der erste Vertrag,
der von den Atommächten die tatsächliche Reduzierung ihrer strafegischen Arsenale verlangt. Unsere
beiden Länder zerlegen die Waffen so schnell wie
möglich. Und dank eines weitreichenden Verifizierungssystems einschließlich Inspektionen vor Ort, die
heute in Rußland und den Vereinigten Staaten
begonnen haben, weiß jeder von uns genau, was
die andere Seite tut.
Auch durch das von den Senatoren Nunn und Lugar
entworfene weitsichtige Programm helfen wir Rußland und den anderen neuen unabhängigen Staaten
beim Abbau von Nuklearstreitkräften beim Transport,
der Lagerung und Zerstörung von Nuklearwaffen und
-material.
Ironischerweise haben einige der Veränderungen,
die uns die Reduzierung des weltweiten Bestands an
Nuklearwaffen gestatteten, unsere Nichtverbreitungsbestrebungen erschwert. Der Zusammenbruch der
Sowjetunion hinterließ Nuklearmaterial in allen
neuen unabhängigen Staaten. Das Potential für
Diebstahl von Nuklearmaterial hat sich daher erhöht.
Wir sehen uns mit der Aussicht auf Verbrecher
konfrontiert, die in den Schmuggel mit Nuklearmaterial einsteigen. Hinzu kommt die Tatsache, daß ein
Klumpen Plutonium von der Größe einer Blechdose
für den Bau einer Bombe ausreicht, und die Dringlichkeit der Bestrebungen zur Beendigung der Ver-

Seite 4

breitung von Nuklearmaterial sollte uns allen klar
sein.
Aus diesem Grund haben wir vom ersten Tag unserer
Amtszeit eine aggressive, koordinierte Kampagne
gegen internationalen Terrorismus und Nuklearschmuggel in die Wege geleitet. Wir arbeiten eng mit
unseren Verbündeten sowie mit Rußland und den
anderen neuen unabhängigen Staaten zusammen,
verbessern die Sicherheit von Nukleareinrichtungen
und verschärfen die multilateralen Exportkontrollen.
Ein beeindruckendes Beispiel unseres Erfolgs ist die
Operation Sapphire, der Lufttransport von fast 600
Kilogramm hochangreicherten Urans - genug, um
Dutzende von Bomben herzustellen - von Kasachstan
in die Vereinigten Staaten zur Entsorgung. Wir
haben ferner Abkommen mit Rußland über die
Reduzierung des für Nuklearwaffen verfügbaren
Urans und Plutoniums abgeschlossen und streben
einen globalen Vertrag über das Verbot der Produktion von spaltbarem Material für Nuklearwaffen an.
Unsere geduldige, entschlossene Diplomatie war
auch erfolgreich, Belarus, Kasachstan und die
Ukraine von der- Unterzeichnung des Nichtverbreitungsvertrags und der Übergabe der beim Zusammenbruch der Sowjetunion auf ihrem Territorium
verbliebenen Nuklearwaffen zu überzeugen. Eine
oberste Priorität unserer Administration war die
Gewährleistung, daß diese neuen Länder atomwaffenfreie Nationen werden, und jetzt erreichen wir
auch dieses Ziel.
Aufgrund unserer Bestrebungen haben vier potentielle Lieferanten ballistischer Raketen - Rußland, die
Ukraine, China und Südafrika - der Kontrolle des
Transfers dieser Raketen und verwandter Technologie zugestimmt. Der Schritt zurück vom nuklearen
Abgrund gestattete uns die Kürzung der amerikanischen Verteidigungsausgaben für strategische Waffen
um nahezu zwei Drittel - Einsparungen von rund 20
Milliarden Dollar pro Jahr, die für vitale Bedürfnisse
wie die Verbesserung der Bereitschaft unserer
Streitkräfte, den Abbau des Defizits und die Bereitstellung zusätzlicher Polizisten verwendet werden
können. Durch die Aufwendung von Millionen Dollar,
um Waffen von unseren potentiellen Gegnern fernzuhalten oder ihnen wegzunehmen, sparen wir Milliarden an Rüstungsaufwendungen und nutzen sie
sinnvoller.
In diesem Jahr der Entscheidungen muß sich unser
Ehrgeiz für die Zukunft noch steigern. Wenn unsere
Völker wirklich dauerhafte Sicherheit kennenlernen
sollen, müssen wir unsere Anstrengungen zu Rüstungskontrolle, Nichtverbreitung und Terrorismusbekämpfung verdoppeln. Wir müssen alles in unserer

AMERIKA DIENST 09

�Macht Stehende tun, um eine Version von Schutzeinrichtungen vor nuklearem Fallout des 21. Jahrhunderts, Schutzübungen vor einem Atomangriff und
eine erneute Tragödie wie die des World Trade
Center zu verhindern.
In vier Tagen begehen wir den 25. Jahrestag des
Nichtverbreitungsvertrags. Nichts ist wichtiger für die
Nichtverbreitung von Nuklearwaffen als die unbegrenzte und bedingungslose Verlängerung des
Vertrags. Und aus diesem Grund habe ich den
Vizepräsidenten gebeten, die Leitung unserer
Delegation bei der NW-Konferenz im April zu
übernehmen und so hart wir können auf die Gewährleistung einer unbegrenzten Verlängerung des
Vertrags hinzuarbeiten.
Der N W ist der Hauptgrund, daß viele Nationen
heute nicht im Besitz von Nuklearwaffen sind und die
Untergangspropheten unrecht hatten. 172 Nationen
haben den N W zum Vertrag mit der höchsten Zahl
von Unterzeichnerstaaten der Geschichte aus einem
überragenden Grund gemacht: Er liegt in ihrem
Eigeninteresse.
Den Vertrag unterzeichnende
atomwaffenfreie Staaten verpflichten sich, diese nie
zu beschaffen.
Nuklearwaffenstaaten geloben,
anderen nicht bei der Beschaffung von Nuklearwaffen behilflich zu sein, die friedliche Nutzung von
Atomenergie zu erleichtern sowie Rüstungskontrolle
und Abrüstung anzustreben - Verpflichtungen, die
ich zusammen mit unserer Entschlossenheit zu
universeller Mitgliedschaft beim NV-Vertrag entschieden bekräftige.
Das Scheitern einer unbegrenzten Verlängerung des
N W könnte die Tür zu einer Welt mit nuklearen
Problemen öffnen.
Paria-Nationen mit starren
Ideologien und expansionistischen Ambitionen hätten
es bei der Beschaffung schrecklicher Waffen leichter,
und Länder, die sich zum Verzicht auf die nukleare
Option entschlossen haben, würden dann ihre
Position überdenken. Sie wären sicherlich versucht,
diese Entscheidung erneut zu erwägen.
Um unsere Verpflichtung zu den Zielen des Vertrags
weiter zu demonstrieren, habe ich heute die endgültige Beseitigung von 200 Tonnen spaltbaren Materials, ausreichend für Tausende von Nuklearwaffen,
aus dem Atomarsenal der Vereinigten Staaten
angeordnet - 200 Tonnen spaltbaren Materials, die
nie wieder zum Bau von Nuklearwaffen verwendet
werden können.
Unser zweites wesentliches Ziel ist die Ratifizierung
von START II. Sobald der Vertrag in Kraft ist, wird
er die Trägersysteme aus den russischen und
amerikanischen Arsenalen beseitigen, die mit über
5.000 Waffen bestückt sind. Die wichtigsten Redu-

AMERIKA DIENST 09

zierungen unter START I werden es uns zusammen
mit START II ermöglichen, die auf dem Höhepunkt
des Kalten Krieges dislozierte Anzahl strategischer
Gefechtsköpfe um zwei Drittel zu verringern. Auf
mein Drängen hat der Senat bereits mit den Anhörungen zu START II begonnen, und ich fühle mich
durch das Interesse der Senatoren beider Parteien an
raschem Handeln ermutigt. Ich möchte den Senat zu
den bisher ergriffenen Maßnahmen beglückwünschen
und fordere erneut die möglichst baldige Zustimmung
zu dem Vertrag.
Präsident Jelzin und ich haben bereits unsere Experten angewiesen, die Möglichkeiten zusätzlicher
Reduzierungen und Begrenzungen der verbleibenden
Nuklearstreitkräfte nach der Ratifizierung von START
II in Betracht zu ziehen. Wir haben eine Chance, die
nukleare Wolke weiter zu vertreiben, und wir dürfen
sie nicht vergeuden.
Um die Entwicklung neuer Generationen von Nuklearwaffen zu stoppen, müssen wir auch rasch die
Verhandlungen über ein umfassendes Atomtestverbot zu Ende bringen. Im vergangenen Monat habe
ich ein Moratorium für Atomtests verlängert, das ich
bei meiner Amtsübernahme in Kraft gesetzt habe.
Und wir haben unsere Verhandlungsposition überarbeitet, um den Abschluß des Vertrags zu beschleunigen, während wir unsere Entschlossenheit zur
Beibehaltung eines sicheren und zuverlässigen
Bestands an Nuklearwaffen bekräftigen.
Wir werden weiterhin mit unseren Verbündeten auf
die vollständige Umsetzung des mit Nordkorea
erzielten Abkommens hinarbeiten, das Nuklearprogramm des Landes zunächst einzufrieren und dann
einzustellen und zwar unter internationaler Beobachtung. Die Kritiker dieses Abkommens haben meines
Erachtens unrecht. Die Vereinbarung beendet das
Nuklearprogramm Nordkoreas und verpflichtet
Pjöngjang, es in den kommenden Jahren zurückzuschrauben.
Ich habe von keinem anderen alternativen Vorschlag
gehört, der nicht entweder impraktikabel oder tollkühn
ist, oder dem unsere Verbündeten in der Republik
Korea oder in Japan - den am direktesten betroffenen
Nationen - nicht ihre Unterstützung verweigern
würden.
Wenn Nordkorea seinen Verpflichtungen nachkommt,
werden die koreanische Halbinsel und die gesamte
Welt offensichtlich weniger bedroht und sicherer sein.
Der N W , START II, der Vertrag über ein umfassendes Atomtestverbot und das Abkommen mit Nordkorea stehen an oberster Stelle unserer Tagesordnung
für das kommende Jahr. Wir sehen uns auch noch
mit anderen entscheidenden Aufgaben konfrontiert,

Seite 5

�wenn wir mehr Sicherheit für jeden Amerikaner
schaffen wollen, unter anderem durch die Ratifizierung der Chemiewaffenkonvention durch den Senat,
rechtlich bindende Maßnahmen zur Stärkung der
Konvention über biologische und Toxinwaffen,
Verdeutlichung des ABM-Vertrags zur Gewährleistung seiner Gültigkeit mit einer äußerst effektiven
Verteidigung gegen Angriffe mit Gefechtsfeldwaffen,
weitere Unterstützung regionaler Rüstungskontrollbestrebungen im Nahen Osten und andernorts
sowie das Drängen auf die Ratifizierung des Abkommens über konventionelle Waffen, das uns unter
anderem bei der Minderung des durch die Millionen
von Landminen verursachten Leids behilflich sein
würde.
Meine Freunde, dies ist eine breitgefächerte und
anspruchsvolle Tagesordnung. Es liegen viele
Hindernisse vor uns. Wir können diese Tagesordnung nicht verwirklichen, wenn wir erneut in Isolationismus verfallen. Wir müssen alle Anstrengungen
zu ihrer Umsetzung unternehmen.
Heute abend wollen wir uns an die Worte von Präsident Nixon vor beiden Häusern des Kongresses bei
der Rückkehr von seiner historischen Reise nach
Moskau im Jahr 1972 erinnern. Er erklärte: "Wir
haben begonnen, den unnützen und gefährlichen
Rüstungswettlauf in den Griff zu bekommen. Wir
wollen den Augenblick nutzen, damit unsere Kinder
und die Kinder der Welt frei von der Angst und frei
von dem Haß leben können, die seit Jahrhunderten
das Los der Menschheit waren."
Es liegt an uns, den von Richard Nixon vor über 20
Jahren beschriebenen Traum zu realisieren. Wir
dürfen nicht zulassen, daß in den Annalen der

*

Seite 6

Geschichte steht, unsere Generation von Amerikanern habe sich geweigert, diese Herausforderung
anzunehmen, sich von der Welt zurückgezogen und
sich ihrer Verantwortung entzogen, habe die Energie,
Vision und den Willen vermissen lassen, um diesen
Kampf zu führen - den jahrhundertealten Kampf
zwischen Hoffnung und Angst.
Wir wollen uns von der großen Tradition von Harry
Truman und Arthur Vandenberg inspirieren lassen einer Tradition, die Brücken der Zusammenarbeit,
nicht Mauern der Isolation baut; die Amerikaner offen
für den Wandel macht, statt sie in Verzweiflung zu
stürzen; die Parteipolitik überbrückt und Republikaner
und Demokraten zum Nutzen des amerikanischen
Volkes und der Welt zusammenbringt. Die Tradition
hat das Meiste aus diesem Land gemacht, die
großen Schlachten dieses Jahrhunderts gegen
Tyrannei gewonnen sowie unsere Freiheit und
unseren Wohlstand gesichert.
Vor allem sollten wir nicht vergessen, daß die Bestrebungen beim amerikanischen Volk beginnen und
enden. Jedes Mal, wenn wir die Bedrohung verringern, die seit dem Anbruch des Nuklearzeitalters
wie ein Damokleschwert über uns schwebte, tragen
wir zu der Gewährleistung bei, daß von den entlegenen Küsten der Aleuten bis zur Spitze der Florida
Keys das amerikanische Volk sicherer ist. Das ist
unsere wichtigste Aufgabe und unsere feierlichste
Verpflichtung.
Die Herausforderung dieses Augenblicks geht Hand
in Hand mit seinen Chancen. Laßt uns unsere Pflicht
tun.
Ich danke Ihnen.

* * * *

AMERIKA DIENST 09

�USA-EU ROPA
9. März 1995

Amerika - eine europäische Macht
von Richard C. Holbrooke
WASHINGTON - (AD) - Richard C. Holbrooke ist Abteilungsleiter für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium. Der nachfolgende Artikel wird in Foreign Affairs, März/April 1995,
veröffentlicht. Veröffentlichung und Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von Foreign Affairs, März/April
1995. Copyright (c) 1995, Council on Foreign Relations, Inc.

Die neue Sicherheitsarchitektur

Die vierte architektonische Ära

Präsident Clinton hat im vergangenen Jahr vier
Europareisen gemacht. Daß der Präsident diesem
Kontinent so viel Zeit und Aufmerksamkeit widmet,
unterstreicht eine unausweichliche, aber wenig
bekannte Tatsache: Die Vereinigten Staaten sind in
einer Weise zu einer europäischen Macht geworden,
die über die herkömmlichen Bekräftigungen der
amerikanischen "Verpflichtung" zu Europa hinausgeht. Im 21. Jahrhundert benötigt Europa immer
noch das aktive Engagement der Vereinigten Staaten, das seit einem halben Jahrhundert ein notwendiges Element des Gleichgewichts auf dem Kontinent war. Umgekehrt würde ein instabiles Europa
weiterhin die entscheidenden nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten bedrohen. Dies
gilt heute ebenso wie während des Kalten Krieges.

Seit der Französischen Revolution hat Europa nur
dreimal seine grundlegende Sicherheitsarchitektur auf
friedliche Weise neu gestaltet. Heute befindet sich
der Kontinent inmitten der vierten architektonischen
Ära der vergangenen beiden Jahrhunderte. Die 1815
beim Wiener Kongreß entworfene erste postnapoleonische Sicherheitsarchitektur für Europa trug 99 Jahre
lang zur Verhinderung eines alles vernichtenden
Kontinentalkrieges bei.
Die jungen Vereinigten
Staaten, die in nur 40 Jahren zwei Kriege mit England geführt hatten, bewahrten - allerdings zum
letzten Mal - erfolgreich Distanz.

Ich möchte damit natürlich nicht andeuten, daß sich
nichts geändert hat. Das Ende des Kalten Krieges,
das am besten an diesem symbolischen Moment um
Mitternacht am 25. Dezember 1991 festgemacht
werden kann, als die sowjetische Flagge zum letzten
Mal vom Kreml eingeholt wurde, leitete ein Zeitalter
des Wandels von historischen Ausmaßen ein.
Lokale Konflikte, innenpolitische und wirtschaftliche
Instabilität sowie das Wiederauftreten historischer
Mißstände sind jetzt an die Stelle des sowjetischen
Expansionismus als größte Bedrohung des Friedens
in Europa getreten. Westeuropa und die Vereinigten
Staaten müssen gemeinsam sicherstellen, daß
tolerante Demokratien in ganz Europa Fuß fassen
und die schwelenden, erbitterten, ungelösten Konflikte der Vergangenheit eingedämmt und behoben
werden.

AMERIKA DIENST 09

In der zweiten Periode der Umgestaltung spielte
Präsident Woodrow Wilson 1919 in Versailles eine
zentrale Rolle, aber die Vereinigten Staaten zogen
sich fast unverzüglich aus eben den Strukturen
zurück, zu deren Gestaltung sie beigetragen hatten,
was zu ihrer Schwächung führte und die tragische
Wiederholung des totalen Krieges 20 Jahre später
praktisch garantierte. Als sich 1945 die dritte Chance
ergab, bauten die Großmächte anfänglich ein auf
Jalta, Potsdam und die Vereinten Nationen gegründetes System auf. Aber ab 1947, als die Staats- und
Regierungschefs des Westens erkannten, daß dieses
System zur Eindämmung des sowjetischen Expansionismus nicht ausreichte, gestalteten sie das erfolgreichste kollektive Sicherheitssystem in Friedenszeiten auf der Grundlage der Truman-Doktrin, des
Marshallplans, der NATO, der atlantischen Partnerschaft - und der amerikanischen Führungsrolle.
Diese kreative Architektur spiegelte die Ziele des
amerikanischen Engagements der Nachkriegszeit in
Europa wider. Das Engagement der Vereinigten
Staaten in der Nachkriegszeit muß sich wieder auf
alte und neue Strukturen konzentrieren. Dieses Mal
müssen die Vereinigten Staaten eine Führungsrolle

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�bei der Gestaltung einer Sicherheitsarchitektur
übernehmen, die ganz Europa einbezieht und dadurch stabilisiert - den Westen, die ehemaligen
sowjetischen Satellitenstaaten Mitteleuropas und vor
allem Rußland und die Republiken der ehemaligen
Sowjetunion.
Alle entscheidenden Beteiligten an der neuen Sicherheitsgleichung in Europa - die Vereinigten
Staaten, die west- und mitteleuropäischen Länder
sowie die anderen Nationen der früheren Sowjetunion - wünschen ein friedliches, stabiles und
demokratisches, in die Institutionen eines ungeteilten
Europa integriertes Rußland. Seit das neue, demokratische Westdeutschland erfolgreich in die politische Sicherheitsarchitektur Europas nach dem
Zweiten Weltkrieg einbezogen wurde, hat es kein
wichtigeres politisches Ziel in Europa gegeben. Aus
diesem und anderen Gründen ist die im folgenden
eingehender erörterte Krise in Tschetschenien so
beunruhigend.
Glücklicherweise bietet ein Großteil der hervorragenden Strukturen der Nachkriegszeit eine nützliche Grundlage für die Schaffung von Stabilität. Die
essentielle Herausforderung besteht in der Bewahrung des Zusammenhalts dieser Strukturen, der
Projektion ihres Einflusses und Anpassung an neue
Gegebenheiten, ohne ihre grundlegenden Funktionen zu verwässern.
Anhand des Nachkriegskalenders sind die Vereinigten Staaten jetzt ein bißchen weiter als am
Ende des Frühjahrs 1947, als Außenminister George
C. Marshall seine historische Rede an der Harvard
University hielt. Der von ihm an jenem Tag dargelegte Marshallplan war kein Almosen, sondern
vielmehr ein Programm der Hilfe und Kredite, das
einen Anreiz für die Zusammenarbeit zwischen den
europäischen Staaten bieten sollte. Und es ist
wichtig, sich daran zu erinnern, daß Marshall den
Plan nicht nur Westeuropa, sondern auch der
Sowjetunion anbot, die ihn für sich und ihre Satelliten ablehnte und statt dessen eine 45jährige Epoche
einleitete, die eine gesamte Region zu politischem
und wirtschaftlichem Ruin verdammte.
Ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg ist die
anfängliche Euphorie einer nüchterneren Einschätzung der neuen und alten Probleme gewichen. Die
Tragödie in Bosnien schmälert nicht die Verantwortung zum Aufbau neuer umfassender Beziehungsstrukturen zur Gestaltung einer neuen Sicherheitsarchitektur. Im Gegenteil, Bosnien, das größte
kollektive sicherheitspolitische Versagen des Westens seit den dreißiger Jahren, unterstreicht nur die
Dringlichkeit dieser Aufgabe.

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Im Jahr 1947 lernten die Amerikaner, daß denjenigen
mit der größten Fähigkeit zur Bewahrung des Friedens eine besondere Verantwortung zur Hilfestellung
beim Aufbau stabiler Strukturen in neuen demokratischen Nachbarländern zukommt. Damals waren nur
die Vereinigten Staaten sicher und wohlhabend
genug, um Westeuropa die erforderliche Hilfe zu
bieten. Heute müssen ein ebenso wohlhabendes
Europa (und Japan, das ein Interesse an einem
stabilen Europa hat und davon profitiert) den Großteil
der aktuellen Finanzhilfe übernehmen, aber die
Vereinigten Staaten müssen weiterhin eine führende
Rolle spielen. Mit den Worten von Außenminister
Christopher besteht das zentrale Ziel der Vereinigten
Staaten darin, "die Rechte und Pflichten der liberalen
Handels- und kollektiven Sicherheitsordnung, die
Pfeiler der Stärke für den Westen waren, auf ganz
Europa auszuweiten".
Eine letzte Lektion des Marshallplans ist ebenso
wichtig. Diejenigen, die Unterstützung erhalten,
müssen ihre eigene Zukunft aufbauen. Die neuen
Demokratien müssen durch verantwortungvolles
Verhalten gegenüber ihren Nachbarn und beim
Aufbau von Demokratie von innen heraus zu ihrer
eigenen Sicherheit beitragen.
Die Vereinigten
Staaten verstehen, begrüßen und ermutigen den
Wunsch der neuen europäischen Demokratien, dem
Westen durch die Mitgliedschaft in seinen wichtigsten
Institutionen beizutreten. Aber die NATO, die Europäische Union und die anderen entscheidenden
Institutionen des Westens sind keine Clubs, denen
man einfach durch das Ausfüllen eines Antrags auf
Mitgliedschaft beitritt. Mit der Zeit hat jede dieser
Institutionen Werte und Pflichten entwickelt, die von
jedem neuen Mitglied akzeptiert werden müssen.
Die Herausforderung für Mitteleuropa
Alle Pläne für die neue Sicherheitsarchitektur Europas müssen sich zuerst auf Mitteleuropa konzentrieren - den Nährboden von mehr Unruhen und
Tragödien in diesem Jahrhundert als jedes andere
Gebiet auf dem Kontinent. Die beiden destruktivsten
Kriege in der Geschichte der Menschheit nahmen in
Ereignissen auf dem Boden Mitteleuropas ihren
Anfang, und der Kalte Krieg wurde in seinen alten
und geschichtsträchtigen Städten geführt - alles
innerhalb der letzten 80 Jahre.
Bei anderen historischen Wendepunkten wurde
dieses Gebiet ebenfalls vernachlässigt. Erst die
Verträge von Versailles und Trianon, dann die
Abkommen von Jalta und Potsdam und schließlich
der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums diese drei zentralen Ereignisse hinterließen in ganz
Mitteleuropa ein Vermächtnis ungelöster und häufig
widersprüchlicher historischer Ressentiments, Ambi-

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�tionen und - was am gefährlichsten war - territorialer
und ethnischer Konflikte. Ohne Demokratie, Stabilität und freie Marktwirtschaften sind diese Länder
weiterhin anfällig für die gleichen, häufig durch die
Obsession verschärften Probleme, tatsächliches oder
eingebildetes historisches Unrecht wiedergutzumachen. Wenn sich diese Bösartigkeiten verbreiten wie sie es bereits in Teilen des Balkan und des
Transkaukasus getan haben - steht die generelle
europäische Stabilität erneut auf dem Spiel. Und für
Deutschland und Rußland - die beiden großen
Nationen an den Flanken Mitteleuropas - war Unsicherheit historisch gesehen ein Hauptfaktor für
aggressives Verhalten.
Aber wenn es große Probleme gibt, so gibt es auch
große Möglichkeiten. Zum ersten Mal in der Geschichte haben die Nationen in dieser Region die
Chance, sich gleichzeitig der Stabilität, Freiheit und
Unabhängigkeit auf der Grundlage eines anderen
Anfangs zu erfreuen: Der Annahme westlicher
demokratischer Ideale als gemeinsamer Basis für
ganz Europa. Die emotionale, aber auch praktische
Anziehungskraft des Westens kann die stärkste
einigende Kraft sein, die Europa seit Generationen
erlebt hat - aber nur, wenn unnötige Verzögerungen
nicht die Chancen vereiteln.
Der Westen verdankt einen Großteil seines Erfolgs
den in den vierziger und fünfziger Jahren gegründeten großartigen Institutionen. Sie haben eine wichtige innenpolitische Funktion für ihre Mitglieder und
projizieren ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit
auf andere. Wenn diese Institutionen neuen Mitgliedern verschlossen blieben, würden sie immer
weiter von den neuen Herausforderungen isoliert
und weniger relevant für die Probleme der Welt nach
dem Kalten Krieg. Es wäre eine Tragödie, wenn der
Westen aufgrund von Verzögerungen oder Unentschlossenheit zur Schaffung von Bedingungen
beitragen würde, die zu eben den von ihm am
meisten gefürchteten Problemen führten.
Der
Westen muß in Wort und Tat so bald wie möglich
eine Erweiterung nach Mitteleuropa vornehmen, und
die Vereinigten Staaten sind bereit, den Weg anzuführen. Stabilität in Mitteleuropa ist unabdingbar für
die allgemeine europäische Sicherheit, und diese ist
noch lange nicht gewährleistet.
Die Bausteine
Der zentrale Sicherheitspfeiler der neuen Architektur
ist eine ehrwürdige Organisation:
die NATO.
Einigen mag das 45 Jahre alte atlantische Bündnis
irrelevant oder schlecht gerüstet für die Herausforderungen des neuen Europa erscheinen. Andere
verleitet die außerordentliche Erfolgsbilanz der
NATO zu der Annahme, daß nichts geändert werden

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muß. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen falsch.
Die Erweiterung der NATO ist eine logische und
unerläßliche Konsequenz des Verschwindens des
Eisernen Vorhangs und der Notwendigkeit einer
Ausweitung der europäischen Einheit auf der Grundlage gemeinsamer demokratischer Werte. Aber
selbst vor der NATO-Erweiterung spielen ihre Stärke
und ihr Know-how bereits eine wichtige Rolle beim
Aufbau eines neuen Gefühls der Sicherheit in ganz
Europa.
Vor Jahrzehnten zur Abwehr einer einzigen, klar
definierten Bedrohung konzipiert, steht die NATO erst
am Anfang einer historischen Umgestaltung. Der
Hauptzweck der kollektiven Verteidigung der NATO
bleibt bestehen, aber neue Ziele und Programme
wurden hinzugefügt. Kollektives Krisenmanagement,
Streitkräfteprojektion out-of-area und die Förderung
von Stabilität in Richtung Osten durch die Partnerschaft für den Frieden (Partnership for Peace - PFP)
sowie andere Programme wurden in die Wege
geleitet. Die Befehlsstrukturen wurden modernisiert.
Bisher zur Bekämpfung eines möglichen sowjetischen
Angriffs über Mitteleuropa hinweg konzentrierte
statische Streitkräfte wurden in ein leichter bewaffnetes, mobiles und flexibles multinationales Korps
umgewandelt, das auf eine unterschiedliche, weniger
stabile Welt reagieren kann.
Zwei neue Strukturen - der Nordatlantische Kooperationsrat und die Partnerschaft für den Frieden wurden speziell für die Einbeziehung der Nichtmitglieder der NATO eingerichtet. Sie verdienen vermehrte Aufmerksamkeit, insbesondere das kreative
neue Konzept, das so passend Partnerschaft für den
Frieden genannt wurde. In nur einem Jahr wurde die
innovative Idee zum integralen Bestandteil der
europäischen Sicherheitsszene - wird jedoch weiterhin leicht mißverstanden und unterschätzt.
Im
Gegensatz zu dem weitverbreiteten Eindruck ist die
PFP nicht eine einzige Organisation, sondern eine
Reihe individueller Abkommen zwischen der NATO
und - jüngsten Zahlen zufolge - 24 anderen Ländern
von Polen bis Armenien, einschließlich Rußlands.
Jedes "Partnerland" entwirft ein individuelles Programm zur Erfüllung seiner Erfordernisse.
Die PFP ist ein unschätzbares Instrument, das die
NATO und die einzelnen Partner zur Zusammenarbeit
ermutigt. Sie hilft den neuen demokratischen Staaten
bei der Umstrukturierung und Einführung demokratischer Kontrolle ihrer Streitkräfte sowie dem Erlernen
neuer Formen von Militärdoktrin, Umweltschutz und
Katastrophenhilfe. In der Zukunft wird sie einen
Rahmen bieten, in dem die NATO und die individuellen Partner bei Krisenmanagement und Friedenssicherungsmissionen out-of-area kooperieren können.

Seite 3

�Die PFP hat ihren Wert unverzüglich unter Beweis
gestellt. Im ersten Jahr ihrer Existenz hielten die
Verbündeten und Partner gemeinsame Übungen in
Polen, den Niederlanden und im Nordatlantik ab.
Zehn Partner haben bereits Verbindungsbüros zu
den militärischen Kommandobehörden eingerichtet.
Sechzehn Partner haben gemeinsame Aktivitäten mit
der NATO aufgenommen, und andere werden
folgen. Ein Verteidigungsplanungs- und Überprüfungsprozeß wurde innerhalb der Partnerschaft zur
Förderung von Kompatibilität und Transparenz
zwischen Verbündeten und Partnern in die Wege
geleitet. Die PFP ist ferner ein Instrument für die
Partner, mehr über die NATO-Verfahren und Normen zu lernen und dabei jedem Partner bei einer
informierten Entscheidung behilflich zu sein, ob er
für eine Mitgliedschaft im Bündnis in Betracht
gezogen werden möchte.

verpflichteten sich - wiederum auf Initiative der
Vereinigten Staaten - zu einem Zweiphasenprogramm
für 1995. Während der ersten Hälfte dieses Jahres
wird die NATO bei einer bereits eingeleiteten internen
Diskussion über die Prinzipien und den Prozeß für
die Erweiterung der neuen NATO der Zeit nach dem
Kalten Krieg entscheiden. Dann, in den Monaten vor
dem Ministertreffen im Dezember 1995, wird die
Meinung der NATO zu diesen beiden Themen "Warum" und "Wie" - den PFP-Mitgliedern einzeln
vorgelegt, die Interesse an solchen Gesprächen
bekundet haben. Dieser entscheidende Schritt wird
das erste Mal sein, an dem detaillierte Diskussionen
zu diesem Thema außerhalb des Bündnisses stattfinden werden. Die Minister werden dann im Dezember wieder in Brüssel zusammenkommen und die
Ergebnisse der Gespräche mit den Partnern vor der
Entscheidung über das weitere Vorgehen auswerten.

Aus der Perspektive des Bündnisses wird die PFP
einen wertvollen Rahmen zur Beurteilung der Fähigkeit jedes Partners zur Übernahme der Pflichten der
NATO-Mitgliedschaft - einen Test für ihre Fähigkeiten - schaffen. Und für die Partner, die nicht Mitglied der NATO werden, wird die PFP eine Struktur
für zunehmend enge Zusammenarbeit mit der NATO
bieten - an sich schon ein wichtiger Baustein für die
europäische Sicherheit. Wenn die Hoffnungen der
Vereinigten Staaten verwirklicht werden - und das
erste Jahr gibt berechtigten Anlaß zu Optimismus wird die PFP dauerhafter Bestandteil der europäischen Sicherheitsszene, selbst während die NATO
einige, aber nicht alle PFP-Mitglieder einbezieht.

Dieser Prozeß, der in jeder Phase der Zustimmung
aller 16 NATO-Mitgliedstaaten bedarf, befindet sich
noch im Anfangsstadium. Er wird noch nicht überall
verstanden. Angesichts der Bedeutung der NATO
überrascht es nicht, daß einige außenstehende
Beobachter den Prozeß beschleunigen wollen,
während andere seinen Beginn gar nicht erst wünschen. Die Clinton-Administration und ihre NATOVerbündeten haben sich nach einigen anfänglichen
Meinungsverschiedenheiten für einen allmählichen
und überlegten Mittelkurs entschieden und den
Prozeß begonnen.
Mehrere wesentliche Punkte sollten hervorgehoben
werden:

Die Erweiterung der NATO
Kein Thema ist wichtiger, kontroverser oder leichter
mißzuverstehen als das, ob die NATO ein Bündnis
mit seinen derzeit 16 Mitgliedern bleiben oder eine
Erweiterung vornehmen soll, und wenn sie diese
Erweiterung vollzieht - warum, wo, wann und wie.
Am Beginn eines wichtigen Jahres für diese Entscheidungen ist es nützlich, die Position der Vereinigten Staaten zu dieser Frage und ihre Zielsetzung zu klären.
1994 war im wesentlichen ein Jahr, in dem die
NATO auf Initiative der Vereinigten Staaten die
Entscheidung über die mögliche Erweiterung traf.
Diese Entscheidung wurde beim Gipfeltreffen von
Brüssel im Januar erzielt und von Präsident Clinton
während seiner Europareise im Juni vergangenen
Jahres bekräftigt, als er feststellte, die Frage laute
nicht länger, ob die NATO erweitert wird, sondern
wie und wann.
Im Dezember letzten Jahres kamen die NATOAußenminister erneut in Brüssel zusammen und

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Erstens. Ziel bleibt die Verteidigung der vitalen
Interessen des Bündnisses und die Förderung
europäischer Stabilität. Die NATO-Erweiterung muß
zu einer Erhöhung der Sicherheit in der gesamten
Region führen, einschließlich der Nichtmitgliedstaaten. Ziel ist die Förderung von Sicherheit in Mitteleuropa durch die Integration von Staaten, die sich für
die Aufnahme in den stabilisierenden Rahmen der
NATO eignen.
Zweitens. Das Grundprinzip und Verfahren einer
NATO-Erweiterung - nachdem diese beschlossen
wurde - transparent, nicht geheim. Sowohl Warschau
als auch Moskau beispielsweise werden Ende dieses
Jahres von der NATO dieselben Informationen
erhalten, und beide sollten über sämtliche Überlegungen des Bündnisses in Kenntnis gesetzt werden
um zu verstehen, daß die NATO nicht länger als
gegen Rußland gerichtetes Bündnis angesehen
werden sollte. Der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinsky, Befürworter einer
schnellen Erweiterung, schrieb in der Ausgabe
Januar/Februar 1995 von Foreign Affairs: "Weder

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�das Bündnis noch seine möglichen neuen Mitglieder
sehen sich einer unmittelbaren Bedrohung gegenüber. Das Gerede über ein neues Jalta oder eine
militärische Bedrohung durch die Russen ist nicht
gerechtfertigt, weder durch die jetzigen Gegebenheiten noch durch Katastrophenszenarien für die nahe
Zukunft. Aus diesem Grund sollte die Erweiterung
der NATO nicht durch gegen Rußland gerichtete,
herbeigeredete Hysterie vorangetrieben werden."
Drittens. Es existiert kein Zeitplan und keine Liste
möglicher Beitrittskandidaten. Die Antworten auf die
entscheidenden Fragen des "Wer" und "Wann"
werden nach Abschluß dieser Phase des Prozesses
gefunden.
Viertens. Jede Nation wird einzeln in Erwägung
gezogen, nicht als Mitglied einer Gruppierung.
Fünftens. Die Entscheidung darüber, wer der NATO
beitritt und wann, wird ausschließlich vom Bündnis
selbst gefällt. Kein Nichtmitgliedstaat bekommt ein
Vetorecht.
Sechstens. Obwohl noch nicht über die Kriterien für
eine Mitgliedschaft entschieden wurde, besitzen
einige im ursprünglichen Washingtoner Vertrag
enthaltene grundlegende Richtlinien heute ebensolche Gültigkeit wie 1949: Die neuen Mitglieder
müssen demokratische, marktwirtschaftliche, einer
verantwortlichen

Sicherheitspolitik

verpflichtete

Staaten sein, die einen Beitrag zum Bündnis leisten
können. Präsident Clinton formulierte es folgendermaßen: "Länder mit repressiven politischen Systemen, die etwas gegen ihre Nachbarstaaten im
Schilde führen, mit einem keiner zivilen Kontrolle
unterstehenden Militär oder geschlossenen Volkswirtschaften brauchen keinen Antrag auf Mitgliedschaft stellen."
Schließlich sollte man sich vor Augen führen, daß
der Beitritt jedes neuen Mitglieds für die Vereinigten
Staaten eine feierliche Verpflichtung darstellt: Einen
bilateralen Verteidigungsvertrag, durch den eine
weitere Nation in den Genuß des amerikanischen
Schutzschilds kommt. Dies erfordert die Ratifizierung durch eine Zweidrittelmehrheit des Senats, was
von Anhängern einer sofortigen Erweiterung oftmals
übersehen wird.
Ein umfassendes Sicherheitskonzept
Die NATO-Erwerterung kann nicht in einem Vakuum
stattfinden, denn dadurch würden nur die Ungleichgewichte und Instabilitäten verschärft, die man
eigentlich vermeiden wollte. Neben der NATO muß
eine Vielzahl von Organisationen und Institutionen
zu der neuen Friedensstruktur beitragen. Die neue

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Architektur sollte sowohl Institutionen wie die NATO
und die EU einbeziehen, die eine wirkliche Integration
ihrer Mitglieder anstreben, als auch andere, wie die
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in
Europa (OSZE), die einen breiten, umfassenden
Rahmen für lockerere Formen der Zusammenarbeit
bieten.
Obwohl die EU vorwiegend eine politische und
wirtschaftliche Institution ist, leistet sie auch einen
wichtigen Beitrag zur europäischen Sicherheit. Die
Integration westeuropäischer Nationen hat tatsächlich
territoriale Streitigkeiten, Unabhängigkeitsbestrebungen, soziale Spaltungen und ethnische Konflikte
überwunden, die die Gesellschaften Europas in
früheren Zeiten zerrissen.
Die Osterweiterung der EU (und die Süderweiterung
im Falle eines Beitritts von Zypern und Malta) wird
daher von immenser Bedeutung sein. Sie wird zur
Integration und Stabilisierung der beiden Hälften
Europas führen. Dieser Prozeß leitete den Beitritt
Österreichs, Finnlands und Schwedens zu Beginn
dieses Jahres ein. Europäische Abkommen verpflichteten die EU und sechs mitteleuropäische
Staaten ab dem 1. Januar 1995 zum freien Handel
mit Industrieprodukten, mit Ausnahme von Stahl und
Textilien, die 1996 und 1998 folgen werden. Man
erwartet, daß Slowenien und die baltischen Staaten
bald ähnliche Abkommen unterzeichnen. Im Dezember einigten sich die Staats- und Regierungschefs der
EU auf eine Strategie vor einem eventuellen Beitritt,
der im Falle der mitteleuropäischen Staaten, Zyperns
und Maltas wahrscheinlich Anfang des nächsten
Jahrhunderts erfolgen wird. Für Deutschland, das um den aussagekräftigen Satz Bundeskanzler Helmut
Kohls zu zitieren - "nicht unendlich lange Europas
östlichste Grenze bleiben kann", ist die Erweiterung
der EU besonders wichtig, weshalb Deutschland
diesen Prozeß während seiner EU-Präsidentschaft
einleitete.
Die Erweiterung der NATO und der EU wird nicht
exakt im gleichen Tempo erfolgen. Die Zusammensetzung ihrer Mitglieder wird nie identisch sein. Die
beiden Organisationen unterstützen sich aber eindeutig gegenseitig. Obwohl die Beziehungen zwischen NATO und EU komplex sind, insbesondere da
die EU sich um eine Neudefinition ihres Verhältnisses
zur WEU bemüht, um eine europäische Verteidigungsidentität zu schaffen, sind sie klar von gegenseitiger Unterstützung gekennzeichnet. Die Erweiterung der beiden Organisationen ist für ein ungeteiltes
und stabiles Europa gleichermaßen wichtig.
Es wäre kontraproduktiv für die WEU, militärische
Strukturen zu schaffen, um die erfolgreiche europäische Integration zu kopieren, die bereits in der NATO

Seite 5

�erreicht wurde. Eine stärkere europäische Säule
des Bündnisses kann jedoch ein bedeutender
Beitrag zu europäischer Stabilität und transatlantischer Lastenteilung sein, falls dadurch nicht die
NATO geschwächt wird. Die WEU stellt eine neue
Prämisse für die kollektive Verteidigung auf: Die
Vereinigten Staaten sollten nicht das einzige NATOMitglied sein, das außerhalb Europas den Schutz
lebenswichtiger gemeinsamer Interessen gewährleisten kann.
Stärkung der OSZE
Weder die NATO noch die EU können alles für alle
sein, und die anderen größeren Organisationen
konzentrieren sich auf die Details. Aus diesem
Grund besteht im neuen architektonischen Konzept
Europas die Notwendigkeit einer größeren, lockereren, regionalen Sicherheitsorganisation - natürlich
kleiner als die Vereinten Nationen - die einen Rahmen für den Umgang mit einer Vielzahl von Herausforderungen bietet, für deren Bewältigung weder die
NATO noch die EU vorgesehen sind und der NATOMitglieder und andere Länder auf der Basis der
Gleichberechtigung angehören.
Glücklicherweise existiert der Kern einer solchen
Struktur bereits seit einigen Jahren - die Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Die
aus 53 Mitgliedern bestehende Institution mit ihren
Menschenrechtsverpflichtungen,
Konsultationsmechanismen und ihrem Streben nach kooperativer
oder präventiver Diplomatie sollte in dem neuen
Europa eine Lücke füllen. Die durch die Schlußakte
von Helsinki im Jahr 1975 geschaffene KSZE stellte
durch ihren berühmten "Korb 3" unerwartet ein
Druckmittel im Bereich Menschenrechte und demokratische Werte bereit, das eine wichtige Rolle bei
der Untergrabung des Kommunismus spielte. Mitte
letzten Jahres war jedoch bereits klar, daß die KSZE
zwar interessante Möglichkeiten bot, jedoch weder
über den inneren Zusammenhalt noch über das
politische Mandat verfügte, die sie konfrontierenden
Herausforderungen zu bewältigen.
Moskau und die wichtigsten Verbündeten der NATO
teilten diese Ansicht. Im Herbst letzten Jahres
stimmten alle überein, daß die KSZE im Falle einer
NATO-Erweiterung gestärkt und mit mehr Befugnissen ausgestattet werden sollte. Eine bedeutsame
Evolution dieser Organisation, einschließlich einer
Namensänderung, begann im Dezember 1994 beim
Budapester Gipfel, an dem Präsident Clinton und
Außenminister Christopher teilnahmen. Das Ergebnis waren eine Annäherung an ein klareres politisches und operatives Mandat, ein gestärkter Konsultationsmechanismus sowie ein neuer Status. Die

Seite 6

alte "Konferenz" wurde zu einer richtigen "Organisation" - die OSZE war geboren.
Die Rolle der neuen OSZE muß jetzt klarer definiert
werden. Statt durch juristische oder militärische
Aktionen ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen,
strebt sie eine Verbesserung der Sicherheit durch die
Schaffung neuer Formen der Zusammenarbeit auf
der Grundlage eines Konsenses an. Da ihre Mitglieder aus buchstäblich allen 24 Zeitzonen stammen
und eine enorme Vielfalt von Kulturen und Nationen
aufweisen, wird es innerhalb der OSZE öfter Uneinigkeit über die Umsetzung ihrer Normen geben.
Angesichts solcher Unstimmigkeiten muß die OSZE
aggressiver nach Gemeinsamkeiten suchen.
Heutzutage erfordert Sicherheit in Europa die frühzeitige Bewältigung potentieller Konflikte. Die OSZE
muß sich auf diesem Gebiet verdient machen,
ebenso wie das die KSZE bei der Verbreitung demokratischer Werte und Legitimierung von Menschenrechten tat. Die Organisation leistete - wenn auch in
begrenztem Maße - bahnbrechende Arbeit bei
Konfliktverhütung und Krisenmanagement durch
Innovationen wie die Berufung eines Hochkommissars für nationale Minderheiten sowie die Entsendung
von Missionen in Konfliktgebiete.
Die Vereinigten Staaten waren führend bei Innovationen innerhalb der OSZE. In Zukunft werden die
Vereinigten Staaten die Konsultations- und Konfliktverhütungsmechanismen der OSZE verstärkt nutzen.
Ziel ist es, die OSZE als integralen Bestandteil der
neuen Sicherheitsarchitektur zu etablieren. In einer
Zeit großer Belastungen für die Vereinten Nationen
kann die OSZE als regionale Organisation gemäß
Kapitel VII der Charta der Vereinten Nationen eine
Vielzahl von Funktionen übernehmen, die normalerweise in den Zuständigkeitsbereich der Vereinten
Nationen fallen würden. Die Teilnahme von UNOGeneralsekretär Boutros Boutros-Ghali am OSZEGipfel in Budapest unterstrich die Bedeutung einer
solchen Kooperation.
Die OSZE kann unter keinen Umständen ein Ersatz
für die NATO oder die EU sein. Die OSZE kann der
NATO keinesfalls überlegen sein; die Funktionen der
beiden Organisationen sind vollkommen verschieden
und sollen es auch bleiben. Umgekehrt steht die
Erweiterung der Rolle der OSZE nicht im Widerspruch zu den Pflichten der NATO. Ihre Methoden
haben eine vollkommen andere Dimension als die
des Bündnisses.
Ein jüngstes Beispiel für diese Funktion ist das in
Budapest zwischen Rußland und der OSZE geschlossene Abkommen über gemeinsame Verhandlungen in der schwierigen Frage Nagornyj Karabach

AMERIKA DIENST 09

�sowie die Bereitstellung von Friedenssicherungstruppen nach Abschluß eines politischen Abkommens - wichtige Schritte auf dem Weg der OSZE zu
mehr Bedeutung. Kürzlich stimmten die Russen der
Entsendung einer Delegation zur Untersuchung der
Ereignisse in Tschetschenien zu. Allein die Tatsache, daß Moskau eine Einbeziehung der OSZE
akzeptierte, ist wichtig, aber diese Einbeziehung kam
viel zu spät und war zu begrenzt.
Zweifellos ist Tschetschenien Bestandteil der russischen Föderation. Gleichzeitig haben die Vereinigten Staaten von Anfang an die Ansicht vertreten, die
russische Regierung sollte sich an internationale
Normen über die Achtung der Menschenrechte
halten, die in OSZE-Resolutionen und andernorts
niedergelegt sind. Bedauerlicher- und unnötigerweise führte die russische Regierung ihre militärische
Kampagne gegen die Stadt Grosny auf eine Art und
Weise, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung
forderte und humanitäre Hilfsleistungen behinderte.
Das übergeordnete Ziel des Westens in Rußland
und den übrigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bleibt die Integration - die Einbeziehung
entstehender Demokratien in die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Institutionen
des Westens. Von Beginn der Schlacht um Grozny
an bewegte sich Tschetschenien in genau die entgegengesetzte Richtung für Rußland. Tschetschenien hat Rußland auch politisch gespalten und ist ein
ernsthafter Rückschlag für die Sache der Reformen,
Demokratisierung sowie Entwicklung der Russischen
Föderation zu einem stabilen, demokratischen
Vielvölkerstaat. Der Konflikt in Tschetschenien - so
schrecklich er auch ist - hat jedoch nicht die Natur
der amerikanischen Interessen verändert. Präsident
Clinton erklärte im Januar, da Rußland einen historischen Umgestaltungsprozeß durchläuft, wäre es ein
schrecklicher Fehler, auf jeden Höhe- und Tiefpunkt
zu reagieren, den das Land wahrscheinlich noch
jahrzehntelang erleben wird. Wenn die Reformkräfte
kampfbereit sind, müssen die Vereinigten Staaten
deren Unterstützung verstärken, statt sich zurückzuziehen.
Das Ziel der Vereinigten Staaten bleibt ein gesundes
Rußland - ein demokratisches Rußland, das Reformen durchsetzt und die Rechte seiner Bürger
respektiert, statt durch ethnische Konflikte und
Bürgerkrieg gespalten zu werden. Die Fähigkeit der
Vereinigten Staaten zur Weiterverfolgung und
Entwicklung ihrer Partnerschaft mit Rußland hängt
vom gemeinsamen Streben nach diesen Werten und
Zielen ab. Der Grund, warum Rußland sich als
Freund und Partner der Vereinigten Staaten qualifiziert hat, ist die Tatsache, daß seine Menschen und
seine Regierung den Weg der Demokratisierung,

AMERIKA DIENST 09

Entwicklung einer offenen bürgerlichen Gesellschaft
sowie der Respektierung der Grundrechte beschritten
haben. Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten Staaten Rußland auch weiterhin.
Rußland und die Ukraine
Um es noch einmal zu wiederholen: Wenn der
Westen einen dauerhaften und stabilen sicherheitspolitischen Rahmen für Europa schaffen soll, muß er
das dauerhafteste strategische Problem Europas
lösen und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion,
insbesondere Rußland, in ein stabiles europäisches
Sicherheitssystem integrieren. Rußland ist bereits an
den meisten Aspekten der entstehenden Architektur
beteiligt. Es ist aktives Mitglied der OSZE und hat
eng mit den Vereinigten Staaten an der Aufwertung
dieser Organisation zusammengearbeitet. Rußland
unterzeichnete ein ehrgeiziges Partnerschaftsabkommen mit der EU. Das Land ist der NATO-Partnerschaft für den Frieden beigetreten. Es ist ein Beitrittskandidat für den Europarat. Die Vereinigten
Staaten unterstützen eine verstärkte Teilnahme
Rußlands an der G-7 und setzen sich für eine Mitgliedschaft Rußlands in der Welthandelsorganisation
(WTO), der Nachfolgeorganisation des Allgemeinen
Zoll- und Handelsabkommens GATT ein. Erstmals
seit 1945 gehört Rußland - als Mitglied der BosnienKontaktgruppe - einem multinationalen Verhandlungsteam an, das in einer schwierigen sicherheitspolitischen Angelegenheit eine einheitliche Position vertritt.
Die Förderung von Stabilität in Mitteleuropa liegt im
beiderseitigen Interesse Rußlands und der Vereinigten Staaten. Die NATO - die keine Bedrohung für die
Sicherheit Rußlands darstellt - strebt direkte und
offene Beziehungen zu Rußland an, die der besonderen Position und den Gegebenheiten dieses
Landes Rechnung tragen und die Integrität der
anderen neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion bekräftigen. Es wurden Vorschläge •
unterbreitet, darunter auch Ende 1993 vom russischen Präsidenten Boris Jelzin, ein Sonderabkommen zwischen der NATO und Rußland abzuschließen, das verschiedene Formen annehmen kann.
Brzezinski schlug in seinem Artikel in Foreign Affairs
einen "offiziellen Vertrag über globale sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen der NATO und
der Russischen Föderation" im Einklang mit einer
Aufwertung der OSZE vor.
Jegliche Verhandlungen zwischen der NATO und
Rußland über dieses oder andere Übereinkünfte
wären ziemlich komplex. Sie müßten eine Vielzahl
von Faktoren berücksichtigen, darunter das Tempo
einer NATO-Erweiterung, den Status anderer Bindungen zwischen Rußland und der NATO wie die
Partnerschaft für den Frieden, das Ausmaß, in dem

Seite 7

�die OSZE zu einer nützlicheren Organisation geworden ist, sowie die Auswirkungen von Ereignissen wie
die Kampfhandlungen in Tschetschenien. Ungeachtet dieser Vielzahl von Fragen haben die US-Regierung und ihre wichtigsten Verbündeten diese bedeutende neue Spur innerhalb des europäischen Sicherheitsrahmens verfolgt. Inoffizielle Erörterungen
dieser Möglichkeit begannen - allerdings erst im
Anfangsstadium - im Januar in Genf bei dem Treffen
von US-Außenminister Christopher mit seinem
russischen Amtskollegen Andrej Kosyrew.
Jede Übereinkunft dieser Art muß den Sonderfall
Ukraine in Betracht ziehen. Ihre geostrategische
Position macht ihre Unabhängigkeit und Integrität zu
einem entscheidenden Element europäischer Sicherheit. Im vergangenen Dezember in Budapest
tauschten Präsident Clinton sowie die führenden
Politiker von Belarus, Kasachstan, Rußland und der
Ukraine Ratifizierungsdokumente für das Abkommen
über den Abbau strategischer Waffen aus, wodurch
der START I-Vertrag offiziell in Kraft trat. Gleichzeitig hinterlegte die Ukraine ihre Beitrittsurkunde zum
Nichtverbreitungsvertrag (NW), und die Vereinigten
Staaten, Rußland und Großbritannien machten

Belarus, Kasachstan und der Ukraine Sicherheitszusagen.
Die grundlegenden Ziele derjenigen, die diesen
historischen Moment nutzen wollen, sind die Ausweitung von Demokratie und Wohlstand, die Integration der politischen und sicherheitspolitischen Institutionen sowie eine Einheit, die Europa bisher selbst mit amerikanischer Hilfe - nicht erreichen
konnte. Politiker werden eine Führungsrolle übernehmen müssen, um die Ambivalenz, Konfusion,
Selbstgefälligkeit und geschichtlichen Hintergründe zu
überwinden, die Reformen behindern. Der große
Architekt der europäischen Einigung, Jean Monnet,
stellte fest: "Nichts ist möglich ohne den Menschen,
aber nichts ist von Dauer ohne Institutionen." Die
Bestrebungen von Monnet, Marshall und anderen
brachten bereits ein halbes Jahrhundert währenden
einzigartigen Frieden und Wohlstand hervor - aber
nur für den halben Kontinent. Die vor uns liegende
Aufgabe ist ebenso beängstigend wie notwendig.
Den Herausforderungen den Rücken zuzuwenden
würde nur dazu führen, daß später ein höherer Preis
gezahlt werden muß.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 09

�MENSCHENRECHTE
9. März 1995

Trotz Fortschritten bleibt noch viel für UNHCR zu tun
Rede von Botschafterin Ferraro
GENF - (AD) - Obwohl seit der ersten Zusammenkunft der UN-Menschenrechtskommission (U.N. Human
Rights Commission - UNHCR) vor nahezu einem halben Jahrhundert beträchtliche Fortschritte im Bereich der
Menschenrechte erzielt wurden, "ist unsere Arbeit noch lange nicht getan", warnte die Leiterin der
amerikanischen Delegation bei der UNHCR, Botschafterin Geraldine Ferraro, in einer Erklärung vor der
Kommission am 2. März 1995.
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext von Botschafterin Ferraro.

Herr Vorsitzender, vor nahezu einem halben Jahrhundert, nach dem schlimmsten Krieg, den die Welt
je erlebt hatte, kam die erste Menschenrechtskommission zusammen und begann, die Grundlagen für
neue Normen des internationalen Verhaltens und der
internationalen Beziehungen zu legen. Es war ein
Wendepunkt in der Geschichte humanitärer Institutionen.
Der Prozeß der Anpassung an diese neuen Normen
erschien manchmal langsam. Für viele hatte der
Kalte Krieg oder der Kampf zur Überwindung der
Kolonialherrschaft Vorrang. Demokratie und Menschenrechte wurden auf einen späteren Zeitpunkt
vertagt.
Obwohl einige darauf hinarbeiteten, daß diese Zeit
nie kommen möge, begannen andere die Macht der
folgenden Worte zu verstehen: Menschenrechte
sind universelle Rechte. Langsam aber stetig faßte
die Idee Fuß, daß Menschenrechte auf jeden Anwendung finden. Sie wurde in den Gulags geflüstert
und von gefesselter Hand zu gefesselter Hand in
den Gefängnissen weitergegeben, in die Männer und
Frauen wegen des simplen "Verbrechens" des
Strebens nach Freiheit geworfen wurden. Sie wurde
über Kurzwelle weitergetragen und schwamm auf
einer Welle verbotener Bücher und Tonbänder. Und
am Ende waren die Worte überall zu vernehmen.
Wenn wir daher auf unser erstes halbes Jahrhundert
zurückblicken, können wir stolz sein, denn es gibt
keine Nation, in der Menschenrechte ohne Furcht
vor internationaler Aufdeckung verletzt werden
können. Wir haben das Fundament gelegt und eine
Stimme gefunden.

AMERIKA DIENST 09

Aber dennoch, Herr Vorsitzender, ist unsere Arbeit
noch lange nicht getan. Die Hoffnung, daß das Ende
des Kalten Krieges zu einer Welt mit weniger Spannungen und größerer Achtung der Menschenrechte
führen würde, hat sich als Illusion erwiesen. In der
Vergangenheit längst begrabene nationale und
ethnische Konflikte brachen wieder auf und suchten
mehrere Teile des Globus heim. Und selbst während
die moderne Technologie zur Verbreitung der Hoffnung der Menschenrechte beigetragen hat, legte sie
auch neue Waffen in die Hände derjenigen, die
unsere Verurteilung weder fürchten noch die Notwendigkeit zur Respektierung der elementarsten Formen
menschlicher Würde verspüren.
Wir haben also den ersten Schritt nach vorne unternommen, aber der nächste erwartet uns bereits.
Was sollen wir tun? Auf den nächsten Weltkrieg
warten, der uns zwingt, diesen Schritt zu unternehmen? Ich fürchte, wir hier sind selbstgefällig geworden, so vertieft in unsere Arbeit, daß wir an halbe
Erfolge gewöhnt sind. Ich möchte das nicht glauben,
aber manchmal muß ich mich wundern. Jahr um
Jahr sind wir nach Genf gekommen, talentierte,
engagierte Menschen in fast allen Fällen. Wir halten
unsere Reden, verabschieden unsere Resolutionen.
Wir kommen in hektischen Planungssitzungen
zusammen. Aber die Menschenrechtsverletzungen
finden immer noch statt. Wir müssen eingestehen,
daß wir wenig Macht haben, bestimmte Länder zu
beschämen.
Das sollte uns jedoch nicht abschrecken, denn
unsere Arbeit wird erst an dem Tag getan sein, wenn
niemand mehr aus politischer oder religiöser Überzeugung gefoltert wird; wenn ethnische Säuberungen

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�nicht in einer Stadt verherrlicht und in der nächsten
gefürchtet, politische Gefangene nicht mehr exekutiert werden, weil sie es wagen, sich für die Freiheit
auszusprechen, Frauen und Mädchen nicht mehr vor
ihren elenden Flüchtlingslagern vergewaltigt, Boote
voller verzweifelter Menschen nicht von der eigenen
Marine versenkt, Journalisten nicht wegen der Suche
nach Wahrheit erschossen oder Priester wegen des
Strebens nach Frieden verfolgt werden.
Seit Jahren haben die Vereinigten Staaten auf
Länder verwiesen, deren Menschenrechtsbilanz weit
hinter den Normen der internationalen Staatengemeinschaft und denen der von ihnen eingegangenen
Verträge zurückbleibt. Diese Länder sind Irak, Iran,
Sudan, Burma, Zaire und Nordkorea. Wenn ich
heute nicht näher auf diese Länder eingehe, heißt
das nicht, daß wir ihre flagranten und systematischen Menschenrechtsverletzungen nicht ernst
nehmen. Das tun wir. Und wir werden weiterhin
ihre verabscheuungswürdige Menschenrechtsbilanz
hervorheben - sowohl hier als auch im jährlichen
Menschenrechtsbericht des US-Außenministeriums.
Wir werden hier natürlich alle Resolutionen unterstützen, die ihre Greueltaten ausreichend festhalten.
Und im Hinblick auf den Sudan werden wir bei der
Vorlage unserer Resolution sehr deutlich zu den von
der Regierung dieses Landes verübten Menschenrechtsverletzungen Stellung nehmen.
Statt hier im einzelnen darauf einzugehen, möchte
ich mich auf die Orte konzentrieren, an denen diese
Kommission und die Menschenrechtler in naher
Zukunft etwas bewirken können.
In Bosnien und Herzegowina wurde die Hälfte der
vor dem Krieg ansässigen Bevölkerung aus ihrer
Heimat vertrieben oder mußte fliehen, und eine
Viertel Million Menschen haben ihr Leben verloren.
Die meisten verbliebenen Zivilisten sind verzweifelt
in Enklaven gefangen, durch Milizen der kriegführenden Parteien von Nahrungsmitteln und Medikamenten abgeschnitten sowie willkürlichen Artillerieangriffen und Heckenschützen ausgesetzt.
Andere
werden routinemäßig gequält und terrorisiert.
Obwohl alle Konfliktparteien für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind, kommt den bosnischen Serben die größte Schuld zu. Siebzig bis
neunzig Prozent Bosniens sind von ihnen besetzt.
Und auch wenn sich das Tempo ihrer abscheulichen
ethnischen Säuberungen im vergangenen Jahr
etwas verlangsamt hat, dann ist dies eher auf die
Gründlichkeit zurückzuführen, mit der diese Praxis
angewendet wurde, als auf einen Sinneswandel.
Und obwohl sich das Tempo verlangsamt hat, ist das
nicht gut genug. Die ethnischen Säuberungen
müssen völlig gestoppt werden.

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Die Kämpfe müssen ein Ende haben.
Die verabscheuungswürdigen Menschenrechtsverletzungen in Bosnien sind das Werk spezifischer
Personen, die vom Tod und der Vertreibung anderer
persönlich und politisch profitieren wollen. Sie dürfen
keinen Erfolg haben, Herr Vorsitzender. Sie müssen
für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden.
Aus diesem Grund unterstützen die Vereinigten
Staaten uneingeschränkt die andauernden Verhandlungen zur Beendigung des Blutvergießens und - was
ebenso wichtig ist - das Kriegsverbrechertribunal für
das ehemalige Jugoslawien, um die für den Genozid
und andere ernsthafte Menschenrechtsverletzungen
Verantwortlichen vor Gericht zu bringen. Wir möchten auch den Sonderberichterstatter, Mr. Mazowieki,
besonders würdigen, weil er unsere Aufmerksamkeit
auf die Bosnien heimsuchenden Verbrechen lenkt.
Ähnliche Bestrebungen der internationalen Rechenschaftspflicht sind in Ruanda eindeutig gerechtfertigt,
wo die beispiellose Gewalt des Völkermords vom
vergangenen Jahr vier Millionen Menschen - über die
Hälfte der Bevölkerung - aus ihrer Heimat vertrieb.
Die Größenordnung der Grausamkeit und Zerstörung
übersteigt das Vorstellungsvermögen.
Und obwohl die Menschenrechte nur eine Dimension
der ruandischen Krise sind, ist dies dennoch eine
außerordentlich wichtige. Die Vereinigten Staaten
unterstützen vehement das internationale Tribunal für
Ruanda und arbeiten intensiv mit dem Büro des
Oberstaatsanwalts zusammen.
Darüber hinaus
unterstützen wir die weitere Finanzierung des Menschenrechtsbüros vor Ort und das technische Hilfsprogramm, das von der Justiz erarbeitet wird. Wir
vertreten ferner die Auffassung, daß die Verlängerung
des Mandats des Sonderberichterstatters für dieses
Land unabdingbar ist.
Die Burundi bedrohenden tödlichen Spannungen
geben ebenfalls Anlaß zu ernsthafter Sorge der
Vereinigten Staaten. Wir unterstützen die vom Büro
des Menschenrechtszentrums vor Ort bei der Förderung von Frieden und Aussöhnung geleistete Arbeit
und würden eine zunehmende Berichterstattung über
die Aktivitäten des Zentrums begrüßen. Wir fördern
die Schlichtungsversuche der Sondergesandten der
Vereinten Nationen, Ahmedou Abdallah, und die von
der OAU-Beobachtergruppe eingeleiteten vertrauensbildenden Maßnahmen.
Wesentlich ist, daß die internationale Staatengemeinschaft alles in ihrer Macht Stehende unternimmt, um
in Burundi das Schlimmste zu verhindern. Wie der
Hochkommissar für Menschenrechte, Botschafter
Ayalo Lasso, zu Beginn dieser Sitzung äußerte,
kostet es nämlich weniger Menschenleben und Geld,

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�wenn wir jetzt handeln, statt abwarten, bis das Land
von einer humanitären Katastrophe heimgesucht
wird.
Die Vereinigten Staaten beobachten die Ereignisse
in Tschetschenien mit großer und beständiger Sorge
angesichts des mutwilligen Einsatzes von Gewalt
gegen Zivilisten durch Rußland sowie der Berichte
über dortige Menschenrechtsverletzungen. Ferner
sind wir besorgt über die Möglichkeit, daß die Situation das russische Engagement für Demokratisierung
unterminieren könnte.
Wir haben deutlich gemacht, daß wir Tschetschenien
als Teil der Russischen Föderation betrachten und
die territoriale Integrität der Russischen Föderation
in ihrer Gesamtheit unterstützen. Unseres Erachtens
muß jedoch unverzüglich ein Prozeß des Dialogs
und der Versöhnung zwischen allen Parteien eingeleitet werden, wie von der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa befürwortet. Zudem
ist eine schnellere Lieferung der dringend benötigten
humanitären Hilfsleistungen sowie eine sofortige
Einstellung der Menschenrechtsverletzungen aller
Seiten erforderlich.
Herr Vorsitzender, oft zollen wir den Ländern nicht
genug Anerkennung, die unter Überwindung schwieriger Umstände die harte Arbeit der Demokratisierung und Achtung der Menschenrechte beginnen.
Eines dieser Länder ist Südafrika. Wir haben allen
Grund zur Freude, daß der lange Alptraum der
Apartheid beendet ist und die lebenslangen Bestrebungen von Präsident Mandela und vielen anderen
endlich Früchte tragen.

Parteien die Teilnahme an den für November anberaumten Wahlen gestatten würde. Wir sind entschieden für eine Ausweitung des Mandats der
unabhängigen Expertin für Guatemala, Frau Monica
Pinto, die als Beraterin tätig ist. Durch die Zusammenarbeit mit der UNO-Überprüfungsmission für
Menschenrechte - Minugua - und die Beratungsdienste des Menschenrechtszentrums unternimmt Guatemala einen Versuch zur Selbsthilfe. Und darum geht
es bei der Arbeit dieser Kommission.
In einigen Ländern wurden Bestrebungen zur Verbesserung der Menschenrechtssituation unternommen, aber noch keine stetigen Fortschritte erzielt.
Die Lage in Osttimor ist beispielsweise weiterhin
besorgniserregend, und es bleibt noch viel zu tun.
Wir beobachten weitere systematische Gewaltanwendung. Insbesondere möchte ich auf die Morde
an sechs Zivilisten in Osttimor im Januar nach
Einschüchterung und Folterung durch das Militär
hinweisen, von denen die unabhängige

nationale

Menschenrechtskommission Indonesiens berichtete.
Wir begrüßen die Aktionen der Regierung zur Ermittlung und Bekanntgabe der Ergebnisse. Es ist aber
ebenso wichtig, daß die offiziellen Maßnahmen sich
auf eine Beseitigung der Mißstände konzentrieren
sowie auf die Schaffung eines der Respektierung der
Menschenrechte in Osttimor förderlichen Klimas.
Während es Länder gibt, in denen bei der Achtung
der Menschenrechte Fortschritte gemacht werden, ist
das in anderen bedauerlicherweise nicht der Fall.

Herr Vorsitzender, vor nicht allzu langer Zeit wurde
die Mehrheit mittelamerikanischer Staaten von
Militärs regiert. Jetzt hat jede dieser Nationen eine
demokratische Regierung.
Wirtschaftliche und
politische Beziehungen werden verstärkt geknüpft
und die Menschenrechte zunehmend respektiert. In
El Salvador, wo einst die schlimmsten Verletzungen
an der Tagesordnung waren, wurden derartige
Fortschritte erzielt, daß nach Ansicht der Vereinigten
Staaten das Mandat für den Sondergesandten
auslaufen sollte.

Herr Vorsitzender, die Vereinigten Staaten machen
sich seit langem große Sorgen, daß die chinesische
Regierung ihren Bürgern keine Wahrnehmung
international anerkannter bürgerlicher und politischer
Rechte gestattet. Obwohl die Vereinigten Staaten
gute Beziehungen zu einem starken, wohlhabenden,
stabilen und offenen China anstreben, sind wir
weiterhin überzeugt, daß China kein solches Land
werden - und nicht seinen rechtmäßigen Platz in der
Völkergemeinschaft einnehmen kann - ohne Praktiken Einhalt zu gebieten, durch die chinesische Bürger
willkürlichen Verhaftungen und Festnahmen ohne
Gerichtsverfahren, Inhaftierung und sogar Folter
ausgesetzt werden, weil sie ihrer politischen, sozialen
oder religiösen Überzeugung auf friedliche Weise
Ausdruck verliehen.
In diesem Zusammenhang
macht sich das amerikanische Volk große Sorgen
über das Schicksal politischer Gefangener wie Wei
Jingsheng, Tong Yi, Bao Tong und Ren Wanding chinesischer Bürger, die stellvertretend für Tausende
anderer sind, die in den Gefängnissen und Umerziehungslagern Chinas dahinsiechen.

Wir freuen uns, daß die Regierung Guatemalas
einen umfassenden Frieden anstrebt, der allen

Das heißt jedoch nicht, daß nichts unternommen
wird. Im vergangenen Oktober ließ China den

In Haiti hat im Auftrag des UN-Sicherheitsrats eine
multinationale Truppe aus Angehörigen von 30
Nationen den demokratisch gewählten Präsidenten,
Jean-Bertrand Aristide, wieder ins Amt eingesetzt.
Dadurch verbesserte sich die Menschenrechtssituation in dem Land drastisch. Erstmals seit vielen
Jahren gibt es in Haiti Hoffnung.

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Seite 3

�Besuch eines Sonderberichterstatters für religiöse
Intoleranz zu. Bedauerlicherweise sprach der Berichterstatter nicht mit einem Vertreter des Heiligen
Stuhls, was ihm einen umfassenderen Einblick in die
Beschränkungen ermöglicht hätte, die derzeit noch
der Katholischen Kirche auferlegt werden.
China hat jedoch die Notwendigkeit eines transparenteren Rechtssystems erkannt und läßt in
regelmäßigen Abständen politische Gefangene frei.
Obwohl wir uns über diese Entwicklung freuen, hat
die Kommission jeden Grund von China zu fordern,
daß das Land seine internationalen Menschenrechtsverpflichtungen gemäß der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte einhält, die das Land unterzeichnet hat.
Herr Vorsitzender, es gibt wahrscheinlich kein Land
außer Kuba, dessen Aktionen in dieser Kommission
so beständig und willkürlich darauf abzielen, Uneinigkeit zu stiften. Ich bin zweifellos nicht das
einzige Mitglied dieses Gremiums, das diese Feststellung machen mußte. Kuba hat während der
gesamten Sitzungsperiode Resolutionen und Änderungsanträge vorgelegt, die eine Verschwendung
von Zeit und Ressourcen sind.
Dies führt zwangsläufig zu der Schlußfolgerung, daß
Kubas übergeordnetes Ziel darin besteht, die Kommission von der Untersuchung gravierender Menschenrechtsverletzungen abzuhalten. Der Grund
dafür ist leider ziemlich offensichtlich: Kubas eigene
beklagenswerte Menschenrechtsbilanz.
Angesichts der Haltung Kubas gegenüber der freien
Wahlnehmung bürgerlicher und politischer Rechte ist
es nicht überraschend, daß dem Sonderberichterstatter, Herrn Groth, weiterhin die Einreise in das
Land verwehrt wird und die kubanische Delegation
verhinderte, daß er hier am 23. Februar zu Wort
kam. Nachdem wir seinen Bericht gehört haben,
können wir verstehen, warum Kuba ihn dieser
Kommission verweigern wollte.

Ein Vorfall rückt die kubanische Menschenrechtspolitik in die richtige Perspektive. Am 13. Juli letzten
Jahres rammten und versenkten Patrouillenboote der
Regierung den Schlepper "Trece de Marzo". Es
handelte sich hierbei nicht um einen Unfall, sondern
um übertriebene und brutale Bestrebungen zu
verhindern, daß die Menschen an Bord der "Trece de
Marzo" aus Fidel Castros auseinanderfallendem
Einparteienstaat fliehen konnten. Es funktionierte.
Ungefähr 40 Menschen, darunter mehrere Kinder,
ertranken.
Abschließend möchte ich noch kurz auf ein Land
eingehen, dem die Vereinten Nationen mehrere Jahre
harter Arbeit gewidmet haben. Seit 30 Jahren leidet
Zypern unter einem Konflikt zwischen seinen Volksgruppen und ist seit 1974 tragischerweise geteilt. Wir
fordern die anderen Mitglieder und Beobachterstaaten
dringend dazu auf, gemeinsam mit uns die kontinuierlichen Bestrebungen der Vereinten Nationen zu
unterstützen, eine akzeptable Lösung für die Teilung
Zyperns zu finden, die die Zukunft beider Volksgruppen so stark behindert.
Vor einigen Tagen traf ich mit einer Gruppe amerikanischer Collegestudenten zusammen, die mir Fragen
über Menschenrechte und die Arbeit der Kommission
zu ihrer Verteidigung stellten. Ich war beeindruckt
von dem starken Gerechtigkeitssinn so vieler junger
Menschen. Wie konnte ich ihnen sagen, daß es auf
unserer Welt so viele Orte gibt, an denen ein Menschenleben praktisch nichts wert ist? Und ich fragte
mich, und ich frage die heute hier Anwesenden: Sind
wir bereit, uns mit einer Welt abzufinden, in der
einige Länder einzigartige Einrichtungen für den
Schutz der Menschenrechte ihrer Bürger schaffen,
während andere einfach zusehen und sich über die
diesen Rechten zugrundeliegenden Ideen lustig
machen dürfen?
Hoffentlich nicht. Wir haben hier die Pflicht, uns zu
äußern und gehört zu werden, so daß selbst im
entlegendsten Teil der Welt unsere Worte und unsere
Einsatzbereitschaft denjenigen Hoffnung machen, die
ins Gefängnis mußten, weil sie Tyrannen die Wahrheit sagten.

*

Seite 4

*

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