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dienet

Herausgeber: U.S. Information Service
Embassy of the United States of America

Z12462 C

15. Februar 1995

06

NATO

EINE NATO FÜR GANZ EUROPA,
EINSCHLIESSLICH RUSSLANDS
Rede von Verteidigungsminister Perry

USA-DEUTSCHLAND

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN
ZWISCHEN DEUTSCHLAND UND DEN
VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Gesandten J.D. Bindenagel

FULBRIGHT

DER GRUNDER DES WELTWEITEN
STIPENDIENPROGRAMMS
Zum Tod von Senator J. William Fulbright

PORTRAT

DER NEUE CIA-DIREKTOR IN DER ZEIT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Porträt von Michael Carns

Um Übersendung von
Belegexemplaren
wird gebeten

Deichmanns Aue 29
D 53170 Bonn

Tel.: 0228 - 339 23 72
Fax: 0228 - 33 41 02

�NATO
15. Februar 1995

EINE NATO FÜR GANZ EUROPA,
EINSCHLIESSLICH RUSSLANDS
Rede von Verteidigungsminister Perry
MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir den vorbereiteten Text der von US-Verteidigungsminister
William J. Perry bei der Münchner Konferenz über Sicherheitspolitik am 5. Februar 1995 gehaltenen Rede.

Vor einem Jahr bestieg ich weniger als 24 Stunden
nach meiner Vereidigung als Verteidigungsminister
der Vereinigten Staaten das Flugzeug, das mich zur
Wehrkundetagung nach München brachte. Damit
wollte ich die zentrale Bedeutung des transatlantischen Bündnisses für die amerikanische Sicherheitspolitik unter Beweis stellen. Diese hat sich nicht
geändert. Heute möchte ich jedoch darüber sprechen, wie unser Bündnis sich gewandelt hat und
noch weiter wandeln muß.
Wir haben eine dauerhafte, aber auch dynamische
Beziehung.
In den vergangenen 45 Jahren waren die Vereinigten Staaten und Westeuropa durch die mit einer
bipolaren Welt einhergehenden Verpflichtungen
verbunden. Obwohl unsere Nationen eine Geschichte politischer, wirtschaftlicher und kultureller Bande
haben, war die NATO während des Kalten Krieges
keine Bruderschaft. Sie stellte ein praktisches,
pragmatisches Sicherheitsarrangement dar, deren
Kern ein Militärbündnis bildete.
Unsere Beziehungen fußten auf gegenseitigen
Eigeninteressen. Die Stationierung amerikanischer
Streitkräfte in Europa war keine Gefälligkeit den
Europäern gegenüber. Wir waren hier, weil die
vitalen amerikanischen Interessen dies verlangten.
Gleichzeitig begrüßte Westeuropa die Anwesenheit
der Amerikaner - nicht weil es gerne ausländische
Truppen auf seinem Territorium hatte, sondern weil
die amerikanische Präsenz ein Schutzschild gegen
sowjetische Aggression darstellte.
Man könnte
sagen, wir sind aufeinander angewiesen.
Heute sind wir nicht aufeinander angewiesen. Nach
dem Ende des Kalten Krieges ist die bipolare Welt
zusammen mit ihren Verpflichtungen zusammengebrochen. Die Vereinigten Staaten und Europa

AMERIKA DIENST 06

benötigen einander nicht länger zur Verteidigung
gegen eine Bedrohung durch den Warschauer Pakt.
Keiner von uns sieht mehr sein nationales Überleben
bedroht, aber wir alle - Nordamerikaner und Europäer
gleichermaßen - sind zu dem Entschluß gelangt, daß
wir den Unsicherheiten und sicherheitspolitischen
Herausforderungen der Zukunft am besten gemeinsam begegnen.
Aber selbst ein solcher Zusammenschluß beinhaltet
Pflichten für seine Mitglieder. Beim NATO-Gipfel im
Januar 1994 bekräftigte Präsident Clinton, die Vereinigten Staaten würden mit einer beträchtlichen
militärischen Präsenz von 100.000 Soldaten in
Europa stationiert bleiben. Die Anwesenheit der
Amerikaner in Europa und unser Engagement für die
europäische Sicherheit bringen jedoch eine wichtige
Verpflichtung mit sich: Wir benötigen sowohl in
Europa als auch in den Vereinigten Staaten die
Unterstützung der Öffentlichkeit.
Wir können diese Unterstützung nicht als selbstverständlich hinnehmen. Tatsächlich wurden mehrere
Fragen über die Zukunft der NATO gestellt - sogar ob
das Bündnis überhaupt eine Zukunft haben sollte.
Meines Erachtens rühren diese Fragen großenteils
von einem Informationsvakuum her, aufgrund der
Unfähigkeit, unserem Volk deutlich zu sagen, warum
die NATO wertvoll, sogar entscheidend ist, und wohin
sie steuert.
Wir müssen dieses Informationsvakuum füllen. Zu
diesem Zweck müssen wir uns meines Erachtens mit
vier Schlüsselfragen befassen: Erstens. Was ist der
Zweck der NATO heute? Zweitens. Wohin steuern
wir, insbesondere im Hinblick auf die Erweiterung.
Drittens. Wie halten wir den Konsens im Bündnis
aufrecht? Und schließlich, wie sollten die Beziehungen der NATO zu Rußland gestaltet sein?

Seite 1

�Im Hinblick auf die erste Frage möchte ich die
Beobachtung anstellen, daß sich der Zweck des
Bündnisses in den letzten Jahren dramatisch gewandelt hat. Erstmals seit einem halben Jahrhundert
sieht sich Westeuropa als Ganzes keiner einzigen,
vorrangigen Bedrohung gegenüber. Dies bedeutet
jedoch nicht, daß für die Mitgliedstaaten der NATO
keine Bedrohungen bestehen.
Obwohl wir uns auf Rußland und den Osten konzentrieren müssen, sind im Süden reale, direkte Herausforderungen für die Bündnismitglieder aufgetreten.
Im Mittelmeerraum, in Südwestasien, auf dem
Balkan und in Nordafrika sind Brennpunkte entstanden. Wir alle müssen mit den Bedrohungen
unserer Interessen durch wachsende Instabilität und
Extremismus in Nordafrika und andernorts umgehen.
Dies ist nicht nur ein südeuropäisches Problem. Der
Konflikt in Bosnien beispielsweise droht, Südeuropa
durch einen Flüchtlingsstrom oder eine Ausweitung
der Kämpfe zu destabilisieren. Und die aggressive
Haltung des Irak und des Iran bedroht die Türkei.
Die NATO hat sich diesen Herausforderungen bis
heute nicht wirksam gestellt.
Die Verteidigungsminister der NATO-Staaten trafen
im vergangenen September in Sevilla und im Dezember in Brüssel zusammen. Wir erörterten die
Krise in Bosnien. Bei unserem Treffen im Dezember
unterbreiteten wir den Vorschlag eines konkreten
Vorgehens zur Stärkung der UNPROFOR in Bosnien, der jedoch bisher nicht in die Tat umgesetzt
wurde. In Sevilla erörterten wir auch Sicherheitsfragen des Mittelmeerraums. Wir konnten uns
jedoch nicht darüber einigen, was die NATO, wenn
überhaupt, in dieser Hinsicht unternehmen sollte.
Einige Verbündete stellen nur ungern die ohnehin
knappen Mittel zur Verfügung. Anderen widerstrebt
es, das Bündnis in nichttraditionelle militärische
Bedrohungen zu verwickeln.
Die Ausbreitung von Instabilität im Mittelmeerraum
gefährdet nicht nur befreundete Staaten in Nordafrika und die Aussicht auf einen umfassenden
Frieden im Nahen Osten. Sie stellt auch eine
Bedrohung Europas in Form neuer sozialer und
sicherheitspolitischer Probleme dar, beispielsweise
Terrorismus und die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Ich fordere die Mitglieder des
Bündnisses dringend dazu auf, sich bei unserem
nächsten Ministertreffen auf den Mittelmeerraum zu
konzentrieren und eine Reihe von Fragen zu erörtern.
Ich möchte einige dieser Fragen ansprechen, die
meiner Ansicht nach bei unseren Planungen eine
zentrale Rolle spielen:

Seite 2

Wie sollte die NATO die verantwortlichen Staaten
Nordafrikas in einen Sicherheitsdialog und entsprechende Beziehungen einbinden? Einige Staaten
unterhalten bereits bilaterale Sicherheitsbeziehungen
zu den Ländern Nordafrikas. Wie können wir sie am
effektivsten auf die NATO ausweiten?
Mehrere Nationen im Pulverfaß Balkan und an seiner
Peripherie sind der Partnerschlaft für den Frieden
beigetreten. Wie können wir in der NATO diesen
Kanal möglichst gut zur Intensivierung unseres
Engagements in diesen Staaten sowie zur Verbesserung ihrer Beziehungen untereinander nutzen?
Das Bündnis hat bereits eine bedeutende neue
Initiative zur Bekämpfung der globalen Weiterverbreitung von Waffen begonnen. Wie können wir
besondere Betonung auf die Weiterverbreitung in der
südlichen Region legen?
Und können wir - näher vor unserer Tür - weiterhin
die NATO zum Aufbau von Vertrauen und zur Verbesserung der Beziehungen in der Ägäis nutzen, wo
Differenzen zwischen Griechenland und der Türkei
ein zusätzliches Risiko für die Stabilität auf dem
Balkan darstellen?
All diese Fragen wurzeln in der traditionellen Rolle
der NATO zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer
Mitglieder. Sie reflektieren aber auch die wichtige
neue Rolle des Bündnisses im Zeitalter nach dem
Kalten Krieg.
Wir sprechen beiläufig von der NATO als dem
erfolgreichsten Militärbündnis der Welt aufgrund ihres
Erfolgs bei der Abwehr der sowjetischen Bedrohung.
Im Lauf der Zeit haben wir jedoch etwas Großartigeres aufgebaut. Heute ist die NATO eine große,
geeinte Kraft für Stabilität in einer zersplitterten,
instabilen Welt.
Die Mitgliedschaft in der NATO hat die Möglichkeit
eines Krieges zwischen ihren Mitgliedstaaten, darunter einige Erzfeinde, stark reduziert, wenn auch
nicht ganz beseitigt. Dank der NATO ist ein Großteil
der Welt eine "Stabilitätszone", die für ihre eigene
Bevölkerung oder die übrige Welt keine Bedrohung
darstellt.
Wir benötigten 45 Jahre zur Schaffung dieser Stabiiitätszone und richteten uns dabei nach vier grundlegenden Prinzipien:
Erstens kollektive Verteidigung. Artikel 5 bedeutet
einer für alle und alle für einen. Noch wichtiger ist
jedoch, daß jeder einzelne von uns über die Streitkräfte und integrierte Struktur zur Verteidigung eines
und aller Staaten verfügt.

AMERIKA DIENST 06

�Das zweite wichtige Prinzip ist Demokratie. Die
NATO besteht nicht einfach nur aus 16 Nationen,
sondern aus den 16 stärksten, erfolgreichsten
Demokratien der Welt. Wir halten Frieden und
Freiheit in Ehren. Wir achten die Menschenrechte
innerhalb unserer Grenzen, respektieren außerhalb
unserer Grenzen die Souveränität anderer und
streben friedliche Beziehungen zu unseren Nachbarn
an. Wir haben Erfolg durch freies Unternehmertum.
Und unsere Streitkräfte unterstehen ziviler Kontrolle.
Der dritte Grundsatz ist Konsens. Eine NATOEntscheidung repräsentiert einhellige Übereinstimmung der 16 Nationen, von denen jede ihre eigene
stolze Geschichte, Kultur und Tradition hat. Wir
stimmen nicht in jeder Hinsicht überein. Aber wenn
wir uns zusammensetzen, bügeln wir unsere sicherheitspolitischen Differenzen aus und bilden
einen Konsens.
Der vierte Grundsatz ist kooperative Sicherheit.
Unsere Streitkräfte üben und planen gemeinsam.
Wir legen unseren jeweiligen Verteidigungshaushalt
offen, haben eine gemeinsame Doktrin und teilweise
dieselben Waffen. Da wir unsere Streitkräfte effektiv
gemeinsam einsetzen können, wird unsere Fähigkeit
zur Verteidigung des Bündnisses nur von wenigen in
Frage gestellt.
Dies sind die Eckpfeiler der Stabilitätszone. Und
diese Zone ist der Grund dafür, daß so viele Nationen so schnell der von der NATO ins Leben gerufenen Partnerschaft für den Frieden beitraten, darunter
alle Staaten des ehemaligen sowjetischen Imperiums
mit einer Ausnahme. Heute sind über der Partnerschaftskoordinierungszelle in Mons 40 Flaggen
gehißt, darunter auch die russische.
Aus diesem Grund sind die Streitkräfte der NATOMitgliedstaaten so effektiv, wenn sie sich zusammenschließen. Wir sahen das an der Operation Wüstensturm. Wir sahen das im Nordirak, wo wir die
Kurden vor der Aggression Saddam Husseins
schützten. Und wir sehen es jetzt in Bosnien, wo
durch die Aktionen der NATO Gewalt und Blutvergießen beträchtlich eingeschränkt wurden, obwohl es
nicht gelang, diesem Land Frieden zu bringen.
Bosnien ist ein Beispiel für die Herausforderungen
des Bündnisses in der Welt nach dem Kalten Krieg
und für das, was wir erreichen können.
Als wir im vergangenen Jahr hier zusammentrafen,
führte ein Angriff mit Mörsergranaten auf den Zentralmarkt in Sarajevo zu lauten Forderungen nach
internationalen Aktionen. Aufbauend auf dem Erfolg
der Flugverbotszone stellte die NATO umgehend ein
Ultimatum zur Einstellung der Bombardierung

AMERIKA DIENST 06

Sarajevos sowie des Abzugs der schweren Waffen
und drohte andernfalls mit Luftangriffen. Das Ultimatum hatte Wirkung. Dies war der Fall, weil wir
einsatzbereit waren, über die Fähigkeiten und die
notwendige Entschlossenheit verfügten, und alle
Parteien das wußten. Und es lehrte uns eine wichtige, positive Lektion: Eine präzise Definition der
gewünschten Ergebnisse, unterstützt durch erreichbare militärische Missionen, kann der NATO sogar
bei Friedenssicherungsbestrebungen Einfluß verschaffen.
Wir haben aber auch negative Lehren aus Bosnien
gezogen. Bihac steht dabei für eine machtvolle
Mahnung zur Vorsicht.
Die Vereinten Nationen
waren nicht in der Lage, ein Ende der Kämpfe um
Bihac herbeizuführen. Mehrere Wochen gelang es
ihnen sogar nicht einmal, Nachschub für die belagerten Blauhelme aus Bangladesh in der Region bereitzustellen. Dennoch wurde die NATO nicht zum
Handeln aufgefordert, da die UNO fürchtete, Luftangriffe würden zu Vergeltungsmaßnahmen gegen
ihre Soldaten am Boden führen. Obwohl das Zweischlüsselabkommen mit den Vereinten Nationen aus
verständlichen politischen Gründen entworfen wurde,
hat die Glaubwürdigkeit der NATO stark darunter
gelitten, daß das grundlegende militärische Ziel von
gemeinsamem Kommando und Kontrolle verletzt
wurde.
Die aus dieser Erfahrung gelernte

umfassendere

Lektion steht im Zusammenhang damit, wohin wir die
NATO führen und wozu wir sie verpflichten, entweder
bei begrenzten Militäroperationen oder der Ausweitung von Sicherheitsgarantien.
Dies führt mich zu meiner zweiten Frage: Welchen
weiteren Kurs schlägt die NATO ein, insbesondere
bei der Frage ihrer Erweiterung?
Viele Nationen der Partnerschaft für den Frieden
erklären ihre Bereitschaft zum NATO-Beitritt. Das
Bündnis begrüßt eine Erweiterung. Wie Präsident
Clinton festgestellt hat, lautet die Frage nicht, ob die
Erweiterung stattfindet, sondern wann und wie. In
diesem Jahr konzentriert sich das Bündnis auf das
Wie und hat eine Studie zur Beantwortung dieser
Frage in die Wege geleitet. Bis Ende des Jahres
erwarten wir die Vorlage der Ergebnisse für die
Länder, die an einem NATO-Beitritt interessiert sind,
und die Länder, die nur den künftigen Kurs der NATO
wissen wollen.
Während wir die Frage der Erweiterung erörtern,
müssen wir meines Erachtens auf die von mir gerade
erwähnten vier Prinzipien zurückgreifen, die die
NATO zum stärksten und erfolgreichsten Bündnis der

Seite 3

�Geschichte gemacht haben und diese im Auge
behalten.
Wenn wir jetzt diese vier Prinzipien auf die Frage
der Erweiterung anwenden, gelangen wir zu folgender Analyse:
Erstens müssen die neuen Mitglieder zur Verteidigung des Bündnisses bereit sein und dazu fähige,
professionelle Streitkräfte haben. Es darf keine
Trittbrettfahrer geben. Gleichzeitig muß die NATO
zur Verteidigung aller neuen Mitglieder bereit sein.
Das ist kein abstraktes Konzept. Es ist ein Einsatz
von Leben und Gut. Und für mich beinhaltet dies,
daß die neuen Mitglieder sich zum Beitritt zur integrierten Militärstruktur der NATO verpflichten müssen. Die Erweiterung darf keine Beeinträchtigung
der Wirksamkeit des Bündnisses bedeuten.
In Anwendung des zweiten Prinzips müssen die
neuen Mitglieder für Demokratie und freies Unternehmertum eintreten, die Freiheit und Menschenrechte innerhalb ihrer Grenzen schützen und die
Souveränität außerhalb ihrer Grenzen respektieren.
Und ihre Streitkräfte müssen ziviler Kontrolle unterstehen.
In Anwendung des dritten Prinzips muß die NATO
selbst mit einer erweiterten Mitgliedschaft weiterhin
konsensfähig sein. Neue NATO-Mitglieder müssen
nicht allem zustimmen. Aber sie müssen die stolze
Geschichte, Kultur und Traditionen aller Mitglieder
respektieren. Und sie müssen zur Behebung von
Differenzen bei Sicherheitsbelangen in einem Geist
der Zusammenarbeit bereit sein. Wir dürfen keine
Instabilität in das Bündnis importieren.
Und viertens müssen die Streitkräfte der neuen
Mitglieder zu gemeinsamen Operationen mit den
NATO-Streitkräften fähig sein. Das bedeutet die
Offenlegung der Verteidigungshaushalte und -plane,
Übereinstimmung mit der NATO-Verteidigungsdoktrin
und Übereinstimmung bei Gerät, insbesondere bei
Kommunikationsgerät.
Diese Prinzipien sollten nicht als Hürden für die
NATO-Mitgliedschaft angesehen werden. Sie sind
vielmehr Garantien, daß das Bündnis unabhängig
von seiner Größe seine Wirksamkeit, militärischen
Fähigkeiten und politischen Zusammenhalt bewahrt.
Eben aufgrund unserer Verpflichtung zu diesen
Prinzipien wollen wir, daß die neuen Demokratien
Europas die Vorteile der Partnerschaft für den
Frieden uneingeschränkt nutzen.
Die Partnerschaft bezieht die Nachbarn der NATO
enger in das Bündnis ein und bietet ihnen eine

Seite 4

Chance, sich den gewohnheitsmäßigen Konsens und
die militärische Zusammenarbeit der NATO zu eigen
zu machen. In der Zwischenzeit kann ihr Militär
zusammen mit den NATO-Streitkräften für friedenssichernde und andere nicht dem Kampfeinsatz
dienende Missionen üben. Die Partnerschaft liefert
den Nationen konkreten Beweis für die Besorgnis der
NATO bezüglich ihrer Sicherheit. Dies alles wird zum
Aufbau von Vertrauen und Stabilität in der Region
beitragen.
Die Partnerschaft hat in ihrem ersten Jahr viel
geleistet. Das Hauptquartier wurde eingerichtet und
hat die Arbeit aufgenommen. Die drei Übungen
zwischen der NATO und den Partnernationen im
vergangenen Jahr waren ein Erfolg, und wir haben
für dieses Jahr weitere 20 geplant. Aber diese
Aktivitäten kosten Geld. Die Partnernationen müssen
einen Großteil der Rechnung übernehmen, viele von
ihnen haben jedoch Ressourcenprobleme und
benötigen Hilfe.
Präsident Clinton hat den amerikanischen Kongreß
um die Zuweisung von 100 Millionen Dollar als Hilfe
für unsere Partner gebeten, damit sie die Chancen
der Partnerschaft uneingeschränkt nutzen können.
Wir fordern unsere Verbündeten zur Bereitstellung
vergleichbarer bilateraler Hilfe auf. Dies ist eine
lohnende Investition in die europäische Sicherheit.
Und für die Nationen, die eine NATO-Mitgliedschaft
anstreben, ist die Partnerschaft ein wichtiges
Sprungbrett.
Dies führt zu meiner dritten Frage: Wie können wir
in Anbetracht der Tatsache, daß die NATO über 16
Nationen hinauswachsen wird, den Konsens des
Bündnisses bewahren?
Selbst mit 16 Nationen, die sich einer monolithischen
Bedrohung gegenübersahen, mußten wir manchmal
hart arbeiten, um Einstimmigkeit über einen Aktionskurs zu erzielen. Man muß nicht Mathematiker sein
um festzustellen, daß sich das Problem der Einstimmigkeit mit zunehmender NATO-Mitgliederzahl
vergrößert. Und in Zukunft werden die Sicherheitsbedrohungen Europas wahrscheinlich weder so direkt
und klar sein, noch die NATO-Mitglieder mit der
Aussicht eines direkten Angriffs konfrontieren. Damit
werden einstimmige Entscheidungen noch schwerer
zu erzielen sein.
Wir müssen diese Konsensfrage prüfen. Ein Weg,
dieses Problem anzusprechen, besteht jetzt in der
Vervollständigung des Konzepts alliierter Streitkräftekommandos (Combined Joint Task Forces - CJTF).
Dies wird der WEU oder einer Koalition bereitwilliger
Mitglieder den Zusammenschluß, die Nutzung der

AMERIKA DIENST 06

�Ressourcen und Verfahren der NATO sowie die
Reaktion auf Eventualfälle wie Krisenmanagement,
Friedenssicherung und humanitäre Missionen gestatten. Das CJTF-Konzept ist jedoch vor dem Hintergrund des Prinzips trennbarer, aber nicht getrennter
Streitkräfte entscheidend für die Zukunft der NATO,
und wir sollten es in diesem Jahr weiterentwickeln.
Aber keine Diskussion über die Zukunft der NATO
kann heute meine vierte Frage ignorieren: Was
bedeutet dies für die Beziehungen zu Rußland?
Bei der Behandlung dieser Frage müssen wir vor
allem die Interessen und Belange Rußlands berücksichtigen. Rußland ist für den Aufbau einer stabilen
Zukunft Europas entscheidend. Wir haben ein
enormes Interesse am Ergebnis der Umgestaltung
Rußlands in der postsowjetischen Ära und müssen
die russischen Reformen weiterhin unterstützen.
Unser dringlichster Wunsch ist ein freies, stabiles,
demokratisches Rußland in Europa.
Dies ist ein Grund, warum wir - abgesehen von der
menschlichen Tragödie - über die russische Taktik in
Tschetschenien empört waren. Diese Taktik ist ein
Rückschritt. Obwohl wir die territoriale Integrität der
Russischen Föderation anerkennen, fordern wir die
russische Regierung zur Respektierung der Menschenrechte auf. Und wir unterstützen die Bestrebungen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und anderer Gremien
zur Förderung einer friedlichen Beilegung des Konflikts.
Wir müssen Rußland gegenüber klar und offen über
unsere Intentionen für die NATO sein. Russische
Regierungsvertreter haben beispielsweise die Frage
gestellt, warum sie die Erweiterung einer Organisation begrüßen sollen, die ursprünglich zur Bekämpfung ihres Landes konzipiert war. Wir müssen
Rußland versichern, daß die NATO - obwohl stets
ein Verteidigungsbündnis - den Kalten Krieg hinter
sich gelassen hat und zur Bewältigung eines neuen
Zeitalters übergegangen ist. Wir müssen Rußland
gegenüber klarstellen, was die NATO der Zeit nach
dem Kalten Krieg ist und was nicht.
Die NATO ist ein der Gewährleistung von mehr
Sicherheit und Stabilität in ganz Europa verpflichtetes Verteidigungsbündnis, und das schließt Rußland
ein. Die NATO ist kein gegen Rußland gerichtetes
Bündnis. Wir fordern Rußland auf, die NATO
anhand ihrer grundlegenden Prinzipien zu beurteilen:
Kollektive Verteidigung, Demokratie, Konsens und
kooperative Sicherheit. Rußland sollte die NATO
aufgrund dessen beurteilen, was sie heute ist, nicht
durch das Prisma des Kalten Krieges.

AMERIKA DIENST 06

Wir haben einen Dialog mit Rußland über die Rolle
des Landes für die europäische Sicherheit und seine
Beziehungen zur NATO aufgenommen.
Dieser
Dialog zwischen der NATO und Rußland erfolgt auf
einer parallelen Schiene zu dem Dialog der NATO
über ihre Zukunft, und das ist eine ernste Priorität.
Der Dialog zwischen der NATO und Rußland ergänzt
die Schiene der NATO-Erweiterung, auch wenn er
unabhängig vom Thema der Erweiterung ist.
Um diese parallele Schiene verfolgen zu können,
müssen wir mit Rußland in den kommenden Monaten
das Was, Wie und Warum längerfristiger Beziehungen zur NATO definieren. Im Augenblick erwartet eine Reihe von Plänen für die Zusammenarbeit
Rußlands innerhalb und außerhalb der Partnerschaft
für den Frieden die Unterschrift des Landes. Wir
sollten auf diese Pläne aufbauen. Wir könnten
beispielsweise ein formelles - vielleicht eines Tages
in einer Regierungsvereinbarung oder einer Charta
kodifiziertes - Arrangement für eine Reihe kooperativer Unternehmungen haben.
Diese Arrangements könnten einen kontinuierlichen
Dialog über eine Vielzahl von Themen enthalten wie:
Nichtverbreitung, Zusammenarbeit bei Rüstungstechnologie, Transparenz der Verteidigungspolitik,
Krisenmanagement sowie Friedenssicherungsdoktrin
und -taktik.
Es wäre nützlich, eine Art von Ständigem Konsultationsausschuß für die formale Struktur der Beziehungen zwischen der NATO und Rußland zu gründen.
Unsere Konsultationen sollten Einfluß auf den Entscheidungsprozeß des jeweils anderen Landes
haben, und wir sollten bei der Umsetzung unserer
Entscheidungen zusammenarbeiten. Dabei würden
wir natürlich stets die Unabhängigkeit des anderen
respektieren.
Die Konsultationen könnten damit beginnen, einige
der Verhaltensregeln für europäische Sicherheit zu
bekräftigen. Wir könnten gemeinsam das europäische Sicherheitsumfeld bewerten oder einen Konsultationsmechanismus für künftige Krisen des Typs
Bosnien einrichten.
Dieser Prozeß würde den
Beziehungen zwischen der NATO und Rußland einen
offizielleren, regulären Status verleihen. Alle NATOVerbündeten, einschließlich der Vereinigten Staaten,
müssen auch ihren bilateralen Dialog mit Rußland
vertiefen.
Was immer wir entscheiden - die NATO verpflichtet
sich zur vollständigen Information Rußlands. Es wird
keine Überraschungen geben, und Rußland wird nicht
isoliert werden. Wir fordern Rußland zur uneingeschränkten Beteiligung an diesem Dialog und der

Seite 5

�Partnerschaft für Frieden auf. Und wenn Rußland
dies tut, wird das Land sehr viel deutlicher sehen,
daß die NATO - weit davon entfernt, neue sicherheitspolitische Trennlinien in Europa zu ziehen - die
verbleibenden Linien ausradieren möchte.
Dies ist eine entscheidende Zeit in der Geschichte
des Bündnisses. Die Zeiten haben sich geändert.
Die Grundlage der NATO hat sich verändert. Wir
sind nicht länger in gemeinsamer Verteidigung
gegen einen einzigen gemeinsamen Feind verbunden. Aber wir sehen uns immer noch realen
Bedrohungen ausgesetzt, sowohl unmittelbaren als
auch am Horizont drohenden. Wir haben jedoch
eine historische Chance zur Erweiterung der Sicherheitszone in Europa. Während wir Europa (die
NATO) auf das nächste Jahrhundert vorbereiten,
müssen wir uns mit durch unsere neuen Beziehungen aufgeworfenen schwierigen Fragen und Problemen befassen.
Auf dem Tisch hinter meinem Schreibtisch im Pentagon befindet sich eine amerikanische Flagge, das
letzte Sternenbanner, das über den Clay Barracks

*

Seite 6

*

- dem Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte
in Berlin - wehte. Diese Flagge wurde mir im vergangenen Herbst überreicht, nachdem sie während
einer Feierstunde aus Anlaß des Abzugs der amerikanischen Streitkräfte aus den Clay Barracks und der
Stadt, die sie so viele Jahre lang als ihre Heimat
bezeichnet hatten, eingeholt worden war.
Die Feierlichkeiten zur Beendigung der Präsenz der
Alliierten in Berlin waren historisch, denkwürdig und
zutiefst bewegend. Ich kann mich an keine Zeit der
Geschichte erinnern, in der die Bürger einer "besetzten" Stadt Tränen vergossen, als die Besatzungstruppen abzogen. Die Flagge in meinem Büro ist
eine lebhafte Erinnerung an die Rolle, die Amerika für
die Sicherheit und Freiheit Europas sowie die Freunde gespielt hat, die wir noch auf dem Kontinent
haben.
Die Flagge erinnert mich jedoch auch daran, daß sich
die Zeiten geändert haben, sich die Basis unserer
Beziehungen verändert hat und wir zusammen diesen
Augenblick nutzen müssen, um die NATO ins nächste
Jahrhundert zu führen.

*

*

AMERIKA DIENST 06

�USA-DEUTSCHLAND
15. Februar 1995

PERSPEKTIVEN DER POLITISCHEN UND
WIRTSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN ZWISCHEN
DEUTSCHLAND UND DEN VEREINIGTEN STAATEN
Rede des Gesandten J. D. Bindenagel
MÜNCHEN - (AD) - Nachfolgend veröffentlichen wir die vom Gesandten der Amerikanischen Botschaft, J. D.
Bindenagel, am 13. Februar 1995 in der Bayerischen Staatskanzlei gehaltene Rede.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
es ist mir ein Vergnügen, heute mit Ihnen über die
bilateralen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten
zu sprechen. Gerade die Frage, wie sich das enge
Verhältnis unserer beiden Staaten in Zukunft entwikkeln wird, ist von großer Aktualität.
Einleitung
Oft kann man in der Zeitung lesen oder in Fernsehkommentaren hören, daß die transatlantische
Partnerschaft keine Selbstverständlichkeit mehr ist,
daß die Beziehungen sich schleichend verschlechtern, weil die jeweiligen Regierungen sich allzusehr
mit den innenpolitischen Problemstellungen beschäftigen. Dies ist nicht der Fall!
Manche Kommentatoren machen sich kein Bild
davon, wie eng die politische Zusammenarbeit und
wie intensiv der Austausch zwischen den jeweiligen
Regierungsstellen ist, wie sehr sich das Volumen der
Wirtschafts- und Handelsbeziehungen vergrößert hat
und wie zahlreich die kulturellen Kontakte geworden
sind.
Es gibt keine "wohlwollende Indifferenz" zwischen
unseren beiden Ländern, andernfalls würden meine
Kollegen in der Botschaft und ich unserem Land
einen schlechten Dienst erweisen. Es gibt vielmehr
eine kompliziert gewordene internationale Entwicklung mit vielfältigen Krisen und großen Herausforderungen. Um diese zu bewältigen, bedarf es einer
noch engeren und noch stärker aufgefächerten

AMERIKA DIENST 06

Zusammenarbeit, als dies in der Zeit des Kalten
Krieges selbstverständlich war. Und daran arbeiten
wir mit unserer ganzen Kraft.
Der in der Themenstellung formulierte Gegensatz
kann angesichts der Gemeinsamkeiten und Interessen beider Staaten bei einer erfolgreichen Bewältigung der derzeitigen und künftigen Herausforderungen nicht zum Tragen kommen.
Um das Offensichtliche vorwegzunehmen: Wirtschaftliche Konkurrenz und strategische Partnerschaft
schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, sie
bedingen einander und tragen zur Festigung der
politischen, kulturellen und persönlichen Beziehungen
zwischen dem deutschen und amerikanischen Volk
bei.
Wie sich die Vereinigten Staaten die Zukunft der
bilateralen Beziehungen vorstellen, wurde im letzten
Jahr deutlich. Nicht nur während des Präsidentenbesuchs in Bonn und Berlin, sondern auch anläßlich der
Verabschiedung der Westalliierten aus Berlin im
September '94. Wir hatten aus diesem Anlaß Vertreter des öffentlichen Lebens beider Staaten zu einer
Konferenz "New Traditions" eingeladen.
Vor dem Hintergrund der profunden Veränderungen
im internationalen System, die auch das deutschamerikanische Beziehungsgeflecht betrafen, haben
wir gemeinsam über die Zukunft der bilateralen
Beziehungen nachgedacht. Richard Holbrooke, der
damalige US-Botschafter in Deutschland, brachte die
neue Aufgabenstellung auf den Punkt:

Seite 1

�"Nachdem in den letzten fünf Dekaden die Beziehungen durch militärische Erwägungen bestimmt
waren, stehen jetzt die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen im Vordergrund."
Vizepräsident AI Gore, der sich über Satellit an der
Konferenz beteiligte, ergänzte dies, indem er auf die
politische Bedeutung guter und ausgewogener
Wirtschaftsbeziehungen für die wirtschaftliche Sicherheit hinwies.
Nicht Generälen, sondern Unternehmern und Geschäftsleuten fällt dabei die Aufgabe zu, durch
Investitionen staatliche Handelsanreize zu nutzen,
um Wohlstand und Arbeitsplätze zu schaffen. Dies
vollzieht sich auf einem Markt, der durch das
Konkurrenzverhalten der Akteure bestimmt ist.
Renaissance der Wirtschaftsbeziehungen
Wirtschaftlicher Wettbewerb ist per se kein Argument, das gegen eine strategische Partnerschaft
spricht. Worauf es ankommt, ist ein verläßlicher,
von allen Beteiligten akzeptierter Rahmen von Wettbewerbsbedingungen. Dies läßt sich allerdings nur
im guten Einvernehmen auf politischer Ebene
erreichen.
Die wichtigsten wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger in beiden Ländern haben die gleichen wirtschaftspolitischen Grundauffassungen:
Unterstützung für freien Handel, für offene nichtdiskriminierende Investitionsbeziehungen und für
faire Wettbewerbsregeln. Beide Regierungen sehen
den Privatsektor als den wichtigsten Motor für
Wachstum und Innovation an.
Trotz dieser Übereinstimmung in wirtschaftpolitischen
Grundauffassungen sind unsere bilateralen Wirtschaftsbeziehungen nicht immer ganz konfliktfrei.
Große Volkswirtschaften wie die Bundesrepublik und
die Vereinigten Staaten mit ihren unterschiedlichen
politischen Strukturen, unterschiedlichen Regulierungs- und Ordnungsansätzen, unterschiedlichen
Marktsstrukturen und Unternehmertraditionen entwikkeln Reibungs- und Konfliktpunkte.
Häufig komplizieren die Beziehungen der Vereinigten
Staaten zur Europäischen Union die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland. Nicht alle EU-Mitgliedsstaaten teilen uneingeschränkt die deutsche
Aufassung von Freihandel und Wettbewerb. Sehr
oft sehen wir uns mit einem Nord-Süd-Konflikt
innerhalb der EU konfrontiert. Die südlichen Länder
neigen zu einem eher interventionistischen und
protektionistischen Ansatz, während der Norden
Offenheit und Freihandel propagiert.

Seite 2

Wir verlassen uns häufig darauf, daß Deutschland für
eine offene europäische Wirtschaftsidentität eintritt,
die auf einem transparenten und verläßlichen Entscheidungsrahmen beruht. Wir wissen natürlich, daß
Deutschland häufig Solidarität mit den anderen EUMitgliedsstaaten üben muß und Entscheidungsgrundlage meistens der kleinste gemeinsame Nenner
ist.
Diese institutionelle Einbindung und Integration
Deutschlands, die wir vorbehaltlos unterstützen, weil
wir an einem starken Europa interessiert sind,
schließt allerdings eine deutsch-amerikanische
Kooperation bei wichtigen Fragen nicht aus.
Deutschland und die Vereinigten Staaten haben eng
zusammengearbeitet, um die Uruguay-Runde zu
einem erfolgreichen Abschluß zu bringen. Beide
Verhandlungsdelegationen haben wichtige Überzeugungsarbeit für die Durchsetzung der Einsicht
geleistet, daß die Liberalisierung des Welthandels
allen Ländern in der EU zugute kommt.
Deutschland und die Vereinigten Staaten ziehen an
einem Strang, wenn es darum geht, restriktive
Quotenregime bei audio-visuellen Dienstleistungen
wie etwa bei interaktiven Diensten abzuwehren.
Beide Länder gehen davon aus, daß derartige
Beschränkungen zu technologischer Rückständigkeit
führen und den freien Informationsfluß behindern.
In der Frage der außereuropäischen Bananenimporte
in die EU, die für amerikanische Importeure zu
Problemen geführt haben, verfolgen Deutschland und
die Vereinigten Staaten gemeinsame Interessen.
Gleiches gilt auch bei den Bestrebungen nach einer
partiellen Liberalisierung von Beschaffungen der
öffentlichen Hand.
Bilaterale Probleme, wie sie beispielsweise im letzten
Jahr bei der Aushandlung eines neuen Luftverkehrsabkommens entstanden waren, konnten durch eine
tragfähige Zwischenlösung entschärft werden. Das
"code sharing" zwischen deutschen und amerikanischen Fluggesellschaften und die Allianz zwischen
Lufthansa und United Airlines hat finanzielle Vorteile
für die Beteiligten und günstigere Tarife für die
Reisenden gebracht.
Die deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen
laufen reibungslos und im großen und ganzen
unbehindert von strukturellen Handelshemmnissen.
Gegenwärtig ist aufgrund der unterschiedlichen
konjunkturellen Entwicklung ein leichtes amerikanisches Handelsdefizit festzustellen. Während des
Booms infolge der Vereinigung wies die Bundesrepublik ein Defizit auf.

AMERIKA DIENST 06

�Die Vereinigten Staaten sind nach der Europäischen
Union der größte Handelspartner Deutschlands, was
auch im umgekehrten Verhältnis stimmt: Deutschland ist für die USA der größte Handelspartner. Die
amerikanischen Exporte nach Deutschland beliefen
sich 1993 auf über 40 Milliarden Dollar. Das ist
mehr als unsere Exporte nach Japan.
Wie eng und ausgeglichen die Wirtschaftsbeziehungen sind, sieht man auch an den jeweiligen Investitionen. Die deutschen Direktinvestitionen belaufen sich auf fast 60 Milliarden D-Mark. Amerikanische Unternehmen investieren etwa den gleichen
Betrag in Deutschland.
Mittlerweile sind rund
600.000 Deutsche in amerikanischen Unternehmen
tätig, während deutsche Firmen schätzungsweise
eine halbe Million Amerikaner beschäftigen.
Symbolisch für die ökonomische Interdependenz
sind die Entscheidungen führender Automobilhersteller Deutschlands, Produktionsstätten in den Vereinigten Staaten zu errichten, sowie die Investitionen
von Unternehmen wie Dow Chemicals, General
Motors und der Boston Investment Company in den
neuen Bundesländern.
Die wachsende Interdependenz der transatlantischen
Handelspartner durch zunehmende Handelsströme
und Direktinvestitionen führt aber auch zu einem
erhöhten staatlichen Regulierungsbedarf in den
jeweiligen Volkswirtschaften. Dieser Bedarf läßt sich
nur auf zwischenstaatlicher Ebene decken, so daß
trotz aller wirtschaftlichen Konkurrenz eine immer
enger werdende bilaterale Verflechtung entsteht.
Die amerikanische Außenwirtschaftspolitik
Seit Beginn ihrer Amtszeit im Januar 1993 hat die
Clinton-Administration den Handel und die Außenwirtschaftspolitik ins Zentrum ihrer innen- und
außenpolitischen Aktivitäten gerückt. Dies war eine
Entscheidung, die politisch wie ökonomisch sinnvoll
war. Die Neuordnung der internationalen Beziehungen nach dem Zerfall der Sowjetunion und der
gewachsene Wettbewerb auf dem Weltmarkt haben
Marktchancen eröffnet, die es zu nutzen galt.
Dabei geriet der europäische Binnenmarkt automatisch ins Blickfeld amerikanischer Unternehmer und
Investoren, die sich schnell von den Vorteilen eines
europaweiten Marktes mit einheitlichen Regeln und
Normen überzeugen ließen.
Während des Kalten Krieges hatten die Vereinigten
Staaten eine Unterordnung der Handelspolitik unter
eine außenpolitische Gesamtstrategie vorgenommen,
um unsere westeuropäischen Verbündeten in der
Abwehrfront gegen die Sowjetunion zu stärken. Mit

AMERIKA DIENST 06

dem Ende des Kalten Krieges haben wir diese
Unterordnung aufgeben und drängen auf einen
Abbau unliberaler und diskriminierender Handelspraktiken der Europäischen Union und anderer
Länder.
Das Freihandelsabkommen mit Kanada und Mexiko,
der APEC-Gipfel, der Abschluß der Uruguay-Runde
sowie das gesamtamerikanische Gipfeltreffen im
Dezember letzten Jahres sind ökonomische Erfolge,
die alle in die gleiche Richtung weisen. Die Vereinigten Staaten sind auf dem Wege, die amerikanische Volkswirtschaft den Erfordernissen des Weltmarktes und der immer größer werdenden Vernetzung anzupassen, um sich auf die Herausforderungen der Jahrtausendwende einzustellen.
Konkret bedeutet dies eine konsequente Durchführung der neuen "National Export Strategy".
Deren Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit der
amerikanischen Volkswirtschaft zu verbessern, indem
die Schul- und Berufsausbildung gefördert und
nachhaltige Investitionen in Zukunftstechnologien
gemacht werden.
Des weiteren fördert die Administration auf vielfältige
Weise die weltweiten Geschäftsinteressen amerikanischer Unternehmen.
Systematisch werden die
Export- und Wirtschaftsaktivitäten amerikanischer
Unternehmen durch das Handelsministerium und
weitere staatliche Behörden und Agenturen unterstützt. Den amerikanischen Auslandsvertretungen
kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie
haben die Aufgabe, amerikanische Unternehmen bei
Ihren Aktivitäten und der Einhaltung einer fairen Wettbewerbssituation beratend und gegebenenfalls
intervenierend zur Seite zu stehen.
Was ist darunter zu verstehen? Von staatlicher Seite
werden die Verhandlungen zum Abschluß von
Freihandelsabkommen geführt. Dann die bilateralen
Gespräche mit Japan zum Abbau des Handelsdefizits, unfairer, protektionistischer Handelsschranken und -zolle. Des weiteren setzen wir uns - der
Handelskonflikt mit China zeigt es - für den Schutz
von Patenten, Copyright und dem Schutz von geistigem Eigentum ein. Auch führen wir branchenspezifische Verhandlungen, angefangen von Bank- und
Finanzgeschäften bis zur Luft- und Raumfahrt, um
eine größere Markttransparenz zu erzielen.
Wir nennen dieses Program "advocacy". Gleiche
Wettbewerbsbedingungen für unsere Produzenten
sichern amerikanische Arbeitsplätze und tragen
letztlich auch zu einer Erweiterung des wirtschaftspolitischen Einflusses der Vereinigten Staaten bei.

Seite 3

�Machtfaktoren wie das militärische Potential sind
nach wie vor wichtig, doch sie spielen heute nicht
mehr die maßgebliche Rolle bei dem Vergleich der
führenden Industrienationen. Ein Land wie die Vereinigten Staaten könnte seinen politischen Einfluß
nur bedingt wahrnehmen, wenn es wirtschaftlich im
internationalen Vergleich zurücklallen würde. Dies
kann nicht in unserem Interesse sein!
Die Vereinigten Staaten bleiben auch weiterhin eine
Weltmacht mit Führungsanspruch. Ein Anspruch,
der sich auf der Grundlage einer wettbewerbsfähigen
Volkswirtschaft realisieren läßt.
Die Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten ist im
vergangenen Jahr so stark gewachsen wie seit 1984
nicht mehr. So stieg das Bruttoinlandsprodukt um 4
Prozent an. Trotz des anhaltenden Booms hielt sich
die Teuerung in Grenzen. Im letzten Jahr lag sie bei
2,7 Prozent - dies ist der niedrigste Wert seit 1983.
Mit einem gewissen Abflauen des Wirtschaftsbooms
wird erst gegen Ende des Jahres gerechnet.
Neben der erheblichen Reduzierung des Haushaltsdefizits sind dies erfreuliche Zahlen, die eine gute
Voraussetzung für die Untermauerung unseres
Führungsanspruchs bilden.
Perspektiven der deutsch-amerikanischen Beziehungen
Es ist offensichtlich, daß wir Partner brauchen, um
künftige politische und ökonomische Herausforderungen gemäß unseren gemeinsamen Wertvorstellungen und Prinzipien anzugehen. Die epochalen
Veränderungen am Ende dieses Jahrhunderts sind
nur gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen nicht
nur unsere Rolle neu bestimmen, sondern auch die
Strukturen und Inhalte unserer diplomatischen
Beziehungen überprüfen.
Die Bundesrepublik Deutschland ist inzwischen der
wichtigste Verbündete der Vereinigten Staaten in
Europa. Dies liegt nicht nur an der geopolitischen
Lage Deutschlands, sondern auch an der nachhaltigen politischen, wirtschaftlichen und finanziellen
Unterstützung des Demokratisierungsprozesses in
Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.
Die deutsche Politik gegenüber den früheren Ostblockstaaten entspricht den amerikanischen Vorstellungen von "safe for democracy". Es hat den
Eindruck, daß Deutschland und die Vereinigten
Staaten die einzigen Länder innerhalb der Atlantischen Allianz sind, die ein Gespür für die Bedürfnisse der aufstrebenden Staaten in Ost- und Mitteleuropa entwickelt haben. Beide Regierungen haben

Seite 4

verstanden, daß eine dauerhafte Teilung Europas in
Arm und Reich nicht möglich ist, ohne einen hohen
Preis dafür zu bezahlen.
In der Tat ist Deutschland der größste Beitragszahler
der Hilfsleistungen für osteuropäische Staaten. Nach
Angaben der OECD hat Deutschland für die zentraleuropäischen Staaten im Jahre 1992 über 3,9 Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt, das ist fast die
Hälfte der OECD-Hilfe. Die USA liegen mit ihrer Hilfe
im Umfang von 700 Millionen Dollar an zweiter Stelle.
Die amerikanische Deutschlandpolitik ist deshalb weit
mehr als die Bewältigung bilateraler Angelegenheiten.
Hier geht es tatsächlich um strukturbildende Prozesse, die durch die Übereinstimmung der Interessen
zustande kommen. Das heißt aber nicht, daß uns
Frankreich oder Großbritannien weniger wichtig
wären. Die Vereinigten Staaten veranstalten kein
Nullsummenspiel mit diplomatischen Beziehungen.
Strategische Partnerschaft
Unsere Beziehungen zu Deutschland haben eine
neue Bedeutung erlangt: Die Vereinigten Staaten
müssen nicht länger die territoriale Integrität der
Bundesrepublik schützen; Deutschland befindet sich
so gesehen nicht mehr in einem sicherheitspolitischen Abhängigkeitsverhältnis. Dies ist begrüßenswert, nicht weil wir die Bundesrepublik nicht mehr
verteidigen wollen, sondern weil das Ende des Kalten
Krieges uns die Möglichkeit bietet, unsere bilateralen
Beziehungen partnerschaftlicher zu gestalten.
Eine Partnerschaft, wie sie schon vom ehemaligen
Präsidenten George Bush im Frühjahr 1989 angeregt
worden war, weil partnerschaftliche Beziehungen
schlichtweg zeitgemäß sind. Die parlamentarische
Demokratie in der Bundesrepublik ist von der Bevölkerung angenommen worden, sie hat sich in den
letzten Jahrzehnten als belastbar erwiesen. Die
Revolution in der DDR - bescheiden als Wende
deklariert - ist friedlich verlaufen, und Deutschland
macht große Fortschritte bei der Vollendung der
inneren Einheit, ohne dabei die europäische Integration zu vergessen.
Man wirft ja nicht nur in diesem Land den Politikern
immer wieder vor, allzu kurzsichtig eine Politik zu
betreiben, die nur bis zum nächsten Wahltag konzipiert ist. Daß dies gerade in der Außenpolitik fatal
sein kann, brauche ich nicht weiter auszuführen.
Doch die Anregung von Präsident Bush - "Partnership
in leadership" - setzte eine Debatte in Gang, die sich
trotz gewisser Rückschläge positiv auf das eigene
Rollenverständnis beider Staaten ausgewirkt hat.

AMERIKA DIENST 06

�Ohne das Engagement der Bundesregierung sind
heute Fortschritte bei der Vertiefung und Erweiterung
der Europäischen Union nicht denkbar.
Als viertgrößte Wirtschaftsmacht nimmt die Bundesrepublik in manchen Technologiebereichen eine
Spitzenstellung ein. Das vielfach in der Presse
verwendete Bild eines Wirtschaftsriesen, der politisch
wie ein Zwerg agiert, stimmt schon lange nicht mehr.
Deutschland hat gemeinsam mit seinen Verbündeten
in vielen politischen Bereichen eine wichtige Vorreiterrolle übernommen und damit Führung gezeigt.
Die Vereinigten Staaten unterstützen diesen Prozeß
einer größeren Wahrnehmung internationaler Verantwortung durch Deutschland. Wir sind uns darüber im klaren, daß es in der deutschen Bevölkerung und auch in Teilen der politischen Elite Vorbehalte gegen eine bedeutendere Rolle Deutschlands bei der Lösung internationaler Krisen gibt.
Und wir wissen auch, daß Deutschland eine schwierige Geschichte hat.
Die Frage, ob Deutschland sich an internationalen
Auslandseinsätzen beteiligen soll, bestimmt noch
immer die politische Diskussion. Das Bundesverfassungsgericht hat im Juli letzten Jahres entschieden, daß Auslandseinsätze der Bundeswehr möglich
sind. Die diversen humanitären Einsätze in Kambodscha, Somalia und Ruanda sowie die Beteiligung
an der Überwachung der UNO-Sanktionen gegenüber dem ehemaligen Jugoslawien erfolgten nicht
nur in einem rechtlich einwandfreien Rahmen,
sondern auch in der Erkenntnis, daß Deutschland
als souveräner Staat - wie andere Staaten auch Verantwortung zu tragen hat. Verantwortung gegenüber jenen, die zu Opfern einer gewalttätigen Politik
werden.
Ich will hier keiner Überbewertung der militärischen
Dimension das Wort reden, doch gibt es Situationen,
die einen Einsatz von Streitkräften erforderlich

*

AMERIKA DIENST 06

machen, um den politischen Zielen zum Durchbruch
zu verhelfen. Wir können uns in manchen Krisen
nicht immer nur auf unsere Diplomatie verlassen;
manchmal ist der Einsatz militärischer Macht nicht zu
vermeiden. Eine Entscheidung für einen militärischen
Einsatz im Rahmen einer international legitimierten
Friedensmission kann niemals leicht getroffen werden, wenn das Risiko besteht, daß eigene Soldaten
ums Leben kommen können. Es muß klar sein,
welche Interessen bei einem Einsatz verfolgt werden
und wie groß dessen Erfolgsaussichten sind. Restriktive nationale Einsatzoptionen können aber kein
Grund sein, um nicht an einer vom UN-Sicherheitsrat
sanktionierten Friedensmission teilzunehmen.
Die vorbehaltlose Wahrnehmung von Rechten und
Pflichten ist natürlich auch die Voraussetzung für
Deutschlands Ansinnen, einen festen Sitz in diesem
Gremium der UNO zu erhalten. Wir unterstützen
dieses Vorhaben, weil wir Vertrauen in die politische
Stabilität der Bundesrepublik Deutschland haben.
Unsere Vorstellung von "partners in leadership"
beruht auf der Überzeugung, daß Deutschland neben
seiner ökononischen Leistungsfähigkeit auch die
Möglichkeit hat, konstruktiv zur Bewältigung von
internationalen Krisen und Konflikten beizutragen.
Lassen Sie mich zum Schluß meiner Ausführungen
kommen. Die Konkurrenzsituation auf dem Weltmarkt, der sich amerikanische und deutsche Unternehmen ausgesetzt sehen, ist kein Hindernis für die
kooperative Gestaltung des bilateralen Beziehungsgeflechts. Ich habe keinen Zweifel daran, daß die
deutsch-amerikanische Freundschaft, die auf den
gemeinsamen Idealen der Freiheit, Menschenrechte,
Demokratie und Gerechtigkeit basiert, auch künftig
einen wichtigen Beitrag für Frieden, Stabilität und
Wohlstand leisten wird.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

* * *

*

Seite 5

�FULBRIGHT
15. Februar 1995

DER GRÜNDER DES WELTWEITEN
STIPENDIENPROGRAMMS
Zum Tod von Senator J. William Fulbright
WASHINGTON - (AD) - Die Erinnerung an Senator
J. William Fulbright, der am 9. Februar 1995 verstarb, lebt durch die Tausenden Stipendiaten auf der
ganzen Welt fort, die an den von ihm ins Leben
gerufenen und vom Kongreß 1946 gesetzlich verankerten internationalen Austauschprogrammen
teilgenommen haben.
"Wir haben einen fürsorgenden Propheten, einen
führenden Politiker, einen Patrioten und einen guten
Menschen verloren, der auf eine bessere Welt
hinarbeitete", erklärte Dr. Joseph Duffey, Direktor
des für das Fulbright-Austauschprogramm zuständigen US-Informationsamts (United States Information
Agency - USIA).

als Senator jung waren... Unser Land steht in seiner
Schuld."
Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Kohl fügte der Präsident hinzu: "Ich bin
heute mit tiefem Dank erfüllt für die Gedanken, die er
(Fulbright) mir vermittelte, als ich ein junger Mann
war: Daß wir Frieden mit der Welt schließen können,
wenn wir besseres Verständnis anstreben, wenn wir
Jugendaustauschprogramme fördern und wenn wir
die Sache der weltweiten Bildung voranbringen."
Im Jahr 1993 verlieh Präsident Clinton Fulbright die
Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile
Auszeichnung des Landes.

Fulbright erlag im Alter von 89 Jahren zuhause in
Washington einem Herzinfarkt. Er war drei Wochen
zuvor mit Lungenentzündung ins Krankenhaus
eingeliefert worden.

Fulbright wurde 1942 in den Kongreß gewählt und
war dort über 30 Jahre lang ohne Unterbrechung
tätig, bis er 1974 in den Ruhestand trat. Danach war
er Sozius in einer Washingtoner Anwaltskanzlei.

Fulbright, Demokrat aus Arkansas, war 16 Jahre
lang - länger als jeder andere vor oder nach ihm Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des
Senats während der turbulenten sechziger und
frühen siebziger Jahre, als sich die Aufmerksamkeit
der Nation und eines Großteils der Welt auf die
Situation in Vietnam konzentrierte.

Vor seiner Wahl in den Kongreß hatte Fulbright zwei
Jahre lang das Amt des Rektors der University of
Arkansas inne.

Fulbright war ein vehementer Gegner des amerikanischen Engagements im Vietnamkrieg und nutzte den
Ausschuß als Forum zur Verurteilung des Krieges,
nachdem er Präsident Lyndon Johnson ärgerlich
beschuldigt hatte, ihn über den Zwischenfall im Golf
von Tongking 1964 irregeführt zu haben, der die
Vereinigten Staaten in Kampfhandlungen in Vietnam
einbezog.

Clintons damaliger Zimmergenosse, Tom Campell,
erklärte kürzlich in einem Interview, der Senator sei
für Clinton ein Vorbild gewesen. "Fulbright kam aus
einer kleinen Stadt in Arkansas, wurde an der Ostküste ausgebildet, war ein Rhodes-Stipendiat, kam
dann nach Arkansas zurück und hatte dort Erfolg"
bevor er ebenso wie Clinton landesweit Prominenz
erlangte.

Präsident Clinton äußerte gegenüber Journalisten im
Weißen Haus, Fulbright habe "einen außergewöhnlichen Beitrag zum Leben unseres Landes und
natürlich unseres Heimatstaats Arkansas geleistet.
Und er hat Abertausende inspiriert, die zu seiner Zeit

Fulbright war auf das Programm, das bis heute über
120.000 ausländische Besucher zum Lehren oder
Lernen in die Vereinigten Staaten brachte - von
einigen Monaten bis zu einem Studienjahr oder
länger - stolzer als auf alles in seinem Leben Gelei-

AMERIKA DIENST 06

Clinton war in den sechziger Jahren während seiner
Studienzeit an der Georgetown University als Assistent für Senator Fulbright tätig.

Seite 1

�stete, und im Rahmen des Programms gingen
weitere 90.000 Amerikaner mit einem ähnlichen
Auftrag ins Ausland. Der Leiter von Pembroke
College (Oxford) bezeichnete dies einmal als "die
größte und bedeutendste Bewegung von Wissenschaftlern weltweit seit dem 15. Jahrhundert".
Viele der Fulbright-Stipendiaten wurden intellektuelle
Persönlichkeiten ihres Landes und wichtige Mitglieder der jeweiligen Regierungen. Einige, wie der
Generalsekretär der Vereinten Nationen, BoutrosGhali, erlangten national und international Ruhm.
Zu den amerikanischen Fulbright-Stipendiaten
zählen die Universitätsrektoren Derek Bok und
Hanna Gray, der Wirtschaftswissenschaftler Milton
Friedman, der Historiker Henry Steele Commager,
die Autoren John Updike und Eudora Welty, der
Musiker Aaron Copland, der Politiker Daniel Patrick
Moynihan und viele andere.
Niemand weiß genau, wieviele Millionen Studenten
in anderen Ländern Kurse bei amerikanischen
Professoren belegt haben, die an ihren Universitäten
dank eines Fulbright-Stipendiums unterrichteten.
Fulbright erklärte, als er das Programm unmittelbar
nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben rief: "Ich
wollte etwas beginnen, das einen Gegenpol zu der
Gewalt bildete, die wie eine andauernde Infektion
zwischen Nationen ausbricht."

*

Seite 2

*

In seinem 1987 veröffentlichten Buch The Prlce of
Empire schrieb Fulbright: "Es ist ein bescheidenes
Programm mit einem unbescheidenen Ziel - der
Verwirklichung eines zivilisierteren, rationaleren und
menschlicheren internationalen Systems... Ich habe
an diese Möglichkeit geglaubt, als ich begann. Das
tue ich immer noch."
Fulbright wurde 1905 geboren. Er lebte auf einer
Farm, bis sein Vater eine kleine Bank in einer Stadt
kaufte. Die Bank florierte, und sein Vater erwarb
auch einen Zeitungsverlag. Fulbright führte seinen
Forschungsdrang auf seine Mutter zurück, die die
Zeitung leitete.
Fulbright machte 1925 seinen Abschluß an der
University of Arkansas, wo er Football-Star und
Präsident der Studentenvereinigung war. Nach dem
Examen erhielt er in einem äußerst strengen Auswahlverfahren ein Rhodes-Stipendium an der Oxford
University, wo er drei Jahre moderne Geschichte am
Pembroke College studierte. Im Anschluß daran
verbrachte er für Deutsch- und Französischstudien
ein Jahr in Österreich und der Schweiz.
Nach der Rückkehr in die Vereinigten Staaten setzte
er sein Studium fort und legte 1934 sein juristisches
Staatsexamen an der George Washington University
ab. In dieser Zeit heiratete er seine erste Frau, die in
den sechziger Jahren starb. Das Ehepaar hat zwei
Töchter. 1991 heiratete er erneut.

*

*

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�PORTRAT
15. Februar 1995

DER NEUE CIA-DIREKTOR IN DER ZEIT
NACH DEM KALTEN KRIEG
Porträt von Michael Carns
WASHINGTON - (AD) - Der pensionierte Luftwaffengeneral Michael Carns, die Wahl Präsident Clintons
für das Amt des neuen Chefs des amerikanischen
Nachrichtendienstes, wird sich der Herausforderung
gegenübersehen, in einer Zeit haushaltspolitischer
Engpässe und weniger leicht identifizierbarer Sicherheitsbedrohungen eine tragfähige Rolle für den
CIA zu finden.

des Wandels unseren Nachrichtendienst zu leiten", so
der Präsident. Er bezeichnete Carns als "bewährten
Neuerer", der offen für neue Vorgehensweisen und
skeptisch gegenüber Binsenweisheiten sei. "Er ist

Clinton entschied sich für Carns als Direktor des
amerikanischen Nachrichtendienstes CIA und damit
als Leiter der Satellitenaufklärung sowie der Analyse
von Daten über die Fähigkeiten und Intentionen
anderer Staaten.

Carns tritt die Nachfolge von James Woolsey an, der
vergangenes Jahr als Direktor des amerikanischen
Nachrichtendienstes zurückgetreten war. Woolseys
nahezu zweijährige Amtszeit war gekennzeichnet von
Konflikten mit dem Kongreß: Einige Abgeordnete
kritisierten ihn wegen seiner Nachsichtigkeit gegenüber CIA-Mitarbeitern, die bei der Aufdeckung des
Spionagefalls Aldrich Arnes versagt hatten, sowie
wegen seiner angeblichen Täuschung des Kongresses im Zusammenhang mit den Baukosten für
neue CIA-Einrichtungen in Washington.

Bei der Bekanntgabe der Nominierung am 8. Februar 1995 erklärte Präsident Clinton: "General Carns
wird mit einer Herausforderung konfrontiert, deren
Schwierigkeit nur ihrer Bedeutung gleichkommt. Der
Kalte Krieg ist vorüber, aber an seine Stelle sind
viele neue Gefahren getreten."
Zu diesen Gefahren zählen dem Präsidenten zufolge
"regionale sicherheitspolitische Bedrohungen, die
Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen,
Terroranschläge im Herzen unserer Großstädte,
Drogenhandel und internationales Verbrechen".
Obwohl diese Bereiche nicht alle zu den Prioritäten
des CIA zählen, äußerte Clinton, "sind die entscheidenden Vorteile des amerikanischen Nachrichtendienstes für dieses Land so wichtig wie eh und je".
Im Zusammenhang mit der über den Nachrichtendienst geführten kontroversen Diskussion stellte der
Präsident fest, die Amerikaner erführen selten etwas
über die Erfolge des Nachrichtendienstes oder die
Krisen, zu deren Vermeidung er beiträgt, sondern
nur "über seine gelegentlichen Rückschläge".
Aufgrund seiner "großen Erfahrung und außergewöhnlichen Qualitäten" sei Carns "die geeignete
Person, in dieser Zeit der Herausforderungen und

AMERIKA DIENST 06

sich der großen Bedeutung nachrichtendienstlicher

Tätigkeit bewußt, weil er sich darauf verlassen mußte,
als das Leben von Amerikanern und die Sicherheit
unseres Landes auf dem Spiel standen."

Teilweise als Ergebnis seiner Unzufriedenheit mit
Woolsey rief der Kongreß einen hochrangigen
Ausschuß zur Überprüfung des amerikanischen
Nachrichtendienstes ins Leben, zu dessen Vorsitzenden Präsident Clinton seinen ehemaligen Verteidigungsminister Les Aspin ernannte. Der Präsident
wies darauf hin, Carns könne zusammen mit diesem
Ausschuß und dem Kongreß "einen starken Konsens
über die Wiederbelebung des amerikanischen Nachrichtendienstes bilden, damit dieser klare Prioritäten
setzt und seine Ressourcen für die entscheidenden
Missionen einsetzt, die unserer Nation auch in
Zukunft den zeitgemäßesten, wichtigsten und ehrlichsten Nachrichtendienst der Welt bieten".
Laut Carns muß ein Ziel des Nachrichtendienstes
weiterhin Bestand haben: "Äußerst hochwertige
Informationen, Einschätzungen und Beurteilungen zu
liefern", mit deren Hilfe die Entscheidungsträger
"unsere nationale Sicherheit schützen und fördern
können". Carns will eigenen Angaben zufolge die

Seite 1

�bemerkenswerten Fähigkeiten auf nachrichtendienstlichem Gebiet "verbessern und anpassen", um die
neuen Herausforderungen anzugehen.
Obwohl der Nachrichtendienst aufgrund haushaltspolitischer Kürzungen schlanker wird, "werden wir in
wichtigen Fragen noch mehr unternehmen".
Einem hochrangigen Regierungsvertreter zufolge
paßt Carns gut in die Parameter Clintons für den
Posten an der Spitze des Nachrichtendienstes. Der
Präsident suchte einen Kandidaten, der nicht aus
der Welt der Nachrichtendienste stammt. Aufgrund
seines militärischen Hintergrunds entspricht Cams
der Vorstellung Clintons von einem CIA-Direktor, der
versteht, was der Nachrichtendienst in Konfliktsituationen leisten kann, fügte der Regierungsvertreter
hinzu. Ferner wünschte sich der Präsident für
diesen Posten eine Person mit Führungsqualitäten,
mit Erfahrung im Kommandobereich und der erwiesenen Fähigkeit, behördenübergreifende Operationen zu planen.
Die ersten Reaktionen von Seiten des Kongresses
und des Nachrichtendienstes waren positiv. Senator
Arien Specter bezeichnete Cams als "soliden Kandidaten". Specter, der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Senats, stellte fest, die Nation
befinde sich an einem wichtigen Scheideweg, an
dem die Zukunft des Nachrichtendienstes beschlossen werde, und Carns, der Präsident und der
Kongreß sähen sich einigen äußerst harten Entscheidungen gegenüber.
Robert Gates, der unter Präsident Bush CIA-Direktor
war, hält Carns für einen "phantastischen Kandidaten. Er nutzte den Nachrichtendienst und versteht
sehr viel von der Beschaffung nachrichtendienstlicher Informationen." Gates kennt Carns seit einem
Jahrzehnt und arbeitete in dieser Zeit mit ihm
zusammen.
Im Falle seiner Bestätigung durch den Senat wird
Carns der erste Militärangehörige im Amt des CIADirektors seit den siebziger Jahren, als Admiral
Stansfield Turner die Beschaffung und Analyse
nachrichtendienstlicher Erkenntnisse leitete. Ebenso

*

Seite 2

wie Turner wird Cams schwierige Entscheidungen
über eine Verkleinerung des CIA treffen müssen, der
größten ihm unterstehenden nachrichtendienstlichen
Einrichtung.
Carns wird mit einem vom Präsidenten eingesetzten
Ausschu ß zusammenarbeiten, der eine grundlegende
Überprüfung des Nachrichtendienstes im Zeitalter
nach dem Kalten Krieg vornehmen soll. Dieser
Ausschuß wurde nicht nur als Konsequenz des
Spionagefalls Aldrich Arnes eingesetzt, sondern auch
als Reaktion auf seit langem vom Kongreß gestellte
Forderungen, eine Duplizität nachrichtendienstlicher
Funktionen zu vermeiden sowie nach Konsolidierung
anderer nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Kritiker
aus dem Kongreß behaupten, die Nominierung
Michael Carns für das Amt des CIA-Direktors sei
irreführend, da er keine Macht habe, über den CIA
hinausgehende Aktivitäten zu leiten.
Carns, ein ehemaliger Kampfpilot, flog mehr als 200
Kampfeinsätze in Vietnam, diente über drei Jahrzehnte in der US-Luftwaffe, koordinierte humanitäre
Hilfseinsätze in Bosnien und Ruanda und half bei der
Organisation des erfolgreichen Lufteinsatzes gegen
die Streitkräfte Saddam Husseins, als eine Koalition
der Alliierten die irakische Invasion in Kuwait abwehrte.
Carns verließ die Luftwaffe im letzten Jahr nach
dreijähriger Tätigkeit als Stellvertretender Stabschef.
Seit letzten September ist er in Kalifornien als Unternehmensberater tätig. Vorher war er Stellvertretender Kommandeur des amerikanischen Pazifikkommandos und wirkte an der Aushandlung des Washingtoner Abkommens mit den Philippinen über die
Schließung militärischer Stützpunkte mit.
Unter General Colin Powell war er von 1989 bis 1991
Personaldirektor bei den Vereinigten Stabschefs und
an der Ausarbeitung der Operation Wüstensturm
gegen den Irak beteiligt.
Carns ist der Sohn eines pensionierten Heeresgenerals. Sein Sohn dient derzeit in der Luftwaffe, seine
Tochter ist Kadett an der Luftwaffenakademie.

* * *

*

AMERIKA DIENST 06

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              <text>Herausgeben U.S. Information &lt;br /&gt;Service Embassy of the United States of America</text>
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              <text>Amerikadienst 15.02.1995</text>
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              <text>&lt;strong&gt;1. NATO&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eine Nation für ganz Europa, einschließlich Russlands &lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede von Verteidigungsminister Perry&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;2. USA-Deutschland&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Perspektiven der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rede des Gesandten J.D. Bindenagel&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;3. Fulbright&lt;/strong&gt; &lt;br /&gt;Der Gründer des weltweiten Stipendienprogramms&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Zum Tod von Senator J. William Fulbright&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;4. Porträt&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Der neue CIA-Direktor in der Zeit nach dem Kalten Krieg&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Porträt von Michael Carns&lt;/em&gt;</text>
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