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dienet

Herausgeber U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

08

2. März 1995

DATENAUTOBAHN

GLOBALES INFORMATIONSSYSTEM
ERFORDERT WELTWEITE ZUSAMMENARBEIT
Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen

SICHERHEITSARCHITEKTUR

GESTALTUNG EINER NEUEN EUROPAISCHEN
SICHERHEITSARCHITEKTUR
von Richard C. Holbrooke

USA-UNO

DIE BEDEUTUNG DER AMERIKANISCHEN
FÜHRUNGSROLLE
von Richard L. Armitage

USA-GUS

BEGRÜNDUNG DER HILFE FÜR DIE GUS
Anhörung vor Senatsausschuß

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�DATENAUTOBAHN
1. März 1995

Globales Informationssystem erfordert
weltweite Zusammenarbeit
Rede von Vizepräsident Gore bei G-7-Treffen
BRÜSSEL - (AD) - Die Schaffung einer globalen Informationsinfrastruktur (Global Information Infrastructure GM) erfordert Vizepräsident AI Gore zufolge die Mitwirkung von Regierungen und Privatwirtschaft.
"Die GM wird nicht an einem Ort zu einem Zeitpunkt von nur einer Gruppe geschaffen", äußerte er am 25.
Februar 1995 beim G-7-Treffen in Brüssel. "Sie wird das Produkt weltweiter Zusammenarbeit zwischen
Regierungen, Industrie und Bürgern sein."
Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext des Vizepräsidenten.

Mein Freund James Burke, der Historiker, erzählt
eine fesselnde Geschichte über die letzte Informationsrevolution und die daraus resultierenden Veränderungen.

billigere Vorgehensweise bei der Kopie von Büchern,
anstatt sich eines Schreibers zu bedienen, der für
eine Abschrift mehr verlangte, als bei einer Druckpresse tausend Exemplare kosten würden.

Vor über 500 Jahren suchte nicht weit von hier

Das Ergebnis: Nicht nur Bücher, sondern Aufklärung;

entfernt - in Deutschland - ein Goldschmied, dem ein

die wissenschaftliche Revolution, das Zeitalter der

gewinnträchtiges Geschäft entgangen war, weil er
ein wichtiges Datum verwechselt hatte, nach einer
Möglichkeit, seine Geschäftspartner zu beschwichtigen. Er beschloß, seine Fähigkeiten als Goldschmied zu nutzen, um eine bewegliche Drucktype
herzustellen und diese für seine neue Druckpresse
zu verwenden, mit der er das Buch drucken wollte,
das sich zweifellos verkaufen würde - die Bibel.

Aufklärung. Und das Symbol der politischen Revolution war das Dokument, auf das ich etwa 200 Jahre
nach seinem Entwurf vereidigt wurde - die Verfassung der Vereinigten Staaten.
All das geht letztlich auf einen Goldschmied zurück.
Was können wir aus dem spektakulären Erfolg
Gutenbergs lernen? Ich möchte zweierlei anführen.

In diesem Fall die Gutenberg-Bibel.
Erfindungen entspringen nur selten vollkommen
entwickelt und ohne etwas zuvor Dagewesenes dem
Gehirn. Und Gutenbergs Erfindung ist keine Ausnahme.

Erstens ist unsere Einstellung zur Zukunft und unsere
Fähigkeit zur Nutzung und Weiterentwicklung einer
neuen Idee immer durch die jeweiligen Umstände
eingeschränkt. Gutenberg hatte eine großartige Idee.
Es ist sein Verdienst, unsere Kultur revolutioniert zu
haben, weil er seine neue Idee zu einem Zeitpunkt
nutzte, an dem die Gegebenheiten für eine schnelle
Ausbreitung der Drucktechnik günstig waren.

Die bewegliche Metalltype war bereits 200 Jahre
zuvor in Korea erfunden worden. Aufgrund bestimmter Gegebenheiten wurde diese erste bewegliche Type jedoch nicht verbreitet. Der Konfuzianismus verbot die Vermarktung von Büchern, und
die königliche Presse Koreas druckte lediglich
klassische chinesische Literatur, nicht die populärere
koreanische Literatur.

Zweitens ist es unglaublich schwierig, Wandel zu
handhaben, zu leiten und zu prognostizieren - oder,
wie der Physiker Neils Bohr einst erklärte: "Es ist
sehr schwierig, Voraussagen zu machen, insbesondere wenn man über die Zukunft spricht."

Zu Gutenbergs Zeiten waren die Bedingungen
besser: Besseres Papier, bessere Metalle und
Sehhilfen. Und die Europäer waren bereit für eine

Wir sind hier zusammengekommen, um den Weg in
die Zukunft zu planen - zu einer Zeit, in der Prognosen schwieriger als je zuvor sind, aber auch zu einer

AMERIKA DIENST 08

Seite 1

�Zeit, in der unser Umfeld eindeutig einer schnellen
Ausbreitung neuer Fähigkeiten förderlich ist, Informationen zu verarbeiten und weiterzuleiten, die der
ganzen Menschheit zugute kommen. Dieser Weg
führt uns von unserer gemeinsamen Vision zu einer
neuen Realität. Ebenso wie die Menschen früher
von Dampfschiffen, Eisenbahnen und Autobahnen
träumten, träumen wir jetzt von einer globalen
Informationsinfrastruktur, die zu einer globalen
Informationsgesellschaft führen kann.
Unser heutiger Traum dreht sich jedoch nicht nur um
Technologie. Technologie ist ein Mittel zum Zweck.
Wir träumen von Kommunikation - der grundlegendsten menschlichen Strategie, derer wir uns bedienen, um unsere Kinder zu erziehen, zu heilen, mehr
Befugnisse zu erhalten und zu befreien.
In ihrer elementarsten Form ist Kommunikation der
Transfer von Informationen von einem Menschen zu
einem anderen.
Information wiederum ist der
Grundstoff des Wissens, und Wissen reift bisweilen wenn wir Glück haben - zu Klugheit. Und natürlich
ist es inzwischen eine Binsenwahrheit, daß die jetzt
im Anfangsstadium befindliche Informationsrevolution
letztlich unsere Vorstellungen von Kommunikation
und Information gleichermaßen verändern wird.
Die von Gutenberg herbeigeführten Veränderungen
sind unser gemeinsames Erbe. Die Veränderungen,
über die wir hier sprechen, werden unser gemeinsames Vermächtnis. Heute möchte ich einige der
Prinzipien darlegen, die nach Ansicht der ClintonAdministration bestimmen sollten, welches Vermächtnis wir hinterlassen.
Im vergangenen Jahr nahm ich in Buenos Aires an
der ersten Weltkonferenz über die Entwicklung des
Telekommunikationswesens teil, bei der ich die
amerikanische Vision einer globalen Informationsinfrastruktur darlegte, die stabilen und tragfähigen
wirtschaftlichen Fortschritt fördern, Demokratie
unterstützen, bessere Lösungen für weltweite
Umweltprobleme bieten, Gesundheitsfürsorge
verbessern und letztlich ein geschärftes Bewußtsein
unserer gemeinsamen Verantwortung für unseren
kleinen Planeten schaffen wird.
Bei der Konferenz in Buenos Aires wurden eine
Reihe grundlegender Prinzipien angenommen, die
unseres Erachtens die Bausteine der Gll sind:
Privatinvestitionen
Wettbewerb

universelle Dienstleistungen
flexible Bestimmungen.
Diese Grundsätze standen im Mittelpunkt der Diskussionen über die Gll in bilateralen, multilateralen
und regionalen Foren - zuletzt beim APEC-Treffen
vergangene Woche in Vancouver, aber auch im
vergangenen Dezember beim gesamtamerikanischen
Gipfel in Miami sowie in den Regierungsvereinbarungen zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland
sowie der Ukraine.
Sie werden auch den Schwerpunkt dieses Treffens
hier in Brüssel bilden, das auf Initiative Präsident
Clintons zurückgeht und dankenswerterweise von der
Europäischen Union unter der Leitung von Kommissionspräsident Santer und dem ehemaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors veranstaltet wird.
Erstmals nehmen mehr als 40 Vertreter des Privatsektors offiziell an einer derartigen Konferenz teil.
Sie und Hunderte von inoffiziellen Teilnehmern
demonstrieren bei dieser Konferenz eine beeindruckende Palette von Anwendungsmöglichkeiten, die
der Welt signalisieren, daß sich die G-7-Staaten zur
Übernahme einer Führungsrolle bei der Entwicklung
der Gll verpflichten, indem sie in Wort und Tat ein
Beispiel geben.
Die Tatsache, daß diese Konferenz überhaupt
stattfindet, steht im Einklang mit dem Ratschlag, den
Träumer vor langer Zeit von Mahatma Gandhi erhielten: "Ihr müßt selbst zu dem Wandel werden, den Ihr
in der Welt sehen möchtet."
Zudem sind aggressive Fortschritte bei einer Gll die
beste Möglichkeit zum Umgang mit den Anliegen, die
letztes Jahr beim Detroiter Gipfel der G-7 über die
Schaffung von Arbeitsplätzen hervorgehoben wurden.
Bei dieser Konferenz beschäftigten wir uns mit dem
Hauptdilemma, dem sich jede Regierung gegenübersieht: Wie können wir sicherstellen, daß unsere
Volkswirtschaften genug Arbeitsplätze bereitstellen?
Die erste Arbeitsplatzstudie der OECD legte den
Zusammenhang zwischen Arbeitsplätzen und unserer
heutigen Arbeit dar. Die Nationen, die am besten
zum Einsatz der neuen Technologien für eine auf
Wissen basierende Wirtschaft geeignet sind, konnten
auch die meisten Arbeitsplätze schaffen.
Die Gll wird nicht an einem Ort zu einem Zeitpunkt
von einer Gruppe geschaffen. Sie wird das Produkt
weltweiter Zusammenarbeit zwischen Regierungen,
Industrie und Bürgern sein.

offener Zugang

Seite 2

AMERIKA DIENST 08

�Aber wie können Staaten mit stark unterschiedlichen
Bedürfnissen, Kulturen und Technologien zusammenarbeiten?
Erstens indem sie erkennen, daß die Früchte unserer Zusammenarbeit offener Marktzugang für alle
Anbieterund Nutzer kreativer Inhalte sowie Informationsprodukte, -gerate und -dienstleistungen sein
sollten.
In der Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts gibt es für
die Konkurrenten keinen Ersatz dafür, auf den Markt
zu gehen und unseren Nutzern die größtmögliche
Vielfalt von Produkten, Informationen und Dienstleistungen zu niedrigen Preisen anzubieten.
Zweitens setzt die Schaffung einer GH harten Wettbewerb voraus. Und diesen kann man nicht erzielen, indem man Konkurrenten ausschließt, sei es im
In- oder im Ausland.
Lebhafter Wettbewerb - das heißt, globaler Wettbewerb - führt zur Schaffung von Arbeitsplätzen.

Wir wollen diesen Termin für den gemeinsamen
Abbau unserer Investitionshemmnisse einhalten.
Zweitens wollen wir wirksame Rechte zum Schutz
von geistigem Eigentum für die Gll formulieren und
umsetzen. Wenn die Anbieter der Inhalte nicht
geschützt sind, wird es keine Inhalte geben, um die
Netze zu füllen und den Dienstleistungen Wert zu
verleihen.
Drittens sollten alle Parteien an der Entwicklung von
freiwilligen Konsensnormen für den Privatsektor durch
bereits bestehende internationale Organisationen wie
die internationale Fernmeldeunion, die internationale
Normenorganisation und die Internetgesellschaft
mitarbeiten. Die Schaffung wirklich globaler Netze
wird ein hohes Maß an Verbindungen untereinander
und an Interoperabilität erfordern.
Die Regierungen sind nicht die besten Richter in
Sachen Technologie, und staatliche Intervention birgt
das Risiko der Verabschiedung von Normen, die
letztlich entweder schlechter oder ungeeignet für die
Nachfrage des Marktes sind.

Aus diesem Grund möchte ich im Namen von Präsident Clinton die Botschaft dieser Konferenz deutlich
formulieren:
Wir unterstützen Wettbewerb auf
offenen Märkten, der jedem Unternehmen gestattet,
jedem Kunden jede Dienstleistung anzubieten.

In unserer Vision einer Informationsgesellschaft ist
die wertvollste Ressource - Information - gleichzeitig
auch die am häufigsten vorhandene.

Welche konkreten Maßnahmen müssen wir zur
Erreichung dieses Ziels ergreifen?

Ich hege die Hoffnung, daß ein offener Gedankenaustausch zu allen möglichen Themen und der beste
Zugang aller Bürger zu unterschiedlichen Kommunikationsmitteln Kreativität stimulieren wird.

Erstens müssen wir gemeinsam unsere Hindernisse
für ausländische Investitionen abschaffen. Über 60
Jahre lang haben die Vereinigten Staaten bei
bestimmten Dienstleistungen im Telekommunikationsbereich Beschränkungen für ausländische
Investitionen aufrechterhalten. In dieser Hinsicht
werden wir in diesem Jahr viel verändern. Wir
wollen entweder durch ein neues Gesetz oder durch
neue Vorschriften denjenigen Unternehmen aller
Länder die Tür für Investitionen in amerikanische
Telekommunikationsdienstleistungen öffnen, die ihre
eigenen Märkte geöffnet haben.
Wir sind uns jedoch auch bewußt, daß die Informationsgesellschaft mehr als nur einen stückweisen
Ansatz erfordert. Die hier vertretenen sowie andere
Regierungen haben eine historische Chance zur
Öffnung von Telekommunikationsmärkten weltweit
bei den Verhandlungen im Rahmen des allgemeinen
Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen.
Diese Verhandlungen müssen bis April 1996 abgeschlossen sein.

AMERIKA DIENST 08

Bei globaler Kommunikation handelt es sich nicht um
Konformität. Einige fürchten, daß wir unsere Eigenheiten verlieren, wenn wir die Distanz zwischen uns
und anderen verlieren. Aber bei Kommunikation geht
es um die Überbrückung von Unterschieden zwischen
Nationen und Menschen, nicht deren Ausmerzung.
Tatsache ist, daß auf Fehleinschätzungen gegründete
staatliche Maßnahmen, die Veränderungen zu
blockieren oder den Status quo zu bewahren versuchen, selbst Arbeitsplätze vernichtet haben.
Dieses Mal haben wir die Chance, es richtig zu
machen. Wir können Märkte öffnen und Arbeitsplatzchancen schaffen. Wir nutzen Bildung und Ausbildung, damit mehr Arbeitnehmer sich an den neuen
Arbeitsplatz anpassen können.
Die befreiende Wirkung dieser neuen Technologien
ist auf der ganzen Welt offenkundig. Satellitenstationen übermittelten den Helfern in Ruanda
medizinischen Rat. Radio- und Fernsehsendungen
haben in Südafrika die Rolle der Wahl in einer
Demokratie unterstrichen. Funktechnologien gestatten es aufstrebenden Nationen, das teure Stadium

Seite 3

�der Verkabelung eines Kommunikationsnetzes zu
überspringen - beispielsweise in Thailand, wo es
doppelt so viele Funktelefone gibt wie in den Vereinigten Staaten.

beschleunigen. Privatinvestitionen in unterschiedliche
Technologien bedeuten neue Kapitalquellen und
Fachwissen für reiche und arme Nationen gleichermaßen.

Die Auswirkungen sind auch im Bildungswesen
sichtbar. Eines der größten Handikaps für Lernwillige war die Distanz. Die Library of Congress in
Washington ist ein wunderbarer Ort. Wir müssen
jedoch sicherstellen, daß sie auch einem Schulmädchen aus meiner Heimatstadt Carthage in Tennessee, 900 Kilometer entfernt, zugänglich gemacht
wird. Dank Fernkursen können bereits viele Bürger
geographische Schwierigkeiten überwinden.

Computernetze haben völlig neue, rasch wachsende
Märkte geschaffen. Diese Netze helfen kleinen und
mittelständischen Unternehmen in armen und reichen
Ländern, effektivere Wettbewerber auf Weltmärkten
zu werden.

In Japan sind über 100 Institutionen durch Computer
und Satelliten miteinander verbunden und ungefähr
150.000 Studenten eingeschrieben.
In Indien gibt es fünf offene Universitäten und über
35 Fernkurse an herkömmlichen Universitäten.
Und in Kanada bietet das Knowledge Network
Studienkurse für Erwachsene an, die auf Inseln in
British Columbia leben.
In Frankreich sind die vor kurzem entdeckten Höhlenmalereien in der Ardeche, die im wirklichen Leben
kaum zu erreichen sind, Wissenschaftlern, Dozenten
und vor allem Kindern über Internet zugänglich.
Die Clinton-Administration hat sich dem Ziel verpflichtet, bis zum Ende dieses Jahrzehnts jedes
Klassenzimmer, jede Bibliothek, jedes Krankenhaus
und jede Klinik mit der nationalen und globalen
Informationsinfrastruktur zu verbinden.
Wir müssen unseren Lehrern und Schülern dieselbe
Kommunikationstechnologie bieten, die Expedienten,
Konstrukteure und Regierungsbeamte jeden Tag
nutzen.
Die Informationstechnologie ist ein entscheidendes
Element der Wirtschaftspolitik. Aber es gibt große
Hindernisse.
Wie können wir die harte Arbeit angehen, die vor
uns liegenden Hindernisse in Chancen umzuwandeln?
Erstens indem wir uns auf diejenigen konzentrieren,
die die Nachfrage nach Informationsprodukten und dienstleistungen bestimmen: Die Nutzer.
Die Nachfrage der Nutzer wird den Markt definieren.

In den Vereinigten Staaten haben unsere Auktionen
über Frequenzbereiche die Lizenzvergabe für persönliche Kommunikationsdienstleistungen beschleunigt
und führen zur Schaffung von Hunderttausenden
Arbeitsplätzen in den nächsten Jahren - ein Anzeichen, daß Kommunikation eine Quelle für wirtschaftliche Veränderungen und Wachstum ist, nicht nur eine
Folge davon.
Es geht um den Schutz und die Erweiterung der
Meinungsfreiheit für alle unsere Bürger und darum,
dem einzelnen die Macht zur Erstellung der erforderlichen und gewünschten Informationen aus dem
reichhaltigen Fluß von Daten zu geben, mit denen er
jeden Augenblick konfrontiert wird.
Kommunikation ist der Anfang von Gemeinschaft.
Sei es durch Sprache, Kunst, Gebräuche oder
politische Philosophie - Menschen und Nationen
identifizieren sich durch die Kommunikation von
Erfahrungen und Werten. Ein globales Informationsnetz wird neue Gemeinschaften hervorbringen und
bestehende stärken, indem es die Art und Weise
bereichert, in der wir kommunizieren und kommunizieren können.
Ideen sollten nicht an Grenzen kontrolliert werden.
Wir können viel voneinander lernen und sollten
Praktiken und Maßnahmen anstreben, die die größte
Vielfalt von Meinungen einbeziehen, nicht ausschließen. Wir alle profitieren vom Austausch kultureller
Sichtweisen und Erfahrungen, der stattfindet, wenn
aufgeschlossene Menschen zusammentreffen.
Gleichzeitig wünschen die Nutzer der Gll den Schutz
ihrer Privatsphäre und werden diesen fordern. Wenn
man Amerikaner über die Informationstechnologie
befragt, ist dies ihre größte Sorge. Wir müssen
persönliche Daten und Kommunikation schützen.
Regierungen und
arbeiten, um neue
neue Maßnahmen
chen Schutz und
bieten.

Industrien müssen zusammenTechnologien, neue Normen und
zu entwickeln, die den erforderlidie Sicherheit der Privatsphäre

Wettbewerb zugunsten der Nutzer wird Innovation
und kostengünstige Installation neuer Technologien

Seite 4

AMERIKA DIENST 08

�Um die Privatsphäre und Finanztransaktionen zu
schützen und das Recht auf geistiges Eigentum
durchzusetzen, muß die GM sicher und zuverlässig
sein. Die OECD sollte weiterhin eine Führungsrolle
im Bereich der Computersicherheit übernehmen.
Glücklicherweise bieten uns die Technologie und
menschliche Erfindungsgabe neue Chancen zur
Erweiterung unserer Kommunikationsfähigkeiten.
Nehmen sie zum Beispiel nichtgeostationäre Satelliten. Sie bergen ein enormes Potential, insbesondere für weit entfernt liegende oder dünn besiedelte
Regionen und für Gesellschaften, die Vorteile der
Technologie des 21. Jahrhunderts zu nutzen, noch
bevor die Installation teurer landgestützter Netze
beendet ist. Diese modernen Technologien können
alles von Telefonanrufen bis zu medizinischen
Ferndiagnosen bereitstellen. Ebenso wie Internet
haben sie das Potential, Millionen von Menschen an
unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen
Situationen miteinander zu verknüpfen - und dies auf
wirtschaftliche Weise.
Jedes dieser Satellitensysteme auf niederen Umlaufbahnen - und darüber hinaus das mit dem Inmarsat-P-Konsortium verbundene System auf der mittleren Umlaufbahn - ist multinational, und jedes
Satellitenkonsortium begrüßt und strebt die Beteiligung von Industrie- und Entwicklungsländern an.
Natürlich behält jedes Land die Entscheidungsbefugnis bezüglich des Satellitensystems. Aber Länder,
die Lizenzen an diese internationalen Satellitenkonsortien vergeben, tragen dazu bei, daß ihre Unternehmen in der Weltwirtschaft wettbewerbsfähiger
werden und ihren Bürgern profitable Satellitendienstleistungen bieten können.
Der Zweck unserer Zusammenkunft ist die Förderung unseres gemeinsamen Ziels einer globalen
Informationsinfrastruktur, die allen Ländern die
Vorteile einer globalen Informationsgesellschaft
verschafft.
Unsere heutige Herausforderung besteht in der
Schaffung der wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen und sozialen Bedingungen, die das Fundament für die Gll legen werden.

*

AMERIKA DIENST 08

Während wir über unsere gemeinsamen Grenzen und
Ozeane hinweg auf den Aufbau einer Gll hinarbeiten,
dürfen wir nicht nur an die heutigen Diskussionen
über Funkverbindungen und Satelliten denken. Wir
müssen unsere Arbeit in den Dienst einer globalen
Vision stellen, die in jeder Gemeinde und in jedem
Dorf der Welt realisiert werden kann.
Ich habe zu Beginn meiner Ausführungen über
Gutenberg gesprochen, dessen Entdeckungsreise
das Leben aller Menschen auf diesem Planeten
beeinflußt hat.
Es war keine leichte Reise. Es gab Skeptiker und
Feinde. Als sein Finanzier mit zwölf Bibeln nach
Paris kam, brachten ihn die Buchhändler vor Gericht
mit dem Argument, so viele identische Bücher
könnten nur das Werk des Teufels sein.
Sein Werk war eine Herausforderung an die Gesellschaft, sich dem Wandel zu stellen.
Und diese Gesellschaft lernte eine Lektion, die wir
nicht ignorieren können: Wir haben nicht die Wahl,
die Zukunft zu verzögern oder sie zu leugnen - wir
müssen uns auf sie vorbereiten.
Es gibt keinen besseren Weg der Vorbereitung auf
die Zukunft, als das Beste aus der Gegenwart zu
machen.
Aus diesem Grund sind gemeinsame Visionen so
unerläßlich. Wir haben jetzt die große Chance, die
Welt in einem neuen Licht zu sehen und ihre Funktionsweise sowie die Art und Weise zu überdenken,
in der wir in dieser Welt funktionieren sollten.
Ich habe heute die konkreten Schritte dargelegt, die
wir ergreifen müssen, um uns auf diese neue Entdekkungsreise zu begeben. Ausgestattet mit der beweglichen Drucktype des nächsten Jahrtausends
können wir mit dem Reichtum des Wissens und der
Kreativität des Menschen beladene Karawanen auf
Pfade des Lichts entsenden, die in jedes Dorf und zu
jedem Heim führen. Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis dieser Vision und sehe unserer gemeinsamen Reise erwartungsvoll entgegen.

* * *

*

Seite 5

�SICHERHEITSARCHITEKTUR
1. März 1995

Gestaltung einer neuen europäischen
Sicherheitsarchitektur
von Richard C. Holbrooke
Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel des Abteilungsleiters für europäische und kanadische
Angelegenheiten im US-Außenministerium, Richard C. Holbrooke, einem der Hauptverantwortlichen in der
Clinton-Administration für die Gestaltung einer neuen europäischen Sicherheitsarchitektur.

Eine der höchsten Prioritäten der Clinton-Administration ist die Schaffung einer neuen europäischen
Sicherheitsarchitektur zur Errichtung lebensfähiger
Strukturen umfassender europäischer Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheitspolitik in den
kommenden Jahren.
Hierbei handelt es sich um multilaterale Bestrebungen aller europäischen Länder, der Vereinigten
Staaten und Kanadas. Außenminister Christopher
erklärte, diese neuen Strukturen hätten einbeziehend
und kooperativ zu sein und Rußland müsse darin
eine wichtige Rolle spielen.
Die neue europäische Sicherheitsarchitektur ist
sowohl für die Definition der Rolle Amerikas in einem
neuen Europa als auch für die Schaffung dauerhaften Friedens auf dem gesamten Kontinent von
essentieller Bedeutung.
Grundlage hierfür sind zwei von den Vereinigten
Staaten Anfang Dezember ins Leben gerufene
Initiativen. Ministertreffen des Nordatlantikrats sowie
des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) in
Brüssel und der Budapester Gipfel der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE) setzten den Prozeß zur Förderung dieses
Konzepts in Gang.
In Brüssel einigten sich die Außenminister des
Bündnisses auf einen allmählichen, transparenten
Erweiterungsprozeß der NATO, auf eine Stärkung
des NATO-Programms Partnerschaft für den Frieden
zur Einbeziehung von europäischen Nichtmitgliedern
- viele davon aus dem ehemaligen Warschauer Pakt
• sowie auf die Entwicklung stärkerer Beziehungen
zwischen der NATO und Rußland außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden. In Budapest wurden
Schritte zur Förderung der Rolle der OSZE bei

AMERIKA DIENST 08

Sicherheit und Konfliktbewältigung in Europa eingeleitet.
Die Vereinigten Staaten vertreten nicht die Ansicht,
das Bündnis könne oder solle die universelle Sicherheitsstruktur in Europa sein. Vielmehr sind wir
der Meinung, die NATO und die Europäische Union
sollten unsere gemeinsamen demokratischen Werte
durch kooperative Programme und letztlich eine
Erweiterung nach Osten projizieren, während die
OSZE sich für die Einrichtung eines umfassenderen,
alle einbeziehenden Forums für Konsultationen und

Aktionen bei Angelegenheiten einsetzt, die nicht in
den Zuständigkeitsbereich der NATO und der EU
fallen.
Besondere Betonung muß auf Konfliktverhütung und
Krisenmanagement gelegt werden, und die OSZE
kann in dieser Hinsicht als Konsultationsrahmen
dienen. Da die NATO weiterhin die Grundlage der
Sicherheit aller EU-Mitgliedstaaten ist, sollten ihre
Erweiterung sowie die der EU sich gegenseitig
stützen.
Während der ersten Jahreshälfte werden die Regierungen der NATO-Mitgliedstaaten prüfen, wie das
Bündnis erweitert werden kann, welche Grundsätze
diesen Prozeß leiten und welche Konsequenzen eine
erweiterte Mitgliedschaft haben wird.
In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird die NATO
erste Konsultationen und Verhandlungen mit interessierten Partnern beginnen. Dieser Prozeß beinhaltet wahrscheinlich auch die Darlegung der Grundsätze einer NATO-Erweiterung, das "Wie" der Erweiterung sowie die Auswirkungen der Mitgliedschaft auf
mögliche neue Mitglieder.
Stabilität in Europa ist ein entscheidendes Ziel der
erweiterten NATO. Die Erweiterung richtet sich

Seite 1

�gegen niemanden und soll vor allem keine neuen
Trennlinien in Europa schaffen.

samer Übungen mit Partnernationen zu Wasser und
zu Land erhöhen.

Beim NATO-Ministertreffen im Dezember schlug
Außenminister Christopher mehrere grundlegende
Prinzipien für eine Erweiterung vor. Es wird sich um
einen allmählichen, durchdachten und transparenten
Prozeß handeln. Es sollen umfassende Konsultationen mit allen interessierten Parteien geführt werden,
und es wird "keine Überraschungen" geben, wie der
Außenminister es formulierte. Eine verfrühte Diskussion über den Zeitrahmen der Mitgliedschaft für
bestimmte Länder soll vermieden werden. Dieses
Jahr wird das "Wie" und "Warum" der Erweiterung,
nicht das "Wer" oder "Wann" den Schwerpunkt
bilden.

Die NATO-Minister haben bekräftigt, daß eine kooperative europäische Sicherheitsarchitektur die aktive
Partnerschaft mit Rußland erfordert und eine umfassende Tagesordnung für die Beziehungen der
NATO zu Rußland innerhalb und außerhalb der
Partnerschaft für den Frieden unterstützt. Sie wird
ein wichtiges Element unseres breitgefächerten
Ansatzes zur europäischen Sicherheit darstellen, und
während die NATO ihre erweiterte Rolle in Europa
definiert, ist es unerläßlich, eine parallele Schiene
des Dialogs mit Rußland zu verfolgen.

Obwohl es für die Mitgliedschaft keine starren
Kriterien gibt, sind einige wesentliche Erfordernisse
im Washingtoner Vertrag über die Gründung der
NATO enthalten. Neue Mitglieder müssen alle mit
einer Mitgliedschaft einhergehenden Rechte und
Pflichten übernehmen und sich nach bestimmten
grundlegenden Geboten richten, darunter Demokratie, Freiheit des einzelnen und Rechtsstaatlichkeit.
Ferner müssen sie in der Lage sein, die im Nordatlantikvertrag enthaltenen Prinzipien zu fördern und
einen Beitrag zur Sicherheit im nordatlantischen
Raum zu leisten.
Die an der NATO-Mitgliedschaft interessierten
Nationen werden einzeln und Land für Land in
Erwägung gezogen. Einige Länder werden der
NATO eher als andere beitreten, und kein Nichtmitgliedstaat der NATO wird ein Vetorecht bezüglich
der künftigen Mitgliedschaft eines anderen Landes
im Bündnis haben.
Die Entscheidung, die NATO-Erweiterung voranzutreiben, schmälert nicht die Bedeutung der Partnerschaft für den Frieden. In der Tat wird die Partnerschaft für den Frieden eine noch wichtigere Rolle als
Rahmen für die Entwicklung der Beziehungen der
NATO zu den neuen Demokratien im Osten übernehmen.
Für einige dieser neuen Partner wird die Partnerschaft der beste Weg zu einer möglichen NATOMitgliedschaft sein. Für andere wird sie den konkreten Beweis liefern, daß die NATO um ihre Sicherheit besorgt ist und die wesentlichen Mittel für
eine dauerhafte Kooperation mit der NATO und
anderen Partnern in Bereichen wie Friedenssicherung und humanitäre Hilfe bietet. Aus diesem Grund
hat sich die NATO zur Beschleunigung der Umsetzung individueller Partnerschaftsprogramme verpflichtet und wird in diesem Jahr die Anzahl gemein-

Seite 2

Diese neue Sicherheitsstruktur muß einbeziehend
und kooperativ sein, und Rußland wird eine wichtige
Rolle spielen.
Die beim Budapester-Gipfeltreffen getroffenen Entscheidungen stärken die OSZE und definieren eine
erweiterte Rolle der OSZE bei der europäischen
Sicherheit. Die in Budapest verabschiedeten Maßnahmen ergänzen die Bestrebungen innerhalb der
NATO zu kooperativen, integrierten Sicherheitsstrukturen für Europa und bieten der OSZE mehr
Fähigkeiten und Ressourcen.
Die beim Budapester Gipfel anwesenden Staats- und
Regierungschefs gaben eine politische Verpflichtung
ab, die OSZE zum Hauptinstrument in durch ihre
Missionen abgedeckten Bereichen zu machen. Die
OSZE in eine stabilere Organisation umzustrukturieren, die bedeutende Schritte bei der regionalen
Konfliktverhütung unternehmen kann, trägt zur
Konsolidierung unseres Ansatzes zu einer neuen, alle
einbeziehenden europäischen Sicherheitsarchitektur
bei. Die gestärkte OSZE wird allen Staaten in der
euroatlantischen Gemeinschaft ein Forum bieten, von
dem sie die ernsthafte Beschäftigung mit ihren
Sicherheitsbelangen erwarten können.
Diese Entscheidungen machen die OSZE weder zu
einem Ersatz für die NATO noch zu einem Instrument, Kriege wie den in Bosnien zu beenden. Sie
soll vielmehr Eskalationen am unteren Ende der
Skala effizient bewältigen und verhindern - oder wie
Präsident Clinton es formulierte, ein weiteres Bosnien
verhindern.
Die OSZE wird ein alle einbeziehendes Diskussionsforum für europäische Sicherheitsbelage sein, bei
dem alle Staaten das gleiche Mitspracherecht haben.
Sie wird sich weiterhin auf Menschenrechte und
Konfliktverhütung konzentrieren, ist aber jetzt auch
zur Erfüllung neuer Aufgaben in der Lage. Einigung
über die Bereitstellung von friedenssichernden
Streitkräften erzielt die OSZE auf dem Weg zu einer

AMERIKA DIENST 08

�bedeutsameren Sicherheitsorganisation mit größerer
Verantwortung, die ohne Rücksicht auf die alten
Trennlinien des Kalten Krieges operiert.
Der Ständige Rat der OSZE in Wien ist jetzt zum
Hauptgremium für politische Konsultationen und
Entscheidungsfindung geworden, obwohl die Außenminister der OSZE weiterhin jedes Jahr, und die
politischen Direktoren zweimal im Jahr zur Erarbeitung von politischen Richtlinien zusammenkommen
werden. Beim Budapester Gipfel wurde auch die
Entscheidung zu verstärkter Unterstützung des
Hochkommissars der Organisation für nationale
Minderheiten, Missionen präventiver Diplomatie
sowie des Büros für demokratische Institutionen und
Menschenrechte getroffen.
Die am Gipfeltreffen teilnehmenden Staats- und
Regierungschefs stimmten einem russischen Vorschlag zur Erörterung eines umfassenden europäischen Sicherheitsmodells für das 21. Jahrhundert zu
und räumten den Nichtmitgliedstaaten der NATO die
Möglichkeit zur Unterbreitung ihrer Gedanken über

*

AMERIKA DIENST 08

*

die Gestaltung einer zukünftigen europäischen
Struktur ein. Diese Entscheidung wird jedoch nicht
das Recht aller Staaten beeinträchtigen, ihre Sicherheitsarrangements einschließlich von Bündnisverträgen frei zu wählen oder zu ändern.
Beim Budapester Gipfel stellten die Vereinigten
Staaten die Einigung auf die Erarbeitung eines
umfassenden Rahmens für die Zukunft der konventionellen Stabilität, Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung sowie einheitlicher Prinzipien sicher,
die Normen für die europäischen Ziele bei der
Nichtverbreitung setzen.
Es muß noch viel getan werden, um die Budapester
Entscheidungen in die Praxis umzusetzen, und die
Vereinigten Staaten werden einer besseren Definition
der Rolle der OSZE in der sich entwickelnden euroatlantischen Sicherheitsarchitektur, der Stärkung der
Konsultationsprozesse und politischen Mechanismen
der OSZE sowie der Förderung der generellen
Fähigkeiten der OSZE im Bereich Frühwarnung und
Konfliktverhütung höchste Priorität einräumen.

*

*

Seite 3

�USA-UNO
1. März 1995

Die Bedeutung der amerikanischen Führungsrolle
von Richard L. Armitage
Aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens der Vereinten Nationen verweist der Autor darauf, daß die
Organisation "zur Erleichterung kollektiver Aktion gegründet wurde, nicht als alternative Supermacht". Die
Vereinigten Staaten sollten auf die Wiederherstellung dieser Vision hinarbeiten, die durch den Kalten Krieg
stark verzerrt wurde.
Richard L. Armitage war von 1983 bis 1989 Abteilungsleiter für internationale Sicherheitsbelange im USVerteidigungsministerium und bis Mai 1993 in einer Vielzahl friedensstiftender Missionen tätig. Er ist Präsident
von Armitage Associates, einer internationalen Beraterfirma in Arlington (Virginia).
Der nachfolgende Artikel erschien erstmals in The World &amp; I vom Juni 1994. Veröffentlichung und
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung von The World &amp; I, einer Publikation von The Washington Times
Corporation. Copyright (c) 1994.

Die Vereinten Nationen sind eine Organisation von
Mitgliedern. Sie sind weder eine zentralistische
Weltregierung noch ein unabhängiger Staat. Die
Mitgliedschaft steht den Staaten offen, die "fähig und
willens" zur Übernahme der in der UN-Charta
niedergelegten Pflichten sind.
Während die Vereinten Nationen sich ihrem 50jährigen Bestehen nähern, sollten sich ihre Befürworter
und Gegner in den Vereinigten Staaten gleichermaßen darauf konzentrieren, was die Organisation ist
und was nicht. Was Förderer und Kritiker sehen, ist
das Bild einer Organisation, die völlig im Widerspruch zu ihrer Charta und Geschichte steht.
Befürworter und Gegner sind gleichermaßen an den
Punkt gelangt, die Vereinten Nationen nicht als
Organisation von Mitgliedern, sondern als autonome,
souveräne Institution - einen Superstaat - anzusehen, der von einem Generalsekretär geleitet wird,
der einem Topmanager der Welt gleichkommt.
Es ist eben diese verzerrte, uniformierte Sichtweise
der Vereinten Nationen, die eine Bestandsaufnahme
der Administration und die Debatte im Kongreß so
steril und irrelevant macht. Obwohl die meisten
Mitglieder die Vereinten Nationen als praktisches
Forum ansehen, ihre nationale Tagesordnung
durchzusetzen, reagieren die Amerikaner auf das
internationale Gremium, als ob es ein über das
seiner Mitglieder hinausgehendes eigenes Leben
und eine eigene Tagesordnung hätte.

AMERIKA DIENST 08

Präsident Clinton klagt, daß "die Vereinten Nationen
Nein sagen lernen müssen", als sei das wichtigste
Mitglied des Sicherheitsrats nur ein entfernter,
desinteressierter Zuschauer. Entsprechend sehen
einige Kongreßabgordnete, die von Verfechtern des
Dogmas "die Vereinigten Staaten sollten die Vereinten Nationen verlassen" der fünfziger und sechziger Jahre geschult wurden, den Generalsekretär als
ausländischen Potentaten und ihr eigenes Land als
erbärmliches, hilfloses Opfer.
Tatsache ist, daß die Bestandsaufnahme der Vereinten Nationen durch die Öffentlichkeit in den
Vereinigten Staaten von Extremisten und Reaktionären dominiert wird.
Am einen Ende des Spektrums sind Beamte, die ausgehend von ihren eigenen persönlichen Schwierigkeiten mit dem Vietnamkrieg vor 25 Jahren - die
Vereinigten Staaten als unmoralische Supermacht zu
sehen begannen, deren Hegemoniestreben am
besten durch Multilateralismus gemäßigt werden
könnte, der unwürdige nationalistische Impulse einem
objektiven internationalen Gremium unterstellt: den
Vereinten Nationen. In dem Maße, in dem die
Clinton-Administration zu einer Weltsicht gelangte,
war es das.
Am anderen Ende des Spektrums sind die reaktionären Unilateralisten, deren Überzeugungen - ob sie es
wissen oder nicht - in Isolationismus gründen. Auch
sie sehen die Vereinten Nationen als ausländisches

Seite 1

�Gremium, aber als einen schlechten Ort, an dem die
Vereinigten Staaten schmeicheln und überzeugen
müssen, statt das zu tun, was sie wollen, und wann
sie es wollen.
Für Anhänger dieser Denkschule waren die von
George Bush und Jim Baker als Reaktion auf die
Annexion Kuwaits durch den Irak übernommene
gekonnte Führungsrolle und geduldige Koalitionsbildung innerhalb der Vereinten Nationen dumme
Zeitverschwendung. Aus ihrer Perspektive geht es
den Vereinigten Staaten am besten, wenn sie im
Alleingang handeln - eine Sichtweise, die nicht von
der Geschichte untermauert wird und unzutreffend
ist im Hinblick auf die heute bestehende Welt.
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine
Sichtweise der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und der UN, die Amerika kühn a)
als eine Kraft des Guten in der Welt und b) die
Vereinten Nationen als Plattform für die amerikanische Führungsrolle und Projektor amerikanischer
Werte und des Einflusses auf der ganzen Welt
einstuft. Dies war die Vision der Demokraten und
Republikaner - Franklin Delano Roosevelt, Arthur
Vandenberg, Wendell Wilkie und anderer - deren
Führungsrolle während des Zweiten Weltkriegs zum
Entstehen der Vereinten Nationen beitrug.
Roosevelt hätte Schwierigkeiten gehabt, die Demokraten als von Zweifeln über den Wert der Vereinigten Staaten als Kraft für das Gute in der Welt
geplagte Menschen zu erkennen. Vandenberg wäre
überrascht gewesen, die Republikaner noch immer
in der einem Krebs ähnlichen Sichtweise der Welt
verhaftet zu finden - der von Zeit zu Zeit hervorkrabbelt, nur um sich in seine Schale zurückzuziehen.
Die Vereinten Nationen wurden nicht als Alternative
zur Vorherrschaft einer Supermacht gegründet,
sondern zu deren Erleichterung. Ihre Gründer
antizipierten, daß die zentrale Aufgabe der Mitglieder
im von fünf Ständigen Mitgliedern beherrschten
Sicherheitsrat geleistet werden würde: Vereinigte
Staaten, Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich
und China. Winston Churchill war der Überzeugung,
die "Großen Drei" (die fünf minus Frankreich und
China) würden die Bühne beherrschen. Roosevelt
und Stalin dachten wahrscheinlich an nur zwei
Mächte.

könnte. Der Sicherheitsrat war mit ständigen Sitzungen unter rotierender Präsidentschaft der Mitglieder
das spezifische Forum, in dem die Großmächte
kollektiv auf die Ermutigung "friedlicher Beilegung von
Streitigkeiten" hinarbeiteten und "Maßnahmen bei
Bedrohung oder Bruch des Friedens und bei Angriffshandlungen" ergriffen.
Nirgendwo in den Kapiteln VI und VII der Charta - die
zusammen das Kernstück der Daseinsberechtigung
der Organisation ausmachen - ist der Generalsekretär
auch nur erwähnt. Aus der Charta geht eindeutig
hervor, daß die Mitglieder des Sicherheitsrats sich
selbst für kollektive Erörterungen und Aktionen
organisieren müssen. Die Gründer benötigten 14
Kapitel, bevor sie etwas über "den höchsten administrativen Beamten der Organisation" - das heißt, den
Generalsekretär, sagten.
Nahezu 49 Jahre nach der Formulierung der Charta
werden wir jedoch Zeuge, wie der amerikanische
Präsident sich den Wünschen des obersten administrativen Beamten der Vereinten Nationen beugt.
Was ist geschehen?
Die Vereinten Nationen funktionierten ungefähr 45
Jahre lang auf eine Art und Weise, die ihre Gründer
nicht erwartet hätten. Obwohl Roosevelt kurz vor
seinem Tod eine Vorahnung der kommenden Ereignisse zu haben schien, wäre selbst er wahrscheinlich erstaunt über das Ausmaß gewesen, in dem die
Sowjetunion - eine Säule des Sicherheitsrats und
einer der wichtigsten Garanten der 1945iger Version
einer "neuen Weltordnung" - selbst zur in Kapitel VII
der Charta der Vereinten Nationen erwähnten "Bedrohung des Friedens" wurde. Als Ständiges Mitglied
des Sicherheitsrats mit einem Vetorecht ausgestattet,
stellten Stalin und seine Nachfolger sicher, daß das
von den Gründern vorgesehene gute Einvernehmen
der Großmächte nicht erzielt werden konnte, solange
die Sowjetunion existierte.
Angesichts der sowjetischen Bedrohung veränderte
sich die amerikanische Haltung zu den Vereinten
Nationen dramatisch. Da der Sicherheitsrat durch die
Vetos der Sowjetunion gelähmt war, interpretierten
die Vereinigten Staaten und gleichgesinnte Nationen
verschiedene Bestimmungen der Charta ziemlich
großzügig und nutzten die Generalversammlung zur
Erörterung und Verabschiedung von Resolutionen,
die von der Sowjetunion geförderte oder begangene
aggressive Akte beleuchten und verurteilen sollten.

Kolfektive Aktion
Der hinter der Gründung der Vereinten Nationen
stehende Gedanke war, den Völkerbund durch ein
Forum zu ersetzen, das dem Dritten Weltkrieg durch
die kollektive Aktion der Großmächte vorbeugen

Seite 2

Die Unfähigkeit der Generalversammlung zur Durchsetzung ihrer Resolutionen wiederum führte dazu,
daß der Generalsekretär vom Hauptverwaltungsbeamten zum Hauptfriedensstifter befördert wurde eine Rolle, die Dag Hammarskjold aus Schweden auf

AMERIKA DIENST 08

�bewundernswürdige und effektive Weise spielte.
Dank Hammarskjolds einzigartiger Präsenz und
unermüdlicher Diplomatie konnte der Westen verhindern, daß der kommunistische Block den größtmöglichen Vorteil aus dem Übergang der Dritten Welt
vom Kolonialismus zur Unabhängigkeit zog.
Die nahezu exponentielle Erhöhung der Mitgliederzahl der UNO in den sechziger Jahren schaffte die
begrenzte Nützlichkeit der Generalversammlung als
Forum für die Abwehr von Bedrohungen des Friedens praktisch ab.

Bevor wir jedoch die Arbeit von Giganten zunichte
machen, wäre es vielleicht angebrachter, das Vieh
einzusperren und wieder in Zaum zu legen. Dies
beinhaltet Konfrontation und die Übernahme schwerer
Lasten, wofür das außenpolitische Team der ClintonAdministration großes Talent gezeigt hat. Wenn
Clinton jedoch erst einmal das Vermächtnis des
größten Demokraten dieses Jahrhunderts - Franklin
Delano Roosevelt - erkannt und akzeptiert hat,
könnte er genau der richtige Mann für diese Aufgabe
sein.
Die amerikanische Führungsrolle

Statt dessen wurde die Versammlung zu einem
Podium für verschiedene Diktatoren aus Ländern der
Dritten Welt. Sinnlose Resolutionen, beispielsweise
die Zionismus mit Rassismus gleichsetzende,
wurden debattiert und bisweilen angenommen. Es
gab jedoch nie mehr einen Generalsekretär, der
Hammarskjold ebenbürtig war. Im Hinblick auf
Initiative war der passive U Thant das genaue
Gegenteil von ihm. Im Hinblick auf den Charakter
braucht man Hammarskjold nur Kurt Waldheim
gegenüberzustellen.
Der Zerfall der Sowjetunion und das Ende des
Kalten Krieges bieten den Vereinten Nationen eine
Gelegenheit, die Uhr zurückzudrehen und im Einklang mit der Charta einen Neuanfang zu machen.
Aber Frankensteins Monster ist aufgetaucht und
sprengt das Labor. Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali hat seine persönliche Meinung kundgetan,
die Vereinten Nationen als Institution seien mehr als
die Summe ihrer Mitglieder. Die Clinton-Administration, gelähmt durch ihre eigene Version des "Vietnam-Syndroms", unterstützte und ermutigte den
geschickten ägyptischen Bürokraten, indem sie ihm
erst die amerikanischen Streitkräfte in Somalia zur
Verfügung stellte und dann zu seinen Bedingungen
debattierte, wobei sie sich seiner Rhetorik, "die
Vereinten Nationen müssen Nein sagen können",
bediente.
Es ist gut möglich, daß 49 Jahre der Improvisation
zusammen mit einer aufgeblähten und ineffektiven
internationalen Bürokratie dazu geführt haben, daß
die Vereinten Nationen es nicht wert sind, gerettet zu
werden. Es könnte sein, daß es für die Vereinigten
Staaten besser wäre, ein anderes Forum für die
Zusammenarbeit mit ihren Verbündeten und potentiellen Gegnern zu nutzen, um die kollektiven Sicherheitsfunktionen zu erfüllen, mit denen die Charta
die Großmächte betraut. Vielleicht sollte der Sicherheitsrat sich tatsächlich abspalten und BoutrosGhali mit der Leitung eines modernen Völkerbunds
zurücklassen.

AMERIKA DIENST 08

Die bevorstehende Aufgabe besteht darin, den
Generalsekretär aus der Friedenssicherung und
-Schaffung zu lösen und wieder zu seiner Aufgabe als
höchster administrativer Beamter einer Organisation
zurückzuführen, die dringend einer Erneuerung
bedarf. Aufgabe des Präsidenten ist es, den UNSicherheitsrat so arbeiten zu lassen, wie in der
Charta der Vereinten Nationen niedergelegt.
Der Präsident kann dieser Aufgabe nicht nachkommen, wenn er zuläßt, daß darüber debattiert wird,
welchen "UNO-Operationen" die Ehre der Präsenz
amerikanischer Streitkräfte zuteil wird. Der aus fünf
Ständigen und sechs Nichtständigen Mitgliedern
bestehende Sicherheitsrat entscheidet über friedenssichernde und friedensschaffende Operationen.
Keine derartige Operation irgendwo auf der Welt
sollte ohne die explizite Zustimmung und Führung
des einen Landes vonstatten gehen, das sowohl
Ständiges Mitglied im Sicherheitsrat als auch Großmacht ist - der Vereinigten Staaten.
Gemäß Artikel 99 der Charta kann der Generalsekretär "die Aufmerksamkeit des Sicherheitsrats auf jede
Angelegenheit lenken, die nach seinem Dafürhalten
geeignet ist, die Wahrung des Weltfriedens und der
internationalen Stabilität zu gefährden". Nachdem er
seiner Meinung Ausdruck verliehen hat, muß der
Generalsekretär nur gesehen, nicht gehört werden.
Es obliegt den Mitgliedern des Sicherheitsrats, die
geeigneten Maßnahmen zu ergreifen.
Schwerpunkt der Arbeit des Sicherheitsrats ist die
Verhinderung eines Dritten Weltkriegs. Wären die
Aktionen der NATO und der Russen in Bosnien vom
vergangenen Februar, mit denen der Beschießung
Sarajevos durch die Serben Einhalt geboten wurde,
tatsächlich auf Initiative des Rates zurückgegangen,
wäre das den Vorstellungen der Gründer der Vereinten Nationen sehr nahe gekommen.
Es ist nicht erforderlich, daß Soldaten blaue Helme
tragen, damit der Sicherheitsrat seinen Pflichten
wirklich nachkommt. Nationale Kontingente dürfen

Seite 3

�durchaus eng zusammenarbeiten, um eine Bedrohung des Friedens abzuwehren. Auf genau diese
Art wurde Kuwait befreit.
Blaue Helme werden allgemein mit Friedenssicherungsoperationen assoziiert. In dieser Hinsicht ist
das Vermächtnis von Hammarskjold lehrreich. Seine
Richtlinien für friedenssichernde Operationen lauteten: Die Streitkräfte sollten neutral sein, lediglich zur
Selbstverteidigung leicht bewaffnet, ihre Präsenz
sollte von den verfeindeten Parteien ausdrücklich
akzeptiert werden, die a) ihre Kämpfe einstellen und
b) vollständig mit den UNO-Streitkräften zusammenarbeiten würden. Wenn man die Situation in Bosnien und Somalia an diesen Kriterien mißt, zeigt
sich, wie gefährlich es ist, zur Friedenssicherung
vorgesehene Streitkräfte in feindliche Situationen zu
entsenden. Dasselbe könnte man von der multilateralen (jedoch nicht von den Vereinten Nationen
organisierten) Friedenssicherungsaktion im Libanon
von 1982 behaupten.
Obwohldie Führungsrolle der Vereinigten Staaten
bei der Friedensschaffung und -Sicherung unerläßlich ist, heißt das nicht, daß amerikanische Streitkräfte tatsächlich daran teilnehmen müssen. Wir
müssen uns einige grundlegende Fragen stellen: In
welchem Maße sind rein amerikanische nationale
Interessen betroffen? Würde die Präsenz von
Amerikanern die Operation erleichtern oder kom-

*

Seite 4

*

plizieren? Welchen einzigartigen Beitrag könnten die
amerikanischen Streitkräfte zu einer spezifischen
Operation leisten? Welche anderen tatsächlichen
oder potentiellen Verpflichtungen müssen vor einer
Entsendung amerikanischer Streitkräfte eingegangen
werden? Werden amerikanische Soldaten (wie sie
müssen) dem Kommando amerikanischer Offiziere
unterstehen?
Diese Fragen sind jedoch taktischer Natur und
letztlich bedeutungslos, wenn wir nicht zunächst eine
Bestandsaufnahme der amerikanischen Beziehungen
zu den Vereinten Nationen vornehmen. Tatsache ist,
daß die Weltorganisation 49 Jahre nach ihrer Gründung keineswegs den Vorstellungen ihrer Gründer
entspricht. Der Generalsekretär - vollendeter Bürokrat, der er ist - kann nicht dafür getadelt werden,
daß er Vorrechte geltend macht, die nicht in der
Charta der Organisation verankert sind.
Wenn den Amerikanern die Handlungsweise der
Vereinten Nationen mißfällt, liegt der Fehler bei uns.
Die Vereinten Nationen sind eine Organisation der
Mitglieder. Bestimmte Mitglieder sind "gleicher" als
andere. Wir sind die ersten unter den "Gleicheren".
Nach dem Ende des Kalten Krieges kann Präsident
Clinton - wenn er möchte - dort anknüpfen, wo
Franklin Delano Roosevelt und seine internationalistischen Verbündeten aus den Reihen der Republikaner
aufhörten.

*

*

AMERIKA DIENST 08

�U S A - G US
1. März 1995

Begründung der Hilfe für die GUS
Anhörung vor Senatsausschuß
WASHINGTON - (AD) - James Collins, hochrangiger Koordinator im Büro des Sonderberaters des Ministers
für die Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS), erklärte am 22. Februar 1995 in einer Anhörung vor dem
Bewilligungsausschuß des Senats, die Administration sei entschieden gegen den Verkauf russischer
Atomreaktoren an den Iran. Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Redetext.

Herr Vorsitzender, ich begrüße die erste Gelegenheit
in diesem Jahr, bei einer Anhörung vor dem Unterausschuß das Verhältnis zwischen den außenpolitischen Zielen der Vereinigten Staaten und der
amerikanischen Hilfe an die neuen unabhängigen
Staaten darlegen zu können. Vor zwei Wochen
haben Sie die Ausführungen des Stellvertretenden
Außenministers Talbott über die amerikanische
Außenpolitik gegenüber Rußland vernommen. Ich
möchte mich heute eher auf die amerikanische
Politik in bezug auf die GUS insgesamt sowie die
Einbettung der amerikanischen Hilfe in diese Politik
konzentrieren, bevor ich das Wort an Botschafter
Simons, der die Hilfsleistungen gemäß dem FREEDOM Support Act koordiniert und erst vor kurzem
eine Delegation in die GUS geleitet hat, sowie an
Mr. Dine vom Amt für internationale Entwicklung
(Agency for International Development - AID) übergebe.
Das Gesetz über Auslandshilfe von 1961 gründete
sich auf die generelle und übergeordnete Prämisse,
daß die Welt interdependent geworden ist und noch
interdependenter wird. Das FREEDOM Support Act
von 1992 basiert auf der spezifischeren Prämisse,
daß Entwicklungen in den neuen unabhängigen
Staaten
"eine historische Chance für den Übergang zu
einer friedlichen und stabilen internationalen
Ordnung sowie für die Integration der unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion in die Gemeinschaft demokratischer
Nationen bieten".
Wie der Stellvertretende Außenminister Talbott vor
zwei Wochen ausführte, ist diese Prämisse unseres
Erachtens nach wie vor gültig im Hinblick auf alle
neuen unabhängigen Staaten einschließlich Rußlands und das Schicksal der Reformen in Rußland

AMERIKA DIENST 08

und den anderen Ländern der GUS weiterhin verknüpft.
Ich bin mir bewußt, daß ein Großteil der Aufregung
über den Zusammenbruch des Kommunismus und
der Sowjetunion verflogen ist und einer gewissen
Müdigkeit Platz gemacht hat, während wir Zeuge des
Kampfes der neuen unabhängigen Staaten mit den
täglichen Mühen des Wiederaufbaus ihrer politischen
und wirtschaftlichen Systeme werden. Inmitten der
Berichte über ungleiche Leistung und häufig beunruhigende Herausforderungen für den Verlauf der
Reformen kann man leicht entmutigt werden und den
Blick für die bereits erzielten umfassenderen Fortschritte und unser vorrangiges Interesse an deren
Fortsetzung verlieren.
Die politische und wirtschaftliche Umgestaltung der
neuen unabhängigen Staaten ist weiterhin von
lebenswichtiger Bedeutung für die fundamentalen
amerikanischen Interessen. Der Erfolg dieser Umgestaltung hat wichtige Auswirkungen auf den internationalen Erfolg bei
der Reduzierung der Nuklearwaffenarsenale und
der Bekämpfung der Verbreitung von Nuklearwaffen und -material,
der Entwicklung einer neuen europäischen Sicherheitsordnung,
der Bekämpfung von internationalem Verbrechen,
Drogen und Terrorismus,
der Unterstützung der Entwicklung neuer Märkte
und Stärkung der Offenheit und Stabilität des
globalen Handelssystems sowie
der Ermutigung des Abbaus ethnischer Spannungen ohne Gewalt.

Seite 1

�Während diese neuen Länder auf die Gestaltung
neuer demokratischer und marktorientierter Institutionen in dem durch den Zusammenbruch des Kommunismus entstandenen Vakuum hinarbeiten,
können wir nicht davon ausgehen, daß der bevorstehende Weg eben oder leicht sein wird. Das
gelegentlich langsame Tempo bei der Formulierung
und Umsetzung von Gesetzen, die nach Meinung
von uns im Westen entscheidend für die Grundlagen
prosperierender Demokratien und Marktwirtschaften
sind, ist an sich schon ein Beweis, daß politischer
Pluralismus und Demokratie Fuß fassen. In einer
Demokratie ist die Entwicklung eines Wirtschaftsprogramms ebenso wichtig wie das Programm
selbst.
Wir müssen dieses Phänomen erkennen und unerschütterlich die Reformen angesichts ungleicher
und gelegentlich unberechenbarer Entwicklungen
unterstützen. Es steht zu viel auf dem Spiel, als daß
wir anders handeln könnten.
"Der amerikanischen Hilfe kommt eine bedeutende Rolle bei der Unterstützung der Umgestaltung in diesen aufstrebenden Demokratien
zu. Die grundlegende Aufgabe der Umstrukturierung des politischen und wirtschaftlichen
Systems obliegt weiterhin diesen Ländern,
aber unsere Unterstützung der Reformer kann
eine wichtige Rolle bei der Verstärkung der
Bemühungen zur Schaffung von Prinzipien,
Mechanismen und Instrumenten spielen, die
als Grundlage für offene und freie Gesellschaften dienen werden."
Hilfe Ist eine knappe Ressource
Ich bin mir der schwierigen Entscheidungen bewußt,
mit denen sich der Kongreß und die Administration
beim Abwägen der zahlreichen innen- und außenpolitischen Erfordernisse bei anhaltend knappen
Haushaltsmitteln konfrontiert sehen. Ich weiß, wie
wichtig es ist, jeden Dollar aus dem Hilfsfonds klug
zur Erreichung der dringendsten strategischen Ziele
einzusetzen. Aus diesem Grund haben wir bei der
Integration der Hilfsprogramme in unsere umfassenderen außenpolitischen Bestrebungen eine Reihe
von Prinzipien verfolgt.
Erstens ist unsere Hilfe an Reformen gebunden. Im
Einklang mit Paragraph 498A des FREEDOM
Support Act berücksichtigen wir Fortschritte bei
politischen und wirtschaftlichen Reformen bei der
Zuweisung von Mitteln für die Region. Dies hat
Auswirkungen auf die Verteilung der Mittel unter den
Ländern und in den Ländern.

Seite 2

Zweitens streben wir eine enge Verbindung zwischen
unserem Hilfsprogramm und umfassenderen diplomatischen Bestrebungen an. Ein gutes Beispiel ist die
Gore-Tschernomyrdin-Kommission, eine von den
Präsidenten Clinton und Jelzin beim Gipfeltreffen von
Vancouver im April 1993 ins Leben gerufene Initiative. Die Kommission wurde ursprünglich zur
Verbesserung der bilateralen Zusammenarbeit in den
Bereichen Raumfahrt, Hochtechnologie und Energieinvestitionen gegründet. Die Kommission hat ihren
Aufgabenbereich erweitert und die Gebiete Umwelt,
Wissenschaft und Technologie, Rüstungskonversion
und öffentliches Gesundheitswesen einbezogen. Das
Komitee für Unternehmensentwicklung der Kommission war beim Abbau von Hemmnissen für Handel
und Investitionen und der Durchsetzung einer Reihe
von Investitionsprojekten besonders effektiv, vor allem
auf dem russischen Energiesektor.
Drittens ermutigen wir Verbindungen zum Privatsektor, da diese - nicht die Hilfe - die langfristige Grundlage unserer Beziehungen zur GUS bilden werden.
Die private Geschäftstätigkeit ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Handel und Investitionen. Aus diesem Grund verwenden wir einen zunehmenden Teil unserer Hilfe für die Unterstützung
traditioneller Geschäftsförderungsprogramme durch
die Entwicklungsgesellschaft OPIC, die Export-Import
Bank, das Amt für Handelsentwicklung und das
Wirtschaftsministerium. Aber enge Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaftlern, Umweltschützem, politischen Interessengruppen und nichtstaatlichen Organisationen ist ebenso wichtig. Solche Austauschprogramme sind unabdingbar, um der GUS beim
Aufbau der bürgerlichen und repräsentativen Institutionen behilflich zu sein, die die Grundlage
politischer Demokratie bilden.
Viertens versuchen wir unseren Einfluß in der internationalen Staatengemeinschaft geltend zu machen.
Obwohl die Vereinigten Staaten bei der Reaktion auf
die Hilferufe der GUS eine Führungsrolle übernommen haben, kann kein Land diese Last auf sich
nehmen. Die Ukraine ist ein treffendes Beispiel. Als
die neue Regierung Kutschma Ende letzten Jahres
ein mutiges Reformprogramm in die Wege leitete,
arbeiteten die Vereinigten Staaten mit anderen
Geberländern der G-7 und den Hauptgläubigern der
Ukraine in der GUS - Rußland und Turkmenistan auf die Mobilisierung von Unterstützung aus dem
Ausland für die neuen Reformbestrebungen der
Ukraine hin. Auf unser Drängen schuldete Turkmenistan die Energiekredite der Ukraine um, und Rußland
hat jetzt Gespräche mit der Ukraine über Zahlungsrückstände der Energieschulden aufgenommen,
während das Land weiterhin Öl und Gas liefert. Wir
arbeiten auch mit den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und Japan zusammen, um an den von

AMERIKA DIENST 08

�der Ukraine im Frühjahr erwarteten IWF-Beistandskredit gekoppelte Unterstützung bereitzustellen.

die Rada zu erhalten und den Weg für das Inkrafttreten des START I-Vertrags zu ebnen.

Und schließlich legen wir besondere Betonung auf
die Herstellung von Kontakten zwischen der GUS
und Wirtschafts- und Sicherheitsinstitutionen des
Westens. Diese reichen von unserem Programm
Partnerschaft für den Frieden bis zur Ermutigung
eines GATT-Beitritts.

Wir erweitern ferner die Rüstungszusammenarbeit.
Truppen der Vereinigten Staaten und der Ukraine
nehmen an gemeinsamen Friedenssicherungsmanövern teil. Die Ukraine war das erste Land der GUS,
das der Partnerschaft für den Frieden beigetreten ist.
Die Kooperation in der Partnerschaft trägt zur Förderung der Kontakte zwischen dem Bündnis und der
Ukraine bei.

Die Ukraine: Ein Fallbeispiel
Herr Vorsitzender, ich weiß, daß Sie eine Führungsrolle bei der Unterstützung von Bestrebungen zur
Erleichterung der Umgestaltung in der Ukraine
übernommen haben und bin der Ansicht, die Bemühungen der US-Regierung im vergangenen Jahr sind
ein anschauliches Beispiel, wie wir die unterschiedlichen politischen Instrumente - von Diplomatie bis zu
Hilfe - zur Unterstützung der amerikanischen Interessen integrieren können.
Als großes und potentiell reiches Land mit über 50
Millionen Einwohnern hat die Ukraine eine Brückenfunktion zwischen Rußland und den anderen Ländern Mitteleuropas. Eine unabhängige, demokratische, wohlhabende und atomwaffenfreie Ukraine ist
der Schlüssel zu einem stabilen, sicheren und
ungeteilten Europa. Angesichts der Größe und Lage
des Landes kann die Ukraine eine wichtige Kraft für
regionale Stabilität, ein attraktiver Markt für Handel
und Investitionen der Vereinigten Staaten und ein
entscheidender Partner bei unseren globalen Nichtverbreitungsbestrebungen sein. Aus diesem Grund
haben wir auf eine Intensivierung der Beziehungen
zwischen den Vereinigten Staaten und der Ukraine
hingearbeitet.
Erstens haben wir Diplomatie zur Bekräftigung der
Botschaft eingesetzt, daß politische und wirtschaftliche Reformen der Schlüssel zur Stärkung der
Unabhängigkeit und Souveränität sowie zur Wiederbelebung des Wirtschaftswachstums des Landes
sind. Wir haben die Ukraine auch aufgefordert, dem
Nichtverbreitungsvertrag beizutreten und die Nuklearwaffen des Landes zurück nach Rußland zu
verlagern.
Im Bereich der Sicherheit haben die Vereinigten
Staaten Diplomatie zur Erleichterung des trilateralen
Abkommens eingesetzt, das dazu führte, daß die
Ukraine die Nuklearwaffen des Landes als Gegenleistung für Sicherheitszusagen aufgab. Wir haben
dies mit der Nunn-Lugar-Hilfe gekoppelt, um die
Zerlegung von Waffen zu unterstützen. Unsere
Unterstützung und diese Zusagen waren für Präsident Kutschma wichtig, um die Ratifizierung durch

AMERIKA DIENST 08

Im Bereich der Wirtschaft verstärkte die Administration die Reformbotschaft mit der Zusage von bilateraler Hilfe in Höhe von 350 Millionen Dollar im
Frühjahr letzten Jahres. Wir haben darauf hingearbeitet, ähnliche Zusagen von der internationalen
Staatengemeinschaft zu erhalten. Beim Gipfeltreffen
der G-7 im Juli in Neapel vereinbarten die Staatsund Regierungschefs auf Präsident Clintons Drängen
die Bereitstellung von über 4 Milliarden Dollar der
internationalen Finanzinstitutionen mit einer Laufzeit
von zwei Jahren zur Umgestaltung der ukrainischen
Wirtschaft.
Im vergangenen Herbst leitete die Ukraine unter der
Führung von Präsident Kutschma ein kühnes neues
Wirtschaftsreformprogramm ein, um die das Land
schwächende Wirtschaftskrise einzudämmen und die
Errungenschaften der ersten drei Jahre ukrainischer
Unabhängigkeit zu konsolidieren. Als Reaktion auf
diese Bestrebungen sagte Präsident Clinton bei
seinem Gipfeltreffen mit Präsident Kutschma der
Ukraine für 1995 zusätzliche 200 Millionen Dollar
Wirtschaftshilfe zu. Darin enthalten sind Hilfe für
Energie- und Lebensmittelimporte, technische Hilfe in
den Bereichen Privatisierung, Energiewirtschaft,
wirtschaftliche Umstrukturierung, Umwelt, Entwicklung
des Sozialsektors und demokratische Initiativen.
Im Einklang mit der in Neapel abgegebenen Zusage
der G-7 bewilligte der IWF eine Fazilität für die
Umgestaltung des Systems und stellte im Oktober
370 Millionen Dollar bereit. Die Verhandlungen über
einen IWF-Beistandskredit weitaus größeren Umfangs
in Verbindung mit den Bestrebungen der Ukraine,
1995 ein umfassenderes Reformprogramm durchzuführen, stehen kurz vor dem Abschluß.
Gleichzeitig haben wir die Europäische Union, Japan
und die Hauptgläubigerländer wie Rußland und
Turkmenistan zu ähnlichen Schritten aufgefordert, um
der Ukraine den Freiraum für die Bewältigung der
Herausforderungen eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus zu geben.
"Als Ergebnis der mutigen Führungsrolle
Präsident Kutschmas, der Bestrebungen vieler

Seite 3

�Reformer im ganzen Land und westlicher Hilfe
sieht die Zukunft der Ukraine besser aus als
in den vergangenen beiden Jahren. Die
Herausforderungen sind jedoch immer noch
enorm, und Hilfe des Westens ist insbesondere angesichts der bevorstehenden dramatischeren Umstrukturierung erforderlich."
Integration in den Westen
Die Ukraine ist nur ein Beispiel für die von uns
unternommenen umfassenderen Bestrebungen, in
allen neuen unabhängigen Staaten Reformen zu
ermutigen. Diese Politik basiert hauptsächlich auf
der Annahme, es liege im nationalen Interesse der
Vereinigten Staaten, das Entstehen wohlhabender,
demokratisierter und marktorientierter unabhängiger
Staaten zu unterstützen, und die Integration dieser
Länder in die Weltgemeinschaft demokratischer
Staaten und Volkswirtschaften sei im Interesse
unserer Nation und der in der GUS lebenden Menschen.
Wir haben diese Idee auf vielfache Weise verfolgt
und uns dabei der Ressourcen und des Einflusses
der Vereinigten Staaten sowie unserer politischen
und wirtschaftlichen Führungsrolle in der Staatengemeinschaft bedient.
Die US-Regierung stand an vorderster Front bei der
Förderung und Umsetzung von Schritten zur Unabhängigkeit und Stärkung des Sicherheitsempfindens aller neuen unabhängigen Staaten. Wir haben
beispielsweise die frühzeitige und vollständige
Beteiligung aller neuen unabhängigen Staaten an
internationalen Gremien wie den Vereinten Nationen
und der jetzigen OSZE ermutigt und unterstützt.
Gemeinsam mit unseren westlichen Partnern riefen
wir neue Institutionen ins Leben, die unseres Erachtens der GUS helfen können, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen und Fortschritte bei der Schaffung von Banden und Mustern der Zusammenarbeit
mit europäischen Institutionen zu machen. Die
Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats
(NAKR) und anschließend der Partnerschaft für den
Frieden eröffnete neue Chancen für alle neuen
unabhängigen Staaten zum Aufbau von Beziehungen zur NATO. Die Initiative unter Leitung der
Vereinigten Staaten zur Stärkung der KSZE durch
ihre Umwandlung in die OSZE und Ausstattung mit
größerer institutioneller Bedeutung bietet jedem der
neuen unabhängigen Staaten einen Weg zur Einbindung in das entstehende europäische Sicherheitssystem. Schließlich knüpften die Vereinigten Staaten eine Vielzahl bilateraler Kontakte, auch auf dem
Gebiet militärischer Zusammenarbeit, um in der GUS
ein verstärktes Sicherheitsgefühl zu entwickeln und

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unsere Unterstützung für jeden einzelnen Nachfolgestaat der ehemaligen Sowjetunion als vollkommen
unabhängigem und souveränem Nationalstaat zu
unterstreichen.
Im wirtschaftlichen Bereich waren sich die Vereinigten
Staaten von Anfang an bewußt, daß die Zukunft der
GUS als Gemeinschaft stabiler, unabhängiger Staaten von ihrer Fähigkeit abhängen würde, auf marktwirtschaftlichen Prinzipien und Praktiken basierende
Volkswirtschaften zu entwickeln. Erfolg bei dieser
Anpassung wird für die GUS von essentieller Bedeutung sein, um sich in das Welthandels- und Weltwirtschaftssystem einzugliedern.
Obwohl wir wissen, daß Wirtschaftsreformen "hausgemacht" sein müssen, damit jeder der neuen
Staaten die einzigartigen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen bewältigen kann, müssen
sie unseres Erachtens ihre Volkswirtschaften so
umstrukturieren, daß ihnen eine Zusammenarbeit mit
westlichen Institutionen wie dem GATT und der WTO
und letztlich eine Mitgliedschaft darin möglich ist.
Ferner haben wir internationale Bestrebungen angeführt, in Europa und andernorts eine Politik zu
verfolgen, die der GUS Möglichkeiten für umfassendere und breiter gefächerte Wirtschaftsbeziehungen
zur Außenwelt eröffnet.
Beispielsweise haben wir mit der Mehrheit der neuen
unabhängigen Staaten Handels- und Investitionsabkommen abgeschlossen. Wir gründeten bilaterale
Ausschüsse für unternehmerische Entwicklung, um
neue Wege für den Handel mit den Vereinigten
Staaten zu erschließen und das alte Monopolsystem
abzuschaffen, das sämtliche Wirtschaftsfunktionen
über die alte kommunistische Kommandozentrale
leitete. Ferner strebte die Administration eine Anpassung unserer Handelsgesetze an, um der einzigartigen Natur der "Volkswirtschaften im Übergang"
gerecht zu werden, einige den kommunistischen
Ländern auferlegte Strafen aufzuheben und erweiterte Handeisschancen zu fördern, von denen die
Vereinigten Staaten und die entstehenden Marktwirtschaften gleichermaßen profitieren.
Die Hilfe und Diplomatie der Vereinigten Staaten sind
von Bedeutung für die anderen neuen unabhängigen
Staaten, die sich um die Schaffung und den Erhalt
ihrer internationalen Identität bemühen. Unsere Hilfe
und unser diplomatisches Engagement - bilateral
sowie im Rahmen der OSZE und der UNO bei der
Beendigung regionaler Konflikte - sind für ihre zukünftige Stabilität von entscheidender Bedeutung.
Amerikanische Berater wirkten am Entwurf der
Verfassung Moldawiens mit. Unser diplomatisches
Engagement trug zur Beendigung der Kämpfe in

AMERIKA DIENST 08

�Moldawien sowie zu einem Grundsatzabkommen
über den Abzug der russischen Streitkräfte bei.

Juni 1996 würden Wahlen abgehalten, sind begrüßenswerte Zeichen.

Wir leisteten Armenien und Georgien substantielle
humanitäre Hilfe. Wir haben innerhalb des Gesetzesrahmens alles in unserer Macht Stehende
unternommen, um den nahezu einer Million Menschen in Aserbaidschan zu helfen, die durch den
Konflikt in Nagornyj Karabach vertrieben wurden.
Teilweise aufgrund der Bestrebungen unseres
Landes sowie der OSZE hält der Waffenstillstand in
Nagornyj Karabach bereits seit neun Monaten.

Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind weiterhin
beträchtlich. Arbeitslosigkeit sowie die erforderliche
Schrumpfung ineffizienter Staatsbetriebe beschwören
den Geist zunehmender sozialer Unruhen herauf.
Privatisierung und der Übergang zur Marktwirtschaft
haben die Verteilung des Wohlstands polarisiert und
den Weg für eine unkontrollierte Ausweitung von
Verbrechen und Korruption geebnet.

Wir haben uns für die Beendigung der Kommandowirtschaft in Zentralasien durch Privatisierungsprogramme eingesetzt und mit in der Region ansässigen amerikanischen Ölgesellschaften und Regierungen gemeinsam an der Entwicklung von Energiequellen und Ankurbelung ihrer Volkswirtschaften
gearbeitet.
Mit Hilfe unserer Programme zur Förderung von
Demokratie sowie anderer Bestrebungen haben wir
viel erreicht. In der Ukraine, in Usbekistan und
Kirgistan fanden Wahlen statt, die einen Präzedenzfall schaffen.
Pluralismus und Beteiligung der
Bürger am politischen Leben fassen Fuß.
Einschränkung der Rußlandhilfe
Die Administration unterstrich von Anfang an die
Bedeutung einer Unterstützung der russischen
Reformen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion befand
sich Rußland an vorderster Front der Reformbewegungen. Gleichzeitig sind wir - wie viele Politiker in
der GUS - der Ansicht, daß der Erfolg von Reformen
in Rußland entscheidend für die Aussichten auf
Reformen in ganz Eurasien ist.
Die Verlagerung des Schwerpunkts unserer Hilfe von
Rußland auf die anderen neuen unabhängigen
Staaten erfolgt entsprechend der politischen und
wirtschaftlichen Fortschritte Rußlands, denen Fortschritte andernorts folgen. Die von den Vereinigten
Staaten geleistete Hilfe war ein wichtiger Faktor bei
der Förderung von Stabilität in dieser schwierigen
Übergangszeit sowie der Unterstützung der neuen
Reformkräfte im postsowjetischen Rußland. Obwohl
die Ereignisse der letzten anderthalb Jahre in Rußland wichtige Fragen über die derzeitige Natur und
den zukünftigen Kurs der russischen Demokratie
aufgeworfen haben, gibt es auch Anzeichen dafür,
daß die russische Führung der Demokratisierung
und marktwirtschaftlichen Entwicklung verpflichtet
bleibt. Die Unterstützung Präsident Jelzins für ein
starkes wirtschaftliches Reformprogramm und seine
Bekräftigung letzte Woche, im Dezember 1995 und

AMERIKA DIENST 08

Um den Reformern bei der Bewältigung dieser
Herausforderungen beizustehen, müssen wir unsere
Hilfsleistungen für Rußland beibehalten, selbst wenn
wir unseren Schwerpunkt von humanitärer und
technischer Hilfe auf Handel und Investitionen sowie
die "zweite Welle" von Ländern verlagern, die nach
Demokratie und Reformen streben. Es besteht
immer noch kein Zweifel daran, daß das Scheitern
von Reformen und Demokratie in Rußland die
schwachen Reformbestrebungen in den meisten
anderen neuen unabhängigen Staaten zunichte
machen könnte.
Unsere zunehmende Konzentration auf andere
Reformländer spiegelt gleichzeitig eine andere
Realität wider - unsere Erkenntnis, daß der Erfolg
wirtschaftlicher und politischer Reformen in Ländern
wie der Ukraine und Belarus nicht nur deren Unabhängigkeit stärkt, sondern auch die Aussichten auf
den Erfolg der Demokratie in Rußland verbessert.
Im Haushaltsjahr 1996 wird sich der Großteil unserer
Hilfsbestrebungen auf die nichtrussischen GUSStaaten richten. Der Trend wird anhand der Zahlen
deutlich: Die Administration stellte im Haushaltsjahr
1993 200 Millionen Dollar für Rußland bereit, im
Haushaltsjahr 1994 1,6 Milliarden Dollar, im Haushaltsjahr 1995 344 Millionen und im Haushaltsjahr
1996 260 Millionen Dollar. 1994 wurden zwei Drittel
der amerikanischen GUS-Hilfe für russische Programme und Projekte verwendet; im Haushaltsjahr
1996 sind weniger als ein Drittel geplant.
Schlußbemerkung
Abschließend möchte ich noch einmal auf meine
Eingangsbemerkung zurückkommen. Die historische
Umgestaltung zu Demokratie und Marktwirtschaft ist
noch nicht abgeschlossen, und wir haben ein vitales
nationales Interesse daran, alles in unserer Macht
Stehende zur Unterstützung freier und offener Gesellschaften in diesen Ländern zu unternehmen.
Meines Erachtens lohnt es sich, diese Interessen
nochmals aufzuführen:
Abbau des weltweiten
Atomwaffenarsenals, Gestaltung einer neuen Si-

Seite 5

�cherheitsordnung auf dem europäischen Kontinent,
der zwei Weltkriege erlebte, Abbau der ethnischen
Spannungen, die zu größerer Instabilität und Konflikten führen können, Bekämpfung von internationalem Verbrechen, Drogenhandel und Terrorismus, die
die Sicherheit all unserer Bürger bedrohen, Unterstützung der Entwicklung neuer Märkte sowie eines
stabilen und offenen Welthandelssystems, zu dem
die gut ausgebildeten Menschen, starke wissenschaftliche Grundlage und reichen natürlichen
Ressourcen der GUS einen wesentlichen Beitrag
leisten können.

Wir wissen um die knappen Haushaltsmittel, sind
jedoch davon überzeugt, daß die im Haushaltsantrag
der Administration vorgesehenen Mittel zur Förderung
unserer nationalen Interessen investiert werden
sollten. Wir werden weiterhin alles in unserer Macht
Stehende unternehmen, um mit diesen Dollars so viel
wie möglich zu erreichen - unser Hilfsprogramm in
unsere umfassenderen diplomatischen Bestrebungen
zu integrieren und unsere Mittel zusammen mit denen
der internationalen Staatengemeinschaft einzusetzen.

* * * * *

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AMERIKA DIENST 08

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